The Project Gutenberg EBook of Verflossene Stunden, by Sophie Junghans

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Title: Verflossene Stunden
       Novelle; Album, 26. Jahrgang, 6. Band

Author: Sophie Junghans

Release Date: April 2, 2020 [EBook #61737]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Album.

  Bibliothek deutscher Original-Romane.

  Unter Betheiligung

  der ersten deutschen Schriftsteller

  herausgegeben

  von

  Alfred Meiner.

  XXVI. Jahrgang. 6. Band.

  Leipzig,               |  New-York,
  Ernst Julius Gnther.  |  L. W. Schmidt.

  1871.




  Verflossene Stunden.


  Novelle

  von

  S. Junghans.


  Leipzig,               |  New-York,
  Ernst Julius Gnther.  |  L. W. Schmidt.

  1871.




Erstes Kapitel.


Ja, mein Kind, sagte die Mutter eines Tages zu mir, es wird doch am
besten sein, da Du dem Rathe des Herrn Pfarrers folgst und die Stelle
annimmst, von der er mit uns sprach; ich sehe wohl, fr eine junge Dame
Deines Standes, wenn sie mittellos ist, sind hier nur Demthigungen zu
erwarten. Und nachdem sie diese Worte rasch und in einem Tone gesprochen,
welcher trotz seiner Klte ihre Gereiztheit merken lie, schlo meine
Mutter ihre Lippen fest und fuhr eifrig zu stricken fort. Ich hatte daher
Zeit, ber eine geeignete Antwort nachzudenken, denn erstens mute ich
der Mutter klar machen, da etwas mehr als das bloe Annehmen jener Stelle
meinerseits nthig sei, und dann wnschte ich auch zu erfahren, welche
Unhflichkeit oder Unzartheit der Leute des Stdtchens sie um den ihr
natrlichen vornehmen Gleichmuth gebracht hatte. In beiden Angelegenheiten
mute ich schonend zu Werke gehen. Ich denke, liebe Mutter, sagte
ich vorsichtig, da ich dann wohl am besten sogleich an jene Mrs.Gray
schreibe, um ihr zu sagen-- Da Du gesonnen bist, die Stelle einer
Erzieherin ihrer Kinder, einer Untergebenen in ihrem Hause anzunehmen, Du,
ein Frulein von Gnthershofen! unterbrach mich meine Mutter mit scharfer
Stimme und fuhr bitter fort: Ach, wenn das Dein Vater wte! -- Um ihr
vorerst auseinanderzusetzen, in welchen Fchern ich unterrichten kann,
sagte ich und lenkte ein, da ich meiner Mutter Stirnrunzeln bemerkte:
damit sie wei, was ich zu unternehmen gedenke und was nicht. -- Thue
das, Kind, entgegnete Frau von Gnthershofen streng, doch vorerst la uns
Thee trinken. Ich legte das Tischtuch auf den Tisch, wobei ich Sorge trug,
da die gestopften Stellen desselben unter das Theebret kamen, brachte
Tassen, Brod und Butter herbei, und zwar mit einem gewissen wehmthigen
Genieen dieser kleinen Dienste; sah ich doch voraus, da ich sie nun, da
meine Mutter endlich ihre Zustimmung zu meinem Fortgehen gegeben hatte,
nicht mehr lange wrde zu verrichten haben. Und wem fielen dieselben dann
zu? Dem kleinen Dienstmdchen aus einem benachbarten Dorfe, welches wir
nach seiner Confirmation ins Haus genommen und welches meine Mutter seiner
hastigen, ungeschickten Bewegungen halber kaum um sich dulden konnte. Wenn
ich daran dachte, da die stattliche alte Dame, welche in frhern Jahren
ber die correcte Bedienung von Lakaien verfgt hatte, nun bald den
unbeholfenen Versuchen unseres Lieschen allein anheim gegeben sein sollte,
so erfate mich ein wahres Entsetzen und der Gedanke an ein Fortgehen von
hier erschien mir schrecklich. Aber aufgegeben konnte er nicht werden, das
verhinderte die bittere Noth; es ging eben so nicht lnger. Margarethe, Du
it nicht, sagte meine Mutter scharf nach einiger Zeit des Schweigens. Es
war gar so wenig Butter in der Glasschale auf dem Tische -- ich versicherte
der Mutter, da ich durchaus keinen Hunger habe und es hchstens ber mich
gewinnen knne, ein Stckchen Brodrinde zu essen, und darauf verfielen wir
beide von neuem in Schweigen, bis ich infolge meines Gedankengangs mich
hinberbeugte und meiner Mutter die Hand kte, indem ich ihr dankte fr
ihre Erlaubni zur Ausfhrung eines lange gehegten Plans. Es kommt mir
schwer an, Dich gehen zu lassen, mein Kind, sagte sie weich, indem sie
mit ihrer schmalen Hand leise ber mein Haar strich, sehr schwer, aber--
Hier unterbrach sie sich und fuhr erst nach einer Weile in ganz verndertem
Tone fort, in dem hochfahrenden, bittern Tone, den ihr das Unglck erst
angewhnt hatte: Die Frau eines Krmers hier, eines Victualienhndlers,
der sich vom Geschft zurckgezogen, wie ich hre, hat anfragen lassen, ob
Du, meine Tochter, eine gewisse Stickerei anfertigen wolltest, ich glaube,
zur Aussteuer ihrer Tochter bestimmt. Es ist mir ganz unerklrlich, wie die
Person dazu kommt, uns diesen Affront zuzufgen. Kannst Du es begreifen,
Margarethe? Ich begriff den Zusammenhang wohl und htte ihn meiner
gekrnkten Mutter leicht erklren knnen, ich wre aber lieber gestorben,
als da ich es gethan htte. So gut ich konnte, lenkte ich daher das
Gesprch auf andere Gegenstnde und bat zuletzt in unbefangenem Tone, da
meine Mutter ihren Spaziergang heute allein machen mchte, da ich jenen
Brief sogleich zu schreiben wnschte. Sie sah mich einen Augenblick scharf
an und sagte dann lchelnd: Du willst mich aus dem Wege haben; nun gut,
ich will Dich allein lassen. Ich hoffe, Du wirst so schreiben, wie es einer
Gnthershofen zukommt. Ich richtete mich hoch in die Hhe und warf den
Kopf zurck, eine Bewegung, durch die ich meine Mutter eher beruhigen
konnte als durch viele Worte. Du wirst Deinem Grovater immer hnlicher,
Margarethe, sagte sie noch nachdenklich, als ich meine effectvolle
Stellung lngst verlassen hatte, um ihr den alten, noch immer eleganten
Spitzenshawl um die Schultern zu hngen, in welchem sie, wenn sie langsam
und aufrecht durch die Strae ins Freie hinausschritt, so prchtig aussah,
da es die Frauen des Stdtchens der alten Adligen gar nicht verzeihen
konnten.

Ich war allein und richtete nun in bescheidenen Ausdrcken einen Brief an
jene Mrs.Gray, deren Wunsch, eine Erzieherin fr ihre Kinder direct aus
Deutschland zu engagiren, ich durch unsern freundlichen Pfarrherrn erfahren
hatte. Der Pfarrer war vor Jahren Hauslehrer in England gewesen und
hatte seine Verbindungen mit einigen Familien dort mit Vorliebe aufrecht
erhalten.

Mit klopfendem Herzen bot ich meiner Mutter bei ihrer Zurckkunft den Brief
zum Lesen und fhlte eine groe Erleichterung, als sie abwehrend mit dem
Kopfe schttelte, da ich wute, da sie, wenn sie das unglckliche Document
gelesen htte, dasselbe unfehlbar zerrissen haben wrde.

Die gute Mutter -- sie begab sich bald zur Ruhe und ich trug nun mit leisen
Schritten aus einem dunkeln Kmmerchen neben der Kche, wo er ngstlich
verborgen gehalten wurde, einen Korb mit verschiedenen Wollsorten und
Perlenschnren herbei und begann zu sticken. Hatte ich doch auf diese Weise
schon Monate lang, im Complot mit der freundlichen Gattin des Kaufmanns,
welcher diese Arbeiten verwerthete, der Mutter manche Erleichterung
verschaffen knnen, mit einer Genugthuung, die freilich getrbt wurde durch
das leidige, so nothwendige Geheimhalten des kleinen Erwerbszweigs.

Jetzt regte sich's in der Schlafkammer der Mutter; ich horchte ngstlich
und wagte nicht einmal den Faden vollends auszuziehen. Margarethe!
rief die Mutter pltzlich; ich sprang auf, so hastig, da ich dabei die
Schachtel mit den Glasperlen umwarf, die zu Thautropfen auf meinen wollenen
Rosen bestimmt waren. Mit einem Gerusch, welches mir alles Blut nach dem
Herzen trieb, rollten die garstigen kleinen Dinger auf den Fuboden, ein
nicht endenwollender Regen. Margarethe, mein Kind, sagte die Mutter, Du
hast Dir in der letzten Zeit angewhnt, gar zu lange zu lesen; ich hoffe,
Deine Lectre ist wenigstens eine gediegene; es wird Dir von Nutzen sein,
wenn Du Racine und Corneille wieder einmal vornimmst; Du kannst--

Liebe Mutter, wagte ich zu unterbrechen, obwohl mit unsicherer Stimme,
ich las eben nicht, ich war mit Nhen beschftigt. Diese Lge schien
mir in dem Augenblick ein geringeres Unrecht als die Unredlichkeit, meine
Mutter in ihrem Irrthum zu belassen. Ich -- ich bessere Einiges aus --
unsere Tafelleinwand, fuhr ich in Verzweiflung heraus, da die Mutter in
unwilligem Schweigen verharrte. So, sagte sie, etwas vershnt durch meine
letzte Wendung. Strenge Deine Augen nicht zu sehr an, liebes Kind; geh
bald schlafen. Gott segne Dich!

Diese liebreichen Worte brachten mich vollends auer Fassung. Die Scham
ber meine Lge und Zorn ber die bittere Nothwendigkeit, welche mich zu
derselben gebracht, Alles zusammen war zu viel; ich eilte in das Zimmer
zurck und brach in heftiges Weinen aus, welches durch die Anstrengung,
mein Schluchzen zu unterdrcken und von meiner Mutter ungehrt zu bleiben,
beinahe krampfhaft wurde. Aber dieser erleichternde Ausbruch durfte nicht
lange whren; ich trocknete mir schlielich die Augen und machte mich
entschlossen daran, die unseligen Glasperlen aufzulesen, eine jede
einzelne, auf da keine verrtherischen Spuren meines nchtlichen Treibens
zurckblieben.




Zweites Kapitel.


Nach einigem Hin- und Herschreiben und auf eine warme Empfehlung unseres
Pfarrherrn hin hatte sich Mrs.Gray dahin entschieden, mir das Amt einer
Erzieherin ihrer Kinder anzuvertrauen. Meine nicht sehr umfangreiche
Garderobe war gepackt und ich hatte mich entschlossen, nun Abschied zu
nehmen von den wenigen Familien, mit welchen wir verkehrten. Dazu hatte ich
mir den letzten Tag ausersehen, an dessen Nachmittag ich abreisen sollte.
Bis dahin hatte ich mich selten und auf Augenblicke nur von meiner Mutter
getrennt, von unbeschreiblicher Traurigkeit erfllt bei dem Gedanken, sie
bald verlassen zu mssen. Auch ihr gehaltenes und ernstes Wesen war zu
rhrender Zrtlichkeit gegen mich erwarmt. Am Abend vor dem letzten Tage
rief sie mich, die ich nur wenige Schritte von ihr entfernt die Blumen
besorgte.

Margarethe, sagte sie, ehe Du mich verlt, will ich Dir einige
Aufschlsse ber unsere Familienverhltnisse geben, welche Dir, als einem
erwachsenen Mdchen, zu wissen gebhrt.

Mein Herz klopfte; auf hnliche Worte meiner Mutter hatte ich schon lange
gewartet. Ich zog einen niedrigen Schemel neben sie; sie sa in
ihrem Lehnstuhl, aufrecht, die noch immer schnen, schlanken Hnde
bereinandergelegt, und schaute gerade vor sich hin.

Du wirst Dich Deines Vaters kaum erinnern, begann sie nach einer Weile,
ach, und ich habe Dir wenig von ihm erzhlt. Es reut mich jetzt; sein
edles Bild htte in Dir belebt werden sollen, er wre mit Dir gegangen ins
Leben als eine Sttze, ein steter Hort, in allen Zweifeln httest Du Dich
an ihn wenden knnen, er wrde Dich immer das Gute, das einzig Rechte haben
whlen lassen. So ist er mit mir gegangen, im Geiste, diese siebzehn Jahre;
tglich hat er mir gerathen, aber ich behielt diesen trostreichen Verkehr
fr mich wie ein Heiligthum, von dem man kaum reden mag, aus Furcht, es zu
entweihen.

Hier schwieg die Mutter wieder einige Minuten lang und fuhr dann in
verndertem Tone fort: Der Vater war Oberjgermeister beim Frsten
von..., der damals seinen kleinen, aber prchtigen Hof in B. hielt. Ich
lebte dort als Hofdame der Frstin, einer schnen, vortrefflichen Frau,
die mich sehr liebte. Mein Vater, der Freiherr von Ardenberg, hatte bis zu
seinem Tode auf unserm Gute, Schlo Ardenberg, mit groem Aufwand gehaust.
Als er gestorben, fanden wir Frauen uns beinahe arm; das Majorat fiel
natrlich meinem Bruder zu. Meine Mutter blieb bei ihm, ich kam an den
Hof und sah von da an meine Angehrigen nur noch selten. Einmal wurde ich
pltzlich nach Schlo Ardenberg gerufen -- die Mutter lag im Sterben, ich
drckte ihr wenige Stunden nach meiner Ankunft die Augen zu. Bei dem Bruder
fhlte ich mich nicht wohl, seine Gemahlin war nicht ebenbrtig, ich konnte
mich nie an ihre Art und Weise gewhnen, bald kehrte ich nach B. zurck. Du
wunderst Dich wohl, mein Kind, unterbrach sich hier die Mutter, da
ich so kalt von meiner Familie spreche; es ist wahr, viel Liebe ist nie
zwischen uns verschwendet worden. Wir waren, mein Bruder und ich, im
franzsischen Stil, von einer Hofmeisterin, erzogen, die Aeltern sahen wir
als Kinder nur zu bestimmten Stunden des Tages. Meine Mutter war eine
kalte Frau von hchst aristokratischem Wesen; der Vater liebte rauschende,
kostbare Zerstreuungen und widmete sich seiner Familie selten; nie habe
ich, dem uern Anstande nach, einen vollendetern, liebenswrdigern
Cavalier gesehen. Du siehst ihm hnlich, liebe Margarethe, Du hast seine
Augen und seine Stirn und bist schlank wie er, auch erinnert mich Dein
Wesen an ihn, bei Deinen kleinen Dienstleistungen, die Du mir mit wahrhaft
ritterlicher Galanterie zu Theil werden lt.

Ich fhlte mich roth werden vor Vergngen; die Mutter in ihrer ernsten,
beinahe strengen Art lobte mich so selten.

Aber ich werde geschwtzig, recht wie eine alte Frau, fuhr sie
jetzt fort, ich mu mich zusammennehmen. Deinen Vater, den Herrn von
Gnthershofen, kannte ich am Hofe von B. mehrere Jahre lang; er war um
Vieles lter als ich, ein herrlicher, ernster, edler Mann, der dastand wie
ein Fels der Ehre in den Strudeln des leichtfertigen Hoflebens. Ich hatte
ihn stets verehrt; die ausgezeichnete Achtung, mit der er mich vor andern
Frauen behandelte, that mir unendlich wohl. Aber als er eines Tages zu mir
kam und mich um meine Hand bat, mich selber, in schlichten Worten -- als
ich den hohen, schnen Mann vor innerer Bewegung zittern und erblassen sah,
da verlor ich fast das Bewutsein, vor Schrecken anfangs, der langsam
einem berwltigenden Entzcken wich. Er legte mein Schweigen und meine
Gemthsbewegung falsch aus, aber obwohl er meinte, seine Hoffnung aufgeben
zu mssen, schien er an sich selber kaum zu denken in der Sorge um mich.

Die Mutter schwieg hier; ich merkte es kaum, so sehr war mein Geist
erfllt von den Gestalten, welche sie mit ihrer einfachen Erzhlung
heraufbeschworen hatte. Ich spann den Faden weiter, ich malte mir die
Scene zwischen dem schnen Hoffrulein und dem werbenden Cavalier bis ins
Kleinste aus. Wie glcklich hatten sich die zwei gefunden, die so innerlich
wahr, so geradeaus und edel waren in einer Welt der steifen Form, der
hohlen, anspruchsvollen Etikette. Aber ich fand bald, da ich mich geirrt
hatte mit dem leidenschaftlichen Schluact, den ich mir ausgedacht. Der
Freiherr von Gnthershofen hatte, nachdem ihm doch endlich klar geworden,
was das Erbleichen und die Verwirrung des Fruleins von Ardenberg zu
bedeuten gehabt, derselben beim Gehen ehrfurchtsvoll die Hand gekt, als
seiner liebwerthen Braut, weiter nichts -- so fest hatten sich die Formen
der Gesellschaft jener Tage auch um die Beiden gelegt.

Die Frstin entlie mich ungern, aber mit vielen Beweisen ihrer Huld,
fuhr meine Mutter fort. Wir blieben am Hofe, wo Deinen Vater seine
Stellung festhielt, und waren sehr glcklich in unserm Kinde, einem
herrlichen Knaben. Du hast mich von Deinem Bruder sprechen hren -- er war
ein unvergleichliches Kind. Auffallend schn war er, wie sein Grovater,
mein Vater gewesen. Von seinem Vater hatte er die im Knabenalter schon
stattliche Hhe, die Kraft, den Muth und die Wahrheitsliebe, welche
oft Eigenthum der Starken sind. Nie ist ber seine Lippen die geringste
Unwahrheit gekommen, er htte es verachtet, auch nur den Schein einer Lge
auf sich zu laden durch Wort oder Handlungsweise. Wir lebten ganz in ihm
-- Dein Vater und ich. -- Es war whrend einer kurzen Abwesenheit meines
Gemahls, da das Schicksal uns traf. Unser Sohn, unser Hugo, war am Morgen
frhlich fortgeritten mit einigen jungen Edelleuten, die zum Haushalte des
Frsten gehrten; obgleich er weit jnger war als sie, machten seine Gre,
seine Strke und Gewandtheit und sein durchdringender Verstand ihn zum
passendern Gefhrten fr diese jungen Leute als fr seine Altersgenossen.
Wie oft habe ich seitdem bereut, da ich ihn fortgelassen! Meine Mutter
prete die Hnde gegen die Stirn in einer Art hlflosen Sichgehenlassens,
wie ich es nie an ihr gesehen. Ich war stolz darauf, da sie ihn zum
Genossen begehrten, ich sah ihm nach und freute mich an seinem gewandten
und sichern Reiten. Am Abend wurde er mir sterbend ins Haus gebracht;
er konnte nicht mehr sprechen, aber ich verstand seine Augen wohl, seine
schnen, beredten Augen, aus denen er mich ansah mit unendlicher Liebe und
Sorge, er bat mich mit ihnen um Verzeihung fr das Herzeleid, welches er
mir bereitete durch sein Sterben. Todesmatt suchte er noch nach meiner
Hand, ohne die Augen von mir abzuwenden, seine groen, flehenden Augen, er
versuchte zu lcheln, mich anzulcheln -- so starb er.

Die Mutter schwieg, aber sie hatte keine Thrnen; nach einer Pause fuhr
sie in hartem Tone fort: Sein Pferd war gestrzt und er ber den Hals des
Thieres fortgeschleudert worden. Man hatte ihn fr todt aufgehoben, aber
whrend des Nachhausetragens belebte ihn die scharfe Nachtluft noch
einmal, seine krftige Natur wehrte sich gegen den Tod. -- Dein Vater war
niedergeschmettert durch den schweren Verlust, aber er richtete sich auf
an der Aufgabe, mich zu trsten, da mich der Schmerz um meinen Sohn fast
wahnsinnig machte. Nach Monaten erst legte sich meine heftige Verzweiflung,
ich wurde ruhig, aber Lebensmuth und Energie wollten nicht wiederkehren.
Ich sa still vor mich hin, wenn ich allein war -- und Deinen Vater riefen
Dienstpflichten leider hufig von mir fort -- ich lehnte alle Besuche ab
und bewegte mich stets in ein und demselben Gedankenkreise; ich dachte
das ganze Leben meines Kindes durch, von dem Augenblicke an, wo es geboren
worden, bis zu dem seines Todes; jedes Wortes und seiner Miene dabei
suchte ich mich zu erinnern; manchmal berfiel mich eine Todesangst bei
dem Gedanken, ich knnte irgend etwas von ihm vergessen und es so ganz
verlieren. Als ich mich in diesem Zustande befand, welcher gefhrlich
zu werden drohte, schien in unserm Frst groe Theilnahme fr mich zu
erwachen. Ich habe von ihm noch nicht zu Dir gesprochen und es kostet mich
einige Ueberwindung, es jetzt zu thun.

Die Mutter schwieg hier, als msse sie ihre Gedanken sammeln, meinem
verwunderten Blick aber begegnete sie mit so abweisender und strenger
Miene, da ich die Frage, welche ich schon auf den Lippen hatte,
zurckdrngte. Nach einigen Augenblicken fuhr sie dann fort und man merkte
ihrer Stimme den Zwang an:

Er war uns immer ein gndiger Herr gewesen. Aus der alten franzsischen
Schule, liebte er die raffinirtesten Gensse und bereitete seiner edeln
Gemahlin viele Krnkungen, ohne jedoch je das, was er ihr uerlich
schuldig war, aus den Augen zu verlieren. Du wirst mich kaum verstehen,
mein Kind -- genug, er war im Lande gefrchtet und wenig geliebt; er
ordnete das Wohl des Volkes seinen Vergngungen unter. Uns aber, wie
gesagt, Deinem Vater und mir, war er stets beinahe ein Freund gewesen; wir
hegten nur Empfindungen der Dankbarkeit und Anhnglichkeit gegen ihn, indem
wir das, was in seiner Lebensweise zurckstoend erschien, der Zeit und der
Anschauungsweise, in welcher er gro geworden, zuschoben. Als er sich daher
bei mir melden lie, einige Monate nach Hugo's Tod, empfing ich ihn voll
dankbarer Ueberraschung in tiefster Ehrerbietung. Er hatte sonst etwas sehr
Herbes und Hartes in seinem Wesen; das streifte er so ganz ab, sprach in
so liebenswrdiger Weise, erst vorsichtig, dann herzlich und voll Antheil,
ber meinen Verlust, da ich es ertrug, ihn reden zu hren, und Deinem
Vater, whrend dessen Abwesenheit der Besuch gemacht worden war, denselben
mit mehr Lebhaftigkeit erzhlte, als ich seit langem gezeigt hatte. Er war
erfreut, besonders ber den guten Eindruck, welchen die Gnadenbezeigung des
Frsten auf mich gemacht zu haben schien. Nach einigen Tagen wurde dieselbe
wiederholt, und von da ab kam der Frst hufiger; er kam, bis ich ihm die
Thr weisen mute, sagte die Mutter mit unbeschreiblicher Bitterkeit in
Miene und Ton. Sie wollte fortfahren, als sie durch unsere kleine Magd
unterbrochen wurde, welche, in der Thr stehen bleibend, der Mutter sagte,
es sei ein Herr drauen, der sie zu sprechen wnsche. Ungeduldig winkte die
Mutter mit der Hand, sie war noch so sehr in den Gedanken befangen, welche
ihre Erzhlung in ihr wachgerufen hatte, da sie in dem Besuche nur
eine Strung auf wenige Augenblicke zu erwarten schien, nach welchen
sie fortfahren knne. Sonst htte sie auch nach dem Namen des Besuchers
gefragt, ehe er angenommen worden wre. So trat der Herr nun gleich hinter
Lieschen herein, die ihm mit dem Kopfe eine einladende Bewegung zu machen
sich begngt hatte.

Ich war aufgestanden und zur Seite gegangen. Der Fremde trat einige
Schritte ins Zimmer und blieb dann stehen, von meiner Mutter zu mir und von
mir wieder zu meiner Mutter blickend. Die sa am Fenster, durch welches der
Abendhimmel so hell glnzte, da der Eintretende geblendet ihr Gesicht gar
nicht sehen konnte. So entstand eine Pause von einigen Augenblicken, welche
peinlich zu werden begann. Ich konnte nicht begreifen, warum meine Mutter,
sonst die hflichste Wirthin, nicht aufstand und dem Herrn entgegentrat.
Jetzt erst sah ich nach ihr hin und erschrak; sie war todtenbleich geworden
und starrte mit einer Art Entsetzen auf das Gesicht des Fremden hin.

Mutter, sagte ich endlich, indem ich nher trat und meine Hand leise auf
ihren Arm legte, Mutter, der Herr wnscht Dich zu sprechen. -- Ja,
mein Kind? erwiderte die Mutter fragend und zerstreut, dann aber, sich
ermannend, stand sie auf, und mit der ihr eigenen stattlichen Hflichkeit
nthigte sie den Gast, auf dem Sopha Platz zu nehmen, auf dem kleinen,
rmlichen braunen Sopha -- es war mit Heu gestopft, und mir stieg immer
thrichterweise das Blut ins Gesicht, wenn sich unter einem Niedersitzenden
das verrtherische Knistern der zusammengedrckten Halme hren lie.
Die Mutter aber lud zum Sitzen darauf mit derselben unnachahmlichen
Handbewegung ein, mit der sie ehemals die Hchsten des Landes auf seidene
Causeusen eingeladen hatte.

Der Fremde hatte noch nichts gesprochen, aber in seinem Wesen nicht etwa
Befangenheit oder gar Verlegenheit, sondern die berlegene Ruhe eines
weltgewohnten Mannes und dazu ein gewisses freundliches Sichgehenlassen
gezeigt, welches ihn als einen Grandseigneur erscheinen lie.

Sie kennen mich nicht, Frau von Gnthershofen, sagte er endlich lchelnd,
und das wundert mich nicht; es ist sehr lange her, da wir uns nicht
gesehen haben.

Er schwieg wieder und schien zu erwarten, da die Mutter etwas sagen wrde.
Auf deren Zgen aber malte sich jetzt von neuem das ngstlich Forschende
von vorhin, sie ahnte offenbar, wen sie vor sich habe.

Ich bin Bardolph von Gnthershofen, sagte er endlich -- die Mutter
bewegte sich auf ihrem Sitze -- und komme nach langer Abwesenheit von
Deutschland, um unter meinen Verwandten auch Sie zu begren. Ich
fhle, verehrteste Frau, da der Schritt, welchen ich wage, der Bitte um
Entschuldigung bedarf; vielleicht werden Sie mir verzeihen, da ich Sie mit
meiner Gegenwart belstige, wenn Sie gehrt haben werden, was mich zu Ihnen
trieb. Es war der Wunsch, hier auszusprechen, da ich jetzt, als Mann, mich
von dem Vorgehen meiner Familie whrend meiner Knabenzeit in Betreff jenes
beklagenswerthen Processes lossage, da ich Ihnen, als einzige Shne, die
zur Zeit in meiner Macht steht, meine Mibilligung einer Handlungsweise
ausdrcke, welche vom Standpunkte des Rechts vielleicht nicht anzutasten
ist, sich aber schwerlich von dem der Humanitt aus vertheidigen lt.

Die Mutter, welche bisher mit unbewegter Miene geradeaus geblickt hatte,
wendete jetzt den Kopf und sah den Freiherrn gro an.

Recht, Humanitt? Das sind sonderbare Worte von Ihrer Seite, sagte sie
dabei in einem Tone, bei dem mir das Blut hei in die Wangen stieg. Sie
mssen mir erlauben, den einen wie den andern Ausdruck als unstatthaft zu
bezeichnen in Verbindung mit Allem, was jene Angelegenheit betrifft.
Ich will mich deutlicher erklren, mein Herr, es wird das jedem Versuche
Ihrerseits vorbeugen, mir ein weiteres Urtheil ber die Sache abzunthigen:
ich habe noch keinen Augenblick geglaubt, da bei der Entscheidung
des Processes zwischen Ihnen und meinem Gemahl das Recht irgendwie
mitgesprochen habe.

Die Mutter hatte den Besucher, whrend sie diese Worte sprach, unverwandt
angesehen; auf seiner Stirn war die Rthe des Unwillens erschienen, als
er aber nach einigen Augenblicken antwortete, war seine Stimme weich, man
hrte ihm Mitleid und Schonung fr die Mutter an.

Sie sind durch Ihr freilich herbes Geschick wohl etwas unbillig geworden,
hochverehrte Frau; ich frchtete das, ist es doch kaum anders zu erwarten.
Meiner ernsten Ueberzeugung nach befinden Sie sich im Irrthum ber den
Verlauf der Angelegenheit, einem Irrthum, den ich um so mehr beklage, da
er von vornherein Alles, was ich noch sagen knnte, entkrften mu, whrend
ich die Unmglichkeit einsehe, ihn zu heben.

Er schwieg nachdenklich. Die Mutter hatte sich inzwischen gefat und
beherrschte von da ab die nicht mehr lange Unterhaltung mit vollkommener
Ruhe, aber in einer Art, die dem Freiherrn peinlich sein mute, denn
geflissentlich lenkte sie stets von dem Gegenstande ab, ber welchen er
noch Manches auf dem Herzen zu haben schien; er mute fhlen, da der Zweck
seines Besuchs, insofern derselbe eine Art Verstndigung mit der alten Dame
hatte bewirken sollen, verfehlt war. Hflich fragte sie ihn nach seinen
Reisen, seinen Studien, den Ergebnissen derselben; seine Versuche, einige
Worte von Herzen zu ihr zu sprechen, ignorirte sie vllig. So stand er nach
kurzer Zeit auf, da in dem fr mich bengstigenden Gesprche eine Pause
eingetreten war. Ich mu nochmals um Verzeihung bitten, sagte er, sich
leicht vor der Mutter neigend, wegen meines Ueberfalls. Da Ihnen ein
Zusammentreffen mit mir nicht angenehm sein wrde, frchtete ich, verehrte
Frau, aber ich konnte von meinem Standpunkt aus nicht anders handeln, als
indem ich vor Ihnen aussprach, was Sie vorhin von mir gehrt haben. Noch
eins bleibt mir hinzuzufgen: wte ich, da ein Unrecht vorlge, so wrde
ich stets bereit sein, dasselbe wieder gut zu machen.

Die Mutter erwiderte diese Worte durch eine steife Verbeugung. Jetzt erst
schien Herr Bardolph mich zu bemerken. Frulein von Gnthershofen? fragte
er hflich. Meine antwortende Verneigung mochte linkisch ausfallen; noch
nie war ich mir meines rmlichen Anzugs so qulend bewut gewesen als
jetzt, vor dem vornehmen Trger unseres Namens.

Ja, das ist meine Tochter, bemerkte die Mutter ihrerseits und fgte mit
einer gewissen bittern Genugthuung im Ausdruck hinzu: Sie verlt mich
morgen, um die Stelle einer Gouvernante in England anzunehmen.

Was dem Freiherrn das niedrige Zimmer, in welchem er sich befand, die
Einrichtung, von der er uns umgeben sah, lngst hatten sagen mssen, das
sprach die Mutter mit diesen Worten zum Ueberflusse aus; er mochte Alles
herausfhlen, was sie an herber Anklage hineinlegte, und da solchen
Verhltnissen gegenber ein blos hfliches Zueinanderstehen zu den
Unmglichkeiten gehre. So sagte er mir denn einige Worte der Anerkennung
ber meinen Entschlu, wobei er meine Hand ergriff, und ging dann. In der
Thr aber wendete er sich noch einmal um. Ich mchte Sie noch bitten, zu
glauben, sagte er, da nichts mir grere Freude machen wrde, als Ihnen
in irgend einer Weise dienlich zu sein. Es knnte ja fr Sie, hochverehrte
Frau, oder fr Sie, mein Frulein, immerhin ein Fall eintreten, in dem Sie
eines mnnlichen Beistandes bedrften. Ihre Angelegenheiten wrden mir dann
am Herzen liegen wie meine eigenen.

Wo er nur diese brgerliche Bonhommie her hat? sagte die Mutter, als die
Thr sich hinter dem Besucher geschlossen hatte, mit feindseligem Blick.
Die liegt doch wahrlich nicht in der Familie. Und dann die bsen Worte:
Weit Du, was das bedeuten kann, wenn einer von den Rubern so zu dem
Beraubten spricht? Htt' ich noch etwas zu verlieren, so wrde ich denken,
sie trachteten auch danach; so mchte ich den Schritt anders auslegen. Nun,
wir werden sehen.

Dies waren die einzigen Worte, welche die Mutter ber einen Vorfall verlor,
der mir viel zu denken gegeben hat. Sie lie sich, wie ich bemerken konnte,
durch den Besuch des Freiherrn von Gnthershofen nicht im geringsten in
ihrer Ueberzeugung in Betreff der vergangenen Ereignisse, von denen ich
noch hren sollte, beirren, ja sie deutete denselben in einer Weise, welche
diese Ueberzeugung untersttzte. Ihre Erzhlung nahm sie, sobald wir uns
zurecht gesetzt hatten wie zuvor, wieder auf, als sei kein Zwischenfall
vorgekommen.

Du wirst Dich erinnern, wo wir stehen geblieben sind. Nun, wir konnten
nach dem, was ich vorhin andeutete, uns nicht mehr am Hofe aufhalten. Und
bald darauf trug sich bei einer nothwendigen geschftlichen Zusammenkunft
zwischen Deinem Vater und dem Frsten Einiges zu, was uns sogar den
Aufenthalt im Lande unmglich machte. Kind, unterbrach sich hier die
Mutter und sah mich ernst an, es heit, man solle Niemand hassen, die
christliche Religion verbietet es. Ich habe ihrer Vorschrift in diesem
Punkte nicht nachzuleben vermocht, fast mchte ich sagen, ich verwerfe
dieselbe. Denn es gibt Menschen, die man hassen mu, mit all der Kraft, die
unser Wille besitzt; wir wrden an moralischem Werthe sinken, wenn wir in
uns nicht den Ha gegen solche vorfnden. Gott Lob, ich kann hassen, einen
Menschen freilich nur, und der eine ist der Frst. Er ist lange todt, aber
wie der hchsten Liebe ihre Gegenstnde nicht sterben, wie sie mit gleicher
Strke Lebendige und Todte umfngt, so kennt auch der Ha den Tod nicht.
Ich wrde nicht sagen knnen, ich habe jenen Mann gehat, sondern nur: ich
hasse ihn, hasse ihn in diesem Augenblicke und fr alle Zeiten. Auch Du,
Margarethe, so hoffe ich, wirst ihn hassen lernen, wenn Du erfahren haben
wirst, was wir ihm Alles verdanken. Mir hat er die entsetzlichste Krnkung
zugefgt, welche man einer Frau anthun kann, und dann, nach Art der ganz
Schlechten, die sich vor den Folgen ihrer Schndlichkeiten nicht anders
zu sichern wissen, als da sie den alten stets neue beifgen, dann hat er
Deinen edeln Vater ebenfalls bis auf den Tod beleidigt, ihn aus der Heimat
vertrieben, beraubt, um Ehre und guten Namen gebracht, zum Bettler gemacht
-- gebrochenen Geistes und Herzens ist einer der reinsten, besten Menschen
im Elend gestorben.

Traurige Erinnerungen mochten die Sprechende hier fast bermannen, sie fuhr
erst nach einer Pause in leiserem Tone fort:

Ich mu Dir das Alles genauer erzhlen, meine Tochter, es ist Dir lange
genug unbekannt geblieben. Wir gingen nach der Schweiz; in Frankreich
htten wir gern gelebt, aber das Land blutete noch an den Wunden der
Revolution; in der Schweiz, am Genfersee, waren wir ferne Zeugen so mancher
Bewegungen dort. Wir hatten bisher von den Einknften unserer verpachteten
Grundbesitzungen gelebt -- Dein Vater bezog keinerlei Gehalt mehr vom
Frsten -- nach einiger Zeit aber, kurz vor Deiner Geburt, traten pltzlich
Stockungen in den Zahlungen ein. Durch Briefe wurde nichts gendert und
Dein Vater entschlo sich, obwohl sehr ungern, selber nach B. zu gehen.
Ich fgte mich der Nothwendigkeit der Reise, aber mir war entsetzlich
bange dabei, ich hatte eine unerklrliche Furcht vor den Folgen derselben.
Whrend der Abwesenheit Deines Vaters wurdest Du geboren, Margarethe. Kein
Wunder, da Du stets ein ernstblickendes Kind warst, da Du den Zug der
Traurigkeit im Gesicht noch jetzt kaum los werden kannst -- ich versuchte
zu lcheln, um meiner Mutter das Gegentheil zu beweisen, aber es mochte
schlecht gelingen, denn sie schttelte wehmthig mit dem Kopfe -- mit
der Muttermilch, sprach sie weiter, hast Du vielen Jammer eingesogen,
Du sptgeborenes armes Kind. Von Deinem Vater erhielt ich zwar hufig
Nachricht, er schrieb mir die liebevollsten Briefe, aber sie sagten mir
nicht genug, ich fhlte heraus, da er aus Vorsorge fr mich mir Manches
verbarg, und dies versetzte mich in die qulendste Unruhe. So verging Woche
auf Woche; die Zeit, wo sonst das Kind, das neugeschenkte Leben, der
Mutter grte Freude, ihr ernstestes Studium ist, in welchem sich alle
ihre Interessen concentriren, diese Zeit verflo mir in Angst und Sorgen
um Deinen Vater. Endlich kndigte er mir in einem kurzen, von Erregung
zeugenden Schreiben seine baldige Rckkehr an. Der Tag kam; wir standen auf
der Terrasse unseres Hauses, ich und die Wrterin mit Dir -- ach, ich wei
es noch, als wenn es gestern gewesen wre. Obgleich ich nur zerstreut
auf die Landschaft umher schaute, hat sie sich mir doch unverwischbar
eingeprgt, gerade wie sie an jenem Tage erschien: der stille, khle See,
nach dessen Tiefe ich oft ein eigenes, wildes Verlangen hatte, die grnen
Ufer mit glnzenden Husern berst, der Himmel darber, an dem die
duftigsten Wolken zogen, die kstliche Frische des ganzen Bildes. Und nun
kam Dein Vater: die Landstrae zog sich am Fue unseres Gartens hin, die
Kutsche hielt, ich sah ihn heraussteigen und strzte mich ihm entgegen. Auf
der untersten Terrasse erreichte ich ihn erst, so langsam war er gestiegen.
Er nahm mich in seine Arme und hielt mich lange fest, bis ich fhlte, wie
er wankte; wir gingen nach einem Sitze und er fiel schwer darauf nieder,
mit schlaffen Gliedern. Jetzt sah ich erst, wie sehr er sich in den wenigen
Wochen verndert hatte. Sein Haar war vllig ergraut, seine sonst schnen,
klaren und durchdringenden Augen blickten matt und trbe, aus dem Gesichte
war die Spannkraft gewichen, das Bewute, Gefate; offen stand fr Jeden
darauf zu lesen, der Mann war tief unglcklich, gebrochen. Er sprach
nicht, sah mich auch nicht an, sondern blickte vor sich hin ins Weite. Mit
namenloser Angst hing ich mit den Augen an seinem Antlitz; ich wagte auch
nicht zu reden. Endlich legte ich leise meine Hand auf die seine, nannte
ihn beim Namen und erwhnte unser Kind. Da fuhr Dein Vater auf. Ja so,
sagte er mit einem Lcheln, das mir in die Seele schnitt, unser Kind;
komm, Louise, wir wollen zu ihm, es ist ja wohl in der Nhe. Und wir
stiegen zusammen hinauf, indem er sich auf mich sttzte; er sei sehr mde
von der Reise, sagte er, sehr mde.

Hier hielt die Mutter inne, erschpft durch die auf sie eindringenden
schmerzlichen Erinnerungen. Ich werde zu weitlufig, sagte sie dann,
aber es ist schwer, sich kurz zu fassen bei einer solchen Erzhlung. Ein
jedes Wort wei ich noch, was an jenem Tage zwischen uns geredet worden.
Dein Vater hatte mir das Unglaublichste zu berichten. Man hatte sein
Recht auf seine Erbgter angetastet, der andere Zweig der Familie war mit
Ansprchen auf dieselben hervorgetreten, heimlich vom Frsten begnstigt,
welcher, wie ich glaube, die Schndlichkeit allein ins Werk gesetzt hatte,
um uns fr immer aus dem Wege zu rumen, seinem Ha und seiner Rachsucht
folgend. So war das grte Unrecht begangen worden, eine schamlose
Flschung vorgenommen. Es war damals freilich noch Alles in der Schwebe,
aber Dein Vater sah sich in einem Netze von Bosheiten, gegen dessen Gewirre
er sich in seinem edlen Geradsinn vergebens zu wehren suchte. Der Kampf
gegen offenes, von oben begnstigtes Unrecht ging ber seine Krfte, er zog
sich zurck mit der Aussicht, ein Bettler zu werden. Du denkst vielleicht,
Margarethe, er htte nicht aufgeben drfen, denkst, das Recht htte am Ende
siegen mssen, Dein Vater htte standhafter und energischer sein sollen.
Sein Alter aber und so manche Verhltnisse wirkten niederdrckend mit. Die
Welt war damals in einer Grungsperiode; die Zeit, in welche unsere Jugend
gefallen war, schien durch eine groe Kluft von der Gegenwart getrennt.
Neue Ideen brachen sich Bahn; sie waren ihm, der sich stets in einem
gewissen, scharf gezogenen Kreise bewegt hatte und in diesem mit
vollkommener Reinheit und Einheit des Charakters, fremd, unheimlich
beinahe; schon die Jahre, welche er in der Schweiz verbracht, so fern vom
Langgewohnten, unter Menschen, deren Gesichtskreise so verschieden von dem
seinen waren, da sich fast kein Anknpfungspunkt fand, schon diese waren
Schmerzensjahre gewesen. Nun sollte zum Exil die bittere Noth treten, er
sollte sein geliebtes Weib und ein kleines, einziges Kind darben sehen,
sollte in seinem Alter noch, anstatt eines heitern Abends zu genieen,
das wrdige, greise Haupt sanft gebettet, die kleinliche, elende Noth des
Lebens, tglichen Mangel kennen lernen -- das war zu viel. Seine Gesundheit
litt unter diesen nagenden Gedanken, die Sorge um uns, der Kummer ber
die Entbehrungen, welchen wir nach seinem Tode preisgegeben sein wrden,
machten ihn beinahe wahnsinnig. Wir muten uns einschrnken, muten unsern
bisherigen Aufenthaltsort verlassen; es zog uns nach Deutschland zurck und
wir lieen uns in C., einer kleinen Stadt unseres Nachbarlndchens, nieder;
dort verlebtest Du Deine ersten Jahre, Margarethe, zwischen traurigen
Gesichtern. Deinem Vater war Dein Anblick stets ein Stich ins Herz, er
war berhaupt menschenscheu geworden. Die Besttigung seiner Befrchtungen
erreichte uns bald: wir verloren Alles bis auf eine kleine jhrliche Rente,
das Legat einer alten Tante Deines Vaters, welches unantastbar war.
Bisher hatte er es immer ganz den Armen berwiesen, jetzt bildete es unser
einziges Subsistenzmittel, denn ich besitze kein Vermgen, wie es unsere
Verwandten, unsere Rechtsfeinde, geglaubt hatten und noch zu glauben
scheinen. Niemand wohl als eine Magd, ein Mdchen von unsern Gtern, welche
treu zu uns hielt, hat gewut, wie arm wir geworden waren. Du warst etwas
ber drei Jahre alt, da Dein Vater starb, der sich seit seiner Reise nach
B. nie mehr erholt hatte.

Die Mutter schwieg nun, sie hatte ihre Erzhlung beendet. Ich hatte whrend
derselben einen wahren Sturm von Gefhlen durchgemacht. Bald drangen mir
die Thrnen in die Augen und zwar nicht nur bei den traurigsten Momenten
der Geschichte, ich mute weinen, wenn die Mutter die frhern Zeiten
schilderte, die jetzt so ganz, ganz vorbei waren, so abgeschnitten von
uns fr immer. Nicht da der Gedanke an unsere jetzigen Entbehrungen mich
traurig gemacht htte, nein, dieselbe Wehmuth wrde mich berkommen haben,
wenn ich von aller Eleganz des modernen Lebens umgeben gewesen wre. Es war
nur das Gefhl des Wechsels in allen menschlichen Dingen, dieses Gefhl,
welches einem den Boden unter den Fen fortnimmt, soda man sich
losgerissen von Allem und heimatlos vorkommt. Und dann stieg mir auch
wieder alles Blut ins Antlitz oder drngte sich nach dem Herzen und nahm
mir den Athem, wenn ich von dem brennenden Unrecht hrte, welches uns
angethan worden war, wenn ich hrte, wie mein Vater und mein Bruder ja
eigentlich auch -- so dachte ich wenigstens damals in meiner Bitterkeit
-- gemordet worden waren durch jenen fluchwrdigen Hof, wenn ich an die
zwanzig Jahre der Entbehrung dachte, die hinter meiner armen Mutter lagen.
Aber einige Fragen brannten mir noch auf den Lippen. Der Hof von B.?
sagte ich. Ist eingegangen, erwiderte die Mutter, bitter lchelnd. Das
Frstenthum wurde, wie Du wissen wirst, mediatisirt und der Frst, dessen
Privatvermgen ziemlich bedeutend war -- er hatte in den letzten Jahren zu
sparen angefangen -- zog sich nach Italien zurck, wo er starb. Die Frstin
war schon vor lngern Jahren heimgegangen; eine Tochter war unglcklich
verheirathet und hatte, wie man sich zuflsterte, den Verstand verloren
ber einige Sonderbarkeiten ihres Gemahls; sie hat Jahre lang auf einem
einsamen Jagdschlosse in tiefster Abgeschiedenheit gelebt, jetzt ist sie
auch todt; die Shne sind verschollen, wie ich glaube.

Und jene Gnthershofen, welche sich unsere Gter erschlichen haben?
fragte ich weiter.

Ei, die essen und trinken, freien und lassen sich freien, sagte die
Mutter bitter. Es waren mehrere Brder, Vettern Deines Vaters; einer
hat viele Kinder, er wirthschaftet auf Erbrck; die Familie soll etwas
verbauert sein. Der andere, ein geiziger, mitrauischer Mann, welcher
sich ein lebenslngliches Unglck in einer schnen, leichtfertigen und
verschwenderischen Frau auf den Hals geladen, ist krzlich gestorben.
Bardolph ist sein Sohn, der ist nun Herr auf Gnthershofen, dem
Stammschlosse, Deinem Erbtheil.

Also der war es! Ich begriff jetzt das abstoende Benehmen meiner Mutter
gegen den Freiherrn, ich theilte ihren Unwillen. Wie hatte er es wagen
knnen, in unsere Nhe zu kommen, die Augen nur zu meiner edlen Mutter
aufzuschlagen, er, der, ein Eindringling und ein Dieb, auf fremdem
Erbe sa! War er etwa gekommen, um unsere Armuth sich anzusehen und sie
vielleicht nachher in den Salons seiner Freunde zu Bonmots auszubeuten,
oder, was noch schlimmer, uns achselzuckend zu bemitleiden, die
eigensinnigen armen Verwandten, die noch nicht einmal mit sich reden lassen
wollen? Ich sagte meiner Mutter, was ich dachte.

Du weit noch nicht Alles, entgegnete sie mir. Ich kannte ihn ja nicht,
als er eintrat, und doch berlief es mich bei seinem Anblick -- er ist
das Ebenbild des Frsten. Seine Aeltern haben auch einmal bei Hofe gelebt;
Seine Hoheit hat damals nur versuchen wollen, wie ich die Gunstbezeigungen
aufnehmen wrde, welche bei einer andern Frau von Gnthershofen Anklang
gefunden hatten.

Ich war ein unerfahrenes, einfltiges Mdchen und verstand anfnglich die
Mutter kaum, aber das Verstndni fr Alles, was sie gesagt hatte, kam mir
bald, da ich unaufhrlich im Geiste mir ihre Worte wiederholte und ber
dieselben brtete, und ich wurde fast pltzlich eine Andere; geistige Reife
trat ein und mit ihr das Denken und der Schmerz. Wir saen nun noch eine
lange Zeit schweigend bei einander; meine Mutter hatte meine Hnde in die
ihrigen genommen und es war, als zge ein geheimer Strom so von ihr zu
mir, mir schien es, als she ich jetzt mit ihren Augen und fhlte mit
ihrem Herzen, sie war mir nher gerckt als je zuvor. Soweit ich zu denken
vermochte, war die Mutter zwar stets liebevoll und auch sorgsam, aber gar
so unnahbar gewesen. So hatte ich schon vor Jahren bemerkt, da von so
manchen kleinen Knsten, welche Frauen beim Beschaffen des Nothwendigen oft
anwenden mssen, die Mutter weniger verstand als ich. Jene Magd, von der
sie gesprochen, ein tchtiges Mdchen, hatte in meinen ersten Jahren
das Hauswesen und meine Garderobe aufs sparsamste besorgt; als sie sich
verheirathete und mit Thrnen und mancher guten Lehre von mir Abschied
nahm, fiel alles das zum grten Theil in meine kleinen Hnde und
verursachte mir vielerlei Sorge. Nicht da die Mutter das Nhen und
Beschicken unter ihrer Wrde gehalten htte, es fehlte ihr die stete
Aufmerksamkeit auf das Geringfgige; sie hatte etwas unbeschreiblich
Vornehmes in ihrem Wesen, und fast jede Frau, die mit ihr gelebt, htte
sich wohl stillschweigend in die Rolle einer Kammerjungfer neben ihr finden
mssen. So hatten wir uns trotz aller Liebe nicht ganz nahe gestanden; ich
fhlte, da die Mutter in einer andern Welt hauste als ich, in einer Welt,
von der meine Vorstellungen nur hchst unklar sein konnten, da die Mutter
nie zuvor von der Vergangenheit, in welcher sie lebte, ein Wort zu mir
gesprochen hatte. Jetzt schien diese Schranke pltzlich gefallen; ich wute
nun, was die starke Frau Alles ertragen hatte, und liebte sie wenn mglich
noch tausendmal mehr als frher. Ich selber aber kam mir auf einmal ganz
anders vor: herausgerttelt war ich aus meiner harmlosen, fast demthigen
Weltanschauung; es war aber nicht etwa der Gedanke an den Rang meiner
Familie, sondern die Gewiheit unverschuldeten Unglcks, welcher mir
eine erhhte Stimmung gab und fr alle Folge auf meine Charakterbildung
eingewirkt hat. Die Menschheit war in der Schuld gegen uns, wir hatten an
sie zu fordern, und dies Bewutsein erfllte mich mit einer Art Stolz; ich
sagte mir, da ich in diesem Falle weit lieber leidend als handelnd mich
verhalten wolle.

Die Mutter hatte lange mit einem finstern Ausdruck auf dem noch immer
schnen Gesichte starr und aufrecht dagesessen; jetzt lsten sich ihre
Zge, und sie sagte weich: Es war nthig, da Du die Schicksale Deiner
Aeltern kanntest, liebe Margarethe, sonst htte ich Dir gern diesen Blick
in das Treiben der bsen, bsen Welt erspart. Ich hoffe, mein Kind ist edel
genug, um nicht dadurch den Glauben an die Gte der Menschen zu verlieren;
es wre schlimm, fgte sie freundlich lchelnd hinzu, wenn Du Deinen
knftigen Zglingen als Misanthropin gegenbertreten wolltest. Und nun la
uns von Deinem demnchstigen Wirken sprechen.

Die Mutter hatte sich so weit mit meinem Fortgehen ausgeshnt, da sie
mir manchen guten Rath, manche liebevolle Warnung mit auf den Weg gab.
So verging der letzte Abend, den ich mit ihr zubrachte, uns in beinahe
feierlicher Stimmung. Der nchste Morgen kam heran, der Morgen meines
Reisetags. Ich ging, um Lebewohl zu sagen, zu den wenigen Familien im
Stdtchen, mit denen wir einigen Umgang hatten, und lie mir die blichen
guten Wnsche mit auf den Weg geben. Zu dem Pfarrherrn kam ich zuletzt; auf
seinen Segenswunsch freute ich mich, denn mir war weichmthig zu Sinne. Er
ergriff denn auch meine beiden Hnde und sagte herzlich, wie er wnsche,
da ich dort in dem neuen Kreise Freunde finden mge. Und einen Freund
haben Sie ja hier, fuhr er fort, von dem Sie mir noch nie erzhlt
hatten; ein Freiherr von und zu Gnthershofen -- er betonte die Titel mit
komischer Gravitt -- war heute Morgen bei mir. Er ist lange auer Landes
gewesen, wie er mir erzhlte, und wollte nun Einiges ber Sie und
Ihre Mutter wissen; er sei manchen Familienmitgliedern durch die lange
Abwesenheit ziemlich fremd geworden, sagte er, wie denn das so gehe. Ein
schner, stattlicher Herr und sehr angenehm. Er sprach davon, da es ihm
hier in der Gegend gefalle und da er vielleicht fr einige Zeit seinen
Aufenthalt in der Nhe nehmen werde; aber vorerst wollte er noch einige
Monate reisen. Er erwhnte England, und es wre nicht bel, wenn er Sie
dort aufsuchte, liebes Frulein; eine Gouvernante nimmt oft gleich eine
ganz andere Stellung ein im Hause durch den Besuch eines Angehrigen und
nun gar eines Barons. Ich sagte das und er bat um Ihre Adresse.

Und haben Sie ihm dieselbe gegeben? brach ich endlich hervor. Ich hatte
den alten Herrn bis hierher reden lassen, weil ich nicht wute, wie ich
meinem malosen Erstaunen und Zorn ber das, was ich zu hren bekam, Worte
geben sollte. Haben Sie ihm die Adresse gegeben, hat er sie? rief ich
noch einmal.

Ja, mein Kind, ja, und wre Ihnen dies etwa unangenehm? Warum--

Der Pfarrer brach ab und sah mich befremdet an, ich mochte sehr erregt
aussehen. Sogleich bedachte ich aber auch, da, wenn ich jetzt all meinem
Unwillen und Aerger vor dem unvorbereiteten Freunde Ausdruck geben wollte,
ich dadurch unserer guten Sache nur schaden wrde. Sehr ruhig setzte ich
ihm daher, soweit es sich thun lie, auseinander, wie zwischen uns und
der Familie jenes Herrn alle andern eher als freundschaftliche Beziehungen
existirten, und htete mich, die Entfremdung als eine romantische
Familienfehde aus alter Zeit erscheinen zu lassen; ich sagte ihm, wie jene
sich eingedrngt htten in unsern Besitz und uns hinausgeschoben, und ich
mute erleben, da der alte Herr den Kopf schttelte und mir die Heftigkeit
meiner Redeweise verwies.

Gemach, gemach; man kennt Sie ja gar nicht wieder, Frulein Margarethe,
sagte er. Sehen Sie das Alles auch aus dem richtigen Gesichtspunkte an?
Hatten jene Familien auf die fraglichen Besitzthmer gar kein Recht?

Nein, gar keins, sagte ich rasch.

Aber sie muten doch vor Gericht irgendwelche Ansprche geltend machen;
welches waren diese? Das wute ich nicht. Und hat nicht Ihr Herr Vater
vielleicht einen gtlichen Vergleich ausgeschlagen? Auch darber konnte
ich keine Auskunft geben, kurz, mit der Gewiheit in mir, da falsches
Spiel gespielt worden sei, stand ich endlich vertheidigungslos da, wie
eine unerfahrene Schwrmerin, welche den Dingen, wie sie einmal sind, keine
Rechnung trgt. Das war die erste bittere Erfahrung, die ich in dieser
Angelegenheit auf eigene Hand machte und zwar an einem wohlwollenden
Menschen. Ich zog darauf die Fhlhrner ein und entschlo mich vor allem,
mir bei meiner Mutter, wenn es thunlich, genaue Auskunft zu holen ber
jene angeblichen Ansprche und manches Andere, um ein anderes Mal besser
gerstet zu sein. Ziemlich kalt verabschiedete ich mich von dem Pfarrherrn;
seine guten Rathschlge nahm ich nicht so willig und unbefangen hin, wie
es vor wenig Tagen geschehen sein wrde, sondern hrte sie, innerlich in
Angriffsstellung, schweigend an. Die meiner Mutter sagten mir besser zu;
sie ermahnte mich, nicht zu vergessen, wer ich sei.

Etwas aber, fgte sie hinzu, mchte ich Dir noch anempfehlen, was Dir
Deine Arbeit erleichtern wird. Wie Du Dich gegen diejenigen, welche ber
Dir, und die, welche unter Dir stehen werden, zu verhalten hast, das wird
Dir Dein Standesgefhl und Deine Vernunft sagen; die Kinder aber, bei denen
mache Dir's leicht: suche sie zu lieben, dann geht Alles und kommt Alles
ins rechte Gleis. Und nun segne Dich Gott! O Margarethe, er wird die Gebete
einer einsamen alten Frau hren und Dich behten!

Damit schieden wir. Ich fuhr von der Heimat fort mit einem Gefhl der
Verlassenheit und des Jammers, welches dadurch nicht leichter fr den
Einzelnen wird, da es so Viele schon empfunden haben und noch empfinden
werden.




Drittes Kapitel.


Die Familie der Mrs.Gray, in welche mich das Schicksal und zwar ein
freundliches gefhrt hatte, bestand aus dem Vater, der Mutter, zwei fast
erwachsenen Shnen, zwei jngern Mdchen, meinen Zglingen, und einer
ganzen Menge kleinerer Kinder, von damals sechs Jahren an abwrts, deren
Zahl sich, da sie sich regelmig jedes Jahr um eins vermehrten, auf die
Dauer nicht feststellen lie. Zwischen der fnfzehnjhrigen Blanche und
dem sechsjhrigen Gordon waren mehrere Kinder gestorben und durch diesen
Zwischenraum die vier ltern von der Heerde der Kleinen ganz abgesondert.
Herr und Frau Gray kamen mir bald mit Herzlichkeit entgegen und betonten es
in ihren freundlichen Gesinnungen ganz besonders, da von seiten der Dame
sich deutsches Blut in der Familie befinde, whrend Herr Gray schottischer
Abkunft war. Durch diese Umstnde herrschte in der Familie nicht der
specifisch englische Ton, welcher unangenehm sein mag; man war etwas
kosmopolitisch im Hause und meinem Vaterlande besonders zugethan. Von
Demthigungen, welche die Stellung einer Gouvernante oft mit sich bringen
soll, habe ich nie etwas erfahren. Die Geselligkeit der Familie war eine
liebenswrdige, angeregte und ich bewegte mich in derselben bald mit Genu,
nachdem mir Idiom und Gebruche gelufig geworden waren.

Eines Abends, wohl ein halbes Jahr nach meiner Ankunft, sa ich in meinem
Zimmer, welches auf eine Veranda hinausging, die auf drei Seiten das Haus
umgab, und die Aussicht auf den schnen parkartigen Garten hatte. Noch eine
Stunde fehlte bis zur Zeit des Abendessens, und da mehrere Gste sich im
Hause befanden, war ich mit meinem Anzuge beschftigt und eben recht in das
Ausputzen meines leichten Kleides vertieft, als mir pltzlich durch eine
Ideenverbindung, vielleicht von dem geringsten Umstand angeregt, ein
anderes Kleid einfiel, welches ich oft mit Ehrfurcht und Entzcken
betrachtet hatte und das fr meine ganze Jugend der Inbegriff von Pracht
gewesen war -- das Brautkleid meiner Mutter. Nun war freilich meine Mutter,
meine einsame, geliebte Mutter, nie ganz aus meinen Gedanken, aber jetzt
berfiel mich pltzlich eine Sehnsucht nach ihr, wie ich sie lange nicht
mehr gefhlt hatte, und zugleich ein Gefhl des Unrechts, da ich so ganz
in dem Leben hier aufgegangen war, da ich kein Heimweh mehr gehabt hatte,
da ich vergngt, ja glcklich gewesen, whrend meine Mutter stets die
Brde ihrer Einsamkeit und ihrer traurigen Erinnerungen trug. Was that ich
denn fr sie? Ihre uere Lage freilich konnte ich erleichtern, aber hatte
ich keine andere Mission? Was hatte ich damals bei ihrer Erzhlung, was bei
den Worten des Pfarrers gefhlt! War es mir nicht klar geworden, da meine
Stellung zu der Welt eigentlich keine andere als eine feindliche sein
konnte? War es nicht eine Schwche, jemals, auch nur auf Augenblicke,
das Unrecht zu vergessen, unter welchem wir lebten, welches uns in unsere
gegenwrtige Lage hinabgedrckt hatte? Und mein frhliches Mitleben in
dieser Gesellschaft, von deren Existenz ich vor einigen Monaten noch nichts
gewut, war das nicht ein hohler Compromi mit der uns feindlichen Welt?

So dachte ich, schmte mich meiner Charakterschwche und fhlte mich dabei
sehr unglcklich. Auf den mir bevorstehenden heitern Abend blickte ich nur
mit Beklommenheit hin; wre es nicht recht, da ich mich von dergleichen
Vergngungen zurckzge? Ich berlegte, wie sich dies thun lasse, ohne
Aufsehen zu erregen, da hrte ich John's, des jngsten der beiden ltern
Shne, frhliche Stimme auf der Veranda. Er kam an die Glasthr, welche
aus meinem Zimmer auf dieselbe fhrte, klopfte und trat auf meinen Wink mit
einer komischen Geberde schalkhafter Schchternheit herein. Das war auch
ein Zeichen meiner Schwche, warf ich mir jetzt im Stillen vor, da ich den
siebzehnjhrigen wunderhbschen Jungen so rasch vorzugsweise lieb gewonnen
hatte. Es wre freilich schwer gewesen, das zu verhindern, er war
der Liebling aller, die ihn kannten. Auch jetzt warf er mit seiner
Aufforderung, mich doch zu eilen, man wolle im Garten zu Abend essen
und dann noch auf dem Flusse eine Kahnfahrt unternehmen, alle meine
misanthropischen Entschlsse ber den Haufen. Aber die Gedanken, welche vor
kurzem wieder in mir aufgewacht waren, blieben thtig. Als ich spt, nach
einem herrlichen Abend, in mein Zimmer trat, ergriffen sie mich wieder, als
hausten sie in der Luft desselben, nur nahmen sie jetzt eine andere Form
an. Durch die Stunden froher Geselligkeit, welche hinter mir lagen, fhlte
ich mich beschmt, meine vorherigen Anwandlungen kamen mir thricht vor.
Der Zusammensto mit einigen heitern, klaren und sicher lebenden Menschen
hatte bewirkt, da mir meine vagen, weltschmerzlichen Ideen unntz und
kleinlich erschienen. Wenn ich nun einem der Herren hier, einem dieser
gebildeten, weltgewandten Mnner meine Geschichte erzhlte, drfte ich
etwas verlauten lassen von meinem Entschlusse, mich von nun an der
Welt gegenber in das Gefhl des Unrechtleidens pathetisch und thatlos
einzuhllen? Ein Englnder wrde diese deutsche Gefhlsseligkeit gar nicht
verstehen. Aber -- der Gedanke durchzuckte mich pltzlich -- wrde er nicht
wahrscheinlich fragen: Und knnen Sie sich nicht wieder zu Ihrem Rechte
verhelfen? Konnten wir nicht unser Recht geltend machen, konnte das
damalige elende Spiel nicht jetzt aufgedeckt werden, wo wir unter den
Gesetzen standen, wie sie eine unparteiische Regierung verwaltete?
Konnte man nicht handeln, anstatt nur zu leiden? Es erschien mir jetzt
unbegreiflich, da ich nie frher daran gedacht, da meine Mutter nicht
diesen Weg eingeschlagen hatte. Sollte ihre Mittellosigkeit sie vor einem
Processe haben zurckschrecken lassen? Nein, dazu kannte ich ihren Stolz
und die Starrheit ihres Charakters zu gut. Htte sie mssen ihr Letztes
daran setzen, htte sie es wagen mssen, sich bei dem Versuche vollstndig
und wrtlich zur Bettlerin zu machen, so wrde sie das Alles nicht
abgehalten haben, ihr Recht zu fordern. Es muten andere Grnde, in der
Angelegenheit selbst liegend, bei ihrem Verhalten den Ausschlag gegeben
haben. Ich wollte mir von ihr Auskunft verschaffen; schon am folgenden Tage
schrieb ich und bat sie, mir die nhern Umstnde jenes Rechtshandels so
genau wie mglich auseinander zu setzen und mir zu sagen, ob ihr nie
der Gedanke gekommen, nach meines Vaters Tod die unrechtmigen Besitzer
unserer Gter mit dem Gesetze anzugreifen. Whrend ich gespannt auf Antwort
wartete, traten Umstnde ein, welche mich merkwrdig untersttzen zu wollen
schienen.

Ich sa eines Nachmittags mit meinen Zglingen im Garten; die regelmigen
Lehrstunden waren durch die Vacanz der Brder, whrend welcher die Familie
gewhnlich eine Erholungsreise unternahm und auch diesmal zu machen
gedachte, aufgehoben. Wir lasen Iphigenie, zur allgemeinen Erbauung; auch
John, welcher von seiner ffentlichen Schule einen guten Grund im Deutschen
mitgebracht hatte, betheiligte sich und unvergleichlich klangen aus seinem
Munde die Worte des Orestes, da er von knftigen Thaten spricht, die wie
Sterne aus dem Nebel auf seine Jugend hineinglnzten. Ich sage, sie klangen
unvergleichlich, und doch hrte ich ihn kaum, die Mngel der auslndischen
Aussprache konnten mich daher auch nicht stren. Der Sinn des Ganzen sprach
zu mir und wurde wunderbar untersttzt durch sein Aussehen, sein Gesicht;
ich sah ihn an und erfreute mich daran, da man kein schneres Bild eines
griechischen Jnglings sich htte denken knnen als ihn. Whrend wir so
saen, trat Roger, der lteste Sohn, mit einem fremden Herrn zu uns, dessen
Namen ich bei der Vorstellung nicht verstand; ich hielt ihn fr einen
Universittsfreund Roger's, welcher damals in O. studirte.

Die Angekommenen baten, da man sich nicht stren lasse; wir lasen weiter,
unvermerkt aber nahmen die beiden Neuangekommenen die Rollen des Thoas und
des Pylades auf, welche ihnen meine Zglinge, die sich dem fremden Zuhrer
gegenber nicht behaglich gefhlt haben mochten, willig genug berlieen,
whrend Iphigenie mir blieb. Mir fiel bald das vortreffliche Lesen des
Fremden auf; ich sah ihn zuweilen verwundert von der Seite an -- sollte
es ein Deutscher sein? Aber warum htte er dann nicht die Landsmannschaft
geltend gemacht? Es entspann sich in den Pausen der Lectre bald ein
Gesprch, und an der Aussprache des Ankmmlings wurde es mir vollends klar,
da ich es nicht mit einem Englnder zu thun hatte, ich befestigte mich in
meiner Ueberzeugung, da er ein Deutscher sein msse. Warum aber hatte er
als solcher mich nicht als Landsmnnin begrt? Das Unterlassen hatte etwas
fast Beleidigendes, denn er hatte gehrt, wer ich sei. So lie ich es denn
auch bei dem fremden Idiom, und Herr Forster -- aus seinem Namen freilich
konnte man auf die Nationalitt nicht schlieen -- Herr Forster und ich
begegneten uns von da ab auf dem neutralen Gebiete des Englischen. Er
wollte, wie ich bald erfuhr, einige Zeit bei uns bleiben und die Familie
sogar auf ihrem Ausflug in die schottischen Hochlande begleiten.

Die Vorbereitungen zur Reise wurden gemacht und es gab viel zu thun im
Hause; das deutsche Lesen unterblieb und wir alle waren fast nur whrend
der Mahlzeiten vereinigt, wo Herr Gray sich ein Vergngen daraus zu
machen pflegte, mir politische und andere Nachrichten aus Deutschland
mitzutheilen, von denen er wute, da sie mir Interesse einflten, wie
mir denn jetzt in der Fremde erst fr die staatlichen Verhltnisse meines
Vaterlandes einiges Verstndni aufging. Wir sprachen dann hufig viel von
deutschen Zustnden, und nun wurde auch Herr Forster in diese Unterhaltung
hineingezogen, von dessen Umstnden brigens Niemand auer Roger viel zu
wissen schien. Eines Tages gab er uns bei einer solchen Gelegenheit
so eingehenden Aufschlu ber deutsche Rechtszustnde, da ich zu der
Ueberzeugung kam, wir htten einen deutschen Juristen vor uns. Ein
deutscher Rechtskundiger, hier, in meinem Bereiche, der mir ber das,
was mich Tag und Nacht beschftigte, Aufklrungen geben konnte! Vor einer
solchen Chance mute meine, wie mich dnkte, berechtigte Zurckhaltung ihm
gegenber weichen. Noch an demselben Tage traf ich ihn in den Gngen
des Gartens mit einem Buche; er grte und wollte wieder fremd an mir
vorbergehen, da trat ich auf ihn zu und bat ihn, ein wenig mit ihm reden
zu drfen.

Warum, fragte ich ihn nun auf Deutsch, warum, mein Herr, reden Sie nicht
unsere Muttersprache zu mir? Es scheint sonderbar, da zwei Deutsche, die
sich in der Fremde treffen, nicht in ihrer Sprache mit einander verkehren;
es ist fast, als riefe man sich durchs Sprachrohr an, wenn man nahe bei
einander steht.

Er lchelte ber den Vergleich und sagte ganz gelassen: Es ist vielleicht
eine Grille von mir, gndiges Frulein, da ich mir vorgenommen habe,
Deutschen gegenber im Auslande mich nicht als Landsmann zu geriren;
doch lt sich mein Verhalten theilweise begrnden: man knnte durch die
Bekanntschaft mit mir compromittirt werden -- ich bin ein politischer
Verbrecher.

Ich hatte in meinem einsamen Leben zu Hause wenig ber die zeitbewegenden
Fragen gehrt, kannte die Stichwrter nicht und mag daher bei diesen Worten
nicht wenig entsetzt ausgesehen haben. Herr Forster lchelte wieder und
schien nun schon mehr Gefallen an einer Unterhaltung zu finden, bei der die
naivsten Vorurtheile zu berwinden waren.

Und was, denken Sie wohl, kann ich verbrochen haben, Frulein? fuhr er
fort und sah mich zum ersten Male mit den hellbraunen Augen ganz freundlich
an. Gemordet, gestohlen, Brand gestiftet? Und dabei lachte er hell
auf. In den feudalen Kreisen hat man von unsereinem oft wunderliche
Vorstellungen; wer wei, vielleicht hat Ihre Wrterin Sie in den
Schlaf gesungen mit schrecklichen Geschichten von wilden Demagogen und
mordlustigen Rebellen.

Sie machen sich ber mich lustig, Herr Forster, sagte ich nun
meinerseits, und meine Unwissenheit mag das wohl verdienen. Ich wei
nicht, was dazu gehrt, zum politischen Verbrecher gestempelt zu werden.

Dazu kann, um Ihnen ein Beispiel zu geben, gehren, da man eine Rede
gehalten hat, in der man sich mit zu groer Aufrichtigkeit ber einige
Maregeln der Regierung ausgesprochen und den Ausspruch des persischen
Dichters nicht beherzigt hat: Wer die Wahrheit spricht, mu statt der Arme
Flgel haben. Diese Flgel haben mir nun freilich gute Freunde geliehen,
denn ich bin aus der Untersuchungshaft entkommen und, wie Sie sehen, hier
und frei.

Und knnen Sie nicht in die Heimat zurck? fragte ich, der jede Art von
Exil ein schweres Schicksal schien.

Nein, vorerst und vielleicht auf Jahre hin nicht.

Ach, sagte ich, dann sind Sie auch nicht frei; frei ist nur der, welcher
gehen kann, wohin er will.

Herr Forster sah mich an und nickte schweigend mit dem Kopfe, dann sprach
er weiter:

Ich bin Jurist und habe die Staatsexamina hinter mir; die Anstellung wird
nun freilich eine Weile auf sich warten lassen. Auf einer Ferienreise in
der Schweiz traf ich vor mehreren Jahren Roger Gray und wir fanden Gefallen
an einander. Er hat mich seitdem in meiner Vaterstadt besucht, und als
ich vor einigen Wochen in England ankam, schrieb ich an ihn und erhielt
sogleich eine Einladung nach seines Vaters Hause auf so lange, als es mir
gefallen wrde.

Herr Forster hatte mit groer Offenheit erzhlt; dafr war bei mir auch
lebhafte Theilnahme an seinen Mittheilungen erwacht. Ich schwieg und dachte
ber dieselben nach, dann fragte ich, aus diesen Gedanken heraus:

Aber warum haben Sie die Untersuchung nicht an sich herankommen lassen?
Sie hatten doch keinesfalls so schwer gefehlt, da man Sie htte hart
bestrafen knnen, und jetzt steht es gewi weit schlimmer um Sie als
damals.

Er schien berrascht ber diesen Beweis von Verstndni; berhaupt lie er
auf seinem Gesicht meist ganz unbesorgt den Eindruck erscheinen, den die
Worte eines Andern auf ihn machten, und sah den Sprecher manchmal,
beinahe die Hflichkeit aus den Augen setzend, lange und forschend an, als
betrachte er ihn als Gegenstand psychologischer Studien.

Es ist wahr, ich bin schlimm daran, sagte er, insofern als meine
Carrire in Deutschland frs erste ganz bestimmt hin ist, =to the dogs=,
wie man hier sagt; aber sie wre es so wie so gewesen. Ich war mir als
Rechtskundiger wohl bewut, nach unserer Auslegung der Gesetze einige Jahre
Festung verdient zu haben, und diese Aussicht mifiel mir.

Wie schade, da Sie sich in Ihrer Rede haben hinreien lassen, sprach ich
mehr zu mir selber als zu ihm. Was ntzt es denn, an der Welt ndern und
bessern zu wollen? Es geht nicht und man geht dabei zu Grunde.

Mein liebes Frulein, wie kommen Sie zu einer so gereiften Weltanschauung
in Ihrem Alter? rief er spttisch, indem er sich setzte; wir waren an
einer Laube des Gartens angekommen und lieen uns beide nieder.

Ich wei es selber nicht, entgegnete ich; sie kommt mir eben erst und
pat gar nicht in meine Absichten, denn ich mchte auch an etwas lange
Bestehendem rtteln und es womglich ber den Haufen werfen. Haben Sie
jetzt Zeit, Herr Forster, mich eine Viertelstunde anzuhren?

Solange Sie wollen, mein Frulein, antwortete er verbindlich; das
gndige, was er vorhin als eine Art abwehrender Frmlichkeit gegen mich
gebraucht hatte, war ganz weggefallen. Ich habe erzhlt und nun ist die
Reihe an Ihnen.

Ich wnsche nur Ihre Meinung ber etwas zu hren, sagte ich und gab ihm
in kurzen Worten an, wie unsere Gter uns verloren gegangen waren, indem
ich jedoch den Fall ganz allgemein darstellte und meine Beziehungen zu
demselben aus dem Spiele lie. Er schttelte den Kopf.

Solchen veralteten Geschichten ist schwer beizukommen, sagte er. Die
Besitzenden haben sich meist in Betreff der Frmlichkeiten gut vorgesehen,
und wenn auch alle Welt einmal wute, da sie im Unrecht waren, so lie
sich das nicht beweisen, und jetzt hat sich alle Welt daran gewhnt, sie
im Besitze zu sehen, und fhlt sich, wenn man sie angreift, in der eigenen
Unfehlbarkeit angegriffen.

Aber das ist nicht die Antwort eines Juristen, warf ich ein; das Gesetz
wird doch durch die Meinung der Leute nicht beeinflut; ich will wissen,
ob man nicht die Ansprche der Besitzer auf die Gter noch einmal prfen
lassen kann.

Mein Landsmann lchelte ber den Ernst, welchen ich zeigte, und bat mich,
ihm den Fall noch einmal zu erzhlen und zwar so genau wie mglich. Und
auch die Data, bitte; wann trug sich die Sache zu?

Es sind zwanzig Jahre her, antwortete ich und nun erzhlte ich Alles noch
einmal, genauer als zuvor.

Wie stehen Sie zu den Parteien? fragte er pltzlich mit einer Amtsmiene.
Ich stutzte, aber da ich keinen Grund hatte, meine Verhltnisse zu
verhehlen, entgegnete ich ihm, da der unglckliche Freiherr, von dem ich
gesprochen, mein Vater gewesen sei.

Das dachte ich mir. Nur weiter!

Ich hatte wenig mehr zu berichten; die bedrngte Lage meiner Mutter gehrte
nicht zur Sache, ebenso wenig wie die Beziehungen des Frsten zu meinen
Aeltern; sein Uebelwollen, seine Verfolgung hatte ich freilich hervorheben
mssen. Diese Umstnde fielen dem Doctor auf.

Erlauben Sie mir, jetzt eine Art von Verhr anzustellen, sagte er
ernsthaft, damit ich mir einige Momente Ihrer Geschichte klar machen
kann.

Ich nickte lchelnd.

Hatten zwischen den andern Vertretern Ihrer Familie und Ihnen vor dem
Rechtsstreite schon unangenehme Beziehungen bestanden?

Das wute ich eigentlich nicht; ich dachte an den Charakter der andern Frau
von Gnthershofen und antwortete, wie ich kaum glaube, da meine Aeltern
mit jenen auf gutem Fue gestanden.

Darf ich fragen, warum nicht? fuhr Herr Forster fort.

Ich berwand mich, was ich um so leichter konnte, als mir unser Gesprch
schon geschftlich vorkam, und entgegnete, Frau von Gnthershofen knne
keines guten Rufes genossen haben.

So, war sie mit dem Frsten liirt? fuhr mein rcksichtsloser Inquirent
fort. Ich nickte schweigend, indem ich seinen juristischen Scharfsinn
bewunderte.

Und woher schrieb sich die Gehssigkeit des Frsten gegen Ihre Aeltern?

Von einer Familienangelegenheit, Herr Forster. Er schwieg und schien zu
warten. Der Frst hatte meine Aeltern beleidigt und mein Vater sich gegen
ihn vergessen, sagte ich endlich.

Und Sie wissen nicht, wodurch die Ansprche jener Familien auf Ihre Gter
begrndet wurden?

Ich habe an meine Mutter geschrieben, um mir Auskunft ber diesen Punkt
und noch andere zu verschaffen.

Gut, wir mssen also warten.

Dies wir entzckte mich; er schien meine Angelegenheit unter seine
Interessen aufgenommen zu haben. Als ich aufstehen wollte, bat er mich, ihm
einstweilen Alles zu sagen, was ich ber die jetzigen Besitzer von Erbrck
und Gnthershofen wisse. Das that ich, und so kam es, da ich auch des
Besuchs erwhnte, den uns der Freiherr vor meiner Abreise gemacht hatte.
Diesen Umstand griff Herr Forster lebhaft auf, lie sich jedes Wort der
Unterhaltung wiederholt erzhlen und schien die Zusammenkunft ebenso
sonderbar zu finden wie meine Mutter damals. Endlich sagte er: Mein
Frulein, Sie haben mir Vertrauen geschenkt, und ich kann dasselbe vorerst
nur dadurch lohnen, da ich Sie sich nicht falschen Hoffnungen hingeben
lasse. Ich habe Ihre Mittheilungen nur hinnehmen knnen als ein
unparteiischer Rechtskundiger, dessen Gutachten Sie wnschen. Dasselbe
kann ich Ihnen erst dann aussprechen, wenn wir ber den Hauptpunkt, die
Ansprche Ihrer Verwandten, unterrichtet sein werden. Und dann kann ich
Ihnen insoweit ntzen, als Sie von mir werden erfahren knnen, ob es
thunlich wre, jene Ansprche vor Gericht in Frage zu ziehen.

Er stand jetzt auf und verbeugte sich, da ich mich zum Gehen anschickte,
ohne mir zu folgen; so schritt ich denn, nachdem ich ihm herzlich fr seine
Aufmerksamkeit gedankt hatte, allein und gedankenvoll dem Hause zu.

Im Ganzen war ich mit der Unterredung recht zufrieden; hatte doch der
Jurist unsern Fall ernster Beachtung werth gehalten, war doch derselbe wie
aus der Luft auf den festen Boden gerckt. Die Hoffnung wachte mit einem
Male mchtig in mir auf, aber ich wies die sich herbeidrngenden Gedanken
zurck. Meine Mutter, meine verehrte, angebetete Mutter wieder in Besitz
und Rang -- es war zu viel, es konnte nicht so kommen, das Glck wre zu
gro gewesen. Ich konnte mich jedoch nicht enthalten, fast bestndig an die
mir so wichtige Angelegenheit zu denken. Die Unruhe im Hause, welche die
Reisevorbereitungen mit sich brachten, kam mir dabei zu statten, meine
Zerstreutheit und Ruhelosigkeit wrden sich sonst schwer haben verbergen
lassen.

Herr Forster hatte seit unserer Unterredung sein Benehmen gegen mich
gendert; wir nahmen jetzt oft gemeinsam unsere deutschen Interessen wahr
und verkehrten in der ungezwungenen Weise des Hauses mit einander. Die
Uebrigen bemerkten das und sprachen nun erst mit mir ber den Gast, was sie
bisher, einem richtigen Gefhl folgend, vermieden hatten. Roger erzhlte
von seinem ersten Zusammentreffen mit meinem Landsmann auf dem Rigi, wo er,
zufllig mit ihm ins Gesprch gerathen, bald durch seinen klaren Verstand
und sein einfaches, mnnliches Wesen gefesselt worden war.

Er ist ein seltener Mensch, sagte mir Roger einstmals vertraulich, da
wir zusammen auf der Veranda vor meiner Glasthr standen; besonders
liebenswrdig ist an ihm das Geltenlassen Anderer und eine Naivett den
Formen der Gesellschaft gegenber. Nur in einem Punkte ist er schwach, in
dem nmlich, was die politischen Verhltnisse Ihres Vaterlandes betrifft.
Die scheinen nun freilich auch danach angethan zu sein, den Vernnftigsten
zu rgern.

John spielte mit dem Gaste Ballschlag und ritt mit ihm zur Fuchshetze,
welche die jungen Mnner, es mu gesagt sein, trotz ihrer Barbarei, mit
all der Freude der Jugend und Kraft am sich Austoben, am Wagen und Strmen
genossen, ruderte und turnte mit ihm und lie sich zuweilen mit lustigem
Augenzwinkern herab, sich beifllig ber die Anstelligkeit des Doctors zu
dergleichen auszusprechen. Die Mdchen endlich betrachteten ihn als eine
ziemlich indifferente Acquisition, da es ihm an Aufmerksamkeit gegen die
kleinen Bedrfnisse der Damen fehlte. Wenn wir zusammensaen und es machte
sich der Mangel einer Fubank etwa geltend, so entdeckte er diesen Umstand
erst, nachdem einer der andern Herrn aufgestanden war, den betreffenden
Gegenstand zu holen. Dann sprang auch er auf, in verzweiflungsvoller Hast,
lief eifrig suchend umher, gelangte dabei aber immer an den Ort zuletzt,
wo, der Wahrscheinlichkeit nach, der fehlende Artikel sich finden mochte,
und brachte endlich, nach langem Suchen, triumphirend drei oder vier
herbei, whrend wir, lngst im Besitz der kleinen Bequemlichkeit, ihm
boshaft dankten.

Roger theilte mir brigens auch mit, da Herr Forster aus sehr guter
Familie und wohlhabend genug sei, um eine Anstellung im Staate ganz
entbehren zu knnen, da er aber nichtsdestoweniger juristische
Beschftigung und eine gemeinntzige Wirksamkeit schmerzlich vermisse und
sehnlich auf einen Umschwung der Dinge harre, der ihm die Rckkehr in das
Vaterland ermgliche.




Viertes Kapitel.


Der Tag fr unsere Abreise nach Schottland war herangekommen und noch hatte
ich keine Antwort von meiner Mutter auf meine dringenden Anfragen erhalten.
Meine Ungeduld und Pein waren fortwhrend gestiegen; jeden Tag erlebte ich
mehrmals, bei der Ankunft des Postboten, eine bittere Enttuschung und
mit jedem Tage wurde die Verzgerung der Antwort unerklrlicher und
beunruhigender. Ich hatte nun einmal fast fr nichts Anderes Raum mehr in
meinem Kopfe, als fr jene Angelegenheit; mir schien, als sei schon so viel
versumt worden, als drfe man jetzt nicht lnger zgern mit dem Versuche,
sich Recht zu verschaffen. Da meine Mutter mir ernstliche Hindernisse in
den Weg legen wrde, daran dachte ich kaum, und wenn mir der Gedanke einmal
kam, wies ich ihn sofort zurck. Aber was bedeutete ihr Schweigen? War sie
krank? Eine neue verzehrende Sorge zu den innern Aufregungen der letzten
Wochen. Eine Post war noch brig; kam damit kein Brief, so mute ich
fr einige Zeit alle Hoffnung aufgeben, da Herr Gray so zu reisen
beabsichtigte, da fr den Anfang keine Adresse angegeben werden konnte,
unter welcher uns Briefe erreicht htten.

Es war gegen neun Uhr Morgens; um zehn reisten wir. Ich war in meinem
Zimmer, wo ich einige Kleinigkeiten an meinem Gepck besorgte; so oft die
Klingel der Hausthr sich hren lie, mute ich einige Sekunden aufhren,
weil ich heftig zitterte. Ich horchte dann angestrengt; war ein Brief fr
mich gekommen, so muten sich alsbald Schritte meinem Zimmer nhern. Drei-,
viermal hrte ich nichts; endlich, nachdem wieder geklingelt worden war,
kam man die Treppe herauf. Ich ri meine Zimmerthr auf und lauschte den
sich nhernden Schritten; es war das Kammermdchen; sie kam in den Gang und
machte Miene, an mir vorberzugehen, erschreckt aber durch mein verstrtes
Gesicht, blieb sie stehen und fragte mich theilnehmend, was mir fehle.
Kein Brief fr mich, Burbett? fragte ich leise; die Aufregung der
Erwartung schnrte mir fast die Kehle zu. Die Post ist noch nicht da,
Frulein, sagte sie etwas befremdet. Ich athmete auf und ging in mein
Zimmer zurck, noch war Hoffnung da. Und nun, da ich frs erste beruhigt
war, fing ich an einzusehen, da meine Aufregung, in welche ich mich selber
nach und nach hineingearbeitet hatte, eigentlich eine sehr thrichte und
grundlose sei. Am Ende kam es ja so sehr auf Eile in dieser Angelegenheit
nicht an, und wie Vieles und welche geringfgigen Ursachen konnten die
Mutter vom Schreiben abgehalten haben! Wute sie doch nichts von meiner
Absicht bei der Frage an sie, dieselbe mochte ihr wie eine natrliche
Neugierde vorkommen, angeregt durch ihre Erzhlung. Sie liebte es nicht,
wenn ich ihr zweimal hintereinander schrieb, ohne ihre Antwort abzuwarten.
Dies sei unnthig, hatte sie gesagt; werde sie wirklich einmal ernstlich
krank, so sei auf diesen Fall die Magd schon angewiesen, es mich sogleich
wissen zu lassen, ein adressirtes Couvert liege zu diesem Zweck immer
bereit. So beschlo ich denn, mich zu gedulden, mir mittlerweile alle
Eventualitten auszudenken und mir klar zu machen, was ich in jedem Falle
thun msse.

Wir stiegen in die Wagen, welche uns zur Station bringen sollten, Herr und
Frau Gray mit den grern der Kleinen in einen, die beiden Wrterinnen
mit den jngsten Kindern in einen zweiten und in den dritten meine beiden
Zglinge, Herr Forster und ich, whrend Roger auf dem Bocke Platz nahm
und John neben uns ritt. In hnlicher Weise war unsere Karavane immer
vertheilt, wenn wir uns zu Wagen fortbewegten, nur da die Herren fast
immer alle ritten, sobald Pferde zu haben waren. Unterwegs beugte sich Herr
Forster vor und sagte lakonisch: Noch keine Nachricht? Ich schttelte mit
dem Kopfe. John, welcher eben dicht neben uns ritt, hatte die Worte gehrt
und rief pltzlich: Ach, Frulein, verurtheilen Sie mich, den ganzen Weg
auf einem Esel hinter Ihnen herzureiten, oder zu etwas Schlimmerem, wenn's
mglich ist. Gestern Abend, ja, es mu gesagt sein, gestern Abend kam ein
Brief an Sie; die Mutter gab ihn mir, weil ich sonst, wie Jedermann wei,
die Zuverlssigkeit selber bin. Sie waren nicht zu Hause, nachher ritt ich
noch einmal fort--

Aber wo ist er jetzt? Haben Sie ihn hier? rief ich heftig.

Er ist -- wahrhaftig, es thut mir entsetzlich leid -- er ist in der Tasche
meines alten Jagdrocks. Aber vielleicht ist es noch Zeit, ihn zu holen!
rief der gutmthige Junge, da er gewahrte, wie ich pltzlich ganz
vernichtet aussah. Er sprengte sogleich davon, zum Wagen seines Vaters.

Papa, kann ich noch einmal nach Hause reiten? Ich habe etwas vergessen.

Die zwei Meilen! Unsinn, John! Da lutet es schon zum ersten Male; komm,
hole Deine Schwestern heraus. Du httest nichts vergessen sollen.

Wir stiegen aus. John kam sogleich ganz zerknirscht wieder zu mir; ich
gab ihm die Hand, zu sagen fand ich nichts. Dieser Umstand erschien mir
in meinem damaligen erregten Zustande wie ein Wink, das Struben gegen
das Schicksal, welches uns nun einmal zur Armuth und Unterdrcktheit
verurtheilte, aufzugeben; er entmuthigte mich mehr, als es seine
eigentliche Wichtigkeit mit sich brachte, und ich verlebte die ersten Tage
der Reise in groer Niedergeschlagenheit. Erst als der Anblick von Edinburg
pltzlich mit zauberischer Schnheit auf uns hereinbrach, wurde ich von
meinen trben Gedanken einigermaen abgezogen.




Fnftes Kapitel.


Wir befanden uns im schottischen Hochlande. Eines Nachmittags machten wir,
das heit die rstigen Fugnger der Gesellschaft, uns noch spt aus unserm
Bergwirthshause auf, um eine naheliegende steile Hhe zu erklettern, von
welcher aus wir den Untergang der Sonne beobachten wollten. Der Weg war
uerst beschwerlich, sogar gefhrlich. Die jungen Herren befanden sich
in ihrem Elemente. Wir kamen endlich auf dem erstrebten Punkte an,
welcher brigens nicht der Gipfel der Felspartie war, sondern eine weite
Felsplatte, mit Moos, sogar mit sprlichem Grase bedeckt, unter der das
todte, zerklftete Gestein gewaltig ausgedehnt dalag, whrend im Rcken
derselben die Felsen sich noch hoch, aber unersteiglich steil aufthrmten.
Auf der Flche fanden wir mehrere Gruppen und einzelne Reisende vor, welche
sich ringsum aus den Thlern zu diesem bekannten Punkte hinaufgearbeitet
hatten. Wir standen und saen bald ungezwungen umher, uns dem herrlichen
Schauspiel des Abendhimmels hingebend. Herr Forster fand sich, wie jetzt
hufig, zu mir, auch John war bei uns, bis er unter den Touristen einige
Mitschler erkannte, denen er sich anschlo. Mein Landsmann und ich
betrachteten nun in aller Mue die Naturschnheiten der Scene nicht nur,
sondern auch was sich von Menschen in dieser Oede zusammengefunden hatte.
Die Menschen waren meist Englnder, behbige Spiebrger und bermthige
Studirende, ein ganzes Pensionat junger Damen, ein Geistlicher mit seiner
zahlreichen Familie, auerdem auch einige Franzosen und andere Touristen,
deren Nationalitt festzustellen wir uns nicht getrauten.

Haben Sie sich jetzt getrstet ber John's Nachlssigkeit? fragte mich
Herr Forster, nachdem wir eine Weile zusammengestanden hatten. Ich drehte
mich rasch nach ihm um, um zu sehen, ob er etwa seine spttische Miene
angenommen und mich mit dem Mangel an Selbstbeherrschung, den ich bei
jener Gelegenheit gezeigt, necken wolle. Es schien nicht so, er sah ganz
ernsthaft aus.

Ich war auerordentlich rgerlich darber, antwortete ich ihm, eine
directe Antwort vermeidend.

Ja, das konnte man sehen, das htten Sie mir nicht zu sagen gebraucht;
aber es kommt doch auf Verzgerung jener Antwort so gar viel nicht
an. Setzen wir jedoch den Fall, Sie htten dieselbe, wir fnden die
Mittheilungen Ihrer Frau Mutter wichtig, ich sagte Ihnen nach meiner
Ueberzeugung, da der Stand der Angelegenheiten Sie nicht hindere, Ihre
Verwandten vor Gericht zu ziehen, wollten Sie es denn wirklich zu einem
Processe kommen lassen?

Ich sah ihn verwundert an, ich verstand ihn gar nicht.

Ich meine, fuhr er fort, und seine Stimme hatte etwas Strenges bei den
folgenden Worten, wollen Sie versuchen, Ihre Verwandten von den Gtern zu
vertreiben und sich an ihre Stelle zu versetzen?

An _ihre_ Stelle! sagte ich jetzt in einiger Aufregung, in der es mir
nicht darauf ankam, mit seinen Worten zu spielen. Ich verstehe Sie nicht,
Herr Forster! Die Leute sind gar nicht an ihrer Stelle! Was in aller Welt,
welche Rcksicht, welche lcherliche Schwche sollte mich abhalten, mir
Recht zu verschaffen, Recht, Recht! Ich drste danach, diese Eindringlinge
zu vertreiben; wohin, ist mir gleich und wre es ins Elend, in welchem wir
so lange leben muten!

Frulein von Gnthershofen! sagte er beschwichtigend in einem
Schulmeisterton.

Was wollen Sie! rief ich jetzt, immer erregter werdend und indem ich in
der erhhten Stimmung des Augenblicks unbewut eine Hypothese aufstellte,
die sich nachher als Wahrheit erwies. Soll auf der Ehre meines Vaters,
vielleicht der Mutter meines Vaters ein Makel bleiben? Soll meine Mutter,
meine verehrungswrdige Mutter ferner in Drftigkeit ihre Tage verbringen,
weil mir der Muth fehlt, eine Schmach aufzudecken, ber die eine Reihe von
Jahren dahingegangen ist? Nein, Alles will ich daran setzen, da wir Recht
erhalten, nur Recht, weiter nichts!

Er sah mich verwundert an. Das altadlige Blut hat bei Ihnen noch nichts
von seiner Hitze eingebt, sagte er dann und lchelte. Aber lassen wir
das! Sehen Sie nur, wer ist denn das, der sich dort so lebhaft mit Ihren
Zglingen unterhlt?

Mich berhrte der rasche Uebergang in seiner Rede sehr unangenehm; es kam
mir vor, als habe er nur mit meiner Erregbarkeit experimentiren wollen; ich
konnte nicht sprechen und wandte mich ab, anstatt der von ihm bezeichneten
Richtung mit den Augen zu folgen. Herr Forster schwieg nun eine Weile und
schien selbst die Gruppe, auf welche er meine Aufmerksamkeit hatte lenken
wollen, zu beobachten; endlich berhrte er mich leicht am Arm und sagte
freundlich: Kommen Sie, liebes Frulein, verderben Sie sich den schnen
Abend nicht. Der Ha ist ein schlimmer Gast im Herzen; dasselbe kann,
whrend es ihn beherbergt, nicht glcklich sein.

Diese wohlfeile Weisheit dnkte mir ganz unertrglich, die Thrnen
stiegen mir auf, ich wollte mich nicht so meistern lassen. Nach einigen
Augenblicken jedoch gewann die Ueberzeugung die Oberhand in mir, da ich
es eigentlich nicht besser verdiene; meine Reizbarkeit und Erregtheit kamen
mir geradezu kindisch vor, ich bezwang mich mit einiger Anstrengung, drehte
mich herum und wollte versuchen, unbefangen zu den Uebrigen hinzugehen.
Aber was war das? Wer, um Gotteswillen, wer stand einige Schritte von mir
bei den jungen Grays? Sollte mir denn die Selbstbeherrschung gar so schwer
gemacht werden? Welche sonderbare Aehnlichkeit hatte jener groe stattliche
Herr mit einem Andern, den ich freilich nur einmal in meinem Leben gesehen,
dessen Bild sich aber meinem Gedchtni unauslschlich eingeprgt hatte?
In mir kmpften Neugierde und Angst sogar vor dem Scheinbild jener Gestalt,
bis Herr Forster scherzend sagte: Kommen Sie, Ihre Gouvernantenpflichten
schon rufen Sie dorthin. Sind Sie nicht hier als Beschtzerin jener jungen
Damen?

So schritten wir denn zusammen auf die in einiger Entfernung stehende
Gruppe zu. Sie bestand aus meinen beiden Zglingen, die sich in ihren
hellen hbschen Kleidern, mit den leichten, blaubebnderten Strohhten,
welche so gut zu den rosigen Gesichtern und den schnen blonden Haaren
paten, gar anmuthig ausnahmen, ihrem Bruder Roger und einem vornehm
aussehenden Fremden, den ich zuvor nicht bemerkt hatte. Er stand halb
abgewendet von mir, im Gesprche auf die Tiefe vor uns deutend; jetzt
drehte er sich herum, ich konnte ihm in das Gesicht sehen und nun war
mir's, als mte _ich_ mich fortwenden und davoneilen, ehe er mich erkennen
konnte, die Felsen hinab, in die Einde hinein, nur fort aus seiner
verhaten Nhe. Aber zum Fortlaufen, wenn es auch die Umstnde erlaubt
htten, war es zu spt, der Freiherr hatte mich gesehen. Er fuhr sich mit
der Hand ber die Stirn, eine Bewegung, die ich ihm so bel wie mglich
auslegte -- er wollte sich gewi nur fassen zu einer Frmlichkeit, wie
sie sich der armen Verwandten gegenber schickte, die so unbequem vor ihm
aufgetaucht war; vielleicht verleugnet er mich gar, dachte ich, aber ich
hatte mich getuscht. Sehr freundlich -- sogar mir konnte sein Benehmen
nicht anders als freundlich vorkommen -- that er mir ein paar Schritte
entgegen und streckte seine Hand nach der meinigen aus; ich reichte ihm
dieselbe nicht, sondern verbeugte mich nur. Seine leichte Hflichkeit glitt
ber diesen kleinen Zwischenfall hinweg; mit den herzlichsten Ausdrcken
begrte er mich als seine Cousine -- welches Vorgehen ich ihm nur als
Heuchelei auslegte -- und erwies sich, whrend mein Benehmen den Uebrigen
bis zur Ungeschliffenheit zurckhaltend erscheinen mute, so liebenswrdig,
da sich alle, Herr Gray, welcher inzwischen auch auf dem Plateau angelangt
war, nicht ausgenommen, von ihm bezaubert fanden. Ein Gesprch, anfnglich
nur von ihm und Roger gefhrt, hatte sich, wie ich nachher erfuhr, durch
die Umgebung angeregt fesselnd weitergesponnen, bis alle hineingezogen
waren; auf Reisen wird man leicht bekannt und die Grays gehrten berdies
zu den liebenswrdigsten, zugnglichsten Menschen. So stieg denn der
Freiherr von und zu Gnthershofen mit in den Gasthof hinab, wo er der
Mutter vorgestellt wurde und auch sie durch seine ritterliche Galanterie
sehr zu seinen Gunsten stimmte. Er speiste mit uns zu Abend und befestigte
bei allen den durchaus angenehmen Eindruck, welchen er gemacht hatte; an
mich richtete er nur von Zeit zu Zeit ein Wort und dann in einer gewissen
schonenden Weise, als wisse er nach meinem vorherigen Benehmen nicht,
wessen er sich von mir zu versehen habe, und frchte eine Probe
Gnthershofen'scher Rcksichtslosigkeit.

Alle waren in der heitersten Laune auer mir. Ich eilte nach Tische schnell
fort, aber wohin sollte ich mich wenden, um die Einsamkeit zu finden, nach
der es mich so sehr verlangte? Wir waren in den obern Zimmern fr wenige
Tage eng zusammengepackt; dort hielten sich jetzt die Kinder und das
Dienstpersonal auf. Hinter dem Hause befand sich ein Grtchen, auf dasselbe
gingen aber die Fenster des Speisesaals, in welchem unsere Gesellschaft
noch beisammen sa, und man htte mich sehen knnen. So setzte ich denn
meinen groen Strohhut auf und eilte aus der vordern Thr den Weg hinauf,
den wir vor kurzem herabgestiegen waren. Noch whrte die lange Dmmerung
des Sommertags; es war ziemlich hell und ich schritt rasch fort, fliehend
eigentlich vor den peinlichen Empfindungen, die mich in der Nhe des Gastes
unten bestrmten.

An einer lieblichen Stelle des Pfades, wo moosberzogene Steinblcke
gelagert waren, ber welche blhender Flieder herabhing, setzte ich mich,
und hier berkam mich das Gefhl der Einsamkeit so sehr, whrend ich an die
Uebrigen dachte, welche unter frhlichen Scherzen zusammenweilten, und ich
fhlte pltzlich ein so heies Verlangen nach meiner Mutter, die in ihrem
rmlichen Stbchen auch einsam sa, da ich die Arme vor mir auf einen
Felsblock legte, das Gesicht hineindrckte und den Thrnen freien Lauf
lie, die ich seit Wochen schon so oft zurckgedrngt hatte. Aber auch
diese Erleichterung sollte mir verkmmert werden; ich hrte Schritte sich
nahen und richtete mich schnell in die Hhe, der einzelne Fugnger wurde
sichtbar und ich erkannte aufathmend den Doctor. Erst schritt er an meinem
Zufluchtsorte vorber, dann wandte er sich pltzlich, wie von einem Einfall
getrieben, um und stand im nchsten Augenblicke vor mir. Sowie er mich
gewahr wurde, erhob er drohend den Finger: Sie werden sich erklten,
Frulein. Statt aller Antwort begngte ich mich meinerseits zu bemerken,
als spiele ich auf ein uns beiden bekanntes Thema an und es brauche keiner
Einleitung:

Das ist der Freiherr!

Ihr Feind, ergnzte er, den Sie von Haus und Hof vertreiben wollen.

Ich nickte. Hassen Sie ihn noch? fragte darauf der Doctor mit einer so
eigenthmlichen Betonung, da mir pltzlich der Gedanke aufstieg, Herr
Forster halte mich fr und behandle mich wie ein Kind, dessen Launen man
nachgeben msse, um heftige Scenen zu vermeiden; eine Angst berfiel mich
bei dieser Idee, die mir die Kehle zuschnrte. Ich mute ihm beweisen,
da er sich irre, da ich wisse, was ich wolle, und vor den Folgen meiner
Handlungsweise nicht zurckschrecke. Deshalb sagte ich sehr ruhig, indem
ich mich erhob: Ich habe den Freiherrn vermieden, weil es mir
peinlich war, mich von ihm in einer Weise behandeln zu lassen, die auf
freundschaftliches Einvernehmen deutet.

Er wei also nicht, wie Sie gegen ihn fhlen? fragte Forster.

Ich glaube nicht; er soll es aber wissen, ich werde mit ihm reden, von ihm
erfahre ich auch vielleicht, was ich von meiner Mutter zu hren wnschte.

Hoffen Sie gar nicht auf einen gtlichen Vergleich? warf Forster
dazwischen. Die Idee war mir ganz neu und ich antwortete demgem.

Nun, es ist dergleichen schon fter dagewesen, meinte er. Der Freiherr
scheint nicht so bel; es mu Ihnen wirklich schwer fallen, seiner
einnehmenden Persnlichkeit gegenber Ihre feindseligen Absichten fest zu
halten.

Das wte ich nicht, erwiderte ich. Das Gefhl des schmhlichsten
Unrechts, das einem zugefgt worden ist, frit tiefer, als Sie zu glauben
scheinen. Der Freiherr ist ein Cavalier und ein angenehmer Gesellschafter,
das beweist noch nichts fr seine Grundstze. Jedenfalls will ich, da er
hier ist, eine Unterredung mit ihm suchen.

Mein Landsmann sagte hierauf nichts weiter, bis er mich nach einer Weile
darauf aufmerksam machte, da es immer dunkler werde und das Herabsteigen
am Tage sogar nicht ungefhrlich sei. So wendeten wir uns denn dem Thale
zu. Der Weg war allerdings sehr beschwerlich und ohne des Doctors sttzende
Hand wrde ich ihn kaum ohne Unfall passirt haben. Ich war aber so erfllt
von meinen Gedanken und Plnen, die sich jetzt besonders darum drehten,
auf nicht allzu auffallende Weise eine Unterredung mit dem Freiherrn
herbeizufhren, da ich ihm kaum fr seine Hlfe dankte und es mir auch gar
nicht einfallen lie, darber nachzudenken, wie er eigentlich auf dieselbe
abenteuerliche Idee hatte verfallen knnen wie ich, den Bergpfad am Abend
noch aufzusuchen. Ueber unser Zusammentreffen erhielt ich jedoch bald
Aufklrung. Vor dem Hause auf einer Art Balkon, der in der Hhe von einigen
Stufen an der Fronte desselben hinlief, promenirten die Herren, indem sie
ihre Cigarren rauchten. Als wir uns nherten, schritt uns der Freiherr
entgegen.

Meine Landsleute haben wohl als echte Deutsche den Aufgang des Mondes von
jener Felsplatte aus beobachtet? sagte er lchelnd. Forster nahm es auf
sich, zu antworten.

Frulein von Gnthershofen mag dergleichen Gelste gehabt haben, ich
frchtete es wenigstens und stolperte die Felsen hinauf, hinter ihr drein,
um sie womglich unversehrt zurckzugeleiten, und hier sind wir nun,
merkwrdigerweise, ohne den Hals gebrochen zu haben.

Ich habe bis jetzt versumt, Ihnen fr Ihre Dienste zu danken, beeilte
ich mich zu sagen und fgte hinzu: Ich wute gar nicht, da Sie mit so
guten Absichten oder da Sie berhaupt mir nachgekommen waren.

O bitte, es ist gern geschehn, erwiderte er hastig und ging dann mit
einer etwas linkischen Verbeugung pltzlich von uns; ich blieb mit meinem
Verwandten allein. Das Herz klopfte mir whrend des nun fr einige Momente
eintretenden Schweigens so stark, da ich frchtete, er mchte den Schlag
desselben hren; jetzt war mir Gelegenheit gegeben zu der Unterredung, die
ich so sehr herbeigewnscht hatte. Der Freiherr begann endlich -- er hatte
galant seine Cigarre weggeworfen, als ob er auf eine verwandtschaftliche
Plauderei rechne:

Sie leben mit einer liebenswrdigen Familie, mein Frulein, wenigstens
scheint es mir so nach kurzer Bekanntschaft. Sind Sie zufrieden?

Gereizt wie ich gegen ihn war, emprte mich diese einfache Frage; wie
konnte er denken, da ich zufrieden zu sein vermchte, fern von meiner fast
in Drftigkeit lebenden Mutter, unter Fremden das Brod der Abhngigkeit
essend!

Ich kann, von meiner Mutter durch die Noth getrennt, wohl kaum zufrieden
sein, Herr Freiherr, antwortete ich ihm denn auch etwas gezwungen. Ich
sehne mich nach ihr, sie ist alt und bedarf meiner, man hat ihr weiter
nichts gelassen als mich.

Der Freiherr sah mich an, das fhlte ich, obwohl ich vor mich hin und nicht
zu ihm in die Hhe schaute; ich mochte ihm ganz anders vorkommen als vor
einigen Monaten im Stbchen der Mutter -- das arme Frulein mit den edlen
Entschlssen und dem zu kurz gewordenen Kleide. Aber was lag auch Alles
zwischen jenem Abend und diesem! An dem Abend noch hatte ich eine wahre
Geschichte erzhlen hren, die mich innerlich ganz umwandelte -- nicht zum
Bessern, wie ich mir spter wohl gesagt habe, die den Stolz weckte und
den Ha einbrgerte in einem bis dahin gar einfltigen, guten Herzen. Auch
uerlich hatte ich mich verndert; die Mutter wrde ihre Freude an mir
gehabt haben, wenn sie mich gesehen htte in den langen, weiten, schweren
Kleidern, die ich jetzt trug, der damaligen Mode gem, und durch welche
ich mir eine ganz andere Haltung angewhnt hatte, als meine frhere
gewesen.

Diesmal war die Pause lnger als vorhin; offenbar wute der Freiherr nicht,
was er mir erwidern sollte, endlich sagte er leise: Ja, es sind traurige
Verhltnisse, sehr traurige, aber wie knnen sie gendert werden?

Er sprach dies, wie es schien, mehr zu sich als zu mir, und als rede er
von etwas, das seinen Gedanken nicht fremd sei. Ich aber richtete mich hoch
auf, sah ihn fest an und entgegnete ihm: Ich will Ihnen sagen, gndiger
Herr, wie sie gendert werden knnen, diese traurigen Verhltnisse; sie
knnen es, indem meine Mutter auf dem Rechtswege wieder zu den Gtern
meines Vaters gelangt, die ihm vor zwanzig Jahren -- abhanden gekommen
sind, bezwang ich mich zu schlieen; mir hatte etwas Anderes auf der Zunge
geschwebt. Da war sie nun, die Kriegserklrung -- mir war, nachdem ich sie
ausgesprochen, als schwebe jetzt etwas ber mir, was alle Augenblicke auf
mich niederstrzen knnte. Auf den Freiherrn jedoch schienen meine Worte
nicht den Eindruck zu machen, den ich gefrchtet hatte; er sagte sogleich
in ruhigem Tone: Fahren Sie fort, Frulein Base! Die Gter gehren zum
Theil jetzt mir, das heit, ich habe sie gegenwrtig in Besitz. Sie wollen
einen Process gegen die Erbrcker und mich anhngig machen?

Ja, das will ich, sobald ich von rechtskundiger Seite erfahren haben
werde, ob irgend eine Chance fr uns da ist!

Ich verdenke es Ihnen nicht, sagte er leicht, aber wissen mchte ich
doch, ob dieser landesflchtige Herr Doctor Ihnen die Idee zuerst in den
Kopf gesetzt hat. Verzeihen Sie meine Hypothese, aber Sie scheinen vertraut
mit ihm. Ihre Frau Mutter hatte, soviel ich wei, nie die Absicht--

Halten Sie ein, Herr Freiherr! rief ich entrstet. Sie mgen sich sicher
dnken auf dem erschlichenen Besitzthum -- wahrscheinlich sind Sie das
auch, denn wer die Macht hat, hat gewhnlich das Recht -- aber meiner
spotten sollten Sie doch nicht. Die Idee, wie Sie meine Absicht zu nennen
belieben, ist in mir aufgestiegen, als ich eines Abends vor meiner Mutter
sa und sie mir ihre Geschichte erzhlte, eine Geschichte des Leidens, der
entsetzlichsten Krnkungen, der Verfolgung, des Unterliegens. Kennen Sie
jene Geschichte, mein Herr? Ihre Aeltern haben darin mitgespielt, Sie
selber nicht; kennen Sie den wahren Sachverhalt?

Ich war so erregt, so ganz aufgegangen in dem Gegenstande unseres
Gesprchs, da ich Zeit und Ort vergessen hatte; wir waren unwillkrlich
nach dem fernern Ende der Terrasse hingegangen, weit von uns standen die
Uebrigen in einer Gruppe, wir achteten ihrer nicht. Und noch heute, wenn
ich jene Scenen berdenke, die mir fest im Gedchtni geblieben sind, noch
heute erschrecke ich fast vor der Art und Weise, in welcher ich zu dem
Freiherrn sprach; ich kann nicht begreifen, woher mir der Muth kam, dem
hohen, stattlichen, sichern Cavalier gegenber. Er antwortete auf meine
letzte Frage nicht, und whrend er schwieg und vor sich hin sah, hingen
meine Augen begierig an seinem Munde. Endlich richtete er das Antlitz in
die Hhe und seine Blicke begegneten den meinen -- er schlug vor denselben
die Augen wieder nieder.

Sie haben sehr harte Worte gegen mich gebraucht, Frulein, sagte er dann
dumpf, aber wenn ich mich an Ihre Stelle versetze, kann ich Ihnen nicht
Unrecht geben. Sie glauben also, da das Urtheil, welches uns damals die
Gter Ihres Vaters zusprach, ein ungerechtes gewesen?

Ja, ich glaube es, fast mchte ich sagen, ich wei es, obgleich mir nicht
bekannt ist, auf welchen Grund hin man die Rechte meines Vaters
anzutasten gewagt hat. Meine Mutter hat leider ber diesen wichtigen Punkt
geschwiegen. Ich habe an sie geschrieben und mir Auskunft erbeten; ein
Brief von ihr ist angekommen und durch eine Nachlssigkeit mir vor der
Abreise von C. nicht zugestellt worden. Seitdem ich Sie nun hier gesehen,
ist mir eingefallen, da Sie mir auf meine Bitte diese Auskunft gewi nicht
verweigern wrden. Die Motive zu dem Verfahren gegen meinen Vater kenne ich
wohl, aber nicht den Vorwand, welchen man benutzt hat, um es ins Werk zu
setzen.

Den Vorwand? sagte der Freiherr ruhig. Hat nicht ein Gericht, ein
wenn auch nicht unfehlbares, so doch vollstndig competentes Gericht die
Ansprche beider Linien geprft und die unserigen als gltig erkannt?

Ich war seinem Raisonnement eben nicht zugnglich und entgegnete rasch
und unbedacht: Das beweist gar nichts. Der Frst hat dem Gerichte den
Ausspruch, den es thun sollte, dictirt; er wute wohl, warum.

Bei der Nennung des Frsten hatte der Freiherr eine Bewegung wie unter dem
Einflu physischen Schmerzes gemacht; ich merkte auch, da ich im Begriffe
war, zu weit zu gehen, und wendete mich, um zu den Uebrigen zurckzukehren.
Da hob der Freiherr noch einmal an: Wenn Sie nichts dagegen haben,
Frulein, will ich mit Herrn Forster, der sich zu einer Mittelsperson ganz
gut zu eignen scheint, Einiges in der Angelegenheit besprechen und ihm auch
die Auskunft, welche Sie verlangten, geben. Sie knnen dann thun, was Ihnen
gut dnkt.

Die ersten Worte seiner Bemerkung hatten mich berrascht, ehe ich ihm aber
fr sein Anerbieten danken konnte, hrtete mich wieder der Schlu: Sie
knnen dann thun, was Ihnen gut dnkt.

Das will ich, sagte ich kurz. Gute Nacht, mein Herr! Und damit verlie
ich ihn und eilte, nachdem ich mich von den Uebrigen verabschiedet hatte,
nach meinem Zimmer, nicht um mich zur Ruhe zu begeben, mir war, als wrde
ich nie wieder ein Bedrfni nach Schlaf fhlen knnen, so kreisten die
Gedanken in meinem Kopfe, welche mich beunruhigten und mich jetzt hufig
viele Stunden in der Nacht wach hielten. Manchmal kam es mir vor wie ein
Traum, wie ein Betrug meiner aufgeregten Phantasie, da ich den Freiherrn
gesprochen haben sollte, ihn selbst, den deutschen Adligen, hier in den
schottischen Bergen. Wie sonderbar war doch das Zusammentreffen! Wie sehr
aber auch erhob es die Ideen, die mich seit einigen Wochen beherrschten,
nun erst recht zu den wichtigsten, die es fr mich geben konnte; nun mute
etwas geschehen, das Schicksal hatte selbst die Hand geboten. Und dann
wendeten sich die rastlos arbeitenden Gedanken der Person des Freiherrn
zu, seinem Betragen, seinen Worten, und da berfiel mich auf einmal eine
entsetzliche Unruhe, als habe ich irgend etwas gethan, was sich nie wieder
gut machen lasse, an irgend etwas Unnahbares gerhrt, irgend etwas ganz,
ganz verfehlt. Ich wute mir dies Gefhl nicht zu erklren: ich rief mir
Alles, was ich gesprochen, ins Gedchtni zurck, ich mute mir sagen,
da ich harte Worte gebraucht, aber keine, die nicht meine innigen noch
bestehenden Ueberzeugungen ausgesprochen htten. So suchte ich mich denn
durch Grnde zu beruhigen, aber es wollte nicht gehen; wie hart, wie
rcksichtslos, wie rachschtig, ja wie frei in meinen Ausdrcken mute
ich ihm vorgekommen sein! Und wenn auch, dachte ich dagegen, ist es nicht
natrlich, da ich keine freundschaftliche Gesinnung fr ihn hege,
noch zeigen kann? Er stammt aus jener verhaten Familie und er mu ein
gewissenloser Mann sein, sonst knnte er den Besitz der durch Trug und
Tcke an sein Haus gekommenen Gter nicht ruhig genieen. Aber glaubte er
an jenen Trug, jene Tcke? Er war ja noch ein Knabe gewesen zur Zeit
jenes Processes; vielleicht, ja wahrscheinlich hatte sein Vater ihn nie
eingeweiht in das Complot zwischen sich und dem Frsten. Und dann -- und am
qulendsten machte sich der Selbstvorwurf geltend -- wie schonungslos, wie
unmdchenhaft hast Du auf den Makel seiner Geburt hingedeutet, an dem er
unschuldig ist! So stritten sich die Gedanken in mir, klagten sich an und
entschuldigten sich, bis ich mir meine Mutter vergegenwrtigte und ihre
Erzhlung mir wiederholte, um mich von neuem zu meinem Vorhaben zu strken.
Nun aber, whrend die stillen Stunden der Nacht an mir vorbeizogen, eine
nach der andern, und mit dem nahenden Morgen kam das angstvolle Erwarten
der Aufschlsse, die mir durch Forster zu Theil werden sollten, und machte
meine Pulse schneller schlagen, soda ich erst nach Sonnenaufgang in einen
kurzen Schlaf verfiel, whrend dessen das arbeitende Gehirn die Gedanken,
die es zuvor bewegt, aus ihrer Folge gerissen, in wirren Trumen
durcheinander warf und zu sinnlosen Bildern verkettete.




Sechstes Kapitel.


Es erschien mir wie eine Vergnstigung des Schicksals, da Herr Gray
sich vornahm, die Zimmer in dem schngelegenen Gasthause, welche wir inne
hatten, noch fr eine Weile zu benutzen und dasselbe zur Basis unserer
Operationen in den nachbarlichen Bergen zu machen. Der Freiherr, fr
den sich gerade noch Raum gefunden hatte, blieb auch auf die herzliche
Einladung der Familie, er mge sich ihren Ausflgen in der nchsten
Zeit anschlieen. Hier war nun auch Gelegenheit, sich die Briefe, welche
inzwischen zu Hause angekommen sein mochten, zuschicken zu lassen. Frau
Gray schrieb an die alte Kchin, die das Haus htete, und drei Tage darauf
erhielten wir ein ganzes Paquet Briefe.

Wir saen gerade auf dem Balkon beim Frhstck, als der Postbote mit dem
Rnzchen auf dem Rcken und dem Bergstock in der Hand angewandert kam. Herr
Gray nahm die Briefe in Empfang; meine Augen hingen an ihm in fiebernder
Erwartung, whrend er dieselben langsam durch die Hnde gleiten lie.

Setzen Sie lieber Ihre Tasse hin, Frulein, sagte Forster neben mir
mit leichtem Spott. Sie zittern zu sehr, als da Sie Ihre Manipulationen
fortsetzen knnten.

Ich gehorchte mechanisch und in demselben Augenblick streifte mein Blick
den Freiherrn. Herausgefordert durch seinen Ausdruck, schaute ich wieder
hin, er sah unverwandt auf mich, mit dsterem Gesichte, er wute, was ich
erwartete -- eine Anklage war es, eine Anklage ehrlosen Handelns, gegen
seine Familie gerichtet. Aber mich kmmerte sein Aussehen wenig, denn John
reichte mir eben mit einer komisch zerknirschten Miene, die nur ich zu
deuten vermochte, den Brief meiner Mutter, um welchen er eine besondere
Botschaft an die alte Wirthschafterin geschickt hatte. Nun endlich, endlich
hielt ich ihn in Hnden, nun brauchte ich die Aufschlsse des Freiherrn
glcklicherweise nicht mehr. Ich ri sogleich den uern Umschlag ab
und schaute auf das Couvert mit den theuern Schriftzgen meiner Mutter;
liebkosend deckte ich dann wieder die rechte Hand darber und schaute
auf, froh in der Sicherheit des Besitzes. Da begegnete ich zuerst John's
lachenden braunen Augen, der liebe Junge nickte mir freundlich zu; und nun
mute ich auch wieder nach dem Freiherrn hinsehen: er hielt die Augen
auf meine Hnde gerichtet, mit denen ich den Brief wie ein Kleinod umfat
hielt. Mich beschlich in dem Augenblicke ein Gefhl der Furcht vor ihm,
welches ich noch gar nicht gekannt hatte. Wre er doch weit fort von hier,
dachte ich.

Es wurde nun, wie gewhnlich am Morgen, ber die weitere Verwendung des
Tages verhandelt und der Punkt gewhlt, welchen man in Augenschein nehmen
wollte. Da die Entfernung keine geringe war, mute sofort aufgebrochen
werden, meine Unlust zu der Expedition war aber so gro, da ich Kopfweh
vorschtzte und um die Freiheit bat, zu Hause bleiben zu drfen. In einer
halben Stunde zog Alles ab und nun war ich endlich allein; ich setzte
mich auf dem kleinen Kanapee in meinem Zimmer zurecht, ganz sicher, nicht
gestrt zu werden, und fing an zu lesen. Wie ich gewollt, hatte die Mutter
meine Anfrage als aus einer Art Neugier hervorgegangen betrachtet und
beantwortete sie daher erst am Ende des Briefes, nachdem alles Uebrige,
was mich irgendwie interessiren konnte, berhrt worden war, in folgenden
Worten: Ich dachte mir, liebe Margarethe, als ich Dir die Geschichte
unserer Unglcksflle erzhlte, da dieselben einigen Eindruck auf Dich
machen wrden. Lange berlegte ich, ob es nicht besser wre, Dich noch
unwissend zu lassen in Bezug auf dieselben, aber es schien mir schlielich
nicht das Richtige. Du gingst fort, ich konnte sterben inzwischen, spter
wre Dir vielleicht das oder jenes zu Ohren gekommen ber die Vergangenheit
Deiner Familie und htte Dich mit Unruhe oder gar mit Zweifeln an unserer
Ehre erfllen mssen; auch war ich Dir eine Erklrung unserer so wenig
standesgemen Armuth schuldig. Du berhrst nun in Deinem Briefe einen
Punkt, den ich damals von meinem Berichte ausgeschlossen hatte, aber
ich sehe nach reiflicher Ueberlegung auch dafr keinen Grund mehr. Die
Wahrheit, sei sie auch noch so herb, ist fast immer wohlthtig, und es
ist uns fr das Leben ein Muth nthig, welcher der hrtesten Wahrheit ins
Gesicht zu sehen vermag. So wisse denn, da man in jenem verbrecherischen
Processe die Ehre der verstorbenen Mutter Deines Vaters angriff; man sagte
aus, da Dein Vater nicht der Sohn des Gemahls der Frau von Gnthershofen
sei, sondern eines Edelmanns, zu dem sie allerdings, sowie ihr Gemahl, in
freundschaftlicher Beziehung gestanden hatte. Diese niedrige Anklage gegen
eine lngst verstorbene, edle, von ihren Freunden hochgeehrte Frau belegte
man mit Beweisen in Form eines Briefwechsels zwischen ihr und jenem
Edelmann, angeblich unter den Papieren des letztern nach seinem Tode
gefunden, geflscht aber, ja fr die Gelegenheit fabricirt, wie Dein Vater
und ich berzeugt waren und ich es noch bin. Es thut sich hier vor Dir eine
Tiefe der Bosheit auf, mein armes Kind, die Du wahrscheinlich nicht geahnt
hast; Du erhltst auch zugleich Antwort auf Deine Frage, warum ich nie
gegen die Besitzer unserer Gter gerichtlich eingeschritten sei. Zur Zeit
wurde es, wie Du weit, von Deinem Vater versumt. Der Schlag hatte ihn
zu hart getroffen und seine Thatkraft gelhmt; es wre auch da schon fast
hoffnungslos gewesen und wurde es im Laufe der Jahre immer mehr, da uns
alle Beweise fehlten, da jene Correspondenz wirklich eine geflschte
sei. Ich habe mit Sachwaltern darber gesprochen und sie haben die Achseln
gezuckt; wer mochte sich unter so ungnstigen Umstnden, wo ein Erfolg
nur durch die weitlufigsten, kostspieligsten Untersuchungen zu erzielen
gewesen wre, der Sache einer gnzlich verarmten Edelfrau gegen mehrere
reiche und angesehene Familien annehmen, wer eine Skandalgeschichte wieder
durchgehen, von welcher sich das Gefhl mit Abscheu abwendet. Die, welche
durch ihre hohe Meinung Deine Gromutter und ihren Freund in Schutz
genommen haben wrden, waren lngst todt, jener selbst war gestorben, ohne
Verwandte zu hinterlassen, denen an der Klrung seiner Ehre gelegen
gewesen wre: unsere Sache war und ist hoffnungslos. La Dir daher an
dem Bewutsein gengen, meine Tochter, da wir Unrecht leiden, aber keins
begangen haben, und bedenke, da es uns nicht zusteht, diejenigen zu
beneiden, welche sich durch Meineid an uns bereichert haben.

So schlo meine Mutter. Ich sa eine lange Zeit ganz still, nachdem ich den
Brief zu Ende gelesen, und suchte vergebens meine Gedanken zu sammeln; ich
konnte mich nicht fassen, ich war wie betubt, als habe ich einen Schlag
erhalten. War denn das Alles mglich? Konnte die Bosheit mit einer so
beispiellosen Frechheit Unschuldige angreifen, Lebendige und Todte? Und
konnte und durfte sie so triumphiren? Lange wirbelte es mir im Kopfe und
ich hatte nur ein dumpfes Gefhl unleidlichen Schmerzes, dann aber wurde
ich ruhiger und merkwrdigerweise so ruhig, da ich mich an die Stelle
meines jetzigen Gegners, des Freiherrn Bardolph von Gnthershofen, setzen,
gleichsam von seinem Standpunkt aus die Angelegenheit ansehen konnte. Ich
hatte ihm doch an jenem Abend und auch zuvor Unrecht gethan; er glaubte
gewi an die Gerechtigkeit seiner Sache, ja das Gericht sogar war
vielleicht berzeugt gewesen und hatte redlich verfahren. Diese Ansicht
besserte jedoch meine Stimmung keineswegs; noch nie war mir so wirr, so
trb zu Muthe gewesen, nie hatte ich mich so haltlos und elend gefhlt.
Whrend ich, den Kopf in beiden Hnden, dasa, klopfte es an die Thr und
Forster trat herein. Ohne im Anfang recht zu wissen warum, so dumpf war
mir zu Sinne, fhlte ich Erstaunen bei seinem Anblick; erst als er seine
Anwesenheit erklrend entschuldigte, fiel mir ein, da ich geglaubt hatte,
er sei mit den Uebrigen fort. Er habe auch Briefe von Wichtigkeit erhalten,
sagte er, und sich deshalb der Partie nicht angeschlossen. Dann fragte er,
da ihm mein verstrtes Wesen auffiel: Schlechte Nachrichten?

Ich hielt ihm schweigend meinen Brief hin, in dem ich mit dem Finger auf
die Stelle deutete, an welcher er anfangen sollte zu lesen. Er setzte
sich und las, ein-, zwei-, dreimal, dann sagte er ruhig: Ich war nach den
Aufschlssen, welche mir der Freiherr gegeben hatte, hierauf vorbereitet;
ihm scheint es, beilufig, nie in den Sinn gekommen zu sein, da hier ein
Unrecht vorliege, und so peinlich es ist, kann ich doch nicht umhin, Ihnen
zu sagen--

Da Sie es auch nicht glauben, unterbrach ich ihn. O ja, ich wei schon,
wei Alles, was Sie mir sagen knnen.

Das doch wohl nicht, Frulein von Gnthershofen, entgegnete er mit
unerschtterlicher Ruhe. Deshalb erlauben Sie mir einige Bemerkungen. Der
Anschein ist allerdings nicht zu Ihren Gunsten. Was man in der Sache thun
knnte, wre etwa Folgendes. Wir mten das Gerichtsverfahren von damals
genau prfen, auf die Voraussetzung hin, da der Ausspruch ohne gengende
Beweise gefllt worden sei; man mte einem Formfehler nachspren, dessen
Dasein mir nicht ganz unwahrscheinlich vorkommt. Auf diesem Wege aber, wohl
dem einzigen, der sich einschlagen liee, finden sich Schwierigkeiten
vor, welche mir unberwindlich scheinen. Das Frstenthum ist inzwischen
mediatisirt, das oberste Gericht mit dem in W. verschmolzen worden; ob
sich die Acten berhaupt wiederfinden wrden, ist sehr fraglich, jedenfalls
wrden die nthigen Nachforschungen mit groen Kosten verknpft sein. Sie
werden kaum einen Anwalt bewegen knnen, die Sache zu bernehmen, es mte
es denn ein Freund, der ber viel Zeit verfgen kann, aus Liebhaberei thun.
Mein wohlberlegter Rath also ist, mein Frulein, da Sie den Gedanken an
einen Proce aufgeben.

Er schwieg und ich auch; ich war in Nachdenken versunken. Ich dachte an
meine Mutter, wie sie nun bis zu ihrem Ende arm bleiben wrde, und auch
an meine eigene, ziemlich trbe Zukunft. Ich ging die Erzhlung der Mutter
noch einmal durch, das Bild meines armen Vaters schwebte mir vor, wie er,
gebrochen an Geist und Krper, dem Grabe zuwankte und ich sagte mir, da er
nun doch nicht gercht werden wrde. Dabei aber herrschte eine groe Ruhe
in mir, ich fhlte keine Bitterkeit, sondern nur Trauer; es mochte der
Umschlag sein nach der fieberhaft aufgeregten Stimmung der letzten Wochen,
da ich eine Mattigkeit in mir sprte, welche es mir fast wie eine Wohlthat
erscheinen lie, nun ruhen zu mssen, nicht um unser Recht kmpfen zu
knnen. Denn da unser Recht unterdrckt worden, daran zweifelte ich auch
jetzt nicht. Durch alle meine Gedanken aber tnten abgerissen die Worte in
mir wieder, welche Forster vor einiger Zeit fallen gelassen: Der Ha ist
eine schwere Brde; sie klangen mir im Ohr, ohne da ich darauf gehrt oder
darber nachgedacht htte. So hatten wir beide lange Zeit geschwiegen, bis
Forster wieder anfing: Wollen Sie mir folgen, Frulein?

Fr jetzt, ja, antwortete ich ihm, denn was kann ich thun? Ich bin arm,
ich habe keine Freunde, ich sehe die Unmglichkeit ein, zu handeln, und bin
kein Kind, welches mit dem Kopf durch die Wand will.

Knnten sich dann nur, whrend dieses Waffenstillstandes, freundliche
Beziehungen zwischen Ihnen und dem Freiherrn bilden, fuhr er fort. Ich
wei, bei gewhnlichen Menschen wre dies nicht mglich, aber Sie beide
mten sich, meine ich, ber Manches hinwegzusetzen vermgen, was Andere
beschrnkt. Von Ihrer Meinung ber den Charakter Ihres Verwandten sind Sie
wohl in etwas zurckgekommen, und der Freiherr hat in Bezug auf Sie keine
Vorurtheile zu berwinden.

War es ein gewhnlicher Widerspruchsgeist, der mich berkam, zugleich mit
der Ueberzeugung, da der Doctor vernnftig rede, oder hatte er, trotz
seiner Vernnftigkeit, mein von den Vorwrfen, die ich mir hatte machen
mssen, schmerzlich erregtes Selbstbewutsein zu unsanft berhrt, das
wte ich jetzt nicht zu sagen, so viel wei ich nur, da ich ihn hchst
unliebenswrdiger Weise fragte: Sagen Sie dies im Auftrage des Herrn von
Gnthershofen?

Forster sah mich erstaunt an. Nein, erwiderte er dann; der Freiherr will
Ihnen wohl, aber er hat mir keinerlei Auftrge an Sie gegeben.

Nun, so lassen Sie ihn von mir wissen, da ich sein Wohlwollen nicht
brauche, rief ich trotzig, und Forster, den meine Unart empren mochte,
empfahl sich nach wenigen gezwungenen Worten. Ich sah ihn auch den ganzen
Tag nicht mehr, und jener Tag, den ich allein und einsam verbrachte, ganz
meinen qulenden Gedanken hingegeben, ist einer der traurigsten meines
Lebens gewesen.




Siebentes Kapitel.


Unser Aufenthalt in den schnen schottischen Bergen nherte sich seinem
Ende. Ich war froh darber, denn mir war er seit der Dazwischenkunft des
Freiherrn ein peinlicher gewesen; ich fhlte das Vergngen der Freiheit und
Ungebundenheit nicht wie die Uebrigen, auf mir ruhte ein schwerer Zwang.
Der Frau Gray war mein stilles Wesen aufgefallen; in ihrer mtterlichen Art
drang sie in mich, ihr zu sagen, was mir fehle, und trotzdem oder eben weil
ich mein vollstndiges Wohlsein behauptete, kam sie zu dem Schlu, da mein
Gesundheitszustand kein guter sei, da mir die Strapazen und Aufregungen
einer Reise nicht bekmen, da ich zu Hause einen Zuschu zu den Ferien
erhalten und mich recht ausruhen mte. Ich lie das Alles zuletzt ber
mich ergehen, weil widersprechen nichts half. Besonders peinlich war es
jedoch, wenn sie mir ihre Sorgfalt zu Zeiten angedeihen lie, wo wir alle
zusammen waren; meine beiden Landsleute wuten ja, was mir eigentlich
fehlte; ich wagte dann auch stets noch einige schwache Proteste gegen die
mir zugetheilte Rolle einer Leidenden. Nach einer solchen Scene war es,
wo der Freiherr sich, als wir vom Abendessen aufgestanden waren, zu mir
gesellte; ich wute, da er am nchsten Morgen abreisen wrde, und fhlte
Erleichterung bei dem Gedanken daran. Durch Gesprche bei Tische hatte
ich erfahren, da er zunchst nach Norwegen sich wenden wollte, um dort zu
fischen, wie er sagte, und dann endlich nach seinen Gtern zurckzukehren
gedenke. Herr Bardolph fing die Unterhaltung an, indem er sich nach meinem
Befinden erkundigte.

Sie sehen nicht wohl aus, sagte er etwas unsicher; ich frchte, ich habe
Ihnen durch meine Anwesenheit die Ferienreise verdorben.

Da diese Voraussetzung genau mit der Wahrheit bereinstimmte, konnte ich es
nicht ber mich gewinnen, sie abzuwehren, wie es die Hflichkeit erfordert
htte; ich suchte nach etwas Unverfnglichem, das ich antworten knnte,
und weil mir damals die gewhnlichen Phrasen nicht recht zur Hand waren,
so entstand eine unangenehme Pause. Der Freiherr sprach zuerst wieder; er
fragte mich, ob es mir recht sein wrde, ein wenig mit ihm den Bergpfad
hinaufzugehen, es sei das letzte Mal, da er mich belstigen wolle. Ich
schlo mich ihm schweigend an und wir gingen zusammen in den herrlichen,
warmen Sommerabend hinein. Die Luft wehte so lau um uns her, die
Bergkruter dufteten so wrzig, das Abendlicht von dem klaren Himmel herab
war so mild, da mir das Alles bis ans Herz drang; ich fhlte meinen Trotz
gegen den Freiherrn schwinden, ich schmte mich der kindischen Waffe und
beschlo, ihm, der sich stets gtig und einfach gegen mich benommen hatte,
nun auch freundlich entgegen zu kommen. Wir stiegen eine Weile schweigend
bergan; der Pfad war steil und ich wurde in der letzten Zeit wirklich
leichter mde als sonst wohl; so blieb ich endlich stehen, um Athem zu
schpfen. Der Freiherr wandte sich zu mir.

Ich habe bisher nicht gewagt, Ihnen den Arm zu bieten, sagte er mit einem
ernsten Lcheln; ich frchtete, Sie wrden mich abweisen.

Warum sollte ich das, entgegnete ich ihm und wollte unbefangen erscheinen
und sprechen, aber die Rolle, die ich mir zugetheilt hatte, schien mir
schwerer werden zu wollen, als ich geglaubt. Ich legte meinen Arm in den
seinen und wir gingen weiter; da dachte ich pltzlich: Wenn mich die Mutter
so she! und htte mich am liebsten losgemacht und wre fortgeeilt. An
der Stelle, wo mich vor einiger Zeit Forster getroffen, hielten wir,
die moosigen Sitze waren so einladend, die Stille und Geschtztheit des
Pltzchens so lockend. Ich sa mit dem Rcken gegen das Thal, vor mir den
weiten Himmel, an dem die Sterne zu erscheinen begannen, Herr Bardolph mir
gegenber im tiefen Schatten.

Ich gehe morgen, wie Sie wissen werden, hob er an, und mchte vorher
noch einmal auf die Angelegenheit, von welcher wir neulich sprachen und
welche Sie so beschftigt hat, zurckkommen. Durch Forster habe ich gehrt,
da die gewnschte Auskunft von Frau von Gnthershofen in Ihre Hnde
gelangt ist, auch da Sie durch die Aufschlsse Ihrer Frau Mutter bestimmt
worden sind, den Gedanken an einen Rechtsstreit mit Ihren Verwandten
aufzugeben. Sie zweifeln nicht an der Gerechtigkeit Ihrer Sache, aber die
Schwierigkeiten sind Ihnen zu groߠ--

Ja, im Augenblick unberwindlich, schaltete ich ein.

Der Freiherr nickte. Ich bedauere diese Hindernisse, fuhr er fort,
und da mir wie Ihnen daran liegt, die Umstnde des damaligen traurigen
Processes aufgeklrt zu sehen, will ich mich nach meiner Rckkunft sofort
zu unserm Familienarchiv wenden und suchen, ob ich dort irgendwelche
Indicien finde, die zur Beleuchtung der Sache dienen knnen. Ich brauche
wohl kaum hinzuzufgen, da ich Ihnen auch dann sofort Nachricht von dem
Erfolge zukommen lassen werde, wenn die entdeckten Aufschlsse nicht zu
unsern Gunsten sind.

Der Freiherr hatte im Geschftston, kalt und glatt, gesprochen, daher
mochte es kommen, da mir in jenem Augenblicke die Uneigenntzigkeit, der
Edelmuth seines Anerbietens nicht in dem Mae klar wurden wie spter, als
ich darber nachdachte. Ich dankte ihm mit wenigen hflichen Worten -- wir
waren in ein ganz bequemes Fahrwasser der Geschftlichkeit gerathen.

Bitten mchte ich Sie aber zu glauben, fuhr mein Begleiter fort, da
ich bisher nie eine Ahnung davon gehabt habe, die Rechtmigkeit unseres
Besitzes knne angezweifelt werden.

Sie wird es auch, glaube ich, nur von mir und meiner Mutter, fhlte ich
mich gedrungen zu bemerken; vor der Welt sind Sie ganz im Rechte und uns
hat man berhaupt auch vergessen.

Ich frchte, Sie sagen die Wahrheit, entgegnete er trbe. Ich habe erst
vor kurzer Zeit von den Umstnden Ihrer Frau Mutter Kunde erhalten, bis
dahin hatte ich nichts gewut, als da damals zwischen den verschiedenen
Zweigen unserer Familie ein Bruch stattgefunden habe. Ich war zur Zeit des
Processes bei einem Bruder meiner Mutter in Lievland, wo ich mehrere Jahre
meiner Knabenzeit zugebracht habe. Als ich zurckkam, waren meine Aeltern
nach Gnthershofen gezogen; das Gut gefiel mir und ich fragte nicht viel,
wer frher dort gewohnt habe.

Der Freiherr war also, wie es schien, zu uns gekommen, sobald er von der
Drftigkeit seiner Verwandten gehrt hatte, und wie konnten seine Absichten
andere als wohlwollende gewesen sein? Warum htte er sich sonst berhaupt
um uns bekmmert? Gleichgltigkeit und Uebelwollen seinerseits htten gewi
die Kluft bestehen lassen, welche sich zwischen den Verwandten und uns
befand. Es wurde mir immer mehr klar, da zu Feindseligkeit oder Mitrauen
gegen den Freiherrn absolut kein Grund vorhanden sei, ich war mir meines
abstoenden Wesens beim Zusammentreffen mit ihm jetzt schmerzlich bewut
und es drngte mich, dies auszusprechen. Ehe ich aber dazu den rechten
Anfang fand, gab eine Aeuerung des Freiherrn unserm Gesprche eine ganz
andere Wendung. Er schien den etwas peinlichen eigentlichen Gegenstand
desselben als erledigt zu betrachten und fing in einem ganz andern Tone an,
whrend wir uns auf den Heimweg machten:

Sie haben einen guten Freund an Herrn Forster, mein Frulein -- kannten
Sie denselben schon in Deutschland?

Ich antwortete der Wahrheit gem und erzhlte berhaupt von dem deutschen
Juristen, was ich wute; es war eine Wohlthat, sich einmal auf neutralem
Gebiete bewegen zu knnen, ohne die Bitterkeit, welche aus dem Bewutsein
des nun einmal zwischen uns stehenden Unrechts entsprang. Der Freiherr
hrte mir ruhig zu, whrend ich den Charakter, die Kenntnisse, das Benehmen
Forster's rhmte; als ich endlich schwieg, sagte er leise: Ihr Landsmann
mte in Ihren Augen noch ein ganz besonderes Verdienst haben -- er liebt
Sie.

Ich blieb voller Erstaunen stehen und wartete auf einige erklrende Worte.
Da mein Begleiter schwieg, schritt ich beklommen neben ihm her; ich konnte
nichts Passendes zu antworten finden, bis er von neuem anhob:

Nun, Frulein von Gnthershofen, haben Sie mir darauf nichts zu sagen?
Ach, gewi war Ihnen die Thatsache lngst bekannt, da Sie eine junge Dame
sind.

Nein, rief ich nun lebhaft, froh, einen Anknpfungspunkt gefunden zu
haben, nein, ich hatte keine Ahnung davon. Herr Forster ist mir immer
als ein bloer Bekannter mit der gewhnlichen Hflichkeit und ziemlich
zurckhaltend begegnet; nach unserer letzten Unterredung ist er sogar, wie
ich glauben mu, unwillig von mir gegangen. Aber, rief ich, pltzlich in
eine meiner unglcklichen impulsiven Fragen ausbrechend, wissen Sie, was
Sie mir da mittheilen, gewi? Und warum sagen Sie es mir berhaupt?

Ihre erste Frage ist leicht zu beantworten, erwiderte Herr von
Gnthershofen. Durch die Rechtsangelegenheit sind wir, wie Sie sich denken
knnen, dahin gefhrt worden, ber Ihre Umstnde und ber Sie selber zu
reden; da ist mir Manches klar geworden. Ein Wort hat das andere gegeben
und zuletzt hat mir Forster mit der ihm zu Zeiten eigenen, fast kindlichen
Offenheit aus seinen Gefhlen kein Hehl gemacht. Sie knnen sich nur durch
dieselben geehrt fhlen, Frulein.

Das war mir denn doch in dem Augenblicke zu viel. Vom Anfang an hatte die
Erffnung des Freiherrn einen vorzugsweise peinlichen Eindruck auf mich
gemacht. War auch fr Momente das Gefhl befriedigter Eitelkeit in mir
aufgestiegen, dessen sich wohl selten ein Mdchen erwehren wird, wenn sie
von dem Interesse oder gar der Liebe hrt, die sie einem Manne einflt, so
war dies Gefhl doch gar schnell in den Hintergrund gedrngt worden durch
die Aussicht auf den Zwang, welcher jetzt in den bisher so angenehmen
Beziehungen zwischen dem Juristen und mir eintreten mute. Hierzu nun
gesellte sich der Gedanke, da ich mit meinen Vorzgen und Fehlern das
Gesprchsthema jener beiden gewesen sei, und das brachte mich vollends um
allen Gleichmuth.

Wer gibt Ihnen das Recht, so zu mir zu sprechen, Herr Freiherr? fuhr ich
heraus. Ob ich mich geehrt fhle durch die mir sehr unerwartete Neigung
des Herrn Forster oder nicht, das ist jedenfalls meine Sache. Sehr peinlich
mu es mich aber berhren, da dergleichen berhaupt zwischen Ihnen
verhandelt worden ist; Herrn Forster kann es, wie mich dnkt, ebenfalls
nur unangenehm sein, durch Sie mir mitgetheilt zu wissen, was ihm allein zu
sagen zukommt, wenn es berhaupt gesagt werden soll.

Das Gesicht des Freiherrn konnte ich in der tiefen Dmmerung kaum sehen,
den Ausdruck desselben durchaus nicht erkennen; um so mehr berraschte mich
seine Stimme, als er wieder sprach; sie klang dumpf, wie von unterdrckter
Erregung.

Ich habe keinen Vertrauensbruch begangen, als ich Ihnen von der sehr
ernsten, innigen Neigung Forster's sprach und sie beim rechten Namen
nannte. Eines Verstoes mag ich mich freilich damit schuldig gemacht
haben; ich wei nicht, was in solchen interessanten Fllen die Etikette
den Wissenden gebietet, ich bin unerfahren darin. Und so will ich, auf die
Gefahr hin, weiter zu sndigen, noch eine Frage thun, fuhr er, pltzlich
in seinen leichten Ton bergehend, fort: Frulein von Gnthershofen,
erwidern Sie die Gefhle des Herrn Doctors?

Nein, durchaus nicht, rief ich, ehe ich wute, was ich sagte, ehe ich
erwogen hatte, da, wie er allerdings andeutete, diese Frage dem Freiherrn
durchaus nicht zustand.

Er ist nicht adlig, sagte Herr von Gnthershofen darauf, wie zur Antwort.

Allerdings, aber ich hatte noch nie darber nachgedacht, ob ich mir als
Gatten nur einen Ebenbrtigen wnschte, hatte berhaupt dem Gedanken an
meine Verheirathung noch gar nicht nachgehangen und fand daher, wie mir
das hufig ging, auf die Aeuerung des Freiherrn nicht gleich eine Antwort.
Ich wei nicht, ob mich dieser Mangel bei Jemand abhalten wrde, ihn zu
lieben, sagte ich endlich, nachdem ich mich besonnen hatte.

Kind! erwiderte der Freiherr hierauf, und das war Alles; ich htte
brigens trotz der Dunkelheit darauf schwren mgen, da er lchelte.
Kind! Was konnte er mit der Aeuerung meinen? Sollte sie Tadel,
Entschuldigung, Geringschtzung ausdrcken? Ich zerbrach mir vergebens den
Kopf darber. Uebrigens lag es in der Eigenthmlichkeit meines Strebens und
meiner Wnsche zu jener Zeit, da ich eine besondere Gefahr darin sah, fr
ein Kind, ein unerfahrenes, unreifes Mdchen gehalten zu werden; ich war
daher uerst empfindlich in dieser Beziehung und habe dem Freiherrn das
Wort lange nicht verziehen.

Wir waren, zuletzt schweigend, in die Nhe des Hauses gelangt, meine
Zglinge eilten auf mich zu und nahmen mich in Beschlag und ich war froh,
da unser seltsames Gesprch sein Ende erreicht hatte. Forster sah ich an
jenem Abend gar nicht mehr; auch das war mir lieb, ich gewann Zeit, mir
mein Benehmen gegen ihn ein wenig vorzuzeichnen. Nicht umhin konnte ich,
ein gewisses Wohlwollen gegen ihn zu hegen dafr, da er mir seine Neigung
geschenkt hatte, ich war ihm dankbar, ich achtete das Geschenk, wenn ich es
auch nicht zu erwidern vermochte. Mir war das Alles so neu, mein Umgang mit
Mnnern war bisher so beschrnkt gewesen. Zum ersten Mal in meinem Leben
blickte ich an jenem Abend mit Aufmerksamkeit in den Spiegel; mir kam es
vor, als msse ich neben den hellen, freundlichen, reizenden Gestalten
meiner Zglinge unendlich verlieren, um so mehr empfand ich mit einer
Art Rhrung die deutsche Anspruchslosigkeit meines gelehrten Landsmannes,
welcher, unbeirrt durch den Glanz der fremden Blumen, sich so treu
der schlichten Heimatpflanze zugewendet hatte. Ich beschlo mit ihm
zu verkehren wie bisher; er wrde, das wute ich, mir die freundliche
Gleichgltigkeit unserer Beziehungen nicht unmglich machen.

Am nchsten Morgen verabschiedete sich der Freiherr. Ihm war ich dankbar
dafr, da er ging, zudem hatte ich ber seine gestrigen Worte nachgedacht
und fhlte ganz die Uneigenntzigkeit, aus der sie hervorgegangen waren.
So gestaltete sich unser letztes Zusammentreffen freundlicher als alle
bisherigen. Ich wnschte Herrn Bardolph Glck auf die Reise und fr den
Fischfang, dankte ihm auch nochmals und fand sogar den Muth, mich zum
ersten Male nach seiner in Deutschland lebenden Familie zu erkundigen. Wie
befindet sich Frau von Gnthershofen, fragte ich, und wie ertrgt sie
Ihre lange Abwesenheit?

Meine Mutter? Ich hoffe, da es ihr gut geht; sie ist leider dem
Briefschreiben abgeneigt, und ich erhalte nicht oft directe Nachrichten von
ihr.

Seine Mutter, jene bse Frau, welche recht eigentlich an all unserm Unglck
schuld war -- nach der hatte ich nicht fragen wollen. Ich meinte Ihre Frau
Gemahlin, sagte ich auch geradezu. Er sah mich erstaunt an und lchelte
dann, indem er seinerseits fragte: Haben Sie mich fr verheirathet
gehalten?

Ja, Herr Freiherr.

Ich bin es nicht; ich lebe, wenn ich in Deutschland verweile, bei meiner
Mutter, welche nach des Vaters Tode auf Gnthershofen geblieben ist. Ich
bin bisher viel herumgereist und der Gedanke an einen eignen Hausstand ist
mir noch selten gekommen. In der letzten Zeit freilich mehr als zuvor,
fgte er hinzu, indem er gedankenvoll auf die nicht ferne hchst
anziehende Gruppe der Gray'schen Familie blickte, welche auch wirklich das
Familienleben von seiner schnsten Seite darstellte.

Die Zeit seiner Abreise war nun herbeigekommen; das Pferd, welches er bis
zur nchsten Eisenbahnstation benutzen wollte, wurde eben vorgefhrt, wir
gingen zu den Uebrigen zurck, die ihn alle umringten und von denen er
sich aufs herzlichste verabschiedete. Ich war neugierig auf das Lebewohl
zwischen meinen beiden Landsleuten und sah deshalb scharf hin, als der
Freiherr sich dem Juristen nherte. Sie schttelten sich die Hnde, dabei
sahen sie sich einen Moment lang ernsthaft in die Augen und der Freiherr
nickte Forster leicht zu, wie in Bejahung einer Frage, die jener mit den
Blicken gestellt hatte. Auch mir reichte der Freiherr mit wohlwollendem
Ausdruck die Hand. Leben Sie wohl, Frulein Margarethe, sagte er
freundlich und dann ritt er davon.

Es entstand eine Lcke durch sein Fortgehen, das verhehlte sich keiner
der Zurckbleibenden; alle bedauerten offen, da man nicht lnger
hatte zusammenbleiben knnen, und freuten sich zugleich der angenehmen
Bekanntschaft, auf deren Fortsetzung sie hofften, denn der Freiherr hatte
fr das nchste Jahr einen Besuch in Goldwell-House, dem Wohnsitze der
Familie, in Aussicht gestellt. Auch ich, zu meiner eignen Verwunderung,
vermite den Freiherrn, dessen Abreise ich doch herbeigewnscht
hatte; Niemand konnte sich ganz dem Einflu seiner edlen, bedeutenden
Persnlichkeit entziehen, ich hatte es, wie ich jetzt merkte, auch nicht
gekonnt; die Ruhe und Sicherheit seines Benehmens verfehlten nie ein
wohlthtiges Gefhl in seiner Nhe hervorzubringen, gegen welches ich mich
freilich anfangs absichtlich verhrtet hatte. Ich dachte ber seine letzten
Worte nach und konnte nicht umhin, im Innersten die Frau fr sehr glcklich
zu halten, welcher es vergnnt wre, an seiner Seite durch das Leben zu
gehen. Begierig war ich darauf, wen er einmal whlen wrde; ich hoffte mit
seiner Gemahlin befreundet zu werden, ich wollte dann von dem Anerbieten
der Freundschaft Gebrauch machen, welches er uns, meiner Mutter und mir,
hatte zu Theil werden lassen. Whrend ich mich diesen Gedanken hingab,
zwischen den Andern sitzend und ziemlich einsilbig an der Unterhaltung
Theil nehmend, fielen mir pltzlich die jungen Grays ein in Verbindung mit
der Aeuerung des Freiherrn, und bei diesem Gedanken zog sich mein Herz
schmerzlich zusammen. Die reizende, jugendliche, flatterhafte Lucy, die
ltere der beiden -- denn von der fnfzehnjhrigen Blanche konnte wohl kaum
die Rede sein -- als Gattin des ernsten deutschen Edelmanns -- ich sagte
mir, da das ja gar nicht passe, da es ganz unnatrlich sein wrde, aber
doch mute ich mir wieder eingestehen, es sei nicht unmglich, ja, je mehr
ich darber nachdachte und mir alle die kleinen Scenen, welche sich whrend
des Hierseins des Freiherrn zugetragen hatten, im Geiste wiederholte, desto
wahrscheinlicher kam es mir vor, da er sich zu dem von ihm so himmelweit
verschiedenen jungen Mdchen hingezogen gefhlt habe. Mit Vorliebe war
er auf ihr heiteres Geplauder eingegangen, oft hatte er, wie mir jetzt
einfiel, mit unverhohlener Bewunderung der schlanken, elastischen,
jugendkrftigen Gestalt nachgeblickt, wenn sie auf unsern Ausflgen mit den
Brdern um die Wette uns bermthig vorangeeilt war, noch fter hatte er
sich ihr vorsorglich angeschlossen, ihrer Wagehalsigkeit Einhalt gethan,
sie beim Klettern gesttzt und bewacht wie ein Kind. Ja, wie ein Kind, und
so war sie mir auch dann immer vorgekommen; ich dachte damals nie
anders, als da er sie wie ein wildes Kind betrachte -- war sie doch erst
sechzehnjhrig -- aber jetzt, beim Zurckblicken, kam mir das Alles ganz
anders vor. Und Lucy konnte auch zeigen, da sie wute, was sie wollte, da
sie einmal eine tchtige, energische Frau abgeben wrde; in ihr wohnte der
frhliche Muth des Glcks und der Gesundheit und ein heller Verstand. Und
dazu -- wie schn war sie! Wie eine Gttin der Jugend erschien sie mir oft,
mit den lebensprhenden blauen Augen, dem krftigen, prchtigen Blondhaar,
den feinen, reizenden Zgen. Es wurde in der Familie stillschweigend, mit
sorglichem Stolz anerkannt, da Lucy eine Schnheit zu werden versprach;
wer konnte so blind sein, nicht einzusehen, da sie es lngst sei! Und
warum sollte ich mich nicht freuen, wenn sie die Gattin meines stattlichen
Vetters wurde? Sie war freilich eine Auslnderin, und es gab in Deutschland
hochgeborene Mdchen genug, die ihr nicht nachstanden an Schnheit und sie
bertrafen an aristokratischem Aussehen und Wesen und denen ich, wie mich
dnkte, die Herrschaft auf meinem Schlosse -- so sagte ich mir in solchen
Augenblicken mit doppelter Bitterkeit -- lieber gegnnt htte als der
Fremden, dem Kinde. Aber wenn sie dem Freiherrn gefiel, wenn sie ihn
glcklich machen konnte, und da dies ihrer heitern, glcklichen Natur
gelingen wrde, bezweifelte ich nicht, so kam es mir zu, ohne Neid -- Neid,
das hliche, gemeine Wort, ich zuckte davor zusammen und doch sagte ich
mir dasselbe schonungslos vor -- ja, ohne Neid die Verbindung der Beiden
mit anzusehen. Ueberhaupt, wie hatte ich mich hinreien lassen von meiner
Frauenschwche, ber Heirathen zu speculiren; was ging es mich an, wenn der
Freiherr eine Kaffernprinzessin heimfhrte nach Gnthershofen! Was war
er mir eigentlich, was war er mir noch vor wenigen Monaten gewesen? Nicht
existirt hatte er fr mich, dann hatte ich ihn kennen gelernt als den Sohn
meiner Feinde, ihn mit Abneigung, mit Mitrauen betrachtet, und nun, nun
war ich ganz aus meinem gewhnlichen Gleise herausgezogen worden durch den
Zauber seiner Nhe -- als vorsorgliche Base war ich eben gar daran, ihn mit
einer Frau zu versorgen. Aber das sollte anders werden. Meine Sorge gehrte
meiner Mutter, war doch sie zu sttzen, zu hegen mein Lebenszweck. Auf
einen Augenblick kam mir der Gedanke, ob ich nicht jetzt schon am besten zu
ihr zurckkehre; gewi trug sie die Einsamkeit schwer, wenn sie es mir
auch nicht gestehen wollte, da sie mich glcklich glaubte. Die mancherlei
Eindrcke und die Unruhe der nun folgenden Reise verhinderten mich fr
den Augenblick, meine knftigen Maregeln durchzudenken; in Goldwell-House
angekommen, fand ich einen mehrere Tage alten Brief an mich vor, welcher
mir die Krankheit meiner Mutter meldete und mich aufforderte, schleunigst
nach Hause zu kommen. Ich war wie vom Blitze getroffen; wie eine Strafe kam
mir dies Ereigni vor fr die Gedanken und Plne der letzten Wochen. Aber
es hie sich zusammenraffen. Ganz verstrt theilte ich sogleich der Frau
Gray den Inhalt des Briefes und meine Absicht, sofort abzureisen, mit. Sie
sowie die ganze Familie bewiesen mir die lebhafteste Theilnahme. In wenigen
Stunden war Alles mir Zugehrige gepackt; ein Jeder legte hlfreiche Hand
an. Herr Gray hatte sich sogleich daran gemacht, aus den ihm zu Gebote
stehenden Tabellen meine Reiseroute aufzustellen; er besa eine groe
Virtuositt im Reisen und machte gern Andere auf die Kunstgriffe und
Vortheile aufmerksam, die ihnen, wenn sie es nur richtig anfingen, zu gute
kommen muten. In meinem Falle, wo sich nur darum handelte, rasch an
Ort und Stelle zu kommen, bewhrte er sich mit seinen Ermittelungen
vortrefflich, auch konnte er nicht unterlassen, mir, trotz meiner
gedrckten Stimmung, allerlei Warnungen gegen Uebervortheilung und unntze
Ausgaben ans Herz zu legen. In seiner heitern, wohlwollenden Weise wute er
sich eigentlich mit denen, welche ein besonderer Kummer drckte, nicht wohl
zurecht zu finden.

Nur ruhig, liebes Kind, sagte er zu mir, nicht den Kopf verloren!
Sie mssen sich nicht das Schlimmste denken; ich hoffe, wir sehen Sie in
wenigen Wochen frhlich wieder. Die Mdchen werden ja wohl ihre Ferien ber
die Zeit Ihrer Abwesenheit hinausdehnen, bleiben Sie also nicht zu
lange, damit Sie in den Kpfen noch etwas von dem vorfinden, was Sie so
gewissenhaft hineingebracht.

Seine Gattin war mtterlich um mich beschftigt, die Mdchen trieben sich
mit verweinten Augen zwischen Koffern und Schachteln herum und thaten alle
mglichen unnthigen Handleistungen. John machte sich mit seinen krftigen
Muskeln beim Heben, Tragen und Zuschnren der Koffer ntzlich, seine
treuherzigen Augen und der ungewohnte Ausdruck des Ernstes auf dem offenen,
heitern Gesicht, welchen, wie ich frchte, festzuhalten ihm schwer wurde,
machten besondern Eindruck auf mich. Es ging endlich an das Abschiednehmen.
Mir war schwer ums Herz. Ich habe mich in meinem Leben nie leicht
der Hoffnung hingegeben; auch hier schien mir das Traurigste das
Wahrscheinliche, ich frchtete die lieben, guten Menschen nicht
wiederzusehen. Forster erblickte ich unter all den herbeigeeilten
Hausgenossen nicht, ich fragte nach ihm. Wie, wissen Sie denn nicht? hie
es da. Er ist nach der Stadt voraus und erwartet Sie am Bahnhofe. Er will
Sie ja nach dem Hafen begleiten.

Das war eine groe Freundlichkeit von ihm, da ich fast eine Tagereise
und keine von den bequemsten bis nach L. vor mir hatte, wo ich spt am
Nachmittage ankommen sollte und mich abends auf das Dampfschiff begeben
mute; ein Begleiter, der sich mancher Besorgung unterziehen wrde, war
eine Wohlthat fr Jemand, dem der Kopf schmerzte und das Herz weh that.

Ich sagte nun traurig Lebewohl. Lucy schien besonders erregt; schluchzend
hing sie an meinem Halse und kte mich mit mehr Innigkeit, als ich sonst
bei dem leichtlebigen Mdchen gewohnt war. Ist da wohl mein Vetter
im Spiel? dachte ich und mute trotz meiner trben Stimmung in mich
hineinlcheln; nicht unmglich, da sie einen Theil der Zuneigung, welche
sie fr den Freiherrn empfinden mochte, auf mich bertrug, dank der wenn
auch entfernten verwandtschaftlichen Beziehung, in welcher ich zu ihm
stand. Gott erhalte Ihnen Ihre Mutter, sagte Frau Gray leise, indem sie
mich umarmte, und lasse Sie froh zu uns zurckkehren.

So schied ich. Whrend der anderthalb Stunden, welche ich im Wagen auf
dem Wege nach der Station zubrachte, lie ich, mde zurckgelehnt in die
Kissen, die Ereignisse der letzten Monate an meinem Geiste vorbergehen.
Sie waren bedeutsam gewesen, aber ich konnte in meinem Innern noch keinen
rechten Abschlu zu denselben finden, obgleich mir der zurckgelegte
Abschnitt in meinem Leben fertig vorkam wie ein Aufzug eines Dramas, nach
welchem man mit einiger Spannung auf das in die Hhe Gehen des Vorhangs zu
den folgenden harrt. Was mochte mich erwarten? Nur Trauriges, so schien es
mir damals, konnte mir begegnen; mit einer Art bitterer Genugthuung ber
mein unbestreitbares Unglck qulte ich mich mit dem Gedanken, da meine
Mutter mir nun genommen werden wrde, da sie sterben wrde in Armuth
und Kummer um mich. Dann machte ich mir wieder Vorwrfe ber dies
Schmerzbehagen und suchte zu hoffen. So schwankte es in mir und ich fand
keine Ruhe.

Ich nherte mich nun der Station; aus der Ferne hrte ich den Pfiff
der Locomotive und dann, weiterhin, all den unerquicklichen Lrm eines
Bahnhofs. Und jetzt fiel mir erst Forster ein, den ich ganz vergessen
hatte, und ich fing an, mich vor der bevorstehenden Reise mit ihm ein wenig
zu frchten. Aber er war so gut und ehrenhaft, er konnte doch gewi diese
Gelegenheit nicht benutzen wollen zu einer Erklrung, vor welcher ich eine
wahre Todesangst hatte.

Der Wagen hielt und nun kam er auch schon herzu und half mir heraus und
gleich hatte ich Gelegenheit, die Vortheile seiner Begleitung zu empfinden.
Er fhrte mich, ohne eine Wort ber sein Mitgehen zu verlieren und als ob
sich das Alles so von selbst verstnde, sogleich zum Wartesaal, wo er mich
zu verweilen bat, whrend er zurckging, das Gepck besorgte und Billets
nahm.

Wir fuhren dann zusammen fort; ich ergriff die erste Gelegenheit, um ihm zu
danken; er erwiderte trbe: Dies ist ja das Wenigste, was ich fr Sie
thun kann, und es geschieht gern, sehr gern. Weiterhin wurde nur noch
von gleichgltigen Dingen zwischen uns gesprochen und der Reisenachmittag
verging ruhig, whrend sich Forster allein der Sorge um unser Weiterkommen
unterzog. Wir langten mit der Dmmerung in L. an und durchfuhren, um nach
der Rhede zu gelangen, die hliche, lrmvolle Stadt von einem Ende zum
andern. Mein Begleiter blickte dster aus dem Fenster des Wagens hinaus auf
das wste, unerquickliche Treiben; er dauerte mich von Herzen. Sie haben
Heimweh, Herr Forster, redete ich ihn nach einem langen Schweigen an, um
im nchsten Augenblick die schonungslose Aeuerung zu bereuen. Er drehte
sich rasch um und sah mich mit groen, traurigen Augen an.

Ja, bei Gott, ich habe Heimweh, sagte er, als werde ihm das jetzt erst
klar, Heimweh wie ein Kind. Ich versichere Ihnen, ich sehne mich unbndig
danach, die braune schmuzige Tapete in der Kinderstube zu Hause einmal
wiederzusehen und das hlzerne Schaukelpferd mit den stieren Augen und der
schwarzlackirten Mhne -- es it bei der Mutter, welche es sehr liebt,
das Gnadenbrod. Sie werden mich auslachen, aber auf Ehre -- mag es
Andern komisch vorkommen -- weh thut es deshalb doch und unterdrcken und
wegvernnfteln kann man es so wenig wie das Zahnweh.

Ich fhlte keine Neigung zum Lachen, mir waren sogar die Thrnen in die
Augen gekommen bei seinen Worten. Warum mute auch dieser gute, so warm
und im besten Sinne kindlich fhlende Mensch sich einfallen lassen, ein
politischer Verbrecher zu werden? Er htte das Andern berlassen sollen.

Haben Sie denn keine Aussicht auf Begnadigung? fragte ich leise, nachdem
ich meine Thrnen hinuntergeschluckt hatte. Er verneinte.

Und Sie wollen nicht in England sich eine Heimat grnden, wie so manche
Ihrer Landsleute in hnlichem Falle? Er schttelte mit dem Kopfe. Sie
hren es ja, sagte er, an welcher thrichten Schwche ich laborire; ach,
und das ist die thrichtste nicht!

Er brach ab. Ich fhlte ein so tiefes Mitleid mit ihm, da ich -- mein
eigener Kummer mochte mich weicher gestimmt haben als gewhnlich -- meine
Thrnen kaum zurckhalten konnte bei diesen halb unwilligen und spottenden
und daher um so rhrendern Klagen und nichts sehnlicher wnschte, als
endlich allein zu sein, um ungestrt weinen zu knnen.

Nachdem wir, auf der Werfte angelangt, meinen Platz auf dem Dampfboot
gesichert und das Gepck an Bord gesehen hatten, blieb noch fast eine
Stunde bis zur Abfahrt des Schiffes. Forster bat um die Erlaubni, whrend
derselben bei mir bleiben zu drfen, und wir gingen auf der berbauten
Werfte in dem lauen Sommerabend auf und ab. Da sprachen wir nun von diesem
und jenem, von den allergleichgltigsten Dingen und fhlten doch beide,
da etwas zwischen uns lag, um das wir absichtlich in groen Kreisen
herumgingen, da wir uns frchteten, an die eigentliche Stimmung der Stunde
zu rhren. Da schlug eine Uhr in der Nhe, es blieb uns nur noch eine
Viertelstunde; Forster hatte abgebrochen, um die Glockenschlge zu zhlen,
er nahm auch das fallengelassene Thema nicht wieder auf. Ich merkte es
nicht, ich dachte darber nach, da ich diesen Menschen, der mir doch nahe
gestanden hatte, noch eine Viertelstunde und dann vielleicht nie mehr sehen
wrde. Sonderbar, sagte ich zu mir selber, sonderbar und traurig!

Frulein von Gnthershofen, sagte Forster pltzlich, darf ich fragen,
ob Sie, wenn Ihre Mutter sich wieder wohl befindet, zu der Familie Gray
zurckkehren werden?

Ich antwortete, da ich davon nichts wisse, da ich aber schon zuweilen
gedacht, es wre besser, wenn ich bei der Mutter bliebe. Ich kann Stunden
geben, sagte ich gleichsam entschuldigend, und bringe auch einige
Ersparnisse mit.

Sie also werden in Deutschland sein und ich mu in England bleiben! rief
er schmerzlich und fuhr, als ich ber den pltzlichen Ausbruch betroffen
zu ihm aufsah, hastig fort: Das berrascht Sie, Frulein, ich kann es mir
denken; Ort und Stunde sind gut gewhlt, um Gestndnisse zu machen, nicht
wahr? Aber es mag nun drum sein -- Sie mgen von mir, dem deutschen Bren,
denken, was Sie wollen, ich will mir die Bue auferlegen, Ihnen hier zu
gestehen, da ich -- da ich -- da ich Sie unvernnftig liebe, Margarethe!
Es ist schlecht von mir, Sie hier zu berrumpeln, hier, wo Sie mir nicht
entrinnen, mir nicht die Thr weisen knnen, wie Sie es sonst wohl thten,
aber ich habe absichtlich so lange gewartet, um Sie nur eine
Viertelstunde zu qulen; Sie werden mir zugestehen, da ich mich bis jetzt
zusammengenommen habe. Und ich will auch jetzt keine Antwort, fuhr er
fort, die Worte hastig herausstoend, da ich in die Hhe blickte und
sprechen wollte; er war unter dem Einflu einer Erregung, die peinlich
anzusehen war. Still, ich kann Ihr Nein jetzt nicht ertragen, sagen Sie
nichts als nur das Eine, Margarethe: sind Sie versagt, gehrt Ihre Liebe
einem Andern?

Ich schttelte mit dem Kopfe.

Dann will ich ruhig warten. Gehen Sie, pflegen Sie Ihre kranke Mutter und
nehmen Sie die Ueberzeugung mit, da ein armes, trauriges Herz im Exil Ihr
Bild in sich geschlossen hat wie ein Kleinod. Ich wei, ich habe auf Ihre
Zuneigung keinen Anspruch, bin ich Ihnen doch nicht einmal mit den uern
Zeichen von Aufmerksamkeit begegnet, die man in der Gesellschaft gewhnlich
fr eine Dame hat. Ich wagte das nicht. Sie schienen mir so fern, so fremd,
so kalt, vom ersten Tage an, wo Sie mit der griechischen Jungfrau um die
Heimat klagten: das Land der Griechen mit der Seele suchend -- ich werde
den Ton Ihrer Stimme bei jenen Worten nie vergessen. Und dann spter,
als Sie mich um Rath fragten, als Sie in Ihrem kindlichen Sinn das Recht
wollten um des Rechts willen und so wenig an den Besitz dachten, sogar bei
den Ausbrchen dessen, was Sie fr Ha hielten, ach, wie verschieden war
Ihr edles Aufglhen von dem niedrigen Ha der Bsen! Als ich Sie immer
besser kennen lernte, da verlor ich mich selber immer mehr, und jetzt--

Er schwieg endlich. In unaussprechlicher Beklommenheit blickte ich nach dem
Schiffe, die Bewegung auf demselben deutete auf seine schleunige Abfahrt.
Whrend wir nach der hlzernen Brcke zugingen, welche auf das Verdeck
fhrte, sagte ich hastig, erregt durch die Krze der Zeit und ohne meine
Worte viel zu messen: Herr Doctor, ich danke Ihnen fr Ihre Neigung, sie
ist mir nicht gleichgltig; mehr verlangen Sie jetzt nicht. Leben Sie wohl,
Gott segne Sie und lasse Sie bald die Heimat wiedersehen.

Erschttert beugte er sich tief ber meine Hand, welche ich ihm hingereicht
hatte. Unsere Zeit war um, die Schiffsleute nherten sich der Brcke, auf
welcher wir uns befanden, um sie in die Hhe zu ziehen -- wir schieden.
Er eilte fort; ich stand, whrend sich das Schiff schwerfllig in Bewegung
setzte, auf dem Verdeck und schaute ihm nach und wnschte ihm von ganzem
Herzen Friede, Freude und alles Gute, was er verdiente. Stundenlang noch,
whrend das Schiff in ruhiger Bewegung den dunkeln Flu hinabfuhr, blieb
ich, auf die Brstung gelehnt, stehen oder ging auf und ab und blickte zu
den Sternen in die Hhe, die ich nun bald ber den Wipfeln der heimischen
Bume sehen sollte, und in die Gedanken an meine Mutter und die heie
Sehnsucht nach ihr tnten doch immer die seltsamen Worte, welcher Forster
zu mir gesprochen hatte.

Die weitere Reise verlief ruhig und rasch; am Abend des folgenden Tages sa
ich am Bette der Mutter.




Achtes Kapitel.


Sie war sehr krank. Ein heftiges Fieber hatte sich zu einem anfangs
leichten Unwohlsein gesellt, der Arzt empfahl dringend die allergrte
Ruhe um sie her. Ich war von ihm sorgfltig angemeldet worden, soda meine
Gegenwart die Mutter nicht berraschte, doch sah sie mich, als sie mich
zuerst erblickte, verwirrt an; ich gewahrte, da sie sich zu sammeln und
sich mein Kommen klar zu machen suchte. Ich sollte keine Gemthsbewegung
verrathen, hatte der Arzt dictirt, aber als ich ihre lieben Augen mit
so fremdem Blick auf mich gerichtet sah, konnte ich meine Thrnen nicht
zurckhalten. Um sie zu verbergen, kniete ich am Bett nieder und senkte den
Kopf in die Kissen; mir war in dem Augenblicke zu Muth, als sei ich schon
jetzt allein in der Welt, als gehre ich zu Niemand mehr und Niemand zu
mir, als habe sich die Mutter whrend meines Fortseins von mir abgewendet,
ganz ihren Todten zu. Ihre Stimme aber lste den Bann.

Du bist es, liebe Margarethe, sagte sie schwach; ich dachte -- ich wute
nicht -- ich dachte, ich sei es selber, mein Jugendbild sei es, welches mir
ankndigen wollte, da ich nun gehen msse. Aber Du bist es, das ist gut.

Sie schwieg und schlo die Augen; der Arzt, welcher zugegen gewesen war,
nickte zufrieden. Gut, sagte er, und nun, mein Frulein, seien Sie am
Platze! Damit gab er mir einige Anordnungen fr die Nacht. Die Nacht kam
und verging, ebenso die folgende, ohne da sich im Zustand meiner Mutter
eine merkliche Vernderung gezeigt htte; sie lag still und verrieth keine
Theilnahme an dem, was um sie vorging. Ich sa meist an ihrem Bette; trotz
aller Ermdung der Reise schlief ich wenig, und in den Stunden der kurzen
Rast lieen mich die seltsamsten Trume nicht eigentlich ruhen; alle die
Verstorbenen der Familie schienen sich das Wort gegeben zu haben, mich
heimzusuchen, um sich selbst untereinander und mit den Lebenden zu
vermischen. Und das Wachen war kaum weniger ein Traum: die Pflege der
Mutter erheischte nur einfache Dienstleistungen; die Pnktlichkeit und die
Ruhe, womit dieselben zu verrichten waren, muten besonders mein Augenmerk
sein. Und wenn ich so mit einer einfachen Arbeit oder hufig mit migen
Hnden in dem groen Lehnstuhl der Mutter an ihrem Lager sa, wenn
das Licht nur gedmpft durch die Vorhnge drang und mit ihm die milde
Herbstluft durch das oben leichtgeffnete Fenster, dann mute ich mich
oft zusammennehmen, um mir bewut zu bleiben, da ich wache und da Alles
Wirklichkeit sei. Die Sorge war verschwunden, die Aufmerksamkeit auf das
Befinden meiner Kranken, auf das kleinste Symptom des Leidens oder der
Besserung schlo den Gedanken an ihren mglichen Tod ganz aus: sie war
krank -- weiter dachte ich nicht. Mein Leben in den letzten Monaten schien
weit hinter mir zu liegen, wie eine bunte Ferne; die Erklrung Forster's
hatte, wie eine glnzende Lufterscheinung zuweilen thut, welche zu schnell
wieder verschwindet, alle Kraft der Wirklichkeit verloren, ich glaubte
kaum, da ich sie erlebt. Und nun gar mein Streben nach Wiedererlangung
unseres Erbgutes, meine bestimmten Plne, mein Dichten und Trachten nach
Genugthuung erschienen mir wie ein Mrchen, Schlo Gnthershofen wie ein
Feenpalast der Tausend und eine Nacht.

Noch einige Tage des Wachens und der sorgsamsten Pflege, und die Mutter
war auer Gefahr, einer Gefahr, deren Gre ich jetzt erst erfuhr; die
Fiebernebel wichen von ihren Augen und sie schaute mich mit Bewutsein an.
Nun erst begrte sie mich auf das liebevollste; sie fragte mit sanfter,
leiser Stimme und wurde nicht mde, mir zuzuhren; wenn ich durch das
Zimmer ging, folgte sie mir mit den Blicken, sie schien sich ber mein
Aussehen zu freuen. Ich erzhlte ihr meine Erlebnisse in England aufs
genaueste; auch von Forster sprach ich und in einer stillen Abendstunde
deutete ich der Mutter an, was zwischen uns vorgefallen war. Sie begngte
sich mit den wenigen Worten, die ich darber sagte, da sie merken konnte,
da ich sein Werben nicht ermuthigt hatte; mir schien es, als sei sie froh
ber diesen Ausgang der Sache.

Die Mutter erholte sich nur langsam; an ein Wiederfortgehen meinerseits war
nicht zu denken, da ihr eine groe Schwche zurckgeblieben war und ich
sie kaum auf Augenblicke verlassen mochte. So kam ein stiller Winter heran,
dessen ich mich jetzt als fast der eigenthmlichsten Zeit meines Lebens
erinnere, der es an einem eigenen, traumhaften Reize nicht gebrach. Der
Schnee fiel frh und ungewhnlich tief; wochenlang leuchtete die seltsame
Helle desselben in unsere kleinen Fenster hinein. Und still, wie es drauen
war, da die Schuljugend des Stdtchens ihre Schneeballkmpfe meist weit
von unserm abgelegenen Hause ausfocht, so still war es drinnen bei uns. Die
Mutter bevlkerte diese Einsamkeit fr mich mit mannichfachen Gestalten;
das Eis war gebrochen, welches frher ihre Vergangenheit gleichsam umstarrt
hatte; sie sprach jetzt von ihrer Kindheit, ihrem Hofleben und ihrer
Ehe und ich versenkte mich mit ganzer Seele in die Zeiten, welche sie
heraufbeschwor. Das Haus verlie ich selten und nur wenn mich die Mutter
gewissermaen dazu zwang. Du siehst bleich aus, Margarethe, und Deine
Augen werden immer grer, sagte sie einmal; Du wirst zu ernsthaft; eine
alte, weltmde Frau taugt nicht als einziger Umgang fr ein junges Mdchen.
Geh zu Pfarrers, zu Amtmanns; die Kinder dort musiciren und tanzen zusammen
und sehen frisch und vergngt aus.

Ich bat die Mutter flehentlich, mich nicht unter die Leute zu schicken; ich
sei tausendmal glcklicher und zufriedener zu Hause bei ihr; sie wisse ja,
da ich als Kind schon nicht mit den andern gespielt habe. Sie schttelte
den Kopf und meinte: Es ist unnatrlich; ich bereue jetzt, Dich frher von
den Mdchen Deines Alters hier fern gehalten zu haben, soda Du jetzt ihrem
Umgang keinen Geschmack abgewinnen kannst. Sie sagten mir freilich damals
wenig zu, aber eine oder die andere war doch wohl darunter, die Dir eine
liebe Freundin htte werden knnen.

Ich wunderte mich, als ich die Mutter so sprechen hrte, noch mehr aber, da
sie fortfuhr: Es geht mir ans Herz, Kind, da Du bei einer alten Frau, in
einem Landstdtchen verkmmern mut. Du gehrst in die groe Welt; Deine
unter Mangel und Kummer verlebte Jugend hat Dir doch das nicht nehmen
knnen, was Dich vor hundert andern auszeichnen wrde; ja, mein Kind, Du
siehst aus wie eine geborene Freifrau von Gnthershofen.

Ein Todesschreck durchfuhr mich bei den letzten Worten. Liebe Mutter, was
willst Du? fragte ich verwirrt. Sie beachtete meinen Einwurf nicht. Du
wirst Dich wahrscheinlich nicht verheirathen, fuhr sie fort, und das
thut mir ebenfalls weh; ich wnsche zwar nicht, da Du die Gattin eines
Brgerlichen wrdest, und auch dazu wirst Du wohl kaum Gelegenheit finden,
aber--

Aber, liebe Mutter, das thut nichts, fiel ich ein. Ich versichere Dir,
ich mchte nie anders leben, als wir es jetzt thun, ich kann mir keinen
behaglichern, wnschenswerthern Zustand denken und bin ganz zufrieden.

Die Mutter schttelte den Kopf, aber sie schwieg; zuweilen bemerkte ich,
wie ihre Augen mit Sorge auf mir ruhten, sie mochte an die Zeit denken,
wo sie nicht mehr da sein wrde. Ich aber lebte nur in der Gegenwart oder
vielmehr in der Vergangenheit, welche in dieser stillen Zeit so mchtig
ber mich geworden war, ich war froh, wenn nichts mich von meinen
Trumereien abzog.

Einige Monate mochten nach meiner Rckkehr verflossen sein, als eines
Tages die Mutter einen Brief von einem alten Rechtsfreunde erhielt, der mit
meinem Vater in Verbindung gestanden hatte. Derselbe theilte ihr mit, es
habe sich Jemand bei ihm nach dem jetzigen Aufenthaltsort der Frau von
Gnthershofen-Erbrck erkundigt, da er eine schon sehr alte Schuld zu
tilgen wnsche, wozu ihn seine Verhltnisse erst jetzt ermchtigten. Namen
und Wohnort des Mannes waren genannt, ich habe beide vergessen; sie waren
damals der Mutter und mir gleich unbekannt. Der letztern fiel die Sache
nicht auf, da sie wute, da mein Vater durch seine weitlufige Oekonomie
in Verbindung mit Landwirthen und Kaufleuten gestanden und manchem
wesentliche Dienste geleistet hatte. Der alte Advocat theilte uns ferner
mit, da wir nach Erfllung einiger Frmlichkeiten das Geld, eine ziemlich
bedeutende Summe, in Empfang nehmen knnten, und so traf es denn binnen
kurzer Zeit auch ein, mir besonders hoch willkommen, da nun so manches
zur Pflege der Mutter Dienliche bequem bestritten werden konnte. Sogar ein
Badeaufenthalt fr den Sommer wurde geplant und wir sahen dem kommenden
Frhling ruhig und friedlich entgegen.

Obgleich in unsern traulichen Plaudereien eine ferne Vergangenheit das
Hauptthema bildete, hatte meine Mutter des verhngnivollen Processes mit
keinem Worte wieder gedacht und auch ich hatte ber meine Versuche, meine
Unterredungen mit Forster, erst wegen der Schwche der Mutter, spter, weil
ich sie dadurch zu verstimmen frchtete, geschwiegen; der Name des Herrn
Bardolph war nicht einmal zwischen uns genannt worden. Die Ruhe aber, die
wir so gern um uns erhielten und in der wir alles Strende fern zu halten
suchten, sollte gar bald unterbrochen werden.

Es war an einem der lauen Tage, wo die Frhlingssonne mit stetiger Milde
die schneegetrnkte Erde erwrmt. Ich kam von einem kleinen Gange durch die
noch braunen Felder zurck, einige grne Blttchen und frische Halme in der
Hand, als Boten an die Mutter von dem Frhling, der nun wirklich da war;
den eigenen Geruch der erneuten Erde hatte ich mit Entzcken eingesogen,
hatte mir eben gesagt, da man von der Erde eigentlich kein anderes Glck
brauche als das Genieen ihrer Erscheinungen in den verschiedenen Zeiten
des Jahres, das kstlich frische Wiedererwachen im Frhling, die Flle
des Lebens, die Macht der Sonne im Sommer, die Klarheit, die Milde, den
Frchtesegen eines schnen Herbstes und die heimliche Ruhe im Winter -- da
sollte ich mich bald berzeugen, wie das Menschenleben uns doch so leicht
nicht loslt, an wie vielfachen Fden es uns hlt. Da stand das Schicksal
an der Thr, in Gestalt des Postboten freilich nur, und ich hielt einen
Brief in der Hand, an Frulein von Gnthershofen gerichtet. Ich kannte
die Schrift der Adresse nicht; wer mochte an mich schreiben auer den
englischen Freunden, von denen der Brief augenscheinlich nicht kam? Eine
Vermuthung, die ich sogleich als toll verwarf, zurckdrngend, trat ich in
das Grtchen am Hause, in die kahle Laube, und ri das Couvert auseinander.
Ja, doch -- es wahr wirklich wahr! Das Schreiben begann mit Liebe
Cousine! und war unterschrieben: Bardolph von Gnthershofen. Er wollte
mir also sagen, da er keine Indicien gefunden, da Alles beim Alten sei
und bleiben werde. Ich hielt inne, nachdem ich die ersten Worte gelesen,
mein Herz klopfte strmisch -- wo war die Ruhe hin, in welche ich mich seit
Monaten hineingelebt? Nein, ich wollte nicht zittern vor irgend etwas, das
mir noch begegnen konnte, und hier, was frchtete ich eigentlich? Hatte
ich nicht alle Hoffnung lngst aufgegeben? Lag nicht auch der Mutter jeder
Gedanke an eine Aenderung in unserm Schicksal fern? Wie konnte mich
also eine neue Besttigung des lngst Gewuten erregen? Nachdem ich mich
beruhigt zu haben glaubte, las ich den Brief und las ihn wieder und wieder
und rieb mir die Augen, um mich zu berzeugen, da ich nicht trume. Dann
ging ich hinauf zur Mutter, zeigte ihr meine grnen Blttchen, plauderte
mit ihr, las ihr vor und fuhr nur von Zeit zu Zeit mit der Hand ber die
Stirn, weil mir war, als umziehe sie ein Nebelgebilde. Nachdem die Mutter
zur Ruhe gegangen, setzte ich mich aufs Sopha, zog die Lampe dicht vor mich
und nahm den Brief aus der Tasche; aber nein, so fiel das Licht zu grell
auf denselben, ich stand wieder auf und holte einen Schirm, schob die Lampe
fort und legte das Blatt so beschattet vor mich hin. Da fiel mir ein, die
Magd knnte mich stren; ich erhob mich von neuem und verriegelte die Thr,
dann setzte ich mich, bezwang meine fiebernde Unruhe und las. Der seltsame
Brief lautete folgendermaen:

    Liebe Cousine!

  Als wir uns in Schottland trafen, versprach ich Ihnen, nach meiner
  Rckkehr auf Schlo Gnthershofen eine genaue Nachforschung mit Bezug
  auf irgendwelche Papiere anzustellen, die mit dem Rechtsstreit zwischen
  unsern Familien in Verbindung stnden, und Ihnen so bald als mglich
  von meinem Erfolge zu berichten. Diesem Versprechen komme ich hiermit
  nach. Ich begab mich, sobald ich mich zu Hause oder vielmehr
  in Gnthershofen eingerichtet hatte, an jedem Morgen nach dem
  Bibliothekzimmer, welches wir, da es alle unsere Familie angehenden
  Papiere enthlt, das Archiv nennen. Hier unterzog ich Alles
  der genauesten Durchsicht. Ich fand die verschiedenen Urkunden,
  Bescheinigungen, Erlasse, Correspondenzen alle in guter Ordnung;
  jedes einzelne Document ging durch meine Hnde. Nachdem ich sie alle
  vergebens durchsucht, wendete ich mich zu den alten Schrnken selber,
  in welchen sie enthalten gewesen, da ich Grund hatte, ein geheimes Fach
  zu vermuthen; ich ging dann die Bibliothek durch, durchbltterte ein
  jedes Buch, aber ebenfalls ohne zu finden, was ich suchte. Ihnen mu
  ich es gestehen, mit der Erfolglosigkeit meiner Bemhungen wurde das
  Mitrauen gegen unsere Sache in mir rege. Es war auffallend, da sich
  von einem langen Rechtsstreit kein einziges Document, da sich unter
  den Quittungen nicht die Kostenberechnung eines Advocaten, noch mehr,
  da sich unter den Briefen, die ich alle durchging, kein einziger fand,
  in dem ein Wort ber jene Vorflle zu lesen gewesen wre; ich fing an,
  eine Vernichtung gewisser Papiere zu argwhnen. Wie die Sache sich aber
  auch verhielt und wie sehr ich meinet- und Ihrethalben eine Aufklrung
  gewnscht htte, ich hatte kein Recht, die Ehre meiner Aeltern Ihnen
  gegenber blozustellen, indem ich meinem Argwohn Worte gab, und so
  verschob ich es von Tag zu Tag, Ihnen das unbefriedigende Resultat
  mitzutheilen.

  Sie werden sich vielleicht wundern, da ich so ganz ohne meine Mutter
  handelte, doch liegt die Erklrung nahe. War sie nun so fest berzeugt
  von der Rechtlichkeit unserer Ansprche wie ich es gewesen war, oder
  war sie Mitwisserin eines schlimmen Geheimnisses, im einen wie im
  andern Falle wrde sie meine Zweifel als abenteuerliche Ideen verworfen
  haben. Ich nahm mir jedoch vor, mir von ihr die ganze Sache noch einmal
  erzhlen zu lassen. Den gnstigen Augenblick dazu glaubte ich gekommen,
  als ich mich eines Abends in ihren Zimmern befand; ich stellte
  einige Fragen, unser Gesprch wurde aber pltzlich durch ein heftiges
  Unwohlsein meiner Mutter unterbrochen. Die Kammerjungfer eilte in das
  Nebenzimmer, um aus einer Schatulle der Mutter die Tropfen zu holen,
  deren sie sich in solchen Fllen bedient; das Mdchen konnte das Fach
  nicht ffnen, ich eilte ihr zu Hlfe und da hatten wir das Unglck,
  die Schatulle umzuwerfen. Dadurch war eine in das Holz fest eingefgte
  Klappe aufgesprungen und verschiedene Paquete mit Papieren zum
  Vorschein gekommen -- ein eigenthmlicher Zufall, nicht wahr, mein
  Frulein? Ein Blick auf eins derselben erfllte mich mit solchem
  Interesse, da ich meiner Mutter, sobald dieselbe einigermaen wieder
  zu sich gekommen war, meine Absicht zu erkennen gab, die Sachen auf
  meinem Zimmer einer genauen Durchsicht zu unterwerfen. Ich will Sie mit
  weitern Einzelnheiten verschonen, mein Frulein, und erlaube mir
  nur noch, Ihnen mitzutheilen, da Ihre Frau Mutter die rechtmige
  Besitzerin von Gnthershofen und Erbrck, meine Familie und ich aber
  Betrger sind. Da ich jedoch diesen Charakter bisher ohne mein Wissen,
  ohne meine Schuld getragen und nicht jetzt als Erbtitel von meinem
  Vater mit Wissen und Willen berkommen mchte, so verzichte ich
  meinerseits vollstndig auf den Niebrauch der Ihnen zugehrigen Gter
  und habe auch meinen Entschlu meiner Mutter und den Herren von Erbrck
  zu wissen gethan. Bei ihnen nun finde ich dieselbe Bereitwilligkeit,
  sich des ungerechten Gutes zu entledigen, nicht vor, wie ja auch zu
  erwarten stand; sie wollen den Preis eines unter der Ehrlosigkeit
  zugebrachten Lebens nicht leichten Kaufs hergeben. Ihrer Frau
  Mutter, mein Frulein, rathe ich aber nun dringend den Rechtsweg an;
  ausgerstet mit den Papieren, welche ich gefunden und die ich Ihnen
  selbst berbringen werde, ist der Erfolg nicht zu bezweifeln. Es wre
  jedoch auch mglich, da Ihre Frau Mutter einen Vergleich wnschte,
  zu dem sich meine Mutter und die von Erbrck im Bewutsein der
  Unhaltbarkeit ihrer Sache gewi herbeilassen werden, sobald sie sehen,
  da es mir mit der Ueberlieferung der Papiere an Sie Ernst ist; sie
  scheinen es bis jetzt noch nicht zu glauben. -- Was ich bei all diesen
  Vorgngen fhle, mein Frulein, brauche ich wohl nicht auszudrcken,
  meine Handlungsweise mag fr mich Zeugni ablegen. Versichern Sie Ihre
  edle Mutter meiner tiefsten Ehrerbietung, welche sie aber, wie ich
  leider frchten mu, als von dem Mitglied einer ruchlosen und ihr
  verhaten Familie kommend, mit Verachtung von sich weisen wird.
  Verzeihen Sie, mein Frulein, da ich Sie am Anfang des Briefes
  meine Cousine genannt habe; ich htte eine ohnedies sehr entfernte
  Verwandtschaft im Augenblicke solcher Enthllungen nicht betonen
  sollen.

So schrieb der Freiherr. Es wre vergeblich, schildern zu wollen, was ich
bei diesen Aufschlssen empfand; soviel nur ist mir noch jetzt klar, da
ich die Tragweite derselben in Bezug auf uns, die Vernderung, die uns
bevorstand, nicht fassen konnte und wenig bedachte; ich beschftigte mich
vorzugsweise mit der Handlungsweise des Freiherrn, seinem Opfer, seinem
Zustande dabei. Se Thrnen weinte ich darber, da ein Mensch so
groartig uneigenntzig denken und handeln konnte; da dieser Mensch
jetzt lebte, da ich ihn kannte, da das Alles nicht eine kalte That der
Vergangenheit, ein Vorfall aus Bchern, sondern Wirklichkeit war, entzckte
mich.

Die Lampe war trbe geworden; ich schlo die Augen, ein jedes Wort des
Briefes war meinem Gedchtni gegenwrtig, ich sah sogar die Schriftzge im
Geiste vor mir. Wie schnitt mir der herbe Ton der letzten Worte ins Herz,
wie jammerte mich der stolze Edelmann, an dem jetzt das Gefhl der Schande
nagte, welcher er sein Haupt beugte. Ich kannte ihn, so sehr ich mich
bemht hatte, ihn zu verkennen, ich wute, wie ihn die Entdeckung
niedergeschmettert haben mute. Und was lie sich Alles zwischen den Zeilen
lesen, welche widerliche Scenen mit der Mutter, mit dem bsen, herzlosen
Weibe mochten stattgefunden, welcher Festigkeit mochte er bedurft haben,
um seine Absicht aufrecht zu erhalten. Aber was sollte nun geschehen? Jetzt
erst dachte ich an die nchsten Maregeln, dachte ich mir aus, wie ich der
Mutter morgen vorbereitend mein Zusammentreffen mit dem Freiherrn erzhlen
oder vielmehr gestehen wollte und ich mute frchten, die bisherige
Verheimlichung desselben wrde sie schmerzen. Die Nacht, whrend welcher
kein Schlaf in meine Augen kam, wollte nicht enden; ich sehnte den Morgen
herbei, vor dem ich doch zitterte, und sagte mir hundertmal die Worte vor,
mit denen ich mein Gestndni bei der Mutter beginnen wollte.




Neuntes Kapitel.


Die Mutter wute nun Alles. Ich hatte ihr alle meine innern und uern
Erlebnisse in England dargelegt, sie hatte gesehen, wie durch ihre
Erzhlung der Funken geworfen worden war, welcher jetzt zur Flamme neuen
bittern Streites sich entfachen sollte, sie konnte mir, da sie die ganze
Wahrheit erfuhr, nicht zrnen. Dann hatte ich ihr, als eine Folge des vom
Freiherrn gegebenen Versprechens, seinen Brief vorgelegt. Derselbe machte
weniger Eindruck auf sie, als ich erwartet hatte; sie schien kaum zu
glauben, da eine gnstige Wendung der Dinge jetzt noch eintreten knnte,
schien die ganze Sachlage kaum zu begreifen.

Das wre er zu thun fhig, der Sohn des elendesten der Menschen und
eines feilen Weibes? Er wre so ganz aus der Art geschlagen, da er
seine betrgerische Sippschaft selber an den Pranger stellen wollte, ohne
Aussicht auf Gewinn, ja mit bedeutendem Verluste auch fr sich? Und wre
er's -- soll ich mein Eigenthum gleichsam als ein Geschenk annehmen,
welches ich seiner Gromuth verdanke? -- Nein, Margarethe, ich vermag dies
Alles nicht zu fassen, sagte sie dann wieder. Wie htte er gegen seine
Mutter aufkommen knnen, wie will er es noch? Wie eine Tigerin den Raub,
wird sie Alles festhalten wollen, was ihr den Besitz sichern kann. Und was
sind es fr Documente, die er gefunden? Werden sie vor Gericht gengen, um
das ganze, niedertrchtige Gewebe von Flschungen aufdecken zu knnen?
Es mu eine Correspondenz zwischen dem alten Freiherrn und seinen
vertrautesten Helfershelfern sein, und warum wre die nicht sogleich
vernichtet worden? Ist es denkbar, da Jemand die schlagendsten Beweise
einer entehrenden Schuld sorgfltig aufbewahrt fr seine Anklger?
Nein, Kind, der Brief kommt mir wie ein Blendwerk oder wie eine grausame
Spielerei vor.

So erging sich die Mutter in Zweifeln und Fragen, die immer mehr zu bittern
Anklagen gegen die Familie des Freiherrn wurden. Ich stellte ihr vergebens
meine Ansichten, meine Auslegungen und Erklrungen entgegen, und was konnte
ich auch sagen? Ich konnte den Stand der Dinge nur aus einer Quelle, aus
der fremdartigen Hochherzigkeit unseres Verwandten herleiten, und zu
meinem Glauben schttelte die Mutter bitter den Kopf; sie war alt und
kummergehrtet, sie hoffte und glaubte nicht leicht mehr.

Aber was soll geschehen, liebe Mutter? fragte ich endlich. Das ist
doch immerhin eine Art Geschftsbrief, welcher wenigstens eine Antwort
erfordert.

Schreibe Du, entgegnete sie; danke ihm fr seine Handlungsweise, wenn Du
willst, sage aber auch, wie sehr ich ber dieselbe betroffen gewesen,
und bitte um nhere Auseinandersetzung. Was es fr Papiere sind, die
er gefunden hat, mchte ich wissen, ehe ich mich zu weitern Schritten
entschliee.

Ich schrieb und las der Mutter meine Antwort vor. Nein, Margarethe, rief
sie, zerreie das! Welcher Ton der unbegrenzten Dankbarkeit! Was fllt
Dir ein, Kind? Will er wirklich wieder gut machen, was seine Aeltern
verbrochen, nun, was thut er da mehr, als was jeder Ehrenmann an seiner
Stelle thun wrde? Erzeigt er uns etwa eine Wohlthat? Sind wir Bettler, die
er unverdient beschenkt? Nein, meine Tochter, Du bist noch zu jung, um die
Welt zu verstehen; ich hoffe wenigstens, da er Deiner Jugend zuzuschreiben
ist, dieser Mangel, den Du noch oft zeigst, an dem, was den Adel
auszeichnen sollte und auszuzeichnen pflegte, die innere und uere Ruhe
gegenber selbst dem Unerwarteten, das khle Herankommenlassen der Dinge,
der durch Leidenschaft unbeirrte Blick!

War er der guten Mutter wohl geblieben, dieser durch Ha wie durch Liebe,
durch Furcht wie durch Dankbarkeit unbeirrte Blick? So dachte ich, zum
ersten Mal in meinem Leben mich innerlich gegen meine treuste Freundin
auflehnend. Sie sah mir an, da ich bei mir selbst widersprach, und mit
einem flchtigen Lcheln sagte sie in einem leichten Tone, der aber keinen
Widerspruch mehr aufkommen lie, wie sie ihn zuweilen annehmen konnte:

Komm, =ma fille=, schreibe, ich will dictiren.

In Deinem Namen, liebe Mutter? fragte ich scheu.

Ja, wenn Du nicht fr meine Worte einstehen magst, schreibe nur meinen
Namen darunter.

So schrieb ich denn eine khle, geschftlich klingende Antwort auf
den Brief des Freiherrn, in welcher die Mutter mit wenigen Worten ihre
Verpflichtung gegen ihn anerkannte, falls er wirklich gesonnen sei, das
Unrecht, welches seine Verwandten begangen, wieder gut zu machen, aber
auch nicht verfehlte, ihre, wie mich dnkte, beleidigende Verwunderung ber
seinen Entschlu zu betonen, und dann um genauere Auskunft ber den Fund
bat.

Ich konnte das Schreiben nicht so gehen lassen. Heimlich verschaffte ich
mir Gelegenheit, ein paar Worte hinzuzufgen. Verzeihen Sie meiner Mutter
ihre Klte, schrieb ich; bedenken Sie, wie lange sie unglcklich gewesen
ist! Sie glaubt Ihnen noch nicht, ich aber glaube Ihnen Alles und habe
Ihnen schon tausendmal im Stillen abgebeten, da ich Sie frher verkannt
habe. Wenn sich auch unberwindliche Schwierigkeiten dem Siege unserer
Sache entgegenstellen -- und die ahne ich fast, ich kann an keinen guten
Ausgang glauben -- so will ich Ihnen doch bis an mein Lebensende danken fr
das, was Sie thun wollten und schon gethan haben. Verzeihen Sie mir!

Der Brief ging ab, meine Nachschrift blieb unentdeckt, aber sie
beschwerte mir das Gewissen; ich brauchte meiner Mutter so selten etwas zu
verheimlichen und fhlte mich, wenn ich es that, stets dadurch erniedrigt.
Es hatte sich bei mir eine Art Cavalierehrgefhl ausgebildet, dessen
moralischer Werth zweifelhaft sein mochte.

Wir erwarteten nun von Tag zu Tage Antwort vom Freiherrn. Je lnger
sie ausblieb, desto mehr fhlte sich die Mutter in ihren Zweifeln
gerechtfertigt. Vielleicht hat unser edler Vetter gedacht, wir wrden ihn
an Gromuth bertreffen und sein Anerbieten zurckweisen, sagte sie. Wir
beiden mitleidigen Frauen mochten denken, er wrde durch seine beispiellose
Aufopferung an den Bettelstab gebracht, und das nicht bers Herz bringen
knnen, wir konnten uns erbieten, in unserer Drftigkeit, die uns durch
lange Gewohnheit doch htte lieb und theuer werden mssen, zu verbleiben.
So hat er vielleicht calculirt. Aber ich wei, da er in Lievland bedeutend
begtert ist, er hat dort den Oheim beerbt, von dem er uns sprach; die
Einknfte von Gnthershofen bezieht, glaub' ich, seine Mutter allein.

Je lnger das Schweigen unseres Verwandten whrte, desto weniger konnte
ich den Beschuldigungen meiner Mutter entgegensetzen; sie erbitterten mich
aber, ich war weit entfernt, ihr Glauben zu schenken, ich hielt die alte
Frau fr ungerecht und unmig hart. Sie hatte auch wirklich die Weichheit,
die nach ihrer Krankheit ber sie gekommen schien, jetzt ganz wieder
abgestreift unter den Erinnerungen, welche der Brief des Freiherrn in ihr
wach rief. Und ich, zum ersten Male in meinem Leben machte ich jetzt an mir
die Erfahrung, da ich mit vollem Bewutsein von den Ansichten der Mutter
abwich. Im Stillen widersprach ich ihr heftig, im Gesprch wurde dieser
Widerspruch freilich nur zur schchternen Einwendung, aber ich hielt ihn
doch aufrecht. Mit mir war berhaupt, wie ich mit Schrecken bemerkte,
Vieles ganz anders geworden; ich dachte und dachte und kam dabei oft zu
nahezu wunderlichen Resultaten. So fiel es mir einmal ein, darber zu
speculiren, wie ich mich wohl verhalten wrde, wenn -- es konnte ja
dergleichen einmal spter sich ereignen -- wenn meine Neigung auf Jemand
fiele, der vor den Augen meiner strengen Mutter keine Gnade fnde. Wrde
ich mich ihr unterwerfen, entsagen und leiden? Ich konnte zu keinem
Ergebni kommen, vielleicht hatte ich nicht den Muth, meine Schlsse mit
der gehrigen Consequenz zu ziehen, und hinterher tadelte ich mich bitter
ber diese rebellischen Gedanken.

Der Frhling, welcher sich so lieblich angekndigt hatte, kam mit Strmen;
der laue Wind brauste ber die noch kahlen Felder, der Himmel war trbe und
tief verhangen, es war alles Andere eher als schnes Wetter bei uns. Ich
aber liebte diese Zeit, ich hatte meine Freude an dem feuchten Lebensathem,
an dem Ungestm im Werden, ich fhlte auf einmal die grte Sehnsucht nach
drauen und wre gern weit und breit herumgestreift, wenn mich die Sorge
um die Mutter nicht an das Haus gebannt htte. Aber von Zeit zu Zeit,
gewhnlich in der Dmmerung, schlpfte ich hinaus. Unser Huschen lehnte
sich an die Stadtmauer; auf der andern Seite desselben flo ein Bach, von
Weiden eingefat, deren eine Reihe zwischen dem Wsserchen und der alten
grnbewachsenen Mauer eine Art bedeckten Gang bildete. Jetzt waren sie
freilich noch fast kahl, der Boden war feucht und schlpfrig, das Wasser
regentrbe, aber ich gewann dem heimlichen Pltzchen auf einmal groen
Geschmack ab, ich sog mit Entzcken die feuchte Luft desselben ein, ich
lie mir den warmen, ungestmen Wind, der unter den Weidenzweigen herfuhr,
um die Stirn wehen und schaute, an die Mauer gelehnt, durch die Stmmchen
nach dem Horizont, wo sich die schweren Wolkenschichten die den brigen
Himmel bedeckten, wie Coulissen weggeschoben und einen blendenden
weigrauen Streifen freigelassen hatten, auf den die dunkle Decke von oben
hineinhing, wie Haar auf eine niedrige Stirn. So wenigstens sah es aus an
einem Abend im Mrz. Ich hatte lange ruhig gestanden und mit einer Art von
schwermthigem Behagen auf das von der fernen Helle seltsam beleuchtete
flache Land geblickt; nun bog ich um die Mauer herum, zum Stadtthore hinein
und ging nach dem Hause. Ehe ich wieder in das enge Zimmer zurckkehrte,
wollte ich noch einmal einen tiefen Athemzug aus der Frhlingluft thun; ich
ffnete die niedrige hlzerne Gitterthr und trat in das Grtchen am Hause,
auf einen Hgel zu, der sich fast bis zur Hhe der Stadtmauer erhob und
um den diese eine niedere Brustwehr bildete. Whrend ich da stand, tnten
Schritte auf dem Kies, mit Befremden sah ich im Umwenden eine hohe, dunkle
Gestalt auf mich zu kommen. Der Mann trat dicht zu mir und grte -- es
war der Freiherr. Sie hier? rief ich erstaunt, indem ich ihm die Hand
reichte. Er hielt die meine fest und kte sie.

Sie wnschen meine Mutter zu sehen? fragte ich nach einigen Augenblicken,
da er schwieg und noch immer meine Hand hielt; dabei wollte ich mich
losmachen und ihm vorangehen. Er hielt mich zurck.

Nein, Margarethe, sagte er hastig -- ich fuhr zusammen, da er mich beim
Namen nannte -- nein, ich kann nicht vor Ihrer Mutter stehen, wenigstens
in diesem Augenblicke nicht. Sie hat Recht gehabt -- ich habe Sie mit
falscher Hoffnung erfllt, habe Sie schnde betrogen!

Ich sah ihn entsetzt an, ich wollte auf seinem Gesicht die Besttigung
seiner Worte lesen. Er war bleich, seine Augen, die ich sonst fr hell
gehalten hatte, schienen fast schwarz und mir war, als fhle ich sie auf
meiner Stirn brennen.

Lassen Sie uns einige Augenblicke hier bleiben, bat er; ich will Ihnen
Alles erzhlen, Sie haben gesagt, da Sie mir glauben.

Und ich werde Ihnen immer glauben, in Allem, was Sie mir sagen,
entgegnete ich ihm.

Gott segne Sie dafr, Margarethe; aber woher kommt Ihnen dies Vertrauen zu
mir? Wer sagt Ihnen, da ich Sie nicht betrge?

Sie betrgen! rief ich unwillkrlich. Nein, ich bin berzeugt, da Sie
es gut meinen, o, mehr als gut meinen, da Sie Recht und Wahrheit mehr
lieben als Besitz; ich habe nun einmal diese Gewiheit und sie scheint um
so fester, je mehr ich mich frher bemht habe, Ihnen zu mitrauen.

Sie sind ein Kind, Margarethe -- aber ein Kind, das ich anbeten knnte,
fgte er leiser hinzu, und dann haben Sie wieder die Klugheit und Energie
eines Mannes. Aber hren Sie! O, ich htte nicht gedacht, unterbrach
er sich schmerzlich, da ich so wie ein gestndiger Verbrecher je wrde
dazustehen haben!

Aber Sie haben kein Unrecht begangen, nahm ich ungeduldig das Wort.
Reden Sie! Hatten Sie sich getuscht ber jene Papiere, waren dieselben
doch nicht so wichtig, wie Sie geglaubt hatten? Nein? Nun, dann hat man Sie
Ihnen entwendet. Ihre Mutter--

Ha, Sie kennen die vortreffliche Frau, wie ich merke, sagte er bitter.
Ja, ich, in verbrecherischem Leichtsinn, in elender Leichtglubigkeit,
hatte mich wieder, zum hundertsten Male, von ihr tuschen lassen. Als
sie sah, da ich nicht von meiner thrichten Restitutionsidee, wie sie's
nannte, abzubringen war, ergab sie sich mit wehmthiger Resignation darein,
Schlo Gnthershofen zu verlassen. Aber damit bestach sie mich noch nicht.
Sie hatte gehofft, ich werde mich erweichen lassen; als ich fest blieb,
wurde sie krank. Mit schwacher Stimme bat sie mich, sie wenigstens auf dem
Schlosse sterben zu lassen; lange werde sie den neuen Besitzern ja nicht
im Wege sein. Ich zuckte die Achseln -- ja, Kind, das that ich -- und fuhr
unbeirrt mit meinen Vorbereitungen zu unserer Uebersiedlung nach Lievland
fort. Ich hatte dabei natrlich viel in der nahen Stadt zu thun und ritt
oft hinein; einmal blieb ich sogar ber Nacht dort. Alles war nachgerade so
weit geordnet, da ich den Tag meiner Reise zu Ihnen festsetzen konnte;
es drngte mich, die entscheidenden Papiere in Ihre Hnde zu legen. Ich
bewahrte dieselben in meinem Schreibtisch unter doppeltem Verschlu, in
meinem Zimmer, welches nur mein mir ergebener Diener zu betreten pflegte
und zu dem ich den Schlssel in jener Zeit stets bei mir trug. Lcherlich
nutzlose Vorsicht! Ich htte bedenken sollen, da im Schlosse Gnthershofen
von jeher auf Schlo und Riegel nicht zu bauen gewesen! Als ich am Abend
vor dem Tage, der zur Abreise bestimmt war, vor meinem Schreibtisch sitzend
und mit einem Gefhl der Erleichterung Fach fr Fach ffnend, an das
innerste gekommen war, in dem ich die Documente verborgen hatte, fand ich
dieselben nicht vor. Soll ich Ihnen mein fieberhaftes Suchen, die Wuth
und Angst, die mich befiel, schildern? Erlassen Sie es mir. Ich ging zur
Mutter, die an jenem Tage zuerst wieder das Bett verlassen hatte; sie
mochte mich erwarten. Ich wollte die Thr hinter mir verschlieen, der
Schlssel fehlte, der Riegel bewegte sich nicht, Alles war vorgesehen. Als
ich vor sie hintrat, blitzte der Triumph aus ihren Augen, zum ersten Mal
zeigte sie sich mir wahrhaft dmonisch. Sie mgen ermessen, was ich bei
der schrecklichen Scene litt, wenn ich Ihnen sage, da sie mir zu verstehen
gab, sie wisse wohl, da sie auch nach meinem innersten Wunsch gehandelt,
indem sie jene Papiere verbrannt habe -- ja armes Kind, sie waren
vernichtet -- ich knne nun wieder aufhren, den Tugendhaften zu spielen,
meinte sie. Ich htte sie tdten knnen, ich fate ihr Handgelenk, als
sie nach dem Kamin zeigte, in dem ich noch das verkohlte Papier zu sehen
glaubte, und prete es, da sie aufschrie, aber als ich loslie, lachte sie
hhnisch, nannte mich einen Thoren und sagte mir noch einige Wahrheiten,
fr die ich ihr Dank wei. Und nun lassen Sie mich wissen, was Sie von mir
halten.

Mir war unheimlich geworden bei seinem hastigen Sprechen, seinem schlimmen
Lachen, zugleich aber fhlte ich das innigste Mitleid mit ihm. Der Verlust,
von welchem er sprach, machte in jenem Augenblicke wenig Eindruck auf mich,
hatte ich doch den Besitz mir noch nie recht vergegenwrtigen knnen. Ich
sagte ihm das mit einfachen Worten, weil ich ihn beruhigen wollte. Der
Vorfall ist nicht so schlimm, als Sie ihn auffassen, Herr Freiherr, sprach
ich zu ihm. Sie mssen bedenken, da wir uns eigentlich wenig Rechnung
auf eine gnstige Wendung der Dinge gemacht hatten; weder die Mutter, das
glaube ich behaupten zu drfen, noch auch ich werden daher das, was Sie
mir erzhlt haben, als ein Unglck fhlen. Ihre edle Absicht bleibt uns zu
einer Art Beruhigung; ich fr meinen Theil lasse mir fr jetzt gern damit
gengen, da unser Recht von dem Hauptreprsentanten der Gegner anerkannt
wird und da dieser, ich bin es berzeugt, seine Anerkennung desselben
bethtigen wird, sobald er dazu die Freiheit hat.

Der Freiherr stand mit untergeschlagenen Armen vor mir und sah mich an, ich
glaube aber kaum, da er mir zuhrte; erst als ich schwieg, schien er zu
merken, da ich gesprochen hatte. Ich wiederholte daher meine Grnde fr
das Unnthige seiner Selbstanklage. Er schttelte den Kopf.

Sie sind unerfahren, Margarethe, bescheiden, gengsam, vergebend, ach,
Sie sind zu gut! Ihre Mutter wird anders ber mich denken. Aber das mu ich
einstweilen ertragen, ich wei, da ich einen guten Anwalt an Ihnen habe.
Ich gehe jetzt auer Landes, sobald ich die Abtretungsurkunde von
Schlo Gnthershofen mit seinen liegenden Grnden an Sie in aller
Form ausgefertigt und bei einem Notar, den ich Ihnen bezeichnen werde,
niedergelegt habe, fr den Fall, da mir etwas zustiee. Sie werden dann
nach dem Tode meiner Mutter das Schlo sogleich in Besitz nehmen knnen.
Sie knnten dies schon jetzt, in wenigen Wochen, aber ich bezweifle, da
Ihre Frau Mutter sich dazu verstehen wrde, auch mchte ich Sie, ich mu es
gestehen, nicht in der Nhe der jetzigen Bewohnerin wissen. Erbrck bleibt
Ihnen natrlich durch meine Schuld verloren.

Aber wessen klagen Sie sich eigentlich an? fragte ich. Wie konnten Sie
die Papiere besser verwahren als in einem verschlossenen Schreibpult in
Ihrem Zimmer?

Ich htte sie gleich einem Rechtskundigen berliefern oder Ihnen
zukommen lassen sollen, entgegnete er; ich unterlie es whrend einiger
vorbereitenden Geschfte meinerseits, weil ich mich selber in gewisser
Hinsicht als Ihren Anwalt, Ihren Stellvertreter ansah.

Noch eine Frage, der Mutter wegen, welche dieselbe zu stellen wnschte:
was waren es eigentlich fr Papiere, die Sie gefunden hatten?

Der Freiherr athmete schwer, es kostete ihm Anstrengung, mir zu antworten.
Es befanden sich darunter, sagte er endlich leise, Briefe des Frsten an
meine Mutter, welche die Umrisse des ganzen Plans, Sie von Ihren Gtern
und aus dem Lande zu treiben, enthielten. Bei der Vertraulichkeit, welche
zwischen beiden herrschte, kam da Allerlei zur Sprache, was vollstndig
gengt haben wrde, Ihre Sache zu retten. Aber das war nicht Alles. Die
Duplicate der geflschten Correspondenz zwischen Ihrer Gromutter und dem
Baron d'Elange, jenes Hauptbeweises gegen Sie, waren da, vielleicht als
Curiosum aufbewahrt; meine Mutter mu aus einer Art teuflischer Freude an
dem ganzen Handel die compromittirenden Papiere vor der Vernichtung bewahrt
haben, anders kann ich mir ihre Existenz nicht erklren. Wir haben hier
angenehme Familienangelegenheiten durchzusprechen, nicht wahr, Cousine?

Er brach ab und wir schwiegen einige Augenblicke. Es war ganz dunkel
geworden; jetzt erst dachte ich mit Schrecken daran, wie unruhig die Mutter
mich erwarten mochte. Kommen Sie mit zu meiner Mutter, sagte ich, sie
wird sich um mich ngstigen.

Ja, und ich habe Sie hier in Dunkelheit und Klte und Nsse
zurckgehalten! Sie werden krank werden. Ich habe Ihnen noch nie Anderes
als Uebles zugefgt. Gehen Sie, erzhlen Sie Ihrer Mutter Alles, Sie wird
Ihnen oder vielmehr mir nicht glauben; sagen Sie ihr dann, da sie sich
bei -- er nannte einen Notar in einer benachbarten grern Stadt --
erkundigen mge. Vielleicht auch wird sie niemals das ihr Angehrige unter
einer Form in Besitz nehmen wollen, welche fr eine Schenkung angesehen
werden knnte. Nun, =nous verrons=! Vertrauen wir dem Glck ein ganz klein
wenig, Margarethe! Leben Sie wohl!

Sie wollen fort? rief ich ngstlich.

Ja, und ich werde Sie nun in Jahr und Tag nicht wiedersehen, =ma petite
cousine=! Er fate meine beiden Hnde; ich konnte seinen pltzlich
leichten Ton, indem er sich ber sich selber lustig zu machen schien, nicht
begreifen. Sie sind eine kleine Zaubrerin. Sie haben die Last von mir
genommen, mit der ich vor Sie hintrat, mir ist jetzt, als werde sich noch
Alles zum Guten lsen; Ihnen mu man beichten, wenn einem die Absolution
ntzen soll.

Er blieb noch immer stehen; mit meinen Hnden in den seinen drehte er sich
jetzt um und sah nach dem Hause, nach den kleinen erleuchteten Fenstern des
Wohnzimmers.

Dort hinten hausen Sie -- schon Jahre lang? Nun, Schlo Gnthershofen hat
etwas hhere Fenster und Sie werden im Park ein wenig mehr Raum haben, sich
zu ergehen, als in diesem Irrgarten. Aber ich mu nun fort, kommen Sie.

Er geleitete mich bis zur Hausthr; ich fand nichts mehr zu erwidern.
=Adieu, ma cousine=, sagte er endlich, neigte den Kopf und kte mich auf
die Stirn, dann ging er.

Ich aber -- da stand ich in der dunkeln Hausflur und Alles, was ich in
dieser Unterredung, die fr mein eintniges Leben ein Ereigni war, gehrt
und erfahren, strmte verwirrend auf mich ein; ich empfand eine tiefe
Traurigkeit, die unerklrliche Laune des Freiherrn bei seinen letzten
Worten hatte verfehlt, mich anzustecken. Rathlos und niedergeschlagen
setzte ich mich auf die Treppenstufen -- wie sollte ich vor die Mutter
treten und ihr das Alles erzhlen? Ich fhlte, da ich es nicht konnte. Da
hrte ich oben ihre Schritte, sie hatte die Hausthr schlieen hren und
wollte in ihrer Angst um mich herabkommen. Ich sprang in die Hhe und eilte
hinauf; in der Thr stand die Mutter und empfing mich in ihren Armen, so
erfreut war sie, mich wieder zu haben, ich aber, berwltigt durch diesen
seltenen Ausbruch mtterlicher Sorge und bedrckt durch ein unbestimmtes
Gefhl, da ich dieselbe in diesem Augenblicke gar nicht verdiene, lehnte
den Kopf an ihre Schulter und brach in heie Thrnen aus. Die Mutter
gerieth darber in die grte Bestrzung.

Um Gotteswillen, Margarethe, mein Kind, was fehlt Dir, was ist Dir
widerfahren? Sprich doch, was kann Dir begegnet sein?

Ich sah die Nothwendigkeit ein, meine noch immer leidende Mutter sogleich
zu beruhigen, und so entledigte ich mich denn so rasch wie mglich meiner
seltsamen Erzhlung. Ich sagte der Mutter, wie ich den Freiherrn vor dem
Hause getroffen, wie er lieber mir als ihr die unglckliche Wendung der
Dinge habe mittheilen wollen, ich legte dieselbe dar, so gut ich vermochte,
und wiederholte die Selbstanklagen des Herrn von Gnthershofen, ich sprach
von der uns zugedachten Wiedererstattung. Auch diesmal hatte ich mich
getuscht mit meiner Voraussetzung darber, wie die Mutter dies Alles
aufnehmen wrde; sie schien kaum berrascht, ja fast wie befriedigt und
schenkte der Erzhlung des Freiherrn unbedingten Glauben.

Ja, das ist sie, daran erkenne ich sie, warf sie ein, whrend ich sprach;
sie lchelte, als ich geendet. Das klingt wie ein Kapitel aus einem Roman,
nicht wahr? sagte sie. Aber ich fhle die Wahrheit heraus. Der arme
Vetter! Besser htte er von unserm Rechte nicht berzeugt werden
knnen, auch wenn er jene Briefe nie gelesen htte, als durch dies
charakteristische Vorgehen seiner vortrefflichen Mutter.

Auch in Bezug auf die Abtretung des Besitzes sprach die Mutter anders, als
ich erwartet hatte. Ich werde nicht mehr lange bei Dir sein, mein Kind,
sagte sie, und es ist gut, da Du nicht allein und zugleich bettelarm in
der Welt dastehen wirst. Das Schlo ist allerdings nur ein Theil des
uns zukommenden Besitzes, aber wenn es dem Freiherrn Ernst ist mit der
Restitution, so nimm sie an. Er ist ja ohne dasselbe reich genug; wir
wollen es als ein Geschenk von Gott ansehen, dem es einst gefiel, uns Alles
zu nehmen, und dem es jetzt gefllt, uns einen Theil wiederzuerstatten.

Weiter wurde zwischen uns von der gewaltigen Vernderung, die nun in unserm
Leben eintreten konnte, nicht geredet, und auch unsern Gedanken vermochte
sie keine neue Richtung zu geben. Ich wenigstens empfand keinerlei
Genugthuung darber; noch nie war ich so niedergeschlagen, so hoffnungslos
traurig gewesen, als ich es nach jenem Abend wurde. Von den wenigen
Bekannten, die ich im Stdtchen besa, zog ich mich infolge dieser Stimmung
ganz zurck; Tage und Wochen lang sah ich kaum einen Menschen auer
meiner Mutter und der Magd. Ich pflegte gegen Abend erst hinauszugehen, am
liebsten unter die Weiden bei der Stadtmauer, und dann allemal, ehe ich ins
Zimmer zurckkehrte, erst auf jenen erhhten Platz im Garten. Dort stand
ich eine Weile, nahm den Hut ab und lie mir die laue Abendluft durch das
Haar wehen. Tnten einmal drauen auf der Strae Schritte, so schrak ich
zusammen und konnte mein Zittern eine Zeit lang kaum bemeistern.

Blicke ich jetzt, nach Jahren, auf jenen Zustand zurck, so mu ich
allemal meinem Geschick danken, da es die Keime, welche sich damals in mir
zeigten, nicht zur Reife kommen lie. Meinen geistigen Thtigkeiten fehlte
das Gleichgewicht, und htten die Umstnde fortgefahren, einige so sehr
auf Kosten der andern zu begnstigen, so wre ich eine excentrische,
trbsinnige Einsiedlerin geworden. Frs erste zerri das Schicksal das
Gewebe meiner migen Trumereien, indem es den Gedanken einen wirklichen
Gegenstand unterschob, und zwar durch einen Brief von Lucy. Ich hatte deren
schon viele gehabt; sie schrieb mir mit der grten Regelmigkeit und ich
antwortete ebenso. Bedeutenden Inhalts pflegten diese Documente im Ganzen
nicht zu sein; es waren Berichte ber beiderseitiges Befinden und stets
fand sich darin der Wunsch nach einem baldigen Wiedersehen ausgesprochen.
Diesmal war Lucy's Schreiben lnger als gewhnlich und die erste Nachricht,
die sie mir mit lebhaften Worten mittheilte, war, da der Freiherr sich im
Hause ihrer Aeltern befinde. Sie erzhlte dann, wie gut man sich amsire,
wie viele Land- und Wasserfahrten man mache, da bei schlechtem Wetter
im Hause deutsch gelesen werde, und wie sehr sie mich zu dem Allem
herbeiwnsche, obgleich ich, wie sie sich erinnere, meinem Vetter damals
nicht besonders hold gewesen sei. Wren Sie aber jetzt hier, meinte sie
weiter, so wrde die Fehde zwischen Ihnen wohl aufhren, so liebenswrdig
ist der Freiherr; Sie wrden ihm nicht widerstehen knnen. Uns alle erhlt
er in guter Laune, sogar der Br Forster -- dies Epitheton fhrte der
Jurist bei dem lustigen Mdchen schon lange -- sogar er, der seit Ihrer
Abreise, um mit John zu reden, stets ein Gesicht wie ein Leichenstein
gemacht hat, fngt langsam an aufzuthauen. Was uns rgert, ist, da er
lange, geheimnivolle Privatunterredungen mit dem Freiherrn hlt, whrend
welcher wir uns langweilen mssen; es wird dabei, wie man allgemein
behauptet, von Ihnen gesprochen. Sie mssen kommen, unsere Minerva,
Mi Mentor, wie Papa Sie nennt, und Ihrem Landsmann den verlorenen
Seelenfrieden wiederbringen, denn wir alle sind darin einig, da er
denselben in Ihrer Verwahrung gelassen hat.

Jetzt wute ich pltzlich, warum ich unglcklich war; durch diesen Brief
mit seinem schonungslosen Uebermuth errang ich mir eine Klarheit, von der
ich damals glaubte, sie sei das einzige Gut, auf welches ich im Leben noch
Anspruch zu machen habe. Ich gewann den Muth, mir einzugestehen, da der
Freiherr lngst alle meine Gedanken erfllte, und philosophirte sehr weise
darber, ob dies wohl die Liebe sei, von der die Dichter seit alten Zeiten
singen, von deren Kunde die Weltgeschichte voll ist. Fast zweifelte
ich daran, denn jene Liebe, das hatte ich in Bchern gelesen, verlangte
ungestm nach Besitz, und ich bildete mir ein, da ich mich darauf freue,
Herrn Bardolph als Gemahl Lucy's zu sehen, weil er dann glcklich sein
wrde. Das erstickende Gefhl, was mich allemal berkam, wenn ich mir
dachte, wie er sie in seine Arme nehmen und ihr schner blonder Kopf an
seiner Brust ruhen wrde, nannte ich Schwche und hoffte es mit der Zeit
zu berwinden. Nachdem ich einigermaen mit mir selber fertig geworden war,
blieb mir noch eine Pflicht zu erfllen: ich schrieb an Forster und bat ihn
um Verzeihung, da ich ihm damals nicht gleich mit Bestimmtheit geantwortet
habe. Sie lieen mir freilich wenig Zeit dazu, sagte ich ihm; Sie
wollten keine Antwort, aber ich wrde Ihnen dennoch eine gegeben haben,
wenn ich schon damals mit mir selbst im Klaren gewesen wre, wie ich es
jetzt bin. Und warum sollte ich Ihnen nicht den Grund meiner Ablehnung
Ihres ehrenden Antrags sagen? Mich dnkt, Sie haben ein Recht darauf, ihn
zu wissen. Besonders aber drngt es mich zu dem Gestndni, was ich Ihnen
machen will, weil es mir scheint, als mten Sie aus demselben eine Art
Trost schpfen knnen, wenn anders ich wirklich das Unglck habe, Ihnen
Schmerz zu bereiten. Ich liebe einen edlen, vortrefflichen Mann, der von
meiner Neigung nichts wei und nie davon erfahren wird. Es kostet mich
keine Scheu, keine Verlegenheit, Ihnen dies zu sagen; jenes Gefhl ist ohne
mein Zuthun in mir entstanden, es wird mich nicht hindern, der Verbindung
des so sehr Geliebten mit einer Andern mit dem einzigen Wunsche zuzusehen,
da beide glcklich werden mgen. Und das Letztere wnsche ich Ihnen auch
und bin berzeugt, Sie werden noch finden, was Sie suchen.

Auch Lucy antwortete ich; wider meinen Willen wurde der Brief gegen
den ihrigen etwas kalt und karg. Wochen vergingen, ohne da ich Antwort
erhielt; die Grays waren jetzt auf ihrer Herbstreise und wahrscheinlich
hatten meine Briefe ihre Adressen noch gar nicht erreicht. Ich liebte es,
mit einer Art trauriger Genugthuung mir die frhlichen Scenen auf jener
Reise, die Gruppen glcklicher Menschen auszumalen; an dem Abglanz jenes
Glckes wollte ich mich auch erwrmen, an den schrgen, matten Strahlen,
die von weither zu mir herberschossen; aber sie gaben ein gar kaltes
Licht.

Mit dem scheidenden Sommer verschlimmerte sich der Zustand meiner Mutter
auch wieder, das Leiden, von dem sie lange schon nie ganz frei gewesen,
trat heftiger auf und machte sie immer mehr mit dem Gedanken an einen
baldigen Tod vertraut. Sie frchtete ihn nicht, sie hatte sich jahrelang
das Sterben, in dem sie eine Wiedervereinigung mit ihren geliebten Todten
sah, leise herbeigesehnt; sie trauerte aber um mich, die so ganz allein
zurckbleiben sollte. Wir hatten jetzt oft, wenn es der Zustand der Mutter
zulie, lange Gesprche mit einander; zuerst eigentlich in meinem Leben
gab sie mir Gelegenheit, meine Ideen und Meinungen ber so Manches
auszusprechen, wovon ich frher vor ihr nicht zu reden gewagt. Sie hrte
mich dabei mit einer fast ngstlichen, forschenden Aufmerksamkeit an, die
ich mir nicht recht erklren konnte. Ich sprach aber gern, meine Hand auf
ihren Knieen und ihr von Zeit zu Zeit in das liebe Antlitz mit den noch
immer schnen Augen blickend, whrend sie die Worte von meinen Lippen zu
trinken schien. Gott sei Dank, Margarethe, sagte sie einst, whrend eines
solchen Zwiegesprchs, tief aufathmend, da Du geworden bist, wie ich
Dich jetzt kennen lerne. Mir verdankst Du es nicht -- ich habe Dich
vernachlssigt, habe in meinem egoistischen Kummer das arme Kind sich
selbst berlassen; nein, versuche nicht, mir zu widersprechen, ich wei,
wie schwer ich gefehlt habe. Jahre sind vergangen, whrend welcher ich Dich
kaum kannte, mich nicht um Dich kmmerte, da Du stndlich um mich warest,
jetzt werd' ich gewahr, was ich fr eine Tochter habe, aber Gott straft
mich gerecht, indem er mich nicht ernten lt, wo ich nicht sete; Du bist
aufgewachsen zur Freude und ich mu fort.

Mutter, sprich nicht so! bat ich. Du hast noch gar Vieles zu erleben;
Du sollst in Schlo Gnthershofen einziehen und die Margarethe als
Schlofrulein sehen.

Die Mutter schttelte ernst mit dem Kopfe.

Ich kann nicht glauben, da mir das zu Theil werden sollte; ich knnte es
auch nur um Deinetwillen wnschen. Ich mag nicht noch einmal Reichthum und
Rang auf meinen Schultern fhlen, sie sind zu schwach dazu. Als ich vor so
vielen Jahren das Schlo verlie -- es gehrte uns damals noch -- da wurde
es mir einen Moment lang ganz klar, da ich es nie wieder betreten wrde.
Es gibt Menschen, denen ein solches -- Hellsehen mchte ich es nicht
nennen, es ist eine kurze Ueberzeugung, die man sich spter gehabt zu haben
erinnert, ohne sie noch zu besitzen -- ein- oder zweimal im Leben zu
Theil wird; die seltsame Gabe ist mehreren Gliedern meiner Familie eigen
gewesen.

Die Mutter schwieg sinnend und in mir ging in jenem Augenblick etwas
Seltsames vor; auch ich wute pltzlich ganz genau, da ich -- aber nein,
die Gewiheit, die mir wie etwas Fremdes, nicht in mir Entstandenes ans
Herz trat, war sicher nur eine blendende Lge. Die Mutter hob nun an,
mir die Sensation jener momentanen Prophetengabe, die gleich nach ihrem
Verschwinden auch zu nichte werde, da man selber nicht an sie glaube,
zu beschreiben; mir wurde bange, ich bat sie, sich nicht aufzuregen; die
leuchtenden Augen, mit denen sie wie in eine weite Ferne zu schauen schien,
schnitten mir ins Herz; sie sah schon jetzt zuweilen aus, als gehre sie
nicht mehr der Erde an. -- Zu andern Zeiten aber plauderten wir traulich;
ich erzhlte ihr von so manchem Eindruck, den ich, besonders whrend meines
Drauenseins, empfangen, und die Mutter neckte mich sogar scherzend und
meinte, so altjngferlich ich mich stelle, so wisse sie besser, wie es
eigentlich mit mir stehe. Ich erschrak dann und fragte mich, ob sie mein
Geheimni mit mtterlichem Scharfblick errathen habe, ich wollte ihr Alles
gestehen, aber stets hielt mich eine gewisse Bangigkeit ab. Wenn ich
mich irrte, wenn das Gestndni meiner Abtrnnigkeit sie traf wie ein
Donnerschlag, wenn sie mir vielleicht von neuem gebot zu hassen! Was wute
ich, inwieweit das furchtbar starke Gefhl in ihr sich durch die letzten
Ereignisse zu Gunsten des Freiherrn abgestumpft hatte! Und wre es anders,
billigte sie, begriff sie auch nur meine Neigung, wozu sie ihr gestehen, da
sie unerwidert war; sie mute im besten Falle ihren regen Stolz verwunden.
So schwieg ich, bis es zu spt war, und es ist lange Jahre ein bitterer
Schmerz fr mich gewesen, zu der Neigung meines Herzens nicht den Segen
meiner Mutter empfangen zu haben.




Zehntes Kapitel.


Eines Tages hatte uns der gute Pfarrer besucht, wie er es von Zeit zu Zeit
und seit der zunehmenden Schwche der Mutter hufiger zu thun pflegte. Ich
begleitete ihn nach meiner Gewohnheit hinaus vor die Thr. Kommen Sie doch
einmal mit in den Garten, sagte er, noch ehe dieselbe geschlossen war,
laut zu mir; Sie haben da eine Rose, von der ich mir einen Ableger
ausbitten mchte. Als wir vor den Rosenbumchen standen, meinte er
lchelnd: Eine Kriegslist wie diese htten Sie mir wohl nicht zugetraut,
aber ich mute Sie auf einige Minuten allein sprechen; Sie mssen mir
dieselbe verzeihen.

Auf meine verwunderte Frage berichtete er rasch: Herr von Gnthershofen
hat an mich geschrieben; er hat mir auseinandergesetzt, wie Schlo
Gnthershofen und mit der Zeit factisch in Ihren Besitz bergehen werde. Es
drckt ihn, Sie in Verhltnissen zu wissen, die Ihrem Range und Vermgen so
wenig angemessen sind; er schreibt mir, der Gedanke sei ihm von Tag zu Tage
unertrglicher geworden, da Sie hier Beschrnkung leiden, whrend seine
Mutter auf und von Ihrem Eigenthum lebe. Und er beschwrt mich, Sie zu
bewegen, etwas von dem Ihren anzunehmen. Ich schttelte heftig mit dem
Kopfe. Um Ihrer Mutter willen soll ich Sie bitten, welcher jede Strkung,
jede Bequemlichkeit zu verschaffen ja Ihre Pflicht sei. Der Pfarrer sprach
noch Manches, sprach wrmer, je mehr er sah, wie ich in meinem Widerstande
unsicher wurde, da ich daran dachte, wie oft mir das Herz weh gethan hatte,
wenn ich fr die Mutter dies oder jenes nicht erlangen konnte, weil ich zu
arm war. Welches falsche Zartgefhl konnte mich abhalten, anzunehmen, was
von dem besten Manne geboten wurde und was doch auch wirklich uns zukam?
Ich schwieg in diesen Gedanken und der gute Pfarrer wollte fortfahren, mich
mit neuen Grnden zu berreden, da unterbrach ich ihn. Ja, ich will, Herr
Pfarrer, sagte ich abgewendet; der Freiherr hat Recht, um der Mutter
willen darf ich mich nicht weigern.

Recht so, mein Kind, sagte er und nahm meine beiden Hnde; aber lassen
Sie die Mutter nichts merken; sie mchte die Sache anders auffassen und
sich gekrnkt fhlen. Ich komme bald und stelle Ihnen die Sendung zu.

Auch in seinem Glcke dachte er also an uns! Ach ja, er war gut und edel
durch und durch; er verdiente alle Liebe, ein Jeder mute ihm gut sein, der
ihn kannte. Dies war auch mit mir der Fall; da er nichts davon wute, was
lag daran? Ich liebte ihn und schmte mich dessen nicht.

All mein Denken war nun bald nur meiner Mutter zugewendet, deren Zustand
sich tglich verschlimmerte. Da sie bald sterben wrde, wute sie; ich
wehrte mich innerlich gegen die Hoffnungslosigkeit, die auch mich nach und
nach berkam; wenn mich die liebe Kranke schonend und zrtlich vorbereiten
wollte, suchte ich dem gefrchteten Thema mit krankhafter Angst
auszuweichen. Eines Abends sa ich am Bett, whrend drauen ein kalter
Mondschein ber der herbstlichen Welt lag; die Mutter hatte den Tag ber
groe Schmerzen und von fiebernder Unruhe gelitten und war in der Dmmerung
eingeschlummert. Jetzt schlug sie die Augen auf und sah mich klar und voll
an, ja sie lchelte sogar.

Es geht Dir besser, liebste Mutter? fragte ich, indem ich mich ber sie
beugte.

Ja, mein Kind, die Schmerzen sind vorber; ich glaube nicht, da sie
wiederkommen werden bis -- nein, komm Margarethe, nicht mehr dies thrichte
Zusammenzucken; was ntzt es, sich der Wahrheit verschlieen zu wollen? Ich
mu meine Zeit benutzen, sie ist gar kostbar fr mich geworden.

Sie hielt, schon erschpft, inne; ich reichte ihr, indem ich die Thrnen
mhsam unterdrckte, auf ihren Wink zu trinken; dann fuhr sie, hufig
ermattet stockend, mit stetigem Entschlusse fort, whrend ich sie nicht zu
unterbrechen wagte, und sprach von der Zeit, wo ich allein sein wrde.

Es ist besser, wir besprechen zusammen, was Dir nach meinem Tode geziemen
wird zu thun, liebe Tochter, sagte sie; Du wirst ohne Verwandte, ohne
Schutz dastehen unter eigenthmlichen Verhltnissen. Der Freiherr wird
Dir nach dem, was vorgefallen ist, gewi Schlo Gnthershofen zur
Wohnung anbieten; ich mchte von Dir hren, wie Du ber Deine Zukunft zu
entscheiden gedenkst. Sei stark, meine Tochter! Ich wei, ich verlange
viel, aber Du bist Deiner sterbenden Mutter den Kampf mit diesen Thrnen
schuldig; la mich wissen, soweit dies Menschen vorherbestimmen knnen, was
aus Dir werden wird, damit ich beruhigt hinbergehen kann.

Ja, die Mutter verlangte viel; noch in ihren letzten Stunden schien in
ihrem Wesen jene Vornehmheit, jenes ruhig, selbstverstndlich Gebietende
durch, was sie stets ausgezeichnet hatte. Ich sollte meinen unsaglich
bittern Jammer hinunterschlucken, sollte mich des Gefhls, da ich sie
besa, da sie doch noch bei mir war, berauben, in den letzten Augenblicken
vielleicht, in denen es mich noch auf Erden beglcken konnte. Ich that es,
ich dachte an die Zeit, die so trostlos de vor mir lag, die Zeit, in der
ich, gleichsam mit allen Wurzeln aus dem Boden gerissen, heimatlos und
ganz, ganz allein sein wrde. Die Mutter fragte wieder:

Willst Du mit seiner Mutter auf Schlo Gnthershofen wohnen?

Nein, rief ich heftig, nein, nein! Ach Mutter, kann ich denn nicht hier
bleiben, in diesen Zimmern, wo Du und ich zusammen waren--

Hier bleiben, ganz allein? Nein, mein Kind; versprich mir, das nicht zu
thun -- ich bitte Dich, ich befehle es Dir, auch wenn Dir die Mittel
dazu geboten wrden. Ich habe Dich in der letzten Zeit beobachtet, das
Alleinsein hat Gefahr fr Dich. Hre meinen Rath, meinen Wunsch! Gehe nach
England zurck; ich bin gewi, man wird Dich liebevoll aufnehmen. Es ist
ja auch nur fr einige Jahre; glttet sich spter die Angelegenheit mit dem
Freiherrn, wird Gnthershofen einmal durch den Tod seiner Mutter frei, so
bist Du in den Stand gesetzt, zu leben, wo und wie es Dir gefllt, Du wirst
unabhngig sein. Ich danke Gott, mein Kind, da es so gekommen ist.

Wir sprachen danach wenig mehr; die Mutter nahm meine Hand, ich blieb lange
unbeweglich, whrend es endlich todtenstill im Zimmer geworden war. Noch
einmal gelang es mir, alles Andere zu vergessen und nur zu wissen, da
ich bei meiner Mutter sei und ihre warme Hand die meine halte. Am nchsten
Morgen war ich allein, die theure Gestalt lag noch da, aber sie gehrte
mir nicht mehr -- geheimnivoll hatte sich in der Stille der Nacht etwas
derselben entwunden, war mir entflohen -- ich kam mir wie betrogen, wie
hintergangen vor. Thrnen fand ich da nicht, ich sa ganz still; einmal
berhrte ich das Kopfkissen, um es noch mechanisch zu gltten, ich fuhr
zurck, es war eiskalt. Ich konnte, was vorgegangen war, nicht fassen:
gestern Abend hatten von diesem Munde noch Worte an mein Ohr geklungen,
jetzt war er unbewegt. Erst leise, dann immer heftiger sagte ich
wiederholt: Mutter, sprich, sprich, Mutter, noch einmal, noch ein Wort!
Ich kte ihre Hand, hauchte darauf, hielt sie zwischen meinen Hnden
und rieb sie sanft; einmal schien mir's, als sei sie wieder warm, in
erstickender Bewegung schaute ich nach dem Antlitz und erkannte meinen
Irrthum. Da fiel mir ein, da man Todten die Augen schliee; mit zitternden
Fingern berhrte ich ihre kalten, schweren Lider, und damit, mit dem
Bewutsein, da ich der Mutter nun den letzten Dienst erwiesen, kam erst
Leben in meinen Schmerz -- mit einem Jammerruf warf ich mich neben dem
stillen Lager nieder.




Elftes Kapitel.


Herbst ist es nun, Strme des Meeres, die wollen nicht ruhn! So hatten
wir in der rhrenden Klage der schnen Ingeborg gelesen. Jetzt wurden wir
still, die beiden jungen Mdchen, denen ich die Frithjofssage zum ersten
Male vorfhrte, waren ergriffen von den eben gehrten Worten und schauten
beide sinnend ins Feuer, welches vor uns im Kamine brannte. Alles stimmte
zu behaglicher Ruhe in meinem Zimmer, wo ich jetzt, nicht mehr wie frher
in der Schulstube, meinen nun erwachsenen Schlerinnen ihre deutschen
Stunden gab. Die Sessel und das niedrige Kanapee, Teppiche, Vorhnge und
die Tapeten der Wnde waren dunkelfarbig, durch die Glasthr und ber
die Veranda hinaus sah man auf den winterlichen Park und blickte von dem
grauen, windgefegten Himmel nur um so lieber zurck auf die warmen Farben
des kleinen Raums und in die prchtig glhenden Kohlen. Lucy stand jetzt
von ihrem niedrigen Sitze auf und schaute, die hohe Gestalt leicht nach
hinten gebogen, aus dem Fenster, whrend sie vor dem Feuer stehen blieb.
Wie oft sah ich sie jetzt still bewundernd an, sie war gar so schn; in
diesem Augenblicke verkrperte sie mir Ingeborg, ein Maler htte sich kein
edleres und lieblicheres Vorbild fr die knigliche nordische Jungfrau
denken knnen. Und nun richtete sich neben Lucy eine Andere auf, umfate
sie leicht und blickte in den Spiegel, der dicht vor den beiden ber dem
Kaminsims sich erhob. Da sah sie, wenig kleiner als die Lucy's, eine
dunkle Gestalt und ein bleiches Gesicht, welches, wie es ihr schien, die
Jugendfrische der Gefhrtin nur mehr hervorhob, und wendete sich leise
seufzend ab.

Solche Anwandlungen gekrnkter Eitelkeit hatte ich je zuweilen neben der
immer prchtiger erblhenden Lucy, nicht ohne da ich mich ihrer stets
geschmt htte, und das um so mehr, je enger ich in herzlicher Liebe
und Anhnglichkeit mit der Familie Gray verbunden wurde. Sie hatten mich
empfangen wie eine Tochter, die man lngst erwartet; mit dem Takte der
Herzensgte richtete Frau Gray Alles wie fr einen bestndigen Aufenthalt
um mich ein, ich sollte das Haus wie meine Heimat betrachten lernen. Von
meinen Verhltnissen hatte ich Einiges fallen lassen, mehr schien die Dame,
wie ich mir dachte, von dem Freiherrn erfahren zu haben; es war mir klar,
da man mich zwar fr heimatlos, aber nicht fr arm und von meiner
Arbeit abhngig halte. Es kam mir vor, als berlasse man mir die wenigen
Gouvernantenpflichten, welche der Unterricht der Tchter etwa noch
forderte, nur um zu verhindern, da ich mich fr unntz und berflssig
im Hause halte; als ich aber nach einiger Zeit der Mutter meine Scrupel,
lnger als Erzieherin bei ihr zu fungiren, erffnete, da die jngern Kinder
eine Gouvernante hatten, bat sie mich so instndig zu bleiben, wute so
viel von dem guten Einflu zu sagen, den ich auf die Mdchen haben sollte,
von ihrer aller Gewhnung an mich und dergleichen, da ich mich auf eine
Zeit lang wieder beruhigte.

Ich hatte das Haus ziemlich still gefunden bei meiner Rckkehr. John war
in seinem ersten Semester zu O., wo er mit Forster, der an der
Universittsbibliothek eine ehrende Anstellung erhalten hatte, zusammen
hauste; Roger war auf Reisen. Uns wurde indessen die Zeit nicht lang, wir
gingen, ritten und fuhren umher, nhten und lasen und thaten, was jeder Tag
verlangte; dabei wurde jedoch viel von den Abwesenden gesprochen und die
Zeit leise herbeigesehnt, da man wieder einmal zusammensein wrde wie
damals, das hie, den ersten Herbst nach meiner Ankunft.

Auch an jenem Nachmittage, da wir der zunehmenden Dunkelheit wegen unser
Buch zugeklappt hatten, kam die Rede auf jene Zeit; wir sprachen von
Forster, rhmten ihn und tauschten unsere Muthmaungen ber seine knftige
Carrire aus, ob er sich ganz in England einleben, einen englischen
Hausstand grnden und dazu ein englisches Weib nehmen, oder ob er, wenn
eine Amnestie, welche halb und halb erwartet wurde, eintreten sollte, sich
der Heimat zuwenden wrde. Mit dem den Englndern hufig eigenen Ernst in
kleinen Dingen wurden diese Mglichkeiten von den beiden jungen Geschpfen
neben mir grndlich errtert. Darber, da man wisse, er habe von mir eine
Zurckweisung erfahren und wie bleich und grmlich er danach umhergegangen
sei, hatte ich schon frher vertrauliche Mittheilungen entgegennehmen
mssen, jetzt meinte die kleine Blanche wieder: Ach, wie haben Sie es auch
nur thun knnen, Mi Margareth! Ein so guter Mensch! Ich wrde es nicht
bers Herz bringen, nein zu einem zu sagen, wenn ich sehen knnte, da es
ihn so sehr krnken wrde.

Ich war nicht aufgelegt, die Sache ernst zu nehmen und dem Kinde
auseinander zu setzen, wie dieses Nein unter Umstnden die heilige Pflicht
eines ehrlichen Mdchens sei, wute ich doch auch, da sie nicht so
einfltig sei, wie sie sich oft zu stellen liebte. Von der Schwester wurde
sie wegen ihrer etwas weitgehenden Gutherzigkeit geneckt, und vielleicht
um eine kleine Rache auszuben, sagte sie leichthin: Und wann kommt der
Freiherr, Lucy? Hat er es Dir im letzten Briefe nicht mitgetheilt?

Ich fhlte pltzlich die Nothwendigkeit, mich niederzusetzen; die Schwche,
welche ich weder vor noch nachher empfunden zu haben mich erinnere, mochte
in den jngsten traurigen Vorgngen zum Theil ihren Grund haben. Doch
bemerkten die Mdchen nicht, da Blanche, gegen ihren Willen, die Schwester
mit ihrer kleinen Malice weit weniger getroffen hatte als mich; Lucy hob
den schnen blonden Kopf langsam in die Hhe und sagte gleichmthig: Herr
von Gnthershofen schrieb mir, wie Du weit, vor einem Monat zuletzt aus
Sdfrankreich und meinte, es wre mglich, da er Weihnachten bei uns
zubrchte.

Und Du hast ihn in Deiner Antwort gebeten, sich durch nichts abhalten zu
lassen, fuhr die ungezogene Jngere beharrlich fort.

Nein, sagte Lucy, die nicht aus der Fassung zu bringen war, mit einem
schalkhaften Ernst, der sie zum Entzcken kleidete, nein, das wrde sich
schlecht schicken; aber er wei, da wir uns alle freuen, wenn er kommt.
Auch Sie haben Frieden gemacht, nicht wahr? fragte sie mich, indem sie
sich zu mir neigte und meine Hnde zwischen ihre schlanken Finger nahm.
Gewi߫, erwiderte ich. Und so ist es Ihnen nicht unangenehm, hier mit
ihm zusammenzutreffen? Ich antwortete, indem sich mir das Herz schmerzlich
zusammenzog, mir wurde bang bei der Aussicht auf eine Zeit, da ich jeden
Tag bittere Schmerzen zu leiden haben wrde, ich frchtete mich davor, wie
man sich vor dem Zahnweh frchtet.

Noch spt, als ich mich nach dem Abendessen auf mein Zimmer zurckgezogen
hatte, sa ich vor dem Feuer und suchte mir klar zu werden, ob es nicht zu
feig fr eine Gnthershofen sein wrde, denn mein Geschlecht legte mir,
wie ich damals glaubte, noch ganz besondere Verpflichtungen der Selbstzucht
auf, wenn ich all der Pein, die mir bevorstand, auf gute Art zu entkommen
suchte. Die Aeltern von Frau Gray, zwei liebenswrdige, sehr alte Leute,
hatten mich wiederholt zu sich eingeladen, ich konnte den durch meinen
Verlust sehr gerechtfertigten Wunsch nach einer Ruhe aussprechen, die fr
die kommenden Wochen im Hause nicht zu erwarten stand, und dort, fern im
Norden Englands, eine stille Festzeit verleben. Aber eins lie ich bei
diesem Plane auer Acht, meine groe Sehnsucht, den Freiherrn zu sehen, und
wre es auch nur auf wenige Augenblicke jeden Tag, und seine liebe Stimme
zu hren. Das Verlangen nach ihm wurde denn auch immer mchtiger, je nher
die Zeit heranrckte, in welcher wir seine Ankunft erwarten durften, die
er inzwischen mit Bestimmtheit angesagt hatte; nach meiner damaligen
verschrobenen Art zu denken aber wurde gerade dies Verlangen der Beweggrund
fr mich, meinen Fluchtplan immer ernstlicher ins Auge zu fassen. Es ist
eine Schwche -- das war der Name, den ich gern jeder natrlichen Regung
beilegte -- und ihr nicht nachzugeben bist du dir schuldig; so sagte
ich zu mir selber, und bedachte ich nun erst, wie ich auch das frhliche
Gesicht John's und Roger's freundlichen Ernst entbehren sollte und all die
vielen behaglichen Scenen des kstlichen weihnachtlichen Familienlebens,
so erschien mir die Reise erst recht als ein verdienstlicher Act der
Selbstberwindung.

Ich klopfte denn auch eines Tages an das Zimmer der Frau Gray, in
der Absicht, ihr meinen Wunsch mitzutheilen. Die liebe Frau sa am
Schreibtisch, beschftigt mit der Expedition einer Anzahl jener Billets
haushaltlichen Inhalts, deren die englische Hausfrau so viele schreibt,
da der nothwendige Verkehr mit dem Fleischer, Krmer und Gemsehndler
grtentheils ein schriftlicher ist. Ihre anmuthige Erscheinung ist mir
gerade von jenem Tage besonders im Gedchtni geblieben. Die stattliche
Hhe, das noch immer schne und reiche, von vielen Silberfden durchzogene
Haar um ein liebenswrdiges, etwas scharfes Gesicht, dem man die frhere
Schnheit ansah, die sichern, ruhigen Bewegungen, die gewinnende Art zu
sprechen, alles das machte sie wrdig und geschickt, an der Spitze einer
so harmonisch entwickelten Familie zu stehen, als Gattin eines echten
Gentlemans, als Mutter schner, krftiger und braver Shne und Tchter.
Sie sah mir an, da ich eine Unterredung wnschte, und stand daher sogleich
auf, um sich behaglich, auf Alles gefat, wie sie lchelnd sagte, am Feuer
niederzulassen.

Nun, mein Kind, was haben Sie vor? Nichts Geringes, das kann man Ihnen
abmerken.

Als ich mein Anliegen vorgebracht und begrndet hatte, schttelte sie den
Kopf.

Jetzt, in dieser Jahreszeit dahinauf -- Sie werden krank werden, und dann,
gesetzt Sie kmen leidlich hin, dann die Weihnachtszeit in dem einsamen
Hause verbringen, bei den Aeltern, die keine Einladungen mehr annehmen und
zu denen gewi in diesem Winterwetter auch kein Mensch kommt, da mu ja
eine junge Seele wie Sie melancholisch werden. Und nun erst die Kinder
hier! Was sollen die Mdchen ohne Sie anfangen? Und die Jungen, die werden
es mir nie verzeihen, wenn ich Sie fortlasse. Sagt doch John in jedem
Briefe, wie sehr er sich auf Sie freue, und Roger, der so groe Stcke auf
Sie hlt!

Sie war lebhaft geworden, jetzt hielt sie nach ihrer Art eine Weile inne
und beschrnkte dann selber ihre Grnde gegen meine Absicht.

Ich darf freilich nicht nur an uns denken; wir wrden Sie alle sehr
vermissen, aber das ist Nebensache. Auch sind ja Blanche und Lucy alt
genug, um im Hause selbststndig figuriren zu knnen, und in Gesellschaft
zu Andern kann ich sie begleiten. John wrde seine Enttuschung mit Wrde
tragen mssen und Roger ist vernnftig genug, um Ihre Grnde zu ehren. Aber
Sie selbst, liebe Maggie, sind Sie auch sicher, da Sie das Rechte whlen?
Denken Sie darber nach, ob es im Sinne Ihrer Mutter gehandelt ist, wenn
Sie sich von Freunden, von unschuldigen Familienfesten zurckziehen, um nur
Ihren traurigen Erinnerungen zu leben.

In dem liebevollsten Tone fuhr sie fort mir abzurathen, whrend ich schwieg
und meine Lge immer peinlicher, immer entwrdigender empfand. Ich konnte
es zuletzt nicht mehr ertragen, stumm dazusitzen und mit sanftem Vorwurf,
dem sich eine gewisse Anerkennung beimischte, mich von meinem Vorhaben
abmahnen zu lassen, ich war auf dem Punkte, der mtterlichen Freundin Alles
zu gestehen, ihr zu sagen, da, so viel und so sehnlich ich auch immer
an meine Mutter denke, der Schmerz um ihren Verlust nicht der Grund sei,
weshalb ich das Leben hier fr die kommenden Wochen so sehr frchte, da
strte uns irgend ein geringfgiger Vorfall, ein Dienstbote mit einer
Frage, soviel ich mich erinnere, und als wir wieder allein waren, konnte
ich die Worte nicht finden, die mir zuvor auf der Zunge geschwebt hatten.
Wir verharrten eine Weile schweigend, bis Frau Gray sagte: Wenn Sie bei
Ihrem Wunsche bleiben, Maggie, so steht es mir nicht an, Sie zurckhalten
zu wollen, nur werde ich Ihnen keinen sehr langen Urlaub bewilligen, denn
ich halte mich fr Ihre leibliche und geistige Gesundheit doch einigermaen
verantwortlich, obgleich unser Gesetz Sie fr mndig erklrt. Einer von den
Jungen soll Sie gleich nach Neujahr wieder hierher holen; Sie versprechen
mir dann zu kommen. Ich schlug zgernd ein, sie zog mich an sich und kte
mich. Kind, sagte sie, wieder Kind, wie der Freiherr schon damals mich
genannt hatte. Mich peinigte das, so sehr mich die Gte der liebenswrdigen
Frau rhrte; fast wie der thrichte Tannenbaum im Andersen'schen Mrchen,
der nur wachsen will, sehnte ich mich danach, alt zu werden, um endlich
einmal in der Welt fr voll zu gelten.

Der Widerstand der Dame meinem Vorhaben gegenber war Kinderspiel gewesen
gegen den Sturm, den Lucy und Blanche dagegen erhoben; fr nicht viel
abenteuerlicher und absonderlicher als die projectirte Reise htten sie
es gehalten, wenn ich einen Zug nach Island gegen die Nebelriesen htte
unternehmen wollen. Uebrigens waren sie wirklich betrbt darber, da
ich sie verlassen wollte, und das dauerte mich; ich kam mir zuletzt recht
selbstschtig vor bei dem eigensinnigen Durchfhren einer Maregel, mit der
ich doch nur mir selber Schmerzen ersparen wollte, welche schon so Viele
haben ertragen mssen. Aber ich mute fort, die leise Reue half nichts;
traurig sagte ich dem Hause, dessen Fenster wohnlich schimmerten, um das
die immergrnen Stechpalmenhecken freundlich standen, sagte dem leeren
Park, der trauten Gegend auf einige Wochen Lebewohl.

Lucy fuhr mich selber nach dem Bahnhofe, obwohl sie noch ein wenig mit
mir schmollte. Wissen Sie, sagte sie, nachdem wir einen Theil des Weges
schweigend zurckgelegt hatten, pltzlich, wissen Sie, da ich die ganze
Zeit bei mir gedacht habe, Sie gehen doch nur Ihrem Vetter aus dem Wege?
Sie sah mich dabei mit den groen Augen forschend an; zum Glck hatte die
scharfe Luft, wie ich hoffen durfte, mein Gesicht schon gerthet, so mochte
das Blut, was ich mir in die Wangen steigen fhlte, sich nicht weiter
bemerklich machen. Im beruhigenden Bewutsein dieses gnstigen Umstandes
vermochte ich denn auch bald gleichgltig zu fragen, wie sie darauf komme.

Das will ich Ihnen sagen, entgegnete sie und entwickelte nun ihre Grnde
mit der Klarheit, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Einen Mann wie
Ihren Vetter kann man nicht so einfach nicht leiden knnen; entweder man
hat ihn, an Ihrer Stelle natrlich, gern, schon weil er ein Verwandter, und
hat ihn sehr gern, weil er ein berlegener, besonderer Mann ist, oder man
sieht ihn ganz und gar mit feindlichen Augen an, denn nur so kann er
einem mifallen, und dazu gehrt ein sehr triftiger Grund. Es steht etwas
zwischen Ihnen beiden, das hab' ich damals gemerkt, darum ist Ihnen seine
Nhe unangenehm.

Ja, Lucy mit ihrer Annahme, die fr eine junge Dame recht scharfsinnig war,
hatte einmal Recht gehabt, aber jetzt, wie anders war es jetzt!

Sie wollen es nicht eingestehen, meinte sie, als ich nachdenklich
schwieg.

Nein, sagte ich mit einiger Hast, ich habe nichts zu verhehlen. Frher
waren Familienverhltnisse die Ursache, da ich dem Vetter, der
brigens eigentlich gar nicht mit mir verwandt ist und den ich nur der
Bequemlichkeit halber so nenne, allerdings nicht freundlich gesinnt war,
jetzt hat sich Alles aufgeklrt und wir stehen so gut mit einander, wie
man es verlangen kann. Es freut mich, da Dir der Freiherr so gut gefllt,
Lucy -- hier machte ich eine Kunstpause -- daran kannst Du sehen, da ich
ihm wohlwill.

Was kann es fr ihn ausmachen, ob er mir gefllt oder nicht, sagte sie
gleichmthig; sie hatte sich entweder sehr in der Gewalt oder sie empfand
bei der Nennung seines Namens nicht das, was ich meiner berklugen
Hypothese nach erwartete.

Leben Sie wohl, Sie deutsche Wassernixe, sagte sie, als ich schon im
Coup sa und sie mich leicht und mit Grazie kte.

Was soll das nun wieder heien, Lucy?

Nun, Sie sind wie die Frauen im Mrchen, die hatten unter ihren Kleidern
einen Fischschwanz und auerdem kein Herz.

Ich danke fr den Vergleich, schne Ingeborg.

Sie lachte und gab mir die Hand. Aber so eine Undine kann unter Umstnden
ein Herz bekommen, flsterte sie noch. Sie haben die Geschichte gelesen
und gehen der Gefahr aus dem Wege.

Damit ging das seltsame Mdchen und lie mich in der nicht eben
beneidenswerthen Stimmung derjenigen, welchen eben eine Ahnung aufgeht,
da sie in einem recht dummen Streich begriffen sind, whrend sie meinten,
einen erhabenen Sieg ber sich selbst davonzutragen.




Zwlftes Kapitel.


Der erfahrene Leser wird, wenn er meiner Geschichte bis hierher
freundlich und geduldig gefolgt ist, sich nun nachgerade bei derselben des
beruhigenden Gefhls erfreuen: es mu jetzt bald zu Ende gehen, wir werden
nun bald erfahren, ob -- immer vorausgesetzt natrlich, da er nicht schon
lngst, nach wohl zu entschuldigender Gewohnheit, das letzte Blatt des
letzten Kapitels vorweg gelesen hat und das, was sich nun noch ereignen
mag, mit behaglicher Ruhe an sich herankommen lt. Wie weit aber sind
die handelnden Personen der kleinen Welt, in die ihm der Autor den Blick
erffnet, gerade zu der Zeit, wo sich ihnen unbewut die Krisis herannaht,
von jener kstlichen Ruhe entfernt, die der Leser besonders dann geniet,
wenn er sich durch den eben angedeuteten kleinen Kunstgriff zur Hhe der
Vorsehung jenes Weltfragments erhoben hat! Ich dachte damals, als ich in
den trben, kurzen Wintertag hineinfuhr, an alles Andere eher, als da nun
bald eine Wendung und gar eine glckliche in meinem Schicksale eintreten
msse. Mir war es im Gegentheil, als stehe ich am Anfange eines langen,
geraden, trbseligen Weges, auf welchem mir rauhe Winde ins Antlitz wehen
wrden, gegen die ich mich keines Schutzes zu gewrtigen htte. Du wirst es
tragen mssen, sagte ich zu mir selber, da von vielen nun kommenden Tagen
dir ein jeder des Morgens seine Last von Weh aufbrdet, die bis zum Abend
getragen sein will, und es ist nur gut, da die Zeit -- denn so klug oder
so altklug war ich damals schon, der Zeit auch etwas zuzutrauen -- da
die Zeit diese Brde allmlig leichter machen wird. Uebrigens verhinderte
dieser Ansatz zu einer philosophischen Anschauung meines Schicksals mich
durchaus nicht, viele Thrnen in mein Taschentuch hinein zu weinen, soda
ich mich gegen Ende des Weges nur schwer zu einer ruhigen Miene fassen
konnte. Der Zwang dauerte aber nicht lnger, als bis ich, hinter dem alten
Diener sitzend, der mich von der letzten Station abgeholt hatte, durch die
Wiesengelnde der Besitzung und zuletzt auf Kieswegen in den eigentlichen
Garten eingefahren war. Hier war Alles so abgeschlossen, so friedlich, fast
traurig anzusehen, da mir die Last vom Herzen gleichsam wegthaute; ich
empfand den Genu -- er wird einem nicht eben hufig zu Theil -- mich in
einer mit meiner Stimmung harmonirenden Umgebung zu befinden, freilich ohne
mir, wie ich es jetzt bin, ber den Grund dieses melancholischen Behagens
klar zu sein. Es war Anfang December und die Luft auffallend mild
und frhlingsartig; die immergrnen Strucher im Garten, die hohen
Tannengruppen, welche der bleiche Mond dann und wann, wenn ihn die rasch
dahinziehenden Wolken auf Augenblicke frei lieen, matt beleuchtete,
verhinderten den Anstrich winterlicher Oede, welchen die freien Felder
drauen hatten; wie gefeit erschien die nchste Umgebung des Hauses und das
Haus selbst wie der Sitz der gtigen Wundermchte. Im Stil des Zeitalters
der Elisabeth gebaut, spitz und vielgieblig, mit schmalen Fenstern in der
langen Mauerflche, war es auf einer Seite ganz mit Epheu berzogen;
aus dem Bogen des mittlern Eingangs fiel gastliches Licht auf den Rasen
drauen. So steht es mir noch immer, wie Kindern ein Mrchenschlo, von
eigenem Zauber umweht, im Gedchtni.

Spt am Abend noch, ganz ausnahmsweise spt fr sie, wie mir die alte Dame
freundlich sagte, sa ich zwischen den lieben Leuten am Feuer und erzhlte,
erzhlte alles Mgliche von Goldwell-House, von dem Befinden eines Jeden,
von Menschen und Thieren bis zu den Katzen hinab und bewunderte das rege,
gern eingreifende Interesse, mit welchem besonders die Gromutter dem Leben
dort folgte, das vortreffliche Gedchtni und die scharfe Beobachtungsgabe,
welche sie dabei untersttzten. Bis auf vierzehn Tage vor meiner Abreise
wute sie so ziemlich Alles, was sich dort von wichtigen und unwichtigen
Dingen zugetragen, da sie von Tochter und Enkeln regelmig und in kurzen
Zwischenrumen Briefe erhielt. Aber es sei doch einmal etwas ganz Anderes,
erzhlt zu bekommen, und ich erzhle so hbsch, meinte sie. Uebrigens
wechselten wir nachgehends die Rollen und dabei stand ich mich besonders
gut; der alte Herr war der Reprsentant einer in ihrer Reinheit immer
mehr verschwindenden ehrenwerthen Gattung des altenglischen, auf dem Lande
lebenden Grundbesitzers, innig verwachsen mit den Angelegenheiten der
Landschaft, die er seit Jahren im Parlament vertrat, wohl bewandert in den
oft romantischen Geschichten der in der Nhe begterten Adelsgeschlechter
und sonstigen Honoratioren, dazu unerschpflich an Jagdanekdoten und
nebenbei treu anhnglich den literarischen Koryphen der Periode, in welche
seine Jugend gefallen, im Ganzen tchtig gebildet und weit freisinniger,
als es die Klasse, zu der er gehrte, zu sein pflegt -- man konnte sich
keinen bessern Gesellschafter in langen Winterabenden wnschen. Es ist
mir erst in sptern Jahren, als der gute Herr lange todt war, ja, als ich
selber anfing, mich fr eine alternde Frau zu halten, klar geworden, was
seine Lebensanschauung auszeichnete, was ihr eine erquickende, beruhigende
Klarheit verlieh, was das warme Licht ber all die Scenen ausgo, welche er
schilderte, soda sie zu kstlich vollendeten Bildern wurden -- es war ein
Strahl von Humor, von dem echten Humor, der einige seiner Landsleute gro
gemacht, von der Weisheit, welche die Welt liebevoll nimmt, wie sie ist,
ohne sie etwa fr vortrefflich zu halten, etwas von dem Bewutsein des
nicht zu lsenden Widerspruchs, der in den Erscheinungen zu Tage kommt.
Seiner sonst so praktischen Gattin fehlten diese Gaben gnzlich; sie hatte
groe Reformationsgelste und hielt dafr, da es einigen klugen Leuten
vorbehalten sei, die Welt von Grund aus zu verbessern. Beide aber hatten
sich, trotz bedenklicher Verschiedenheiten in den Charakteren, so in
einander gelebt, da es eine Lust war, sie zu beobachten.

Fast dnkt mich, als htte ich hier in meiner Erzhlung einen Fehler
begangen, indem ich durch diese objective Beurtheilung meiner beiden
liebenswrdigen Wirthe von vornherein beim Leser jeden Hauch der Stimmung
verscheucht habe, die mich doch whrend meines Aufenthalts in Eldhall fast
durchgngig beherrschte und welche ich durch den Vergleich des Hauses
mit einem verzauberten Schlosse anzudeuten gesucht. Mein ungestrtes
Zusammensein mit dem Herrn und der Frau vom Hause beschrnkte sich nmlich,
die Hauptmahlzeit etwa noch ausgenommen, auf die Abende, welche freilich
einen ansehnlichen Theil der trben Wintertage einnahmen; am Morgen und
frhen Nachmittag war ich meist allein, wie ich es mir wnschte, und diesen
Stunden schrankenloser Trumerei hielt die Zeit des heitern Zusammenseins
um so weniger das Gleichgewicht, als die Geschichten des alten Herrn gar
oft dazu angethan waren, meine Stimmung zu nhren. Ich versenkte mich gern
in das Gefhl der Abgeschiedenheit des Ortes, an dem ich mich befand, und
htte gewnscht mir einbilden zu drfen, es wrde stets so bleiben und wir
von allem Verkehr auf immer abgeschnitten sein. In dem altmodischen Garten
zwischen hohen Hecken ging ich umher, auch wohl ein Stck in die Wiesen
hinein, welche uns rings umgaben, hier und da von Gehlz, den Resten eines
alten, groen Waldes, unterbrochen, wo sich Brombeerranken um die Stmme
zogen, an denen braungrne, scheinbar lebende Bltter noch hingen, und wo
es ppiges Moos und feuchtglnzende Epheubltter in Menge gab. Das Alles
hatte freilich ein Ende, als nach pltzlichem Umschlag des lauen Wetters
zu scharfem Froste ein heftiger Schneefall eintrat, der das Hinausgehen
unmglich machte. Da sa ich denn viel fr mich und es fehlte mir zu dem
trauernden, einsamen Frulein der Mrchen nicht einmal das Thurmgemach. Das
Gebude erfreute sich nmlich eines hervorspringenden Erkers gerade an der
Seite, wo der Garten sich terrassenartig hinabsenkte, soda man unterhalb
in eine Art Tiefe blickte, und mir hatte man das Erkerzimmer eingerumt, zu
dem nur leider keine Wendeltreppe fhrte. Jetzt nach Jahren kann ich ber
das Schmerzbehagen lcheln, mit welchem ich damals hinaus in den Schnee
nach den Krhen blickte, welche um die meinem Fenster nahen Spitzen der aus
der Tiefe ragenden Fhren flogen, kann darber lcheln, da mir dies Zimmer
fr eine wehmthig resignirte Stimmung, in die ich mich gern versetzte,
fast unentbehrlich war; jetzt vermag ich aber auch diese wunderlichen
Arabesken von dem wirklichen Grame, der leise nagenden Sehnsucht, die sie
hervorbrachte, zu sondern, darf mir das Zeugni geben, da ich wirklich und
ehrlich litt, nicht nur phantastisch mit dem Gefhle spielte.

Mit der tiefen Einsamkeit brigens, die mir so sehr zusagte, hatte es ein
Ende, sobald der Schnee rings zu Wegen und Stegen sich geebnet hatte
und schnes klares Wetter eingetreten war. Da sprachen die benachbarten
Grundbesitzer hufig nach der Jagd bei uns ein und fanden gastlichen
Empfang; sogar die jngern Sprlinge hochadliger Huser verkehrten auf
diese Weise ganz freundschaftlich in Eldhall. Sie kamen, wie die alte
Haushlterin augenzwinkernd behauptete, jetzt fter als sonst; die Kunde,
es sei eine junge Dame aus Goldwell-House da, mochte sie anlocken, denn
jeder dachte dabei gleich an die schne Lucy, welche die Groltern nicht
selten besuchte; ich mu es den meist stattlichen, liebenswrdigen jungen
Leuten nachsagen, da sie ihre Enttuschung, nur mich zu finden, mit gutem
Anstand verhehlten. Auer diesen Besuchen und noch mehr als sie bildeten
die Briefe aus Goldwell-House Ereignisse in unserm Leben, wahre
Chroniken im Ganzen, die einzelnen aber doch immer ziemlich kurz; unsere
Correspondenten, zu denen sogar die ltesten der Kleinen schon gehrten,
vertheilten den zu bewltigenden Stoff gewissenhaft unter einander und eine
Epistel ergnzte die andere. Da hrten wir, wie die jungen Leute angekommen
waren, einer nach dem andern, auch Forster unter ihnen. Er fragte gleich,
nachdem er sich gesetzt hatte, wo denn Frulein Margarethe sei, schrieb
klein Annie mit zolllangen Kinderbuchstaben; meinen Brief mit der Erklrung
hatte er unbeantwortet gelassen, ich wute nicht, was ich davon denken
sollte. Von John lief bald darauf ein acht Seiten langes Billet an mich
ein, in welchem er im Tone erhabenen Unwillens die Freuden schilderte,
welche ich durch meine Einsamkeitsmanie entbehre, und ein anderes an die
Gromutter, worin er sie bei allem Mglichen beschwor, mich auf der Stelle
fortzuschicken; die Gesellschaft wurde uns beschrieben, welche sich am
Weihnachtsabend im Gray'schen Hause zusammengefunden. Von Blanche erhielten
wir Bericht darber, was eine jede junge Dame angehabt, sie und Lucy
eingeschlossen; da Lucy sehr gefallen, hrten wir aus derselben Quelle.
Lucy selbst lie sich herab, der Gromutter eine ausfhrliche Beschreibung
der Pfnderspiele jenes Abends zu liefern und der Ereignisse, die sich
dabei zugetragen. Frau Gray erzhlte von ihren Arrangements zum Empfang der
Gste, wobei sich mancher Wink der alten Dame trefflich bewhrt hatte.
Dann folgten in kurzen Zwischenrumen Bulletins ber eine ganze Serie von
Vergngungen, kurz, wir erhielten wie durch eine magische Laterne Einblicke
in ein buntes, frhliches Treiben, welches sich aber zu unerhrten
Festlichkeiten zu steigern versprach, da nach Blanche's immer hufigern
geheimnivollen Andeutungen eine Verlobung in der Familie, Verrath im
Lager, wie sie's ausdrckte, nahe bevorstand. Dabei wurde immer dringender
auf meinem Kommen bestanden; von meiner Verabredung mit ihrer Mutter,
wonach ich bleiben sollte, bis man mich abhole, schienen die jungen Leute
nichts zu wissen. Und bei alledem kein Wort vom Freiherrn! Da auf Lucy's
Verlobung angespielt werde, bezweifelte auch die Gromutter nicht; ich war
im innersten Herzen berzeugt, er wnsche sie sich zu erwerben. Wo aber
blieb er? War er schon lngst in Goldwell-House, wo man ihn doch erwartet
hatte, und man verschwieg absichtlich seine Ankunft? Mir wurde bei dieser
Ungewiheit bald unertrglich zu Muthe; ich hatte geglaubt, die Nachricht
von seiner Verstndigung mit Lucy hier, wo ich sicher war, nicht auf
unbequeme Art beobachtet zu werden, ziemlich ruhig hinnehmen und mit mir
selber im Stillen fertig werden zu knnen. Auf diese Spannung hatte ich
nicht gerechnet; es erwuchs daraus ein Zustand der Qual, wie ich ihn zuvor
kaum fr mglich gehalten htte, und doch wagte ich nicht, ein Ende zu
machen, indem ich mir von Blanche, wie ich wohl gekonnt htte, im Vertrauen
eine Erklrung erbat. Dazu fiel mir endlich die Gleichgltigkeit der
Gromutter gegen die Sache auf. Hatte sie von ihrer Tochter Nachricht
erhalten, ohne da ich's wute? War man bereingekommen, aus irgendwelchen
Grnden die bevorstehende Verlobung vorlufig vor mir geheim zu halten? Ich
klammerte mich an dieser ungereimten Voraussetzung fest und sie strte mein
bisher so gutes Verhltni zu der alten Dame; dieselbe kam mir pltzlich
herrisch und kalt vor. Wahrscheinlich ging von ihr der Plan aus, mir nichts
zu sagen, bis alles im Reinen war; die Andern htten daran nicht gedacht,
sie aber spielte ja so gern die Vorsehung; gewi redete sie sich noch dazu
ein, es geschehe Alles zu meinem Besten. Ich konnte in ihrer Gegenwart
nicht mehr frei wie sonst sprechen, denn immer kam es mir vor, als wrde
die Unterhaltung von ihr geschickt um unsichtbare Klippen herumgesteuert;
die Unbefangenheit des alten Herrn dagegen wurde unter diesen Umstnden
eine Wohlthat fr mich. Ich schlo mich ihm auch immer enger an, ich las
ihm vor und ging und ritt mit ihm herum, und wir waren so gute Freunde, da
seine Gattin gutmthig genug ber meine Neigung zu ltern Herrn spottete,
worin ich dann sogleich einen gewissen Bezug entdeckte. Seine Erzhlungen
aus lngstvergangener Zeit, von Leiden und Freuden, ber die schon lange
Gras gewachsen war, vermochten auch am ehesten den Geist der Ruhelosigkeit
zu bannen, der mich qulte. War ich aber allein, dann machten sich bei
mir die Personen aus seinen Geschichten den Rang streitig mit denen
der Wirklichkeit, von welchen ich fern lebte, ja sie wurden wirklicher,
krperlicher als jene, welche seltsam erblaten und zurckwichen; ich
war wieder einmal die Beute meiner Phantasie, einer Phantasie, die, ohne
Gestaltungskraft nach auen, stets, bald zum Heil und bald zum Unheil,
groe Macht ber mich besessen. Jetzt erwies sie mir die zweifelhafte
Wohlthat, die Pein, welche ich fhlte, nach und nach in einen dumpfen,
traumartigen Schmerz zu verwandeln; ich empfand sie nur als ein dunkles
Etwas, welches ber mir lag und woran die Trauer um den schnen jungen
Lord, den vor fnfzig Jahren sein eigener Vater im Gehlz in der Nhe
nach wthendem Wortwechsel erschossen, weil er von einer armen Braut nicht
lassen wollte, so viel Antheil haben mochte als etwas Anderes. Ich trug
meine trbselige, bengstigende Gedankenwelt gern hinaus, um sie los zu
werden, ich machte weite Gnge, ich wollte das Drauen auf mich wirken
lassen, aber das half wenig, die Gegend erschien mir de, die Menschen
hatten traurige Gesichter.

Als ich einst von einer solchen unerquicklichen Streiferei zurckkehrte, da
es schon dmmerte, stand die Haushlterin mit wichtiger Miene in der Thr.
Es ist Jemand da, Frulein, begann sie diplomatisch die feierlichen
Erffnungen, welche sie vorhaben mochte. So, sagte ich gleichmthig
und wollte an ihr vorber. Ja, aber ein fremder Herr, er kommt von
Goldwell-House. Ich begann zu zittern und lehnte mich leicht an den
Thrflgel. Ich glaube, er bringt gute Nachrichten, fuhr sie fort; war
sie von der Herrin, die ihr viel Vertrauen schenkte, angewiesen worden, mir
die Sache beizubringen, und hier, in der Hausthr? Dagegen rebellirte ich
innerlich, ich wendete mich und ging mit einem khlen Wort nach meinem
Zimmer. Die Alte folgte mir und trat mit ein, um nach dem Feuer zu sehen.

Frulein werden sich anziehen wollen und es ist ganz kalt hier! -- Ich
glaube, der Herr ist ein Landsmann von Ihnen; er spricht wie Sie, auch
sehr gut, aber man hrt doch, da er ein Fremder ist. -- So, nun brennt's
wieder, nun will ich geschwind noch etwas zum Thee backen.

Also Forster einmal wieder; er kam, um mich zu holen; er brachte die
Nachricht von Lucy's Verlobung; ich wrde mit ihm unterwegs ber das
Ereigni zu sprechen haben. Wie zartfhlend, gerade ihn zu schicken -- ich
hrte mich pltzlich laut lachen und erschrak vor der eigenen Stimme. Was
ich bisher gelitten, war Kinderspiel, jetzt erst kam die ganze Wucht auf
mich nieder; mir war, als schlge mir ein heier Brodem entgegen aus einem
Orte der Qual und ich msse hinein, hindurch. Scheu, als stnde das Unglck
krperlich hinter mir, sank ich in die Kniee und faltete angstvoll die
Hnde, aber ich konnte nicht beten, weil ich wute, da kein Gott den
Menschen das Leid ersparen kann, was sie sich selber einer dem andern
bereiten. Das thut _er_ mir, dachte ich bitter, und ich habe ihn doch
so lieb, so lieb! Da es gerade die ungerufene Liebe sei, die mir Schmerz
mache, htte ich mir vernnftigerweise sagen mssen, aber ich war nicht
vernnftig, sondern unglcklich. So elend, wie ich niedergekniet war, stand
oder fuhr ich wieder auf; es war ja Alles eins, ich mute die kommende Zeit
durchleben, wenn es nur geschwind, geschwind gehen wollte. Hastig schritt
ich auf meine Kommode zu und zog ein Fach heraus, dann stand ich da und
besann mich, was ich hatte herausnehmen wollen; lange konnte ich nicht
darauf kommen, was ich eigentlich zu thun im Begriff gewesen sei. Da
ging unten eine Thr und nun fiel mir ein, da ich hinunter msse; mit
unsaglichem Ekel nahm ich eine Schleife und befestigte sie im Haar. Auch
das noch, auch die Mhe noch zu den Schmerzen! Wre ich doch todt! dachte
ich dabei.

Als ich ins Speisezimmer trat, fand ich es nur vom ungewissen Feuerschein
erleuchtet, man hatte Dmmerstunde gehalten, das aber konnte ich erkennen,
da die Gestalt, welche sich von dem niedrigen Sitze neben dem Kamin zu
stattlicher Hhe aufrichtete, nicht die Forster's sei; wie im Traume
hrte ich mich von einer tiefen Stimme in gedmpftem Tone, der zu
dem Dmmerlichte pate, als liebe Margarethe begrt und fhlte einen
Hndedruck, bei dem mich eine Wonne durchfuhr, wie ich sie nie zuvor
empfunden; die Last war vom Herzen verschwunden, er war da, in seiner Nhe
war Ruhe und Glck. Nach wenigen Augenblicken freilich, als die Lichter
angesteckt worden waren und der Freiherr und ich uns officiell begrt
hatten, kehrte mir das Bewutsein von dem Zwecke seiner Reise zurck, die
ich mir leicht deuten konnte; er wollte sich den Groltern als knftigen
Gatten der ltesten Enkelin vorstellen und nebenbei mich nach Hause
zurckgeleiten, damit ich den Verlobungsfeierlichkeiten beiwohne.
Seltsamerweise aber wollte mich trotzdem das Gefhl der innerlich
erwrmenden Freude nicht verlassen. Ich werde doch einen ganzen Tag mit
ihm zusammen sein drfen, dachte ich; er wird neben mir sitzen und zu
mir sprechen; bin ich doch seiner Sorge fr diesen Tag anvertraut, bin fr
diesen einen Tag noch ein Etwas in seinen Gedanken. Nachher komme, was da
will; und mte ich ihn mit meinem Leben erkaufen, ich gbe den morgenden
Tag nicht hin. Ja, knnte ich nur den nchsten Morgen sterben, das wrde
bei weitem das Beste sein. Unter solchen Gedanken wagte ich doch nur dann
und wann nach dem Freiherrn hinberzublicken und dann fand ich mehrmals
seine Augen auf mir ruhen und freundlich aufleuchten, sobald sie den meinen
begegneten. Er war glcklich, wie gut ihm das stand; gleichviel, weshalb er
es war, und wenn auch nicht um meinetwillen, und was konnte er, was
konnte ich dazu, da ich ihn gar, gar so lieb hatte! Ich fhlte in manchen
Augenblicken an jenem Abend den Muth, es ihm zu sagen; ob mir derselbe
Stich gehalten htte, wenn mir eine Gelegenheit des Alleinseins mit Herrn
Bardolph geworden wre, wei ich nicht. Aber eine solche fand sich nicht;
man sa bis spt zusammen, denn Wirthe und Gast hatten sich schnell in
einander gefunden und die Unterhaltung war lebhaft und besonders heiter.
Ich lachte mit ber die Scherze des alten Herrn, welcher sehr gut aufgelegt
schien, aber mit meinen Gedanken war ich so wenig bei dem, was um mich
vorging -- nur die Stimme des Freiherrn hallte jedesmal gleichsam in mir
wieder, wenn sie sich hren lie -- da ich keine Erregung empfand bei der
Nachricht, Roger habe sich mit einer jungen Dame aus der Nachbarschaft von
Goldwell-House verlobt. Er auch? sagte ich freundlich, fast mechanisch,
ohne da man viel auf meine Worte Acht gegeben htte; es kam eben auf
unsere Abreise die Rede, welche der Freiherr auf den folgenden Tag
ansetzte. Davon wollten die alten Leute nichts hren; der Gast msse sich
erst ein paar Tage bei ihnen erholen, eher knne an Fortgehen nicht gedacht
werden; ob mir denn so viel daran liege, sie gleich zu verlassen. Ich! Ich
htte mein Herzblut gegeben fr eine Woche hier im stillen Schnee mit dem
Bewutsein, da Herr Bardolph unter einem Dache mit mir lebe; es beglckte
mich schon zu wissen, da er nicht ohne mich gehen wrde. Ich freute
mich allemal, wenn er, von mir und sich redend, wir sagte. So war ich
seltsamerweise nicht trostlos trotz der Ueberzeugung, ihn auf immer
verloren zu haben.

Ehe wir an jenem Abend auseinandergingen -- es war ber dem Abendessen spt
geworden und wir trennten uns gleich, nachdem dasselbe beendet war -- fand
der Freiherr Gelegenheit, mir, indem er meine Hand mit der ihm eigenen
berlegenen Milde fate, zu sagen: Sie waren heute Abend sehr still, liebe
Margarethe, und sehen nicht wohl aus; mir, Ihrem Vetter, mssen Sie schon
erlauben, ein wenig zu controliren. Ich werde Sie morgen in Beschlag
nehmen; Sie haben mir Mancherlei zu berichten.

Dabei sah er mich an, bald aber kam ein Ausdruck der Abwesenheit in seine
Augen, bei dem ich pltzlich bittern Schmerz empfand; er blickte gleichsam
ber mich hinaus in die Ferne. Wer wei, an wen er jetzt denkt, sagte ich
zu mir selber; an dich gewi nicht, und ich entzog ihm meine Hand, indem
mich zum ersten Mal ein Gefhl der Demthigung wegen meiner unerwiderten
oder vielmehr lange nicht genug erwiderten Liebe berkam; denn da der
Freiherr eine verwandtschaftlich freundliche Neigung zu mir hegte, konnte
ich wohl merken. Aber es hielt nicht an; ich schlief an jenem Abend
ein, indem mich die se Erwartung des morgenden Tages, wo ich mit ihm
zusammensein wrde, wie mit rosigen Flgeln berschattete.




Dreizehntes Kapitel.


Mi Maggie, sagte der alte Herr am andern Morgen beim Frhstck zu mir,
Sie mssen heute an unserer Statt dem Herrn Baron die Honneurs der Gegend
machen, immer vorausgesetzt natrlich, da ihm mit einem Spazierritt durch
ein Stck Sibirien gedient ist. Ich kann Sie als Cicerone empfehlen; mich
dnkt, Sie werden einem so trefflichen Lehrer, wie ich mir schmeichle
gewesen zu sein, alle Ehre machen und unserm Gaste von jedem Baume etwas zu
erzhlen wissen; auch in den Chroniken der Krhenansiedlungen auf Meilen in
die Runde sind Sie, denk' ich, nunmehr wohl bewandert. Wollen Sie reiten?

Ich sah den Freiherrn an, aber er blickte nicht zu mir herber, was ich ihm
sehr bel nahm; er dankte unserm Wirthe und sagte, er habe nichts lieber
als einen scharfen Ritt an einem Wintertage. Auf Befragen erzhlte er vom
Winter in der Heimat, von der Jagd dort, so verschieden von der englischen
grausamen Parforcejagd, von dem Wildstand auf seinen Gtern, von diesem und
jenem, whrend ich ungeduldig die Aufhebung der Mahlzeit erwartete und dem
Freiherrn fast zrnte, da ihm so wenig an dem Ritt mit mir gelegen schien,
da er denselben durch sein Gesprch verzgerte.

Endlich stand man auf. Ich eilte fort, bestellte die Pferde, war im Nu im
Reitkleid wieder unten und hatte die Krnkung, einige lange Minuten auf
meinen Begleiter warten zu mssen. So drehte ich mich denn gar nicht um,
als er endlich kam und aufstieg; ich war schon im Sattel und deutete,
halb zu ihm gewendet, mit der Gerte auf den Weg, welchen wir jenseits des
Gartens zu nehmen hatten. Dann ging's fort; ich setzte, als wir endlich
die schne ebene Landstrae erreicht hatten, mein kleines Pferd in scharfen
Trott, was den Freiherrn berraschen mochte, denn er war nicht gleich
bereit, mir zu folgen, und brachte sein Thier erst nach einigen Minuten
neben mich. So rasch, Frulein Margarethe? fragte er lchelnd; ich
nickte, der alte Trotz und ein ganz neuer toller Uebermuth berkamen mich.

Mit dem alten Herrn hab' ich immer bedchtig reiten mssen, sagte
ich; thun Sie mir das Eine zu Gefallen und lassen Sie uns eine Weile
galoppiren.

Statt aller Antwort gab er seinem Rassepferd den Zgel, und es scho dahin;
rgerlich ber den Vorsprung, den er gewann, brauchte ich die Gerte, ri
am Zgel und brachte so mein sonst lammfrommes Rchen in eine der meinen
hnliche Stimmung; es griff tchtig aus. Die scharfe klare Luft erhhte den
unbeschreiblichen Reiz der raschen Bewegung; mein Herz hpfte vor Lust, mit
meinem ganzen Wesen, mchte ich sagen, begleitete ich den Takt der matt
auf dem festen Schnee hallenden Hufe; ich warf den Kopf zurck und sah
mit Entzcken auf die schneebedeckten schimmernden Felder, auf den sie
begrenzenden hellblauen Himmel, die sonnenverklrte farbige Nebelschicht
am Horizont, die dunkelgrnen Tannengruppen hier und da; freilich die
gewhnlichen, unzhlige Male hergenannten Factoren der Winterlandschaft
=par excellence=, aber welcher Duft lag darber, welches unbeschreibliche
Etwas war in der Luft, soda sie einen vor Lust fast toll machte. Ich sagte
Aehnliches, whrend wir dahinsausten; die wilde Jagd msse doch nicht so
bel sein und ich fr mein Theil mchte so fort reiten bis ans Ende der
Welt. Aber auf Geisterpferden, sagte Herr von Gnthershofen; Ihr Thier
zum Beispiel hlt schon bald nicht mehr aus.

Das war nun allerdings die Wahrheit; das Thierchen lie nach an
Schnelligkeit, trotz Zgel und Gerte, es wre grausam gewesen, dasselbe
ferner anzutreiben. Aber des Freiherrn Bemerkung gefiel mir doch nicht; es
war von da an, als stnde etwas zwischen uns, ich konnte mich nicht mehr,
wie den Abend zuvor, der Freude an seiner Nhe hingeben, seine Art und
Weise hatte mich erkltet.

So ritten wir denn vernnftig neben einander, und ich erinnerte mich meiner
Verpflichtung, ihm, was ich irgend Bemerkenswerthes von der Landschaft
wute, zu erzhlen. Auf die Besitzungen, an denen wir vorbeikamen, machte
ich ihn je nach ihrer Merkwrdigkeit aufmerksam; ich nannte ihm den
Edelmann aus dem Hofstaate Heinrich's=VIII.=, der dies Schlo gebaut,
erzhlte ihm, wie Georg=IV.= hufig jenes mit seinem Besuche beehrt,
zeigte ihm das Gut, dessen Herr die besten Rennpferde in der Gegend halte,
deutete auf den Hgel abseits im Felde, der aus heidnischer Vorzeit berhmt
war, kurz, ich machte mich so ntzlich, wie ich konnte, und mein Begleiter
bewies durch manche Frage, da er meinem Texte Aufmerksamkeit schenkte.

Nach einem weiten Rundritt kamen wir wieder auf das Haus zu, ohne von
einander nur ein Wort gesagt zu haben. Wir hatten den besten Theil des
Tages auf unsern Ritt verwendet; als wir vom Mittagstisch aufstanden,
dmmerte es bereits; ein Tag, einer von den drei Tagen, die mir das
Schicksal als Geschenk gnnte, war nun schon bald entglitten und hatte
nicht gehalten, was er versprochen. Schade, schade darum, dachte ich; aber
ich mochte mir nicht eingestehen, wie es zum groen Theil meine Schuld
gewesen, da zwischen dem Freiherrn und mir heute kein freundschaftliches
Wort gefallen war. Jetzt nahm ihn der alte Herr in Beschlag, ich schlpfte
hinaus und auf mein Zimmer; da sa ich auf einem niedrigen Schemel neben
dem alterthmlichen, geradlehnigen Stuhle, der in der Fensternische stand,
lehnte den etwas mden Kopf an das geschnrkelte Holz desselben und schaute
durch die Scheiben nach dem schnen, hellen Himmel, an welchem der Vollmond
mit der Dunkelheit auf der Erde an Macht gewann. Da hrte ich drauen die
Stimmen der Gromutter und des Freiherrn, ohne mir viel dabei zu denken;
als es bald darauf an meine Thr klopfte, glaubte ich, die alte Dame wrde
gutmthig scheltend eintreten und mich hinunterholen, wie sie hufig that.
So sagte ich denn, da sich die Thr ffnete: Ich komme schon, noch von
dem hellen Himmel geblendet nach dem dunkeln Grund des Zimmers hin. Die
eingetretene Person schlo die Thr hinter sich und that auf dem weichen
Teppich einige Schritte vorwrts. Darf ich, liebe Margarethe? Ich
erkannte jetzt erst den Freiherrn. Die alte Dame, glaub' ich, hat sich
entsetzt, indem ich um die Erlaubni bat, Sie hier aufsuchen zu drfen;
aber was blieb mir Anderes brig, wenn ich Sie einmal fr mich haben
wollte? Bin ich drauen mit Ihnen, so wollen Sie mir fortreiten bis ans
Ende der Welt -- ich mu Sie einmal frmlich belagern, um endlich zu
erfahren, wie es Ihnen eigentlich geht.

Ich bat den Freiherrn, sich niederzulassen, und ging, das Feuer im Kamin
zu schren, welches nun hell aufflackernd seltsame Lichter und Schatten
im Zimmer erzeugte; die Fensternische wurde vom hochstehenden Monde
vollstndig erhellt. Als ich zurckkam, hatte Herr Bardolph sich in den
Schatten gesetzt und mir den geschnitzten Sessel so gerckt, da das Licht
voll darauf fiel.

Setzen Sie sich dahin, bat er. Ich that es ohne weiteres, wollte mich
aber meinerseits dem hellen Strahle entziehen, indem ich den Stuhl leise
fortzuschieben versuchte. Er legte die Hand auf die Armlehne. Thun Sie mir
das Eine zu Gefallen und bleiben Sie gerade da, Margarethe, sagte er
dabei mit eigenthmlicher Betonung. Er will mir jetzt von seiner Verlobung
erzhlen und dabei soll ich im Lichte sitzen und er bleibt im bequemen
Schatten? dachte ich und fand die Einrichtung unbillig. Doch ergab ich
mich darein und sa, die Hnde im Schooe, wie Jemand, der sein Urtheil
erwartet. Als ein seltsamer Anfang zu den Errterungen, denen ich
entgegensah, mute es mir erscheinen, da der Freiherr abermals meine Hand
ergriff und fast ngstlich festhielt, whrend er sich vorbeugte, aus der
schtzenden Dunkelheit heraus, soda ich sehen konnte, wie sein Gesicht
sehr bleich war und eine ihm sonst fremde Spannung darauf zu liegen schien.

Ich wollte Sie besonders fragen, begann er, nicht mit dem milden Tone, in
dem er sonst immer zu mir gesprochen hatte, sondern hastig und fast rauh,
was Sie mit Ihrer Zukunft eigentlich zu thun gedenken, Margarethe. Wollen
Sie immerfort als heimatlose Fremde bei diesen Leuten bleiben, immer
gewissermaen abhngig--

Er hielt inne; wie tief hatte er mich mit den wenigen Worten verwundet!
Ich glaubte sein Motiv zu erkennen, er wollte nicht, da Jemand, der seinen
Namen trug, in einem Verhltni zu der Familie seiner Braut stnde, welches
seinen Stolz krnkte. Und war ich nicht -- ich empfand das aufs bitterste
in jenem Augenblick -- war ich nicht auch gewissermaen von ihm abhngig?
Band mich nicht eine Schuld der Dankbarkeit an ihn? War nicht, nach
Allem, Schlo Gnthershofen doch nur ein Geschenk von ihm? Ich fhlte mich
hlflos, heimatlos, namenlos elend, ich schlug die Hnde vors Gesicht und
sagte tonlos: Wo wollen Sie, da ich hingehe? Fr mich ist auf der ganzen
Welt kein Platz; kein Platz, wiederholte ich leise, nirgends, nirgends!

Da wurden mir die Hnde leise von den Augen weggezogen; ich schrak
zusammen, als ich das Antlitz des Freiherrn dicht vor mir erblickte; er
war von seinem Sitze herab leicht auf ein Knie geglitten, als wolle er mir
besser ins Gesicht sehen.

Was fehlt Ihnen, Margarethe, liebe Margarethe? sagte er leise und
leidenschaftlich. O da ich ein Recht htte, Sie zu fragen, in Sie zu
dringen, da Sie mir Alles sagen mten! Sie schweigen? Sie haben mir
nichts zu erwidern? Und doch will ich weiter fragen, sind Sie doch
immer wenigstens offen gegen mich gewesen. Wer ist es, den Sie lieben,
Margarethe, der Thor, vor dessen Thr das kstliche Kleinod liegt und er
hebt es nicht auf, er ahnt nichts davon; das Kleinod, welches alle seine
Tage beseligen wrde, welches zu besitzen ich wohl nicht verdiene, nach dem
aber schon jahrelang meine Sehnsucht steht?

Ich war von diesen Worten wie betubt; whrend der Schall an mein Ohr
drang, vermochte ich den Sinn nicht gleich zu fassen und starrte den
Freiherrn fast entsetzt an.

Wollen Sie mir nichts sagen? fuhr er in derselben Weise fort. Natrlich,
wer bin ich auch, da ich ein Recht auf Ihr Geheimni htte! Warum mute
mir Forster den Brief zeigen, der mich aus meiner Laheit aufrttelte! Aber
Sie leiden sehen -- o Margarethe, kann ich Ihnen gar nichts zu Liebe thun?

Ich mute nun freilich etwas sagen, aber wo waren die Worte, um diese
Wirren zu lsen, wie schwer gerade das, was mir zu gestehen oblag, denn
da ich es ihm jetzt gestehen msse, war der Gedanke, der mich ganz
beherrschte. So sprach ich endlich, aber ich wute kaum, was, die Worte
kamen hart und hastig von meinen Lippen, und wenn sie gesprochen waren,
mutheten sie mich fremd an und erschreckten mich. Er sei es gewesen, von
dem ich in meinem Briefe an Forster gesprochen, ich habe mich in die Idee
eingelebt, er liebe Lucy und wnsche sie sich zum Weibe. Der Freiherr stand
langsam auf, als ich ausgeredet hatte. Ich, Margarethe? sagte er mit
seltsamer Ruhe. Mir ist, als trume ich. Sie sagen mir, da Sie mich
geliebt haben, wie man von vergangenen Geschichten erzhlt, und jetzt,
jetzt--

Da berkam mich bei dieser sonderbaren Scene und vielleicht im Vorgefhle
des Glckes, das ja doch nahe war, obgleich wir beide uns blind nebenher
tasteten, eine wilde Laune, ich sagte fast drohend zu dem Manne vor mir:
Ja, Herr Freiherr, ich liebte Sie damals. Und wenn ich Sie jetzt noch
ebenso liebe, nein, viel tausendmal mehr, was geht es Sie an?

Und nun war der Bann gebrochen, das Glck da. Fast jauchzend hatte der
Freiherr meinen Namen gerufen, als wolle er mich aufwecken oder als sei ich
fern, ich sa still vor mich hin, ganz eingehllt in das Gefhl, da ich
nun weiter nichts zu sagen oder zu thun brauche. Er stand vor mir, zog mich
zu sich in die Hhe und verschrnkte seine Arme fest um mich; dann drckte
er mit der einen Hand meinen Kopf sanft gegen seine Brust. Hier ist Dein
Platz, Margarethe, meine Margarethe; seit ich Dich zuerst gesehen, habe
ich mich gesehnt, Dein Kpfchen hier betten zu knnen. Jetzt werd' ich
gesunden; mich hat in der letzten Zeit der Wunsch fast verzehrt, Dir nahe
sein, Dich hegen und lieben zu drfen.

So sprach er leise in mich hinein, whrend ich still in seinen Armen lag,
von einer seligen Ruhe erfllt. Ich antwortete ihm dann auch, in halblauten
Wechselreden gingen wir die Jahre gegenseitigen schmerzlichen Entbehrens
durch; in dem sanften Mondlicht klrte sich Alles und zuletzt lag die Zeit,
in der wir uns gekannt, hell und schn da, wie ein Blatt, auf dem wir jetzt
lesen konnten, da wir stets zu einander gehrt hatten. Ich habe viel
wieder gut zu machen, sagte mein Brutigam, indem er mir das Haupt
zurckbog und das Haar aus der Stirn strich. Deine lieben, ernsten
Augen, Margarethe, die von keiner frohen Jugend zeugen, scheinen mir immer
vorwurfsvoll ins Herz zu blicken.

So will ich sie schlieen, entgegnete ich lchelnd. Er kte mich sanft
darauf. Bald sollst Du sie ffnen auf das Land, nach dem Du Dich
oft gesehnt hast, Du sollst Dir von dem Himmel Italiens goldene Lust
hineinscheinen lassen. Wann willst Du mein Weib werden, Margarethe? fragte
er mich pltzlich hastig.

Sobald Du willst, mein Freund, antwortete ich; ich gehre Niemand auf
der Welt an als Dir.

       *       *       *       *       *

Wenige Wochen nach diesem Abend befand ich mich mit meinem Gemahl in
Rom. Dort erhielten wir die berraschende, aber uns herzlich erfreuende
Nachricht, da sich Lucy, die glnzende Lucy, dazu verstehen wolle, meinem
gelehrten Landsmann Forster die Sehnsucht nach der Heimat und alle trben
Erinnerungen auf immer vergessen zu machen. So fiel denn von dorther
kein Schatten auf unsern Weg, als wir im nchsten Herbste -- die Frau
von Gnthershofen war im Sommer gestorben -- in unserm deutschen Schlosse
einzogen, und heiter durfte ich die Rume bewohnen, in denen einst meine
theure Mutter gewaltet hatte und welche mir wie durch einen Hauch ihrer
Gegenwart geheiligt schienen.


Druck von Richard Schmidt in Reudnitz-Leipzig.




Des Hauses Eckstein.

  _Roman_
  von
  #J. von Oben#.

  3 Bnde. 8. Elegant geheftet. Preis 2Thlr.15Ngr.


Standes-Vorurtheile.

  _Roman_
  von
  _Alfred Steffens_.

  4 Bnde. Elegant geheftet. Preis 3Thlr.


Der Elephant.

  Komischer Roman
  von
  _A. von Winterfeld_.

  4 Bnde. 8. Elegant geheftet. Preis 3Thlr.


=El paso de las animas.=

  _Roman_
  von
  #E. von Bibra#.

  2 Bnde. Elegant geheftet. Preis 1Thlr.10Ngr.




Neue Romane a.d. Verlag von Ernst Julius Gnther, Leipzig.


Deutsche Kmpfe.

  Roman
  von
  #Levin Schcking#.

  2 Bnde. 8. Eleg. geheftet. Preis Thlr.115.


Modelle.

  _Humoristischer Roman_
  von
  #A. von Winterfeld#.

  4 Bnde. 8. Elegant geheftet. Preis 2Thlr.20Ngr.


Mtze und Krone.

  Roman
  von
  #Herman Schmid#.

  5 Bnde. Elegant geheftet. Preis 4Thlr.


=Non possumus.=

  _Roman_
  von
  #Fr. Hilarius#.

  3 Bnde. 8. Elegant geheftet. Preis 2Thlr.15Ngr.


Druck von Richard Schmidt in Reudnitz-Leipzig




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=, #fett#.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen,

  Seite 6:
  "." eingefgt
  (die zu Thautropfen auf meinen wollenen Rosen bestimmt waren.)

  Seite 7:
  "indas," gendert in "in das"
  (ich eilte in das Zimmer zurck)

  Seite 7:
  "," eingefgt
  (und brach in heftiges Weinen aus,)

  Seite 7:
  "meine" gendert in "meines"
  (keine verrtherischen Spuren meines nchtlichen Treibens)

  Seite 15:
  "hm" gendert in "ihm"
  (Ich habe von ihm noch nicht zu Dir gesprochen)

  Seite 18:
  "leinem" gendert in "seinem"
  (aber in seinem Wesen nicht etwa)

  Seite 18:
  "Versegenheit" gendert in "Verlegenheit"
  (Befangenheit oder gar Verlegenheit)

  Seite 20:
  "" eingefgt
  (Recht, Humanitt? Das sind sonderbare Worte von Ihrer Seite)

  Seite 26:
  "Deinem" gendert in "Deinen"
  (Angst und Sorgen um Deinen Vater)

  Seite 29:
  "begnstiges" gendert in "begnstigtes"
  (Kampf gegen offenes, von oben begnstigtes Unrecht)

  Seite 48:
  "Verhaltnisse" gendert in "Verhltnisse"
  (fr die staatlichen Verhltnisse meines Vaterlandes)

  Seite 51:
  "" eingefgt
  (sagte ich, dann sind Sie auch nicht frei)

  Seite 58:
  "seinn" gendert in "seinen"
  (bald durch seinen klaren Verstand)

  Seite 73:
  "Rcksichslosigkeit" gendert in "Rcksichtslosigkeit"
  (eine Probe Gnthershofen'scher Rcksichtslosigkeit)

  Seite 77:
  "" eingefgt
  (O bitte, es ist gern geschehn, erwiderte er hastig)

  Seite 83:
  "," eingefgt
  (der sich zu einer Mittelsperson ganz gut zu eignen scheint,)

  Seite 84:
  "einen" gendert in "seinen"
  (Person des Freiherrn zu, seinem Betragen, seinen Worten)

  Seite 84:
  "vor, gekommen" gendert in "vor-gekommen"
  (mute ich ihm vorgekommen sein)

  Seite 84:
  "dagegen-ist" gendert in "dagegen, ist"
  (dachte ich dagegen, ist es nicht natrlich)

  Seite 100:
  "," eingefgt
  (fuhr er fort, und da mir wie Ihnen)

  Seite 104:
  "," eingefgt
  (in eine meiner unglcklichen impulsiven Fragen ausbrechend,)

  Seite 114:
  "Famile" gendert in "Familie"
  (Sie sowie die ganze Familie bewiesen mir)

  Seite 121:
  "," eingefgt
  (sagte ich gleichsam entschuldigend, und bringe auch)

  Seite 129:
  "Magarethe" gendert in "Margarethe"
  (Du siehst bleich aus, Margarethe)

  Seite 130:
  "Brglichen" gendert in "Brgerlichen"
  (da Du die Gattin eines Brgerlichen wrdest)

  Seite 132:
  "des" gendert in "das"
  (eine ferne Vergangenheit das Hauptthema bildete)

  Seite 136:
  "wnrde" gendert in "wurde"
  (unser Gesprch wurde aber pltzlich)

  Seite 137:
  "anfgesprungen" gendert in "aufgesprungen"
  (in das Holz fest eingefgte Klappe aufgesprungen)

  Seite 142:
  "" eingefgt
  (Wie htte er gegen seine Mutter aufkommen knnen)

  Seite 148:
  "Strei," gendert in "Streifen"
  (einen blendenden weigrauen Streifen freigelassen hatten)

  Seite 170:
  "anzunehmen. Ich" gendert in "anzunehmen. Ich"
  (etwas von dem Ihren anzunehmen. Ich schttelte heftig)

  Seite 173:
  "," eingefgt
  (Ich that es, ich dachte an die Zeit)

  Seite 192:
  "fhrlingsartig" gendert in "frhlingsartig"
  (die Luft auffallend mild und frhlingsartig)

  Seite 199:
  "durch durch" gendert in "durch"
  (wir erhielten wie durch eine magische Laterne)

  Seite 201:
  "micht" gendert in "nicht"
  (weil er von einer armen Braut nicht lassen wollte)

  Seite 205:
  "Ichwerde" gendert in "Ich werde"
  (Ich werde doch einen ganzen Tag mit ihm zusammen)

  Seite 206:
  "." eingefgt
  (ihn auf immer verloren zu haben.)

  Seite 208:
  "anf" gendert in "auf"
  (Krhenansiedlungen auf Meilen in die Runde)

  Seite 209:
  "gin'gs" gendert in "ging's"
  (Dann ging's fort)

  Seite 216:
  "," eingefgt
  (war der Gedanke, der mich ganz beherrschte)

  Seite 217:
  "." eingefgt
  (Und nun war der Bann gebrochen, das Glck da.)

  Seite 218:
  "." eingefgt
  (So will ich sie schlieen, entgegnete ich lchelnd.)

  Seite 218:
  "" eingefgt
  (Wann willst Du mein Weib werden, Margarethe?) ]







End of the Project Gutenberg EBook of Verflossene Stunden, by Sophie Junghans

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERFLOSSENE STUNDEN ***

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  License. You must require such a user to return or destroy all
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or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

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editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
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