Project Gutenberg's Madonna, by Elsa Bernstein and Ernst Rosmer [pseud.]

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Title: Madonna
       Novellen

Author: Elsa Bernstein
        Ernst Rosmer [pseud.]

Release Date: March 30, 2020 [EBook #61708]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  =ERNST ROSMER=

  Madonna

  Novellen


  Berlin
  S. Fischer, Verlag
  1894.




Inhalt.


  Madonna                    5

  =Corriger l'amour=        27

  Platonisch                95

  In der Mauernstrae      115

  =Milost pan=             139




Madonna.


Er war allein mit ihr. Seit zwanzig Jahren zum ersten Mal. Sie war tot. Er
legte den Reisehut auf den alten Lehnstuhl und trat mit gefalteten Hnden
an die ungeschmckte Bahre. Das mdchenzarte Angesicht eines stillen tiefen
Weibes ruhte auf dem schwarzen Totenkissen. In seinen Augen stieg ein altes
unendliches Leid auf. Wenn Du mich geliebt httest, wie ich Dich!

Er ging langsam durch das groe, von lebendigem Sonnenlicht durchflutete
Zimmer. Ueber dem Flgel hing in schwarzem Ebenholzrahmen die Sixtina.
Frulein Maria von einem alten Freunde zum Andenken. 25.Mai -- stand in
der Ecke. Auf dem Flgel lag die schwere Partitur seines letzten Werkes.
=Missa solemnis.= Das =Agnus Dei= war aufgeschlagen. So hat sie mich doch
nicht vergessen. Mit wehmutvoller Freude bltterte er die bekannten
Seiten durch. Die Partitur mute viel gespielt worden sein. Verschiedene
Druckfehler waren auf kundige Weise ausgebessert. Am Rande standen
allenthalben musikalische Anmerkungen. Er las sie langsam durch. Wie
richtig! Welch' vornehmes knstlerisches Gefhl. ....Freilich, hier wre
die Mollterz besser. Er schrieb sich die Stelle in sein Taschenbuch und
schlug die letzte Seite um. Da lag ein groes versiegeltes Couvert. In
festen klaren Zgen stand sein Name und seine genaue Adresse darauf. Nach
meinem Tode dem Adressaten zu bergeben und nur von ihm zu ffnen. Sein
Eigentum. Sein ernstes altes Gesicht war von junger Glut bergossen. Von
ihr! Er rckte einen Stuhl an die Bahre und brach langsam die Siegel
auf. Feine weie Papierbgen mit blauer Seide zusammengeheftet fielen ihm
entgegen. Er nahm sie auf. Sie waren ganz mit schmalen festen Schriftzgen
bedeckt, die einige Jahre alt sein mochten. Er las:--

Wenn ich tot bin, sollst Du wissen, wie's gekommen ist.

Ich hab' Dich immer lieb gehabt. Als kleines Mdchen schon, da Du mich
Aennchen von Tharau und Jetzt geh' ich an's Brnnele singen lehrtest.
Aber ich wute es nicht. Ich fand Dich alt und strenge und gar nicht
hbsch. Gleichwohl weinte ich heimlich, wenn Du einen Sonntag nicht kamst.
Halb aus unklarer Sehnsucht, halb aus sehr klarer Selbstsucht, denn Du
brachtest mir stets ein Buch, eine Spielerei, ein Naschwerk mit. An meinem
fnfzehnten Geburtstag schenktest Du mir die Sixtina und nahmst Abschied.
Du wolltest nach Italien. Werden Sie mir schreiben? fragtest Du. Ich
lachte. Nein, ich mache zu viele orthographische Fehler. Die werde ich
Ihnen korrigieren. Also schreiben Sie mir und wre es nur, da Sie etwas
lernen. Sie haben es ntig, denn Sie sind sehr unwissend. Ich will aber
nichts lernen. Ich bin hbsch und wenn mich einer heiraten will, geht's
auch so. Du sahst mich mit einem ganz strengen bsen Blicke an. Ich finde
Sie gar nicht hbsch. Und Du gingst.

Meine gute nachsichtige Mutter nahm mich in die Arme und kte mich. Warum
bist Du so unfreundlich gegen ihn? Er hat Dich so gerne.

Jawohl. Aber ich wollte Dich nicht. Ich wollte einen jungen, lustigen, der
meine orthographischen Fehler nicht korrigierte, und mir sagte, da ich
hbsch wre.

Der junge Lustige kam. Unserem Hause gegenber in einer einstckigen Villa
wohnte eine kluge alte Dame. Die beste Freundin meiner Mutter seit dem Tode
des Vaters. Ich kam oft zu ihr hinber, bewunderte die vielen Bilder an
den Wnden, lauter berhmte Leute, wie die Vestvali, Daudet, die Goncourts,
Flaubert und viele andere. Ein einziges Oelbild war da, aber ohne berhmten
Namen. Ein schnes, frhliches Jnglingsgesicht mit tolllustigen Augen
und braunem dicklockigem Haar. Das war der Sohn der alten Dame. Ein
junger Schriftsteller, der in Berlin lebte und eine neue naturalistische
Zeitschrift herausgab. Diesen Sommer wollte er kommen und seine Mutter
besuchen. Ich war sehr neugierig auf ihn. Er kam in der Nacht an. Am
nchsten Tage hatten wir ihn und seine Mutter zum Mittagsessen gebeten.
Ich hatte allein gekocht und den ganzen Tisch mit blhenden Junirosen
geschmckt. Mein weies Battistkleid hatte ich mir ein wenig krzer
gemacht. Die schwarzen Lederschuhe mit dunkelblauen Stahlschnallen sahen so
hbsch aus, und ich hatte sehr kleine Fe.

Er war schner als das Bild, fnfundzwanzig Jahre alt und von toller
lebenatmender Lustigkeit. Wir neckten uns am ersten Tage, schlugen uns
am zweiten auf die Hnde und nannten uns am dritten Du. Die beiden Mtter
wuten es, lachten und freuten sich. Wir waren den ganzen Tag beisammen und
den halben allein. Er las mir seine Geschichten vor, die mich entzckten.
Das war so leicht und unterhaltend, ich brauchte mir gar keine Mhe zu
geben, um es zu verstehen. Manches fand ich ein wenig unanstndig und sagte
es ihm auch. Er lachte. Das wre die realistische Schule, daran wrde ich
mich schon gewhnen. Ich mochte mich aber nicht daran gewhnen. Zu
eitel und zu feig, es einzugestehen, log ich mich mit einem wunderbar,
groartig, meisterhaft darber hinweg. Die kluge alte Dame kte mich und
nannte mich ihr Tchterchen, wenn ich von dem Genie ihres Sohnes sprach,
und was fr ein groer Dichter er wre. Eines Tages sah sie mir mit ihren
schnen groen Augen fest ins Gesicht. Mchtest Du ihn wohl heiraten? Ich
wurde sehr rot und wute keine Antwort. Sie zog mich auf ihren Scho. Du
bist das einzige Mdchen, dem ich ihn gnne. Ich habe Dich lieber als alle
anderen. Es wre mein grtes Glck.

Ich hatte mich immer so gefreut auf das Heiraten. Da war's auf einmal.
Ja, sagte ich ganz leise. Aber noch nicht gleich. Ich mchte doch den
Winter erst tanzen.

Sie lachte glcklich. Du liebes kindisches Ding. Jawohl sollst Du
tanzen.--

Drei Tage spter standen wir auf unserer groen Schaukel, rings die
dmmernde Sommernacht. Wir hatten uns beide mde gearbeitet und blickten
nach den Sternen. Wie blau der Himmel ist! In Italien ist er noch tiefer
blau, sagte er. In Italien! Ich dachte an Dich. Er wickelte meine langen
Locken um seine Finger und flsterte mir kaum hrbar ins Ohr: Du bist ein
liebes reizendes Geschpf. Ich mchte Dich haben, ganz haben, so wie
Du bist, mit dem kleinen Muttermal am Kinn und all den sen kindischen
Thorheiten. Willst Du mich?

Ich war gar nicht verwirrt, fhlte mich nur sehr geschmeichelt und gab ihm
mein bermtiges lachendes Ja. Dann liefen wir durch den Garten, kten die
Rosen und kten uns. Ganz tief innen sagte etwas, da ich mir die Sache
doch anders vorgestellt htte. Das war ja gerade so, als wenn ich meine
wunderschne groe Schreipuppe kte.

Mssen wir's nicht der Mama sagen? fragte ich. Nicht ntig. Die wei
es von selbst. Sie wuten's beide von selbst und lieen uns noch mehr
gewhren. Wir rannten stundenlang durch die stillen grnen Eichenwlder,
plauderten von unserer knftigen Wohnung, zankten uns ber die Tapeten, und
heimlich langweilte ich mich oft unaussprechlich. Anfangs Oktober mute er
nach Berlin zurckkehren. Er war trauriger als ich. Nchstes Jahr im Mai
komme ich wieder, und dann ... Wirst Du mich nur nicht vergessen? Du bist
so jung!

Schreiben sollten wir uns nicht, zu meiner groen Erleichterung. Solch'
eine Correspondenz wird leicht langweilig, sagte die kluge alte Dame.
Er hrt von mir ber Dich, und Du hrst von mir ber ihn. Ich war sehr
zufrieden. Am fnften Oktober reiste er ab. Wir brachten ihn zur Bahn. Ich
hatte mein schnstes Taschentuch mitgenommen, um dem Zug nachzuwinken. Auf
dem Heimweg weinte ich ein wenig und kaufte mir drei groe Aepfel. Die a
ich Abends auch auf.

In meinem Innern rhrte und regte sich nichts. Ich langweilte mich in der
ersten Zeit, da ich des vielen Alleinseins entwhnt war. Da war niemand
mehr, der viertelstundenlang vor mir auf den Knieen lag, mir die Hnde
kte und mir erzhlte, wie schn meine Augen und wie glnzend meine
Haare wren. Die klassischen Bcher aus der alten Bibliothek meines Vaters
verstand ich nicht. Meinen sehr mangelhaften Sprachkenntnissen durch
Studien nachzuhelfen, wre mir schon gar nicht eingefallen. Ich spielte ein
wenig Klavier und arbeitete den ganzen Tag fr meinen knftigen
Haushalt tausend unntze bunte Schelchen: Zeitungshalter, Sofaschoner,
Tintenwischer, Wandkrbchen und dergleichen. Am Weihnachtsabend traf ein
Kstchen aus Berlin ein und eine Kiste aus Rom. In dem Kstchen war ein
zierliches Armband aus glnzend farbigen Emailplatten. Von ihm. In der
Kiste war der Moses des Michelangelo und ein ruhiger freundlicher Brief,
der um kurze Nachricht ber unser Befinden bat. Von Dir.

Du mut antworten und Dich bedanken! sagte meine Mutter. Ich that es
nicht. Ich war zu sehr mit meinem Armband und meinem neuen Ballkleid
beschftigt. Ich tanzte in diesem Winter zum ersten Mal, tanzte viel und
fand mich immer hbscher und liebenswrdiger. Es sagten's mir ja Alle. Die
kluge alte Dame schrieb von meinen Triumphen nach Berlin und las mir die
Antworten ihres Sohnes vor. Ich hrte uerlich mit groer Aufmerksamkeit,
innerlich sehr zerstreut zu. Ich dachte immer weniger an den guten lustigen
Jungen, oder nur in Verbindung mit meinem Brautkleide und den niedlichen
kleinen Capotehten, die ich als junge Frau tragen wrde.

Meine Mutter hatte bei einem groen auswrtigen Geschfte meine Aussteuer
bestellt. Ich stickte mir Wschehalter mit verschlungenen Buchstaben und
dachte heimlich daran, die Hochzeit bis zum Herbst zu verschieben. Das
Heiraten kam mir jetzt nicht mehr so lustig vor. Ich durfte dann nicht mehr
tanzen, und das Tanzen war mir jetzt die Hauptsache.

Als die Ballsaison vorber war, sank ich in die frhere trostlose
Langeweile zurck. Ich qulte meine Mutter, rgerte mich ber die kleine
Stadt, wo man so wenig Zerstreuung haben konnte, und wollte Reisen machen.
Die kluge alte Dame nahm meine Unruhe und Unlust zu jeglicher Beschftigung
fr Sehnsucht. Ich werde ihm schreiben; er soll schon im April kommen.
Ich freute mich mit bertriebenem Lachen und Hndeklatschen, bestellte mir
zwei neue Kleider, und schrieb am Abend auf vieles Drngen der Mutter einen
trockenen drren Brief an Dich. Das Schreiben verursachte mir Mhe, die
Worte mute ich aus allen Winkeln meines Gehirns zusammensuchen, ich wurde
ungeduldig und namenlos rgerlich auf Dich. Ich wollte Dich krnken, ich
wollte Dir wehthun, und von einem dunklen bsartigen Instinkt getrieben,
schrieb ich ganz zum Schlu, da ich mit einem wunderschnen jungen Manne
verlobt sei und ihn ungeheuer liebe. Mit dem unliebenswrdigsten Hndedruck
prete ich die Marke auf das Couvert und bergab ihn dem Mdchen. Aber
der Gedanke an Dich lie sich nicht so ohne weiteres fortschicken. Ich
erinnerte mich an so viel, was frher gewesen, anders als jetzt gewesen.
Ich dachte an mein lang vernachlssigtes Klavier. Ich versuchte zu spielen.
Meine Finger waren schwer und unbehilflich geworden. Das reizte mich. Ich
spielte -- was sehr selten geschah -- einige Tonleitern und langte mir
schlielich einen Band Sonaten her. Ich schlug auf -- das Adagio der
Pathtique. Ich hatte es als Kind oft von Dir gehrt. Einmal hattest Du
mich bei der Hand genommen, mir lange in die Augen gesehen. Endlich sagtest
Du: Wenn Du ein echtes groes Weib werden willst, dann kannst Du es von
diesen vier Seiten besser lernen, als durch alle Weisheit der Welt. In
diesen Tnen atmet das schnste und reinste Frauengemt. Das fiel mir
wieder ein. Ich spielte das Adagio. Es ging sehr schlecht, aber die
wunderbare Musik siegte ber meine Ungeschicklichkeit. Es begann etwas
in mir zu zittern. Als ich zu Ende war, weinte ich. Ich weinte vor
Ergriffenheit und weil ich leise, aber schmerzhaft deutlich empfand, da
ich nichts, gar nichts von dem Frauengemt hatte, das in diesen Tnen
lebte. Aber seit diesem Abende spielte ich viel, wenn es auch kein
geregeltes und regelmiges Ueben war.

Nach fnf Tagen kam Dein Brief. Ich warf ihn damals ins Feuer. Weniger
zornig ber den khlen traurigen Glckwunsch als ber den einen Satz, der
sich in mein Gedchtni bohrte: Ich glaube nicht, da Sie ihn heiraten,
denn Sie lieben ihn nicht. Sie sind noch ein Kind, kein Charakter.

Ich sollte ihn nicht lieben, ich sollte kein Charakter sein! Jetzt wollte
ich erst recht beweisen, wie sehr ich ihn liebte, was fr ein Charakter ich
war.

Er kam. Ich war liebenswrdiger gegen ihn als frher, und wrmer. Aber das
Adagio der Pathtique spielte ich nicht mehr. Was die Hochzeit betraf, so
hatte ich meinen Willen durchgesetzt. Erst im Herbst. Und noch war es mir
zu frh.

Der Mai brachte sommerheie Tage. Ich war seit dem letzten Jahre grer und
strker geworden, atmete tiefer und errtete sehr oft, ohne da ich wute
warum. Die unnatrlich heie Frhlingssonne machte mich tagsber mde,
whrend ich nachts vor den lauten Schlgen meines Herzens nicht schlafen
konnte. Ich sagte es der klugen alten Dame. Sie blickte mich mit einem
eigentmlichen Lcheln an, das ich nicht verstand.

Drei Tage vor meinem sechzehnten Geburtstag sa ich mit ihm allein auf
einem freien grnen Waldrain. Aus der Erde drang ein heier feuchter Duft
empor. Ich hatte den Kopf gesenkt. Pltzlich fhlte ich seinen Blick
auf meinem Nacken ruhen. Eine brennende Empfindung und ein leichter
widerwrtiger Schauer stieg in mir auf. Dennoch wandte ich mich, von einer
bsen Neugier getrieben, zu ihm. Es war nur ein Moment, ein Blick -- aber
dieser Blick, der wie eine sinnlich zitternde Berhrung ber meinen Krper
glitt -- mir war's, als stnde ich nackt, von unkeuscher Glut bergossen,
in dieser freien, lichtvollen Natur -- o Gott!

In der Nacht brach die Lge meines Innern zusammen. Ich wute, da ich
ihn nicht liebte. Aber was hatte ich fr die Wahrheit geben mssen! Die
Keuschheit meiner Seele, auf der jener Blick wie eine Entehrung brannte,
nicht Entehrung vor Menschen, Sitte und Religion, aber Entehrung vor dem
Hchsten, was es fr ein Weib giebt, vor dem geheimnisvollen, gotthnlichen
Gefhl der Reinheit. Das fhlte ich in jener Nacht. Ich lag da in stillem
irrsinnigem Weinen -- ich dachte an Dich. Und ich war noch feige. Drei
Tage. Drei endlose verzweifelte Tage schob ich den entscheidenden Schritt
hinaus. Da kam mein Geburtstag. Er brachte mir einen goldenen Ring, den
Verlobungsring. Ich nahm ihn nicht.

Er verstand mich nicht, und als er mich verstand, fiel er vor mir auf die
Knie. Er griff wie einst nach meinen Hnden, aber der grauenvolle Ekel, der
mein Gesicht erstarren machte, lie ihn zurckfahren. Er ging, totenbleich,
in trostlosem Zorn.

Sie versuchten mich zu berreden. Umsonst. Ich widerstand -- nicht aus
Charakterfestigkeit, denn -- nur zu wahr, ich hatte noch keinen Charakter,
sondern mit dem Eigensinne der Verzweiflung um ein ewig Verlorenes. O dies
ewig Verlorene, dies Ungreifbare, Unnennbare....

Nun lebten wir ganz allein. Aus dem Huschen drben waren sie fortgezogen
nach Berlin. Ich arbeitete. Ich hatte einen freundlichen alten Herrn zum
deutschen Lehrer, der mit kleinem Kopfschtteln und groer Geduld meine
unglaublichen Fehler verbesserte. Nach vier Monaten schrieb ich an Dich.
Nicht mehr auf buntem parfmiertem Papier, auf einem einfachen weien Bogen
einen einfachen, orthographisch richtigen Brief. Zuletzt sagte ich, da ich
nicht mehr verlobt sei.

Seitdem schrieben wir uns regelmig. Du wurdest nicht mde, mir gute und
treue Worte zu sagen. Meine Lebensanschauung habe ich aus Deinen Hnden
empfangen. Ich fing an zu verstehen, da wir keinen Richter ber uns
erkennen drfen, als das Ideal, das strenge, unerbittliche Ideal, nicht das
nach den Forderungen der Menschen zugeschnittene. Ich fing an zu verstehen,
warum ich ohne Schmerz und Vorwurf an jene thricht-traurige Spielerei
denken konnte, bis zu dem Augenblicke, wo ich innerlich schuldig geworden
war. Das blieb. Das lie sich nicht hinwegweinen oder hinwegarbeiten. Das
blieb.

Nach drei Jahren kamst Du wieder. Ich war nicht mehr hbsch. Aber ich war
still und gut geworden. Eine kleine Freude machte es mir, Dich mit allem zu
berraschen, was ich gelernt hatte. Franzsisch, englisch und italienisch.
Ich hatte die Klassiker gelesen und konnte auch schwere Bach'sche Fugen
spielen. Du gabst mir Compositionslehre, um mir das Partiturlesen zu
ermglichen und meinem instinktiven Verstndnis durch das theoretische
nachzuhelfen. Ich wei noch sehr gut, was Du bei den falschen Quinten
und Oktaven sagtest: Man hrt sie oft nicht, sie drfen aber doch nicht
gemacht werden. Ja .... man hrt vieles nicht mit Menschenohren und sieht
vieles nicht mit Menschenaugen, und doch darf es nicht geschehen.

Dein vierzigster Geburtstag kam. Du verbrachtest ihn bei uns. Ich hatte
mittags in der Kche zu thun. Als ich etwas spt ins Ezimmer kam, hrte
ich Dich und die Mutter im kleinen blauen Salon reden. Wie es schien,
ernsthaft. Ich wollte nicht stren. Ich nahm mir eine Arbeit. Durch die
offene Thr klangen Eure Worte.

Die Mutter fragte: Warum haben Sie nicht geheiratet? ------ Deine Worte
fielen wie schwere heie Thrnen auf mein Herz. Ich mchte nur ein Weib
lieben, das ich hoch ber alle andern stellen, das ich als ein einziges,
auserwhltes ansehen kann. Zu diesem Weibe mte ich beten knnen, wie zur
Madonna. Auf ihrer Stirne drfte kein Hauch und in ihrem Herzen kein
Fehler sein. Ich htte sie zu lieb, um es ihr vergeben zu knnen. Bei
dem Unendlichen darf es kein Begngen und keine Nachsicht geben. Ich mu
fraglos anbeten und mich in den Staub niederwerfen knnen: Ich verdiene
Dich nicht, aber ich kann Dich nur lieben, wenn Du bist wie das Licht
selbst. Solch' ein Weib habe ich noch nicht gefunden -- ein Weib wie Ihre
Tochter.

Ich starrte mit weiten Augen in die groe flammende Mittagssonne.

Meine Tochter -- Wissen Sie, da sie verlobt war?

Ich wei es. Aber gndige Frau, halten Sie mich nicht fr eine so kleine
Natur, da ich solch' einer uerlichen Sache nur einen Gedanken schenken
wrde. Diese empfindungslose Kinderthorheit hat die Seele Ihrer Tochter
nicht berhrt. Sie ist rein -- wie Madonna.

Die Nacht! Ich sah Dich vor mir stehen und lag mit gefalteten Hnden vor
Dir auf den Knieen.

Ich liebe Dich -- und kann Dir's nicht sagen, denn ich kann nicht mehr
Madonna fr Dich sein. Ich bin schuldig -- und wenn ich's Dir gestehen
knnte, so knnte ich mir's doch nicht von Dir vergeben lassen. Du darfst
mir nichts zu vergeben haben, Du bist zu hoch dazu und ich liebe Dich zu
sehr. Ich bin besser als die Anderen, aber nicht gut genug fr Dich. Ich
bin stolzer als die Andern, und liege hier vor Dir auf den Knieen: ich
liebe Dich.

Ich habe Dir's nie gesagt. Ich konnte nicht, ich konnte nicht. Jener Blick
stand nachtdunkel zwischen diesem Wort und mir. Ich lie Dich gehen und
sagte meiner weinenden Mutter: Ich liebe ihn nicht. Nein. Nein.

Mein lebendiges Leid hat sich nicht so leicht im toten Herzen begraben
lassen. Manchmal wachte es auf und schrie mir mein Elend in die Ohren. Ich
wurde lter und sah, wie die Menschen lgen und sndigen, ohne es fr Lge
und Snde zu halten. Ihnen mute ich lcherlich sein. Aber mein Ideal mit
den traurigen goldenen Augen sprach anders.

Die Mutter starb. Ich war ganz einsam. Ich hrte durch die Zeitungen viel
von Dir. Dies und Deine Werke waren mein einziges Glck. Ich wute auch,
da Du nicht geheiratet hattest .... Du konntest keine Madonna finden.

Ich lebe still weiter, freue mich, armen Menschen helfen zu knnen, und
sterbe langsam. Ich liebe Dich zu sehr. Und nun, da lange fnfzehn Jahre
vorbei sind, habe ich Dir diese meine Geschichte erzhlt. Du sollst sie
lesen, wenn ich tot bin. Zu meinem Begrbnis soll meine alte Pflegerin Dich
rufen lassen. Ich wei, da Du kommen wirst.

Du sollst wissen, da ich Dich geliebt habe, und doch solltest Du mich
nicht Madonna nennen. Es wre eine Lge gewesen. Sage mir, da ich recht
gethan habe.

Nun weit Du, wie's gekommen ist.--

Das Abendrot hauchte seine Lichter auf die Stirne der Sixtina. Ein Abglanz
fiel auf das Antlitz der toten Maria. Es war so ernst und herrlich rein,
wie das der Himmelsknigin.

Er lag auf den Knieen und neigte sein Haupt auf ihre bleichen Hnde. Du
hast recht gethan -- Madonna.




=Corriger l'amour=


Soll ichs? ... Es ist ein hbscher Junge und ich ennuyiere mich. Mein
geliebter Gemahl ist den ganzen Tag in den Bergen. Er sitzt am See;
schreibt seinem Aussehen nach Gedichte. Ich? ... was thue ich? Brauche
mglichst lang zu meiner Toilette; lasse mir von der Kchin das Menu
zeigen; sitze auf der Veranda und bilde mir ein, See, Wald und Berge zu
zu bewundern. =Voil tout.= Ah, meine Gndigste, in solcher Stimmung
ist's verzeihlich, ein Tagebuch zu beginnen! Fnfundzwanzig Jahre und
ein Tagebuch! Lcherlich! Aber die Langeweile ... Dazu rgerten mich die
weien, den Bltter. Ich fing an, Spinnen und Fliegen darauf zu zeichnen.
Und whrend ich es that, kamen mir die Gedanken ... Es ist wirklich ein
hbscher Junge. Noch ein wenig bla von seiner Krankheit. Und so gut
erzogen, so rhrend ungalant...

Vor acht Tagen kam der Brief seines Vaters. Fritz las ihn. Ein-, zweimal.
Dann schob er die Cigarette in den rechten Mundwinkel. Ah! macht' ich
in Gedanken. Der will etwas. Die Cigarette wanderte wieder in den linken
Mundwinkel. Mich geht's auch an? So! Pause. Ich sah auf die Badestatuette
von Tabachi. Man sagt, ich sehe ihr hnlich. Ich ghnte.

Thea!

Fritzl?

Der Lobkowitz hat geschrieben.

So. Was?

Sein Jngster, der Ossi, war krank. Nervenfieber. Hat sich beim Examen
berarbeitet. Er mchte ihn auf's Land schicken; zu uns. Willst Du?

Wie alt ist der -- Ossi?

Neunzehn oder zwanzig, wei nicht recht. Also willst Du?

Neunzehn, zwanzig -- nein.

Aber Thea!

Fritzl, sei vernnftig. Der Junge ist neunzehn, meinetwegen auch zwanzig.
Ich bin hbsch. Wir leben hier sehr einsam. In acht Tagen ist er verliebt
in mich bis ber die Ohren und wir haben den Skandal.

Fritz lachte.

Das ist Deine ganze Besorgnis? Mglich, da er sich in Dich verliebt.
Sicher, da ich einen Skandal verhindre. Ich lasse ihn kommen.

Und er kam. Ganz anders, als ich ihn erwartet hatte. Schlank, brnett, mit
der zigeunerischen Noblesse des slavischen Adels, aber zugleich schchtern,
linkisch, wie ein brgerlicher Privatdozent. Keine Spur von =savoir-vivre=.
Und sein Vater ist Gesandter! Ich interpellierte Fritz.

Wo hat der Lobkowitz seinen Jungen erziehen lassen?

Wei nicht. Keinenfalls in Paris. Der Fred hat ihn zu viel Geld gekostet.
Darum sollte der Ossi wohl desto solider werden. Ich glaube, er hat
Philosophie studiert. Bist Du nun ruhig, da er sich nicht in Dich
verliebt?

Ganz ruhig, mein Herr Gemahl. Aber Sie htten das nicht so spttisch zu
sagen brauchen.--

Mein philosophischer Graf sitzt noch immer auf seinem Felsen, dichtend ...
Was gilts? Eine Spielerei von zwei Monaten -- =ce n'est que le premier pas
qui cote=.

Soll ichs? -- Ich werds!


  _21. Juli._

Ich las, was ich gestern geschrieben. Es amsiert mich. Ich werde weiter
schreiben. Ich langweile mich noch immer. Die -- Affaire ist noch nicht im
Gang. ... Sentimental wird mein Tagebuch nicht. In dieser Richtung bin
ich ein Genie an Talentlosigkeit. Sentimental -- Affaire -- Genie --
wie unlogisch ich durcheinander schreibe. Ah, =laissons=! Logik ist die
schreckliche Begabung der gelehrten Frauen; ich kann sie nicht leiden; sie
verstehen nichts von Koketterie. Ich bin nicht gelehrt; kokett?--

Ich spreche franzsisch, nicht mit schwerfllig-deutscher
Institutsrichtigkeit, sondern so anmutig und unordentlich, als kme ich aus
dem tiefsten Paris; englisch wie eine Lady, deren Augenbrauen weier als
ihre Haut sind; italienisch -- man hat mich fr eine Toskanerin gehalten.
Weiter kann ich nichts. Oder von allem ein wenig. Natrlich spiele ich
Klavier. Mit viel Technik und wenig =sentiment=. Manchmal phantasiere ich
auch, =cela veut dire=, ich spiele eine unmgliche Melodie, dazu suche ich
mir noch unmglichere Akkorde. Kurz, es sieht in meinem Kopf aus wie in
einem =bric--brac=-Laden. Ich wei es ganz genau und mache mir gar nichts
daraus. Die Grisettenwirtschaft solch eines =bric--brac=-Ladens ist weit
interessanter als die anstndige Steifheit wohlgeordneter Wohnzimmer. Ich
habe mich in Paris mit Daudet, in London mit Gladstone, in Bayreuth mit
Wagner aufs beste unterhalten. Ohne jede Gelehrsamkeit. Ein wenig Esprit,
ein wenig Koketterie. Ich kenne all meine Fehler und finde sie alle
reizend. Z.B. meinen Egoismus. Ich beweise ihn schon dadurch, da ich nur
von mir rede. Da ist ja noch -- =monsieur mon mari=. Ich liebe ihn heute
ebenso wie vor fnf Jahren an unsrem Hochzeitstage. Mittelmig. Warum
ich ihn geheiratet? Er war zweiunddreiig Jahre, die Perfektion eines
Kavaliers, sein Vermgen gro genug, um mir Toiletten =la= Sarah
Bernhardt und Diamanten =la= Judic zu gestatten; und in mich verliebt!
Sehr! Ich? ich wute recht gut, da mein Ministerpapa eine glnzende
Einnahme, aber kein Vermgen habe. Die glnzende Einnahme wurde durch
ein glnzendes Leben verbraucht. Meine Heirat mit Baron Gersewald war das
Vernnftigste, was ich thun konnte. Ich that es.

Fritzl ist heute wie vor fnf Jahren galant, liebenswrdig, verliebt.
Wir leben in der grten Harmonie. Wir sind beide nicht eiferschtig. Wir
wissen beide, da wir uns hie und da etwas vorlgen. Was die gegenseitigen
Wnsche angeht, schicken wir uns ineinander. Vier Wintermonate in Paris,
reizendes Hotel Place Vendme, das ist fr mich. Drei Sommermonate Eibsee,
einsame Villa, das ist fr ihn. Eine Laune meines seligen Schwiegervaters
hat diese Bonbonnire in die Felseneinde gestellt. Die Gegend entzckte
ihn, doch nicht genug, um sie ohne Comfort genieen zu wollen. Fritz hat
seine ersten Lebensjahre fast ausschlielich hier verbracht; wahrscheinlich
ist seine Bergfexerei auf diesen Umstand zurckzufhren. Sie stimmt
keineswegs zu seinem brigen Charakter. Vor einigen Tagen fand ich in einem
Winkel mehrere seiner Schulbcher. Besonders amsierte ich mich ber ein
dickes Buch: Homer. Voller Tintenflecke und Eselsohren. Ich zeigte es
Fritz. Weit Du noch etwas davon? Er lachte: Kein Wort.

Mir ist der Aufenthalt hier nicht unbequem genug, um mich dagegen
aufzulehnen. Die Luft, die Ruhe die Bder sind der Gesundheit sehr
zutrglich. Volle Gesundheit trgt wesentlich zur Verlngerung der Jugend
und Schnheit bei. Ich mchte mir beides mglichst lange erhalten. Aber es
ist schwer, hier zu leben, wenn man fr sogenannte Naturschnheiten keinen
Sinn hat. Fritzl ist tagelang in den Bergen. Ich glaube, er war schon ein
dutzend Mal auf der Zugspitze. Die lngste _meiner_ Fupartieen erstreckte
sich nur bis nach Lermoos. Seitdem sitze ich lieber zu Hause oder mache
kurze Spaziergnge an den Frillensee. Baadersee ist mir schon zu weit; dazu
der Rckweg bergauf. Auch wohnen mir in dem kleinen Hotel zuviel Kaufleute
und Commerzienrte. Ich befinde mich trotz der Langeweile immer noch am
besten -- =chez moi=.

Unser philosophischer Graf bleibt auch zu Hause. Das Bergsteigen ist ihm
noch verboten ... =L'affaire?= Ist noch nicht im Gang. Zum ersten Mal wei
ich nicht, wie einem Menschen beikommen. Wir sehen uns Mittags und Abends.
Morgens ist er von fnf Uhr ab im Wald; Fritz in den Bergen.

Punkt zwlf kommt der Graf zurck. Rasch, erhitzt, zerzaust. Er mu ber
die Veranda, an mir vorbei. Drei Schritte entfernt bleibt er stehen. Sein
berkorrektes Compliment ist steif und ungeschickt. Er dreht seinen weichen
Schlapphut in den Hnden und wird ganz unmotiviert rot.

Wie haben gndige Frau geruht?

Danke, Graf, gut. Sie?

Vortrefflich, gndige Frau. Erlauben Sie, da ich jetzt meine Toilette in
Ordnung bringe.

Wieder ein eingelerntes Compliment. Er geht. So eilig als es mit der
Hflichkeit vereinbar ist.

Bei Tisch fhren Fritz und ich die Conversation. Der Graf spricht nur, wenn
er gefragt wird. Wir fragen nicht mehr. Seine Antworten sind zu
einsilbig. Auch wird er immer bis an die Haarwurzeln rot. Ich habe eine
unwiderstehliche Lust, ihn durch boshafte Bemerkungen in Verlegenheit zu
bringen. Fritz verbot es mir. Er hat ein =faible= fr den Grafen. Warum,
kann ich mir nicht erklren. Vielleicht weil er ihn fr gar so ungefhrlich
hlt. Er ist es auch. Und doch...


  22.

=L'affaire s'en va= ... Fritz hat sich fr fnf Tage verabschiedet. Er
macht eine Tour nach Tirol. Gestern Abend teilte er es mir mit. Der Graf
stand dabei.

Ich hoffe, Ossi, da Sie der Baronin whrend meiner Abwesenheit
Gesellschaft leisten.

Der Graf wurde rot -- und schwieg. Das aigrierte mich.

Ich werde den Herrn Grafen in keiner Weise bemhen. -- Ich klingelte. --
Heinrich, Sie werden morgen dem Herrn Grafen hier, mir auf meinem Zimmer
servieren.

Ich machte ihm eine frmliche Verbeugung. Mit einem ganz kleinen Blick
bemerkte ich, wie er sich auf die Lippen bi. Ich lchelte innerlich. =a
commence.=

Eine Stunde spter trat Fritz in mein Boudoir.

Thea, Du warst unartig gegen den Grafen.

Nur Revanche.

Er ist schchtern.

Nein, ungezogen.

Ich zerdrcke einen kleinen, roten Chenilleaffen, der an einer blassen
Chrysanthemenblte hngt. Fritz beobachtet mich. Ich fhl's.

Thea -- ich werde meine Partie nicht machen.

Ich erschrak. Ich hatte mich unklug benommen. Das mute wieder gut gemacht
werden. Gleichgiltig, unbeweglich blickte ich vor mich hin.

Es ist nur Deine Pflicht, mich nicht allein zu lassen mit dem dummen
Jungen.

Ich accentuierte die Pflicht sehr scharf; den dummen Jungen lie ich
fallen -- eben weil er mir die Hauptsache war. Er sah mich an, drehte
bedchtig die feinen Spitzen seines blonden Schnurrbarts:

Ich werde meine Partie doch machen.

Ich spielte die Zornige:

Wirklich? Nun dann bitte ich, sie sofort anzutreten.

Er kte mir langsam beide Hnde:

Sie sind reizend, Baronin.

Er ging.

Ich schlief sehr ruhig. Gegen vier Uhr weckte mich das Oeffnen der
Zimmerthr. Fritz. Er beugt sich ber mich. Ich stelle mich fest schlafend.

Madame -- Mylady -- Signora!

Ich rhre mich nicht.

Thea -- hbschester kleiner Satan, der je--

Ich konnte das Lachen nicht mehr verbeien, schlug die Augen auf. Er setzte
sich auf den Bettrand und nahm meinen Kopf in seine Arme.

Ich gehe fort, Kleine. Sei artig whrend meiner Abwesenheit. Qule den
Grafen nicht. Ich habe Befehl gegeben, da ihr zusammen diniert. Das Souper
will ich Dir schenken.

Ich setze mich kerzengrade auf:

Ich werde nicht mit dem Grafen dinieren.

Die Erklrung nehme ich mit Vergngen an; doch nur die Erklrung. Im
brigen wirst Du die Liebenswrdigkeit haben, meine Anordnung anzuerkennen.

Nein.

Mein liebes Kind, dies Nein ist gleichbedeutend fr mich mit einer
Blamage vor den Dienstboten. Und wenn ich auch duldsam wie ein Lamm bin --
darin nicht.

Ich zerreie die Picots an den Seidenbndern meines Nachtkleides.

Also ja?

J... j... ja.

Er will mich kssen. Ich vergrabe den Kopf in die Polster. Er kt mich in
den Nacken und lacht leise:

Baronin, ich nehme mir ein Andenken mit.

Ich schaue rasch um. Er hlt eines meiner Morgenpantffelchen in der Hand
und mit es mit Daumen und Zeigefinger.

Welche Nummer? Hm! 35!

Nein 33! rufe ich eifrigst. Er sieht mich komisch-unglubig an: Wahr? Dann
neigt er sich dicht zu mir:

Ich mu es doch wissen. Ich habe dies Cendrillonfchcn oft genug in der
Hand gehabt. Adieu.--

Jetzt sitze ich auf der Veranda. Schreibend. Der Graf wird kommen. Ich habe
eine Toilette gemacht, eine Toilette ----! Er versteht nichts davon, ich
wei es. Doch empfindet jeder Mann unwillkrlich den Zauber eines guten
Ensembles.

Spitzen, nichts als Spitzen. Weich, wei. Nachlssige Draperien von
reizender Unregelmigkeit. Mein Gesicht habe ich nach meiner Toilette
eingerichtet. =L'air de petite fille.= Das steht mir. Und gren werde ich
ihn, gren ---- so, da er mich anreden mu.

Da kommt er. Sehr langsam. Ist ihm unbequem, da er an mir vorbei mu.
Sehr gut, sehr gut. Ich vertiefe mich eifrigst ins Schreiben. Uebers Papier
hinweg sehe ich seinen schmalen Fuߠ...


  _Halbe Stunde spter._

Die Philosophie? Ich lache! Ah Herr Graf, sie wird Sie nicht schtzen gegen
Ihre zwanzig Jahre. Soll ich schreiben? Das eben stattgehabte Gesprch?
Mir zuckt's und prickelt's in den Fingern. Also ... Der Graf kam die Treppe
herauf. Ich kratzte zwanzig i-Striche nacheinander. Ich mute ja schreiben.
Guten Morgen, gndige Frau. Mein Ohr seziert den Ton, in welchem er
die vier Worte spricht. Schchternheit und Trotz; so das Resultat meiner
raschen Analyse. Ich hob den Kopf, dankte ihm, ohne zu sprechen.

Gndige Frau...

Ich sehe mit dem liebenswrdigsten Gesichtsausdruck an ihm vorbei. Er ist
ttlich verwirrt.

Gndige Frau, ich ... ich bin sehr ungeschickt.

Gewi.

Er wird wei bis in die Lippen. Noch siegt die Philosophie ber seine
gekrnkte Mannheit. Das ist mir nicht recht. Ich mu ihn reizen, reizen,
bis er sich vergit und....

Gndige Frau, ich habe Sie gestern beleidigt.

Graf, beleidigen knnen Sie -- mich nicht.

Einen Augenblick ist's sehr still. Dann macht er mir eine tiefe Verbeugung.
Sehr unkorrekt, aber zum ersten Mal frei und natrlich.

Gndige Frau, ich werde heute Abend abreisen.

Wenn Sie das fr das Richtige halten--

Das Richtige?

Es drfte zum mindesten ein sehr eigentmliches Licht auf mich werfen, wenn
Sie nach dem ersten Tage des Alleinseins mit mir -- abreisen.

Das trifft.

Ich -- werde -- bleiben.

Ich schaue von unten zu ihm hinauf und fange an zu lachen.

Aufrichtig, Graf, wir sind doch wie zwei Kinder. Nur, da es bei mir
verzeihlicher ist. Ich bin eine Frau. Sie, ein Mann, der Philosophie
studiert hat....

Er, sehr bitter: Aber keine Lebensart.

Nein. Ich habe es Ihnen schon zu verstehen gegeben.

Sehr deutlich!!!

So? Das kann Ihnen doch nur gefallen. Ein Philosoph, ein Verehrer der
Wahrheit...

Das bin ich.

Beweisen Sie es. Was unsere heutige Unterhaltung angeht -- =passons=. Von
heute an werden Sie ein wenig hflicher, ich ein weniger nachsichtiger
sein.

Ja.

Mein Mann hat meinen gestrigen =faux pas= schon wieder gut gemacht. Wir
dinieren zusammen.

Ich wei.

Er hat es Ihnen schon gesagt? Desto besser. Heute Morgen winkte mir die
angenehme Aussicht, in Ihrer Gegenwart keinen Bissen genieen zu knnen.
Ich hoffe, es wird besser gehen, aber----

Aber?

Appetitanregend sind Sie auch gerade nicht, Graf.

Ein schwaches, finstres Lcheln huscht um seine Mundwinkel.

Ich habe mich noch nie um diesen Ruhm bemht.

Und ich, um eine Nuance wrmer als bisher: Wollen Sie es heute versuchen?

Nein!

Ah!

Gndige Frau ---- Sie -- wollen -- mir gefallen.

Einen Moment bin ich starr. Nur einen Moment. =Vogue la galre.=

Ja.

Er blickt mich mit unverhohlener Entrstung an. Ich habe keinen Spiegel.
Kann mich nicht sehen in diesem Augenblick. Doch wei ich genau, wie ich
aussehe. Sonnig. Lieb. Kindlich.

Ich _will_ Ihnen gefallen. Ist das etwas Schlimmes? Ich will jedem Menschen
gefallen. Ich bin mit Allen liebenswrdig, um Allen liebenswert zu sein.
Mein Mann hat Sie gerne, Graf. Er hlt Sie fr eine besondere Natur. Soll
ich mich da nicht bemhen, Ihnen zu gefallen?

Ich wende den Kopf so, da mir die Sonne gerade in die Augen scheint. Ich
habe sehr schne Augen. Sie glnzen im Sonnenlicht wie Tautropfen. Und mit
diesen Augen sehe ich ihn an ... er ist eine Weile ganz stumm.

Ich habe Unrecht gethan, gndige Frau. Ich werde es gut machen.

Und langsam, langsam tritt er ins Haus.

Und jetzt! Ich bin lebhaft geworden; lebhaft vor Freude und Kampflust und
Bosheit. Dieser kleine Graf! Sie wollen mir gefallen!

Ja, ja, ja, das will ich -- und ich werd's.


  _Nachmittags._

Ich htte nicht gedacht, da ein Tagebuch so anziehend werden knnte. Mir.

Unser Diner ---- =C'est un drle d'homme.= Um was fr Dinge er sich
gekmmert hat. Ich wute nicht recht, was fr ein Gesprch mit ihm
beginnen, und nahm darum den ersten besten Gegenstand auf.

Waren Sie schon in dem Gasthof zum Eibsee?

Ja.

Wohl alles sehr schlecht?

Nein, einfach.

Ich glaube auch von einem Pensionat Krinner gehrt zu haben.

Ja, Pensionat und Knstlerherberge.

Knstlerherberge?

Es wohnen mehrere Maler dort. Auerdem sind nur noch zwei Bauernhuser da.
Eines ist uralt. Zigeuner sollen darin gewohnt haben. Die frheren Besitzer
des Eibsees.

Und jetzt?

Wohnen ihre Nachkommen darin, derbe, dunkelkpfige Bauern.

=Tiens=, wie romantisch. Sie sind sehr unterrichtet, Graf.

Ich spreche manchmal mit den Leuten.

Knnen Sie sie denn verstehen?

Ich gebe mir Mhe.

So. Und verlohnt es sich der Mhe?

Ja. Diese einfachen sind die interessantesten Menschen.

Unter diesen interessanten Menschen sind wohl ein paar hbsche,
schwarzhaarige Dirnen?

Die Mdchen sind sehr hbsch.

Ah, nun verstehe ich die Anziehungskraft.

Sie irren, gndige Frau. Die Mdchen sind mir gleichgiltig. Aber es lebt in
dem Hause ein vierundsiebzigjhriger Mann. Der Tonerl. Schwere Arbeit kann
er nicht mehr verrichten. Er sitzt im Wald, bindet Besen und raucht
seine Pfeife. Ich habe mich oft mit ihm unterhalten. Er sei schon weit
herumgekommen, erzhlte er mir. Nach Mnchen? fragte ich. O nein, aber
bis Tlz! Werktags geht er bei gutem und schlechtem Wetter in Hemdrmeln.
Sonntags hngt er sich den Lodenrock ber die Schulter und steckt sich eine
Rose hinters Ohr. Das sieht zu seinem zusammengerunzelten Gesicht rhrend
komisch aus.

Ist er verheiratet?

Nein.

Ah, er denkt wohl ins Burische bersetzt: =Marriage and hanging go by
destiny=?

Doch nicht. Das Heiraten sei nur fr reiche Leute, erklrte er mir.

Sehr wahr. -- Aber Sie essen gar nicht, Graf.

Ich bin nicht hungrig.

Nachdem Sie den ganzen Morgen im Wald waren?

Ich habe mir im Bauernhaus ein Glas Milch und ein Stck Brot geben lassen.

Das htten Sie bei uns nicht bekommen?

Nein. Die Milch nicht so frisch und das Brot nicht so schwarz.

=C'est un got extraordinaire.=

Wenigstens kein franzsischer.

Sie dehnen Ihren Patriotismus auch auf Nahrungsmittel aus?

Hie und da.

Jedenfalls sind Sie kein Anhnger Brillat-Savarins.

Wer ist das?

Sie kennen doch die Physiologie des Geschmacks?

Nein.

Brillat-Savarin ist der Verfasser. Ein franzsischer Professor.

Ich habe von dem Buch gehrt. Gelesen habe ich es nicht.

Ich kann es Ihnen geben.

Ich danke sehr. Ich habe keine Zeit, es zu lesen.

Aber mit Bauern zu plaudern?

Ja.

Ah, Graf, mit Ihnen werde ich nicht fertig. Unsere Ansichten gehen zu sehr
auseinander.

Es scheint.

Glauben Sie nicht, da wir uns vereinigen knnten? Ich bin nicht
eigensinnig.

Ich auch nicht. Nur berzeugungstreu.

Ueberzeugungstreu! Wie pathetisch! Diesen Tragdienton goutiere ich nicht.
Gehen wir lieber zur Tagesordnung ber -- zum Marasquin crme.

Das Diner ist vorber. Er wnscht mir, echt kleinbrgerlich: Gesegnete
Mahlzeit. Ich begebe mich in mein Toilettenzimmer. Wie kann er nur mit
einem Menschen plaudern, der nach Tisch weder Nagel- noch Zahnbrste
gebraucht. Unbegreiflich.

Ich werde in den Wald gehen. Dann baden. Ob der Graf sich verpflichtet
fhlt, mir spterhin noch Gesellschaft zu leisten -- Ja? Nein?


  23.

=Oui, madame la baronne!=


  _5 Nachmittag._

Er kam mit einem Strau tiefblauer Enziane aus dem Wald. Ich wartete seinen
Gru nicht ab.

Dieser Strau! =Ravissant!= Wo haben Sie die Blumen gefunden?

Auf dem Weg nach den Thrlen. Da wachsen sie in Menge.

Sie lieben die Blumen?

Ja.

Ich auch. Stellen Sie sie hier ins Glas. Ich glaube, sie welken sehr rasch.
Wollen Sie nicht Platz nehmen?

Wenn Sie gestatten...

Er setzt sich. Sein Auge schweift mit einem vagen Ausdruck ber
den sonnenbestrahlten See. Zwischen den Enzianblten kriecht ein
Marienkferchen. Ich setze es auf meine Hand und beobachte seine
ngstlichen Spaziergnge. Auch er blickt auf das Tierchen. Die Sonne
schimmert durch meine geschlossenen Finger. Sie zeigt jede Blutwelle
in dieser kleinen schmalen Hand. Ich fhle, wie sein Blick an meinen
Fingerspitzen haften bleibt.

Sind Sie schon lange von Wien fort, Graf?

Sechs Jahre, gndige Frau.

Ihr Vater hat Sie nie in Mnchen besucht?

Nein.

Sie waren in einem Institut?

Nein. In einer Familie.

Das wute ich gar nicht. Wohl bei Verwandten?

Bei Fremden.

Nun, ich bitte Sie, diejenigen, die einem Kreise angehren, knnen sich nie
ganz fremd sein?

Es waren Brgerliche.

Brgerliche -- Graf Lobkowitz?

Ich habe mich nie glcklicher gefhlt, als bei diesen Brgerlichen. Ich
habe ihnen sehr viel zu verdanken. Ich habe noch keine besseren Menschen
kennen gelernt.

Nie habe ich einen Aristokraten in stolzerem Ton reden hren. Und dieser
Ton wurde fr das Lob Brgerlicher verschwendet.

-- Sie sind Demokrat?

Nein. Nur ein Mensch.

Wollen Sie mir nicht von diesen auerordentlichen Brgerlichen erzhlen?

Er schwieg.

Sie knnen damit ein gutes Werk thun. Mich bekehren. Denn ich habe bis
heute keine groe Sympathie fr die Brgerlichen gehabt.

Warum?

Genau wei ich das nicht. Sie verstehen nicht, sich zu benehmen. Die Mnner
haben keinen Takt, die Frauen keine Grazie.

Lauter sthetische Fehler, die Sie ihnen vorwerfen. Keine moralischen,
keine Charakterfehler.

Aesthetische Fehler verletzen mein Schnheitsgefhl.

Das Schnheitsgefhl darf nicht richten, nur die Wahrheit.

Sie mgen Recht haben. Ich werde darber nachdenken -- was Sie mir
wahrscheinlich nicht zutrauen. Doch jetzt erzhlen Sie mir von Ihren
brgerlichen Freunden. Wie kamen Sie berhaupt gerade nach Mnchen?

Meine Mutter war tot. Mein Vater war nach Paris versetzt worden, wohin er
meinen ltern Bruder mitnahm. Ich hatte gegen Wien eine unberwindliche
Abneigung. Das Mnchner Gymnasium, die Universitt, wurden meinem Vater
sehr gerhmt, und ich freute mich, etwas Neues kennen zu lernen.

Und wie kamen Sie in jene Familie?

Durch die Empfehlung des Frsten Kinsky. Professor Richter ist lngere Zeit
bei ihm gewesen.

Richter, Richter? Wenn ich mich recht erinnere, habe ich einen Professor
Richter in Bayreuth kennen gelernt. Im Jahre 82. Bei Wagners. Er war sehr
bekannt, geachtet und etwas gefrchtet. Er soll sehr grob sein knnen.

Wenn man eine ganz ungewhnliche Aufrichtigkeit dafr nehmen will -- gewi.
Professor Richter ist eben kein moderner Mensch.

Um das zu verstehen mten Sie mir erst erklren, was ein moderner Mensch
ist ... und ich mchte jetzt von jener Familie hren. Die Frau?

Ist eine echte Frau. Sie hat weniger Verstand als Gemt.

Kinder?

Eine.

Ich horche auf. Diese seltsame kurze Antwort, der Ton...

Eine Tochter? Sie heit?

Gabriele.

Wie ist sie?

Sein Auge wird gro und licht:

Gut.

Das ist nicht viel, werfe ich bereilt ein. Er mit mich mit einem
unsglich mitleidigen Blick.

Bei einem Weibe -- alles.

Ist sie schn?--

Ich glaube nicht, da er spricht, um mir Antwort zu geben. Er trumt die
Worte.

Sie ist sechzehn Jahre und hat goldene Locken. Sie kann lachen und weinen.
Sie will nicht anders sein als sie ist.

Das halten Sie fr einen groen Vorzug?

Ja.

Dessen kann ich mich freilich nicht rhmen. Ich mchte immer anders sein,
als ich bin. Denn ich bin mir lange nicht gut genug.

Das gehrt nicht hierher. Ich habe mich falsch ausgedrckt. Man soll nicht
anders scheinen wollen, als man ist.

Thue ich das?

Ich glaube -- ja.

Diese Worte sind zgernd und sein Auge ist traurig. Jetzt ist der
Augenblick. Wenn ich ihn jetzt nur ein wenig...

Man darf nicht immer scheinen, was man ist. Am wenigsten in der Welt. Wenn
ich jedes Lcheln und jede Thrne zeigen wollte--

Thrne?

O ja. Sie wiederholen das Wort in so fragendem Ton ... ich habe schon
bitter geweint. Nur durfte ich es nicht zeigen.

Er hat mir sein Antlitz voll und ernst zugewendet.

Ihrem Gatten?

Auch -- ihm -- nicht. Er wrde mich nicht verstanden haben.

Ich zwinge mich zu einem Lcheln:

Ich lebe in einer menschenreichen Wste.

Ich habe Sie fr glcklicher gehalten.

Das thun Alle. Und das ist's, was mich oft so tief verletzt. Sie beneiden
mich um mein Elend.

Elend? Ist das nicht ein zu schweres Wort?

Vom allgemeinen Standpunkt aus gewi. Was fehlt mir denn? Ich kann mir
mit Konfitren den Magen und mit franzsischen Stckeln die Gesundheit
verderben. Aber leider ist die Dame auch ein Weib. Und das Weib sehnt
sich nach Licht und Luft, die Brust verlangt nach einem freien krftigen
Atemzug, nicht gehindert durch das seidene Corset der Convention.

Und doch, gndige Frau, habe ich gerade bei Ihnen die peinlichste
Beobachtung der ueren Form gesehen.

Gewi, so lange sie eine Rcksicht, ja mehr, eine Hflichkeit gegen unsere
Mitmenschen ist. Convention nenne ich die Schranke, die meiner geistigen
Ausbildung von Jugend an gesetzt wurde. Was habe ich gelernt? Fast nichts.
Ich bekomme jetzt oft ein Buch in die Hand, das ich lesen und verstehen
mchte. Dazu fehlt mir eine gewisse Vorbildung. Ich mchte eine Treppe
hinaufsteigen, in der so und so viele Stufen fehlen.

Sollte sich das nicht gut machen, nachholen lassen?

Mein Mann hat zu viel andere Dinge im Kopf, um sich fr diese zu
interessieren. Allein, das gestehe ich offen, ist es mir nicht mglich.

Und wenn ich mich erbieten wollte, Ihnen zu helfen?

Sie sind sehr liebenswrdig. Danke. Ich glaube, es ist zu spt. Von Ihrem
Standpunkt aus sind all meine Versuche doch nur Kindereien. Ein so ernster
Mann darf sich nicht mit dergleichen abgeben.

Darf nicht? Es ist des Mannes wrdigste Beschftigung, dem nach Wahrheit
Strebenden zu helfen.

Aber ich bin ungeschickt.

Desto mehr Freude wird Ihnen das Errungene machen.

Ich bereite Ihnen eine Plage...

Sie machen mir eine Freude.

=Bon.= Ich nehme Sie an als Lehrer.

Womit mchten Sie beginnen?

Ich habe soviel von der Iliade gehrt. Wollen wir sie morgen lesen, oder
ist das noch zu schwer fr mich?

Sie verraten einen vortrefflichen Geschmack. Wir knnen ohne alle Bedenken
damit beginnen. Ich habe eine sehr gute Uebersetzung mit.

Und ich habe die von Fritz, denke ich im Stillen. Denn sonst htte ich
weder von Homer noch von der Iliade etwas gewut.

Und wo soll die erste Stunde abgehalten werden? Hier?

Ich sehe ihn an.

Hier? Nein. Es wre kaum der geeignete Ort. ... Die anmutige Neugier meiner
Dienstboten ---- Sie gehen jeden Morgen in den Wald. Kann ich Sie um zehn
Uhr am Frillensee treffen?

Ich werde pnktlich sein.

Ich auch. Ich wrde gerne frher kommen, aber meine Leute sind nicht
gewohnt, mich vor zehn Uhr fortgehen zu sehen. Ah, ber die Convention.--

=Enfin= -- wir plauderten noch ein wenig. Das Abendrot berschimmerte meine
weien Hnde. Sein Auge haftet auf ihnen -- immer wieder.

Gute Nacht, gndige Frau.

=Felicissima notte.=--

Sie ist sechzehn Jahre und hat goldene Locken ... seine erste =amourette=.
Natrlich. Jetzt _mu_ ich.... ah, Ihre Augen sollen nicht mehr glnzen,
wenn Sie an jene denken. Sie sollen blitzen, flammen -- fr mich.

Ich bin sehr mde. Doch werde ich noch lernen. Fr morgen. Die Iliade
durchlesen. Er soll berrascht sein durch mein rasches Fassungsvermgen.

       *       *       *       *       *

Diese Iliade! =Affreux!= Langweilig, geistlos. Kein Bonmot, keine pikante
Bemerkung. Ich werde Mhe haben, das Ghnen zu maskieren. Meine Kenntnis
der griechischen Geschichte erstreckte sich nur bis zur schnen Helena
und Orpheus in der Unterwelt. =A demain, mon matre; aprs-demain, mon
esclave!=


  24.

Morgens im Wald. Er war schon da. Ich stieg langsam den schmalen, steilen
Weg hinab. Er lchelte -- zum ersten Mal.

Wie schn es hier ist!

Nicht wahr, gndige Frau?

Ich setzte mich auf die niedrige Holzbank. Er blieb stehen.

Es ist nur _eine_ Bank da. Wir mssen uns schon vertragen.

Er nahm am uersten Ende Platz.

Sie werden aus lauter Rcksicht so rcksichtslos sein, hinunterzufallen.
Kommen Sie nur nher. Mir ist es peinlich, Sie in einer so unbehaglichen
Situation zu wissen. =Commenons!=

Er zog ein geschmacklos gebundenes Buch aus der Tasche. Der grnblau
marmorierte Einband allein htte gengt, um mir eine Antipathie gegen den
Inhalt einzuflen. Der Graf schien verlegen.

Was haben Sie? Sind Sie Ihres Lehramtes mde, ehe Sie es angetreten?

Nein, doch berlegte ich, da die Iliade eine gewisse Kenntnis der
griechischen Gtterlehre voraussetzt--

Die ich nicht habe, fiel ich ihm lachend ins Wort. Wollen Sie mir vor
Beginn unserer Lektre einen kleinen Vortrag halten?

Und er sprach. Grndlich, ernst, langweilig. Ich gab meinem Blick den
Ausdruck der gespanntesten Aufmerksamkeit. Hie und da warf ich eine
Frage ein, stellte sie absichtlich kindlich, ja kindisch. Er gab mir
bereitwilligst Auskunft. Erst erstaunt ber meine Naivett, dann lchelnd.
Schlielich mit der frohen Heiterkeit, die jeder Mann beim Geltendmachen
seiner Ueberlegenheit empfindet. Und ich sah ihm in die Augen ---- --
fortwhrend ... mit weichem, trumend lchelndem Blick ... o, ich habe ihn
nicht umsonst vor dem Spiegel geprft ... er sprach stockender, verwirrt,
schwieg pltzlich.

Eine Minute lang saen wir stumm einander gegenber. Ich weltvergessen,
traumumfangen -- innerlich jede Geberde berechnend. Verlegen, errtend fuhr
ich empor.

Sind -- Sie nicht wohl?

Doch -- doch.

Er stammelt und beugt sein flammendes Gesicht auf den blaugrnen Homer.
Ich streife mit dem Zeigefinger auf der Tischplatte hin und her und sehe zu
Boden.

Ich mache mir Vorwrfe. Ich habe Sie zu lange reden lassen. Mein Egoismus.
Aber ich will mich bessern. Heute wird nichts mehr gelesen. Schauen wir uns
den Wald an. Er ist so schn. Und da Sie nicht ganz aus Ihrer Lehrerrolle
fallen -- was ist das fr ein Baum?

Ein Ahorn.

Sehen Sie, das habe ich gar nicht gewut. Und wie heit die prchtige rote
Blume dort?

Das ist ein Trkenbund. Soll ich sie Ihnen holen?

Nein, nein. Das ist zu stolz. Das pat nicht fr mich. Wenn Sie etwas
Kleines, Feines sehen, das knnen Sie mir bringen.

Und ich lasse mir von ihm alle Baum- und Blumenarten erklren. Ich baue aus
Tannenzapfen Huschen und sphe atemlos einem schwarzen Eichhrnchen nach.
Grazis, kindlich, mit unterdrcktem Lachen und halblautem Jubel.
Ich fhle, da er mich unverwandt betrachtet. Ich fhle, da er sich
unwillkrlich immer dahin wendet, wohin ich gehe ... o ... o...!

Ich sehe auf meine Uhr und erschrecke. Auch er.

Adieu, Graf. Auf Wiedersehen. Morgen. O es ist schn hier.

Ich springe davon. Ohne mich umzusehen, wei ich, da er mir nachschaut.

Bei Tische sahen wir uns wieder. Er war bla. Ich blasiert und steif. Nicht
seine Worte, der angstvolle Ton seiner Stimme fragte mich: Bist du denn
wirklich das Kind, das heute Morgen mit mir im Walde war? Ich beachtete es
nicht; sprach ber Rennsport und Tanagrafiguren, ber alte Spitzen und die
Rhapsodien von Liszt.

Sie spielen Klavier, gndige Frau?

Schlecht.

Ah -- darf man Sie nicht einmal hren?

Einmal -- vielleicht. Heute nicht. Spielen Sie?

Ja.

Ich fordre ihn absichtlich nicht auf. Es ist noch nicht an der Zeit.

Ich sitze in dem amerikanischen Schaukelstuhl, rauchend, ein Knie ber dem
andern. Er zerknittert zornig seine Serviette. Ich sehe ihn an und werfe
die Cigarette fort.

Oh -- gndige Frau!

Der dumme Junge wird feuerrot vor Erregung. Dann luft er davon.


  25.

Andre Frauen wrden heute erregt sein. Ich bin so ruhig. Ich spiele meine
Partie vortrefflich. Schach dem Knig .... matt? Noch nicht. Das wre auch
schade. Wenn das Spiel zu Ende ist, werde ich ghnen. =Mon petit comte= --
er ist so recht, was man einen idealen Menschen nennt, und darum wrde
er mich langweilen, wenn nicht .... Er hat die Slaven und nennt sich von
ganzem Herzen einen Deutschen. Aber sein Blut fragt nichts nach seiner
politischen Ueberzeugung. Das ist so hei, so wild, so echt slavisch ...
ich hielt seine Hand eine Sekunde lang in der meinen. Seine Fingerspitzen
brannten, pochten--

Wir haben im Homer gelesen, und ich war so begeistert. Wie er sich freute
darber! Ich habe auch eine Aufgabe: den gelesenen Abschnitt aus dem
Gedchtnis schriftlich wiederzugeben. Ich bat darum. Er meinte, es sei zu
schwer. Ganz recht. Er wei ja nicht, da ich weniger aus dem Gedchtnis
als abschreiben werde.

Ja heute morgen...

Dichten Sie? fragte ich.

Nein, nein, nein.

Ich lachte hell auf. So heftig sagen Sie das? Und dreimal? Nun wei ich,
da Sie dichten. Darf man nichts sehen?

Er schttelt stumm den Kopf.

Wie Sie wollen. Ich bin nicht neugierig.

Sie sind doch nicht bse, gndige Frau?

Nein. Oder doch. Aber nicht der vorenthaltenen Gedichte wegen, sondern
... warum sagen Sie mir immer so steif, so kleinbrgerlich gndige Frau?
Warum nicht kurzweg Baronin, wie es in unseren Kreisen gebruchlich? Sage
ich denn gndiger Herr?

Er sah mit einem schchtern bittenden Blick zu mir auf.

Ich wei es nicht anders.

=C'est a.= Sie wissen es nicht anders. Sie haben zu lange in einer
beschrnkten, kleinbrgerlichen Umgebung gelebt. Sie haben dort mit den
besten Grundstzen das steifste Benehmen bekommen. Wenn Sie einmal Ihr
Compliment sehen knnten!

Ich machte es ihm vor. Ein wenig karrikiert, die Fe auswrts wie zwei
Windmhlenflgel, die Arme steif an den Krper gepret. Ich glaubte, er
wrde lachen. Er sah mich fest und ernsthaft an.

So mache ich es? Das ist wirklich nicht schn.

Wollen Sie es besser lernen?

Ja.

Gut. Ich werde es Ihnen zeigen; aber vorher machen Sie ein anderes Gesicht.
Ich wrde fragen, ob Sie beleidigt sind, wenn das nicht zu albern wre.

Ich bin jedem dankbar, der mich auf einen Fehler aufmerksam macht.

Ah, so will ich es auch nicht. Dankbar -- Fehler. Sie nehmen alles gleich
=au grand tragique=. Ihr Compliment ist eine Ungeschicklichkeit, kein
Fehler, da ich es Ihnen sage, ist eine Pflicht und verdient keinen Dank.
Oder wenn Sie mir danken wollen, revanchieren Sie sich. Ich wei ja, da
Ihnen vieles an mir nicht gefllt.

Das ist wahr. Sie haben sehr viele Fehler.

Gesamtsumme?

Kann ich noch nicht feststellen.

Details?

Darf ich offen sein?

Welche Frage! =Vite!=

Ihr erster und grter: Sie knnen nicht deutsch.

Nicht -- deutsch?

Nein. Fast jeder ihrer Stze enthlt ein unntiges franzsisches Wort.
Sogar jedes ihrer Worte hat einen franzsierten Klang. Ich habe immer die
Empfindung, als setzten Sie Accents ber die Vokale.

Und das gefllt Ihnen nicht?

Nein. Unsre deutsche Sprache ist so schn. Der fremde Aufputz steht ihr
ungefhr so, wie der griechischen Chlamys eine moderne Schleifengarnitur.

Ich kann Ihnen nicht ganz Recht geben. Es giebt tausend franzsische Worte,
fr die der Deutsche gar keine Begriffe hat. Die franzsische Sprache
tanzt, die deutsche geht. Doch werde ich Ihren Wnschen entgegenkommen.
Machen Sie mich aufmerksam, wenn ich wieder -- tanze.

Ich werde so frei sein.

Wie steif er das sagt. Es klingt sehr komisch und sein bleiches Gesicht hat
sich ein wenig gertet vor Freude.

Der Wind rauscht strker durch die Bume und wirft mir Bltter und kleine
Zweige ins Haar. Das pat mir. Ich schttle sie rasch und energisch ab.
Dabei fallen mir die Locken auf die Schultern. Ich wei es sehr gut, aber
ich sehe es nicht.

Jetzt beginnt Ihre Stunde. Stellen Sie sich mir gegenber. So. Und nun
geben Sie Acht. Vor allem zeige ich Ihnen die vier Positionen.

Ich hebe das Kleid ein wenig in die Hhe, um ihn meine Fe sehen zu
lassen, und mache es ihm vor. Er macht es mglichst korrekt und mglichst
ungeschickt nach.

Ja, ja, so ist es schon recht. Aber Sie mssen mehr auf Kleinigkeiten
achten. Sie setzen die Fe viel zu viel auswrts -- noch immer zu viel --
ach warten Sie!

Ich trete rasch an ihn heran und bringe mit der Spitze meines Fues den
seinigen in die richtige Lage.

Nun treten Sie rechts in die zweite Position, ziehen den linken Fu an,
neigen den Kopf -- nicht so tief, nicht so tief! -- stehen wieder gerade
und treten links einen Schritt zurck. Das wre die Hauptsache. Jetzt mu
aber erst die Leichtigkeit, der gewisse Elan--

Elan?

Pardon! Bitte noch einmal .... Gut -- sehr gut. Nur Ihr Gesicht schaut so
unliebenswrdig drein, lcheln Sie ein wenig, noch ein wenig...

Er macht das Compliment zwei-, dreimal, er lchelt.

Nun werde ich Ihnen zur Belohnung ein schnes Damencompliment machen.

Whrend ich den Kopf neige, blicke ich zu ihm herauf ... o ber seine
erbleichenden Lippen, seine stockende Stimme.

Es ist schon spt, gndige Frau.

Gndige Frau?

Nun denn, Baro ---- nein, ich kanns nicht!

Das war ein Schrei. Eine Minute lang -- so still. Aug' in Auge.

So -- nennen Sie mich -- Thea.

Er wendet sich ab und birgt sein Gesicht an einem Baumstamm. Ich gehe
langsam fort.

Er kam nicht zu Tische. Das war mir sehr angenehm. In seiner Gegenwart
htte ich zum mindesten einige Appetitlosigkeit zeigen mssen. Nach dem
Diner schlief ich eine Stunde. Die unertrgliche Schwle weckte mich. Ein
Gewitter steht am Himmel; und in meinem Tagebuch. Ich werde in den Salon
hinuntergehen.


  _Nachts._

Wie ich lache! Wie ich vor Vergngen mein Taschentuch mit den Zhnen
zerreie. Das Gewitter ist vorbei. Drauen die nasse, funkelnde Erde -- und
whrend der rauschende Regen niederstrmte, hat er ... Geduld, Geduld.

Im Salon. Er war da. Wir gren uns stumm. Ich setze mich an den
Schreibtisch. Er blickt zum Fenster hinaus. Ich nehme ein Buch und
beobachte ihn. Seine schwarzumrnderten glutigen Augen, seine trockenen,
zersprungenen Lippen....

Drauen wetterleuchtets; die Berge sind verschwunden in dem brunlichgrauen
qualmenden Wolkendunst, ber ein Kurzes wird der Sturm daherfegen. Ich
klingle dem Diener, erteile den Befehl, Thren und Fenster sorgfltig
zu schlieen. Er geht. Ich drcke einen Augenblick die Stirn an die
Glasscheiben und mit einem leisen Seufzer:

Das wird ein bses Wetter.

Er wendet sich zu mir. Um seine Nasenflgel zuckt es wie gezwungener Spott:

Sie frchten?

Nicht den Ausbruch des Gewitters. Nur sein Herannahen bedrckt mich
unwillkrlich.

Ich gehe ein paarmal unruhig auf und ab.

Mchten Sie mir nicht etwas vorspielen? Ich wre Ihnen sehr dankbar.

Er verneigt sich und tritt an den Flgel.

Was soll ich spielen?

Das berlasse ich Ihnen.

Er sitzt einen Augenblick still mit tiefgesenktem Kopf. Dann fllt seine
Hand wuchtig auf die Tasten ... die ersten Akkorde der Pathtique. Er kann
spielen ... aber ich habe die Sonate zu oft gehrt, selbst zu oft gespielt,
als da sie mich noch interessierte. Er kann mich nicht sehen. Eben beginnt
er das Adagio. Sehr schn. Nur fr mein Gefhl zu langsam, zu zart. Ich
bin gespannt, ob er dem Presto die ntige Schrfe, ich mchte sagen ein
gewisses sarkastisches Weh geben wird. Der erste Blitz -- ein Krachen und
Prasseln -- mein Graf lt sich in seinem Adagio nicht stren. Da ihm
nicht einfllt, ich knnte ohnmchtig geworden sein...

Er ist zu Ende.

Wollen Sie mir nicht auch etwas vorspielen, gndige -- Frau?------

Ein paar bermige Akkorde, und weiter, weiter -- sehnschtig trumende,
wild erregte Volksmelodien, slavische! Und das trotzige Verlangen in
mir, diesen Knaben zu zwingen, giebt meinem Spiele eine nie besessene
Leidenschaftlichkeit, gesteigert durch alle Tollheiten moderner
Virtuositt. Er steht neben mir; sein trockner heier Atem fliegt mir
ber die Stirne. Ohne ihn zu sehen, fhle ich, wie er mit sich kmpft. Das
schwle, gewitterdmmrige Zimmer, die verhllte Sinnlichkeit der Tne ...
mit emporgehobenen Armen fllt er vor mir auf die Knie:

Thea!

Sein Herz sieht mich an und spricht zu mir. Ohne Worte. Und ich sitze still
und traurig mit mden Augen vor ihm, bis er nach meiner Hand greift. Da
stehe ich auf. Meine zitternden Finger drcken wie unversehens die Tasten
nieder: =E=-Moll-Akkord.

Gute Nacht!

Er liegt noch immer auf den Knien. Sie -- kommen doch morgen?

Natrlich, sagte ich innerlich, laut: Nein.

Oh! -- Er fat nach dem Herzen. Thea!

Ich erbebe und mache rasch einige Schritte.

Bitte -- bitte!

Ich bin an der Thr. Ein Blick, ein Neigen des Kopfes, ein Hauch der
Lippen:

Ja.

Er jauchzt auf und wirft sich vornber, das Gesicht in den Teppich
vergrabend.--

Vor zehn Minuten sah ich ihn im Mondschein im Garten herumrennen. Er hob
eine Hand voll Rosenbltter vom Boden auf und prete sie an seine Lippen.
Ach diese Romantik!

Ich mu noch meine Toilette fr morgen auswhlen. Sie mu vorsichtig
gewhlt werden. Ich will morgen sehr bla sein. Dazu brauche ich meine
dunkelsten Korallen...


  _26. Nachmittag._

Das war ein Tag------

Der Saum meines weien Battistkleides ward na, als ich durch den Wald
ging. Unzhlige schwarze Molche krochen vor meinen Fen hin und her. Aus
dem Waldboden stieg eine betubende wrzige und feuchte Wrme. Der See
lag da wie ein dunkelgrner Stein, auf welchem tausend boshafte
Sonnenteufelchen Cancan tanzten.

Ich bin erstaunt. Er ist nicht da. Ich setze mich und warte. Minute auf
Minute -- was soll das bedeuten? Ich werde unruhig. Und zornig. Diese
Ungezogenheit. Immer noch nichts. Endlich -- da ist er. In einem Zustand --
das Haar hngt ihm rauh und wirr um die Stirne. Die Gesichtshaut sprde und
fleckig. Die schlaffen, zersprungenen Lippen lassen die untere Zahnreihe
frei. Mit beiden Hnden in eine Dornhecke greifend bleibt er stehen. Ein
schauerndes Schluchzen rinnt durch seinen Krper. Und wie von brutalem
Jammer erwrgt, grollt es aus seiner Brust: Ich will nicht -- ich will
nicht!

Ich springe auf, will zu ihm. Er streckt beide Hnde gegen mich aus.

Bleib -- nicht zu mir -- sonst -- alles verloren. Ich wollt' nicht kommen.
Dich nicht mehr sehen. Nur fort, nur fort. Deine Ehre, meine -- und doch,
und doch...

Wie der Strom ber die Felswand, so strzt sein Blick an meiner Gestalt
nieder. Ich halte die Wimpern tief gesenkt. Der lchelnde Triumph meiner
Augen ist nichts fr seine Qual. Und ich berlege auch. Soll ich ihn
lassen? Gehen lassen? =Le jeu est fait.= Schach matt. Allein noch amsiert
mich seine Tollheit. Gefhrlich? Ah bah! Ich bin meiner sicher.

Und er ringt mit sich wie ein Sterbender. Ein groes Schluchzen steigt ihm
in die Kehle.

Leb wohl -- leb wohl!

Und er geht, hat wirklich die Kraft -- Das soll nicht! Leise, leise, mehr
Klang als Wort:

Ossi!--

Doch er hrt's. Mit einem Sprung ist er bei mir. Und ich schlage meine
schimmernden Augen zu ihm auf:

Du!

Vergraben das Gesicht in die Falten meines Kleides, wortlos, nur se
wilde gebrochene Laute murmelnd; dann mit einem tolljauchzenden Schrei
aufspringend, mich mit seinen Armen hoch emporhebend -- dieser Knabe! Er
pret mich an seine Brust, kt mich mit entsetzlicher Glut, mit taumelnder
Innigkeit. Aber mein Krper bleibt kalt wie meine Seele. Ich empfinde keine
andre Wollust, als da seine atmende Trunkenheit an mir abrinnt, wie das
Wasser vom glatten Leib einer Schlange. Er setzt sich auf einen Baumstumpf
und hlt mich auf seinen Knieen.

Wie schn du bist, wie schn! Ich habe nicht gewut, da ein Weib so schn
... ich habe ja keines gekannt. Nur ein Kind ... ach wie das vorbei ist, so
vorbei. Nur du! Nur du!

Dann sieht er mich eine Weile stumm an. Wie ein Kind mit vorsichtiger
Neugier sein Spielzeug, so berhrt er meine Haare, meine Stirn, meine
Wangen mit seinen Fingern. Dann mit seinen Lippen. Minutenlang ruhen sie
auf den meinen, da mir der Atem zu vergehen droht.

Weit du, da ich Gedichte an dich gemacht habe? Willst du sie hren?

Ich schlinge meinen Arm um seinen Nacken und er flstert mir ins Ohr.
Ueberschwngliche Poesie, fr die mir jedes Verstndnis abgeht. Aber meine
Arme zittern und mein Mund haucht ihm zu:

Wie schn! wie gro!

Seine liebende Eitelkeit jauchzt auf, und wie einen farbigen Regen
schttet er mir rckhaltlos seine innersten Gedanken in den Scho. Er hat
Philosophie studiert. Aber er will ein Dichter werden. Ein echter Dichter.
Nur das Groe, Herrliche, Gewaltige will er den Menschen vorfhren. Nun, da
er mich gefunden, nun wird er das Hchste erreichen. Die Liebe, die Liebe!
Die groe, einzige, gttliche Liebe, sie ist ihm alles, Leben und Sterben.

So schwrmt und rast seine Phantasie. Aber in seiner Tollheit ist eine
dmonische Kraft, eine Naturkraft, die meine Nerven unangenehm berhrt. Ich
winde mich aus seinen Armen. Unbndiges Flehen, zornige Thrnen, malose
Ksse ergieen sich ber mich. Er lt mich nicht eher fort, als bis ich
verspreche, mich heute Abend im Dunkel noch einmal herzuschleichen.

Das letzte Mal. Denn morgen Nachmittag kommt Fritz. Er denkt freilich nicht
daran.

Gegenwrtig fhle ich mich ordentlich mde von dem heute Morgen erlebten
Sturm. Ich langweile mich nicht. Aber die Sache fngt an, mir unbequem zu
werden. Es wird Zeit, da ich die Karten zusammenwerfe. Der Spiegel zeigt
mir mein fatiguiertes Gesicht. =Dieu=, wenn ein Fltchen zurckbliebe!
Ich wre untrstlich. Warum ist dieser Narr auch so unbndig in seiner
Leidenschaft.


  _Nachts ein Uhr._

Ah -- =cette btise, cette btise=! Ruhe, Ruhe! Schreib, berleg. Jetzt
gilt nur eins ---------- ich kann nicht.


  _Morgens acht Uhr._

Kein Schlaf. Nur die Gedanken wie flatternde Fledermuse. Rastlos. Planlos.
Ich mchte schreien vor Zorn. Da dies geschehen konnte. Mir! Ich mu mich
zwingen, klar zu berdenken -- sonst komme ich zu keinem Ende.

Gestern Abend zehn Uhr schlich ich fort. Unbemerkt. Die Nacht war trb. Er
kam mir auf dem steilen Weg entgegen. Er trug mich weiter, immer weiter in
den Wald.

Ich bat, flehte.

Vergeblich. Die Lippen fest in meine Locken gedrckt, schritt er fort. Bis
zu einer Schlucht. Unten strzte das Wasser. Er breitete meinen Mantel auf
das Moos und legte mich behutsam nieder. Sein Haupt ruht an meiner Brust.

Dumpfes Wasserrauschen, Nachtdmmer und eine Leidenschaft, die sich wie
alle Sonnen des Weltalls ber mich ergiet. Ich fhle die Erregung meiner
Nerven, das Fiebern meiner Pulse, fhle, wie mein Atem zu fliegen beginnt,
fhle es in Zorn und Angst, und dennoch unfhig, mich zu beherrschen,
unfhig, mich zu regen. =C'est plus fort que moi.= Und er! Er fhlt das
Beben meines Krpers, das Nachgeben meiner Glieder, meine Schwche ist
seine Kraft -- die Perlen meiner zerrissenen Korallenkette rieseln mir kalt
ber den Nacken--


  _Zwei Stunden spter._

Ich mute vorhin aufhren. Die innere Wut erstickt mich. Auch mute ich
meine feuchten, zerdrckten, vom Waldboden beschmutzten Kleider verbergen.
Und ein wenig =rouge= auf meine bleifahlen Wangen.

Louison bringt eine Empfehlung des Herrn Grafen: Ob die Frau Baronin nicht
Lust zu einer Partie nach Garmisch htten, im Hotel wre ein bequemer Wagen
zu haben.

Was soll das bedeuten? Ich habe bitten lassen. Ich mu ja doch mit ihm
sprechen. Nur jetzt keine Sentimentalitt. Rcksichtslose Klugheit.


  _Mittags._

=C'est fait.= Die Affaire beendigt. Ich bin wieder ruhig -- bin ich. Aber
ich habe mir geschworen, mich nie mehr mit diesen sogenannten idealen
Naturen einzulassen, die nichts sind als berspannt und gesellschaftlich
schlecht erzogen. Die Tragdienszene von heute Morgen hat mir ihre
Lcherlichkeit im hellsten Lichte gezeigt.

Louison meldete den Grafen. Er trat ein. Im schwarzen Anzug. Ungewhnlich
korrekt gekleidet, mit ungewhnlich tiefer Verbeugung. Als das Mdchen die
Thre wieder geschlossen hatte, warf er sich vor mir nieder. Ein wahrer
Thrnenstrom und dazwischen Jubel- und Schmerzenslaute: Mein Lieb, mein
einziges Lieb, verzeih mir, verzeih mir! Ich konnte sein Gesicht nicht
sehen. Nur seine weie Stirn. Das unnatrliche, blendende und doch bleiche
Wei echter Perlen, durchzogen von feinen, blauen Adern. Diese Stirn ist
sehr schn, sagte ich mir. Es bestimmte mich, ein wenig mitleidig mit ihm
zu verfahren. Ich lie ihn sich ausweinen. Doch es whrte nicht lange.
Mit einem Ruck sprang er auf. Ich gewahrte erstaunt in seinem Gesicht eine
sieghafte Entschlossenheit, einen starken hellen Willen. Er setzte sich und
ergriff meine Hnde. Er sprach, und auch seine Stimme klang tiefer.

Vergieb mir die Thrnen. Es sollen die letzten sein. Der Knabe ist tot. Ich
habe Dich, ich habe Dich durch die Welt zu tragen -- dazu bedarf es eines
Mannes. Und der Mann soll Dir mit der Kraft seines ganzen Lebens vergelten,
was Du in dieser Nacht fr den Knaben gethan hast.

Ich starrte ihn diesmal in Wahrheit vllig verstndnislos an.

Was -- was?

Und in steigender Hast, flsternd, fast atemlos:

Du mut fort, so rasch wie mglich. Ich bringe Dich nach Mnchen. Oder
weiter. Leite die Scheidung ein, und dann, dann -- Thea -- unsere Hochzeit!

Ich entreie ihm meine Hnde:

Hochzeit?!

Sein zum Tod erschrockener Blick gab mir meine Fassung wieder.

Ossi! Was fllt Dir ein! Ein solcher Streich! Ohne Stellung, ohne Geld eine
Frau heiraten, die lter ist als Du!

Seine groen irren Augen bohren sich in mein Gesicht.

Thea -- ich liebe Dich! Ich werde arbeiten.

Dein Vater, der Eclat--

Ich vertrete mein Recht!

=Vous tes fou!=

Er hebt sich halb vom Sessel empor.

Nein. Aber -- Thea, was sind das fr Worte? Fhlst Du denn nicht, da ich
thun mu, was ich thun will?

Ich sehe nur, da Du Dich ruinieren willst.

Thea, wenn ich nicht an Dir zweifeln soll, mu ich Deine Worte fr Edelmut
nehmen. Aber das ist ein falscher, ein schlechter Edelmut.

Und mit weien, bebenden Lippen raunt er mir ins Ohr:

Was ich in dieser Nacht gethan, ist ein Verbrechen. Kann nur geshnt werden
durch die hchste Liebe, die den Menschen ber alle irdischen Schranken,
ber sich selbst hinaushebt. Und diese Liebe mu den Mut zum Licht haben.
Sie darf vor keiner ihrer Consequenzen zurcktreten -- sonst, Thea,
merk wohl, bin ich ein Schurke, ein gemeiner, erbrmlicher Schurke, ein
Ehrloser.

Ich bin ganz kalt, gelassen.

Was Du da sagst, ist Unsinn. Du hast kein Verbrechen begangen, sondern
nur eine Dummheit, die am besten durch Schweigen gut gemacht wird. Uns
aneinander ketten, heit, uns beide unglcklich machen. In zwei Jahren
bist Du meiner berdrssig, oder ich Deiner. Ich bin nicht gewhnt, mich
einzuschrnken. Die Ertrgnisse Deiner Liebesgedichte wrden wohl kaum fr
das Parfum ausreichen, welches ich gebrauche. Unter solchen Umstnden ist
die hchste Liebe etwas durchaus Unhaltbares.

Sein Krper bricht zusammen. Er scheint tot zu sein. Nur die Augen leben
noch. Endlich murmelt er:

Wer bist Du denn? Wer bist Du denn?

Und dann mit drohender Geberde und flehender Stimme:

Geh mit mir!

Nein.

------ hast Du mich nie geliebt?

Nie.

Ich atme erlst auf. Nun ists vorbei. Ich trete an den Toilettentisch
und schtte mir ein wenig =eau de Cologne= aufs Taschentuch. Er sieht
unangenehm grn aus; es ist ihm wohl sehr schlecht. Ich reiche ihm mein
Tuch hin. Er stt mich zurck. Sein Antlitz flammt.

Nie geliebt!! Aber meine Ehre zerbrochen. Weit Du, da ich nicht
leben kann, so -- so--. Was ich von je als das Schmhlichste, das
Niedertrchtigste angesehen, ich hab's gethan. Und dann verkriechen?
Feig verkriechen? Nein, nein! Er soll mich niederschieen wie einen Hund,
wehrlos, ich gestehe alles--

Und verrtst eine Frau. Wie edel!

Einen Moment ist mir doch bange. Ich glaube, er stirbt. Auf seinen Lippen
stehen zwei Blutstropfen. Ich fhle sehend, wie eisig seine Hnde werden.
Da lsen sich seine zusammengeklebten Finger. Meine Ehre, meine Ehre! Und
in jhem Umschlag, rauh, brutal:

Wohl, wenn Sie den Mut haben, eine Dirne zu zu sein, so werde ich den Mut
finden -- ein ehrlicher Mann zu bleiben. =A -- Dieu=, Baronin!

Welch infame Ironie! Sie trifft mich mehr als die rohe Beleidigung. Er
schreitet wei und kalt zur Thre hinaus. Die schwere Portire fllt wie
ein Grabtuch hinter ihm zu.


  _9. August._

=Life is a comedy to those who think, a tragedy to those who feel.= Ich
denke. Das geschriebene Lebenskapitel mu doch einen Schlu bekommen.

Diese vierzehn Tage waren -- =dgotants=. Und noch liegt's in der Luft wie
Leichengeruch...

Fritzl traf an dem verhngnisvollen Tag einige Stunden frher ein, als ich
erwartet. Sehr braun und verwildert, besten Humors, und galanter gegen mich
als je. Daraus schlo ich, da er mit irgend einem hbschen Gebirgskind ein
kleines Abenteuer gehabt. Er ist vernnftig genug, es nicht einzugestehen,
sondern durch doppelte Liebenswrdigkeit gut zu machen. Ganz mein
Grundsatz. Eine seiner ersten Fragen galt dem Grafen. Wie vertragen? Ich
zuckte die Achseln:

Nicht gut, nicht schlecht. Heute ist er beleidigt. Er lud mich zu einer
Tour nach Garmisch ein. Ich schlug natrlich aus, da ich Dich erwartete. Er
mu brigens bald zurckkommen.

Heinrich, der eben eintritt, bemerkt:

Entschuldigen Frau Baronin, aber der Herr Graf sind nicht nach Garmisch
gefahren, sondern haben den Wagen abbestellt und sind in den Wald gegangen.

Fritz schaut verwundert auf:

Und nicht zum Mittagessen gekommen?

Ach, das thun der Herr Graf manchmal.

So -- so--, dehnt Fritz vor sich hin. Als der Diener hinaus ist, meint er
ein wenig mitrauisch prfend:

Ihr mt Euch doch nicht glnzend vertragen haben.

Die Zeit vergeht im amsantesten Geplauder. Es thut mir wohl. Fritzl
gefllt mir besser als je. Da ist doch Chic, Raffinement. Ich bin ein
wenig verliebt, lasse es ihn merken, und er ist entzckt. Die Rokokopendule
schlgt mit ihrem hellen zitternden Stimmchen neun Uhr. Fritz fhrt
erschrocken empor.

Neun Uhr! Und Ossi noch nicht zu Hause! Es wird dem Jungen doch nichts
geschehen sein?

Ich wehre ab:

Bitte Dich, was sollte denn -- unartig ist er, weiter nichts.

Aber Fritz ist nicht zu beruhigen. Meine Gleichgiltigkeit beleidigt ihn
fast.

Natrlich! Du kannst ihn nicht leiden. Aber ich habe den Jungen gern, sehr
gern, und werde darum sogleich...

Er ist schon hinaus. Ich hre Befehle, Anordnungen. Eine Viertelstunde
spter flammen am Rande des Sees Pechfackeln auf, die sich im Walde
verlieren. Der Herr Baron haben auch aus dem Hotel und aus den
Bauernhusern Leute mitgenommen, erzhlt Louison, whrend sie mich
entkleidet. Ich schlpfe in mein Neglig und blttere, auf der Chaiselongue
liegend, im neuesten von Malot. Mdigkeit und Nervenabspannung lassen mich
in einen tiefen unruhigen Halbschlaf versinken. Verworrnes Stimmengemurmel,
dazwischen laute Commandorufe wecken mich. Ich fahre empor. Ans Fenster.
Ein Menschenknuel. Der Fackelrauch lt mich nichts erkennen. Was ist
geschehen? schreie ich hinunter. Eine breite burische Stimme antwortet:
Tot.

Eine Minute spter tritt Fritz ins Zimmer. Mit Erde beschmutzt, die Kleider
in Fetzen gerissen, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Er wirft
sich in einen Stuhl.

---- Wir haben ihn gefunden. In einer Schlucht oberhalb des Frillensees.
Mit zerschmetterten Gliedern. Halb im Wasser liegend. Er ist verunglckt,
oder...

Er springt auf und packt mich mit einer schrecklichen Geberde am
Handgelenk, unbarmherzig:

Thea, als ich mit der Fackel suchend am Rande der Schlucht hinging, blinkte
mir aus dem Moos etwas Rotes entgegen. Ich bcke mich. Eine rote Perle,
zwei, drei -- da!

Er schleudert sie auf den Boden.

Deine Korallen! Wenn es -- oh, oh, Deine Korallen!

Ich schaue starr zur Erde, fieberhaft berlegend, was ich sagen, am
klgsten sagen...

Thea, was hast Du mit dem unglckseligen Jungen gemacht? Wenn Du -- ah,
es wre zu schndlich, zu schrecklich. Sag, sag Du's: Ist er
verunglckt?------

Nein! -- Heute Morgen gestand er mir seine tolle Leidenschaft, flehte mich
an, ihm in die Welt zu folgen. Ich wies ihn zurck. Die Kette nahm er mit
sich -- als letztes Andenken.

Und das wrdest Du mir verschwiegen haben, wenn ich nicht fragte?!

Ja. Htte ich Dirs immer sagen wollen, wenn mir ein Andrer seine Liebe
gestand...! Wer trgt die Schuld? Ich? Ich habe Dich gewarnt am ersten
Tag. Aber Du warst ja so sicher.--

Er bedeckt sein Gesicht mit den Hnden: Es ist ja wahr, wahr. Dann dumpf
und gewaltsam:

Komm mit.

Er pret mir die Knchel zusammen und will mich fortziehen. Ich mache mich
khl und gelassen los:

Keine Beleidigung. Ich gehe allein.

Sein Zimmer. Er liegt auf dem Bett. Der zerschmetterte Unterkrper mit der
seidenen Steppdecke verhllt. Der Kopf ist unversehrt. Die nassen Haare
weit von der Stirne zurckgestrichen. Und ber diese wunderschne Stirn
luft ein schmaler roter Streif. Das Gesicht ist finster schmerzlich. Auf
den Lippen klebt ein wenig Blut. Ich stehe da und empfinde nicht viel mehr
als den unangenehmen Eindruck des Leichenhaften. Fritz beobachtet mich:

Und kein Augenzucken, keine Thrne des Mitleids!

Thrnen? Ich habe ihn gehat.

Und er ist fr Dich gestorben! Geh, geh!

Boten werden mit Telegrammen nach Baadersee hinuntergeschickt; das Haus
ist die ganze Nacht in Unruhe. Fritz weicht nicht von dem Toten. Einmal
schleiche ich an die Thr. Sie ist halb geffnet. Er geht ruhelos auf und
ab. Mein armer Junge, flstert er, und dann wieder: Und meine Schuld, meine
Schuld.

Am nchsten Tage Telegramme aus Paris und Mnchen. Der alte Graf kann nicht
kommen. Fritz mchte das Begrbnis bernehmen. Wo, sei gleich. Fritz lachte
bitter: Der mu seinen Jungen ja recht lieb gehabt haben. -- Anders der
Bescheid des Professors. Er wird kommen.

Noch ein Tag und noch einer. Das Begrbnis. Auf einem tannenumrauschten
Hgel am See. Eine Menge Menschen sind aus der Umgegend gekommen. Bauern
aus Baadersee, Krainau, Garmisch und Partenkirchen. Und die Fremden, die
sich gerade dort aufhalten. Ein Zeitungsreporter macht sich Notizen ins
Taschenbuch. Alle sind sehr neugierig und sehr wenig betrbt, bis auf die
Professorsfamilie. Ich war nicht wenig gespannt, meine =ci-devant= Rivalin
zu sehen. Ein gescheit-hbsches, pikanterieloses Gesicht. Die Figur nicht
bel, doch zu wenig geschnrt. Nur das Haar sehr schn und reich. Die
Mutter gutmtig, natrlich, ein Muster von Anstndigkeit, mit breiter
Taille und Doppelkinn. Der Vater schweigsam und unhflich. Nach der
schrecklichen Grabrede des Dechanten von Oberkrainau gingen wir zurck in
unsre Villa. Fritz hatte die Professorsfamilie zu Tisch gebeten. Man
sa unbehaglich und appetitlos beisammen. Die Frau Professor konnte
ihre Thrnen nicht zurckhalten. Die Kleine weinte nicht. Das gefiel mir
eigentlich. Fritz und der Professor sprachen zusammen.

Es war ein so begabter Junge. Ich setzte groe Hoffnungen auf ihn. Noch zu
leidenschaftlich und berspannt, aber ich dachte immer: La sich den Most
auch noch so toll geberden, es giebt zuletzt doch noch 'nen Wein. Im Herbst
wollte er seine Gedichte herausgeben, und nun...

Ich habe alles, was sich in seinem Schreibtisch fand, zusammenpacken
lassen, sagte Fritz. Und hier das Notizbuch, welches er in der Tasche trug
-- Ich erschrecke -- man kann aber nichts mehr erkennen, das Wasser hat es
vollstndig ruiniert.

Ich atmete auf.

Das Mdchen flsterte mit ihrer Mutter. Diese schien abzuwehren:

Warum denn, Jella, warum!

Ich bog mich hinber.

Was mchte denn das Frulein?

Ach -- sie hat ihren Rosenstock, den Ossi so sehr liebte, mitgeschleppt --
fr sein Grab.

Ich hielt mich mit Gewalt ernsthaft.

Unser Grtner soll es sogleich besorgen.

Nein, ich will es selbst thun.

Leise, aber sehr bestimmt kam es aus dem kleinen Mund. Sie stand auf. Eine
gewisse Neugier ergriff mich.

Ich gehe mit Ihnen, liebes Frulein.

Sie schien nicht sehr erfreut, machte aber ihren schchtern anmutigen
Fruleinknix und lie mich vorantreten. Wir kamen auf die Veranda.

Wo haben Sie denn die Blumen?

Ich mu sie aus dem Hotel holen.

Das kann ja der Diener.

Aber sie schttelte das Kpfchen und flog davon. Ich schritt unterdessen
zu dem frischen, ungeschminkten Grabhgel hinunter. Das Kreuz wird erst
in einigen Tagen eintreffen. Die Kleine kam wieder. Mit einem unfrmlichen
weidengeflochtenen Marktkorb am Arm.

Den haben Sie von Mnchen hergeschleppt?

Ja.

Vorsichtig hebt sie einen groen, schnen Rosenstock heraus. =Gloire de
Dijon.= Dann whlt sie mit ihren Hnden die Erde auf.

=Mais, ma petite=, Sie machen sich schmutzig.

Sie sieht mich erstaunt an: Was thut das?

Ich begebe mich jedes weiteren Einwandes. Und sie drckt die Erde wieder
fest; schpft in ein Blechgef Wasser, um die Pflanze zu begieen; wscht
am Strand ihre Hnde rein. Nun steht sie am Grab. Die scharfe, heie
Nachmittagssonne huscht ber ihr schwarzes Cachemirekleidchen, dessen
Einfachheit von der Eile der Herstellung zeugt. Es sieht trostlos drftig
aus im Gegensatz zu den funkelnden Perlenagrments meiner schweren
Atlasrobe. Pltzlich fllt die Kleine mit einem tiefen Schluchzen auf
das Grab hin. Erschrocken will ich ihr emporhelfen. Aber sie krallt sich
frmlich in die Erde. Ich mu sie gewhren lassen. Endlich richtet sie sich
halb empor und schluchzt wie entschuldigend:

Ich habe ihn so lieb gehabt, so lieb! Und nun soll ich nicht einmal sein
Grab in der Nhe haben, nicht manchmal zu ihm gehen und ihm Blumen bringen
knnen.

Aber liebes Frulein, Ihr Herr Papa hat meinem Mann auf seine Anfrage doch
geantwortet, er sei dafr, den Grafen hier zu beerdigen. Htte da nicht ein
Wort von Ihnen...

O, Papa hat mich gefragt. Und da habe ich gesagt -- sie sollen ihn hier
begraben. Nicht auf dem groen den Friedhof mit den vielen andern. Er hat
die Berge so lieb gehabt. Es ist auch recht selbstschtig da ich darber
weine, aber--

Sie macht in schmerzlichem Heroismus einen kleinen harten Ballen aus ihrem
Taschentuch und steht auf. Sie ist pltzlich wieder sanft und schchtern.

Ich -- mchte -- zu Mama.

Wir gehen zur Villa hinauf, und sie sieht sich um, sieht sich fortwhrend
um mit den schmerzensgroen Kinderaugen -- =c'est drle=!

Einfrmig gehen die Tage weiter. Fritz ist hflich, eiskalt hflich gegen
mich. Ich bin gleichmig ruhig mit glatter Stirn und klaren Augen. Ich
lasse ihn vllig gewhren. In ein paar Monaten habe ich ihn so gewi
zurckerobert, als ich noch jung und schn bin. Ich bin ganz froh, da ich
etwas zu thun haben werde, und lege mir jetzt schon die Karten zurecht.

Fritz war fters wieder fort. Aber keine Gebirgstouren. In Mnchen. Vor
drei Tagen kndigte er mir den Verkauf der Villa an:

Ich kann nicht mehr hier bleiben. Das Grab da unten ist mir ein ewiger
Vorwurf...

Allein auf meinem Zimmer klatsche ich vor Freude in die Hnde. Die Villa
verkauft! Mein sehnlichster Wunsch erfllt, nicht mehr in diese Einde zu
mssen.

Die Mbel sind teilweise schon fortgeschafft. In den Zimmern ist's jetzt
in Wahrheit -- =bric--brac=. Die Vorhnge sind herabgenommen. Ungehindert
strmt das Sonnenlicht herein. Ich kann das groe vergoldete Kreuz auf dem
Grab dort unten sehen. Es ist ein Geschenk von Fritz. Er hat sich das
nicht nehmen lassen. Und der Rosenstock hat eine Menge Blten. Ich habe
den zurckbleibenden Grtner beauftragt, ihn zu pflegen. Warum sollt' ich
nicht? Dafr bin ich gerade gutmtig genug.

Auf dem Boden liegt ein Haufen zusammengekehrter Papierschnitzel, Spitzen,
Schleifen, Haarnadeln, Stecknadeln, Seidenfden, eine Puderschachtel mit
verschttetem Inhalt -- es sieht hlich aus im vollen Sonnenlicht.

Was schimmert denn so?

Eine rote Perle....




Platonisch.


Sie lassen sich also nicht von mir lieben, kleine Eigensinnige?

Sie streifte die weichen dnischen Handschuhe noch ein wenig ber den
Ellenbogen und schaute mit suchendem Blick auf den Requisitentisch.

O ja, aber--

Aber?

Platonisch. -- Er lachte aufdringlich. Die Coulissenelegance seiner
Haltung fr einen Augenblick vergessend, steckte er die Hnde in die
Hosentaschen.

Platonisch? Das ist ein weiter Begriff. Was verstehen Sie darunter?

Die schmalen abfallenden Schultern des jungen Mdchens schienen noch tiefer
zu sinken. Sie musterte mit melancholischer Bosheit die von der Schminke
stark pors gewordene dunkle Gesichtshaut des Bonvivant.

Etwas, was Sie nicht verstehen. Stumme Liebe.

Der Schauspieler brach in ein rohes schmetterndes Gelchter aus und warf
wie im Uebermae der Lustigkeit seine Rolle zu Boden.

Teufel noch einmal! Sie verlangen hbsch viel--.

Weil ich nichts verlange.

Der Inspizient eilte erschrocken herbei. Aber meine Herrschaften! So laut!
Eben hat der Regisseur geklingelt. Uebrigens kommen Sie in der nchsten
Scene, Herr Possanski. Und Sie auch, Frulein! Der Schauspieler hob die
schmutzige stark zerlesene Rolle wieder auf, ohne den Staub abzuklopfen.
Seiner Kollegin noch ein liebenswrdiges Lcheln und einen bsen Blick
zuwerfend ging er nach dem Vordergrunde der Bhne.

Krte! murmelte er vor sich hin. Die junge Dame war zurckgeblieben.

Ich habe keine Requisiten, wandte sie sich an den in seinem
Buche bltternden Inspizienten. Ich kann doch nicht selbst in die
Requisitenkammer gehen.

Der Inspizient sah sich um. Wo sind denn all' die Kerls.... Aha, Klaus!

Der baumlange Theaterarbeiter lie die Versatzstcke stehen. Schon eine
ganze Weile hatte er sie geruschlos aus dem Wege gerumt, ohne in dem
trgerischen Dmmer von Gas- und Taglicht bemerkt zu werden.

Verlangen Sie in der Requisitenkammer einen Brief und eine Zeichenmappe.
Aber rasch.

Die anmutig herbe Stimme der Schauspielerin fgte hinzu: Ich bitte.

Ich bitte! Wie zwei kleine silberne Perlen fielen diese Worte in die groen
abstehenden Ohren des ungeschlachten Burschen, und diese Ohren hatten
vorher schon einiges aufgefangen von platonisch und stummer Liebe.

Der schweigsame Theaterarbeiter hatte das Gesprch wohl gehrt. Fr
gewhnlich besa er gar keine Beobachtungskraft. Wenn nur die Kleine nicht
gewesen wre. Anfangs hatte er sie gar nicht bemerkt. Sie war ja so sehr
klein; gegen ihn. Er hatte ber sie hinweggesehen wie der gemalte Mont
Blanc im Manfred ber die cachierten Felsstcke zu seinen Fen. Aber
gehrt hatte er sie. Diese eigentmlich regungslose Stimme, die immer so
unendlich viel zu verbergen schien. Er glaubte sie zu sehen, wenn er die
Augen schlo, glaubte eine weite sonnenbeschienene Haide zu sehen. Das war
seine Heimat. Von dorther hatte er die riesigen Glieder mitgebracht, gelbe
Haare und tote tagklare Augen. Aber jene Stimme hatte sie lebendig gemacht.
Er fing an, zu sehen. Das kleine Geschpf mit dem weichen blassen Gesicht.
Whrend der Proben machte er sich in ihrer Nhe etwas zu schaffen. Er
schleppte die schwersten Dekorationsstcke zehnmal allein hin und her, nur
um vom Theatermeister an keine andere Arbeit geschickt zu werden. Auf
der letzten Galerie des Schnrbodens oder im dritten Versenkungsstockwerk
horchte er mit Anstrengung auf ihre Stimme, auf ihre kleinen ruhigen
Schritte. Die eintnige Musik derselben verfolgte ihn den ganzen Tag.

Abends bemchtigte sich seiner eine schwerfllige Unruhe, bis sie aus
der Garderobe kam. Das sammtartige Wei und Rot der Schminke, die feinen
schwarzen Striche an Brauen und Wimpern machten ihr Gesicht lebhafter,
leuchtender. Seine kritiklose Bewunderung fand sie so am schnsten. Er
hatte sich ihre Photographie gekauft; ein schlechtes Bild in der beliebten
Tischkantenposition. Das bermig retouchierte Gesicht lchelte wie die
Vignette eines Cigarrenkastens. Wenn der Arbeiter spt Abends nach
Hause kam, war es seine liebste Beschftigung, bei einem qualmenden
Lichtstmpfchen den Platz des Bildes hundertmal zu verndern. Im geleimten
Muschelrahmen aus dem Fnfzig-Pfennig-Bazar sah es mit hochmtiger
Gewhnlichkeit auf die rauhen, zersprungenen Zimmerwnde.

Morgens wickelte er es in einen blauen Papierbogen. In groen
schwerflligen Buchstaben war ein Wort darauf gemalt. Das einmal gehrte
und halb verstandene Wort mit dem fremdartigen Klang. Es hatte in seinem
Gedchtnis Wurzel gefat wie die Haideblten im rauhen dunklen Boden seiner
Heimat. Farb- und duftlos, aber mit hundert zhen kleinen Wurzeln, mit
schmerzlicher Eigensinnigkeit. Dieselbe Eigensinnigkeit machte den langen
Haideburschen verschlossen und einsilbig. Er lebte ganz in der Phantasie,
ohne Phantasie zu haben. Im Theater verspotteten die andern Arbeiter
seine Dummheit und beneideten seine Kraft. Die Schauspieler rgerten sich
heimlich ber die unbewute stolze Unverdorbenheit seines Wesens. Den
Vorgesetzten war er nicht hflich und diensteifrig genug. Alle nannten ihn
den Haidelmmel. Er wute es nicht. Es htte ihn auch wenig gekmmert. Aber
seine Augen waren dunkler geworden und sein Schritt schwerer.

Es war eine Woche vor Weihnachten. Eine groartige Feerie sollte als
Festvorstellung am fnfundzwanzigsten Dezember zum ersten Mal gegeben
werden. Dornrschen. Nach den Vorstellungen mute oft bis vier Uhr Morgens
gearbeitet werden, um die neuen Dekorationen und Maschinerien fertig zu
stellen. Die doppelt bezahlte Nachtarbeit ging schwerfllig und langsam von
statten. Die bermdeten Arbeiter schwatzten viel und tranken noch mehr,
um sich wach zu erhalten. Beleuchtungseffekte sollten probiert werden.
Zwei Arbeiter setzten neue farbige Glser vor die Rampe. Die ghnende
Unterhaltung klang abgebrochen ins zweite Versenkungsstockwerk hinab,
wo Klaus unter Aufsicht des Maschinenmeisters ein Netzwerk von eisernen
Stangen anbrachte.

Warum geht sie denn Neujahr?

Wer's wte! Sie hat ihre Entlassung verlangt. Ich denk' mir, der Schwarze
setzt ihr stark zu. Das ist ihre letzte Rolle. Dornrschen.

Im Versenkungsstockwerk krachte etwas zu Boden. Die Erschtterung war so
stark, da den Hnden des lteren Arbeiters eine rote Glastafel entfiel.
Sie zersplitterte in tausend Stcke.

Was ist denn los? schrie er zornig hinunter.

Nichts, nichts, tnte es zurck.

Nach einigen Minuten kam der Maschinenmeister herauf. Aergerlich!
Der Klaus mu sich berarbeitet haben. Er scheint krank. Ich mu ihn
fortschicken. Kommt ihr beide hinunter.

Er war wirklich krank. Sie geht fort. Diese drei Worte hatten ihn aus dem
dmmernden Zustand, in dem er dahinlebte, herausgerissen. Sie geht fort.
Eine stille traurige Wut lie ihn ruhelos in seinem Zimmer auf und
ab rennen bis es dmmerte. Er wurde so mde. Ein innerliches Weinen
durchschtterte ihn. Aber seine Augen blieben trocken. Ohne eine Minute
geruht zu haben, ging er morgens ins Theater. Es war die erste Probe
von Dornrschen. Sie ging in ihrer lautlosen verschleierten Weise an ihm
vorber. Einen Augenblick htte er sie am liebsten vor Zorn geschlagen.
Dann versank die rohe Gewaltsamkeit seiner Natur in dem strkeren Gefhl
eines groen Leids. Sie geht fort. Sie geht fort.

Ich gehe auch fort, sagte er, spt abends in seine Kammer zurckkehrend.
Auf den Haidhof. Da ist's still.

Er sah sie jetzt tglich. Auf den Proben. Er hrte, wie die Kollegen
ihr jedesmal auf's neue ihr unendliches Bedauern ber ihren Fortgang
ausdrckten. Mit einem Aufwand von Herzlichkeit, dem man die Lge anmerken
mute, wre er auch weniger bhnenhaft gewesen.

Lassen Sie sich an dem Abend nur ja einen Heuwagen kommen, sonst
knnen Sie all' die Blumen und Krnze nicht fortschaffen, sagte mit
schiefgezogenen Mundwinkeln der Bonvivant. Die lchelnde Impertinenz seines
Gesichts zeigte nur zu deutlich, da er mindestens die Hlfte dieser Blumen
und Krnze auf selbstgekauft taxiere. Und mit einem Wiederschein dieser
Impertinenz, der sich je nach dem Rollenfach naiv oder intriguant uerte,
stimmten die Uebrigen bei. Ja, die Blumen und Krnze!

Whrend der Mittagspause berzhlte Klaus sein Geld. Sie soll auch von mir
einen Kranz haben. Den allerschnsten. Er hatte die grnen Dinger nach
den Aktschlssen oft auf die Bhne fliegen sehen, wenn die Leute im
Zuschauerraum so erschrecklichen Lrm machten. Er hatte nie begriffen, was
an diesen farbentoten Bltterkrnzen schn sein sollte. Sie vertrockneten
in wenigen Tagen. Dann mute man sie fortwerfen. Sein Kranz sollte ganz
anders werden. Gro, ungeheuer gro. Er wollte ihn selbst binden. Als
Knabe hatte er beim Einzug der Gutsherrschaft an den langen Blumenketten
mitgeholfen, die ber der Schlothr befestigt wurden. Er erinnerte sich
noch an die bunten Schleifen, die zwischenhinein geflochten waren. So
wollte er's auch machen.

Erst kaufte er bei einem Fabinder einen elastischen Holzreifen. Gro
wie ein Wagenrad. In einem Eisenmagazin Draht und eine feine Zange. Mit
Herzklopfen ffnete er zuletzt die spiegelnde Glasthre eines groen
Geschfts. Lauter ausgezeichnete Ware zu fabelhaft billigen Preisen.
Eine blondgefrbte Ladnerin mit groen Nasenlchern und falschen
Korallenohrringen fragte ihn, was er wnsche. Blumen. Sie brachte mehrere
Kartons herbei. Moderne Ballgarnituren in fahlen Farben und raffinierten
Zusammenstellungen. Er schttelte den Kopf. So nicht. So welche zum Kranz
binden. Die Ladnerin sah ihn an. Es mochte ihr wohl einfallen, da dieser
blde Riese im schmutzigen Leinwandkittel keine mit Glastropfen bersten
Ballgarnituren kaufen werde. Mit einem leichten verchtlichen Achselzucken,
soweit es die bermig spannende Trikottaille gestattete, trug sie
andere Kasten herbei. Das war das Richtige. Haufenweis zusammengebundene
Papierblumen in schreienden Farben. Lauter naturgeschichtliche
Unmglichkeiten. Daneben glnzende, grnlackierte Bltter mit langen
Drahtstielen und starkem Leimgeruch. Er whlte sich einen Berg von Blumen
und Blttern aus. Zuletzt forderte er farbige Bnder. Die Ladnerin, jetzt
mit dem Geschmack des Kufers schon besser vertraut, legte ihm ordinres
raschelndes Knitterband vor. Blau, rot, gelb, grn. Er lie sich von jeder
Farbe mehrere Meter abschneiden. Die Ladnerin sah ihm mit einem gemeinen
prfenden Blick nach, als er das Geschft verlie, das groe Packet
vorsichtig im Arm haltend.

Am Weihnachtsabend band er den Kranz. Es war eine schwere Arbeit fr seine
harten groen Finger. Viele Papierblumen wurden zerdrckt oder zerrissen.
Der fertige Kranz war von einer ungeheuerlichen Gre und Unregelmigkeit.
Zwlf Schleifen mit lang flatternden Enden prangten in der Runde. Nach
vielem Ueberlegen befestigte er rckwrts eine steife weie Karte. Mit
unendlicher Mhe hatte er wenige ungelenke Buchstaben darauf gemalt. Das
Ganze ein Werk lcherlicher Geschmacklosigkeit. Er wute es nicht. Mit
dunkelglnzenden Augen betrachtete er den Kranz wieder und wieder. Sein
wirkliches Leid verschwand in der naiven Selbstbefriedigung. Er dachte
nicht mehr daran, da sie fortgehe, sondern nur, da sie sich mit diesem
Kranze freuen wrde. Er war getrstet.

Am nchsten Tag holte er seine Sonntagskleider hervor. Er wusch und kmmte
sich so sauber, wie er's nur einmal in seinem Leben gethan hatte. Bei dem
Begrbnis seines Vaters. Um vier Uhr nachmittags ging er ins Theater. Den
Kranz trug er in ein groes Tuch eingeschlagen. Es dunkelte bereits stark.
Er war froh darber. Beim Portier gab er den Kranz ab. Erst ganz zum Schlu
sollte er geworfen werden. Ein Herr habe ihn damit beauftragt. Er log
zum ersten Mal. Er war feuerrot, stotterte und htte in seiner Verwirrung
beinahe vergessen, dem Portier den bereitgehaltenen Thaler zu geben.

Auf der Bhne lrmten die Arbeiter. Hinauf und hinunter schallten durch's
Sprachrohr die Kommandorufe der Maschinisten. Der Theatermeister prfte
noch einmal die verschiedenen Versenkungen und las die im Buch des
Inspizienten notierten Klingelzeichen nach. Der Abend war fr ihn von
groer Bedeutung. Er hatte eine ganz neue Mechanik erfunden, um die
Dornenhecke aus der Erde wachsen und sie wieder versinken zu lassen. Aus
dem farbduftigen Feenmrchen war eine geschminkte Feerie geworden. In acht
Bildern, mit einem ungeheuern Aufwand von Farben und Beleuchtung, und eben
darum ohne Duft und Licht. Dornrschen selbst kam erst im dritten Bilde.
In den ersten beiden wurde ihre Geburt und Verwnschung mit
Dekorationseffekten, Ballet und Musik gefeiert. Nachdem der Vorhang zum
zweiten Male gefallen und das prchtige Knigsschlo aufgestellt war,
erschien Dornrschen auf der Bhne.

Alles drngte sich um sie. Die berschlanke Gestalt im Schleppkleid
aus lichtrosigem Atlas, mit silbernem Grtel geschrzt, einen schmalen
Heckenrosenzweig wie ein Krnlein durch's Haar geflochten. Das fiel wie
ein goldseidener Mantel ber die Schultern bis hinab auf die Schleppe.
Das Licht versank in der weichen glnzenden Flle. Es war eine echte
Mrchenknigstochter.

Sie stand in der Seitencoulisse und wartete auf ihr Stichwort. Ein wenig
bleich und erregt, frstelnd im scharfen Bhnenzug. Der Inspizient trat an
sie heran. Gleich, Frulein. Sie wendete sich zu Klaus, der dicht
neben ihr stand. Bitte, wollen Sie mir das Taschentuch halten, bis ich
wiederkomme? Er hatte keine Zeit, Ja oder Nein zu sagen. Das feine weiche
Ding lag schon in seiner Hand, und Dornrschen trat aus dem Halbdunkel der
Coulisse in den blendenden Bhnentag hinaus. Klaus hrte nichts von dem
lrmenden Beifallsgetn, mit dem sie empfangen wurde. Er sah nicht,
wie viele Krnze und Blumen zu ihren kleinen rosa beschuhten Fen
niederflogen. Er betrachtete nur das winzige weie Spitzentchlein. Er
fhlte es nicht auf seiner hartgearbeiteten Hand. Der leiseste Hauch konnte
es fortwehen und dennoch wagte er nicht, es fest zu fassen. Er htte es
zerdrcken knnen. Das machte seine Freude ngstlich. Er blickte nicht
auf die Bhne, wo Dornrschen arme Kinder mit ihren Perlen und Edelsteinen
beschenkte. Er atmete erst wieder auf, als sie in die Coulisse abging
und das Tuch mit einem Danke entgegennahm. Jetzt besann er sich, da er
eigentlich zusehen wollte. Aber ein Schwarm von Kindern, Balleteusen und
migen Zuschauern drngte ihn aus der Coulisse fort. Der Theatermeister
rief ihn in die Versenkung. Mhselig kletterte er die dunkle gewundene
Treppe hinunter. Die andern Arbeiter in ihren schmutzgetrnkten
Leinwandkitteln lachten ber seinen Sonntagsrock. Zum ersten Mal ekelten
ihn die vom Coulissenstaub fahlgrauen Gesichter. Er horchte nach oben. Wie
ein unendliches jubelndes Lachen tnte es herunter: Prinze Dornrschen
spinnt, kann spinnen, spinnen. Gleichzeitig das erste Klingelzeichen.
Die Arbeiter packten die eisernen Hebel fester. Man hrte die gemachten
Entsetzensrufe der Choristen, bis ein kleiner mder gebrochener Schrei
mitten hinein klang. Die Knigstochter hatte sich mit der verwunschenen
Spindel gestochen. Dann wurde es still, totenstill. Ein zweites
Klingelzeichen, und langsam durch die Kraft vieler schwer arbeitender Hnde
stieg die Dornhecke aus dem Boden vor den Augen der Zuschauer bis in den
gemalten Himmel hineinwachsend.

Nun durfte Klaus wieder auf die Bhne. Er sah, wie das schlafende
Dornrschen auf der Marmorbank in blicher elektrischer Beleuchtung dem
blausammtnen Prinzen als Traumbild erschien. Er sah, wie die Dornhecke zu
blhen begann und der Theaterprinz sich in herrlicher Tapferkeit einen
Weg durch die leinwandnen Dornen bahnte. Er sah, wie er mit dem erlsten
Dornrschen auf goldenem Thron bis in die Soffiten hinaufschwebte, von
bengalischen Flammen rot und grn beleuchtet, begleitet vom rasenden
Klatschen des Publikums.

Der Applaus wurde auf jhe Weise unterbrochen. Es polterte etwas wie
ein eisernes Gewicht auf die Bhne. Durch den Zuschauerraum ging ein
schallendes Gelchter. Der Regisseur strzte aus der ersten Coulisse an die
elektrische Klingel: Vorhang herunter! Der Vorhang fiel. Alles rannte auf
die Bhne. Klaus mit. Da lag sein Kranz.

Dornrschen war von ihrem Thron heruntergestiegen. Mit weien starren
Lippen betrachtete sie das Ungetm. Die Meisten lachten. Die Damen trugen
eine bermige Entrstung zur Schau. Es sei unerhrt, jemandem auf solche
Weise den Abend zu verderben, ihn vor dem ganzen Publikum zu blamieren. Der
Bonvivant hob den Kranz ein wenig in die Hhe. Da ist ja auch ein Zettel.
Ah -- ah -- ah! Er schttelte sich vor Lachen. Meine Herrschaften
lesen Sie doch: >Blathonisch<! Ein tief verchtlicher Blick aus den
schlafdunkeln Dornrschenaugen traf ihn. Sie wandte ihm den Rcken und
ging. Zwei Kolleginnen folgten ihr, mit einander flsternd. Du, was
glaubst Du, von wem der Kranz ist? Von dem Schwarzen? Pst! Freilich.

Armer Klaus! Er war allein auf der verdunkelten leergerumten Bhne. Nur
der phantastische, goldene Thron stand noch in der Mitte und die Coulissen
zeigten die Bruchstcke der Dornhecke. Ganz im Hintergrund schliefen
auf Holzbnken die Feuerwehrmnner. Die Schauspielerinnen kamen aus der
Damengarderobe. Sie muten ber die Bhne gehen, um durch den Korridor zur
Ausgangstreppe zu gelangen. Jetzt waren alle fort. Sie war die letzte. Sie
ging gewhnlich durch die vordere Bhnenthr. Da wartete er, an die
groe Donnerpauke gelehnt. Sie kam. In einen grauen Radmantel mit groem
Pelztragen eingewickelt, das Kpfchen in einem weien Tuch versteckt. Sie
ging rasch und geradeaus blickend, so da sie ihn nicht bemerkte, obwohl
er eben unter der herabgeschraubten Gasflamme stand. Er mute sie anreden.
Frulein. Sie wandte sich um, erstaunt, aber nicht erschrocken. Wer
ist...? Was wollen Sie? Er schwieg. In seinem Leben war ihm das Weinen
nicht so nahe gewesen. Sie wartete einen Augenblick auf Antwort. Dann zog
sie mit einer kleinen ungeduldigen Bewegung den Mantel fester um sich. Das
brachte ihn zum Reden. Stotternd, halb erstickt klemmte es sich zwischen
seinen Lippen hervor: Der Kranz. Mit einer tiefinnerlichen Heftigkeit
trat sie rasch auf ihn zu. Sie wissen, von wem er ist?

Er sah in ihre heien zorntraurigen Augen und das Bekenntnis seiner Schuld
strzte in wirrem Durcheinander aus seiner Seele hervor. Er wute nicht
mehr, was er sprach. Es war eine Wohlthat, eine Bue, sich anzuklagen. Und
doch htte er sich nicht besser verteidigen knnen. Das schienen die
zwei Augen ihm gegenber auch zu glauben. Sie waren wieder still und klar
geworden. Als er schwieg und die groe Erregung noch wie eine rote Welle
auf seiner Stirn auf- und abwogte, reichte sie ihm die Hand. Wenn ich all'
dies frher gewut htte, wrde ich mich nicht gekrnkt haben. Ihr Kranz
ist mir jetzt der liebste von allen. Er sah sie traurig unglubig an. Es
war ganz still geworden. Sie wuten nichts zu sagen und doch htte keines
gehen mgen. Endlich fragte sie: Knnte ich Ihnen gar keinen Gefallen
thun? Haben Sie keinen Wunsch? Er schttelte den Kopf und blickte sie
unverwandt an. Es wurde immer stiller. War auf der totengrauen Bhne ein
Mrchenhauch zurckgeblieben, der einen unfhlbaren Zauber ausbte?

Sie hob sich ein wenig auf die Zehen. Wie gro Sie sind, sagte sie mit
einem bewundernden Kinderlcheln. Bitte, bcken Sie sich ein wenig -- noch
ein wenig -- so....

Ueber die steinerne Treppe hastete ein kleiner herzklopfender Schritt
hinunter. Wie er lauschte, der arme Glckliche, mit geschlossenen Augen,
unbeweglich. Dornrschen hatte ihn gekt. Das Licht huschte wie mit
Elfenfen ber den einsamen goldenen Thron. Dicht vor ihm lag eine
zertretene blaue Papierblume ... platonisch.




In der Mauernstrae.


Armer Junge! Er sa auf der ausgetretenen Schwelle und weinte groe stille
Thrnen. Sie hatten seine Mutter begraben und ihn aus der kleinen sauberen
Dachstubenwohnung fortgefhrt. Zu entfernten Verwandten. Die wollten fr
ihn sorgen. Was sie eben sorgen nannten. Sie waren sehr arm. Er konnte mit
ihnen hungern.

Seine Mutter war auch arm gewesen. Aber sie hatte ihn nicht hungern lassen.
Sie hatte sehr viel gearbeitet und sehr wenig gegessen, um ihr blasses
verkrppeltes Kind mit einem Schimmer von Wohlbehagen zu umgeben. Frh
morgens sa sie an ihrem zerbrochenen alten Nhtischchen und stickte mit
feinem Leinenfaden Blumen und Arabesken in durchsichtige Batisttcher.
Die schickte man ihr aus dem groen Weiwaarengeschft. Das Geschft war
berhmt wegen seiner billigen Preise. Darum wurde die arme Stickerin sehr
schlecht bezahlt. Abends, wenn ihre Augen zu brennen anfingen, nahm sie ihr
stilles geduldiges Kind auf den Schoo. Sie erzhlte ihm von seinem Vater.
Der war Lehrer an der Antonyschule gewesen. So brav und so gescheit. Und so
stolz. Er hatte nie eine Untersttzung angenommen. Er hatte gearbeitet
-- bis er sich zu Tode gearbeitet. Seine Frau dachte wie er. Am letzten
Weihnachtsabend war die Versuchung freilich gro gewesen. Sie hatte kein
Bumchen fr ihr Kind. Im ersten Stock wohnte eine vornehme alte Dame.
Sollte sie bitten .... Sie stand mit thrnenzitternden Augen vor dem
kleinen Jungen. Friedel, -- soll ich hinuntergehen -- soll ich --
betteln? Und mit sonderbar wildem Aufschrei hatte er sich vor ihr auf die
Kniee geworfen: Nein, Mutter, nein! Im Frhjahr war sie gestorben.
Mit der Arbeit in der Hand und einem Seufzer auf den Lippen: Nur nicht
betteln.

Und ihr Kind sa auf der Schwelle und weinte.

Es war ein anderes Leben im Hinterhause der Mauernstrae als in der kleinen
Dachstube. Der Oheim kaufte und verkaufte alle alten Gegenstnde, vom
rostigen Eisen bis zur gebrauchten Balltoilette. Er sprach heiser, von
bestndigem Husten unterbrochen. Auf den Versteigerungen hatte er sich die
Stimme verschrieen. Er trug Leinwandhosen und einen Bedientenfrack.
Dinge, die er nicht mehr hatte anbringen knnen. Seine Frau war klein und
zusammengerunzelt, bestndig in Demut versinkend wie ein verprgelter Hund.
Und die Tochter .... ein hbsches braunes Ding mit runden Armen und heien
Augen. Sie hatte gelacht, als der kleine Friedel zum ersten Mal mit seinen
Krcken die steile Treppe heraufgestolpert kam. Sie hatte gelacht und
sein verweintes Gesicht in ihre Hnde genommen. Er ist hlich wie ein
Maulwurf, aber ich werde ihn ber die Treppe tragen.

Sie trug ihn hinunter. Jeden Morgen, ehe sie in die Schule ging. Er sa
auf der Schwelle und sah, wie das schleimige Moos in den Rinnsteinen wuchs.
Schmutzige Kinder mit ungesunden blauroten Gesichtern spielten um ihn
herum. Sie schrieen und zankten sich mit hlichen gemeinen Worten. Das
machte ihnen dieselbe tierische Freude, wie das Whlen im Straenkot. Auf
die zersprungenen Asphaltplatten zeichneten die Greren mit Kreide oder
Kohle scheuliche Kpfe. Das seien die reichen Leute, sagten sie, spieen
darauf und trampelten mit den Fen auf ihnen herum. Sie waren bse, und
schlimmer, sie wuten das Bse. Mit den bergroen Augen des jungen Lasters
sahen sie alles und bemerkten alles. Dann schlpften sie in die dunkelsten
Ecken zwischen den schiefen alten Husern und erzhlten sich mit
innerlich fiebernder Stimme schlimme Dinge, oft durch schrilles Gelchter
unterbrochen. Das Leben in der Mauernstrae war so faul und belriechend,
wie das Pftzenwasser in den Lchern der ausgebrochenen Pflastersteine.
Tagsber schillerte das Sonnenlicht in blau und grnen Spiegeln darber
hin. Nachts versanken die bleichen trostlosen Sternstrahlen in dem trben
Tmpel. Es war sehr traurig.

So dachte auch der lahme Junge auf der Thrschwelle. Er konnte nicht mit
den anderen spielen und htte auch keine Freude daran gefunden. Er wre
lieber in die Schule gegangen. Seine Mutter hatte ihn aus einem groen
alten Buche schon Buchstaben und Zahlen gelehrt. Aber man hatte ihn nicht
genommen. Zu schwchlich, sagte der Lehrer. Noch ein Jahr warten. Und
er wartete. Er suchte aus den Lumpenscken, welche der Oheim nach Hause
brachte, die Seidenfleckchen heraus und packte sie in Cigarrenkisten.
Er kehrte die dunkle dunstige Stube zusammen und schlte die Kartoffeln
mglichst dnn ab. Er stopfte dem wilden lustigen Mdchen die Lcher im
Rock und wichste ihr Sonntags mit groer Kraftanstrengung die Schuhe. Er
wollte das Brot doch nicht ganz umsonst essen. Und noch ein Anderes war's.

Mit dem leidenschaftlichen Liebesbedrfnis eines krnklichen frhreifen
Kindes hing er an dem schnen, bsartigen Geschpfe, das ihn schlug oder
liebkoste, je nachdem seine Laune war. Jeden Abend sphte er fiebernd vor
Erwartung die von einer einzigen Gaslaterne erleuchtete Strae hinunter,
bis er sie kommen sah. Einen gemeinen Walzer singend, sich lssig und
herausfordernd in den Hften wiegend, an jedem Arme eine ltere Freundin.
Sie hatten alle drei die belebtesten Straen der Stadt abgelaufen. Weniger
um die strahlenden Schaufenster der groen Geschfte zu betrachten, als um
mit innerlichem Vergngen die zweideutigen schmeichelhaften Scherze
eines Vorbergehenden zu hren. Mit heimlicher unbefriedigter Erregung
schlenderten sie langsam nach Hause. Die beiden Aelteren schlpften scheu
und geduckt in die Hausthren, nachdem sie sich fr den nchsten Abend
verabredet hatten. Die Jngste frchtete sich nicht. Der Vater kam erst
spter, und die Mutter ... lieber Gott! Mit berlautem Singen tastete sie
die steinernen Stufen hinauf, bis ihr Fu an den wartenden Knaben stie. Er
fate mit den von der Nachtluft starren Hnden in den Saum ihres Kleides.
Ich hab' auf Dich gewartet. Dummer Junge! Wre auch gescheiter gewesen,
Du httest Dich schlafen gelegt. Aber sie nahm ihn doch auf den Arm,
um ihn hinaufzutragen. Sie mute ber den finsteren Hof. Wenn sie ber
Kohlstrunken oder einen Haufen Kartoffelschalen stolperte, puffte sie den
Kleinen. In einem Anfalle von Reue kte sie ihn nachher mit unheimlicher
Leidenschaftlichkeit. Keuchend unter ihrer Last langte sie in der
moderdumpfen Stube an. Eine leise schwindschtige Stimme klagte aus den
schweren Federkissen des Bettes hervor: So spt, Kinder. Das Mdchen gab
keine Antwort. Sie ghnte und begann sich auszuziehen. Die Kleider warf
sie auf den Boden. Der kleine Friedel legte erst die ihren sorgfltig glatt
gestrichen auf den Schemel, dann auch seine eigenen. Sie hielt ihm die Fe
hin. Zieh mir die Schuhe aus. Die Strmpfe auch. Und mit einer elastisch
katzenartigen Bewegung sich in das Bett schwingend, suchte sie sich die
bequemste Stelle dicht an der Wand aus. Sie whlte sich mit Wollust in
die dicken Kissen. Ihrem Schlafkameraden gnnte sie nur ein notdrftiges
Pltzchen. Gut, da er nicht viel brauchte. Sein magerer kleiner Krper
drckte sich geduldig an die uerste Kante. Sie versank nach wenigen
Augenblicken in den tiefen Schlaf einer urgesunden, rcksichtslosen Natur.
Der Knabe lag oft bis Mitternacht wach. Er betrachtete die vom Mondlicht
versilberten Zahnreihen der Schlferin, und brachte sie vorsichtig in eine
andere Lage, wenn sie mit dem Kopfe auf dem Arme ruhte. Das mache bse
Trume, hatte seine Mutter einst gesagt. Seinen Schlaf bewachte Niemand.

Morgens weckte er sie. Ein unangenehmes Amt. Sie war kaum aus dem Schlaf
zu bekommen und dann in sehr ungndiger Stimmung. Es ist noch eine halbe
Stunde zu frh. Kannst Du keine Ruhe geben, boshafter Junge. Whrend sie
sich ankleidete, suchte er die verstreuten Schulhefte zusammen. Sie wusch
und putzte sich wie ein Ktzchen, weniger aus Reinlichkeitsbedrfnis als
aus Eitelkeit. Teilweise erstreckten sich ihre Bemhungen auch auf den
kleinen Jungen. Sie rieb ihm das geduldige Gesichtchen, bis es von der
schwarzen Pechseife feuerrot brannte. Mit dem zerbrochenen Kamme scheitelte
sie seine dnnen weichen Haare. Das steht Dir besser, als wenn Du sie ganz
aus der Stirne gekmmt hast. Und er schielte mit trbseligem Lcheln in
die quecksilberarme Spiegelscherbe. Er wute recht gut, wie hlich er war.

Von seinem Frhstcksbrot gab er ihr die Hlfte. Die Mutter sah es manchmal
und schalt. Dann lachte sie ihr halb bses, halb bermtiges Lachen. Er
darf nicht viel essen; er mu klein bleiben. Sonst kann ich ich ihn nicht
mehr ber die Treppe tragen.

Manchmal traf sich's, da die Kinder einen Nachmittag allein zu Hause
waren. Dann schlichen sie hinauf ins Magazin. Ein langer, schmaler Raum mit
halbrunden, dicht am Boden angebrachten Fenstern. Da befanden sich all die
tausend Dinge, welche der Vater gekauft hatte, um sie wieder zu verkaufen.
Ich wei, er hat gestern ein Ballkleid nach Haus gebracht, sagte das
Mdchen. Und sie suchten so lange, bis sie es in einer Kiste oder in einem
Schrank entdeckt hatten. Sie jubelte. Das zieh ich an. Friedel, Du mut
mir's zuschnren. Schuhe sind auch dabei, schau nur! Sie konnte nicht
rasch genug in die zerknitterte Pracht schlpfen. Das tief ausgeschnittene
Kleid, zu weit fr ihre kindliche Gestalt, fiel fast von den Schultern
herunter. Die Aermel ihres grobleinenen Hemdchens sahen hervor. Die Schuhe
mit den schiefgetretenen Holzabstzen waren zu gro. Ins Haar hatte sie
sich eine bltterarme Rose mit deutlich sichtbarem Wattekern gesteckt. Um
den Hals eine Kette aus groen zersprungenen Wachsperlen geschlungen. Mit
beiden Hnden nahm sie das Kleid vorn in die Hhe, um gehen zu knnen.
Sie war schn in dem jmmerlichen zigeunerhaften Aufputz. Das ungesunde
reizende Schne der schlechtverhllten krperlichen und seelischen
Nacktheit. Trag mir die Schleppe, befahl sie. Und er humpelte ihr nach,
in der einen Hand die Schleppe, in der andern seine Krcke haltend. So
zogen beide durch den staubdmmernden Raum, sie singend, er in stummer
Bewunderung. Bis sie mde waren. Sie setzten sich auf eine der rissigen
Kisten. Sie stemmte die Ellenbogen auf die Kniee und lie den grnen
Atlasschuh auf der Spitze ihres Fues tanzen. Ihr kleiner Finger wies dem
Knaben einen roten fettigen Fleck am Taillenausschnitt. Das ist Schminke.
Er wute nicht, was das war. Damit macht man sich hbsch. Rote Wangen und
rote Lippen. Wer hat's Dir gesagt? Die von Nummer8. Das ist eine von's
Theater. Was macht sie denn? Sie tanzt. Sie spannte beide Hnde ber
das Knie und beugte sich zurck. Ob ich's auch knnte? Hbsch wr's. Sie
stand auf. Ein leiser versteckter Zug spielte um ihre Mundwinkel, whrend
sie langsam das Kleid ablegte. Pack's wieder ein. Er legte sorgfltig ein
Stck nach dem andern in die groe Schachtel. Ohne Schuhe, im sehr kurzen
zerflickten Unterrckchen, die Blume noch im Haar und die Perlen um den
Hals, stand sie mit halb gehobenen Armen da, halblaut, aber scharf im Takte
eine Tanzweise summend. Zgernd, versuchend folgten ihre Fe der Melodie.
Erst vor, dann zurck, immer vereint mit der leicht gleitenden Bewegung des
Oberkrpers. Nach wenigen Sekunden waren die Schritte rascher, sicherer,
die Fe lsten sich vom Boden. Das atemlose Lachen, das von den
weitgeffneten Lippen klang, war nur die Einleitung zu einem Wirbel wilder
Bewegungen. Feurig, sinnlich schn, aber ohne Weichheit, ohne Reinheit. Sie
tanzte, bis sie sprachlos, schwindelnd niederstrzte. Der kleine Friedel
kniete erschrocken neben ihr. Sie richtete sich atemringend in die Hhe.
Weine nicht. Sie schlug ihn auf die Finger. Ich kann das Weinen nicht
leiden. Langsam, liebkosend streichelte sie ihre Arme und kte sich mit
einem seltsamen Ausdruck auf die Schultern. Ich bin doch schn. Wenn ich
nur schon strker wre--

Drei Tage spter war in der engen Stube groer Lrm. Die Mutter weinte, die
heisere rchelnde Stimme des Vaters schalt und fluchte, der Knabe drckte
sich krampfhaft ngstlich in eine Ecke. Das Mdchen stand ein wenig bla,
mit bereinander gebissenen Zhnen in der Mitte des Zimmers. Aber nicht die
leiseste Erregung zitterte in ihrer Stimme. Nchsten Monat komme ich doch
aus der Schule.... Der Vater lie sie nicht ausreden. Dann steck' ich
Dich in ein Geschft, wo man Dir aufpat. Das Frulein wird im Theater
schon auf mich Acht geben. Die soll erst selber auf sich Acht geben,
die Person die.... Und im Theater bekomme ich jeden Monat fnf Mark. Im
Geschft geben sie mir im ersten Jahr gar nichts. Fnf Mark! Das wirkte.
Der Vater dachte daran, wie viel er sich plagen mute, um fnf Mark zu
verdienen. Wenn das dumme Mdel es fr ein bichen Springen und Hpfen
bekommen konnte -- gut. Und er wollte ihr schon die Knochen entzwei
schlagen, wenn sie sich unterstehen sollte....

Sie unterstand sich gar Vieles. Aber er wute nichts davon. Denn sie war
klug. Sie ging jetzt tglich ins Theater. Balletratte schrieen ihr die
Kinder in der Strae nach. Dem kleinen Friedel wurde es bei dem Worte immer
so sonderbar hei und schwindlich. Er wute nicht warum. Er hatte sich
schon an so viele hliche Worte gewhnt. Er gebrauchte sie selbst. Er war
ja ein Kind. Er hatte der Verdorbenheit nichts entgegenzusetzen. Nicht die
bessere Erkenntnis, nicht die Kraft des Willens. Aus seinem Wesen war die
unbewute Feinheit gewichen, die sein hliches Gesichtchen angenehm und
rhrend gemacht hatte. Um die Mundwinkel lagerte schon ein leiser Strich
der Gewhnlichkeit. Nur die Augen waren noch klar und sanft wie einst.
Denn in ihnen schimmerte die Rettung des einsamen Kindes. Die groe stille
Liebe, ob auch fr ein unwertes Geschpf. Er ahnte es dunkel -- und liebte
sie. Er mute jetzt noch mehr leiden als frher. Er konnte sie abends nicht
mehr erwarten. Sie kam oft erst um zehn oder um elf Uhr nach Hause. Sie
hatte zu thun.

War sie tags zu Hause, so achtete sie nicht auf ihn, sondern arbeitete. Sie
machte stundenlang mit Armen und Fen ein und dieselbe Bewegung. Der Knabe
sah ihr schchtern und geduldig zu. Was machst Du da? fragte er manchmal.
Und sie erklrte herablassend: Das ist ein Steh-Gliss und das ist ein
Balanc und das ist ein Chass. Des fteren wurde sie rgerlich auf sich.
Ob ich mich nicht mehr in die Hfte legen kann! Dann arbeitete sie mit
solcher Heftigkeit und Ausdauer, bis sie, mit weien eisigen Lippen, auf
einen Stuhl sank. Sie sah auch sonst nicht mehr so frisch aus. Unter den
Augen schwammen mattblaue Schatten und die Lider waren von gelbbrunlicher
Frbung. Sie fing an, sich zu pudern. Ihr Anzug war ein Durcheinander
von Putz und Armseligkeit. Sie stahl ihrem Vater alle Augenblicke eine
Schleife, eine zerknitterte Blume, ein unechtes zerbrochenes Schmuckstck.
Sie kmmte sich die Locken tief in die Stirne, und verlngerte mit
angebrannten Schwefelhlzchen ihre Augenbrauen. Sie wurde unzufrieden und
verbittert. Die fr die Uebungsstunden notwendigen Gegenstnde mute sie
sich selbst beschaffen. Dazu reichten die fnf Mark monatlich gerade hin.
Leinwandschuhe ohne feste Sohlen, bis weit bers Knie reichende Strmpfe,
Gazercke und kurze weite Pumphschen. Der kleine Friedel stopfte mit
grober Wolle die rasch durchgetanzten Schuhe. Er nhte die abgerissenen
Knpfe ans Mieder, und die Bnder an die Hschen. Genierhschen, sagte
sie mit zusammengekniffenen Augen. Was er sich heimlich grmte. Er htte
das kleine Bild seiner Mutter darum gegeben, sie einmal wieder lcheln
zu sehen. Sie lchelte nicht mehr. Den zeitweiligen Vorwrfen des Vaters
setzte sie so herausfordernden Trotz entgegen, da er anfing zu schweigen.
Langsam verlor er die Gewalt ber sie. Sie frchtete ihn nicht mehr.

Eines Tages zeigte er seiner Frau ein feines Schmuckkstchen. Da habe
ich was billig gekauft. Schau her. Er hielt ihr ein hbsches Armband aus
doppelreihigen Granaten hin. Das Mdchen stand daneben. Schenk mir's.
-- Bist Du verrckt? Das wird nochmal so teuer verkauft. Freilich, Dir
schenken! Er packte den Schmuck wieder ein und ging. Sie sah ihm starr
nach. In ihrem Antlitz dmmerte der drohende Entschlu der Snde. Der Junge
fate angstvoll ihre Hand. Das Armband -- ist das so teuer? Teuer! Wenn
man's im Laden kauft -- fnfzehn Mark. Ein Lumpengeld. O wenn ich wollte
-- nicht heimkommen, nur eine Nacht-- Sie bi sich erschrocken auf die
Lippen. Aber der Knabe hatte begriffen. Die Kinder in der Mauernstrae
begreifen so schnell. Er fllt vor ihr nieder. O, Du, Du -- das thust Du
nicht. Ich versprech' Dir's -- bis Weihnachten schenk' ich Dir das Armband
-- aber Du kommst heim, gewi, Du kommst heim. Sie versteht seine Worte,
aber nicht den rasenden Schmerz, der seine Stimme entzweibricht. Ein
letztes menschliches Empfinden, das Mitleid, regt sich in ihr. Dummer
Junge -- was fllt Dir denn ein? Freilich komme ich nach Haus. Sei nur
still!

Er ist still. Sehr still. Er atmet kaum. Es thut ihm weh. Am nchsten
Morgen steht er frstelnd im nassen Novemberwind vor der Hausthre. Sein
weies blutloses Kindergesicht ganz starr, ganz farblos. Er schleppt sich
mhselig die schmutzige schwarze Strae entlang. An der Ecke bleibt er
nochmals stehen. Sein Krper zittert vor innerlichem Schluchzen. Aber er
geht weiter, biegt in die groe lrmende Strae ein. Er geht betteln.

Tag fr Tag. Die Vorbergehenden wissen nicht, welch' wehevolle
Ueberwindung jede Bitte aus diesem kleinen schmerzverzerrten Munde ist. Es
schaut ihm ja Keiner in die Augen. Sie blicken aus dem mden Gesichtchen
wie zwei aus dem Herzen emporgewachsene Todesblumen. Denn er stirbt
langsam. Er stirbt an der Schande.

Jeden Abend wechselt er seine kleinen Mnzen in einem Bckerladen. Die
dicke gutmtige Frau hat so groes Mitleid mit ihm. Sie hat auch noch nie
solch' seltsames Bettelkind gesehen. Als er am zweiten Abend kam, wollte
sie ihm ein Stckchen Kuchen zustecken. Er dankte mit unverstndlicher
Heftigkeit. Und als sie es ihm mit Gewalt in die Tasche schieben wollte,
fing er an zu weinen. Nein, nein. Warum nicht? Ich will nichts fr
mich. Ist denn das Geld nicht fr Dich? Nein. Fr wen denn? Er
bleibt stumm. Auf dem Heimweg schleicht er sich regelmig an einem groen
Juweliergeschft vorbei. Da hat er im Schaufenster genau so ein Armband
entdeckt wie jenes. Zwei Reihen Granaten mit schmalem goldenem Schlo.
Auf einem Zettelchen steht der Preis notiert. Vierzehn Mark und fnfzig
Pfennige. Soviel Geld!

Daheim fragt ihn Niemand, was er den ganzen Tag auf der Strae macht. Oft
kommt er spt nach Hause. Sie wissen's gar nicht. Ob der kleine Junge im
Bette liegt oder nicht, es kmmert sich Keiner darum. Und wenn er kommt,
schleicht er so leise durch das Zimmer, da sie ihn nicht hren.

Der Weihnachtstag. Er steht an der Staenecke, frierend, in Todesangst.
Er hat noch nicht genug. Wie flehend er seine von groen roten Frostbeulen
bedeckten Hnde den Vorbergehenden entgegenstreckt. Aber die haben's heute
so eilig. Wer sieht solche kleinen Betteljungen. Der Weihnachtstag wird
fr ihn der schlimmste. Er hat nichts, gar nichts bekommen. Es ist dunkel
geworden. Er hlt sich an der schneeverwehten Mauer. Er geht nicht nach
Hause, wenn er sein Versprechen nicht erfllen kann. Ihm gerade gegenber
blitzt's und funkelt's im Schaufenster des Juweliers, sein Verlangen und
seine Hoffnungslosigkeit nur vergrernd. Das Menschengewhl hat lngst
nachgelassen. Die wenigen noch Vorbereilenden wagt er nicht mehr
anzureden. Er fllt auf die Kniee und weint. Pltzlich fhlt er, da Jemand
neben ihm stehen bleibt. Lieber Gott, Kind -- warum weinst Du denn?

Ein junges Mdchen steht neben ihm. Das rote Licht der Gaslaternen glitzert
auf den Stahlknpfen ihres dunkelblauen Tuchmantels. Er kann vor Schluchzen
nicht reden. Sie hebt ihn mitleidig in die Hhe Willst Du etwas? Kann ich
Dir etwas helfen? Er blickt auf, in ein schmales, freundliches Gesicht mit
ruhigen, grauen Augen. Er faltet die Hnde. Das Armband -- da drben. Ich
mu es haben. Und ich habe nicht genug.

Sie stutzt. Wofr brauchst Du denn ein Armband? Er giebt keine Antwort,
murmelt nur eintnig, herzzerreiend vor sich hin: Das Armband -- das
Armband. Sie fat ihn bei der Hand. Komm' mit. Sie fhrt ihn ber die
Strae, gerade vor das Schaufenster. Welches willst Du? Er weist hin.
Da, da. Wie viel Geld hast Du? Er giebt ihr ein schmutziges Papier.
Darin hat er's aufbewahrt. Sie zhlt es nicht, sieht ihn nur nochmals an.
Warte hier. Ich werde Dir das Armband kaufen... Ihm ist, als fiele der
ganze groe Sternenhimmel zu seinen Fen nieder. Er sucht und ringt nach
einem Worte. Mutter, Mutter! Er findet kein anderes. Das junge Mdchen
kommt aus dem Laden zurck und steckt ihm ein feines buntes Schchtelchen
in die Hnde. Da -- das ist Dein Christkindchen. Nun weine nicht mehr.
Gute Nacht.

Nach Hause! Nur nach Hause! Durch die stillen, eisigen Straen stolpert
er atemlos dahin, nicht einen Blick nach den weihnachtshellen Fenstern
hinaufwerfend. In der Mauernstrae ist's dunkel. Die Gaslaterne brennt
noch. Er steht vor der Thre und drckt angestrengt auf den rostigen
eisernen Knopf. Er giebt nicht nach. Die Thre ist verschlossen. Es schlgt
neun Uhr. Was soll er thun? Klopfen? Rufen? Man wird ihn nicht hren. Und
er frchtet sich auch. Er will warten. Um zehn Uhr mu sie heimkommen. Sie
hat sich heute morgen den Hausschlssel von der Mutter geben lassen. Es sei
abends noch eine groe Probe, aber um zehn Uhr sei sie gewi zu Hause.
Er wartet. In die Ecke zwischen Thre und Mauer gedrckt, in der Hand
das Armband. Er hat es aus dem Schchtelchen herausgenommen, um es zu
betrachten. Wie's funkelt! Er denkt an ihre Freude. Nur daran. Nicht an
seine Schmerzen. Auch nicht an die Geberin. Nur an sie.

Zehn Uhr. Nun wird sie gleich kommen. Wirklich Schritte ... Er beugt sich
weit vor. Es ist nur der Mann, der die Laternen auslscht. Sie nicht. Die
Probe kann lnger gedauert haben. Sie hat sich vielleicht versptet. Sie
wird schon kommen. Gewi. Es wird immer klter. Er steckt die Hnde in die
Hosentaschen und zieht abwechselnd die Fe empor. Ist das ein trauriges
Warten in der schneehellen, todesstillen Winternacht. Von Viertelstunde zu
Viertelstunde verfolgt er die drhnenden Schlge der Turmglocke. Elf
Uhr. Sie ist nicht da. Er weint nicht. Er drckt die Hnde in die kleinen
spitzigen Eiszapfen an den Mauervorsprngen. Wem er umsonst gebettelt
htte, umsonst...! Ihm ist, als mte das Blut zu seinen entzndeten Augen
herausspritzen. Und warten, warten, warten! Er kann vor Klte nicht
mehr ruhig stehen. Er humpelt die Stufen herunter und wankt hin und her.
Mechanisch drei Schritte vor und drei zurck, den Kopf weit zurckgeworfen,
zum silberschimmernden Weihnachtshimmel aufstierend.

Mitternacht. -- Er wirft sich zu Boden, heult und beit mit den Zhnen in
die gefrorene Erde. Seine Krcken hat er weit von sich geworfen. Auf allen
Vieren kriecht er zur Thre zurck. Und liegt da -- chzend, wimmernd,
sterbend. Er verliert das Bewutsein. Eine rote, glitzernde Schlange mit
goldenem Krnchen ringelt sich um seinen Hals. Sie erwrgt ihn. Er regt
sich nicht einmal. Da knarrt's ber den Schnee her. Er richtet sich
krampfhaft wild empor. Seine flimmernden Augen sehen zwei dunkle,
aneinandergeprete Gestalten. Mehr kann er nicht erkennen. Er hrt nur,
hrt -- Worte, die ihm alles Blut in Thrnen verwandeln. Umsonst!

Mde, schwankend kommt sie die Stufen herauf. Ihre tastende Hand stt an
den Knaben. Sie fhrt zurck. Er streckt ihr die erstarrte Hand mit dem
funkelnden Reif entgegen. Da -- Dein Armband. Weit Du, ich -- habe --
gebettelt. Er fllt schwer und steif vor ihren Fen zu Boden. Er ist tot.




=Milost pan.=


_Personen_:

  William Stoneberg.
  Katya Stanyek.
  Ein Diener.


Ein groes Zimmer. Im Hintergrund rechts eine Thre. Vorn rechts ein
geffneter Flgel mit Notenheften und Partituren bedeckt. In der Mitte des
Zimmers ein groer, runder Tisch. Darauf ein Schreibzeug. Rechts und links
Sthle. Links vorn in einer Gruppe von Zierpflanzen eine schwarze Sule
mit groer Beethovenbste. Dicht davor ein kleiner Tisch mit zwei niedrigen
Fauteuils. Weiter zurck links ein Fenster mit schweren Vorhngen. In der
Mitte des Hintergrundes ein hohes Regal mit Partituren. Rechts und links
davon Luftheizungsklappen. Die ganze Einrichtung schwer und dunkel. Es ist
vollkommen Nacht.


Scene 1.

Die Thre wird von auen aufgeschlossen. Stoneberg in Winterrock und
Cylinder. Der Diener trgt eine Lampe und einen Violinkasten. Die Thr
bleibt offen. Man sieht in ein kleines Vorzimmer mit einigen Rohrsthlen,
Kleiderhaken und Schirmstndern. Von ferne hrt man ganz leise die
spanischen Weisen von Sarasate mit Orchesterbegleitung.

_Stoneberg_ (auf den Mitteltisch deutend): Hierher.

(Der Diener stellt den Kasten und die Lampe nieder, hilft dann Stoneberg
den Ueberrock ablegen. Stoneberg ist in Frack und weier Kravatte.)

_Stoneberg_: Ich kann hier bleiben, ungestrt?

_Diener_: Ganz ungestrt. Das Zimmer wird nur vor- oder nachmittags zu den
Einzelproben bentzt. Abends nie.

_Stoneberg_: Gut. Znden Sie das Gas an. (Zieht die Handschuhe aus, reibt
sich die Hnde.) Unertrgliche Klte.

_Diener_: Ich werde sogleich die Heizungsklappen ffnen.

_Stoneberg_ (geht an eine der geffneten Klappen, die Hnde in die
ausstrmende warme Luft haltend, spricht mit rckwrts gewendetem Kopf
zu dem Diener, der die Fenstervorhnge zuzieht und das Gas anzndet): Wie
lange bleibt der Portier auf?

_Diener_: Nach Schlu des Konzertes noch eine Stunde. Aber wenn Herr
Stoneberg wnschen, da er lnger....

_Stoneberg_: Nein; so lange bleibe ich nicht. (Geht im Zimmer umher, bleibt
vor dem Flgel stehen): Ah, ein Stoneberg. (Schlgt ein paar Tasten an
und geht dann an den Mitteltisch, sucht einen Briefbogen und ein Couvert
heraus, schreibt. Der Diener ist unterdessen mit dem Anznden fertig
geworden.)

_Diener_: Wnschen Herr Stoneberg noch etwas?

_Stoneberg_ (schreibend): Warten Sie. (Der Diener geht ins Vorzimmer.)

_Stoneberg_ (schreibend): Sie haben auch den Dienstmann bezahlt, welcher
den Violinkasten aus meinem Hotel holte?

_Diener_: Ja.

_Stoneberg_ (steht auf, wirft einen prfenden Blick nach dem Diener, geht
langsam im Vordergrund des Zimmers auf und ab, halblaut das Geschriebene
lesend): Gndigste! Heute Abend habe ich mich berzeugt, da Ihr
Instrument der Knstlerin nicht wrdig ist. Sie haben das Adagio des
Beethovenkonzertes nicht gespielt, wie Sie es spielen knnen. Das Publikum
hat es nicht bemerkt, wohl aber das Ohr eines Musikers. Ich habe mich daher
entschlossen, Ihnen die in meinem Besitz befindliche Amati zu berlassen.
Ich mu so unhflich sein, Sie noch heute Abend zu bemhen. Ein vor wenigen
Stunden erhaltenes Telegramm zwingt mich morgen frh fnf Uhr zur Abreise
nach New-York. Darf ich Sie fr wenige Minuten auf das neutrale Gebiet des
Probezimmers bitten? Ich habe das Instrument holen lassen, Sie knnen es
genau prfen. Ihr bewundernder Verehrer William Stoneberg. (Geht an den
Tisch, schliet den Brief in ein Couvert, schreibt die Adresse, winkt dem
Diener.) Gehen Sie ins Knstlerzimmer und warten Sie bis zum Schlu des
Konzertes. Wenn Frulein Stanyek kommt, bergeben Sie ihr diesen Brief und
bitten um Antwort. Sollte sie es verlangen, so fhren Sie die Dame her. Nun
-- (zieht seine Brse heraus) fr den Dienstmann und Ihre Bemhungen.

_Diener_: Danke, gndiger Herr. (Geht, schliet hinter sich die Thre.)


Scene 2.

_Stoneberg_ (allein. Klappt seinen Cylinder zusammen, trgt den Ueberrock
auf einen Stuhl im Hintergrund, ffnet den Violinkasten). Wird sie
kommen? Glaube wohl. Anstandsrcksichten kommen bei ihr nicht allzuviel
in Betracht. Und wo sich's um eine Amati handelt, um diese Amati! -- Aber
warum _lass'_ ich sie kommen? Um ihr die Amati zu berlassen? Ich denke
nicht daran. Es wre denn, da sie einen Preis dafr zahlt, einen Preis ...
ich glaube nicht, da sie ihn zahlt. Aber versuchen. Und einmal will ich
mit ihr allein gesprochen haben. Ganz allein. -- Dies Geschpf! Was zwingt
mich zu ihr? Ihr Lachen, ihr groes tolles Lachen -- und ihre schwermtigen
Augen. Ich verstehe sie nicht. Gehrt sie zu den Frauen, die nur deshalb
reizend sind, weil sie sich an der uersten Grenze bewegen? Ich habe viel
Unpassendes von ihr gesehen, tausend Sonderbarkeiten wie die rtselhafte
Grtelkette, nie etwas Unschickliches. Bin ich noch deutsch-sentimental
genug, da ihre Begabung auf mein Gefhl wirkt? Zwanzig Jahre in Amerika
und noch sentimental. (Pause.) Ob ich mir nicht Unrecht thue? Sentimental?
Es knnte noch eine andre Regung dabei sein. Ich wrde sie mir leichter
verzeihen. (Die Musik verstummt. Man hrt lange anhaltenden Applaus.) Zu
Ende. Nun werde ich ja gleich wissen .... (Geht mit kurzen Schritten auf
und ab, fhrt sich ein paarmal erregt ber die Stirne. Aergerlich):
Da mich so etwas noch nervs machen kann! Was ist's denn? Ein
kleines Slavenmdchen von mglichst dunkler Herkunft. Aufgewachsen im
knstlerischen Vagabundentum. Darin liegt meine Hoffnung. Und in der Amati.
(Er nimmt die Violine aus dem Kasten, betrachtet sie. Es klopft.)

_Stoneberg_: Herein.


Scene 3.

_Katya Stanyek_ (tritt ein, lt die Thre halb offen. Man sieht den Diener
und eine ltere, einfach gekleidete Person. Katya ist in vollstndig weier
Konzerttoilette. Nur an der Schulter und im Haar dunkle Rosen. Um die
Taille eine feine, goldene Grtelkette, deren Enden sich in einer Falte des
Kleides verlieren. Lose um die Schultern geschlungen ein weies Seidentuch.
In der linken Hand hlt sie Stonebergs offenen Brief und ein kleines
Taschentuch. Sie ist etwas erschpft, in starker aber verhaltener Erregung,
spricht mit durchaus czechischem Accent, aber ohne Gewhnlichkeit, mit
weicher, ein wenig gebrochener Stimme.)

_Katya_: Bin ich da. (Tritt an den Tisch.) Also?

_Stoneberg_ (verletzt, macht ihr eine ostentative Verbeugung): Ich habe die
Ehre, meine Gndigste, Sie zu begren.

_Katya_ (ohne darauf zu achten): Wie viele Geld verlangen Sie? Bitte --
rasch.

_Stoneberg_: Gndiges Frulein, Sie nehmen die Sache sehr geschftlich.
Ich halte die Hergabe einer Amati fr mehr als einen bloen Handel.
Zum mindesten ist dabei ein oder das andere Wort zu reden, welches die
Dienerschaft nicht zu hren braucht. (Geht an die Thre, schliet sie.)

_Katya_ (folgt ihm mit den Augen): Ah -- so! (Geht.)

_Stoneberg_ (fr sich): Was?! (Laut, mit halbem Lachen): Das htte ich von
Frulein Stanyek nicht erwartet. Sie frchten sich?

_Katya_ (schon an der Thre, wendet sich rasch um, mit ihn von oben
bis unten, greift einen Moment an die Grtelkette): Nein. (Geht an den
Mitteltisch, fest sich auf den Stuhl rechts, nimmt ihr Tuch ab.)

_Stoneberg_ (nimmt den Stuhl links): Gestatten... ...(setzt sich.)
Gndiges Frulein, Sie befinden sich in einer ungewhnlichen -- bei Ihnen
ganz ungewhnlichen Aufregung. Ich halte mich fr berechtigt, nach der
Ursache zu fragen.

_Katya_ (schweigt).

_Stoneberg_: Wenn Sie meiner Neugierde die Erklrung verweigern, so
gewhren Sie dieselbe meiner Teilnahme. Ich helfe gerne -- Ihnen. Was haben
Sie?

_Katya_ (in Thrnen ausbrechend, wirft sich vornber auf die Tischplatte):
Hab' ich gespielt schlecht.

_Stoneberg_: Schlecht gespielt?! Heute? Sie haben mit einem Feuer, mit
einer Leidenschaft gespielt, das Publikum--

_Katya_: Feuer, Leidenschaft, Publikum! Adagio habe ich gespielt schlecht.
Und Narren da unten haben geschrieen Bravo. O, htten ausgezischt mich, mir
wre nicht so unglcklich. Aber nehmen Lob und haben nicht verdient. Ist
mir in Herzen, als htte ich beschimpft Mutter Gottes.

_Stoneberg_: Ach, lassen Sie doch die Mutter Gottes aus dem Spiel. Sie thun
dem Publikum Unrecht und sich. Haben Sie Ihre Ansicht vielleicht meinen
Zeilen entnommen? Sie haben das Adagio ausgezeichnet gespielt. Nur meine
hohe Meinung von Ihrer Begabung veranlat mich zu dem Glauben, da Sie's
noch besser knnen.

_Katya_: Sie sind Narr wie Andere. Wissen nicht, da man spielt Beethoven
schlecht, wenn man nicht spielt Beethoven vollendet.

_Stoneberg_: Demzufolge mten freilich smtliche moderne Virtuosen das
Beethovenspielen aufgeben.

_Katya_: Ich nicht gehre zu Ihre moderne Virtuose. Hexerei von groe
Technik haben keine Wert fr mich, seit ich kann Hexerei. Wei ich sehr
gut, da ich kann mehr als die Andere. Und hab' ich gesehen heute, da ich
kann gar nichts.

_Stoneberg_: Auf die Gefahr hin, mich wieder von Ihnen den -- Narren
beigezhlt zu hren, erlaube ich mir nochmal die Bemerkung, da Sie sich
Unrecht thun. Sie haben den ersten und letzten Satz des Beethovenkonzertes
gespielt wie -- wie eben nur Sie es knnen. Wenn das Adagio Sie nicht ganz
befriedigen konnte, so liegt die Schuld an dem Ton Ihres Instruments.
Er ist gro, krftig, aber ohne jene hchste Weichheit, jene innere
Verklrung, wie sie einer -- Amati innewohnt.

_Katya_ (leise): Wei ich lange wohl. Aber will ich nicht geben zu mir. Ist
so jmmerlich, suchen Entschuldigen fr Nichtknnen von sich selbst.

_Stoneberg_: Also diese weibliche Schwche haben Sie nicht. Nur thun Sie
auf der anderen Seite zuviel. Und wenn Sie wirklich schlecht gespielt
htten, so verstehe ich noch immer nicht, warum Sie die Sache so tragisch
behandeln, als ein solches Unglck.

_Katya_: Fr mich -- ist es Unglck.

_Stoneberg_ (zuckt die Achseln).

_Katya_ (mit tiefgesenktem Haupt, sehr leise beginnend.) Seit erstemal habe
ich gehrt einer Melodie von Beethoven, ist Herz geworden taub fr andere
Ton. Hab' ich gespielt viel andre Ton, weil ich wollte lernen. Wollt' ich
warten, bis ich konnte ganz viel, um es zu machen recht fr Beethoven. Aber
wenn ich habe gespielt andre Ton, war es immer so leise in mir: =Kde je
-- milost Pan?= Wo ist -- gndiger Herr? O mein gndiger Herr, hab' ich es
gemacht schlecht!

_Stoneberg_ (fr sich): Interessante Komdie. Gut gespielt. Nur ihre Augen
-- ich darf nicht hineinschauen. Sonst fange ich an, ihr zu glauben....

_Katya_: Ist ungeschickt von meine Mund, Ihnen sagen solche Worte. Aber bin
ich so groe Trauer.

_Stoneberg_: Und in solchen Fllen thut es den Damen wohl, sich
auszusprechen. Bitte, sprechen Sie nur weiter. Einem Freund gegenber--

_Katya_ (sehr rasch): Sie nicht sind Freund von mir.

_Stoneberg_: Warum nicht?

_Katya_: Wei nicht so deutlich. Und Sie kennen gar nicht mich.

_Stoneberg_: Sie kennen mich auch nicht.

_Katya_: O ja.

_Stoneberg_: So?

_Katya_: Sie haben gewesen arm in Deutschland und haben verdient viele
Geld in Amerika. Nun Sie haben gemacht Ihre Namen bis in die Hlfte
amerikanisch. Stone-berg. Ihre deutsche Name ist Steinberg. Das ist nicht
gefallen mir. Wrde ich nie nehmen eine andere Nam' als die von meiner
Vaterland.

_Stoneberg_: Mehr haben Sie mir nicht vorzuwerfen?

_Katya_: Doch. Ist mehr noch. Aber kann man nicht sagen es.

_Stoneberg_: Sagen Sie's nur. Meinen Ohren wirds nicht weher thun es zu
hren, als Ihren Lippen es auszusprechen. Die Schellenkappe haben Sie mir
vorhin schon aufgesetzt. Ich nehm's Ihnen nicht bel, wenn Sie mir auch
noch die Pritsche in die Hand geben.

_Katya_: An die Uebelnehmen -- die Uebelnehmen ist mir gleich. Werd' ich
Ihnen sagen ganze Wahrheit. In Ihre Herz ist geblieben noch eine
kleine Stck von deutsche Wald und so klare Blum'. Doch ber sie stehen
amerikanische Verstand, der ist so klug und haben eine groe Sack mit Geld.
Und ber Wald und Blume und Verstand und Sack mit Geld ist gebreitet eine
lange Teppich von Hflichkeit und ganz feiner Benehmen. Seit ich bin hier
vier Wochen habe ich gesehen Sie vieler Abend in groer Gesellschaft. Haben
Sie nie gemacht eine Fehler und haben nie gesagt besseres Wort als andre
feine Herrn.

_Stoneberg_: Wissen Sie denn, Frulein Stanyek, da Ihre Worte eine groe
Schmeichelei fr mich sind? Sie haben mich ja beobachtet, als ob ich Ihnen
interessant wre.

_Katya_: Hat man gesagt zu mir, Sie sind gewesen arm als kleine Junge. Sie
sind gegangen ganz mit sich allein ber Meer und haben gemacht Arbeit so
viel und so gut, bis Sie waren reiche Mann, vor dem Leute haben Achtung. So
hab' ich gehabt Aufmerken fr Sie -- weil ich war auch arm.

_Stoneberg_: Sie waren arm? Davon hab' ich nichts gehrt. Aber sonderbare
Dinge von Ihrer Herkunft. Eine sehr romantische junge Dame erklrte mir
mit groer Bestimmtheit, Sie stammten von echt indischen Zigeunern ab.
Der franzsische Gesandtschafts-Attach uerte sich mit liebenswrdigem
Lcheln dahin, er hielte Sie fr die Tochter eines ungarischen Magnaten;
ein Dritter--

_Katya_: Haben Unrecht alle. Wahrheit wei nur eine Mensch. Ich.

_Stoneberg_: Wollen Sie auch mir ein Geheimnis daraus machen?

_Katya_: Ja.

_Stoneberg_ (erregt): Was haben Sie fr einen Grund? Mssen Sie sich
vielleicht der Wahrheit schmen?

_Katya_ (schweigt).

_Stoneberg_: Reden Sie, ich bitte, reden Sie.

_Katya_: Habe ich keine Grund zu schmen mich, aber Grund Wahrheit nicht
zu sagen. Sage ich ihr jetzt, so schreiben Sie morgen groer Artikel in
Zeitung ber Leben von Katya Stanyek.

_Stoneberg_: Ich werde schweigen. Mein Ehrenwort.

_Katya_: Ehrenwort? Habe ich gehrt schon oft geben Ehrenwort und dann
(macht die Bewegung des Entzweibrechens) -- mitten entzwei. Nein. Ist
nichts Ehrenwort.

_Stoneberg_: Sie mgen an manchen Menschen solche Erfahrungen gemacht
haben. Ich halte denjenigen, der sein Wort bricht, fr einen Schurken, dem
nur eins brig bleibt: sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Nochmals:
mein Ehrenwort.

_Katya_ (sieht ihn eine Weile stumm an): Sehen wohl, jetzt haben wieder
gerauscht deutsche Wald in Ihre Herz. -- Haben Sie gehrt, was macht Bhme,
wenn wird geboren eine Kind?

_Stoneberg_: Nein.

_Katya_: Rechts von Kind legt man Geige, links von Kind Beutel mit Geld.
Greift Kind nach Geige, wird es Musikant. Greift Kind nach Geld, wird es
Dieb.

_Stoneberg_: Es war schon klger von Ihnen, nach der Geige zu greifen.

_Katya_: Habe ich mssen thun. Hat mir nur hingelegt Geige. Vater hatte
keine Beutel mit Geld. War bhmische Musikante, wo ziehen hinauf hinunter
an groe Flu Moldau. Hatte junges Weib mit Augen von Nacht und kleine Fu.
War nachgelaufen arme bhmische Musikante und geworden sein Weib ohne Ring
an Finger und ohne Segen in Kirche. Ohne Segen! Auf Landstrae war geboren
kleine Katya, auf Landstrae junge Weib war tot.

_Stoneberg_ (ist ein wenig nher gerckt, beobachtet Katya mit wachsender
Teilnahme): Und dann?

_Katya_: Dann hat Vater getragen kleine Mdchen auf der Rcken durch ganze
Land. Waren Leute viel mitleidig, weil er war immer so traurig und hatte
nur lieb kleine Katya. Hab' ich gelernt eher Singen wie Gehen. Und spielen
auf Geige. Hat so geweint Vater als erstemal spielte ich ohne Helfen: =Kde
domov muj=--

_Stoneberg_: Was heit das?

_Katya_: Das ist schnste bhmische Volkslied und heien: Wo ist meiner
Heimat? Hab' ich es gesungen oft mit so heier Gefhl und habe gehabt
in Heimat so groe Weh. Hab' ich gefrchtet mich, wenn kam weie stille
Schnee. War viel kalte Nacht und haben wir gehabt oft keine Bett zu
schlafen. Aber bei Huser, wo wird gemacht bunte Glas, liegt groe Berg von
Asche. Wird gefahren aus Ofen fr Glas und ist warm. Haben wir uns gewhlt
in warme Asche und geschlafen. Nach eine Nacht ist Vater geschlafen sehr
lange. Hab' ich genommen Geige, gespielt =Kde domov muj=. Vater haben
geschlafen weiter. Hab' ich gewut, er war tot. Leute haben gesagt, Asche
war zu hei, haben gehabt in sich bse Dampf, arme Vater ist erstickt.
Arme, arme Vater.

_Stoneberg_: Armes Kind.

_Katya_: Hab' ich wollen springen hinein in Grab zu meine Vater. Aber Leute
haben gehalten mich. Hab' ich geschrieen wie wilde Tier und gebissen mit
Zhnen vor meine Jammer. Ist gekommen alte Herr von Haus mit buntes Glas,
haben gesagt, er will geben viele Geld, weil ist geschehen mir so groe
Unglck auf seiner Eigentum. Haben mich schon gehrt spielen Geige seine
Arbeiter. Haben gesagt zu alte Herr, er soll schicken mich in Praha und
geben zu gute Lehrer von Geige. Haben er gethan. War ich noch so kleine
Kind von sechs Jahre, haben er mich lassen bringen in Praha durch eine von
seine Arbeiter. Eine junge Mensch mit guter Gesicht. Haben mich gebracht zu
seine Mutter. Alte Frau mit Schnee auf Haar. Alte Frau war gut mit traurige
Kind. Haben gefhrt zu berhmte Lehrer von Geige. Hab' ich nicht wollen
spielen vor. Habe wollen spielen nie wieder, nie wieder. Alle Rede von alte
Frau und berhmte Mann waren keiner Hilfe. Ist geschehen eine Wunder. Im
Zimmer neben haben gespielt eine Hand einer Melodie .... oh .... bin ich
gefallen auf Knie, habe gebeten berhmte Mann, mir geben Lehre, da ich
knnte spielen eine Mal in meiner Leben solcher Melodie. War Beethoven.

_Stoneberg_: Was ist das fr eine Melodie?

_Katya_: Opus90, zweite Satz. Nicht fr Geige, nur fr der Klavier. Aber
war meiner Sehnsucht von dieser Tag zu spielen ihn auf Geige. Wollte ich
spielen jeder Melodie von Beethoven auf Geige. Habe ich immer gehabt
Zorn, da er haben gedichtet so vieler Melodie fr Klavier. Ist eine tote
Instrument ---- Aber glaube ich meine Erzhlen gehen lange, zu lange,
werden haben Langeweile.

_Stoneberg_: Nein. Ich mchte Ihnen zuhren -- tausend und eine Nacht.

_Katya_: Ist nicht mehr zu sagen vieles. Habe ich gespielt Geige ganze Tag
und halbe Nacht. Nicht gethan andres, nicht gelernt andres. Haben keine
Mensch mich erzogen. Als kam ich in groe Welt war bse Gesellschaft. War
ich oft in Gefahr, zu thun nicht gute Sache. Aber war dann in meine Ohr
eine Zittern von Melodie von Beethoven und habe nicht gethan Unrecht. Ist
meine Glauben, da ich kann nicht mehr spielen Beethoven, wenn ich thue
Snde. Habe ich oft nicht rechte Benehmen, wei ich wohl gut. Aber hab' ich
in Herz Rechtes, weil bete ich zu groe Genius. Er ist meine Heiland.

_Stoneberg_: Und dieser Heiland hat Sie bewahrt -- in jeder Versuchung?

_Katya_: Ja. Denn hab' ich gelernt bewahren mich selbst. Sehen hier
(zieht die Kette ein wenig empor. Am Ende derselben ist ein kleiner Dolch
befestigt) kleine spitze Ding. Trag' ich seit lange Jahre. Ist Gefhl von
Sicherheit. Habe ich geglaubt heute Abend Sie haben bse Sinn. Wre nicht
geblieben mit Ihnen ohne kleine Messer. Aber habe ich gehabt Unrecht. Sehe
wohl, Sie sind nicht bse Sinn.

_Stoneberg_ (ruhig, aber mit tiefer, innerer Bewegung): Sie irren sich,
Frulein Stanyek. Ich habe sehr bsen Sinn gehabt. Ich wollte Ihnen
keineswegs die Amati geben--

_Katya_: Die Amati? Nicht die Amati? O wie knnen sagen Sie so harte Wort.
Will ich Ihnen geben, was Sie verlangen, will ich Ihnen geben alles, was
werde ich verdienen noch in viele Jahre, will ich lieber hungern, aber
geben Sie mir der Amati, geben Sie mir!

_Stoneberg_: Ich werde sie Ihnen geben. Aber lassen Sie mich jetzt reden.
Ich werde es schlechter machen als Sie, wenn ich auch die rechten Worte
habe. Sie haben den rechten Ton. Der geht in die Seele tief hinein. Ich
wute nicht mehr, da ich eine Seele habe. Durch Sie, durch Ihr Wesen,
durch Ihr.... ja, sehen Sie, ich wei wirklich nicht weiter -- ich liebe
Sie.

_Katya_ (steht langsam auf, die Augen starr auf ihn geheftet).

_Stoneberg_ (leidenschaftlich werdend): Ich will vor Ihnen nicht mehr
lgen. Ich liebe Sie -- seit dieser Stunde. Aber ich verlangte nach Ihnen,
leidenschaftlich, ehrlos, schon viele Nchte. Ich hatte nur eine Begierde:
Sie zu kssen. Jetzt habe ich nur einen Wunsch: vor Ihnen zu knieen.

_Katya_: Ihre Worte klingen gut, aber kann ich nicht geben Glauben. Lassen
mich gehen mit Amati und geben mir Hand als gute Freund.

_Stoneberg_: Nein.

_Katya_: Dann Sie haben nicht Liebe fr mich. Nur Leidenschaft.

_Stoneberg_: Ich habe die wahre Liebe fr Sie. Nehmen Sie die Amati -- als
Brautgeschenk. Werden Sie mein Weib.

_Katya_: Ah -- die Amati--

_Stoneberg_ (leise): Werden Sie mein Weib.

_Katya_: Nein. Lieb' ich Sie nicht.

_Stoneberg_: Sie haben Vertrauen zu mir. Sie werden's lernen mir gut sein.

_Katya_: Lernt man nicht.

_Stoneberg_: Ich liebe Sie so unendlich--

_Katya_: Glauben Sie -- aber ist nicht Wahrheit. Haben mir jetzt gesagt
viel Worte mit schner Klang, nicht eine Mal meiner Nam', weil steht
meiner Nam' nicht in Ihre Herz. Er haben mir nur gesagt meiner Nam', haben
geschrien meiner Nam' im Tod....

_Stoneberg_: Wer? wer?

_Katya_ (eintnig): War arme Junge. Sohn von alte Frau, wo ich haben
gewohnt in Praha. Haben mich sehr geliebt. Und ich -- war ich jung und
war er schne Bursch, wr' ich vielleicht gelaufen mit ihm betteln auf
Landstrae ohne Ring an Finger und ohne Segen in Kirche. Aber der gndige
Herr -- haben er verlangt groe Opfer und hab' ich gegeben ihm. Habe gesagt
nein zu armer Junge. Bin gefahren hinaus in Welt und er haben geworfen
sich vor der Pferde und geschrien meiner Nam': Katya, Katya! -- Oh er haben
geliebt mich recht.

_Stoneberg_: Aber begreifen Sie denn nicht, da die Natur eines jeden
Menschen sich anders uert?

_Katya_: Ist nur eine Liebe. Liebe immer gleich.

_Stoneberg_: Ich mag's glauben, da jener Ihnen seine Liebe anders
gestanden hat. Ich glaub's nicht, da er Sie mehr geliebt hat als ich. Ich
mache Sie zu meinem Weib. Ich trete mit meinem Namen, mit meiner Ehre fr
das Weib ein. Das ist nicht wenig vor der Welt, denn die Welt kennt Sie
nicht, wie ich. Und dennoch bin ich bereit, Sie auf meinen Armen wie eine
Knigin durchs Leben zu tragen, Allen zum Trotz.

_Katya_ (leise): Ist Wahrheit, was er sagen. Sehr Wahrheit. Aber wrde er
nicht sagen mir, wenn er liebte mich.

_Stoneberg_: Glauben Sie mir nun?

_Katya_: Glaube ich, da Sie wrden haben wahre Liebe, wenn mten leiden
eine groe, groe Weh um mich. Jetzt -- nein.

_Stoneberg_ (wendet sich von ihr): Gute Nacht.

_Katya_ (geht ein paar Schritte, wendet sich zgernd um) Und -- der Amati
-- darf ich nicht nehmen ihr mit?

_Stoneberg_: Nein.

_Katya_ (steht, mit sich kmpfend, an der Thre): Der Amati -- o der Amati
-- (Kehrt um). Bitte, schauen Sie mir in Gesicht. Habe ich Ihnen gesagt,
da ich nicht liebe Sie. Wollen Sie meiner dennoch?

_Stoneberg_: Ich will, ich will! Denn ich wei, da Sie mich lieben werden.

_Katya_: Wollen Sie helfen mir werden immer besser in meine Kunst?

_Stoneberg_: Ich werde ehrgeiziger sein als Sie.

_Katya_: Wollen Sie nicht haben Zorn, wenn ich mache Fehler in Leben und
mit gute Wort mir sagen wie ich soll machen anders?

_Stoneberg_ (neigt sein Haupt auf ihre Hnde): Ich habe Ihnen nichts zu
sagen.

_Katya_: So -- so werd' ich sein Ihre Weib.

_Stoneberg_ (fllt in wortloser Bewegung vor ihr auf die Knie): -- Dank.

_Katya_: O nein. Wissen nicht, ob Sie haben Dank mir.

_Stoneberg_: Sie werden's nicht bereuen, Sie werden Ihr Wort nicht
zurcknehmen?

_Katya_: Nein.

_Stoneberg_: Ich frchte mich -- ich frchte mich, Sie zu verlieren. Sie --
Sie werden mein Weib?

_Katya_ (langsam): Meine Ehrenwort.

_Stoneberg_: Ihr Ehrenwort? Wissen Sie, was das bedeutet? Wissen Sie's?

_Katya_: O ja. Hab' ich jetzt Ring an Finger. Meine Ehrenwort.

_Stoneberg_ (hlt einen Moment stumm ihre Hand. Nimmt dann die Amati, giebt
sie Katya): Ihr Brautgeschenk.

_Katya_ (schreit auf, pret die Geige in die Arme, kt sie. In namenlosem
Jubel): Mein, mein!

_Stoneberg_ (fr sich, auf Katya blickend): Mein.

_Katya_: O -- o die kleine, braune Ding, wie ich ihr liebe. Wird sie helfen
mir, wenn ich suche rechte Ton fr gndige Herr. Werd' ich knnen spielen,
wie ich habe getrumt seit Jahre. Werd' ich finden eine Mal, eine Mal in
meiner Leben Glck.

_Stoneberg_ (fr sich): Welche Schnheit, welche Kraft! Ich liebe -- ich
frchte sie. Aber ich lasse sie nicht. Und mte ich um sie ringen -- mit
ihr selbst.

_Katya_: Hab' ich einer groen Bitte an Sie. Kann nicht erwarten zu hren
Amati. Mchte spielen Melodie, erste, die habe ich gehrt von Beethoven als
kleine Kind. Wollen begleiten mich auf Klavier. Bitte, bitte!

_Stoneberg_: Kind, groes Kind! Wenns Dir Freude macht -- (Katya zuckt
leicht zusammen). Aber ich kann den Satz nicht auswendig.

_Katya_: Wird sein hier unter Noten. Sehen wohl -- hier Beethoven.

_Stoneberg_ (nimmt den Band, setzt sich ans Klavier, schlgt auf. Katya
behlt von jetzt bis zum Schlu die linke Seite, zwar so, da sie sich
immer mehr der Beethovenbste nhert).

_Stoneberg_: Ja, hier stehts.

_Katya_: Spielen immer zu. Geh' schon mit. Aber Tempo zu schnell nicht. So.
(Taktiert mit dem Bogen.)

_Stoneberg_ (spielt prfend die ersten Takte): So recht?

_Katya_: Ja. Eins, zwei--

(Katya und Stoneberg spielen den Satz durch. Nach dem Schlu lt Katya
Bogen und Geige sinken, unbeweglich vor sich hinstarrend.)

_Stoneberg_ (steht auf, sehr erschttert): Heute habe ich die Melodie zum
ersten Mal gehrt. Sind Sie zufrieden mit sich -- und der Amati?

_Katya_ (reicht ihm die Geige hin): Da.

_Stoneberg_: Was soll das? Sie geben sie mir wieder?

_Katya_ (wie in einer Vision unbeweglich): Habe ich gehrt reden zu mir
seine Stimme aus kleine, braune Ding und sagen gewaltige Wort. Von Snde,
die trgt nicht Namen von Snde, von Verbrechen, die trgt nicht Namen von
Verbrechen, von Schande, die trgt nicht Namen von Schande. Und will ich
thun Snde, will ich thun Verbrechen, will ich thun Schande.

_Stoneberg_: Was geht in Ihnen vor? Um Gotteswillen, sehen Sie mich an,
einmal--

_Katya_: Will ich werden seine Weib! Und habe nicht Gefhl zu gehen mit ihm
auf Landstrae betteln, hungern, sterben. Ah, ah, will ich reien von mir
meiner Ehre -- denn keine Ring an Finger und keine Segen in Kirche kann
machen mich zu seine ehrliche Weib!

_Stoneberg_ (sehr bleich, atemringend): Sie -- steigern sich mit aller
Gewalt in eine Einbildung hinein. Wren Sie nur einen Moment ruhig, Sie
wrden fhlen, da es vor allem Snde ist, das Glck eines Menschenlebens
zu zertreten.

_Katya_: Ueber Glck stehen Ehre und meiner Ehre sein mehr wert als
Menschenleben tausend! Haben es gesagt gndiger Herr zu mir, und sollen er
haben nicht gesprochen fr nichts.

_Stoneberg_: Und hat er Ihnen auch von Ihrem -- Ehrenwort gesprochen?

_Katya_ (aufschreiend): Meine Ehrenwort! (Sehr leise): Bitte.

_Stoneberg_: Reden Sie nicht! Bitten Sie nicht! Jeder Laut von Ihren Lippen
macht mich unfhiger, Sie zu lassen. Ich knnte Sie sterben sehen, ehe ich
Sie freigebe!

_Katya_ (ganz gebrochen, fllt vor ihm auf die Knie): Seien Sie Erbarmen!
Geben Sie mir wieder meine Ehrenwort!

_Stoneberg_: Nein.

_Katya_ (hebt die gerungenen Hnde zu ihm empor): Geben Sie mir wieder--

_Stoneberg_: Nie, ich schwr' Dir's, nie!

_Katya_ (springt auf): So mu ich brechen meine Ehrenwort -- mitten
entzwei. (Stt sich mit einer raschen kleinen Bewegung den Dolch in die
Brust.)

_Stoneberg_: Nicht -- nicht -- o Gott!

_Katya_ (steht noch einen Augenblick aufrecht): Meine gndige Herr werden
verzeihen mir. (Sinkt langsam an der Beethovenbste nieder.)

_Stoneberg_ (hat unterdessen die Thr aufgerissen): Rennen Sie zu
einem Arzt, schnell, aber erst Wasser, es ist ein Unglck -- (zu Katya
zurckkehrend) -- und mute das geschehen -- o Du, Du!

_Katya_: Lassen doch! Ist Bestes fr mich, sterben fr meine Glauben. Hab'
ich gespielt deiner Melodie doch gut. Nicht wahr -- =milost pane?= (Sie
sinkt tot zurck.)

_Stoneberg_ (beugt sich ber sie, fllt dann vor ihr nieder): Katya, Katya!


Ende.




Druck von Leistner & Drewfs, Magdeburg.




Von Ernst Rosmer sind erschienen:


  #Wir Drei.# Schauspiel, Verlag von =Dr.= _Albert_ & Co.
          Separatconto in Mnchen.

  #Dmmerung.# Schauspiel, Verlag von _S. Fischer_ in Berlin.




=S. Fischer, Verlag, Hofbuchhandlung, Berlin W.=


Moderne Dramen.

  #Herm. Bahr#, Die husliche Frau. Lustspiel.                Geh.M.1.50.

  #Edvard Brandes#, Ein Besuch. Schauspiel.                   Geh.M.1.--.

  #Max Dreyer#, Drei. Drama.                                  Geh.M.1.50.

  #Edmond# und #Jules de Goncourt#, #Henriette Marchal#.
          Uebers. v.Fritz Mauthner. Schauspiel in 3Akten.   Geh.M.1.--.

  #Max Halbe#, Eisgang. Ein modernes Schauspiel.
                                               Geh.M.1.50, gebd.M.2.50.

  #Max Halbe#, Jugend. 2.Aufl. Ein Liebesdrama.              Geh.M.2.--.

  #Max Halbe#, Der Amerikafahrer. Ein Scherzspiel.            Geh.M.2.--.

  #Gerhart Hauptmann#, Vor Sonnenaufgang. Soziales Drama. 6.Aufl.

  #Gerhart Hauptmann#, Das Friedensfest. Eine Familienkatastrophe.
          Bhnendichtung. 2.Auflage.

  #Gerhart Hauptmann#, Einsame Menschen. Drama. 3.Auflage.

  #Gerhart Hauptmann#, Die Weber. Schauspiel aus den vierziger Jahren.
          Uebertragung. 6.Auflage.

  #Gerhart Hauptmann#, College Crampton. Komdie i.5Akten. 2.Aufl.

  #Gerhart Hauptmann#, Der Biberpelz. Eine Diebskomdie. 2.Aufl.
          Jeder Band                           geh.M.2.--, gebd.M.3.--.

  #Gerhart Hauptmann#, Hannele. Eine Traumdichtung. Reich illustrirt.
                                  Geh.M.5.--, in Prachtband geb.M.7.50.

  #Otto Erich Hartleben#, Hanna Jagert. Comdie.              Geh.M.2.--.

  -- Angele. Comdie.                                         Geh.M.0.75.

  -- Henrik Ipse, Der Frosch. Familiendrama.                     Geh.1.--.

  -- Die Erziehung zur Ehe. Satire.                                M.2.--.

  -- Ein Ehrenwort. Schauspiel.                               Geh.M.2.--.

  #Hollaender-Land#, Die heilige Ehe. Schauspiel.             Geh.M.2.--.

  #Maurice Maeterlinck#, Prinze Maleine. Drama.                 Geh.2.--.

  #Ernst Rosmer#, Dmmerung. Schauspiel.                           M.2.--.

  #Johs. Schlaf#, Meister Oelze. Drama.            Geh.M.2.--, geb.3.--.

  #Graf Leo Tolstoi#, Macht der Finsterni.                   Geh.M.1.--.

  #Graf Leo Tolstoi#, Frchte der Aufklrung.                 Geh.M.1.--.

  #Emile Zola#, Naturalistische Dramen. Inhalt: Therese Raquin. -- Rene.
                                                              Geh.M.1.50.


Werke von John Henry Mackay.

  #Kinder des Hochlands.# Dichtung.                           Geh.M.1.--.

  #Dichtungen.#                                Geh.M.2.--, gebd.M.3.--.

  #Fortgang.# Der Dichtungen 1.Folge.        Geh.M.2.--, gbd. M.3.--.

  #Im Thringer Wald.# Lieder.                                Geh.M.-.50.

  #Moderne Stoffe.# 2Berl. Novellen.          Geh.M.2.--, gebd.M.3.--.

  #Schatten.# Novellistische Studien.          Geh.M.2.--, gebd.M.3.--.

  #Anna Hermsdorff.# Trauerspiel.                             Geh.M.1.--.

  #Die Menschen der Ehe.#                      Geh.M.1.50, gebd.M.2.50.

  #Die letzte Pflicht.# Eine Geschichte ohne Handlung. 1893.
                                                    M.2.--, gebd.M.3.--.


Moderne Romane, Novellen.

  #Herm. Bahr#, Die gute Schule. Ein moderner Roman.
                                                Geh.M.3.--, geb.M.4.--.

  #Herm. Bahr#, Dora. Wiener Geschichten.                     Geh.M.2.--.

  #Herm. Bahr#, Neben der Liebe. Sittenroman.                 Geh.M.3.--.

  #Herm. Bahr#, Antisemitismus. Ein internationales Interview.
                                                              Geh.M.2.--.

  #G. v.Beaulieu#, Das weibliche Berlin.      Geh.M.1.50, gebd.M.2.50.

  #Ed. Bellamy#, Frulein Ludingtons Schwester. Roman ber die
          Unsterblichkeit der Seele.            Geh.M.1.--, geb.M.2.--.

  #Fedor Dostojewski#, Der Gatte.               Geh.M.3.50, geb.M.4.50.

  -- Der Idiot. Roman in 3Bnden.       Geh.M.6.--, eleg. gebd.M.9.--.

  -- Der Spieler. Roman aus dem Badeleben.                    Geh.M.3.--.

  #Gust. Falke#, Aus dem Durchschnitt. Roman aus dem Hamburger Leben.
                                                Geh.M.2.--, geb.M.3.--.

  #Arne Garborg#, Bei Mama. Roman eines Mdchens.
                                               Geh.M.3.50, gebd.M.4.50.

  #Arne Garborg#, Mde Seelen. Roman.          Geh.M.3.50, gebd.M.4.50.

  #Arne Garborg#, Frieden. Roman.              Geh.M.3.50, gebd.M.4.50.

  #Edmond de Concourt#, Die Brder Zemganno. Roman aus dem Circusleben.
                                               Geh.M.3.50, gebd.M.4.50.

  #Gerhart Hauptmann#, Der Apostel. Novellistische Studien.
                                               Geh.M.1.50, gebd.M.2.50.

  #Knut Hamsun#, Hunger. Natur. Roman.         Geh.M.2.--, gebd.M.3.--.

  #Jul. Hart#, Sehnsucht. Eine Liebesgeschichte.    M.2.--, gebd.M.3.--.

  #Otto Erich Hartleben#, Die Serenyi. Zwei verschiedene Geschichten.
                                                              Geh.M.1.50.

  #Otto Erich Hartleben#, Die Geschichte vom abgerissenen Knopfe.
          4.Auflage.                                         Geh.M.2.--.

  #Felix Hollaender#, Jesus und Judas. Ein moderner Roman. 3.Auflage.
                                               Geh.M.3.50, gebd.M.4.50.

  #Felix Hollaender#, Magdalene Dornis. Ein moderner Roman. 2.Auflage.
                                               Geh.M.3.50, gebd.M.4.50.

  #Felix Hollaender#, Frau Ellin Rte. Aus dem Leben einer jungen Frau.
          4.Auflage.                          Geh.M.3.50, gebd.M.4.50.

  #J. P. Jacobsen#, Novellen.                  Geh.M.1.50, gebd.M.2.25.

  #Alexander L. Kielland#, Johannisfest.       Geh.M.2.--, gebd.M.3.--.

  #Hans Land#, Mutterrecht. Eine Novelle.                     Geh.M.1.--.

  #John Henry Mackay#, Die Menschen der Ehe.                  Geh.M.1.50.

  #John Henry Mackay#, Die letzte Pflicht.                    Geh.M.2.--.

  #Meier-Graefe#, Nach Norden. Roman.             Geh.M.3.50, gebd.4.50.

  #Ernst Rosmer#, Madonna. Novellen.              Geh.M.3.--, gebd.4.--.

  #Rudolph Schmidt#, Novellen.                    Geh.M.3.--, gebd.4.--.

  #Johs. Schlaf#, In Dingsda.                     Geh.M.2.--, gebd.3.--.


A. Seydel & Cie., BerlinC., Neue Friedrichstr.48.




[ Hinweise zur Transkription


Der Zweittitel wurde entfernt.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=, #fett#.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen,

  Seite 14:
  ":" eingefgt
  (tausend unntze bunte Schelchen: Zeitungshalter, Sofaschoner)

  Seite 29:
  ".." gendert in "..."
  (Und so gut erzogen, so rhrend ungalant...)

  Seite 30:
  "." eingefgt
  (Nervenfieber. Hat sich beim Examen berarbeitet)

  Seite 35:
  "." eingefgt
  (Unser philosophischer Graf bleibt auch zu Hause.)

  Seite 39:
  "j.. ja" gendert in "j... ja"
  (J... j... ja.)

  Seite 43:
  "." eingefgt
  (Ich habe mich noch nie um diesen Ruhm bemht.)

  Seite 48:
  Absatz eingefgt hinter "lesen."
  (Ich habe keine Zeit, es zu lesen.)

  Seite 57:
  "sechszehn" gendert in "sechzehn"
  (Sie ist sechzehn Jahre und hat goldene Locken)

  Seite 62:
  "." eingefgt
  (Ich spiele meine Partie vortrefflich.)

  Seite 69:
  ".." gendert in "..."
  (Er kann spielen ... aber ich habe die Sonate)

  Seite 70:
  "," entfernt hinter "diesen"
  (Verlangen in mir, diesen Knaben zu zwingen)

  Seite 71:
  "vosichtig" gendert in "vorsichtig"
  (Sie mu vorsichtig gewhlt werden.)

  Seite 78:
  "," eingefgt
  (zerdrckten, vom Waldboden beschmutzten Kleider verbergen)

  Seite 79:
  "." eingefgt
  (Mit einem Ruck sprang er auf.)

  Seite 82:
  "nnd" gendert in "und"
  (trete an den Toilettentisch und schtte mir)

  Seite 82:
  "." eingefgt
  (ein wenig =eau de Cologne= aufs Taschentuch.)

  Seite 103:
  "mindenstes" gendert in "mindestens"
  (zeigte nur zu deutlich, da er mindestens)

  Seite 105:
  "Korallenohringen" gendert in "Korallenohrringen"
  (mit groen Nasenlchern und falschen Korallenohrringen)

  Seite 112:
  "vereidigen" gendert in "verteidigen"
  (Und doch htte er sich nicht besser verteidigen knnen.)

  Seite 118:
  "," eingefgt
  (Dinge, die er nicht mehr hatte anbringen knnen.)

  Seite 124:
  "jmmerlicheu" gendert in "jmmerlichen"
  (Sie war schn in dem jmmerlichen zigeunerhaften Aufputz.)

  Seite 125:
  "." eingefgt
  (Rote Wangen und rote Lippen.)

  Seite 126:
  "Ausruck" gendert in "Ausdruck"
  (kte sich mit einem seltsamen Ausdruck auf die Schultern)

  Seite 149:
  "," eingefgt
  (Klappt seinen Cylinder zusammen, trgt den Ueberrock)

  Seite 149:
  "nm" gendert in "um"
  (eine Amati handelt, um diese Amati!)

  Seite 155:
  "." eingefgt
  (Sie nicht sind Freund von mir.)

  Seite 157:
  "hab" gendert in "hab'"
  (So hab' ich gehabt Aufmerken fr Sie)

  Seite 160:
  "." entfernt hinter "sein"
  (geworden sein Weib ohne Ring an Finger)

  Seite 163:
  "hab" gendert in "hab'"
  (Aber hab' ich in Herz Rechtes)

  Seite 164:
  "Tief" gendert in "tief"
  (Der geht in die Seele tief hinein.)

  Seite 165:
  "Nam" gendert in "Nam'"
  (haben geschrien meiner Nam' im Tod)

  Seite 172:
  ":" eingefgt
  (_Stoneberg_ (hat unterdessen die Thr aufgerissen):) ]







End of the Project Gutenberg EBook of Madonna, by 
Elsa Bernstein and Ernst Rosmer [pseud.]

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MADONNA ***

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1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
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this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
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a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
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States.

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access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
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posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
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with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
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through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
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1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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is also defective, you may demand a refund in writing without further
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1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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