The Project Gutenberg EBook of Das groe Jagen, by Ludwig Ganghofer

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Title: Das groe Jagen

Author: Ludwig Ganghofer

Release Date: November 1, 2018 [EBook #58219]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GROE JAGEN ***




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  Grote'sche Sammlung von Werken zeitgenssischer Schriftsteller Band 133:


                            Das groe Jagen

                     Roman aus dem 18. Jahrhundert

                                  von

                           Ludwig Ganghofer

                            [Illustration]

                      Zweiunddreiigstes Tausend

                   G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
                              Berlin 1918




Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung in andere Sprachen,
vorbehalten. Copyright by G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung in Berlin
1918. Initialen und Einbandzeichnung von Friedrich Felger. Druck von
Fischer & Wittig in Leipzig




Das groe Jagen




Kapitel I


Am zweiten Februar des Jahres 1733, am Lichtmeabend, peitschte der
strmische Westwind ein dickwirbelndes Schneetreiben durch die Gassen
von Berchtesgaden. An den Husern waren alle Flurtren versperrt,
alle Fensterlden geschlossen. Obwohl die Polizeistunde noch nicht
geschlagen hatte, war auf der Marktgasse kein Mensch mehr zu sehen.

Das dunkle Huserschweigen in dem weien Gewirbel hatte trotz allem
Lrm des Sturmwindes etwas Friedliches. Dieser Friede erzhlte von
sorglosen Menschen in gemtlichen Stuben. Eine grauenvolle Lge! In
Erregung, in Zorn und Sehnsucht pochten hinter den verriegelten Tren
Hunderte von verstrten Herzen. Zwischen den stillen Wnden wohnte
die Ratlosigkeit neben Ha und Angst, feiges Mitrauen neben dem Mut,
duldende Strke neben der hmischen Bosheit, nicht immer geschieden
durch Tr und Mauer. Kampf und Erbitterung schwelte, wie zwischen
Nachbar und Nachbar, auch zwischen Mann und Weib, zwischen Bruder und
Schwester, zwischen Vater und Sohn.

An allem Frchterlichen, das sich einsperrte in die Stuben, brauste der
wirbelnde Schnee vorber.

Auf den Trmen des Stiftes und der Franziskanerkirche schlugen die
Glocken im Sturm die neunte Stunde. Unter dem Rauschen des Windes
war es ein milder Hall. Wie eine warme Gottesstimme sprach er zu dem
frierenden Leben, das nur lauschte auf den eigenen Zorn und die eigene
Sehnsucht. Dann wieder die stumme Gassentrauer unter dem wehenden
Flockenfall.

Aus dem Husergewinkel, das die nrdliche Stiftsmauer umzog, kmpfte
sich ein schwarzgekleideter Mensch heraus, den Kopf mit der Pelzkappe
gegen den Wind geschoben, die Arme unter dem Radmantel. Immer dicht
an den Husern hin und rasch in eine Gasse. Ein Pfiff, wie der
Schlag einer Amsel. An einem schmalen Steingebude, das sich von den
Nachbarhusern auffllig unterschied, ffnete sich die Tr ein bichen
und eine greise Stimme fragte im Hausdunkel: Hochwrden?

Komm! Auch diese Stimme klang nimmer jung.

Eine kleine Mannsgestalt in zottigem Fuchspelz mit dicker Kapuze
huschte aus dem Haus und schlo die Tre, die von innen verriegelt
wurde. Wortlos, der Kleine neben dem anderen, der gro und hager war,
schritten die beiden quer ber das Ende der Marktgasse, vorber am
neuen Pflegeramt, vorber an den Stallungen des alten Leuthauses. In
der halb bebauten Strae, die zur Franziskanerkirche fhrte, traten sie
in einen mit hohen Bretterplanken umzunten Garten. Auch hier ffnete
sich die Haustr wie von selbst. Aus der Finsternis des Flures sprach
eine Mdchenstimme: Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter
Marie!

Der Kleine im Fuchspelz antwortete zaghaft: Von nun an bis in
Ewigkeit, Amen! Und der andere sagte, als er in das Dunkel hineintrat:
Schau nur, Luisa, wie gut du den Bekenntnisgru zu brauchen weit!
Seine Stimme hatte einen heiteren Ton: Jetzt hast du wieder dreiig
Wochen Abla gut! Tust du denn in deinem jungen Leben des Bsen so
viel, da du deine knftige Fegfeuerzeit so fleiig verkrzen mut?

Hochwrden, ich mag das nit, wenn Ihr so redet! Das junge Mdchen
verriegelte die Haustr. Ein geweihter Priester sollt ernst nehmen,
was heilig ist.

Luisichen! Oft wohnt von allem Ernst der tiefste hinter einem
hilfreichen Lachen.

Der Kleine hatte den Pelz abgelegt. Jetzt nahm auch der Geistliche den
Mantel herunter, und da quoll ein Lichtschein auf, als htte Luisa die
Blechmaske an einer Blendlaterne gehoben. Der helle Strahl berglnzte
die beiden Mnner. Der Kleine trug das Berchtesgadnische Brgerkleid
mit der Bundhose ber den weien Strmpfen und mit dem braunen
Faltenkittel, ber dessen Kragen sich die weie Hemdkrause herauslegte.
Ein scharf geschnittener Judenkopf mit blassem Gesicht. Der Spitzbart
so wei wie die hohe Stirn. Unter dem Lederkppchen quollen graue
Locken heraus. Zwei stille, heiglnzende Augen. Das war der aus
Salzburg nach Berchtesgaden zugesiedelte Arzt und Handelsmann Simeon
Lewitter, der vor fnfzehn Jahren bei einem Judenkrawall das Weib und
seine zwei Kinder verloren und in der Verstrtheit dieser Gruelnacht
die Taufe empfangen hatte. Fr die Bauern galt er noch immer als
der Jud, geno aber als Leibarzt des Frstpropstes zu Berchtesgaden
leidliche Sicherheit. Nur die Trauer seiner Augen erzhlte von den
Schmerzen einer vergangenen Zeit. Der schmale Mund unter dem weien
Barte hatte das Lcheln einer steingewordenen Geduld.

Neben diesem scheuen Greise sah der katholische Priester, der seit
sieben Jahren emeritierte Stiftspfarrer Ludwig, fast wie heitere Jugend
aus, die sich als Alter vermummte. Schon ein bichen gebeugt, war
doch in seinem sehnigen Krper noch lebhafte Beweglichkeit. Er machte
auch eine gute Figur in dem geflgelten Schwarzrock mit den weien
Bffchen, in der seidenen Bundhose mit Strmpfen und Schnallenschuhen.
Den geschnrkelten Lockenbau, der bei den Herren Mode geworden,
verschmhte er. Glattstrhnig hingen die aschfarbenen Haare um das
rasierte Gesicht, in dessen Fltchen ein Spiel von freundlicher
Spottlust zwinkerte. Er hatte zwei braune haarborstige Warzen, die
halb entstellend wirkten und halb wie eine drollige Parodie auf die
Schnheitspflsterchen der vornehmen Damen waren: eine kleine auf
dem linken Nasenflgel, auf der rechten Wange eine groe, die sich
sonderbar verschob, so oft der Pfarrer lachte. Wenn er ernst war, bekam
sein Gesicht durch diese Warzen etwas Grausames und Hexenmeisterhaftes.
Das verschwand aber gleich, sobald seine Augen heiter wurden, diese
hellblauen Augen, die im Gesicht des Siebzigjhrigen noch wie die Augen
eines lebensglubigen Jnglings glnzten.

Luisichen? fragte er munter. Warum beleuchtest du mich so scharf?
Magst du nit lieber dich selber illuminieren? Zum Erquicken unserer
mden Mnnerseelen? Lachend nahm er die Blendlaterne aus Luisas Hand
und richtete den Lichtkegel auf ihr Gesicht.

Eine Achtzehnjhrige von herber Schnheit, ber ihr Alter gereift
in einer Zeit, in der die Redlichen ein hrteres Leben hatten als
die Gewissenlosen. Braunblonde Zpfe lagen gleich einem schweren
Seilgeflecht um die Stirne. Der Mund war wie ein strenges
Siegel dieses jungen, schon geprften Lebens und zeigte doch das
Rot einer Kirsche, die reifen will. In den dunklen Augen war
ein fast ekstatischer Glanz. Oder kam das vom Widerschein des
blendenden Lichtstrahls? Der zeigte auch das rote, mit Silberblumen
bestickte Mieder, aus dem sich die weien Glocken der Spitzenrmel
herausbauschten. Eine zarte Gestalt, in der sich das junge Weib zu
formen begann.

Auf der Wange des Pfarrers hpfte die groe Warze. Luisichen? Hast
du dich fr uns zwei Alten so wohlgefllig gemacht? Oder hat dein
schmucker Abend einem Jngeren gegolten?

In Unmut zog das Mdchen die Brauen zusammen: Ob jung oder alt, das
frag ich nit. Mir gilt: getreu oder schlecht, Christ oder Gottesfeind.
Und heut am Morgen hab ich den heiligen Leib genossen. Da trag ich
mein bestes Gewand, bis ich schlafen geh. Man mu sich innen und auen
unterscheiden von den Gottlosen.

Der Pfarrer blieb stumm. Aus seinen Augen sprach Erbarmen mit dieser
freudlosen, von aller Hrte der Zeit gegeielten Mdchenseele.

Droben ein Schritt. Licht fiel ber die Stiege herunter. Seid ihr's?
fragte eine erregte Stimme. Ich hab schon geforchten, ihr knntet
ausbleiben, wegen des schiechen Wetters.

Meister, da kennt Ihr uns schlecht. Der Pfarrer lachte, nicht ganz so
froh, wie eine Minute frher. Wir kommen zu unserem lieben Abend, da
kann es schneien oder lenzen, Mistgabeln oder Kapuziner regnen.

Die beiden wurden droben von einem Fnfundvierzigjhrigen empfangen,
der hnlich gekleidet war wie Lewitter. Ein mhniger Kopf mit langem
Bart, dessen helles Braun schon Silberstriche hatte. Unter den
Brauenbogen fieberten zwei dunkle Augen mit dem Trauerblick einer
gequlten Menschenseele. Es waren die gleichen Augen, wie die Tochter
sie hatte, das einzige Kind des Bildhauers Nikolaus Zechmeister.
Die Nhe der Gste lie den Hausherrn aufatmen, als kme jetzt eine
bessere Stunde seines Lebens. Und es war ein seltsamer Gru, den die
drei einander zuflsterten: Mensch bleiben! Den Hndedruck mute
Meister Niklaus mit der Linken erledigen. Vor siebzehn Jahren hatte
man ihm zu Hallein die Schwurhand auf dem Block vom Arm geschlagen,
weil er gegen seinen Untertaneneid zwei evangelischen Inkulpaten,
hinter denen die Soldaten Gottes her waren, zur Flucht verholfen hatte.
Sein Weib war gestorben vom Schreck. Und das Kind hatte man dem der
Irrlehre Verdchtigen weggenommen und zu gutchristlicher Erziehung
in ein Kloster gegeben. Erst seit dem verwichenen Herbste war Luisa
wieder daheim -- als Wchterin des Vaters, um ihn zu behten vor einem
Rckfall in den evangelischen Wahn.

Am rechten Arm trug Meister Niklaus in braunem Lederhandschuh eine
knstliche Holzhand, die er durch einen sinnreichen Mechanismus zur
Mithilfe bei seiner Arbeit belebt hatte. Zwlf Jahre lang, bis die
linke Hand sich zu schulen begann, war er seinem Beruf entzogen. Um
Arbeit zu haben, hatte er in dieser Zeit fr die Schnitzereien der
Berchtesgadnischen Heimarbeiter ein Verlegergeschft begrndet, bei dem
er, ein wohlhabender Mann, fr die Notstillung seiner Dienstgesellen
oft mehr verbrauchte, als er von ihrer Ware fr sich selbst gewann.
Seit fnf Jahren gehrte Meister Niklaus wieder seiner Werksttte,
in der sich Kunst und Handwerk miteinander verschwisterten. Aber so
frhlich, wie er als junger Mann gewesen, wurde er nimmer. Und seit der
Heimkehr seiner Tochter schien er ernster, als er es je in der Zeit
seines Leidens war.

Whrend Lewitter in die helle Stube trat, rief Niklaus ber das
Stiegengelnder hinunter: Gelt, Luisa, bring uns nur gleich den warmen
Trunk!

Wohl, Vater!

Der Meister blieb ber das Gelnder gebeugt, als htte er Sehnsucht,
noch ein Wort seines Kindes zu hren. Da legte ihm Pfarrer Ludwig die
Hand auf die Schulter: Niklaus? Wird's besser mit euch beiden?

Der andere schttelte den Kopf. Sie glaubt nit, da ich glaub.

Der Pfarrer bekam das grausame Gesicht. Viel Ding im Leben hab ich
verstanden. Eins versteh ich nimmer: wie der Herrgott es dulden kann,
da man in seinem Namen die Seelen der Menschen frieren macht? Kann
sein, da Gott sein heit: in alle Ewigkeit fr uns Menschen ein Rtsel
bleiben.

Ein bitteres Lcheln zuckte um den Mund des Meisters: Htt mein Mdel
das gehrt, so tt sie nach dem Klosterbchl ausrechnen, wieviel
Jahrhundert Fegfeuer das wieder kostet.

Die beiden traten in die Stube. Als die Tr geschlossen war, legte
Pfarrer Ludwig herzlich den Arm um die Schultern des Hausherrn: Du?
Wenn die drei allein waren, duzten sie einander. Glaubst du, da ich
die Menschen kenn?

Aus dem Beichtstuhl hast du tief hinuntergeschaut in ihre Seelen.

Noch tiefer in der Sonn, die ich auerhalb der Kirch gefunden. Und ich
sag dir das voraus: in deinem Mdel wird das rechte Leben noch blhen,
wie am Johannistag die Rosen in deinem Garten.

Gott soll's geben!

Was fr einer? Die groe Warze tnzelte. Der meinige, der deinige,
der seinige? Bei diesem letzten Worte deutete Pfarrer Ludwig auf
Lewitter, der die Brust an den warmen Kachelofen prete und dieses
Kunstwerk des hilfreichen Menschengeistes mit den Armen umschlang,
schauernd vom Gassenfrost, frierend in der Klte seines alten, einsamen
Lebens.

Unter dem reichbesteckten Kerzenrade stand auf rundem Tisch ein
Schachbrett und daneben ein Krbchen mit den geschnitzten Beinfiguren.
Whrend der Meister das Spiel zu stellen begann, warf er lauschend
einen Blick zur Tr und fragte flsternd: Hast du Botschaft aus
Salzburg?

Der Pfarrer nickte. Seit das groe Jagen begonnen hat, sind's nach der
letzten Zhlung dreiig Tausend und sieben Hundert, die man aus dem
Land getrieben.

Ist das nit Irrsinn? stammelte Niklaus.

Nein, Bruder! Die groe Warze kam in Bewegung. Wie mehr man die Zahl
der Fresser mindert in einem Land, um so fetter werden die Erben. Das
ist die fromme Rechnung unserer Zeit. Wie lnger ich das mit anseh, um
so lustiger macht es mich.

Mensch! Wie kann man das heiter nehmen?

Anders tt man den blen Brocken nit schlucken. Die Zeit ist
so schaudervoll, da man sie nur als eine Narretei des Lebens
beschauen kann. Wollt einer sie ernst nehmen, so mt er an der
Menschheit verzweifeln. Wie mehr man lacht ber ein bses Ding, um so
ungefhrlicher wird es.

Still! mahnte Lewitter. Das liebe Mdel kommt. In seiner Art, zu
sprechen, war kein jdischer Klang. Er sprach, wie Herren reden, die
unter Bauern wohnen. Hastig trat er auf den Tisch zu, stellte die
letzten Schachfiguren und sagte: Heut seid ihr beide am Spiel. Da hab
ich fr euch einen Anfang ausgesonnen --

Luisa trat in die Stube. Auf einer Zinnplatte brachte sie drei Becher,
in denen der Wrzwein dampfte.

So! Und so! sagte Lewitter. Er machte von jeder Seite des Spiels fnf
Zge. Wie gefllt euch das?

Meister Niklaus, seine Erregung verbergend, nickte: Das ist neu.

Aber schn! Der Pfarrer lie sich lachend auf den Sessel nieder. Was
man nit allweil behaupten kann von Dingen, die neu sind.

Luisa hatte die Becher ausgeteilt. Gott soll's den Herren gesegnen.

Lewitter antwortete: Gott soll dir's danken, lieb Kind. Und der
Pfarrer redete frhlich weiter: Wie fein das duftet! Hast du das im
Kloster gelernt?

Ein Zornblick. Die frommen Schwestern haben Wasser getrunken.

Wenn du dabeigewesen bist. Was haben sie geschluckt, wenn du's nit
gesehen hast?

Niklaus, der ein strenges Wort seiner Tochter zu befrchten schien,
sagte rasch: Ich dank dir, Kind! Weiter brauchen wir nichts. Tu dich
schlafen legen!

Ich mu noch schaffen. Sie ma den Vater mit einem Sorgenblick. Auch
beten mu ich. Heut mehr als sonst. Ihre Augen glitten ber die beiden
anderen hin. Dann ging sie.

Lewitter flsterte: Sie hat Mitrauen gegen uns.

So? Meinst du? Der Pfarrer schmunzelte. Dann hat sie ein Nsl, das
so fein ist wie nett.

Ein bichen unwillig sagte der Meister: Warum tust du sie auch allweil
reizen?

Weil's hilfreich ist. Wie soll ein stilles Wsserlein sich bewegen,
wenn man keinen Stein hineinwirft? Aber komm, da steht ein schner
Gedanke auf dem Schachbrett. Wir wollen uns freuen dran! Was Leben und
Welt heit, soll uns weit sein bis um Mitternacht. Der Pfarrer fate
den Becher. Her da! Wrmet den Herzfleck! Lat uns anstoen als treue
Bundesbrder des duldsamen Glaubens! Auf alles Gesunde in den Menschen!
Aller drstenden Hoffnung zum Trost! Auf den Glauben an die gute Zeit!
Auf das totgeschlagene und noch allweil nit wiedergeborene Deutschland!
Auf das kommende Reich, das neu und schn sein wird!

Die drei Becher klirrten ber den Schachfiguren gegen einander und
Niklaus sagte: Wann wird das kommen, da unser Volk und Reich den
ersten Schrei seines neuen Lebens tut?

Simeon verlor das steinerne Lcheln. Am Erlsungsmorgen nach einer
harten, tiefen und gewaltigen Not.

Der Meister nickte. Dann haben wir Hoffnung, da wir es noch erleben.
Hrter und tiefer ist nie eine Not gewesen als die von heut!

Hart und tief! Die Warze im Gesicht des Pfarrers bewegte sich
munter. Blo das Gewaltige fehlt. Wohin man schaut, alles lppisch
und erbrmlich. Das neue Reich erleben wir nimmer. Komm, la uns Freud
haben am schnen Spiel der Stunde! Du, Nicki, mit den Weien hast den
ersten Zug!

Niklaus rckte eine Figur. So, mein' ich, wr's am besten.

Die beiden vertieften sich in das Bild des Schachbrettes. Und Simeon
verfolgte aufmerksam die Zge. Als Pfarrer Ludwig eine Wendung fand,
die den Sieg zu seinen Gunsten vorbereitete, nickte Simeon und erhob
sich. Beim Geschirrkasten fllte er zwei langstielige Tonpfeifen
mit Tabak, brannte sie an einer Kerze an und brachte sie den beiden
Spielern. Er selber rauchte nicht. Um auerhalb des Qualmes zu bleiben,
den die beiden Spieler hinbliesen ber die Schachfiguren, rckte er
ein Stck vom Tische weg. Und als das Spiel dem Ende zuging, streifte
er einen Schuh herunter und zog unter der eingelegten Filzsohle ein
dnnes, eng beschriebenes Blatt hervor.

Was Gutes? fragte der Pfarrer.

Seit langem hab ich Tieferes nit gelesen. Ich hab mir auch schon
berlegt, wie ich's fr euch bersetzen mu.

Hebrisch? Aus deinem Talmud?

Was Besseres.

Wenn *du* das sagst, so mu es eine neue Offenbarung sein. Pfarrer
Ludwig schob das Schachbrett beiseite.

Neu? Was in dem Brief da steht, ist bald an die hundert Jahr alt. Mir
ist's neu gewesen. Das Gute in der Welt hat einen langsamen Weg.

Wer hat's geschrieben?

Erst mut du es hren. Man soll nit den Namen vor das Werk setzen,
sondern das Werk vor den Namen. Lewitter begann mit leiser Stimme
zu lesen, whrend auch Meister Niklaus etwas Heimliches aus dem
Unterfutter seines Kittels herausholte. Nach einer Weile schlug die
alte Kastenuhr die zehnte Stunde. Sie hatte einen tiefen, drhnenden
Ton. Dabei berhrten die drei, da an der Haustr jemand pochte, nicht
laut, doch ungeduldig.

Luisa und die Magd, beim Spinnen in der Kche drunten, vernahmen das
Pochen.

Die Magd erschrak. Es war ein dreiigjhriges, weiblondes Mdel,
das einen wohlgeformten Krper und trumende Augen hatte, doch kein
frohes Gesicht. Mit dreizehn Jahren, bei Luisas Geburt, war die Sus als
Kindsmdel in des Meisters Haus gekommen. Nach dem Tode seiner Frau,
als ihm die Tochter um des reinen Glaubens willen genommen wurde, hatte
die Sus getreu bei dem Einsamen ausgehalten und hatte um seinetwillen
ihre Jugend versumt, sich zerschlagen mit Eltern und Geschwistern, die
es ihr nie verziehen, da sie atmete unter dem Dach eines Verdchtigen.

Beim Hall der pochenden Schlge war sie bleich geworden und hatte vor
Schreck das Spinnrdl umgeworfen.

Bleib, Sus! Ich geh schon! sagte Luisa. In dir ist Angst, in mir ist
Gott. Drum hab ich nit Ursach, mich zu frchten.

Der da drauen mute die Stimme des Mdchens vernommen haben. Das
ungeduldige Pochen wurde still.

Jesus! stammelte Sus. Ob's nit die Schergen sind?

Die kommen zu schlechten Menschen, nit zu uns. Luisa entzndete die
Blendlaterne. Mag sein, man holt den Lewitter zum gndigsten Herrn.
Dem ist zuweilen in der Nacht nit gut. Die ihn verleumden, sagen:
vom vielen Wein. Ich sag: von seiner schlaflosen Sorg um den reinen
Glauben. Sie ging zur Haustr und schob den Riegel zurck.

Der da drauen wollte hastig eintreten. Weil die Tr noch an einer
Kette hing, ffnete sie sich nur um einen schmalen Spalt. Whrend
die Schneeflocken hereinwehten, flsterte in der Nacht eine erregte
Jnglingsstimme: Lieb Mdel! So tu doch auf!

Obwohl sie die Stimme gleich erkannte, fragte sie: Wer pocht so spt
in der Nacht an meines Vaters Haus? Es klang wie Zorn aus ihren leisen
Worten.

Einer, der es gut mit deinem Vater meint.

Mein Vater kann bauen auf Gottes Hilf. Menschenhilf braucht er nit.

Der da drauen schien die Geduld zu verlieren. Sei doch verstndig,
Mdel! Ich will deinen Vater warnen.

Der ist kein Treuloser und Unsichtbarer.

Bei Christi Leiden. Da steh ich in der Nacht und spiel um mein Leben,
weil er dein Vater ist!

Kannst du spielen um dein Leben, so wird es so viel nit wert sein.

Ein zerbissener Laut der Sorge. Dann ein wunderlich wehes Auflachen.
Tust du dich frchten? Vor mir?

Frchten? Weil auf heiligem Kirchgang deine Augen mich beschimpft
haben? So bist du. Frchten tu ich dich nit. Die Trkette klirrte, und
Luisa trat in die Nacht hinaus. Mit der Linken hielt sie die Tre fest,
damit der Schnee nicht hineinwehen mchte in den Flur, mit der Rechten
hob sie die Laterne.

Das Licht umglnzte einen Sechsundzwanzigjhrigen in verschneiter
Jgertracht. Ein junger blonder Bart umkrauste das feste, khne
Gesicht, das so braun von der Sommersonne war, da drei Wintermonate
diese Wangen nicht hatten bleichen knnen. Wie hundert kleine silberne
Mcken flogen die beglnzten Schneeflocken um sein im Winde wehendes
Haar und um die weitgeffneten Augen, in denen Sorge und Sehnsucht
brannten.

Die beiden schwiegen eine Sekunde lang. Dann die strenge Mdchenstimme:
Du bist das Licht nit wert. Es hilft dir lgen und macht dich anders
als du bist! Man hat mir gesagt, du wrst ein Unsichtbarer, wenn die
Sonn am Himmel scheint. Da bleib du auch unsichtbar in der Finsternis!

Das Licht erlosch; nur noch ein schwarzer Schatten stand in dem weien
Gestber, und die ernste Jnglingsstimme klagte: Bist du ein lebiges
Ding mit warmem Blut? Du bist wie zur Winterszeit ein kalter Stein
in deiner Kirch! Ohne zu antworten, wollte Luisa zurcktreten in
den Flur. Da sprang er auf sie zu, umklammerte mit seiner Stahlfaust
ihren Arm, hielt sie fest, wie heftig sie sich auch wehrte, zog sie
so dicht an seine Brust heran, da sie seinen heien Atem empfand,
und flsterte: Willst du deinem Vater die Hausruh wahren, so sag
ihm: >Es ist ein heilig Ding, da wird ein Messer durchgestoen, noch
heut in der Nacht!< Er drehte das Gesicht, als htte er ein Gerusch
gehrt. Da drauen, im Dunkel, beim Leuthaus drben, glomm es wie
ein matter, gaukelnder Lichtschein auf; kaum erkennbar war es; doch
die nachtgewohnten Augen des Jgers erkannten, was da kam. Hinauf!
Zu deinem Vater! Mit Stzen, wie ein gehetzter Hirsch sie macht,
verschwand er.

Luisa stand im weien Gewirbel. Nun war die Sus bei ihr und zog sie in
den Flur zurck, verriegelte die Tr, gebrdete sich wie eine Verstrte
und bettelte: Tu nit Zeit verlieren! Das mut du dem guten Herren
sagen! Und tust du's nit, so spring ich selber hinauf --

Die Stimme der Magd war so laut geworden, da man sie droben vernommen
hatte. Niklaus kam aus der Tr gesprungen und rief ber das Gelnder:
Was ist da drunten?

Ich komm, Vater! Luisa huschte ber die Treppe hinauf. Einer hat
gepocht an der Haustr -- Ein kurzes Zgern. Ich mein', es ist von
den Shnen des Mlzmeisters Raurisser der lteste gewesen, der Leupolt.

Sag's doch! klang die angstvolle Stimme der Magd. So sag's doch dem
guten Herrn!

Der Name, den Luisa genannt hatte, und die Mahnworte der Magd schienen
den Meister in Sorge zu versetzen. Er zog die Tochter ber die
Stubenschwelle und verschlo die Tr. Auch im Blick der beiden andern
war Unruh. So red doch, Kind! Was ist mit dem Leupolt?

Das ist ein sndhafter und schlechter Mensch.

Der Leupolt? fragte Pfarrer Ludwig verwundert. Den prchtigen Buben
kenn ich seit den Kinderschuhen.

Er hat gottferne Augen und hat unsittig zu mir geredet.

Niklaus wurde ungeduldig. Red doch, Kind! Was hat er gesagt? Er
meinte: jetzt, an der Haustr.

Luisa dachte an den sndhaft gewordenen Dreiknigstag. Auf heiligem
Kirchgang hat er zu mir gesagt: ich tt ihm gefallen.

Aus Simeons Gesicht verschwand die ngstlichkeit, und Pfarrer Ludwig
begann zu lachen. Was fr eine Zeit ist das! Ein junges Mdel! Und
hlt es fr gottwidrig, wenn sie einem festen Buben gefllt! Alle Natur
verdreht sich in Unvernunft. Jedes Wrtl wird berspreizt. Keiner redet
mehr, wie es menschlich wr und wie Herz und Blut es begehren mten.
Alles wird aufgeblasen. Jeder lustige Erdenfloh mu sich verwandeln in
einen Hllendrachen.

Auch Meister Niklaus schien aufzuatmen. Und da ist der junge Raurisser
zur Haustr gekommen? Weil er gern mit dir einen Heimgart gehalten
htt?

Ein Zornblick funkelte in Luisas Augen. Das nit. Ich htt es ihm auch
nit verstattet. Er hat sich frech und unntz aufgespielt. Du bist, wie
du bist, Vater! Da braucht nit einer warnen. Und braucht nit sagen:
>Fr deinen Vater spiel ich um mein Leben.< Und mu nit sagen: >Es ist
ein heilig Ding, da wird ein Messer durchgestoen, noch heut in der
Nacht.<

ber die Stirn des Meisters ging ein Erblassen, und Lewitter machte
eine erschrockene Handbewegung gegen das Schachbrett hin, whrend
Niklaus stammelte: Kind! Warum hast du denn das nit gleich gesagt?

Luisas Stimme kam einen fremden Klang. Vater? Ist dein Gewissen nit
rein vor Gott?

Zur Antwort blieb dem Meister keine Zeit mehr. Lrmende Rufe im Sturm
der Nacht, drhnende Schlge an der Haustr, ein dumpfes Krachen,
Gesplitter von Holz und das gellende Angstgeschrei der Magd. Als der
Meister die Stubentr aufri, hrte man im Flur befehlen: Ein Vigilant
zur Haustr! Einer _in loco hujus_ vor das Kuchlmensch! Einer hat
Vigilanz bei der Stieg! Die drei anderen mit mir! _Citissime_!

Heiter ttschelte Pfarrer Ludwig die Schulter des vor Schreck wie zu
Stein gewordenen Mdchens: Fein, Luisichen! Kindlich ber alle Maen!
Den Vater ins Rattenloch bringen! So hat's dein heiliger Gott den
Kindern befohlen! Viertes Gebot!

Mit erwrgtem Aufschrei jagte Luisa zur Stubentr. Kaum hatte sie dem
Tisch den Rcken gewandt, da ri Lewitter unter dem Schachbrett das
hebrisch beschriebene Blatt und ein anderes hervor, das zwischen
enger Schrift einen Holzschnitt zeigte -- ein Blatt aus dem Nrnberger
Sendschreiben des vor achtundvierzig Jahren aus Berchtesgaden
ausgetriebenen evangelischen Bergmannes Josef Schaitberger. Hurtig
quetschte Simeon die Bltter in zwei kleine Knuel zusammen, die er
verschlingen wollte.

Halt, Bruderherz! Pfarrer Ludwig ri ihm die Knuel vom Munde
weg. Papier ist untauglich fr einen Menschenmagen. Gib her! Ich
hab ein gutkatholisches Versteck. Whrend die groe Warze tanzte,
zerrte der Pfarrer die Bffchen vom mageren Halse weg und lie hinter
ihnen die zwei Papierknuel verschwinden. So! Gleich mit dem ersten
Ruck ist dein Spinoza und des Niklaus Schaitbergischer Sendbrief
hinuntergerutscht bis in die Magengrub. Auerhalb der Gedrm ist's
weniger ungesund.

Zu diesen heiteren Flsterworten klangen vom Stiegenflur die
aufgeregten Fragen des Meisters, das Weinen der Magd, die Stimmen und
das Schrittgetrampel der Soldaten Gottes.




Kapitel II


Der Feldwebel des Pflegeramtes, Nikodemus Muckenfl, war ein
wohlgenhrter, gutmtig dreinschauender Mensch, der seiner biersanften
Natur die Unerbittlichkeit des Polizeitones immer gewaltsam abringen
mute. Als er, den dnn abgezogenen Schnurrbart um den Finger
kruselnd, mit Meister Niklaus und den drei boshaft umhersphenden
Musketieren lrmvoll in die Stube trat, sa Pfarrer Ludwig mit
Simeon Lewitter beim Schachspiel und sagte: Ich wei nit, warum das
Schachbrett allweil wackelt? Es steht doch kerzengrad auf dem blanken
Tisch! Er hob das Brett in die Hhe und guckte drunter. Niklaus
verstand diesen Wink und atmete erleichtert auf. Und whrend Luisa sich
verstrt an die getfelte Stubenmauer prete, fragte der Pfarrer sehr
erstaunt: Mein lieber Feldwebel? Seid Ihr so ein leidenschaftlicher
Freund des Schachspiels, da Ihr aus Ungeduld, ein gutes Spiel zu
sehen, gleich die Haustr eines redlichen Mannes einschlagt?

Nikodemus Muckenfl machte verdutzte Augen. Das Bild, das er in der
Stube vorfand, schien seinen Erwartungen nicht zu entsprechen. Seine
obrigkeitliche Geistesgegenwart versagte fr einige Sekunden. Nun fand
er die strenge Dienstmiene und sagte in dem Polizeideutsch, an das er
sich in der Pflegerkanzlei gewhnt hatte: Vor Reverende prstiere
ich in christschuldigem _respecto_. Aber Spaettibus wider die von
Gott instituierte Obrigkeit sind denen Subjekten nit permittiert. Ich
inquirirre _sub loco hujus_ in Amtibus.

Muckenfl, staunte der Pfarrer, Ihr redet beinah so gut Latein, wie
der Kirchenvater Augustinus.

_Silentium!_ brllte der Feldwebel gereizt. Der Scherz des Pfarrers
bekehrte ihn nicht zu einer reinlicheren Sprache. In diesem Punkte
gehorchte er nur seiner Frau, die zuhause, wenn ihr Nikodmerl so
unverstndlich kanzleielte, immer sagte: Red deutsch, du Rindvieh! In
dem Schweigen, das sein Befehl erzeugt hatte, erklrte er wrdevoll:
Es ist der wachsamen Obrigkeit _ad aures_ arriviert, da _in loco
hujus_ des _in specie_ verdchtigen Nikolaus Zechmeister verbotene
_conventicula_ stattfindlich sind, mit _abuso_ ketzerischer _libellis_
und _pamphletica_. Ich bin von Amtibus ordiniert, die Namen der
Prsenten _ad notam_ zu rapportieren, _in quasi_ eine Orts- und
Leibesvisitationem _legaliter_ frzunehmen.

Pfarrer Ludwig erhob sich. So viel Arbeit? Weil wir drei einen Becher
Wrzwein schlucken und Schach spielen: Meister Niklaus unter seinem
eigenen Dach, als Hausgste der Leibmedikus Seiner Hochfrstlichen
Gnaden und ich, von dem Ihr wissen solltet, da ich ein gutkatholischer
Priester bin?

Der Erzschelm Luther, rief einer von den Soldaten Gottes, ist ehnder
auch einmal ein katholischer Klosterbruder gewesen.

Riebeiel, gebot der Feldwebel, du tust das Maul tenieren. Der
berste, der kommandieret, bin _ego ipsus_.

Also? fragte der Pfarrer. Mu ich vorn aufknpfen oder hinten die
Hos herunterlassen?

Muckenfl berhrte zartfhlend diesen derben Scherz. Reverende
steht _sub_ geistlicher _judicatura_. Ich hab mich nur zu occupieren
mit denen weltlichen Personibus.

Da rief ein schwarzbrtiger Musketier, der keinen Blick von der
Haustochter verwandt hatte: Vor allem mt man die Weibsleut
visitieren. Die sind am flinksten mit dem Verstecken und haben die
Pltz dazu, wo leicht zum suchen, aber hart zum finden ist. Er
streckte schon die Fuste, um Luisa zu fassen.

Hatte sie bei der wachsamen Obrigkeit einen treubesorgten Schutzengel?
Der Feldwebel befahl mit gedmpfter Strenge: Lasset die frommglubige
Jungfer in Fried! Visitieret die Mannsleut!

Luisa stammelte: Ich brg mit Seel und Leben fr den Vater. Auch fr
die Sus.

Fr uns zwei nit? fragte der Pfarrer lachend und wandte sich zu
Lewitter, von dem ein Musketier den Kittel herunterschlte. Das mt
Ihr leiden, guter Simeon Lewitter! Jeden Kranken untersucht Ihr bis auf
die Nieren. Da drft Ihr nit klagen, wenn's _vice-versa_ Euch selber
einmal geschieht. Er guckte zur Tr hinber. Luisichen! Jetzt wirst
du aus der Stub gehen mssen. Sonst knnten deine frommen Augen einen
unheiligen Anblick haben. Ein getaufter alter Jud ist als nackichter
Adam auch nit schner, als ein alter, katholisch geborener Christ. Und
schau, Luisichen, du knntest uns zur Begtigung des Schrecks noch
einen Becher Wrzwein kochen? Oder gleich ein Dutzend! Die tapferen
Soldaten Gottes sind wohl auch in der kalten Winternacht einem heien
Schluck nit abhold.

Er brachte, whrend Luisa stumm aus der Stube ging, sein Pfeiflein
wieder in Brand, lie sich auf den Sessel nieder und begleitete die
ernste Amtshandlung mit freundlichen Reden, die spttisch unterfttert
waren.

Zwei Soldaten entkleideten und visitierten den Hausherrn und den
frstlichen Leibarzt. Der Musketier, der sich sehr mitrauisch
mit Simeon beschftigte, fand auch in den Schuhen die eingelegten
Filzsohlen, lftete sie und stocherte mit dem Finger drunter.

Ja, Mensch, sagte der Pfarrer, das mut du genau nehmen! Wer wei,
ob unter dem Pantoffelfilz nit ein Eimerfl ketzerischen Seelenweines
verborgen ist.

Whrend der Visitation der beiden Mnner schnffelten Muckenfl und
Riebeil in der Stube nach verbotenen Schriften. Sie ffneten jeden
Kasten und jede Truhe, rissen jede Schublade heraus und drehten das
Unterste zu oberst. Auf den Knien rutschten sie ber die Dielen,
klopften die Bretter ab und fhlten nach verdchtigen Fugen. Der
Pfarrer guckte ihnen lustig zu. Pltzlich scheuerte er heftig seine
Nabelgegend und sagte lachend: Feldwebel, Ihr mt einen hungrigen
Kanzleifloh mitgebracht haben! Der ist hergehupft auf mich, und jetzt
beit er mich in der Magengrub.

Muckenfl brummte was Unverstndliches und begann die braune
Vertfelung der Mauer nach Geheimfchern abzuklopfen. Die drei Mnner
-- der eine im schwarzen Priesterkleid und die beiden anderen, die
irdisch enthutet in der Stube standen -- sahen nicht nach der
Mauerstelle hin, die der Feldwebel mit besonderer Sorgfalt abhmmerte.
Aber whrend sie ruhig miteinander redeten, funkelte ein gespanntes
Lauschen in ihren Augen, und alle drei tauschten einen frohen Blick,
als Muckenfl seine obrigkeitliche, den reinen Gottesglauben
behtende Ttigkeit weiter gegen die Tr hin verschob.

Die zwei grndlich Visitierten durften wieder in ihre Kleider schlpfen.

Luisa und die weiblonde Magd, die einen verzweifelten Sorgenblick auf
den Meister heftete, brachten die sieben dampfenden Wrzweinbecher.
Muckenfls Amtsmiene milderte sich betrchtlich. Doch bevor er sich
vllig zurckverwandelte in ein wohlwollendes Menschenkind, mute er
noch die wirksamste seiner Knste zur Anwendung bringen und sagte mit
inquisitorischem Ton: Gelobt sei Jesus Christus und seine heilige
Mutter Maria?

Meister Niklaus, der Pfarrer, Simeon, Sus und Luisa antworteten: Von
nun an bis in Ewigkeit, Amen.

Jetzt nickte Muckenfl. Alles _in ordine_ befunden. Will's der
Obrigkeit _ad notam_ rapportieren, da der Angeber ein freiliges
_rhinozerum_ gewesen ist. Lachend griff er nach einem Wrzweinbecher.
Zur Salutation, ihr ehrenwerten Monsirs!

Man stie miteinander an und schwatzte heiter, als wre nicht das
Geringste geschehen in dieser Stunde, die mit der Freiheit dreier
Mnner gespielt hatte und vorberging wie eine Fastnachtsposse.

Als der Feldwebel und die Soldaten Gottes ihre Becher geleert hatten,
sagte Niklaus zu den beiden Mdchen: Sind die Leut aus dem Haus, so
mt ihr die beschdigte Tr verstopfen, da der Schnee nit hereinweht.
Dann legt euch schlafen.

Wortlos umklammerte Luisa den Arm des Vaters. Dann verlie sie mit
jagendem Schritt die Stube. Und Muckenfl sagte: Ich mu die Herren
noch _specialiter_ monieren _in respecto_ der Polizeistund.

Ja, lieber Feldwebel! lachte der Pfarrer. Da machet nur, da Ihr
mit Euren christlichen Gottesstreitern flink in die Federn kommt! Ihr
seid die einzigen, die sich gegen das obrigkeitliche Gebot versndigen.
Meister Niklaus ist in seinem eigenen Haus, ich als Kapitelfhiger des
Stiftes steh auerhalb des Polizeigesetzes, und Lewitter als Medikus
hat Freipa bei Tag und Nacht.

Als Medikus! Ich observier aber nit, da einer von den Monsiribus
marod ist?

Doch! Mir bremselt's in den unteren Grnden. Da hab ich den Medikus
ntig. Oder wollet *Ihr* mich davon erlsen?

So ein alter Senior! Und allweil Spaettibus! Den Kopf schttelnd,
ging Muckenfl zur Tre. Da die Menschheit doch nie zu Verstand
arriviert.

Whrend die Schritte der Musketiere ber die Stiege hinunterpolterten,
standen die drei Mnner ernst um den Tisch herum. Als wre in jedem der
gleiche Gedanke, reichten sie einander die Hnde. Und Niklaus murmelte
durch die Zhne: Wr man kein Rebell, sie tten einen machen dazu!

Ist schon wahr, nickte der Pfarrer, einen Aufruhr hat nie das
Volk gemacht. Allweil fabriziert ihn die Obrigkeit. Jedes sinnlose
Polizeiverbot ist Mist fr den Acker, auf dem was Widerspenstiges
aufgeht.

Simeon schwieg. Meister Niklaus nahm den Kopf zwischen die Hnde: Was
fr eine Zeit ist das! Sie stellt die Lumpen als Wchter vor jedes
Ding, das wahr und heilig ist. Er lauschte. Im Haus kein fremder Laut
mehr; nur ein Brettergerappel drunten im Flur.

Pfarrer Ludwigs braune Warze tanzte zwischen seinen Wangenfalten.
So! Jetzt knnen die heimlichen Gewissensflh wieder aushupfen. Er
lste die Knieschnalle und schlenkerte das Bein. Ein Papierknuel
rutschte aus der seidenen Finsternis heraus. Guck! Einer ist schon da.
Allweil sag ich's: der ewige Menschendrang zum Licht! Er drselte den
Knuel auseinander. Wo bleibt der hebrische Philosoph? Das ist der
evangelische Dorfapostel Josef Schaitberger. Ein Ketzer. Lachend hob
er das Blatt zum Kerzenreif hinauf. Niklaus machte eine Bewegung, als
mchte er hindern, was der Pfarrer tat. Da zngelte schon die rasche
Flamme. La brennen, Herzbruder! Dein Haus wird rmer um eine Gefahr.
Die Papierflamme war klein geworden, war herabgebrannt bis zu den
Fingerspitzen des Pfarrers. Nun blies er krftig. In vielen Flocken,
von denen ein paar noch glhten, schwamm die Asche in die Luft hinaus.
Wieder schttelte Pfarrer Ludwig die schwarze Seide seiner Hose. Guck,
Simmi! Ist *auch* schon da! Dein neufrbiger Philosoph! Ein gefhrliche
Mannsbild! Weil er am tiefsten ist in seiner Weisheit. Gelesen haben
wir sie. Mich rhrt's nit an. Dem Niklaus ist sie gleichgiltig.
Du, Simmi, hast sie im Kpfl. Besser, wir lassen das Amsterdamer
Tulpenknspel verschwinden. >Feuer ist allweil hilfreich!< sagten vor
anno Towack die Hexenrichter, wenn sie die alten Weiblen verbronnen
haben. Wieder eine Flamme. Wieder das Auseinanderschwimmen der Asche.

Nun saen die drei am Tisch. Der Pfarrer fate Lewitters Hand. Erzhl
uns von ihm! Wann ist er gestorben?

Vor 56 Jahren, an der Schwindsucht.

Weisheit, die Tausende begnaden kann, verbrennt die Seelen, in denen
sie wchst.

Er hat den Tod in der Werkstatt eingesogen, als Glasschleifer. Die
jdische Synagoge von Amsterdam hat ihn ausgestoen als Verfluchten.
Und er ist von den wrmsten Menschen einer gewesen, ein Erdenkind mit
dem ewigen Gottesfunken in der Seel, mit dem Durst nach Wahrheit in
Blut und Gehirn.

Die Augen glnzend von einem kummervollen Trumen, sah Niklaus ins
Leere. Wann wird das kommen, da jeder leben darf nach seiner Farb?
Die Zeit, wo jeder sprt, da er mit gleichen Rechten ein Bruder des
andern ist? Mensch neben Mensch?

Die alte Kastenuhr mit den tiefen Glockentnen schlug Mitternacht.
Pfarrer Ludwig erhob sich. Die Zeit geht auf den Morgen zu. Lasset uns
beten als Brder, die dem Licht entgegenharren.

Die beiden anderen standen schweigend auf, und Meister Niklaus ging
der Wandstelle zu, die der Feldwebel des Pflegeramtes mit erhhter
Aufmerksamkeit abgepocht hatte. Er drckte auf einen Nagelstift,
der verborgen in der Tfelung sa. Die mit einer dicken Gipsmasse
unterlegte Wandverschalung ffnete sich doppeltrig und zeigte in
der Mauergrotte ein geschnitztes Bild, das einer mittelalterlichen
Weihnachtskrippe glich und von kleinen farbigen Lmpchen mystisch
erleuchtet war -- ein Werk, in dem sich innige Kunst und kindliche
Einfalt miteinander verwoben.

Eine plastische, durch Farben belebte Berglandschaft unter blauem
Himmel. Der hchste Gipfel hatte die gebrochene Zahngestalt des
Wazmann. Auf den Hhen noch der Winter, im Tal der Frhling mit
Blumen, mit grnen Wiesen und belaubten Wldchen. Kleine Drfer mit
zierlichen Htten, in deren aus Glassplittern gebildeten Fenstern
das Licht der bunten mpelchen schimmerte, als wr's ein Morgen um
die Stunde, in der die Sonne kommt. Die Herden auf der Weide. Viele
winzige Menschenfigrchen dazwischen: Bauern und Sennleute, Khler und
Holzfller, ein Jger mit Bchse und Hifthorn, ein Flo mit Flern auf
den Glasbuckeln des Baches, am Ufer des Wassers ein Fischer mit der
Angelrute, auf der Strae ein Trupp Musketiere im Marsch. ber grner
Anhhe ein Kirchlein, aus dessen Tor eine Prozession mit vielen Fahnen
herausschreitet. Ganz vorn zur Linken ein Huschen, in dessen Stube
man hineinsieht; es ist die Werksttte eines Spielzeugschnitzers, der
mit seinem Weib und vielen Kindern bei der Heimarbeit am Tische sitzt.
Und zur Rechten eine offene Scheune, in welcher alte und junge Leute
andchtig um einen Greis herumknien, der aus einem Buche vorliest.
Zwischen diesen Gruppen ist die Erde geffnet, und man sieht hinunter
in die Schachttiefen des Salzwerkes, sieht die Salzhuer bei der
Arbeit, sieht die Frderung mit den rollenden Hunden.

Dieses Kleine, Feine und Zierliche war nur ein Rahmen fr den greren
Mittelpunkt des Bildes. Da stand auf blumigem Hgel ein Kreuz
errichtet, mit der Gestalt des leidenden Erlsers. Unter dem Kreuze
beugt die Heilandsmutter, gesttzt von den Armen des Johannes, sich
zrtlich nieder und umschtzt mit ihrem blauen, sternbestickten Mantel
drei kleinere Figuren: einen katholischen Priester mit der Stola, den
Moses mit den Gesetztafeln und einen evangelischen Prediger mit dem
Kelch.

Ein leises Knistern war in den Ampelflmmchen, und der dnne Rauch, der
sich in der Grotte gesammelt hatte, quoll wie Nebel um die Schneegipfel
der Berge und begann hinaufzustrmen gegen die Stubendecke.

Stumm, die Herzen erfllt von trumender Inbrunst, standen die drei
Mnner vor dem Bilde, das so ergreifend wie kindlich, so tiefsinnig
wie voll Einfalt war. Und dieses Schweigen war das verbrderte Gebet
ihres duldsamen Glaubens, war das ungesungene Lied ihrer gemeinsamen
Hoffnung auf einen Menschenmorgen, von dem sie wuten, da er kommen
mu -- bald, meinte der eine; nach Jahrzehnten, glaubte der andere;
nach Jahrhunderten, hoffte der dritte. Und nicht die Farben und
Figrchen, nicht die Lichter und Dmmerungen des Bildes weckten die
Andacht in ihren Herzen. Ihr andchtiger Glaube war es, der ihnen das
tote Gestaltengewimmel belebte und seine flimmernde Enge weitete zum
lichtdurchfluteten Bilde einer werdenden Welt.

Da hob der Pfarrer lauschend den Kopf. Niklaus! Ich hr was.

Der Meister tat einen schweren Atemzug. Hinter der Mauer ist meines
Mdels Kammer. Da liegt der arme Klosterspatz auf den Knien und
litaneiet in Hllenangst um unsere drei verlorenen Seelen.

War der Sturm erloschen? Auerhalb der Wnde kein Rauschen und Sausen
mehr. Drauen die stummgewordene Nacht. Auch Stille im Haus. Nur immer
dieser eine gleiche Laut, diese stammelnde Mdchenstimme.

Eine weie Kammer, freundlich anzusehen. Man merkte an ihrem Gert, wie
zrtlich dieser Raum bereitet war von der Liebe eines Vaters, der sein
Kind in Sehnsucht erwartet hatte nach Jahren des Leidens.

Die Kerze flackerte auf dem Gesimse des von schweren Lden
verschlossenen Fensters, neben dem weiverhangenen Kastenbett.
Schon entkleidet, lag Luisa auf den Knien vor einer Truhe, die
ineinandergekrampften Hnde hingerckt gegen ein Altrchen, das
zwischen Leuchtern und knstlichen Blumen unter schimmerndem Glassturz
eine von Goldflittern glitzernde Madonna mit dem wchsernen Jesuskinde
zeigte. Fnf Ave Maria, die Litanei zur Gottesgebrerin, wieder das
Ave Maria, immer mit der gleichen bebenden Stimme, die wie ein leises
Schreien aus angstvoller Seele klang. Und so lange betete Luisa, bis
der Glaube an die Hilfe wieder leuchtend in ihrem Herzen war. Sie
bekreuzte die Stirne, den Mund und die knospende Brust, beugte sich
vor und kte das kalte Glas, das sich behauchte von ihrem Atem.
Dann trat sie auf den nackten Sohlen zum Kastenbett und begann die
braunblonden Flechten zu lsen. Gleich einem schimmernden Mantel
fiel ihr das Haar um Nacken und Schultern. Mit der Linken streifte
sie die linde Woge ber den rechten Arm zurck und wollte die Hnde
heben, um das Haar zu knpfen. Da weiteten sich ihre Augen. Regungslos
betrachtete sie den weien Arm. Der hatte zwischen Schulter und
Ellenbogen vier blaue, strichfrmige Male. Lange verstand sie das
nicht. Nun eine Schreckbewegung, ein Erstarren ihres Gesichtes. Es
waren die Denkzeichen jener sthlernen Jgerfaust, die bei der Haustr
im Schneegestber ihren Arm umklammert hatte. Und ihr war, als klnge
wieder die erregte Jnglingsstimme: Es ist ein heilig Ding, da wird
ein Messer durchgestoen, noch heut in der Nacht! Wie eine Sinnlose
sprang sie auf das kupferne Weihwasserkesselchen zu, tauchte die ganze
Hand hinein und wusch die blauen Male, immer frstelnd, als berhre
sie etwas Hliches. Dann blies sie die Kerze aus und betete in der
Finsternis mit flehendem Laut: Hilf mir, heilige Mutter Marie! Tu mich
reinigen an Leib und Seel!

Das Kastenbett krachte ein bichen, als es die leichte Last einer
zarten Jugend empfing.

Luisa lag unbeweglich. Ihr Atem ging schwer. Hatte ihr Arm eine Wunde?
Von der Stelle der blauen Male rann es ihr wie Feuer ins Blut. Und
immer sah sie ein Bild in der Finsternis: wehendes Blondhaar, eine
braune Stirn und zwei stahlblaue, sehnschtige Jnglingsaugen, die von
hundert silbernen Mcken umflogen waren.

Die Hnde ber der Brust verflechtend, fing sie zu beten an. Das
unheilige Bild verschwand nicht. Sie setzte sich in den Kissen auf
und hob die gefalteten Hnde. Die Heiligen, die sie herbeischrie,
halfen nicht und wollten das unreine Bild nicht auslschen, wollten
den Unsichtbaren, der sich sichtbar machte, nicht zurckstoen in die
Finsternis.

Mit klagendem Wehlaut hob Luisa sich auf die Knie, beugte sich ber
das Fugestell des Bettes und ri die Tr auf, die in die anstoende
Kammer fhrte. Gute Sus? Du tust noch allweil nit schlafen, gelt?

Eine mde Stimme: Mgen tt ich. Mein Schlaf ist, ich wei nit, wo.

Ich tu dich bitten, komm ein bil zu mir!

Kind, was ist dir? Etwas Graues huschte lautlos aus dem Dunkel
heraus. Du bist doch nit krank?

Krank nit. Ich tu mich sorgen, da ich sndig bin, weil ich hllische
Gespenster seh!

Geh, du Nrrle!

Tu mich halsen, Sus! Noch fester! Jetzt ist mir wohl. Und alles ist
wieder schwarz. Komm, Sus, tu beten mit mir.

Leis erwiderte das Mdel: Beten kann ich nit. Allweil mu ich an die
Soldaten Gottes denken, und was dem guten Herren htt drohen knnen.

Es wurde laut im Haus. Eine Tre ging. Schritte und Stimmen; am
deutlichsten die Stimme des Meisters.

Da tauchte pltzlich die Sus das Gesicht gegen den Scho der
Haustochter und brach in erwrgtes Schluchzen aus.

Sus? Du Liebe! Was hast du denn?

Mir ist so weh, ich kann's nit sagen. Es bringt mich noch um.

Das sind die Soldaten nit. Das ist der Vater, den der Himmel jetzt
erlst -- von den anderen zwei, die ich nit leiden mag. Gott tut mich
warnen vor ihnen. Die bet ich noch fort aus unserem Haus. Sei still,
liebe Sus! Da mut du nit Angst haben.

Es ist nit Angst. Es ist die Zeit. Die liegt auf jedem als wie ein
Stein.

Die Zeit mu keiner frchten, der glubig ist. Komm, Sus, du frierst.
Ich spr, wie du zitterst. La dich zudecken! Einen Menschen haben, ist
gut.

Die drei Mnner, die drauen hinunter gingen ber die Stiege,
hatten eine Weile im Flur zu schaffen, bis sie die mit Brettern und
Holzscheiten verbarrikadierte Tre frei bekamen.

Durch die Klfte der zerschlagenen Haustr wehte kein Schnee
mehr herein. Das Gestber war versiegt. Drauen eine schweigsame
Winternacht, durch deren ziehendes Gewlk der Vollmond herunterglnzte.

Whrend Meister Niklaus im Flur die Barrikade wieder baute, schritten
Pfarrer Ludwig und Simeon Lewitter lautlos durch den Schnee.

Hunde schlugen an, bald nah, bald ferne, mit Stimmen, die halb
erloschen im Rauschen der Ache.

Simeon flsterte: Die Nacht ist wieder ohne Ruh.

Es wandern die Unsichtbaren.

Die beiden folgten der Strae. Da fate der Pfarrer den Arm des
Freundes und deutete ber eine verschneite Wiese hinaus. Dort! Siehst
du's?

Etwas Wunderliches war zu sehen: ein im Mondschein gleitender
Menschenschatten, ohne da man einen Menschen sah.

Rasch watete Pfarrer Ludwig in die Wiese hinaus und stand vor einer
Gestalt, die bis zu den Fen in Leinwand gekleidet war, so wei wie
der Schnee, ber dem Kopf eine Kapuze mit Lchern fr die Augen, in
denen es funkelte gleich geschliffenen Glsern. Wer bist du? Keine
Antwort. Der Pfarrer lachte ein bichen. Ich bin nit gefhrlich. Nur
neugierig wie Kinder und alte Leut. Gehst du zum Toten Mann? Oder
kommst du von ihm? Keine Antwort. Nur das Strmen eines schweren
Atems. Leupolt? Bist du's?

Wohl.

Was suchst du noch?

In Sorg bin ich gewesen. Um den Meister. Jetzt wei ich, wer bei ihm
gewesen ist. Da bin ich ledig aller Sorg.

Heut hast du ihm viel zulieb getan. Wie hast du wissen knnen, da die
Soldaten Gottes bei ihm einkehren?

Der Vater hat's heimgebracht vom Pflegeramt und hat mit der Mutter
geredet. Ich hab's gehrt.

So? Und da bist du weggesprungen ber Vater und Mutter! Und hast dem
anderen geholfen? Warum?

Weil ich's tun hab mssen.

Als sein Bruder in Gott? Gelt, ja? Und sonst aus keinem anderen
Grund! Wieder lachte der Pfarrer. Geh schlafen, lieber Bub! Die
Gefahr ist vorbei. Steig nur nit gar zu fleiig auf den Toten Mann!
Dir vergnn ich ein lebendiges Glck. Will auch helfen dazu, so gut
ich's versteh. Zwei Herrgtter sollen dich hten, der deine und der
meine. Doppelt genht hlt allweil besser. Der Pfarrer stapfte durch
den Schnee zur Strae zurck. Als er das Gesicht wandte, sah er keine
Gestalt mehr, nur noch den unbeweglichen Menschenschatten.




Kapitel III


In den Schneekrystallen funkelte der Mondschein mit farbigen Blitzen.

Lewitter stellte keine Frage, als der Pfarrer wieder an seiner Seite
war. Wortlos wanderten die beiden gegen den Markt hinber und kamen an
einem neuen, zierlichen Bau vorbei, der hinter hoher Mauer in einem
Garten stand. Ein feiner, zirpender Spinettklang war zu vernehmen.
Hrst du? flsterte Pfarrer Ludwig. Die Allergndigste ist noch
munter.

Simeon schwieg.

Als sie an der Mauer vorber waren, murrte der Pfarrer: Hast
du beim Tor die frischen Fustapfen im Schnee gesehen? Se
Mitternachtsfhrten! Und der Allergndigste trgt die Unkosten.
_Matresse en titre_ heien sie das in der frnehmen Welt. Es gibt
keine Ferkelei, fr die man jetzt nit einen parisischen Namen findet,
der allen Lebensdreck in eine hfische Fine verwandelt. Wer's
von den Herren nit mitmacht, glaubt nit Frst zu sein. Er wr ein
Minderwertiger unter seinen Standesbrdern, wenn er dem franzsischen
Hof nit alles nachschustert: die Sittenverderbnis, das Schuldenmachen,
die Karossen und Lufer, die Peruckenfasnacht, die gestutzte Grtnerei,
den ganzen Jgerschwindel _ la mode_ und das >Groe Jagen< auf die
haufenweis zusammengehetzte Kreatur -- Mensch oder Vieh! Der Pfarrer
verstummte nicht, obwohl ihn Simeon beschwichtigend am Mantel zupfte.
Ach, Bruder, die Zeit ist ein bles Kehrichtfa voll Heuchelei und
Sinnenbrodel, voll Grausamkeit und verwesenden Dingen. Man sollt die
ganze Schweinerei verbrennen, um aus der Asche was Neues wachsen zu
lassen. Ob der Mann schon geboren ist, der das fertig bringt auf dem
deutschen Acker?

Lewitter atmete auf, weil der andere schwieg, und machte flinkere
Schritte.

Ein bichen lachend, zrnte der Pfarrer: Allweil bist du wie eine
Maus. So scheu, so flink, so lautlos.

Simeons Stimme war wie ein Hauch. Der Schnee verschrft jeden Laut.
Und wie stiller eine Mauer ist, um so offener sind ihre Ohren.

Recht hast du! Siebzig Jahr! Und noch allweil bin ich der gleiche
Hammelskopf, der sich die Hrner nit abgestoen hat.

Sie gingen in der Marktgasse schweigend an der Huserzeile entlang,
die im schwarzen Mondschatten lag. Auerhalb des Dunkels funkelte der
Schnee im bleichen Licht, und die weien Mauern der anderen Huserseite
sahen unter den dicken Winterkappen aus wie blasse Riesengesichter mit
vielen finsteren Augen. Bei der Gasse, wo die Wege der beiden sich
schieden, reichten sie einander die Hnde. Jeder flsterte die zwei
gleichen Worte: Mensch bleiben! Dann der Pfarrer: Das wird mich nit
schlafen lassen heut.

Die Sorg um den Niklaus?

Auch. Und was du uns frgelesen hast.

Nun lchelte Lewitter. Du hast doch gesagt, dich rhrt's nit an.

Ob das allweil so ist? Bei den neuen, tiefen Gedanken? Es ist wie
ein Funken, den man nit fallen sprt in sich. Und ghlings wrmt er
und wird ein Feuer, das leuchtet! -- Ich will mir's heut in der Nacht
noch aufschreiben. Guten Morgen, mein Simmi! Lautlos ging der Pfarrer
durch den funkelnden Schnee davon. Lewitter zappelte in die enge Gasse
hinein, in der nur die Giebel noch Mondschein hatten. Nun schrak das
Mnnchen heftig zusammen, weil es auf der Steinschwelle seiner Haustr
ein zusammengekrmmtes Mannsbild sitzen sah. Wer bist du? Gelobt sei
Jesus Christus und die heilige Mutter Maria!

Der junge Bauer antwortete, vor Frost mit den Zhnen schnatternd: Von
nun an bis in Ewigkeit, Amen! Der Christl Haynacher bin ich.

Lewitter schien aufzuatmen. Kommst du wegen deines Weibes?

Wohl, Herr! Tut mir die Lieb und kommt zu meiner Martle! Ich bin beim
Feldscheer gewesen. Der hat nit raus mgen aus dem warmen Bett. Aber
das Weibl kreistet, es ist zum Erbarmen.

Ich komme gleich. Als Lewitter sich gegen die Schwelle wandte, pfiff
er leis, und die Tr ffnete sich. Er trat in einen finsteren Flur,
in dem ein angenehmer Duft war, wie gemischt aus den Gerchen einer
Apotheke und eines Gewrzlagers. Hinter ihm wurde die Tr verriegelt.
Eil dich, Lena, flsterte Simeon in das Dunkel, hol mir die braune
Tasch! Whrend er ber eine steile Stiege hinaufhastete, glnzte ein
matter Lichtschimmer im Hausflur. Vor einer Tre schob Lewitter die
Fe in zwei groe Filzpantoffel, um den Schnee nicht hineinzutragen in
diese Stube, die das Heiligtum seines einsam gewordenen Lebens war.

Ein groer Raum mit vielen Teppichen. Die zwei Fenster mit dicken
Innenlden verschlossen, durch Eisenstangen verwahrt. Von der Decke
hing eine alte Silberampel herunter, deren Licht von einer roten
Glastulpe umhllt war. Zierliche Sthlchen und ein Tisch, an dem die
eingelegte Perlmutter wie Rubine funkelte. Allerlei Frauengert,
Haubenstcke und Kochgeschirr, ein Spinnrdchen und ein Garnhaspel,
ein kleiner Webstuhl und ein Gewrzmrser. An den Wnden waren hohe
Gestelle mit Spielzeug in solcher Menge angerumt, da die Stube fast
aussah wie ein Kramladen der Kinderfreude.

Whrend Lewitter in dem roten Lampenlichte huschend umherging und
alles Nahe mit zrtlicher Hand berhrte, brannte in seinen Augen eine
drstende Sehnsucht. Sein Gesicht hatte die steinerne Gltte verloren
und war durchwhlt von einer schmerzenden Erschtterung. So oft er
diese Stube betrat, seit fnfzehn Jahren, immer war es so. Immer wurde
das Glck in ihm lebendig, das er verloren hatte, und immer mute er
jener grauenvollen Stunde denken, in der er wie ein Irrsinniger an den
Leichen seines Weibes und seiner Kinder vorbergetaumelt war und unter
den Fusten wahnwitziger Menschen geschrien hatte: Ich glaube, ich
glaube, ich la mich taufen!

Md und zitternd, fiel er auf eines der kleinen Sthlchen hin, bedeckte
das Gesicht mit den Hnden, sa unbeweglich und fuhr erschrocken auf,
wie geweckt und gerttelt von einer Pflicht seines Lebens. Seufzend
lie er die Augen hingleiten ber das verstaubte Spielzeug, hatte
wieder das steinerne Gesicht, das geduldige Lcheln, murmelte ein
Segenswort seines unverlorenen Vterglaubens und verlie die Stube. Als
er die Treppe hinunterstieg, erlosch das Licht im Flur. Hast du die
braune Tasch? Er fhlte sie vor seinen Hnden und trat in den Schnee
hinaus. Komm, Christl!

Der Himmel soll's Euch lohnen, guter Herr!

Simeon lchelte. Heut sagst du: >Guter Herr!< Am Weihnachtsabend,
wie ich auf vereistem Weg an dich angestoen bin, da hast du >Saujud<
gesagt.

Verlegen stammelte der junge Bauer: Ein Mensch im rger ist dumm. Mein
armes Weibl wird's nit entgelten mssen. Selbigsmal, am heiligen Abend,
hab ich einen schiechen Verdru hinunterschlucken mssen. Ein Mensch,
der Unrecht leidet, wird allweil ein Lmmel.

Die beiden berschritten den Marktplatz, um hinunterzuwandern ins Tal
der Ache. Das Bauernlehen des Haynacher lag da drunten, hinter der
Saline Frauenreuth. Vor dem Tor des Stiftes sprang ihnen die Schildwach
entgegen. Die beiden muten ihre Namen nennen, ehe sie weiter durften.
Der junge Bauer, rgerlich ber den Aufenthalt, knirschte zornig vor
sich hin: Gescheiter, er tt den Unsichtbaren nachspringen, eh da er
einem Gutglubigen den Weg verstellt. Wie ich heraufgelaufen bin, ist
berall die Nacht lebendig gewesen. Die im Stift da droben haben noch
allweil blinde Augen.

Die brauchst du ihnen nit zu ffnen, Christl! Sag mir lieber, was ist
mit deinem Weib? An Weihnachten hab ich gesehen, da sie gesegnet ist.
Wr's an der Zeit mit ihr? Hat dich die Hebmutter geschickt?

Der junge Bauer schttelte den Kopf. Ich bin selber gelaufen, aber ich
wei nimmer, was das ist. Die Hasenknopfin --

Lewitter wiederholte rasch: Die Hasenknopfin?

Zgernd sagte der junge Bauer: Wohl! Die Hebmutter von Unterstein.

Dein Lehen gehrt zum Markt. Warum mut du die Hebmutter von
Unterstein haben?

Die vom Markt, erwiderte Christl scheu, die mag mein Weib nit. Es
ist ein Kreuz, Herr!

Mehr brauchte Simeon nicht zu hren. Nun wute er, da die Haynacherin
eine Unsichtbare war, die ihren Leib von einer katholischen Wehmutter
nicht berhren lie. Dein Weib mu leiden?

Heut nach der zehnten Stund, da hat sie zu schreien angehoben und ist
wie unsinnig gewesen.

Ein natrlich Ding, Christl!

Wieder schttelte der junge Haynacher den Kopf. Vor anderthalb Jahren
hat mir meine Martle ein Bbl geboren. Sie sagt, da wr's anders
gewesen. Und die Hasenknopfin kennt sich nimmer aus. Sie meint, es wr
schon drei Wochen ber die Zeit. In mir ist eine Angst --

Die Hasenknopfin wird falsch gerechnet haben. Hast du Feuer daheim?

Der Ofen ist warm, der Herd ist kalt.

So spring voraus, mach Feuer auf dem Herd, da du kochendes Wasser
hast, bis ich komme.

Der Bauer fing zu rennen an, da ihm der schnellste Lufer des
Frstpropstes nicht nachgekommen wre. Diese straffe, gesunde Gestalt,
die noch was Jnglingshaftes hatte, schien Sehnen von Stahl zu
besitzen. Der graue Lodenmantel wehte dem Christl vom Halse weg, und
das harte Gesicht mit dem kurzen Braunbart war nach vorne gestreckt.
So rannte er durch den Mondschein wie ein vom Tod Gehetzter. Der
gutglubige Christl Haynacher mute seine Martle, obwohl sie eine
Unsichtbare war, von Herzen lieb haben. Er rannte keuchend durch die
Dampfwolken, die das Frauenreuther Salinenhaus umdunsteten. ber eine
Holzbrcke hinber, durch ein kleines Grtl und in das niedere Haus.
Tu dich getrsten, Martle! rief er atemlos in die Schlafkammer, in
der das sthnende Weib die Hnde nach ihm streckte. Gleich kommt der
Jud. Der ist geschickter als der Feldscheer. Jetzt mu ich zum Herd.
Der Jud will haben, da ich Wasser sied. Er sprang zur Kche.

Bei allen Schmerzen wurde das junge Weib von der Sorge geplagt, da der
Mann eine falsche Pfanne nehmen knnte. Angstvoll schrie sie ihm nach:
Nit das neue Kupferpfndl. Das mssen wir aufheben frs Kind. Nimm den
alten Blechhafen!

Christl dachte: >Sie sieht nit, was ich nimm.< Er hate das kommende
Kind, das sein Weib so schreien machte in Schmerzen, und fr seine
Martle war ihm die neue Kupferpfanne gerade gut genug. Wr' eine
silberne im Haus gewesen, der Christl htte sie genommen. Eine Minute,
und das Feuer zngelte auf dem offenen Herd, die Kupferpfanne hing
darber und rauchte. Jetzt konnte Christl zum Bett seines Weibes
springen. Am Trpfosten zwischen den beiden Wohnrumen hing eine
qualmende Specklampe und beleuchtete die Stube und die Kammer. In der
Stube stand neben dem warmen Feuersteinofen die Wiege, in der das
Bbchen schlief; es hatte rote Wangen und schien den braunen Krausbart
des Vaters als Percke zu tragen. Christl warf einen zrtlichen Blick
auf das kleine Brschl, das er jetzt doppelt lieb hatte, weil es vor
seinem ersten Tag die Mutter nicht so grausam geplagt hatte, wie dieses
neue kommende Leidwesen, das er hate. Als er hineinsprang in die
kleine Kammer, die nicht viel grer war als das plumpe Doppelbett, kam
er gerade recht, um dem jungen Weib, das sich in Schmerzen wand, die
verkrampften Hnde zu lsen. Seine Nhe schien sie ruhiger zu machen.
Er lag vor dem Bett auf den Knien, und Martle, ihre Pein verbeiend,
umklammerte seine braunen Fuste. Ihr hbsches Gesicht war entstellt,
und das wirre Blondhaar hing um die von Schwei berglitzerten Wangen.
Kaum verstndlich sthnte sie: Mann, ach Mann, ich tu nit gebren, ich
glaub, da ich sterben mu.

Er bettelte: Herzweibl, magst du nit ein bil christliche Besinnung
haben? Magst du nit einen frommen Notschrei tun zu den vierzehn ewigen
Helfern?

Heftig wehrte das Weib: Sterben, wenn's sein mu. Nit lgen! Tten
die Soldaten Gottes kommen, jetzt tt ich es sagen, da ich eine
Unsichtbare bin.

Er klagte in Gram und Zorn: Der Himmel tut dich ben. Not und Elend
will kommen ber uns, weil du weit bist von meinem Herrgott und dich
versndigst am rechten Glauben.

Elend und Not kommt ber mich, weil du fern bist von meiner Seligkeit.
Du bist so weit von mir -- schier sehen dich meine Augen nimmer. Nach
diesen Worten ein gellender Schrei ihrer Qual.

Nicht dieser Schrei erschtterte ihn. Was ihm das Herz bedrckte, war
der Blick der Liebe, der nach ihm drstete aus ihren verstrten Augen.
Wie ein Wahnwitziger keuchte er: Schick mich den Hllenweg! Ich tu's,
Martle, nur da ich dich nimmer leiden seh! Soll ich dir einen holen
von den Deinigen? Da er dich trstet?

Sie zog seine Hnde an ihren Hals. Mein Vater und meine Mutter haben
mich verlassen, haben mich verstoen. Von den anderen, die meine
Geschwister sind in Gott, drf ich keinen beim Namen nennen. Magst du
mir was zulieb tun, so hol mir mein Paradiesgrtl und tu mir's unter
das Kissen legen. Dann ist mir leichter.

Christl sagte wie ein Gefesselter: Ich tu mich versndigen fr alle
Ewigkeit. Wo hast du das Bchl?

Sie sphte gegen die Stubentr und lauschte. Dann zog sie ihn an
sich und flsterte an seinem Ohr: In der Milchkammer steht die
Kleienkist. Tief mut du unter die Klei hinuntergreifen. Ganz unten ist
das Mehlsckel versteckt. Im Mehl, da findest du einen Pack. Sieben
Lodenfleck sind drumgewickelt. Ihre Augen begannen zu glnzen. Da
drinnen ist das heilige Bchl.

Martle, ich mu es bringen. Er sah ihr in die glcklichen Augen. So
hatte sie ihn angesehen vor drei Jahren, am Hochzeitstag, als er nach
dem Kirchenritt die junge Frau heruntergehoben hatte vom rotgesattelten
Brautschimmel. Und whrend er hinaustaumelte durch die Stube, raunte
er wie ein Verzweifelter: Im Mehlsckl! Jetzt hat sie's im Mehlsckl.
Und hundertmal hab ich das ganze Haus schon ausgesucht nach dem
gottverfluchten Teufelsgut!

Als er das Buch -- das evangelische Paradiesgrtlein des Johann Arndt
-- gefunden und aus den mehligen Lappen herausgewickelt hatte, mute
er draufspeien in seinem frommen Christenzorn. Erschrocken wischte er
den Speichel wieder fort und hatte, als er in die Schlafkammer trat und
sein Weib in Freude die Hnde strecken sah, das qulende Gefhl: da
er nicht htte beschimpfen sollen, was seinem Weibe heilig war. Sie
selber schob das Buch unter das vom Schwei ihrer Schmerzen durchnte
Kissen. Nun streckte sie sich aus, faltete die Hnde und sprach mit
lchelnder Innigkeit die leisen Worte: Vergeltsgott, du Lieber! So
viel wohl ist mir jetzt. Gott verlat die Seinen nit, die zu ihm stehen
in Treu und Redlichkeit. Whrend Christl stumm sein lchelndes Weib
betrachtete, als geschhe an ihr ein Wunder, klang ein hartes Pochen
durch das stille Haus: Lewitter klopfte an der Schwelle den Schnee von
den Schuhen. In Freude stammelte der junge Bauer: Martle! Die Hilf ist
da! Er rannte in den Flur und wollte fast verzweifeln, weil Lewitter
so lange brauchte, um sich aus dem Pelz herauszuschlen und auf dem
Herd die Hnde in heiem Wasser zu waschen.

Mit der braunen Tasche ging Simeon in die Kammer und zndete, whrend
er freundlich zu der Leidenden redete, eine hellbrennende Kerze an.
Dann schlo er die Tre. Christl mute in der Stube bleiben. In
qualvoller Erwartung sa er auf der Ofenbank. Um einen Trost fr sein
hmmerndes Herz zu haben, nahm er sein Bberl aus der Wiege und sang
mit erwrgter Stimme ein Schlummerlied, obwohl der Kleine aus dem
festen Kinderschlafe gar nicht erwacht war. Zwischen den Strophen des
Liedes stammelte er seine Stogebete, immer eines, mit dem er die
Heiligen um Hilfe anbettelte fr sein leidendes Weib, dann eines, mit
dem er Gott um Verzeihung bat fr die Todsnde, die er durch Frderung
der Gottwidrigkeit einer Unsichtbaren begangen hatte. Da ffnete
Lewitter die Kammertr. Er schien erregt zu sein. Ich hab deinem
Weib was geben knnen, was die Schmerzen lindert. Aber man mu die
Hasenknopfin holen. Allein mcht ich auch nit bleiben. Kannst du nit
einen Nachbar drum anreden, da er zur Wehmutter geht?

Wohl! Christl prete die Wange an das schlafheie Gesicht seines
Bbchens und legte das Kind in die Wiege. Ich spring, was ich springen
kann. Durch den Schnee und ber den Zaun hinber. In dem Haus, an dem
er pochte, wollte niemand erwachen. Oder war niemand daheim? Waren das
*auch* solche, die sich unsichtbar machen in der Schneenacht? ber die
Strae zum nchsten Haus. Hier wurde der alte Bauer wach und murrte
in der Fensterluke: Aus dem Markt will ich die Hebmutter holen. Der
Hasenknopfin geh ich nit ums Leben ins Haus.

Jesus, Jesus, ich brauch aber die Hasenknopfin.

So mut du selber nach Unterstein. Gelobt sei Jesus Christus und die
heilige Mutter Marie. Der alte Bauer schlo das Fenster und sagte
in der Stube zu seinem Weib: Jetzt mu der Haynacher auch nimmer
rechtglubig sein. Er hat den Fegfeuergru versagt. Christl hatte der
gutkatholischen Antwort nur aus Schreck vergessen. Und whrend er sich
besann, zu welchem Haus er nun rennen sollte, sah er von der Saline her
einen Menschen durch die Mondhelle kommen. Im Schneelicht erkannte
Christl den Jger Leupolt Raurisser, mit der Feuersteinflinte unter dem
Radmantel. Jesus, Christbruder, was hast du fr einen Weg?

Zum Knigssee.

Gott sei Lob und Dank. Da mut du durch Unterstein. Magst du nit der
Hasenknopfin ausrichten, sie soll zur Haynacherin kommen, gleich! Magst
du es tun?

Gern, Bauer!

Vergeltsgott tausendmal! Das sagte Christl, whrend er schon
davonsprang. Dann fiel ihm ein, da er den Ablagru vergessen hatte.
Im Springen schrie er ber die Schulter: Gelobt sei Jesus Christus und
die heilige Mutter Marie!

Leupolt gab keine Antwort. Rasch, mit federnden Schritten, wanderte er
durch den Mondschein, aufwrts an der Ache. Der Schnee knirschte unter
seinen eisenbeschlagenen Schuhen. Als er den Wald erreichte, fuhr ein
Wildschweinrudel, das von den Untersteiner Smpfen kam, an ihm vorber
und brach mit Knacken und Rauschen durch den Wald. Nun kam er wieder
zu offenem Feld, kam zu den ersten Husern von Unterstein. Das Haus
der Hasenknopfin lag mitten im Dorf, an der Strae. Leupolt pochte.
Es rhrte sich was in der Stube, das Fenster wurde geffnet, und eine
leise Mdchenstimme fragte: Was willst du?

Die Hasenknopfin soll zur Haynacherin kommen.

Ein mitrauische Zgern. Die Mutter ist auswrts.

Ich will zu ihr hinlaufen. Wo ist sie?

Das Mdel schwieg, weil es den Jger im dunklen Mondschatten nicht
erkannte. Da beugte Leupolt sich vor und flsterte: Es ist ein heilig
Ding. Ist deins und meins. Tu reden, Schwester!

Die Mutter ist bei der Kripp, in der das heilige Kindl hat liegen
mssen.

Leupolt sprang ber die Strae, hastete den verschneiten Wiesenhang
hinauf und erreichte den Wald. Im schwarzen Schatten unter den Bumen
nahm er den Mantel ab, zog aus dem Bergsack ein weies Leinenbndel
heraus, schlpfte in das Schneekleid der Unsichtbaren und verwahrte
den Sack, das Htl und die Flinte in den Stauden. Durch den Wald
emporsteigend, kam er zu einer Lichtung. Zwischen den letzten Bumen
vernahm er das Schnalzen eines Eichhrnchens -- das Wchterzeichen.
Leupolt antwortete mit dem gleichen Laut. Wie hier, so war es in
dieser weien Nacht an vielen Orten des Berchtesgadnischen Landes, auf
der Gern, zu Bischofswiesen und Ilsank, auf dem Toten Mann, in der
Ramsau, am Taubensee und auf dem Schwarzeneck. berall wanderten die
Unsichtbaren, um Gottes Wort zu hren.

Die geschulte Jgerei des Stiftes zhlte in ihren Bezirken jedes
hauende Schwein, jeden jagdbaren Hirsch und jede Gemse. Doch unter
den frstprpstlichen Jgern wute nur Leupolt Raurisser, wie viele
Eichhrnchen in den Berchtesgadnischen Wldern schnalzten.




Kapitel IV


Auf der Waldlichtung lag ein Bauerngehfte, still, mit schwarzen
Balkenmauern unter dem weien Schnee. Kein Laut, keine Spur von Leben.
Viele Schrittfhrten waren durch den frischgefallenen Schnee getreten,
gegen das Gehfte hin. Leupolt klopfte an der Haustr, dreimal und
einmal. Die Tr wurde lautlos aufgetan; eine Hand fate im finstern
Flur den Jger am Arm und zog ihn durch ein enges Gngelchen. Warmer
Stallgeruch quoll ihm entgegen, und als er die feuchte Holztr ffnete,
war ihm ein Dunst vor den Augen, als trte er in eine Waschkche
mit dampfendem Kessel. Das matte Licht einer trben Laterne. Damit
auch von dieser schwachen Helle kein Schimmer hinausfiele ins Freie,
waren die zwei kleinen Fenster dick angestopft mit Heu. Die Hennen
glucksten leise in ihrer Steige, zwei Ferkelchen quieksten in einer
Bretterkiste, und drei Khe und zwei Klber, die enggedrngt an der
Futterkrippe standen, rasselten mit ihren Ketten, drehten die Kpfe
hin und her und schnaubten. Aller brige Raum des Stalles war Schulter
an Schulter angefllt mit Leuten, die entlang der Mauer standen oder
auf Strohgarben saen. Alle waren in das gleiche weie Schneekleid
eingehllt, wie es Leupolt trug, alle hatten die Kapuzen mit den
dunklen Augenlchern ber den Kpfen. Inmitten des hei atmenden
Menschenknuels sa auf dem Melkschemel eine gebeugte Mannsgestalt,
unter deren Kapuze ein weigrauer Bart herausquoll. Das war der
Frsager, der lteste der versammelten Gemeinde, die noch nie einen
Prediger ihres Glaubens gehrt hatte. Auf den Knien hielt der Alte
das heilige Buch, das der Erwecker ihrer Seelen war, die Quelle ihrer
Sehnsucht und die Stillung ihres Zweifels.

Bei Leupolts Eintritt war Schweigen im Stall. Nur die Raschelgerusche
der Tiere. Und alle dunklen Augenlcher der weien Kapuzen drehten sich
gegen den Jger hin. 's Gotts Willkommen! grte der Frsager, als
die Tr wieder geschlossen war. Bringst du Botschaft, Bruder?

Leupolt erhob die Hand. Ist eine unter euch, die man ntig hat
zwischen Wehbett und Wieg? Sie mu zur Schwester Martle kommen, gleich.

Von den weien Gestalten erhob sich eine, kte fromm das heilige
Buch, das der Frsager auf den Knien liegen hatte, und verlie den
Stall. Wieder das Schweigen, bis die Tr sich geschlossen hatte. Dann
sagte der Alte mit seiner sanften Stimme: Ein Kindl will eintreten
ins Elend der Zeit. Lasset uns hoffen, da ihm der Heiland den rechten
Lebenstrost hineinhaucht ins auflebende Herzl. Alle Kpfe senkten
sich, jedes Hndepaar klammerte sich vor der Brust ineinander. Jetzt
redet weiter, Leut! Wer ein Unrecht erfahren hat, soll's frbringen vor
dem heiligen Buch. Wissen, da wir alle leiden mssen ums Himmelreich,
das krftet die Wehleider und die Schwachmtigen!

Einer, mit heier Erbitterung in der Stimme, rief aus dem Kreis heraus:
Weil ich verdchtig bin und bei einer gutkatholischen Nherin ein
Hemmed hab nhen lassen, bin ich gestraft worden um vier Gulden, drf
kein Hemmed mehr am Leib haben und mu nackig unter dem Kittel gehen.

Ein Weib knirschte zwischen den Zhnen: Ich bin ums Betluten in
der Kuch gesessen und hab Butter gerhrt. Da braucht man zwei Hnd
dazu. Ein Musketier ist gekommen: >Weibsbild, warum hast du nit den
Rosenkranz in der Hand?< Ich sag: >Weil ich blo zwei Hnd hab, nit
drei.< Da hat er mich viermal ins Gesicht geschlagen. Der Unchrist!

Mhsam erhob sich ein alter Mann: Mich hat einer angezeigt, ich wei
nit wegen was. Man hat mich ins Loch geschmissen, da ich nimmer Sonn
und Mond gesehen hab. Am neunten Morgen haben sie mich auslassen.
Und wie ich gefragt hab, was ich verbrochen htt, da hat mich der
Buknecht aus dem Stiftshof hinausgestoen und hat mir nachgebrllt: Du
Schafskopf, bist du neugieriger, als *wir* sind?

Mit Trnen in der Stimme sagte eine Frau, die Wittib war: Am Sonntag
hat meine Kuh geklbert. Drum hab ich die Predigt versumen mssen.
Das hat fnf Gulden gekostet. Sieben Kreuzer sind mir auf Brot fr die
Kinder geblieben.

Mein Nachbar, sagte einer, hat dem Pfleger verraten, ich htt das
evangelische Paradiesgrtl bei mir versteckt. Die Soldaten haben
umgewhlt in meinem Haus wie die Su. Einer hat gemeint, ich knnt das
Buch unter dem Fuboden haben, und da hat der Schweinkerl in meiner
sauberen Stub sein Wasser abgeschlagen, da es hineingeronnen ist in
die Bretterklumsen. Wr das heilige Bchl da versteckt gewesen, so htt
ich dreinschlagen mssen in meinem Zorn und wr ins Eisen gekommen.

Eine gellende Mdchenstimme, die sich anhrte wie der Aufschrei einer
Fieberkranken: Sie haben in der Weihnchtswoch den Schaitbergischen
Sendbrief in meinem Bett gefunden. Bis gestern bin ich im Buloch
gelegen. Mit zuckenden Hnden ri das Mdel am Hals den Latz
des Mieders auseinander, da man die blutunterlaufenen Male der
Faustschlge sehen konnte. Leut! Schauet mein junges Brstl an! So
haben die Soldaten Gottes mich zugerichtet.

Unter der zornknirschenden Bewegung, die ber die weiverhllten Kpfe
hinging, bedeckte der Frsager mit dem heiligen Buch die mihandelte
Ble des Mdchens. Im hohen Lied des Knigs Salomo steht: Wie schn
sind deine Brstlen, sie sind wie Elfenbein! -- Tu nit schreien,
liebe Schwester! Augen, die aufschauen zum Heiland, mssen sein wie
Taubenaugen! Er ging zurck zu seinem Schemel. Wer mu noch klagen?

Schrillend rief eine Stimme. Wr's noch allweil nit genug? Gibt's
keinen Helfer auf Erden? Hilft da der deutsche Kaiser nit?

Ein hartes Mannslachen. Die Salzburger haben Hilf gesucht beim Kaiser.
Da hat er dem Bischof wider die Evangelischen sechstausend Soldaten als
Helfer geschickt.

Wieder jene gellende Mdchenstimme: Du Kaiser im Untersberg! Steh auf!
La deinen Bart nit lnger wachsen! Ist lang genug! Steh auf und hilf!
Es ist so weit, da die deutsche Welt verzweifelt.

Schwester, tu nit die Ruh verlieren! mahnte der Frsager. Uns helfen
die Frsten nit, uns hilft nit das alte Mrlein von der guten Zeit,
die im Untersberg versunken ist. Uns hilft nur Einer. Der hat mir ein
gutes Sprchl eingegeben:

  Ich trau auf Jesu Huld,
  So wird sich's finden.
  Stillhalten und Geduld
  Kann alls verwinden.

Da konnte Leupolt nicht lnger schweigen. Frsager, du redest, wie's
den Mden um die Seel ist. Wir Jungen spren es anders. Geduld ist
ein heiligs Wrtl. Aber Stillhalten ist ein unmnnliches Ding. Mit
Stillhalten findet kein Menschenfu zu gutem Weg, mit Stillhalten
geht der beste Wagen nit frwrts, mit Stillhalten bringen wir die
unsichtbare Kirch der Freiheit nit entgegen. Es mu einmal ein End
haben mit dem Ducken und Schweigen, das dem Glauben an Gottes Wahrheit
zuwider ist. Viele Stimmen, mit Beifall oder Abwehr, fuhren ihm in die
Rede. Er reckte sich im weien Schneekleid, und immer wrmer klangen
seine Worte: Leut! Mit unserem mutigen Glauben ist die mutlose Furcht
gemenget, wie im Mllersieb das Mehl mit den Kleien. Mu nit bald der
Schttler kommen, da die Kleien im Sieb bleiben und das Mehl in den
Kasten fallt? Hat nit jeder von uns Unsichtbaren schon gesprt in
seiner Seel, da er Unrecht tut? Den Rosenkranz um die Hand wickeln,
die Faust in den Weihbrunnkessel tunken, unredlich im Beichtstuhl
reden, sich begngen mit Christi Leib und sein heilig Blut entbehren,
niederfallen vor einem hlzernen Bildstckl, das uns nit heilig ist --
alles, was wir tun, um die Seel vor Musketier und Kaplan zu verstecken
-- ist das ehrlich und evangelisch, Leut? Ich mag da nimmer mittun.
Ich bin dafr, da sich die Unsichtbaren sichtbar machen. Die Wahrheit
ist ein grner Stecken, an dem ein jeder sich aufrichten kann. Und in
der letzten Neumondnacht hat uns der Frsager auf dem Toten Mann das
Heilandswort gelesen: Wer mich verleugnet vor den Menschen, den will
ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.

Tiefe Erregung erfate die Herzen der anderen. Unter lrmendem
Wortgewirre drngten alle Weiverhllten gegen den einen hin, der so
geredet hatte.

Es ist nit so, da ich euch was einreden mcht, sprach Leupolt
weiter, ich sag halt, was ich mir denk. Ich kann's nimmer mitmachen.
Jetzt geht es ins vierte Jahr, da die Unsichtbaren leiden unter der
Seelenprob, die der rmische Bischof Benedikt erfunden hat. Gren mu
man: Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie! Und sagen
mu man drauf: Von nun an bis in Ewigkeit Amen.

Einer lachte zornig: Jesus Christus, die Heilandsmutter und das ewige
Leben? Sind das nit heilige Wrtlen? Warum soll man sllene Wrtlen nit
sagen knnen?

Weil der rmische Bischof einen Sndenabla auf seinen
Scheidwassergru gesetzt hat: da jeder, der so grt, um 30 Wochen
frher aus dem Fegfeuer km! Das geht wider unseren Glauben. Ein
Fegfeuer gibt's nit. Jeder von uns, der so grt, befleckt seine
redliche Seel mit einer gottswidrigen Lug. Und es ist nit das allein.
Der Gru ist ein Grausen worden fr jeden Rechtschaffenen. Das ist
ein Gru, der Tag fr Tag geschndt und verschumpfen wird. Kommt ein
Kartenbruder ins Leuthaus: Gelobt sei Jesus Christus! Jeder Besoffene
hebt seinen Krug mit dem Wrtl: Gelobt sei Jesus Christus! Packt ein
Schmierfink ein Mdel bei der Kittelfalten, so tut er's mit Gelobt sei
Jesus Christus!

Jene gellende Mdchenstimme: Jedes Blutmal auf meinem Brstl ist ein
Gelobt sei Jesuchrist gewesen!

In dem schweratmenden Schweigen, das diesem Zornschrei eines
gemarterten Lebens folgte, sprach der Jger mit ernster Ruhe: Schon
seit dem Sommer hat das Gewissen in mir geredet. Ich kann nimmer lgen.
Es geht mir gegen den Herzfrieden. Soll's kommen, wie's mag. Glck
oder Elend, von heut an will ich den Gru nimmer sagen, und grt mich
einer, so geb ich die Antwort nit. Leupolt legte die rechte Hand auf
das heilige Buch. Ich tu's geloben.

Viele weie Arme streckten sich nach ihm. Ein Verhllter schrie
dazwischen: Nit, nit, ums Himmels willen, ihr Leut! So haben's vor
dritthalb Jahr die Salzburger angehoben. Dreiigtausend hat der Bischof
aus seinem Lndl hinausgeschmissen. Das beste Hfl, das drei, vier
Tausend wert ist, hat man aufgeschrieben mit fnf, sechs Hundert, eine
milchende Kuh mit vierthalb Gulden, ein jhriges Kalb mit 40 Kreuzer.
So hat man die evangelischen Wanderleut betrogen um Gut und Blut, hat
zwischen Mann und Weib eine Mauer geschoben, hat dem Vater oder der
Mutter die Kinder von der Seel gerissen! Mit beiden Fusten packte der
Aufgeregte seine Brust. Mein gutes Weibl ist rmisch blieben, man tt
mir die Kinder nehmen. Die la ich nit. Mein Haus und Acker ist mir
als wie mein Herzfleck. Mt ich hinunter zum luthrischen Sand und tt
keinen Berg mehr sehen, ich wt nimmer, wie ich noch schnaufen knnt.
Es geht nit, Leut! Frsichtig bleiben ist besser.

Leupolt legte ihm die Hand auf die Schulter. Meinst du, das wr
schlechter: sich aufrecken zur Redlichkeit?

Tu mich auslassen! Der Erregte schttelte in Zorn die Hand des
anderen von sich ab. Hast du Weib und Kind? Hast du Acker und Haus?
Wieviel verlierst denn du mit der Redlichkeit? Bist du ein Naderer[A],
der die Frsichtigen verhetzen will? Manche von den Unsichtbaren
hatten den Leupolt Raurisser an der Stimme erkannt. Sie schalten den
aufgeregten Widersacher um des bsen Wortes willen. Aber andere, die
nicht wuten, da es der Leupolt war, wurden mitrauisch: Was bist
denn du fr einer? Wer reden will wie du, mu sichtbar sein!

[A] Polizeispion.

Leupolt streifte die weie Kapuze ber den Scheitel zurck: Meine
Brder im Heiland! Arg evangelisch habt ihr jetzt nit geredt.
Evangelisch sein, heit glauben und trauen.

Jetzt schrien ihm alle freudig zu. Und die Jungen, ob Buben oder
Mdchen, zerrten die weien Kappen von ihren Kpfen und zeigten die
erhitzten Gesichter mit den blitzenden Augen. Was der Leupolt tat, das
konnte man nachmachen ohne Sorge. Auch der Aufgeregte wurde ruhiger. Er
enthllte wohl die Augen nicht, streckte aber dem Jger die Hand hin
und sagte herzlich: Tust du mir mein frschnelles Wort verzeihen?

Gern. Leupolt fate die Hand des anderen. Jetzt

weit du, wer ich bin. Ich hab nit Haus und Acker, nit Weib und Kind,
nit Klbl und Kuh. Aber Vater, Mutter und Brder hab ich. Da wird eine
Mauer wachsen, die nimmer fallt. Was Berg und Heimat heit, das ist
mir tiefer im Herzen als Blut und Leben. Der Blick seiner glnzenden
Blauaugen irrte ins Leere. Auch hat ein schnes Glck vor meiner Seel
gehangen. Das mu ich verlieren. Um der Wahrheit wegen, an die ich
glaub.

Noch tiefer als der Sinn dieser Worte griff der Klang seiner Stimme
in die Herzen der anderen. Ein schweres Schweigen. Dann mahnte der
Frsager: Was uns der Leupolt hat raten mssen, das reden wir heut nit
aus. Da mu man in der Neumondnacht auf dem Toten Mann die Alten hren.
Und jetzt zum Heimweg soll Einer reden, der's besser kann als ich.
Er hob das Buch in die trbe Laternenhelle und las in seiner sanften
langsamen Art die Worte der Bergpredigt. Alle Kpfe waren geneigt, jede
Seele lauschte in drstender Sehnsucht. Die Hennen glucksten in der
Gattersteige, die Khe schnaubten an der Krippe und rasselten mit den
Ketten. Dann fingen die Sichtbaren und die Unsichtbaren mit versunkenen
Stimmen zu singen an:

  Ein feste Burg ist unser Gott,
  Ein gute Wehr und Waffen --

Als das Lied zu Ende war, griff der Frsager in ein Fa, das an der
Mauer stand, schpfte mit der Hand von dem roten Viehsalz und hob es
den Schweigenden hin. Zum Zeichen, da wir alle eines Herzens und
Glaubens sind. Eines ums andere tauchte den an der Zunge benetzten
Finger in das Salz und nahm die bitteren Krner zwischen die Lippen.
Bleibet bestndig und befehlt euer Leidwesen dem gtigen Heiland! Geht
heim und seid mit der Zeit zufrieden, wie sie ist. Es wird noch rger
kommen. Wer das Salz gekostet hatte, verlie den Stall. Eine von den
Khen brllte der frischen Luft entgegen, die hereinwehte durch die
offene Tr.

Als Leupolt vom Waldsaum ber das weie Gehng hinuntersprang
zur Strae, trug er wieder das dunkle Jgerkleid und hatte die
Feuersteinflinte unter dem gespreizten Radmntelchen. Hastig schritt er
neben der rauschenden Ache hin, deren Wasser heraussprudelte aus dem
gefrorenen Knigssee.

Das beschneite Eis der Seeflche war von Sprngen durchzogen, und
immer, wenn eine von diesen Frageln weitersprang, war ein schwebender
Ton zu hren, als htte man an eine groe Glocke geschlagen.

Aus dem Dunkel einer Schiffhtte holte Leupolt den Beinschlitten
heraus, stellte sich auf das Brett und begann mit dem langen
Stachelstock den Schlitten zu treiben. Eine sausende Fahrt, vorber an
der Insel Christlieger, dann in den Schatten der Falkensteiner Wand
hinein. Hier hatte das Eis nur wenige Risse, und sie waren so schmal,
da der sausende Schlitten drber wegsprang wie ber eine ungefhrliche
Schnur. Nun aus dem Schatten wieder hinaus in das funkelnde Mondlicht,
hinein in den ruhelos klingenden Weitsee. Und da wurde die Fahrt immer
langsamer. Jetzt stand der Schlitten, und die schlanke Gestalt des
Jgers blieb unbeweglich.

Was da schimmernd vor seinen Augen lag, das hatte er schon hundertmal
gesehen, aber noch nie so zauberschn wie in dieser klaren Mondnacht.
Oder steigerte ihm das eigene Denken und Gefhl den Schnheitstraum
der Erde ins berirdische? Whrend der Fahrt, bei der die scharfe
Zugluft seine Wangen wie mit spitzen Nadeln gestochen hatte, waren
ihm in Sinn und Seele zwei Gedanken gewesen, von denen der eine den
anderen peitschte: der Gedanke an das Sichtbarwerden der Unsichtbaren,
an das mutige Bekennen des verschleierten Glaubens -- und der Gedanke
an ein strengschnes, dunkelugiges Mdchengesicht, um dessen Stirn
wie ein schweres Seilgeflecht die braunblonden Zpfe lagen. Da er ein
Unsichtbarer war, das wute sie. Von ihrem Vater? Nein. Der Meister
Niklaus schwatzte nicht. Da mu es ihr wohl die Sus gesagt haben, die
im vergangenen Winter manchmal mit dem Meister im Schneekleid die
heilige Frsagung besucht hatte. Jetzt kam sie nimmer. Weil auch der
Meister nimmer kam, seit Luisa wieder im Haus war. Gleich am ersten
Tag nach ihrer Heimkehr aus dem Kloster hatte Leupolt sie gesehen,
in der Marktgasse, und hatte immer an diese Augen denken mssen, die
nicht Mensch, nicht Mauer zu gewahren schienen, nur immer so heilig
ins Leere glnzten. Noch siebenmal war er an ihr vorbergegangen. Von
jeder Begegnung wute er den Tag, die Stunde, und ob Sonnschein oder
trb Wetter gewesen. Am Dreiknigstag, als sie mit der Sus von der
Kirche kam, hatte er das Htl gezogen und hatte ihr's grad in die Augen
gesagt: Du tust mir gefallen, ich bin dir gut, ttest du zrnen -- Er
hatte sagen wollen: Wenn ich werben mcht bei deinem Vater? Das hatte
sie ihn nimmer zu Ende reden lassen. Ihr Zornblick war ihm ins Herz
gegangen wie ein Messersto.

Ihr Zorn? Warum dieser Zorn? Hab ich's mit dem ersten redlichen Wrtl
unschickig angestellt? Oder hat sie -- die jeden Morgen zur Messe
und oft zu ihrem Beichtiger ging -- schon damals gewut, da er ein
Bruder der Unsichtbaren war? Er herben und sie da drben, und zwischen
ihm und ihr ein Wasser ohne Steg! Eine, die meint, sie tt dem Himmel
gehren, wird nicht die liebe Hand nach einem strecken, von dem sie
glauben mu, er wr' verloren auf ewig. Mit harten Fusten hatte er
sein Herz gepackt, hatte sich gezwungen, dieses Hoffnungslose in seinem
Blut zu ersticken. Und da war der Abend gekommen, an dem es der Vater
heimbrachte vom Pflegeramt: Heut kommt der Muckenfl ber den Meister
Niklaus; Gott soll's verhten, da der Meister verbotene Schriften
im Haus hat. Weder die Mutter, noch der Vater hatte dem Leupolt
was angemerkt. Und aus der Kammer zum Fenster hinaus! Barmherziger
Herrgott, was fr eine irrsinnige Sorgennacht war das gewesen, bis ihm
der Pfarrer die Angst vom Herzen herunternahm! Und immer, whrend der
ganzen sausenden Fahrt ber die schwarzen Frageln, die wie Glocken
luteten, immer hatte er Luisas Stimme gehrt, hatte immer wieder das
Wort vernommen, das sie im Schneegewirbel zu ihm gesprochen: Du bist
das Licht nit wert, es hilft dir lgen und macht dich anders, als du
bist! Das hatte er nicht verstanden. Weil ihm die Ruhe fehlte, um zu
hren? Weil ihm die Angst um sie und ihren Vater die Sinne verstrte?
Oder weil er empfunden hatte, wie fern sie von ihm war? Auch noch an
seiner Brust? An der Brust des Unsichtbaren? Und wenn er sichtbar
wird, und Schimpf und Verfolgung, Bu und Schergen kommen ber ihn?
Dann wird das Wasser zwischen ihm und ihr so tief sein, wie der
Knigssee. Ob's nicht am besten wr', hinunterzusausen durch eine von
den Frageln, aus denen das schwarze Wasser herausquoll ber den weien
Schnee? Das war gedacht und schon verworfen als eine feige Snde. Wer
Gottes ist, mu leben und tragen, mu ein fester Stecken sein fr die
Schwcheren! Es zhlen die anderen, Mensch, nit du! Und da war ihm,
als er herausglitt aus dem Schatten, diese silberfunkelnde, klingende
Erdenschnheit in die Seele gesprungen.

Er stieg vom Schlitten, stemmte schrg den Stachelstock vor sich hin
und staunte stumm hinein in das flimmerweie, lutende Mondnachtwunder.
Der weite Bogen der hohen Berge war durchwrfelt von Schimmerlicht
und tiefen Schatten. Fern, am Fu der gleienden Wnde, lagen drei
schwarze Punkte im Wei, die beschattete Kirche, der Jgerkobel und das
Herrenschll von St. Bartholom. Dahinter stieg das leuchtende Mrchen
empor. Zwischen den schillernden Eiskaskaden der in Tropfsteinformen
gefrorenen Sturzbche lagen seltsam gezeichnete Schattengebilde,
bald wie schwarze Riesentiere, bald wie finstere Mnnerkpfe und
Frauengestalten. Droben in der hchsten Hhe mute Fhnsturm wehen.
Wie silberne Bnder, wie duftige Schleier, wie weie Mntel, gesumt
mit Regenbogenschimmer, flog der aufgewirbelte Staubschnee von den
Bergspitzen gegen den leuchtenden Himmel hinauf, an dem die Sterne wie
winzige Nadelspitzen glnzten und fast verschwanden neben dem Vollmond.
Der war anzusehen wie ein rundes Funkelfenster, in dem ein Mann und
ein Weib einander kten mit unersttlicher Inbrunst. Ruhelos tnten
und sangen dazu mit tiefen und hohen Glockenstimmen die vielen Frageln,
die an hundert Stellen das vom schwellenden Seewasser emporgedrngte
Eis entzweirissen -- ein klingendes, drhnendes Andachtsluten der
Natur, die ihren Schpfer lobte. Herrgott im Himmel, wie mchtig und
gro bist du! Diese Worte stammelnd, klammerte Leupolt die Fuste
ineinander. Er betete: Herr, wenn ich dich nur hab, so frag ich nimmer
nach Himmel und Welt. Auch wenn mir Leben und Seel verschmachten,
bleibst du mein Heil und meines Herzens Trost! So hatte in der letzten
Neumondnacht auf dem Toten Mann ein Salzburger gebetet, der aus dem
Brandenburgischen gekommen war und Botschaft brachte von den in
Ostpreuen angesiedelten Exulanten. Und der Salzburger hatte erzhlt:
so htte er den preuischen Knigsprinzen Friedrich beten hren, der
ihnen Hand und Hilf geboten wie ein Bruder den Brdern.

Noch lange stand Leupolt unbeweglich im Schnee. Pltzlich quoll ihm
ein heier Laut aus der Kehle. War's ein erwrgtes Schluchzen, oder
ein erstickter Schrei der Sehnsucht in seinem Blut? Nach einer Weile
das leise Wort: Ach, Mdel, wie hab ich dich lieb! Wo ich hinschau,
berall bist du!

Ihm war im Schnee und im knirschenden Winterfrost so schwl, da er an
der Brust seinen Jgerkittel aufreien mute. -- --

-- Und um die gleiche Stunde, in einer von zwei Kerzen erhellten
weien Stube, in deren Feuerloch die Kohlen noch glhten, fror ein
Schlafloser, da ihm beim Schreiben die Zhne schnatterten. Der Pfarrer
Ludwig.

Er hatte den Mantel um Hals und Brust geschlungen, da unter dem
schwarzen Saum nur die Fingerspitzen mit der Kielfeder hervorguckten.
Leib und Beine waren noch in eine wollene Decke gewickelt. Die Feder
raschelte und spritzte ein bichen, whrend sie in lateinischer Sprache
ein Buchstbchen ums andere hinmalte auf das gelbliche Papier. Was
Pfarrer Ludwig in seinem Kirchenlatein vom Inhalt des hebrischen
Briefes, der sich in Asche verwandelt hatte, fr seine einsamen
Stubenstunden festzuhalten versuchte, das htte in deutscher Sprache
gelautet:

Alles Wissen und Geschehen mu dem Leben dienen, damit der Lebende
des ihm mglichen Glckes teilhaftig wird. Als Anfang mut du erkennen,
Mensch, da alles ein Einziges ist. Der Vater hat viele Kinder. Sie
kommen und gehen. Er ist der Einzige, der immer gewesen ist und immer
sein wird. Ob du Gott sagst oder Natur, Geist oder Krper, immer nennst
du das Gleiche. Das Ewige ist in sich geschlossen und mu vollkommen
sein. Da Gott nicht begehren kann, was er nicht schon htte, kann er
ein Werdendes nicht wollen um eines neuen Zweckes willen. Alles ewig
Werdende ist ein ewig Gewesenes. Gott ist Bewegung und Ruhe, ewiges
Wirken und ewige Zufriedenheit. Das fhlst du, Mensch, wie ein Tropfen
fhlt, da er ein Teil des Meeres ist. In jedem Krper ist Geist vom
Geiste. Fhle dich als Gottes Kind, als Blutstropfen des Ewigen,
als Krnchen im Berge von Gottes Gre. Weil du als Teil das Ganze
nicht sehen kannst, drum siehst du immer ein Unzulngliches. Sei ein
Suchender, und du nherst dich der ewigen Wahrheit! In jedem Ding
ist Trieb nach der Heimat, in jedem Wesen ein Trieb zu Gott. Jeder
Schritt, dem Vollkommenen entgegen, erhht deine Kraft. Wende dich ab
vom Zug des Ewigen, und Furcht und Reue werden dich erfllen. Du bist
nicht schuldig deiner selbst, nur schuldig deiner irrenden Strae. Vom
Guten und Schlechten hast du ein ewiges Wissen in dir: die Sehnsucht
und den Ekel. Gott leitet und warnt dich nicht, alle Stimmen deiner
Wege sind in dir selbst. Schau in die eigene Seele und in das eigene
Blut; je tiefer du schaust, so deutlicher sprechen die Weiser deines
Weges. Jedes Rasten ist Verlieren. Der willig Schreitende ist ein
Wachsender an Macht und Freude. Willst du zu Gott, so wirst du bei ihm
sein. In seinen Armen bist du ein Freier, ferne von ihm ein Knecht ohne
Hnde.

Pfarrer Ludwig legte die Feder fort, und whrend ihn immer wieder ein
Frostschauer rttelte, berlas er, was er geschrieben hatte. Ob ich es
richtig verstanden hab? sprach er leise vor sich hin. Der Ernst seiner
Augen begann sich aufzuhellen. Man mu da halt *auch* wieder glauben!

Mit einem wunderlich frohen Lcheln, das seinem Warzengesicht einen
kindhaften Ausdruck gab, lie er aus der dicken Platte seines
Schreibtisches ein nur fingertiefes Ldchen herausspringen, verwahrte
die beschriebenen Bltter und drckte das Geheimfach wieder zu.

Hurtig, immer ein bichen mit den Zhnen schnatternd, wickelte er den
Mantel von sich herunter und begann sich zu entkleiden. Als er schon
barfig war und nur noch das Hemd und die Bundhose trug, fiel ihm der
schne, fast lebensgroe Crucifixus in die Augen, der, ein Jugendwerk
des Meister Niklaus, an der weien Mauer hing.

Sinnend blickte Pfarrer Ludwig zu dem von Dornen gekrnten, gtig
lchelnden Antlitz empor. Mir scheint, ich wei ein bil, was du jetzt
denkst von mir! Er hhlte die Hnde um die Fe des Gekreuzigten. Du
Frhlicher! Verzeih's deinem alten treuen Narrenschppel, weil er um
so sehnschtiger ein Mensch sein mcht, je nher ihm das kommt, da er
einer gewesen ist! Zrtlich kte er den eisernen Nagel, der durch die
Fe des Erlsers getrieben war.




Kapitel V


Seit drei Tagen hatte bei klarem Himmel der Fhn ber die Berge
hingeblasen und hatte schon an sonnseitigen Gehngen den Schnee
zusammengebissen zu einer dnnen Kruste. Gegen den vierten Morgen
begann man den lauen Sdwind auch im frostigen Tal zu fhlen.

Bei Tageserwachen, ein Freitag war's, beschlugen sich die Spitzen
der Berge mit dem Goldglanz der kommenden Sonne. Dennoch hatte der
Morgen keinen reinen Himmel. Von den Zahnspitzen des Wazmann strebten
kleinzerstckelte Wolkenstreifen gegen Norden. Die waren anzusehen wie
endlose Zge kleiner Weigestalten, die von Sden emporstiegen und da
droben hinwanderten ber blaublhende Leinfelder.

Dieser Gedanke kam dem Meister Niklaus, als er durch das groe,
schwervergitterte Fenster seiner Werksttte zum Himmel hinaufsah.
Er mute an die Tausendscharen der Salzburgischen Exulanten denken,
die aus der Heimat nach dem Norden gezogen waren. Der Freiheit, dem
ungehinderten Glauben entgegen? Oder zu neuer Not, zu noch tieferem
Elend? War den Stimmen zu trauen, die aus dem Pflegeramt herauskamen
und sich berall im Lande lautmachten, so hatten die Salzburger ein
hartes Los gefunden. Zu Hunderten waren sie auf ihren Wanderwegen
siech geworden und gestorben, und jene, die den Frost und die Not des
Hungers berstanden, bekamen Spott und Schimpf zu erdulden, Unrecht
und Mihandlung. Man hatte den Emigranten ihre Khe und Pferde
weggenommen, hatte ihre Wagen und Karren zerschlagen, ihre Schiffe
mit Steinen versenkt, hatte die Drfer und Stdte vor ihnen versperrt
und die um Erbarmen Flehenden mit Steinhagel und Flintenschssen
davongetrieben. Den Wenigen, so hie es, die zu einem Ziel gekommen,
htte man ungesundes Sumpfgelnd oder drren Sandboden zugewiesen, ohne
Gert und Bauholz, ohne Vieh und Zehrpfennig, ohne Beistand und Hilfe.

Jene von den Unsichtbaren, die im Berchtesgadener Lande schon ans
Wandern dachten, waren vor solchen Warnerstimmen so stutzig geworden,
da sie das mde Dulden in der Heimat dem hrteren Elend in der
Fremde vorzogen. Dann war in der letzten Neumondnacht ein heimlicher
Botschaftstrger der Salzburger zum Toten Mann gekommen, hatte das ble
Gerede vom Schicksal der Exulanten widerlegt, hatte alles Schwarze
in schnes Wei verwandelt und die gelsterte Wanderschaftshlle
geschildert als einen freundlichen Himmel brderlichen Erbarmens.
Was war da Lge, was Wahrheit? Die Widersprche waren so schwer, da
auch die Vertrauensvollsten zur Vorsicht rieten. Man durfte, sei es
im Guten oder Bsen, nicht jeder umlaufenden Botschaft glauben, mute
die eigenen Augen auftun. Zwei von den Verllichsten hatten sich
zur verbotenen Wanderschaft gemeldet, der Mann der Hasenknopfin von
Unterstein und der Christoph Raschp von der Wies: sie wollten ihr Leben
dransetzen, um die Wahrheit zu erfragen. An der Grenze hatte man die
beiden nicht gefat; sonst wren sie auf offenem Markt schon lngst am
Schandbalken gehangen. Nun waren sie schon in die dritte Woche auf der
Wanderschaft, auf dem Wege zur Wahrheit. Was werden sie bringen? Den
Trost einer neuen Hoffnung? Oder das hoffnungslose Sichbeugenmssen?
Diese Frage brannte in den Gedanken des Mannes mit der hlzernen
Hand, whrend er hinaufsah zu den im Blau des Himmels wandernden
Weigestalten. Frstelnd zog er den mit Pelz besetzten Hauskittel enger
um die Brust und wollte die Arbeit beginnen. Weil er die Tr gehen
hrte, drehte er das Gesicht ber die Schulter.

Die Sus brachte zwischen den Armen einen festen Pack Buchenscheite und
ging zum Ofen.

Der Meister lchelte. Als httst du erraten, da mir kalt ist! Allweil
spr ich deine treue Frsorg.

Schweigend kniete das schlanke Mdchen beim Ofen nieder und schob ein
Scheit ums andere in die rote Glut. Leuchtende Schimmerlinien sumten
ihre Wange, das weiblonde Haar, die Schulter, den runden Arm und die
Hfte.

Wie fein das ist, wenn dich die Glut so anstrahlt! Knnt ich nur auch
das Holz so schneiden, wie das Feuer den lebigen Krper nachzeichnet!
Er rckte einen hohen, dreibeinigen Stuhl, der etwas Verhlltes trug,
in das Fensterlicht. Ist das Kind noch droben?

Das Mdel, schon bei der Tre, schttelte den Kopf. Ums Tagwerden ist
sie zur Frhme fort.

Es zuckte um den brtigen Mund des Meisters. Statt besser, wird's
allweil rger. So bla und seltsam, wie in den letzten Tagen, ist sie
noch nie herumgegangen.

Sus nickte. Es mu was geschehen sein in ihr. Die halben Ncht lang
hr ich sie beten. Oft ruft sie mich in der Finsternis, weil sie
frchtet, es tten bse Gespenster umgehen.

Gespenster? Freilich, die gehen um. Bei Tag und bei Nacht. In allen
Kpfen. Kein Wunder, da jeder Mensch nach Trost und Beistand drstet.
Ich verdenk dem Kind den ruhlosen Kirchweg nit. Es sieht so aus, als
knnt sie den Schreck nit vergessen, den uns der Muckenfl ins Haus
geschmissen. Da wird sie von ihrer Seel den Zorn ber den schlechten
Nachbar wegbeten wollen, der uns im Pflegeramt vernadert hat. Wieder
das mde Lcheln. Ist sie im richtigen Beten, so haben wir ein
Stndl Zeit. Seit dem Sonntag ist's mit meinem Figrl nimmer aufwrts
gegangen. Ich brauch dich wieder. Magst du das Wollkleid antun und
kommen?

Mit einem Aufleuchten in den Augen ging das Mdel davon. Der Meister
hob das grne Tuch von seiner Arbeit und betrachtete das fast
vollendete Werk. Auf ovaler Holzplatte war in doppelter Spannenlnge
aus rotem Wachs ein Hochrelief herausgebildet: die Verkndigung, die
Gottes Engel der Maria bringt. Aus den Lften niederschwebend, reicht
er der Auflauschenden die Rose ber die Schulter herab. Zwischen den
Flgeln, die straff gespreitet sind -- so, wie Falken die Flgel
stellen, wenn sie nach steilem Stoflug sich niederlassen auf einen
Baumwipfel -- neigt sich der von Locken umfallene Engelskopf heraus,
an dessen Antlitz der Meister die strenge Schnheit seines Kindes
nachgebildet hatte, mit einem keuschen Zug ins Knabenhafte. Nur der
Kopf, die Arme und Schultern des Engels mit den Schwingen wachsen
plastisch aus der Holzplatte; von den Flgeln nach abwrts wird die
Gestalt immer unkrperlicher und verschwindet unter dem Faltengewoge
des Gewandes, das im Sturme zu flattern scheint und berrollt ist an
allen Sumen. Im Gegensatz zu diesem Auslschen alles Krperlichen
hebt sich der schlanke, schwellende Mdchenleib der auflauschenden
Jungfrau um so irdischer aus dem Bilde. Neben dem Webstuhl, von ihm
abgewendet, sitzt Maria auf einem Schemel, die linke Hand noch am
Weberschifflein, die rechte in Ergebung ausgestreckt zu einer innigen
Geste des Empfangens. Dieser Krper lebte, hatte Atem, hatte Blut und
Fleisch. Die schmiegsamen Falten des zarten Gewandes verrieten ihn
mehr, als sie ihn verhllten. Dazu ein fremdartig berhrendes, khl
stilisierte Kpfchen, wie herausgenommen aus einem anderen Bilde und
auf diesen Hals gesetzt, zu dem es nicht gehrte. Beim Beginn der
Arbeit hatte Niklaus im Antlitz der Maria die Erinnerung an die Zge
seines Weibes nachzubilden versucht, das vor Jahren aus Schreck ber
den verstmmelten Arm ihres Mannes gestorben war. Als Luisa das neue
Werk des Vaters zum erstenmal betrachtete, sagte sie in ihrer strengen
Weise: Vater, das Gesichtl der Gottesmutter schaut nit himmlisch
genug.

So ist der Blick und das gute Lcheln deiner Mutter gewesen.

Wie das gewesen ist, das wei ich nit. Ich wei nur, das Gesichtl der
Gottesmutter ist unheilig. Das darfst du nit dreinschauen lassen wie
beim Heimgart im Ofenwinkel. Du mut es schauen lassen wie in seliger
Gottesnh.

Dem Kind zuliebe hatte der Meister gendert und verhimmelt, bis das
Kpfchen verdorben war. Der strengen Prferin gefiel es jetzt, fr
den Meister war es ein Makel, der ihm die Freude an seinem Werk
verbitterte. Er war in die unzufriedene Musterung so versunken, da er
die Tr nicht gehen hrte. Die Schritte der Sus waren lautlos, ihre
Fe nackt. Anstelle ihres Magdgewandes trug sie ein langes, lind
gegrtetes Kuttenkleid von weiblauem Wollstoff, der sich ihrem Krper
anschmiegte wie ein Schleier. Erst als sie den Schemel auf den Antritt
stellte, sah der Meister auf. Ich dank dir, gute Sus! Versuchen wir
halt, ob's besser wird!

Das Mdel lie sich wortlos auf den Schemel nieder und ordnete das
linde Gewand. Von jedem Fltchen schien sie zu wissen, wie es liegen
mute. Schweigend begann der Meister die Arbeit, bei der seine Linke
sich bewegte, als wre sie fast so geschickt geworden, wie seine Rechte
gewesen, die man ihm abgeschlagen hatte. Damals, wenn auch schon
berhrt von den Seelenkeimen der Zeit, war er doch immer noch gewesen,
was man einen Katholiken htte nennen knnen. Erst der Niklaus mit der
hlzernen Hand war ein Unsichtbarer geworden.

Immer rascher ging ihm die Arbeit vonstatten. An seinen glnzenden
Augen war es zu merken, da beim Schaffen die Freude wieder in ihm
erwachte, der Glaube an sein Werk. Der Wahrheit des Lebens gegenber
wurde der junge Frauenkrper, den er formte, immer wrmer und
wahrhafter. Einmal murrte der Meister im Eifer der Arbeit vor sich hin:
Ach Gott, mein Pftl, mein dummes! Ich seh, wie ich's machen mu! Aber
die unschickigen Finger erzwingen es nit!

Der unbeweglichen Sus rollten zwei groe Trnen ber den Mund. Sie
schwieg. Weil sie wute, da es ihm die Arbeit entzweiri, wenn sie
sprach. Und immer mder wurde sie, immer schwerer ging ihr Atem.

Als er Bild und Leben wieder einmal mit prfendem Blick verglich, ging
er pltzlich auf das Mdel zu und sagte: Der Grtel ist ein bil
gerutscht. Er schob ihn um eine Fingerbreite hher gegen ihre Brust.

Sie bekam ein glhendes Gesicht und fing zu zittern an.

Eine Furche grub sich zwischen seine Brauen. Geh, Mdel! Das Wort
hatte einen herzlich mahnenden Klang. Tu verstndig sein! Nach einer
Weile, als er wieder bei der Arbeit stand, sagte er zgernd: Man mu
sich gedulden. Er sah die Sus nimmer an, und seine Hand war nimmer so
flink wie zuvor. Das wird nit ausbleiben, da mein Kind sein Glck
findet. Und da ich wieder ein Einschichtiger bin, der auf niemand zu
achten braucht.

Da fuhr die Sus erschrocken vom Schemel auf. Sie kommt. Hastig schob
sie den Antritt gegen die Mauer und war schon zur Tr hinausgehuscht,
bevor der Meister das Gesicht vom Fenster abwandte. Drauen im weien
Garten kam Luisa mit gesenkten Augen durch den Schnee gegangen,
eingehllt in einen dunkelgrnen Mantel. Als wre sie die Bringerin
einer helleren Zeit, so glitt bei ihrem Eintritt in die Werkstatt der
erste Sonnenschein des Morgens durch die Fensterscheiben. Von der
Frhklte waren Luisas Wangen wie Pfirsiche vor der Reife. ber den
Zpfen trug sie ein mit weiem Federtuff bestecktes spanisches Htl,
das noch aus der Mdchenzeit ihrer Mutter stammte. Der dunkelgrne, an
den Schultern aufgepuffte Radmantel verhllte strahlig die schlanke
Gestalt. Vorne guckten zwischen den Mantelsumen die Spitzen der
Handschuhe heraus, die Perlen des Rosenkranzes und ein blaues Gebetbuch
mit schner Silberschliee. Gelobt sei Jesus Christus und die heilige
Mutter Marie!

Von nun an bis in Ewigkeit Amen! Der Meister lchelte ein bichen,
nicht heiter. Kind, du sagst den Ablagru so oft, da du aus dem
Fegfeuer schon herauskommen mut, noch eh' du drin bist.

Ein Zucken ihrer Augenbrauen bewies, wie sehr sie die unfromme Rede
mibilligte. Schweigend nahm sie das Htl ab und trat an die Seite des
Vaters. Als sie sein Werk betrachtete, schien ihr Unmut sich noch zu
steigern. Du hast das noch allweil nit gendert? Da ihr der Engl ein
Rsl bringt. Das geht nit, Vater! Es mssen die unschuldigen Lilgen
sein.

Der Meister sagte geduldig: Ich mu das wchserne Frbild formen
fr das Holz. Aus dem spleiigen Holz ist ein Lilgenstengel nit
herauszuschneiden, ohne da er nit ausschaut, als wr's ein Besen. So
eine Staud? Die tt mir doch jedes Verhltnis stren. Es ist ein Gesetz
in aller Kunst --

Die Kunst mu sich bescheiden vor dem Heiligen. Irdische Rosen htt
die Gottesmutter bei der Verkndigung nit genommen.

So? Wer hat dir denn das gesagt? Dem kannst du ausrichten, er soll
mich mein Holz schneiden lassen, wie ich glaub, da es sein mu. Ich
schwefel ihm auch nichts drein, wie er reden soll mit einem Beichtkind!
So, wie mit dir? So nit! Aber ich red' ihm nichts drein. Immer
schrfer klang die Stimme des Meisters. Obwohl ich als Vater verlangen
knnt, da mein Kind, wenn es heimkommt aus der Gottesnh, fr mich ein
menschliches Wrtl findet und einen guten Blick. Von einem Lachen will
ich schon nimmer reden. Das ist versunken in meinem Haus.

Luisa schien nicht zu hren, was der Vater sprach. Whrend sie sein
Werk betrachtete, fingen ihre Wangen in Zorn zu brennen an. Gleich
einer Verzweifelten sah sie auf und stammelte: Vater! Gott verzeih dir
die Snd, was hast du denn da getan?

Getan? Und Snd? Ich wei nit, was du meinst?

Ihre Lippen zuckten, als wre ihr das Weinen nahe. Es mu so sein, da
die Hll mit ihren bsen Mchten durch unser gutglubige Haus gegangen
ist. Ich hab von mir die Versuchung fortgebetet, wie sie gegriffen
hat nach meinem Arm. Du, Vater, bist dem sndhaften Geist erlegen. Er
hat den Segen von deiner Hand genommen, so da du dein frommes Werk
entheiligt und verdorben hast.

Erschrocken sah Niklaus in die fieberhaft glnzenden Augen seines
Kindes. Mdel, mein liebes? Bist du krank?

Vater? Siehst du es nit? Mit der zitternden Hand, um deren Finger die
Perlenschnur des Rosenkranzes gewickelt war, deutete Luisa auf das rote
Wachsfigrchen der Maria. Das ist die reine, zchtige Gottesmutter
nimmer, die ich allweil an deinem Werk gesehen hab. Was heilig
gewesen, hast du verwandelt in ein sndhaftes Weib. Tt es ber den
Marktplatz laufen, so wr gleich einer da, der sagen mcht: >Du tust
mir gefallen!< Aus ihren Augen fielen die Trnen. Du mut das wieder
auslschen. Oder dein Bildwerk ist verdorben. Es ist nichts Gutes mehr
an ihm, als nur das fromme Kpfl der heiligen Mutter. Alles andere ist
schlecht.

In Erregung griff der Meister nach dem Wachsmesser. Htte er dem ersten
Zorngedanken nachgegeben, so htte er das leblos himmelnde Kpfchen
der Marienfigur vom Halse geschnitten und gesagt: Das ist das einzig
Schlechte an meinem Werk. Alles andere ist gut. Ein Blick in die
angstvollen Augen seines Kindes machte ihn ruhiger. Er legte das Messer
fort. Komm, liebes Mdel! Du hast in der kalten Kirch gefroren. Wir
wollen uns neben dem warmen Ofen auf das Bnkl setzen.

Sie entzog sich seinen Hnden. Tust du mir versprechen, da du die
Gottesmutter wieder heilig machen willst?

Er sagte unter klagendem Lcheln: Ja, Kind! So heilig, als ich es
fertig bring mit meiner hlzernen Hand. Da duldete sie, da er
ihr das Mntelchen von den Schultern nahm, das Gebetbuch aus ihrer
Hand herauswand, die Perlenschnur von den Fingern wickelte und die
Handschuhe von ihren Hnden zog. Whrend er alles beiseite legte, ging
sie schweigend zu dem braunen Bnkl, das neben dem wrmestrahlenden
Ofen an der weien Mauer stand und berglnzt war von einem Lichtband
der Morgensonne. Er betrachtete sie. Trotz der kmpfenden Bitterkeit,
die ihn erfllte, hatte er seine Freude an ihrem schmucken Bild.
Sie trug das Mdchenkleid ihrer Mutter aus einer Zeit, in der die
franzsische Mode den spanischen Schnitt noch nicht verdrngt hatte.
Die gelben Lederstiefelchen verschwanden unter den Falten des braunen
Rckls, und zwischen den abstehenden Schozacken des Leibchens lugte
der rote Miedersaum hervor. Gleich einer groen weien Blume lag die
gestickte Leinenkrause um den schlanken Hals, und auf dem jungen Busen
hob und senkte sich das kleine Elfenbeinkreuz der Klosterschlerin. Sie
hielt im Scho die schlanken weien Hnde bereinander gelegt und sah
mit den dunklen Augen, die einen heien Schimmer hatten und voll Sorge
waren, in Erwartung zum Vater auf.

Ach, Kind, wie lieb bist du anzuschauen! sagte er herzlich. Und
wie viel Vaterfreuden knntest du mir schenken unter meinem Dach! Er
nahm ihre Hand und lie sich neben ihr nieder. Weil er den Arm um ihre
Schultern legen wollte, rckte sie von ihm fort. Da war auf seinen
Lippen wieder das bittere Lcheln, in seinen Augen die Trauer. Wir
wachsen nit aneinander als Vater und Kind. Jeder Tag und jedes Stndl
baut an der Mauer zwischen uns.

Das ist nit meine Schuld.

Wahr, Kindl! Was zwischen uns liegt, das hast du aus dem Kloster mit
heimgebracht.

Wider das Kloster darfst du nit schelten, Vater!

Das tu ich nit. Ich mein' nur, die Zeit, in der wir uns nimmer gesehen
haben, ist zu lang gewesen. Da hast du den Vater vergessen. Und das
Denken an deine Mutter hat man in dir erlschen lassen.

So ist das nit. Es ist im Kloster kein Tag gewesen, an dem ich nit
dreimal fr dich gebetet, nit fnfmal zu meiner seligen Mutter gerufen
hab um ihren Beistand. Luisas Augen irrten gegen die Sonne hin. Ich
mu ihr den Himmel neiden. Im Himmel ist's besser als in der Tief, in
der wir leiden.

Meister Niklaus verlor seine Ruhe. Himmel! Und allweil Himmel! Nie
ein Brselein Welt! Das ist Elend! Man hat dir im Kloster mehr vom
Himmel gesagt, als gut ist, und weniger von der Welt, als ntig wr.
Wir alle, Kind, sind Menschen und mssen Wrm und Sonn, einen Trost
und Freuden haben, wenn wir schnaufen sollen und nit ersticken. Die
Stimme zerbrach ihm fast. Bist du denn nit mein Blut? Sprst du denn
nit, da ich dein Vater bin? Schau mich an! Bin ich nit schon ein halb
Erwrgter? Willst du mir nit das bil Sonnschein geben, das ich zum
Schaffen brauch? Tu mich anlachen, nur ein einzigesmal! Oder ich mu
verhungern, mu verfaulen bei lebendigem Leib!

Erschrocken sah sie ihn an und erhob sich. Heie Glut bergo ihre
Wangen, um sich wieder zu verwandeln in wchserne Blsse. Warum tust
du nie so inbrnstig hinaufschreien zu Gott? Warum tust du ihm nit dein
Herz hinbieten auf frommen Hnden? Warum tust du nit abschtteln von
dir, was dich wegzieht aus seiner Nh? Tt ich's machen wie du, ich wr
verloren gewesen in einer sndhaften Nacht. Mein Gebet hat mich erlst.
Hll und Menschen haben nimmer Gewalt ber mich. Sie hob die Hnde,
und ein trumendes Lcheln irrte um ihren Mund -- ein Lcheln, das sich
ansah wie die Verzckung einer gequlten Seele.

Mhsam atmend lie Meister Niklaus seine Fuste auf die Bank fallen --
die Holzhand schlug wie ein Hammer auf. Ohne die Morgensonne zu spren,
die ihn umleuchtete, sah er stumm seine Tochter an. Nun stand er auf.
Streng bist du allweil gewesen, seit deiner Heimkehr in mein Haus. Er
zwang sich zu ruhigen Worten. Seit drei, vier Tagen ist was Neues in
dir. Das macht dich reden, da ich es nimmer versteh. Da mute er an
die Soldaten Gottes denken, und fast heiter konnte er fragen: Kind?
Bist du denn neulich in der Nacht so arg erschrocken --

Unter seinem Worte zuckend wie unter einem Nadelstich, drehte sie das
erglhende Gesicht zu ihm und stammelte: Ich wt nit, ber was ich
erschrecken mt.

Ich hab's doch selber gesehen, da du um alle Ruh gekommen bist, wie
uns der Muckenfl die Haustr eingeschlagen hat!

Deswegen bin ich nit erschrocken. Ihre Stimme hatte wieder den
strengen Klang. Da die Soldaten einmal kommen, hab ich lang
geforchten. Du hast Menschen lieb, die deinem kranken Glauben zum
Schaden sind. Allweil hat mich mein Herz vor ihnen gewarnt. Ich
hab auch Warnungen hren mssen, wo ich Rat gesucht hab in meiner
Seelenangst.

Ein Erblassen ging ber das Gesicht des Meisters. Dann fuhr ihm
wieder das dunkle Blut in die Stirn. Seinen Augen war's anzusehen,
da martervolle Gedanken sich unter seiner Stirne jagten. Mit rauhem
Auflachen trat er auf das sonnige Fenster zu und streckte die Arme, als
mchte er hinausgreifen durch die leuchtenden Scheiben. Nachbarsleut!
Ihr guten, schuldlosen Nachbarsleut! Verzeiht mir die schlechten
Gedanken! Es ist mein Kind gewesen! Mein eigenes Kind! Eine Sorge, die
ihn ganz verstrte, ri ihn vom Fenster weg. Die Schulter des Mdchens
mit der Faust umklammernd, keuchte er: Hast du auch heut wieder
solchen Rat gesucht?

Wie es sein hat mssen. Ich bin seit der bsen Nacht des Trostes
bedrftig gewesen an Leib und Seel.

Und da hast du ihm alles gesagt, deinem Trster? Alles?

Ich tu nit lgen, Vater! Ich hab gesagt, was ich sagen hab mssen.

Und da hast du auch -- Gott soll's verhten, da es wahr ist -- --
Er konnte nicht weitersprechen, mute um Atem ringen. Kind! Du hast
doch ums Himmelswillen nit den Namen des guten Buben verraten, der mich
gewarnt hat?

Sie schwieg, erschttert durch die Sorge, die hei aus ihm
herausbrannte.

Er las die Antwort in ihren Augen und sagte mit schwerer Trauer:
Armseliger Star! Wt ich nit, da du in deiner weltfremden Jugend
trig bist ohne Ma, so mt ich sagen: du bist so schlecht, wie nur
der Zwist um Himmel und Glauben die Menschen machen kann! Immer
mit der Holzhand an seinem Halse, ging er durch die Werkstatt hin
und her, und whrend Erregung und Sorge in ihm whlten, stie er
mit heiserer Stimme vor sich hin: Ein guter und redlicher Bub! Und
bietet dir auf ehrlicher Hand sein Glck und Herz! Und wirft um
deinetwegen sein junges Leben vor meine Haustr hin! Und du in deinem
gutglubigen Seelengezappel verklamperst den Buben! Und lieferst ihn
an den Schandpfahl! Und da droben in den Lften da ist niemand, der's
verhindert, kein Engel mit dem Lilgenstengl und keine hilfreiche
Mutter in Zchtigkeit! Ein zorniges Auflachen. Wahr ist's, Mdel!
So was Heiliges darf man nit irdisch formen! Das mu man himmlisch
machen, grausam und ohne Erbarmen! Wieder lachend, fate er einen
schweren Hammer und hob ihn zum Schlag. Aufschreiend versuchte Luisa
den Arm des Vaters zu fangen. Da fuhr der zornige Streich schon auf
das Bildwerk nieder. In Strahlen spritzte unter dem Hammerschlag das
rote Wachs auseinander, und was auf der Holzplatte noch verblieb, war
eine formlose Masse. Schweigend warf der Meister Niklaus den Hammer
fort und umklammerte die Stirne mit der linken Hand. So stand er ein
paar Sekunden. Dann sprang er zur Tr der Werksttte. Drauen seine
schreiende Stimme: Sus! Den Hut! Den Mantel!

Luisa stand in der Sonne wie eine steinerne Sule, die langsam zu
menschlichem Atem erwacht und beim ersten Blick ins Leben geschttelt
wird von Angst und Grauen. Die Arme streckend, trat sie auf das
vernichtete Werk ihres Vaters zu, beugte das Gesicht und kte die rote
Masse des zerquetschten Wachses. Ihre Stimme, die verwandelt war zu
den dnnen Lauten eines verngsteten Kindes, bettelte ins Leere: Tu
ihm verzeihen, hilfreiche Mutter! Ich -- will ben -- fr seine Snd
-- Mit den Bewegungen einer Schlafwandlerin ging sie umher, fand ihr
Mntelchen, den Hut, das blaue Gebetbuch und den Rosenkranz, wickelte
die Perlenschnur um ihre zitternden Finger und verlie die Werkstatt.

Whrend sie mit irrendem Blick zu ihrer Kammer hinaufstieg, klang
aus dem verschneiten Garten die angstvolle Stimme der Sus durch die
offene, wieder geflickte Haustr in den Flur herein: Um Gottes
Barmherzigkeit! Meister! Was ist denn geschehen? Luisa hrte keinen
Laut dieser von Sorge zerrissenen Mdchenstimme. Sie lauschte nur in
die eigene Seele. Was sie da klagen hrte, entstellte ihr Gesicht.

Als sie in ihrer Kammer die Tr verriegelt hatte, stand sie
unbeweglich. Immer sah sie das weiverhllte Bett an, und immer
sah sie, was sie in jener Nacht gesehen hatte: diese stahlblauen,
drstenden Jnglingsaugen, die von hundert silberweien Mcken umflogen
waren -- und sah das zerquetschte Wachs, sah die Martergestalt einer
heiligen Frau, die rot war und zu bluten schien aus tausend Wunden.

Langsam, immer wieder die Augen schlieend, hngte sie das Mntelchen
in den Kasten, verwahrte das Gebetbuch, den Rosenkranz, die Handschuhe
und das Htl. Sie schnrte die gelben Stiefelchen von den Fen,
nestelte den Spenser herunter und legte ihn gefaltet in die Lade.
Ben -- ben -- lispelte sie mit entfrbten Lippen vor sich hin.
Fr den Vater ben -- alle erlsen, die schuldig sind. Welche von
den Sndenstrafen, die sie im Kloster gesehen hatte, war die hrteste?
Hungern mssen am Mittagstische? Zehn Vaterunser lang auf einem
scharfkantigen Holzscheit knien? Sieben Rosenkrnze beten, mit den
nackten Fen im Schnee? Sie sann und sann. Und da erwachte in ihr die
Erinnerung an ein Bild, vor dem sie zitternd gestanden, als sie es zu
warnender Abschreckung im Kloster hatte betrachten mssen. Wie man jene
junge, sndhafte Schlerin bestrafte, die in der Messe ein verstecktes
Spiegelchen aus dem rmel herausgezogen hatte -- das war von allen
Klosterstrafen die qulendste gewesen.

Ihre Augen glitten ber die Mauer hin. Hher, als sie mit den Hnden
reichen konnte, war an der weien Wand ein festes Zapfenbrett, aus den
Jahren, in denen Meister Niklaus diese Kammer bewohnt hatte -- bei der
Heimkehr seines Kindes hatte er die Stube gerumt, weil sie in seinem
Haus die sonnigste war. Wie eine Trumende, verriegelte Luisa auch die
andere Tr, die hinausfhrte in die Kammer der Sus. Aus der Truhe nahm
sie zwei weie Tchelchen, knpfte aus jedem eine Schlinge und schob
sie ber das Handgelenk. Sich bekreuzend, ging sie zum Bette, tauchte
die Finger in das Weihbrunnkesselchen und besprengte das Gesicht.
Ihre Bewegungen wurden rascher, etwas Frohes schien in ihren irrenden
Gedanken zu erwachen. Sie rckte unter dem Zapfenbrett einen Schemel
an die Wand und stieg hinauf. Mit dem Rcken sich gegen die Mauer
pressend, schob sie die Schlingen, die an ihren Handgelenken waren,
ber die zwei uersten Holzzapfen des Brettes und stie den Schemel
fort. Mit den Fuspitzen eine Spannenbreite ber dem Boden, hing sie
an den ausgereckten Armen und begann mit einer Stimme, die bei aller
Innigkeit wie das Stammeln einer Betrunkenen klang, die Litanei zur
heiligen Jungfrau Maria zu beten -- nur da sie nicht betete: Bitt fr
mich!, sondern immer betete: Bitt fr *ihn*!

Solange sie noch bei Krften war, hielt sie den Kopf an die Mauer
gepret und sah mit heiglnzenden Augen zur Hhe. Bald sank ihr die
Wange gegen die rechte, bald gegen die linke Schulter hin. Als sie in
beginnender Pein das Gesicht zu drehen versuchte, sah sie an ihrem
Arm, von dem der weie rmel zurckgefallen war, die vier gelblich
gewordenen Male, die vom Griff jener sthlernen Jgerfaust geblieben
waren. Zusammenzuckend, schlo die Bende die Augen, lie das Gesicht
vornberfallen, und ihre betende Stimme wurde zu einem versunkenen
Schreien. In Schmerzen begann der stammelnde Mdchenmund zu lcheln,
und auf dem glhenden Gesicht erschien ein Ausdruck der Entrckung.
Nicht die hrteste der Klosterstrafen hatte sie ausgesucht, sondern die
seste und heiligste -- eine fromme Marter, die durchzittert war von
dem Seligkeitsgefhl: zu leiden, wie der Heiland gelitten hatte fr
die Menschen, die er liebte. Whrend sie lchelte in Qual, begann ihre
Stimme sich zu verwirren, verlor die frommen Anrufungen der Litanei und
behielt nur noch die drei innigen Flsterworte: Bitt fr ihn -- bitt
fr ihn -- bitt fr ihn --

Gleich einer goldenen, immer breiter wachsenden Sule schob sich das
leuchtende Band der Morgensonne ber die Mauer hin und umschimmerte die
in Sigkeit und Schmerzen Betende, die fr Andacht und Bue hielt, was
ein noch Unsichtbares in ihrem Herzen war, ein Unbewutes in ihrem Blut.




Kapitel VI


Der Fhn brauste ber die Schornsteine von Berchtesgaden und verbndete
sich mit der steigenden Sonne. Von allen Kanten der Hausdcher fielen
Tropfen, die wie Goldkrner funkelten. In der Gasse war kein allzu
emsiges Leben. Die Frauen, die aus den Kauflden kamen, huschten flink
an den Husern hin, und Mannsleute waren nicht viele zu sehen. Oft
lenkte einer pltzlich schrg ber die Gasse hinber. Immer war's wie
der Wunsch, einem andern nicht Gesicht in Gesicht zu begegnen. Und
grte der andere spttisch: Gelobt sei Jesus Christus und die heilige
Mutter Marie! -- dann guckte der Ausweichende ber die Schulter und
antwortete noch viel lauter: Von nun an bis in Ewigkeit Amen! Man
konnte, bevor man in der Marktgasse vom Pflegeramte bis zum Brunnen
kam, ein paar Jhrchen Fegfeuer von seiner Seele ablsen.

Meister Niklaus, in der Erregung, die ihn durchwhlte, verga ein
paarmal des vorgeschriebenen Grues. Er wollte schon in das Gsselchen
hinter der Stiftsmauer einbiegen. Da kam aus dem Stiftstor eine
heiter schwatzende Gesellschaft. Vier von den jungen, adeligen
Domizellaren, in weltlicher Tracht, umflattert von den pelzverbrmten
Seidenmnteln, mit dreispitzigen Htchen ber den gepuderten Frisuren,
begleiteten unter franzsischem Scherzgeplnkel eine junge Dame, die
zwischen den behandschuhten Hnden ein winziges Gebetbuch hielt. Auf
hochgestckelten Schuhen trippelte sie zierlich durch den Schnee. Der
Fhnwind blhte den himmelblauen Samtmantel auseinander und bewegte
den reichgebnderten Steifrock wie eine Glocke. Mit einem Busch von
Reiherfedern sa ein Pelzkppl schief ber dem groen Lockenbau,
von dem der Puder davonstubte. Das reizvolle Grbchengesicht hatte
ein rosiges Kreuzermulchen, hatte schwarzgezeichnete Brauenbogen
ber den Veilchenaugen und trug zwei neckisch angebrachte
Schnheitspflsterchen, das eine neben dem linken Mundwinkel, das
andere hoch auf der rechten Wange. Vor dieser Dame salutierten
die Musketiere mit den langen Feuersteinflinten. Das frhliche
Frulein, dem sie diese frstliche Ehre erwiesen, war die Nichte des
Berchtesgadnischen Pflegers und Kanzlers v. Grusdorf, war Aurore de
Neuenstein, die Allergndigste, des Frstpropstes standesgeme
Freundin _en titre_.

Neben der franzsisch aufgeputzten Gesellschaft erschienen die
Brgersleute in ihrer veralteten Tracht wie das Volk einer Zeit, die
sich versptet hat um ein halbes Jahrhundert. Die Allergndigste
achtete bei ihrem heiteren Gezwitscher aufmerksam darauf, ob auch jeder
Vorbergehende mit gengender Ehrerbietung grte und jede Brgersfrau
und jedes Mdchen bis zu pflichtschuldiger Tiefe hinunterknickste.
Meister Niklaus weckte bei der jungen Dame ein munteres Verwundern.
Hinter ihm herdeutend, zirpte sie mit ihrem Kinderstimmchen in
franzsischer Sprache: Schon wieder von den Rebellen einer, die ohne
Ehrfurcht sind vor Gott und Obrigkeit!

Der Meister strebte flink in die enge Gasse hinein. Als er atemlos in
die weie Stube des Pfarrers trat, sa der Hochwrdige beim Frhstck
und tunkte die gersteten Weibrotschnitten in die Milch. Herzbruder?
Sturm unter dem Haardach?

Niklaus sah die Tren an. Hrt uns niemand?

Bei mir kannst du schreien wie ein Jochgeier. Jeder Backofen ist
feinhriger als meine Schwester.

Weit du, wer uns den Muckenfl ins Haus geladen hat?

Das merkst du erst heut? Der Pfarrer lachte. Die bermig Frommen
sind im Leben wie ein Pulverfl. Nie wei man, wann die Bescherung in
die Luft geht.

Kummervoll nickte der Meister. Mein triges Mdel hat heut den Namen
des Leupolt ausgeschwatzt.

Der Pfarrer fuhr vom Sessel auf. Das ist hart. Dann fragte er, als
wre das eine Hoffnung: Meinst du, sie war im Beichtstuhl?

Das wei ich nit.

Pfarrer Ludwig ri eine Tr auf und brllte: Franziskaaa! Er kam
zurck. Meine Schwester wird's wissen. Jeden Morgen geht sie beichten.
Um mich unverdchtiger vor Gott und den Chorkaplnen zu machen. Bei
Gott gelingt es ihr, bei den Kaplnen nit.

Eine sechzigjhrige Frau, halb Buerin, halb brgerlich, kam in
die Stube. Ein bichen mitrauisch grte sie den Meister und sah
erwartungsvoll ihren hochwrdigen Bruder an. Durch die Muschel der
Hnde fragte der Pfarrer, ob das Luisichen heut wieder gebeichtet
htte? Franziska schttelte den Kopf. Heut nit. Heut nach der Frhme
ist sie zum Chorkaplan Jesunder in die Wohnung gegangen. Des Jesunders
alte Mutter hat am Fenster genht. Ghlings ist sie vom Fenster weg.
Und wie das Kind aus dem Haus war, hat des Jesunders Mutter flink einen
Weg gemacht. Zum Pfleger. Eine tiefe Glocke schallte durch das Haus,
so laut, da es auch die Schwester Franziska hrte. Erst guckte sie
flink in der Stube herum, ob da nicht irgend was Verdchtiges lge,
dann ging sie, um die Flurtr zu ffnen.

Wenn's beim lieben Herrgott einmal auslat mit der Allwissenheit,
sagte der Pfarrer, da braucht er nur meine Schwester fragen.

In Unruh stammelte der Meister: Man mu dem Buben ein Wrtl schicken,
da er sich frsieht.

Das wird nit helfen. Der Leupolt ist von den Graden einer, die vor
Wasser und Feuer nit ausweichen. Sonst knnt man ihm beibringen:
er soll sich ausreden auf sein Wohlgefallen an deinem Mdel, soll
sagen, er htt die Warnung ausgesonnen, um einen Weg zum Luisichen zu
finden. Aber der Bub wird das Eisenkpfl schtteln und die Wahrheit
sagen. Verschweigt er was, so tut er es nur, um dich nit auch noch
einzutunken. So oder so, man mu versuchen, ihm beizuspringen.

Da kam Franziska. Der Hochwrdige soll zum Frsten hinber, gleich!

Der Pfarrer tat einen leisen Pfiff. Herzbruder, die Kanon ist
geladen. Whrend er den Mantel nahm, schwatzte er lustig, um den
Schreck der Schwester zu beruhigen. Drauen auf der Stiege zischelte
er: Spring hinber zum Mlzmeisterhaus! Red mit des Leupolts Mutter!

Das ist doch eine gut Katholische?

Eben drum! Weil sie eine gute ist, drum hat sie das Herz auf dem
rechten Fleck. Aller Zwist im Glauben kommt von den Halben und Falschen
her. Ob Heid oder Jud, ob rmisch oder evangelisch, was einer ganz und
redlich ist, das macht in ihm den Menschen besser und aufrechter. Dem
braven, gottesfrommen Weibl kannst du dich anvertrauen ohne Scheu. Dann
such mich wieder auf! Der Pfarrer umfate mit festem Druck die Hand
des Freundes. Mensch bleiben! Und denk an den Amsterdamer Singvogel!
Man ist nit schuldig seiner selbst, nur schuldig seines falschen Wegs.
La uns den rechten suchen!

Mit hmmerndem Herzen sprang der Meister hinter den Husern in das
Staudenwerk der Berglehne. Hier konnte er gedeckt zum Garten des
Mlzmeisterhauses kommen, das an der Salzburger Strae lag. Die
Hintertr stand offen, und als der Meister in die Kche trat, fand er
die kleine, rundliche Frau Agnes beim Backofen beschftigt. Gelobt sei
Jesus Christus und die heilige Mutter Marie!

In Ewigkeit Amen! antwortete die Mlzmeisterin, ohne sich umzugucken.
Auf flacher Holzschaufel zog sie ein groes Zopfgebck aus dem
Backofen, bestrich es mit Eierklar, lie es wieder in der duftenden
Backhhle verschwinden und schob das kupferne, von Blankheit spiegelnde
Trchen zu. Auch alles andere Metall an den Wnden funkelte. Dieser
Kche entsprach die Hausfrau in dem reinlichen Braungewand und der
blauen Glockenschrze. Aus dem weien Hubchen lugte das freundliche
Frauengesicht heraus wie ein heiteres Nonnenantlitz. Trotz der fnfzig
Jahre sah man in den zwei blonden Haarsicheln, die sich unter dem
Hubchen hervorschwangen, noch keinen grauen Faden. Ihre Augen
waren ganz die Augen des Sohnes, nur sanfter. Soooo! sagte sie und
wandte sich. Ooh, der Meister Niklaus! Ein leises Lcheln. Durchs
Hintertrl?

Deine muntere Stimm hren, tut wohl. Und da mu ich dir als unguten
Dank eine Sorg bringen.

Ganz ruhig blieb sie. Kram nur aus! Mit den Krabbelkfern, die man
Sorgen heit, bin ich noch allweil fertig geworden.

Ist einer von deinen Mannsleuten daheim?

Keiner. Der meinige mit den zwei Jungbuben ist im Bruhaus, und der
Leupi ist am Knigssee, in Barthelm.

Niklaus atmete auf. Das gab Sicherheit fr einen Tag. Solang die Sonne
schien, war der See nicht befahrbar, erst in der Nacht, wenn der Frost
das Eis wieder hrtete. Gott sei Dank! Er zog die Gartentre zu,
schlo auch die Tr zum Flur und wollte den Riegel vorschieben.

Das nit! wehrte Mutter Agnes. Die Magd ist in der Tenn beim
Bohnenklauben. Gute Ohren hat sie freilich. Mssen wir halt ein
bil Lrm machen. Im Glutloch des Backofens entzndete sie ein
Reisigbndel, legte die aufknisternde Flamme auf den offenen Herd
und schichtete Latschenste drber. Nun krachte das zngelnde Feuer,
als wrde in der Kche der Mutter Agnes ein Musketenscharmtzel
ausgefochten. Da ist ein Bnkl. Tu dich hersetzen! Und red!

Mit den Lippen an ihrem Ohr, erzhlte er, was Leupolt getan. Mein
verstrtes Mdel ist beim Jesunder gewesen und hat's ausgeredet in
ihrer frommen Angst. Des Jesunders Mutter ist zum Pfleger gelaufen,
den Pfarrer hat man zum Frsten geholt, und jetzt brennt in mir die
Sorg um deinen guten Buben.

Mutter Agnes schwieg. Trotz aller Seelenstrke, die sie aus ihrem
vertrauensvollen, vom Zeithader unberhrten Glauben schpfte, war ein
Erblassen ber ihr Gesicht geronnen. Vom Feuer angeflackert, sa sie
auf dem Bnkl, die verklammerten Hnde im Scho. Ihr Blick hing an
den sternschnen Lichtfunken, die jagend hinauffuhren in den groen
Rauchtrichter des Schornsteins. Wie dieser glhende Funkenzug, so flog
ein Gebet ihres Herzens hinauf zu dem Hilfreichen, an den sie glaubte.
Sie wute: das Ausschwatzen eines Amtsbefehls in Glaubenssachen wurde
so streng gebt wie versuchter Landsverrat. Den Kopf beugend, prete
sie die Hnde an ihre Schlfen. Wir armen Weibsleut! Wo wir hinfallen,
ist allweil steiniger Boden. Wird eine nit gesegnet, so verschrumpfelt
sie freudlos am Lebensbaum. Ist man Mutter, so brckelt man sein Leben
in die Kindersupp.

Niklaus legte den Arm um ihre Schultern. Weit du einen Rat?

Sie trocknete mit den Handballen die Augen. In der Nacht geht ein
Bierschlitten ber den See. Da knnen wir dem Buben einen Zettel
schicken. Den will ich hineinbacken in einen sen Krapfen, mit einem
Krnzl aus Zwibeben drauf. Da merkt der Leupi: es ist eine Botschaft
drin. Nur da er wei, was ihm zusteht. Helfen kann blo der Einzige,
der wissen mu, da es der Bub nit schlecht gemeint hat. Da er's tun
hat mssen, begreif ich.

Weit du, warum?

Ich mt keine Mutter sein, wenn ich's nit lang schon gemerkt htt.
Aber ich sorg, es ist eine Mauer zwischen den beiden. Mutter Agnes hob
die flehenden Augen. Sag mir's!

Was, Mutter?

Ist mein Bub -- Ihre Stimme brach. Ist der Leupi schon ganz da
drben? Sie wollte sagen: Auf der falschen Seit! Weil sie frchtete,
da es den Meister krnken knnte, sagte sie: Wo die anderen sind,
die man nit sieht. Er schwieg. Da griff sie nach seiner Rechten,
fhlte unter dem Handschuh das Holz und erschrak, als htte sie etwas
Glhendes berhrt. Sag mir's! Es soll verschlossen bleiben in mir.

Mit Sicherheit wei ich es nit. Und wenn ich es wt, ich drft es nit
sagen.

Aus ihren Augen fielen zwei Trnen, die im Rotschein des Feuers wie
rinnendes Blut erschienen. Der Bub ist aufgewachsen zwischen meinen
Hnden. Sein erstes Betsprchl hat er mir nachgeredet mit seiner
Kinderstimm. Ist fromm und glubig gewesen sein ganzes Leben lang.
Ist ein redlicher Bub geblieben. Und ist doch ein anderer worden, ich
wei nit, wie, und ich wei nit, wann! Wie kann das kommen ber einen
Menschen?

Wie dort die Funken fliegen auf deinem Herd. Im Schornstein droben
verlschen sie. In eines Menschen Herz ist Boden, wo sie weiterbrennen.
Das geht am leichtesten in einer Menschenseel, die kein Unrecht sehen
kann oder Unrecht leiden mu. Er hob seine hlzerne Hand vor die Augen
der Mlzmeisterin hin.

Das hat nit der getan, der die Hnd erschaffen hat.

Ist dir alles recht, was sie tun und predigen?

Es gibt auch Schuster, die schlechte Sohlen machen. Deswegen hab ich
noch nie den richtigen Weg verloren.

Die den besseren suchen? Verwirfst du die?

Sie sah ihn mit groen Augen an. Soll ich mein Kind verwerfen? Ich?
Die Mutter? Allweil sinn ich drber und versteh's nit. Wie ich bin, so
mu ich bleiben. Von meinem Buben wei ich, er ist ein guter Mensch.
Das bleibt er auch auf dem anderen Weg. Und die ihm als Brder und
Schwestern gelten, knnen nit schlecht sein. Sonst tt's mein Bub nit
halten mit ihnen.

Der Meister nahm ihre Hand. Tten alle denken wie du, so wr nit
Streit und Hader um jeden Gottesweg. Wir zwei, Mutter, helfen zusammen,
gelt? Hast du eine Bleifeder? So schreib ich den Zettel, derweil du den
Teig fr den Krapfen rhrst.

Wahr ist's: helfen ist besser als reden. Frau Agnes sprang zur
Flurtr und verschwand. Gleich war sie wieder da, mit Blatt und
Bleifeder. Kannst du denn schreiben mit deiner Linken?

Mu einer, so lernt er's.

Sie rckte einen kleinen Tisch vor den Meister hin, und whrend er
die steifen Buchstaben zu kritzeln begann, rhrte Frau Agnes in einer
hlzernen Schssel den Teig. Pltzlich stammelte sie erschrocken:
Ach, du barmherziger -- Sie ri das kupferne Trchen des Backofens
auf und zog den vergessenen Zopf heraus. Der roch sehr bel und war so
schwarz wie Kohle. Kummervoll sagte sie: Der erste, der mir verbronnen
ist! Frau Agnes lchelte ein bichen. Bin ich jetzt eine schlechte
Hausfrau? Jede Nachbarin tt's glauben. Sie schob das verdorbene
Gebck ins Herdfeuer, in dem es zu rauchen und zu glhen begann. Man
darf die Leut nit einschtzen nach den Zpfen, die sie verbrennen
lassen. Wie das gute Holz verwandelte sich auch das verdorbene
Backwerk in fliegende Feuerfunken. So geht's mit *einem* Backofen! Und
jedes Menschenkind hat drei: einen im Blut, einen in der Seel und einen
im Hirnkstl. Ach, der liebe Herrgott! Auf wie *viel* verbronnene Zpf
mu er herunterschauen! Und nie noch hat er die Geduld verloren. Blo
auf der Welt verliert man sie allweil, und am ungeduldigsten sind die
Bcken, die das Brot versalzen und die meisten Wecken verruen lassen!
Sie setzte sich auf die Bank, nahm die hlzerne Teigschssel zwischen
die Knie und begann mit beiden Hnden hurtig zu rhren.

Meister Niklaus grbelte, um des Pfarrers Ausrede in Worte zu bringen,
die nichts verrieten und fr den Leupolt doch verstndlich waren.
Whrend er kritzelte, mute er immer an den Hochwrdigen denken.
Der hatte wohl jetzt im Frstenzimmer des Stiftes eine gefhrliche
Viertelstunde zu bertauchen? Was Meister Niklaus da vermutete, war
ein Irrtum. Und ein Irrtum war es auch, wenn Mutter Agnes ihren Buben
in der dsteren Jgerstube sitzen sah, bedrckt von Gewissenspein und
Sorge. --

Leupolt war um diese Stunde von Sonne umglnzt, von blendendem
Wei umfunkelt. Und Ruhe war in seinem braunen Gesicht, in seinen
stahlblauen Augen. Er stand auf dem Beinschlitten, hinter einem groen
Sack, in dem er gedrrte Rben fr das hungernde Hochwild zu dem Ufer
bringen mute, das der Fischmeisterei von Bartholom gegenber lag.
Da hinber war's nur ein kurzer Weg, und dennoch mute Leupolt einen
langen machen, um den durch das Eis gerissenen Frageln auszuweichen,
aus denen das geschwellte Seewasser mit Gesprudel herausquoll. Alle
Kraft des Jgers gehrte dazu, um gegen den Fhnsturm aufzukommen.
Jetzt mit einer flinken Wendung ans Land, den Sack auf die Schulter und
ber die weie Bschung hinauf. Von zahlreichen Hochwildfhrten war
der Schnee zertreten zu einem brsligen Wirrwarr. Gleiende Lichter
und blaue Schatten. Das beschneite Gezweig der Buchen war wie ein
wundervolles Silbergespinst, das der Goldschmied Gott verziert hatte
mit Millionen farbigblitzender Edelsteine. Auf vierzig Schritte standen
im weien Walde schon die Muttertiere mit ihren Klbern und warteten.
Ein paar geringe Hirsche bei ihnen, und schlanke, feinbewegliche
Jngferchen. Von den Gutgeweihten, die Leupolt zhlen mute, war noch
keiner zu sehen. Scheu waren auch sie nicht; die Not des Winters zhmt
die Wildesten; aber weil sie die Starken waren, konnten sie geduldig
sein und der Schwche den Vortritt lassen.

In flinker Arbeit schleppte Leupolt die Heubndel aus der Scheune,
fllte die Raufen und schttete das Kernfutter in die langen Trge.
Dann schlpfte er am Ufer unter den kleinen verschneiten Hegerschirm,
der einen doppelten Ausguck hatte. Die eine Luke guckte nach Bartholom
und zeigte ein von Sonne umflimmertes Bildchen. Die kleine Kirche, halb
wei und halb im Blauschatten; daneben der altersgraue Jgerkobel, ein
Balkenhaus, das unten Schiffhtte war und im Oberstock die Stuben der
Jger und Fischer enthielt; dahinter das langgestreckte Jagdschlchen
der Stiftsherren, umgeben von den Silbergestalten der verschneiten
Bume, als Hintergrund die Kletterwnde des Wazmann mit dem blauen
Himmelsdach. Die andere Luke des Hegerschirmes war gegen die Wildraufen
gerichtet. Hier blieb's noch eine Weile still. Wo die Sonne glnzte,
blitzten viele von den farbig funkelnden Edelsteinen durch die Luft
herunter und versanken im Schnee. Nun sicherte langsam ein Muttertier
mit dem Kalb heran. Dann erschien ein Spieerchen im spanischen Tritt
und blieb noch eine Weile mutlos. Zwei Jungfern kamen herbeigetrippelt,
und als diese ersten mit den sern in die Futtertrge fuhren,
galoppierte das Kahlwild mit Geprassel von allen Seiten gegen die
Raufen hin. Lchelnd sah Leupolt diesem grau durcheinanderdrngenden
Gewimmel zu und konnte beim Schauen seine Gedanken wandern lassen.
Sie gingen auch heute den gleichen Weg, wie seit der Schneezeit an
jedem Wintermorgen. >Der Kirchgang ist lang vorbei. Jetzt mu sie
schon wieder daheim sein.< Er hat sie noch nie im Haus und bei der
Arbeit gesehen; und htte sich das gerne ausgedacht; doch immer sieht
er sie mit dem Federhtl und in dem dunkelgrnen Mantel, aus dem die
Rosenkranzperlen hervorgucken. Ihre Augen sind gesenkt. Leupolt sieht
in dem feinen Gesichtl nur den roten Mund, das zarte Nschen, die
weien Lider und die Sicheln der Wimpern. Und wenn sie die Augen hebt,
so sieht er den Zorn in ihnen funkeln, die Verdammung des Unsichtbaren.
Wie wunderlich das ist: so oft er sie in Wirklichkeit so gesehen hat,
war's immer ein Schmerz fr ihn, eine qulende Hoffnungslosigkeit. Und
hier, im weien Wald, bei diesem stillen Trumen wird alles fr ihn zu
einem frohen und zrtlichen Glck.

>Ob sie nit spren mu, wie oft ich denk an sie? Bei Tag und Nacht!<
Mit drstender Sehnsucht ist die Frage in seinem Herzen: >Denkt sie
wohl auch an mich?< Ob sie nicht betet fr ihn? Fr seine Seele, die
sie fr eine verlorene hlt? Gibt es Frmmigkeit, die nicht barmherzig
wre? Frmmigkeit, die nicht beten mte fr jeden, den sie fr einen
Irrenden hlt? Und wenn sie hinaufruft zu einem ihrer vielen Heiligen?
Flstert sie da nicht manchmal ein leises Bitt fr ihn? Wie eine
Sigkeit klingt es in seinem Ohr, in seiner Seele: Bitt fr ihn --
bitt fr ihn -- Dabei sieht er sie in der kalten Kirche knien, ein
bichen frierend, mit dem braunen Htl ber dem schnen Haar, in dem
dunkelgrnen Mantel, aus dem die Fingerspitzen der gefalteten Hnde
hervorlugen.

Tausend Gedanken denkt die Menschenseele in jeder Stunde. Einer ist
halbe Wahrheit. Die anderen sind Irrtum.




Kapitel VII


Pfarrer Ludwig mute im Korridor vor dem Frstenzimmer noch immer auf
seine Vorlassung warten, weil der Haarkrusler beim Allergndigsten
war. Die hundert Locken einer frstlichen Percke verlangen ihre
Zeit. In einer hohen Fensternische an den Kreuzstock gelehnt, zeigte
der Hochwrdige ein ruhiges Gesicht. Je heier in ihm die Sorge
whlte, um so gleichmtiger sah er ber die Wnde hin, an denen
zwischen Hirschgeweihen, Heiligenbildern, groen Jagdgemlden und
prpstlichen Bildnissen zwei weltgeschichtliche Kriegstrophen hingen:
die Eisenhte, Brustpanzer, Schwerter, Terzerole und Schrpen zweier
schwedischer Krassiere. Was da rostend und verstaubt an der Mauer
hing, das war fast die einzige Welle gewesen, die der dreiigjhrige
Krieg aus dem verwsteten Deutschen Reich hereingesplt hatte in die
Stille des Berchtesgadnischen Landes.

Blut, Hunger, Verarmung, Seuchen und Brandschatzung; die Hlfte der
Deutschen erschlagen, versunken und verfault; Handel und Wohlstand
vernichtet; alle Bande des Reiches gelockert und zerfetzt; eine
Kluft des Mitrauens und des Hasses zwischen Nord und Sd; ein fr
ewige Zeiten unlsbar erscheinender Zwiespalt zwischen deutschem
Katholizismus und deutschem Lutheranertum; ein entzweigekeiltes, an
Sitte und Leben verpestetes, in hilflose Fetzen zerfallenes Volk,
das seine nationale Erneuerung wieder beginnen mute, wie ein Kind
nach dem Windelschmutze seine Menschwerdung anfngt in den ersten
Schuhen -- und als einziges Erinnerungszeichen dieses grauenvollen
Geschehens hingen im Frstenkorridor zu Berchtesgaden zwei schwedische
Krasse. Die hatte man in der Ramsau zwei verirrten und von den Bauern
erschlagenen Botschaftsreitern vom blutenden Leib geschlt.

Nur ein einzigesmal in jenen dreiig Jahren hatte Berchtesgaden
fr wenige Winterwochen eine Einquartierung erlebt. Whrend die
deutsche Welt in Jammer und Elend sank, htte das >Lndl< in seiner
Abgeschlossenheit gedeihen knnen, wenn ihm, angesteckt durch
Seuchenkeime der Zeit, die Zermrbung nicht im kleinen erwachsen wre,
wie drauen dem Volk der Deutschen im groen.

Aus dem Frstenzimmer huschte ein spitznsiges Mnnchen heraus, der
Perckenmeister, den man aus Paris verschrieben hatte. Ein deutscher
Bartscheer brachte doch so was Himmlisches nicht fertig, wie es jetzt
die Herren auf ihren Kpfen trugen. Pfarrer Ludwig tat einen tiefen
Atemzug und ging zur Tr. Bevor er sie erreichte, vollzog sich ein
Ereignis, das strend in den Gang der Berchtesgadnischen Regierung
eingriff. Am Pfarrer rannte einer vorber und ihm voraus, der auf
der Schwelle des Frstenzimmers den Vortritt sogar vor den fremden
Gesandten hatte. Der Wildmeister. Er brachte die aufregende Nachricht,
da die Stiftsjgerei bei den Untersteiner Smpfen drei kapitale
hauende Schweine besttigt hatte. Die Keiler lagen unentrinnbar fest,
und die Netze waren schon gezogen, nicht zu einem >Groen Jagen<, nur
zu einem kleinen >Eingestellten Treiben<, das flink zu erledigen
war. Bei solcher Sachlage hatten die Wildschweine den Vorrang vor
dem Landswohl und der Frsorge fr den unverflschten Glauben. In
den Korridoren sprangen Lakaien und Jgerknechte hin und her, im
Stiftshofe wurden vier zierliche Schlitten aus den Remisen gezogen,
und zwei buntgekleidete Lufer, mit weien Strauenfedern auf den
grnen Samtkappen, surrten unter dem Brausen des Fhnwindes durch
die Marktgasse, um die edle Aurore de Neuenstein und den Kanzler von
Grusdorf zum Eingestellten Treiben zu laden. Der Onkel Kanzler mute
zur Wahrung der guten Sitte immer den Regierungstisch verlassen,
wenn die allergndigste Nichte sich beteiligte an den winterlichen
Weidmannsfreuden ihres _matre ador_.

Pfarrer Ludwig, der sonst auf das neumodische Jagdgeprnge nicht gut zu
sprechen war, segnete an diesem Tag zum erstenmal den >franzsischen
Schwindel<. Aufatmend um des Zeitgewinnes willen, eilte er heim und
brllte der Schwester ins Ohr: Kommt der Niklaus, so sag ihm, da
ich vorausgegangen bin zu seinem Haus! Dann scho er davon, um zwei
ntige Dinge zu erledigen. Er mute das fromme Klostervgelchen zum
Singen bereden, mute zu erfragen suchen, was Luisa dem Chorkaplan
Jesunder gesagt hatte. Und mit Lewitter, den er seit dem gestrten
Schachspielabend nicht mehr gesehen, mute er das gemeinsame Verhalten
vor dem Frsten bereden. Ungeduldig trommelte er mit dem Klppel an
Lewitters Haustr. In dem dunklen Flur, in dem die Gewrze dufteten,
kam fr den Pfarrer eine schwierige Unterhaltung mit der alten Lena,
deren Zeichensprache er nur halb verstand. Gut sind wir aufgerichtet,
der Simmi und ich! Die meine hrt nit, und die seine kann nit reden!
Dem wahren Gott zuliebe hatte man der Magd vor fnfzehn Jahren in
Salzburg die Zunge krzer gemacht, weil sie die Obrigkeit belogen
hatte, um Weib und Kinder ihres Herrn zu retten. Nur mit den Hnden
konnte sie noch reden.

Ungefhr verstand der Pfarrer, da Simeon nicht daheim wre; man htte
ihn am verwichenen Abend wieder zu einem kranken Weib geholt, das
seit drei Tagen in den Wehen lge und nicht gebren knne; Lewitter
wre wieder die ganze Nacht auer Haus gewesen und auch am Morgen
nicht heimgekommen. Ach, das Leben! Knnt ein Grtl des lieben Gottes
sein und wird ein Saustall des Teufels! Und da plagt sich jetzt der
hilfreiche Simmi, um einem neuen Leidgesellen der Menschheit den
Eintritt ins Leben zu erleichtern! Den Kopf gegen den Sdwind bohrend,
eilte Pfarrer Ludwig dem Haus des Freundes entgegen, immer grbelnd:
Wie mu ich es machen, da ich das Mdel zu Verstand bring? Zu einem
Herzschlag, der menschlich ist?

Ein Weiberschrei voll Sorge machte ihn aufblicken. Vom Zauntor kaum die
Sus gelaufen: Wo bleibt der Meister? Ist was geschehen?

Nichts, gute Sus! Wo ist das Luisichen?

Die Haustochter hab ich nimmer gesehen, seit sie heimgekommen ist
von der Frhme. Der Meister ist ganz von Sinnen gewesen. Und da bin
ich allweil beim Zaun gestanden, hab gewartet und bin nur ein paarmal
hineingesprungen zum Herd, da mir das Fleisch nit aus dem Sieden
kommt.

Recht so, liebe Sus! Dein Herr und dein Herd! Der Pfarrer sagte
scherzend: Gelt, Mdel? Dich plagen keine Seelenzweifel und
Glaubenskmpf?

Mich nit! antwortete sie ehrlich. Ob des lieben Herrgotts Kittel
grn oder rot ist, das ist mir eins. Kittel her oder hin, der Herrgott
ist drin. Mir ist das Leben recht, so lang der Meister seine Ruh hat
und schaffen kann. Und weil man schon nimmer wei, wie man beten mu,
drum bet ich am Morgen katholisch, am Abend evangelisch. Eins mu dem
Meister allweil nutzen.

Betest du nit auch fr dich?

Sus schttelte den Kopf und trat in den Flur. Ich zhl doch nit. Als
sie dem Pfarrer den Mantel abnahm, sagte sie: Eh der Meister fort
hat mssen, ist die Haustochter bei ihm gewesen. Sie ffnete die Tr
der Werkstatt. Kindl? Bist du noch da? Auch der Pfarrer war ber
die Schwelle getreten. Nun sahen die beiden im gleichen Augenblick
die Holzplatte mit dem formlos auseinandergequetschten Wachs. Die
Sus bekam ein Gesicht, so wei wie Kalk. Und der Pfarrer stammelte:
Gotts Not! Das hat doch der Meister nit selber getan! Mdel? Ist ein
Chorkaplan im Haus gewesen? Sus hrte nicht. Immer sah sie die Reste
des vernichteten Werkes an, als wre das der Untergang einer kostbaren
Welt. Den Mund von Trnen berkollert, lispelte sie: Wie heilig und
schn ist das gewesen! Unbeweglich blieb sie vor dem Gewirr des roten
Wachses stehen, als Pfarrer Ludwig hinaussprang in den Flur.

Luisichen! rief er, whrend er hinaufhastete ber die Treppe.
Luisichen! Er stie die Wohnstube vor sich auf. Luisichen!
Luisichen! Er rttelte an des Mdels verschlossener Kammertr. Aber
Kind! So tu doch reden! Bist du da drin? Er vernahm einen Laut. War's
ein lallendes Beten? Ein Sthnen in Schmerz? Mit aller Kraft seiner
Sorge warf sich der Greis gegen die Tr. Der Riegel klirrte in die
Stube hinein, Pfarrer Ludwig taumelte ber die Schwelle und tat im
ersten Schreck einen heiseren Schrei. Erstarrt hing Luisa vor ihm an
der weien Mauer, wie eine Gekreuzigte, umwoben von der Sonne. Ihre
Arme, von denen die leinenen rmel zurckgefallen waren, hatten eine
gedunsene Form und waren so rot wie das Mieder, unter dem die junge
Mdchenbrust in heftigen Sten atmete. Oberhalb der schnrenden
Tuchschlingen waren die Hnde dunkelblau, mit gespreizten, leblosen
Fingern. Und der Kopf mit den schweren Haarflechten hing entkrftet
vornber. Ein paar lallende Laute noch. Dann schien eine Ohnmacht die
Sinne der Berin zu umschatten.

Pfarrer Ludwig schrie den Namen der Sus, sprang auf Luisa zu, ri das
Messer heraus, das er wie ein Bauer an der Hfte trug, umklammerte die
Bewutlose mit dem linken Arm und schnitt die gestrafften Tuchschlingen
von den Holzzapfen. Da mcht man doch verzweifeln an der Menschheit!
keuchte er und trug die Ohnmchtige hinber zum Bett. Als er die
Sus kommen hrte, befahl er: Lauf, was du laufen kannst, und bring
einen Becher Kirschwasser! Er zerrte die Tuchschlingen von Luisas
Handgelenken, begann ihre starren Arme zu kneten und rieb ihre Hnde,
bis die blaue Frbung verschwand und der Blutlauf wieder in Gang
geriet. Nun brachte die Sus den Becher und stammelte: Was ist denn
geschehen?

Nit viel! Er konnte lachen. Ein bil Dummheit geht um in den
Menschenkpfen. Wer wei, wozu es gut ist! Ein Hollnder hat mir
neulich gesagt: >Kein Ding, das dem Leben nit dienen knnt, auf da
die Menschenkinder teilhaftig werden des Glckes!< Mit dem Becher
beugte der Pfarrer sich ber das Bett und flte einen festen Gu des
Kirschwassers in Luisas Mund. Sie schluckte. Soooo, Kindl! Gelt, das
ist gut! Er stellte den Becher fort und rckte den Futeil des Bettes
von der Mauer weg. Flink, Sus! Auf die ander Seit hinber! Mach dem
Mdel das Mieder und den Rockbund auf. Wir mssen schauen, da wir sie
unter die Deck bringen. Hurtig rieb er die Hand der Ohnmchtigen.
Dann nimm ihren anderen Arm und tu mir alles nachmachen, fest und
flink!

Was ist denn, Hochwrden?

Ach, so dumme Mdelgeschichten! Da ist sie ein bil krmpfig worden.

Whrend Sus das rote Miederchen der Haustochter aufnestelte, klagte sie
vor sich hin: Um Gottes willen!

Nein, gute Sus! Gott ist da nit dabei. Nur berflu an jungem Blut und
ein bil Mangel an gesundem Verstand.

Unter den vier krftigen Fusten wurden die zwei starren Mdchenarme
hei und beweglich. Auch das verschluckte Kirschwasser wirkte mit, um
das junge Blut seinen vernnftigen Weg wieder finden zu lassen. Luisa
ffnete die Lider wie eine Schlaftrunkene. In schwimmendem Glanze
glitten unter den langen Wimpern die langsamen Augen. Guck! Der
Pfarrer lie auf seiner Wange die groe Warze tanzen. Wie munter das
liebe Kindl schon wieder ins Leben blinzelt! Lauf, gute Sus! Und spring
hinber zu mir! Da wartest du auf den Meister. Kommt er, so bring ihn
heim und sag ihm: das Kindl htt einen Purzelbaum gemacht. Aber sag's
nit so, da der Meister erschrecken mu. Sag's lieber so, da er lachen
kann. Die Sus, aufatmend, surrte in den Flur hinaus. Aller Schreck
der verwichenen Minuten erlosch ihr in dem Gedanken, da sie hinlaufen
durfte, wo der Meister war. So, Luisichen, komm, jetzt nimm zur
Aufmunterung noch ein kleines Schlckl! Pfarrer Ludwig schob den Arm
unter Luisas Nacken und fhrte den Becher an ihren Mund.

Gehorsam, wenn auch noch immer ein bichen duselig, ffnete sie die
Lippen und trank. Nach dem ersten Schluck erweiterten sich ihre Augen
wie in Entsetzen. Mit beiden Hnden versuchte sie sich zu wehren und
lallte: Jesu mein, Ihr gieet mir ja die Hll ins Leben!

Umgekehrt! Ich lsch in dir die unsinnige Hll mit einem ntigen
Lebenstrunk! Tu schlucken! Fest! Er hob und go, bis der Becher leer
war. Weil sie nicht schlucken wollte, prete er die linke Hand auf
ihren Mund, fate mit der rechten den feinen Mdchenhals und rttelte
die widerspenstige Kehle. Schluck, mein Luisichen! Schluck! Ob Luisa
wollte oder nicht, sie mute schlucken. Die brennende Kirschwasserhlle
war drunten. Daraus ergab sich eine sehr sonderbare Wirkung. Obwohl von
Zorn und Ekel die Trnen in Luisas Augen traten, konnte sie die khlen
Greisenfinger an ihrem Halse nicht ertragen, mute aufkreischen, mute
lachen wider Willen. Ooooh, Luisichen? Der Pfarrer wurde lustig. Mu
man dich kitzeln, damit du das menschliche Lachen lernst? Das kann ich
besorgen. Lach, mein Luisichen, lach! Wie mehr, so gesnder ist es! In
der Art, in der man schkert mit einem zappelnden Buben, begann er sie
am Hals zu kitzeln, am Kinn, an den Ohren, an den Ellbogen und unter
den Armen.

Sie wollte sich wehren und wurde hilflos, wand sich und kreischte,
schttelte die sich lsenden Zpfe von ihrer Stirn herunter und schrie
und lachte. Immer wollte sie betteln: Hr auf, hr auf! Und konnte
nicht reden, weil sie lachen mute, immer lachen und lachen.

Brav, mein Kindl! Netter bist du noch nie gewesen, als jetzt in deinem
zappligen bermut! Gelt, ich hab recht? Blo ein Lachender merkt, wie
munter und kostbar das irdische Leben ist!

Es gelang ihr, sich seinen Hnden zu entwinden. Halb noch lachend, halb
von Jhzorn befallen, fate sie eines von den zwei weien Kissen ihres
Bettes und warf es dem Pfarrer Ludwig an den Kopf.

Er haschte das linde Gescho, umschlang es an seiner Brust und sagte
frhlich: Gott sei Dank! Eine menschliche Regung! Kindl, jetzt kann
man bei dir auf Genesung hoffen!

Zitternd fiel sie zurck und prete den Arm ber die Augen. Der
Pfarrer setzte sich auf den Bettrand hin, behielt das weie Kissen auf
seinem schwarzen Scho und betrachtete unter freundlichem Lcheln das
stumme, glhende, um Atem ringende Menschenkind, das die Augen vor ihm
versteckte. Einmal versuchte Luisa den Arm zu heben, lie ihn wieder
auf die Augen fallen und lispelte: Ich wei nit, was das ist -- alles
tut sich drehen um mich herum.

Kindl, sagte der Pfarrer vergngt, da hast du einen Schwips. Vom
Kirschwasser. Ja, Luisichen, wer anderthalb Jahrzehnt das khle
Brunnenwasser im Kloster genossen hat, vertragt was Wrmeres nit
aufs erstemal. Er lchelte. Lernen brauchst du das nit: da du
Kirschwasser vertragen kannst wie Geimilch. Heut ist's ntig gewesen.
Sorgen brauchst du dir wegen des kleinen Ruschls nit zu machen. Das
verschlafst du wieder! Seine Stimme bekam einen zrtlichen Klang.
Auch ist das so: da alles Schnste im Leben mit einem Ruschl
anfangt, sei es im Hirnkstl oder sei es im jungen Blut. Luisa
blieb stumm. Whrend die Morgensonne herglnzte ber das weie Bett,
ging ein schmerzvolles Zucken um den heiroten Mdchenmund. Manchmal
berrieselte noch ein Nachschauer des Lachens den zierlichen Krper,
und unter dem Arm, der die Augen verhllte, quollen die Trnen hervor,
kollerten ber die glhenden Wangen und versanken im braunblonden
Schimmerkissen der gelsten Zpfe. Sich vorbeugend, sagte der Pfarrer
langsam: Kindl, wie bist du lieb und schn! Was tt der Leupolt geben
drum, wenn er an meinem Pltzl sitzen drft. Und morgen oder bermorgen
mu er am Schandpfahl hngen. Der redliche Bub! Ein knirschender
Laut; Luisa warf sich herum und vergrub das Gesicht in die Flle ihres
Haares. So lag sie lautlos, whrend ein heftiges Schttern ihren Nacken
und ihre Schultern befiel. Als sie ruhiger wurde, gab sie Antwort auf
jede Frage. Alles sagte sie, ehrlich und ohne Rckhalt.

Der Pfarrer frstelte ein bichen. Obwohl die Sonne durchs Fenster
hereinfiel und drauen der laue Fhnsturm brauste, war es mehr als khl
in der ungeheizten Stube. Und Pfarrer Ludwig hatte schwitzen mssen.
Als er vom Garten herauf die Stimme des Meisters hrte, erhob er sich,
legte das Kissen ber Luisas Fe und zog ihr die wollene Decke bis an
das Kinn. Versuch zu schlafen! Die heilige Mutter Marie, an der wir
hngen in treuem Glauben, du und ich, die soll dich erwachen lassen zu
einem wrmeren Leben! Von dem kindischen Narrenstckl, das ich sehen
hab mssen, soll dein Vater nichts erfahren. Der tt das nit so gut
verstehen, wie ich alter Pfarrer. Er strich mit der Hand ber den
Scheitel der lautlos Zuckenden. Was ich erfahren hab mssen, das ist
gebeichtet, gelt? Ich, Kindl, ich schweig in heiliger Pflicht. Wrst
du am Morgen in deiner Herzensnot zu mir gekommen, so htt die Mutter
Jesunder dich nit umtragen mssen im Tratschkrbl, und der Pfleger htt
nichts erfahren vom Leupolt. Er hob die zwei zerschnittenen Tchelchen
von den Dielen auf, lste die Schlingen, die noch am Zapfenbrette
hingen, und schob sie schmunzelnd in die Tasche. Forschend guckte er
ber die Schulter nach dem Bett, verlie die Stube und schlo hinter
sich die verbogene Tr, so gut sich das noch erledigen lie.

Da kam der Meister ber die Stiege heraufgehastet, Sorge in den Augen.
Was ist denn mit dem Kind?

Nichts, lieber Nick! Oder doch nichts Bses. Im Gegenteil. Dein Kind
hat einen Sprung aus dem Kalten ins Warme getan. Das geht nit ab ohne
festen Beutler. Jetzt mssen wir dem kleinen Weibl ein bil Ruh
vergnnen und mssen sie schlafen lassen.

In den Augen des Meisters wollte die Sorge nicht erlschen. Schlafen?

Aufs erste Kirschwasser schlaft man allweil. In spteren Jahren
mindert sich die gute Wirkung. Komm! Wir gehen hinunter in die
Werkstatt! Er wurde ernst. Da hab ich gesehen, was mir arg mifallen
hat. Mensch bleiben, heit bauen und schaffen, nit in Scherben
schlagen.

Drunten im Flur stand die Sus mit seitwrts gespreiteten Armen an der
Mauer, zitternd, im Blick den Ausdruck einer qualvollen Angst. Etwas
Tierisches und dennoch etwas Schnes war in ihren Augen. Der Pfarrer
ging an der Magd vorber, ohne sie zu gewahren. Meister Niklaus blieb
stehen und sah sie an, verwundert, als she er etwas an ihr, was er
noch nie gesehen hatte. Sus! Sie neigte vor seinem Blick die Stirn:
Jetzt mu ich zum Herd. Das Wasser wird eingesotten sein und das
Fleisch wird schlecht. Ein mdes Lcheln. Dann ging sie davon. Er sah
ihr nach und blieb noch immer stehen, obwohl die Sus in der Kche schon
verschwunden war.

Der Pfarrer stand in der Werksttte vor dem roten zerquetschten
Wachsklumpen. Herzbruder Nick? Was hast du denn da getan?

Fast wei ich es selber nit. Meister Niklaus fate erregt ein breites
Messer und schnitt die formlose Wachsmasse von der hlzernen Platte.
Es ist mir, als htt ich's im Zorn getan. Mit der Linken knllte
er das Wachs zu einem Ballen. Oft ist's wie ein Fremdes, was man
tut. Kann sein, ich hab Platz machen mssen fr ein Ding, das besser
ist. Er wurde ruhig. Und whrend er mit dem Pfarrer sprach -- von
Luisas Heimkehr am Morgen, von seinem jhzornigen Hammerstreich, von
der Mutter Agnes, vom Eis auf dem Knigssee und von dem sen Krapfen
-- prete er eine Wachsflocke um die andere auf das Holz, schnitt mit
dem Daumennagel und formte mit den Fingern. Und pltzlich, die Arbeit
unterbrechend, sah er den Pfarrer an. So sag mir doch die Wahrheit!
Was ist mit dem Kind?

Das ist schnell gesagt. Sie hat den Leupolt gern und wei es noch nit.
Da rumort das Neue ein bil hitzig in ihrem khlen Klosterstbl.

Aufatmend flsterte Niklaus: Das wr ein Glck! Da tt's wieder heller
werden in meinem Haus.

Ein Summen an den Fensterscheiben. Man hrte rasch nacheinander aus
weiter Ferne her den Hall und das Echo von fnf Gewehrschssen. Hrst
du? lachte der Pfarrer ingrimmig. Derweil die Herzensnot der Menschen
umlauft im ganzen Lndl, erlustigt sich die Allergndigste an den
Untersteiner Wildsauen. Ein Gutes hat auch das. Die Sorg um den Leupolt
ist aufgeschoben. >Tod ist Tod,< sagt meine Schwester allweil, >aber
besser morgen als heut.< Dein Mdel tu schlafen lassen, bis es von
selber aufwacht. Nach dem Quantum Kirschwasser, das ich dem blinden
Klosterspatzen eingegossen hab, wird's lang dauern, bis er wieder
piepsen kann. Und du bleib bei der Arbeit, Nick! Sie ist von allem
Lebenstrost der beste.




Kapitel VIII


Im Wehen des Fhns, bei blitzendem Tropfenfall und in Sonne,
schmetterten vier Hifthrner die Sautodweise durch den Untersteiner
Wald. Auf rotfleckigem Schnee, zwischen der grnmaskierten
Frstenkanzel und dem mannshohen Stellnetz, lagen die drei zur Strecke
gebrachten hauenden Schweine, festlich aufgeheitert, mit Fichtengrn
bekrnzt, mit kirschroten Seidenmaschen an den Lusern und an den
zottigen Schwnzen. Die graulivrierte Stiftsjgerei war in Reihe
gestellt, und rings um die erlegten Keiler gaben die wei und braun
getigerten Saurden in ihren dick unterftterten Barchentpanzern
Standlaut. Nach einer vierstimmigen Fermate schwiegen die Hrner, um
gleich darauf die sanfte Dianenweise zu beginnen, die zu Ehren der
edlen Aurore de Neuenstein geblasen wurde. Mit Grazie kam der Hofzug
durch den Schnee geschritten, voraus der Frstpropst Anton Cajetan
mit der Allergndigsten _en titre_. Nach franzsischer Vorschrift fr
ein Eingestelltes Treiben auf Wildschweine trug er ein hechtgraues,
reich mit Silber besticktes Jgerkleid, an dem zwei kleine Bffchen
den Priester unvordringlich andeuteten, und darber einen offenen,
kostbaren Pelz, der durch den degenfrmigen Hirschfnger vom Krper
abgespreitet wurde. Unter dem silberbetreten Dreispitz quoll ein
geschnrkelter Lockenbau hervor. Zwischen den Haarschnecken spitzte
sich ein weies, tadellos rasiertes, schon greisenhaftes Schmalgesicht
heraus, launig lchelnd, ein bichen spttisch und nicht ohne Energie.

Ehe Herr Anton Cajetan im vergangenen Jahr von den sieben Stiftsherren
zum Frstpropst gewhlt wurde, war er durch zwei Jahrzehnte als
Dekan des Stiftes ein geschftiger Vorkmpfer der Kapitularen um
ihre Selbstndigkeit gewesen, um ihre Loslsung von der mnchischen
Regel, um ihre Verwandlung in freie Chorherren mit allen weltlichen
Vorrechten edler Geburt. Da hatte er scharfe Worte, nicht nur gegen
die begrndeten Ansprche des wohlmeinenden Churfrsten von Bayern,
auch gegen den Papst geredet und geschrieben. Im Streite gegen die
>evangelischen Rebellen< hatte er eine aus Vorsicht und Konsequenz
gebildete Faust erwiesen. Whrend aus dem Salzburgischen die
>gottsfeindlichen Landsverrter< zu vielen Tausendscharen ausgewiesen
wurden, statuierte Herr Anton Cajetan als Dekan und Propst nur ein
paar abschreckende Exempel und hatte, wie er noch immer glaubte, seine
Stiftslande frei erhalten von einem staatsgefhrlichen Anwachsen
des Schwarmgeistes. Seit Beginn des evangelischen Aufruhrs im
Salzburgischen hatte der Frst, um alle aufreizenden Nachrichten von
auen abzusperren, jede Strae durch einen Grenzriegel von Musketieren
verschlossen. Da dadurch der Wohlstand im Lande sank, aller Handel
unterbunden war und die Steuerkraft der Bauern, Handwerker und
Kaufleute vermindert wurde, das zhlte nicht. Wenn nur die Landsruh
und der reine Glaube erhalten blieb! Bis wieder bessere Zeiten kamen,
konnte man borgen. Aber wo? Die Schulddokumente des Stiftes fllten
schon viele Schrnke, erschreckend wuchsen von Jahr zu Jahr die Kosten
der hfischen, aus Standesrcksichten unerllichen Pariserei, und
immer bedrohlicher begannen die hilfreichen Brunnen zu versiegen, um
so mehr, je bler es der Berchtesgadnische Hof mit dem Churfrsten von
Bayern verschttet hatte, der frher dem Berchtesgadnischen Land ein
hilfsbereiter Schutzfreund gewesen war. Die Frage, wo neue goldene
Hilfsquellen zu erschlieen wren, verursachte Herrn Anton Cajetan
schlummerlose Nchte. Das Bauerngerede, da der Allergndigste nicht
schlafen knne, weil ihm der allzuviele Wein den Magen versuere, war
eine Verleumdung. Im Gegenteil: Herr Anton Cajetan bedurfte reichlich
der spiritualen Beruhigung, weil ihm die ghnende Kassensorge den
Schlummer verwehrte.

Diesen Regierungsgram hatte er nicht zur Wildschweinhetze mitgenommen.
Er blickte heiter in die Sonne, und das leise Spottzucken seiner
Mundwinkel war feingalantes Vergngen an der Tatsache, da seine
hbsche Freundin _en titre_ sich glubig einen weidmnnischen Erfolg
hatte aufschwatzen lassen, den sie nur dem korrigierenden Beistand
der Domizellaren verdankte. Die zerschmetterte Wirbelsule des einen
Keilers war einwandfrei ein Werk ihrer kleinen Dianenhnde. Die
Blattschsse der beiden anderen Keiler waren hfische Nachhilfe, die
von allen Schtzen mit den heiligsten Eiden verleugnet wurde. Aurore de
Neuenstein war so geartet, da sie an Mnnerschwren niemals zweifelte.
Bei der grnen Frstenkanzel hatte sich nach den fnf Flintenschssen
ein galantes weidmnnisches Gerichtsverfahren abgespielt, das den
Glauben der Allergndigsten an die Unfehlbarkeit ihrer Geschosse
befestigt und Herrn Anton Cajetan sarkastisch erheitert hatte. Da er
seiner standesgemen Freundin gegenber in anderer Weise nicht ganz
auf seine hohen Kosten kommen konnte, hielt er sich zuweilen dadurch
schadlos, da er sich innerlich um so mehr ber sie lustig machte, je
liebenswrdiger er sie uerlich behandelte.

Unter den Klngen der Dianenweise fhrte er sie an hoch erhobener Hand
zur Strecke. Der Wind zauste ihre hechtgraue Pelzglocke und blies
den Puder aus ihren Locken. Glcklich und stolz, den geschminkten
Kreuzermund mit dem Schnheitspflsterchen vorgeschoben, stelzte
sie durch den zerwhlten, mit roten Flecken bersprenkelten Schnee,
in der Rechten das buntgebnderte Jagdspiechen fhrend, das einer
fr Kinderhnde berechneten Schferschippe hnlicher sah als einer
Saufeder. Dem hohen Paare folgte der Kapitular Graf Saur mit dem
Kanzler von Grusdorf, der die Regierungssorgen *nicht* zu Hause
gelassen hatte und zwischen den Lockenschnrkeln gallig in die Sonne
blinzelte. Seinen verwandtschaftlichen Beziehungen zur Allergndigsten
verdankte er die bevorzugte Stellung am Hofe; doch weil er an Podagra
litt, verurteilte er weniger aus moralischen, als aus sanitren Grnden
diese hufigen Elefantenfahrten, die ihm kalte Fe verursachten. Den
Zug beschlossen die Domizellaren in hechtgrauer Junkertracht: die
drei Barone von Hausen, Stutzing und Kulmer, und der bildhbsche,
zwanzigjhrige Graf Tige, der seit dem Weihnachtsspiel, in dem er als
Partner der Allergndigsten den heilbringenden Engel dargestellt hatte,
ihr bevorzugter Gnstling war.

Die Hrner schwiegen, der Wildmeister sagte in einer Sprache, die er
nicht verstand, seinen gereimten Spruch auf -- franzsische, *sehr*
galante Verse, die Graf Tige verfat und dem Wildmeister eingelernt
hatte wie einem Papagei. Dann nahm Herr Anton Cajetan die drei
grnen Brche, die ihm der Wildmeister auf dem Dreispitz hinbot, und
befestigte sie am Busen der holdselig lchelnden Diana. Das vollzog
sich auf eine Weise, da es auch bei einer _Chasse royale_ im Parke
zu Fontainebleau nicht graziser htte geschehen knnen. Unter dem
schmachtenden Rondo der Dianenweise schlo sich an dieses stilgeme
Jagddrama noch ein improvisiertes Satyrspiel. Einer der erlegten Keiler
hatte im Verenden unter Todesqual noch eine letzte irdische Verrichtung
vollzogen. Was dabei aus dem Leib des Tieres umfangreich in die Sonne
getreten war, fate Graf Tige lachend auf eine Fichtenborke, beugte
elegant das Knie, hob die nach dem Weidmannsgeschmacke der Zeit mehr
bewundernswerte als anrchige Sache bis vor das zarte Nschen der etwas
erschrockenen Diana und zitierte aus dem _Livre de la chasse du Grand
Seneschal_ die berhmten Verse:

  _En la saluant humblement
  Mes fumes lui presentay.
  Elle me respond doulcement:
  Et  vous! dont me contentay._[B]

[B]

  Ich bot ihr ehrfurchtsvolle Gre
  Mit meinen Weidmannsdften hin --
  Dank Euch, so sprach zu mir die Se,
  Von dem ich sehr befriedigt bin!

Der Doppelsinn dieser Reime im Zusammenhang mit den galanten
Beziehungen, die zwischen Graf Tige und der Allergndigsten _en
titre_ bestanden, weckte heiteres Gelchter. Auch Herr Anton Cajetan
schmunzelte. Ein bichen boshaft. Und Aurore de Neuenstein, halb
verlegen, halb gergert, schmollte mit ihrem Zwitscherstimmchen:
_Ingrat! Vous parlez trop par mtaphores!_

Scherzend senkte sie die Klinge des von Bndern flatternden
Jagdspiechens gegen die Herzstelle des knieenden Junkers und mimte den
Todessto einer zrnenden Gttin. Lchelnd erhob Herr Anton Cajetan die
wehrende Hand: _Ma chrie! Vous changez les rles contrairement  la
nature des vos enfantillages._

Neues Gelchter. Unter den Klngen des Herrengrues kamen die
Schlitten vorgefahren. Die Heimreise begann in munterer Laune und
mit schicklicher Platzverteilung: der Frstpropst nahm den Grafen
Saur zu sich in den Schlitten, und Aurore de Neuenstein schmiegte
sich wieder an ihren frierenden Elefanten. Weil Herr von Grusdorf das
Franzsische nur mangelhaft beherrschte, mute die Allergndigste bei
dieser Klingelfahrt sich ihrer heimatlichen Sprache bedienen. Geboren
in der Gegend von Dillingen, schwbelte sie ein bichen. Das klang sehr
niedlich. Doch pltzlich verstummte ihr Gezwitscher, und verwundert
sah sie die alte Buerin an, die aus kleinem Gehft einen plumpen, mit
rauchendem Kuhmist beladenen Hrnerschlitten herauszog. Kindlich fragte
Aurore: Warum schaut denn dees Weible so bs?

Herr von Grusdorf erwachte aus seinen Regierungssorgen. So schauen
sie hier alle. Die Untersteiner sind von unseren Subjekten die
Obstinatesten. Ich besorge, da sich da wieder ein evangelischer
Provokativus remarkabel macht. Wir haben Suspizien auf einen _vulgo_
Hasenknopf. Das edle Frulein lachte ber den sonderbaren Namen und
zirpte: La ihne doch alle die Kpf runterschlage! Da habe mer Rueh,
und der Glaube bleibt rein erhalte.

Bei den letzten Husern von Unterstein stockte die Schlittenzeile.
Herr Anton Cajetan sprach mit einem Musketier, der aufgeregt dem
Frsten entgegengelaufen war. Auch der Landesherr schien in Erregung zu
geraten. Grusdorf! Da bringt man uns eine hchst mirakulse Nachricht.
Die Buerin im Haynacherlehen soll ein Migeschpf geboren haben, das
zur Hlfte wei ist und zur Hlfte schwarz. Aurore de Neuenstein in
ihrer holden Unschuld erfate sofort den Humor der sonderbaren Sache
und erklrte eine solche Farbenmischung fr _compltement incroyable_,
da doch kein Neger im Lande wre.

Flink begannen die vier Klingelkisten zu jagen. Man unterhielt sich
lustig und rief grazise Spe von Schlitten zu Schlitten, ohne zu
ahnen, da man Scherz trieb mit dem Schicksal eines Menschen, dessen
junges Hausglck sich verwandelt hatte in etwas Grauenhaftes.

Ehe die Hofschlitten das Haynacherlehen erreichten, hatten in Christls
Gehft schon viele Menschen sich angesammelt. Die Bauern, Weiber und
Kinder der Nachbarlehen standen in Gruppen beisammen, und vom Sudhaus
waren die Pfannenknechte herbergesprungen. Was in dem kleinen Haus
geschehen war -- an sich eine natrliche Sache, nur miraten unter
einem seltenen Irrtum der Natur -- verwandelte sich fr die schwer
erschrockenen Leute zu einem ungeheuerlichen Ding, das die Gehirne
verwirrte und die Gemter verstrte. Weil die Haustr verriegelt war,
drngten die Leute sich klumpenweis um die drei kleinen Fenster. In
der Stube sahen sie die Wiege mit dem weinenden Bbchen, sahen auf dem
Tisch was liegen, bedeckt mit einem rotfleckigen Leilach, und sahen
die blasse Hasenknopfin hin und her laufen, immer mit einer irdenen
Wasserschssel zwischen den Hnden. Am Kammerfenster war nichts zu
ersphen. Man hatte innen das rote Vorhngelchen zugezogen. Nur vier
Stimmen waren zu hren: das Gestammel der Hasenknopfin, die ngstliche
Stimme Lewitters, die Klagelaute des jungen Bauern und eine ruhige
Frauenstimme, die mit glubiger Inbrunst zu beten schien. Leute, die
am Fenster lauschten, verstanden einzelne Worte der Haynacherin. Einer
fragte: Was betet denn die? Andere erkannten die Worte, die sie
heimlich schon oft gelesen hatten -- im verbotenen Paradiesgrtl --
und diese anderen schwiegen, Ergriffenheit in den harten Gesichtern.
Sie wuten: da die unsichtbare Haynacherin in ihrer Todesstunde eine
Sichtbare wurde.

Ein klobiges Mannsbild, einer von den frstprpstlichen
Pfannenknechten, schrie: Der Tod bringt's an den Tag. Die Haynacherin
ist irr im Glauben. Der Christl hat's geduldet in seiner verruckten
Lieb. Jetzt hat ihn der Herrgott gestraft. Und ein aufgeregtes Mdel
kreischte: Die Hlft am Kindl hat christliche Unschuldsfarb! Der
Haynacherin ihren Halbteil hat die Hll verschwrzt. Ein alter Bauer
mit grauem Bart -- der Frsager aus dem Stall der Unsichtbaren von
Unterstein -- sah die beiden Schreier mit zornfunkelnden Augen an:
Ihr zwei? Ihr tut euch Christen schimpfen? Ja? Und hundertmal sagen
im Tag: von nun an bis in Ewigkeit? Ja? Der Pfannenknecht brllte:
Bist du auch einer, du? Er sprang auf den Alten zu und packte ihn an
der Schulter. Gleich drngten sich Fnfe, Sechse zwischen die beiden
und deckten den alten Mann. Auch der Knecht fand Kameraden, und es
wre zu einem blen Handel gekommen, wenn nicht am Stubenfenster ein
Kinderstimmchen gerufen htte: Jetzt kommt der Jud! Die Leute guckten.

Simeon Lewitter, mit der Ledertasche in der Linken, eingehllt in
seinen dicken Fuchspelz, trat aus der Haustr, die hinter ihm von
der Hasenknopfin wieder verriegelt wurde. In seinem erschpften,
kreidebleichen Gesichte mischte sich scheue ngstlichkeit mit Zorn
und Trauer. Seid doch verstndig, Leut, und geht zu euren Dchern.
In des braven Christls Haus ist das Unglck eingekehrt. Vergnnt ihm
aus Erbarmen den Frieden, den er ntig hat! Zwanzig, dreiig Stimmen
redeten durcheinander und verstummten pltzlich. Ein Peitschenknall,
ein heitertnendes Schellengeklingel. In der rotwerdenden
Nachmittagssonne kamen die vier Hofschlitten angefahren. Der Vorreiter
sprengte durch das Zauntor: Platz fr den allergndigsten Herrn! Das
Gehft war leer. Die Leute rannten hinter den Schuppen, kletterten ber
den Zaun, wateten durch den schlammigen Ackerschnee und verschwanden
hinter den Hecken.

Simeon Lewitter blieb. Nicht gerne. Er nahm das Kppchen von seinem
weien Haar und tppelte zgernd dem ersten Schlitten entgegen.
Sorge whlte in ihm. Was er in dem kleinen Haus getan, das hatte er
tun mssen aus Barmherzigkeit fr den verstrten, von Grauen und
Verzweiflung zerbrochenen Christl. Aber er fhlte: was er tun hatte
mssen, konnte sich fr ihn selbst in eine Gefahr verwandeln. Wr ich
nur schon daheim in meiner Kinderstub! Da hielt der Schlitten des
Frsten. Der zweite Schlitten fuhr dicht an den ersten heran, weil
Aurore de Neuenstein hren *wollte* und der Kanzler von Amtswegen
hren *mute*. Aus den zwei andern Schlitten sprangen die Domizellaren
heraus und wateten lachend durch den Schnee. Lewitter verbeugte sich
tief.

Simeon? Du? Der Frstbischof schmunzelte ein bichen. Ist das wahr?
Da die Haynacherin ein Kind geboren hat, halb wei, halb schwarz?

Der kleine Mann schttelte kummervoll den Kopf. Es ist noch rger,
gndigster Herr! Nur mit den Farben stimmt es. Das eine Kind ist wei
wie ein Rsl. Das andere ist schwarz -- vom Brand.

Das letzte Wort berhrend, fragte der Frst verwundert. *Zwei*
Kinder?

Lewitter nickte. Dann sagte er's in kurzen Worten: da es mit der
Haynacherin drei Wochen ber die Zeit gewesen wre. Seit vier Nchten
hatte sie unter furchtbaren Wehen gelitten. Und vor einer Stunde gebar
sie zwei Mdelchen, ganz natrlich entwickelt, mit allen Gliedmaen,
doch von der Schulter bis zur Hfte aneinander gewachsen -- das eine
tot, schon erloschen unter dem Herzen der Mutter, whrend das andere
nach der Geburt noch Spuren von Leben gezeigt, noch offene Augen und
ein schlagendes Herz besessen hatte -- Leben, unlsbar mit dem Tod
verwachsen.

_Quelle chose effroyable!_ lispelte Aurore de Neuenstein erblassend
und verga ihrer pariserischen Bildung. Dees ischt ja doch nit zum
glaube! Und der Frstpropst fragte erschrocken: Gibt es das?

Ein seltenes Ding! sagte Lewitter mit schwankender Stimme. Ich wei
nur noch von einem einzigen Fall. Er hat sich zu Regensburg ereignet,
vor vierhundert Jahren. Ganz der gleiche Vorgang war es. Auch damals
muten Kinder und Mutter sterben.

Der Frstpropst beugte sich vor. Sterben? Auch die Mutter?

Als ich das Haus verlie, begann sie zu erlschen. Keine Hilfe mehr.
Ich habe den Schmerz des Mannes nimmer sehen knnen. Drum bin ich
gegangen. Der Mensch, wenn er hilflos ist, hat feige Stunden. Und was
ich getan habe, das hat den Mann nicht getrstet. Lewitters Blick war
ngstlich. Ich meinte, da es ihn aufrichten wrde in seinem Schmerz,
wenn sein weies Kindlein christlich wrde, solange noch Leben in ihm
war. Drum hab ich ihm die Nottaufe gegeben.

Lewitter! murrte Herr von Grusdorf erschrocken. Wie konnte er sich
verleiten lassen zu einer solchen Inkompetenz? Die _causa_ des Leupolt
Raurisser htte ihn vorsichtiger machen sollen. Auch der Frstpropst
schien unbehaglich berhrt: Simeon! Das httest du besser unterlassen!

Herr! Immer ruhiger wurde Lewitter. Das Erbarmen kann ein Riese
werden, der uns zwingt.

Mag sein! Aber -- Herr Anton Cajetan stieg aus dem Schlitten, und der
Kanzler tat rasch das gleiche. Warum hat nicht der Kindsvater das Kind
getauft?

Weil er die schwarzweie Miform seiner verlorenen Kinder nicht mehr
ansehen konnte, ohne da ihn der Kummer halb erwrgte. Und weil er
immer wieder in die Kammer sprang zu seinem erlschenden Weib. Der
Krper des kleinen Mannes streckte sich, und etwas Schnes war in
seinem Blick. Schon vielen Menschen hab ich beigestanden in ihrer
letzten Stunde. Aber nie noch hab ich ein Menschenkind so voll
Gottvertrauen versinken sehen, wie dieses arme, leidende Weib.

_Mais donc_ -- Herr Anton Cajetan wurde ungeduldig. Warum hat nicht
die Hebmutter die Nottaufe an der noch lebenden Hlfte exekutiert?

Den Grund -- da Christl sein Kind durch eine Unsichtbare nicht taufen
lie -- wollte Lewitter nicht bekennen. Er sagte: Die Frau war um das
sterbende Weib beschftigt.

Im Kanzler erwachte ein Verdacht. War es, um methodisch vorzugehen,
die Hebmutter des Marktes?

Jetzt gab es kein Verschweigen mehr. Es war die Hasenknopfin von
Unterstein.

Der Frst und Herr von Grusdorf tauschten einen Blick. Anton Cajetan
machte einen Schritt gegen das Haus hin, wandte das ernste Gesicht
und sagte zu dem hbschen hechtgrauen Junker: _Mon cher Tigue! La
Neuenstein dsire fort d'tre chez soi!_ Bei der Vermutung, da seine
Freundin _en titre_ sich einem nervenqulenden Anblick zu entziehen
wnsche, hatte er nicht mit der Gruselsucht der holden Dame gerechnet.
_Non, non, non_, sie schlpfte hastig aus dem Schlitten, _je veux
voir a, moi!_ So ebbes Seltsames versumt me doch nit. Die Schultern
zuckend, ging der Frst auf die Haustr zu. Die anderen hinter ihm
her. Simeon Lewitter blieb bei den leeren Schlitten stehen. Weil sich
niemand um ihn kmmerte, wurde ihm die Entscheidung leicht. Nur erst
daheim sein! Keuchend zappelte er durch den Schnee davon.

Der Kanzler mute mehrmals an der Haustr des Christl Haynacher pochen.
Aus dem Innern des Hauses klang ein verzweiflungsvoller Laut, nicht
wie menschliche Stimme, wie der Schrei eines Tieres. Den hatte der
junge Bauer ausgestoen, als er im Gesicht seiner Martle das blasse
Sterben erkannte. Immer ungeduldiger pochte Herr von Grusdorf, und
mehrmals beteuerte Aurore de Neuenstein, da jeder Nerv in ihr vor
Spannung und Erbarmen fiebere. Endlich ffnete die Hasenknopfin.
Zitternd stand sie im Dunkel des Flurs. Gelobt sei -- Weiter kam sie
nicht, weil die hechtgraue Diana gleich die Frage zwitscherte: wo die
unglaubliche Sache zu sehen wre? Schweigend wies die Hasenknopfin zur
Stube, neben deren Ofen das kleine Bbchen in seiner Wiege weinte, und
deutete auf den Tisch, auf das weie, dunkelgefleckte Leilach, das den
neugeborenen Jammer des Christl Haynacher barmherzig verhllte.

In der kleinen Stube begann es grau zu werden. Drauen flimmerte wohl
die Sonne noch auf dem schwindenden Schnee, doch ber den Fenstern lag
schon der Schatten des vorspringenden Daches.

Mit beiden Hndchen die steife Glocke ihres Dianenkleides
zusammenpressend, schmiegte sich Aurore de Neuenstein durch die
schmale Stubentr, den ovalen Rocktrichter flink voranschiebend. Das
weinende Bbchen, als es diese seltsame Glocke mit den zwei weien
Spitzenschwengeln erscheinen sah, wurde stumm vor Schreck. Und whrend
aus der Kammer das erwrgte Schluchzen des jungen Bauern zu hren war,
trippelte die Neuenstein in der schaukelnden Kleidglocke dem Tisch
entgegen, fate mit den Fingerspitzen zu und hob einen Zipfel des
Leilachs. Jhes Grauen rttelte ihre feinen Schultern. _Mon dieu!
Quelle chose affreuse!_ Als htte sie sich die behandschuhten Finger
verbrannt, so hastig lie sie den Leilachzipfel fallen, stie einen
zarten Schrei aus und bot den Anblick einer Dame, die in Ohnmacht zu
fallen wnscht. _Eh bien, la voil!_ sagte Herr Anton Cajetan halb
nachsichtig, halb rgerlich. Er deutete auf die mit beiden Hndchen
Rudernde, die das Niederfallen auf den grauen Bretterboden noch
verzgerte, und sagte zum Grafen Tige: _Remplissez donc votre devoir
d'un bon camarade!_ Der hbsche Junker mit den winzigen Bffchen
umschlang die pelzverbrmte Diana, wobei sie die Augen schlo und
schlaffe Arme bekam.

Unter Mithilfe des Domizellaren von Stutzing, der im Trschacht die
Kleidglocke ovalisieren mute, befrderte Graf Tige das edle Frulein
auf seinen Armen aus der Stube, aus dem Haus und ber das Gehft zum
Schlitten. Eine zornscharfe Mdchenstimme -- jene gleiche Stimme,
die im Stall der Unsichtbaren geschrien hatte: Schauet mein junges
Brstl an, so haben die Soldaten Gottes mich zugerichtet! -- diese
zornscharfe Mdchenstimme schrillte hinter einer nahen Hecke: Leut!
Das bablische Laster zappelt driekpfig in der Sonn umeinander! Tt's
ein Wunder sein, wenn der Ewige dreinschlagt mit Zeichen und Ruten!
Stutzing und Tige waren so frsorglich um die in der frischen Luft sehr
rasch erwachende Diana beschftigt, da sie anderer Dinge nicht zu
achten vermochten. Sie berhrten die schrillende Mdchenstimme. Und
als sie das zierliche Persnchen im Schlitten und die winzigen Fchen
im Fusack hatten, schwang Graf Tige sich opferfreudig an die Seite der
Neuenstein und befahl dem Kutscher: Schnell! Nach Haus!

Munter tingelten die Schlittenschellen, und die zwei guten Kameraden
rutschten ber den knirschenden Straengrund. Noch ein bichen zitternd
vom berstandenen Grauen, klammerte Aurore de Neuenstein sich an ihren
Ritter, schlug die unschuldsvollen Augen auf und lispelte: Alles,
Liebster! Alles -- -- Nein! Deutsch konnte sie das nicht sagen. Sie
mute sich der Feinheit ihrer Bildung besinnen und hauchte dem Junker
flehend ins Ohr: _Tout, mon ami! Tout ce que vouz voulez! Mais jamais
un enfant!_

Der Domizellar von Stutzing kehrte in das Haus des Christl Haynacher
zurck. Als er die Stube betrat, war schon wieder mit dem Leilach
bedeckt, was auf dem Tische lag. Auch das Verhr der Hasenknopfin
war beendet. Bleich, einen harten Zug um die farblosen Lippen, stand
das Weib vor dem Kanzler. Whrend der Frstpropst und Graf Saur in
franzsischer Sprache diesen schwerbegreiflichen Irrtum der Natur
errterten, sah Herr von Grusdorf immer die Hasenknopfin an und sagte
schlielich: Man wird ihr befehlen, wann sie sich fr weiteres Zeugnis
vor der Obrigkeit zu prsentieren hat. Dann wird sie sich der Wahrheit
besinnen. Wird auch wissen, wo ihr Mann sich befindet. Heute wird sie
_recte_ erfllen, was ihres Amtes ist. Um rebellische Rumore und den
Zulauf kuriser Leute zu verhindern, wird sie die Haustr verschlossen
halten bis zur Dunkelheit. Was tot auf dem Tische liegt, das bringt
sie nach Anbruch der Nacht in notwendiger Heimlichkeit dort hin, wohin
es gehrt. Man wird das in der Finsternis bestatten. ber alles hat
sie strengstes Stillschweigen zu observieren. Befehl der Obrigkeit:
ein totgeborenes Kind, nicht wei und nicht schwarz, ein Kind, wie
Kinder zu sein pflegen. Weiteres ist ihr nicht bekannt. Fr jedes
bswillige Leutgerede ist sie haftbar. Versteht sie? Er machte mit dem
Stock eine Bewegung, als mchte er das Weib von sich fortschieben, und
wandte sich gegen die Kammer, aus der kein Laut mehr zu hren war. Die
Hasenknopfin tat mit entstelltem Gesicht einen schweren Atemzug, nahm
das schlucksende Bbchen aus der Wiege und rettete sich mit ihm in den
dmmerigen Ofenwinkel. Whrend sie das Kind an ihrem Herzen schaukelte,
spuckte sie immer aus, als knnte sie die Lgen, die sie aus Angst
geredet hatte, wieder fortspeien von ihrer Zunge.

Herr von Grusdorf hatte die Kammertr vor sich aufgeschoben. Im
gleichen Augenblick machte er eine abwehrende Bewegung, wie in Sorge,
da sein gndigster Herr ihm folgen knnte. Was er sehen mute, war
kein Anblick fr frstliche Augen. Die kleine Kammer war erfllt von
einem rtlichen Schein. Ihr Fensterchen lag gegen Westen, und die
untergehende Sonne verwandelte den kleinen Lichtwinkel in ein glhendes
Viereck. Das Ehebett des Christl Haynacher und seiner seliggewordenen
Martle glich dem rotfleckigen und zerwhlten Schnee, in dem die
hauenden Schweine mit den kirschfarbenen Seidenmaschen gelegen hatten.
Nur lagen hier, in diesem Rotschimmer, zwei andere Dinge: der ruhige,
schne Tod und der besinnungslose Jammer, ein unbeweglicher und ein
noch zuckender Rest zweier Menschen, in denen die Liebe war und mit der
Liebe zugleich das Mitrauen, der Zorn und die Glaubensfeindschaft.
Lebendig war nur die Liebe noch. Was Feindschaft, Zorn und Mitrauen
gewesen, war erlegt von einem Schtzen, der so sicher traf, da man
ihm Jagderfolge nicht aufzulgen brauchte, war zur Strecke gebracht
ohne Hifthrner, ohne hechtgraue Jgergala, ohne franzsische Verse und
galante Reimsprche.

In dem engen Gngelchen neben dem Bett auf den Dielen kniend, lag
Christl mit gestreckten Armen hingeworfen ber den Scho seines
Weibes, lautlos, zitternd am ganzen Leibe, einem Menschen gleich, der
durchschttert wird von jhem Frostschauer. Mit den braunen, groben
Hnden machte er suchende Bewegungen, wie um sein Weib bei den Hnden
zu fassen, die ineinandergeklammert waren nach Art einer Betenden.
Diese Hnde lagen im Schatten von Christls Schulter und waren wei.
Das Gesicht, das wie Wachs geworden war, bekam von der Sonnenfarbe
zur Hlfte ein leuchtendes Rosenrot, zur Hlfte einen violetten
Schatten. Ein schmuckes Mdel und Weib war die Martle immer gewesen,
aber in keiner Stunde ihres Lebens so schn, wie jetzt im Tode.
Eine heilige Ruhe war ausgegossen ber das schmale Schimmergesicht.
Den stillen Mund, der keinen Zug des Leidens mehr erkennen lie,
umgab ein trumendes Lcheln. Und unter den vom Lichte in poliertes
Gold verwandelten Flechten hatten die noch offenen Augen einen
unbeweglichen, fast berirdischen Glanz.

Erschrocken, in wachsendem Staunen, betrachtete Herr von Grusdorf
das tote Weib. Wo waren an dieser Abtrnnigen die Spuren ihres
Seelenkampfes mit dem Teufel? Hatten die Gerchte gelogen, die seit
dem Herbste ber die Haynacherin umherliefen? Hatte die Hasenknopfin
die Wahrheit gesprochen, als sie sagte: da die Martle unter den
obrigkeitlich vorgeschriebenen Gebeten wie eine rechte Christin
gestorben wre? Wider Willen fhlte der Kanzler eine Regung des
Erbarmens. Aus den frheren Jahren seiner Richterzeit war er gewhnt
an die Bilder der Folterstube. Was er in dieser Kammer sah, zerbrach
ihm den Panzer der Gewohnheit und fate ihn an einem Muskel seines
Menschentums. Er legte die Hand auf die Schulter des zuckenden Bauern
und sagte freundlich: Ermanne er sich, Haynacher! Gott hat gegeben --
Da verstummte er in Zorn und Emprung. Er sah nicht den zerbrochenen
Menschen, der sich mhsam aufzurichten versuchte; sah nicht diese
irrenden Verzweiflungsaugen und dieses entstellte Gesicht. Er sah nur
das abgegriffene Buch, das neben den Fusten, mit denen Christl vom
Bett sich aufstemmte, unter dem Kopfkissen der entseelten Haynacherin
hervorglitt. Gleich erkannte er's. Von diesem Buche hatte er an die
zwanzig konfiszierte Exemplare in seinem Aktenschrank. Wie ein Falk den
Vogel fat, so griff er ber den Kopf des Bauern hinber, packte das
Paradiesgrtl des Johann Arndt und rief entsetzt: Das _crimen_ ist
notifiziert.

Christl, wie jh belebt, war an der Mauer in die Hhe gefahren, tappte
mit den Hnden und schrie: Das Bchl tust du ihr lassen, du! Das Bchl
ist ihre Seligkeit gewesen und ihr heiliger Tod!

Der Kanzler war schon bei der Tr und kreischte in die Stube hinaus:
_Reverendissime!_ Quittieren Euer Liebden schleunigst dieses
verfluchte Domizilium der Ketzerei! Hier ist kein Fundament fr
allergndigste Sohlen. Man hrte franzsische Worte, hrte den flinken
Schritt der Herrenstiefel, die sich entfernten. Und der Kanzler
betrachtete mit flammenden Augen den Christl Haynacher: Er verlorener
Mensch! Ist er beteiligt an dieser unverzeihlichen Todsnde? Der Bauer
schttelte den Kopf und wehrte kraftlos mit den Hnden. Um seiner
Seligkeit willen hoffe ich, da seine Deklarazion sich als Wahrheit
erweist. Der Kanzler deutete mit dem Krckstock gegen das Bett. Was
mit dem Kadaver zu geschehen hat, das wei die Hasenknopfin. Er wollte
gehen.

Herr! keuchte Christl und streckte in Verzweiflung die Hnde. Alles!
Herr! Nur lasset mein gutes Weibl in christlichen Boden tun! Man mu
doch wissen, wo man sich findet einmal. Und schauet, Herr, so schauet
das Weibl doch an! Man sieht's noch allweil, gndiger Herr -- mein
Weibl ist so fromm und heilig gestorben -- schner knnt auch der Papst
nit sterben!

Der Kanzler erledigte in sich einen schweren Kampf seines privaten
Mitleids mit dem Amtsgewissen. _Bene!_ Um seinetwillen! Wir wissen,
da er immer ein verllicher Sohn der reinen Kirche war. Drum soll
ihm konzediert sein, dieses Weib, statt auf dem Freimannsanger, auf
seinem eigenen Acker zu verscharren. Nach diesen Worten menschlicher
Barmherzigkeit verlie der Kanzler die rote Kammer.




Kapitel IX


Regungslos, mit schlaffhngenden Armen, stand Christl wie an die Mauer
genagelt. Nur seine Augen, die trocken geworden, bewegten sich. So
betrachtete er sein Weib, als knnte er die Wahrheit dieser Stunde
noch nicht begreifen. Dabei hrte er drauen im Flur den Kanzler mit
erregter Stimme sagen: _Reverendissime!_ Das Frchterlichste an dieser
_chose effroyable_ haben wir noch gar nicht diskutiert. Ein getauftes
Kind und ein ungetauftes! Entsetzlich! Die Erbsnde angewachsen an
die Erlsung! Der Himmel mit der Hlle verknorpelt! Wie soll man
diese unmgliche Kopulation begraben? Hier erwachsen theologische
Diffizilitten von inkommensurablen Konsequenzen!

Christl Haynacher in der roten Kammer begriff den Sinn dieser Worte
nicht. Er verstand nur: da sein Glck zerschlagen, sein Leben
zerbrochen, sein Herz zerrissen war. Und aller Jammer, der in ihm
whlte, rann immer dem unertrglichen Gedanken zu: da seine Martle,
die so heilig gestorben war, nicht in christlichen Boden kommen,
sondern ewig ruhelos liegen sollte in ungeweihter Erde. Immer, wenn's
einem anderen geschehen war, hatte Christl das als guter Katholik fr
gerecht erkannt. Jetzt zum erstenmal begriff er es nicht, weil es ihm
widerfuhr in seinem eigenen Kummer. Und sind die Herren im Unrecht bei
seiner Martle, so waren sie auch bei den anderen nie im Recht, die sie
auf dem Freimannsanger, im Wald oder auf ungeweihtem Acker verscharren
lieen. Wenn die Herren Unrecht haben, darf man dawider handeln. Da
die Martle in geweihten Boden kommt, da braucht der Christl keinen
Chorkaplan. Nicht der Kaplan macht es, sondern das geweihte Wasser
und der Segen Gottes. Einem braven Weibl, das gestorben ist wie seine
Martle, kann Gottes Segen nicht fehlen. Und geweihtes Wasser hat
der Christl im Haus. Wie oft es die Martle auch ausschttete, der
Christl hat immer wieder neues heimgetragen. Und wie die Martle ihr
Paradiesgrtl unter den Kleien versteckte, so hat der Christl unter
dem Heu den Gutter mit dem Weihwasser verhuschelt. Jetzt wird es den
Acker heilig machen, in dem die Martle ihre Ruhstatt findet. Tt es
ein Unrecht sein, so kann es der Christl beichten. Keinem Chorkaplan
im Markt. Da wird er ber den Lattenberg hinber steigen mssen ins
Bayrische, wo die Pfarrherren gutmtiger und drum auch christlicher und
geduldsamer sind. So wollte er's machen. Dabei glaubte er ein guter
Katholik zu sein und wute nicht, da es genau so bei jedem anderen
begonnen hatte, der ein Unsichtbarer geworden, weil er Unrecht leiden
oder Unrecht sehen mute. Nicht die Zweifler machen den neuen Glauben,
die Unduldsamen im alten sen ihn aus, und die Geplagten in ihrer
Sehnsucht ernten ihn.

Auf den Boden hinfallend, klammerte Christl die Arme um den Kopf
seines Weibes und lallte an ihr kaltes Ohr: Dein Wasen wird heilig
sein. Das Bchl hab ich ihm lassen mssen, ein Herr ist strker als
hundert Bauren. Die Augen eingepret in das feuchte Kissen, lag er
unbeweglich, bis der rote Schein sich verwandelte in graue Dmmerung.
Die Hasenknopfin kam und sagte: Ich hab gekocht, jetzt mut du dem
Bbl das Mus geben. Von mir nimmt es nit. Weil der Christl sich nicht
rhrte, half sie ihm, sich aufzurichten. Auch die Kh brllen schon
die ganze Weil. Die mut du melchen. Whrend sie ihn hinausfhrte,
warf er einen scheuen Blick auf den Stubentisch. Da war nichts mehr.
Er fragte nicht: Wo ist es? -- atmete nur auf, weil das Frchterliche
nimmer da war, das seiner Martle das Leben zerrissen hatte.

Beim Ofen brannte die ruende Specklampe. Das Bbl war schlfrig,
ffnete aber gleich das Mulchen, als es den warmen Holzlffel an den
Lippen fhlte. Kindl, wie hast du's gut! Du tust nichts wissen.

Die Hasenknopfin arbeitete in der Kche. Manchmal hrte Christl ein
Gemurmel von Stimmen, ein Pochen an den Fenstern, ein Klopfen an
der Haustr. Alles war ihm, als km' es aus weiter Ferne und glte
irgend einem, nicht ihm. Er legte das sattgewordene Bbchen in die
Kissen, blieb auf der Ofenbank und schaukelte mit dem Fu den schweren
Wiegenkasten. Drauen war es finster geworden. Auch still. Da kam die
Hasenknopfin halb zur Tr herein und sagte: Christl, ich geh.

Wohl! Er nickte. Vergeltsgott, Weibl! Mit der Zahlung mut du mir
Zeit lassen bis morgen.

Nit ntig, Christl! Fr die Schwester Martle ist alles umsonst. Es
schien, als mchte sie noch etwas sagen. Aber sie schwieg und ging und
zog hinter sich die Tr zu.

Den kleinen weien Pack auf ihren Armen hatte Christl nicht gewahrt.
Er dachte immer nur dieses Eine: >Jetzt mu ich es tun!< Als das
Bbchen schlief, machte er den Docht der Specklampe klein, zndete eine
Laterne an, ging in den Stall, molk und ftterte die Khe und go in
der Steinkammer die Milch in die hlzernen Rainen. Beim Heuholen hatte
er auch gleich den Gutter mit dem versteckten Weihwasser vom Dachboden
mit heruntergebracht. Aus dem Stiegenwinkel kramte er die Spitzhaue und
den Spaten hervor, lschte die Laterne und verlie das Haus. Der Fhn
war stumm geworden. In der Nachtkhle begann der Schnee zu gefrieren.
Sterne funkelten am Himmel. Der abnehmende Mond war ber die Seeberge
noch nicht heraufgestiegen, strahlte wohl schon die Zacken des Wazmann
an, lie aber das Tal noch finster. Gegen den Untersberg sah man die
erleuchteten Fenster des Stiftes glnzen, als htte die Erde viel
grere Sterne, als der Himmel sie hat.

Gleich auerhalb der Hecke lag der Gerstenacker des Christl. Das Feld
hatte schon einen schneefreien Fleck -- es war die gleiche Stelle,
an der im Sommer immer so viele Blumen im Getreide blhen. Mu da
der Boden nicht wrmer sein als anderswo? Hier begann der Christl zu
graben. Und grub und grub. Dann sprengte er die Hlfte des Weihwassers
ber das Grab, betete ein Vaterunser, streckte die verkrampften Fuste
zum Himmel hinauf und bettelte: Gelt, tu den Ackerboden segnen,
Herrgott, in den ich das Martle hineintun mu! Das alles war leicht
gewesen. Jetzt kam das Schwere. Er ging zurck ins Haus. Da trat ihm
aus dem Nachtschatten der Hecke jemand entgegen: Nachbar? Brauchst du
nit einen, der dir tragen hilft?

Christl mute um Atem ringen, bevor er antworten konnte: Wohl, Mensch!
Ich zahl dich gut.

Nit ntig! erwiderte der andere. Fr die Schwester Martle ist alles
umsonst.

Erst in der Stube erkannte Christl in dem Mann einen alten graubrtigen
Bauer von Unterstein. Im Leilach trugen sie die Martle zum Acker.
Als sie zur Grube kamen, standen fnfe oder sechse neben dem Hgel.
Alle halfen, um die Martle sanft hinunterzulegen. Noch andere kamen
aus der Nacht herausgeschritten, Mnner und Weibsleute. Christl hatte
keine Trnen, kein Wort. Immer knirschten ihm die Zhne. Er hate und
verfluchte sie alle, die zum Grab seines Weibes kamen, und war doch
einem jeden dankbar.

Als die Martle drunten lag, nahm Christl den Krug und wollte geweihtes
Wasser auf den weien Schimmer hinuntersprengen. Da fate ein Weib
erschrocken seinen Arm und flsterte: Nit, du! Das ist falschglubig!
Schon wollte Christl im Zorn erwidern. Da schob der alte, brtige Bauer
das Weib beiseite und sagte leis: La du den Christl tun, wie er
meint, da es gut ist! Magst du nit duldig sein, wie willst du hoffen,
es sollen die anderen duldig werden gegen dich und uns? Er fate den
Spaten und legte die ersten Schollen sacht in die Grube. Eines ums
andere nahm die Schaufel. Der weie Schimmer da drunten verschwand,
die Erde wuchs aus der Tiefe herauf. Und whrend Christl auf den Knien
lag, das Gesicht in die Hnde vergraben, zuckend und schauernd, fing
der alte Frsager der Unsichtbaren von Unterstein mit leiser Stimme zu
reden an.

Auf der nahen Strae kam ein Klirren und Klingeln aus der Nacht
heraus, kam immer nher. Erschrocken fuhr Christl auf: Die Herren!

Nit! flsterte ein Mdel. Es ist der Bruschlitten. Der geht zum
Knigssee.

Man sah ihn gleiten, schwarz vor dem weien Schnee, wie sonst beladen
mit den zehn, zwlf kleinen Fssern. Nur ein Ding war anders als sonst:
hinter den zwei dampfenden, klingeligen Pferden sa der Bruknecht
nicht allein auf dem Bockbrett. Neben ihm, dick eingewickelt in Mantel
und Kapuze, kauerte eine kleine rundliche Frau. Die Mutter Agnes. Sie
war der Meinung gewesen, da sie ihrem Buben noch besser ins Herz
zu reden verstnde, als es der se Krapfen mit dem Zwibebenkrnzl
fertig brchte. So hatte sie ihrem verstrten Mann diese Nachtfahrt
abgetrutzt. Und whrend sie vor sich hinsah in den Dampf, der von
den klirrenden Pferden aufging, berlegte sie die Mahnworte, die sie
ihrem Buben sagen wollte, um ihn wieder auf die rechte Glaubensstrae
heraufzuziehen.

Bei den Untersteiner Husern, zwischen denen es wunderlich lebendig
war, kam der Schlitten in den Mondschein. Nach einer Weile hielt er am
See. Zwei Lehrburschen des Bartholomer Fischmeisters erwarteten ihn
am Ufer. Du, sagte der eine zum anderen, du bringst den Bierkasten
allein bers Eis. Ich nimm die Mutter Agnes auf den Beinschlitten. Da
geht's flinker. Aber Schneid mut du haben, Weibl! Heut ist ein ungutes
Fahren. Der Fhn hat die Frageln bs ausgebissen.

Das tut nichts! sagte Mutter Agnes und trippelte ber das Eis
hinaus. Wer redlich schnauft, steht allweil in Gottes Hut. Fahr
los! Der junge Knecht stellte sich hinter ihr auf das Brett und
brachte den Beinschlitten in sausende Fahrt, weil es, je flinker, um
so ungefhrlicher war. Manchmal zischte der Schlitten durch breite
Wasserflchen, von denen sprhende Tropfenfahnen in die Luft rauschten.
Ein paarmal ging es ber Frageln hinber, die schon so sehr erweitert
waren, da der Beinschlitten einen bedrohlichen Hupf machte. Frau Agnes
mute sich tchtig anklammern. Seufzend dachte sie: >Mein Leupi tt
mich snftlicher fahren!< Auch heut drhnte das Eis, doch das Licht des
Mondes war matt, und Dunst umschleierte die Bergwnde. Ein paar hundert
Schritte vom Ufer lag eine schwarze Wasserflche. Der junge Fischer
mahnte: Obacht, Meisterin! Die Warnung kam zu spt. Der Beinschlitten
machte einen tischhohen Sprung, und als er niederklatschte, lste sich
Frau Agnes vom Brett und kollerte durch das handtiefe Wasser. Das
Erbarmen des jungen Knechtes bestand darin, da er frchterlich lachen
mute. Aber, aber, schmollte Mutter Agnes, whrend sie sich heraushob
aus der dunklen Wassersuppe, wozu so viel berflssige Mh, ich bin
doch schon getauft. Es rieselte von ihr. Und so kalt war's, da sie zu
schnattern begann.

Jetzt verging dem Buben das Lachen. Gelt, tust mir die Lustigkeit nit
verbeln, Frau?

Gott bewahr! Lach, wie du magst! Das Lachen erlst von der Zeit!

Um die Zitternde noch ungefroren ans Ufer zu bringen, stachelte der
junge Fischer wie verrckt und schrie dabei mit gellender Stimme:
Leupi! Leupi! Leupi! Weil man zu Bartholom den Bierschlitten
erwartete, waren die Mannsleute und auch die Fischmeisterin noch wach.
Sie kamen gelaufen. Neben der weien Kirche fuhr der Beinschlitten
ans Ufer, und Leupolt erkannte die Mutter. Herr Jesus! lachte er in
seiner Freude. Als er ihre starren Hnde und den hartgefrorenen Mantel
fhlte, wurden ihm die zwei gleichen Worte zu einem Schreckenslaut:
Herr Jesus! Er schlang die Arme um die Mutter und hob sie vom Boden
auf.

Geh! wehrte sie erschrocken. Du wirst mich ja doch nit tragen
wollen! So ein Endstrumm Weiberleut!

Ich trag einen Zwlferhirsch vom Berg herunter. Schwerer wie ein
liebes Muttertierl bist du nit! In Sorge rief er: Fischmeisterin!
Trckene Wsch fr die Mutter! Und heie Weinsupp einen ganzen Hafen
voll! Er sprang zum Jgerkobel, ber die Freistiege hinauf und flink
in seine Stube, in der die Lampe brannte und der Ofen noch schne Wrme
hatte. Bis er die Mutter aus dem gefrorenen Mantel schlte und die
Schuhe von ihren Fen brachte, kam die Fischmeisterin mit Bettzeug und
Wsche. Leupolt hngte Mantel und Schuhwerk ber das Ofengestng und
schob die langen Buchenscheite so reichlich in die Glut wie ein Bcker,
wenn er backen mu vor einem groen Feiertag. Dann verlie er die
Stube. Drauen stand er auf dem schmalen Sller. Aus der Stube hrte er
den Sorgenjammer der Fischmeisterin und die munteren Antworten seiner
Mutter. Er wute, da sie sich am heitersten zu geben verstand, wenn
sie verbergen wollte, da ein Schweres auf ihrem Leben lag.

Warum kam sie?

Die Fischmeisterin trat aus der Stube. Die Mutter liegt schon. Den
Glhwein bring ich gleich. Sie fate den Jger am Arm und sagte leis:
Ich mach mir ein bil Sorg.

Leupolt erschrak. Meinst du, sie htt sich verkhlt?

Das nit. Aber du weit doch: wenn's morgen fhnt, und es gibt einen
linden Tag, so druckt er das Eis noch ganz in Scherben. Und das Weibl
kann sitzen mssen in Barthelm, wer wei, wie lang. Das war so. Er
selber hatte schon dran gedacht. Dennoch wr' es ihm lieber gewesen,
wenn die Fischmeisterin das nicht gesagt htte. Sie und ihr Mann, ihr
Mdel, ihre zwei Buben, die drei Fischerknechte und der Platzjger,
alle waren sie evangelisch, von den Unsichtbaren des Berchtesgadnischen
Landes die Ungestrtesten. So lange Frau Agnes im Hause war, muten die
Neun sich hten, konnten am Abend nicht Frag und Antwort geben nach dem
Spangenbergischen Katechismus, nicht vorlesen aus dem heiligen Buch.

Aus der Stube klang es ungeduldig: Bub? Wo bleibst du?

Ja, Mutter! Zur Fischmeisterin sagte er hart: Ich will's berlegen.
Es verdro ihn, da es Menschen gab, denen seine Mutter nicht
willkommen war. Er trat in die Stube. Frau Agnes, angetan mit einem
weien Kittelchen, das zu eng war, sa in dem klobigen Jgerbett wie
ein Hhnchen im Metzenkorb. Lchelnd streckte sie ihrem Sohn die Hnde
entgegen: Bub! Jetzt wird's aber gleich einen Streit geben!

Zwischen dir und mir? Er setzte sich auf den Bettrand. Wr das
erstmal im Leben!

Doch, Bub! Wenn ich dir sag, warum ich gekommen bin, so glaubst du's
nit.

Dir glaub ich alles.

Sie nahm dieses Wort wie eine Hoffnung. Bub, ich bin bers Eis
gefahren, blo da ich dir einen sen Krapfen bring. Das glaubte er
nun wirklich nicht. Frau Agnes nickte. Wohl! Greif nur hinein in den
Mantel! Da steckt er. Hoffentlich ist er nit auch getauft worden.

Leupolt ging zum Ofen. Richtig! Aus dem Mantel kam ein
zusammengeknpftes Tchelchen zum Vorschein. Der Inhalt duftete so
fein, da man seine Wesensart auch ohne Jgernase gewittert htte.
Aber Mutter! Leupolt lachte, und Frau Agnes bekam zwischen den
Brauen eine Falte, als htte sein sorgloses Lachen ihr wehgetan. Er
ging zum Tisch, knpfte das Tchelchen auseinander und wickelte den
goldgelben Krapfen heraus. Schon wollte er hineinbeien. Da sah er
das Zwibebenkrnzl, wurde ernst und drehte rasch das Gesicht ber die
Schulter. Mutter?

Ja, Bub! Den hab ich keinem anderen nit anvertraut.

Er brach das Backwerk ruhig entzwei, fand das kleine Schilfrhrchen und
nahm den dnn zusammengerollten Zettel heraus. Als er die Schrift sah,
fragte er verwundert: Das ist doch Vaters Hand nit?

Derweil ich den Teig gerhrt hab, hat der Meister den Zettel
geschrieben.

Seine Augen wurden gro. *Wer*, Mutter?

Ihr Vater. Der Meister Niklaus.

Hei scho ihm das Blut in die Stirn. Die Hand zitterte ihm ein
bichen, whrend er die Lampe von der Mauer herunternahm, um besseres
Licht beim Lesen zu haben. In Sorge betrachtete ihn die Mutter und
begriff nicht, da er so ruhig bleiben konnte. Als er gelesen hatte,
ging ein Lcheln um seinen Mund. Eine Weile sah er stumm vor sich
hin. Dann sagte er: Mutter, jetzt mu ich was Ungutes verlangen von
dir. Gibt's morgen einen fhnigen Tag, so wt man auf Wochen nimmer,
wie man hinauskm. Ich mu dich, eh der Nachtfrost auslat, auf den
Schlitten setzen. Sorg mut du nit haben. Ich wei den trockenen Weg
und bring dich gut wieder heim. Am Morgen mu ich drauen sein. Ich mag
mich nit suchen lassen. Ich will mich stellen.

Frau Agnes entfrbte sich, versuchte aber doch, ein heiteres Wort zu
finden. So! Jetzt bin ich umsonst ins Wasser gekugelt. Freilich,
tiefer als bis aufs Hutl ist's nit geronnen. Altes Leder ist
wasserdicht. Sie wollte lachen, streckte aber pltzlich die Hand und
flsterte: Leupi? Mu das sein?

Was anderes wei ich nimmer.

Sie wollte fragen: Weit du, was dir bevorsteht? Aber das verschwieg
sie. Bub? Alles Grobe wird linder, wenn man ihm Zeit lat. Wer wei,
wie die Herren denken ber drei Wochen? Wenn du vor Tag hinaufsteigen
ttst zum Hegerhusl am Fundensee? Und ttst dich bis ber Ostern
einwehen lassen im sicheren Httl?

Er kam zum Bett und nahm ihre Hand. Da tt der Wildmeister sagen:
ich wr ein schlechter Jger, der nit wei, da vor der Osterzeit da
droben kein Wild nit steht. Die Steinbck, die das Tal nit mgen, sind
ausgestorben. Er winkte gegen den Zettel hinber. Weit du alles?

Von ihrem Vater.

Tust du mir's verdenken?

Was?

Er wute nicht, wie er es sagen sollte. Da fiel ihm das Wort ein, das
Pfarrer Ludwig zu ihm gesprochen hatte: Da ich wegspringen hab mssen
ber dich und den Vater?

Geh, du Nrrle! Das zhlt doch nit. Jetzt geht's um *dich*! Sie zog
ihn nher zu sich heran. Den guten Rat, den der Meister gegeben hat?
Magst du den nit ein bil nutzen?

Lgen? Er schttelte den Kopf. Ttst du das christlich heien?
Seine Stimme wurde leis. Und an das Mdel mich anhngen mit einer
Falschheit? Mutter, das geht nit. Da ist sie mir viel zu gut dazu!

Die? Frau Agnes verlor die Ruhe. Die dich hineinstot in Eisen und
Not!

So ist das nit. Einer geht ber den Berg und mu hintreten auf einen
Stein, der ins Laufen kommt. Da kann man nit wissen, da der Stein
einem Buml ins Leben schlagt. Wie fromm sie ist, das weit du doch.
Schau, da hat ihr halt eine Stimm in der Seel geboten: Red! Er
lchelte, fast wie ein Glcklicher. Jetzt wei ich doch, da sie an
mich hat denken mssen.

Erschrocken sah Frau Agnes ihren Buben an. So lieb hast du sie?

Seine Augen glnzten. Lieber als mein Leben. Ich bin so, da ich mir
auf der Welt blo ein einziges Glck wei. Sonst kein anderes. Da
heit's halt: finden oder dran vorbeirutschen.

Sie klammerte den Arm um seinen Hals. Wenn du sie so lieb hast? Wr's
da nit denkbar, da sie dich wieder hinberzieht -- Sie stockte. Auf
den alten und guten Glaubensweg?

Leupolt blieb unbeweglich und stumm.

So tu doch reden, Bub!

Da sagte er schwer und langsam: Wenn's fr einen so kommt, da Blut
und Glck ein ander Ding werden als Seel und Wahrheit? Mutter, das ist
hart. Aber wie man da gehen mu, da ist kein Zweifel nit. Gott, um die
Menschheit zu erlsen, hat den eigenen Sohn gegeben. Mu da nit der
Mensch die Kraft haben, um Gottes Willen zu geben, was ihm lieber ist
als Sonn und Freud? Er fhlte ihre heien Trnen an seinem Hals und
umschlang sie. Einmal mssen wir reden drber. Nit jetzt. Lieber auf
dem Heimweg. Die Stub hat hlzerne Wnd. Ich mag nit, da dir einer in
Spott oder Unmut nachredet, was du mir sagen mut. Da drben in der
anderen Kammer -- Er verstummte, ri sich aus dem Arm der Mutter,
sprang hinber zum Ofen und warf das Schilfrhrchen und den heimlichen
Zettel ins Feuer. Das war geschehen, bevor Frau Agnes fragen konnte:
Was ist denn?

Die Hausmutter kommt.

Nach einer Weile klangen die Schritte der Fischmeisterin auf der
Freistiege. Sie kam mit dem dampfenden Glhweinkrug und brachte einen
Brotwecken und gerucherte Saiblinge. Sooooo! Die Frau warf einen
sphenden Blick auf Leupolt. Er sagte ruhig: Grad reden wir drber,
da die Mutter vor Tag hinaus mu bers Eis. Morgen knnt harter Weg
sein. Aufstehen braucht keiner im Haus. Ich mach schon alles.

Da war die Fischmeisterin verwandelt in ein geflliges Weibl, schwatzte
immer zu, putzte die Saiblinge, schnitt das Brot und lie den heien
Becher nicht leer werden. Frau Agnes mute reichlicher schlucken, als
sie wollte. Wenn das Zureden der Fischmeisterin nimmer ntzte, sagte
Leupolt: Trink nur, Mutter! Da kriegst du einen festen Schlaf. Er sa
auf der Ofenbank, verzehrte den Krapfen und griff immer wieder in die
Hhe, um zu fhlen, ob die auf den Stangen hngenden Kleider trocken
wrden. Der Glhwein, die heiteren Worte, mit denen Mutter Agnes ihre
Sorge verschleierte, und die drolligen Scherzreden der Fischmeisterin
machten die Nachtstunde in der kleinen Stube so lustig, da ein fremdes
Ohr auf drei Menschen htte raten knnen, die ferne waren von allem
Zeitkummer. Als die Fischmeisterin endlich nach einem letzten Spa die
Stube verlie, sagte sie das Gelobt sei Jesus Christus! wie eine gute
Katholikin. Sie und ihre Leute verstanden sich aufs Unsichtbarmachen.
Bei den hufigen Besuchen der Chorherren, die das Schll zu Bartholom
nicht nur zum Jagen besuchten, auch hufig in Begleitung, um _ la
mode_ ein bichen Pariserei zu treiben -- bei diesen Besuchen hatten
es die Fischmeisterleute gelernt, ihren Seelenwandel unverdchtig zu
machen. Sie wuten geschickt von einander zu trennen, was Religion und
Brotkorb hie. Die Fischmeisterei zu Bartholom war eine eintrgliche
Stellung, fr die man schon einige Rosenkranzperlen bewegen konnte.

Leupolt schien anders zu denken. Whrend die Fischmeisterin sich
gutglubig entfernte, blitzte der Zorn in seinen Augen. Stumm erhob er
sich und drehte auf der Ofenstange den Mantel der Mutter um. Frau Agnes
nahm den glhenden Kopf zwischen die Hnde und versuchte zu lachen.
Bub, ich hab ein Quartl zu viel verschluckt. Die Hitzen fahren mir
auf, als wr der Teufel zu unterst in mir.

Oft sagt man Teufel. Und da ist's die beste von aller Lebenswrm.
Jetzt mu ich mich nimmer sorgen, da du dich verkhlt hast. Gut
schlafen wirst du auch. Sie tat einen schweren Atemzug. Mit dem Beten
wartete sie um seinetwillen, bis er die Lampe ausgeblasen hatte. In
der Finsternis sagte Leupolt: Gut Nacht, Mutter! Ich weck schon, wenn
es sein mu. Er streifte die schweren Schuhe von den Fen, zog den
Kittel aus, legte ihn als Kissen auf die Ofenbank und streckte sich
hin. Flsternd wiederholte Mutter Agnes: Wenn es sein mu? Bei diesen
vier Worten sah sie den Kanzler, den Richter, den Pfahl mit dem Eisen
und das kommende Leiden ihres Sohnes. Bub? Gleich erhob er sich und
ging auf den Strmpfen zu ihrem Bett. Sie suchte im Dunkel seine Hand.
Sag mir, Leupi, tust du denn nimmer beten?

Wohl, Mutter! Fleiiger, wie sonst.

Was betest du? fragte sie in Angst.

Jetzt bet ich allweil -- Er schwieg. Dann sagte er mit vllig anderer
Stimme: Ich bet: >Herr, wenn ich dich nur hab, so frag ich nimmer nach
Himmel und Welt; und tten mir Leben und Seel verschmachten, du bleibst
mein Heil und meines Lebens Trost!<

Ein Laut wie in heier Freude. Frau Agnes hatte nicht nur die Worte
des Sohnes gehrt, auch das Klingen seiner Seele, das Herzgelut
seines tiefen Glaubens. Jesus, Jesus, stammelte sie im Glck des
Augenblickes, betet einer so, da kann's doch so weit nit fehlen.

Nein, Mutter, es fehlt nit!

Sie zog ihn zu sich herab, umschlang seinen Hals und prete das heie
Gesicht an seine Wange. Jetzt bin ich ruhiger. Da brauchen wir auch
nimmer reden mit einander. Wer betet wie du, ist nie verlassen. Was
htt das Reden fr einen Sinn? Mir redest du nichts ein, und dir,
das merk' ich, ist nimmer auszureden, was dir wie Eisen in Herz und
Seel ist. Begreifen kann ich's nit, aber es ist so. Mssen wir's halt
nehmen, wie's ist. Und was kommt, das mssen wir tragen als Mutter und
Kind. Zwischen uns sollen Zeit und Herren nie einen Graben aufreien.
Gelt nein?

Nie, Mutter! Vergeltsgott! Jetzt hast du mir's leicht gemacht. Wie
wohlig seine Worte klangen! Dann ging er zu seiner harten Bank. Frau
Agnes lag unbeweglich und lauschte immer zu ihm hinber. Ihre Augen
schlossen sich nicht, obwohl der Glhwein die Gedanken ihrer Sorge und
ihres Trostes ein bichen durcheinander wirbelte. Auch Leupolt sah mit
offenen Augen in die Nacht. Sein Atem ging so ruhig, da die Mutter
immer glaubte: jetzt schlft er. Gegen drei Uhr morgens erhob er sich
und schob ein paar Buchenscheite in die Ofenglut, damit die Kleider und
Schuhe der Mutter vllig trocknen mchten. So leise tat er es, da kein
Muschen htte erwachen knnen. Als er sich lautlos wieder hinstreckte
auf die Bank, sagte Frau Agnes: Vergeltsgott!

Ich tu's doch gern. Schlaf nur! Es ist noch Zeit.

Wieder die stillen, wachenden Stunden. Aus der Nebenkammer hrte
man das Schnarchen des Platzjgers. Und drauen im Zwinger schlugen
die Hunde an. Da kam wohl hungerndes Hochwild ber den Gartenzaun
gesprungen, um an den Obstbumen zu beien. Die schwindende Mondhelle
verriet dem Jger, wie weit es an der Zeit war. Gegen die fnfte
Frhstunde erhob er sich. Gleich sagte die Mutter: Guten Morgen, Bub!

Du hast doch ein bil geschlafen? Nit?

Die ganze Nacht. Und gut.

Gott sei Dank! Er stellte den Rest der Weinsuppe zum Aufwrmen in die
Ofenrhre. Dein Zeug ist trocken! sagte er, nahm die Kleider von den
Stangen und legte sie auf das Bett. Drauen putz ich deine Schuh. Da
kannst du dich gewanden derweil.

Als sie wegfertig waren, tranken sie den warmen Wein und aen einen
Bissen Brot dazu.

Die Feuersteinflinte mit dem Riemen um die Brust, hinter den Schultern
den Bergsack, auf dem Arm das Radmntelchen und zwei wollene
Bettdecken, blieb er auf der Schwelle stehen und warf noch einen
Blick in die dunkle Stube, in der die Lampe schon ausgeblasen war.
Drauen sagte er: Da mut du Obacht geben, Mutter! Das Treppl ist ein
bil vereist. Auf dem Beinschlitten hllte er sie fest in die zwei
Bettdecken und wickelte ihr auch den eigenen Mantel noch um Kopf und
Hals. Alles lie sie schweigend geschehen, sah nur immer mit groen,
nassen Augen zu ihm auf. Bevor er hinter der Mutter auf den Schlitten
stieg, drehte er das Gesicht und lie die Augen langsam hingleiten
ber den grauen Jgerkobel, ber das schmucke Herrenschll und ber
den weiten Bogen der von schwarzem Schatten umwobenen Berge. Ob er das
im Leben noch einmal sehen wrde? Wortlos stieg er auf das Brett und
begann den Schlitten zu treiben. Mit jagender Eile glitten die beiden
in die Nacht hinaus, ihrem Schicksal entgegen.

Manchmal klang das Drhnen einer Eisfragel, die entzweisprengte, was
aneinandergewachsen war. Und immer hrte sich das an, als htte man
stark an eine groe Glocke geschlagen, irgendwo, in der Tiefe oder hoch
in der Luft.




Kapitel X


Bald nach Anbruch des Nachtschweigens war zu Berchtesgaden am Hause
des Chorkaplans Jesunder die Torglocke mit erschreckender Heftigkeit
gezogen worden. Jesunders alte Mutter Apollonia streckte den Kopf
mit der groen Nachthaube zum Fenster hinaus, gewahrte aber keinen
Menschen und war gewohnheitsmig der Meinung, da wieder einmal ein
gottverlorener Heimtcker eine unverzeihliche Bberei gegen die Kirche
verbt htte. Alles, was Frau Apollonia zu Leide geschah, empfand sie
als eine Verunglimpfung des Himmels.

Hatte sich auch die Khle der Nacht an ihr versndigt? Frau Apollonia
hielt es fr notwendig, einen Beruhigungstrank aus Kamillenblten
zu bereiten. Als sie, innerlich aufgewrmt, wieder zur Ruhe gehen
wollte, vernahm sie vor dem Haustor eine Mnnerstimme, die sehr
sonderbare Worte schrie. Trotz aller Neugier wagte Frau Apollonia
sich nicht mehr ans Fenster, bevor sie nicht drei Unterrcke, die
wollene Jacke und einen armdicken Schlips in mehrfacher Windung am
Leibe fhlte. Bis diese Wandlung vom Khlen ins Warme vollzogen war,
hatte die Zeterstimme vor dem Haustor sich ausgewachsen zu einem
Gewirre aufgeregter Menschenlaute. Und noch immer kamen Musketiere,
Stiftslakaien, Jgerknechte und Stallwrter von allen Seiten
herbeigelaufen. In sorgenvoller Ahnung kreischte Frau Apollonia auf
das Gewhl hinunter: Was ist denn, was ist denn? Eine verstndliche
Antwort bekam sie nicht. Sie hrte nur die vier dunklen Worte: Kind
und Teufel, wei und schwarz.

Das Amtsgeheimnis, das Herr von Grusdorf der Hasenknopfin auf die
Hebmutterseele gebunden hatte, wurde innerhalb weniger Minuten zum
Geschrei von hundert Menschen. Was auf Befehl der Obrigkeit *ein*
Kind gewesen war, nicht schwarz, nicht wei, ein Kind, wie eben
Kinder sind, das waren nun doch *zwei* Kinderchen, wei und schwarz,
entseelt, von den Schultern bis zu den Hften aneinandergewachsen.
Es war ein unverzeihliches Verbrechen von seiten der Wahrheit, sich
einem obrigkeitlichen Befehl zuwider so unvertuschelbar in die
breiteste ffentlichkeit zu begeben. Alles, was durch die Klugheit
des Kanzlers htte vermieden werden sollen: der Zusammenlauf kuriser
Leute und die Entstehung rebellischer Rumore -- alles war vorhanden,
dazu noch in kunstvoll gehobener Entwicklung. Herr von Grusdorf
erlebte eine verzweiflungsvolle Mitternachtsstunde und verwnschte die
staatsgefhrliche Subjektin, die den Gram des Christl Haynacher nicht
mit heimlicher Vorsicht in die Armeseelenkammer getragen, sondern
rachschtig dem Chorkaplan Jesunder auf die Hausschwelle gelegt und
mit frchterlichem Gebimmel die Lrmglocke gezogen hatte. Das sollte
die vulgo Hasenknopfin ben! Zu diesem Zwecke arbeiteten Herr von
Grusdorf und der kanzleideutsche Muckenfl mit solcher Beschleunigung,
da die Hasenknopfin, als sie gegen die dritte Morgenstunde ausgehoben
werden sollte, schon seit vielen Stunden verschwunden war. *Ganz*
verschwunden! Nicht nur mit ihrem Mdel und aller tragbaren Habe.
Auch die Hausgerte waren unsichtbar geworden, Kalb und Khe
davongetrieben, die Hennen in unauffindbare Nester gesetzt. Doch
Muckenfl brachte von seinem zwecklosen Dunkelheitsmarsche wenigstens
*ein* polizeilich verwertbares Gerstenkrnchen in die Kanzlei. Nach
eindringlicher Bemhung der Soldaten Gottes hatte es eine Nachbarin
der Hebmutter unter Nasenbluten ausgeschwatzt, da der Hasenknopf
vor 18 Tagen heimlich ins Preuische ausgewandert wre, um sich vom
Schicksal der Salzburger Exulanten zu berzeugen. Ins Preuische!
Muckenfl hob den Zeigefinger der Polizei. Jetzt wei der _ego
ipsus_, was das zwiefrbige _miraculum_ als Gottesstraf _in loco hujus_
bedeutet! Die preuischen _coloribus_ sind schwarz und wei. _Ergo_,
wo die Hasenknopfischen sich bettigen, mu sich alles ins Preuische
permutieren. Jaaa, der Himmel lat mit dergleichen Materien keine
Spassettibus nit machen.

Dieser Beweisfhrung, obwohl sie einleuchtend war, wagte Herr
von Grusdorf sich nicht vllig anzuschlieen. Doch besa er so
viel politischen Verstand, um einzusehen, da die Ausstreuung des
Muckenfl'schen Gedankenganges sich eher ntzlich als schdlich zu
erweisen vermchte. Solch ein Zusammenhang der gttlichen Strafe
mit der Hasenknopfin mute die Subjekte zur Einsicht und Reue
mahnen und auf ihre Gemter hnlich wirken wie ein Kriegskomet mit
schreckenerregendem Feuerschweif. So bekam der Feldwebel eine Belobung
fr seine Geistesschrfe und dazu den obrigkeitlichen Befehl, den
Wechselwirkungen zwischen Himmel und Hebamme eine segensreiche
Publizitt zu prokurieren. Mit diesem staatsmnnischen Weisheitsblitze
waren die Amtshandlungen des Kanzlers in dieser ereignisvollen
Hornungsnacht noch nicht erledigt. Die Forschungsreise des Hasenknopf
ins Preuische gab ihm so viel zu denken, da sein Gehirn ein bichen
kongestiv und die unteren Extremitten desto blutleerer wurden. Um die
Regierungsgeschfte weiterfhren zu knnen, mute er ein Schaff mit
heiem Wasser bringen lassen und die schmerzenden Zehen hineinstecken.
Weil das Wasserschaff unter dem Schreibtisch stand und die grauen
Dunstwolken zur Linken und Rechten des Regierungssitzes emporquollen,
bot der rotbefrackte, um den reinen Glauben bemhte Kanzler mit dem
perckenlosen Kahlkopf einen geradezu satanischen Anblick. Man wurde
an die Walpurgisnacht erinnert, nur da es an einem verfhrerischen
Hexchen mangelte. Aurore de Neuenstein hatte wohl ebenfalls eine
schlaflose Nacht, doch statt sich an den kummervollen Amtsgeschften
ihres Onkels zu beteiligen, zog sie es vor, sich gemeinsam mit dem
Grafen Tige der Lektre eines Pariser Schferromans zu widmen und die
Kapitelpausen durch zrtliches Spinettspiel auszufllen.

Zwischen den quirlenden Dampfwolken reihte die Logik des Herrn von
Grusdorf alle Indizien unerbittlich aneinander, um Klarheit ber die
frchterliche Tatsache zu gewinnen, da die evangelischen Schwrmer
im Lande augenscheinlich zahlreicher waren, als die Regierung bei
aller gewohnten Umsicht vermutet hatte. Auf eigene Rechnung war der
_vulgo_ Hasenknopf doch sicher nicht ins Preuische gewandert. Da
hatten viele zusammengesteuert. Eine ganze Rotte! Herr von Grusdorf
berschlug die Kosten der weiten Reise, nahm hypothetisch einen
erst noch auszuforschenden Begleiter an und brachte eine Ziffer von
Unsichtbaren heraus, die ihn mit Beklemmungen erfllte. Es muten an
die zehn, zwlf Dutzende sein. Er fing zu schwitzen an. Nicht nur aus
Ursach des heien Wassers, noch mehr aus qulender Regierungsangst.
Nur fr das Ntigste diktierte er um die fnfte Morgenstunde eine
_ordre_ auf Haussuchung unter allen Dchern von Unterstein, eine
_ordre_ auf Verhaftung des Jgers Leupolt wegen Verrates polizeilicher
Amtsgeheimnisse, eine _ordre_ auf Dingfestmachung der beiden
Hasenknopfischen Menscher und eine _ordre_ an alle Grenzwachen: weder
Mensch noch Vieh aus der Landmark hinauszulassen, insbesonders aber auf
das Erscheinen des aus dem Preuischen heimkehrenden Hasenknopf samt
hypothetischem Begleiter ein wachsames Auge zu dirigieren. Nach diesem
reichlichen Papierverbrauche konnte Herr von Grusdorf die sonderbar
gestalteten Zehen aus dem heien Wasser ziehen und des Glaubens
sein, da er von allen Berchtesgadnischen Regierungssulen in dieser
Hornungsnacht die hrteste Geistesarbeit geliefert hatte. Er irrte sich.

Eine noch viel grausamere Nacht erlebte Frau Apollonia in ihrer
explosiven Frstelsorge um den hochwrdigen Sohn, zu dem sie aufblickte
wie zu einem Heiligen auf Erden. Zum Teil verdiente er das. Er hielt
sich von franzsischen Anflgen ferne, war ein ruhelos im Dienste
des Himmels wirkender Priester, ein Vierzigjhriger von tadelloser
Sittenstrenge, hart gegen sich selbst wie gegen andere. Dazu in
theologischen Dingen ein groer Gelehrter. Fr seine Doktorschrift
hatte er sich das Problem gestellt: Wird eine Stck Erde mit einer
Mauer umzogen und weiht man dieses Grundstck zu einem Gottesacker,
wie weit dringt dann die Weihe durch Mrtel und Ziegelsteine in das
Innere der Umfassungsmauer ein? Genau bis zur Mitte? Oder weiter nach
auen? ber diese schwierige Frage hatte er ein lateinisches Werk von
763 Folioseiten mit unzhlbaren Zitaten verfat und klar bewiesen, da
diese Frage mit Sicherheit nicht zu entscheiden wre -- verllich
liee sich nur behaupten, da die Innenseite des Gemuers der Weihe
teilhaftig wrde, die Auenseite aber logischerweise *nicht*. Es gab
nur wenige Menschen, die dieses bedeutende Werk studiert hatten. Aber
man rhmte allgemein den Chorkaplan Jesunder als einen Theologen von
fabelhafter Belesenheit. Noch herrlicher sah ihn die Mutter. Und nun
widerfuhr ihm *das*! Undank der bsen, niedertrchtigen Welt!

Nicht nur Frau Apollonia, jeder im Lande wute das: war eine Jungfrau
entehrt oder eine Frau gentigt worden und gebar sie ein totes Kind,
so lie sie dem Menschen, der schlecht an ihr gehandelt hatte,
den kleinen, klagenden Leichnam zu ffentlicher Verfemung auf die
Haustrschwelle legen. Und das geschah ihrem schuldlosen Sohn! Welch
ein Geschrei wrde das geben! Und gar noch -- so was Sinnloses --
wegen der Haynacherin, die er verabscheute als eine des Irrglaubens
Verdchtige! Und die er am Weihnachtsabend mit pflichtschuldiger
Strenge aus der Kirche gestoen hatte, weil sie die unchristliche
Hand nicht in den Weihbrunnkessel tauchte. Ach, was ist Gerechtigkeit
auf Erden! Als Jesunder in der Nacht hatte sehen mssen, was man
gottesfeindlich an seiner Haustrschwelle verbte, war er, die
Zorntrnen der beleidigten Schuldlosigkeit an den Wimpern, in seiner
Stube so lange betend auf den Knien gelegen, bis man ihn hinberholte
zur nchtlichen Kapitelsitzung. Nun dmmerte der Morgen schon, und noch
immer wollte der Sohn nicht heimkehren zu seiner verzweifelten Mutter,
die in dieser mehrfach gestrten Sorgennacht den heien Kamillenabsud
reichlicher schlrfen mute als eine genesende Wchnerin.

Das groe gotische Rosettenfenster des Kapitelsaales glnzte wie ein
entzndetes Riesenauge in das kalte Morgengrau. Und die Nachtsorgen
des gednsteten Kanzlers, die Seelenqualen der Frau Apollonia? Was
waren sie gegen den geistigen Kampf, der hier, unter niedergebrannten
Kerzen, noch immer kein befriedigendes Ende finden wollte, nach einer
siebenstndigen, zu heier Erbitterung emporgewachsenen Sitzung!
Wahrhaftig, Herr von Grusdorf hatte sich als verblffender Prophet
erwiesen, da er auf der Schwelle des Haynacherlehens erschrocken
den Ausbruch theologischer Diffizilitten von inkommensurablen
Konsequenzen vermutet hatte. Man stand vor einem Rtsel, dessen Lsung
eine vllig undenkbare Sache war. Zwei Kinder, das eine getauft, das
andere ungetauft. Das erstere besa ein geheiligtes Recht auf geweihten
Boden, das andere, als unentshnter Sprling einer Irrglubigen, war
dem Freimannsanger verfallen, auf dem Gnadenwege einem Grbchen in
ungeweihter Erde. Und das eine Kindchen angewachsen an das andere,
die Hlle ineinandergemengt mit dem Himmel, das Heidnische und
Christliche unlsbar verschwistert, oder, wie es Herr von Grusdorf
uerst charakteristisch bezeichnet hatte: verknorpelt. Schrecklich!
Wo war da ein Ausweg? Nicht einmal das Exempel des gordischen Knotens
vermochte die Schwierigkeit zu lsen. War ein Schnitt denkbar, der vom
Ungetauften nichts hinberschnipfelte zum Getauften, vom Getauften kein
Fserchen hngen lie am Ungetauften? Und konnte man dem christlichen
Feldscheer zumuten, das Heidnische zu operieren? Durfte man es dem
Freimann gestatten, sich an christlicher Schuldlosigkeit zu vergreifen?
Chorkaplan Jesunder meinte: vielleicht ginge es mit einem Chirurgen,
der wohl halb ein Christ, aber auch halb ein Nichtchrist wre?

Da redete Pfarrer Ludwig, der bislange schweigend auf seinem
Kapitelstuhl ausgehalten hatte, das erste Wort und gleich ein sehr
heftiges: Denkt Ihr an den Simeon Lewitter? Wollt Ihr solches
Metzgerwerk einem _medico_ zumuten, in dessen Hnden die Obhut fr
das Lebenswohl unseres Frsten liegt? Bevor eine andere Stimme sich
uern konnte, entschied Herr Anton Cajetan, der jetzt das schwarze
Hofkleid eines gefrsteten Priesters trug: _C'est juste, rvrend!_
Das geht nicht. Meinetwegen knnt ihr den Wildmeistersknecht mit der
Sache betrauen. Er ist geschickt im Zerwirken. Mein Leibarzt hat
auer Spiel zu bleiben. Dennoch sah auch der Frstpropst ein, da es
klrend zu wirken vermchte, wenn der Arzt als Zeuge des Vorganges im
Haynacherlehen vernommen wrde, um seine fachmnnische Ansicht ber
die anatomischen Schwierigkeiten darzulegen. Simeon Lewitter wurde
aus dem Bett geholt. Er hatte nicht das steinerne Lcheln wie sonst.
In kurzen Worten schilderte er, mit welcher Geduld und Tapferkeit die
fromme Haynacherin das grauenvolle Leiden dieser vier Tage und Nchte
berstanden htte.

Fromm? wiederholte Jesunder. Habt Ihr denn nicht gemerkt, da
dieses Weib eine Irrglubige ist?

Nein. Im Gegenteil. Sie erschien mir im Sterben als eine Christin von
seltenen Herzenskrften.

Fr solche Unterscheidungen gebricht es Euch an der angeborenen
Fhigkeit. Wie beurteilt Ihr die Sache als Medicus?

Die Verwachsung der beiden Kinder wre ein Irrtum der Natur _ab
ovo_ gewesen. Doch alle beide htten leben knnen. Der vorzeitige
Tod des einen Kindes wre einer uerlichen Ursache zuzuschreiben,
einem Sto, den die Haynacherin bekommen htte, oder einer schweren
Krnkung. Der junge Bauer erzhlte mir, da es mit seiner Martle seit
der Weihnacht nimmer richtig gewesen wre. In dem Schweigen, das
dieser Bemerkung folgte -- ein Schweigen, bei dem sich viele Augen
auf Jesunder hefteten -- sprach Lewitter nur noch wenige Worte. Sie
hatten den Klang einer tiefen Menschlichkeit. Und pltzlich, nach
allem spitzfindigen Debattengewoge, stand klagend und erschtternd das
Erlschen zweier armer Seelchen, der heilige Tod eines leidenden Weibes
und das zerschlagene Lebensglck eines redlichen Menschen zwischen den
stummgewordenen Herren.

Jesunder sagte heiser: Kommt zur Sache! Schlielich seid auch Ihr es
gewesen, der uns in diese Schwierigkeit versetzte. Nun zeigt auch einen
Weg, wie wir da herauskommen. Ihr haltet doch als geschickter Chirurgus
eine Trennung der feindlichen Gebiete ohne Grenzverletzung fr mglich?
*Ja?* Dieses letzte Wort war nachdrcklich betont. Verstand Lewitter
nicht, da man von seinem Ja eine Erleichterung der Sachlage erhoffte?
Er schttelte den Kopf, blieb als Arzt bei den Tatsachen, sprach
von der Verwachsung der zarten Knchelchen, von der Verwebung der
Muskeln und machte so, um der wissenschaftlichen Wahrheit willen, die
verzweiflungsvolle Streitfrage noch unlsbarer. Als man ihn ungndig
und nicht ohne warnenden Hinweis auf die Bedenklichkeit seiner Lage
entlassen hatte, ging der Wirbeltanz der widersprechenden Meinungen in
gesteigertem Grade los. Herr Anton Cajetan, der schon mehrmals hinter
der schlanken Hand geghnt hatte, bertrug dem Kapitular Graf Saur den
Vorsitz und sagte: Von dem Beschlusse, den die Herren fassen, bitte
ich mich am Morgen zu verstndigen. Nach der Entfernung des Frsten
gestaltete sich der Sitzungsverlauf noch aufgeregter. Man hatte sich
frher wenigstens im Ton gemigt. Jetzt wurden die Kpfe hei, die
Kehlen rauh.

Schweigend sah Pfarrer Ludwig in den wirren, wachsenden Lrm hinein.
Was er da erlebte? Wie war das menschenmglich? Und wer trug die Schuld
daran? Keiner von diesen erhitzten Schreiern! Sie alle, mit kleinen
Einschrnkungen, waren ehrenhafte, wohlmeinende Mnner. Da glaubte
jeder seine Pflicht zu erfllen, den Gesetzen der Kirche und dem
Himmel zu dienen. Was will der Himmel? Was die Kirche? Nur immer das
Veraltete und berlebte? Wenn das die Kirche zu wollen scheint? Kann
auch der Himmel das wollen? Der Schpfer eines ewig sich erneuernden
Frhlings? Der Vernichter des Morschgewordenen, der rastlose Erwecker
neuer Blte? Bei diesem Gedanken mute Pfarrer Ludwig umherblicken in
dem alten gotischen Kapitelsaal. Der ganze Bau des Stiftes, drauen
der Markt, alle Gassen und Huser, die Drfer im Tal, alle Bilder
des Lebens, sogar die Formen der steinernen Berge hatten im Laufe der
Jahrhunderte sich gendert, sich gewandelt zum Neuen und Besseren. Nur
dieser alte Saal der Entschlsse -- ein Gleichnis der Dinge, die in ihm
geschahen -- war seit lnger als einem halben Jahrtausend immer der
gleiche geblieben. Und da wunderten sich die Lakaien des Alten in ihren
verblichenen Tressen, da zwischen den Rippen der Sehnsuchtsvollen
immer ein Neues wuchs und sein Recht begehrte! Freilich, der Wert alles
Neuen ist schwer zu erkennen. Aber ist es nicht schon das Bessere, nur
*weil* es das Jugendliche ist, das Krfteschenkende, das Strebende? Wie
sagte einer zu Amsterdam, den sie verfluchten? Sei ein Suchender, und
du nherst dich mit jedem Schritte der ewigen Wahrheit!

Die freudige Zustimmung, die ein Vorschlag des Grafen Saur gefunden
hatte, weckte den Pfarrer Ludwig aus den Gedanken, in die er versunken
war. Der Vorschlag hatte was Bestechendes. Man sollte unterhalb der
Umwallungssteine des Friedhofes ein Grab ausheben, senkrecht unter der
Mauermitte, mit der einen Hlfte hinausreichend in die ungeweihte Erde,
mit der anderen Hlfte hereingreifend in den geweihten Boden. In diesem
heidnischchristlichen Grabe sollte man das schwarzweie Doppeltdchen
bestatten, die schwarze Erbsnde nach auen, das weie Heil nach innen.
Dann sollte man, scharf an der Grenze des Weien und Schwarzen, aus
Gipsgu eine Scheidewand verfertigen und drauen die ungeweihte Erde
einfllen, innen die geweihte.

Alle Herren klatschten dem Grafen Saur den verdienten Beifall zu. Nur
Jesunder machte eine wehrende Handbewegung. Der Vorschlag berhrte
sein Doktorwerk ber die Penetrabilitt einer Mauer fr die Weihe. Da
*mute* er sich uern. Meine hochedlen Herren! Ein scharfsinniger
Frschlag! Gewi! Aber Diffizilitten seh ich auch hier. Es soll
vorerst noch unentschieden bleiben, ob die gipserne Scheidewand
genau unter der *Mitte* der Mauer anzubringen wre. Ich verweise
auf meine Dissertation. Aber kann denn unter der dicken Mauer ein
Grab mit solcher Genauigkeit ausgehoben werden, da die geweihten
und ungeweihten Schollen nicht durcheinander kollern? Und wenn man
dagegen ein Mittel fnde? Wird da nicht spterhin das unterirdische
Larvengewimmel eine Grenzberschreitung begehen, die verhindert werden
*mu*? Unter allen Umstnden! Aber wie? Die Debatte war von neuem
entfesselt. Man kmpfte, bis die Morgenglocken luteten. Und nicht
die Klrung der Ansichten lste den leidenschaftlichen Streit, nur
die Ermdung, nur der begreifliche Wunsch nach dem dringend ntigen
Frhstck. Ehe man die Sitzung ergebnislos vertagte, versuchte man es
noch mit einer Abstimmung. Es schien nun doch zur Lsung des Dilemmas
nichts anderes brig zu bleiben, als die unvereinbaren Gegenstze
des Schwarzen und Weien durch einen operativen Eingriff voneinander
zu scheiden. Graf Saur, der als erster seine Stimme abzugeben hatte,
zuckte die Achseln: Ich bin ratlos, _parfaitement_! Sein Beispiel
beeinflute die anderen, keiner wagte Nein oder Ja zu sagen. Pfarrer
Ludwig, als er zur Abstimmung aufgerufen wurde, lie zwischen den
Wangenfalten die groe Warze tanzen. Auseinanderschneiden? Was
Besseres findet ihr nit? Also gut! Schneidet!

Doch wenn vom Getauften was hngen bleibt am Ungetauften. Da wird sich
der Himmel krnken.

Soweit ich den Himmel kenne, ist das nit wahrscheinlich. Doch wenn
ihr's vermutet, mu es vermieden werden.

Wenn aber vom Ungetauften was hinberschleicht ins Geweihte? Da wird
sich in Bosheit die Hlle freuen!

Gotts Not und Leiden! Pfarrer Ludwig verlor die Geduld. *Soll*
sich die Hll halt freuen! Vergnnt ihr doch in so schauderhaften
Zeitluften ein bil Vergngen! Amen. Ich leg mich ins Bett. Ohne des
emprten Lrms zu achten, der sich hinter ihm erhob, verlie er den
Kapitelsaal.

Drei Viertelstunden spter vertagte man die ergebnislose Sitzung bis
zum Abend.

In der grauen, kalten Armeseelenkammer lag auf der langen Totenbank
ein kleines, weies Bndel mit noch unentschiedenem Schicksal -- ruhte
hinter vergittertem Fenster und versperrter Tre, deren Schlssel beim
Chorkaplan Jesunder in Verwahrung blieb.

Und im Tal der Ache, die durch den erwachenden Morgen rauschte, sa ein
Gebrochener neben der Wiege seines schlafenden Bbchens und schnitzte
an einem hlzernen Kreuz, das er auf den geweihten Grabhgel der Martle
stecken wollte, noch ehe die Sonne kme.

Eine Nachbarin erbot sich, fr den Christl die Morgensuppe zu kochen.
Er nickte dankbar, ohne ein Wort zu finden. Als auf dem Herd das Feuer
prasselte, setzte er sich in die Wrme, und whrend seine zitternden
Hnde an dem kleinen Kreuze schnitzelten, erzhlte er mit leiser,
wunderlich versunkener Stimme, wie fromm und gottergeben seine Martle
gestorben wre. Eine Weile sah er schweigend in die Flamme. Nun hob er
das entstellte Gesicht. Nachbarin?

Was, guter Christl?

So heilig sterben knnen, das ist nit irrglubig. Er tat einen
schweren Atemzug. Gott verzeih mir die Snd: ich tu drauf schwren,
da meine Martle droben ist in der Seligkeit. Seine Augen hingen am
flackernden Feuer. Schier mein' ich, es kommt auf Kittel und Farb
nit an, blo allweil aufs Ehrliche in der Seel und auf den redlichen
Menschenweg. Die Nachbarin, die eine Gutglubige war, blieb stumm.
Barmherzig war sie gerne, aber auf solche Reden wollte sie sich nicht
einlassen. Da fate Christl die Frau am Arm. Du? Hast du nit gehrt,
was sie da droben machen im Herrenstift?

Was er meinte, verstand sie gleich. Mit dem Kochlffel in der Pfanne
rhrend, schttelte sie den Kopf.

Er stellte das vollendete Kreuz in den Herdwinkel, legte das Messer
fort und nahm die Stirn zwischen die Hnde. Jesus, Jesus, jetzt mu
ich mein Herz auseinanderreien in vier Viertelen! Eins fr mein
Bbl in der Wieg, eins fr die Martle auf dem Gerstenacker. Und
zwei Viertelen -- ich wei nit, wohin ich die schmeien mu! Mit
den Bewegungen eines schwer Betrunkenen taumelte er hinaus in den
erwachenden Tag.




Kapitel XI


Die Dinge der vergangenen Nacht bekamen laufende Fe. Ehe der Morgen
hell wurde, errterte man schon in allen Stuben von Berchtesgaden
die ungeheuerliche Sache. Fr die Unsichtbaren war's eine bange
Beklommenheit, fr die Treugebliebenen gab das schwarzweie
Himmelszeichen Anla zu aberglubischem Schreck oder zu zorniger
Erbitterung gegen die evangelische, will sagen preuische Gefahr, auf
die der Herrgott mit strafendem Finger hingewiesen hatte.

Es war an diesem Morgen der Kirchweg reichlicher bevlkert als sonst.
Zwischen den aufgeregten Leutgruppen wanderten zwei Menschenkinder,
die sich nirgends verhielten und mit niemand sprachen -- Luisa und
Sus. Dem Sorgenblick der Magd war es anzumerken, da sie von der
schwarzweien Gotteswarnung schon Kenntnis hatte. Sie schwieg nur, weil
der Meister ihr geboten: Red nit drber mit dem Kind! Um der Sache
selbst willen machte sie sich keine schweren Gedanken. Eine Verirrung
der Natur und das Unglck eines braven Menschen. Was anderes war es
nicht fr die grade, verstndige Sus. Aber ruhelose Sorge whlte in
ihr, weil des Meisters Freund in die Sache verwickelt war, und weil
sie frh im Morgengrau den Muckenfl mit vier Gottessoldaten hatte
hinausmarschieren sehen zum Mlzmeisterhaus. Unbeschwichtigt zitterte
in ihr auch noch der Kummer ber das zerstrte Bildwerk, das nach
ihrer Meinung seit Erschaffung des Paradieses das Schnste von allem
Schnen gewesen war.

Bla und schweigend, mit gesenkten Augen, ging Luisa neben der blonden
Magd. Aus den Glockenfalten des grnen Mantels lugte wie immer der
Rosenkranz hervor, dessen Zittern nicht nur herrhrte von der Bewegung
des Schreitens. An Luisas schmerzhaft zusammengezogenen Brauen war es
zu sehen, da peinvolle Gedanken in ihr kmpften. Erst beim Eintritt in
die Kirche, aus deren Dmmerung die brennenden Wachskerzen wie schne
Geheimnisse herausflimmerten, lste sich die irrende Qual in ihrem
Gesicht. Sie war bei Gott, und bei Gott ist Wahrheit. Gerechtigkeit
geht von ihm aus, um alle Menschentorheit gtig zu vergeben, alle
leidenden Seelen zu erfllen mit reiner Kraft. Unbeweglich kniete
sie in ihrem Kirchstuhl und hielt unter inbrnstigem Gebet die Stirn
auf ihre verklammerten Hnde gepret. Als die Schellen zur Wandlung
klingelten, hob sie das ruhiggewordene Gesicht. Der Glanz eines
neugestrkten Glaubens leuchtete wieder in den klaren Mdchenaugen.
Whrend Luisa sich bekreuzte, sprach ihre Seele: Gott wei, was in den
Menschen ist, allweil kennt er die Seinen; auch gegen die anderen, die
wider ihn trutzen, bleibt er gerecht und wird durch einen irdischen
Richter nit bestrafen lassen, was guter und redlicher Wille war. Diese
Zuversicht blieb in ihr, als sie neben der blonden Magd die Kirche
verlie. Mit einer seltsamen Freudigkeit sagte sie: Geh heim, gute
Sus! Da der liebe Vater auf sein Frhmahl nit warten mu. Ich hab
einen Weg, den ich nit verschieben darf. Von dem, was Luisa sagte,
schien Sus nur die drei Worte >der liebe Vater< gehrt zu haben. Eine
Blutwelle scho ihr in die Wangen, und sie rannte, um so flink wie
mglich dem Meister zuschreien zu knnen: Heut hat sie gesagt: der
*liebe* Vater. Meister, es wird heller in deinem Haus!

Unter dem Strom der Leute ging Luisa hinber zur Wohnung des
Chorkaplans. Als sie die Glocke ziehen wollte, kam Mutter Jesunder aus
der Sakristei. Die alte Frau war so dick in warme Dinge gewickelt,
da man glauben konnte, ihre Magerkeit htte whrend dieser
aufregungsvollen Nacht das Sorgenfett in kugeliger Flle angesetzt.
Auch roch sie auffllig nach Kamillen. Bei Luisas Anblick versuchte
sie einen zrtlichen Augenaufschlag. Ei guck, da ist ja unser frommes
Kindl schon wieder --

Mutter Jesunder? Das klang so ernst, da die nachtschwache Frau
sofort ein heftiges Mitrauen empfand. Streng betrachtete Luisa
das jhverwandelte Runzelgesicht. Was ich in meiner Herzensnot
dem hochwrdigen Herrn hab anvertrauen mssen? Ist es wahr, Mutter
Jesunder, da du das in deinem Marktkrbl zum Pfleger getragen hast?

Aber Kindl, begann die Frau zu klagen, wie kannst du nur so was
denken von mir --

Schweigend wandte Luisa sich ab. Die Verlegenheitsglut, die der alten
Frau mit Pfingstrosenfarbe ins Gesicht gefahren war, hatte deutlich
gesprochen. Unter erschrockenem Wortgesprudel rannte die Jesunderin
dem Mdchen nach und beschwor ihre Schuldlosigkeit. Luisa ging
davon, ohne das Gesicht zu drehen. Da erkannte Frau Apollonia die
Zwecklosigkeit ihrer Zungenmhe, schickte dem Mdchen einen Wutblick
nach und murrte: So eine unverschmte Gans! Die will ich ankreiden bei
unserem Herrgott! Diese Drohung war so ernsthaft gemeint, wie Frau
Jesunder berzeugt war, da Gott Vater das Menschengeschlecht nach
ihren Ratschlgen regiere. Das schlo aber die betrbliche Wahrheit
nicht aus, da Frau Apollonia in dem nassen Schneequatsch kalte Fe
bekam, einen Rckfall ihres nchtlichen Leidens befrchtete und mit
Beschleunigung ihrer Haustr zustreben mute. So wurde sie an der
Beobachtung der sonderbaren Tatsache verhindert, da Luisa die Richtung
nach dem Hause eines zwar nicht vor Gottes Allwissenheit, aber doch vor
dem Scharfblick der Frau Apollonia hchst verdchtigen Mannes einschlug.

Pfarrer Ludwig, als er das zaghafte Pochen an seiner Stubentr vernahm,
lie die groe Warze in ein vergngtes Schmunzeln hinbergleiten. Nur
allweil herein! Beim Anblick seines Gastes zeigte er den Ausdruck
einer erstaunten Menschenseele. Liebes Kind? Was suchst du bei *mir*?

Die Art, wie der Pfarrer das letzte Wrtchen betonte, erzwang von Luisa
die zornige Antwort: Zum Jesunder geh ich nimmer.

Oh! Ooh! Oooh! Mibilligend schttelte Herr Ludwig den weien Kopf.
Ein Diplomat schien er nicht zu sein. Statt Luisa zu beruhigen, wie
es doch vermutlich seine Absicht war, blies er durch sein Verhalten
krftig in das Feuer ihrer Erregung.

Zum Jesunder geh ich nimmer! wiederholte sie unerbittlich. Ich tu's
nit, und mt ich auch verzichten auf jede Seelentrstung.

Kind! Was hast du gegen den Jesunder?

Hochwrden? Sie sah erschrocken zu ihm auf. Wisset Ihr nimmer, was
Ihr in meiner Kammer geredet habt zu mir?

Da sagte er mit ernstem Vorwurf: Was ich an junger Narretei hab sehen
mssen in deiner Kammer und was wir geredet haben, das war gebeichtet.
Nit? Und da liegt fr mich ein Schleier des Vergessens drauf, den keine
Menschenhand nimmer hebt. Genau so heilig wie der Beichtstuhl ist
jedes menschliche Vertrauen. Eh' man da einem redlichen Priester ein
Wrtl entreien knnt, da tt er sich lieber die Knochen aus dem Leib
herausbrechen lassen. Du tust dem Jesunder unrecht! Da seine Mutter
nit so schwerhrig ist, wie meine Schwester, dafr kann der Jesunder
nichts. Oder -- -- Kind? Du wirst doch nit glauben, da *ich* was
ausgeredet htt? Vor deinem Vater? Ohne das heftige Kopfschtteln des
Mdchens zu bemerken, sprach der Pfarrer in Erregung weiter: Nein,
liebes Kind! Dein Vater ist der wahrhafteste von allen Mannsleuten. Da
mt er im Leben zum erstenmal ein unwahres Wrtl geredet haben! Nein,
nein, nein! Das kann ich nit glauben von einem so redlichen Menschen!

Sie hatte in Hast das Gebetbuch und den Rosenkranz auf den Tisch
gelegt. So ist das nit. Da der Vater von meiner so sndhaften wie
trigen Narretei kein Fserlein erfahren hat, das hab ich gut gemerkt.
Der Vater -- Sie stockte. Und ihre Wangen fingen zu brennen an. Der
Vater glaubt was anderes von mir.

Was anderes? fragte der Hochwrdige berrascht.

Der Vater glaubt, ich htt so einen hilflosen Wirbel im Kpfl, weil
ich --

Weil du? half Herr Ludwig nach.

Weil ich dem Leupolt gutgeworden wr. Sie fgte stammelnd hinzu: Aus
Sorg und Barmherzigkeit, meint der Vater.

Um Gotteswillen! Der Pfarrer schlug die langen Hnde zusammen. Wie
kann denn so ein gescheites Mannsbild so was Unmgliches denken! Nach
diesen Worten blieb es in der weien Stube still, und Herr Ludwig
guckte verwundert drein, ganz ehrlich verwundert. Er schien eine
Antwort erwartet zu haben. Sie kam nicht. Den Kopf mit dem spanischen
Federhtl in den Nacken gepret, stand Luisa unbeweglich und sah durch
das Fenster hinauf zu einem blauen Himmelsfleck. Diesen Moment der
Ablenkung bentzte Pfarrer Ludwig zu einigem Nachdenken. Dann nickte
er: Das ist merkwrdig --

Rasch wandte Luisa die Augen. Was, Hochwrden?

Da einem das unsinnigste Ding um so glaubhafter frkommt, je lnger
man drber studiert. Es knnt wohl sein, Kindl, da dein gescheiter
Vater recht hat. Einem sonst so redlichen Buben gut werden? Ja, ja!
Aber -- *nur* aus Barmherzigkeit? Das begreif ich nit. Allweil bin ich
des Glaubens gewesen: man liebt aus Herz und Seel, aus Blut und Jugend.
Freilich, was versteh ich altes Pfarrle von solchen Sachen! Ich wei
nur, du hast zu barmherziger Sorg um den armen Buben einen Grund. Und
weil du deine heilige Barmherzigkeit nit vereinen kannst mit deiner
Treu im Glauben? Und dem Buben doch gutsein *mut*? Deswegen bist du
zu mir gekommen? Um Hilf und Rat?

Sie schttelte den Kopf. Nein, Hochwrden! In ihrer Stimme war wieder
die alte Strenge. Zwischen mir und dem anderen ist kein Weg. Da darf
ich mir einen Rat nit geben lassen.

Gut also! Soll der Bub in sein Elend rennen. Dein unverdchtiger
Vater darf sich nur warnen lassen von einem Gutglubigen. Tut's ein
anderer, der mu ins Eisen, darf Sonn und Mond nimmer schauen. So ist
es christlich. Aber gekommen *bist* du doch zu mir? Da mu ich fragen:
warum?

Schier wei ich es selber nit. Luisas Gesicht, aus dem jede Spur
von Farbe verschwunden war, bekam den Ausdruck einer qualvollen
Verzweiflung. Es hat mich halt hergetrieben in meiner Not. Mir ist so
weh ums Herz, ich wei nit, wie. Alles verdreht sich in mir.

Sooo? *Des*wegen willst du einen Trost von mir? Fr dich allein?

Sie stand wie betubt. Dann nickte sie mde.

Kind! Bevor ich dich trsten kann, mu ich wissen, ob du Vertrauen
hast zu mir? Es ist mir so frgekommen, da du nit nur ein
unbegrndetes Mitrauen gegen deinen redlichen Vater hast, sondern da
deine frommglubige Seel auch mich fr einen Verdchtigen nimmt?

Sie senkte das erglhende Gesicht.

Kindl? Ist das so oder nit? Da nickte sie ehrlich und war in diesem
schamvollen Bekennen so hold und liebenswert, da der alte Pfarrer die
Arme streckte, als mchte er das brennende Mdchengesicht zwischen
seine Hnde nehmen und zrtlich diese flehenden Augen kssen. Doch er
wurde ernst und fragte: Kind? Wer ist nach deinem Glauben unter allen,
die gelebt und gelitten haben, der Wahrhafteste und der Gerechteste
gewesen?

Sie lispelte: Unser heiliger Herr Jesus Christ.

Da denkst du, wie ich. Er legte den Arm um Luisas Schulter. Komm!
Und schau ihn an! Da hngt er an der Mauer, so schn, wie ihn dein
glubiger Vater herausgeschnitten hat aus dem Holz! Das ist lnger her,
als du lebst. Ja, Kindl, damals hat dein Vater die geschickte Hand noch
gehabt, die ihm ein ungerechtes Urteil hat wegschlagen lassen. Warum?
Weil dein Vater barmherzig gewesen ist. Weil er in seiner Gt nit
unterschieden hat zwischen rmisch und evangelisch, zwischen wei und
schwarz. Und weil er denken hat mssen: Mensch ist Mensch, und wo einer
leidet, da mu man helfen. Whrend der Pfarrer langsam diese Worte
sprach, betrachtete er Luisas Gesicht mit forschender Aufmerksamkeit.
Und pltzlich fragte er verwundert: Kind? Was tut dich erschrecken?

Luisas erweiterte Augen waren in Pein und Hilflosigkeit auf das
Kreuzbild gerichtet. Gleich einer frommen Opfergabe hingen da zwei
weie, zerschnittene Tchelchen an dem eisernen Nagel, von dem die
blutenden Fe des Erlsers durchbohrt waren.

Pfarrer Ludwig schien von einem heien Verlegenheitskummer befallen zu
werden. Ach, Gott, ich bin aber doch ein grausamer Esel! Er sprang
auf das Kreuzbild zu, packte die zwei Tchelchen, stopfte sie in die
Hosentasche und sagte betrbt: So wenig hab ich mir denken knnen,
da *du* zu *mir* kommst! Sonst htt ich doch nit die zwei weien
Fhnlein deiner Torheit aufgesteckt, wo du sie sehen hast mssen auf
den ersten Blick. Das ist mir leid.

Stumm, unter Trnen, schttelte Luisa den Kopf.

Aber ich seh doch, es hat dir weh getan, da die Tchlen dich erinnert
haben an deine gottferne Narretei. Wie ich heimgekommen bin aus deiner
Kammer, hab ich sie da hergehangen und hab zum Allgtigen gesagt:
Gelt, tu dem jungen Kindl nit verdenken, was ausgesehen hat wie ein
Kinderspott auf dein heiliges Leiden, sie hat es nit so gemeint, ihre
Seel ist fromm.

Nit, Hochwrden, unterbrach sie ihn leise, ganz verdreht bin ich
gewesen. Und die zwei Tchlen sehen mssen, das ist mir gewesen jetzt
wie eine verdiente Straf.

Jetzt sind sie doch nimmer da. Und wo sie gewesen sind -- schau, Kind,
da leg ich, um dein Vertrauen zu verdienen, meine Hand jetzt hin und
sag: Ich bin im Glauben geblieben, der ich allweil gewesen bin. Wie ich
gelebt hab, so will ich sterben: als Christ und getreuer Mensch. Ich
glaub an Gottes Gt und Gerechtigkeit, glaub an sein ewiges Walten.
Ich glaub an den Himmel und glaub an das Recht der Menschen auf Gottes
Gnad, glaub an die Pflicht der Menschen zu redlichem Leben und zu
hilfreicher Barmherzigkeit gegen Freund und Feind. Ob einer getreu ist
oder da drben steht, ich wei nit, wo -- ein leidender Mensch, da
mu man helfen. Ja, lieb Kind, das hab ich gelernt von deinem Vater.
Nach diesen ernsten Worten fragte der Pfarrer lchelnd: Ist das ein
Christentum, das dir verdchtig erscheint?

Sie schttelte den Kopf. Dann streckte sie die zitternde Hand und bat:
Hochwrdiger Herr! Tu mir verzeihen in christlicher Gt!

Verzeihen? Er streichelte ihr schnes Haar. Dir bin ich doch nie
nit harb gewesen. Allweil hab ich verstanden, wie wertvoll deine liebe
Jugend ist. Und komm, jetzt setzen wir uns zum Fenster hin! Er fhrte
sie in die helle Mauernische und stellte fr sie einen Stuhl ganz nah
an die Scheiben. Da konnte sie alles gewahren, was da drunten geschah,
in dem von weien Schneeresten bersprenkelten Hof, der zwischen der
Kirche und dem Gerichtsgebude lag. Aber Luisa wandte keinen Blick
zum Fenster; in drstendem Erwarten sah sie zum erregten Gesicht des
Pfarrers auf, der schwarz an der weien Mauer stand und in den Hof
hinuntersphte, als mte da drunten was geschehen, was er mit Ungeduld
erwartete. Schau, Kindl, eh wir reden knnen von dem Trost, den du
suchst fr dich allein, mssen wir ein bil reden von einem anderen.
Er sah das jhe Erglhen ihres Gesichtes und lchelte. Von deinem
Vater. Sie atmete erleichtert auf. Wie kommt es, Kindl, da du so
mitrulich gegen deinen Vater bist?

Man hat mir viel von ihm gesagt, worber ich hab erschrecken mssen.

Sooo? Freilich, die Graden reden grad, die Krummen krumm. Einmal, am
Knigssee, der ein Stndl von Berchtesgaden liegt, hat ein kleines Bbl
mich gefragt: >Was ist das fr ein buckliges Hufl da drauen?< Weit
du, was das Bbl gemeint hat? Den gromchtigen Untersberg. So sehen
deinen Vater die Leut, die sein mannhaftes Herz nie gesehen haben in
der Nh!

Oft redet der Vater, wie man als Christ nit reden sollt.

Sooo? Da hab ich nie was gehrt davon.

So hab ich ihn reden hren mit dem Lewitter. Scheu fgte sie hinzu:
Und oft mit Euch.

Der Pfarrer lachte, als htte dieses Wort ihn freundlich erheitert.
Mit mir? Und deswegen bin ich verdchtig worden fr dich? Aber schau,
ich versteh noch allweil nit. Was reden wir?

Lewitter und mein Vater nehmen Gottes Wort nit, wie es verkndet
steht. Sie machen was anderes draus, sie deuten es um.

Tust du denn das nit auch?

Erschrocken stammelte sie: Um aller Seligkeit willen, das tu ich nit.
Das wr eine arge Snd. Was Gott geredet hat, steht geschrieben. Das
mu man glauben, wie Gott es gesagt hat.

Wortlos betrachtete der Pfarrer eine Weile ihr heies Gesicht. Dann
sagte er leis: Wie seltsam! Wieder warf er einen raschen Blick durch
das Fenster.

Hochwrden? Was ist seltsam?

Da die anderen, die man die Unsichtbaren schimpft, genau so predigen
wie du. Die legen die Hand auf das heilige Buch und sagen: >Was Gott
geredet hat, steht geschrieben, das mu man glauben, wie Gott es
gesagt hat.< Ja, Kind! Und *du* bist doch nit irrglubig? Der Pfarrer
schmunzelte. Da mut du mir jetzt erzhlen, was im Paradies geschehen
ist, beim Apfelbaum, bevor Frau Eva, die Mutter von uns allen, sich
versndigt hat zum erstenmal.

Sie wr gehorsam geblieben, wenn nit vom Baum herunter der hllische
Verfhrer zu ihr geredet htt.

Wer? fragte Pfarrer Ludwig.

Der hllische Verfhrer.

Ooooh? Der Pfarrer griff zu seinem Schreibtisch hinber, nahm ein
kleines dickes Buch, schlug es auf, sphte durch das Fenster, las mit
lauter Stimme den lateinischen Text des Sndenfalles und schttelte den
Kopf. Kind, auf mein Latein versteh ich mich. Da find ich kein Wrtl
vom hllischen Verfhrer. Da steht: die *Schlange*.

Das ist er ja doch gewesen!

Wer?

Der hllische Feind!

In Gottes Wort, da heit es: die *Schlange*! Aber schau, lieb Kind,
ich denk wie du. Wir zwei, wir wissen, da Schlangen nit reden knnen.
Drum deuten wir das Gleichnis der Falschheit um, machen was anderes
draus, was wir verstehen, und sagen: der hllische Feind und Verfhrer.
Aber was wir selber tun, mein Kind, das drfen wir doch den anderen nit
zum Frwurf machen? Pltzlich, wie von Kummer befallen, sah Pfarrer
Ludwig durch das Fenster hinaus und flsterte: Ach, Gott! Der gute,
schuldlose Bub!

Erblassend, von einem Taumel der Verstrung befallen, sprang Luisa zum
Fenster hin. Der Pfarrer streckte erschrocken die Arme: Vom Fenster
weg! Das sollst du nit sehen! Das tt dich schmerzen.

Sie klammerte die Hnde um den Fensterriegel, prete die Stirn an das
geriefelte Glas und atmete schwer. Was da drunten geschah, war deutlich
zu erkennen, obwohl es verkrmmt wurde durch die Rippen des Glases:
zwischen einem lrmenden Leuthaufen fhrten zwei Fronknechte den Jger
Leupolt Raurisser vom Gerichtsgebude zum Gefngnis hinber. Er trug
die gekreuzten Fuste hinter dem Rcken. Nun verschwand der lrmende
Schwarm, und der Hof da drunten war wieder leer.

Luisa wandte sich langsam vom Fenster ab und tastete gegen den Pfarrer
hin. Das darf man doch nit geschehen lassen! Das tt ein Unrecht sein!

Unrecht! klagte der Pfarrer und schritt mit seinen langen Beinen
aufgeregt durch die Stube. Unrecht! Freilich ein Unrecht! So deutest
du es aus mit deinem guten Herzen. Aber da ist der Muckenfl! So ein
Rindvieh und Kummer Gottes! Und der Landrichter mit der Sauermilch im
Gehirn. Der macht aus einer redlichen Sach das Gegenteil und wirft den
schuldlosen Buben in Schand und Eisen. Und sagt: dem mu man den jungen
und schmucken Leib zermartern! Den mu man zerbrechen an Herz und Seel!
Blo weil er als Mensch barmherzig gewesen ist und nit leiden hat
mgen, da man ein Unrecht verbt an deinem schuldlosen Vater. Tu mich
nit falsch verstehen, Kind! Mich erbarmt der Leupolt nit. Er sah den
Zorn auf ihrer Stirn und beteuerte: Was geht mich der Leupolt an? Der
steht da drben. Ich denk wie du, lieb Kind! Aber Unrecht ist allweil
ein Ding, das den Gtigen am Kreuz da droben traurig macht.

Der zarte Krper des Mdchens schien zu wachsen und ihre Stimme bekam
einen schrillen Klang. Man darf so ein Unrecht nit geschehen lassen.
Da mu man helfen!

Helfen? Wer denn? Du vielleicht? Geh, sei verstndig, Kind! Du willst
doch nit gar hinberlaufen zum Richter? Du? Ein verzagtes und mutloses
Mdel? Das tt ich verhindern mssen. Und schau, was ttst du dem
Richter sagen? Ich wt nit, was.

Jetzt wurde ihre Stimme ruhig und rein. Ich tt ihm sagen, was wahr
ist! Da der Leupolt den Vater nit gewarnt hat aus Ungehorsam wider die
Obrigkeit.

So? Nit? Und warum denn sonst?

Er hat's getan --

So sag's doch! Sag's!

Blo weil er mich lieb hat.

Aber Kind, tu triges! Wahr ist's freilich, tausendmal wahr! Der hat
dich lieber als Vater und Mutter, lieber als Augen und Leben. Aber
da er da drben steht bei den Verdchtigen? Das darf man doch nit
vergessen.

Mit erregter Strenge sagte sie: Ein Mensch ist allweil ein Mensch.

Freilich, freilich, aber ich wei doch, wie so ein dummes Mdel ist!
Da knnt der beste von allen Buben um ihretwegen versterben mssen --
von Liebhaben und ser Vertraulichkeit, vom Heimgart, zu dem er htt
kommen mgen, von Spinnrdl und Haustr, von so was redet doch ein
Mdel nit vor dem Richter. Auch nit das redlichste und tapferste. Da
mu man rot werden, verlegen und geschmig sein! Da mu man --

Hochwrden! In Luisas Augen war ein Glanz, wie in den Stunden, in
denen sie betete. Da kennt Ihr die redlichen Mdlen schlecht. Sie
nahm ihr Buch und den Rosenkranz. Bei der Tre wandte sie das Gesicht.
Den Trost, um den ich gekommen bin fr mich allein, den hol ich ein
andermal. Jetzt mu ich zum Richter. Ruhig wehrte sie mit der Hand,
weil der Pfarrer eine Bewegung machte, als mchte er sie festhalten.
Das mu ich tun. Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter
Marie!

In Ewigkeit Amen! antwortete Pfarrer Ludwig mit einer Stimme voll
inniger Zrtlichkeit. Er sah die Tr an, lachte vor sich hin und kam
berraschenderweise zu einem hnlichen Urteil, wie es Frau Apollonia
Jesunder ber Luisa abgesprochen hatte. Nur der Klang war ein anderer.
Du liebes Gnsl! Lauf nur! Und lauf durch Schmerzen hinein in dein
junges Glck!

Aus der anderen Tr der Stube schob Schwester Franziska den Kopf
heraus, mit Sorge in den Augen. Der Pfarrer sah sie an und sagte
heiter: Schwester! Wrst du nit taub wie ein Ofenloch, so ttst du
mich jetzt fr einen argen Komdianten halten, nach einem Stndl, in
dem ich fr ein leidendes Menschenkind ein hilfreicher Priester war.
Franziska verstand nicht, aber sie atmete auf, weil sie den Bruder
lachen sah. Er trat auf sie zu, legte ihr die Hand auf die Schulter
und schrie ihr ins Ohr: Vor sieben Jahr, wie wir ausgezogen sind aus
der Stiftspfarrei? Ist da nit ein kleines Kistl dagewesen, mit alten
Schlsseln? Geschftig nickte die Schwester, lief davon und war von
einer Sorge befreit, ohne zu ahnen, da sie zur Mithelferin einer
Heimlichkeit wurde, bei der ihr hochwrdiger Bruder, weil er menschlich
empfand, um Ehre und Freiheit spielen mute.




Kapitel XII


Im groen frostigen Flur des Richterhauses standen viele Leute, die
ihrem Verhr entgegenbangten. Alle Verwandten der Hasenknopfin waren
da, Bauern und Weiber von Unterstein und von der Wies. Simeon Lewitter
stand bla in einer Fensternische. Nun wurde er vorgerufen. Whrend
er sich zur Richterstube hinzappelte, trat Meister Niklaus heraus.
Der hatte eine rote Stirn, aber ruhige Augen; ohne ein Wort zu sagen,
trstete er den Freund durch ein aufmunterndes Blinzeln und durch das
verabredete Zeichen dafr, da Leupolt kein Wort gesprochen hatte, das
die Freunde belastete. Pfarrer Ludwig hatte das richtig vorausgesagt:
Auf uns wird sich der grade Bub nit ausreden. Wird nur sagen: er hat
uns fr schuldlose Leut gehalten, und drum hat er uns warnen mssen.
ber das Mdel schnauft er keinen Laut. Nur ber sich selber wird er
die Wahrheit sagen, die ihn verllich ins Eisen bringt. Bei jedem
redlichen Wrtl wird die Sauermilch auf dem Richterstuhl glauben: Das
ist gelogen! -- _Sancta justizia!_

Simeon Lewitter trat in die Richterstube, und Meister Niklaus schritt
durch den langen Flur der Haustr zu, ohne der aufgeregten Mnnergruppe
zu achten, in deren Mitte eine halb von Schmerz erwrgte, halb
wunderlich verzckte Stimme zu hren war. Die Zeugen, die ber das
schwarzweie Doppeltdchen auf der Schwelle des Chorkaplans Jesunder
etwas auszusagen hatten, die Musketiere, Lakaien und Jgerknechte
standen um den Christl Haynacher herum, der immer vom heiligen Sterben
seines Weibes erzhlte. Das war in ihm zu einem Rad geworden, das
mit eisernen Zhnen die verstrte Seele des Christl gefat hatte und
nimmer loslie. Die aufgeregte Leutgruppe, die ihm zuhrte, schied sich
deutlich in zwei Parteien: in eine solche, die sich ber den Christl
rgerte oder ber ihn lachte, und in eine solche, die schweigend
lauschte, mit heiem Glanz in den Augen. Allweil bin ich ein
Gutglubiger gewesen! klang die bebende, von einem fast unheimlichen
Unterton durchfieberte Stimme des Christl. Nie hab ich mich arg
versndigt, Leut, und trotzdem bin ich elend worden an Leib und Seel.
Und mu mein Herz auseinanderreien in vier Viertelen, in eins fr mein
gottseligs Martle --

Gottselig? unterbrach ihn von den Musketieren einer. Als
Gutglubiger mut du sagen: verflucht auf ewig. Hat man nit das
verbotene Teufelsbuch gefunden in ihrem Bett?

Christl Haynacher hob die Arme. Wahr ist's, Leut! Aber ein Weibl, das
so gottselig gestorben ist, wr wieder rechtglubig worden, wenn's noch
leben htt drfen! Da glaub ich dran, so fest, wie ich glaub, da mein
Weibl im Himmel ist.

Eine Stimme lachte: Im Himmel, ja, wo man die Leberwurst mit Schwefel
schmlzt! Viele von den anderen, die bisher schweigsam geblieben,
schalten den groben Sptter. Und Christl Haynacher mahnte: Nit
streiten, Leut! Auf der Welt mu Fried werden. Gtigkeit mu mithelfen,
da die verloffenen Seelen wieder heimfinden zur heiligen Mutter.
Freilich, da drf man die Leut nit an Weihnchten aus der Kirch
jagen. Und htt man nit meiner Martle auf ihren gesegneten Leib einen
Sto gegeben, da eins von ihren lieben Kinderlen hat schwarz werden
mssen unter ihrem gottseligen Herzl -- Seine Trauer erwrgte, was
er sagen wollte. Geleitet vom Feldwebel Muckenfl kam Lewitter aus
der Richterstube, huschte flink wie ein Wiesel davon und war schon
verschwunden, noch ehe Christl Haynacher die verlorene Stimme wieder
fand. Meine Martle hat leiden mssen, rger als ein vergrabenes Leben
unter hausgroen Steinbrocken. Aber nit ein einziges Zornwrtl hat sie
dawider gehabt, da man sie gepeinigt hat bis auf den Tod. Und wie sie
sterben hat knnen, ihr guten Leut, das ist gewesen wie ein schnes
Wunder. Allweil ist Gott ein Trost fr die Seinen, hat sie gesagt.
Und wie der Schnee im Frhling wegrutscht von den Berghalden, so ist
der Wehdam abgefallen von ihrem gemarterten Leib. In den Augen hat
ihr ein Glanz gebronnen, so heilig, als tt sie das Himmelreich offen
sehen. Glaubet mir, Leut, so fromm und schn ist nie noch ein Bischof
und Papst gestorben. Wr das Martle nit droben im Himmel, so wr der
Tag nimmer Tag. Der Singvogel mt ein Kfer in der Mistgrub sein. Und
einer wie ich, so ein Elendsbrckl, ich wr ein vergngtes Mannsbild
mit drei gutgetauften lebendigen Kinderlen und einem lustigen Weibl,
das tanzen geht, hoppsa und huiserla -- Der Christl nahm den Kopf
zwischen die Fuste und brach in Schluchzen aus.

In dem Schweigen, das ihn umgab, klang es streng von der Richterstube
her: Was ist denn das _in loco hujus_ fr ein frlauter Subjektivus?

Schauet, ihr christlichen Leut, mein gottseliges Martle --

Not und Sakeramentum! Muckenfl stie den Sbel auf die
Steinfliesen. Wird der Subjektivus bald _silentium_ observieren und
das Maul halten?

Christl Haynacher guckte drein wie ein aus frommen Trumen zu bsem
Leben Erweckter. Er nahm die Kappe herunter. Guter Herr, ich tu
doch blo von meiner Martle erzhlen! Das kann mir doch keiner nit
verbieten. Von christglubigen Sachen mu man doch reden drfen?

Gegenber diesem unerwarteten Widerstand versagte dem Feldwebel die
Kanzleisprache. Kummervoll erklrte er in makellosem Deutsch: Da
mu man einschreiten! und trat in die Richterstube. Das war ein
weigetnchter, von Spitzbogen berwlbter Raum mit braunem Holzgert.
Frher hatte die weie Mauer ein groes Gemlde des Jngsten Gerichtes
getragen. Der neue Landrichter hatte das Bild bertnchen lassen,
weil er der Meinung war, da es die Schuldlosen verzagt mache und die
verlogene Vorsicht der Verbrecher schrfe.

Auf der Zeugenbank, neben der blassen Mutter Agnes, sa der Mlzmeister
Raurisser, ein festgezimmertes Mannsbild, das angenehm nach der
Bierpfanne roch und das Aktengemuffel der Richterstube durch einen
Duft von gersteter Gerste milderte. In dem braunen Gesichte waren die
Zornadern an den Schlfen merklich verdickt. Aber trotz aller Sorge um
den zu Pfahl und Eisen verurteilten Sohn schien der Mlzmeister vor
dem Richter und der ihm innewohnenden Gefhrlichkeit einen scheuen
Respekt zu haben. Unbeweglich sa er auf der Bank und hielt mit der
Linken die rechte Hand der Frau Agnes umklammert, die in Tapferkeit
und Erbitterung um den Sohn gekmpft hatte. So oft sie sich rhrte,
klammerte der Mlzmeister die Faust noch fester um ihre Hand, wie in
Sorge, da sie wieder etwas Aufreizendes sagen mchte. Augenscheinlich
war er kein Menschenkenner, auch gegenber seinem Weibe nicht, mit
dem er seit einem Vierteljahrhundert im gleichen Bette schlief. Frau
Agnes bot nicht den Anblick, als wre sie zu weiterem Widerspruch
entschlossen. Freilich sah sie den Richter unablssig an, aber nicht
mehr in Angst, sondern auf eine Art, als wre dieser wrdevolle,
schwarzgewandete und weigelckelte Herr fr sie etwas vllig
Unbegreifliches und ein Gegenstand des tiefsten Ekels geworden.

Hinter erhhtem Tische, auf dem zu beiden Seiten eines Kruzifixes viele
dickbuchige Bcher lagen, sa der Richter in wrdiger Haltung neben
dem Schreiber, dem er mit groem Aufwand lateinischer und franzsischer
Worte den Schlu eines Protokolls diktierte. Zwischen den gepuderten
Haarschnrkeln der umstndlich gedrechselten Rohaarpercke stach
ein hageres Gesicht heraus, mit runden, kleinen, schwarzglnzenden
Spitzmausaugen. Die Zahl der Jahre, die dieser Richter auf seinen
schmalen Schultern trug, war schwer zu erraten. Er hatte was Kindliches
und dennoch etwas Greisenhaftes, in jener rtselvollen Mischung,
die stets in der innigen Ehe eines unbegrndeten Selbstbewutseins
mit beklagenswerter Geistesarmut erzeugt wird. Das war der neue
Landrichter, fr die Leute zu Berchtesgaden eine halb beklemmende, halb
lcherliche Person, die von Amts wegen das unverantwortliche Recht
besa, jede Wahrheit als Lge, jede Lge als Wahrheit zu erkennen und
ihre tgliche Unheilsration zum Schaden der Menschheit anzustiften.
In seinem Privatleben ein harmloser, vielleicht sogar ein ehrenwerter
Mensch, wurde er in Ausbung seines Berufes eine um so gefhrlichere
Amtsbestie, je mehr er von der Unfehlbarkeit seiner richterlichen
Entscheidungen berzeugt war. Ein Gleichnis fr seine Justizmethode war
die Form, zu der er seinen winzigen Namen aufblies. Jeder vernnftige
Mensch des gleichen Namens htte sich >Ring< geschrieben. Der
Landrichter _Dr._ Willibald hatte dazu vier berflssige Buchstaben
ntig und schrieb sich >Hringghh<. In gleicher Weise formte er seine
Urteile. Gewi, er suchte die Wahrheit mit Beflissenheit. Aber er fand
sie nicht. Fr seinen Scharfblick verwandelten sich alle Dinge ins
Gegenteil ihres Wesens.

Bei dem verstaubten Gerichtsformalismus einer Zeit, die den _Dr._
Willibald Hringghh als juridische Migeburt erzeugte, leider als
eine nach der Geburt lebendig gebliebene, konnte ein Irrtum zuweilen
auch einem guten Richter widerfahren. Unter dem Heiligenschein der
Daumschrauben erschien vor dem Richtertische nichts so unwahrscheinlich
als die Wahrheit, nichts so glaubwrdig als ein mit Ruhe geschworener
Meineid. Aber bei guten Richtern wurden die Fehlgriffe zu Ausnahmen,
bei _Dr._ Willibald mit den vier berflssigen Buchstaben -- bei
diesem wrdigen Enkel der Hexenrichter, die ein unmndiges Mdelchen
stundenlang ber das _Semen frigidum_ des Teufels inquirieren konnten
-- trat der Irrtum als bengstigende Regel auf. Wer vor seinen
Richterstuhl berufen wurde, dem konnte man voraussagen: Du sprichst
die Wahrheit, dein Fall ist klar, du bist im Recht, also wirst du
verurteilt werden. Die Herren des Stiftes kannten ihn. Immer nannte
ihn der Frstpropst mit lchelnder Gnade: Unser getreues Justizkamel!
Und lie ihn weiter amtieren. Diese Duldung seiner Oberen war das
grere Verbrechen als die bedauerliche Snde, die eine unbegreifliche
Schicksalsfgung dadurch beging, da sie dem Lande Berchtesgaden dieses
richterliche Ksgehirn als schdliche Laus in die Lebenswolle setzte.

Neben diesem Richter stand als ein ihn geistig berragender Gehilfe
der Feldwebel Muckenfl und schnaufte sehr aufgeregt. Solange der
Landrichter diktierte, mute Muckenfl schweigen. Als der Streusand
rieselte, fing der Feldwebel gleich zu kanzleieln an: Euer Hoch-Ehren!
Rapportiere subordinaliter, da da drauen _in loco hujus_ ein
Subjektivus befindlich ist, der _vulgo_ Haynacher, der das schwarzweie
Monstrum hat produzieren helfen, und de nit genug, reit er
impertinalimentisch den Brotladen auf, rsonnieret wider den Papst und
macht mit landsverrterischen Rumoribus die Population im Glauben irr.
Das hat mein eigener _ego ipsus in loco hujus_ observieren mssen.

Der magere Hals des Landrichters verlngerte sich, und weier Puder
nebelte ihm auf die schwarzen Schultern herunter. Er machte eine
winkende Handbewegung und wollte sprechen. Da klang eine erregte
Mdchenstimme im Flur, die Tr wurde aufgerissen, und Luisa im grnen
Mantel, den der Luftzug auseinanderwehte, stand atemlos auf der
Schwelle der Richterstube.

Ein leiser Laut, halb Schreck und halb Freude, fuhr ber die Lippen der
Mutter Agnes.

Erstaunt und unwillig betrachteten die kleinen Spitzmausaugen des
Richters das junge Mdchen, das nach Atem rang. Was aus Luisas
angstvollen und dennoch wundersam frohen Augen redete, aus der
wechselnden Glut und Blsse ihres Gesichtes und aus dem Zittern ihrer
Hnde, von denen die eine das kleine Gebetbuch und die andere den
Rosenkranz an der kmpfenden Brust umklammert hielt, war menschlich
so klar und leichtverstndlich, da es der Richter mit den vier
berflssigen Buchstaben miverstehen *mute*. Nach seiner Meinung
war der Schuldlose immer ruhig, immer mit der Fhigkeit begnadet,
sich zu beherrschen. Jede Erregung erschien ihm als verdchtig, als
Zeichen eines befleckten Gewissens. Er machte den Hals noch lnger,
und deutlich war es an der Runzelbildung seiner niederen Stirn zu
verfolgen, wie sich im Lakrizentopf seines Unverstandes die Umwandlung
des ersten Staunens zur Ahnung einer verbotenen Sache vollzog. Mit
strenger Wrde richtete er an Muckenfl die Frage: Wer hat diese
verdchtig aufgeregte Jungfer citiert?

Ehe der Feldwebel antworten konnte, trat Luisa an den Tisch und
stammelte: Herr Richter! Ich hab gesehen, da man den schuldlosen
Leupolt zum Eisen fhrt. Da mu ich Zeugschaft geben fr ihn --

Eine erledigende Handbewegung. Fein lchelten die berflssigen
Buchstaben und lieen nur die eine Silbe vernehmen: Ssssso?

Die hoheitsvolle Klte dieses Lautes schien wie Eiswasser ber Luisa
hinzustrmen. Herr Richter --

Wieder jene Handbewegung, etwas krftiger. Augenblicklich besitze ich
fr formwidrige Dinge kein Ohr. Die aufgeregte Jungfer wird deponieren,
wenn man sie zitieren und inquirieren sollte.

Herr Richter? flehte Luisa verstrt. Ist es fr die Wahrheit nit
allweil Zeit?

Nein. Jedes Ding _secundum juris regulam_. Nach der dubiosen Weisheit
uncitierter Zeugen, auch wenn sie in Kenntnis irgendwelcher Wahrheit
sich befinden sollten, wird nicht entschieden vor Gericht. Vor allem
mssen die Formalitten des Prozeverfahrens observiert werden.

Herr Richter? Luisas erschrockene Augen erweiterten sich. Steht die
Unschuld eines Menschen nit hher --

Nein! unterbrach er sie. Deshalb wird die Jungfer sich jetzt
entfernen. Ich erkenne ihre unzulssige Voreingenommenheit fr den
Inkulpaten und bezweifle, ob man sie berhaupt zur Zeugnislegung
berufen wird.

Sie stammelte: Aber guter Herr Richter! Da mu doch ein Irrtum --

Irrtmer vonseite der Gerechtigkeit, der ich diene, sind
ausgeschlossen. _Dr._ Willibald wollte die Feder in die Tinte tauchen,
irrte sich und fuhr mit dem Kiel in die Streusandbchse.

Aber Herr! Ich bin's doch gewesen, mit der in selbiger Nacht der
Leupolt geredet hat! Ich bin doch die einzige, die wei --

Wieder unterbrach er sie: ber den Glauben, der einem Zeugen zu
schenken ist, entscheidet weder die Tatschlichkeit der Ereignisse,
noch die persnliche Qualitt des zeugenden Subjekts, sondern einzig
und allein meine richterliche Rson. Punktum! Zu diesem Worte
des Richters machte Feldwebel Muckenfl erfreut die Bewegung des
Streusandschttens. Die dnne Stimme des _Dr._ Willibald verschrfte
sich: Sollte sich die Jungfer nach dieser Aufklrung nicht entfernen,
so werde ich sie durch eine Amtsperson zur Tr expedieren lassen. Er
vertiefte sich in die Durchsicht des Protokolls, das er vor einer Weile
dem Schreiber diktiert hatte.

Luisa stand wie betubt und sah den Tisch der Gerechtigkeit so ratlos
an, als wre sie in eine unverstndliche Welt geraten, die ihr so
schreckhaft wie unmglich erschien. Da legte sich ein Arm um ihre
Schultern, und als sie aufblickte, sah sie das blasse Gesicht und die
guten Augen der Mutter Agnes. Geh, lieb Kind! sagte die Mlzmeisterin
leise. Der liebe Gott wird wissen, warum er's duldet. Ich will meinem
Buben sagen lassen, da du reden httst mgen fr ihn. Da wird es ihm
leichter werden, wenn er leiden mu. Gott ist mit uns, lieb Kind, drum
drfen wir nit verzagen.

Das Mdchen sah erschrocken den Feldwebel Muckenfl an, der nach einem
Wink des Richters auf sie zutrat. Jesus -- Mit der Hand, die den
Rosenkranz zwischen den zitternden Fingern hatte, tastete Luisa ins
Leere. Dann verlie sie bleich und wortlos die Richterstube. Menschen
und Mauer, Licht und Dunkel, alles schwamm ihr vor den Augen. Wie
im eintnigen Gerusch des Regens das Hmmern einer Traufe klingt,
so hrte sie in dem schwirrenden Lrm eine fiebernde Stimme rufen:
Da gibt's kein Verbieten nit! Was wahr ist, mu einer sagen drfen.
Und tt mein gottseligs Weibl nit im Himmel sein, so tt ich einen
Misthaufen heien, was Gerechtigkeit ist. Mein Weibl ist so heilig und
fromm gestorben --

Die Stimme erlosch. Ein schweres Keuchen, ein hartes Klappern
genagelter Schuhsohlen. Dann die gemtlich klingende Rede: Gelt, du
Subjektissimus, jetzt kannst du _silentium_ observieren!

Luisa trat in die Morgensonne und prete den Arm ber die vom
Himmelslicht geblendeten Augen. Dann schritt sie gegen die Marktgasse
hinber, immer schneller, und schlielich fing sie zu laufen an, da
ihr ein paar Leute verwundert nachsahen. Nicht viele. Obwohl es in der
Marktgasse von Menschen wimmelte. In aufgeregten Gruppen standen Weiber
und Mnner beisammen. berall war lauter Zank oder scheues Gewisper,
grollendes Wortknirschen oder erbitterte Schimpferei. berall klangen
die gleichen Worte: schwarz und wei, Heil und Verdammnis. Und immer
wieder die vier Namen: Haynacher, Hasenknopfin, Lewitter und Leupolt.

Als Luisa ihres Vaters Haus erreichte, glich sie einem Menschenkind,
das vllig von Sinnen ist. Sie hrte nicht den Sorgenschrei der Sus. An
der blonden Magd vorber, tastete sie gegen die Werkstatt ihres Vaters
hin.

Meister Niklaus stand bei seiner neuen Arbeit und legte, als er sein
Kind so kommen sah, erschrocken die beinerne Spachtel fort, mit der er
gebosselt hatte an dem roten Wachs. Um Gotteswillen! Kind? Was hast
du?

Sie sah nicht die schne Morgensonne in dem groen Raum, sah nicht die
werdende Arbeit ihres Vaters: diese schlanke von Schmerz und Sehnsucht
bewegte Gestalt eines jungen, arm gekleideten Weibes, das mit seitwrts
gebreiteten Armen wie angeschmiedet an einer halb zertrmmerten Mauer
steht und den drstenden Blick nach oben richtet. Nur das Gesicht des
Vaters schien Luisa zu sehen, nur seine Augen. Und als er das spanische
Htl von ihrem Scheitel nahm und den Rosenkranz aus ihren zuckenden
Fingern lste, fragte sie mit erwrgter Stimme: Vater, was ist
Gerechtigkeit?

Eine Weile sah er sie prfend an. Dann antwortete er mit ruhigem Ernst:
Das kann ich dir nit sagen, Kind. Allweil hab ich an sie geglaubt,
allweil hab ich sie gesucht auf Erden. Schau her, was ich gefunden
hab. Er streckte den Arm mit der hlzernen Hand.

Ihre Augen wurden gro. So stand sie zitternd. Und pltzlich mute
sie schreien in ihrem Schmerz. Und sah, wie ihr Vater erschrak. Unter
rinnenden Trnen stammelte sie: Du bist gut! Schluchzend hing sie an
seinen Hals geklammert. So viel mitrulich bin ich gewesen! Tu mir
verzeihen, Vater! Ich will dein treues Kind sein. Wie du auch deutest
und redest, ich glaub an dich und ich hab dich lieb. Ihre Stimme
erlosch, und eine Schwche schien sie zu befallen.

Er hob sie auf seine Arme. Glck und Sorge wirrten sich im Klang seiner
Worte durcheinander: Sus! Sie mu verkrankt sein in der eisigen Kirch.
Am Morgen hat sie kein Brsl gegessen. Schnell, liebe Sus! Das Kindl
mu gleich was Krftiges haben. Er trug sie ber die Treppe hinauf, in
ihre Kammer.

Die Sus rannte wie verrckt in die Kche, schrte das Feuer und
schaffte, als mchte sie jede Minute zur Sekunde machen. Und wie ein
Husch mit dem dampfenden Schsselchen ber die Stiege hinauf. Unter
der Kammertre nahm ihr der Meister die Suppe ab und sagte frhlich:
Vergeltsgott, gute Sus! Das ist gegangen als wie gezaubert. Er sah
nicht das glckliche Leuchten in den Augen der Magd, sah nur das
zinnerne Schsselchen an und trug es auf vorgestreckten Hnden zum
Bett seines Kindes. So, liebs Weibli, jetzt komm und i.

Luisa richtete sich in den Kissen auf. Noch brannten ihre Augen vom
Weinen, noch schimmerte die Feuchtigkeit der Trnen auf ihren Lippen.
Aber ruhig war sie, ganz ruhig. Und als sie das qualmende Schsselchen
auf dem Scho hatte, sah sie mit einem wunderlich vertrumten Blick
zu ihrem Vater auf. Es ist dir in den Augen, wie freudig du sinnest
an deiner Arbeit. Das tust du mir jetzt zu lieb, gelt ja, und tust um
meinetwegen nimmer Zeit verlieren?

Er beugte sich zu ihr nieder, kte ihr Haar, und als wr' sie eine
Schlafende, ging er auf den Fuspitzen aus der Kammer. In der Werkstatt
stand er lange unbeweglich. Immer lchelte er und betrachtete sein
Werk. Sich reckend, rief er ber die Schulter: Sus!

Gleich war sie da. Soll ich den lichtblauen Kittel antun?

Nit ntig! Wie irdischer du bleibst, so besser. Stell dich dort an
die sonnige Mauer hin! Schau her da, so! Er deutete auf das rote
Wachsfigrchen.

In scheuer Freude betrachtete Sus das neue Werk und wute nicht, da
sie schon einmal an der Wand gestanden. So! Fast eine Stunde hielt sie
unbeweglich aus. Und Meister Niklaus arbeitete so leicht und flink,
als wre seine hlzerne Hand wieder Bein und Blut geworden. Man sah
es ihm an, wie ihn nach der glcklichen Wandlung, die er an seinem
Kinde wahrgenommen, nun auch die Freude an seinem werdenden Werke neu
belebte. Pltzlich machte Sus eine erschrockene Bewegung, hob lauschend
den Kopf, sprang zum Ofen hin und warf sich auf die Knie, als mte
sie das niedergebrannte Feuer schren. Auch Meister Niklaus hatte den
Schritt seines Kindes vernommen und sagte leis: Da mut du nimmer
erschrecken, Sus! Dem Kindl gehen die Augen frs Leben auf. Da wird sie
begreifen, was sie gestern noch nit verstanden htt. Er dachte bei
diesen Worten nur an seine Arbeit, die des lebenden Vorbildes nicht
entbehren konnte. Da die Maria der Verkndigung nach dem Krper der
Magd gebildet war, das hatte er vor Luisa immer verheimlichen mssen;
sie htte ihm das in ihrem Klosterglauben als schwere Versndigung
angerechnet. Doch Sus schien aus den Worten des Meisters etwas anderes
herausgehrt zu haben. In ihren Zgen war der Ausdruck einer mden
Qual, und heftig schttelte sie den Kopf, wie um zu sagen: das wird sie
nie verzeihen.

Luisa trat ein. Sie trug ein ziegelfarbenes Hauskleid, das sich lind an
ihren Krper schmiegte. Als sie die Magd beim Ofen sah, ging sie rasch
zu ihr hin und sagte mit warmer Herzlichkeit: La *mich* das tun,
liebe Sus! Alles, was dem Vater freundlich ist, will ich schaffen.
Stumm erhob sich die Magd und verlie die Werkstatt. Achtsam legte
Luisa die Scheite in den Ofen. Ein Krachen und Prasseln, das Rauschen
der erwachenden Flamme. Jetzt wirst du nimmer kalt haben, Vater! Er
sah in Freude zu ihr hinber. Sie trat an seine Seite und betrachtete
das neue Werk. Eine seltsame Erschtterung befiel sie, und etwas tief
Innerliches war in ihrer leisen Stimme, als sie sagte: Das redet mir
heilig in die Seel. Schaut man es an, so mcht man weinen und mu sich
doch freuen dran.

Ein frohes Aufatmen ihres Vaters. Dann wird es, wie es sein mu.

Sie hob die Augen. Aber da ist kein Engel nit?

Eine Verkndigung soll das nit werden.

Eine christliche Blutzeugin?

Auch nit.

Eine Heilige?

Kann sein. Ein Lcheln huschte um seinen Mund. Es gibt doch eine
heilige Kmmernis? Da kann's auch eine heilige Sehnsucht geben.
Vielleicht auch eine heilige Menschheit. Was ich da machen hab mssen,
das ist mir ein Bild des irdischen Lebens, das allweil leidet, allweil
glaubt und in Sehnsucht allweil auf Erlsung hofft. Lang mu man
harren. Einmal kommt sie.

Luisa sah den Vater an, als htte sie den Sinn seiner Worte nicht ganz
verstanden. Wieder betrachtete sie das rote Wachs, diese von Qual und
Erwartung durchglhte Frauengestalt. Wie eine Trumende flsterte sie:
Ja, Vater, das ist wahr! Die Erlsung ist vom Kreuz zu den Menschen
heruntergestiegen. Und allweil wieder kommt sie. Sonst tt man nimmer
glauben knnen. Ein leises Aufatmen. Ich glaub, da der gndigste
Frst gerecht ist und einen Schuldlosen begnaden mu. Sie schlang die
Hnde ineinander und stand unbeweglich.

Bei der Stille, die in der sonnigen Werkstatt war, hrte man von ferne
her ein rasselndes Gerusch -- den Hall der Polizeitrommel.




Kapitel XIII


Wo der Platz vor dem Leuthaus sich hinberbog in die Marktgasse,
war ein schweigsames Leutgedrnge. Frauen und Mdchen guckten aus
allen Fenstern heraus. Die Trommel rasselte. Und der Feldwebel des
Pflegeramtes, begleitet von vier Soldaten Gottes, verkndete den
Lauschenden: Zum ersten, da jeder Untertan, so vom Aufenthalt der
Hasenknopfischen Menscher, wie von der verbotenen Auerlandsfahrt des
irrglubigen Hasenknopf in geringster Kenntnis wre, dies unversumt,
zur Vermeidung geziemender Straf, der Obrigkeit bekanntgeben msse.
Zum anderen, da die Untertanen, ausgenommen den sonntglichen
Kirchgang, jede Rottierung auf der Strae, wie jedes Herumtragen von
Unruh erzeugenden Redereien unter Androhung dreitgiger Inhaftierung
zu vermeiden htten. Zum dritten, da nach gerechtem Spruch der Jger
Leupolt Raurisser wegen Ausschwtzung eines geheimen Amtsbefehls
zu Pfahl und Eisen gesprochen wre und kommenden Sonntags nach dem
Hochamt seine schuldige Bu _in loco hujus_ vor aller Leut Augen und
zu wohlmeinender Warnung der Population erleiden wrde. Die Trommel
rasselte. Und die frsorgliche Obrigkeit bewegte sich weiter. Das
Leutgedrnge rann auseinander. Die Mannsleute blieben stumm. Man sah
nur manchmal ein mdes Lcheln oder einen zornfunkelnden Blick. Von
den Fenstern verschwanden die Frauenhauben und die Mdchenschpfe, die
Strae wurde fast leer von Erwachsenen und blieb nur ein Spielplatz
der heiteren Kinder. Berchtesgaden war an diesem khlsonnigen
Hornungstage anzusehen, wie die Heimat des schnsten Landfriedens.
Dennoch sprangen Mimut und Erbitterung, Aberglaube und Geflster,
Klatsch und Anklage, Scheu und Hoffnung von Haus zu Haus.

Fr die wachsamen Augen der Obrigkeit blieb alles ein Unsichtbares.
Bewegung, die ihr sichtbar wurde, herrschte nur im Hausflur des
Landgerichts. _Dr._ Willibald Hringghh war sehr beschftigt. Ruhelos
hatte er Protokolle zu diktieren und Streusand zu bewegen. Um vor dem
gefhrlichen Richter als dienstwillig zu erscheinen, kamen viele,
die von den Hasenknopfischen was zu wissen glaubten. Jene, die etwas
wuten, blieben aus. Als der Landrichter gegen Abend das Ergebnis der
aufgenommenen Protokolle revidierte, trat der seltene Fall ein, da er
scharf eine Wahrheit erkannte: Schier sechzig Bogen! Und nichts steht
drin. Zur Beendigung seines staatsbeschtzenden Tagewerkes erteilte er
noch die menschlich angehauchte Ordre: den Christl Haynacher aus der
Verwarnungshaft zu entlassen.

Seit dem Morgen hatte der stummgewordene Verknder vom heiligen
Absterben seines Weibes jene billige Wohnung genossen, in der nicht
Mond, noch Sonne scheint. Als ihm nun in Milde gestattet wurde, das
schwindende Abendlicht zu erblicken, begriff er das ebenso wenig, wie
er verstand, da jedes Wort ber den frommen Tod seiner gutglubigen
Martle ein Verbrechen wre, fr das er, wenn er es nur ein einzigesmal
noch beginge, so schwer wie fr Diebstahl oder Brandstiftung zu ben
htte. Sein Gesicht war bleich und sonderbar verndert, in seinem
unruhigen Blick war eine Mischung von Zorn und Trauer, von Angst
und Wirrsinn. Obwohl er frchtete, da sein Bbl in der Wiege seit
dem Morgen hatte hungern mssen, schlug er nicht den geraden Weg zu
seinem Lehen ein, sondern machte einen Umweg und sphte suchend ber
die Mauer des Gottesackers: ob da nicht irgendwo ein frischgehgeltes
Doppelgrbchen zu sehen wre? Nichts! Nur zertretener Schnee, nur groe
Grber mit dem vergilbten Rasen des vergangenen Herbstes.

Immer den Kopf schttelnd, ging Christl Haynacher davon. Als er
heimkam, fand er sein Bbl zufrieden und gesttigt, fand alle Arbeit
im Stall getan und die Milch in den Rainen aufgesetzt. Dankbar lief
er zur Nachbarin hinber. Die mute ihm verlegen sagen, da sie den
ganzen Tag nicht Zeit gefunden htte, nach seinem Bbl zu schauen. Als
Christl durch die farbige Dmmerung zurckwanderte zu seiner Haustr,
murmelte er wie ein Trumender: Die Unsichtbaren sind barmherzige
Leut! Was wahr ist, mt einer sagen drfen. Er trat ins Dunkel
seines Hauses. Fr sich zu kochen, das brachte Christl nicht fertig.
Er hob das schlfrige Bbl aus der Wiege, wickelte das Kind in einen
Lodenmantel und ging mit ihm hinber zum Gerstenacker. Als er sah,
da vom schwarzen Grabhgel seines Weibes das Kreuz verschwunden
war -- irgend ein Strengglubiger oder ein Gottesmusketier hatte es
herausgerissen und verworfen -- da knirschten ihm zuerst die Zhne.
Zitternd setzte er sich auf die kalte Erde hin, hielt sein Kind
umklammert und erzhlte dem schlafenden Bbchen leise vom gottseligen
Tod der >lieben, herzguten Mutter<. Whrend er so flsterte, sphte
er immer in der sinkenden Dmmerung umher, ob nicht einer erlauschen
knnte, da der Christl Haynacher erzhlen mute, was ihm bei schwerer
Strafe zu erzhlen verboten war. Als er das Bbl heimgetragen hatte,
wurde er auch in der finsteren Stube nicht stumm, schaukelte die Wiege
und redete immer ins Dunkle hinein, bis er von einer bligkeit befallen
wurde. Das kam wohl nur von der Leere seines Magens. Wo nicht Mond und
Sonne leuchtet, gibt es auch keine Dinge, die den Menschen strken.
Immerhin war es mglich, da der Zustand, der den Christl Haynacher
befiel, etwas Seuchenartiges hatte. Unter hnlichen Erscheinungen
erkrankten am gleichen Abend auch noch andere Leute.

Simeon Lewitter, der in der Marktgasse immer wieder das gleiche Wort
hatte hren mssen: Der Jud! -- hufig auch in der Zusammensetzung
mit einer unreinlichen Silbe -- wagte sich nimmer auf die Strae,
schtzte seine Haustr und in der leeren Kinderstube auch alle Fenster
durch eiserne Stangen, wurde ruhelos gepeinigt von der Erinnerung
an den roten Tauftag vor fnfzehn Jahren, bekam vor Aufregung einen
Fieberanfall und legte sich ins Bett. Das letztere tat an diesem
Abend auch Pfarrer Ludwig, obwohl noch eine Minute frher nicht das
geringste Zeichen von Krnklichkeit an ihm zu bemerken war. Vor
Anbruch des Dunkels lie er sich wegen Unplichkeit von der auf die
siebente Abendstunde anberaumten Kapitelsitzung entschuldigen. Als
die Hausglocke gezogen wurde und Chorkaplan Jesunder in Begleitung
der vier berflssigen Buchstaben bei dem Patienten erschien, den
man im Verdacht hatte, da er aus bedenklichen Grnden die ber die
schwarzweie Gefahr entscheidende Kapitelsitzung schwnzen mchte,
schlrfte Pfarrer Ludwig gerade den schmerzstillenden Glhwein, dessen
lieblicher Zimtgeruch die Stube frhlingshnlich durchduftete. Seine
Pein verbeiend, machte der Pfarrer den Versuch, die eintretenden
Herren freundlich zu begren. Ehe sie sein Bett erreichten, entstellte
sich in schreckhafter Weise sein unheimliches Warzengesicht, und
angstvoll brllte er die taube Schwester an: Franziskaaa! Schnell! Es
kommt schon wieder -- _salva venia_, Ihr guten Herren -- Er fuhr mit
den langen mageren Beinen aus dem Bett.

Fluchtartig verlieen Jesunder und _Dr._ Willibald Hringghh die
gefhrliche Krankenstube. Kaum sie verschwunden waren, sprang der
Pfarrer vollends aus dem Bett, schob die erschrockene Schwester zur
anderen Tr hinaus, kleidete sich hastig an, ffnete einen Schrank und
zerrte einen Mantel hervor, der nicht priesterlich schwarz, sondern
gebndert und farbig war wie weltliche Herrentracht. Unter dem Kissen
seines Krankenbettes holte er einen groen, von Rost zerfressenen
Schlssel hervor, blies die brennende Kerze aus und sprang mit den
Bewegungen eines vllig genesenen Mannes zum Fenster. Hier stand er an
die Mauer gedrckt und sphte hinaus.

In dem milden Glimmlicht, das aus vielen erleuchteten Fenstern
durch den Abend glnzte, schritt der Kaplan in Begleitung der vier
berflssigen Buchstaben ber den weiten Hof zum Stift hinber.
Jesunder war von Pfarrer Ludwigs bedauerlichem Zustand nicht vllig
berzeugt, war noch immer mitrauisch. Doch unter dem Barett des
Landrichters vollzog die fettfleckige Hirnsubstanz einen Grungsproze
zur Ausbutterung der mit Scharfsinn erkannten Wahrheit. Nein,
_Reverende_, sagte er, in diesem Falle tut Ihr ihm unrecht. _In
contrario naturae_ versagt jeder Versuch einer Simulation. Hier
arbeitet das _organon humanum_ ganz nach eigenem Gutdnken. Nein,
Reverend, ich irre mich nicht, er ist wirklich ein schwer Leidender.
Barmherzig fgte er bei: Ob es nicht die rote Ruhr ist? Armer,
verlorener Mann!

Als die beiden den Kapitelsaal erreichten, war die erneute Debatte
ber die Diffizilitten der ungetauftgetauften Miliebigkeit schon in
leidenschaftlichem Gange. Die Sache verwirrte sich immer mehr. Der
Frst war abwesend, um bei der Allergndigsten zu speisen. Von Stunde
zu Stunde lie er sich Botschaft ber den Verlauf der Debatte senden.
Nach der dritten hoffnungslosen Nachricht, um die 10. Nachtstunde,
schickte er den Grafen Tige mit dem Befehl: die Kapitularen mten
bis um elf zu einer Entscheidung kommen, damit alles Ntige noch vor
Mitternacht erledigt werden knnte und der anbrechende Sonntag nicht
bedroht wre durch eine Entweihung. Man empfand den Befehl des Frsten
als eine hilfreiche Zwangslage. Doch jeder Versuch einer Abstimmung
miglckte. Schlielich blieb den erregten Herren kein anderer Ausweg,
als die verschiedenen Vorschlge auf Zettel zu schreiben und den Grafen
Tige als Vertreter des zarteren Alters, als eine Art von Waisenkind,
das Los erkren zu lassen. Immer spricht bekanntlich der Himmel durch
den Mund der Unschuld. Graf Tige fischte in grazisester Form den
Schicksalsspruch aus der Urne und las: Anatomische Trennung, Begrbnis
der weien Heilhlfte in geweihter Erde, Verscharrung des schwarzen,
ewigverlorenen Abschnitzels auf dem Freimannsanger. In Wahrheit sagte
dieses durch die Wirkung der Unschuld verkndete Gottesurteil keinem
der Kapitularen zu. Aber es war die unwiderrufliche Entscheidung. Man
mute sich mit ihr vershnen. Rasch. Es fehlten nur noch wenige Minuten
bis elf.

Man lie den Freimann holen, dazu den Wildmeisterknecht, der sich
aufs Zerwirken verstand. Jesunder wurde zum theologischen Kommissr,
der Landrichter zum Protokollisten _ad usum juris_ ernannt, zwei
Kapitularen hatten als Zeugen zu fungieren, und wer nicht schlfrig
war, schlo sich dem weltgeschichtlichen Vorgang als neugieriges
Publikum an. Unter Voraustritt einiger Fackeltrger bewegte sich der
wrdevolle Zug durch das Nachtschweigen auf die Armeseelenkammer zu.
Jesunder, der den Schlssel in Verwahrung hatte, wollte das Trschlo
aufsperren. Dabei hatte er nicht mit dem gewissenhaften Formalismus
der vier zwecklosen Buchstaben gerechnet. _Dr._ Willibald Hringghh
verlangte eine peinlich genaue Untersuchung darber: da erstens nur
ein einziger, in Verwahrung des Chorkaplans Jesunder befindlicher
Schlssel vorhanden sei; da zweitens jede Mglichkeit eines Mibrauchs
dieses Instrumentes als absurd zu gelten htte, und drittens die
Tre noch ordnungsgem versperrt, das Fenster noch undurchdringlich
vergittert und somit die Tatsache, da kein menschlicher Fu die
Armeseelenkammer betreten haben konnte, als unanfechtbare Wahrheit
festgestellt wre.

Alle Punkte wurden mit grndlichster Genauigkeit erforscht und
zu Protokoll genommen. Jetzt! sagte _Dr._ Willibald gndig zum
Chorkaplan. Jesunder ffnete die versperrte Tr, wibegierig
drngten die Herren heran, die Fackeltrger traten voraus in den
finsteren, sonderbarerweise ein bichen nach Zimt duftenden Raum, und
da erhob sich nach stummer Verblffung ein frchterliches Geschrei
des aberglubischen Schrecks, ein wirres Durcheinanderlallen der
fassungslosesten Gemtszustnde. Sogar der wahrheitsfeindliche Mann mit
den vier entbehrlichen Schriftzeichen mute als unbestreitbares Faktum
erkennen: da jener arme kleine schwarzweie Doppeltod, der so viel
gefhrliche _rumores_ erregt und so viel ratlose Verlegenheit erzeugt
hatte, vllig unsichtbar geworden und spurlos aus der vergitterten,
festverschlossenen Armeseelenkammer verschwunden war. Man suchte auf
und unter dem Totenbrett, suchte in der Fensternische, suchte in jedem
Winkel, und der Freimann mute sogar auf Befehl des Landrichters mit
einem eisernen Schrhaken in alle Mauslcher hineinstochern.

Nichts.

Der Wildmeisterknecht und die Fackeltrger flsterten gleich von einem
Hllenstreich. Ein paar Verstndige unter den Kapitularen nahmen
das Unbegreifliche heiter und brachen, ein bichen schadenfroh, in
Gelchter aus. Der Chorkaplan stand vor dem leeren Totenschragen,
als wre ihm ein kalter Blitzstrahl durch alle Gelenke gefahren,
und unter smtlichen Augenzeugen des unerklrlichen Rtsels befand
sich nur ein einziges, restlos glckliches Menschenkind: der _Dr._
Willibald Hringghh. Der segnete seine Weisheit, weil er in unbewuter
Ahnung aller Mglichkeiten keine Formalitt versumt hatte und auer
_obligo_ war. Da gab es kein Deuten und Rtteln. Alles war formaliter
erwiesen. Alles stand auf dem Papier. Nur die Wahrheit nicht. Um sie
zu erforschen, begann er sich augenblicklich ans Werk zu machen, begann
zu verhren, zu untersuchen, zu protokollieren. Da bin ich neugierig,
was unser justiziarisches Rhinozeros herauskitzelt! flsterte Graf
Saur einem der Herren zu. Glauben wir dann das Gegenteil, so sind wir
der Wahrheit am nchsten.

Den Frstpropst konnte man aus hflichen Grnden im Verlaufe dieser
Nacht von dem Vorgefallenen nicht mehr unterrichten. Aber der Kanzler
von Grusdorf wurde nach Mitternacht unbarmherzig aus den Federn
herausgelutet. Als er keuchend, in dickem Pelz, mit hohen Filztpfen
ber den Gichtzehen, die von Menschen umwimmelte Armeseelenkammer
erreichte und sofort ein polizeiliches Schweigverbot erlie, war das
unerklrliche Wunder, nein, dieses gottverwnschte Teufelswerk schon
ausgeschrien bei allen Lakaien, Jgerknechten und Musketieren. Wie
Flugfeuer hinhpft ber trockenes Heu, so sprang die Erregung noch
whrend der Nachtstunden von Fenster zu Fenster. In welchem Grade dabei
der Respekt vor den Regierungsgewalten flten ging, das mute _Dr._
Willibald an sich selbst erfahren. Er fand vor seiner Haustr unter dem
schnen Frhgelut ein Gedrnge von Menschen vor, die, in aufflligem
Gegensatze zur Zeitstimmung, nicht in zwei erbitterte Parteien
gespaltet waren, sondern in eintrchtiger Heiterkeit sich erlustigten.
Als Ursache ihres Vergngens erwies sich ein groer gelblicher
Papierbogen, der an der Haustr des Landrichters befestigt war und in
plumpen, fast kindlichen Schriftzgen die Verse trug:

  Ein Richter, so ein falsches Urtl fllt,
  Ist eine Migeburt auf Gottes Welt,
  Halb Leben, halb Tod,
  Halb Lachen, halb Not,
  Halb wei, halb schwarz,
  Halb Kot, halb Farz,
  Halb Skorpion und halb ein bs Kamel,
  Doch sunst ein Menschenkindl ohne Fehl!

Whrend das Hringghhische Perckenantlitz immer lnger wurde, quirlte
im Morgengrau ein frhliches Leutgekicher. *Alle* lachten. Ohne
Ausnahme. Jeder von diesen wohltuend Erheiterten, ob gutglubig
oder unsichtbar, hatte schon irgend einmal die schmerzhafte
Wahrheitsforschung der weigelckelten Sauermilch am eigenen Leib
erfahren.

_Dr._ Willibald lste mit blassen, etwas tintenfleckigen Fingerspitzen
das kleine Volkslied von der Tre, ohne die Wahrheit zu erkennen, die
ihm da schwarz auf gelb bermittelt wurde. So leicht man an die Einfalt
der anderen glaubt, so schwierig ist es, sich von der eigenen Dummheit
zu berzeugen.

Als der Landrichter im Haus verschwand, erhob sich auf der Gasse ein
schadenfrohes Gelchter, ein lrmendes Durcheinanderschwatzen. Immer
grer wurde im wachsenden Frhschimmer das Leutgedrng. Noch ehe
die Glocken zum Hochamt riefen, waren die Stiftshfe und alle Gassen
von Berchtesgaden mit einem Menschengewimmel angefllt, das an die
viertausend Kpfe zhlte. In der Sonne, die ber das Dchergezack
herunterglnzte, blitzten die Messingknpfe auf den schwarzen Gewndern
der Salzknappen, leuchteten die Farben der lndlichen Trachten und
schimmerten die Silberschnre der Bauernhte und das zinnerne
Schaugeschmeid der Weiber. Die vielen roten Joppen der jungen Burschen
und die kirschfarbenen oder gelben Mdchenmieder erschienen wie tausend
leuchtende Feuertupfen. Unter den kurzen, nur handbreit ber das Knie
reichenden Sonntagsrcken der Buerinnen waren die weien Wadenstrmpfe
wie rhrsame Schneeflecken. Das bunte Gewhl dieser straffgewachsenen,
festgefgten Menschengestalten, dieser gesunden Jugend und dieses noch
kraftvollen Alters mit den von Sonne und Schnee gebrunten Gesichtern
wre ein herzerfreuender Anblick gewesen, wenn nicht die Zeitsorge, die
Erregung der Stunde, das sphende Mitrauen und die gereizte Heiterkeit
einen Fieberglanz der Unruh in allen Augen erweckt und dem ganzen Bilde
etwas Bengstigendes gegeben htte. Dieses Leutgewoge war anzusehen wie
ein Menschenhauf in jenen Augenblicken, die eine Masse von Tausenden
emporreien zu schner Begeisterung oder sie verfhren zu sinnlosen,
verbrecherischen Dingen.

Es grte seit langer Zeit in diesen Bedrckten. In ihnen brannte
das whlende Erbe aus Jahrhunderten des Leidens, die gallige
Unzufriedenheit ber geistliche und weltliche Unertrglichkeiten, die
drstende Hoffnung auf Hilfe und das fiebernde Suchen nach dem Neuen
und Besseren. Was sich formte in ihnen, hatte ein kindliches Gesicht.
Zu gutmtig, um sich in Aufrhrer zu verwandeln, wurden sie Trumer
und Schwrmer. Das hatte unerstickbar in ihnen geglommen, schon lange,
und war in den beiden letzten Jahren, seit dem groen Auspeitschen
der Dreiigtausend aus Salzburg, als ein Unsichtbares hinter
ihren Stirnen gewachsen. Die Behrden waren blind. Und an diesem
bedrohlichen Sonntagsmorgen, an dem es aussah, als wrde von der Seele
des Volkes ein Schleier fortgezogen, konnte die Obrigkeit warnende
Wahrnehmungen nicht machen, weil sie die zwecklos versumte Nachtruhe
bei Sonnenaufgang nachholen mute. Sogar der einzige Musketier, der
vor dem Stiftstor auf Wache war, hatte die Augen geschlossen. Mit der
ungeladenen Feuersteinflinte zwischen den Knien sa er schlummernd
auf dem sonnbeschienenen Wchterbnkl, ohne geweckt zu werden von dem
wachsenden Stimmenlrm.

Schon manchmal, wenn Schreck und Unruh durch das kleine Land geronnen
waren, hatte das Bild des sonntglichen Kirchgangs einer heien
Suppe geglichen, in der man rhrt mit einem groben Lffel. So, wie
an diesem Hornungsmorgen, war es noch nie gewesen. Hatten die Zeiten
der stumm ertragenen Pein, die Klagstimmen in den Andachtsnchten
der Unsichtbaren, Leupolts Mahnung bei der Untersteiner Krippe, das
schwarzweie Unglck im Haynacherlehen und die Ungerechtigkeiten, die
viele gerade in diesen letzten Tagen erfahren muten, die leidende
Geduld des Volkes bis zum uersten gespannt? Und sollte nun die mit
Schreck oder Aberglauben, mit frommer Scheu oder schweigendem Staunen
vernommene Kunde von dem unerklrlichen Mirakel der Armeseelenkammer
zum letzten Ansto werden, der das vollgeschttete Geduldfa zum
Bersten und berlaufen brachte?

In der Morgensonne, die um alle Dcher, um das weite schne Tal und um
die weien Berge einen mit tiefem Blau verbrmten, silberglitzernden
Mantel wob, fingen auf drei Kirchtrmen die sieben Glocken zu luten
an, deren hallende Stimmen sich melodisch ineinander woben. Das
lrmende Gewhl der Menschen begann sich zu schieben und strmte nach
drei Richtungen. Inmitten dieser Menschenwoge war nur ein Einziger,
der allem Aufruhr dieses Morgens entzogen blieb. Das war gerade der
Hauptbeteiligte, der von seinem dunkelgrnen Bauernhut drei schwarze
Trauerbnder herunterhngen hatte. Wre Christl Haynacher nicht das
unglckseligste Mannsbild der Welt gewesen, so htte er sich an diesem
Morgen beinah als einen Glcklichen fhlen knnen. Beim ersten Wort,
das er vom Mirakel in der Armeseelenkammer vernommen hatte, war es fr
ihn eine ausgemachte Sache, da sein gottseliges Martle mit treuen
Mutterhnden aus dem Himmel heruntergegriffen, ihr liebes Prl aller
irdischen Pein entzogen und die zwei kleinen, unzertrennlichen Seelchen
hinaufgehoben hatte in den ewigen Glanz. Und *das* zu erzhlen, das
war ihm polizeilich *nicht* verboten. Jedem Menschen, mit dem er auf
dem Kirchgang Seite an Seite geriet, verkndete er das gottschne
Wunder seiner in die Seligkeit emporgeflogenen Kinder. Gelt, so was
Heiliges macht die Mutlosen wieder gutglubig! Schau, jetzt bin ich
nach allem Elend wieder ein aufrechtes Mannsbild! Und da ich kein
Wrtl nit geredet hab von meinem gottseligen Weibl, nit von ihrem
Erlsungswunder, nit von ihrem schnen und heiligen Tod? Gelt, Mensch,
das kannst du bezeugen und tt's einen kreuzweis geschworenen Eid vor
dem selbigen kosten, der alles Gute verbietet.

Whrend Christl so redete, hatte er immer einen nassen Schimmer in
den Augen, hatte immer ein Lachen des Glckes um den von Schmerzen
zuckenden Mund. Und als er zwischen tausend anderen in der Kirche war
und unter dem Rauschen der Orgel in seinem Betstuhl tiefgebeugt auf den
Knien kauerte, fhlte er sich in seinem Herzen als einen so treuen und
dankbaren Katholiken, wie er's in seinem ganzen Leben noch nie gewesen.
Und fr die schwere Snde, die er gleich nach dem Hochamt begehen
mute, bat er den lieben Herrgott im voraus um Vergebung. Anstelle des
ausgerissenen Kreuzes ein neues auf das Grab seiner Martle zu stecken?
Freilich, das war nicht gutglubig und war verboten. Aber der Christl
mute das tun. Und wenn der liebe Herrgott da droben die Martle mit
ihren zwei seligen Kinderlen ansieht, dann versteht er es schon und mu
es verzeihen.

Alle Kirchen waren schon dicht gefllt, Schulter an Schulter, und noch
immer strmten lange Menschenzge heran, die nimmer Einla fanden und
vor den Toren sich anstauten zu groen Gruppen, in denen die letzten
Nachzgler nur noch das Orgelspiel und die Klingeltne, aber nimmer die
Worte der Predigt vernehmen konnten.

Der Brunnenplatz und die Marktgasse waren still und leer, alle
Haustren versperrt, alle Fenster geschlossen und verhngt. Auch der
Musketier vor dem Stiftstor war verschwunden, war aufgewacht und
frhstckte in der Torstube seine Bratwurst. Nur die zerflieenden
Schneeflecken, die Sonne und der Schatten waren noch da. Und das
Brunnenrauschen.

In dieser schweigsamen de erschien am Ende der Marktgasse ein
Stiftslakai, sphte an den Husern hin und verduftete wieder. Nach
einer kurzen Weile kehrte er zurck und schritt einer reich mit Silber
verschnrkelten Snfte voran, die von zwei Jgerknechten getragen wurde
und zugezogene Gardinen hatte.

Als die Snfte durch die Torhalle des Stiftes gaukelte, trat die Wache
nicht ans Gewehr, und man trommelte nicht. Mit Rcksicht auf die
Kirchenzeit.

Wenige Minuten spter, unter der Brennschere und Puderquaste des
parisischen Perckenmeisters, mute Herr Anton Cajetan, welcher
gutausgeschlafene Augen hatte, die Kunde des Mirakels vernehmen, das in
der Nacht geschehen war. Nach dem ersten Staunen sagte er mit gerechtem
rger, aber in bestem Deutsch:

Welcher Schafskopf hat mir denn *das* schon wieder angerichtet?




Kapitel XIV


In der schnen, frhlingskhlen Sonnenstille luteten die Glocken zur
Wandlung. Als ihre letzten Klnge mit Gesumm verhallten, wurde es in
der schlummerfriedlichen Torhalle des Stiftes ein bichen lebendig.
Unter Fhrung des Wildmeisters erschienen acht Jgerknechte mit
vier groen, zweirdrigen Karren. Drei von diesen sanftholpernden
Fahrzeugen waren mit Jagdnetzen, Stellstangen, Pflcken und Seilen
beladen. Auf dem vierten Karren befanden sich zwischen zwei groen
Klappkisten die drei kleineren Kastenfallen mit den sechs Fchsen, die
vor der Mittagsstunde >geprellt< werden sollten, um der edlen Aurore
de Neuenstein und ihrem galanten Hofstaat ein Sonntagsvergngen zu
bereiten. Der Wildmeister schmunzelte immer, wie in Erwartung eines
ganz besonders frhlichen Ereignisses. Auch die Jger befanden sich
in guter Laune. Sie waren Mitverschworene bei dem vom Grafen Tige
ersonnenen Knalleffekt, der das Fuchsprellen zur berraschung der
Demoisellen lustig beschlieen sollte. Munter kuderten die Jger, als
der Wildmeister befahl: Nur langsam ber den Stragraben, da sich die
vier lieben Kostbarkeiten in den groen Ksten nit berpurzeln. Wenn
die einander die Buch aufreien, wr der ganze feine Jux beim Teufel!

Der Karrenzug ging eine Strecke ber die zum Tal der Ache fhrende
Strae hinunter und dann hinauf zu der groen, noch von dnnem
Schnee bedeckten Wiese, die sich an den gestutzten Hofgarten
anschlo. Was man den >Hofgarten< nannte, bot nicht den Anblick eines
frstlichen Parkes. Es war nur ein groes, umzuntes Gemsefeld,
jetzt schneefleckig, mit entbltterten Beerstauden und Obstbumen,
die man der Zeitmode zulieb ein bichen versaillisiert und mit der
Schere hchst sonderbar in Form von Bechern, Leiern und Pyramiden
zugestutzt hatte -- ein halb komisches, halb trauriges Gleichnis fr
die Migeburten der modischen Pariserei, fr das Wollen und Nichtknnen
der kleinen, durch sinnlose Verschwendung berschuldeten Hfe.

Auf der freien Wiese, die neben diesem frstprpstlichen Hofgarten
lag, wurden die Netze fr die galante Festivitt des Fuchsprellens
aufgestellt. Sonst war es nicht blich, die Population an den
Erlustigungen des Hofes teilnehmen zu lassen. Das niedere Volk
in seinem Unverstndnis war immer rasch bereit, die graziseste
Galanterie als Schweinerei zu verschreien. Drum pflegte man sonst
den Festraum solcher Ergtzlichkeiten mit hohen, undurchsichtigen
Jagdtchern zu umschlieen. Doch fr das muntere Fuchsprellen hatte
man, einem staatsweisen Rate des Herrn von Grusdorf entsprechend, die
durchsichtigen Netze gewhlt. Der Kanzler war der Meinung, da der
gndig bewilligte Mitgenu bei solch einem heiteren Spektakel eine
wnschenswerte Beruhigung der bedenklich erregten Subjekte inaugurieren
wrde.

Der Schaulust des Volkes wurde an diesem sonnleuchtenden Hornungsmorgen
auch noch auf andere Weise gedient. Whrend auf der Hofwiese die
Netze fr das Fuchsprellen gespannt wurden, brachten zwei Buknechte
aus der Torhalle den langen, schweren, mit festen Eisenklammern
versehenen Schandbalken herausgetragen. Seine Farbe -- er war von dem
vielen eingetrockneten Blut beinahe schwarz geworden -- konnte davon
erzhlen, da die Schaustellung an diesem Holz der Unehr nicht nur
eine qualvolle, auch eine lebensbedrohliche Sache war. Die robustesten
Inkulpaten hielten das Hngen in diesen schneidenden, Haut und Muskeln
zerreienden Eisenklammern nicht lnger als zehn Stunden aus, ohne
der Erschpfung und dem Blutverlust zu erliegen. Die meisten der
Verurteilten wurden schon gleich zu Beginn der Marter ohnmchtig, und
lste man sie vom Balken, so krankten sie Wochen und Monate an den
schwrenden Wunden.

Dieses hufig bentigte _instrumentum justitiae_ aufzurichten,
verursachte geringe Arbeit. Man brauchte nur aus dem dicht am Brunnen
befindlichen Mauerloch den deckenden Holzstpsel herauszuziehen und
den Balkenfu hineinzusenken. Lupp auf! Die zwei Freimannsleute
hoben mit den Schultern. Ein kollerndes Gepolter, und nun stand der
hohe Balken aufrecht, hnlich einem Galgen ohne Querholz. Eine kleine
Leiter wurde angelehnt, und alle Vorbereitungen fr diese Sonntagsgabe
der Hringghhischen Wahrheitsforschung waren erledigt, gerade in dem
Augenblick, als alle Kirchenglocken den Segen des Hochamtes melodisch
auszuluten begannen. Aus dem Schattendunkel des Tores kam ein kleiner
Zug heraus: zwei Musketiere, hinter ihnen der gutwillige und deshalb
ungefesselte Verbrecher zwischen dem Freimann und seinem Knechte,
dann wieder zwei wachsame Soldaten Gottes und als Beschlu der etwas
schlfrige Feldwebel Muckenfl, der, um seinem staatserhaltenden Amte
zu gengen, von seiner Christenpflicht ein kleines, fr den lieben
Gott gewi nicht belangreiches Zipfelchen hatte abzwicken mssen.

Leupolt Raurisser ging aufrecht, mit festem Schritt. Er hatte keine
Spur von Scham oder Zorn im Gesicht. Der Blick seiner glnzenden
Stahlaugen war so still, als wre fr ihn, was hier geschah, eine
fremde Sache. Die sinnende Ruhe, mit der er hinauf sah ins leuchtende
Blau, war fast ein heiteres Lcheln. Der Schein der Morgensonne glnzte
auf seiner Stirn und auf den Strhnen seines dichten Blondhaars.
Meister Raurisser hatte das beim Pflegeramt erbettelt: da man seinem
Buben den Kopf nicht schor wie einem Ehrlosen. Man hatte dem Vater
diese unverdiente Gnade aus Klugheit bewilligt, weil der Mlzmeister
die Gte des Bieres, das er fr die Herren braute, leicht durch eine
unerweisbare Bosheit zu miliebigen Wirkungen permutieren konnte.

Am Schandpfahl durfte Leupolt das frstprpstliche Jgerkleid nicht
tragen; man hatte ihm die Uniform jenes Aufenthalts verliehen, in dem
es nicht Mond noch Sonne gibt: einen langen Kittel aus grauem Zwilch,
dessen schlappe Falten einen zutreffenden Schlu auf die Feuchtigkeit
der Mauern gestatteten, zwischen denen Leupolt seit seiner Heimkehr
vom Knigssee viele dunkle und doch von einem Stern durchleuchtete
Stunden verbracht hatte. Pfarrer Ludwig, wenn er den Leupolt so
gesehen htte, wrde vielleicht im Sinne Spinozas wieder gesagt haben,
da kein Ding auf Erden so bs ist, um sich nicht irgendwie in ein
Gutes fr die Menschen verwandeln zu knnen. In keiner Jgertracht,
auch nicht in der Weidmannsgala mit den Silbertressen und den hohen
Knpfelgamaschen war es so deutlich wie in diesem schmiegsamen, von
Sickerwasser durchtrnkten Strflingskittel zu erkennen gewesen, welch
einen schnen, stracken, prachtvoll gebauten Jnglingskrper der
Leupolt Raurisser von Mutter und Vater, von Gott und Natur empfangen
hatte. Schade, da Pfarrer Ludwig, der schne Menschen immer mit Freude
sah, diese Wahrnehmung nicht machen konnte; von seiner Unplichkeit
gepeinigt, lag er noch immer zu Bett und litt so schwer, da er seit
dem vergangenen Abend den Bader schon viermal hatte holen lassen.

Als die Karawane der Gerechtigkeit zum Brunnen kam, sagte Muckenfl
mit einem sanften Unterton von Barmherzigkeit: Jetzt tu nit obstinat
sein, junger Inkulpatant! Und mach dem Freimann _in loco hujus_
keine Schwulitten nit! Der Feldwebel brauchte nicht weiterzureden.
Die Leiter verschmhend und mit einem Sprung, so flink, da die
erschrockenen Soldaten Gottes einen Fluchtversuch vermuteten, schwang
sich Leupolt auf den marmornen Brunnenrand, stieg auf den kleinen
Fublock des Balkens, drehte hurtig den Krper, prete den Rcken
gegen den Pfahl, verschlang hinter ihm die Arme und sagte: So! Ich
steh. Jetzt haket die Eisen ein! Gleich war der Freimannsknecht auf
der Leiter, und Muckenfl, der fr menschliche Werte nicht so vllig
blind war wie der gelckelte Rechtsbalbierer, sagte anerkennend: Tt
sich jeder Inkulpatant so kommodittisch wie du traktieren, da wr
die justiziarische Mhsamkeit fr meinen _ego ipsus_ ein sanftmtiges
Kndelschlucken. So! Jetzt tu schn pazientisch aushalten. Acht
Stndlen bis zum Betluten am Abend ist eine gndige Tempora fr so
eine schwere Crimination. Ghnend schritt der Feldwebel davon, um
sich ein Stndl aufs obrigkeitliche Ohr zu legen. Die vier Musketiere
blieben als Wache zurck, und der Freimannsknecht erledigte seine
klirrende Arbeit.

Leupolt stand unbeweglich am Pfahl und zog nur die Brauen ein bichen
zusammen, als die schweren, rostrauhen und scharfkantigen Eisenbnder
seine Fuknchel, seine Handgelenke und seinen Hals umklammerten. Der
krperliche Schmerz war keine Pein fr ihn. Sein Leiden begann erst,
als nach den letzten Glockenschlgen des Segengeluts der bunte Schwarm
der Kirchgnger heranstrmte. Von vieren hoffte Leupolt, da sie nicht
kommen wrden; seiner Mutter, dem Vater und den Brdern htte er an
diesem Tag nicht gern in die Augen gesehen; durch einen Buknecht,
der sich ihm freundlich erwies, hatte er die viere bitten lassen, den
Marktplatz nicht zu betreten. Und gerne htte er das auch einer anderen
noch sagen lassen. Alle, alle sollten kommen. Nur diese Einzige nicht!
Die barmherzig fr ihn hatte reden wollen vor dem Richter! Die sollte
ihn nicht hngen sehen am Holz der Unehr. Und nicht um seinetwegen,
um ihrer selbst willen sollte sie das nicht sehen mssen. Er wute:
weil sie gerecht war, wrde sie leiden bei seinem Anblick. Dieser
Gedanke wurde ihm zu einer Qual. Dennoch war in dieser Marter auch eine
Sigkeit, die ihm schn durch die Seele und durch jeden Blutstropfen
rieselte.

Schon begann sich ein Schwarm von Kindern um den Brunnen zu sammeln,
Burschen und Mdchen blieben stehen, Mnner und Weiber. Erst war's
nur ein scheues Flstern, dann ein erregtes Durcheinanderreden,
ein wirrer Lrm. Immer dichter sammelten sich die Menschen, schon
waren es Hunderte, ein Paar Tausend jetzt, ein Gewhl von Schultern
und Kpfen, und Leupolt wute, nun wrde das kommen, wie es immer
kam, wenn ein zum Eisen Gesprochener am Balken hing: das hhnende
Geschrei, der grausame Spott, das Wasserspritzen und Kittelzupfen.
Sich im Eisen streckend, hob er die Augen zum Blau und sprach mit
lauter Stimme das Gebet des preuischen Knigsprinzen: Herr, wenn ich
Dich nur hab, so frag ich nimmer nach Himmel und Welt; auch wenn mir
Leben und Seel verschmachten, bleibst Du mein Heil und meines Herzens
Trost! Hell, wie der Klang eines sthlernen Hammers tnte seine feste
Jnglingsstimme ber den weiten Brunnenplatz. Eine seltsame Bewegung
ging ber die Menschenmenge. Wie ein Rauschen war es, so, wie jenes
dumpfe, wunderliche Sausen ist, wenn in der Stille vor einem Gewitter
der erste Sturmsto in die belaubten Bume fhrt. Leupolt sah das nicht
und hrte keinen Laut. Das Gesicht emporgerichtet, hatte er die Augen
geschlossen, weil die Sonne ihn blendete. In dem purpurnen Schein,
der ihm kreisend hinschwamm ber die geschlossenen Lider, standen
pltzlich, gleich einer wirklichgewordenen Erinnerung, die Linien eines
Holzschnittes, den er im Winter beim Wildmeister gesehen hatte: wie der
Kstriner Henker dem Leutnant Katte das Haupt herunterschlgt, und wie
an einem Festungsfenster der kleine, magere Kronprinz Friedrich von
zwei Offizieren an den Armen festgehalten wird, um nach seines Vaters
Willen das Grauenvolle mit eigenen Augen anzuschauen.

Noch immer die Lider geschlossen haltend, flsterte Leupolt: Was ist
mein Leiden dagegen? Ein Stubl. Seine Brust hob sich unter einem
tiefen Atemzug. Ob der Knigssohn wohl so gebetet hat in jener harten
und blutigen Stund? Und hat das Gebet ihn hinbergelupft in die
friedsame Ruh? Da wird es auch mich hinberlupfen ber das bil Weh.
ber so einen leichten Tag! Zum ruhsamen Stndl nach der Betlutzeit!

War sie schon da? Diese stille Stunde? Langsam ffnete Leupolt die
Augen, und whrend ihm an Hals und Hnden schon das Blut unter dem
scheuernden Eisen heraustrpfelte, sah er wie ein Trumender ber die
zusammengestaute Menschenmenge hin, die schon angewachsen war auf drei,
vier Tausende. Nur ein dumpfes Gesumm, kein lautes Wort, keine hhnende
Rede, kein Kittelzupfen und kein Wasserschtten. Alle Gesichter waren
ihm zugewendet, alle Augen waren auf ihn gerichtet, und in jedem Aug,
auf das er hinuntersah, war Erregung und Verstrtheit oder Trauer und
Erbarmen.

Da alle, die da standen, hart umpeitscht waren von der Woge der
Zeit; da jeder zu tragen hatte an einer Pein des Lebens; da alle
Gemter und Gehirne an diesem Morgen durchwirbelt waren vom Mirakel
der Armeseelenkammer; da die Unsichtbaren fhlten: dieser Gequlte
ist der Unsere, der fr uns duldet und mit dem wir leiden; und da
die Gutglubigen wuten: das ist der Leupolt Raurisser, von unseren
Buben der redlichste, der Sohn der frmmsten, treuesten und gtigsten
Brgerin im Land -- das war es nicht allein, was aus diesen tausend
trauernden oder funkelnden Augen redete. Es war in ihrem Blick noch
etwas anderes, etwas Tieferes und Strkeres, etwas Dunkelschnes
und Unnennbares. Das sah und fhlte der Blutende am ehrlosen Holz.
Und zwischen dem Schwarm der Kinder, die stumm und scheu zu ihm
hinaufblickten, stand eine engzusammengeprete Gruppe von sieben
alten, graubrtigen Mnnern. Der vorderste am Brunnen, das war der
greise Frsager von der Untersteiner Krippe, und neben ihm stand der
bejahrte Frsager von Bischofswies, der von Ilsank, von der Ramsau, vom
Taubensee, vom Schwarzeneck und von der Gern. Und der Untersteiner,
der zwei andere an den Armen umklammert hielt, streckte dem Leupolt
das Gesicht mit vorstechendem Bart entgegen und flsterte immer mit
langsamen Lippen, wie man redet zu einem Taubgewordenen, damit er
lesen soll aus den Zeichen des Mundes. Leupolt erfate keinen Laut;
den blutenden Hals im Eisen reckend, sphte er immer auf diese welken
Lippen hinunter, mit dem gleichen bohrenden Jgerblick, mit dem er
droben ber den Wnden den Flug eines kreisenden Adlers zu verfolgen
pflegte -- und pltzlich verstand er, nickte dem Alten lchelnd zu
und begann mit lauter Stimme die Worte der Bergpredigt vor sich
hinzusagen. Wieder ging jenes seltsame Rauschen ber die tausend Kpfe
und Gesichter. Von den Musketieren tuschelte einer seinem Kameraden zu:
Flink zum Muckenfl! Mir gefallen die Leut nit. So sind sie noch nie
gewesen.

Irgendwo ein Gewirr von lauten Rufen. Eine wachsende Unruh. Da drben
war's, wo hinter der Stiftsmauer das enge Gssel herausmndete. Und
jetzt eine scharfe, in Erregung schreiende Frauenstimme: Lasset mich
durch, ihr Leut! Eine Mutter mu allweil einen Weg zu ihrem Buben
haben! Leupolt erblate. Er versuchte hinber zu sehen, konnte aber
den Kopf im Eisen so weit nicht wenden. Es rannen ihm nur am Hals die
Blutfden dicker unter den Zwilchkittel. Und da war schon im Gedrng
eine schmale Gasse offen, und Frau Agnes, mit einem Krbl zwischen den
zitternden Hnden, kam zum Brunnen her. Ihr Gesicht war fast so wei
wie ihre Haube. Bub! sagte sie. Schau, deine Mutter ist da! Es
wurde so still, da man im leisen Brunnengepltscher jedes ihrer Worte
bis zu den Husern hinber verstehen konnte. Deine Brder hab ich
eingeriegelt im Haus. Die tten Dummheiten machen. Ich tu, was recht
ist, nit mehr. Und alles hab ich bei mir, was du brauchst. Tut dich
hungern? Ich hab's im Krbl.

Frau! murrte ein Musketier. Das ist verboten.

Die Mlzmeisterin hrte das nicht. Sie sprach zu ihrem Buben hinauf:
Tut dich drsten? Ich hab's in der Flasch. Gleich wollte sie
auspacken.

Er sah in Freude und Kummer zu ihr hinunter. Mutter! Du Gute! Was tust
du mir!

Sie hrte nicht seine Zrtlichkeit, nur seinen Vorwurf. Ich tu, was
ich gelernt hab von der heiligsten aller Mtter. Ist die nit auch
als Mutter unter dem blutigen Holz gestanden? Soll ich daheimbleiben
und Krapfen backen? Da tt mich die heiligste Mutter im Leben nimmer
anschauen mit ihren gtigen Augen. Nun sah sie das Blut ber seine
Hnde rinnen und mute aufschreien, zerrte das weie Tuch von ihrem
Hals, fuhr damit in den Brunnen und wollte die Hnde ihres Buben
khlen. Ein Musketier schob seine Feuersteinflinte zwischen Frau Agnes
und den Balken. Das ist verboten, du! Die Augen der Mlzmeisterin
funkelten. Aber sie blieb verstndig, zog nur ein bichen mit der Hand
aus, in der sie das triefende Tuch umklammert hielt. Verboten oder
nit, ich tu's! Und ttst du's wehren, so schlag ich dir das nasse
Tchl ums Maul, da du von deinem Weib noch nie eine festere Schell
gekriegt hast.

Ein heies Auflachen von tausend Menschen. Auch das hrte die
Mutter Raurisser nicht. Whrend ihr die Trnen ber das Kinn
herunterkollerten, streckte sie sich am Holz der Unehr hinauf und
hob die Arme. Der Musketier wollte sie fassen, doch einer von seinen
buntgelitzten Kameraden packte ihn am Arm, wurde bleich und knirschte:
Die Frau tust du in Ruh lassen. Gelt! Das hrte und sah von den
Tausenden niemand, alle sahen nur die Mutter Agnes an, die mit dem
nassen Tuch die blutenden Hnde ihres Buben wusch. Und aus dem
Menschengewhl flog ber den Brunnen her eine grillende Mdchenstimme:
Recht so, Mutter! Es war das Untersteiner Mdel mit den zerschlagenen
Brsten. Recht so, Mutter! Und gelt, da tust du nit gren: Gelobt
sei Herr Jesuchrist! Die letzten Worte gingen unter in dem einmtigen
Aufschrei der Tausende: Recht so, Mutter! Recht so! Der Zorn einer
erbitterten Menschenseele hatte den Tausenden das Wort der Stunde
gegeben. Dann ein verblfftes Schweigen und Schauen.

Aus der Halle des Stiftstores klang eine heitere Hifthornweise heraus,
fein harmonisch ineinander geblasen. Tausend Menschen drehten die
Gesichter und streckten die Hlse. Aber was in diesen Augen blitzte,
war nicht die Neugier, nicht die Lachlust derer, die der deutschferne
Wortschatz des Pflegeramtes als Subjekte zu bezeichnen pflegte. Herr
von Grusdorf hatte sich in seinen staatsmnnischen Kalkulationen
wieder einmal geirrt. Sehr verhngnisvoll. Der bunte, nach Pariser
Grazie strebende Zug der Fuchsprellerpaare htte in keinem Augenblick
erscheinen knnen, so falsch gewhlt, wie dieser.

Vorerst aber sahen die Hunderte, die vor den Stben der Lufer
auseinander wichen, dieses unnatrliche Schritthpfen und gezierte
Steifrockschwenken mit schweigendem Staunen an, den Zorn nur in den
Augen.

Voraus die drei betreten Jger mit den in der Sonne blitzenden
Hifthrnern, dann die Pagen, an deren gebnderten Stben die
Fuchsschwnze baumelten, dann die sechs Prellerpaare, als erstes Graf
Tige mit der Allergndigsten in grner Seide und wehenden Pelzflocken,
dann die fnf anderen Domizellaren mit den hbschen Beamtentchtern,
deren geschmacklos zusammengestoppelter Aufputz genau so Pariser
Mode war, wie der gestutzte Hofgarten ein Park von Versailles. Die
Festlaune der sechs Prchen war beraus munter. Immer gab's da was zu
kichern ber galante Scherze, ber unzulngliches und komisch wirkendes
Franzsisch. Unter den schmelzenden Hifthornklngen, umtnzelt von den
Pagen, die mit ihren Fuchsschwnzen die Demoisellen an den Hlsen und
Nasen kitzelten, hpften und menuettierten die Prellerpaare an den
Brgern und Bauern vorber, in deren Gedrng es laut zu werden begann.
Aurore de Neuenstein, die wohl lieblich zwitscherte, aber nicht ganz
so pflaumenzart, nicht ganz so unschuldsvoll und kindlich aussah wie
sonst, wurde pltzlich berraschend ernst, sah fast erschrocken in das
lrmende Gewhl hinein, wollte sagen: _Qu'est-ce que c'est que le
peuple_ -- verga wie vor dem Haynacherlehen ihrer modischen Bildung
und stotterte: Was hawe denn die dumme Leit? Graf Tige schien das
Bedrohliche der Situation zu empfinden, und befahl den Hornblsern:
_Vite! En avant!_ Er zog das Hndchen der Allergndigsten, die er
zierlich an erhobenen Fingerspitzen geleitet hatte, schutzfreudig unter
seinen Arm und machte den anderen Prchen jene flinke, sehr natrliche
Gangart vor, die man vor Ausbruch eines Gewitterregens einzuschlagen
pflegt. So gelang es ihm, den faschingsbunten Zug zur Hofwiese
hinberzubringen, bevor die erregten Subjekte ihren miverstndlichen
Zorn in polizeilich unzulssigen Formen zu uern begannen.

Es sah in dieser Stunde mit der Schaulust und Lachfreudigkeit der
niederen Population sehr mager aus. Nur ein Huflein Kinder zappelte
dem hohen Netz entgegen, das den hfischen Festplatz umspannte,
und auer einigen vorsichtigen Mannsleuten, denen es auf dem
Brunnenplatze nimmer geheuer erschien, bestand das dankbare Publikum
des beginnenden Fuchsmartyriums fast nur aus den Mttern, Schwestern
und spttischen Basen der fnf brgerlichen Demoisellen, die man der
hohen Ehre, an solchem Hofspektakel teilzunehmen, als wrdig erfunden
hatte. Unbekmmert um Gunst oder Migunst derer von da unten, fand
die Prellgesellschaft innerhalb des Netzes rasch ihre vergngte
Laune wieder, und Aurore de Neuenstein zwitscherte mit entzckender
Kindlichkeit die politische Meinung aus, man msse da bald einmal
rechtschaffe dezimiere, um wieder erquickliche Ruh ins Lndle zu
bringen.

Vor der Mndung des langen, durch eng aneinander gesteckte Rutenbogen
gebildeten >Fuchslaufes< stellten sich die Paare erwartungsvoll in
bunte Reihe, Schulter neben Schulter. Jeder Demoiselle stand ihr
Monsieur, jedem Monsieur seine Demoiselle gegenber. Zwischen jedem
Prchen im _vis--vis_ lag quer vor dem Fuchslauf die spannenbreite
und drei Ellen lange Prellgurte auf dem Schnee, mit festen Holzgriffen
fr die Hnde an den Enden. _Attention, mesdames et messieurs!_
kommandierte der Wildmeister, der kein Franzsisch verstand und es
aussprach, wie man Haselnsse knackt. _Exit le premier renard!_
Die Hifthrner bliesen eine Gavotte, die erste Kastenfalle wurde
geffnet, und gleich einer langgestreckten roten Flamme sauste der in
der Falle mit einem Schwefelfaden gebrannte Fuchs durch den langen
Laufgang der Rutenbogen. Im Gesichtchen der Allergndigsten zeigte
sich der Ausdruck einer fiebernden Spannung. Jetzt fuhr der Fuchs,
dem die Sonne grn in den Augen funkelte, aus den Rutenbogen heraus.
Huppla! schrie Aurore de Neuenstein mit einer von ser Grausamkeit
durchzitterten Freude ihrem Partner zu. Ein Zuck der in weiem
Ziegenleder steckenden Hndchen, die Prellgurte schnellte wie der Blitz
in die Hhe, und der Fuchs, von dem heftigen Netzschlag an der Weiche
gefat, flog ein Dutzend Ellen hoch in die blauen, hornungskhlen
Sonnenlfte hinauf. Heiter lachte Graf Tige: _Le voil!_ Alle die
jungen, blitzenden Augen waren auf den fliegenden Fuchs gerichtet, der
bei seiner Luftreise drollig zappelte, elegante Kapriolen machte und
absonderliche Purzelbume schlug. Vom Schusse seines Laufes im Fluge
noch weitergetrieben, fiel er in das dritte Prellnetz. Huppla! Von
krftigeren Fusten aufgeprellt, sauste er noch hher in die Luft,
berschlug sich wie ein hurtiges Feuerrad mit wehendem Kometenschwnzl,
fiel in das vierte Prellnetz, sauste wieder in die Hhe, und als
er nach dem letzten Sonnenfluge auerhalb der glitzerbunten Reihe
dieser lieblichen Jugend wie ein kleiner roter Sandsack schwer
herunterplumpste in den weien Schnee, hatte er, mit rotem Schaum vor
den gefletschten Zhnen, seine irdische Ruh gefunden und war entseelt.

Die Hifthrner bliesen die melancholische Fuchstodweise. Ein
Beifallklatschen -- nur innerhalb des Netzes -- ein seliges
Durcheinanderzwitschern; der erlste Fuchs, der blutbefeuernde Reiz
der Stunde, der rotfleckige Schnee, die Sonne, der Himmel, das
silberne Bild der Berge, alles war _Superbe!_ war _Magnifique!_
und _Trs dlicat!_ Nur nach dem Brunnenplatz verirrte sich kein
Blick der seligblitzenden Unschuldsaugen. _Attention, mesdames et
messieurs! Exit le second renard!_ Die Hrner gavottierten, die rote
Flamme sauste durch die Rutenbogen -- Huppla! -- und whrend das
zweite Opfer dieser grazisesten aller Menschenfreuden gegen die Sonne
wirbelte, schien es pltzlich, als wre da drben auf dem Brunnenplatze
aller Lrm versunken in ein lautloses Schweigen.

Nein! Da drben war es nicht vllig still geworden. Es bertnten nur
die Hrner das beklommene Gesumm. Alle, die in der Nhe des Brunnens
waren, hatten gesehen, da der Blutende, den die Kraft schon verlassen
wollte, sich pltzlich in den Eisen reckte und mit Schreck und Freude
ber das Gewoge der Kpfe nach einer Gassenstelle sphte. Viele drehten
die Gesichter nach dieser Richtung und suchten mit den Augen. Und viele
sahen und hrten das: wie Leupolt Raurisser an allen schmerzenden
Gliedern entkrftet in sich versank, in den schneidenden Klammern hing,
sich lchelnd wieder aufreckte, kraftvoll am Balkan stand, verklrte,
heiglnzende Augen bekam und zu Frau Agnes hinuntersagte: Mutter,
jetzt kommt das Hrteste und Schnste! Viele sahen, wie er gewaltsam
seine aufrechte Kraft erzwingen wollte, wieder zu sinken begann und
mit der Kehle an den Kanten des rotgewordenen Eisens hing. Und whrend
Leupolts erloschene Stimme wieder zu beten anfing: Herr, wenn ich
Dich nur habe --, kam ein Stoen und Armwhlen von den Husern durch
die gestaute Menschenmenge herber, viele Leute redeten aufgeregt
durcheinander, und immer schrie eine bange, von Sorge umklammerte
Mdchenstimme: Meister, Meister --

Den dreien, die da kamen, wurde Platz gemacht. Hundert Stimmen wirrten
sich durcheinander, und dennoch hrte man das Betteln der Sus: Ach
Meister, ich tu Euch bitten, kommet mit heim! Habt Ihr nit Sorg um
Euretwillen, so schauet doch Eurem Kind in die Augen!

Wie halb von Sinnen, bla und zitternd, mit verstrtem und dennoch
gierig suchendem Blick, hing Luisa an den Vater geklammert, der sie mit
dem rechten Arm umschlungen hielt und mit dem linken immer weiteren
Raum in dem aufgeregten Menschengewhl erzwang. Als die flehende Magd
sich vor ihn hindrngte, schob er sie aus seinem Weg und sagte durch
die Zhne: Geh, Sus! Das wirst du nit hindern. Ich tu, was ich mu.
Sie bettelte: Meister, um aller Seligkeit willen -- Da prete Luisa
die Hand auf den Mund der Magd: Sei nit so mutlos! Was du haben willst
vom Vater, ist unbarmherzig. Wenn Gerechtigkeit nimmer bei den Richtern
ist, so mu sie bei uns anderen sein.

Meister Niklaus drngte vorwrts, und die blonde Magd, obwohl sie sich
verzweifelt wehrte, wurde zurckgerissen in das lrmende Gewhl. Nun
standen die beiden vor dem Brunnen, Hand in Hand. Luisa mute die Augen
schlieen und prete zitternd den Arm vor das entstellte Gesicht.
Ihr Vater, die Stirn berronnen von einer kalkigen Blsse, sah zu
dem Blutenden am Balken hinauf, und seine Stimme, nach einem ersten
Schwanken, wurde fest und laut: Mich hast du behten wollen vor einem
harten Ding. Um meintwegen mut du ben. Helfen kann ich dir nit, Gott
sei's geklagt. Aber wo du leidest, da ist mein Platz.

Leupolt lchelte. Dann schien ihm zu entrinnen, was noch an Kraft in
seinen zuckenden Gliedern war. Den Kopf im Eisen nach vorne pressend,
da ihm ein roter Sickerstrich herunterging ber den grauen Kittel,
sagte er mhsam: Vergeltsgott! Aber gelt, jetzt tust du wieder
heimgehen. In den Eisen sinkend, schlo er die Augen. Wie das liebe
Mdel zittert -- Meister, das kann ich nit sehen. Seine Stimme erlosch.

Barmherziger! schrie Mutter Agnes. Mein Bub verscheint! Aus
einer Flasche fllte sie einen Zinnbecher und wollte auf den Brunnen
steigen. Da fate ein Musketier die Frau am Kittel. Es drf nit sein,
Meisterin! Sie kreischte wie von Sinnen: Hat nit ein rmischer
Musketier dem Erlser am Kreuz einen Khltrunk hinaufgehoben? Steht
das im Urtl, da wir gutkatholischen Christen unbarmherziger sein
mssen, als die Heiden gewesen sind? Die Erregung der Tausende war
wie wachsendes Sturmrauschen. Und der Musketier machte ratlose Augen.
Steht das im Urtl? schrie die Mlzmeisterin. Nein. Es stand nicht
drin. _Dr_. Halbundhalb hatte vergessen, dieses Wesentliche seinem
die Wahrheit bekmpfenden Dokumente einzuverleiben. Und Mutter Agnes
in ihrer Seelenangst entschied: Was nit verboten ist, mu erlaubt
sein! Sie wollte klettern. Da war ein Kleiderwehen neben ihr, und
ein tausendfacher Zuruf der erregten, nherdrngenden Menschen. Nit,
Mutter Agnes, hatte Luisa aufgeschrien, la *mich* das tun! Und
hatte der Mlzmeisterin den Becher aus der Hand genommen und stand
schon droben auf dem Gesims des Brunnens. Um zu helfen, umklammerte
Frau Agnes die Knie des Mdchens: Streck dich, Kindl, ich la nit
aus, du tust nit fallen! Sich hinaufreckend am Holz der Unehr, schob
Luisa die linke Hand hinter Leupolts Nacken und hob den Becher an
seine blulichen Lippen. Komm! Tu trinken, du guter Mensch! Ein
wunderliches Geschrei der Tausende. Es klang wie Zorn, wie Aufruhr,
hatte etwas Erschreckendes und war doch Freude, war aufatmendes
Erbarmen.

Leupolt hatte die Augen geffnet.

Wieder sagte sie: Komm! Tu trinken! Und das Geschrei der drngenden
Menschen verstummte pltzlich und wurde ein Staunen und Lauschen.

Er lchelte, schien nicht zu hren, was sie sagte, und sah nur in ihre
Augen. Der Glanz seines Blickes und das Fadengerinne seines Blutes
machten sie so verstrt, da sie heftig zu zittern begann. Sie drohte
umzusinken. Whrend ihr alle Sinne taumelten, hrte sie wie aus einem
kreisenden Brunnen herauf die bettelnde Mutterstimme: Du tust nit
fallen! Streck dich, Kindl, ich la nit aus! Da wurde es wieder hell
vor ihrem Blick, sie konnte das Blut des Benden und seine Augen
sehen, streckte sich an dem Lchelnden hinauf, und weil sie nicht
sprechen konnte, streichelte sie nur sein Haar und hob zwischen seinen
Lippen den Becher. Als er am Kinn die rinnenden Fden des Trunkes
fhlte, verstand er, konnte die verbissenen Zhne ffnen und trank.
Luisa reichte den geleerten Becher hinunter und schrie: Gib, Mutter!
Gib! Er drstet noch allweil! Solang ihre Hand ohne Hilfe war, hatte
sie nicht den Mut, zu ihm aufzublicken, auch dann nicht, als er leis
ihren Namen sagte: Luisli? Sie sah sein Lcheln nicht, doch sie hrte
es aus dem Klang seiner Stimme und senkte das Gesicht noch tiefer. Erst
als sie den gefllten Becher umklammerte, wagte sie die Augen wieder
aufzurichten, hob den Trunk zu ihm hinauf und flsterte: So komm!

Er trank und leerte den Becher.

Wieder schrie sie zur Mlzmeisterin hinunter: Gib! Er drstet!
Lchelnd schttelte Leupolt den Kopf: Nit, du Gtige! Es ist genug.
Aus jedem Laut seiner Stimme war es zu hren, wie die erschpften
Krfte neu erwachten in ihm. So heilig ist mir noch nie ein Trunk in
die Seel gegangen, derzeit ich leb. Ich sag dir Vergeltsgott, Luisli!
Seine Augen flehten. Und gelt, jetzt tust du mir was zulieb?

Ihr blasses Gesicht erglhte. Alles -- was nit wider Gott ist.

So tu ich dich bitten, geh heim! Du tust es mir leichter machen.
Willst du?

Sie nickte, wandte sich von ihm ab wie ein folgsames Kind, sah nicht,
wie blutig ihr Kleid und ihre Hnde geworden waren, lie sich von
Mutter Agnes und vom Meister hinunterheben und sagte: Komm, Vater, wir
gehen heim. Der Leupi will's haben. So mu es sein.

Whrend die beiden einen Weg durch die Mauer der Menschen suchten,
hrte man, wie in der halben Stille, die noch immer herrschte, die
zittrige Stimme eines alten Mannes zur Sonne hinaufschrie: Sei
gesegnet, du heilige Barmherzigkeit!

Diesen Schrei hatte Leupolt nicht vernommen. Immer sah er den beiden
nach, die verschwanden, wieder auftauchten und dann nimmer zu sehen
waren. Er erwachte erst aus seiner lchelnden Versunkenheit, als
tausend Arme sich erhoben und tausend Stimmen das Wort des alten Mannes
wiederholten: Sei gesegnet, du heilige Barmherzigkeit! Dann wieder
ein halbes Schweigen in der funkelnden Sonne, und Frau Agnes stammelte
klagend zum Holz der Unehr hinauf: Ach, Bub, dein liebes, dein junges
Leben! Mit dem Blick eines Glcklichen sagte er: Man mu das Leben
nit lieb haben um des Lebens willen, nur um der heiligen Stndlen
wegen, die's einem schenken kann. Noch tiefere Stille. Und pltzlich,
nahe dem Brunnen, klang eine schrillende Weiberstimme, wie vllig
sinnlos, hnlich dem Verzweiflungsschrei einer Wahnwitzigen: Gott?
Unser Herr und Gott? Warum hast Du uns verlassen? Da reckte sich der
Blutende in den roten Eisen. Er straffte sich an allen Gliedern, seine
Augen glnzten ber die tausend wogenden Kpfe hin, und seine rufende
Stimme wurde wie Stahl: Weil wir lgen und heucheln. Gottes Hilf ist
bei den Mutigen, die wahrhaft sind!

Jesus! stammelte Mutter Agnes erschrocken und streckte wehrend die
Hnde zu ihrem Sohn hinauf. Und ein Musketier stie den Kolben seiner
Flinte gegen Leupolts Fe: Kerl, du! Willst du nach aller Gndigkeit
das Maul aufreien und die Leut verhetzen? Du? Inmitten eines jhen
Verstummens der Tausende gab Leupolt die klingende Antwort: Gott
ist mir gndig! Soll's jeder halten, wie er meint und mu. Ich will
bei der Wahrheit bleiben. Er hob den Kopf aus dem Eisen, da die
rote Scheuerwunde an seiner Kehle sich entblte, und seine Stimme
wurde wie der frohe Schrei eines beseeligten Menschen. Jetzt bin
ich kein Unsichtbarer nimmer. Leut! Ob Leben oder Tod, ich bin ein
evangelischer Christ. Der Mutter Agnes brachen die Knie. Sie fiel auf
die Brunnenstufen hin, bedeckte das Gesicht mit den Hnden und mute
weinen.

Die Musketiere kreischten: Jesus, Jesus, wo bleibt der Muckenfl?
Im gleichen Augenblick zappelte aus dem Stiftstor der Kamerad heraus,
der fortgelaufen war, um die kanzleideutsche Obrigkeit zu ermuntern.
Ein Dutzend Soldaten hatte er aus ihren Stuben herausschreien knnen.
Von den Herren hatte er keinen gesehen. Wie der Mde _in loco hujus_,
so schlummerte der vom Verbieten erschpfte Kanzler, so schnarchte der
gekrnkte Wahrheitsmrder Halbundhalb, so trumte Jesunder aufgeregt
von dem unerklrlichen Armeseelenkammerrtsel, und so duselten alle,
die wach geblieben waren in der vergangenen Mirakelnacht. Nur die als
Sukkurs gerufenen Musketiere klapperten diensteifrig aus dem Tor heraus
und hrten das erregte Stimmengewoge hinrauschen ber den Brunnenplatz.
Was die Tausende durcheinanderschrien? War es Abwehr oder Zustimmung,
Zorn oder Hoffnung? Es war alles zugleich und wuchs zu einem tosenden
Lrm. Gotts Not! Was ist denn da los? Der Musketier, der neben dem
Balken der Unehr stand, gab Antwort: Der da droben am Schandholz hat
sich ausgeschrien als Evangelischen. Und verhetzt das gutmtige Volk.
Dem luthrischen Narren sollt man alle Knochen in Scherben schlagen!
Weil er mit dem Flintenkolben eine Bewegung machte, fate die
Mlzmeisterin gleich einer Wahnwitzigen den Mann an der Sbelkoppel:
Unmensch, du!

Unmensch? So? Er schttelte die Frau von sich ab. Und du? Eine
Gutkatholische? Du weit wohl nit, was fr eine Straf die evangelischen
Ketzer verdienen?

Noch ehe Frau Agnes antworten konnte, stand zwischen den beiden die
Moidi von Unterstein, jenes Mdel, dem der alte Frsager die blauen
Faustmale der Brste mit dem heiligen Buche bedeckt hatte. Das Gesicht
des jungen Geschpfes war so wchsern wie das Antlitz einer Sterbenden,
doch in den weitgeffneten Braunaugen glnzte etwas Freudiges und
Schnes. So streckte sie sich an dem schweren Soldaten Gottes hinauf
und fragte mit heller Stimme: Was verdienen die? So sag's doch! Sag's!

Die verdienen, da sie all zusammen auf den Scheiterhaufen kommen.

Da breitete das kleine hagere Mdel mit einem leisen, wunderlich frohen
Schrei die Arme auseinander und rief: So mut du mich auch verbrennen.
Ich bin eine evangelische Christin. Schon ins vierte Jahr.

Ein knirschender Soldatenfluch. Packet das unverschmte Mensch! Drei,
vier Musketiere fielen ber das Mdel her, und whrend sie ihm die Arme
hinter den Rcken preten, drngte sich aus dem schreienden Gewhl der
Menschen ein alter Bauer heraus, der Frsager von Unterstein, kreuzte
selber die Hnde und streckte sie den Soldaten hin: Nehmet mich
auch gleich mit! Ich bin ein Evangelischer. Ich bin's, derzeit ich
denken hab knnen. Und meine Buben und Tchter, meine Schwieger und
meine sechzehn Enkelen, wir alle sind evangelisch. Wie ein frhlich
Betrunkener drehte er den grauen Bart ber die Schulter und schrie
mit der Stimme eines jungen Menschen: Kinderlen! Her zu mir! Unser
Christenherz will maien! Jetzt geht es ins Himmelreich! Erschrocken
guckten die Musketiere die vielen Kinder des Alten an, die sich
herdrngten von allen Seiten, Mnner und Greise, Brger und Bauern,
Weiber, Kinder, hochstmmige Burschen und halbwchsige Mdchen. An die
vierzig, an die fnfzig und sechzig waren es, und mit jeder Sekunde
wuchs ihre Zahl, und sie alle waren Kinder vom Geiste dieses Alten,
auch wenn sie einen anderen Namen trugen, als er.

Erschrocken sah Frau Agnes in das jauchzende Gewhl der haufenweis
herbeistrmenden Bekenner hinein und griff sich mit beiden Hnden an
die Schlfe, da ihr die weie Haube zurckfiel in den Nacken. Zitternd
taumelte sie gegen das Holz der Unehr hin und umklammerte die rot
bersickerten Fe ihres Sohnes: Mein Bub! Mein Blut und Fleisch! Was
hast du verschuldet!

Nichts, Mutter! Der Klang seiner Stimme war ruhig. In meines Lebens
heiligstem Stndl hab ich ein Wegweis der redlichen Wahrheit werden
mssen.

Sein Wort ging unter in dem wachsenden Stimmengebraus der Hunderte, die
sich herandrngten, um das Schneekleid ihrer Seelen abzustreifen und
Sichtbare zu werden. Fast alle, wenn sie die Hnde hinboten, hatten
das gleiche Wort: Mich auch! Wie schn ist die Wahrheit! Jetzt geht
es ins Himmelreich! Immer vier oder fnfe wurden von den Musketieren
in die Torhalle hineingefhrt, und doppelt so viele folgten aus freiem
Willen, bis die Soldaten Gottes mde wurden des Verhaftens. Nur drei
von ihnen blieben beharrlich. Und da faten sie im Gedrng einen
Bauer. Der wehrte sich wie irrsinnig und kreischte: Lasset mich aus!
Ich bin ein Gutglubiger. Mein Weibl ist rmisch und meine Kinder
sind's. Die la ich nit. Gelobt sei Jesus Christus, ich glaub ans
Fegfeuer, in Ewigkeit Amen. Und wie mein Herzfleck ist mir mein Haus
und Acker. Und mt ich zum luthrischen Sand hinunter, ich wt nimmer,
wie ich noch schnaufen knnt. So lasset mich doch aus, ihr Herren!
Vor Weihbrunnkessel und Mebuch will ich's beschwren: Ich bin ein
Gutglubiger!

Der Blutende am Holz der Unehr wandte das Gesicht im Eisen. Er hatte
seinen Widersacher von der Untersteiner Krippe erkannt. Mit einer
Stimme, so hell und stark, da sie allen Lrm bertnte, rief er hinaus
in die Sonne: Lgen heit leiden. Und einer, an den wir glauben,
hat gesagt: >Wer mich verleugnet vor den Menschen, den will ich auch
verleugnen vor meinem himmlischen Vater.<

Der Bauer, den die Musketiere schon freigegeben hatten, blieb stehen
wie ein Gelhmter. Langsam wandte er die Augen und sah zum Balken
hinauf. Ein Erblassen rann ihm ber das verstrte Gesicht. Nun tat
er einen tiefen Atemzug, ging auf einen der Musketiere zu und bot
ihm die gekreuzten Hnde hin: Mich auch! Alles verlieren! Nur nit
die Seligkeit. Ich bin evangelisch. Der Soldat verhaftete ihn
nicht, sondern sah den Bauer mit erweiterten Augen an, warf die
Feuersteinflinte in den Brunnen, ri den Dreispitz und die Sbelkoppel
herunter, schleuderte alles wie in Ekel von sich und sagte: Da tu ich
nimmer mit. Komm, Bruder, wir gehen selbander ins Himmelreich! Er
legte den Arm um den Hals des Bauern, kte ihn auf die Wange und trat
mit ihm in den Schatten der Torhalle.

Ein unversiegendes Herandrngen von allen Seiten. Jetzt irgendwo eine
jauchzende Stimme: Leut! Ihr lieben Leut! So schn, wie der Frhling
der Wahrheit ist, so gottschn ist kein Blumenwuchs auf der besten
Alm! Das Wort des Einen wurde zum frohen Seelenschrei von Hunderten:
Frhling der Wahrheit! Frhling der Wahrheit! In dem brausenden
Bekennergewimmel, das schon den Hof des Stiftes zu fllen begann, fing
einer mit klingender Kehle zu singen an. Viele Stimmen wuchsen mit
freudigen Krften hinzu. Aus Tor und Halle schwoll das Lied um den
Brunnen her, sprang hinber zu den Tren, zu den Fenstern, und rauschte
ber die Gasse hin:

  Nun freut euch, liebe Christengmein,
  Und lat uns frhlich springen --

Alle, die so sangen in dieser Frhlingsstunde ihrer Seelen, sangen das
Lied in ihrem Leben zum erstenmal mit lauten und unverschchterten
Stimmen. Fast war es nicht wie Gesang. Es war wie ein unersttliches,
nicht enden wollendes Aufjauchzen der Freiheit und Erlsung.




Kapitel XV


Der Hall des tausendstimmigen Liedes, das emporschwoll ber die
Dcher des Stiftes, klang auch hinber zu der galanten Jugend, die
sich _ la Versailles_ amsierte und kaum einen Laut dieser ber
alles Irdische emporgehobenen Menschenfreude vernahm. Es erging den
grazis Erheiterten, wie es einem leichtsinnigen Trumer geschieht,
der beim Rauschen eines frhlichen Baches den Donner des aufsteigenden
Gewitters berhrt. Auf der Hofwiese gavottierten die Hifthrner in
rasendem Tempo, obwohl sie die klagende Fuchstodweise htten blasen
mssen. Der letzte Prellfuchs war schon seit geraumer Weile entseelt.
Er zappelte nimmer, whrend er flog, sauste aber immer wieder hinauf
ins schne Blau. Die Allergndigste schien sich des blutspritzenden
Spiels nicht ersttigen zu knnen, und so wurde der leblose Tierklumpen
zu einer Kostbarkeit, um die sich alle Prellerpaare in ausgelassener
Heiterkeit zu raufen begannen. Nun fing auch die Zuschauermenge vor dem
Netz zu wachsen an. Viele, die den Marktplatz erschrocken verlassen
hatten, wurden festgehalten durch das farbige Flatterbild, doch nicht
in Schaulust, sondern in Zorn. Inmitten einer erregten Frauengruppe
deutete ein mauerblasses Weib auf den fliegenden Fuchs und schrie:
So prellen sie unsere Seelen, unser Gut und Leben, bis uns allen der
Schnaufer vergeht. Die sollt der Teufel einmal reiten! Kreuzweis!

Hatten die Dunklen der Unterwelt diesen Segenswunsch erhrt? Aus
zwei groen Ksten, die auf einen heimlichen Wink des Grafen Tige
auseinanderfielen, sausten vier schwarzborstige Unholde mit Grunzen
heraus, prallten gegen die gespannten Netze, rasten blind nach einer
anderen Richtung, spritzten im Lauf den blutigen Schnee auseinander,
wurden wie besessen und berrannten jedes lebendige Hindernis. Diesen
Vorgang begleitete ein sechsstimmiges Damengeschrei, das sich aus
toller Heiterkeit sehr flink verwandelte in schrilles Angstgezeter.
Gleich zu Beginn des Scherzes merkte Graf Tige, da der grazise
Knalleffekt ein bles Ende zu nehmen drohte. Erschrocken befahl er dem
Wildmeister und den Jgern: Abfangen! Abfangen! Es war zu spt. Mit
gehobenen Rcken, grillend wie gengstigte Kinder, jagten die unter
Schminke und Schnheitspflsterchen entfrbten Demoisellen sinnlos
zwischen den Netzen hin und her, um den jungen, sausenden Wildschweinen
zu entrinnen. Keiner gelang es. Jede wurde von solch einem
blindsurrenden Borstenklotz zu Boden geworfen. Hinter den Schweinen,
halb noch lachend, halb schon in Sorge, sprangen die Domizellaren und
Jger mit den blanken Hirschfngern einher.

Bevor man das erste der rasenden Schweinchen zu Boden bringen konnte,
waren die sechs Demoisellen schon zum Erbarmen zugerichtet, mit
zerrauften Frisuren, mit zerfetzten Kleidern, beschmutzt, vom Schnee
durchnt, an Gesichtern und Hnden mit roten Flecken gesprenkelt,
die vom Abklatsch des berall ausgespritzten Fuchsblutes herrhrten.
Das zweite und dritte Wildschwein wurden in den Netzen erstochen.
Den letzten berlufer mute man, bevor er den Todessto empfangen
konnte, an den Hinterlufen unter dem tonnenartigen Steifrock
der Allergndigsten hervorzerren. Aurore de Neuenstein lag mit
ausgespreizten Armen im Schnee und zeterte ununterbrochen die beiden
Worte: _Mon Dieu! Mon Dieu! Mon Dieu!_ -- in einem wesentlich
anderen Ton, als Damen zu kichern pflegen, wenn sie charmant
kascholiert werden. Und whrend dieses weidmnnische Accouchement unter
betrchtlicher Krnkung zarter Prinzipien vollzogen wurde, lie sich
ein zorniges Spottgelchter vernehmen. Drei der Demoisellen huschten
durch die Leierbsche des gestutzten Hofgartens davon, um dem Hohn der
Subjekte zu entrinnen. Und Aurore de Neuenstein war anzusehen wie eine
Nachtwandlerin mit geffneten Augen.

Das ungrazise berraschungsspiel der bsen Schweinchen schien sich
bei ihr mit einer sinnverwirrenden Entdeckung zu komplizieren. Als
aller Schreck schon lngst berstanden war, wurde die Allergndigste
pltzlich von einer befremdenden Erschtterung der Verdauungsorgane
befallen -- ein Symptom, ber das Graf Tige nicht minder erschrak, als
Aurore de Neuenstein. Zu einer Errterung der unliebsamen Katastrophe
verblieb den beiden vorerst keine Zeit. Atemlos erschien auf der
Hofwiese der aus seinem Sonntagsschlfchen aufgestrte Muckenfl,
schlotterbackig, ohne Sbel, und kreischte: Ihr Herren und Jger!
Jesus, Jesus! Die Welt geht unter _in loco hujus_! Unsere Bauern
rebellieren wider Himmel und Gott! Wir brauchen Hilf! Alles hinber
zum gndigsten Frsten! Der Wildmeister, alle Domizellaren --
ausgenommen den Grafen Tige -- die Pagen und Hifthornblser sprangen
mit dem stotternden Feldwebel durch den Schlograben zum Stift hinber,
aus dessen Hfen das Lied der tausend Bekennerstimmen in die Sonne
schwoll. Sechs von den Jgern zerrten die abgestochenen Wildschweine
hinter sich her.

Auf der Strae war ein ruheloses Durcheinander. Leute rannten
schreiend gegen den Markt hinauf, und viele, denen die Seele angstvoll
geworden, strebten hastig ihren Hfen zu: die noch Unentschlossenen,
die nicht sichtbar werden wollten, und die Gutglubigen, denen das
Bekennungswunder dieses Morgens die frommen Gemter mit Trauer und
Schreck erfllt hatte. Inmitten eines Schwarmes dieser Heimlufer
kreischte ein Aufgeregter: Mich haben die Musketierer dreimal
gepackt. Allweil hab ich mich ausweisen knnen mit polizeimigen
Glaubenswrtlen. Wer tt denn gutglubig sein, wenn's ich nit bin?
Httst du das Erlsungswunder meiner Martle gesehen, so ttst du
glauben, Mensch! Erzhlen darf ich es nit. Aber fr's Martle tu ich ein
neues Kreuzl schneiden. Sie hat's verdient! Wenn eins heruntergreift
aus dem Himmel und meine Kinderlen hinaufholt in die Ewigkeit -- so
eine Gottselige wird wohl ein Kreuzl verdienen? Nit? Und mt auch
ihr Leichnam in heidnischen Boden kommen wie eine ungetaufte Katz,
bevor sie stinkig wird. Der Haynacher betrachtete unter verzerrtem
Lcheln das erstochene, in Schneegebrsel und Blutklumpen eingewickelte
Wildschwein, das von zwei Jgern in den Schlograben hinuntergezogen
wurde. Mit dem Finger deutend, kicherte Christl: Auch ein Ungetauftes!
Findt aber doch eine christliche Ruhstatt. Weil's die geistlichen
Herren hinunterschlucken in ihre geweihten Mgen!

Da kam einer aus dem Tal herauf. Christl? Jeder Redliche lauft der
Wahrheit zu. Und *du* gehst *heim*?

Wohl, Mensch! Der Haynacher lchelte schlau. Mich haben sie wieder
auslassen mssen. Weil ich so gutglubig bin, wie mein Martle und
jedes von meinen getauften Kinderlen gewesen ist. Der andere, halb
in Zorn und halb in Erbarmen, machte eine Handbewegung und ging
vorber. Christl Haynacher keuchte in die Sonne hinaus: Kann sein,
mir ist ein unheiliger Zweifel durchs Hirndchl gelaufen, ich wei
nit, wann. Aber wie das Wunder mit meinen Kinderlen geschehen ist,
da bin ich gutglubig worden. Wenn aus der Seligkeit zwei liebe Hnd
heruntergreifen zur irdischen Not! Und lupfen das unschuldsweie Prl
aus dem amtsmigen Riegel heraus! Und allweil hher hinauf zum ewigen
Gottesglanz! Schau, Mensch, da mut du doch selber sagen -- Er merkte,
da er allein stand. So so? Dem Christl liefen zwei Trnen ber die
Feuerflecken seiner Backen. Schau, von meinen gottseligen Kinderlen
will kein Mensch mehr ein Wrtl wissen!

Diese Weisheit glich einem der wahrheitsfernen Irrtmer, wie sie der
lyrisch verherrlichte _Dr._ Halbundhalb zu fabrizieren pflegte. Gerade
in dem Augenblick, in welchem Christl seine falsche Rechnung aussprach,
erwachte die Erinnerung an das Haynacher'sche Zwillingspaar in einer
Menschenseele, der man ein so treues Gedenken gar nicht zugetraut htte
-- in der Seele der allergndigsten Aurore de Neuenstein. Von dem
verwsteten Fuchsprellplatze hatte Graf Tige den leidenden Engel in
zerrupftem Zustand hinbergeleitet zu einem Salettchen des gestutzten
Hofgartens. Hier sa die Neuenstein auf einem Holzbnkl. Graf Tige
lag vor den Knitterbrchen des Steifrockes auf den Knien, labte die
schwache Demoiselle mit Biskuitstckelchen -- und da wiederholte sich
pltzlich jene befremdende Erschtterung ihres innersten Wesens. Es
wurde der Allergndigsten in beklagenswertem Grade bel, und dieses
war der Augenblick, in dem Aurore de Neuenstein sich jener _chose
effroyable_ erinnern mute, die sie auf dem Stubentische des Christl
Haynacher hatte liegen sehen. Aber statt von menschlichem Erbarmen
bewegt zu werden, geriet sie in einen schwer erklrlichen Jhzorn, und
-- billeripatsch -- versetzte die Allerungndigste dem Grafen Tige
eine schallende Ohrfeige, viel krftiger, als man es diesem zartesten
aller Hndchen htte zutrauen mgen. In Trnen ausbrechend, entzog sie
sich flink durch eine Ohnmacht jeder weiteren Konversation. Graf Tige
mit der brennenden Wange eilte durch den gestutzten Hofgarten davon,
um Hilfe fr Aurore de Neuenstein herbeizurufen. Als er die sekrete
Gartenmauer erreichte, hrte er das Stimmengebraus der Marktgasse und
den mchtig wachsenden Klang eines verbotenen Liedes, das von Tausenden
gesungen wurde. Ratlos guckte er in die Sonne und wurde von zwei
Menschen, die es eilig hatten, aus dem Weg gestoen.

Neben einem blonden, sich wie irrsinnig gebrdenden Mdel, sprang der
lange Stiftspfarrer Ludwig in dnnen Hausschuhen durch Schnee und
Pftzen. Der schwer erkrankte Mann konnte pltzlich so hurtig rennen
wie der gesndeste Bauernbub. ber die Wasserlachen vor dem Garten
des Meister Niklaus machte Pfarrer Ludwig Sprnge wie ein Wettlufer
vor dem Ziel. Er wollte atemlos in die Werkstatt treten, fand die Tr
verschlossen und schrie: Ums Himmels willen, Nicki, so tu doch auf!
Hinter der Tr eine zornbebende Stimme: Man hat mich eingesperrt.
Die Sus stammelte: Da ist der Schlssel! Nun mute der Pfarrer
lachen. Du hast ihn eingekastelt? Dem Mdel kollerten die Trnen ber
das angstvolle Gesicht. Was htt ich denn tun sollen? Der Meister
ist strker als ich. Wie ich heimgekommen bin und hab erzhlt, da
die Evangelischen hundertweis bekennen, hat der Meister gleich zum
Bekenntnis laufen wollen. Da bin ich in meiner Seelenangst aus der Tr
gerumpelt, hab zugesperrt und bin zu Euch gesprungen.

Und das Luisichen? fragte der Pfarrer sorgenvoll. Wei sie, was der
Meister hat tun wollen? Sus schttelte den Kopf: Die hab ich droben
eingesperrt in ihrem Stbl. Gar nit gemerkt hat sie's. So durstig hat
sie gebetet vor dem Jesukind. Der Pfarrer atmete auf: Dich sollt man
zum Kanzler von Berchtesgaden machen. Du bist die Gescheiteste von uns
allen. Jetzt tu das Mdel behten, derweil ich red mit dem Meister.
Whrend dieser Worte des Pfarrers rttelte der Eingesperrte immer an
der Tr: Gotts Not, so machet doch auf!

Ja, guter Nick! Erst mu ich das Schlsselloch finden. Ich bin ein
Kranker, mir zittern die Hnd. Dieser unanfechtbaren Wahrheit zum
Trotze wute der Pfarrer, als er die Tr geffnet hatte und ber die
Schwelle gesprungen war, sehr flink wieder auf der Innenseite den
Schlssel ins Schlo zu bringen und umzudrehen.

Meister Niklaus bekam eine dunkelrote Stirne. Pfarrer! Meinen Weg gib
frei!

Gleich, Herzbruder! Nur ein Wrtl!

Gewissen und Wahrheit vertragen kein Biegen nit.

Der Pfarrer sah, da das Fenster offen stand und das schwere Gitter
verbogen war. Gewissen und Wahrheit sind wie eiserne Stangen. Ein bil
Biegen, wenn es vernnftig ist, vertragen sie schon. Nur gegen die
Unvernunft sind sie bockbeinig. Und da ist's ein Glck, da es noch
allweil Schlosser gibt, die verlliche Arbeit machen.

Pfarrer? Meister Niklaus streckte sich. Willst du mich hindern, als
Christ meine Pflicht zu tun?

Ganz im Gegenteil! Ich will dich in deiner Pflicht bestrken. Weil
der Meister den Pfarrer beiseite drngen und die Schwelle gewinnen
wollte, stemmte der Greis sich gegen das Trschlo, in dem noch der
Schlssel stak. Aber Herzbruder! Tu nit so grob mit mir! Seit gestern
bin ich ein todkranker Mensch. Dem Meister fielen kraftlos die Arme
hinunter. Und der Pfarrer, nachdem er den Trschlssel abgezogen hatte,
sagte ruhig: Schau, Nick! Ein Christ sein, ist ein wundervolles Ding.
Aber *jede* Pflicht verlangt vom Menschen ein bil Treu. Von deiner
Kunst will ich nit reden. Die ist durch deine Redlichkeit eh' schon zu
kurz gekommen um eine geschickte Hand. Aber willst du vergessen, da
du auch ein pflichttreuer Vater sein mut? Willst du das Gute, das in
deinem Mdel gewachsen ist, wieder in Scherben schlagen? Willst du dein
Kind in Tod und Verzweiflung treiben? Das Gesicht in die beiden Hnde
pressend, von denen nur die hlzerne nicht zitterte, stand der Meister
wortlos am offenen Fenster, berglnzt von einem steilen Strahlenbndel
der Mittagssonne. Komm, Herzbruder! Setz dich zu mir aufs Bnkl her!
Da wollen wir reden miteinander.

In der friedsamen Stille, die diesen Worten folgte, richtete drauen
vor der Tre die Sus sich auf und bekreuzte unter einem Atemzug der
Erquickung das blasse Gesicht. Heien Blickes emporschauend nach der
Richtung, in der sie den Wohnsitz Gottes vermutete, sprach sie mit
jagender Flsterstimme zwei Gebete, zuerst ein evangelisches, dann
ein gutkatholisches. Und flink ber die Stiege hinauf, um abermals
zu lauschen -- an Luisas Tr. Deutlich konnte sie die inbrnstigen
Stammellaute einer Litanei vernehmen. Leis drehte Sus den Schlssel
und trat in die weie, sonnige Mdchenstube. Vor dem flimmernden
Jesuschrein lag Luisa auf den Knien, die blutfleckigen Hnde ineinander
gekrampft. Sie hrte nicht, da jemand den flehenden Hilfeschrei der
Litanei zur heiligen Gottesmutter andchtig mitsprach: Bitt fr ihn
-- bitt fr ihn -- Als Luisa wieder ein Ave Maria beginnen wollte,
sagte die blonde Magd mit lauter Stimme das Amen, fate die Haustochter
unter den Armen und hob sie vom Boden auf. Komm, Kindl! So fromm hast
du gebetet, da die heiligste Mutter ihm helfen *mu*! Und schau, du
mut doch das blutfleckige Kleidl heruntertun! Mut dir die roten
Hndlen waschen! Lautlos bewegte Luisa die Lippen, umklammerte den
Hals der Magd und prete das Gesicht an ihre Schulter. Nach heiteren
Worten suchend, fhrte Sus die Haustochter zu einem Sessel, begann
sie zu entkleiden und stellte das Waschbecken zurecht. Dabei lauschte
sie immer in den Flur hinunter. Es dauerte lang, bis drunten das
Klappen der schweren Tr an des Meisters Werksttte zu hren war.
Kein Schritt. Die Sus atmete erleichtert auf. Sie wute gleich: der
Meister ist daheim geblieben, und nur der Pfarrer in seinen lautlosen
Filzschuhen ist davongegangen. Als sie zum Fenster hinhuschte, sah sie
den Hochwrdigen auf die Strae treten. Jetzt sprang der lange Pfarrer
nimmer. Sehr achtsam umging er die Wasserlachen.

Ein Menschengerenne hin und her. Trotz des wogenden Lrms, der die
Marktgasse fllte, war nicht das geringste Zeichen von Rebellion zu
erkennen. Das flutende Leutgedrnge hatte was Festliches. Und whrend
der Klang des evangelischen Liedes herscholl von den Stiftshfen, ragte
auf dem Brunnenplatz der leergewordene Schandbalken ber das Gewhl
der Kpfe hinaus. Man hatte den Benden aus Staatsrson begnadigt,
um die Aufregung der Subjekte zu mildern. Dieser notwendig gewordene
Gnadenakt hatte die Regierungsseele des Herrn von Grusdorf bedenklich
aus dem Gleichgewichte gebracht. Das stand unter verschobenem Lockenbau
auf seinem Katzenjammergesicht zu lesen, als er, von sechs Musketieren
flankiert, hinberwatete zum Sanssouci der Allergndigsten, die ihn
durch ein geheimnisvolles Eilbriefchen zu sich berufen hatte. Sein
Prophetengeist war so verwirrt, da er nicht ahnen konnte, welcher
familiren Bestrzung er mit seinen Gichtzehen entgegenzappelte.

Unter munteren Worten bohrte sich der Pfarrer durch das wogende
Leutgewhl zu dem Hause seines Freundes Lewitter. In dem dunklen Flur,
in dem es nach Gewrzen duftete, fragte er die stumme Lena: Ist dein
Herr daheim? Da hrte er aus dem Oberstock den leisen Gesang einer
mden Greisenstimme. Es war nicht das erstemal, da Pfarrer Ludwig
in Lewitters Haus diese alte, schwermtige, wunderlich verzierte
Tempelweise vernahm. Er hastete ber die steile Treppe hinauf und
hmmerte mit dem Fingerknchel gegen die Tre. Simmi! Tu auf! Ich
bin's! Ein Mensch! Eiserne Stangen klirrten, und zwei Schlssel
drehten sich in den schweren Schlssern. Simeon Lewitter schlpfte
durch einen schmalen Spalt und fragte tonlos: Ist Gefahr? Der Pfarrer
schttelte den Kopf. Die Leut von heut sind ungefhrlicher als die
von gestern. In ihnen ist Freud und Hoffnung. Blo die Regierung hat
Magenweh. Und ich bin gestern marod geworden. Der Bader hat seine Not
mit mir gehabt.

Den Bader hast du holen lassen? Simeons Augen wurden gro. Warum
denn mich nit?

Du bist der bessere Doktor. Aber der Bader schwefelt vor unserem
Justizkamel das glaubhaftere Zeugnis.

Erschrocken fragte Lewitter: Wirst du's ntig haben?

Der Pfarrer lachte. Wenn dem Willibald ein Trpfl Verstand lebendig
wird in der Stckelmilch! Wahrscheinlich ist's *nit*. Aber allweil noch
so mglich, wie da der Gockel eine Henn wird, wenn man ihm freundlich
zuredet. Und da sollst du auer Spiel bleiben, Simmi! Aber weil mir der
Bader nit geholfen hat, drum bin ich in den Filzpatschen hergelaufen zu
dir. Und du hast mir ein feines Medikament verzapft. Gelt ja?

Ohne zu antworten, huschte Lewitter davon, brachte eine haselnugroe
Pille und schob sie dem Pfarrer zwischen die Lippen. Jetzt brauch ich
nit lgen.

Und ich brauch nimmer im Bett liegen. Da ist uns beiden geholfen.

Eine seltsame Krankheit! So glaubhaft -- Lewitters Stimme wurde leis,
wie das Mirakel der Armeseelenkammer.

Schmunzelnd beugte sich der Pfarrer gegen das Gesicht des Freundes
hin. Gott sei Dank, Simmi, da *du* nit der Landrichter bist. Ein
heiteres Lachen. In der Stille, die ihm folgte, klang der Hall des
tausendstimmigen Bekennerliedes wie das ferne Rauschen einer Mhle.
Herr Ludwig wurde ernst und fragte flsternd: Weit du, was geschieht
da drunten?

Lewitter wehrte mit beiden Hnden und schlpfte in seine leere
Kinderstube. Drinnen klirrten die eisernen Stangen. Vor sich
hinnickend, stapfte der Pfarrer die Treppe hinunter. In das Gewhl der
Marktgasse wagte er sich nimmer. Hinter den Husern watete er durch
die Traufenbche und begann, bevor er seine Wohnung erreichte, heftig
zu niesen. Die Folgen seiner Verkhlung in den nassen Filzpantoffeln
entwickelten sich mit der Schnelligkeit eines frstprpstlichen
Lufers. Dem Jammer seiner Schwester konnte Pfarrer Ludwig das
trstende Wort entgegenhalten: Gott bleibt allweil barmherzig. Wie
ntiger ein Leiden ist, um so flinker schickt er's.

Brausend klang von den Stiftshfen herauf das fromme Lied. Tt die
Regierung nit sagen, das ist Rebellion, so mcht man glauben, das
ist schner Gottesdienst. Der Pfarrer lie sich den Lehnstuhl ans
Fenster rcken. Hier sa er, in wollene Decken gewickelt, sich immer
schnuzend, und blickte hinunter auf das Menschengewhl, das sich in
dem weiten Hof mit jeder Minute vergrerte.

Nicht nur Bauern und arme Handwerker standen da drunten, um auf die
Eintragung in die Ketzerliste zu warten, auch wohlhabende Brger des
Marktes, die man noch nie als Unsichtbare verdchtigt hatte, zahlreiche
Salzknappen und viele Dienstleute des Stiftes. Die fassungslose
Regierung mute die Wahrnehmung machen, da sie seit Jahren von
>Abtrnnigen< umgeben war bis zu den vergoldeten Fen ihres Thrnchens.

Nichts von Aufruhr. Kein Schimpfen und Spektakulieren. Das Verhalten
der Bekenner war ruhig, war durchglnzt von einem freudigen Glck. In
dichten Gruppen standen sie beisammen, und immer wieder fing einer
zu singen an, und hundert und tausend fielen ein, da ihr froher
Gesang wie das Osterlied einer Orgel war. Christen? Ketzer? Pfarrer
Ludwig sah zum Geheimfach seines Schreibtisches hinber. Hat der
Amsterdamer Singvogel recht, so sind es tausend Gotteskinder, nher dem
Himmel als der Welt. Weil sie vorwrts drngen und Wahrheit suchen.
Sinnend betrachtete er die lange Menschenkette, die sich gegen das
Gerichtsgebude hinberschob. Bei aller friedsamen Brgerruhe, die da
drunten herrschte, gab es doch auch erregte Szenen. Es kamen gutglubig
gebliebene Frauen, verstrt und weinend, um ihre evangelischen Mnner
und Shne zu reuevoller Umkehr zu beschwren. Es kamen zornige Mnner,
die ihre >verfhrten< Weiber und Tchter herausreien wollten aus
der Bekennerschar. Doch immer ruhiger wurden diese Wortkmpfe, je
deutlicher die Regierung eine Hilflosigkeit bekundete, von der man
Gefahren fr Gut oder Leben nimmer zu besorgen brauchte. Wie man den
Leupolt Raurisser vom Holz der Unehr heruntergenommen hatte, lie man
auch alle Verhafteten wieder frei. Die gesetzliche Macht beschrnkte
sich darauf, zur Festlegung der Bekennernamen ein Tribunal zu
errichten, dessen Vorsitz der Kanzler von Grusdorf bernehmen sollte.
Leider mute man auf seine Mitwirkung verzichten; er war von dem Besuch
bei seiner unplichen Nichte Aurore de Neuenstein in einem Zustand
heimgekehrt, der einem Schlagflu hnelte. So mute den Vorsitz des
Tribunals der aus dem Schlaf gerttelte _Dr._ Halbundhalb bernehmen.
Als er in gespensterhafter Blsse zur dienstlichen Mihandlung der
Wahrheit antrat, richtete Herr Anton Cajetan diese Rede an ihn:
Willibald! Da du ein Esel bist, hab ich immer gewut. Aber so
deutlich wie in diesen Tagen hast du es noch nie bewiesen. Ich mchte
weinen ber die Arbeit, die du fabriziert hast. Da du die Ehrlichen
als Verbrecher erkennst und die Lumpen fr Apostel der Wahrheit nimmst,
das ist noch lange nicht die belste von deinen Schdigungen des
Staates. Du wirkst wie ein Fulniskeim. In allen Redlichen erschtterst
du den Glauben an die Gerechtigkeit, und den geheiligten Richterstand
machst du verchtlich vor allen Subjekten. _Mais, que Dieu nous soit en
aide_, die bse Stunde lt dich unentbehrlich erscheinen -- ich habe
kein Rechtskamel, das kleiner ist. Setze dich hinauf, la die andern
amten, suche wrdevoll auszusehen und halte das Maul! Besser kannst
du mir nicht dienen. Als Beisitzer gab ihm Herr Anton Cajetan vier
Kapitelherren, die beiden Chorkaplne und fnf Domizellaren. Graf Tige
war nicht aufzufinden.

Die Moidi von Unterstein, die man zuerst verhaftet hatte, wurde
auch zuerst verhrt. Als Graf Saur die Frage an sie richtete: Was
glaubst du?, ffnete sie das Mieder, zeigte die schwrenden Male der
Faustschlge und sagte: Ich glaub, da es Gottes Willen nit ist, ein
Menschenkind so zuzurichten. Die Herren waren ein bichen betreten,
und der Richter mit den verriegelten Zhnen klappte wie eine Eule
die Augendeckel zu, weil der unsittliche Anblick seinen Prinzipien
zuwiderlief. Dabei lie er sich zu zwei verbotenen Worten hinreien:
Du Schwein! In Zorn antwortete das Mdel: Auf den Hintern haben mich
die Soldaten Gottes nit gehauen. Sonst htt ich Euch *den* gezeigt. Und
mir htt's weniger weh getan. Graf Saur beruhigte die Emprte. Dann
wurde sie drei Stunden lang ber alle Glaubensstze vernommen.

Als Zweiten wollte man den Frsager von Unterstein citieren.
Da polterte ein Ungerufener in die Amtsstube: der Mlzmeister
Raurisser. Er hatte die von seiner Frau versperrte Haustr in Fetzen
geschlagen, um sich als evangelisch zu bekennen. Unter allem, was er
zhneknirschend vor sich hinbi, hatten nur die Worte Verstand, die
er ber die >unchristliche Peinigung< seines Sohnes sagte; doch sein
Glaubensbekenntnis war so verworren, da man mit Sicherheit nicht
unterscheiden konnte, ob der alte Raurisser schon evangelisch oder
noch gutkatholisch wre. Dieses Dilemma wurde von Graf Saur durch die
salomonischen Worte entschieden: Mein lieber Mlzmeister! Geh er
wieder heim, glaub er, was er wolle, und brau er uns auch frderhin
eine so bekmmliche Biersorte wie bisher.

Nun wurde der Alte von Unterstein vorgerufen. Sein Verhr entwickelte
sich fr die beiden Chorkaplne zu einem erbitterten Wortgefecht.
Der Greis in seiner unerschtterlichen Ruhe, in seiner graden und
schlichten Einfalt, blieb ihnen keine Antwort schuldig und bertraf
an Bibelfestigkeit die zwei Theologen bei weitem. Sie htten seine
Nierenprfung ausgedehnt bis in die Nacht, wenn Graf Saur nicht
festgestellt htte, da mit drei Verhren fnf kostbare Stunden
vertrdelt wurden. Protokollieren wir so weiter, dann mssen wir ein
halbes Jahr lang durch Tag und Nacht verhren und sind im Herbst,
wenn schon die Hirsche rhren, noch immer nicht fertig. Es war
dringend notwendig, die Tribunalpraxis in ein summarisches Verfahren
zu verwandeln. Es wurden sechs Tische aufgestellt. An jedem zwei
Schreiber. Und nun wanderten die endlosen Reihen der Bekenner an den
sich immer lnger fllenden Listen vorber. Man schrieb nur Namen,
Alter, Lehen und Gnotschaft auf. Dann weiter um eine Nummer. Erst gegen
die zweite Morgenstunde wurden die Stiftshfe leer. Und als man an den
Tischen des Ketzertribunals summierte, ergab sich die erschreckende
Ziffer 2714.

Schon frh am Morgen begann die Zuwanderung der Bekenner aufs neue.
Am Abend standen 4372 Namen verzeichnet. In der Dmmerung des dritten
Abends waren es 5816, und als in den Nachmittagsstunden des folgenden
Mittwochs der Strom der Subjekte, die sich als evangelisch bekannten,
endlich versiegte, konnte die Regierung ihre Hnde ber der Ziffer 6394
zusammenschlagen. Mehr als zwei Drittel der gesamten Einwohnerzahl des
gefrsteten Landes von Berchtesgaden! Herr Anton Cajetan stand ratlos
und erschttert vor dieser ungeahnten Katastrophe. Er hatte schlaflose
Nchte, Herr von Grusdorf entsetzliche Tage. Der Kanzler fhlte die
Last der Verantwortung, wagte sich nimmer ins Stift und maskierte
seine chronische Absenz durch einen schweren Anfall von Podagra. Auch
jeden Besuch bei der Allergndigsten unterlie er. Wurde ihr Name vor
ihm genannt, so bekam er einen Gallenkrampf.

An Jesunder waren Zeichen einer Melancholie zu entdecken, die in
Geistesstrung berzugehen drohte. Er zankte sich ununterbrochen mit
seiner verehrten Frau Mutter, versagte bei jedem Bekehrungsversuch
und konnte durch Tag und Finsternis an nichts anderes denken, als nur
an das ungelste Rtsel der Armeseelenkammer. Immer hngte sich sein
ganzes Sinnen und Grbeln an diesen *einen* Verdacht: der Pfarrer
Ludwig! Um dem Chorkaplan diese aberwitzige Vorstellung aus dem Gehirn
herauszubeweisen, verschwendete _Dr._ Willibald alle Schrfe seines
Geistes. Zu Dutzendmalen sagte er: Aber Bester! Endlich *mu* man sich
doch von einer notorischen Wahrheit berzeugen lassen! Im Bewutsein,
etwas justiziarisch Zweckloses zu unternehmen, nur, um den gequlten
Jesunder von dieser Wahnvorstellung abzubringen, berraschte er den
Pfarrer durch einen inquisitorischen Besuch. Der Verdchtige war jetzt
wirklich krank, litt an einem Schnupfen von gewaltttigen Symptomen.
Weil die Sache unbestreitbar war, begann der Landrichter an ihr zu
zweifeln und sagte zu Jesunder: Nun erkenne ich, da Ihr nicht vllig
unrecht habt. Er mute die infizierte Nase putzen. Der Pfarrer
simuliert.

Whrend solche Gedankenblitze unter den gepuderten Rohaarwickeln
des Landrichters wetterleuchteten, ging ein hoffnungsvolles Aufatmen
durch das Berchtesgadnische Land. In allen Husern und Htten der
Bekenner war's wie ein stiller, schner Ostermorgen der Wahrheit. Die
Freude glnzte in den Augen der Evangelischen. Doch nirgends hrte man
lauten Jubel, nie ein bermtiges Wort. Diese Sechstausend schienen
wie erneut in ihrem Leben, wie erhoben und gelutert an allen Krften
ihres Herzens. Am Tage gingen sie fleiig ihrer Arbeit nach. Am Abend
versammelten sie sich zur Frsage und hrten das Wort Gottes. Und im
ganzen Lndl erwies es sich, da es fr die Bekenner verschiedenen
Glaubens kein Ding der Unmglichkeit ist, vertrglich Seite an Seite
zu leben. In den Gutglubigen, die treu an ihrem alten Himmel hingen,
zitterte wohl der Schreck und die Trauer. Auch der Zorn. Aber in diesem
gesunden, prchtigen Volksschlag gab es viele Verstndige, die sich
gut darauf verstanden, den Nebenmenschen nicht nach der Kittelfarbe
einzuschtzen, sondern nach Herz und Leben. Auch waren die Unterschiede
in den Glaubensstzen nicht so betrchtlich, da ein nachbarliches
Brckenschlagen nicht mglich gewesen wre fr Menschen, die sich nicht
leiten lieen von blindem Ha. Es standen auf katholischer Seite viele
Mnner und Frauen, die wesensverwandt mit dem Pfarrer Ludwig und der
tapferen Frau Agnes waren, jeden aufbrennenden Hader besnftigten und
immer sagten: Ist unser Erlser nit der gleiche? Sind wir nit geboren
auf gleichem Boden? Sind wir nit deutsche Leut, die zusammengehren in
Freud und Pein?

Auch in den Husern, in denen ein >tiefer Graben< ausgeschaufelt
war zwischen Mann und Weib, zwischen Eltern und Kindern, begann es
friedsamer zu werden, seit man nimmer zu besorgen hatte, da man
auseinandergerissen wrde. Zwei Drittel der Einwohner eines Landes
kann man nicht um Dach und Heimat bringen und ber die Grenze jagen.
Die Herren mssen zur Einsicht kommen, sie haben schon den Anfang
gemacht, haben den Leupolt nach der vierten Stund am roten Balken
begnadigt, haben keinen Bekenner ins Eisen geschmissen, werden sich
verstndigen mit den Evangelischen, wie's der Westflische Frieden
allen Deutschen vermeint hat, und mssen den Leuten ein ruhsames
Nebeneinanderhausen vergnnen. Not und Elend ist aus dem Lndl
hinausgeblasen, alles Bse wird linder sein, und die >gute Zeit< wird
kommen, auf die man in Schmerzen gewartet hat seit hundert Jahren und
lnger. Wie eine feste, heie und schne Freude war dieser Glaube in
allen.

Der Frsager von Unterstein schickte an die verschwundene, drben im
Bayerischen versteckte Hasenknopfin die Botschaft: Komm wieder heim
mit deinem Mdel! Im Lndl ist lieber Gottfrieden. Die Hasenknopfin
konnte ihr Mitrauen nicht berwinden, wollte die Heimkehr ihres Mannes
aus dem Preuischen auerhalb der Grenze abwarten, blieb unsichtbar fr
die Berchtesgadnische Regierung und fhlte sich wohl auf bayerischem
Boden.

Sie war eine weise Frau.




Kapitel XVI


In der Nacht vom Donnerstag auf den Freitag schlug das Wetter um. Frh
am Morgen fing es zu schneien an, still, ohne das leiseste Windwehen.
Senkrecht fielen die groen Flocken aus der Luft herunter.

Im schwarzwollenen Hauskittel stand Pfarrer Ludwig am Fenster. Er
hatte eine rotverschwollene Nase zwischen entzndeten Augen und mute
noch manchmal niesen. Im Widerspruch zu diesem Leiden war seine Laune
berraschend heiter und wurde noch immer frhlicher, je dichter
da drauen die Flocken fielen. Nur schn herunter mit dem weien
Leintchl! Dann such, du justiziarisches Dromedar!

Sehr heftig rasselte die Hausglocke. Schwester Franziska, mit
erweiterten Angstaugen, trat in die Stube: Der Hochwrdige soll
hinberkommen zum Frsten.

Pfarrer Ludwig schrie mit seiner vom Schnupfen noch heiseren Stimme:
Die hohen Stiefel! Flink! Als er allein war, runzelte er die Stirne
wie unter angestrengter Gedankenarbeit. Er sprang zum Kasten, zerrte
einen Mantel heraus, der farbig und gebndert war wie weltliche
Herrentracht, ballte ihn zu einem Knuel zusammen und schob ihn hastig
ins Ofenloch. Das gab ein hurtiges Feuer. Es stinkt ein bil, aber
hilfreich ist es. Pfarrer Ludwig lachte. Der Schlssel im tiefsten
Brunnen! Der Totengrbermantel in der schnsten Glut! Nun flink
hinber zum Schreibtisch. Er lie das Geheimfach aufspringen, zerri
drei lateinisch beschriebene Bltter in kleine Stcke und befrderte
sie ebenfalls in die Flamme. Frher hat man die Klugen selber
verbronnen, jetzt rstet man nur noch ihren Verstand. Allweil duldsamer
wird die Menschheit. Aus einer Lade nahm er zehn Guldenstcke und
zwanzig Sechser, legte die Mnzen schn geordnet in das Geheimfach,
lie die Feder wieder zuschnappen, zog in der Stube alle Schlssel ab
und schob sie in die Tasche. Als ihm die Schwester die Stiefel brachte,
fuhr er mit den Fen hurtig in die Schfte. Nach Rosenwasser riechen
sie nit. Der Gndigste wird das Nsl verziehen. Er nahm den Radmantel
um und stlpte schmunzelnd die schwarze Pelzkappe bers weie Haar.
So, Schwester, tu mir das Haus schn hten! Und kriegst du Besuch, so
unterhalt dich gut!

Bevor er hinaustrat in den jungen Schnee, sphte er nach den Fenstern
des Chorkaplans Jesunder und konnte gewahren, wie Frau Apollonia
zurckfuhr von ihrem Lauerposten. So so? Er schlug den Radmantel
um die Schultern, wanderte gegen das Stift, blieb wieder stehen und
blickte heiter dem flinken Menschenkind entgegen, das herankam durch
den Vorhang der weien Himmelsfden. Flaumig hing der Schnee am
Federtuff des spanischen Htls. Schultern und rmel des grnen Mantels
waren versilbert. Kein Gebetbuch, kein Rosenkranz. Zwischen den Hnden,
die aus den Mantelsumen herauslugten, zitterte ein braunes Tiegelchen,
das mit einem Schweinsblasenfleck berbunden war. Guten Morgen, Kind!
Wohin denn im tiefen Winter?

Zur Mutter Agnes.

Der Hochwrdige schien zu erschrecken. Ich kann doch nit denken, da
dein besonnener Vater dich schickt?

Ich geh von selber. Sie atmete schwer. Die Mutter Agnes ist eine
Gutglubige.

Freilich! Aber in ihrem Haus, da liegt doch einer, der zur bsen Lawin
der Siebenthalbtausend den ersten Schneeballen hat laufen lassen?

Wie alles ist, wei blo ein Einziger. Sie hob das vergrmte Gesicht
zur weiverschleierten Hhe.

Kind? Warum hast du Trnen in den Augen?

Weil ich allweil denken mu --

An den Leupi und seine Schmerzen?

Sie schttelte den Kopf. An den Kummer Gottes.

Freilich! Der Pfarrer nickte. Gott mu sorgenvolle Zeiten haben.
Erschafft einen prchtigen Buben, hat seine Freud an ihm, und jetzt
liegt er in Blut und Schwren. Er legte die Hand auf ihren Arm. Ich
htt dir den heutigen Weg gern ausgeredet. Aber ich merk, du tust dich
da nimmer halten lassen. Was christliche Barmherzigkeit ist, versteh
ich doch auch. Jeder gtige Menschenweg bleibt allweil ein Strl
Gottes. Und was ich dir neulich gesagt hab ber deinen Vater? Also?
*Ist* er jetzt einer von den Siebenthalbtausend?

Wr's gekommen, wie ich geforchten hab, ich htt's nit berlebt. In
ihren groen nassen Augen erwachte ein froher Glanz, als wre das die
einzige Freude dieser harten Zeit: Jetzt glaub ich, da der Vater
glaubt.

Siehst du! Hat man nit grad vier berflssige Buchstaben im Hirn, so
kommt man schlielich im Leben hinter jede Wahrheit. Geh mit Gott,
mein Luisichen! Lchelnd segelte der Hochwrdige in den langen
Schmierstiefeln ber die weie Welt, aufmerksam begleitet vom
Spherblick der Mutter Apollonia. Frau Jesunder leistete dabei eine
zwecklose Arbeit. Da Pfarrer Ludwig zum Frsten berufen war, das wute
sie schon, wute sogar noch mehr, htte aber auch gerne gewut, welche
Richtung das grne Mntelchen einschlug. Doch bis die neugierige Mutter
Apollonia in ihrer Behausung zu einem winzigen Hinterfenster sprang,
durch das sie die Welt nur in notwendigen Ausnahmefllen zu betrachten
pflegte, war Luisa nimmer zu entdecken.

Sie hatte bereits das Mlzmeisterlehen betreten. Zitternd stand sie da
im Flur und betrachtete ratlos die drei geschlossenen Tren. Ach, wie
viel Herzklopfen verursachen die Wege der christlichen Barmherzigkeit!

In dem kleinen Flur war nichts Katholisches, nichts Evangelisches zu
gewahren. Ein bichen roch es nach Seife und lauem Wasserdampf. Doch
mehr nach Frhling. Hopfenproben und gerstete Gerste duften krftiger
als manche Blumen.

Von den drei Tren war es die nach der Gartenseite, zu der man das
grte Vertrauen haben konnte. Die Kchentr. Als Luisa sie ffnete,
sah sie zwei Wasserbottiche mit blutfleckiger Bettwsche und sah eine
schlafende Frau. Wahrhaftig, man konnte glauben, da Mutter Agnes
schlief. So unbeweglich sa sie auf dem spreizbeinigen Bnkl ber das
Gesims des Gartenfensters hingesunken, vor dem der Fall der Schneefden
herunterging, und hielt das Gesicht in den Armen vergraben. ber den
entblten Scheitel rieselte ein schauerndes Zucken. Frau Agnes hrte
nicht, da jemand gekommen war. Erst diese lispelnde Stimme weckte sie:
Liebe Meisterin -- Da fuhr sie auf, als she sie ein Wunder. Kindl?
Du? Luisa nickte: Schau, da hab ich ein wehstillendes Slbl gekocht
und hab's in lindem Feuer viermal gelutert. Gestern, wie noch heller
Himmel gewesen, hab ich es klren knnen in der Sonn. Und heier hab
ich gebetet dabei, als je im Leben. In den zitternden Hnden hielt sie
ihr das braune, mit Schweinsblase verschlossene Tiegelchen hin. Magst
du es haben? Mutter Agnes versuchte zu lcheln, blieb stumm und beugte
den Kopf. Jesus! stammelte Luisa. Erst jetzt gewahrte sie dieses
Erschreckende. Die Mlzmeisterin, deren Scheitel am Sonntag vor dem
Holz der Unehr noch blond gewesen, war in fnf Nchten grau geworden.

In der stillen Kche knisterte das Herdfeuer, und das siedende Wasser
brodelte. Das war wie eine vertrumte Stimme, die gerne singen mchte,
aber nur die Weise findet und kein Wort dazu.

Frau Agnes erhob sich und legte den Arm um Luisas Schultern. Komm!
Sie fhrte das Mdchen in den Flur und vor eine Tr, die sie ffnete.
Da, schau! Es war seine Kammer. An einem Zapfenbrette hingen allerlei
Jagdgerte, die Schneereifen und Steigeisen, der Bergsack, die
sthlernen Schlagfallen fr den Fuchsfang, die neue Feuersteinflinte
und eine Armbrust aus Urgrovaters Zeiten. Eine schmale weie Stube,
ohne Ofen, mit sprlichem Gert, so alt, wie die Armbrust war. An
der Mauer ein kleines Kruzifix. In der Ecke, dem tief in der Mauer
sitzenden Fenster gegenber, stand das plumpe Bett, mit einer grauen
Wildschur und mit Kissen, von denen der berzug heruntergenommen war.

Luisa entfrbte sich.

Schau, da hat er noch gestern gelegen, so klaglos und gottsfreudig
wie einer von den Heiligen, die sie gemartert haben. Frau Agnes
streichelte ein Kissen, das feuchte Flecken hatte. In der Nacht ist
der Wildmeister gekommen, mit zwei Jgerknechten. Die haben ihn im
blutigen Verband auf ein Rl gehoben und haben ihn fortgefhrt, ich
wei nit, wohin.

Wie eine Erlste atmete Luisa auf.

Da sah die Mlzmeisterin sie an. Ach, Kindl, wie tust du zittern!
Komm, setz dich ein bil daher! Sie zog die Widerstrebende auf das
leere Bett ihres Sohnes. Mein Alter meint, die Herren htten den Buben
blo fortgeschafft, da er den Leuten aus den Augen wr. Krieg ich
Botschaft, wo er ist, so schick ich ihm gleich dein Tiegerl, gelt! Sie
konnte lcheln. Ob's heilsam ist oder nit, es wird ihm wohltun. Darf
ich es ihm sagen?

Was, Meisterin?

Da es von dir ist.

Sie nickte.

Und da du ihm gut bist?

Ja, Mutter!

Und da ihr zwei, wenn die verstndigen Zeiten wieder einkehren --

Luisa bekam das strenge Klostergesicht. Das nit! Eine Hoffnung tt
Snd werden. Er ist drben, ich bin, wo ich sein mu. Da ist kein Weg
nimmer.

Eins von euch beiden mu doch fgsam werden. Wie soll's denn enden?

Ein Lcheln. Mit einem einsamen Tod.

Das ging der Mlzmeisterin gegen die gesunde Natur. Ach geh, du
Schfle! Tt ich vom Sterben reden, so htt's Verstand. Bei dir ist's
Narretei. Das mach ich dir nit zum Frwurf. Ist doch die halbe Welt
verdreht! Der Zorn war in dieser ausgeglichenen Frau eine seltene
Sache. Jetzt wurde er wach. Tt unser Herrgott doch endlich einmal
einen Stecken nehmen und die ganze hirnkranke Menschheit so lang
karbatschen, bis sie alle betteln: Hr auf, wir wollen verstandsam
bleiben! Sie wurde ruhiger und klagte: Er tut's halt nit. Der mu
einen Geduldfaden haben, da man ihn auf der Weltkugel nit aufknulen
knnt in hunderttausend Jahr. Freilich, unser Herrgott hat Zeit zum
warten. Wir Menschen nit. Komm, Kindl! Wir wollen ein Wrtl reden mit
ihm. Eine schmerzhafte Mutter und von allen Jngferlen das frmmste. Da
*mu* er doch hren! Meinst du nit auch?

Ja, Mutter Agnes!

Aber das Tiegerl mut du auslassen. Schau nur, was du fr glhheie
Hndlen hast! Was Heilsams mu allweil khl haben. Sie stellte den
kleinen braunen Tiegel an das Fenster, dessen Scheiben mit Schnee
behangen waren. So, Kindl!

Nun knieten die beiden vor dem Kruzifix auf die frischgescheuerten
Dielen nieder und falteten die Hnde. Aus aller Frmmigkeit ihres
Herzens sprach Mutter Agnes den >Notschrei der wahren Christen im
tiefsten Elend<. Und Luisa, mit einer von Sigkeit durchfieberten
Inbrunst, betete die Worte: Hilf uns, o Herr! Hilf uns, Du Gtiger und
Gerechter, Du Allbarmherziger! Hilf uns, Du ewiger Vater! Das hatte
sie schon hundertmal gebetet, mit einer Seele, die nur glauben konnte,
nicht denken. Jetzt zum erstenmal zuckte ihr durch die Verzckung des
Gebets ein menschlicher Gedanke: Christen sind sie doch auch! Die von
da drben! Sie glauben an Gott und Erlser. Da sind sie doch keine
Heiden nit! Sie mute zittern, beschuldigte sich einer schweren Snde
und empfand doch eine Freude, die den Klang ihrer betenden Worte noch
heier und inniger machte. --

-- Um die gleiche Stunde betete auch ein anderer, nur in taumelnder
Seele, mit stummen Lippen, die sich so matt bewegten wie der Mund eines
Verschmachtenden. Sein Gesicht glhte, seine Augen waren geschlossen,
sein Krper wurde geschttelt vom Wundfieber. Im Hallturmer Jgerhaus,
das nur einen Bchsenschu von der bayerischen Grenze entfernt stand --
in einem Bodenraum, ber dem die Lcken des Schindeldaches verkrustet
waren mit angewehten Schneeklumpen -- lag er ausgestreckt auf dem
Heu, in seinem Bergjgerkleid, mit nackten Fen. Rotgesprenkelte
Wundverbnde umwanden die Fuknchel, die Handgelenke und den Hals.

Nun zuckten seine Glieder. Der wachsende Schmerz hatte ihn aus dem
Fiebertaumel gerttelt. Halb sich aufrichtend, lie er die heien Augen
hingleiten ber die niedere Balkenwand und ber die Schneekrusten, die
zwischen den Schindeln hingen. Undeutlich hrte er aus dem Unterstock
des Hauses eine fluchende Stimme heraufklingen. Und sein Blick fragte:
Wo bin ich? Er schlo die Augen wieder. Herr, wenn ich Dich nur hab
-- Die Worte des Gebetes flsternd, fiel er zurck aufs Heu. Sein
zerrissenes Erinnern mischte sich mit jagenden Fieberbildern. Er hrte
die Mutter reden, sah ein Gewoge von Kpfen und Schultern, fhlte den
schmerzenden Druck der Eisenbnder, die zu glhen schienen, vernahm
das schne Brausen des evangelischen Bekennerliedes, sah zwei Augen,
die er mehr als sein Leben liebte, sprte einen Becher an den Lippen
und hrte eine zrtliche Stimme: Komm, tu trinken. Er lchelte, und
mit diesem Lcheln schlief er ein.

Es knarrte auf der hlzernen Treppe. Aus dem offenen Stiegenloch
tauchte ein geselchtes Mannsbild heraus, lang und drr, mit einem
weien Schnauzer in dem mageren, wettergebrunten Gesicht, mit
wasserblauen, mimutigen Augen. Das war der frstprpstliche Grenzjger
Matthias Schneck. Der staatsmnnische Auftrag, den ihm der Wildmeister
hinterlassen hatte, war ihm ungemtlich. Kreuzteufel und Elend!
knirschte er vor sich hin, whrend er aufmerksam den Schlafenden im
Heu betrachtete. Ein guter und fester Jger war der Leupolt, von der
ganzen Berchtesgadnischen Jgerei der beste, freilich, aber halt
auch ein Ketzer, ein ewig verfluchter! So was hat ein guter Katholik
wie der Hiesel Schneck nicht gern unter Dach. Teufel, Teufel, eine
abgestochene Sau wr mir lieber im Haus. Nach diesem Weisheitsspruche
zog der Alte den Schnauzer zurck, tappte ber die steile Stiegenleiter
in die Herdstube hinunter, zog ber seinem Kopf die Bodenklappe zu und
schimpfte: Kreuzteufel und narrischer Himmelhund! Allweil und allweil
schlaft er!

So? erwiderte ein kleines, abgearbeitetes Weibl mit versunkenen
Kinderaugen in einem weien Runzelgesicht. Weil sie das kurze, nur
wenig ber die Knie reichende Rckl trug, sah sie noch kleiner aus,
als sie war, und glich einem braunen Borkenstpsel, der auf zwei
weibeinernen Stricknadeln steht. Auch schien es ihr an huslichem
Verstand zu mangeln. Sie kochte was in einer kleinen Pfanne, fr die
ein winziges Feuer ausgereicht htte; aber auf dem Herdstein rauschte
eine groe Flamme, von der eine sengende Hitze ausging. Und noch immer
legte das Weibl einen Ast um den anderen dazu. Und sagte: Du! Schneck!
Wann's dir nit recht ist, da er schlaft, so httst ihn ja wecken
knnen.

Wecken? Wecken? Ganz rasend wurde der Hiesel. Du Gans ohne Federn!
So was tut man doch nit.

Das Weibl schmunzelte. Warum denn nit?

Hll, Himmel und Haberstroh! Hast nit ein *bil* Verstand unter dem
Hafendeckel? Ein einzigsmal seit der Ewigkeit hat unser grundgtiger
Herrgott ein boshaftes Stndl versprt, und da hat er ihm so ein
Weiberleut ausstudiert! Kreuz Teufel, enk sollt man hauen den ganzen
Tag. Der hat vierundzwanzig Stndlen. Wann sie nit reichen, knnt man
die Nacht noch hernehmen dazu! Verstehst?

Ja ja, Schneck, versteh schon!

Also, in Gotts Namen! Er setzte sich auf die Mauerbank und begann
fr einen Schneemarsch die Filzgamaschen um die Waden zu schnren.
So oft der Riemen nicht in die Haftel schlpfen wollte, gab's einen
frchterlichen Fluch. Das Fluchen ist ein verhlltes Ding, und wo
sich der Teufel rhrt, wird's finster. Wohl mglich, da die alten
Balkenmauern in den fnfunddreiig Jahren, seit der Schneck und die
Schneckin zwischen ihnen hausten, vom vielen Fluchen des Hiesel so
schwarz wurden. Augenblicklich waren diese teufelsfarbenen Wnde auch
noch angeglht von der groen Flamme. Alles in der Stube funkelte,
der ganze Herd mit der Rauchmuschel darber, in der anderen Ecke das
zweischlfrige Bett mit den hochgetrmten Kissen, in der dritten
Ecke der Tisch, in der vierten der alte Geschirrkasten und die
Geweihstangen, die als Kleiderrechen an die Balken genagelt waren. Kaum
merkte man inmitten dieser Funkelglut, da es drauen Tag war. Auch
sonst hatte die Stube noch was Hllisches. Neben der Tr, die ins Freie
fhrte, ging ein niederes Trchen in den Geistall. Da trug man an den
Sohlen immer was ber die Schwelle. Drum roch es beim Hiesel Schneck
-- auer nach Ru, nach Rauchtabak und geschmierten Bergschuhen --
auch sehr heftig nach Ziegenpillen und Bockmist. Dennoch merkte man es
der Stube an, da sie behtet wurde von zwei fleiigen Frauenhnden.
Gegen den Stallgeruch konnte die Schneckin nicht aufkommen, weil sie
sich seit dreiig Jahren an ihn gewhnt hatte und nur selten merkte,
da er da war. Die Ziegen hatten alle paar Jhrchen gewechselt, der
Geruch war der gleiche geblieben. Auch der Hiesel Schneck. Der hatte
schon vor fnfunddreiig Jahren, in der ersten Woche nach der Hochzeit
so lsterlich geflucht. Das war der jungen Schneckin hart auf die
Seele gefallen. Und eines Tages hatte sie gebettelt: Tu dich doch
nit allweil so versndigen, Mann! Da hatte er in Zorn gebrllt:
Kreuzteufel, Himmelhund und Hllement! Wer sagt denn, da ich mich
versndig? Wie denn? Wann denn? Wo denn? Seit damals wute die
Schneckin, da das Sakermentieren am Hiesel nur eine Haut war, wie am
Fichtenbaum die Borke. Die ist rauh, das Holz ist gut. So gewhnte sich
die Schneckin an die hllmentischen Borsten ihres Schneck, wie sie
sich um der guten Geimilch willen an die Dfte des Bockmistes gewhnen
mute. Lnger als ein Vierteljahrhundert hatte sie der Schneckischen
Flche nimmer geachtet. Erst im vergangenen Herbste hatte sie wieder
Ohren dafr bekommen. Das lie sie den Hiesel aus triftigen Grnden
nicht merken.

Als er die Filzgamaschen prall an seine Waden hingeflucht hatte,
nahm er Branntwein und Ziegenks in den Bergsack, hngte die
Feuersteinflinte hinter die Schultern, warf den Wettermantel drber und
sagte leis: Pa auf, Schneckin! Das Sppl, Kreuzteufel, das mu er
haben! Aber ordentlich versalzen mut du's. Verstehst?

Wohl, Schneck, versteh schon. Ich salz, da der Bub verdursten mu
ber Nacht.

Hllement und Himmelhund, verstehst du denn nit, du Schaf ohne Woll!
Nit gar so fest! Blo da er merkt, wie gut er's berall haben knnt,
viel besser als wie bei uns. Verstehst?

Ja ja, Schneck, gut versteh ich.

Da er frieren mu da droben, wie die Feldmaus an Weihnchten, das
wird mithelfen. Und du mut ihm halt allweil frreden, da er keine
hundert Sprng nit braucht bis zur bayrischen Grenz. Verstehst?

Ja, Schneck, versteh schon. Allweil stell ich mich ans Bodenfenster
und sag: ja guck nur, guck, wie gut man von da den Grenzbaum sieht!

No also! Endlich verstehst ein bil! Und wirst wohl wissen,
wie's der Wildmeister haben will. Kein Wrtl von der luthrischen
Narretei. Tu frsichtig das Maul halten! Wir zwei sind gute Christen.
Kreuzhllement! Unser Herrgott ist unser Brot. Verstehst? Wie flinker
er nberspringt ins Bayrische, um so lieber ist es den Herren.
Verstehst?

Wohl, Schneck, versteh schon! Wenn's nchtet, ist der Bub nimmer
droben am Heuboden.

Gott soll's geben! Der Hiesel ging zur Tre. Gelobt sei Jesus
Christus und die heilige Mutter Marie.

Ruhig sagte das kleine Weibl am Herd: Von nun an bis in Ewigkeit
Amen! Und legte drei schwere Holzprgel in die groe, rauschende
Flamme.

Hll, Himmelhund und narrische Fasnacht, was tust du denn so unsinnig
feuern, Weib?

Da ich nit frieren mu. Dabei rannen der Schneckin die Schweiperlen
ber das von der Hitze halb gebratene Gesicht. Verstehst? Nein,
das verstand der Hiesel nicht. Er fing ber die Dummheit der Weiber
wie ein Wilder zu fluchen an und schlug die Tre hinter sich zu. Man
hrte noch immer seine wtenden Himmelhunde bellen, als seine Schritte
schon versunken waren im tiefgewordenen Schnee. Kaum er drauen war,
sprang die Schneckin zur Treppe hinber und lupfte die Bodenklappe, da
die Wrme hinaufstrmen konnte. Und wieder zum Herd, und wieder ein
paar feste Prgel ins Feuer. Sie kostete, was sie gekocht hatte, und
weil die Milchsuppe ein bichen nach dem Geistall bitterte, rhrte
die Schneckin ein Lffelchen Honig hinein. Da einer im Wundfieber
nichts Heies trinken soll, das wute sie auch. Drum sprang sie in den
weien Flockenfall hinaus, um das Blechschsselchen mit der dampfenden
Suppe im Schnee zu khlen. Wieder kostete sie und nickte zufrieden.
In der Art, wie die Schneckin das alles tat, war etwas Mutterhaftes.
Sieben Kinder hatte sie ihrem Hllementshiesel geboren, alle in
dieser schwarzen Stube, und keines hatte sie behalten. Drei waren
an den Blattern gestorben, die zwei ltesten Buben dienten bei der
Schellenberger Saline, der dritte war Soldat bei der Reichsarmee, und
das jngste von ihren Kindern, ihr liebes Mdel, hatte im vergangenen
Sommer einen Halleiner Knappen geheiratet. Bei der Schneckin waren nur
der Hiesel, seine Himmelhunde und der Bockmist geblieben.

Achtsam trug sie das khle Schsselchen ber die steile Treppe hinauf,
huschelte sich neben dem Schlafenden ins Heu, betrachtete sein
glhendes Gesicht und streichelte den Wundverband an seinem Handgelenk.
Dann sa sie unbeweglich, bis der Schlummernde zu erwachen schien. Sie
schob ihm sacht die Hand unter den Nacken. Als er die Augen ffnete,
hob sie das Schsselchen und sagte freundlich: So komm, tu trinken!

Mit einem erstickten Laut ri Leupolt den Kopf in die Hhe, sah
verstrt in die Augen der alten Frau, schob die Schssel von sich fort
und fiel zurck.

Bub? Tust du mir leicht nit trauen?

Leupolt schwieg.

Da neigte die Schneckin den Mund zu seinem Ohr. Es ist ein heilig
Ding, ist deins und meins. Komm, lieber Bruder in Christ, tu trinken!

Noch whrend sie sprach, umklammerte er mit zuckenden Hnden ihren Arm
und fragte: Bist du am Sonntag auf dem Markt gewesen?

Wohl, Bub, da hab ich dich leiden sehen.

Hast du gesehen, da eine mich trinken hat lassen aus ihrem Becher?

Ja, Bub!

So hab ich es nit getrumt? Aufatmend nahm er das Schsselchen
aus ihren Hnden, trank mit gierigen Zgen und sagte lchelnd:
Vergeltsgott, gute Schwester! Er schlo die Augen, noch immer
lchelnd. Nach einer Weile fragte er leis: Wer bist du?

Die Schneckin, Bub! Kennst du mich nit?

Das Weib des Jgers an der Grenz? Und bist du am Sonntag auch den Weg
der Wahrheit gegangen? Die Frau blieb stumm und verfrbte sich ein
bichen. Leupolt ffnete die Augen. Warum nit, Schwester?

Ruhig sagte sie: Den Schneck tt's umbringen.

Er nickte. Jeder, wie er meint, da es recht ist. Seine Brauen zogen
sich zusammen. Drunten in der Herdstub hab ich einen schelten hren.
Ist das der Schneck gewesen?

Wohl, Bub! So tut er allweil.

Weil du evangelisch bist?

Sie schttelte den Kopf. Das wei er nit.

Kann's ein Mannsbild geben, das nit Augen hat fr die Seel in seinem
Weib?

Ein bichen lchelte sie. So ist der Schneck. Tt die Himmelsglock
herunterfallen auf die Welt, da mt ich dem Meinigen sagen: Du,
Schneck, pa auf! Sonst merkt er es nit. Sie sah, da Leupolt die
Zhne bereinanderbi. Erschrocken fragte sie: Hast du Schmerzen?

Nit arg.

Ich will dich pflegen. Drunten in der Herdstub htt ich's leichter.
Meinst du, da du hinunterkommst?

Mit ihrer Hilfe hob er sich aus dem Heu. Die Fe trugen ihn nicht.
Mut mich halt noch ein Stndl liegen lassen. Dein guter Trunk wird
helfen, da ich zu Krften komm. Er hielt mit seinen glhenden Fingern
die Hand der Schneckin umspannt. Wei meine Mutter, wo man mich
hingefhrt hat?

Bub, da bin ich berfragt.

Magst du ihr Botschaft geben?

Das hatte der Wildmeister ber Auftrag der Regierung streng verboten.
Ja, Bub, sagte die Schneckin, das wird sich schon machen lassen. Ich
hab am Ellbogen ein berbein und red dem Meinigen ein, da es blutet.
Verstehst, ein berbein blutet doch nie. Und da lauft der Meinige
gleich zum Jud um ein Pflaster. So ein Jud ist allweil schlau. Und
lgen kann er halt nit, der Schneck, verstehst? Da redet er allweil so
dumm daher, da man alles merkt. Und der Jud wird's dem Pfarrer sagen,
und der Pfarrer tragt's deiner Mutter zu. Ja, Bub, die Wahrheit geht
allweil den krzesten Weg.

So ist alles gut.

Schweigend lag er und atmete ruhig, bis der Fieberschlaf ihn wieder
befiel.

Unter dem verschneiten Dache war es warm geworden. Zwischen den
Schindeln begannen die Schneeklumpen zu schmelzen, und die Tropfen
fielen so reichlich von den Balken, wie sie im tauenden Frhling von
den Bumen fallen.




Kapitel XVII


Pfarrer Ludwig trat in das Frstenzimmer, aus dem die verschnrkelte
Pariserei allen deutschen Hausrat verdrngt hatte.

Herr Anton Cajetan, in einem Hofkleid aus schwarzem Atlas, unter
frischgepudertem Lockenbau, schlrfte seine Morgenschokolade. Er
hatte unausgeschlafene Augen. Spinettspiel und Cyperwein hatten
sich wirkungsloser erwiesen als sonst. Zehntausend Untertanen und
siebentausend Abtrnnige! Und die innersten Regierungssttten ein
Tummelplatz erschreckender Mirakel -- die gereizten Seelenzustnde der
schnen Freundin _en titre_ noch gar nicht in Rechnung gezogen -- wie
soll man da schlafen knnen als Frst? Mit einem Augenwink schickte
Herr Anton Cajetan den Lakai aus dem Zimmer und trat erregt auf den
Pfarrer zu. Was sagst du zu dieser konsternierenden Sache! Fast
siebentausend! Da sah er die verschwollene Nase des Pfarrers und wich
zurck. Es scheint, da du *wirklich* katarrhalisch bist?

Haben Euer Liebden daran gezweifelt? Aber es wird schon besser. Und im
Abflauen ist eine Krankheit nimmer ansteckend.

Immerhin wollen wir vorsichtig sein und den Tisch _entre nous_
postieren. Nimm Platz -- da drben! Forschend betrachtete Herr Anton
Cajetan den Greis. Ich will deine Meinung hren. Man mu zu einer
Dezision kommen, was man tun soll. Der Salzburger Hof, an den ich einen
Kurier detaschiert habe, schweigt sich aus. Und die Gehirne meiner
eigenen Kanzleikamele befinden sich in einer desolaten Konstitution.

Wenn man nur merkt, wie man dran ist mit ihnen. Da schadet's minder.

Weit du mir einen Rat?

Dem Pfarrer stieg das Blut ins Gesicht. Er hatte sich nichts Gutes von
dieser Stunde erwartet. Nun fhlte er ihre Verantwortung. War es nicht
denkbar, da diese Stunde auch Segen bringen konnte? Einen Rat? Er
atmete tief und nickte. Es geht da um unser Lndl und Volk. Kann sein,
um *mehr*! Um ein notwendiges Ding im Reich --

Was, Reich! lehnte Anton Cajetan verdrielich ab. La
Nebenschliches _ part_! Was soll ich tun in dieser desperaten
Fatalitt? Der Frst tauchte ein Biskuit in die Schokolade.

Pfarrer Ludwig zog die Brauen zusammen. Man kann von zehntausend
Untertanen nit siebentausend ber die Grenz jagen. An verllichen
Stiftsleuten bringen Euer Liebden kein halbes Hundert nimmer auf.
Fnfzig wider siebentausend, das ist so siegreich wie ein Frosch wider
einen Ochsen. Zur Bekrftigung dieser Wahrheit mute der Pfarrer
niesen.

Anton Cajetan streckte mimutig die Hand. Rck weiter vom Tische!
Seufzend schob er das lindgeweichte Biskuit an seinen Bestimmungsort.
Du meinst also?

Da Euer Gnaden sich mit den Siebentausend in Gt verstndigen mssen.

Ganz meine Meinung.

Ja, Herr? fuhr es dem Pfarrer mit freudigem Laut heraus.

Wie denkst du dir die Bekehrungsmethode?

Bekehrung? Dem Enttuschten wurden die Augen gro. Freilich, wenn es
an den Brotkorb geht, werden viele umfallen. Alle Schwachmtigen. Zu
Eurem Nutzen wr es, Euch die Tchtigen zu erhalten. Oder Euer Lndl
wird blutarm werden wie ein junges Weib, dem der Mann genommen ist.

Ludwig, du bist opulent an unpriesterlichen Bildern. Oder -- Anton
Cajetan richtete einen mitrauischen Blick auf den Pfarrer. Bist du
vielleicht deines eigenen Glaubens nicht mehr sicher?

Doch, Herr! Die groe Warze des Pfarrers zuckte ein bichen. Aber
ich spr, da viele von diesen Abtrnnigen die besseren Menschen sind,
als manche von den Treugebliebenen.

Zornig fuhr der Frst vom Sessel auf und bespritzte die schimmernde
Hose mit Schokolade. Auf das weie Fenster zutretend, tupfte er mit dem
Spitzentuch die Flecken vom schwarzen Atlas. Dann lachte er kurz und
murrte: Die besseren Menschen! Diese Treulosen an ihrem Frsten und
Gott!

Alles Neue fat am tiefsten die Menschen an, in deren Seelen der
fruchtbarste Boden ist. Was blht in einer sehnschtigen Seel, erhebt
den Menschen, macht ihn strker und schner in allen Krften, zndet in
seinem Blut und Herzen ein lauteres Feuer an. Und *das* sind die Leut,
die Ihr nit verjagen drft. Bekehren? Nein, Herr! Und hlt man sie nit
zurck, so wird das Land seine fleiigsten Hnd verlieren.

Etwas ruhiger geworden, kehrte Anton Cajetan zum Tisch zurck und
setzte sich wieder zu seiner Schokolade. Man darf doch diese
blen Dinge nicht laufen lassen, wie sie laufen? Wenn sich auch ein
hilfreicher Weg im Augenblick nicht prsentiert, so hat man als Frst
doch seine Verpflichtungen. Wer Herr heit, trgt das Schwert nicht
umsonst. Man mu die Rdelsfhrer zu fassen suchen, mu aus dem Weg
rumen, was der Ordnung _contre coeur_ ist. Ein Frst, der es
unterliee, wre ein Erwrger seiner eigenen Herrschaft.

Der Pfarrer bekam eine rote Stirn. So sprachen wohl auch die rmischen
Csaren, als sie das Christentum zu verfolgen begannen. Haben sie es
ausgerottet?

Anton Cajetan verlor seine gebesserte Laune wieder. Christentum und
evangelische Narretei sind verschiedene Dinge.

Fr Euch als Priester. Nit fr Euch als Frst. Ist das deutsche Blut
im Schwedenkrieg umsonst geflossen? Sind die Protestanten nach den
Satzungen des Westflischen Friedens nit privilegiert im ganzen Reich?

Der Frstpropst, vom Sessel aufspringend, verga seiner Wrde so weit,
da er mit der Faust wie ein Bauer losdrosch auf die Tischplatte.
Diese siebentausend Rebellen meines Landes *sind* keine Protestanten.
Das sind hirnverdrehte Schwarmgeister, die ihren Wahn herausspinnen aus
besoffenen Gehirnen. Diese verrckten Kujons haben doch niemals noch
einen Prediger ihres Glaubens gehrt.

Vielleicht ist eben deswegen ihr Glauben so fest!

Oh? Pamphletierst du gegen den eigenen Stand?

Das nit! Ich glaub, da fr die Menschen nichts ntiger ist als eine
hilfreiche Seelenweisung. Aber es kann die Schwachgewordenen nit arg
im Glauben festen, wenn neben dem Priester allweil der Muckenfl mit
seinem gefhrlichen Notizbuch steht: Brauchst du das Weihwasser und den
Rosenkranz? Glaubst du ans Fegfeuer? Und wenn du nit glauben magst, so
mut du zahlen!

Der Frstpropst wurde nachdenklich.

Das sah der Pfarrer und sagte mit herzlicher Mahnung: Ihr sprt es
doch in Euch selber, da da endlich ein Wandel kommen mu. Lieber Herr!
Schauet das Leben doch an! Sonst berall ist Wahl und Freiheit. Was tt
man sagen, wenn der Muckenfl austrommeln wollt: >Subjekt, du darfst
nur den schwarzen Rettich essen, nit den weien!< Oft vertragt einer
halt den schwarzen nit, weil er so ra ist.

Emprt fuhr Anton Cajetan auf: Vergleichst du die Religion mit einem
Rettichschwanz?

Ach, Herr, so ein kleines, unverdauliche Schwnzl hat *jedes* Ding auf
der Welt.

Das sind Parabeln, auf die ich mich nicht einlassen kann. Heier
Unmut begann im Frsten zu whlen. Das Volk ist undankbar. Es sollte
kapieren, da es heute besser dran ist, als in vergangenen Zeiten.

Besser? Der Blick des Pfarrers war wie ein Rckschauen in grauenvolle
Bilder. Wahr ist's, der Henker hat ein bil weniger Arbeit heut, als
vor hundert Jahren. Da hat man dem deutschen Land durch Ketzerbrennen,
Ersufen und Kpfen eine schauderhafte Zahl von rechtschaffenen Leuten
entzogen. Und hat fr die Kirch nichts anderes zustand gebracht als
blen Geruch.

Sie hat ihren Schaden observiert und hat es abgestellt.

Um ihre widerspenstigen Kinder leben zu lassen und sie lieber so lang
zu peinigen, bis sie die Rute kssen.

Der Frst machte echauffiert einen Gang durch das Zimmer und sagte
gereizt: Rom knnte nicht mehr bleiben, was es ist, wenn es aufhren
wollte, die Widersacher zu bestrafen. In solchen Dingen mu man
konsequent sein.

Was hat's geholfen, Herr? Aus lauter rmischer Konsequenz ist das
halbe deutsche Reich schon lutherisch. Und haben die justiziarischen
Seifenschlger bei uns nit ausposaunt: das Land ist rein, und wollt
man suchen mit des Diogenes Latern, es wr kein Evangelischer nimmer
zu finden. Und jetzt? Siebentausend bei uns! Und in Salzburg waren es
ber die Dreiigtausend! Gefahr und Ketten, Not und Armut haben die
Salzburger lieber ertragen wollen, als untreu werden ihrem Seelentrost.
Man hat die Weiber aus den Armen der Mnner gerissen, Tausende von
Kindern hat man ihnen weggenommen --

Ludwig? unterbrach Herr Anton Cajetan. Hast du geheime Verbindung
mit Salzburg? Da mte ich deiner Neugier einen Riegel vorschieben.

Mich wird er nit drucken, Herr! Der Pfarrer zog den Atem rckwrts,
um nicht niesen zu mssen. Drucken und einengen wird er nur Euch.
Verschliet alle Grenzen mit eisernen Mauern und tausend Musketieren
-- die Botschaft, die Euer Vlkl hren *will*, wird allweil einen
Weg zu seinem Herzen finden. Er streckte die Hnde. In seiner
Erregung fiel es ihm nicht auf, wie schnell der Allergndigste vor
der Infektionsgefahr retirierte. Herr! Ich bitt Euch, lat Euch
raten von mir! Rhren Euch die Kanzleischpse einen bsen Brei in den
frstlichen Topf, so seid doch Ihr es, der ihn austunken mu. Was in
den Siebentausend zu heiem Leben geboren ist, das macht der Muckenfl
nimmer zum Kadaver. Das ist in ihnen wie gesundes Frhlingsholz.
Versenkt es in Eurem Knigssee bis auf den Grund, beschwert es mit
Steinen, lat eine Eisdeck drberwachsen! Das Eis wird springen, die
Felsbrocken werden zerfallen, und das gute Holz steigt wieder in die
Hh. Es wird aus der schmerzhaften Tief heraufbrausen mit einem Sto
und Auftrieb -- -- das knnt Euch umschmeien, Herr!

Der Frst war bleich geworden, ging hastig zur Tr und schrie in den
Flur hinaus: Ist dieser gottverlassene Filou noch immer nicht zurck?
Man hrte die verneinende Antwort eines Lakaien.

Stumm betrachtete Pfarrer Ludwig den Frsten, jh herausgerissen aus
aller keimenden Hoffnung. Der Ausdruck schweren Kummers sprach aus
seinem verschwollenen Gesicht, aus den vom Schnupfen trnenden Augen.

Anton Cajetan hatte die Tre krachend ins Schlo geworfen, wanderte
hilflos durch die prunkvolle Stube und sagte ein paarmal flink
hintereinander: Das mu man berlegen! Das mu man sich doch
berlegen!

Ja, Herr! Ein freiliger Entschlu knnt Euch ein bses Strl in die
Zukunft bauen. Die Stimme des Pfarrers klang so hart, da der Frst
verwundert aufsah. Ganz still war's einen Augenblick in dem groen
Raum. Zu End mssen wir das allweil reden, Herr! Ich tu's und wenn's
um den Hals geht.

Eine anrchige Einleitung! Was willst du sagen?

Ich mein', es handelt sich da nit *nur* um Gott und Himmel. Es kommt
mir so fr, als tt hinter dem unvertrglichen Eigensinn, mit dem die
Katholiken und Evangelischen gegeneinander hadern, noch was anderes
stecken. Rmisch? Evangelisch? Das liegt doch nit so weit berzwerch,
da man sich unter deutschen Nachbarsleuten nit verstehen knnt.

Verdrossen murrte der Frst: Gott mu sich schn was denken, wenn er
dich als katholischen Priester so rsonnieren hrt!

Da glaub ich erstens, da Gott was Gescheiteres zu tun hat, als auf
mich aufzupassen. Und zweitens mein' ich, da es ihm gleich ist, ob
die Menschen von rechts oder von links zu ihm kommen. Wenn sie nur
nit ausbleiben. Und schauet, Herr, zwischen einem Katholiken, wenn es
kein schlechter, und einem Evangelischen, wenn es ein rechter ist, wr
allweil ein ruhvolles Nebeneinanderleben mglich. Nit zwischen den
Hetzern und Streithammeln. Da ist Krieg, bis ihnen die bsen Krft
entrinnen. Ich will hoffen auf den Sieg des Guten. Hoffnung mu das
ewige Laster aller Menschheit bleiben. Und da glaub ich, Herr, da
der Hader um die Religion in Deutschland nur halb herausgewachsen ist
aus dem Kirchboden. Das geht noch auf was anderes zurck, als auf die
sprenkligen Glaubensfarben und auf das dreiigjhrige Morden im Reich.
Das Ding ist lter. Der Gegensatz im Glauben hat's nur erneut und
aufgeblasen zu gefhrlicher Unform.

Ich verstehe nicht. Was meinst du damit?

Den bockbeinigen Eigensinn und die hndelschtige Rechthaberei der
Deutschen! Der tiefe Graben, der berall aufgerissen ist zwischen
allen deutschen Stmmen, will ein Sumpfloch werden, in dem das Beste
der deutschen Kraft versinkt. Sonst ist die unglckselige Torheit nur
daheimgewesen in den Herbergen und Studentenbursen, auf den Mrkten
und Kirchweihen. Jetzt hngen sich die landsmnnischen Gallpfel an
alles Groe und Wichtige im Reich. Ein verzweifeltes Elend! berall die
gleiche Narretei und Unvernunft: da man den anderen, weil er anders
redet, in anderem Hut oder Kittel geht, allweil minder einwertet als
sich selber.

Ungeduldig sagte Herr Anton Cajetan: Das war so, seit es Deutsche
gibt. Und es wird so bleiben.

Dann werden die Deutschen dran zu Grund gehen.

Ach, Torheit! Und hat es sich seit zwei Jahrhunderten immer mehr
verschrft -- wer ist der Schuldige?

Der Pfarrer nickte. Wahr ist's, er hat uns Rmischen eine bittere
Mahlzeit eingebrockt. Aber wer wei, ob das Ding mit ihm so weit
gegangen wr, wenn man auf unserer Seit ein bil einsichtsvoller htt
sein knnen, ein bil menschlicher und -- weniger konsequent.

Ludwig? fiel Herr Anton Cajetan dem Pfarrer zornig in die Rede.
Willst du nicht lieber gleich hinbergehen zur Ketzerliste und dich
inskribieren?

Der Pfarrer lchelte. Ich? Nein, Herr! Ich mein' nur, eine Sonn, die
sticht, bleibt allweil auch eine Sonn, die geleuchtet hat. Etwas
Heies und Bestrmendes kam in den Klang seiner Worte, obwohl sie
leiser wurden. Herr? Habt Ihr nie seine Bibel gelesen? Nur um der
Sprach willen? Als deutsches Buch?

Anton Cajetan machte mit den Schultern eine grazise Bewegung.
Deutsch!

Ein kurzes Wrtl! Aber die krzesten, Herr, sind allweil die tiefsten
-- wie Gott und Herz, wie Glck und Not. Noch leiser wurde die von
Erregung bebende Stimme des Pfarrers. Herr! Des Luthers Bibel, und
wr's nur um ihrer kraftvollen und neugeborenen Sprach willen, ist
ein Gesundbrunnen, eine heimatliche Erweckung fr uns Deutsche. Wie
der Heiland gesprochen hat zur Tochter des Jairus, so spricht jedes
Blatt dieses Buches zum deutschen Volk: Steh auf und rede! Und *das*,
Herr, *das* vor allem ist der geheimnisvolle Zauber, den dieses
Buch auf unsere deutschen Brger und Bauern bt! Da verstehen sie,
wenn sie lesen. Und spren, da sie dem vaterlndischen Boden noch
nit entwachsen, noch nit pariserisch oder spanisch geworden sind,
sondern allweil noch mit Blut und Herz an der Heimat hngen. Die
hagere Gestalt des Greises streckte sich, und in seinem Blick war
ein Hoffnungsglanz, wie in den Augen eines Jnglings, der von den
Heiligkeiten seiner Liebe spricht. Besinnen sich die Herren ihrer
Pflicht und Herkunft nit, ihres ntigen Rckwegs in die Heimat, so wird
das deutsche Brgertum und das Volk der deutschen Bauern dem kranken
Reich einen Weg zu gesundem Heil und zu neuer Zukunft bauen -- auch
*ohne* die Herren! Pfarrer Ludwig vermochte nicht weiter zu sprechen,
weil er heftig niesen mute, so unerwartet, da er sich nimmer vllig
beiseite wenden konnte.

Der Frstpropst war in aufmerksamer Spannung nhergetreten. Jetzt wich
er fluchtartig zurck, brachte sein Spitzentchelchen und das goldene
Riechsalzflschl in flinke Ttigkeit und klagte erbittert: _Eh bien_,
nun hast du mir auch noch mitten in die Physiognomie hineingenossen.

Der Pfarrer tat einen schweren Atemzug. Das ist traurig, Herr: denken
mssen, da ich Euch vielleicht beredet htt zu einem verstndigen
Entschlu -- wenn ich nit katarrhalisch wr. Ja, ja: die kleinen
Urschlen und die betrbsamen Wirkungen! Er versuchte sich seiner
Erregung durch ein heiteres Wort zu entwinden. Vielleicht wr auch die
Welt nit erschaffen worden, wenn sich der liebe Gott vor dem ersten
Schpfungstag im khlen Chaos ein Tropfnsl geholt htt.

_Mon cher!_ Du beginnst impertinent zu werden. Es war nicht nur
gesundheitsgefhrlich, heute mit dir zu konferieren, ich mu auch
die Wahrnehmung machen, da ich mich grndlich in dir getuscht
habe. Inkommodiere mich nicht mehr mit deinem Volk! Wo tauber Same
in morastigem Acker fault, da siehst du Frhlingssaat. Dein Volk ist
widerspenstig und voll Eigennutz. Dein Volk ist dumm. Dein Volk ist
schlecht.

Das Gesicht des Pfarrers bekam so grimmige Zge, da es mit seinen
hlichen Warzen dem Antlitz eines mehr als verdchtigen Menschen
glich. Nein, Herr! Das Volk ist weder gut noch bs, ist weder wei
noch schwarz. Das Volk ist grau, wie sein Elend ist. So hat man das
Volk mit Seelenzwang, mit Jammer und Not gefrbt. Und nit zu verkennen
ist das, Euer Liebden, da in geistlichen Frstentmern das Volk weit
elender ist, als unter weltlichen Herren. Die geistlichen Frsten
sagen: Selig sind die Armen, denn ihrer ist das Himmelreich. Und weil
sie als Priester wollen mssen, da jeder selig wird, drum sorgen sie
als Frsten dafr, da jedermann arm ist.

In Zorn machte Herr Anton Cajetan eine Bewegung, als mchte er auf den
Pfarrer zuschreiten. Doch er hielt sich ferne. Mein langer Ludovice!
Du bist entweder ein groer Mensch, oder ein ganz erstaunlicher Narr.

Wofr entscheiden sich Euer Liebden?

Fr das letztere.

Da werde ich mit dem Ratschlag, den ich noch geben mu, kaum Glck
haben. Aber geben mu ich ihn. Und da ich vom frstlichen Priester hab
reden mssen, ist schon eine Staffel gewesen. Den Entschlu, den die
Not Eures Lands und die Sorg um das Reich von Euch fordern, knnt Ihr
niemals finden als Priester. *Nur* als Frst. In Euch selber knnt Ihr
Euch nit auseinander schneiden. So mt Ihr den Schnitt zwischen Euch
und Eurem Lndl machen.

Oh? Herr Anton Cajetan schien sich sehr zu amsieren. Abdanken,
meinst du?

Wr nit genug.

Wie anspruchsvoll!

Je mehr im Frsten die Heiterkeit erwachte, um so ernster wurde der
Pfarrer. Schauet das Reich doch an! Wie ist da alles zerstckelt
und zerrissen! Festen Halt hat nur das gro und stark aneinander
Geschmiedete. Es gibt Stimmen, die sagen, es wr die einzige Genesung
der Deutschen: *ein* Volk, *ein* Reich, *ein* Herr! So sag ich nit. Die
Stammverschiedenheit ist wie gute Hefengrung im schweren deutschen
Teig. Nur fest aneinanderschlingen mt man sich. Und mt das wst
ins Unkraut schieende Sptteln, das sinnlose, hochmtige, blitzdumme
Aufmucken unterlassen, bei denen im Sden wider die im Norden, bei den
Schwaben gegen die Sachsen, bei denen im Norden wider die im Sden.
Ist denn das um Herrgottswillen so ein schweres Kunststck, von einem
Bruder zu sagen: So ist er, und wie er ist, so mssen wir ihn nehmen
und nutzen!

La das! unterbrach der Frst. Was geht das *mich* an! Ich bin
kuris auf dein Rezept.

Wollt Ihr handeln als deutscher Frst, so mt Ihr aus der Landsnot,
die Euch bedrckt, einen Nutzen heraushmmern fr das Reich. Mt
helfen dazu, ein Frbild der Vertrglichkeit zu geben. Mt helfen
dazu, da ein gewichtiger Teil im Reich noch standhafter ins Wachsen
kommt.

Ich verstehe deine sibyllinische Weisheit nicht. Der sarkastische
Ton verriet, da Herr Anton Cajetan doch schon ein bichen was zu
ahnen begann. Es gewitterte sehr merklich in seinen schwarzgefrbten
Augenbrauen.

Beugt sich in Euch der Frst vor dem Priester, so macht Ihr unser
Vlkl elend, und Euer Land verblutet. Stellt Ihr den Frsten *ber* den
Priester, lat Ihr Euch das Landwohl nit verpanschen von der berhmten
Konsequenz und macht Ihr Frieden mit den Siebentausend, so fallt Ihr in
Streit und Hader mit allen Hitzkpfen unseres geweihten Standes. Herr!
Da gibt's nur einen einzigen Ausweg.

Die bleichen Lippen des Frsten wurden schmal. Und welchen?

Erlst Euch selber und Euer Land aus allem Zwist, strket durch Euer
Brckl Frstenherrlichkeit ein gesundes Land im Reich und bindet den
Berchtesgadnischen Sehnsuchtswinkel an das feste Bayern. Da seid Ihr
als Frst, wie als Priester, ledig aller Not und habt den rger und die
giftigen Schulden los. Der neue Landsherr wird mit reichen Mitteln den
stockenden Blutsaft unseres Vlkls wieder in Gang bringen und wird sich
als weltlicher Frst mit den Siebentausend so leicht verstndigen, wie
es fr Euch als frstlichen Priester unmglich ist.

Anton Cajetan legte die Hnde hinter den Rcken. Du? Bist du ein
bezahlter Emissr des bayrischen Churfrsten?

Herr! Es dauerte eine Weile, ehe der Pfarrer weitersprach. Das mu
ich heiter nehmen. Wr' es ernst, so mt ich mit Kummer fragen: Was
ist siebzigjhrige Treu eines Untertan gegen sein Land und seinen
Frsten? Und die Antwort tt lauten: Eine schauderhafte Dummheit!

Es war dem Frsten anzumerken, da Zorn und Verstand, Stolz und
Hilflosigkeit einen harten Kampf in ihm ausfochten. Er begann
franzsisch zu sprechen und kehrte wieder zu seinem ungeliebten Deutsch
zurck: Mag sein, da ich mich im Wort vergriffen habe. Aber ich
kapiere noch immer nicht, wie du dich einer solchen Khnheit vermessen
kannst.

Khnheit? Das ist nur ein schmerzhaftes Rechenexempel. Handel und
Steuern gehen rckwrts, die Schuldzinsen fressen bei Butz und
Stingel auf, was eingeht, und das Borgen wird allweil hoffnungsloser.
Lang wird's ohnehin nimmer dauern mit der Stiftsherrlichkeit zu
Berchtesgaden. Und Eure Landsnot mit entschlossenem Mut verwandeln
in einen deutschen Hilfswillen? Herr? Wr das nit schner als der
frstprpstliche Bankerott und das Elend der Siebentausend, die heut
noch an Seelenfreiheit und Erlsung glauben?

Ratlos fate Herr Anton Cajetan seine gepuderten Locken zwischen die
schnberingten Hnde. Wenn's nicht so wahr wre! Zum Verzweifeln ist
das! Er fiel auf einen Sessel und sagte kleinlaut: Du meinst also?

Im Pfarrer schien eine neue Hoffnung zu erwachen. Doch beim ersten
Schritt, den er machte, um seinem verzagten Frsten nher zu sein,
wehrte Anton Cajetan erschrocken: Nein! Bleibe, wo du stehst! Ich
fhle bereits, da ich niesen mu. Ein paar franzsische Jammerstze.
Dann ein deutscher Ausbruch seines verstrten Zornes. Glaubst du denn,
man legt einen Frstenhut ab, wie man eine Percke zum Frisieren gibt?
Und die vielen, die da in Mitleidenschaft geraten! Anton Cajetan
sprach im Plural, obwohl er nur an ein Persnchen im Singular dachte.
Aber ich mu gestehen, die Dinge liegen so desperat -- ich werde nicht
umhin knnen, meiner frstlichen Seele diese schwere Dezision -- Das
Zeitwort blieb ungesprochen. Lauschend hatte der Frst die weien
Locken erhoben. Bevor er den Sessel noch verlassen konnte, kam der
Lakai mit einem gesiegelten Schreiben auf silbernem Teller. _Ah, ah,
bienvenu, mon cher!_ Halb noch zitternd, halb schon wieder lchelnd,
brach der Frst mit ungeduldigen Fingern das groe rote Siegel auf,
schickte gndig den Lakai aus dem Zimmer und begann zu lesen. Je
mehr sein blasses Antlitz whrend des Lesens sich aufheiterte, um so
bleicher wurde der Pfarrer. Als er sah, wie frhlich der Frst das
Schreiben in seinem Frack verwahrte, sagte er ruhig: Ich schtz die
Salzburger Hilf auf fnf-, sechshundert Musketier und ein Dutzend
Kapuziner. Htten Euer Liebden Geld oder einen deutschen Rat verlangt,
so wr die Antwort magerer ausgefallen.

Mit halbem Lachen fragte der Frst: Hast du mir, whrend ich las, ber
die Schulter geguckt?

Nein, Herr! Ich hab mein katarrhalisches Bannfleckl nit verlassen. Aber
die Gradschauenden kommen allweil in den Verdacht, da sie um die Mauer
blinzeln.

Du solltest dich hten, irgendwie in Verdacht zu geraten. Da wr es
mglich, da du miliebige Experienzen machen mut.

Soll's kommen, wie's mag, ich kann noch allweil von Glck sagen. Wr
ich vor hundert Jahren geboren worden, mit meinen zwei grauslichen
Warzen im Gesicht, so htt' ich als Teufelsbndler auf den
Scheiterhaufen mssen. Ein versunkenes Lachen. Es ist unverkennbar,
Zeit und Menschen gehen nach aufwrts.

Herr Anton Cajetan wurde beraus liebenswrdig. Mein guter Pfarrer! Du
hast die Warzen nicht nur im Gesicht, auch im Gehirn und an der Seele.
Das kann lebensgefhrlich werden.

Vielleicht! Aber schauet, Herr, ich bin von den Glcklichen einer,
denen nichts mehr geschehen kann. Mein Gott ist mein Gott. Jeder Tag
bringt mich vorwrts auf dem Weg zu ihm.

Der Frst lachte munter. So mu ich dich, wenn du strafbar werden
solltest, zu einem langen Leben verdammen. Ein Handwink, und Pfarrer
Ludwig war entlassen. Schon stand er bei der Tr. Da klang es hinter
ihm mit spttischem Laut: _ propos, mon cher!_ Ich hre, man
beschuldigt dich einer blen Sache.

Soooo? Der Pfarrer schmunzelte. Vielleicht einer Menschlichkeit? Die
wr von allen Zeitverbrechen das grte.

Anton Cajetan schien sich zu rgern. Man hat dich in Verdacht, da
*du* der Wundertter warst, der das Mirakel in der Armeseelenkammer
wirkte und die schwarzweie Gefahr verschwinden lie in die ewige Ruhe?

Behaglich wiegte Pfarrer Ludwig den grauen Kopf. Schau! Was fr ein
netter Einfall! Htt ich ihn gehabt, ich tt mich um seinetwegen nit
schmen.

Ein paar heftige Schritte des Frsten. Und ein Ton wie aus Wolkenhhe.
Ludwig? Lgst du?

Mein gtiger Herr! antwortete der Greis mit Seelenruhe. Die
redlichsten Wahrheiten schauen allweil einer Lug so zum Verwechseln
hnlich, wie ein Rattenschweif dem Schnauzer des Muckenfl.

Der Frst verhehlte seinen Mimut nimmer. Weil du so gern diesen
diensteifrigen Mann citierst, wirst du vielleicht Gelegenheit finden,
dich eingehend mit ihm zu okkupieren. Noch ber die Schulter die
strenge Mahnung: Da es Dienstgeheimnisse gibt, das weit du. Herr
Anton Cajetan verzog das Gesicht, als ob er niesen mte, und zerrte
das Riechflschl aus der Atlasweste.

Das konnte der Pfarrer noch sehen. Halb belustigt, halb mit dem Groll
seines whlenden Kummers, murrte er in Gedanken vor sich hin: Meinen
Schnupfen *hat* er! Jetzt kriegt ihn die allergndigste Aurore de
Neuenstein. Und der vergnn ich ihn. Er grte freundlich die Lakaien
im Korridor. Als er durch den reichlich fallenden Schnee hinberschritt
zu seinem Hause, war er nicht rmer um eine Hoffnung. Die Stunde mit
dem Frsten war so gewesen, wie er befrchtet hatte, da sie sein
wrde. Und war fr Augenblicke ein irrender Hoffnungsgedanke in ihm
erwacht, so war's geschehen wider Verstand und besseres Wissen. Er
ist, wie er ist. So bleibt er bis zu seiner letzten Schlittenfahrt, und
so mu man ihn nehmen. Nur da er mich *jetzt* grad rufen hat lassen
-- das vergrmt mich ein bil. Bei diesem Gedanken sphte er zu den
Fenstern des Chorkaplans Jesunder hinber. Frau Apollonia, obwohl keine
Evangelische, war unsichtbar. Da haben sie also nichts gefunden.
Sonst tt sie vergngt aus dem Fenster grinsen. Nein, es war fr den
emeritierten Stiftspfarrer Ludwig *keine* berraschung, als er seine
Haustr eingedrckt, alle Schrnke und den Schreibtisch erbrochen fand.
Von dem Silbergeld im aufgemeielten Geheimfach fehlte kein Sechser.
Unleugbar, die Polizei war ehrlich.

Eine berraschung war der Besuch des Feldwebels Muckenfl und der
Soldaten Gottes nur fr die Schwester Franziska gewesen. Eine ganz
frchterliche. Sie weinte, da es zum Herzzerbrechen war. Der Pfarrer
legte ihr zrtlich den Arm um die Schultern und schrie ihr ins Ohr.
Geh, sei gescheit und trink ein Schnpsle! Das richtet dich wieder
auf.

Es blieb unentschieden, ob sie das verstanden hatte. Unter Trnen sah
sie den Bruder an und klagte: Ach, Gott, wie *viel* haben sie gefragt!
Aber weit du, ich hab allweil falsch gehrt.

Ja ja, Schwester! Wenn der Mensch nur immer wei, wie er seine
mangelhaften Instrumente gebrauchen mu. Der Pfarrer nahm den
Radmantel ab, zog die Schmierstiefel aus und begann in der bel
zugerichteten Stube wieder Ordnung zu machen.




Kapitel XVIII


Die folgenden Tage waren im Lande Berchtesgaden reich an
berraschungen. Nachdem es einen Tag und eine Nacht lang tchtig
geschneit hatte, kam blauer Himmel mit klarer Sonne. Die Welt sah
aus, wie neu vom lieben Herrgott versilbert. Und am Samstag, in
den Morgenstunden, wurde zu Berchtesgaden ausgetrommelt, da der
allergndigste Herr Frst, um wieder einmal inmitten seiner getreuen
Landskinder zu weilen, fr den folgenden Sonntag im Schtzenhaus ein
frhliches Fastnachtsschieen angeordnet htte, mit vielen Preisen
und Aufmunterungen fr die besten Schtzen des Landes. Nicht nur die
Mitglieder der hochehrenwerten Schtzengesellschaft vom heiligen Martin
wren eingeladen, sondern alle Mannsleute, so eine Schuwaffe besen.
Die Austrommlung endete mit dem munteren Vers:

  Wie mehrer die Gst,
  So schner das Fest,
  So froher der Frst,
  's gibt Freibier und Wrst!

Unter den vielen, die das zu Berchtesgaden austrommeln hrten, befand
sich auch der Hiesel Schneck, der bei dem Juden ein Pflaster fr das
berbein seiner Schneckin hatte holen mssen. Das Schtzenfest schien
ihm keine Freude zu bereiten. Die unzhlbaren Himmelhunde, die er
hinaufknurren lie zur Sonne, bewiesen, da der Hiesel Schneck in bler
Laune war. Ihn qulte der rger darber, da so ein Jud wieder einmal
schlauer gewesen war, als der redlichste von allen Christen. Hiesel
hatte geschwiegen wie ein luthrisches Grab, auf dem kein Hgel und
kein Kreuzl ist. Dennoch hatte Lewitter pltzlich ganz genau gewut,
wo Leupolt Raurisser versteckt war, und hatte dem Hiesel nicht nur
die Quetschbehandlung eines berbeins auseinandergesetzt, sondern
hatte ihm auch Verbandzeug, ein fieberstillendes Mittel und etwas zum
Waschen fr schwrende Wunden mitgegeben, obwohl sich der gewissenhafte
Schneck wie ein Rasender dagegen gewehrt hatte. Man trgt als treuer
Christ in seinem Bergsack nicht gern eine obrigkeitlich verbotene
Sache, die fr einen Luthrischen wohlttig ist. Unter grimmigen Flchen
fhlte er mit seiner braunen Tatze immer wieder nach hinten: ob das
verdchtige Pckl nicht gottsgndigerweis so spurlos verschwinden
mchte, wie die preuische Gefahr aus der Armeseelenkammer. Aber wenn
im Menschengedrng einer gegen ihn hinpuffte, brllte er gleich:
Blitzhimmelsausen und Hllementshund, gib doch Obacht, ich hab was
Glsernes auf'm Buckl.

Bei dieser angstvollen Frsorge war er nicht in der Laune, sehr
aufmerksam auf die Muckenfl'sche berraschung zu horchen. Auch hatte
der Hiesel Schneck in diesen Tagen eine viel grere berraschung schon
erlebt. Damals, als es zu schneien anfing. Da war er spt am Abend
heimgekehrt, in der sicheren Erwartung, da der unbequeme, vermaledeite
Ketzer schon ber die bayrische Grenze gesprungen wre und nimmer
droben lge auf dem Heuboden. Teilweise war auch eingetroffen, was
die Schneckin ihrem Schneck versprochen hatte: Leupolt lag nimmer auf
der Heuschtt, sondern herunten neben dem Herdfeuer im Ehebett des
Hiesel. Und die Schneckin hockte im Ofenwinkel auf einem Strohsack,
den sie so breit gemacht hatte, da er zwieschlfrig zu benutzen war.
Hiesel lie die wildesten Hllemente los, wenn auch -- weil Leupolt
schlief -- mit gedmpfter Stimme. Da mochte die Schneckin hundertmal
flstern: Verstehst? -- der Schneck verstand nicht und war verbohrt
in die unzutreffende Meinung: da es die Schneckin aber schon *ganz*
saudumm angestellt haben mte. Soll den Kerl ber die Grenz hatzen
und lat ihn ins Bett hupfen! Kreuzhimmel, Bluthllement und Bratwrst
bereinander! Grollend sa er auf dem Herdrand. Schlielich, wenn er
in dieser Schneenacht neben seiner Schneckin liegen wollte, blieb ihm
nichts anderes brig, als mit dem Strohsack vorlieb zu nehmen. Bis
lange nach Mitternacht bellten seine gedmpften Himmelhunde. Am Morgen,
freilich, da sah auch der Hiesel das ein: da man mit einem Fieber, in
dem alle Knchelen scheppern, nicht ins Bayrische hinberlaufen kann.
Und jetzt, unter den Rasselklngen der Muckenfl'schen Austrommlung,
erzeugte der Schneck in seinem langsamen Gehirn den Trostgedanken:
Wenn ich dem Buben das jdische Pckl zutrag, da er bald ber die
Grenz hupfen kann, so tu ich blo, was die Herren haben wollen.
Verstehst? Die vielen Himmelhundsmonologe, die er mit sich fhrte,
verhinderten ihn, auf dem Marktplatz und whrend des Heimweges der
freudigen Bewegung zu achten, die der Feldwebel Muckenfl mit seiner
sonst so gefrchteten Trommel in der Bevlkerung erweckt hatte.

So splendid und wohlwollend hatte sich der Landesfrst schon lange
nicht mehr erwiesen. War in der Verkndigung auch nicht deutlich
ausgesprochen, was sie bezweckte, so war doch ihr schner Sinn so
klar, wie die alte Sonne ber dem jungen Schnee. Die Gutglubigen
nahmen die Ansage des Festes als deutliche Mahnung zur Vertrglichkeit,
die Evangelischen empfanden sie als Friedensverheiung, als
Wegweis zu naher Verstndigung und zur Freiheit ihrer Seelen. Seit
Menschengedenken war zu Berchtesgaden nimmer so gut und herzlich von
der Obrigkeit gesprochen worden, wie es an diesem silbernen Samstage
tausendstimmig geschah. In allen Husern wurde gesungen und gelacht,
aus allen Truhen wurde das Feiertagsgewand und versteckter Schmuck
herausgenestelt. berall an den Fenstern saen die Mannsleute und
putzten ihre Schiegewehre. In der Mittagsstunde bllerten durch das
sonnfunkelnde Tal die Probeschsse. Einer sagte: Wie wenn beim grten
von allen Bauern eine Hochzeit wr! Und bekam die lachende Antwort:
Das wird wohl ein Metzensckl Pulver wert sein, wenn der gndigste
Herr Frst mit seinem Vlkl Vershnung feiert!

Den ganzen Nachmittag umstanden Scharen von Mdchen und Kindern
das Schtzenhaus, um den gewaltigen Vorbereitungen zuzuschauen,
die fr das Fest getroffen wurden. Die Mannsleute, die man sonst
nur zhe zur Fronarbeit herbeibrachte, boten sich ungerufen zur
Hilfeleistung. Von der groen Festwiese neben dem Schtzenhaus
wurde der Schnee fortgeschaufelt, und Lachen, frohes Geschrei und
drhnendes Hammerklopfen begleitete den flinken Bau des Mahlsaales,
einer mchtigen Bretterbude, die ein paar tausend Schtzenbrder
fassen konnte, um in Vertrglichkeit und Frohsinn bei Freibier und
Speckwrsten mit den gtigen Herren beisammenzusitzen. Man arbeitete
noch bei Fackelschein bis gegen Mitternacht.

Der groe Morgen kam. Die Tausende auf Berchtesgadnischer Erde waren
willig zur Freude. Nur der liebe Gott schien an diesem Vershnungstage
kein rechtes Wohlgefallen zu haben und steckte die Sonne in einen
mchtigen Wolkensack. Feine Eiskrystalle rieselten aus dem Grau
herunter, scharf wie Nadelspitzen. Das verdarb keinem Frhlichen die
Laune.

Als man zum Kirchgang lutete, war die Zuwanderung der Andchtigen
ein bichen schtter. Die Erlsung von allem Gewissenszwang
vorausgenieend, hielten die Evangelischen den Gottesdienst dieses
Freudentages daheim in ihren Stuben ab oder besuchten eine Frsagung,
ohne Schneekleid, vllig sichtbar. Erst nach dem Hochamt, whrend
mit allen Glocken der Gottesfriede dieses Sonntages verkndet wurde,
begannen die Marktgasse, der Brunnenplatz und die Stiftshfe sich zu
fllen mit einem farbenbunten und frhlich gestimmten Menschengewhl.
Obwohl es immer nebelte, sah die lrmende Bewegung der farbigen
Menge sich an wie ein jubelndes Lebensfest. Die Frauen und Mdchen
hatten sich aufgeputzt und waren durch Jugend, Gesundheit, Freude und
hoffendes Vertrauen noch schmucker geziert, als durch die feuerfarbenen
Mieder, durch das leuchtende Bnderwerk und die mattfunkelnden
Schaumnzen. Stolz trugen die Mannsleute ihre klobigen Schiegewehre,
und fast jeder hatte auf seinem gebnderten Htl ein paar von den
Blumen stecken, die bei frierendem Winter blhen in den warmen
Bauernstuben. Dem wirbelnden Frohsinn dieses Bildes tat es keinen
Eintrag, da im Gewhl der Leute keiner von den Herren zu sehen war.
Es tauchte nur der Feldwebel Muckenfl auf, dem ein paar Musketiere
bei der Ordnung des tausendkpfigen Schtzenzuges behilflich waren.
Als die Hifthrner der frstlichen Jgerei den Festruf bliesen und die
Trompeten und Klarinetten der Salzknappen mit ihrer lustig dudelnden
Marschmusik einfielen, erhoben die Tausende dieser frhlichen, von
harter Zeit erlsten Menschen ein Jauchzen, da ihr Freudenspektakel
alles Blechgeschmetter bertnte.

Wie ein vom Glck dieses Tages Ausgeschlossener, mit unfrohen Augen,
Zorn und trauernde Erbitterung in dem blassen Warzengesicht, sa
Pfarrer Ludwig am Fenster seiner Stube und blickte hinunter auf das
frhliche Geprng des Schtzenzuges. Ob in Sonn oder unter Wolken --
gibt's auf der Welt ein schneres Ding, als die vertrauensselige Freud
eines hoffenden Volkes? Und gibt's auf Erden ein bleres, als dieser
Tag es bringen wird? Immer wieder brannte in ihm der Gedanke: Rei
das Fenster auf, schrei diesen Jauchzenden eine Warnung zu! Nicht die
frstliche Mahnung an das Dienstgeheimnis hielt ihn zurck, nur die
Erkenntnis, da seine Warnung das Schicksal dieses Tages nicht wenden,
sondern Aufruhr und Totschlag heraufbeschwren wrde.

Der weite Hof unter dem Fenster des Pfarrers war leer und still
geworden. Immer ferner tnten die frhlichen Jauchzer, das
Klarinettenquieksen und der Trompetenklang. Nun das donnerhnliche
Drhnen eines Bllerschlages. Dann knatterten die Stutzenschsse
durcheinander, als htten hundert Heinzelmnnchen zu dreschen
begonnen. Das ging zwei Stunden lang so weiter. Dann luteten die
Mittagsglocken. Auf der Festwiese verstummten die Schsse. Und nebelnde
Stille lag ber den Dchern des Stiftes. Jetzt der Hufschlag eines
Pferdes. Von der Salzburger Strae kam ein erzbischflicher Dragoner
ber den Hof geritten und verschwand im Stiftstor. Pfarrer Ludwig
nickte. Die Konsequenz! Sechs F hat sie! Und hat zwei Kpf, von
denen jeder was anderes denkt. Wenige Minuten spter mute er zu
der beschmenden Einsicht gelangen, da er die Salzburgische Hilfe
militrisch unterboten, katechetisch berschtzt hatte: nicht ein
volles Dutzend Kapuziner, nur neune; aber statt der fnfhundert
Soldaten, auf die er geraten hatte, kamen achthundert Musketiere,
scharf bewaffnet, dazu ein halbes Tausend Dragoner, hoch zu Ro. Guck
nur! knirschte der Pfarrer vor sich hin. Neben der Gotteshilf macht
Salzburg noch ein gutes Geschft! Den ganzen Heerwurm mssen ihm unsere
Bauern fttern, wer wei, wie lang!

Es litt ihn nimmer in der Stube. Flink in die hohen Schmierstiefel,
aus dem Haus und hinunter zur Festwiese. Auf einem Fusteig, der ber
die verschneiten Wiesengehnge kletterte, blieb er erschrocken stehen
und sphte zur Fahrstrae hinber. Unter den vielen Leuten, die nach
der Festwiese strebten, sah er den Meister Niklaus und Luisa. Der
Pfarrer schrie den Namen des Freundes und watete durch den tiefen
Schnee. Als er die Strae erreichte, war er so atemlos, da er kaum zu
sprechen vermochte: Kehr um, Nicki! Fhr dein Mdel heim und la dich
einsperren von der Sus!

Hochwrden? stammelte Luisa. Und der Meister fragte erblassend: Um
Gottswillen, was ist denn los?

Getroffen, Nicki! Der Pfarrer lachte grell. Um *Gotts* willen ist
was los! Und da wirst du dir denken knnen, wie es ausschaut. Er fate
Luisas Arm und flsterte: Mdel! Wenn du deinen redlichen Vater nit
auch noch verlieren willst, so schau, da du ihn heimbringst in die
Werkstatt und zu seiner Arbeit! Geh, Nicki, sei verstndig! Noch ein
letztesmal! Ich tt's nit raten, wenn es nit sein mt. Und du, Mdel,
tu beten vor deinem Jesuschrein! Andchtiger als je! Die Stimme des
Pfarrers bekam einen harten Zornklang. Heut wird deine fromme Seel
noch was umzudeuten kriegen. Die heilige Mutter soll dir's geben, da
du eine Deutung findest, die deinen standhaften Glauben nit verdchtig
macht vor den Konsequenten.

Luisa, deren Gesicht sich entfrbt hatte, umklammerte stumm die lebende
Hand des Vaters. Und Niklaus stammelte: Mensch! Was ist denn?

Heiser lachend deutete Pfarrer Ludwig mit dem Hakenstock gegen die
Wolken. Guck doch in die Hh! Da mut du doch merken, da heut ein Tag
ist, an dem unser Herrgott sich in seinen ewigen Mantel wickelt und um
die Menschen trauert. Er sagte mit heier Mahnung: Geh heim, Nicki!
Deinem Kind zulieb!

Und du?

Ich bin doch ein Priester, nit? So einer ist allweil auf dem Weg zu
den Hoffnungslosen. Wie heut, so neugierig bin ich noch nie gewesen:
ob der Amsterdamer recht hat, wenn er sagt, es wr kein Ding auf Erden
so schlecht, da es nit ein Gutes werden knnt fr die Menschen.
War's noch vom Schnupfen, oder hatte es einen neuen Grund, da dem
Pfarrer das Wasser in die Augen trat? Dann sagte er zu Luisa: La den
Vater nimmer aus! Mdlen, die tapfere Kinder sind, werden die besten
Frauen. Er wandte sich ab und eilte die Strae hinunter. Das Gesumm
einer groen Volksmenge klang ihm durch den ziehenden Nebel entgegen.
Hunderte von Frauen, Mdchen und Kindern umstanden in heiterer Laune
die groe Bretterbude des Mahlsaales, in dem die Trompeten und
Klarinetten der Salzknappen eine lustige Tanzweise spielten. Fast
alle Mannsleute waren schon im Saal versammelt. Nur ein paar Burschen
wimmelten in ihren roten Joppen noch vergngt umher, schkerten mit
der weiblichen Jugend oder machten harmlose Spe ber die Bratwrste,
die noch immer nicht duften wollten, und ber die geduldigen Mgen
der Herren, die noch unsichtbarer wren, als es die Evangelischen vor
dem Bekennertag gewesen. Unter Muckenfls kanzleideutschem Kommando
drngten sich Lakaien und Musketiere im Frauengewhl umher, faten
die rotjoppigen Buben ab und schoben sie in den Saal, immer unter
der gleichen Mahnung: Flink! Nur flink! Die Bruknecht haben schon
angezapft! Nun schoben sie den letzten von den Burschen durch die enge
Tr hinein, die aussah wie ein Festungsschlupf. Und durch den Trspalt
leuchtete das rote Flackerlicht der Kienfackeln heraus, die man in der
fensterlosen Bretterbude angezndet hatte, um sie hell zu machen.

Die Weibsleute guckten ein bichen verwundert drein, weil an die
zwanzig, mit Flinten und Terzerolen bewaffnete Musketiere vor der
Saaltr aufzogen wie eine kriegsmige Wache. Als Muckenfl mit den
Lakaien und Jgerknechten das Schtzenhaus besetzte, in dessen Halle
die Schiegewehre der Bauern verwahrt standen, kam Pfarrer Ludwig
in Hast von der Strae herbergeschritten. Er sphte mit blitzenden
Augen, sprang auf die Saaltr zu und wollte eintreten. Zwei Musketiere
kreuzten vor seiner Brust die Flinten. Ruckwrts, Hochwrden! Niemand
darf passieren. Befehl des gndigsten Herrn!

Aber Leut! Der Pfarrer lachte. Ich will doch auch meine Freima
haben und mein Wrstl! Geh, seid doch nit gar so neidisch! Er hatte
die beiden Flinten beiseite geschoben und drckte die Saaltr vor
sich auf. Ein Musketier fate ihn am Radmantel. Wirst du auslassen?
Mit einem zornigen Fauststreich machte der Pfarrer sich frei und
trat in den von einem wogenden Mannsgewhl, von dudelnder Musik,
von Flackerschein und Fackelqualm, von Lrm und Gelchter erfllten
Brettersaal. An langen, leeren Tischen saen die Brger und Bauern, die
Handwerker und Salzknappen auf hochbeinigen Holzbnken. In den schmalen
Gassen drngten sich Hunderte umher, die noch keinen Platz gefunden.
Die roten Joppen leuchteten wie Blutflecken, und die Gesichter, die
schmutzig wurden vom Fackelru, schienen in der trben Flackerhelle
verzerrt zu einem ruhelosen Grinsen. Und doch war Freude in allen
Gesichtern, frhliche Erwartung in allen Augen. Freilich, derbe Spe
gab es in Hlle und Flle, weil man schon wartete seit einer halben
Stunde und noch immer den Duft keiner Bratwurst witterte. Doch in jedem
Scherz war heitere Geduld, war noch immer ehrfrchtige Dankbarkeit fr
den allergndigsten Wirt dieses freudenreichen Vershnungstages. Nur in
der hintersten Saalecke, wo die rotjoppigen Burschen dick beisammen
saen, begann es ein bichen bermtig zu werden; da trommelten sie mit
den Fusten auf die Tische und begannen kleine Spottlieder zu singen,
wie der Augenblick sie gebar.

Als der Pfarrer, noch in den Radmantel gewickelt, von der Trschwelle
stumm hineinsah in dieses heiter lrmende Mnnergewhl, war sein
Gesicht entstellt, da ihn die Leute nicht gleich erkannten. Es mute
erst ein Frhlicher schreien: Herr Ji! Unser gtiges Pfarrherrle!
Und einer brllte ber alle Tische: Leut! Jetzt geht's aber an! Der
erste von unseren Herren ist da! Whrend der Lrm sich ein bichen
dmpfte, drngten viele gegen den Pfarrer Ludwig hin, zu einem Gru,
zu einem Hndedruck. Von einer nahen Bank erhob sich einer, der ein
kleines Bbl auf dem Arm hatte. In seinen Augen war ein verstrter
Blick, doch unter dem Braunbart lachte sein blasser Mund, als wre er
der Frhlichste unter diesen tausend Festfrohen. Rittlings ber der
Bank stehend, winkte er mit dem Arm und kreischte: Hochwrden! Zu mir
her! Euch geb ich mein Pltzl. Ich mu nit sitzen. Mich halten Herz und
Seel in der Hh. Der Christl Haynacher lachte wie ein Glcklicher und
prete das scheuguckende Bbchen an seine Brust. Jetzt, Hochwrden,
ist alles am Tag! Gelt ja? *Mir* mssen die Leut Vergeltsgott sagen.
Wr mein Weibl nit so heilig und fromm gestorben, und htt mein Weibl
nit hilfreich aus dem ewigen Glanz heruntergegriffen zur kreistenden
Menschennot? Da tten wir trauern und seufzen mssen, gelt! Jetzt
knnen wir Freud haben und wieder glauben. Alle Herzviertelen sind
wieder schn beisammen. Und Fried und Brderschaft ist berall auf der
gottschnen Welt. Die guten Herren! Die soll unser Herrgott segnen fr
den heutigen Tag. Whrend Christl Haynacher so redete, mit umkippenden
Tnen, schrien es die anderen von Tisch zu Tisch, da von den Herren
der erste gekommen wre. Die dudelnde Knappenmusik geriet auer Takt
und verstummte. Aller Lrm versickerte, es wurde immer stiller im Saal.
Und da streckte sich der Pfarrer, hob die beiden Hnde aus dem Mantel
und rief: Ihr guten Leut! Lat mich ein brderlichs Wrtl reden mit
euch!

berall ein Gucken und Hlsestrecken, von allen Bnken erhoben
sich die Mnner und Burschen, einer der schlechtgezimmerten Tische
knickte krachend zusammen, ein Gelchter, dann viele Stimmen, die
zum Schweigen mahnten. Jetzt war die Ruhe da. Nur noch das Rauschen
der Fackelflammen, das schwere Atmen der vielen Hunderte in dem
qualmigen Raum. Und da lauschten sie alle -- nicht auf den Pfarrer,
der mit zerdrckter Stimme zu reden begann. Sie lauschten auf das
Unerklrliche, das von drauen hereinklang durch die fensterlosen
Bretterwnde. Es war ein aufwirbelndes Geschrei von vielen Weibern und
Kindern. Wie gellende Angst war es anzuhren. Und es mute doch Freude
sein? Kamen die Herren? Fragende Rufe schwirrten von Tisch zu Tisch.
Und einer kreischte mit Lachen: Hrt ihr die Mdlen juchzen? Jetzt
kommt der gndigste Herr Frst! Hi, Trompeter! Blaset den Herrengru!
Ein frhliches Blechgeschmetter. Niemand hrte mehr auf den Pfarrer.
Seine Stimme versank im lrmenden Festjubel dieser treuen, beglckten
Untertanen.

Vor der Saaltr ein Gepolter und ein aufgeregtes Stimmengewirr. Immer
deutlicher hob sich aus ihm die schrillende Stimme eines Mdels heraus.
Es war wie das Zetergeschrei einer Irrsinnigen. Ein Gerttel an der
kleinen Tr. Jetzt patschte da drauen ein Pistolenschu -- nicht wie
ein Pulverknall, nur wie das Klatschen einer festen Peitsche -- und
ber die Schwelle der aufgedrckten Tre strzte schreiend ein junges
Geschpf herein, jenes Untersteiner Mdel, das unter dem Holz der
Unehr, am Bekennersonntag, als erste mit verzckter Freude gerufen
hatte: So mt ihr mich auch verbrennen! Ich bin eine evangelische
Christin!

Was sie schrie und lallte, whrend sie hintaumelte gegen die erste
Bank, war im aufrauschenden Lrm des Saales nicht zu verstehen. Immer
schreiend, stieg sie neben dem stummgewordenen Christl Haynacher
auf die Bank, sprang auf die Tischplatte und stand da droben, mit
aufgereckten Armen, einer Verzckten hnlich, oder einer Wahnwitzigen.
Immer lallte und schrie das Mdel, die Augen erweitert, das Gesicht
wie Kalk so wei. Im versinkenden Lrm des Saales klang vom Tisch der
Salzknappen eine verzweifelte Bubenstimme: Barmherziger Herrgott!
Moidi! Du blutest! Sie drehte das Gesicht gegen die Stelle hin,
von der die Stimme kam, lchelte ein bichen, reckte sich und rief:
Ihr lieben Brder! Haltet fest am Gtigen, der fr uns gestorben
ist am Kreuz! Hilf ist nur im Himmel noch. Hilf ist nimmer auf der
Welt. Gewalt ist ber uns! Zehntausend heidnische Dragoner reiten
ber das Schneefeld her! Das Mdel wankte, straffte sich wieder an
allen Gliedern, wollte reden, hatte keinen Laut mehr und prete die
zitternden Fuste gegen das Mieder. In der Stille, die pltzlich im
Saal entstand, hrte man sie mit leiser und froher Stimme sagen: Herr
Jesu, dir leb ich -- Herr Jesu, dir sterb ich -- Viele Hnde streckten
sich nach der Sinkenden, Pfarrer Ludwig fing die Erloschene in seinen
Armen auf, und Christl Haynacher, dessen Bbl das Gesicht am Hals des
Vaters versteckte und zu greinen begann, brllte pltzlich wie ein
Betrunkener: Herrgott! Herrgott! Ist's noch allweil nit genug?

Ein tausendstimmiger Laut im Saal, wie das Aufsthnen eines gewaltigen
Tieres, dem das mordende Eisen ins Leben fhrt. Nun ein dumpfes Gewhl,
ein Zusammenkrachen aller Tische und Bnke -- und jetzt ein mahnender
Mnnerschrei, so kraftvoll und gebietend, da er die tausend Verstrten
beherrschte und zum Lauschen zwang. Ihr Leut! Ihr guten Leut! Pfarrer
Ludwig war heiser geworden von diesem Schrei. Schauet her! Ich hab
den Tod auf den Armen. Drum mu ich ein Wrtl sagen fr euer Leben.
Heut geht Gewalt vor Recht. Die Zeit wird kommen, in der sich's wendet.
Seid besonnen, ihr guten Leut! Oder ihr stot euch alle, eure Weiber
und Kinder ins hilflose Elend! Christ sein, heit nit: zuschlagen mit
Fusten und Tischfen, einander wrgen und niedertrampeln. Christ
sein, heit noch allweil, ein Mensch unter Menschen bleiben und
sein Leidwesen dem gtigen Heiland in die Hand legen. Der wird uns
aufrichten. Der wird uns helfen! Man hrte von drauen den Schritt
einer marschierenden Truppe, hrte die Trommel, die schon nah bei
der Tr war. Pfarrer Ludwig, dem die Arme unter der Last zu zittern
begannen, die sie trugen, sagte ruhig: Drei evangelische Brder sollen
mir helfen. Wir wollen das fromme Christenkind, das in Gottes Reich
gegangen, heimtragen zu seiner Mutter.

Nachbar! keuchte der Haynacher. Nimm mein Bbl ein bil! Da mu man
helfen. Er sprang an die Seite des Pfarrers und raunte auf eine Art,
wie die Fieberkranken reden: Gelobt sei Jesuchrist und die heilige
Mutter Marie. Jetzt kamen die Salzburgischen Gottesmusketiere unter
Trommelschlag in den Saal marschiert, zu vieren dicht aneinander
gedrngt, die Gewehrlufe vorgestreckt, den Finger am Bgel. Auer dem
Schrittklappen und den soldatischen Befehlsworten war kaum ein Laut im
Saal. Die Leute wichen vor dem immer breiter werdenden Soldatengrtel
zurck, die einen scheu und mit blassen Gesichtern, die anderen mit dem
stummen Zorn auf der Stirn und in den Augen. Den ersten aufwhlenden
Sturm in ihnen hatte das Wort des Pfarrers bezwungen. Nun lhmte sie
der Schreck, das betubende Bewutsein ihrer Wehrlosigkeit und noch ein
Hrteres: die Bitterkeit der Enttuschten, die Trauer ber den Betrug,
der da begangen wurde an ihrem frohen, glubigen Vertrauen.

Hinter der Kette der Musketiere stehend, verkndete Muckenfl das
prpstliche Edikt auf Konfiskation aller Schtzengewehre. Jedem
reumtigen Subjekte sei die Gnade des Frsten zugesagt, jedem
Widerspenstigen das strengste Gericht. Zur Ermahnung der Seelen sei
von einer frsorglichen Obrigkeit beschlossen worden, jede Gnotschaft
des Landes mit achtzig Musketieren und fnfzig Dragonern samt Rl
zu belegen, fr deren Bedarf an Zehrung und Trank die Gnotschaft
aufzukommen htte, insolang, als eine Besserung des rebellischen
Geistes nicht in glaubhaftem Ausma sichtbar wrde. Nach dieser
Verkndigung formierten die Musketiere eine Gasse durch den ganzen
Saal. Eine Gnotschaft nach der anderen wurde aufgerufen. Wenn die
Mnner, die zur gleichen Gnotschaft gehrten, alle beisammen waren,
wurden sie paarweis abgefhrt. Einige Burschen, die sich unehrerbietig
zu uern wagten, wurden verhaftet. Auch einen von den vier Trgern der
schn und gottselig gestorbenen Moidi von Unterstein -- den Christl
Haynacher -- mute man festnehmen. Bei seiner Verhaftung gebrdete
sich der hirnverdrehte Suspiziosus, wie Muckenfl ihn nannte, so
rebellisch, da die Anwendung von eisernen Handschellen ntig wurde.

Drauen im Schnee, zwischen Mahlsaal und Schtzenhalle, standen,
gleichmig abgezhlt und in militrischer Ordnung ausgerichtet, fr
jede Gnotschaft die achtzig Musketiere und die fnfzig berittenen
Dragoner parat. Bei jedem Trupp -- gleich einem Leutnant neben seiner
Kompagnie -- befand sich ein Kapuziner.

Die Abwanderung der Gnotschaftsleute mit ihrer militrischen Bedeckung
dauerte bis in die Dunkelheit. Und die Soldaten, die ihr Quartier zu
Berchtesgaden bekamen, bewiesen noch vor Anbruch der Nacht, da sie
nicht nur dem Himmel, sondern auch der Kunst zu dienen vermochten.
Mit groen Tpfen und langen Tncherpinseln wanderten sie durch die
Gassen und bemalten an jedem Haus, in welchem ein der Ketzerliste
Einverleibter wohnte, die Tren und Fensterstcke mit knallroter Farbe.




Kapitel XIX


Spt am Abend wurde an der Haustr des Meisters Niklaus gepocht, so
leise, da es die drei, die in der Werkstatt waren, nicht gleich
vernahmen. Der Meister, um ruhig zu bleiben, hatte sich zu seiner
Arbeit gestellt. Und Luisa und Sus waren mit ihren Spinnrdern aus der
Kche zu ihm in die Werkstatt gekommen. Helle Kerzen brannten auf dem
eisernen Reif. An dem groen Fenster war der Laden geschlossen. Nur
das Schnurren der Spinnrder und manchmal der Schritt des Meisters,
wenn er zurcktrat, um sein Werk zu betrachten. Da hrte Luisa das
kaum vernehmliche Klopfen. Ihre Augen vergrerten sich, als sie
stammelte: Vater! Es pochet. Die Sus wollte zur Tre. Bleib! sagte
der Meister. Ich selber geh. Er brauchte keine Frage zu tun; beim
Hall seiner Schritte klang es drauen in der Nacht: Tu auf, Nicki! Ein
Mensch!

Gott sei gelobt! Aufatmend stie der Meister den Riegel zurck und
hob den Sperrbalken aus dem Mauerloch, whrend Sus und Luisa wortlos
aus der Werkstatt gesprungen kamen. Der Pfarrer trat in den Flur, und
Sus verwahrte die Tre wieder. Gotts Gru zum traurigen Abend! Weil
ich nur bei euch bin. Aufatmen tu ich. Pfarrer Ludwig hngte den
Radmantel an das Zapfenbrett und fragte die Sus: Hast du noch warmes
Wasser? Ich mu mich waschen. 's ist eine Zeit, in der man rot wird,
vor Zorn oder von was anderem. An seinem schwarzen Gewande sah man
die eingetrockneten Blutflecken nicht, nur an den Hnden. Jesus?
stammelte Luisa. Ist's *Euer* Blut?

Er schttelte den Kopf. Das tt ich lieber sehen. Es wr um meine paar
letzten Trpflen minder schad.

Die Sus war in die Kche gesprungen, in der ein mattes lflmmchen
glomm, und schpfte Wasser aus der kupfernen Herdkufe. Nun kamen die
anderen drei zu ihr, und der Pfarrer wusch die zitternden Hnde. Schwer
atmend fragte er ber die Schulter: Wit ihr schon, was geschehen
ist? Die beiden Mdchen schwiegen. Der Meister nickte. Da brauchen
wir nimmer reden drber. Pfarrer Ludwig griff nach dem Handtuch und
schob die Sus von sich, die vor ihm auf die Dielen hinkniete, um sein
Gewand zu subern. Das nit! Mannsbilderhosen sind leichter waschen,
wenn man sie nit am Leib hat. Er legte den Arm um die Schulter des
Meisters. Nick? Weit du, was eine Mutter ist?

Das wei man, glaub ich.

Was meinst du, da eine Mutter sagt, wenn ihr liebes Kind am Morgen
lachend aus dem Haus gegangen ist, und man bringt es ihr am Abend heim,
wie ich das Moidi hab bringen mssen?

Mhsam antwortete der Meister. Ich wt nit, was ich schreien tt.

In Unterstein hat eine Mutter ihres toten Mdels Kopf zwischen die
Hnd genommen und in freudiger Ruh gesagt: Mein Kindl, dich mu
der Heiland lieb haben, uns anderen ist er feind, drum mssen wir
weiterschnaufen in der irdischen Not! Mit beiden Hnden rttelte der
Pfarrer die Schultern des Meisters. Mensch! Kann's einer besser sagen,
wie die Zeit ist? Dann wandte er sich an die Sus: Ttst du dich
trauen, da du zum Simmi hinberspringst?

Ich trau mich alles, wenn's fr den Meister ist.

Fr den ist's auch. Heut mcht' ich, da wir beisammen sind. Traut
der Lewitter sich nit aus dem Haus, so sag ihm, da ich krank wr. Da
kommt er. Gelogen ist's nit. Alles leidet in mir, was Leben heit. Aber
frsichtig mut du sein. Sonst packen dich die Soldaten Gottes mit
Gelobt sei Jesuchrist!

Soll mich nur einer anrhren! Das weiblonde Mdel sprang zur
Haustr. Der Meister ging mit ihr, und als er im dunklen Flur den
Riegel aufstie, sagte er leis: Vergeltsgott, du Treue!

In der Kche legte Pfarrer Ludwig die Hand auf Luisas Scheitel. Also?
Hast du die fromme Deutung fr den heutigen Vershnungstag schon
gefunden?

Sie sah verstrt zu ihm auf. Hochwrden! Ich wei nimmer, wo die
Christen sind.

Christen sind berall. Nur finden mu man sie knnen. Und selber mu
man einer sein.

Die Trnen fielen ber ihr blasses Gesicht. Ich seh keinen Weg nimmer.
berall ist Wirrnis und Snd. Drft ich nit morgen kommen um einen
Seelentrost?

Ja, komm nur! Er streichelte ihr schnes Haar. Ich will dich
trsten. Die Stimme dmpfend, beugte er sich zu ihrem Ohr. Seit dem
Morgen wei Mutter Agnes, wo der Leupolt ist. Beim Hiesel Schneck.

Sie fing zu zittern an. Wo hauset der?

An der Flurtr klapperte der Sperrbalken. Und drauen, in der nebligen
Dunkelheit, huschte die Sus um die Bretterplanke des Gartens. Als
sie hinberkam zum Leuthaus, mute sie in einen finsteren Schuppen
springen. Hufschlge klapperten ber das Pflaster her, und mit dem
Lrm, den die vielen genagelten Bauernsohlen machten, vermischte sich
das Marschgeklirre der Soldaten Gottes. Es waren die Bischofswiesener,
an die siebenhundert Mnner und Burschen, mit ihren achtzig Musketieren
und fnfzig berittenen Dragonern, von denen jeder den blanken Sbel in
der Faust hatte.

Am Schwnzl des Zuges ging der Hiesel Schneck. Er hatte sich
angeschlossen, weil er den weiten Weg nicht einsam wandern wollte, und
weil er als Gutglubiger sich verpflichtet hielt, dem Pater Kapuziner
whrend des langen Nachtmarsches ein bil Gesellschaft zu leisten.
Ja, ja, verstehst? Er fluchte aus Rcksicht auf den geweihten
Wandergesellen berraschend wenig, war aber doch in verdrielicher
Laune, weil er schon wieder was Verbotenes im Rucksack tragen mute.
Freilich, immer noch lieber als das glserne Judenflschl war ihm das
irdene Tiegelchen. Sollte er's auch einem ewig Verfluchten zutragen,
so kam's doch von der Mlzmeisterin, von einem rechtschaffenen
Christenweibl.

Die Bauern wanderten schweigend zwischen den Soldatenreihen. Ihre
Gestalten waren schwarz in der frostigen Nacht, die der Schnee nur
wenig aufhellte. Kein Stern war da, um einen Glanz in ihren Augen zu
wecken. Dennoch hoben sie immer wieder die Gesichter zum Himmel. Und
whrend sie paarweis gingen, hielten viele sich bei den Hnden gefat,
wie Blinde und Sehende, die einander fhren.

Hinter Bischofswiesen, wo unter Weibergeschrei und Hundegebell die
Austeilung der Soldatenquartiere begann, mute Hiesel Schneck seinen
Nachtweg in Einsamkeit erledigen. Jetzt, da ihn der Kapuziner nimmer
hrte, konnte er fluchen nach Bedarf. Er fluchte, so oft ihm der
Strohsack einfiel. Manchmal sakermentierte er und wute selber nicht
recht, warum. Auch dem Hiesel Schneck, so eisentreu er an seinem
Frsten hing, hatte der Vershnungstag mifallen. Kein Gedanke verriet
ihm diese Wahrheit; sie war nur in seinem Blut, in seinen Flchen.
Und ohne da er es merkte, verwandelte sie diesen Hllementsknstler
so folgenschwer, da er die neue berraschung, der seine Nagelfle
entgegenwanderten, wesentlich anders aufnahm, als es geschehen wre,
wenn er das leutselige Schtzenfest nicht erlebt, das Blut der Moidi
von Unterstein nicht htte rinnen sehen.

Als er vor dem Hallturm in das waldige Seitentlchen ablenkte, konnte
er gewahren, da in seinem Herdstbl noch die Specklampe brannte.
Obwohl er kein bersparsamer war und eigentlich gar nicht verstand,
warum ihn diese leuchtende Sache so frchterlich erboste, fing er ein
Himmelhundstreiben an, da der Schnee davon knirschte. Immer schlug er
mit der Faust in die Luft und nannte seine Schneckin einen Kindsschdel
ohne Hirn, ein Grillenei ohne Dotter, sogar eine Sau ohne Speck, was
doch sicher eine unmgliche Sache ist. Die Wut, die in ihm rasselte,
beeintrchtigte die getrbten Verstandeskrfte des Hiesel Schneck bis
zu vlliger Urteilslosigkeit. Fluchend und schnaubend tappte er durch
den Schnee. Nah bei der Haustr wurde er festgehalten vom Anblick
einer Schneefhrte, die er sich, ein so geschulter Weidmann er war,
durchaus nicht erklren konnte. Es waren groe, kreisrunde, tief in
den Schnee gesenkte Tapper. Welch ein ungeheuerliches Nachtvieh
mochte das Haus des Hiesel Schneck umwandert haben? Auch nicht der
beste frstprpstliche Hirsch trat solche Fhrten aus! Es blieb
dem Hiesel keine andere Lsung, als diese Schneelcher -- die das
Blechschsselchen der Schneckin schmolz, wenn sie die Mahlzeit des
Fieberkranken khlte -- fr Huftritte des Teufels zu halten, der sich
nach dem Verbleib der ihm zustehenden Ketzerseele ein bichen erkundigt
hatte. Also, da haben wir's! Das Gruseln kannte der Hiesel nicht.
Fr ihn als redlichen Christenmenschen war der Teufel eine Sache, so
ungefhrlich wie ein Eichktzl. Aber dem strohdummen Weibl, diesem Igel
ohne Borsten, gedachte er ein paar schmerzhafte Stacheln einzusetzen.
Schon drehte er sich gegen die Haustr. Da hielt ihn der Klang der
beiden Stimmen fest, die aus der Herdstube heraustnten. Unter einem
knirschenden Himmelhndchen beugte er sich gegen das Fenster hin und
guckte in den milden Schein.

Eine flackernde Lampe, auf dem Herd noch eine rote Glut. Leupolt lag
aufgesttzt im Bette, den Fieberbrand auf den Wangen. Sein Hals und die
Handgelenke waren frisch verbunden. Jetzt wusch ihm das Schneckenweibl,
das auf dem Lehmboden kniete, mit zrtlicher Vorsicht die breite Wunde,
die den Knchel des rechten Fues umzog. Dabei redeten die beiden
mit ruhigen Stimmen, und es machte den Hiesel Schneck ein bichen
perplex, weil die zwei zu einander Bruder und Schwester sagten. Diese
Verwandtschaft war was vllig Neues fr ihn.

Seit der Herbstzeit? fragte Leupolt.

Wohl, Bruder! Die Schneckin begann die lange, weie Binde zu wickeln.

Wie ist das gekommen, Schwester, da deine Seel sich erhoben hat? Hast
du ein Unrecht erfahren mssen?

Sie schttelte den grauen Kopf. Mein liebes Mdl, verstehst, die ist
verheuert an einen Knappen in Hallein. Und im Herbst, wie die Hirsch
gerhrt haben und mein Schneck allweil drauen hat sein mssen im Holz,
da ist sie ber einen Sonntag bei mir auf Besuch gewesen. Allweil
hat mich das Mdl angeschaut so scheu und verzagt, und allweil hab
ich fragen mssen: Was ist denn? Sie hat nit rausrucken wollen mit
der Farb. Ich frag: Gelt ja, jetzt flucht halt der Deinige auch? Und
das Mdl -- jetzt ist sie ein Weibl und bald ein Mutterl, aber noch
allweil mu ich halt Mdl sagen -- und das Mdl beutelt ihr Kpfl. Ich
frag: Herr Jesus, er wird dich doch ums Himmelswillen nit prgeln, der
Deinig? Und das Mdl sagt: Der Meinig ist von allen der beste, grad wie
der Vater Schneck! Und tut mich halsen wie irrsinnig und heult mir ins
Ohr: Mein Hansl ist evangelisch und ich bin's auch, gelt, tu's nur dem
Vater nit sagen, der tt versterben dran!

Der Hiesel Schneck verstarb nicht, stand nur im Schnee, wie verwandelt
zu einer hlzernen Sule.

Erst hab ich gemeint vor Schreck, es tt mir das Blut gerinnen! sagte
die Schneckin. Aber wenn's schon wahr sein mu, da ihr Hansl verhllt
ist, wird doch sein Weibl nit einschichtig aufs Himmelreich trachten?
Verstehst? Beisammen sein, ist allweil das Best, ob in Klt oder Glut.
Und schau, da hat mir mein Mdl was frgelesen von einem luthrischen
Blttl. Schner und fester hab ich nie noch ein deutsches Mannsbild
reden hren. Das ist einem eingegangen, ich kann's nit sagen. Alles
hat mir das Kindl verzhlt: wie ihr der Hansl das Evangelische allweil
frgeredet hat, verstehst? Und ghlings ist es in mir gewesen. Die
Schneckin guckte den Leupolt an. Wenn einem sein liebes Mdl so was
sagt? Verstehst? Da *mu* man doch glauben.

Nit allweil!

Diese beiden Worte waren so leis gesprochen, da der Hiesel sie
nicht verstand. Aber deutlich hrte er das wehe Klagen seines
Schneckenweibls: Schau, und so ist's halt, wie es ist. Und die junge,
evangelische Gottesfreud wr so schn in meiner Seel! Blo eins ist
hart: da ich herben bin, und mein Schneck ist drben. Und kommt er
drauf -- im ganzen Leben hat mir der gute Kerl noch nie ein Streichl
gegeben, verstehst -- aber mu er merken, da er eine evangelische
Schneckin hat, da haut er mir alle Knchelen im Leib auf Scherben.

Das tat der Hiesel nicht, obwohl er was gemerkt hatte, wenn auch
ein bichen langsam. Unbeweglich stand er im Schnee und hrte den
Leupolt sagen: Dein Schneck ist ein redliches Mannsbild. Und heut ist
Vershnungstag gewesen. Fried und Seelenfreiheit wird hausen im Lndl.
Schwester, wie gottsfreudig mssen heut alle Leut gewesen sein! Der
Fiebernde lie sich hinfallen auf das Kissen. Von allen Schmerzen, die
mich angefallen haben, ist das der hrteste: da ich heut nit sehen
hab drfen, wie Herren und Leut einander die Hand bieten auf Glck und
Treu!

Da taumelte der Hiesel Schneck vom Fenster zurck, als htte ihm dieses
glubige Wort einen Sto vor die Brust gegeben. Er fand keinen Fluch,
lie nicht den kleinsten seiner Himmelhunde bellen. Weglos stapfte
er in den Schnee hinaus, irrte hin und her wie ein Tier, das von der
Drehkrankheit befallen ist, und als er den Waldsaum fand, er wute
nicht, wie, da lie er sich hinfallen und keuchte in die Nacht hinaus:
Die Herren! Was die Herren alles treiben! Ach Jesus, Jesus! Schauernd
an allen Knochen, grub er das Gesicht zwischen die Fuste und begann
zu weinen wie ein kleines Kind. Das war eine Beschftigung, die er
schon sechzig Jahre lang nimmer getrieben hatte. Drum zerri ihm ihre
ungewohnte bung fast die Rippen.

War eine Stunde oder mehr vergangen? Vom Schneckenhusl klang ein
sorgenvoller Erkundungsschrei in die Nacht hinaus: Schneeeheeeeck!
Nach einer Weile wieder. Die Schneckin sorgte sich, obwohl sie wute,
da ihr Schneck Augen an den Schuhsohlen hatte. Und wo sich glckhafte
Leute vershnen, wird das Sitzleder dauerhaft. Die haben ihn halt
nit fortlassen vom Freibierbnkl. Sie verkrzte den Docht der Lampe
und raschelte sich in die Strohsackmulde. Gut Nacht, Leupi! Der
Fiebernde schlief bereits. Auch die Schneckin brauchte nicht lang, um
einzutunken. Sie erwachte erst, als der Hiesel Schneck sich wortlos
hinlegte auf den Strohsack. Gott sei Lob und Dank, sagte sie, weil
du nur daheim bist. Ist's lustig gewesen?

In Ruh la mich! knurrte er durch die Zhne.

No, no, geh, verzhl doch ein bil was!

Da gab der Hiesel eine stumme Antwort. Sonst pflegte er so zu liegen,
da die Schneckin ihr graues Kpfl an seine Schulter lehnen konnte, und
da waren ihr am Morgen immer die Falten seines Hemdrmels in die Wange
gedrckt. Jetzt drehte er sich heftig auf die Seite hinber. Ganz und
gar.

Schneck! Jesus! Wirst doch nit krank sein?

Was Gescheiteres fallt dir nimmer ein? Du -- Nein, der Schneck
brachte es nicht fertig, zu seiner Schneckin zu sagen: Du Christin
ohne Herrgott!

Verwundert sann das Weibl in der Finsternis ber die unerklrliche
Tatsache nach, da der Hiesel nicht fluchte. Da *mute* ihm doch was
weh tun, wie einem Baum, der im Frhling nicht grnen will. Bei diesem
Schweigen sthnte pltzlich der Hiesel: Ganz schauderhaft ist so was!

Was denn? fragte das Weibl erschrocken.

Wie heut der Bockmist stinkt!

Schneck, da mut du dich verkhlt haben! Beim Kathari hat einer
allweil so ein empfindsams Naserl. Sie setzte sich auf. Wart, da koch
ich dir gleich ein heies Weinsppl mit Nagerlblten.

Jetzt fluchte der Hiesel, und zwar so frchterlich, da die Schneckin
rasch zur Einsicht gelangte: Krank ist er nit! Nach vielen
stichelhrigen Himmelhunden murrte er: Jetzt wirst du mich aber doch
bald schlafen lassen, verstehst? Rumpel dich auf'n Strohsack hin, du
Wagen ohne Deichsel! Weiter gab er keine Antwort mehr und tat so, als
ob er schliefe. Seine Augen blieben offen, bis der Morgen graute. Ohne
auf die Geimilchsuppe zu warten, stapfte er, von seinen kummervollen
Himmelhunden begleitet, in das Schneegeriesel des Morgens hinaus.

Die Schneckin sah ihm in ratloser Sorge nach. Was war denn nur
mit ihrem Hiesel? Hatte er beim Schtzenfest was Unverstndiges
angerichtet? Sie lief hinber zum Hallturm. Ob da nicht von den
Soldaten was zu erfahren wre? Ja, die wuten was! Sehr viel. Wenn
auch nichts vom Hiesel. Und als die Schneckin heimkam, merkte es
Leupolt gleich an ihrem blassen Gesicht, da etwas Hartes geschehen
war. Schweigend hrte er an, was sie vom Vershnungstag erzhlte. Dann
nahm er ihre Hand. Nit trauern, Schwester! Soll man uns jede Bruck
zerbrechen. Es ist ein Baumeister, der einen neuen Weg fr uns auftut.

Ja, Bub, da mu man glauben dran. Sonst tt man verzagen.
Nachdenklich sah die Schneckin vor sich hin. Jetzt wei ich, warum
der Schneck heut nacht so gewesen ist. Falschheiten vertragt er nit.
So ist er! Jetzt kommt's auf, wo er den Bockmist hat schmecken mssen.
Verstehst? Fr alle Flle wollte die Schneckin dafr sorgen, da die
empfindsam gewordene Nase des Hiesel wenigstens unter dem eigenen Dache
nimmer gekrnkt wrde. Drum leistete sie an diesem Tag im Geistall
eine Arbeit, da sie an den Knig Augias htte denken knnen, wenn sie
was von ihm gewut htte.

Zur Mahlzeit kam der Schneck nicht heim. Erst am Abend. Der Schneckin,
die gleich zum Herd sprang, um sein Essen aufzuwrmen, vergnnte er
keinen Blick. Er ging zum Bett und griff in den Rucksack. Heut in der
Nacht, verstehst, da hab ich vergessen, da mir die Mlzmeisterin was
mitgegeben hat fr dich.

Die Mutter? fuhr Leupolt in Freude auf.

Ob's deine Mutter ist, wei ich nit, sagte der Hiesel gallig, auf
der Welt gibt's allerlei Verwandtschaften. Himmelkreuzbluthllement, es
knnt am End gar noch aufkommen, da du mein Schwager bist.

Der Sinn dieser Worte war fr die Schneckin eine dunkle Sache. Und
Leupolt hrte nicht, was der Hiesel redete; langsam, weil seine
entzndeten Hnde noch nicht gehorchen wollten, wickelte er das Pckl
auf und schlte das braune Tiegelchen aus der Leinwand. Eine Salbe?
Sonst nichts? Kein Gru, keine Nachricht? Endlich fand er das kleine,
versteckte Blttl und las bei der Feuerhelle des Herdes die winzig
zusammengedrngte Schrift: Mein herzlieber Bub! Die Sorg ist linder,
seit ich wei, wo du bist. Es wird sich schon geben, da ich schicken
kann, was du ntig hast. Kommen darf ich nit. Tu mir bald gesunden, tu
allweil hoffen, Bub, Hoffnung ist eine so feste Sach wie Gott, der sie
uns armen Menschen gegeben hat. Das Slbl ist vom Luisli. Sie hat's
selber gebracht, das liebe Kind, hat's in der Sonn gelutert und hat
dich lieb. Alles ander mssen wir in Gott befehlen. Ich tu dich gren.
Bleib, wie du bist, mein Bub, da bist du kein schlechter nit. Das wei
ich, deine Mutter in Treu.

Htten der Schneck und die Schneckin jetzt hinbergeguckt zu ihrem
zwieschlfrigen Bett, so htten sie sehen knnen, wie die Augen eines
Glcklichen leuchten. Aber die Schneckin mute auf die Schssel achten,
die sie zum Tische trug, und der Hiesel starrte kummervoll in den
Herrgottswinkel. Das Schneckweibl hielt es fr ntig, zu fragen: Wie
hat's denn die Mlzmeisterin erfahren, da der Leupi bei uns ist?

Was wei denn ich? brllte der Hiesel.
Kreuzhimmelhundblutshllement, es gibt halt sllene Fensterln, wo
einer was auskundschaften kann, wenn er ausputzte Luser hat! Wie
sonderbar, da der Hiesel jetzt so unverstndliche Sachen redete!
Sonst pflegte er nur Dinge zu sagen, die jedes Kind verstand. Seufzend
ging die Schneckin zum Herd. Und Leupolt sagte wie ein Trumender: In
der tiefsten Freud wird auch die hchste Not ein Lindes. Magst du mir
nit erzhlen, Schneck, wie's gestern gewesen ist? Der Hiesel beutelte
wtend den Kopf, schob die Schssel fort, ri den Tabakbeutel vom
Grtel und begann die Holzpfeife zu stopfen. So was ist schauderhaft!
Ganz schauderhaft! Das bezog die Schneckin natrlich auf den Bockmist
und sagte gekrnkt: Schau hinaus ins Geistallerl! Ob's nit so sauber
ist, da man am Sonntag vom Stallboden essen knnt. Mit Trnen in den
Augen zndete sie einen Kienbrand an und verlie die Stube, um drauen
noch ein bichen nachzufegen. Da wurde pltzlich der Hiesel Schneck ein
vllig anderer. Alle Wut erlosch in ihm. Schweigend sah er die kleine
Stalltr an, in den kreisrunden Augen einen so hilflosen Kummer, da
sein weischnauziges Gesicht etwas Kindhaftes bekam. Wie zerschlagen an
allen Knochen trat er zum Herd, um ein glhendes Kohlenbrckl in die
Pfeife zu legen.

Schneck! sagte Leupolt. Weil das gute Weibl drauen ist, wollen
wir's ausreden als grade Menschen. Ich spring nit hinber zum
Grenzbaum, tu nit flchten. Vergnn mir das Pltzl in deinem Haus! Ich
will's vergelten. Sobald die F mich tragen, leg ich mich hinauf ins
Heu. Kann ich wieder laufen, so mut du mich helfen lassen bei deinem
harten Dienst. Da du's leichter hast. Ich versprech dir, da ich
nichts tu, was dir Ungelegenheiten macht. Ich will nit konventikeln und
heimlichen Weg laufen. Will sein, wie du wollen mut, da ich bin. Ist
dir's recht so? Er streckte die Hand.

Meintwegen! murrte der Hiesel, ohne die Hand zu fassen. Stapfen wir
selbander durchs Holz, so kannst du mir auseinanderkletzeln, was denn
eigentlich dran ist -- an der luthrischen Narretei? Da in der besten
Menschenseel so ein Unsinn zndet! Es ist halt, weil einer verstehn
will, was er nit versteht. Verstehst?

Fragst du, so geb ich Antwort. Wieder streckte Leupolt die Hand.
Magst du nit einschlagen? Wir sind doch Gesellen, wo Verla ist auf
einander. Nit?

Der Hiesel bewies, da er trotz aller Bescheidenheit seines Verstandes
klger sein konnte als andere Menschen. Mannderl, sagte er, wenn
ich dein verschwollenes Pratzl drucken tt, mchtest du einen
schnen Brller machen! Er guckte ber die Schulter, weil er aus
dem Geistall ein heftiges Wassergepltscher vernahm. So was ist
schauderhaft! Ganz schauderhaft! Er sprang zur Stalltr hinber. Du!
Kreuzhimmelhundshllement und christglubiges Elend! Wirst du nit bald
auf'n Strohsack rutschen? Verkhlst dich ja drauen! Du Zeiserl ohne
Krpfl! Keinen Kropf zu haben, ist eigentlich eine schne Sache. Aber
der Hiesel dachte bei diesem wtenden Kosenamen an einen Vogel, dem
Gott wohl keinen Gesang gegeben hatte, dafr aber Federn, mit denen man
schreiben kann.

Die gekrnkte Schneckin pltscherte noch eine Stunde lang. Als sie
endlich die Ruhe suchte, lag ihr Schneck schon hinbergedreht nach der
feindseligen Seite. So, sagte sie, jetzt wirst du ihn aber nimmer
schmecken! Das stimmte. Gegen den Knasterqualm, den der Hiesel in die
Stube geblasen hatte, kam der Geistall nicht merklich auf. Dennoch
knurrte der Unvershnliche in die Nacht: Ganz schauderhaft ist so
was! Schauderhaft! Da drehte sich auch die Schneckin beleidigt auf
die andere Seite, und whrend ihre Trnen kollerten, hielt der Hiesel
verzweifelt seinen brennenden Schdel zwischen den Fusten. Die Stube
des Grenzjgers beim Hallturm war in dieser Nacht eine Parabel des
Lebens, in welchem Trostlosigkeit und Hoffnung, Glck und Not, Zorn und
Liebe in unvereinbarem Widerspruche bei einander wohnen.

Leupolt sah mit offenen Augen ins Dunkel, das braune Tiegelchen
zwischen den Hnden. Wie in der klingenden Mondnacht auf dem Knigssee,
so waren wieder in ihm zwei kmpfende Gedanken, die einander hart
bedrngten. Seine Trauer ber das ble Herrenwerk des Vershnungstages
und seine Sorgen um die leidenden Brder umschatteten die blhende
Botschaft der Mutter: Sie hat dich lieb. Aus dieser Zwiesprach
seines Kummers und seiner Trume ri ihn ein Himmelskter des Hiesel
Schneck, der wtend in die Finsternis hineinbellte: Wie, du -- jetzt
htt ich vor lauter Schauderei schiergar vergessen! Hrst oder nit? Du
Haubenstock ohne Mascherl! Wirst du dich bald umdrehen, ja? Und den
berbeinigen Ellbogen gib her! Verstehst? Der Hiesel mochte schneller
zugegriffen haben, als die Schneckin zu geben bereit war. Sie lie ein
so wehleidiges Quieksen vernehmen, da Leupolt erschrocken fragte:
Schneck? Was tust du denn deinem Weibl?

Nit mehr, als was mir der Jud zur Schuldigkeit auftragen hat,
verstehst? Soll die saumige Zeitnot ausschauen, wie sie mag, ein
berbein ist allweil ein berbein. In der Finsternis bgelte der
Hiesel Schneck das neugewachsene Ellbogenkncherl seiner Schneckin.
Weil sie wieder ein bichen wimmerte, brllte er: Ja, pfeif nur,
pfeif, du Spinnrdl ohne Schmier! Wenn's dir wohltt, gelt, da
knnt ich rippeln bis vierzehn Tg nach der Ewigkeit. Nun lie das
Schneckenweibl keinen Laut mehr vernehmen. Als der Hiesel mit dem
Knochenbgeln endlich Feierabend machte, konnte die Schneckin nicht in
Abrede stellen, da ihr berbein sich merklich verkleinert hatte. Sie
beobachtete auch noch eine andere Wirkung der gewaltttigen Kur: ihr
Schneck war von der >jdischen Dokterei< so mde geworden, da er vor
dem Einschlafen verga, sich auf die feindselige Seite hinberzudrehen.
Mit Vorsicht rckte die Schneckin auf der Raschelmatratze ein bichen
nher, fand das Kissen wieder, an das sie seit fnfunddreiig Jahren
gewhnt war, und schlo als zufriedenes Menschenkind die Augen.




Kapitel XX


Am Morgen, als der Hiesel mit seinem verschwiegenen Christenkummer sich
wieder hinausfluchte in die trstende Waldeinsamkeit und sein Weib
von den Schneckischen Hemdrmelfalten auf der Wange eine Zeichnung
hatte, hnlich den Eisblumen am Fenster, fhlte sich Leupolt Raurisser,
obwohl ihm vom Wundfieber noch immer die Pulse hmmerten, so weit bei
Krften, da er hinberhumpeln konnte zur Fensterbank. Und da wurde er
sein eigener Arzt -- weil er das kostbare braune Tiegelchen von keiner
anderen Hand berhren lie.

Zwischen wechselndem Schneegestber blinzelte manchmal die Sonne durch
das verschneite Fenster, whrend Leupolt vor dem Zinnspiegelchen
der Schneckin sa, wie einer, der sich selbst rasieren mu. Ein
feingegltteter Holzspan diente ihm als rztliches Messer, mit dem er
die Halswunde so sauber schabte, da die Schneckin gestehen mute:
*Viel* besser schaut's aus! Mit zrtlicher Achtsamkeit verteilte er
die in der Morgensonne der Liebe geluterte Wundsalbe ber den frischen
Leinwandstreif. So! sagte er, als alles Rote am Hals bedeckt und
die lange Binde darumgewickelt war. Dabei glnzten ihm die Augen, wie
sie nur einem Menschen glnzen knnen, der ein unsagbares Wohlgefhl
empfindet. Und immer schttelte er lchelnd den Kopf, so oft die
Schneckin barmherzig klagte: Jesus, Jesus, es mu dir ja grausam
wehtun! Mit den Fukncheln hatte er leichtere Arbeit. Auch beim
Verbinden der Handgelenke durfte ihm die Schneckin nicht beispringen;
er nahm die Zhne zu Hilfe. Und gleich, mit dem Bergstecken des Hiesel,
versuchte er's, in der Stube auf und ab zu schreiten. Immer besser
ging's. Freilich, der braune Tiegel war ausgerumt bis auf das letzte
Glitzerbrselchen. Da mu mein Schneck halt wieder ein Slbl holen,
verstehst?

Mehr braucht's nit. Das hilft aufs erstemal. Ich spr's.

Die Schneckin mute zu ihren Geien. Als sie wieder in die Stube
kam, war Leupolt umgezogen, sa hinter dem Herd auf dem kummervollen
Strohsack des Hiesel und las den kleinen Zettel der Mutter, las so
lange, als wre das winzige Stck Papier ein Buch ohne Ende.

Hundertmal im Verlauf des Tages sagte das Schneckenweibl: Heut am
Abend freut er sich, mein Schneck! Weil er sein Bett wieder hat,
verstehst? Aber am Abend freute sich der Hiesel gar nicht. Auch
whrend der folgenden Tage, unter wehendem Schneegestber, blieb er so
mrrisch, so verdrossen, so rtselhaft traurig, da in der Schneckin
der beklommene Verdacht erwachte: der Hiesel hat was gemerkt von ihrem
evangelischen Geheimnis. Aber nein! Da tt er doch dreinschlagen
mit dem Bergstecken, tt umfallen vor lauter Kmmernis und tot sein!
Verstehst? Stundenlang, wenn der Schneck mit den Fuchseisen drauen
im Gestber war, beredete sie's mit Leupolt. Der sagte: Es ist was
anderes. Grausen tut ihm. Was er sehen hat mssen beim Schtzenfest,
das verwindt er nimmer. Nit viel im Leben ist hrter, als bel von
einem Herren denken mssen, dem man zugeschworen ist in Treu und
Ehrfurcht.

Die Schneckin tat einen Seufzer: Ach, lieber Herr Jesus! Was fr eine
schieche Zeit ist das! Von den schrecklichen Dingen, die im Land
geschahen, wute sie nur wenig. Die hohen Schneewchten legten um das
einsame Haus einen schtzenden Riegel. Und was die Schneckin drben im
Hallturm von der eindringlichen Bekehrung hrte, die mit Musketieren
und Kapuzinern betrieben wurde, mit Strafgeldern, Angebereien,
Ausstoungen aus den Handwerksgilden, Haussuchungen und Polizeichikanen
-- das verschwieg sie vor Leupolt. Einen Wundkranken darf man nicht
aufregen. Auch sonst hatte das Schneckenweibl ihre Not mit ihm. Immer
wollte er arbeiten, sich ntzlich machen. Jede Pflege wies er ab. Sie
schalt: So geht's nit weiter, Bub! Du mut dich wieder verbinden
lassen. Er streichelte lchelnd ihre Hand: Nit, Weibl! Ich spr schon
das Heiljucken. Nachhelfen mu man blo bei schwachen und mhsamen
Dingen. Den starken und guten Sachen mu man ihr Strl lassen und mu
ihnen Zeit vergunnen. Komm! Es nchtet. Tu fr den Schneck das Mus
kochen! Wenn das Feuer scheint, ist liebe Stund. Da sag ich dir wieder
ein Lied. Als die Flamme zngelte und die schwarze Stube rotscheinig
wurde, sang er leis in die flackernde Feuerhelle:

  Herz, la dich nie nichts dauern mit Trauern! Sei stille!
  Wie Gott es fgt, so sei's vergngt dein Wille.
  Bleib nur in allem Handel ohn' Wandel! Steh feste!
  Wie's Gott verleiht, ist's allzeit das Beste.
  Du sollst nit heut dich sorgen ums Morgen! Der Eine
  Steht allem fr und gibt auch dir das Deine.

Das Schneckenweibl brach in Trnen aus wie ein armseliges Huflein
Elend und klagte: Bub! Tt's unser Herrgott allweil aufs beste
richten, so knnt der Schneck nit im Lndl bleiben, wenn's so kommen
tt, da ich auf Wanderschaft mt. Verstehst? Wie die Schneckin es
meinte, so verstand es Leupolt nicht. Sie hatte es nicht bers Herz
gebracht, ihm zu sagen, was drben im Hallturm zu hren war: da man
zu Berchtesgaden zwischen Judica und Palmarum das Exulations-Edikt
wider alle Verstockten anschlagen wrde, die vor dem Karfreitag
nicht reumtig zurckgekehrt wren zum alten, allein seligmachenden
Glauben. Leupolt verstand nur, da Kummer und Verstrtheit dem alten
Schneckenweibl fast die Seele zerdrckten. Er streckte die Hand, deren
Gelenk umwulstet war von dem starrgewordenen Verband, legte sie auf den
Arm der Weinenden und wiederholte mit trstender Herzlichkeit den Vers:

  Du sollst nit heut dich sorgen ums Morgen! Der Eine
  Steht allem fr und gibt auch dir das Deine!

Drauen vor der Haustr pochte Hiesel Schneck den Schnee von den
Schuhen. Als er eintrat, versuchte er zu lachen und warf unter dem
frhlich tuenden Gebell eines kleinen Himmelhundes zwei schne Fchse,
die er aus den Fallen genommen, vor die Herdmauer. Also! Hat der
Mensch auch wieder einmal ein bil Freud! Verstehst? Fr d' Fchslen,
freilich, war 's Vergngen minder. Mit seinem gereizten Lachen mischte
sich ein whlender Zornklang. Was mssen die Rindviecher hinschnufeln
zum eisernen Fensterl! Da kann einer allweil was hren! Verstehst?
Er drehte sich gegen die Balkenwand, um sein von Schnee umwickeltes
Zeug an die Geweihzacken zu hngen. Freilich, was Guts ist allweil
dabei. Wird halt die Meinige jetzt ein ofenwarms Pelzkragerl auf
ihren Kirchenmantel kriegen! Dieses zrtliche Versprechen hatte eine
sonderbare Wirkung. Heftig zusammenzuckend, lie die Schneckin den
Kochlffel ins Mus fallen, fuhr mit den Fusten nach den Augen und
bekam einen Schreikrampf, der sich zu hilflosem Schluchzen lste. Eine
Weile stand der Hiesel wie versteinert. Dann fing er mit gesteigertem
Hllementsreichtum zu fluchen an und brllte: Du Wiedehupfin ohne
Schpfl! Warum flennst du denn jetzt?

Weil -- weil ich merk --

Was? fragte der Hiesel erschrocken.

Da du mir -- eine Freud machen willst -- und grad fr'n Kirchenmantel
-- Jesus, Jesus, fr'n Kirchenmantel! Unter den Trnenstrzen ihrer
Verstrtheit verga sie vllig, da sie das Mus fr ihren Schneck
gekocht hatte, war der Meinung, es wre die Kost des Fieberkranken,
und trug das Schsselchen in die Dunkelheit hinaus, um es im Schnee
zu khlen. Bei dieser Gelegenheit konnte der Hiesel Schneck die
berraschende Entdeckung machen, da nicht der ketzergierige Satan,
sondern die menschliche Barmherzigkeit seiner Schneckin die unsinnigen
Tapper in den Neuschnee hineingefhrtet hatte. Nachdenklich
wiederholte er das Kummerwort seiner letzten Nchte: Ganz schauderhaft
ist so was! Dann fluchte er unter heftigem Faustgefuchtel so
entsetzlich nach allen Windrichtungen, da die schwarze Stube sich
noch dunkler zu schwrzen schien. Leupolt sagte lchelnd: So was ist
seltsam.

Was? brllte der rasende Schneck.

Wie die Lieb oft herausredet aus der Menschenseel.

Dieses Wort machte den Hiesel zuerst bestrzt. Dann schrie er: Wann
ich raufen mu mit der Meinigen, da tu dich nit einmischen! Schau
lieber, da du bald mit mir auf ein rechtschaffens Waldstral kommst.
Da man reden kann miteinander. Oder verstehst nit, du luthrischer
Narrenkasten ohne Riegel, da einer verstehn will, was er nit versteht?
Verstehst?

Leupolt gab keine Antwort. Er lchelte nur. --

In dem kleinen Jgerhaus kamen stille Tage. Keine schnen. Es stberte,
da der Schnee vor der Hausmauer immer hher wuchs. Manchmal in den
Nchten krachte das alte Dach unter der weien Last. Dann pltzlich,
von einem Tag auf den anderen, setzte der Fhnsturm ein, mit Brausen
und Toben, mit klatschenden Regengssen.

Die Herren zu Berchtesgaden schienen den Jger Leupolt Raurisser
entweder vergessen zu haben, oder sie erwarteten von ihm noch immer,
da er seinem frstlichen Herrn die Geflligkeit erweisen mchte,
jenseits der bayerischen Grenze zu verschwinden. Es kam vom Stifte
keine Nachricht, kein Befehl. Alle paar Tage brachte das Schneckenweibl
ein Bndel, das jemand im Hallturm fr den Hiesel abgegeben hatte.
Immer war's eine Sendung der Mutter Agnes fr ihren Sohn. Schlielich
hatte Leupolt alles beisammen, was ein Jger braucht -- ausgenommen
die Flinte. Am Tage nach dem Vershnungsfest hatte die Polizei seine
Waffen konfisziert. Bei jeder Sendung war ein verstecktes Zettelchen
der Mutter, die sich um die Gesundheit ihres Buben sorgte. ber die
Dinge, die zu Berchtesgaden geschahen, schrieb sie kein Wort. Es hie
nur immer: Ach, das Leben ist nimmer schn! -- Bub, man wei bald
nimmer, was man denken und glauben soll! -- Ach, Bub, sei froh, da
du weit bist vom Marktbrunnen! Der Schandpfahl hat nimmer Feierabend.
Nie ein Wort ber Luisa, nie ein Gru von ihr. Nur einmal, als sich
schon die ersten Frhlingszeichen an den sonnseitigen Gehngen
entdecken lieen, schrieb Mutter Agnes: Hab gestern ein liebes Veigerl
gesehen, das nimmer blhen mag. Da hilft kein Wrtl nit. Man mu an
die Sonn glauben, die dem armen Blml das Kpfl wieder aufrichtet.
Als Leupolt dieses Zettelchen gelesen hatte, trat er zum Fenster, sah
in den rauschenden Regen hinaus und sagte: Die Sonn ist blo hinter
Wolken. Da ist sie allweil. Komm, Schneck, nimm den Mantel, ich geh mit
dir hinaus ins Holz. Wo die Bum wachsen, wohnt der Herrgott.

Wohl! brummte Hiesel. Aber was fr einer?

Drauen wurde dem langen Schneck die Nsse ungemtlich. Er wute eine
Holzerhtte zu finden, brachte ein Feuerchen in Brand, stopfte seine
Holzpfeife und fing wieder zu fragen an, wie immer, wenn er mit Leupolt
allein war. Dabei schien er nur die Worte des anderen zu hren, nicht
den Herzklang, von dem sie erfllt waren, nicht die ruhige Festigkeit,
die in ihnen glnzte. Wieder schttelte er nach stundenlangem Lauschen
den grauen Kopf: Da kann mir einer sagen, was er will, ich versteh's
halt nit! Etwas Verzweiflungsvolles brannte ihm in den kummervollen
Augen. Aber was soll denn einer machen, wenn er mu? Das war wieder
eine von den dunklen Reden, die der Hiesel sich angewhnt hatte seit
dem Vershnungsfest.

Schneck? Magst du mir nit sagen, was dich druckt?

Der Alte erhob sich vom Feuer. Der Verstand druckt mich nit. Sonst tt
ich's verstehn. Verstehst?

Je nher es auf die Osterwoche ging, umso wortkarger wurde der
Hiesel Schneck, ersann immer seltsamere Flche und fand fr sein
Schneckenweibl immer wunderlichere Vergleiche, denen das Ntigste
fehlte. Er nannte sie ein Wasser ohne Brunnenrohr, ein Mhlrad ohne
Mehl, ein Bnkl ohne F, ein Zpfl ohne Haar, sogar eine arme Seel
ohne Fegfeuer. Mit Menschen zusammenzukommen, das schien der Hiesel zu
frchten, wie ein Gebrannter das Feuer. Die angstvolle Schneckin qulte
ihn eines Tages mit hundert verwirrten Fragen. Der Hiesel schwieg sich
aus, beteuerte ein Dutzendmal, da so was schauderhaft wre, ganz
schauderhaft, nahm die Feuersteinflinte und lie seine Himmelhunde
hinausknurren in den nassen Frhlingswald. Die Schneckin, vllig
verdreht, wollte ihm nachlaufen. Leupolt hielt sie zurck und sagte:
La ihn, Weibl! Im Holz drauen findt er die Ruh schon wieder. Ein
guter Mensch ist er. Und was er hren und sehen mu, das geht ihm ber
den Herzfrieden. Wenn Leupolt auch wenig wute von den Dingen im Land,
so wute er doch so viel, da er sein Versprechen, keinen heimlichen
Weg zu machen, wie eine Kette zu empfinden begann. Einmal sagte er zur
Schneckin: Nit helfen knnen, ist das Hrteste.

Es war in diesen Wochen im Lande Berchtesgaden ein neuer Gru erfunden
worden, nicht von der Polizei, sondern von denen, die ihn verschwiegen
vor ihr. Begegnete einer dem anderen, und hatten sie mit den Augen
geblinzelt, so sagte der eine: Schieche Zeit, Bruder! Und der andere
knirschte zwischen den Zhnen: Gott soll's geben, da der Helfer
kommt!

Der Weg zu den Stiftsgefngnissen wurde in dieser Zeit das belebteste
Strl im Land. Um der jungen Mdchen willen gab es blutige
Schlgereien zwischen den Burschen und Musketieren. Die Soldaten und
ihre Rosse fraen die evangelischen Bauern arm. Was in den Seelen der
Bedrckten noch brig blieb an Hoffnungsfestigkeit, das wurde gebeizt
und gesotten bei den stundenlangen Hauspredigten der Kapuziner. Von
ihrem schwitzenden Eifer kam ein Sprichwort in Umlauf: Der trpfelt
wie ein Buprediger. Und was diese emsige Seelsorge, was die Muketiere
und ihre fressenden Gule, die Polizeiverhre und die Herbergsstunden
ohne Mond und Sonne nicht fertig brachten, das vollendete die
Verhetzung innerhalb der evangelischen Familien, die Behinderung eines
jeden Erwerbs, der Frondienst und die Geldbue, die Viehpfndung,
der Entzug des Hauslehens und noch eine andere dunkle Sache, die im
ganzen Lande wie ein drckender Alp auf allen Menschen lag. Es schien,
als ginge in den Husern einer umher, der nicht zu sehen, nicht zu
hren und nicht zu greifen war, jedes Wort erschnappte, jede Rede
verdrehte, jeden Gedanken herauskitzelte und denunzierte. Dank diesem
emsigen Lauschergeiste war der Landrichter Willibald Halbundhalb
durch die gesteigerten Geschfte seiner Wahrheitsforschung so grausam
berbrdet, da man ihm vier Assessoren zur Hilfe beigeben mute.
Weil der Herbergsraum ohne Mond und Sonne stets berfllt war, wurde,
um Platz zu sparen und die Einknfte des Stiftes zu erhhen, alles
minder Gravierende durch hohe Geldbuen erledigt. Das hatte einen
doppelten Erfolg: zum erstenmal seit Jahren konnte die Rechnungskammer
des Stiftes die an Ostern flligen Schuldzinsen glatt begleichen, und
noch vor dem Palmsonntag konnte man amtlich registrieren, da von den
Siebenthalbtausend der jubelnden Bekennertage schon mehr als die Hlfte
bubereit wieder heimkehrte zum frstprpstlichen Glauben. Gegen
die dreitausend noch Verstockten wurde das Exulations-Edikt an allen
Kirchtoren von Berchtesgaden angeschlagen.

Wie schweres Nebelgewlk, so lag die dumpfe Herztrauer der Wehrlosen
ber dem ganzen Land. Aber auch *diese* Zeit, so unertrglich sie war,
konnte den Witz des gesunden Volkes nicht vllig ersticken. Unter das
Polizeigebot, das neben dem Exulations-Edikte angenagelt war und jeden
Befund dreier gleichzeitiger Personen auf der Strae mit schwerer
Strafe bedrohte, hatte einer die Frage geschrieben: Wie ist das bei
einer schwangeren Mutter, die mit Zwillingen geht? Das sind doch
auch drei Gleichzeitige? Mu da der Muckenfl vor dem Grillenhusl
auf die berzhligen passen? Oder mu er die Haustr einschlagen?
Der Wahrheitsforscher mit den vier berflssigen Federstrichen,
der den Dichter des Volksliedes vom _Dr._ Halbundhalb noch immer
nicht ausgeforscht hatte, mute sich mit einem neuen Geheimnis der
Schriftenkunde befassen, um es *nicht* zu lsen.

Die Sonne begann zu lachen und machte die Tage vor dem Osterfeste lind
und schn. Auf den Talwiesen begann das erste Grn zu spitzen, an den
Bchen ktzelten die Weidenstauden und auf den Berghngen schrumpfte
der Schnee immer weiter durch die Wlder empor.

Am Morgen des Karfreitags wanderte Hiesel Schneck mit seiner Schneckin
nach Bischofswiesen, um das heilige Grab zu besuchen -- der Hiesel
trotz der himmelschnen Frhlingsfrhe verdrossener als je, das
Schneckenweibl bei aller Seelenangst viel freudenreicher als seit
Wochen. Wie warm die Sonne heizte, das schien die Schneckin nicht zu
bemerken; sonst htte sie nicht das dickgeftterte Wintermntelchen mit
dem neuen Fuchspelzkragen spazierengeschleppt. Jedem Menschen, dem die
beiden begegneten, sah die Schneckin fragend in die Augen. Dann bekam
der andere einen scheuen Blick und dachte: Der bin ich verdchtig!
Die Schneckin aber schmunzelte stolz: Dem gefallt mein Fuchspelzl
auch!

Um fr Hiesel einen freien Morgen zu machen, hatte Leupolt den
Hegerdienst bernommen. Seine Karfreitagsandacht hielt er im Bergwald.
Nur der Gott, an den er glaubte, sah den Leupolt Raurisser zwischen
den ersten Frhlingsblumen des Waldes knien, mit gefalteten Hnden,
mit entbltem Scheitel, mit klingender Menschenseele, mit hoffendem
Glanz in den Augen. Wie aus Holz geschnitten sah er aus, in dem
verwitterten Bergjgerkleid, mit den starr und grau gewordenen
Wundverbnden um den Hals, um Fuknchel und Handgelenke. Das Rauschen
der Frhlingswsser und leises Vogelgezwitscher war um ihn her, und
durch das kahle Gezweig der Buchen, an denen die Knospen zu schwellen
begannen, spann die Morgensonne ihre funkelnden Fden. Als er heim
kam ins stille Jgerhaus, brannte er auf dem Herd ein Feuer an und
hngte den kupfernen Wasserkessel drber. Mit dem warmen Wasser
weichte er die zusammengekrusteten Verbnde auf. Die Wunden waren
geheilt. Die erneute Haut umzog den braunen Hals wie ein weies Band.
Ebenso war's an den Fukncheln und Handgelenken. Lchelnd flsterte
Leupolt vor sich hin: Vergeltsgott, Luisli! Und weil er's nicht
bers Herz brachte, die Verbandlappen fortzuwerfen, verbrannte er
sie im Herdfeuer. Aus der Flamme quoll ein feiner Harzduft heraus,
der an den Wohlgeruch des keimenden Waldes erinnerte. Leupolt wusch
sich und zog die Feiertagskleider an, die seine Mutter ihm geschickt
hatte. Im Herrgottswinkel a er die Geimilchsuppe. Dann setzte er
sich vor der Haustr auf das sonnige Bnkl. Wie still und schn war
diese heilige Frhe! Jedes Gefhl in ihm verwandelte sich in dankbare
Andacht, die schmerzend umschleiert war von den Gedanken an die
leidenden Glaubensbrder. Wie mochte es aussehen in den Herzen der
Schwachgewordenen, die unter Gewalt und Pein die Wahrheit ihrer Seelen
verleugnet hatten? Wie in den Herzen der aufrecht Gebliebenen, die
keinem Zwang sich beugten und doch der Stunde entgegenzitterten, in der
sie, verarmt und schutzlos, zum Exulantenstecken greifen und die Heimat
verlassen muten, um einem ungewissen Schicksal entgegen zu wandern.

Gott soll dich hten, mein liebes Glck! Ich geh mit der ersten Schar.

Ruhigen Auges hinausblickend in den Glanz der Morgensonne, berlegte
er, wie er den Wandernden ntzen knnte, welchen Weg sie nehmen,
wohin sie sich wenden sollten auf der Suche nach einer neuen Heimat?
bers Wasser nach England oder Amerika? Auf Landwegen nach Holland
oder Dnemark? Solchen Weg hatten viele von den Salzburgern genommen.
Leupolt schttelte den Kopf. Sind wir nit deutsche Leut? Wir gehren
auf deutschen Boden! Da gab's nur einen einzigen Weg: ber den Main
und ber die Elbe hinunter, ins preuische Land. Aber wie fr die weite
Wanderung alle ntigen Mittel finden, Zehrung fr die Verarmten, Pflege
fr die Erkrankten, neues Heimatland, Boden fr den Hausbau, Balken
und Kalk, Hausrat und Ackerzeug? Wer wird da brderlich und barmherzig
sein? Wer wird helfen? Leupolt hob das Gesicht zur Sonne. Einer,
der allweil hilft! Da fiel ihm etwas zwischen die Hnde, die er auf
den Knien liegen hatte. Wie der Schauer eines heiligen Geheimnisse
durchrieselte es ihn, als er das goldgelbe Aurikelstruchen
betrachtete, das ihm zugeflogen war, als wr' es heruntergefallen vom
Himmel. Ein heier Glcksgedanke durchzuckte sein Herz. Gleich verwarf
er ihn wieder. An das Luisli zu denken, war Torheit, war Irrsinn!

Jetzt hrte er hinter der Hausecke die Sprnge eines flinken Fues
ber kiesigen Grund. Er lief zur Hauskante hinber und sah ein
blondschopfiges Mdel zwischen den Fichtenstauden verschwinden. War
das nicht die Tochter der Hasenknopfin? Dann war der Hasenknopf von
seiner Wanderung ins Preuische heimgekommen! Und in dem Strul war
eine Botschaft! Leupolt suchte zwischen den Blten. Unter den grnen
Stengeln knisterte was: ein kleiner Zettel, eng beschrieben mit
verstellter Schrift, in der Ecke ein Kreis mit vier Punkten -- das nur
den Verllichsten bekannte Namenszeichen des Hasenknopf. Leupolt las:
Es ist ein heilig Ding, ist deins und meins. Dem mut du dienen. Vor
dem Neumond, am Abend um die fnfte Stund, da kommen von Reichenhall
zwei Auslandrische geritten, ein evangelischer Herr mit seinem Diener.
Die mut du erwarten, wo man die verbronnene Plaienburg sieht. Tu dich
ausweisen mit deinen Wundmalen. Du mut um Christi willen gehorsamen,
auch wenn es so ausschauen tt, als wr's gegen Treu und Eid. Es ist
nit so, ist alles zu christlicher Hilf. Es wollen die zwo in der
Neumondnacht zu einem, der nimmer lebt und ewig lebendig bleibt. Da
mut du sie umsichtig fhren und gut behten. In Jesu leb ich, in Jesu
sterb ich. Den Zettel mut du verbrennen. Gleich. Ein zweitesmal las
er, ein drittesmal. Dann ging er ins Haus, legte den Zettel auf die
glhenden Kohlen und sah ihn zu Asche werden.

Ein Helfer kommt!

Die Freude machte ihm das Blut in den Adern hei, machte ihm das Herz
gegen die Rippen hmmern. Den Helfer fhren? Zu einem, der nimmer lebt?
Das war der Tote Mann, der Ramsauer Waldberg, auf dem die Evangelischen
in der Neumondnacht sich versammelten.

Stunde um Stunde wartete Leupolt mit Ungeduld auf den Hiesel Schneck.
Der mute ihm das Versprechen zurckgeben: keinen heimlichen Weg zu
machen. Die Mittagsstunde ging vorber, ohne da die Hausleute kamen.
Erst gegen Abend zappelte das Schneckenweibl ber die Wiese her,
schwitzend unter dem Fuchspelz ihres Kirchenmantels. Von weitem rief
sie dem Leupolt, der wartend vor der Haustr stand, die Frage zu: ob
der Schneck schon daheim wre? Als Leupolt den Kopf schttelte, fing
die Schneckin in seltsamer Verstrtheit zu klagen an: sie htte eine
Besorgung gehabt; die htte ein bil lang gedauert; und als sie wieder
zurckgekommen wre ins Wirtshaus, wre der Hiesel nimmer dagewesen;
sie htte ihn berall gesucht, nirgends gefunden und htte gemeint,
er wre schon heimgelaufen. Und jetzt ist er nit da! Jesus, Jesus,
ich mu ihm was sagen! Sie lief zur Strae zurck, guckte und schrie,
kam heim, begann die Fastenspeise zu kochen und rannte wieder vor die
Haustr, um nach dem Hiesel auszuschauen. Endlich, da es schon zu
dmmern anfing, sah sie ihn kommen.

Ganz langsam ging er, merklich gebeugt, als wre er seit dem Morgen
um ein paar drckende Jhrchen lter geworden. Als er sein Weibl so
aufgeregt schwatzen hrte, blieb er stumm, tat einen schweren Atemzug
und guckte zum Himmel hinauf. Pltzlich machte er einen raschen Griff,
fate mit der groben Pranke die Hand seines Weibes und sagte wunderlich
zart und leise: Schneckin! Pa auf! Jetzt mu ich dir was sagen.
*Dir* z'lieb, verstehst? Heut hab ich mich einschreiben lassen als
luthrischer Exulant. Das Schneckenweibl stand wie zu Stein erstarrt.
Ihre Trnen begannen zu rinnen, bevor sie sich rhren konnte. Von einem
Schreikrampf befallen, schlug sie die Hnde ber dem Kopf zusammen und
klagte in den sternschnen Frhlingsabend hinaus: O Jesus, Jesus!
*So* ein Unglck! Und ich, blo da ich nit fort htt mssen von dir,
verstehst, ich hab mich heut wieder bekehren lassen vom Kapuziner!

Es gab zu dieser Stunde im trauervollen Lande Berchtesgaden nicht viele
Menschen, die so unglcklich waren, wie der evangelische Hiesel Schneck
und seine neukatholische Schneckin.




Kapitel XXI


Nach Ostern, am Vormittage vor der Neumondnacht im April, fuhr ein
Leiterwgelchen, das von Berchtesgaden kam, durch Bischofswiesen gegen
den Hallturm. Die Sus kutschierte. Hinter ihr saen zwei Paare, die
nicht zu einander gehrten und sich doch bei den Hnden gefat hielten:
Meister Niklaus und Mutter Agnes auf dem ersten Brett, Pfarrer Ludwig
und das Luisli auf dem anderen. Ihre Gesichter und Augen erzhlten von
harten Tagen. Whrend der Fahrt durch Bischofswiesen redete keins von
den Fnfen ein Wort. Und die Sus schlenkerte immer die Zgel und trieb
das Gulchen, als knnte sie das kaum erwarten: zum letzten Hause des
erschreckenden Dorfes zu kommen.

Ein Frhlingsmorgen, voll Sonne, duftend von allem Reiz des neu
Erstehenden in der Natur. Was dieser Morgenglanz an Leben umschimmerte,
war Trauer, Menschenelend und Verwstung. Viele Huser standen leer
und hatten rot angestrichene Tren und Fensterstcke. Die Leute, die
man aus ihren Lehen getrieben hatte, wohnten hinter den Hausgrten
in Bretterschuppen. Mit dem eng bereinander gestellten Hausrat
sahen diese Zufluchtssttten aus wie Trdlerbuden eines unfrhlichen
Jahrmarktes. Nur wenige Huser waren gegen frher vllig unverndert.
Dazwischen lagen bewohnte Lehen, deren gewaschene Fensterstcke
und Tren nur noch einen matten, rtlichen Schiller hatten -- das
Zeichen der Heimkehr zum frstprpstlichen Glauben. Wer sich aus der
Bekennerliste streichen lie, bekam mit der Anwartschaft auf die ewige
Seligkeit auch ein Flschl Terpentin, um Tren und Fensterstcke wieder
gutglubig zu machen.

Lenzfreude und munteres Leben lie sich auch an den Husern nicht
entdecken, die noch bewohnt waren. Alte Weibsleute hockten stumm in
den Hfen; an den Fenstern sah man verschchterte Kindergesichter;
bejahrte Mnner waren beim Umgraben der Grten. Durch offene Tren
sah man in leere Stlle. Das Vieh war davongetrieben. Den Bufertigen
hatte man reichlich des Himmels Gnade zugesagt, aber die Rinder nicht
mehr zurckgegeben. Die waren von der Salzburgischen Soldateska schon
aufgefressen, bevor im Bauer die christliche Reu erwachte. Neben
einem geplnderten Hause war ein Feld berstreut mit den Holzscherben
zerschlagener Ksten und Bettstellen; es erinnerte an des Haynachers
Gerstenacker, auf dem die Holzfetzen der Kreuze umherlagen, die der
Christl unermdlich, mit einem an Wahnwitz grenzenden Eigensinn auf
das Grab seiner Martle steckte, und die von gutglubigen Hnden immer
wieder zertrmmert wurden. Dann kam in der Dorfgasse ein grau und
schwarz gesprenkeltes Loch, die Brandsttte dreier Hfe. berall fingen
die Bume und Hecken zu grnen an; die Obstbume der niedergebrannten
Hfe trieben keine Knospe mehr; sie waren von der Feuerhitze versengt,
waren fuchsig rot wie verschmachtete Wacholderbsche.

Nur die spielenden oder brnstig trabenden Hunde, die den Frhling in
sich versprten, und die gackernden Hennen schienen zu Bischofswiesen
noch beweisen zu wollen, da die Freuden des Lebens nie ganz erlschen.
Hrte man frhliche Menschenstimmen, so kam's von den Soldaten Gottes,
die in der Sonne auf Bnken saen und mit dem Knchelbecher einander
das Plndergut und die Bekehrungsgroschen abnahmen. Im Grtl des
Wirtshauses war eine halbe Kompagnie beisammen. Als die Soldaten das
Leiterwgelchen kommen sahen, reckten sie die Kpfe, und ein Lustiger
rief: Ihr tapferen Eisenbeier! Zum Sturm! Da rutschen zwei saubere
Weibsleut her! Gleich kam das ganze buntgelitzte Rudel herangesaust.
Die Sus bekam ein zorniges Gesicht, Luisa wurde bleich, und Mutter
Agnes schrie der blonden Magd ber die Schulter zu: Tu doch das Rl
treiben! Das Gulchen war schon umstellt und festgehalten.

Da zuckte Pfarrer Ludwig vom Sitzbrett auf. In seiner schwarzen
hageren Lnge sah er wunderlich aus, verblffend durch sein grimmiges
Warzengesicht mit dem wehenden Weihaar. Die Soldaten stutzten
und wurden unschlssig. Weil der Pfarrer das merkte, konnte er
einen heiteren Ton finden: Die sturmfreudigen Herren haben sich
umsonst bemht. Mutter Mlzmeisterin, zeig den gtigen Kindlen
Seiner apostolischen Majestt den Passierschein der Pflegerkanzlei!
Die vier Leut da sind vom gndigsten Herrn Frsten meinem Schutz
vertraut. Ich bin Kapitelherr des Stiftes. Diese beiden letzten Stze
waren eine anderthalbfache Lge. Auf einem Spaziergang war Pfarrer
Ludwig dem Wgelchen begegnet; in seiner Sorge um den Freund war er
aufgesprungen und mitgefahren, ohne zu wissen, wohin. Und seit dem
Vershnungsschieen stand Pfarrer Ludwig auf der schwarzen Tafel, was
bedeutete: da man ihm an Pfingsten zu Ehren des heiligen Geistes die
Kapitelfhigkeit herunterkratzen wrde. Er schien der Meinung zu sein,
da er die kurze Zeit seiner stiftsherrlichen Unverletzlichkeit noch
ausntzen mte, stieg ber das Vorderbrett, nahm der Sus die Zgel
aus der Hand, klatschte dem Gaul eins ber den runden Hinterbacken und
lachte unter dem Geholper des flinkwerdenden Wagens: Wenn der Mensch
nur allweil bei der Wahrheit bleibt! Da findet er berall offenen Weg.
Hinter dem Rdergerassel verklangen die Spe der Musketiere.

Meister Niklaus drehte mit zornfunkelnden Augen das blasse Gesicht
und lie die Feder seines Stockdegens, den er gelockert hatte, wieder
einschnappen. Alles um Gottes wegen!

Nit, Vater! Luisa legte die zitternde Hand auf seinen Arm. Tu nit
lstern! Das wr kein Segen fr den heutigen Weg. Gott ist fern von
den bsen Dingen, die jetzt geschehen auf der Welt. Warum er sie nit
hindert, das versteh ich nimmer.

Ach, Kindl! seufzte die Mlzmeisterin. Beim Anblick der irdischen
Narretei wird sich der Allgtige halt denken: ich mu die blinden
Schermus einmal wursteln lassen, bis sie einsehen, wie schafkpfig und
strohdumm sie sind.

Ganz so wird's wohl nit sein. Im Gesicht des Pfarrers tnzelte
die groe Warze. Er gab der Sus die Zgel und kletterte zu seinem
Brett zurck. Ein solches Experiment deines Allgtigen wr fr die
Menschheit ein bil zu kostspielig.

Allmchtig ist er aber doch? Warum also lat er so viel Zwidrigkeiten
zu?

Lang dauert's nimmer, bis ich hinaufkomm zu ihm. Da will ich ihn
fragen. Dann schreib ich dir ein Wolkenbrieferl und schick's mit dem
Weihnachtsengel.

Halb erheitert, schttelte die Mlzmeisterin den graugewordenen Kopf.
Und allweil noch ein Spl!

Ist's nit hilfreicher als der Jammer, als der Zweifel und die
Schimpferei?

Von diesem Wortwechsel hatte Meister Niklaus nicht viel gehrt. Immer
hatte er zurckschauen mssen zu dem verwsteten Dorf. Wie schn ist
das rtl gewesen! Und jetzt!

Ja, Nicki! Kein Wunder, wenn einem die Wanderlust in die Sohlen fahrt.
Gestern hat sich als Exulant einer einschreiben lassen, von dem ich es
nie erwartet htt. Der Christl Haynacher.

Erregt, eine irrende Verstrtheit in den Augen, sagte Niklaus: Sogar
*der* bekennt!

Das nit! Der exuliert als Katholik. Augen kriegt er, aus denen was
Schreckhaftes herausschaut. Und allweil ist das seine Klag: da die
undankbare Menschheit sein schwarzweies Prl schon vllig verschwitzt
hat. Der Pfarrer nickte. Wahr ist's! Auer dem Christl und meinem
hochverehrten Herrn Amtsbruder Jesunder denkt an das traurige
Doppeltdl nur noch ein einziger! Bei Tag und bei Nacht!

Ernst fragte der Meister: *Wer*, Ludwig?

Das Justizkamel! Der Pfarrer lchelte. Er bohrt und bohrt und
bringt es halt nit heraus. Und den Christl -- den einzigen, der ihm
sagen htt knnen, wie das Wunder geschehen ist -- den hat er gestern
hinauswerfen lassen aus der Kanzlei. Da ist der Christl geraden Wegs
zum Exulantentischl gelaufen.

Der Meister knirschte erbittert vor sich hin: Es whlt in jedem. Was
war an diesem kleinen Wort? Die Sus bekam erweiterte Augen, und Luisa
erschrak, da ihre Zge sich vernderten. Vater? Die angstvolle
Frage blieb ohne Antwort. Zwei Grenzmusketiere, die auf der Strae
marschierten, hatten das Wgelchen kommen sehen und verstellten ihm den
Weg. Der eine, ein altgedienter Soldat, fate den Gaul am Zaum. Wohin,
ihr Leut?

Zum Hallturm hinaus.

Da lasset uns aufsitzen, wir haben einen pressanten Dienstweg. Sonst
mt ich das Wgl in Beschlag nehmen.

Es geht schon! sagte die Mlzmeisterin flink. Komm, Sus, gib das
Bockbrettl her! Du hast noch Platz zwischen dem Meister und mir.
Whrend die Musketiere aufkletterten, flsterte der jngere dem lteren
zu: Tu sie ausfragen! Dieser Musketier schien die Aufmerksamkeit des
Pfarrers zu erwecken. Er gab seinem Freunde einen Stupps und zwinkerte
gegen den Soldaten hin. Der war auch dem Meister schon aufgefallen,
wegen des schwarzen Bartgestrpps, das ein bichen an den Fasching
erinnerte. Seine Bewegungen waren nicht sehr militrisch. Der ltere
Musketier fragte so unermdlich, da schlielich nur Mutter Agnes noch
Antwort gab. Der Junge mit dem sonderbaren Bart sprach keine Silbe
mehr. Als das Wgelchen in der Nhe des Hallturmes vor der Herberg
hielt, glitt er flink vom Wagen herunter, salutierte faschingsmig und
ging rasch davon. Ein wster Kerl, ein grauslicher! murrte die Sus,
whrend sie dem Rl das Zaumzeug ber die Ohren zog.

Der Pfarrer nahm den Meister beiseite. Ich la mir einen Finger
abschneiden, wenn das nit ein Polizeispion gewesen ist. Was er beim
Hallturm sucht, das kann ich mir denken. Seine Stimme wurde noch
leiser. Heut in der Nacht ist Neumond. Er sah zum weien Schneegrat
des Toten Mannes hinauf. Verstehst du, Nick?

Der Meister atmete in schwler Unruh. Und drben beim Wgelchen nahm
Mutter Agnes Luisas Gesicht, das in Glut und Blsse wechselte, zwischen
zrtliche Hnde. Nit aufregen, Kind! Es wird schon alles gut gehen.
Fest beispringen mut du mir halt! Luisa nickte, und ihre suchenden
Augen fllten sich mit Trnen. Nit, Kindl! Du gehst einem Lachen
entgegen, keinem Leid. Wr ich ein Bub, so tt ich sieben glckselige
Sprng machen um dich. Frau Agnes schmiegte die Wange an Luisas Haar.
Alles in dir ist Sehnsucht worden. Sonst hab ich allweil gehofft auf
meinen Herrgott, heut hoff ich auf dich. Mein Bub hat doch Augen. Nit?

Der Pfarrer kam. Also, wir machen es, wie's beredet ist?

Mutter Agnes bettelte: Wr's nit doch am besten, ich tt gleich
hinberlaufen zu ihm?

Bei den Schneckischen httst du ein hartes Reden. Komm, die
Herbergmutter wird schon wen haben, der ihn holen kann. Derweil
bestellen wir fr unser Sechse eine feste Mahlzeit.

Frau Agnes und Luisa sagten das gleiche Wort: Ich kann nit essen.

Das mu man knnen. Der Pfarrer legte den beiden die Arme um die
Schultern. Ach, ihr Weiberleutlen! Ob Freud oder Weh, allweil hngt
ihr zuerst den Magen an den Bindfaden.

Niklaus stand noch immer auf der Strae, sphte zum Toten Mann hinauf
und wieder hinber gegen die Bsche, hinter denen der Musketier mit dem
sonderbaren Bart verschwunden war. Nun ging der Meister zur Herberg
hinber. Da kam die Sus gelaufen, mit grogeffneten Sorgenaugen:
Meister? Was ist das fr ein Wrtl gewesen? Da es whlt in jedem?

Den Kopf beugend, fragte er in Trauer: Verstehst du das nit? Eine
Weile stand sie unbeweglich, dann nickte sie stumm. Ganz leis wurde
seine Stimme. Wenn's so kommen mt? Was ttst du, Sus?

Mit einem Lcheln, aus dem alle treue Tiefe ihres aufgeopferten Lebens
herausglnzte, sagte sie: Bleibt der Meister, so bleib ich. Geht der
Meister, so geh ich.

An den beiden surrte ein junger Bub vorbei. Der sprang hinber zum
Schneckenhusl. Nach einer Weile brachte er die Botschaft: Der Jger
Raurisser ist nit daheim, ist droben am Berg. Am Nachmittag, hat die
Schneckin gesagt, gegen die vierte Stund mu er heimkommen. Das
wurde nun eine qualvolle Zeit des Wartens. Alle paar Minuten guckte
Frau Agnes nach der Sonnenuhr, die ber der Herbergstr an der Mauer
war. Heut mu die Sonn langsamer laufen, wie sonst. Noch ehe der
Schattenstrich hinrckte gegen die Vier, verlor die Mlzmeisterin ihre
letzte Geduld. Sie umklammerte die heie Hand des Mdchens. Komm!
Jetzt springen wir ihm entgegen, den Berg hinauf, und schreien uns
die Seelen aus dem Hals. Darf der Kuckuck schreien im Frhling, warum
sollen die Menschen nit schreien drfen? Sie ri das wortlose Mdchen
mit sich fort. Zum Haus des Hiesel Schneck hinber war es nicht weit.
In dem engen Wiesentlchen konnte man den Weg nicht verfehlen. Auch
war der Pfad gut ausgetreten von den Schneckischen Nagelflen. Drei
schwarze Ziegen trotteten mit kleinen Bimmelschellen und klunkernden
Eutern ber den Weg, man hrte die mde Stimme des Schneckenweibls
locken, und durch die Stauden schimmerte in der Sonne die alte
Balkenmauer.

Ein erstickter Laut. Mutter Agnes fing an allen Gliedern zu zittern
an. Mein Bub! Da kommt er! Nun ein leises Betteln: Kindl? Gelt?
Das erste Wrtl tust du der Mutter lassen! Nur nicken konnte Luisa
und sprang in den knospenden Buchenwald hinein. Mutter Agnes, immer
frhlicher atmend, hing mit leuchtendem Blick an der festen Gestalt
des Sohnes, den das Gewirr der Stauden noch umschleierte. Er war ohne
Waffe, trug den Bergsack auf dem Rcken, den langen Griesstecken in
der Faust. Gleich sah die Mutter: der ist gesund, gesnder als je!
Huschend glitt vor ihren Gedanken ein Bild vorber: der Marktplatz
zu Berchtesgaden, der Brunnen mit den Musketieren, das erregte
Menschengewhl und der Blutende am Holz der Unehr.

Leupolt, langsamer schreitend, blickte nicht auf den Pfad, sah und
lauschte immer gegen den Hallturm hinber. Und pltzlich sprang er auf
die Stauden zu, wandte sich gegen die bayrische Grenze und verschwand
hinter brechendem Gezweig.

Leupi! schrie die Mutter mit erdrosseltem Laut.

Ein Rauschen im Gebsch. Nun tauchte er aus den Stauden heraus, Schreck
und Hoffnung in den Augen. Ein heier, glckseliger Schrei: Herr
Jesus! Mutter! Htte sie es noch nie gewut, wie er hing an ihr, mit
jeder Faser seines Lebens, mit jedem Blutstropfen seines Herzens,
so htte ihr's dieser Schrei gesagt, dieses glckliche Aufglnzen
seiner Augen. Lachend wie ein Kind, stie er den Griesstecken in den
Wiesgrund, warf das Htl dazu und sprang ihr entgegen: Mutter! Mutter!
Mutter! Verstummend ri er sie an sich, und sie hing an seinen Hals
geklammert, in Freude sthnend unter dem Druck seiner sthlernen Arme.

Nicht weit von den beiden stand eine Zitternde im Schatten des Waldes
und prete das Gesicht in die Hnde. Noch in keiner trumenden
Sonnenstunde, noch in keinem Blutschauer ihres jungen Leibes, in keiner
von den schlaflosen, mit wirrem Gebet durchstammelten Nchten hatte sie
so brennend den Durst nach dem Augenblick empfunden, in dem seine Arme
sie umklammern wrden, wie er jetzt die Mutter umschlungen hielt.

Er hob das Gesicht. Weil die Haube seiner Mutter zurckgefallen war
in den Nacken, sah er das graugewordene Haar. Schweigend kte er den
entfrbten Scheitel, prete die Mutter noch fester an sich, erschrak --
und fragte: Hab ich dir weh getan?

Mit feuchten Augen lachte sie an ihm hinauf. Das ist doch einer
Mutter liebste Freud, wenn sie merkt, wie stark ihre Buben sind. Jetzt
ist mir's mit blauen Flecken auf den Leib geschrieben, wie gesund du
wieder bist. Sie sah die weie Narbe an seinem Hals und strich mit den
Fingerspitzen drber. Du, das ist schn geheilt.

Er nickte. Was du mir geschickt hast von ihr, ist wie ein Wunder
gewesen. Sag ihr ein Vergeltsgott von mir! Sag ihr: mir ist gewesen wie
einem Baum, wenn ihm der Frhling die Eisrind forthaucht! Mutter, wie
lebt sie? Wann hast du sie das letztmal gesehen?

Ein Erglhen ging ihr ber das Gesicht. Nit lang ist's her.

Das mut du mir alles erzhlen -- einmal -- nit jetzt. Er warf
einen forschenden Blick nach dem Stand der Sonne. Heut haben wir nit
viel Zeit. Ich mu einen Weg machen, den ich nit versumen darf. Aber
allweil reicht's noch ein paar Vaterunser lang. Mu ich halt nachher
doppelt springen. Er sah nicht, wie sie erblate. Da drben, komm,
wo der Baum liegt, knnen wir uns niedersetzen. Die Wange an ihr
Haar schmiegend, fhrte er sie ber den Weg hinber. Als sie auf dem
Baumblock saen, nahm er ihre Hnde. Wie geht's dem Vater und den
Brdern?

Alle Freude war zerdrckt in ihr. Wie's einem halt gehen kann in
heutiger Zeit. Keiner hat mehr ein richtiges Lachen.

Da sagte er froh und fest: Die Zeit wird besser. Tu dich gedulden.
Eine Sorge schien ihn zu befallen. Mutter? Da du bei mir bist, so?
Wirst du das nit ungut zahlen mssen?

Sie schttelte den Kopf. Ich hab Verlaub.

Zgernd wiederholte er dieses Wort. Verlaub? Sein Blick wurde
schrfer. Von wem?

Vom gndigen Herrn. Sie sah, wie sein Krper sich streckte. Angstvoll
umklammerte sie seine Hand und brachte kaum einen klaren Laut heraus.
Gestern -- da hat er mich rufen lassen -- und hat mich in aller Gt
gefragt, ob mich nit bangen tt nach dir --

Gt? Er machte mit der Hand eine Bewegung. Nein, Mutter! Gt ist
ein ander Ding. Rechtschaffene Gt vergnnt jeder Menschenseel, was
ihr heilig ist, will nit ausbrennen, was tief im Leben sitzt. Du
sollst mir die Botschaft des Frsten nit ausrichten. Da bist du mir
zu gut dafr. Verstanden hab ich schon. Eine Sekunde schwieg er. Am
Osterdienstag hat mir der Wildmeister einen Deuter geschickt. Heut
schicken sie mir die Mutter. Weil sie meinen, was meinem Herzen das
Wrmste ist, das tt mich umschmeien! -- Mutter? Hast du dir nit
gesagt: das ist mein Leupi?

Allweil und allweil hab ich mir's frgesagt. Und bin halt doch
gesprungen in Freud und Zutrauen. Tust du mir das verdenken, Bub?

Er zog sie an sich, streichelte mit schwerer Hand ihr erloschenes Haar
und sagte ruhig: Ich soll mich bufertig erweisen? Gelt? Soll den
Glauben niederdrucken, soll lgen wider Gott und gegen mich selber? Und
alles, was sie Untreu heien, tt mir verziehen sein? Weil sie meinen:
die Dritthalbtausend, die noch standhalten, die sich nit haben umwerfen
lassen von Kapuziner und Musketier, von Geldbu und Hausbrand, von Not
und Elend, von Kinderaugen und Landslieb -- die soll mein Beispiel
wacklig machen und umreien? Gelt?

Sie zitterte. Ach, Bub --

Ich will nit reden von der Wahrheit in mir, von Ehr und Treu. Keiner,
Mutter, ist um seiner selbst willen auf der Welt. Jeder ist um der
anderen wegen da. Und ein Wegweiser darf nit Brennholz werden. Ein
Sturm kann ihn werfen, und faul kann er werden im Balken. Da mt ihn
aber erst das Alter drr machen. Ich bin jung, mich wirft der Sturm
nit, und was Faulkrankes ist mir nit in der Seel. Die Brder und
Schwestern, die in Not und Verzweiflung nach einem Helfer drsten
-- Verstummend, von einem Schreck befallen, hob er das Gesicht gegen
die Sonne und stammelte: Jesus! Mutter, du gute! Jetzt mu ich fort.
Ich mu! Mit hetzenden Sprngen jagte er ber den Weg hinber, ri
den Griesstecken aus der Erde, raffte das Htl vom Boden auf, kam
zurckgesprungen und schlang den Arm um den Hals der Mutter. Sag's dem
gndigen Herrn! Ein anderes Wrtl hab ich nit. Da ich dich sehen hab
drfen, das soll dir unser Herrgott in Gt vergelten.

Eine letzte Hoffnung in den Augen, flehte sie zu ihm hinauf: Der
*unsere*?

Um seinen Mund ging ein schmerzendes Lcheln. Mu ich halt sagen: der
deine und der meinige. Tu mir den meinen nit schelten, und ich will
den deinigen in Ehren halten. Wir zwei, Mutter, haben uns noch allweil
verstanden. Tten es uns die anderen nachmachen, so wr der Weltboden
ein Frhlingsacker. Tu mir den Vater gren, gelt! Jetzt mu ich --

Sie hielt seinen Arm umklammert, und ihre Stimme schrillte: Luisli!
Luisli! Allgtiger, so hilf mir doch!

Leupolt, sich verfrbend, stand einen Augenblick wie zu Stein
verwandelt. Das traf ihn, als wr's ein Balkensto gegen seine Kehle,
und wurde binnen drei Herzschlgen fr ihn eine trinkende Freude, ein
Rausch seiner Liebe. Die sein Gedanke und seine Sehnsucht war bei Traum
und Wachen, die Seele seiner Seele, das Blut seines Blutes, der seste
Inhalt seines Lebens -- da stand sie vor ihm, hold und liebenswert,
eine zur Blume entbronnene Knospe, ein weibgewordenes Gebet, die Hnde
nach ihm gestreckt, die nassen Augen glnzend und bekennend. Alle Welt
versank ihm, er sah die Mutter nimmer, sah nicht den Meister und den
Hochwrdigen, die inmitten des ergrnenden Tlchens standen. Luisli!
Ein Sprung, der wie ein Aufjauchzen seines jungen Krpers war.

Erschrocken stie sie die Arme vor sich hin, wie um ihn fernzuhalten.
Oder wollte sie seine Hnde fassen, seine Brust berhren, seinen Hals
umwinden? Und versagte ihr nur die Kraft? Ihre Arme fielen. Halb einer
Ohnmacht nahe, stand sie vor ihm. Alles Blut war aus ihren Wangen
entflohen. Nur ihre Augen lebten und hatten Glanz, waren voll Scham und
Sehnsucht, voll Zweifel und Hoffnung. Leupi? Das war ein Laut, als
sprche nicht ihr Mund, nur ihre Seele. Magst du dich nit besinnen?
Tust du es nit mir zulieb? Um deiner Seel wegen hat mir der liebe Gott
befohlen, da ich die Wahrheit reden mu. Derzeit du am Holz gehangen,
ist alles Khle und Fromme in mir ein anderes worden. Tu ich beten, so
kann ich nimmer an die Heiligen denken, mu allweil denken an dich.
Jede Nacht ist mir ein einziges Trumen von dir. Jeder neue Morgen hat
mir den Glauben in die Seel geschrien: heut kommt der Leupi. Ich hab
geharret den ganzen Tag. Am Abend ums Betluten hab ich in Trauer sagen
mssen: heut wieder nit! Und hab in der Nacht aus Snd und Seligkeit
tausendmal die Hnd gehoben -- nach meinem Herrgott oder nach dir, ich
wei nit recht -- so lieb bist du mir worden, ich kann's nit sagen --
Verstummend prete sie das erglhende Gesicht in die Hnde, und ihr
feines, schmuckes Krperchen krmmte sich tief zusammen.

Frau Agnes, zwischen Hoffnung und Sorge, nickte immer wieder ihrem
Buben zu und machte mit den Hnden nachhelfende Bewegungen. Und neben
dem Meister Niklaus, der in Unruh die zwei jungen Menschen betrachtete,
als wrde hier nicht nur das Lebensglck seines Kindes, auch noch etwas
anderes entschieden -- neben diesem erregten Manne stand der lange
Pfarrer, hielt den Kopf zwischen die Schultern gezogen, schlenkerte
seinen Hakenstock, guckte mimutig drein und murrte: Da wird's halt
wieder aufkommen, da Manndl und Weibl schwerer wiegen, als Himmel und
Hll!

Leupolt schwieg noch immer, unbeweglich, den Bergstecken vor sich
hingestemmt, einen frohen, heiligen Glanz in den Augen, ein Lcheln
seiner tiefen Freude um die stummen Lippen. Nun beugte er sich langsam
gegen das Mdchen hin und sagte leis: So heb doch das Kpfl, Luisli!
Schau mich an! Ein rechtes Vergeltsgott mu man einem in die Augen
sagen. Du hast mich zum reichsten Mannsbild auf der Welt gemacht.
Jetzt ist mir alles ein Maigarten und Sonnenweg. Vergeltsgott, du
Liebe! Er streckte die Hand und lie sie zrtlich hingleiten ber
ihr schimmerndes Haar. Als htte diese Berhrung seine feste Ruhe
verwandelt in einen Sturm seines Durstes nach ihr, so klammerte er
pltzlich den Arm um ihren Nacken und prete den Mund auf ihren
Scheitel. Da ich dein bin und keiner anderen nimmer? Gelt, Luisli,
das weit du?

In Freude stammelte Frau Agnes: Gott sei Lob und Dank! Und Luisa,
unter glckseligem Auflachen, verschnt, erglhend, nahm sein Gesicht
zwischen die zitternden Hnde: Gelt, jetzt gehst du mit uns?

Er schttelte den Kopf. Heut nit. Das kann nit sein, Herzliebe! Ein
rascher Blick nach der Sonne. Heut hab ich einen Weg. Da darf mir auch
das Glck und alle Herzfreud keinen Riegel nit drberschieben.

Meister Niklaus bekam ein brennendes Gesicht, und die mimutige Laune,
die in dem Warzengesicht des Pfarrers gewittert hatte, schien sich
merklich zu bessern.

Erschrocken bettelte Luisa: Schau, je flinker du bereuen tust, so
gottsfreudiger machst du deinen Weg.

Bereuen? Er richtete sich auf. Sein Lcheln blieb. Ich wt nit, was
ich bereuen mt. Mein Weg ist ein anderer, als du meinst. Das ist ein
Festes. Ich geh mit der ersten Exulantenschar. Aber kommen tu ich noch.
Zu dir. Und frag dich, ob du mitgehst.

Sie wehrte mit den Hnden.

Nit so! Das mut du dir in Ruh berlegen. Kannst du es tun, so sollst
du auf jedem Weg meine Hnd unter deinen Flen spren. Mut du Nein
sagen, so bleib ich allweil -- ich wei nit wo -- der deinige bis
zum letzten Schnaufer. Ein tiefer Atemzug. Jetzt mu ich fort. Die
Sonn will ber den Berg hinber. Seine Hand umschlo die ihre. Du
Liebe! Alle Gtigen im Himmel sollen dich hten! -- Und dich, Mutter!
Ein paar flinke Sprnge, und er war schon drben bei den Stauden. Da
verstellte ihm einer den Weg. Betroffen wandte Leupolt das Gesicht und
sah in die leuchtenden Augen des Meister Niklaus.

Ein leises, frhliches Wort. Bub, du hast es mir leicht gemacht. Ich
will bekennen.

In heier Freude klammerte Leupolt die Hand um die Schulter des
Meisters. Ein Zgern, ein kurzer Kampf, nun ein rasches, lachendes
Flstern: Tu dich aufrichten! Ein Helfer kommt. Dann sprang er in die
Stauden und war verschwunden. Wie ein Trumender sah Niklaus zu seinem
Kind hinber, das schluchzend am Hals der Mutter Agnes hing.

Pfarrer Ludwig kam auf den Meister zugegangen, viel grer, als er vor
einer Minute ausgesehen hatte. Nick? Was sagst du? Er deutete mit
dem Hakenstock gegen die Stauden hin, die hinter dem Verschwundenen
noch schwankten. Wie der Bub davongesprungen ist, da hab ich mir was
denken mssen. Seine Stimme bekam einen jungen Klang. Rmisch oder
evangelisch? Das ist die Frag nit. Zwei feste Geschwister, die Zeit
und der Menschenverstand, die werden Brcken bauen. Die Frag fr uns
ist: deutsch oder undeutsch! La den deutschen Boden verkuhwedelt sein,
pariserisiert und versaut, wie er mag -- Wieder deutete er gegen die
Stauden hin: *Die* Rass' schlagt allweil wieder durch. Wie der Bub
da, sind Tausend und Hunderttausend im Reich. Sie wissen es nit. Und
hegen es doch in sich wie ein heiliges Feuer. *Wann* das Aufwachen
kommt? *Wann* dem blauen Untersberg da drauen die schlfrigen Riegel
springen? Ob morgen oder in hundert Jahr, ich wei nit, wann -- -- ich
wei nur: *es kommt*! Er legte dem Freunde lchelnd den Arm um die
Schultern und deutete gegen die Buchen, in deren Wipfelgezweig eine
Ringdrossel fltete. Lus, Nicki! Ein deutsches Lied! Ist's nit noch
schner, als wie der Amsterdamer Vogel singt?

In das leise Lachen des Pfarrers schnitt ein klagender Mdchenlaut
hinein. Luisa taumelte auf den Vater zu und weinte: Tu mich wieder
zu den frommen Schwestern ins Kloster! Alles in mir ist Snd, die mich
verbrennt. Beten kann ich nimmer, wenn ich nit bet' fr ihn. Und jedes
Gebet fr ihn ist Frevel wider Gott. So kann ich nimmer leben. Alles
ist Trauer, alles ist Elend! Wo ist die Ruh? Aufschreiend lief sie mit
flatterndem Kleid durch das leuchtende Tlchen. Und die Mlzmeisterin
zappelte erschrocken der verzweifelten Mdchenseele nach, klagend,
bettelnd, mit beruhigenden Worten, schlielich ein bichen scheltend.
Auch Meister Niklaus wollte springen. Der Pfarrer hielt ihn am rmel
fest. Nur nit verlieren, was die Neuenstein als Kontenanz bezeichnet.
La das kleine Weibl sich ausheulen. Ein Wasser oder ein tiefer Graben
ist nit in der Nh. Und da sie wie ein Eichktzl auf einen Baum
hinaufkraxelt und herunterspringt, ist mehr als zweifelhaft!

Whrend die beiden Mnner davonschritten durch die Nachmittagssonne,
hrte man die Sorgenstimme der Schneckin und das Schellengebimmel der
Ziegen, die aus ihrem reinlichen Stllchen mit erleichterten Eutern
wieder hinaustrabten zu ihrer duftenden Frhlingsweide.




Kapitel XXII


ber dem tiefen Reichenhaller Talbecken glnzte der milde Nachmittag.
Alle Wiesen grn, mit den blassen Kelchen der Herbstzeitlosen, mit
Himmelsschlsseln, Margariten und Steinnelken. In der Talsohle sproten
bereits die Hecken, und der Fichtenwald war schneefrei bis hinauf zur
halben Hhe. Alle Bergspitzen stachen wei wie funkelnde Silberstufen
in das Blau des Himmels. Taubenschwrme und Viehherden waren auf den
Feldern, und viele Drosseln huschten bei der Kferjagd an den Hecken
hin.

ber die harte Strae, die von Reichenhall emporfhrte zu den Ruinen
der Plaienburg und gegen den Hallturm, klapperten die Hufe von sechs
Pferden. Voran ein Reitknecht in brgerlicher Reisetracht und ein
hochgestiefelter, steifzopfiger Soldat. Jeder fhrte am Zgel ein mit
Mantelscken und Ledertaschen beladenes Packpferd. Dann kamen zwei
Reiter, die sich in franzsischer Sprache unterhielten. Zur Linken
ritt ein bejahrter Herr in vornehmer Reisekleidung aus braunem Tuch,
mit offenem Mantelkragen. Aus der weien Percke sah ein freundliches
Gesicht heraus. Das war der preuische Geheimrat von Danckelmann, der
Prsident des zu Regensburg amtierenden _Corpus evangelicorum_, dem
die Wahrung der durch den Westflischen Frieden gewhrleisteten Rechte
der Protestanten im deutschen Sden bertragen war. Whrend des groen
Jagens, das die Scharen der Salzburger in die Fremde trieb, hatte
Danckelmann viele Tausendzge der Exulanten ins Brandenburgische und
nach dem schwachbevlkerten Ostpreuen geleitet. Jetzt ritt er zu Herrn
Anton Cajetan, als Gesandter des Knigs von Preuen, dessen Hilfe die
Berchtesgadnischen Bekenner in ihrer Verzweiflung angerufen hatten. Der
mit der Brentatze geschriebene Auftrag des Knigs an Danckelmann hatte
gelautet: Betrachte dir die Petenten genau. Ist es zweifelhaftes Volk,
so la die Hnde davon. Faulpelze, Gotteskomdianten und Mauldrescher
knnen wir auf unserem mageren Boden nich gebrauchen, haben schon genug
davon, so des Wegrumens bedarf. Seind es tchtige Leute, insonderheit
Protestanten bis auf die Knochen, so nimm ihrer, so viele du erwischen
kannst. Aller Beistand soll ihnen bewilliget sein. Bei gutem
Menschenkauf mu der Sparmeister ein Verschwender werden. Oder er wre
als Frst ein gottverlorener Esel. Wr auch kein Preue nich. Preuen
mu sich helfen, wie es kann. Mach er seine Sache gut!

Am Abend vor Danckelmanns Abreise von Regensburg hatte sich
unangemeldet ein Begleiter bei ihm eingestellt, der auf abgehetztem
Pferde ber Ansbach gekommen war. In der Art, wie der Geheimrat mit
diesem jungen Reisekameraden sprach, den er zur Rechten reiten lie,
war bei aller Hflichkeit eine stete Frsorge, bald fr den jungen
Reiter selbst, bald fr seinen glanzhaarigen Fuchs, der mit der
schlanken, zart erscheinenden Hand, von der er gelenkt wurde, nicht
einverstanden schien und schumend an der Stange kaute.

Im Gesprch der beiden war keine Rede vom Zweck ihrer Reise. In hurtig
gleitendem Franzsisch, das der Jngere besser beherrschte als der
Geheimrat, sprachen sie von der Herrlichkeit der Natur, von der
zaubervollen Keuschheit der Frhlingslandschaft und von der Schnheit
der Berge, deren Anblick den staunenden Jngling hei erregte.
Immer sprach er. Sprach mit einer klangvollen, ungemein melodischen
Stimme. Warf er manchmal zwischen das Franzsische einen kurzen
deutschen Satz hinein, so war das ein sonderbares, unbehilfliches
Gemisch aus Fremdwrtern, altmodischer Beamtensprache, pommerischem
Platt und Berliner Vulgrdialekt. Und hurtig kehrte er wieder zum
Franzsischen zurck, in dem er mit Geist und Klarheit auszusprechen
vermochte, was Glut in ihm war. Fr sein leidenschaftliches Entzcken
fand er Worte, wie ein von Schnheit berauschter Poet sie findet in
schwrmender Ekstase. Pltzlich ein khles Ernstwerden des altklugen
Knabengesichtes. Danckelmann! Sehen Sie doch! Diese schwarze,
fruchtbare Erde! Das ist ein Boden, auf dem nur gesunde, feste Kerle
wachsen knnen. Wr' es anders, so wr's eine Pflichtwidrigkeit der
Natur, eine Gewissenlosigkeit Gottes. Aber Gott mu doch hchste
Verantwortung sein, Natur ist ewiggewordene Pflicht. Da machte,
an steil abfallender Wegstelle, das Pferd des jungen Reiters einen
scheuenden Seitensprung. Erschrocken suchte der Geheimrat den Zgel
des steigenden Gaules zu haschen. Das war berflssig. Das Pferd hatte
sich schon beruhigt und gehorchte. Der schlanke Reiter streifte seinen
Begleiter mit einem halb mimutigen, halb ironischen Blick. Ich kann
reiten, lieber Danckelmann! Auch wenn es manchmal so aussieht, als
htt' ich es nicht gelernt.

Der alte Herr schien seinen Schreck noch nicht berwunden zu haben und
glich einem sorgenvollen Pdagogen, der sich verantwortlich fhlt fr
einen zu unberechenbaren Streichen geneigten Schtzling. Und dieser
Schtzling, ein Einundzwanzigjhriger von feiner Zierlichkeit, war
Soldat und trug die Offiziersuniform eines preuischen Regiments, mit
dem Rangzeichen des Obristen. In seiner Erscheinung war etwas seltsam
Gegenstzliches. Krperliche Schwche schien vereinigt zu sein mit
innerlicher Kraft. Er hatte als Soldat eine schlechte Haltung. Dennoch
konnte man sich keine Tracht denken, die besser fr ihn gepat htte
als dieser dunkelblaue Soldatenrock mit den roten Aufschlgen. Der sa
nicht sonderlich straff und militrisch an der zarten Jnglingsgestalt,
die manchmal so gebeugt und haltlos erschien, als mchte die gelbe
Hose mit dem ganzen zierlichen Figrchen schlapp hineinsinken in die
braunen Reitstiefel. Doch wenn ein neuer Ausblick zwischen den Kulissen
der Landschaft den jungen Reiter entzckte, straffte das Feuer seines
Innern auch den versunkenen Krper. Dann schien er ein anderer zu
werden. Seine Bewegungen waren flink und zugleich bedachtsam; es war in
ihnen eine Mischung von feurigem Vorwrtstrieb und einer zhen Kunst
des Sichruhigverhaltens, eine Mischung aus Seele und Willen, aus der
Kraft eines ehrgeizigen Jnglings und der Ruhe eines klugen Greises.

Er trug nicht den soldatischen Zopf. Hinter dem betreten Dreispitz war
das braune Haar von einer schwarzen Bandmasche locker zusammengefat.
Zwischen gelsten Haarwischen, mit denen der milde Bergwind spielte,
schob sich hager ein ovales Gesicht hervor, nicht schn, doch scharf
und edel geschnitten, Stirn und Nasenrcken eine gerade Linie, bei der
man zugleich an einen Widderkopf und an griechischen Profilschnitt
denken mute -- ein Gesicht, das einer sanften Mutter gleichen wollte
und hnlicher einem strengen Vater war. Wie groe strahlenflinke Sterne
glnzten aus diesem Gesichte zwei feuchte, enthusiastische Augen
heraus, in der Gier des unermdlichen Sphens ein bichen vorgequollen
-- Augen, die etwas seelisch Verzcktes hatten und etwas von der
Trauer eines gequlten Tieres. Es war Leidenschaft und dennoch Stille
in diesem ruhelos gleitenden Blick, ein Gemenge aus Spottlust und
jugendlichem Frohsinn, aus allem Zartgefhl und allen tiefgrndigen
Wildheiten einer rtselvollen Menschenseele. Abstoend und anziehend
war dieser Blick, mitrauisch und glubig, befremdend und erstaunlich,
berredend und bezwingend. Und diese Augen waren jetzt durchleuchtet,
dieses Gesicht durchglht von der Freude an allem Frhlingsreiz der
aufblhenden Bergnatur. Bei unersttlichem Schauen verhielt der junge
Oberst pltzlich mit einem kaum sichtbaren Zgelruck das Pferd,
da es unbeweglich stand. In den Bgeln sich hebend, reckte er den
schmchtigen Krper, tat einen wohligen Atemzug und sagte in der Art
eines Berauschten: Danckelmann! In dieser Stunde ist ein Gefhl in
mir, das mich nicht mehr verlassen wird bis zu meiner Todesstunde.

Wie erlst von seiner Sorge fragte der Geheimrat: Das Gefhl der
erneuten Freude am Leben?

Nein. Das Gefhl der Freiheit. Nie in meinem Leben geno ich eine
freie Stunde. Jetzt trinke ich Freiheit. Sie ist das Beste im
Menschen. Ein heiteres Auflachen. Und jh ein Umschlag ins Mde und
Gallige. Gute Dinge verlangen ihren Preis. Ich habe die Freiheit
dieser Tage teuer bezahlt. Er gab dem Pferd, das nach einer grnen
Staude haschte, einen unwilligen Sporendruck, und weil es den saftigen
Zweig nicht lassen wollte, schlug er ihm jhzornig die Reitpeitsche
zwischen die Ohren. Mit jagenden Sprngen nahm der erschrockene Gaul
die steile Weghhe; droben, wo die Strae sich wieder abwrts senkte,
durfte das Pferd in ruhigen Schritt fallen. Als Danckelmann mit
bekmmertem Antlitz nachgetrppelt kam, fragte der junge Oberst auf
sonderbare Art ber die Schulter: Ganz offen, unter uns, was redet man
ber meine Braut?

Nach kurzem Schweigen der Verlegenheit sagte der Geheimrat: Man
erzhlt, sie wre eine beraus gottesfrchtige Dame.

Der junge Oberst schien erheitert zu sein. Da hat man unter ihren
unerquicklichen Eigenschaften die belste herausgefischt. Ein
Lippenzucken, fast hochmtig und verchtlich. Welch ein geistiges
Armutszeugnis ist die Gottesfurcht! Gott ist gro und gerecht. Gre
ist nie ohne Gte. Und was Gerechtigkeit ist, das brauchen nur die
Schelme zu frchten. Gott lieben und ihm vertrauen, jeder nach seiner
Art, das ist besser, als Gott frchten. Gebeugt im Sattel, die groen
runden Augen ins Leere gerichtet, sagte er langsam: Wenn einer, wie
ich, in bsen Nchten eine herzzerdrckende Angst vor dem Ewigen
fhlt, so hat das seine Ursachen. Solch ein verzweifelt sndenloses
Frauenzimmer hat keinen Anla, vor dem Himmel zu zittern. Ein wehes
Lcheln, das sich zum Spott erheben wollte und Trauer blieb. Nun
ist's entschieden. Wie das Mensch ist, das man whlte fr mich, so mu
ich es lieben. Ich will's erzwingen. Noch ist sie mir widerlich. Ihr
verschlucktes Kichern ist etwas Entsetzliches. Ich liebe das Lachen und
die Heiterkeit. Nur mssen sie aus Herz und Gehirn kommen, nicht aus
den Gedrmen. Unter allen, die in Wahl kamen, hat man die ledernste fr
mich ausgesucht. Und das mein Freudenbissen fr ein ganzes Leben!

Tiefe Schwermut umschleierte alles Schne in seinen Augen. Was der
Geheimrat mit vorsichtiger Mahnung zu ihm redete, schien er nicht zu
hren. Pltzlich, wie ein Erwachender, streckte er sich, weil er den
fltenden Schlag einer Ringdrossel vernommen hatte. Mit stillen Augen
sah er umher, war ruhig und sagte ernst: Es ist wohl so, weil es so
sein mu. Damit ich lerne, unter dem meschanten Gesindel fr mich
allein zu bleiben. Wrde der Olympier eine Olympierin finden, das gbe
Shne, die diese miserable Welt bern Haufen schmeien, um aus den
Scherben eine neue zu machen, die besser ist. ber dieses Wort befiel
ihn selbst ein Verwundern, das sich vor dem seltsamen Blick seines
Begleiters verwandelte in einen knabenhaften Schreck. Sein verjngtes
Gesicht war glhend vor Scham, seine flsternde Stimme hatte fast den
Klang einer ngstlichen Bitte: Danckelmann! Sie werden vergessen,
was ich da sagte in meiner Torheit. Nach einer Weile, die Zgel des
Gaules krftiger fassend, sprach er hart vor sich hin: Es ist meines
Vaters Wille. Da gibt es keine Antwort als Gehorsam. Ich darf und
will den Vater durch Sttzigkeit nicht mehr irre machen, seit er mit
berraschung zu der Ansicht kam, da etwas in mir steckt. Es gab eine
rote Stunde, in der ich ihn fr einen Tollhusler hielt. Nun wei ich,
da sein Verstand um so tiefer ist, je langsamer er sich offenbart.
Ich mu mich strecken nach seiner Gre. Wenn spter alles drunter und
drber ginge, wrde er im sicheren Steinsarg ber mich lachen. Das wre
noch bler, als sein grober Stock gewesen. Besser, ein um eigene Schuld
Geprgelter zu sein, als fhlen, da man verachtet wird.

Er deutete mit der Reitgerte nach den blhenden Erikastauden, die den
sdwrts blickenden Straenrain berwucherten. Wie schn! Was Frhling
heit, ist der einzige berzeugende Gottesbeweis. Er lchelte. Bei
uns daheim in der Haide sind sie noch schner. Das Pferd verhaltend,
sah er in die nrdliche Ferne. Heimat? Ich sehe Moor und Sand.
Sehe den Rauch der schmacklosen Abendsuppen von Zorndorf, sehe den
schlammigen Flu, armselige Drfer und schlfrige Menschen. Ein
Aufzucken des schmchtigen Krpers. Sie sollen erwachen. Er trieb das
Pferd, hatte enggereihte Falten auf der jungen Stirn und lachte. Ein
Blick in das von einem weien Bach durchsprudelte Waldtal, ber dessen
Wipfel der Hgel mit den Ruinen der Plaienburg hervortauchte, entri
ihm einen Ausruf des Entzckens. Alle Freude des Schauens sprudelte
jugendlich aus ihm heraus. Immer deutete seine Hand mit der Reitgerte.
Immer sprach er, immer frhlicher und erregter, in enthusiastischen
Ausdrcken, in franzsischen Verzckungen, die sich anhrten wie Verse.
Pltzlich ein mder Blick auf den Begleiter. Dazu in deutscher Sprache
die halb verdrieliche, halb ironische Frage: Wat, Geheimrat? Ick
quazle wohl wieder etwas kopisemang?

Danckelmann antwortete lchelnd: Kein Wort, das ich nicht gerne gehrt
htte.

Der junge Oberst, wieder franzsisch, sagte mit irrendem Blick: Wenn
man seine Fehler nur einsieht. Da ist Hoffnung vorhanden, da ich noch
der Einsilbigste aller Deutschen werde. Verstummend trieb er das
Pferd. Die Strae fhrte auf ebener Strecke in einen hochstmmigen
Wald, der verwstet war vom Bergwinter. Wirr hingen Hunderte von
Bumen durcheinander, die unter dem Schneedruck niedergebrochen waren.
Hier sieht es aus wie im verunheiligten Deutschen Reich. Khler
Abendschatten fiel ber die beiden Reiter herab. Die Pferde trabten.
Danckelmann schaukelte sich gewandt im Sattel. Sein Begleiter bockelte
mit losen Ellenbogen, zeichnete schlaffen Krpers jede Unebenheit des
Bodens nach, schien das alles nicht zu fhlen und war in Gedanken
versunken. Da kam eine Lawinengasse, die der strzende Schnee von der
Berghhe hinuntergebrochen hatte bis in die Bachtiefe. Die Strae war
berworfen von einem breiten Buckel festgestampfter Schneemassen,
aus denen zersplitterte ste und zerquetschte Wipfel hervorlugten.
Danckelmann hielt: Wie bringen wir da die Pferde hinber?

Drben stand der Soldat. Er hatte seine beiden Gule dem Reitknecht des
Geheimrats bergeben und wollte ber die Schneewulsten herberklettern,
um das Pferd seines Vorgesetzten zu fhren. Der rief ihm rgerlich zu:
Bleib, wo de bist! Die Reitgerte zischte. Ein Dutzend wilder, hin und
her schwankender Stze, und der glanzhaarige Fuchs mit seinem Reiter
war drben. Der junge Oberst lachte. Die Sache schien ihm Spa gemacht
zu haben. Nun sah er verwundert den Soldaten an. Kerl? Wat machste da?
'n Cavalerist des Knigs von Preuen jehrt mit seinen Arsch in den
Sattel. Nich mit den Stiebeln in die Drecksuppe. Erschrocken rannte
der Soldat in seinen plumpen Klapperschften davon, da der steife Zopf
hinter seinem Nacken pendelte. Erst jetzt erinnerte sich der Oberst
seines Begleiters. Ach -- Er wandte das Pferd. Da fiel ihm ein Bild
von hinreiender Schnheit in die Augen. Zwischen den schwarzgrnen
Baumwnden der Lawinengasse sah man einen Ausschnitt des Reichenhaller
Tales. Die winzigen Dcher, die Herden auf der Weide, die Wiesen,
die Brachfelder und Hecken, die Bche und Wldchen, alles funkelte
vom Glanz der Abendsonne, nicht wie etwas Irdisches, sondern wie ein
mrchenhaftes Spielzeug, in Schimmer herausgeschnitten aus blankem
Kupfer. Und hinter diesem frohen Geglitzer stand ernst und schn,
in tiefes Blau getaucht, die steile Schattenwand des Hohen Staufen.
Der Berg mit seiner weien, von Glanz umzngelten Hhe war anzusehen
wie ein Riesenfrst auf seinem Thron, wie ein kaiserlicher Greis im
wallenden Weihaar, unbeweglich, mit schlummernden Augen, auf der
hohen, reinen Stirn die strahlenzuckende Krone.

Danckelmann! Das klang wie der atemlose Schrei eines von Freude
verwirrten Kindes. Kommen Sie! Das mssen Sie sehen! Gibt es denn
solche Dinge auf der Welt? Geheimrat! So kommen Sie doch endlich! Das
Herrliche beginnt zu erlschen.

Eben kletterte Danckelmann mit seinem Falben vorsichtig ber den
Lawinenschnee herunter. Was er noch zu sehen bekam, war verdmmernde
Schnheit.

Der junge Oberst sa unbeweglich im Sattel, das scharfgeschnittene
Gesicht zur Hhe gehoben. Als die letzte Strahlenflamme des weien,
sich blau umschleiernden Berghauptes zu schwinden begann und nur noch
eine dnne Feuerlinie die steilen Schneegrate sumte, trank er einen
tiefen Atemzug in seine schmale Brust und sagte langsam: Ich habe
gesehen, was noch keiner sah.

Danckelmann, ein bichen verstimmt, betrachtete ihn verwundert, eine
Frage nur in den Augen.

Ich sah das Gewesene und sah das Kommende. Ein Lcheln von heiliger
Innerlichkeit. Ruhig wandte er das Pferd und ritt in den stillen,
dunkelnden Wald hinein. Blitze flammten in seinen herrlichen,
stahlblauen, weitgeffneten Augen. Jh beugte er sich aus dem Sattel
und legte seine Hand auf den Arm des Begleiters. Nein! Ich habe nicht
zu teuer bezahlt. Um einen Hauch Freiheit zu atmen, kann man kuschen
wie ein Hund. So stark ist keiner, da ihn Gemeinheiten, die er
erleben mu, nicht schwach machen. Man mu hinunter, Danckelmann, tief
hinunter, um die Wege zur Hhe zu finden. Er zog die bartlosen Lippen
von den Zhnen. Im Mai oder Juni sperren sie mich in das Grillenhaus
einer frchterlichen Ehe. Ich geniee die ersten und letzten Tage
meiner Freiheit. Was kommt, ist Pflicht. Sie wird hart sein. Der Ernst
dieses Wortes schlug ber in einen klagenden Laut. Wer hilft mir?
Dann sagte er deutsch: Ick bin ein egariertes Schaf des Lebens, habe
keen Menschenskind, das mich zu wat ntze is, habe nur mir selbst,
den dubiosesten von allen Wegweisern. Das Gesicht, das der Geheimrat
zu diesen Worten machte, schien dem jungen Oberst die verlorene
Heiterkeit zurckzugeben. Lustig tippte er mit der Reitgerte nach
seinem Begleiter, als mchte er vom Mantelkragen des wrdigen Herrn
eine Fliege fortkitzeln, und fragte franzsisch: Ist das nicht wie ein
spahaftes Wunder? Da ich da so lakaienfern und unbeschnffelt reite
wie in einem Mrchenwald und noch immer auf meinen Schultern einen Kopf
habe.

Erst erschrak der Geheimrat. Dann sagte er aufatmend: Ein Glck, da
man diesen jungen Kopf nicht abhauen lie, wie es der Kaiser erwartete.

Froher Spott umzuckte den feinen Mund des anderen. Weil er's zu
erwarten schien, begann ich zu begreifen, wie steif ich diesen Kopf
aufsetzen mu.

Eine Lichtwoge strmte in das Dster des Waldes herein. Die Strae
ffnete sich gegen einen Wiesenhang von smaragdenem Frhlingsgrn, noch
berhaucht von einem letzten Sonnenschimmer, der durch tiefgeschnittene
Bergschatten herfunkelte aus der westlichen Ferne. Der Reitknecht des
Geheimrats kam den Herren entgegen getrabt und meldete: Der Jger
ist da. Auch das Mdchen fr die Weisung zur Herberg. Die Reiter
lenkten von der Strae weg in ein Seitentlchen, das umhuschelt war von
knospenden Erlenstauden. berall Finkenschlag, Meisengezwitscher und
immer aufs neue der melodische Lockruf einer Ringdrossel. Das Tlchen
schon tief umschattet, und ber ihm das zitronenfarbene Leuchten
des reinen Abendhimmels. Bei den zwei Packpferden, die zu grasen
begannen, stand mit scheuem Blick die Tochter der Hasenknopfin; neben
ihr, aufrecht und uerlich ruhig, der Jger Leupolt Raurisser im
grauverwitterten Bergzeug, in der Hand den langen Griesstecken, hinter
dem Rcken den Waldsack. Auf seiner Stirne brannte noch die Nachglut
seiner Begegnung mit Luisa und der Mutter. Als er die zwei Herren
kommen sah, erwachte ein drstendes Forschen in seinem Blick. Welcher
von den beiden war der Helfer fr seiner Brder verzweiflungsvolle
Seelennot? Welcher hatte die starke Hand des ersehnten Retters? Das
junge, windige Soldtl? Das schlapp herunterrutschte vom Gaul? Den Hut
ziehend, hoffenden Glanz in den Augen, trat Leupolt auf den Geheimrat
zu: Gottslieben Gru in meiner notvollen Heimat. Es ist ein heilig
Ding, ist Euers und meins. Ich bin geboten zu Eurem Dienst. Viel gute
Herzen harren auf Euch in Drangnus und Sorgen.

Noch im Sattel fragte Danckelmann: Kann er sich ausweisen?

Leupolt, wie es ihm der Zettel des Hasenknopf befohlen hatte, entblte
die breite weie Narbe an seinem braunen Hals. Da fhlte er, da ein
Arm sich um seine Schulter legte. Neben ihm stand das Soldtl, hatte
einen glnzenden Blick und sagte ernst: So invulnerabel is sein
Glaube? Da ihn keen Eisen ldieren kann?

Verwirrt vom Leuchten dieser stahlblauen Augen, antwortete Leupolt
verlegen: Herr, ich versteh nit. Sich dem Arm des Offiziers
entwindend, sah er zu Danckelmann auf: Lang drfen wir uns nit
verhalten. Es geht ber mrben Schnee, und der Weg ist weit. Wir mssen
vor Nacht im Httl sein. Da knnen wir rasten. Wer geht auer Euch noch
mit?

Wir alle, sobald die Pferde versorgt sind.

Vier Leut? Der Jger schttelte den Kopf. Mir ist geboten: du fhrst
einen Herrn und seinen Diener. Es geht um heilige Sachen. Da mu man es
machen, wie's recht ist.

Danckelmann wollte rgerlich erwidern. Da wehrte der junge Offizier
franzsisch: Das ist ein gewissenhafter Mensch. Was er haben will,
mu geschehen. Mit Wohlgefallen betrachtete er den Jger und sagte
deutsch: Er fhrt uns beede. Det is der Herr, ick bin der Diener.
Er ging auf den Soldaten zu. Hnne! Meine Grammatik! Der Mann ri
hurtig ein kleines Buch aus der Satteltasche, reichte es seinem Herrn
und salutierte so wunderlich eckig, da Leupolt schmunzeln mute. Der
Offizier schob das Buch in die Rocktasche. Weiter, Hnne! Versorg man
die Gule gut! Gie er nich zu viel hinter de Binde und molestier er
die Menscher nich. Man kann es missen. Uff morjen!

Als der Soldat und der Bediente hinter dem Mdel, das sie zur Herberg
fhren sollte, davonritten, rief Leupolt: He! Wo ist denn das Zeug fr
die Herren?

Unsere Mntel haben wir! sagte Danckelmann. Was noch? Ist Zehrung
ntig?

Das nit. Mit Zehrung hat die Schneckin das Httl gut versorgt.

Wer? staunte der junge Offizier.

Die Schneckin. Leupolt war auf den Bedienten zugegangen. Wo sind die
Hemmeder? Jeder von den Herren mu ein Hemmed haben.

Neugierig fragte das feine Soldtl: Wat is det: ein Himmat?

Danckelmann verdolmetschte: _Je crois qu'il veut dire une chemise._

_Mais voil_ -- der junge Oberst zog in heiterer Laune den
Soldatenrock auseinander, ick habe bereits ein Himmat.

Leupolt blieb ernst. Durch den Schnee hinauf wird's schwitzen heien.
Und droben geht ein schneidiger Luft. Da mssen die Herrn in trckene
Wsch kommen.

Danckelmann, det is 'n frsorglicher Mensch. Der junge Oberst rief
dem Soldaten zu: Flink, Hnne, raus mit 'n Himmat! Und wieder zu
Danckelmann, franzsisch: Ich beginne Deutsch zu lernen.

Als Leupolt das zusammengewickelte Pckl mit den zwei Hemden erhielt,
fragte er: Und die Bergschuh?

Der Geheimrat wurde ungeduldig. Er sieht doch, da wir tchtig
gestiefelt sind.

Ja, Herr, das sind grad die richtigen Rutschkarren. Die bleiben Euch
stecken im Schnee, wie das Musl in einem Mehlsack.

Wat anderes als meine kniglich preuischen Kommikanonen hab ick
nich! lachte der Oberst. Die mu ick ooch heil wieder heimbringen.
Sonst kreiden se mich beim Regiment den auerdienstlichen Schaden an.

Auch Danckelmann wurde heiter. Soll ich vielleicht die Lackschuhe
meiner Gesandtengala auspacken?

Leupolt verstand, da da nichts zu wollen war, und sagte zu der Tochter
der Hasenknopfin: Weit, fremde Leut, die sich bei uns nit auskennen!
Sind die Rlen versorgt, so spring zum Hiesel Schneck. Er soll meine
neuen Schuh zum Holzerhttl hinaufbringen. Die passen dem gndigen
Herrn. Und fr das Soldtl, das Flen hat wie ein Weiberleut, mu
die Schneckin ihre Sonntagstpperlen hergeben. Und feste Sckeln. Und
Schneegamaschen. Wenn der Schneck sich tummelt, kann er droben sein im
Httl, bis wir kommen. Unser Umweg um die Grenz ist weit. Und im Httl
soll der Schneck gut feuern. Da die Herren nit frieren mssen. Gelt?
Das Mdel sprang den Gulen voraus. Leupolt gab das Hemdenpckl mit dem
Kragen des Geheimrats in seinen Rucksack und schob den Militrmantel
des Obersten hinter die Tragriemen. So, Ihr Herren! Los! Bei der
ersten Haselnustaude zog er das Messer.

Wat macht er da?

Fr die Herren schneid ich einen guten Stecken.

Ick will keenen Stock! sagte das junge Soldtl mit seltsamer
Heftigkeit.

Mu ich den Stecken halt tragen derweil, bis der Herr ihn nimmt.
Leupolt reichte dem Geheimrat den eigenen Bergstock. Der ist minder
schwer, weil er drr ist. Im Weiterschreiten suberte er die zwei
geschnittenen Stcke von den Zweigen.

Durch das von Stauden eingedeckte Tlchen lief ein Fupfad hinauf, der
unter dem Widerschein des leuchtenden Himmels wie Messing glnzte.
Der junge Oberst war immer voraus. Er schien die Wanderung in der
Abendkhle und in der reinen Hhenluft wie eine sein ganzes Wesen
belebende Erfrischung zu genieen. Einmal blieb er stehen, breitete die
Arme, als mchte er alle Schnheit des Abends in seine Seele reien,
und deklamierte franzsische Verse mit dem Pathos eines verzckten
Schauspielers. Hufig glitt er aus, kam aber nie zu Fall, rettete sich
jedesmal mit einem kecken Sprung auf sicheren Boden und lachte.

Danckelmann begann mit dem Jger zu reden, fragte nach den
Berchtesgadnischen Bekennern, nach ihrer Not, nach ihren Plnen.
Leupolt, whrend er antwortete, hob immer lauschend den Kopf. Endlich
merkte er, da dieses leise Klirren, das ihn an Grenzmusketiere denken
lie, von den Sporen der Herren kam. Die mssen weg. Da knnt's im
Holz einen Purzelbaum geben. Erst schnallte er dem Geheimrat die
Riemen von den Fen, dann holte er mit flinken Sprngen den anderen
ein, kniete vor ihm nieder, lste seine Sporen und band im kreuzweis
eine feste Schnur um jede Stiefelsohle. Da rutschet Ihr minder.

Sieh mal, lachte das Soldtl, sonne Strippe, richtig appliziert,
kann zu allerlei ntzlichen Dingen servieren. Zum Hngen und zum fest
uff die Beene stellen.

So, Herr! Leupolt erhob sich. Und nit so hitzig beim Steigen. Da
verliert man frzeitig den Schnaufer. Bei uns, wo steiler Bergweg ist,
da grt man allweil: Zeit lassen.

'n gutes Wort! Die blitzenden Stahlaugen trumten ins Weite. Zeit
lassen? Freundlich legte der junge Oberst dem Jger die Hand auf
die Schulter. Also, her mit 'n Stock! _En avant_, voran! Von 'nem
Verstndjen lt man sich jerne dirigieren.

Sie stiegen der von schwarzen Wldern umflossenen, von tausend
Schneeflecken durchwrfelten Hhe zu. Das Rauschen der Wildwsser hing
wie das Lied eines Unsichtbaren in der schimmernden Abendluft.




Kapitel XXIII


Vor der letzten Dmmerung raffelte Hiesel Schneck durch den Bergwald
hinauf, begleitet von einem Ringelspiel seiner wtenden Himmelhunde.
Zeitlebens war ihm vieltausendmal die Galle bergelaufen. Aber bei so
schlechtem Humor wie seit Ostern war er noch selten gewesen. Seine
verzweifelte Schneckin mute unablssig heulen. Freilich, wie htte
ein >Neuevangelikaner<, gleich dem Hiesel Schneck, sich friedsam
vertragen knnen mit so einem >rekatholizierten Weiberleut<! Und noch
viel rasender machte ihn dieses andere: da man in der Wildmeisterei
sein mutiges Bekennertum so wenig ernst nahm! Ganz frchterlich hatten
sie ber ihn gelacht, als er am Osterdienstag in der Jagdkanzlei
erschienen war. Der Wildmeister hatte ihn angebllert: Mach, da du
heimkommst, du Kalbskopf, du berzwercher! Und eh du den evangelischen
Rausch nit verschlafen hast, kommst du mir nimmer zum Rapport! Diese
Unterschtzung seiner heiligsten Gefhle hatte dem Hiesel Schneck den
evangelischen Eigensinn wie mit groen glhenden Ngeln hineingehmmert
in das kleine Kindergehirn. Jetzt grad mit Flei! Kreuzteufelsausen
und Hllementsnot in der Sauwelt bereinand! Er guckte zum Himmel
hinauf, nicht um den Wohnort seines neuen Gottes zu suchen, sondern
weil er den knurrenden Falzlaut einer streichenden Schnepfe vernommen
hatte. Wie ein graues Pudelkpfl mit langen Wackelohren kam sie in der
Dmmerung ber die Birkenwipfel hergeschwommen. Wart, du! Hiesel ri
die Feuersteinflinte vom Buckel und pulverte. Die Schnepfe fiel nicht.
Sie lie nur etwas fallen. Die Wut ber diesen Hohn erzeugte im Hiesel
Schneck den langschwnzigsten aller Himmelhunde, die seinem Gemt noch
jemals entronnen waren. Mir vergunnt halt mein luthrischer Herrgott
kein Faserl nimmer, seit ihm die Schneckin wieder kndigt hat.

Den Kopf in die Dmmerung bohrend, fluchte er sich ber den
steilen Hang hinauf. Was Graues klunkerte ihm auf dem Rcken: die
zwei Paar Schneegamaschen. Und was Schwarzes klingelte vor seinem
betrbten Herzen: die neuen Bergschuhe des Leupolt und die netten
Sonntagstpperlen des Schneckenweibls. Das Raurisserische Schuhwerk
und die Gamaschen waren fr den Hiesel eine erklrliche Sache. Wozu
man aber beim evangelischen Weltumsturz die Feiertagshferln seiner
Schneckin bentigte? Das verstand er nicht. Trotz allem Nachdenken kam
er nicht drauf. Er hatte die Botschaft der Hasenknopfischen Tochter nur
ausgefhrt, weil er dunkel hoffte, da es irgend eine Feindseligkeit
gegen den wildmeisterischen Glauben wre.

Bei Anbruch der Finsternis erreichte er die Holzerhtte. Tisch, Bnkl
oder Sessel gab's da nicht. Nur eine groe Stangentruhe mit Heu zur
Liegerstatt, ein bichen Geschirr und im schwarzberuten Balkenwinkel
ein niederes Sitzmuerchen um die Aschengrube. Hiesel schrte im
Herdloch ein Feuer an, da es waberte, und machte verdutzte Augen,
als er das Wandkstl mit allerlei schmackhaften Dingen angerumt
fand. Da waren Speckwrste und ein Krug mit Milch, Weibrot und
geselchtes Wildpret, ein paar Dutzend Eier und frische Butter. Die
Schneckische Seelenverzweiflung begann sich zu mildern. Gleich fing
er zu knuspern an und htte alles, was man fr Seine Exzellenz den
Gesandten des Knigs von Preuen eingewirtschaftet hatte, ratzenkahl
aufgefressen, wenn nicht Leupolt auf der Httenschwelle erschienen
wre: Barmherziger Herrgott, Hiesel, das ist doch die Zehrung fr
meine Herrenleut! Der Evangelikaner ri das Butterbrot, das er
zwischen den Zhnen hatte, erschrocken aus dem Rachen und warf es ins
Feuer. Nit schlecht! Hinter diesen zwei dunkelsinnigen Worten lie er
ein Himmelhndchen einherschwnzeln.

Auf dem letzten Hang vor der Htte, als man den wegweisenden
Feuerschein sehen konnte, war Leupolt den Herren vorausgesprungen, um
ein Wort mit dem Hiesel zu reden. Er nahm den Schneck nicht gerne mit
hinauf zur heiligen Frsagung in der Neumondnacht. Aber es mute sein.
Ohne Hilfe htte Leupolt den Geheimrat nimmer ber den schweren Schnee
der Hhe gebracht. Kaum, da ich ihn herlupfen hab knnen bis zum
Httl. Drunten hab ich gemeint, es fallt mir zuerst das klebere Soldtl
um. Aber wie mhsamer der Weg, um so lebfrischer ist das Mnndl worden.
Alles freut ihn, jeden Vortl hat er flink heraus. Sein Herr, der Alte,
ist ein frnehmes Mannsbild. Aber das feine Soldtl -- es mu schon
wahr sein, da die niederen Leut oft die besseren sind als wie die
Gottsbersten. Jetzt gib mir die Hand her, Schneck! Tu mir versprechen,
da du den Schnabel halten willst ber die heutige Nacht. Es geht um
unser Not und Erlsung, Mensch! Gelt, du machst mir nit Schand und
Unehr?

Hiesel streckte die braune Tatze und brummte: Ich bin doch ein
Evangelischer.

Ja, Schneck, aber was fr einer! sagte Leupolt bekmmert. Weil er
Stimmen hrte, zerrte er den Bergsack herunter, packte die zwei Hemden
aus, ri ein brennendes Scheit aus dem Feuer und sprang in die Nacht:
Hi huuup! Als er die Herren in die Herdhelle der Httentr brachte,
ging von den erhitzten Bergsteigern in der Nachtkhle der Dampf auf,
wie von Pferden bei einer Schlittenfahrt. Nur gleich herein ins Httl!
Mein Kamerad, der Schneck, hat warm gemacht.

_Ah, je comprends_, lachte der junge Oberst, nahm den Dreispitz ab
und schttelte den Schwei von der Stirne, _c'est le Cheneque de la
Chenequine_! Er sphte vergngt in die vom Feuerschein durchzngelte
Htte.

Ist sein Kamerad ein vertrauenswrdiger Mann? fragte der Geheimrat
halblaut, zwischen hurtigem Atempumpen. Ein Protestant?

Vertrulich ist er, der Schneck, ah ja! Kann auch sein, er wird noch
richtig ein Evangelischer. Glauben tu ich es nit.

Von dieser leisen Zwiesprach hatte der Hiesel keinen Laut vernommen.
Nur die franzsischen Worte hatte er gehrt, dabei sehr deutlich
die Worte Schneck und Schneckin. Daraus zog er den Schlu, da das
feinbeinlete Soldtl das Franzsische nicht gut verstand; wenn die
Kapitelherren auf der Jagd parisisch redeten, hie Schneck immer
Ttewoh. Ein bichen wunderte sich der Hiesel darber, da man auch
drunten im lutherischen Sand von ihm und seiner Schneckin was wute.
Aber die Sache machte ihn auch mitrauisch. Was konnte man in einer
Sprache, die ihm fremd war, nicht alles ber ihn reden! Er begann
den heiteren Soldaten sehr unfreundlich zu betrachten. Der war doch
auch in jener Gegend daheim, aus der das luthrische Elend gekommen
war, das seit dem Vershnungsschieen dem Hiesel Schneck das Kpfl
so schauderhaft zerwirbelte. Bocksteif, ohne zu gren, stand er mit
seinem rotangestrahlten Schdel neben dem wabernden Feuer, bis ihn
Leupolt mit dem Eimer zum Brunnen um Waschwasser schickte. Kaum war
er drauen in der Nacht, da himmelhndelte er so wtend in den Ganter
hinein, da das Blech davon einen summenden Widerhall bekam. Noch ein
zweitesmal mute er um Wasser laufen und schimpfte: Sauberkeit la
ich mir gefallen! Aber *so* waschen! So was Weiberleutigs pat doch
nit fr ein Mannsbild. Freilich, ausschauen tut er eh, wie die magere
Schwester vom Lazarus! Und als nun der Hiesel gar zum drittenmal mit
dem Eimer springen mute, gewann er ber das khlungsbedrftige Soldtl
die Meinung: Das ist kein Mensch nit! Wie er pritschelt und fludert im
Wasser! Mit seine mageren Flgerln! Da la ich mich kpfen: das mu ein
verwunschener Eisvogel sein! Endlich gab es fr den Hiesel Raum und
Rast in der Htte. Leupolt scheuerte die Pfanne und klapperte die Eier
hinein. Die zerflieende Butter begann angenehm zu duften.

Der hohen, vom nassen Schnee durchweichten Reitstiefel ledig, staken
die Fe der Herren in den hlzernen Httenpantoffeln der beiden Jger.
Der blaue Soldatenrock mit den roten Aufschlgen, der schokoladfarbene
Reitfrack des Geheimrates und die zwei dampfenden Hemden hingen auf
den Herdstangen. Danckelmann, mit etwas konfus gewordener Percke,
drehte sich vor dem Feuer hin und her. Der junge Oberst, hemdrmelig
in seinen Militrmantel gewickelt, hatte sich auf das Herdmuerchen
niedergelassen. Erfrischt, das Antlitz brennend, sa er gegen die
Balkenwand gelehnt und blickte mit vorgeschobener Nase in den
Funkenflug, der viele glitzerige Sternchen hinwehte an die berute
Sparrendecke. Pltzlich, wie ein Erwachender, schien er etwas zu
suchen, fand das kleine Buch, rckte nher ans Feuer und fing zu lesen
an, alles um sich her vergessend. Danckelmann schien das nicht gerne zu
sehen. Unter einem Seufzer fragte er: Schon wieder Voltaire?

Nein! Der junge Oberst hob dem Geheimrat das kleine Buch vor die
Nase. Es war eine Taschenausgabe der Luther'schen Bibel.

In Verblffung sagte der alte Herr: So fromm?

Auch das nicht. Ich studiere diese deutsche Grammatik, um mein
Kutscherdeutsch nach Mglichkeit zu verbessern.

Der Hiesel, weil die Herren franzsisch redeten, brannte wtend seine
Pfeife an und blies Wolken vor sich hin, da er vllig eingewickelt
wurde von diesem grauen Vorhang. Ein paarmal fuchtelte der junge Oberst
mit der Hand den beizenden Knasterqualm vor seiner Nase weg. Halb in
Zorn und halb erheitert rief er zu Danckelmann hinber: Der fehlt
noch in der Tabagie. Er wrde zu hohen Ehren kommen. Leupolt, als
sein mahnendes Augenblinzeln beim Hiesel kein Verstndnis fand, sprang
von der Pfanne weg, zog dem Schneck die Pfeife aus den Zhnen und
ffnete die Httentr. Jetzt kapierte der Hiesel Schneck und brummelte
gallig: Ah, freilich, die Preien! Die rauchen blo Muskatbltln und
Pomeranzen! Was? Erschrocken sah Leupolt zu den Herren hinber. Die
schienen von der Weisheit des Hiesel Schneck keinen Laut vernommen zu
haben. Danckelmann hatte sich auf die Heutruhe gesetzt und schien ein
Nickerchen zu machen. Der andere war in das Buch versunken, war seltsam
erregt, wie befallen von einem whlenden Seelensturm. Im Rauschen der
Herdflamme eine lautwerdende, von innerem Aufruhr bebende Stimme. Den
Rcken gebeugt, das Gesicht fast niedergetaucht auf das kleine Buch,
las der junge Oberst: Absalom sprach zu Joab: Warum bin ich von Gessur
kommen? Es wre mir besser, da ich noch da wre. So la mich nun das
Angesicht des Knigs sehen! Ist aber eine Missetat an mir, so tte
mich!

Leupolt, der die Stelle aus dem zweiten Buche Samuelis erkannte,
lauschte mit glnzenden Augen. Nun sah er betroffen auf das schreckhaft
verwandelte Gesicht des jungen Soldaten. Der las zwischen knirschenden
Zhnen, die verzerrten Wangen von Trnen berglitzert, fast in der Art
eines Menschen, der an der hinfallenden Krankheit leidet und einen Sto
seines bels zu empfinden scheint: Und Joab ging hinein zum Knige
und sagte es ihm an. Und er rief dem Absalom, da er hinein zum Knige
kam, und er fiel nieder vor dem Knige, auf sein Antlitz zur Erde.
Und der Knig kte Absalom. Verstummend prete er das Gesicht auf
die Bltter. War das ein Schluchzen? Oder war es ein Lachen? Nun ein
jhes Aufzucken des vom Haar umwirrten Gesichtes. Und ein kreischender
Laut, zu Danckelmann hinber, in franzsischer Sprache: Absalom starb
an der Eiche. Wo sterbe ich? Ein jhes Erlschen alles seelischen
Aufruhrs, ein ruhiges Lcheln, ein heiterer Klang in der melodischen
Stimme: Wenn's auf dem Boden eines deutschen Sieges wre, sollt' es
mir recht sein in jeder Stunde.

Danckelmann, der aus seinem Mdigkeitsdusel noch nicht vllig ermuntert
war, sah ratlos drein. Und Leupolt fragte in Sorge: Ist dem jungen
Herrn bel?

_Mais non!_ Der Oberst lachte. Mich is wohler denn je. Det war nur
Rebelljon der Jedrme. Mir hungert.

Kopfschttelnd verlie der Hiesel Schneck die Htte, stolperte in die
Nacht hinaus und klagte: So was! Und sllene Leut mchten die deutsche
Welt verbessern und den alten Herrgott umnageln. Ich versteh's nit!
Kreuzhimmelhllementshundsviecherei! Zur Beruhigung seiner verrgerten
Seele hatte er die Pfeife mit heraus genommen. Er schlug Feuer, da die
Funken stoben, whlte den stinkenden Schwamm unter die Tabaksasche, und
als die Pfeife festen Zug hatte, blies er einen dicken Rauchfaden durch
ein Astloch der Httentr. So, schmeck's, du Prei, du abzirkelter!
Er fhlte sein Gemt erleichtert, trat auf einen Felsschnacken
hinaus und sphte in die schwarze, von schnen Sternen berfunkelte
Neumondnacht. Zu den strahlenden Lichtern der Ewigkeit zog es den Blick
des Hiesel nicht empor. Immer guckte er hinunter auf das dustere Loch
einer kleinen Talmulde und mummelte melancholisch: Ob wohl jetzt das
liebe alte Radl ohne Wagen rekatholisch trumt oder evangelikanisch?

In der Htte klapperten die irdenen Teller. Flinkes Franzsisch.
Immer wieder das heitere Lachen des Soldtleins. Dann ein lebhafter
Wortwechsel, der von energischem Deutsch unterbrochen wurde: Denk
er an seine fumfzich Jahre, Danckelmann! Leg er sich hin uffs Heu!
_Sans faon!_ Ick will 's. Merkwrdig, dachte der Hiesel Schneck,
wie im Preuischen ein Knechtl reden darf mit seinem Herrn! Dann
guckte er wieder in die Tiefe. Da drauen, gegen Bischofswiesen zu,
gaukelte was durch den schwarzen Wald gegen den Gratsattel hinter dem
Toten Mann hinauf wie ein winziges Sternchen. Was ist denn da los?
So viel wute der Hiesel schon: da von den Evangelischen keiner
mit einer Latern zur heimlichen Frsagung wandert. Die machen sich
seit dem Vershnungsschieen unsichtbarer als je. Was war da los?
Um an eine Gefahr fr die Brder in Christ zu denken, dazu war die
Bekennerseele des Hiesel noch nicht evangelisch genug. Er fand fr das
gaukelnde Laternenrtsel nur die Lsung: da da einer von der Jgerei
zu Berg stiege, um fr den Frsten oder fr die -- Sagen wir halt:
Allergndigste! -- einen Auerhahn zu verlusen. Diese Vorstellung,
statt sein Jgerherz zu erfreuen, machte den Hiesel so traurig, da er
sich auf den Schnee hinsetzen und das Gesicht in die Fuste drcken
mute. Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Komm, Schneck, und
schlaf ein Stndl! Wir mssen uns heut noch plagen in der Nacht.

In der Htte kein Feuer mehr. Doch zwischen der Asche lag noch eine
groe Kohlenglut und strahlte ihren roten Schimmer in den stillen
Raum. Der Geheimrat, mit seinem Mantelkragen zugedeckt, lag im Heu
und schnarchte ein bichen. Auf dem Sitzmuerchen, gegen die Balken
gelehnt, schlief der junge Oberst, das Gesicht vom Haar berhangen,
klein zusammengehuschelt in dem dunklen Militrmantel. Was einer
ist als Mensch, das sieht man allweil am besten im Schlaf! so
philosophierte der Hiesel Schneck. Dahocken tut das Preierl wie ein
Hufl Elend. Freilich, eine Minute spter hockte dieser lange Weise
nicht viel anders in seinem Winkel. Der Schlaf ist einer von den
Gleichmachern des Lebens. Tod, Notdurft und Wollust heien die anderen.

Leupolt hatte sich lautlos zum Sitzmuerchen hingeschlichen. Seine
Augen blieben offen. Manchmal schob er sacht einen Holzstorren unter
die Kohlen, damit die Glut nicht vllig ohne Nahrung bliebe und die
schlafenden Herren nicht frieren mten. Fing das Holz unter den
Kohlen zu glosten an, so pufften fahle Rauchfden aus der Asche
heraus, und kleine bluliche Flammen tanzten ber der Glut, wie
Frhlingsschmetterlinge um eine rote Blume gaukeln. Sinnend blickte
Leupolt in das Spiel der kleinen Feuerseelen, sah zwei heie, von
Trnen umflossene, in Scham und Sehnsucht bekennende Mdchenaugen und
hrte eine leise, von Erregung fiebernde Stimme flstern: Du bist mir
so lieb geworden, ich kann's nit sagen. Da weckte ihn ein sthnender
Laut aus seinem glubigen Sinnen. Der junge Soldat schien bse Trume
zu haben; sein gebeugter Jnglingskrper zuckte unter den Falten des
Militrmantels. Halblaute Worte, deutsch und franzsisch, wirrten sich
durcheinander. Die Hnde begannen zu stoen, als mchten sie sich einer
Fessel entwinden, und pltzlich streckten sie sich mit gespreizten
Fingern, wie zur Abwehr eines grauenvollen Bildes. Die Augen des
Trumers waren starr geffnet, hatten den Blick eines verzweifelten
Menschen, und eine von Zorn und Angst durchrttelte Knabenstimme
bettelte: Nich schlagen, Vater! Alles, was du willst! Nur nich
schlagen!

Junger Herr! Leupolt fate den Mantel des Traumverstrten und zupfte.
Ihr trumet ungut. Da mu man Euch wecken.

Ein stumm gleitender Blick des Erwachens, ein staunendes Beschauen
des von Rotglut durchschimmerten Raumes. Fester gegen die Balkenmauer
rckend, hllte sich der junge Oberst wieder in seinen Mantel, schlo
die Augen und sagte mimutig: Weck er mich, wenn es Zeit is. Nich
frher.

Wieder die rotflimmernde Stille, das schwere Atemziehen des Geheimrates
und das Duselgebrumm des Hiesel Schneck. Leupolt sa unbeweglich,
beugte nur manchmal den Kopf, um durch das kleine Fenster nach dem
Stand der Sterne zu schauen. Als es auf Mitternacht zuging, legte
er Kienspne ber die Glut, gab ein paar kleine Scheite in die sich
ermunternde Flamme, go die Geimilch in die Kupferpfanne und stellte
sie ber den Feuerbock. Nun weckte er den jungen Schlfer am Herd.
Herr! Zeit ist's! Der Oberst fuhr in die Hhe, straffte sich nach
militrischer Art und sprach ins Leere: _Me voil! Je ne dors plus!_
Befehlen Sie, Vater! Ick will gehorchen. Da hrte er das freundliche
Herdgeprassel, schien vllig zu erwachen, streifte mit einem prfenden
Blick den Jger und sagte ruhig: An jedem Morgen soll man sich
erinnern, da man Gottes is. Sprech' er ein Gebet!

Leupolt kniete auf das Herdmuerchen hin, verschlang die Hnde vor der
Brust und betete: Herr, wenn ich dich nur hab, so frag ich nimmer nach
Himmel und Welt. Auch wenn mir Leben und Seel verschmachten, du bleibst
mein Heil und meines Herzens Trost. Gleich bei den ersten Worten des
Gebetes hatte der junge Oberst blitzschnell das Gesicht gegen den
Jger gedreht. In seinen Augen war eine Verblffung, die sich in Zorn
zu verwandeln drohte. Leupolts Anblick schien den Erregten wieder zu
beruhigen. Mehr neugierig als unmutig fragte er: Wie kommt er zu
diesem Gebet?

So hat uns auf dem Toten Mann ein Salzburger frgebetet, der uns
Botschaft gebracht hat aus dem Preuischen. Er hat erzhlt: so htt
er den preuischen Knigsprinzen beten hren, der den Exulanten
beigesprungen ist mit hilfreicher Gt. Jetzt bet ich allweil so. Die
schnen, gottsfreudigen Wrtlen haben mich hinbergehoben ber viel
Hartes.

Der junge Oberst legte die Hand auf Leupolts Arm. Det Gebet for
sich alleene macht es nich. Gott is am willigsten, den Starken zu
sekourieren, der sich _spontanment_ zu helfen wei. Lchelnd ging er
zur Heutruhe, weckte den Geheimrat, indem er ihn mit einem Halm an der
Nase kitzelte, brach ber Danckelmanns Ermunterungsseufzer in Lachen
aus und begann mit ihm in franzsischer Sprache ein hurtiges Geplauder.
Dabei rasselte sich auch der Hiesel Schneck aus seinem letzten
Schnarcher heraus, schien nicht zu wissen, wessen Gottes er war, und
begrte die Mitternachtsstunde mit einem gegen die Haare gebrsteten
Himmelhund.

Nach der Geimilchsuppe brachte die Schuhprobe ein paar muntere
Minuten. Dem Geheimrat saen die neuen Schuhe des Leupolt wie
angemessen. Die Sonntagstpperlen des Schneckenweibls muten, um fr
das schlanke >Weiberleutsfl< des Soldtleins zu passen, zwischen
Leder und Sckeln noch ein bichen mit Heu gepolstert werden. Die
Schneegamaschen, die darberkamen, hielten alles verllich zusammen.
Und nun hinaus in die khle, schwarze, von groen, strahlenschieenden
Sternen durchfunkelte Neumondfrhe. Ein schnes Rauschen ging ber
die finsteren Wipfel hin. Alle paar Schritte stehen bleibend, sphte
der junge Oberst unersttlich in diesen wundersamen Nachtzauber. Mit
enthusiastischen Worten stammelte er sein Entzcken vor sich hin und
sagte franzsisch zu Danckelmann: So gro und weit und herrlich
sind die Nchte in der Tiefe nicht. Auf der Hhe zu wandeln, hat
seine kostbaren Reize. Er tappte bis an die Hften in ein Schneeloch
hinunter, zog sich lachend heraus und scherzte: _Tiens, voil mon
sort_, auf herrlicher Hhe gibt es auch Lcher, um sich die Knochen
zu brechen -- eine Erfahrung, die mir nicht neu ist, obwohl ich zum
erstenmal im Leben einen rechtschaffenen Berg besteige. Hiesel, der
sich ber das viele Franzsisch rgerte, knurrte spttisch: Gelt ja,
sterngucken und bergkraxeln passen nit gut zu einander! Verstehst?
Mit'm Nasenspitzl in der Hh geht's allweil abwrts, nie nit aufwrts.
Kopfschttelnd tappte er davon. Und sllene Kniespatzen mchten die
christliche Welt umschustern. Der junge Oberst, der den Sinn dieser
Worte nur halb, aber zureichend die Grobheit ihres Tones verstanden
hatte, rief erheitert zu Danckelmann zurck: 'n agreabler deutscher
Bruder!

Da mahnte Leupolt, der den Geheimrat am Henkel hatte: Schneck! Mach
langsame und feste Tapper, da der Herr hinter dir in gute Stapfen
kommt. Nun wanderten sie schweigend hintereinander. Manchmal trug die
gefrorene Schneedecke, dann kamen wieder mrbe Stellen, an denen man
hinunterbrach bis bers Knie. Schon nach einer Viertelstunde fragte
Danckelmann in Erschpfung: Haben wir noch weit?

Nit, Herr! Ein paar hundert Vaterunser. Sonst ist die Frsagung
allweil ganz da drauen gewesen auf dem Toten Mann. Heut ist sie ein
Stndl herwrts. Da die Herren nit gar so weit steigen mssen, blo
ein Katzensprngl. Seufzend machte der Geheimrat die Bemerkung:
Die Katzen von Berchtesgaden, nach ihren Sprngen zu schlieen,
scheinen Tiger zu sein. Aus dem geschlossenen Walde ging es hinaus
auf eine freie, steile Schneelehne, an die hundert Schritte breit.
Schneck und der junge Oberst hatten den weien Steilhang schon zur
Hlfte berquert, als ihn Leupolt mit dem Geheimrat erreichte. Jetzt
ein bil Frsicht, Herr! Der Schnee knnt rutschen. Leupolt hatte
kaum gesprochen, als sich ber die Lehne her ein leiser, lachender
Schrei vernehmen lie. Mit dem jungen Oberst war eine stubengroe
Schneescholle ins Gleiten geraten. Und je mehr der Lachende sich
plagte, um aus der rutschenden Masse herauszukommen, desto tiefer
sank er in den gleitenden Teig. Jesus! brllte der Hiesel Schneck.
Er dachte an die Wnde, die da drunten waren, und machte Sprnge wie
ein irrsinniger Wolf. Und von der anderen Seite der Lehne kam Leupolt
schief heruntergesaust und berholte die rutschende Scholle. Zwischen
zwei Felszacken eingestemmt, warf er seine Brust dem gleitenden Schnee
entgegen. Er wurde wei berschttet. Die fahrende Masse stockte einen
Augenblick, und da sprang der Hiesel ber die Wulsten her, ri das
halb versunkene Soldtl, das noch immer lachte, aus dem Schnee heraus,
umklammerte den schlanken Krper unter den Armen und steuerte mit
wilden Sprngen, die der andere gelehrig mitmachte, gegen den festen
Waldgrund hinber. Hiesel? schrie Leupolt aus der Nacht heraus. Hast
du ihn?

Wohl!

Von droben klang die aufgeregte Stimme des Geheimrates: Ist etwas
geschehen?

Nit sorgen, Herr! antwortete Leupolt. Ist alles gut! Ich komm schon.

Drben am Waldsaum, neben einer Fichte, die von den Frhlingslawinen
schiefgebogen war, schttelte der junge Offizier die Schneebrocken von
seiner Uniform, whrend der Hiesel Schneck mit Lachen sagte: Gott
sei Lob und Dank! Man vernahm aus der Tiefe herauf einen schweren,
krachenden Plumps. Wieder lachte der Hiesel. Hrst es, Preierl!

Wat war 'n det?

Der Schnee. Verstehst? Wr der Leupi nit gewesen, so tten wir jetzt
da drunt liegen! Kreuzsausen und Himmelhund! Und 's Schneckenweibl
knnt ihre Sonntagstpperlen suchen, sie wei nit, wo!

Da legte der junge Oberst dem Hiesel Schneck die Hand auf den Arm.
Ick hab ihn for 'nen Rpel jehalten und merke, da er 'n janz famoser
Patron is. Ein feines, herzliches Auflachen. Die Haut scheint bei
uns deutschen Brdern nich det Wesentliche zu sein. Man mu hinter
's Leder kieken. Geb er mich seine Hand! Der Hiesel rhrte seine
Tatze nicht, weil er lauschend den weien Schdel strecken mute. Du,
da! sagte er scheu und leise. Lus! Er deutete gegen die Hhe, ber
der die groen Sterne des Berghimmels funkelten. Hatte das summende
Rauschen des Waldes einen geheimnisvollen Mitsnger gefunden? Wie
das Klingen einer fernen und sanften Glocke war es, war wie das
rhythmische Murmeln eines ruhig flieenden Baches, hatte dennoch einen
leidenschaftlichen, von Leid und banger Sehnsucht durchzitterten
Unterton, verstrkte sich und sank, wurde vernehmlicher und schmolz
aufs neue zusammen mit dem Rauschen der Bume, da es nimmer von ihm zu
scheiden war.

Wat is 'n det?

Ich hab als Evangelikaner noch ein bil junge Ohrwascheln. Aber
tusch ich mich nit, so singen da droben hinter dem Bergsattel die
Unsichtbaren. Ein lauer, fhniger Windhauch, der dem Morgen voranging,
wehte ber den Hang herunter, und der Liedklang vieler menschlicher
Stimmen wurde deutlich. Der junge Offizier erkannte das Lutherlied. In
einer Erregung, die ihn schttelte wie einen Fieberkranken, ri er den
Dreispitz herunter, prete ihn mit den Fusten gegen die Brust, sah
unbeweglich zu den strahlenden Sternen hinauf und sprach die Worte der
letzten Liedstrophe, die da droben gesungen wurde, mit lauter Stimme in
die Nacht:

  Nehmen sie den Leib,
  Gut, Ehr, Kind und Weib,
    La fahren hin,
    Sie haben's kein Gewinn,
  Das Reich mu uns doch bleiben.

Nur noch das Rauschen im Wald und der schweigende Sternglanz, von
dessen Widerschein die Schneekrystalle an den Felszacken feine,
farbige Lichterchen bekamen. Der junge Oberst drckte den Dreispitz
ber den Scheitel und begann mit ungeduldiger Hast das steile Gehng
hinaufzuklettern. Komm er! Bei einer Wende des Waldsaumes trafen
die zwei mit den beiden anderen zusammen, und atemlos begann der
Geheimrat ein franzsisches Gewirbel seiner Sorge herauszustammeln.
Der junge Oberst machte eine unmutige Handbewegung und sagte deutsch,
mit einer soldatisch harten Stimme: La er, Danckelmann! Wir haben
kostbare Minuten verlppert. Dort oben seind unsere neuen Kinder.
Eenen, der leidet, darf man nich warten lassen. Hinauf! Er kletterte,
als htte dieses Wort ihm Krfte gegeben, die alles Zarte seines
Krpers verwandelten zu sthlernem Willen. Leupolt Raurisser, von
einer schweren Erschtterung befallen, tastete nach der Schulter
des Grenzjgers. Hies! Die Stimme wollte leise sein und war doch
ein glckheies Jauchzen. Ich bin ein Blinder gewesen. Seine Hand
deutete hinter dem Steigenden her, den die Dunkelheit zu umschleiern
begann. *Der* ist der Helfer! Ein frohes Aufatmen. Dann ein heiteres
Flstern: Komm! Der braucht uns nit. Wir mssen das alte Knechtl
hinter ihm herlupfen. Jetzt ging es flink nach aufwrts, ohne da der
Geheimrat sich plagen mute. Ein Eichhrnchen schnalzte. Ein zweites.
Leupolt gab Antwort mit dem gleichen Laut. Und Danckelmann fragte: Was
ist das?

Es sind die Wchter. Wie graue Steinblcke, in den Kitteln der
Unsichtbaren, standen die Wchter im Schnee, der eine am Waldsaum, der
andere drauen auf dem freien Hang. Als die Aufwrtssteigenden schon
verschwunden waren, klang auf dem Schneefeld eine leise Knabenstimme:
Vater? Meinst du, er ist dabeigewesen? Aus der Finsternis des Waldes
antwortete die Stimme eines alten Mannes, so voll Inbrunst wie die
Stimme eines Betenden in tiefstem Leide: Gott soll's geben, Bbl, da
der Helfer kommen ist. Oder es mt die deutsche Welt verzweifeln.

Nach stummer Weile ein flehender Laut: Mir banget, Vater! Darf ich
hinber zu dir?

Jetzt nit. Dort ist dein Pltzl. Da hat man dich hingestellt. Da mut
du bleiben, bis der Morgen kommt. Ein Hoffender mu verlssig sein.

Nur noch das Rauschen der schwarzen Wipfel. Und manchmal sprang eine
kleine Schneescholle lautlos ber den weien Hang in die schwarze Tiefe
hinunter.




Kapitel XXIV


Unter dem Gewimmel der Sterne, die gro und glanzvoll am schwarzblauen
Himmel funkelten, erreichten die vier Mnner einen steinigen Grat,
von dem die Frhlingssonne den Schnee schon fortgeschmolzen hatte.
Wie eine groe Muschel wlbte sich die Felsmauer, auf deren Hhe sie
standen, um einen halbgerodeten Waldfleck, dessen wenige Bume finster
emporstachen aus einer grauweien, absonderlich gewellten Flche. Man
hrte undeutlich den Klang einer greisen Stimme und sah einen matten
Glutschein, der briggeblieben war von einem erloschenen Feuer. Leupolt
trat auf den jungen Oberst zu, der suchend in das Zwielicht sphte.
Schauet, gndiger Herr, da ist die heilige Frsagung.

Ick sehe niemand. Wo seind die Leute?

Grad vor uns. Mehr als tausend mssen es sein.

Vor dem Glutschein da drunten bewegte sich ein graublauer Schatten.
Eenen seh ick, sagte der junge Offizier, nee, viele seind es,
viele! Der Platz unter der Felswand, auf dem die Evangelischen
knieten, standen oder saen, eng aneinander gedrngt, mit ihren weien
Kitteln und Kapuzen, im Halbkreis um den Glutschein herum, glich einem
Gewirre mehlgrauer Maulwurfshgel, die mit schwachen Schimmerlinien
gesumt waren und sich immer hoben und senkten. Es war ein Bild, das
ergreifend und geheimnisvoll berhrte, aber auch befremdend war,
so sehr, da es auf die mangelhaft entwickelte Evangelikanerseele
des Hiesel Schneck belustigend wirkte. Er buckelte sich zusammen,
hmmerte mit der Faust aufs Knie und lie ein halbverschlucktes Lachen
vernehmen: Ho ho hohohooo! Das Gesicht des jungen Obersten fuhr nach
ihm herum, und die zornscharfe Stimme sagte: Wat hat er? Ick finde an
diesen Menschen nichts Lcherlichs.

Gotts Not und Elend, stotterte Hiesel erschrocken, ich versteh's
halt nit, verstehst?

Leupolt legte zuerst dem jungen Offizier, dann dem Geheimrat den
Mantel um die Schultern. Es weht ein schneidiger Luft, wenn's auf
den Morgen zugeht. Die Herren mssen sich gut einwickeln. Ich steig
derweil zu den Alten hinunter und red mit ihnen. Lautlos verschwand er
hinter den Schrofen in der Finsternis. Whrend er ber das Felsgezack
hinunterstieg, hrte er immer deutlicher die Stimme des Frsagers von
Unterstein: Die Trigen nahmen ihre Lampen; aber sie nahmen nit l mit
sich. Die Klugen aber nahmen l in ihren Gefen samt ihren Lampen. Da
nun der Brutigam verzog, wurden sie alle schlfrig und entschliefen.
Zur Mitternacht aber ward ein Geschrei: Siehe, der Brutigam
kommt, gehet aus, ihm entgegen! Die sanfte Stimme des Alten wurde
unterbrochen durch einen verzckten Knabenschrei: Da steigt einer aus
dem Berg heraus! Ein Lichtschein ist um ihn her!

Aus tausend Kehlen ein wunderlicher Laut. Alle weien Gestalten
zuckten auf. Einer, der gegen die Felswand hingesprungen war, erkannte
den Jger und rief: Der Leupi! Von Mund zu Mund ging es, wie ein
frohes Rauschen, wie ein Aufatmen der Hoffnung: Der Leupi Raurisser
ist kommen! Viele drngten ihm entgegen. Er stand wie eine graue
Sule im Schnee und rief ber das Gewhl der ihm entgegendrngenden
Weigestalten hin: Ein jeder soll bleiben an seinem Platz. Jeder soll
Ruh halten. Ich bring den Morgen unserer Not. Nur einen Schnaufer
Geduld noch, ihr guten Leut! Erst mu ich reden mit den Alten. Das
Gedrng der Weigestalten wich auseinander. Wieder bildete sich der
Halbkreis, wie er zuvor gewesen. Ein erregtes Stimmengewirr. Man hrte
seltsames Aufkichern, hrte leise, fast krankhaft klingende Schreie,
hrte das Fiebergestammel einer Verzweiflung, die in Freude verwandelt
war, und hrte lallende Laute, wie Betrunkene sie ausstoen, die lachen
mchten und nher dem Weinen sind.

Droben auf der schwarzen Felsmauer sagte einer, dem die Stimme kaum
gehorchen wollte: Danckelmann, das ist erschtternd! Was mssen diese
Menschen gelitten haben!

Auf der weien Rodung, rings um den roten Glutschein, war Stille.
Von der alten Fichte, die sich schwarz neben der Kohlenglut erhob,
sprangen elf Weiverhllte auf Leupolt zu, die Frsager der neun
berchtesgadnischen Gnotschaften, bei ihnen der Mann der Hasenknopfin
von Unterstein und der Christoph Raschp von der Wies, die in der
Osterwoche heimgekehrt waren aus dem Preuischen. Alle streckten
die Hnde nach dem Jger, alle stammelten die gleiche Frage: Ist
er kommen? Leupolt deutete gegen die Hhe. Etwas wundersam Frohes
war in seiner Stimme: Da droben steht er. Ihr sehet ihn nit in der
Finsternis. Und er ist doch unser Licht, ist unser Helfer in aller
Not! Einer von den Alten schrie wie ein Entrckter: Holz in die
Glut! Leut, es taget ber unseren Seelen! Viele sprangen gegen den
Glutschein hin. Die Scheite klapperten und klirrten. Ein Knistern
und Geprassel. Schwarze Rauchwolken umwirbelten die alte Fichte. Ein
Leuchten, ein wechselndes Lichtgezitter. Schn und lodernd stieg die
wachsende Flamme gegen die Sterne hinauf. Die knorrigen Wetterbume
schienen funkelnde Blten zu tragen, der Schneegrund war berwoben von
blitzendem Glanz und violettem Schatten, alle nahen Felswnde begannen
zu glimmen, und die tausend Weigestalten standen angestrahlt, als
wren ihre Leinwandkittel verwandelt in purpurne Gewnder. Zndet die
Kienbrnd! rief der Alte von Unterstein. Wir Frsager, alle neun, wir
steigen hinauf und holen den Helfer zum Feuer!

Ihr mt den Umweg machen ber den Karrensteig! sagte Leupolt. Unser
Helfer tt auch herkommen ber das Wndl. Der zwingt jeden Weg. Aber es
ist ein Mder bei ihm. Der mu ein linderes Strl haben. Und eh wir
den Helfer holen, mssen wir sicher sein, da sich kein Unbeschaffener
nit eingeschlichen hat durch die Wchterzeil. Er hob die Arme:
Die Gnotschaftsmeister! Zu mir! Neun Mnner kamen gesprungen, von
verschiedenen Stellen her. Zu ihnen sagte Leupolt: Das Feuer ist hell.
Jeder zu seiner Gnotschaft! Schauet jedem unter die Kapp, jedem in
die Augen! Wr einer dabei, dem ihr nit trauet auf Stein und Bein, so
mt ihr ihn ausweisen aus der Wchterzeil. Er lie einen Kienbrand
aufflammen am Feuersto. Kommet, Frsager, ich fhr euch. Whrend im
Ring der rotbestrahlten Weigestalten die Gnotschaften sich voneinander
sonderten, ging der Zug der Kienbrandtrger gegen den dichteren Wald
hinber. Hinter den Bumen verschwanden die Lichter halb und gaukelten
mit rauchigem Schein. Bei den Gnotschaftspltzen, wo einer um den
andern sich gegen das Feuer wenden und die Kapuze heben mute, schrie
pltzlich eine Knabenstimme: Wir Bischofswiesener sind hundertfnfe,
da sind zwei berzhlige. Ein zorniges Hindrngen. Aus den Reihen der
Mnner whlten sich zwei Weiverhllte mit schlagenden Armen heraus und
sprangen in wilden Stzen hinunter gegen den tieferen Wald der Ramsauer
Talseite. Die Verfolger jagten sie ber die Wchterzeile hinaus. Ein
flinker Bub vermochte den einen noch zu haschen, ri ihm die Kapuze
herunter, bekam einen Faustschlag ins Gesicht, taumelte ber den Schnee
und behielt zwischen seinen Fingern die schwarzen Zotten eines falschen
Bartes.

Ich bin nit schuld, Leut! sagte der Gnotschaftsmeister. Jeder von
den Meinen hat mir die heilige Losung sagen mssen. Da bei uns die
Polizeischnufler umschliefen wie die Mus in der Mehlkammer, das spren
wir lang. Aus der Unruh der anderen rief der Hasenknopf heraus: Wie
hrter die Prfung, so fester unsere Seelen. Blo um den Leupi mu ich
mich sorgen. Der ist sichtbar gewesen. Da blht es ihm morgen, da er
Sonn und Mond nimmer sieht.

Dem Leupi wird einer beistehen, der stark in ihm gewesen ist am
Bekennertag. Sell droben -- schauet, Leut! -- da bringen die Frsager
den Morgen unserer Not vom sternscheinigen Himmel her! Machet die Augen
sichtbar! Alle! Vor dem Helfer drfen wir uns nit verstecken. Der
Gnotschaftsmeister streifte die weie Kapuze in den Nacken zurck. Bei
der Feuerhelle sah man ein hageres Gesicht, in dem zwei sehnschtige
Augen brannten. Wie dieser eine, so taten alle. Tausend Gesichter
enthllten sich, junge und graubrtige, und alle waren einander
hnlich, hatten den gleichen drstenden Hoffnungsglanz in den Augen,
das gleiche stumme Leiden, das sie standhaft ertragen hatten um ihres
Glaubens willen. Alle diese heifunkelnden deutschen Bauernaugen
waren emporgerichtet zur Hhe der Felsmauer, ber deren Saum die von
rotem Licht umzitterten Kienbrandtrger mit den zwei fremden Herren
herunterkamen.

Der Hallturmer Grenzjger war nicht bei ihnen. Der war in der
Finsternis zurckgeblieben. Was er sah, dieses Wunderliche, zum
Lachen Reizende und doch Ergreifende, bedrngte ihm hart das langsame
Kindergehirn und machte ihn vllig hilflos. Mit dem Kopf zwischen
den Fusten, stand er wie ein Holzklotz, guckte dem Gaukelzug der
Kienbrnde nach, getraute sich nimmer zu lachen und klagte in das
Nachtschweigen: Herr Jesu mein, ich versteh's nit! Und ich versteh's
halt nit!

Die Kienbrnde qualmten im schwarzen Wald. Nun kamen sie auf die
Rodung. Deutlich sahen die Tausend beim Feuerschein den alten wrdigen
Herrn im braunen Mantelkragen; er ging entblten Hauptes, und seine
weie Percke war im Flammenschein wie ein aus Kupfer gebuckelter Helm.
An seiner Seite schritt ein anderer, klein, mager, gebeugt; das eckig
vorgeschobene Jnglingsgesicht zwischen den losen Haarwischen ging
immer hin und her; immer sphten seine Augen; der dunkle Soldatenmantel
war von roten Feuerlinien umzeichnet, und die Tressen glitzerten an
seinem Dreispitz wie die Juwelen eines Diadems. Das stumme Schauen
der Tausend verwandelte sich in unruhiges Stimmengesumm: Ein Soldat!
Da kommt ein Soldat! Schreck und Sorge klangen aus diesen Lauten.
Die Leiden der vergangenen Wochen wirkten nach in den Seelen der
Evangelischen. Manchen durchfieberte noch das zornvolle Grauen,
das er davongetragen hatte vom Vershnungsschieen, und alle waren
sie eingedenk der Mihandlungen, die sie erlitten hatten von den
Musketieren und Dragonern. Ein Soldat! Da kommt nichts Gutes. Ein
Soldat hat allweil den Teufel am Bndel.

Der Hasenknopf versuchte die Aufgeregten zu beschwichtigen. Ohne Sorg,
Leut! Bei den Preuen ist's allweil so: ob was Irdisches oder Heiliges,
berall ist ein Soldat dabei. Das sind nit solche Landschden wie die
unseren. Ein Soldat des Knigs von Preuen ist voll rechtschaffener
Zucht, ist allweil eine Landshilf und ein Leutfreund. Das klang
so unwahrscheinlich, da es nicht beruhigend wirkte. Die Hnde
erhebend, mahnte der Hasenknopf: Aber Brder! Ich bin doch gewesen im
Preuischen, hab's doch selber gesehen, wie da auf jedem Bodenfleck
der Menschenflei und das Recht hausen. Was ich euch erzhlt hab von
des Knigs Gt und vom Hilfswillen der evangelischen Leut? Ist das
alles ghlings verschwitzt? Blo weil an einem Soldatenhtl die Litzen
glanzen? Was geht der Soldat euch an? Der ist halt mitgeritten zur
Sicherheit fr den Herrn. Fr uns ist *der* die Hauptsach. Als Frstand
des evangelischen Korpus von Regensburg ist er fr die Salzburger
Exulanten ein Baum und Schild gewesen. Das Mitrauen der Leute schien
nicht vllig zu schwinden, aber sie wurden ruhiger und sahen dem Zug
der Kienbrandtrger mit schweratmender Erwartung entgegen.

Eine Stille, in der nur das Rauschen der groen Flamme noch zu hren
war, das Fauchen des Morgenwindes, der immer schrfer blies, und das
hurtige Summen der fernen Talbche. Die Frsager kamen mit den beiden
Herren zum Feuersto und warfen auf eine schweigsame, festliche Art
die Kienbrnde in die Flamme. Danckelmann trat gegen den Halbkreis
hin und schwenkte freundlich und dennoch wrdevoll die Reisemtze
gegen die tausend Mnner: Gr Gott, ihr lieben Leute! Ihr habt um
Hilfe nachgesucht, ich bringe sie im Namen meines allergndigsten
Herrn, des Knigs von Preuen, des Treuesten und Vterlichsten aller
Evangelischen. Schchtern antworteten viele Stimmen: Gr Gott! Gr
Gott! Und alle Augen hingen an dem wrdigen alten Herrn, zu dem man
Vertrauen haben konnte. Nur ein einziger, Leupolt Raurisser, sah in
erregter Erwartung immer den anderen an. Der war bescheiden hinter
dem Geheimrat zurckgeblieben, hatte ein bichen geschmunzelt, als
Danckelmann vom Vterlichsten aller Evangelischen sprach, war auf das
Feuer zugeschritten und hielt nun, whrend seine Augen neugierig ber
die vielen Gesichter huschten, die kleinen Hnde wie ein Frierender nah
an die Flamme. Im Schatten der Helle war seine zierliche Gestalt eine
schwarze Flche, in der sich nichts unterscheiden lie, und war nicht
wie der Umri eines Jnglings, sondern wie die Silhouette eines mden
Greises. Rote Glutlinien umschimmerten den schwarzen Ri und drngten
ihn noch dnner zusammen.

Ist der Mann anwesend, fragte Danckelmann, der zu Regensburg im
Auftrag der Evangelischen von Berchtesgaden bei mir war?

Wohl, Herr! Der Hasenknopf trat vor und machte, obwohl er keinen Hut
hatte, eine Handbewegung, als mte er den Kopf entblen.

Hat er den Leuten alles aufrichtig erzhlt, was er auf seiner Reise
durchs Preuische wahrgenommen?

Wohl, Herr! Von allem Guten hab ich verzhlt, vom evangelischen
Hilfswillen und von der festen Ordnung im Land. Von der Sicherheit,
in der jeder Brger und Bauer lebt. Und von der Glaubensfreiheit, von
den unbedrckten Seelen, von den evangelischen Gotteshusern, von den
Kanzelherren, die so gottfest predigen, und von den Pfarrhfen, in
denen gtige Frauen hausen, mit einem Hufl von lieben Kindern. Bei
dieser Feststellung fiel dem Hasenknopf eine wichtige Sache ein, die er
den Leuten noch nicht erzhlt hatte. Er wandte sich gegen den Halbkreis
der Gnotschaften. Wahr ist's, Leut, in der Gegend von Jterbog --
man kicherte ein bichen bei diesem wunderlichen Namen -- da bin ich
in einem winzigen Pfarrhfl gewesen. Leut, da hat's gewummelt als wie
im Immenkorb. Sind erst fufzehn Jhrlen verheuert gewesen, das Pfarrle
und die Pfarrfrau, und haben siebzehn Kinderlen gehabt, das achtzehnte
schon unterwegs. Im Ring der Leute prasselte ein heiteres Lachen
auf, und man hrte eine Bubenstimme: Sakrawolt, wie gottfest mu das
preuische Pfarrmnndle gepredigt haben! Wieder ein hundertstimmiges
Lachen. Das klang so froh, als wr' es fr diese bedrckten Herzen
ein wohltuende Erlsungswunder: da sie nach Monaten des Leidens
das ausgehungerte Zwerchfell ein bichen bewegen durften. Whrend
das Gelchter hinknatterte ber die vielen Kpfe, rief das magere
Schwarzfigrchen vom Feuersto franzsisch zu Danckelmann hinber: Das
ist die wirksamste Pastorenpredigt, von der ich noch je vernommen habe.
Sie hat tausend betrbte Christen im Handumdrehen frhlich gemacht. Der
fhige Gottesmann mu Konsistorialrat werden.

Es blieb auch in der Stimme des Hasenknopf ein munterer Klang zurck.
Wie von allem Guten, Herr, so hab ich den Leuten auch redlich verzhlt
von allem Harten. Da die Steuern nit linder sind, als bei uns.
Freilich, die schlupfen wieder frs Leutwohl ins Land hinein und gehen
nit fr Schuldzinsen und parisische Kebsfhlen drauf. Mu der Bauer im
Preuischen zahlen, so kriegt er auch was. Arg plagen mu er sich. Der
Boden ist mhsam. Da mu man tief hinunterackern, mu driefach misten,
und schwitzen mu man um Halm und Frucht. Aber die Leut sind riegelsam,
und der Wuchs ist berall gut. Die Kh haben Euter wie Metzenkrb,
und die Ross' haben Flachsen wie Eisen. Die Arbeit mu einer gern
haben im Preuischen. Sonst wr die Freud am Leben ein bil mager.
Die Gegnet schaut aus, als htt sie der Hllische eben geklopft mit
seiner Ofenschaufel. Kein Berg und kein Bergl nit. Alles Wasser lauft
sandig und langsam. Nirgends ein lustiger Bach. Der Wind mu die Mhlen
treiben, sonst tt die Halbscheid der Preuen kein Mehl nit haben.
Aber lebfreudig sind sie doch allweil und lachen gern. Sind standhafte
Leut. Wie man sagt bei uns: >Herr Jesu, dir leb ich, dir sterb ich!< --
so sagen's die Preuen bei aller Gottslieb von ihrem Land und Knig.
Aber wie die Leut da drunten reden! Man lust und lust und versteht's
nit recht. Da mssen wir im Deutschen ein bil umlernen, wenn wir ins
Preuische kommen. Bei uns im Wirtshusl schafft einer an: >Gelt,
Marianndl, bist so gut und bringst mir ein paar Schweinshaxln!< Im
Preuischen mu einer kommandieren: >He! 'n Eisbein! Wuppdich!< Wieder
prasselte ein Lachen ber die tausend Kpfe hin. Wahr ist's, Leut, die
Preuischen reden kurzzipflet und flink. Oft tut's unsereinem weh in
den Ohrwascheln, ich wei nit warum. Im Anfang hat's mich schier aus
dem Husl gebracht. Da kommt so ein Preu und sagt was. Du meinst, da
er beien mcht. Hrst du aber ein bil gutwillig hin, so kommt's dir
fr, als mcht er ganz freundlich Grgott sagen. Er kann's halt nit
anders. Sein Maulofen hat nit die richtig Wrm. Ist schad drum. Tten
die Preuischen mit unsereinem reden, wie sie schaffen und einwendig
sind -- wahr ist's, Leut, die mt man gern haben.

Jedes Land hat seinen Boden, jedes Volk seine Art, fiel Danckelmann
ein, man mu das nehmen, wie es ist. Bei euch im Sden ist auch
nicht alles, wie es den Preuen zusagt. Er schien gegenber den
Weisheiten der Hasenknopfischen Preuenforschung die Geduld ein bichen
verloren zu haben. Hinter ihm, beim Feuersto, klang ein herzliches
Knabenlachen. Dann halblaut das franzsische Wort: Dieser ehrliche
Mann hat recht, mein lieber Geheimrat! Wir sollten versuchen, etwas
Wrme hinter das Klappergebi zu bringen. Wieder lachend, drehte der
junge Oberst die Brust gegen die Flamme, breitete die mageren rmchen
und sperrte, ein bichen in parodistischer Art, die Zhne auseinander,
um den heien Hauch des Feuerstoes reichlich in seine Brust zu saugen.
Da fand auch Danckelmann seine freundliche Ruhe wieder. Er sagte: die
Evangelischen drften aller zureichenden Hilfe gewrtig sein; doch
lge es dem Knig von Preuen fern, dem Lande Berchtesgaden einen
Untertan abwendig zu machen; Hilfe htten nur jene zu erwarten, die
als Exulanten eingeschrieben, also von ihrem Frsten innerlich schon
gelst wren und sich einwandfrei als Protestanten erkennen lieen;
deshalb wre, ehe man von der Hilfe sprechen drfte, eine Prfung ihrer
Glaubensstze unerllich; man knnte nicht tausend Menschen auf ihren
Glauben befragen; so mchten die Evangelischen einen aus ihrer Mitte
whlen, der die notwendigen Fragen fr sie alle zu beantworten htte.
Gleich riefen Hunderte von Stimmen: Der Leupi Raurisser. Danckelmann
sagte: Das scheint die Majoritt zu sein. Wer dagegen wre, da dieser
Mann fr eure Seelen Zeugnis gibt, soll die Hand ausstrecken. Keine
Hand erhob sich.

Dem Jger war eine heie Verlegenheitsglut ber das Gesicht
geflogen. Jetzt nahm er im Feuerschein den grnen Hut vor die Brust.
Vergeltsgott, meine Brder! Das ist mir Ehr, die ich als heilig spr.
Er ging auf den jungen Oberst zu: Fraget, gtiger Herr! Ich will alles
ehrlich sagen, was mir in Herz und Seel ist. Das feurig angestrahlte
Soldtl machte verdutzte Augen und sagte, fast erschrocken: Vor mich?
Nee! Hflich komplimentierend deutete er auf Danckelmann. Der fragte
schon mit wrdevollem Ernst: Was glaubt er von Gott, vom Geiste, von
Gottes Sohn und vom Werke der Erlsung? Ein praktisch erfahrener
Katechet schien Danckelmann nicht zu sein; was er fragte, war fr den
ersten Anhieb reichlich viel. Der junge Oberst, ohne eine Miene zu
verziehen, flsterte dem Geheimrat franzsisch zu: Milder! Milder!
Ich wre schon in Verlegenheit! Auch Leupolt mute sich eine Weile
besinnen, um die vier Antworten verstndig zusammenzubinden. Dann
sprach er mit der Ruhe eines reifen Menschen, mit der Inbrunst eines
glubigen Herzens und doch mit der Einfalt eines Kindes. Alles sagte
er, da jedes Wort zu erweisen war durch eine Stelle der Bibel. Und
als der Geheimrat mit lauter Stimme fragte: Glaubt ihr das alle so?
-- da fuhren die paar tausend weien Arme in die Hhe, und die tausend
Stimmen riefen wie aus einer einzigen, andachtsvollen Seele heraus:
Wir glauben! Das war im sternfunkelnden Nachtschweigen, beim Rauschen
des Feuers und in der Traumstille des zwischen Winter und Frhling
kmpfenden Waldes ein so wundervoller Laut, da der junge Oberst vor
tiefer Erschtterung bleich wurde bis in die schmalen, hart aufeinander
gepreten Lippen. Vorgebeugt, das spitz herausgeschobene Gesicht
scharf abgehoben von der Feuerhelle, die bereinander gepreten Hnde
auf den Degenknauf gesttzt wie auf einen Krckstock, sah er mit gro
erweiterten Augen den Jger an und sphte ber alle Gesichter hin, ber
das rtliche Glimmbild der wunderlich gestalteten Felsen und ber das
Funkelgewlbe des schwarzblauen Himmels, den fern im Osten schon eine
matte Lichtahnung des kommenden Morgens berschlich.

Auch Danckelmann schien unter dem Eindruck dieses Augenblicks zu
stehen. Seine Stimme klang unsicher, als er fragte: Was glaubt er
von der Taufe, von der Sndenvergebung und vom heiligen Abendmahl?
Da brauchte Leupolt sich nicht zu besinnen. Was er sagte, ri die
Tausend wieder zu dem frohen Schrei empor: Wir glauben! Dennoch
schien der Geheimrat nicht vllig zufriedengestellt. Diese fromme
evangelische Seelenmusik erschien ihm nicht vllig frei von Klngen,
die ein strenger Protestant als halb katholisch empfinden konnte. Eine
Einwendung erhob er nicht, sondern fragte weiter: Was glaubt er von
Himmel und Hlle?

Himmel ist berall, wo der Herrgott ist. Und allweil bei Gott und in
ewiger Freud ist die Wohnstatt der Guten, wenn sie verschnauft haben
als redliche Christen. Zu jeder sauberen Seel in ihrer Todesstund
sagt Jesuchrist: Noch heute wirst du bei mir im Paradiese sein! --
berall, wo Gott nit weilen mag, ist Hll und ewige Pein. Da hausen die
Unverbesserlichen im Bsen.

Glaubt ihr das alle so?

Wir glauben!

So sag er mir --

Der junge Oberst legte wehrend die Hand auf den Arm des Geheimrats. Der
merkte das in seinem Eifer nicht und fragte: Sag er mir, was glaubt er
vom sogenannten Fegefeuer?

Ans Fegfeuer glaub ich nit.

Warum nicht?

Weil Gottes Weisheit das Nutzlose nit erschafft und ein zweckloses
Ding zwischen Himmel und Hll nit dulden kann. Die im unsauberen
Laster und in der Snd Verstockten kommen aus dem Feuer nimmer heraus.
Da reicht die Hll. Die redlichen Willens sind, die sndigen nit
unverzeihlich und kommen nit hinein ins Feuer. Da reicht der Himmel.
Ohne Schuld auf Erden ist blo ein einziger gewesen. Der Menschensohn.
Was sonst noch lebt, und tt es der Beste sein, ist alles wie ein
Hlml, das sich biegt unter hartem Wind und sich wieder aufrichtet in
guter Stund. Wozu ein Fegfeuer? Redliche Reu hebt jede schwachgewordene
Seel dem Herrgott entgegen. Da ist siebenfache Freud in der Hh. So
steht's geschrieben. So ist es.

Noch ehe Danckelmann eine Frage an die Tausend richtete, riefen schon
alle Stimmen: Ans Fegfeuer glauben wir nit.

Was hlt er von jenen, die anderen Glaubens sind als er?

Leupolt schwieg, seine Brauen zogen sich zusammen.

Warum unterlt er es, zu antworten?

Da wandte der Jger die trauernden Augen von dem wrdigen Manne ab, sah
den jungen Oberst an und sagte ruhig: Herr! Meine Mutter, von allen
Mttern die beste, ist eine gutkatholische Frau.

Will er damit sagen -- fiel Danckelmann ein. Weiter kam er nicht.
Neben ihm klang eine leise, scharfe Stimme: _Assez!_ Wieder legte
sich die schlanke weie Jnglingshand auf seinen Arm. Dann ein flinkes
Gewirbel franzsischer Worte, halb ernst, halb mit spttischem Klang:
Wir wollen da Schlu machen. Wer katechisieren will, soll's besser
verstehen als der andere. Jeder von diesen Christen, mein lieber
Danckelmann, glaubt hundertmal mehr als Sie. Von mir nicht zu reden.
Ich stehe nackt und frierend vor diesen warm umwickelten Seelen. Er
trat erregt auf Leupolt zu, betrachtete ihn mit einem freundlich
forschenden Blick und fragte mit leiser Zrtlichkeit, die seine Stimme
vllig vernderte: Hat er ooch 'ne Schwester?

Der Jger schttelte stumm den Kopf.

Schade! Und langsam, fast schleppend -- als wr' es fr ihn eine
Gedankenarbeit, die reindeutschen Worte zu finden -- sprach der kleine,
zierliche Offizier zu dem glhenden Gesicht des Jgers hinauf: Mutter
is der Name alles Gtigen uff Erden. Det Treueste und Wrmste heit
Schwester. Er htte verdient, 'ne Schwester zu haben. Seine weie
schlanke Hand fate eine Falte an Leupolts Kittel. Der zrtliche Klang
war erloschen, die Stimme verwandelt zu harter Strenge. Er is so 'n
reinlicher Christ, wie 'n wohljeschaffener Mensch. Wird er ooch 'n
ebenso beschaffener Brger werden? Ein huschendes Lcheln. Wat hlt
er von der weltlichen Obrigkeit?

Da sie so ntig ist, wie die hilfreiche Sonn ber dem Boden und wie
die Feuchtigkeit im Acker. Wenn's die richtige ist, die allweil im Land
das Gute und Rechte will, das Leben nit ntet, die Seelen nit zwngt,
so mu man ihr gehorsamen auf Schnaufer und Sterben.

So? Meint er? Wieder dieses flinkverschwindende Lcheln. Und welche
is unter solcher Obrigkeit die notwendigste Tugend eines guten Brgers?

Die Treu.

Ooch. Es gibt 'ne bessere.

Mutige Tapferkeit wider jeden Landsfeind.

Ooch. Es gibt 'ne bessere.

Leupolt schwieg, verwirrt durch den funkelnden Stahlglanz dieser
strengen Jnglingsaugen.

Ick will 's ihm sagen: *die Pflicht*. Det is der Hammer for alle
steinernen Nsse des Lebens. Un wee er ooch, wat for'n Unterschied is
zwischen Frst und Brger? Ick will's ihm sagen. Ein guter Frst und
'n pflichtvergessener Brger, da is der Frst der hhere. Ein guter
Brger und 'n pflichtvergessener Frst, da is der Brger der bessere.
Ein pflichtgetreuer Frst und ein pflichtgetreuer Brger, da is keen
Unterschied nich. Jeder ein Diener seines Volkes. Nun das leise,
feinspielende Lcheln wieder. Nna? Kann er det ooch glauben?

Wohl, Herr! Mit zitternden Fusten prete Leupolt den Hut an die
Brust. Jetzt steht das fr mich geschrieben. So ist es. Da glaub ich
dran.

Denn soll 'r seinen Glauben den anderen predigen. So fleiig und
gottfest, wie der Paster von Jterbog das Predigen verstund. Und
Preuen wird Wachstum haben. Jeb er mich seine Hand! Will er _dans cet
esprit_ der Unsere werden, denn bin ick der Seine. Und nu ruf er die
anderen her. Denen will ick sagen, wie der Knig von Preuen ihnen
helfen wird. Besser sollen sie's _naturellement_ nich haben als unsere
Preuen. Aber ooch nich schlechter.

In einem Sturm von Glck und Freude schrie Leupolts klingende Stimme
in das schne kalte Nachtschweigen: Her zu unserem Herrn, ihr
Brder in Christ! Der Helfer will reden zu euch! Wie eine groe,
rauschende, weigraue Woge strmte neben dem Feuersto der Halbkreis
der Gnotschaften gegen den Jger hin und schlo sich um die beiden
Herren und die Frsager zu einem engen Ring. Die Vordersten warfen sich
auf die Knie und kauerten sich auf den Boden, damit die hinter ihnen
Stehenden sehen und hren knnten. In diesem Ring von vorgestreckten
Kpfen, von glanzugigen, zwischen grellem Feuerschein und schwarzem
Schatten wechselnden Gesichtern klang die langsame, nach deutschem
Ausdruck ringende, scharfgeprete und dennoch wohllautende Stimme des
Sprechenden. Bei der atemlosen Stille, mit der sie lauschten, vernahmen
die Tausend jedes Wort.

Nur ein einziger verstand nicht; der einsame Hiesel Schneck auf der
rotglimmenden Felswand droben. ber die Wand hinunterzusteigen und
hinberzuspringen zum Ring der Lauschenden -- auf diesen Einfall
konnte er nicht kommen. So erfindungsreich und beweglich war sein
sechzigjhriges Kindergehirnchen nicht. Gewissenhaft blieb der
Hiesel, wo man ihn hatte stehen lassen. Obwohl er sich mit dem halben
Leib hinaushngte ber den Steinrand und die braunen Tatzen wie
Suppenschsseln um die Ohrmuscheln wlbte, konnte er nur manchmal
ein Wort erschnappen. Da drunten wurde alles beredet: die Lsung von
der Leibeigenschaft auf Kosten des Knigs von Preuen; das Reisegeld
fr die vllig Unbemittelten, die alles verloren hatten; Fhrung und
Frsorge, Verpflegung und Unterkunft fr die Dauer der weiten Wanderung
bis ins Brandenburgische und nach Ostpreuen; die Zuteilung von
gutem Ackerboden in fruchtbarer Gegend; zwanzig Morgen Feld fr den
einzelnen Mann, zwanzig bis dreiig Morgen fr kinderreiche Familien;
Bauholz, Steine, Kalk und Arbeitshilfe fr Errichtung von Wohnsttten;
Begabung mit Rindern, Pferden und Ackergert; unbedrckende, auf
viele Jahre verteilte Rckzahlung der empfangenen Werte; zehnjhrige
Steuerfreiheit fr das neue Dach; Einteilung in die Seelsorge; freier
Gottesdienst und Freiheit der Seelen.

Da da drunten beim Feuersto der Schnapsgutter oder ein Weinkrug
reichlich herumgereicht worden wre, davon hatte der Hiesel Schneck
trotz seiner ruhelos sphenden Luchsaugen nicht das Geringste gewahren
knnen. Drum blieb es ihm auch vllig unverstndlich, da die Tausend
beim lodernden Feuersto und in ihren grellbeleuchteten Schneekitteln
sich zu gebrden begannen wie froh und selig Betrunkene. Alle
drngten sie jubelnd gegen die fremden Herren hin, jeder wollte einen
Hndedruck des Helfers erhaschen, und die freudigen Jauchzer schrillten
durcheinander, als wrde da drunten nicht eine polizeilich verbotene
Trutzversammlung abgehalten, sondern eine heilige, das Blut und die
Seelen durchleuchtende Sonnwendfeier. Aus dem freudetrunkenen Gewirbel
der tausend Seligkeitslaute hrte der verdutzte Hiesel Schneck eine
verzckte Bubenstimme herausschrillen: Du Kaiser im Untersberg! Schlaf
weiter, so lang wie du magst! Da ist ein Lebendiger, der uns auflupft
aus aller deutschen Not! Dann eine Greisenstimme mit trunkenem Schrei
und voll junggewordener Kraft: Du Schneekittel, du mutloser und
trauriger! Ich brauch dich nimmer. Gucket, Brder, wie lustig mein
Lugenrckl brennt! Wie dieser eine tat, so taten hundert, so taten
alle. Gleich groen weien Vgeln flogen die Kittel und Kapuzen der
Sichtbargewordenen ins Feuer. Die lodernde Flamme wuchs und schlug noch
hher empor, als die Wipfel der hchsten Bume standen.

Mit groen Augen guckte der Hiesel Schneck hinunter auf diese
mrchenhafte Sache, die er nicht begriff. Das verrckte
Durcheinandergewirr und das jubelnde Geschrei erschien ihm als etwas
Lcherliches und stimmte ihn doch so sonderbar traurig, da er am
liebsten wieder heulen htte mgen wie damals in jener Schneenacht,
die ihm die evangelikanischen Heimlichkeiten seines Schneckenweibls
verraten hatte. Um sich dieser unbehaglichen Gefhlsbedrckung zu
entreien, rhrte er mit den Fusten in der Luft herum und knurrte
gallig hinauf zum sternschnen Himmel: Mar' und Josef, ich versteh's
nit, kreuzikruzisaxundfixige Weltsnoterei und Hllementshund du
verteufelter, und ich versteh's halt nit!

Wie der heilige Georg mit seiner Lanze losgestochen hatte auf den
menschenfressenden Giftdrachen, so stie der Hiesel den Eisenspitz
seines Bergsteckens zwischen die Steinrippen der unbegreiflichen Welt
und sauste mit wtenden Sprngen ber den steilen Hang hinunter zur
Holzerhtte, um in der Herdgrube ein Feuer anzuschren, wie es Leupolt
ihm aufgetragen hatte. Seine Pflicht und Schuldigkeit tat der Hiesel
unter allen Umstnden, auch wenn er nicht verstand, wozu es ntig war.
In dieser Hinsicht konnte man den Schneck mit einem guten Preuen
vergleichen, freilich unter dem Risiko, da der sonst so gutmtige
Hiesel mit seinem Bergstecken unbarmherzig auf jeden losdreschen wrde,
der so was Schauderhaftes ber ihn aussprach.




Kapitel XXV


Um die Dcher von Berchtesgaden blaute die Morgenfrhe, die nach der
Neumondnacht zu leuchten begann. Die hchsten, noch weien Bergzinnen
waren schon rosig angestrahlt, die Tler noch umsponnen von grauem
Frhschatten. Auf drei Trmen luteten die Glocken. Frauen und Mdchen
wanderten schweigsam zur Messe. Sie trugen das Gebetbuch und den
Rosenkranz zwischen vorgestreckten Hnden. Neben den vielen Musketieren
waren nur wenige Mannsleute und Burschen zu sehen, selten einer mit
frohen Augen.

Nicht nur die mden Menschengesichter, auch die Huser und ihre Mauern
erzhlten von den erbitterten Glaubenskmpfen der vergangenen Wochen.
Viele Kaufgewlbe waren geschlossen. Zwischen Husern mit grnen
Fensterlden und Flurpfosten stand immer wieder eines, dessen Tren
und Kreuzstcke mit Mohnfarbe angestrichen waren. Dadurch hatte die
Marktgasse unleugbar an malerischem Reiz gewonnen. Das prchtige,
reichlich verschwendete Rot und das saftige Frhlingsgrn stimmte gut
mit dem silbernen Wei der Mauern zusammen, das freilich der frher
blichen Reinheit ein bichen entbehrte. Mit Kohle oder schwarzer
Wagenschmiere, sogar mit einer Farbe, die man sonst bei knstlerischer
Bettigung nicht zu verwenden pflegt, waren auf den weien Mauern
phantasievolle Teufelsgestalten mit schweinsartig geringelten
Schwnzchen angemalt. Diese Zeugnisse einer naiven Volkskunst waren
textlich belebt durch Stoseufzer der christlichen Nchstenliebe,
gegen die man den Vorwurf einer gewissen Eintnigkeit erheben mute.
Auf jeder Mauer wiederholten sich die gleichen Geistesblitze:
Luthrischer Siach!, Du Salzlecker!, Verhllter Saukerl!,
Schwarzweier Prei!, Evangelischer Teufelsbraten! Von dieser,
seit dem Vershnungsschieen epidemisch gewordenen Volkskunst waren
auch die Mauern der Gutglubigen nicht verschont geblieben. Es erwies
sich wieder einmal das Sprichwort: Schrei hinein in den Wald und so
hallte heraus. Man hatte die Wnde der Treugebliebenen geziert durch
Mnchskpfe mit Ablazetteln als ausgestreckte Zungen, durch Heilige
mit Geldscken unter den Armen, durch Kapuziner mit Sbel, Muskete
und Bratwurstkrnzl. Diese Bilder waren aber nur noch fragmentarisch
vorhanden, weil man sie wieder heruntergekratzt hatte. Das war
polizeilich erlaubt: an ketzerischen Mauern war jedes Erlsungswerk
verboten; hier hie es: Volksstimme, Gottesstimme.

Hufig waren Huser zu sehen, deren Tren und Fensterstcke nach
ausgiebiger Terpentintaufe nur noch einen blaroten Schimmer
hatten. Man durfte da nicht immer auf eine reumtige Heimkehr zum
frstprpstlichen Glauben schlieen. Gleich in den ersten Nchten
nach dem Vershnungsschieen hatten evangelikanische Inkulpatanten,
wie Muckenfl rapportierte, zu heimtckischem Ausgleich auch die
Fensterstcke und Haustren gutglubiger Nachbarn mit roter Farbe
bestrichen. Viel Terpentin war ntig. Die Preise der erlsenden
Flssigkeit stiegen. Weil man schlielich -- helfe, was helfen kann
-- die flschlich verketzerten Haustren mit Kirschwasser, mit
Zwetschkengeist und doppelt gebranntem Enzian waschen mute, ergab
es sich, da alles, was unter die Bezeichnung Spiritus fiel, im Lande
Berchtesgaden eine schwer erschwingliche Sache wurde. Der Rausch
war ein seltenes Ding, man sah auch an Sonn- und Feiertagen keinen
Betrunkenen mehr, und Pfarrer Ludwig konnte heiter zu Lewitter sagen:
Er hat doch recht, der Amsterdamer! Keine Sach des Lebens ist so
kotzmiserablig, da sie nit irgendwie zur moralischen Besserung der
Menschheit dienen knnt.

Wie fast alle Huser der Marktgasse, so hatten auch die groen,
altersdunklen Torflgel des Stiftes ein neuzeitliches Aussehen.
An ihnen waren die vier groen, engbedruckten Papierbogen mit den
vielen Paragraphen des Exulationsediktes angeschlagen; der Mann
mit den entbehrlichen Schriftzeichen hatte hier die zwecklose
Buchstabenverschwendung zu einer Orgie ausgestaltet. Und wie ein
Herrscher sich umgeben sieht von seinen Generlen und Soldaten, so
war das groe Papierquartett der Landsverweisung aller Evangelischen
im Ring umnagelt mit allen Polizeiverboten, die aus dem Scho der
Bekehrungswochen herausgesprungen waren. An diesen weien Zetteln
ging der stille Strom der Kirchgnger vorber. Und ging vorber an
einem wunderlich blickenden Menschen, der auf den Marmorstufen des
Marktbrunnens hockte, zwischen den Armen ein schlummerndes Bbchen,
auf dem Bauernhut drei von Sonne und Regen verblichene Trauerbnder.
Jedesmal, wenn zwischen den Weibsleuten ein Mannsbild an ihm
vorberging, rief er mit erwrgter Stimme die gleichen Worte: Hi!
Luset! Kauft nit einer meinen Hausrat, meine Kh und meine Geien,
mein Feld und mein Futter? Ich geb's um den halben Preis. Blo der
Gerstenacker mu mein bleiben fr den gottsfreien Blumenwuchs. Da soll
man nit misten und mhen. Das ander alles kann einer haben um den
halben Preis. Ein sonderbares Lcheln. Jeder kann's kaufen. Alles ist
gutkatholische War. Die Leute sahen den Christl Haynacher in Erbarmen
an oder schttelten die Kpfe. Manche erkannten ihn nimmer. Er hatte
sich verndert. Sehr.

Nach der Woche ohne Mond und Sonne, die ihm das Vershnungsschieen
eingetragen hatte, war Christl Haynacher ein geduldiger Mann geworden.
Er versorgte seine Khe und Geien, kochte fr sein Bbl das Mus,
richtete unverdrossen auf dem Grabhgel seiner Martle ein neues Kreuz
wieder auf, wenn das andere verschwunden war, schreinerte schlielich
die ntigen Kreuze im Vorrat fr eine ganze Woche, und verschwieg
gehorsam die polizeilich verbotene Geschichte vom gottseligen Absterben
seines Weibes. Nur von dem heiligen Mirakel erzhlte er, das seine
zwei Preuenkinderlen aus der Armeseelenkammer in den Glanz des
Himmels hinaufgehoben hatte. So blieb er, bis der Kanzler von Grusdorf
aus Grnden der Staatsrson in der geduldigen Ergebung des Christl
Haynacher einen Wandel hervorrief. Unter Androhung vierzehntgiger
Haftstrafe verbot man dem Christl, etwas Kreuzhnliches auf das
Grab seiner Martle zu stecken, und zwei Dutzend Stockstreiche sollten
ihm gewhrleistet sein, wenn er nur einem einzigen Menschen noch die
Himmelfahrtsgeschichte seines ungetauftgetauften Zwillingsprchens
vorschwindle. So so? sagte Christl, als ihm Muckenfl diese
Regierungsverlautbarung aus dem gefhrlichen Notizbuch vorgelesen
hatte. Das Grab seines Weibes blieb ohne Kreuz, und um das Schweigen
leichter zu erlernen, vermied es Christl, mit Menschen beisammen zu
sein, wurde erschreckend mager und bekam die Augen eines wilden Tieres.

Vor zwei Tagen hatte man ihn zum Landgericht befohlen. Der Mutter
Jesunder war es aufgefallen, da der Haynacher immer hufiger in der
Kirche fehlte. Nun sollte er die schwarze Seele weiwaschen. Whrend
seine verstrten Augen ber den Tisch der Gerechtigkeit glitten,
sagte er ruhig: Mein Bbl mu sein Mus haben. Eine Magd kann ich nit
bezahlen. Soll ich fleiig die Me besuchen, so mssen mir die Herren
eine Kindsmagd stellen. Trotz andauernden Kopfschttelns wollte sich
aus dem justiziarischen Sauermilchgehirn keine verwertbare Butter
absondern. Bezahlte man dem Haynacher eine Magd, so mute doch wieder
das Mdel die Kirche versumen. Das war also gehupft wie gesprungen.
Und dem Stifte kam es billiger zu stehen, wenn der Himmel nur um das
Kirchengebet des Christl Haynacher verkrzt wurde. Man mute die Sache
auf sich beruhen lassen. Damit aber das Verhr nicht vllig ohne
Resultat bliebe, stellte der Landrichter _in miraculi sororum geminarum
causa_ an den Christl allerlei schwerbegreifliche Fragen. Der wortkarge
Haynacher, als er merkte, da ihm das Reden nicht nur gestattet, sogar
befohlen war, wurde beraus gesprchig, bekam einen heilig entrckten
Blick und schilderte das gottschne Wunder seiner Martle so genau,
als wre er selbst dabei gewesen. Und schauet, lieber Herr, da
ist's in der Finsternis allweil heller worden. Wie die Sonn an einem
Frhlingsmorgen, so ist der lichtscheinige Himmelsglanz hergefallen
ber das gottsliebe Prl. Zwei treue Mutterhndlen haben herausgelangt
aus der Hh --

Ssssssso? Der Landrichter lie den Puder seiner Wuckelpercke
nebeln. Feldwebel! Schmei er das besoffene Schwein aus meiner
Kanzlei! Das geschah. Und *wie* es geschah, in einem so gottsheiligen
Augenblick, das richtete im Verstand des Christl Haynacher eine so
verheerende Wirkung an, da er wie ein Verrckter hinberlief zur
Exulationskommission und sich einschrieb in die Liste der evangelischen
Emigranten, mit der ausdrcklichen Beifgung: als gutkatholischer
Christ. So ganz verstrt war er, da ihm bei der Eintragung sein
Bbchen nicht einfiel. Und nun bot er schon den zweiten Tag seine Habe
zum Verkauf: Ich geb's um den halben Preis! Blo der Gerstenacker
soll bleiben fr den gottsfreien Blumenwuchs. Da soll man nit misten
und mhen. Immer dnner wurde der Zug der Kirchgnger. Jetzt ffnete
sich die Tr eines nahen Hauses, und wrdevoll erschienen die vier
entbehrlichen Federstriche, mit groer Aktenmappe, mit tadellos
berpudertem Gehirnpelz. Mimutig musterten die kleinen Mausaugen
die frischgeweite Hauswand. Sei es, da man die tnchende Schicht
zu dnn genommen, sei es, da die Feuchtigkeit der Morgenluft den
Kalk transparent machte, so oder so, das vierzeilige Lied, das ein
unerforschbarer Missetter mit roter Farbe auf diese Mauer geschrieben
hatte, leuchtete deutlich durch:

  Du Christenschnufler, du Gottsentdecker,
  Tust du als fleiiger Seelenschmecker
  Dem Inkulpaten durch's Nasenloch gucken?
  Oder mut du dich tiefer bucken?

In Anbetracht der Gedankenspiele, die das doppelhckerige Justizgehirn
des Landrichters durchkribbeln muten, konnte man, als sein Scharfblick
von der getnchten Mauer hinberglitt zum Christl Haynacher, eine
Besserung seiner Laune kaum erhoffen. Dennoch kam sie. Mit einem fast
heiteren Lcheln blieb er vor dem Bauer stehen. Nun? Er hat sich ja,
wie ich hre, inskribieren lassen als Exulant?

Wohl, Herr! Langsam hob der Christl die tiefliegenden Augen. Aber
nit als Evangelischer. Ich und mein Bbl, wir bleiben gutkatholische
Christen bis zur erlsenden Sterbstund.

Das Lcheln des Landrichters wurde noch frhlicher. Ich observiere
mit Satisfaktion, da er seinen Deszendenten ausdrcklich als
katholisch nominiert und will es _ad notam_ nehmen. Dieses Deutsch
verstand der Christl nicht. Er guckte stumm. Aber meint er nicht,
mein guter Haynacher, da es, wenn, auch auerdienstlich, ein hoher
Gerichtsbeamter mit ihm spricht, generaliter empfehlenswrdig wre,
sich vom Sitzfleisch zu erheben?

Das geht nit, Herr, mein Bbl schlaft. Es hat nit schlafen knnen die
ganze Nacht. Ein bil Ruh, Herr, mu man einer Menschenseel vergnnen.

Ja. Gut! Bleib er also sitzen! Aber hat diese Schlafsucht seines
Kindes nicht eine andere Ursache? Man hat mir rapportiert, da er viel
mit seinem Bbchen redet, auf eine sonderbare Weise.

So so? Der Bauer legte den Hut mit den Trauerbndern auf die
Marmorstufe und strich sich mit der Hand bers Haar, das hinter dem
rechten Ohr einen weilichen Fleck bekam, vom vielen Kratzen.

Im Blick des Landrichters glnzte die Freude eines inquisitorischen
Fundes. Da erzhlt er wohl jetzt seinem *Kinde*, was den Leuten zu
erzhlen ihm verboten ist?

Gott bewahr! Christls Augen funkelten wie Wolfslichter. Ich tu
allweil gehorsamen, Herr!

Was schwatzt er dann immer mit seinem Kind?

Ich tu nit schwatzen, Herr! Ich tu dem Bbl, wenn es nit schlafen
kann, ein Liedl singen.

Man rapportiert mir aber, das wre geredet, nicht gesungen.

Ein hartes Lachen irrte um Christls aschgraue Lippen. Jeder singt,
wie er's kann. Und wie man ihn lat. Der Haynacher erhob sich,
schmiegte das wachgewordene Bbl an seine Brust und sagte fromm:
Gelobt sei Jesuchrist und die heilige Mutter Marie, drietausendmal
in Ewigkeit Amen! Ehe die vier berflssigen Buchstaben denkfhig
wurden, war der Haynacher schon davongegangen. Erst nach einer Weile
vermochte Doktor Halbundhalb die Wahrheit zu ergrnden: es handle
sich da um einen schwachsinnigen Menschen, der, als Inskribierter,
nicht im klaren war ber die politische Zustndigkeit seines
eingestandenermaen katholischen Deszendenten. Man kann das Kind einem
solchen Narren nicht lnger berlassen. Das wre unmenschlich. In
diesem Gedankengange wurde der Landrichter durch einen jungen, schon
zu krperlicher Rundung neigenden Klosterbruder unterbrochen, der aus
dem Stiftshof herauskam und auf ihn zutrat. Obwohl er glatt rasiert
war, erinnerte er merklich an den Grenzmusketier mit dem zottigen
Faschingsbart. Das gedunsene Gesicht sah ein bichen ermdet aus, ein
bichen abgehetzt. Die Hnde in die Kuttenrmel geschoben, verneigte
er sich demtig und sprach ein paar leise Worte -- nicht: Gelobt sei
Jesus Christus! -- er sagte was anderes und flsterte vom Leupolt
Raurisser. Doktor Willibald stutzte. Rasch verschwanden die beiden in
der Torhalle des Stiftes.

Eine Viertelstunde spter trabten auf flinken Gulen zwei Dragoner
und ein berittener frstprpstlicher Jger gegen die zum Hallturm
fhrende Strae hinaus, vorber am aufblhenden Freudengrtl der
allergndigsten Aurore de Neuenstein, die eben aus ihrem Schlafzimmer
auf das zierlich verschnrkelte Altnchen heraustrat, um in der
milden Sonne des schnen Lenzmorgens ihre Schokolade einzunehmen.
Trotz der frhen Stunde trug das kindhafte Frulein kein bequemes
_Deshabill_, sondern war schon geschnrt, wenn auch nicht vllig
zur zarten Wespentaille wie sonst. Frisiert war sie noch nicht, aber
schon geschminkt und schnbepflastert. Sehr reichlich. Sonst hatte
sie nur immer zwei Schnheitspflsterchen neckisch verwendet. Jetzt
trug sie ein halbes Dutzend. Das hatte unliebsame Ursachen. Ihr holdes
Unschuldsgesichtchen war seit einiger Zeit ein bichen verpustelt,
als wre sie eine Liebhaberin heftig gewrzter Speisen geworden. Auch
schien sie von dem Familienbel derer von Grusdorf befallen zu sein:
von der Gicht. Tglich nahm sie ein gesalzenes Bad, so hei, wie es
eine zarte Menschenhaut nur mit Aufwand grter Tapferkeit zu ertragen
vermag. Auch an seelischen Depressionen krankte sie und wurde hufig
von Weinkrmpfen befallen, wie ein den weien Muschen zuneigender
Zechbruder sie im besoffenen Elend zu bekommen pflegt. Doch an jedem
Abend, wenn der Landesherr sich mit seiner Freundin _en titre_ zur
gemeinsamen Mahlzeit setzte, wurde Aurore de Neuenstein berraschend
liebenswrdig, sprhte von Heiterkeit und wute ihren _matre ador_ in
eine Stimmung zu versetzen, die ihn seiner vielen abtrnnigen Subjekte
vllig vergessen lie. In solch einer gutgelaunten, fr kstlichen
Nachtschlaf sorgenden Stunde uerte er einmal die anerkennende
Meinung: einer reizvolleren Freundin knne sich auch der Knig von
Polen nicht erfreuen, dem doch bekanntlich die grte Auswahl zur
Verfgung stnde.

Dankbar fr ein so ehrenvolles Kompliment, berbot sich Aurore de
Neuenstein in entzckenden Munterkeiten, die ihr um so leichter
gelangen, weil Graf Tige, an langwieriger Verkhlung leidend, sich
chronisch von der intimen Tafel der Allergndigsten exkusieren lie.
Das nannte Herr Anton Cajetan so verwunderlich wie das unerforschbare
Rtsel der Armeseelenkammer. Nicht ganz begreiflich war ihm auch der
Zustand andauernder Feindseligkeit, der zwischen seiner niedlichen
Freundin und ihrem morosen Onkel von Grusdorf zu bestehen schien. Bei
einer Diskussion dieses erstaunlichen Familienzwistes verga Aurore de
Neuenstein wieder einmal ihrer feinen Pariser Bildung und schwbelte in
bebendem Zorn: E rechts Kameel isch'r. Wo was schief geht im Lndle,
isch'r ratlos und wei koi Mittel nit. Sie selbst erschrak ber diesen
heimatlichen Ausbruch ihrer dunkelsten Unruhe. Herr Anton Cajetan aber
hatte nur eine politische Wahrheit herausgehrt, die ihn nachdenklich
klagen lie: Ein groer, in allen Relationen versierter Staatsmann
ist so selten, wie ein reiner Engel auf Erden. Er kte galant das
Hndchen seiner verblfften Freundin, die erleichtert aufatmete. ber
solch jhes Erschrecken, wie ber das ruhelose Mitrauen, von dem sie
stets erfllt schien, konnte sie nie einen vllig hllenden Schleier
ziehen. Wenn die harmloseste Sache geschah, wenn der Klopfer an ihrem
Gartentor gerhrt wurde, wenn ein Lakai erschien, wurde sie immer
zuerst von einer heftigen Konfusion befallen, bevor sie ihre Kontenanz
und ihr unschuldsvolles Lcheln wieder fand. Und als sie auf ihrem
Altnchen das Hufgeklapper hrte und die beiden Dragoner in Begleitung
eines frstprpstlichen Jgers so hurtig traben sah, erschrak sie _
tel point_, da sie unter der rosigen Schminke erblate. Allerdings,
diesmal entbehrte ihr Schreck auch einer realen Beziehung nicht.
Vor einigen Tagen hatte sie, fr alle unvorhergesehenen Flle, ihre
kostbarsten Schmuckstcke, die Mehrzahl ihrer Pariser Toiletten,
ihre feinste brabantische Spitzenwsche und zwei schwere Kassetten
mit klug ersparten Dukaten nach Reichenhall geschickt, ber die
berchtesgadnische Grenze. Just *dieser* Grenze trabten die zwei
Dragoner und der frstprpstliche Jger entgegen, mit einer Eile,
als htten sie auf amtlichen Befehl was flchtig Gewordenes wieder
einzufangen. In der ersten Bestrzung zeterte Aurore de Neuenstein:
Soldate! Soldate! Was isch denn? Halt! Ihr saudumme Kerle, hret ihr
denn nit?

Sie hrten nicht. Und die Allergndigste verbrachte eine qualvolle
Stunde, bis ihre Zofe aus der Pflegerkanzlei die beruhigende Nachricht
brachte, da die Drei nur davongeritten wren, um den Leupolt Raurisser
wegen Teilnahme an einer nchtlichen Frsagung dem Aufenthalt ohne
Mond und Sonne entgegenzufhren. Zur Beruhigung des berstandenen
Nervensturmes nahm Aurore de Neuenstein ein dampfendes Salzbad,
ungefhr um die gleiche Stunde, in der die drei Berittenen die
Grenzwache beim Hallturm erreichten. Hier gab's einen Aufenthalt.
Vornehme Gste wurden feierlich empfangen, der Gesandte des Knigs
von Preuen mit seinem Geleitsoffizier, dem Obristen von Berg. Eine
Eilstafette mute absausen, um dem frstprpstlichen Hof die Ankunft
des Gesandten zu melden. Erst, als die beiden Herren im Schritt
davonritten, hinter einer Ehreneskorte von sechs Dragonern, fanden die
Drei, die zum Hiesel Schneck wollten, einen Fhrer.

Das kleine Jgerhaus lag schweigsam, mit verschlossener Tr. Im
offenen Geistall pltscherte was. Als die Soldaten durch den niederen
Einschlupf guckten, erschrak das Schneckenweibl frchterlich. Die
Drei sprangen auf die Stubentr zu und fanden den Hiesel schnarchend
im Bett. Kerl, was liegst du am lichten Tag in den Federn? Das ist
verdchtig. Mit einer an ihm seltenen Beweglichkeit des Geistes
antwortete Schneck: Heut in der Nacht bin ich beim Hahnverlusen
gewesen. Verstehst? Der frstprpstliche Jger besttigte: Allweil
schlaft man nach dem Hahnverlusen. Er wandte sich an Hiesel:
Deintwegen kommen wir nit. Wo ist der Raurisser?

Schneck, dem das Blut in die Stirn fuhr, nahm seine Zuflucht zu einem
gesunden Himmelhund: Kreuzteufel und Hllementsnoterei, was wei denn
ich? Damit der Schlfer auf dem Heuboden erwachen und durch eine
Dachluke entspringen mchte, schrie er aus Leibeskrften: Ich bin doch
nit dem Leupi seine Kindsmagd! Wird halt drauen im Wald sein. Das
hat er nit schmecken knnen, der Leupi, da die *Dragoner* kommen.
Das Wort war wie ein Trompetensto. Droben ber der Stubendecke ein
leichtes Gepolter. Gott sei Dank, dachte Hiesel, jetzt fahrt er
davon! Dabei tat er, um jedes Gerusch da droben zu bertnen, einen
brllenden Fluch um den andern und strampelte mit den Beinen gegen
die Bettlade. Er war ein prchtiges Mannsbild, der Schneck, nur kein
Menschenkenner. An der Decke wurde die Stiegenklappe gehoben, und
man hrte eine ruhige Stimme sagen: Ich bin daheim. Und komm schon.
Gleich. Die Schneckin heulte in ihre Schrze, und Hiesel knirschte
wtend gegen die Wand: So ein Rindviech, so ein ehrenhafts!

Leupolt kam ber die Stiege herunter, in dem verwitterten
Bergjgerkleid, das er in der Nacht getragen hatte. Was soll's, ihr
Leut?

Du mut mit uns. Befehl der Stiftskanzlei.

Gut! Seine Augen glnzten. Als ihn die Dragoner packten, ihm die
Hnde hinter den Rcken zogen und den Strick um die Gelenke schnrten,
sagte er lchelnd: Das wr nit ntig. Ich geh gutwillig. Jetzt ist
kein Weg nimmer, der nit der Erlsung zulauft. Er drehte das Gesicht.
Vergeltsgott, Mutter Schneckin! Fr alles. Und Vergeltsgott, Hies! Dir
bleib ich gut. Er trat hinaus in die Sonne, die drei anderen hinter
ihm. Mit einem frchterlich gestichelten Himmelskter sprang Hiesel
Schneck aus dem Bett heraus, im Hemd. Das war seit vierzig Jahren,
trotz seltener Wsche, ein bichen eingegangen und kurz geworden.
Man sah, was man nicht sehen wollte. Der Hiesel hatte magergeselchte
Beine, fast so haarig wie Ziegenlufe. Gar nicht appetitlich sah er
aus. Dennoch war etwas Schnes an ihm, als er die schttelnden Arme
hob und hinaufklagte zur schwarzen Stubendecke: Herrgott, Herrgott,
was fr eine Welt ist das, verstehst! Wo der Redlichste nimmer sicher
ist seiner Haut und Seel! Eine knirschende Wut befiel ihn. Her da,
Schneckin! Her zu mir! Er machte mit dem Zeigefinger eine Bewegung,
wie schlechte Hundepdagogen sie zu machen pflegen, wenn sie einen
widerspenstigen Teckel heranbefehlen. Als er das schluchzende Weibl
umklammert hielt, brllte er in seinem ehrlichen Menschenzorn: Jetzt,
Schneckin, verstehst, jetzt hat der christliche Hafen bei mir ein Loch.
Heut in der Nacht, verstehst, da bin ich noch allweil kein richtiger
Evangelikaner gewesen. Jetzt bin ich einer. Gottsherrgottsakerment, ich
exulier, ich exulier und ich exulier, jetzt grad mit Flei! Verstehst,
Alte?

Wohl, Schneck, versteh schon! weinte sie. Aber ehnder du exulieren
kannst, mut du allweil ins Hsl schlupfen! Verstehst? Der Hiesel
verstand nicht. Er sprang unter einem Himmelhund, der so lang wurde
wie eine Wagendeichsel, zum kleinen Fenster hin und legte sich, um
hinauszugucken, mit beiden Armen in die Nische. Dadurch wurde das
kurze Hemd noch krzer. Auch die Stimme des Schneck erinnerte an
ein klagendes Kind: Herr Jesus, Jesus, Schneckin, jetzt binden die
Saubrder, die gottverfluchten, den Buben an die Rsser an! So
schrecklich, wie es fr den Hiesel aussah, war es in Wirklichkeit
nicht. Als die zwei Dragoner aufgestiegen waren, knpfte jeder ein Ende
des Strickes, mit dem sie Leupolt gefesselt hatten, an den Sattelknauf.
Und fort. Der Jger zwischen den beiden Gulen. Die hatten keinen
allzulangen Schritt. Da war schon mitzukommen. Aber sobald die Reiter
auf der breiten Strae waren, fingen sie zu traben an, weniger aus
Diensteifer als aus Neugier; sie wollten den Einzug des preuischen
Gesandten zu Berchtesgaden nicht versumen. Leupolt mute springen,
verlor den Hut und sagte: Leut! Mein Htl! Haltet ein bil!

Ein Dragoner lachte: Wo du hinkommst, brauchst du kein Htl nimmer.
Sei froh, wenn du den Kopf behaltst. Und weil er sah, wie flink der
Leupolt Raurisser zu springen verstand, begann er den Gaul zu spornen,
als wre er neugierig, welcher von beiden der bessere Springer wre,
der Jger oder das Ro. Die gefesselten Hnde hinter dem Rcken, den
Kopf in den Nacken zurckgelegt, das Gesicht umweht von den feuchten
Strhnen des Blondhaars, die Brust nach vorne geschoben, mit ruhig
pumpenden Atemzgen, so sprang der Jger und war nicht langsamer als
die Gule. In seinen Augen schwamm ein heier und froher Glanz, in
seiner Seele der Gedanke: Dort, wo ich hinspring, ist der Helfer
und mein Glck. Die Dragoner, die fr ihre Gule ehrgeizig wurden,
begannen zu galoppieren. Leupolt sprang, ein Lcheln um den halb
offenen, durstig atmenden Mund. Der junge schlanke, stahlsehnige Jger,
der das Beste seiner Kraft herausholte aus den beschwingten Gliedern,
bot einen Anblick, da der Herrgott, htte er auf ihn heruntergeschaut,
in Stolz und Freude htte sagen mssen: Wie schn und kraftvoll ist
der Mensch, den ich erschuf!

Schon tauchten die Dcher und der Kirchturm von Bischofswiesen ber
die Hgel. Auf der harten Kalksteinstrae war der hmmernde Hufschlag
weit zu hren. Nahe den ersten Husern ritten im Schritt die sechs
Dragoner, die man dem preuischen Gesandten als Ehreneskorte gegeben
hatte. Der junge Oberst, mitten im franzsischen Geplauder, drehte
das Gesicht nach Art eines wachsamen Soldaten, sah den springenden
Menschen zwischen den beiden hetzenden Gulen, erkannte den Jger,
ri unter einem kurzen Laut das Pferd herum und jagte den Dragonern
entgegen. Ein Dutzend Schritte vor ihnen verhielt er den Fuchs und
streckte die Reitpeitsche seitwrts, als wr's eine Schranke, ber die
es kein Hinber gab. _Ne bougez pas! Gredins!_ Seine Augen blitzten.
In der Gewohnheit der Sprache, die ihm gelufiger war als die Sprache
der Heimat, quirlten die jhzornigen Worte aus ihm heraus: _H! Vous!
tes-vous des soldats allemands ou des bourreaux? Rendez la libert 
cet homme!_ Wollt ihr? _Hein?_ Gebt den Mann da frei! Danckelmann, mit
Sorge in den Augen, kam herangetrabt und wisperte franzsische Worte.
Ach wat! Ein unwilliges Kopfschtteln. Det duld ick nich. Sei es uff
preuischem Sand oder fremdem Boden. Der junge Oberst gab dem Fuchs
einen Sporendruck und trieb ihn gegen die beiden Dragoner hin. Wat
hat der Mann da verbrochen? Die Dragoner, ohne zu antworten, machten
verdutzte Kpfe, und Leupolt, zwischen den schnaufenden Gulen, stand
aufrecht, mit glanzvollen Augen, so kraftvoll atmend, da ihm die
Schultern und der Brustkorb auf und nieder gingen. Habt ihr Wolle in
den Ohren? Ick frage, wat der da verbrochen hat.

Verdrossen murrte einer von den Dragonern: So ein luthrischer Siach
ist er.

Wat? Eine rasche Wendung gegen den Geheimrat: _Est-ce que vous avez
compris? Moi pas._

Danckelmann verdolmetschte: _Il prtend que le chasseur est un de ces
infmes luthriens._

Oh? Der junge Oberst lchelte. Sonst hat er nischt verschuldet?

Nit um ein Hrlhaar! sagte der Frstprpstliche. Ist allweil der
Beste von unserer Jgerei gewesen.

Gegen den linken Dragoner hinreitend, befahl der junge Oberst: Er! Vom
Gaul herunter! Weil der Dragoner zgerte, wurde die Stimme schrfer.
Kennt er keenen Offizier nich? Runter vom Gaul! Den Mann da vom
Strick! Jetzt stieg der Dragoner aus dem Sattel; whrend er den Strick
vom Gaul und von Leupolts Hnden nestelte, brummte er immer vor sich
hin, nicht freundlich. Der junge Oberst lachte. Na, Kerl, er kann sich
seinem Herrgott rekompensieren, da er keen Preue nich is. Sonst s
er morgen im verdienten Loch.

Als Leupolt frei war, hob er die leuchtenden Augen. Vergeltsgott,
Herr! Man sprt, da der Helfer kommen ist.

Zeig er mich seine Hnde! Sich niederbeugend, betrachtete der Oberst
neugierig die weien Narbenbnder, die sich um Leupolts Handgelenke
zogen. Man sah nur die eingewrgten Striemen, kein Blut. Wieder ein
heiteres Lachen: Det luthrische Leder is dauerhaft. Kann er reiten? So
steig er uff den leeren Gaul! Und komm er an meine Seite. Der junge
Offizier in der Mitte, Danckelmann zur Rechten, der hutlose Leupolt
Raurisser zur Linken, so ritten die Drei davon. Immer schwatzte der
Oberst mit dem Geheimrat. Pltzlich wandte er das frhliche Gesicht dem
Jger zu: Wie lange hat er so springen jemut?

Vom Hallturm bis zu Euch, Herr!

_Parbleu!_ Ein drolliges Staunen war in den groen Stahlaugen. Mir
jeht die Puste aus, wenn ick hundert Sprnge mache. Wat mu er Luft in
die Lungen haben und Schmalz in die Beene. Franzsisch zu Danckelmann:
Das wird ein Preue, um den der Ritt sich gelohnt hat. Der Lachende
verstummte, seine Augen glitten staunend ins Weite. Hinter dem
Untersberg und seinen vorgelagerten Waldnasen hatte der hohe Ghl sich
hervorgeschoben, die ganze herrliche Silberkette bis zum Steinernen
Meer. Und ihr zu Fen der keimende Frhling. Wie schn ist das! In
enthusiastischem Entzcken, mit einem Wirbelsturm von Worten, schttete
der Begeisterte alle Freude einer andchtigen Knabenseele aus sich
heraus. Und griff hinber zum Arm des Jgers, mit einem Ton, der etwas
Beleidigendes hatte: Kerl, sonne Heimat verlt er?

Leupolts Stirne wurde hei. Dann tat er einen tiefen Atemzug und sagte
ruhig: Man tut's nur um Gottes wegen.

Der junge Oberst blieb stumm, war nachdenklich, sa gebeugt im Sattel
und blickte immer vor sich hin. Jetzt ein Aufzucken, ein ernster Blick
auf den Geheimrat. Danckelmann! Nach diesem deutschen Namen die
franzsischen Worte: Nun beginne ich die Menschen erst zu begreifen,
die wir gesehen haben in dieser Nacht. Welch ein gottverlorener Esel
mu ein Frst sein, der solche Untertanen ber die Grenze jagt.
Von diesen Christen soll Preuen noch Gewinn haben. Und ich will
sorgen dafr, da sie Gewinn haben von Preuen. Sie hatten die
ersten Huser von Bischofswiesen erreicht. Es kamen die Brandsttten,
die geplnderten Stlle. Der schweigsam gewordene Offizier, mit
vorgeschobenem Gesicht, lie immer die Augen gleiten. Er schien nur
das Bild der Verwstung zu sehen, nicht die Musketiere, die neben der
Strae salutierten, nicht die Mnner und Burschen, die zu den Zunen
gesprungen kamen, ein hoffendes Erkennen im Blick. Mit einem Laut
des Ekels wandte er sich von einer Wiese ab, die berstreut war mit
zertrmmertem Hausgert, und sagte franzsisch zu Danckelmann: Trab!
Dieser Lieblichkeit mu man entrinnen. Wir Deutsche mgen viel Gutes
haben. Witz und Geist besitzen die Franzosen. Nur *ihre* Sprache konnte
das aktuelle Wortspiel ersinnen: _chrtien, crtinisme_. Er ritt, mit
gebeugtem Kopf, ritt immer schneller, hielt die Augen halb geschlossen
und hatte was Greisenhaftes in dem jungen Gesicht. Schon lange war
das verwstete Dorf hinter grnenden Hgeln verschwunden, als Leupolt
sagte: Da kommen die berchtesgadnischen Herren.

Der Oberst straffte ruckartig den Krper, lie den Geheimrat
vorausreiten, war verwandelt in einen anderen Menschen, war jung,
war liebenswrdig, aufmerksam auf jedes Wort, und machte, whrend
Danckelmann den Obristen von Berg als seinen Begleitoffizier den
zwei Kapitelherren vorstellte, so grazise Komplimente, als htte
die erfahrenste Dame der groen Welt sie ihm einstudiert. Graf Tige
begann ber dieses zierliche Wesen zu schmunzeln und flsterte dem
Domizellaren von Stutzing in die Percke: Der? Ein Soldat? Ach nein!
Das ist ein markierter Tanzmeister. Besser schien der junge preuische
Offizier dem Grafen Saur zu gefallen. Der Kapitular fand whrend des
Weiterrittes Vergngen an dem eleganten Franzsisch, das gespickt
war mit prickelnden Wortspielen, mit enthusiastischen Hymnen auf die
Schnheit des berchtesgadnischen Landes. Mitten im heitersten Geplauder
wurde der junge Oberst ernst: _Cher comte!_ Eine Angelegenheit, die
mir dringlich erscheint! Ein Mann wurde entgegen den Reichsgesetzen in
brutaler Weise wie ein Verbrecher mihandelt, nur weil er Protestant
ist. Ich habe den Schuldlosen unter meinen Schutz genommen und stelle
die Bitte, da mir dieser Landkundige fr die Dauer meines Aufenthaltes
zugeteilt werde zu meinem persnlichen Dienst.

Ich glaube das zusagen zu knnen, auch ohne Rcksprache mit meinem
Allergndigsten. Wer ist der Mann?

Der da hinten auf dem Dragonergaul, der junge Mensch ohne Hut.

Graf Saur wandte die Augen und schien sehr unliebsam berhrt zu sein;
doch hflich sagte er: Ihr Wunsch, Herr Oberst, ist bewilligt. Seine
Liebden der Frstpropst werden meiner Ansicht beistimmen.

Das Wohlgefallen, das Graf Saur an dem preuischen Offizier gefunden
hatte, schien erloschen zu sein; er wandte sich im Gesprch fast nur an
Danckelmann.

Lchelnd und schweigsam, mit ruhelos gleitenden Augen, ritt der junge
Oberst neben den beiden her.




Kapitel XXVI


Vor dem Leuthaus zu Berchtesgaden war eine Ehrenwache aufgezogen. Die
drei Gesandtenzimmer waren in Bereitschaft gesetzt, im Salon war zum
Imbi gedeckt, die Betten hatte man mit Pariser Essenzen parfmiert,
und ein Lakai vom persnlichen Dienst Seiner Liebden berwachte alle
Vorbereitungen. Weil es trotz der heftig duftenden Blumenwsser in den
lange nicht mehr bentzten Zimmern noch immer sehr merklich muffelte,
hatte man zur Lftung alle Fenster aufgerissen. Freundlich schimmerte
die Frhlingssonne des milden Nachmittages auf den Gesimsen, und
durch die offenen Fenster quoll ein gedmpftes Stimmengesumm. Der
ganze Hof des Leuthauses -- ausgenommen eine von den Polizeisoldaten
freigehaltene Gasse -- war angefllt mit einer gestauten Menschenmenge.
Immer hrte man die kanzleideutschen Befehle Muckenfls, der beraus
aufgeregt war und ungeachtet des ihm innewohnenden Begriffsvermgens in
eine Eigenschaft des Hiesel Schneck verfiel: er verstand etwas nicht.
Seit Wochen war es zu Berchtesgaden eine Raritt gewesen, wenn man ein
Mannsbild auf der Gasse sah. Nun pltzlich wimmelte es von Mnnern und
Burschen. Muckenfl erkannte die meisten von ihnen als Inskribierte.
Die Sach ist perplexierend! sagte er zum Kommandanten der Ehrenwache.
Wir von der Polizei, wir haben doch _in loco hujus_ nit ausgeratscht,
wer da von Reichenhall her adveniert? Und doch mu jeder evangelische
Floh schon einen Schmeck davon haben! Dem landsverrtrischen Gesindel
sticht die Freud wie Schneckenhrndln _per oculos_ heraus! Diese
Muckenfl'sche Beobachtung war kein Irrtum. Den paarhundert Mnnern
und Burschen, die sich auerhalb des Polizeispaliers mit entblten
Kpfen Schulter an Schulter drngten, glnzte in den abgezehrten
Gesichtern der Hoffnungstrost, den sie in der Morgendmmerung
heimgetragen hatten vom Toten Mann.

Als die Herren geritten kamen, lie sich kein Zuruf und kein Gru
vernehmen; auer dem Pferdegetrappel und dem Gewehrklappern der
salutierenden Musketiere kaum ein Laut. Jene, die nur aus Neugier
zusammengelaufen waren, guckten stumm, und die anderen, die das
Erlsungsfeuer der Neumondnacht gesehen hatten, grten nur mit einem
Augenleuchten, mit einem lchelnden Aufatmen. In der Stille, die den
Empfang der fremden Herren umringte, gab es an der Ecke des Leuthauses
pltzlich ein Gedrng. Ein aufgeregtes Mdel wollte sich aus dem Gewhl
heranarbeiten und bettelte immer: Lasset mich doch hinaus, ich mu
zum Meister heim! Es war die Sus. Sie kmpfte mit Ellenbogen und
Fusten. Als sie sich endlich freien Weg erstritten hatte, rannte sie,
da ihr Rock wie eine Fahne flatterte. Vor der Haustr prete sie die
Fuste auf die Brust, als mchte sie gewaltsam still machen, was in ihr
hmmerte. Aus der Werkstatt klangen gleichmige Meielschlge, und im
Gesicht der Sus verriet sich eine grbelnde Gedankenarbeit. Wie sollte
sie das machen: da der Meister nicht herausgerissen wrde aus seiner
schnen Arbeit, und da Luisa doch erfuhr, welchen hutlosen Reiter die
Sus auf einem Dragonergaul hatte sitzen sehen? Ruhig trat sie in die
Werkstatt des Meisters. Er hmmerte mit festen Streichen vor dem roten
Wachsmodell an der lebensgroen Holzstatue der >heiligen Menschheit<.
Neben dem Ofen sa Luisa hinter dem Spinnrad, mit gesenkten Augen.
Der Meister, ohne die Arbeit zu unterbrechen, fragte: Was ist los im
Markt?

Zwei Fremde sind eingeritten, ein frnehmes Mannsbild und ein junger
Soldat. Die Stiftsherren haben die Gst zum Leuthaus komplimentiert.

Der Meister hmmerte weiter. Es war ihm nicht aufgefallen, da die
Stimme der Sus anders klang wie sonst. Aber Luisa, unter raschem
Handgriff nach dem Rdl, hob das Gesicht und sah die Augen der Magd in
stummer Sprache auf sich gerichtet. Dann wandte sich die Sus und ging.
Die Wangen berhaucht von einer fieberhaften Rte, erhob sich Luisa.
Kind? fragte Niklaus unter den hallenden Hammerschlgen. Wohin?

Ich mu die Sus was fragen.

Seit Wochen war es der Meister so gewhnt, da Luisa immer bei ihm
blieb, wenn er arbeitete. Es fehlte ihm was, sobald er das Spinnrad
nicht schnurren hrte. Kommst du wieder?

Gleich, Vater! Drauen im Flur fand Luisa die Magd, die schon
wartete. Sus? Das war keine Stimme, nur ein Hauch. Was Ungutes?

Sus fate die Haustochter bei der Hand, zog sie in die Kche, schlang
den Arm um ihre Schultern und flsterte: Mit den Herren ist der
Leupolt eingeritten.

Ein Erblassen rann ber Luisas Stirn: Gefangen?

Frei und wie von den Herren einer ist er auf gesatteltem Gaul
gesessen. Das tt nit sein knnen, wenn ihn der Frst nit begnadigt
htt.

Luisa stand mit geschlossenen Augen. Begnadigt?

Er wird halt reumtig geworden sein, eurem Glck zulieb! Ein heies
Drngen kam in die Stimme der Sus. Kindl, jetzt sei gescheit! Ich seh
doch, wie du vor Sehnsucht schier versterben mut. Denk nit an Hll
oder Himmel, denk an dein Glck! Unter allem Heiligen ist Glck und
Freud das Heiligste in der Menschenseel.

Noch immer zitterte Luisa in der Erschtterung, von der sie befallen
war. Begnadigt? Das mu man der Mutter Agnes zu wissen tun. Sie ri
sich aus den Armen der Sus und sprang zur Haustr hinaus, ohne Hut
und Tuch, in dem ziegelfarbenen Hauskleid, angetan mit der grnen
Spinnschrze. Wie wunderlich die Leute auf der Gasse sie ansahen,
das merkte sie nicht. Vor dem Leuthaus war, so gierig auch Luisas
Augen suchten, kein gesattelter Gaul und kein begnadigter Reiter
zu gewahren, nur die Schildwach vor der Tr und ein Schwarm von
Burschen, die in freudiger Erregung mit einander flsterten. Wuten
die es auch schon, da der Leupolt begnadigt war? Und zwei Herren
kamen feierlich zum Leuthaus gegangen, festlich gekleidet und frisch
gepudert, der Stiftsdekan mit dem abgemagerten, gichtisch knaxenden
Kanzler von Grusdorf. Beriefen die beiden den Leupolt zum Frsten? Und
die leere Snfte, die ihr in der Marktgasse begegnete, voraus zwei
Lufer, auf deren blauen Seidenkappen die Strauenfedern so zufriedene
Bewegungen machten? Holte die Snfte den Leupolt? Zum Vergelt fr
die ungerechten Leiden? In Luisa wurde alles zu einem Mrchen, zu
einem Kindertraum, und war doch nichts anderes als der glhende,
sinnverwirrende Blutschauer eines liebenden Weibes. Sie war so ganz in
das Glck dieser Stunde verloren, da sie eine Frau nicht erkannte, an
der sie doch sonst nicht blind vorberging. Hatte dieser gnadenreiche
Tag alle Menschen so verdreht gemacht, wie Luisa war? Auch Mutter
Jesunder zappelte an dem Mdchen vorbei, als htten ihre Augen das
Sehen verlernt. Was aus dem verstrten Runzelgesicht der Frau Apollonia
herausblinkerte, war keine Gnadenfreude. Sie machte in ihrer Sorge um
den leidenden Sohn einen Weg, den sie in ihrem Leben noch nie gegangen
war.

Die rtselvolle Seelenkrankheit, an welcher Jesunder litt, hatte
sich in der vergangenen Nacht zu einer schrecklichen Traumkrise
angewachsen. Die auf ewig verdammte Marta Haynacherin war ihm
erschienen als grauenhafte Feuergestalt, war an sein weies Bett
getreten und hatte in fehlerfreiem Latein zu ihm gesprochen: Gib
mir meine Kinder wieder, das schwarze und das weie! Unter kaltem
Angstschwei hatte er geantwortet, ebenfalls im besten, ciceronischen
Idiom: Ich habe sie nicht, ich mchte doch selber wissen, wo sie
sind. Und die entsetzliche, unerbittliche Haynacherin: Du hast sie,
gib sie mir wieder! Ich wei, du verschlucktest sie, wie ein Wolf das
schwarze und weie Lmmlein! Etwas hnliches hatte er selbst schon
in Augenblicken geistiger Verwirrung hchst unmedizinisch vermutet,
wenn er auch angenommen hatte, da das unzertrennliche Prchen nur in
seinen Gehirnwindungen eingekapselt wre, nicht in seinem Unterleib.
Verzweifelt schrie er, mit einer Stimme, die nicht traumhaft blieb,
sondern so laut wurde, da man sie vernehmen konnte im ganzen Haus:
So nimm sie dir, schneide sie mir aus dem Bauch heraus, ich mu es
dulden in christlicher Ergebung! Das war der Moment gewesen, in dem
die Mutter Jesunder ungemein real, mit weier Nachthaube und rotem
Unterrock bekleidet, in den mystischen Traumvorgang hereingesprungen
war. Zitternd und unter Trnen hatte der wachgewordene Sohn am Hals
der Mutter gehangen und jedes Bekenntnis verweigert. Erst im Verlauf
des Vormittages, noch immer in den schwlen Wchnerkissen liegend,
hatte er soviel Tapferkeit gefunden, um seiner kummervollen Mutter
den lateinischen Traum ins Deutsche zu bersetzen. Frau Jesunder
rannte im ersten Schreck zum Bader. Der scheuerte sich ratlos
hinter den Ohren. Sie lief zum Stiftsphysikus. Der lachte in einer
Anwandlung von Gemtsroheit, sprach von _vaporibus obstinatis_ und
empfahl die schattenseitige Applizierung von lauwarmer Sole, sanft
gemildert durch Olivenl. Unmglich! Wie htte sich Mutter Jesunder
ihrem hochwrdigsten Herrn Sohn gegenber zur Anwendung solch einer
unpriesterlichen Maregel entschlieen knnen? Und da wute sie
schlielich in ihrer Verzweiflung keine andere Hilfe mehr, nur diesen
von ihr noch nie betretenen, mit den glhenden Steinen christlicher
Vorwrfe gepflasterten Weg: zum getauften Juden Simeon Lewitter.

Als sie scheu in das enge Gsselchen hineinsurrte, erreichte Luisa in
entgegengesetzter Richtung das schattige Husergewinkel hinter der
nrdlichen Stiftsmauer. Vor der Hintertr von Pfarrer Ludwigs Wohnung
stockte fr einen Augenblick ihr jagender Fu. Einen Rat holen? Dieser
Gedanke, kaum geboren, war schon wieder verworfen. Das zitternde
Jubelklingen in ihrem Herzen? War das nicht von allen Ratgebern der
verllichste? Weiter mit wehendem Rock und fliegender Schrze! Auf der
Schwelle des Mlzmeisterhauses ein Stogebet und ohne Besinnen hinein
in die Stube. Wie freundlich diese schmucke, schimmerblanke Stube war!
Hinter dem weigescheuerten Tisch, im sonnigen Herrgottswinkel, sa
Mutter Agnes und schneiderte. Die groe Schere fiel ihr klappernd aus
der Hand.

Mutter! War das der Hilfeschrei einer versinkenden Menschenseele oder
der scheue, atemlose Jauchzer eines auferstandenen Herzens? Mutter!
Mutter! Unser Leupi ist da! Bevor Frau Agnes noch herauskam aus der
Bank, hing Luisa schon an ihren Hals geklammert. Eine Weile hielten
sich die beiden schweigend umschlungen, und man hrte in dieser Stille
das scharfe Tacken einer groen Pendeluhr. Das klang wie eine sthlerne
Mahnung der unerbittlich schwindenden Zeit und sagte immer die gleiche,
befehlende Silbe: Tu's! -- Tu's! -- Tu's! -- Die Mlzmeisterin fand
zwischen Weinen und Lachen zuerst die Sprache. So red doch, Kind! Um
Christi Barmherzigkeit! Wo ist denn mein Bub?

Mit den Herren ist er eingeritten im Leuthaus. Und ist begnadigt vom
gtigen Frsten.

Aller Aufruhr in Mutter Agnes beschwichtigte sich. Siehst du, Kind!
Hab ich's nit allweil gesagt! Lchelnd hob sie die nassen Augen zu
dem mit Palmzweigen geschmckten Kreuz im Herrgottswinkel. Auf den da
droben ist Verla! Tt der ganze Weltkfig ein schecketes Narrenhaus
werden, beim Ewigen bleibt allweil der glashelle Verstand daheim. Sie
fhlte, wie der schlanke Mdchenkrper in ihren Armen bebte. Komm,
liebes Kind! Tu dich hersetzen zu mir! Und sag, wo hast du denn unseren
Buben gesehen? Beim Leuthaus drben? Da ist er doch nimmer weit von
uns? Da mu er doch kommen? Bald! Nun fuhr der Mlzmeisterin eine
Hausfrauensorge durch das Mutterglck. O du heiliger Schnee, jetzt
kommt der Bub, und sein Stbl ist nit parat! Ist noch allweil, wie's
gewesen ist nach dem roten Tag. Das mssen wir richten. Komm, Kindl,
und hilf! Wir zwei, wir betten unseren Buben, da er in seinem Nest
ein Trumen haben soll wie ein Schwalbenmnndl im Mai! Sie lachte
aus frhlichem Herzen. Ach, Mdel, da brauchst du nit so sorgenvoll
dreingucken! Er tut's nit allein. Da kannst du dich verlassen drauf.
Aber flink, Weible, jetzt mssen wir schaffen!

Schlssel klapperten, Schubladen quieksten, Kastentren flogen auf
und zu. Und immer dieses glckliche Stammeln und Schwatzen. Es blieb
aber doch in aller lachenden Freude noch immer ein leiser Sorgenklang.
Leupolt? Als ein Reumtiger heimkehrend zum frstprpstlichen Glauben?
Luisa konnte das hoffen, Mutter Agnes nicht. Whrend sie schaffte und
die Kissen schttelte, wurde jedes Wort in ihr lebendig, das ihr Sohn
im Jgerkobel zu Bartholom und da drauen im Buchenwald beim Haus des
Hiesel Schneck zu ihr gesprochen hatte. Die Sonne macht Tag um Tag
ihren Wandel durch, geht unter und morgen wieder auf. Der Leupi frbelt
nicht. Der bleibt, wie er war. Aber gekommen ist er doch! Ist frei! Und
da mu er doch auch begnadigt sein! Das freudige Wunder ist geschehen.
Wie? Der Herrgott wird's wissen. Es ist von aller unntigen Arbeit
die dmmste: da sich die verdrehten Menschen bei ihrem Seelengezappel
allweil den Kopf des Ewigen zerbrechen. Wie's Gott macht, ist es
wohlgetan. Allweil! Und um so grer und schner sind seine treuen
Wunder, je minder so ein armseliger Menschenverstand sie begreift. Als
Mutter Agnes zu diesem Schlugedanken kam, wurde ihr Lachen so frei,
da auch Luisa immer froher und glubiger wurde. In Leupis kleinem
Stbl lagen die Kissen frisch bezogen auf dem weien Bett. Da fragte
Luisa mit glhendem Gesicht: Meinst du nit, man tt ein paar Blmlen
finden?

Freilich, liebs Weible, spring nur! Drauen im Grtl, wo viel
Sonn gewesen, da blht schon was! Whrend Luisa durch die Kche
davonhuschte, sprang die Mlzmeisterin in die Wohnstube hinber, um
Weihwasser zu holen und die Kammer ihres heimkehrenden Buben zu segnen.
Schon hob sie die Hnde, um das zinnerne Kesselchen vom Trpfosten
herunterzunehmen. Da sanken ihr die Arme wieder. Er tt's nit haben
wollen. So darf ich's nit tun. Den Kopf beugend, prete sie das
Gesicht in die Hnde. Ein Schatten glitt ber das sonnige Fenster,
und auf der Pflasterung vor der Haustr klang ein fester Schritt.
Den kannte Mutter Agnes, wie die Sterne ihren Weg am Himmel kennen;
aber das freudige Erschrecken fuhr ihr so lhmend in alle Glieder,
da sie nicht von der Stelle kam. War's eine Ewigkeit, war's eine
Sekunde -- Leupolt stand schon auf der Stubenschwelle, mit dem frohen
Lachen eines Glcklichen, brauchte keinen Hut herunterzunehmen, weil
er keinen hatte, ri die Mutter an sich und hielt sie umschlungen.
Erst weinte sich Frau Agnes an seiner Schulter tchtig aus, um die
Unsicherheit ihres Glckes loszuwerden. Immer streichelte Leupolt ihr
grau gewordenes Haar, bis sie ruhiger wurde und fragen konnte: Darfst
du jetzt bleiben? Daheim?

Den Abend und die Nacht. Ja, Mutter! Morgen mu ich bei meinem neuen
Herrn zum Dienst antreten.

Bei -- Die Sprache versagte ihr. Dein neuer Herr? Wer ist das?

Der starke Helfer in unserer Not. Ach, Mutter, wie schn ist das
Leben, wenn es Trost und Hoffnung hat und einen graden, sauberen Weg.

Sie wollte was sagen, mute aber immer ihren Buben ansehen. So
aufrecht, mit so festem Gesicht und so leuchtenden Augen hatte sie ihn
noch nie gesehen. War das an ihres lieben Herrgotts schwerbegreiflichem
Wunder das Beste? Oder wute der Leupi schon, da sein Luisli im
Haus war? Jesus, das Luisli! Auf das kleine Weibl, das um die Blumen
gelaufen war, hatte die Mlzmeisterin ganz vergessen. Und da klingelte
drauen im Hausflur schon das winzige Schuhwerk ber die Dielen. Bub,
da ist wer! stammelte Frau Agnes. Tu dich gedulden einen Schnaufer
lang! Sie glitt aus der Stube, zog die Tre hinter sich zu und haschte
auf der Kammerschwelle das Mdel. Zwischen den Hnden hielt Luisa einen
rund und hbsch gebundenen Strau von roten Aurikeln, der aussah wie
ein groer reifer Apfel mit festem Stiel. Dieser Vergleich mute der
Mlzmeisterin eingefallen sein, weil sie sagte: Komm, du Everl du
liebs, deine paradeisischen Blmlen sollen gleich an das Pltzl kommen,
fr das der gescheite Herrgott sie erschaffen hat. Zrtlich schob sie
das Mdel in die Stube, klinkte hurtig die Tre wieder zu und flsterte
in einer wirbligen Mischung von Glck und Trauer: Finden und hergeben!
Zwei Wrtlen! Und alles ist gesagt, was Freud einer Mutter heit. Von
der mtterlichen Klugheit sprach sie nicht, handelte aber doch nach
ihrem Gebot, drehte leis im Schlo der Stubentre den Schlssel um,
zog ihn ab und schob ihn in die Schrzentasche. So! Jetzt sollten
ihr die beiden nimmer aus der Stube kommen, bevor sie nicht eins
miteinander wren. Drauen im offenen Buchenwald an der bayrischen
Grenze, wo die Welt wohl einen Schlagbaum hat und doch nicht vernagelt
ist mit Brettern, da konnten zwei verrckte Menschenkinder rennen,
Gott wei wohin. Zwischen vier festen Mauern muten sie aushalten,
bis der gefrorene Verstand ihnen ausschlug zu verheiungsvollen
Frhlingsknospen.

Diese menschliche Logik war so fehlerlos, wie das Traumlatein des
Chorkaplans Jesunder. Dennoch hatte sie einen Haken. Vorerst, als die
Mlzmeisterin an der Tre lauschte, schien tiefster Friede in der Stube
zu herrschen. Man konnte nur hren, wie die alte Pendeluhr das mahnende
Knack und Tack der schmelzenden Zeit verkndete. Da war es fr Mutter
Agnes eine ausgemachte Sache: die zwei jungen Leut mit ihren brennenden
Herzen hatten krzeren Proze gemacht, als ihn der Landrichter
Halbundhalb mit Tinte, Streusandbchse und zahllosen berflssigkeiten
zu machen pflegte, hatten sich herzhaft um den Hals genommen und hingen
Schnabel an Schnabel.

So war es nicht. Es war viel schner. Luisa stand mit dem Rcken
gegen die heimtckisch verschlossene Tr gelehnt, ohne zu ahnen,
welche Gewaltttigkeit sich da vollzogen hatte, hielt den runden
Apfel der roten Aurikeln zwischen den fiebernden Hnden und sah in
Glut, mit Bangen und doch in sehnschtigem Hoffen zu diesem stummen,
prachtvollen Menschen hinauf, den die Staubwolken der Reichenhaller
Strae bis ber die Hften so wei berpulvert hatten, als htte er
durch eine Mehlkiste springen mssen. Er stand ein paar Schritte vor
ihr, sah sie immer an und konnte nicht reden, konnte nur lcheln in
seiner Freude. Neben Gott und Ehre war sie ihm stets das Schnste des
Lebens gewesen; aber so reizvoll wie in dieser Stunde hatte er sie
noch nie gesehen, auch nicht im Hallturmer Buchenwald; da drauen war
die Pflicht zwischen ihr und ihm gestanden; jetzt stand das Glck bei
ihnen und bergo fr ihn die Geliebte mit einem Zauber ohnegleichen.
Ihr ziegelfarbenes Hauskleid brannte wie Mohn in der Sonne, und vor
der grnen Spinnschrze, an der noch viele glitzernde Fden hingen,
flackerte beim Zittern ihrer Hnde der rote Aurikelbuschen. Aber
schner und feiner blhten noch die Farben ihrer selbst, der rosige
Bluthauch und die blablauen Adern ihres schlanken Halses, die Glut
auf ihren Wangen, die dunkle Tiefe der glnzenden Augen und der sanfte
Schimmer des reichen Haars. Es war in seinem drstenden Blick: da er
sie gern in der ersten Freude an sich gerissen htte, um sie nimmer
zu lassen. Und die alte Pendeluhr, als wre sie der Pfarrer Ludwig,
mahnte immer: Tu's! Tu's! Tu's! Er berwand es. Luisa war ihm viel zu
lieb und zu kostbar, als da er sie htte berhren mgen mit seinen
verstaubten, von der Zgelschwrze beschmutzten Hnden. Auch lag noch
immer zwischen ihnen ein tiefer Graben, den die Liebe erst berbrcken
mute; doch er fhlte, da das Glck der gegenwrtigen Stunde diese
Brcke bauen wrde. Deine Blumen, Luisli? sagte er und deutete nur
ein bichen mit der Hand. Sind die fr mich?

In ihrer Verwirrung schien sie nicht recht zu wissen, welche Antwort
sie gab. Es war ein Wort, das den innersten Schatz ihres Herzens vor
ihm entschleierte. Mit glcklichen Augen zu ihm aufblickend, sagte sie:
Fr dich ist alles.

Da nahm er die roten Blumen. Vergeltsgott, du Meine! Da ich nit lg,
das weit du. Deine Blumen, auch wenn sie drr geworden, sollen mir
allweil das Beste sein, was der Frhling verschenken kann. Und komm!
Wir wissen, was wir einander gelten. Da wollen wir alles nach Pflicht
und Treu bereden. Sie mute sich am Tisch zu dem Fenster setzen, durch
das die Sonne hereinglnzte. Willig tat sie, was er haben wollte.
Er sa ihr gegenber. An seinem Kittel wischte er den Staub und die
Riemenschwrze von den Fingern, wlbte zrtlich die Hnde um Luisas
roten Bltenapfel, sah ihr in die Augen und beugte sich ber die
Tischplatte zu ihr hinber. Schau, ich frag dich gleich mit dem ersten
Wrtl: Gehst du mit mir?

Sie erschrak, da ihr Gesicht sich vernderte. Dennoch war es nicht
mehr der gleiche verstrende Schreck, wie drauen im Hallturmer
Buchenwald. Was aus ihren erloschenen Worten herauszitterte, war mehr
Sorge als Angst: Ach, Jesus! Gehst du denn wirklich?

Ja, Luisli! Von morgen den fnften Tag. Ich fhr den ersten Zug. Das
sind die rmsten. Die fhr ich. Unser Weg geht ber Reichenhall, ber
Ingolstadt, Bayreuth und Wittenberg hinunter ins Brandenburgische und
auf Ostpreuen zu.

Sie wollte sprechen und brachte keinen Laut heraus.

Leupolt sah, da ihre Augen sich mit Trnen fllten. Die roten Blumen
an seinen weinarbigen Hals pressend, beugte er sich noch nher zu ihr
hin und flsterte aus aller Glut seines Herzens: Gehst du mit mir? Ich
mein', dein guter Vater tt uns das Glck nit wehren. Dich hat er lieb.
Kann sein, da er hinzieht, wo wir hausen werden. Sorg mut du nit
haben. Ich krieg einen Herrn, der mir gtig ist. Von Vater und Mutter
hab ich ein bil was, versteh mich auf mein Sach und bin ein richtiger
Schaffer. Verschwren kann es der Redlichste nit, was kommt. Aber ich
trau mir's zu, da ich dir und mir ein Glck bau, fest frs Leben wie
eine eiserne Mauer. -- Luisli? Kommst du mit?

Sie wehrte mit schwachen Hnden und klagte: Es geht nit, geht nit,
Leupi! Alles in mir ist dein. Und schelten kann ich es nimmer, da du
da drben bist. Aber hinber zu dir? Den Mut, ihn anzusehen, hatte
sie nicht. Sie sprach ins Leere hinaus. Das wr' wider Gott und die
Seligkeit. Ich kann nit verlassen, was mir heilig und ewig ist.

Das mt nit sein. Deswegen knnten wir allweil in Treu und Glck
miteinander leben. Mut du nit schelten, was ich glaub, so will ich
allweil in Ehren halten, was dir heilig ist. Geh, schau mir doch ein
bil in die Augen, Liebe! Ich tt mich viel leichter reden. Er legte
seine Hand auf die ihre. Kannst du es tun, so gibst du mir Leben und
Glck. Mut du es wehren, so legst du mir das einschichtige Elend auf
Leib und Seel. Verzweifeln werd ich nit mssen. Blo allweil drsten
nach dir. Und im Drsten mu ich mich ausstrecken, geh meinen graden
Weg und tu meine Pflicht als Mensch und Christ. Ich kann nit anders.
-- Luisli! Hoffender Jubel klang aus diesem Namen. Er sah, wie ihre
heien Augen sich ihm zuwandten und wie sie hingen an ihm. Und sah,
wie alles Wirre und Hilflose in ihrem lieben Gesicht sich zu mildern
und zu lsen begann. Luisli? Meinst du nit, wir zwei, die uns so lieb
gewonnen, knnten fr Tausend, die an der gleichen Irrnis leiden, ein
gutes Frbild sein? Da man nit hadern und streiten mu um Himmel und
Herrgott? Und da man als deutsche Leut in Glck und Fried miteinander
hausen knnt? Herrgott bei Herrgott, Glauben bei Glauben und Herz neben
Herz.

Zitternd fate sie ihren Kopf mit den Hnden, schttelte immer das
stumme Nein und konnte doch mit ihrem Blick seine Augen nimmer lassen.
Ein Schwimmen und Gleiten kam ihr in die Sinne, ein Brausen und Klingen
war in ihren Ohren, in ihrem Blut. Sie verstand seine Worte nimmer,
hrte und fhlte nur die Zrtlichkeit und die zwingende Macht seiner
Stimme. Alle Sehnsuchtsbilder schlafloser Nchte wurden wach in ihr.
Was so rein und freudig in ihrem Herzen zu glhen begann? Konnte das
Snde sein? Drfte das in ihr lebendig werden, wenn nicht Gott es in
ihre Seele gegeben htte, wie er den Aurikelblten das leuchtende Blut,
dem Himmel das keusche Blau und der Sonne die linde Frhlingswrme
gab? Dieser Glaube wuchs ihr fest in die Seele, immer ruhiger und
froher wurde sie, und je lnger und tiefer sie in Leupolts glnzende
Augen sah, um so heier fhlte sie, da sie das grausame Nein nimmer
sagen konnte.

Bei aller Redlichkeit war Leupolt doch auch ein guter, flinkschauender
Jger. Gleich merkte er den erlsenden Umschwung, der sich in Luisa
vollzog, huschte mit glckseligem Auflachen zu ihr hinber, sa an
ihrer Seite, legte den Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. Sie
wehrte sich nimmer, drngte sich aufatmend an seine Brust und schmiegte
unter frohem Lcheln die Wange an seinen Hals. Er neigte in seiner
brennenden Freude schon das Gesicht, um sie zu kssen. Und immer sagte
die Uhr an der Mauer: Tu's! Tu's! Tu's! Aber der alte Rderkasten
kannte den jungen Leupolt nicht. Der war zu gewissenhaft. Dem hatte die
Neumondnacht ein eisernes Wort ins Leben gegossen: Pflicht! Schau,
Luisli, sagte er an ihrem Ohr, ich spr doch, wie sich alles in dir
zum Guten wendet. Nehmen darf ich dich nit, du mut dich geben, frei
und unberedet! Luisli? Gehst du mit mir?

Schon wollte sie nicken, schon hob sie die Arme zu seinem Hals. Da
fiel ihr pltzlich etwas Steinernes in das erblassende Gesicht. Und
erschrocken starrten ihre erweiterten Augen auf eine schreckliche Sache
-- auf diese unerbittliche Uhr an der weien Mauer. So freundlich klang
ihre tackende Stimme und war doch ein hhnender Mord an dem blhenden
Glck dieser Stunde. Nicht wie der hilfreiche Pfarrer Ludwig war diese
Uhr. Sie war wie der Chorkaplan Jesunder, der eine glubige Seele bei
schnem Orgelrauschen hinausgestoen hatte aus dem Gotteshaus.

Ein altes Meisterstck. Geschaffen von einem grblerischen Handwerker,
dem Gedanken unter dem Haardach wuchsen. Der hatte sich gesagt:
Die laufende Zeit ist Gottes Kind, der sein Geschpf bewacht in
jeder Sekunde und die schwachen Menschen mit jedem Pendelschlag vor
dem Bsen warnt und sie ermahnt zum Guten. Aus solchem Gedanken
hatte der geschickte Mann diese verhngnisvolle Uhr geschaffen. Ein
silbernes Zifferblatt mit geschnrkelten Zeigern. ber dem Kreis
der Stundenzahlen wachte das Auge Gottes, nicht gemalt, sondern
plastisch und lebendig. Inmitten eines von Flammen umloderten Dreiecks
funkelte das dunkle Auge mit weien Winkeln. Durch einen unsichtbaren
Mechanismus -- wie die ewige Vorsehung unter Schleiern waltet -- war
das ruhelose Auge mit dem Pendelgang verbunden. Tackte der Pendel hin
und her, so glitt das wachende Auge her und hin. Sah es nach rechts,
so war es freundlich, und seitwrts aus dem Uhrgehuse hob sich mit
winkendem Palmzweig ein weibeschwingter Engel hervor. Sah es nach
links, so war es zornig, und ein schwarzgeflgelter Teufel fischte mit
dem Hllenzagel nach einer ewig verdammten Seele.

Leupolt, ungeduldig auf eine Antwort harrend, fragte in Herzlichkeit:
Luisli? Gehst du mit mir?

Das Weie des gleitenden Auges flimmerte zornig nach links, und der
Hllische kicherte boshaft: Tu's!

Wie eine Fiebernde stammelte Luisa: Ich kann's nit sagen. Das mu ich
erst mit Gott bereden in der Kirch.

Freundlich glnzte das dunkle Auge nach rechts, und der unschuldweie
Engel mahnte: Tu's!

Mein alles bist du! Mein Glck und Leben! Du kannst mich doch nit
verlassen? Schau mir doch in die Augen! Nimm mich um den Hals! Gelt ja,
du bleibst die Meine?

Bevor der huschende Warnerblick das Weie schrecklich nach links
hin drehen und der ewige Widersacher alles Menschenglckes die
scheinheilige Verfhrungssilbe schmunzeln konnte, ri sich Luisa mit
erloschenem Schrei aus Leupolts Armen, kmpfte sich aus der Bank
heraus, deutete verstrt auf das Auge Gottes und prete zitternd das
Gesicht in die Hnde. Die Uhr an der Mauer sagte: Tu's! Und Luisa
wute nimmer, ob da der Engel oder der Hllische geredet hatte. Wie
eine Irrsinnige sprang sie zur Tr hinber, fand sie verschlossen
und wurde von einem grauenvollen Entsetzen befallen. Als Leupolt,
bleich und bestrzt, dem Mdel nachgesprungen kam, stie ihn Luisa
mit den Fusten von sich, tastete nach der Klinke, ri und rttelte
an der Tr und fing zu schreien an wie ein angstvolles Kind in den
Gichtern. Mit Leupolts stammelnden Worten mischte sich drauen im Flur
das erschrockene Klagen der Mutter Agnes. Der Schlssel klapperte
im Schlo, die Tr sprang auf, und Luisa jagte an der ratlosen
Mlzmeisterin vorber, durch den Flur, hinaus in die Sonne.

Bub? Herr Jesus, was ist denn da?

Ich wei nit, Mutter, was da geschehen ist. Wei nur, mein Glck und
Leben und alles ist in Scherben!

Diesen von Gram zerdrckten Schrei konnte Luisa noch hren. Ein
verstndiges Besinnen schien sie zu berkommen, weil sie die
frchterliche Uhr nimmer sah. Aber da klang das verfhrerische
Teufelskichern, so nah, als wr' es versteckt in ihren Zpfen: Tu's!
Die Hnde ber die Ohren pressend, huschte sie in ihrem ziegelroten
Kleid wie eine wehende Flamme hinber zum Stiftshof und dem Tor der
Kirche zu.

Das war gerade der Augenblick, in welchem Simeon Lewitter, nach
grndlicher Untersuchung der ciceronischen Traumzustnde des
Chorkaplans Jesunder, sehr nachdenklich heraustrat aus der Pfarrei.
Er sah das Mdel vorberflattern und in der Kirche verschwinden. Was
ist nur da schon wieder? Mir scheint, die ganze Welt hat scheckige
Zwillingskinder im Gehirn. Seufzend tppelte er seiner heiligen
Kinderstube zu, kehrte wieder um, sphte zu den Fenstern seines
langen Freundes Ludwig hinauf und trat nach einigem Zgern in das
Gerichtsgebude.

Die vier berflssigen Buchstaben waren sehr beschftigt und verzogen
sich zu einer mitrauischen Grimasse, als Lewitter schchtern sagte:
Ich htt ein Wrtl zu reden. Unter vier Augen. Er mute erst noch
beifgen, da es sich um Leben und Verstand eines wackeren Mannes
handle, ehe Doktor Halbundhalb sich entschlieen konnte, seine
Gehirnlatwerge vom Formaljustiziarischen loszureien, den Schreiber
aus der Stube zu schicken und sich einzulassen auf eine sekrete
Konversation.

Also?

Lewitter fate sich kurz: seit dem Verschwinden des Haynacher'schen
Zwillingsprchens aus der Armeseelenkammer wre der Chorkaplan von
Wahnvorstellungen befallen, die seinen Verstand bedrohen. Jetzt bilde
er sich ein --

Mir schon bekannt! unterbrach der Allwissende unter der mehligen
Rohaarpercke. Zuerst die sinnlose Annahme, da Pfarrer Ludwig der
Schuldige wre -- eine Hypothese, die sich bei aller Plausibilitt als
verfehlt _in nuce_ erwies -- und nun dieser neue beklagenswerte Wahn!
Der Mann erbarmt mich. Hoffentlich findet Ihr ein rettendes Remedium?

Es gibt nur ein einziges. Man mu dem Jesunder ber den Verbleib des
Prleins die Wahrheit mitteilen.

Ausgeschlossen! sagte der Landrichter mit Energie und mit einer das
Thema erledigenden Handbewegung.

Lewitter schmunzelte, kaum merklich. Ist denn die Wahrheit Euer
Gestreng bekannt?

Der Landrichter schob den Hals der Gerechtigkeit lang aus der Krause
heraus. Wie der Himmel dunstet, wenn er in unmutige Laune gert, so
senkte sich aus den weien Lockenschnecken ein nebliger Niederschlag.
Vermutet Ihr, da es jemals eine Wahrheit gab, die ich *nicht*
erforschte?

Da drft Ihr sie dem armen Jesunder nit vorenthalten. Seid barmherzig,
Herr!

Unmglich.

Dann sitzt der leidende Chorkaplan an Pfingsten im Narrenturm. Das
wird fr die Regierung kein erquicklicher Frgang sein. Und knnte
traurige Folgen haben. Der Bevlkerung drfte das wie eine offenkundige
Gottesstraf erscheinen, und es wr nit undenkbar, da es zu neuem
Aufruhr kommt, der die Exulantenliste wieder um viele hundert Namen
vermehrt. Was wird der Allergndigste Herr da sagen? Und mir, Gestreng,
wird es nit zu verbeln sein, da ich mich dem Frsten gegenber
salvieren mu, nachdem mein ntzlicher Rat das verdiente Gehr nit
gefunden hat.

Herr Willibald Hringghh, einem folgenschweren Dilemma gegenbergestellt
und in Erinnerung der Standrede seines Allergndigsten, begann vor
Aufregung und Ratlosigkeit so heftig zu transpirieren, da seine
niedere Stirn wie berst erschien mit zahllosen Glassplitterchen.
Gerade, um seinem Allergndigsten eine schmerzende Unerquicklichkeit zu
ersparen, hatte er unter heftigen Seelenkmpfen mit seinem Amtsgewissen
jede weitere Untersuchung in Sachen des an der Armenseelenkammer
begangenen Raubes niedergeschlagen. Es war ihm vor Wochen ein Gerede
zu Ohren gekommen. Dem hatte er mit wahrheitsschdlicher Emsigkeit
nachgeforscht und hatte einen Zeugen eruiert, der unter Eid bekundete:
er wre in der Mirakelnacht am Gottesacker vorbeigekommen und
htte deutlich gesehen, da ein junger schlanker Mensch in einem
hellfarbigen, gebnderten und gemschelten Herrenmantel hurtig mit
einer Schaufel ein Loch in den Boden grbe; dabei htte der Zeuge
sich nur gedacht, da wohl einer von den lustigen Domizellaren wieder
einmal einen bermtigen Streich verben mchte; mehr wisse er nicht.
Schon vierundzwanzig Stunden nach der Streubesandung dieses Protokolles
wute Willibald, der Wahrheitsforscher, wesentlich mehr und hatte
den geheimnisvollen Totengrber verllich ausgeforscht: den Grafen
Tige. Mit justiziarischer Schlingensicherheit war nachzuweisen, da
-- nicht in der zweiten, wohl aber in der ersten Kapitelnacht, es lag
hier einer von jenen hufigen Irrtmern vor, wie sie einem Zeugen bei
Zeitbestimmungen leicht zu widerfahren pflegen -- da der leichtsinnige
und frivole Junker in jener Nacht das Bett seiner Domizellarenstube
nicht berhrt, nach anzunehmender Friedhofsschndung die restlichen
Nachtstunden in den innersten Gemchern der allergndigsten Aurore
de Neuenstein verbracht und so den Leichenschmack gewissenlos in das
Freudengrtlein des vertrauensseligen Landesfrsten transferiert
hatte. Durch diesen Sachbefund war nicht nur die fleckenlose Unschuld
des widersinnig verdchtigten Pfarrers zur Evidenz erwiesen; es
hatte sich auch die betrbsame Angelegenheit fr die vier zu Tod
erschrockenen Entbehrlichkeitslettern in eine _res sacra_ verwandelt,
vor der die Gerechtigkeit ihre Augen doppelt verbinden mute. Und
drum hatte das >getreue Justizkamel< den fr die Herzensruhe des
Landesfrsten gefhrlichen Akt mit submissester Ergebenheit in dem
durch Riegel und Vorhangschlsser gesicherten Geheimarchiv seiner
Kanzlei verschwinden lassen. Wie htte man nun dem verrckten Jesunder,
der sogar seine Trume hinausbrllte in die Welt, solch eine delikate
Wahrheit anvertrauen drfen? Unmglich! Aber diese neue Gefahr nun!
Gottesstrafe, Aufruhr, Wachstum der Exulantenliste und Verderb des
ganzen, bisher so glcklich geratenen Bekehrungswerkes! In dieser
desperaten Lage fand der schwitzende Wahrheitsgrber keinen anderen
Ausweg, als sich dem klugen Simeon Lewitter ohne Rckhalt zu erffnen.

Freilich, nickte Simmi unter leisem Lcheln, *das* kann man dem
armen Jesunder nit preisgeben!

Was aber soll man tun?

Man wird -- die Wahrheit in allen Ehren -- zur Rettung des
beklagenswerten Mannes einen barmherzigen Schwindel ersinnen mssen.

Glaubt Ihr damit zu ressieren?

Vielleicht. Wenn Euer Gestreng mir hilfreich beistehen wollen?

Mit Freuden! Die weien Perckenschnecken des Landrichters machten,
weil die vier berflssigen einen tiefen Atemzug der Erleichterung aus
sich herausbliesen, eine sonderbare Nickbewegung. Seid meines Dankes
gewi fr alle Flle. Und weil wir schon von getrbten Gehirnen reden
-- habt Ihr nicht in letzter Zeit dem Christl Haynacher Eure Beachtung
als Arzt gewidmet?

Warum? fragte Lewitter ernst.

Der gute Mann scheint vllig schwachsinnig geworden zu sein. Wir
sorgen uns um seinen katholischen Deszendenten. Auch Muckenfl ist der
Meinung, da man da einschreiten mte. Bald.

Euer Gestreng! Simeons Brauen zogen sich hart zusammen. Da mu ich
auf das Eindringlichste abraten. Ich bitt Euch, lat diesen Mann in
Fried! Der Haynacher ist bei vollem Verstand --

Eine erledigende Handbewegung unterbrach den Arzt. Diesmal irrt Ihr
Euch, mein guter Lewitter! Und lchelnd trug Herr Willibald seinen
wei berlckelten Unverstand zur Tr hinber, um den beurlaubten
Schreiber herbeizurufen fr weitere Mihandlung der irdischen
Gerechtigkeit.

Schweigend verlie Lewitter die mufflige Pfrndenstube der Frau
Justitia. Drauen in der Sonne sah er seinen langen Freund mit wehenden
Rockflgeln herberkommen vom Mlzmeisterhaus, ein heiteres Lachen
auf dem zwinkernden Warzengesicht. Mein gescheiter Simmi! Lustig
legte der Pfarrer seinen Arm um die Schultern Lewitters. Jetzt rat
einmal, warum von heut auf morgen ein liebes junges Menschenglck zu
Berchtesgaden in Scherben gehen soll?

Simeon fragte nur mit den Augen. Und der Pfarrer lachte: Weil vor
anno Towak ein Nrnberger Uhrmacher ein geschickter Kampl, aber ein
gottslsterlicher Hornochs gewesen ist! Der weitere Gedankenaustausch
der beiden Freunde wurde gestrt durch einen feierlichen Staatsakt, der
sich vor ihren Augen im groen Stiftshofe vollzog. Die Trommeln der
Torwache rasselten, da man an Krieg und Schlachten htte denken mgen.
Zwischen einem Spalier von prsentierenden Musketieren, denen unter dem
Dreispitz bolzensteif der Zopf hervorstach, sah man hinter den Lufern
mit ihren baumelnden Strauenfedern eine lindgeschaukelte Snfte
gleiten. Durch ihr blitzblankes Fenster gewahrte man einen wrdevollen
Herrn in goldstrotzender Gesandtengala und neben ihm einen kleinen,
bescheiden uniformierten jungen Offizier mit neugierigem Spitzgesicht.




Kapitel XXVII


Im gotischen Saal der Entschlsse, auf dessen Kronleuchtern bei
noch halbem Tag alle Kerzen brannten, war feierlicher Empfang des
preuischen Gesandten. Herr Anton Cajetan im Prunkornat sa auf
dem berchtesgadnischen Thron, flankiert von den Wrdentrgern. Fr
Danckelmann und seinen Begleitoffizier hatte man Samtsthle und
einen goldgeschnrkelten Tisch mit Schreibgert vor den Thronstufen
aufgestellt, die Kapitelherren und Domizellaren standen in doppelter
Reihe, und der Kanzler von Grusdorf, pomps peruckiert, verlas mit
Wrde das Kreditiv:

  Wir Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden Knig in Preuen, Marggraf
  zu Brandenburg usw. usw. geben Ew. Lbd. hierdurch zu vernehmen,
  wasmaen wir gut befunden, Unsern Geheimen Hof-Rath von Danckelmann
  dorthin abzuschicken, um unsere daselbst emigrirenden neuen
  Unterthanen in staatsrechtlichen Schutz zu bernehmen und deren
  bewegliche oder allda verbleibende Vermgen in Sicherheit zu erheben.
  Wir ersuchen Ew. Lbd., Sie wollen Uns die Freundschaft erweisen,
  besagtem Geheimen Hof-Rath von Danckelmann zu baldiger Ausrichtung
  solcher Ihm aufgetragenen Commission alles dasjenige angedeyen
  zu lassen, was desfalls dem Westphlischen Friedens-Schlu und
  anderen Reichs-Constitutionen gem ist, gestalt wir uns solches
  zuversichtlich promittiren, und wollen auch Wir gegen Ew. Lbd. zur
  Bezeugung angenehmer Geflligkeiten stets willig verbleiben.

  Berlin, den 22. Mrz 1733.

  Friedrich Wilhelm.

  An den Herrn Abt zu Berchtesgaden.

Der Kanzler hatte vor dem Wrtchen Abt verlegen gestockt. Dem Frsten
fuhr um dieser unzulnglichen Titulierung willen das Blut ins Gesicht;
doch er lchelte nachsichtig und flsterte Herrn von Grusdorf heiter
zu: Man scheint uns in Berlin fr Kapuziner zu halten. Dann begann
er mit Danckelmann eine liebenswrdige Konversation in franzsischer
Sprache, die fr den ganzen Verlauf des feierlichen Aktes, wie
spterhin fr die geschftlichen Debatten beibehalten wurde. Bei der
Vorstellung des jungen Obristen von Berg sagte Danckelmann empfehlend
zum Frsten: Fr unsere Majestt eine _persona gratissima_.

Ein frhliches Auflachen des kleinen, zierlichen Offiziers: Der
freundliche Geheimrat bertreibt. Will man _gratia_ mit Gnade
bersetzen, dann freilich stimmt es. Seine Majestt mein Herr und Knig
haben mich vor kurzem gndiglich dem Schafott eschappieren lassen.

Mit Recht! sagte Herr Anton Cajetan, nachdem er seine Verblffung
berwunden hatte. Es wre schade gewesen um einen ebenso klugen
wie wahrheitsliebenden Kopf. Allzu unverzeihlich werden wohl die
Verfehlungen des Herrn Obersten nicht gewesen sein?

Insubordination und andre Strflichkeiten schwersten Kalibers.

Insubordination? lachte der Frst. Unter dem preuischen Drill?

Ausnahmen besttigen die Regel. Ich gelte als der einzige unbrauchbare
Soldat der preuischen Armee.

Dann werden der Herr Oberst, der jung zu hohem militrischem Grad
gelangte, sich wohl durch andere Vorzge ausgezeichnet haben.
Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sich Herr Anton Cajetan dem
Geheimrat zu. Hflich den rger darber verschleiernd, da man einem
Gesandten fr das gefrstete Berchtesgaden als Begleitoffizier einen
begnadigten Militrverbrecher beigegeben hatte, versprach er an einem
der nchsten Tage eine Kommission zur Vorberatung zu berufen und lud
die preuischen Herren fr den vierten Tag zu einem Groen Jagen mit
anschlieender Frstentafel. Nach wrdevoller Verneigung betonte der
Geheimrat seine kurzbemessene Zeit. Ohngeachtet mancher Orientierung,
die er bereits bei evangelischen Mnnern eingeholt htte, bedrfe er
dreier Tage, um mit ihnen alles Notwendige ber Reiseweg und Ansiedlung
zu bereden. Fr den vierten Tag stelle er sich der Einladung Seiner
Liebden mit Freuden zu Diensten, am fnften Tage msse er seine
Rckreise antreten, und so bte er, sofort in die geschftlichen
Verhandlungen einzutreten. Verdutzte Augen im ganzen Saal. Herr Anton
Cajetan blieb hflich, zog sich mit seinen Wrdentrgern zu einer
Besprechung zurck, erschien nicht mehr, weil er zum Tee bei Aurore de
Neuenstein erwartet wurde, und designierte den Kanzler, den Dekan und
den Grafen Saur zur geschftlichen Verhandlung. Das Kleeblatt setzte
sich mit den preuischen Herrn inmitten der gespannten Kapitularen um
den goldgeschnrkelten Tisch. Als die Unterhaltung begann, erschien
versptet der Pfarrer Ludwig. Weil es keinem der Kapitularen einfiel,
ihn den preuischen Herren vorzustellen, besorgte er das selbst.
Der junge Oberst reichte ihm freundlich die Hand, sah aufmerksam zu
dem heiteren Warzengesicht hinauf und plauderte munter, whrend am
goldenen Tische ernst verhandelt wurde. Weil Ludwig bei schwchlichem
Franzsisch einen Schnitzer um den anderen herauswimmelte, begannen
sich die Domizellaren zu belustigen. Das strte den Pfarrer nicht.
Zufrieden mit der neuen Bekanntschaft, die er geschlossen hatte, ging
er zu seinem Kapitelstuhl und kreuzte die Arme.

Die Verhandlung gestaltete sich zh und spann sich in die Lnge.
Nie beteiligte sich der junge Oberst. Er betrachtete aufmerksam die
gotischen Ornamente oder musterte die Gesichter aller Anwesenden. Nach
der zweiten Debattenstunde war der erste Verhandlungspunkt -- Hhe
der Ablsung fr die Leibeigenschaft -- noch immer nicht erledigt.
Herr von Grusdorf wollte unter 20 Gulden pro Kopf nicht heruntergehen
und hielt in schlechtem Franzsisch Reden von der Lnge gereizter
Sonntagspredigten. Der junge Oberst verriet Zeichen von Ungeduld,
tauchte die Kielfeder ein und begann mit hurtiger Hand schief ber
ein Blatt zu schreiben. Auer Danckelmann, der ein bichen irritiert
erschien, achtete niemand dieses Vorganges. Der junge Oberst schrieb:
Unsere Forderungen: 1) Jeder evangelische Exulant ist als preuischer
Untertan zu erachten, dem der Schutz seines Knigs gebhrt. -- 2) Fr
alle Strafen, die um des evangelischen Bekenntnisses willen verhngt
wurden, wird von Stund an volle Amnestie gewhrt; neue Verurteilungen
werden nicht ausgesprochen. -- 3) Der erste Zug der Exulanten verlt
die berchtesgadnische Grenze am fnften Tage _post datum_; die weiteren
Zge folgen nach Verwertung des liegenden Besitzes. -- 4) Bei Verkauf
des evangelischen Eigentums werden Bedrckungen nicht erfolgen; die
Berchtesgadnische Regierung haftet fr Eingang der Kaufschillinge bis
zu vier Fnfteln des landblichen Wertes. -- 5) Die Leibeigenschaft
wird pro Kopf, Mann, Weib, oder Kind, mit 5 Gulden abgelst; dafr
haftet der preuische Staatsschatz. -- 6) Geheimrat von Danckelmann und
seine Begleiter sind fr drei Tage zu freizgigem Besuch des Landes
ermchtigt, um mit den Evangelischen alles Notwendige festzusetzen;
diese Genehmigung ist rckwirkend fr den bisherigen Reiseverlauf.

Dieses Blatt reichte der junge Oberst dem Geheimrat. Dem wurde unter
den weien Locken die Stirn ein bichen hei. Er gab das Blatt nach
kurzem Zgern mit einem zustimmenden Augenwink zurck. Der junge Oberst
machte eine Abschrift, verwahrte sie zwischen den Knpfen seines
blauen Soldatenrockes und erhob sich. Bewilligen mir die Herren ein
paar Worte? Der Kanzler sah verdutzt den Geheimrat an: Ist Herr
Oberst von Berg berechtigt -- Danckelmann sagte rasch: Herr von
Berg scheint geheime Auftrge Seiner Majestt empfangen zu haben --
als Offizier. Schweigen im Saal. Lchelnd und liebenswrdig sagte
der Oberst: Die Herren werden rascher zu einem Entschlu gelangen,
wenn sie durch unsere Gegenwart sich nicht behindert fhlen. Hier sind
unsere schriftlich niedergelegten Vorschlge. Wir ersuchen um ihre
unvernderte Annahme bis zur zehnten Abendstunde. Auch der Geheimrat
nahm seinen Dreispitz unter den Arm. Herr von Grusdorf, der mit einem
raschen Blick das Blatt berflogen hatte, stammelte entgeistert:
Wenn aber die Regierung begrndete Veranlassung zur Abwehr dieser
Wnsche htte? Danckelmann hob die Schultern und deutete auf seinen
Begleitoffizier. Der Kanzler drehte die runden Augen hinber: Wrde
das etwa gar den -- den -- den Krieg bedeuten? Da fand der junge
Oberst ein heiteres, herzliches Lachen: Ich bin so begeistert von den
Herrlichkeiten Ihres zaubervollen Landes, da ich jedem preuischen
Grenadier den Genu so erhabener Schnheit vergnnen wrde. Schritt
um Schritt zurcktretend, machte er nach allen Seiten hin so zierliche
Verneigungen, da Graf Tige seinen Witz vom maskierten Tanzmeister
wiederholte. Eine Wirkung erzielte der depossedierte Verkndigungsengel
der allergndigsten Aurore de Neuenstein mit seinem Scherzwort nicht.
Die Gesichter aller Kapitularen blieben lang. Nur einer lachte vergngt
und lie seine groe Warze hpfen. Graf Saur begleitete die Herren zur
Snfte. Hinter ihnen im Kapitelsaal erhob sich ein Heidenlrm. Auch bei
jener Nachtsitzung ber das Schicksal des schwarzweien Doppeltdchens
war es nicht lebhafter zugegangen.

Zwischen vier hellbrennenden Wachsfackeln gaukelte die Snfte durch
die stille, abenddunkle Marktgasse. Danckelmann schwieg, weil der
Polizeifeldwebel sich immer dicht neben dem Fenster hielt; und der
junge Oberst, der die durchwachte Nacht zu spren begann, nickte
bei diesem sanften Geschaukel ein bichen ein. Im Leuthaus war fr
die beiden Herren zum Nachtmahl gedeckt; der frstprpstliche Lakai
wurde hflich verabschiedet, und der steifzopfige, stiefelklappernde
Soldat mute bedienen; er machte die Sache, wie man eine Kanone ldt
und abfeuert. Der junge Oberst begann mit Gier zu schlingen, trank
den schweren Klosterwein wie Wasser, schwatzte immer sein quirlendes
Franzsisch und fragte endlich den wortkargen Geheimrat: Hab ich Ihm
die diplomatische Laune verdorben?

Das nicht, aber -- was tun wir, wenn Ihre rmische Kurzangebundenheit
eine Abfuhr erleidet?

Ein heiteres Lachen. Wozu soll ich mir den Kopf ber Dinge zerbrechen,
von denen ich voraussetze, da sie nicht eintreffen. Die Herren haben
nicht darnach ausgesehen, als wollten sie mit eisernem Schdel durch
die Mauer fahren. Ohne bsartig zu werden, begann der junge Oberst die
Kpfe der Kapitelherren mit drolliger Spottlust zu silhouettieren. Nur
einer war dabei, der mir gefallen hat, der Lange mit dem prchtigen
Weikopf und den zwei schrecklichen Warzen. Der hat etwas Rolandeskes,
hat Menschlichkeit in den deutschen Augen und Gedanken hinter der
Stirne. Dennoch ist er heiter. Das ist ein Mensch mit erhhter Seele.

Glauben Sie, da er --

Gleich verstand der junge Oberst. Ein heimlicher Protestant? Der?
Nein. Ihre evangelische Seele ist hochmtig, lieber Geheimrat. Wir
drfen nicht jeden wertvollen Menschen fr uns in Beschlag nehmen.
Sokrates und Leonidas waren Heiden, Salomo war Jude. Und der lange
Weikopf? Ich wette, der ist ein Katholik vom reinsten Wasser. Nach
kurzem Schweigen wieder das muntere Auflachen. Ich ertappe mich
manchmal bei einer hchst unnordischen Sympathie fr die Katholiken.
Sie sind mir in manchen Dingen lieber als unsere Orthodoxen, hinter
deren Eisblcken noch immer der verflossene Scheiterhaufen ein bichen
raucht. Die schmalen Lippen lchelten malitis. Vor zwei Jahren, als
ich gute Worte ntig hatte, schrieb mir ein katholischer Abt aus der
Rheingegend diesen Vers in meinen Canisius:

  Ein schlechter Protestant, ein schlechter Katholik,
  Da frit der Teufel den Segen, das Glck.
  Ein guter Katholik, ein guter Protestant,
  Und driefach wchst die Ernte im Land.

Glauben Sie, Danckelmann, da jemals einer von unseren
Oberkonsistorialrten einen solchen Vers in den Katechismus eines
katholischen Prinzen schreiben wrde?

So darf man diese Dinge nicht nehmen, Knigliche Hoheit! Man mu als
Staatsmann Distanz bewahren, um sich von Fall zu Fall das Notwendige
mit Ruhe berlegen zu knnen.

Ruhe? Fr alle Flle? Nein, Danckelmann! Das ist die unergiebigste
Eigenschaft der Menschen. Ein lchelndes Sinnen. Zeit lassen? Beim
Bergsteigen mag es vernnftig sein, wenn man kurzen Atem hat. Heut,
als dieser Jger zwischen den grausamen Dragonergulen sprang wie ein
Hirsch, bewies er, da das Hilfreiche die eiserne Ausdauer ist, die
schnelle Kraft und der leidenschaftliche Wille. Im Leben und in der
Geschichte, wenn die Schose vorwrts gehen soll, mu Sturm wehen. Komm
ich einmal zur Arbeit, so will ich in der ersten Stunde was beginnen,
worber die Welt zusammenfahren soll bis in die Knochen. Sich
erhebend, leerte er sein Weinglas und winkte auf etwas parodistische
Art mit der Hand. Gute Nacht, mein ruhsamer Geheimrat! Ich sehne mich
nach meinem Nachtgebet. Das will ich _piano_ erledigen, damit es Ihm
den Schlummer nicht davonpfeift.

Ein paar Minuten spter, als der junge Oberst in >Himmat< und
Reithose auf dem Bett sa, und der Soldat ihm die von der Schneensse
enggewordenen Stiefel herunterziehen wollte, hrte man zwei Stimmen im
Salon. Dann streckte Danckelmann den Kopf zur Tre herein: Der Bote
war da. Alles bewilligt.

Na also! Ein kurzes, fast kindliches Auflachen der melodischen
Stimme. Dazu in flinkem Franzsisch: Hat man 120000 wohldressierte
Kerle hinter sich, so kann man sich vernnftige Worte erlauben. Umwege
und geduldige Schwche machen sich schlecht bezahlt. Entschlossene
Gradheit bleibt immer die beste Politik. Und wieder deutsch: Na,
Hnne, nu zieh mal feste! Spuck in die _la main_! Denn wird's schon
jehen.

Der Geheimrat legte sich mit erleichtertem Gemt zu Bett. Er hatte
schon eine berchtesgadnisch-salzburgisch-sterreichische Koalition
in der Luft hngen sehen. Jetzt konnte er aufatmen. Kaum lag er
in den Kissen, da hrte er durch zwei Mauern sanft gedmpft das
>Nachtgebet< des jungen Obersten herberklingen: pedantische
Fltenlufe, erst langsam und immer schneller, Tne wie Soldaten, die
nach dem Paradeschritt den Sturmlauf ben. Dann ein innig trumendes
Adagio, das einer Klavierbung von Bach entnommen und fr die Flte
zugeschnitten war. Erst gegen Mitternacht verstummten die zrtlichen
Klnge. Das blieb politisch nicht ohne Folgen. In der Geisterstunde
wurde Herr von Grusdorf aus dem ersten Schlaf herausgebimmelt, um
von Muckenfl den berraschenden Geheimrapport entgegenzunehmen:
da der impertinalimentische Patron, der sich _in loco hujus_ vor
den Kapitelherren so arroganzialiter aufgespielt htte, gar kein
prussianischer Offizier sein knnte, sondern probabilittisch ein
verkappter Musikant und Schwegelpfeifer wre. Graf Tige hatte also mit
seinem maskierten Tanzmeister nicht weit daneben geraten. Aber wie
die Dinge lagen, war nichts mehr zu ndern. Man konnte nur bei den
bevorstehenden Hoffestlichkeiten die Verteilung der Jagdstnde und die
Tischordnung _eo modo_ dirigieren, da dieser zweifelhafte Kumpan aus
der allergndigsten Nhe Seiner Liebden removiert wurde.

Eine dunkle Nacht verging. In den Brgerhusern der Marktgasse
war nach der zehnten Abendstunde das Brennen von Licht seit dem
Vershnungsschieen polizeilich verboten. Aurore de Neuenstein und ihr
Schlafzimmer standen selbstredend auerhalb des Wirkungskreises der
mittleren Regierungsorgane. An der schon halb zum Unlustschlchen
gewordenen Villa blinzelte durch die herzfrmigen Ausschnitte der
geschlossenen Fensterlden ein rosiger Schein heraus, der erst kurz
vor Anbruch des Morgens erlosch. Da die sekrete Snfte sich schon vor
Mitternacht gegen das Stift bewegt hatte, war den Polizeiwchtern
diese zwecklose Lichtvergeudung der Allergndigsten nicht erklrlich;
sie rieten auf Gespensterfurcht; unmglich konnten sie vermuten,
da Aurore de Neuenstein die restlichen Nachtstunden zum Einpacken
noch unentfernter Kostbarkeiten verwendete. Ein ahnungsvoller Engel,
sah sie den Strapazen des Groen Jagens, das sie als parisische
Diana verschnen sollte, mit dunkler Besorgnis entgegen und wollte
die drei folgenden Tage, in denen sie dank einer immer wirksamen
Ausrede von allen zrtlichen Verpflichtungen enthoben war, noch gut
fr ihre Zukunft bentzen. Kurz vor Anbruch des Tages verlieen
zwei schwerbepackte Saumtiere, von Aurorens verllichem Hausknecht
geleitet, das in der Frhlingswrme still erblhende Freudengrtlein in
der Richtung gegen Reichenhall.

Unter dem gleichen Frhgrau pochte Leupolt Raurisser an die noch
verschlossene Tr des Leuthauses. Eine Stunde spter, whrend
die kommende Sonne alle westlichen Bergspitzen mit Rosenglut zu
berschtten begann, ritten die zwei preuischen Herren gegen
Unterstein hinaus, begleitet von dem steifzopfigen Soldaten und von
Leupolt, der ernst und bla war, doch so ruhig, da die Herren, wenn
sie mit ihm sprachen, keinen Wandel gegen den vergangenen Tag an ihm
bemerkten. Als die Reiter am Haynacherlehen vorberkamen, grte
Leupolt in herzlichem Erbarmen den Christl, der wunderlich erregt vom
Zauntor seines Gehftes gegen das Sudhaus hinbersphte. Lange stand
er und guckte so. Jetzt tat er einen schweren Atemzug. Da kommt er!
Dem Haynacherlehen wanderte ein kleiner, zaundrrer Bauer entgegen, in
dessen schmunzelndem Runzelgesicht zwei flinke Wieselaugen funkelten.
Er trug eine schwere Geldkatze um den Magen herumgeschnallt. Gelobt
sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie.

In Ewigkeit Amen! sagte Christl und scheuerte den weien Haarfleck
hinter dem Ohr.

Der kleine Bauer stie den Stecken auf den Boden. Da wir gleich alles
ausreden: den Hausrat, 's Vieh und 's Futter mut du mir aufweisen.
Dein Feld und den Waldzipf kenn ich. Wie viel verlangst du fr alles?

Die Nachbarsleut schtzen mein Sach katholisch auf vierzehnhundert
Gulden.

Ich hab dich ausrufen hren: du gibst es um den halben Preis?

Was ich sag, ist Stein und Eisen. Christls tiefliegende Augen
begannen zu funkeln. Da man der Martle ihr Gerstenfeld nit ackern
und misten darf, das mssen wir protokollarisch machen. Was mein Bbl
braucht an Wsch und Zuig, und was -- Dem Christl kam ein Schwanken in
die Stimme. Was noch brig ist von meiner Martle, das nimm ich mit.
Alles andre ist dein.

Schauen wir's an. Der kleine Bauer nahm die Sache genau. Jedes Stck
Hausrat untersuchte er bis auf die Leimfugen; jede Ziege hob er auf
seinen Scho, jeder Kuh knutschte er das Maul, den Hals, die Wampe,
das Euter, und jedem Klbl guckte er aufmerksam unter den Schwanz.
Der stumme Christl stand mit aschfarbenem Gesicht daneben. Gut!
Vierhundert kriegst du bei der Unterschrift, dreihundert bei der
bergab. Wann soll ich zum Protokollieren kommen?

Gleich.

Der kleine Bauer lachte. Pressiert's dir denn gar so?

Wohl. Christl Haynacher trug sein Bbl zur Nachbarin hinber und
wanderte mit dem Kufer zum Landgericht. Das wunderliche Kaufdokument
mit dem Paragraph ber das Gerstenfeld: nit ackern und nit misten
-- verursachte den vier berflssigen Buchstaben eine muntere
Viertelstunde. Als Christl unterschrieben hatte, fragte ihn der
Landrichter lachend: Wann will er denn exulieren?

Morgen. Der Haynacher hob die brennenden Augen. Am liebsten tt
ich's noch heut.

Heute? Nein. Heut nachmittag wird er schn daheim bleiben. Da wird
noch etwas zu erledigen sein.

Christl lchelte sonderbar. Was wr denn das?

Seine Neugier wird sich gedulden knnen. Eine entlassende
Handbewegung. Als die zwei Bauern mit schweren Schuhen davongepoltert
waren, schwang sich der muntere Liebling der Gerechtigkeit zu einem
philosophischen Ergu ber die in Bauernkpfen generaliter grassierende
Verbohrtheit auf. Seine heitere Laune sollte sich noch weiterhin
erhhen. Pfarrer Ludwig betrat schmunzelnd die Amtsstube. Oh?
_Reverende?_ Was fhrt Euch zu mir?

Das Schmunzeln des Pfarrers verstrkte sich. Um ehrlich zu sein: ein
Werk der Barmherzigkeit. Oder, um gleich _in medias res_ zu hupfen: ich
will -- Nach einem Augenwink auf den Schreiber sprach er lateinisch
weiter: Ich will meine schwerbedrckte Seele entlasten und ehrlich
zu Protokoll geben, da ich es gewesen bin, der das Haynacher'sche
Zwillingsprl verschwinden lie.

Der Landrichter schickte hurtig den Schreiber aus der Stube und platzte
los. Was Lustigeres war ihm zeit seines Lebens noch nicht begegnet.
Zwischen Lachen und Lachen sagte er: Unglaublich! Dieser Lewitter!
So viel Schlauheit htt' ich ihm gar nicht zugetraut, obwohl man in
dieser Materie von einem Juden viel attendieren darf. Es dauerte ein
Weilchen, bis er sich von seiner unjustiziarischen Frhlichkeit so
weit erholt hatte, um die Gnsefeder in die Streusandbchse tauchen
zu knnen. Die Feder schrieb nicht. Seht doch, sagte der muntere
Willibald, wie klug meine Feder ist! Sie weigert sich, bei dieser
barmherzigen Torheit mitzuagieren. Er griff nach einem anderen Kiel.
Diesmal fand er beim Eintauchen richtig das Tintenfa. Also? Dabei
lachte er schon wieder. Was soll ich protokollieren?

Da ich aus Erbarmen mit dem unglcklichen Vater, aus Mitleid mit dem
armseligen Prl, auch sonst aus Vernunfts- und Menschlichkeitsgrnden
dem beklagenswerten Kapitelstreit ein notwendiges Ende bereitet
habe. Pfarrer Ludwig war sehr ernst geworden. Was ich bekenne, Euer
Gestreng, ist die reine Wahrheit. Mit einem Schlssel, den ich aus der
Zeit meiner Amtsttigkeit noch besa, hab ich in jener Kapitelnacht
die Armeseelenkammer aufgesperrt. Um mich unkenntlich zu machen, hab
ich einen gemschelten Herrenmantel umgehangen, den ich mir vor Jahren
fr ein hfisches Maskenfest hab schneidern lassen. So vermummelt
hab ich das arme Prl im Friedhof zur ewigen Ruh bestattet. Mein
priesterliches Gewissen ist ohne Vorwurf. Lewitter hat uns das im
Kapitel doch auseinandergesetzt: mit der Verwebung der Muskeln, mit der
Diffusion des Blutes, _et cetera_. Da mu doch vom getauften Blut was
bergeflossen sein ins ungetaufte, also quasi eine Mittaufe des nur
leblos *scheinenden* Krperchens erfolgt sein. Nit?

Aaaaah! Glnzend debattiert! staunte der hocherfreute Richter, der
nun auch den Grafen Tige, wenigstens inbetreff seiner nchtlichen
Friedhofsttigkeit gerechtfertigt sah. Warum habt Ihr denn diese
hilfreiche Konklusion nicht im Kapitel vorgebracht?

Weil sie mir erst _post festum_ eingefallen ist. Da ich also bis zu
gewissem Grad gegen kirchliche und weltliche Gesetze handelte, das wei
ich. Und bekennen mu ich es, weil ich nicht will, da ein halbwegs
Schuldloser leiden soll um meinetwillen.

Ssssso! sagte der von frhlichem Glck erstrahlende Landrichter nach
einer Weile, indem er unter das letzte Wort des Protokolls einen netten
Schnrkel machte. Und wirklich, _Reverende_, dieses Bekenntnis wollt
Ihr unterschreiben? Pfarrer Ludwig, ohne zu antworten, nahm die Feder
und kritzelte seinen Namen unter das Protokoll. Da bewegten sich die
vier berflssigen Buchstaben. Mit einer Herzlichkeit, wie sie noch
kein anderes Menschenkind von ihm erfahren hatte, streckte Willibald
Hringghh dem Pfarrer die Hnde hin und sagte voll Rhrung: Reicht mir
Eure hilfreiche Christenhand! Ich *mu* sie drcken. Es ist mir doch
bekannt, da Jesunder stets Euer Gegner war. Um so ehrenwerter ist es
von Euch, da Ihr einem so erbitterten Widersacher zu Hilfe kommt, der
nahe daran war, die belsten Dinge ber Euch heraufzubeschwren.

Herr Richter! Pfarrer Ludwig blieb noch immer ernst. Ich hab keinen
Schwindel gemacht, ich hab die Wahrheit gesagt.

Ein frhliches Lachen erschtterte das Sauermilchgehirn der
Gerechtigkeit. Die *reinste* Wahrheit! Auch im Groben famos erfunden.
Aber permittiert mir, Euch aus dem reichen Tresor meiner richterlichen
Experienzen auf ein paar laienhafte Dissonanzen aufmerksam zu machen.
Da ist von einem Schlssel die Rede. Wenn nun der Richter frge: >Wo
ist dieser Schlssel?< Nein, Ihr sollt mir nicht antworten. Ich will
es Euch sagen. Der vergngte Willibald lchelte allwissend. Nicht
wahr? Diesen Schlssel habt Ihr in einen tiefen Brunnen geworfen?

Stimmt!

Und den gemschelten Herrenmantel habt Ihr wohl verbrannt in Eurem
Stubenofen?

Stimmt!

Aber! _Reverende!_ Der Landrichter lachte, da von den heftigen
Schttelbewegungen die Rohaarwuckeln seiner Percke weilich
zu qualmen begannen. Euch, der die herrliche Sache mit der
diffundierenden Taufe zu finden wute, sollte doch auch hier etwas
Witzigeres einfallen. Der tiefe Brunnen und das Ofenfeuer sind die
abgedroschensten Hilflosigkeiten vor dem Richtertische. Doch um Euch
einleuchtend zu demonstrieren, *wie* laienhaft in juridischem Sinn Eure
barmherzige _fabula_ ersonnen ist, will ich noch eine Frage stellen. In
welcher Nacht behauptet Ihr, das angebliche _crimen_ verbt zu haben?
Ihr wollt doch wohl nicht sagen: >In der ersten<? Nmlich in der Nacht,
in der es durch einen mir bekannten Tter wirklich geschah! Da ist doch
zu beweisen, da Ihr im Kapitel wart. Nun also? Wann?

In der anderen Nacht.

Aber Hochwrden! Die justiziarischen Mausaugen blitzten von
berlegenem Humor. Da wart Ihr doch, wie ich mich selbst berzeugte,
ein schwerleidender Patient.

Ich hab die Krankheit simuliert, um das Kapitel schwnzen zu knnen.

Ausgezeichnet! Hell auflachend klatschte Doktor Willibald die Hand
auf den geduldigen Tisch der Justitia. Ich will Euch sogar gestehen,
da eine hnliche Konjektur auch mich zu befallen drohte, bevor sich
der Gegenbeweis ergab. Da man vor dem Scharfblick eines Richters
mancherlei Krankheiten zu simulieren versucht, ist mir nicht neu.
Es gibt da Simulanten von erstaunlicher Fertigkeit. Aber -- Erst
mute der Landrichter die Trnen fortwischen, die ihm der Witz des
Vorganges aus den Molchaugen beizte. *So* geschickt hat noch niemals
einer von meinen Inkulpaten simuliert, da ich von seiner fingierten
Krankheit infiziert wurde. Ihr seid der erste, der da ressierte.
Eure _simulatio_ hat mir vierzehn Tage beschert, in denen meine Nase
permutiert war zu einer qualvollen Hlle. Nun? Was sagt Ihr jetzt?

Der Pfarrer schwieg. Seine groe Warze begann zu hpfen, und dann
brach er in ein Gelchter aus, da er mit beiden Hnden die Mitte
seiner Lnge umklammern mute. Eine vllig gegenstzliche Wandlung
vollzog sich im Molkentopf des Hringghhischen Verstandes. Ernst
geworden, mit schner Wrde, erhob er sich vom Fundament der vier
berflssigen Lettern. Merkt Ihr jetzt, wie aussichtslos es ist, vor
einem erfahrenen Richter einen unrealen Bren produzieren zu wollen?
Aber gestattet nun, da ich den armen Jesunder sofort von seinem Wahn
kuriere. Ich dank Euch, liebste Hochwrden! Ihr habt mir in mancher
Hinsicht eine groe Geflligkeit erwiesen. Grt mir auch den klugen,
vortrefflichen Lewitter!

Als Pfarrer Ludwig hinaustrat in die Sonne, faltete er wie ein frommes
Kind die Hnde und sprach ohne Worte zum blauen Himmel hinauf: Du
lieber Herrgott! Gibt's denn irgendwo auf der Welt noch einen greren
Schafskopf? Sag mir's! Dann reis' ich hin. So was Unwahrscheinliches
mu man mit Hnden greifen, bevor man's glauben kann. Lachend ging er
zu seinem Haus hinber. Doch diese Heiterkeit war ohne Dauer. Seine
Augen wurden ernst, fast traurig. Und so was richtet ber Schicksal
und Ehr, ber Leben und Tod der Menschen.

Bevor noch eine Stunde verflossen war, trat Doktor Willibald Hringghh
mit dem Lcheln eines Siegers in die Stube des Pfarrers. Gestreng?
fragte Herr Ludwig. Was noch? Die Sauermilch der vier berflssigen
wurde geistreich. Der gemschelte Herrenmantel, Willibald zog das
Protokoll aus dem Busen, soll verdiente Gesellschaft erhalten. Ging
auf den Ofen zu und schob das Dokument der Gerechtigkeit ins Feuerloch.
Der Pfarrer schttelte den Kopf: Das mu ich mibilligen. Wenn
Jesunder das Prozeverfahren gegen mich fordert?

Er wird es unterlassen. Lchelnd streckte sich Doktor Halbundhalb zum
Ohr des langen Pfarrers hinauf. Um eine gelinde, politisch notwendig
gewordene Verfehlung gegen meine Amtspflicht von mir abzulsen, hab
ich beim Chorkaplan *gebeichtet*. Es war die einzige Methode, die ihn
zwingen konnte, das Geheimnis zu bewahren. Seiner siegreichen Klugheit
vollbewut, sah der weise Richter dem Pfarrer in die Augen. Als ich
mein Confiteor begann, war der arme Jesunder noch ein gequlter Narr,
bei der Absolution schon ein sanierter Mensch. Namentlich das Motiv der
diffundierenden Taufe hat ihn ungemein beruhigt. Und die Hilfe kam, als
die Not am hchsten war. Den Verstrten bedrckte bereits der Wahn, da
er preuische Zwillinge gebren mte. Eben, da ich kam, wollte er
seine verzweifelte Mutter zur Hebamme schicken.

Pfarrer Ludwig, als er allein blieb, sprach mit einem kleinen Zusatz
die Worte des spinozistischen Briefes vor sich hin: Alles Wissen und
Geschehen, auch alle Narretei und Dummheit mu dem Leben dienen, damit
der Mensch teilhaftig werde des ihm mglichen Glckes! Dann fort,
zu seinem Freunde Simmi. Und von Lewitters Haus hinber zum Meister
Niklaus. Er traf ihn mit Luisa und Sus bei der Mahlzeit, setzte sich
zu ihnen, schien besser gelaunt als je und erzhlte die Geschichte
vom preuischen Kapitelsieg. Die wissen, wie man's zu machen hat.
Einen feindseligen Hammel mu man aufs Maul schlagen. Kitzelt man ihm
freundlich die Ohren, so stot er. Whrend der Pfarrer schwatzte,
huschten seine forschenden Augen immer wieder zu Luisa hinber. Ihr
Gesicht war wie aus Alabaster geschnitten und erzhlte stumm von einer
herzzerdrckenden Kummernacht. Nie hob sie den Blick, sprach keine
Silbe und atmete schwer. Ja, sagte der Pfarrer, gestern im Kapitel
hab' ich lachen knnen. Dafr hab' ich kurz vorher einen netten Schreck
mit der guten Mlzmeisterin erlebt. brigens, Luisli, weit du denn
schon, da der Leupi wieder daheim ist?

Luisa nickte stumm und beugte das Gesicht noch tiefer gegen den Tisch.
Kind? fragte der Meister halb erstaunt und halb erschrocken. Und
da sagst du mir kein Wrtl davon? Ist was geschehen zwischen Euch?
Du bist seit gestern, da ich dich schier nimmer kenn. Sie wollte
sprechen und brachte keinen Laut aus der Kehle. Die Sus wurde rot
bis unter die Haarwurzeln, und Niklaus fragte nicht weiter, weil
ihm der Pfarrer unter der Tischplatte einen mahnenden Puff versetzte
und dazu verstndlich mit den Augen zwinkerte: Ja, Nick, da hab ich
wieder einmal sehen knnen, wieviel Wunderliches in Menschenkpfen
umeinanderhupft. Du weit doch, was fr ein gescheites, wahrhaft
frommes Weibl die Mlzmeisterin ist. Und gestern, ich sitz daheim,
und da surrt der Mutter Agnes ihr Mdel zu mir herein in die Stub,
heult wie unsinnig und bettelt, ich soll doch um Gotteswillen gleich
hinberkommen, die Mutter Agnes htt den Verstand verloren.

Niklaus sah ratlos den lchelnden Pfarrer an, die Sus stammelte ein
>Jesus Maria!<, und Luisa hob das blasse Gesicht mit erweiterten Augen,
aus denen alle Qual einer verstrten Seele redete.

Da kannst du dir denken, Nicki, wie ich gesprungen bin. Ich komm
hinber, und da sitzt der prchtige Bub auf der Herrgottsbank, hat
ein Gesicht wie ein Gestorbener, und hlt mit den Armen die Mutter
fest, als mt er Sorg haben, da sie was Unsinniges anstellen mcht.
>Was ist denn?< frag ich. Und da kriegt die Mlzmeisterin ein bil
Luft, reit sich von ihrem Buben los, springt zur Mauer hinber -- und
du weit doch, bei den Mlzmeisterischen hngt so eine hirnrissige,
lsterliche Gottsaugenuhr in der Stub. Und jetzt rat, was die Mutter
Agnes getan hat? Ausgesehen hat's freilich, als wr sie verrckt. Aber
flink bin ich draufgekommen, da sie gescheiter ist als wir alle. Und
so springt das zornwtige Weibl auf die Mauer zu, packt die dumme Uhr,
reit sie von der Wand herunter, trampelt mit den Schuhsohlen drauf
herum, wie man was Giftiges totmacht, und schreit dazu in Kummer und
Trnen: >Frmmigkeit, ja, Frmmigkeit! Rechte Frmmigkeit ist das
Schnste auf der Welt, aber kindischer Aberglauben ist allweil das
Schiechste vor Gottes Blick!< Ich sag dir, Nicki -- Pfarrer Ludwig
verstummte, sah ber den Tisch hinber und fragte verwundert: Luisli?
Ist dir nit gut?

Wankend, als wre sie nah dem Erlschen, hatte Luisa sich erhoben.
Der Meister erschrak, die Sus sprang auf. Und da taumelte Luisa schon
zur Tr hinaus, den einen Arm vor die Augen gepret, mit der anderen
Hand ins Leere tastend. Die Sus sprang ihr nach mit einem erstickten
Sorgenschrei. Den Meister, der das Gleiche tun wollte, fate Pfarrer
Ludwig am Arm. Bleib, Nicki! Die Sus macht das schon. Die wei, wie
man vor einer freiligen Dummheit den Schlssel im Trschll umdreht.

Mensch! zrnte der Meister. Was treibst du denn da?

Was der Simmi treibt, wenn er fr eine Krankheit das richtige Trnkl
mischt. Lchelnd legte der Pfarrer den Arm um den Hals des Freundes.
Sei nit neugierig! Das Kind mu in ihm selber das Rechte finden.

Pfarrer? stammelte Niklaus.

Verstehst du nit? Hast du im Leben noch nie erfahren, zu was die
hungrige Lieb einen treiben kann?

Ohne zu antworten, grub Meister Niklaus seine Stirn in die Hnde.

Der Pfarrer betrachtete ihn mit einem herzlichen Blick und verlie ohne
weiteres Wort die Stube.

Auf dem Heimwege begegnete er einem heftig monologisierenden
Menschenkind. In der milden Mittagssonne schusselte der weischnauzige
Hiesel Schneck am Pfarrer vorber und strebte durch die Stiftshfe
gegen den Brunnenplatz. In seinem Gesicht war eine Mischung
gegenstzlicher Seelenstimmungen. Man konnte da ebensogut auf
fuchsteufelswilde Himmelhundslaune, wie auf freudenreiche Befriedigung
raten. Die letztere schien im Hiesel das bergewicht zu gewinnen,
als er beim Marktbrunnen sein Schneckenweibl daherzappeln sah, so
festtglich aufgeputzt wie ihr Schneck. Htte jedes von den beiden noch
einen Rosmarinstrau an der Brust gehabt, so htte man sie fr ein
goldenes Hochzeitspaar halten knnen. So, sagte die Schneckin, jetzt
haben wir's! Dabei war auch an ihr das gleiche, seltsame Durcheinander
von Kummer und Glck zu gewahren. Sie tat einen steinschweren Atemzug
und wiederholte lchelnd: Jetzt haben wir's!

Und wie! Der Hiesel legte den Arm um das alte Weibl und tuschelte
zrtlich, ohne den winzigsten Himmelskter. Jetzt ist alles wieder in
der schnsten Ordnung!

Der Schneckin brannte ein mdchenhaftes Erglhen ber das
Runzelgesicht. Verwundert guckte sie am Hiesel hinauf und fltete:
Jesus, wer hat's dir denn schon wieder verraten?

Was?

Da ich mich dir z'lieb wieder einschreiben hab lassen als
evangelikanische Exulantin.

Der Hiesel Schneck, dem der himmelwrtsstrebende Schnauzer sonderbar
zu zittern anfing, hob zuerst sprachlos die geballten Fuste gegen
das Frhlingsblau hinauf und verzog das schmerzhafte Maul bis zu den
Ohren. Dann fuhr ihm aus der verzweifelten Seele eine langschwnzige
Hllementskreatur heraus. Diesem Fluchgeprassel folgte die weinerliche
Klage: Du Narrenkapp ohne Bndel! Du Feiertagsschmarren ohne Schmalz!
Du alte Fuierbx ohne Zndloch! Hast du denn um Gottswillen nit ein
*bil* Verstand unterm Kuferdeckel! Weil die Schneckin bitterlich zu
heulen anfing, wurde der Hiesel etwas sanfter. Weibl, so geht's nit!
So kommen wir zwei unser Lebtag nimmer auf gleich. Kreuzteufelundkruzi
-- Kummervoll erwischte er den Himmelhund, der aus ihm herausfahren
wollte, beim Schwanz und verschluckte ihn wieder. Verstehst du denn
nit? So was von Freiligkeit! Du bei die Evangelikanischen drent!
Und ich seit halber Zwlfe wieder der beste Katholik! Wir zwei, wir
bleiben doch allweil grabenweit auseinander, wenn sich nit eins mit der
Gottsfreudigkeit ein bil zruckhalten kann. Verstehst?

Die Schneckin hatte verstanden. Drum flossen ihre Trnen so reichlich,
da dem Hiesel das Erbarmen in die wirblige Seele trpfelte. Geh,
deswegen mut du nit so grausam rhren! Es gibt auf der Welt kein
Narrenstckl, das man nit wieder aufpolieren knnt.

Mit nassen Augen guckte sie hinauf zu seinem zitternden Schnauzer.
Meinst, ich soll mich gleich wieder ausstreichen lassen?

Ausstreichen? Was? Du Ro ohne Schweif! Da mt sich der Kommissar
was Nobels denken von dir. Der tt doch sagen: du bist ja wie 's
Wetterweibl um Ostern, bald drin im Husl, bald wieder drauen. Ah na!
So soll mir keiner nit reden von meiner Schneckin. Verstehst? Ich
bring die Sach schon wieder auf gleich. Der Hiesel kann's machen, wie
er mag. Da lachen die kommissarischen Schpsnasen und sagen halt wieder
auf franzsisch: Ttewoh! Meintwegen! Ein Buckel, wie der Schneckische,
vertragt's.

Den Hut lftend, als wre ihm schwl geworden unter dem struppigen
Haardach, surrte der Hiesel Schneck, eine Perlenkette neuartig
gelckelter Himmelhunde drechselnd, hinber zur Kommissariatskanzlei.
Die Schneckin konnte nur neun Vaterunser beten, da war der Hiesel schon
wieder da. So, Weibl! Jetzt hat der Schmarren wieder sein Schmalz.
Jetzt soll's auf der Welt kein' bessern Evangelikaner nimmer geben, als
wie der Hiesel Schneck einer ist. Verstehst? Trotz aller Ruhe, mit der
sich der Hiesel aufspielte, schien doch ein bses Gewissenswrmchen
an seiner Seele zu nagen. Jhlings erblassend zog er sein Weibl mit
sich fort, so flink, da die Schneckin das Aussehen einer schiefen
Zappelfigur bekam. Und das geschah aus keinem anderen Grunde, als
weil der Hiesel Schneck den heitergestimmten Landrichter in amtlicher
Begleitung aus dem schattigen Stiftstor heraustreten sah in die Sonne.




Kapitel XXVIII


Zur Linken der vierfach entbehrlichen Gerechtigkeit wandelte der
Feldwebel Muckenfl mit dem Krckstock der polizeilichen Gewalt.
Hinter den beiden marschierten vier Soldaten Gottes mit aufgepflanzten
Bajonetten. Dieses Doppelkleeblatt der Weltbeglckung verfgte sich ins
Tal der Ache und zum Lehen des Christl Haynacher.

In dem sonst so stillen Gehfte war es lebhaft. Vieh wurde
davongetrieben; bei den Hecken fing man die gackernden Hennen; Heu
und Stroh wurde auf einen Leiterwagen geladen, und ein paar lustig
schwatzende Burschen schleppten allerlei Hausgert aus dem Flur
und stellten es in die Sonne. Nachbarsleute standen bei der Hecke;
sie schwatzten leis miteinander oder guckten zum Haus hinber, wo
der Christl Haynacher auf der Trbank sa, das schlafende Bbl mit
leisen Bewegungen auf seinem Schoe wiegend. Sein verzerrtes Gesicht
war aschenfarbig, und die tief eingesunkenen Augen brannten aus
blulichen Ringen heraus. Dennoch bot er den Anblick eines ruhigen
Menschen und lchelte immer ins Leere, als wren die Dinge, die um
ihn her geschahen, fr sein Herz und Hirn eine ferne Sache. Manchmal
machte er mit der Hand einen raschen Griff nach seiner Hfte, um
zu fhlen, ob die Geldkatze noch da wre, die er nach der bergabe
umgeschnallt hatte. Einer von den Nachbarn ging auf den Christl zu
und sagte: Mensch! Warum tust denn du exulieren? Du bist doch ein
Gutkatholischer!

Wohl! Und *was* fr ein guter! nickte der Haynacher und schaukelte
sein Bbchen. Aber exulieren tu ich.

Du Narr! Warum denn?

Das lchelnde Gesicht des Christl wurde wie eine starre Maske. Warum?
Er hob die funkelnden Tieraugen. Schnaufen mu ich wieder knnen.
Luft mu ich haben. Ein Kreuz mu ich aufstecken, ich wei nit wo. Und
erzhlen mu ich drfen, wie gottselig meine Martle gestorben ist. Ein
heiseres Aufkichern. Mein Vieh und mein Zuig ist alles verkitscht.
Morgen, eh die Sonn kommt, bin ich schon ber der Grenz. Gott soll euch
gutbleiben, ihr Nachbarsleut! Mich sehet ihr nimmer. Da rief bei der
Hecke drben eine schrille Weiberstimme, wie warnend: Christl! Die
Soldaten Gottes kommen.

So so? sagte Christl. Was gingen ihn die Soldaten Gottes an? Die
kommen, ich wei nit zu wem. Blo nit zu mir. Bei mir ist alles
protokollarisch. Mein Kopfgeld hab ich schon gestern gezahlt. Zwanzig
Gulden, Nachbar! Er lachte wieder. Weil ich ein Gutkatholischer bin.
Als Luthrischer htt ich's billiger haben knnen um fufzehn Gulden. Ja,
Nachbar, der richtige Glauben ist einen Batzen wert. Da zahlt einer
gern. Gelt, ja?

Der Nachbar schttelte den Kopf, ohne zu antworten, guckte scheu zur
Strae hinber und ging auf die Hecke zu. Er hatte ein gutes Gewissen,
seine Haustr und seine Kreuzstcke waren nicht rot angestrichen,
aber wenn die Soldaten Gottes kommen, ist's immer besser, man ist
weit davon. Auch die Leute, die nach protokollarischem Recht das
Haynacherlehen ausrumten, stellten ihre muntere Arbeit ein und
drckten sich hinter die Scheune. Wrdevoll, die Amtsmiene mit einiger
Heiterkeit aufgeschmlzt, betrat der Landrichter unter Muckenfls
kanzleideutschem Geleit den stillgewordenen Hofraum des Haynacherlehens
und gab den vier Gottessoldaten einen Wink, sich vorerst in Reserve
zu halten. Schweigend schritten die beiden der Haustr zu. Weil sie
die Sonne ber dem Nacken hatten, krochen ihre verkrzten Schatten wie
kleine schwarze Teufelchen vor ihnen her.

Gr Gott, ihr Herren! sagte Christl ruhig, nur ein bichen
verwundert. Aufstehen kann ich nit. Mein Bbl schlaft.

So wird er es wecken mssen. Um Abschied von ihm zu nehmen. Die
vier Entbehrlichkeiten hatten das reinste Deutsch gesprochen.
Dennoch verstand der Christl nicht. Doktor Halbundhalb mute sich
entschlieen, etwas deutlicher zu werden: die Regierung htte nichts
dagegen einzuwenden, da der Haynacher das Land verlasse; einen
unverbesserlichen Narren gewaltsam festzuhalten, lge nicht im
Interesse der Obrigkeit; keinesfalls aber drfe sie damit einverstanden
sein, da ihr ein zweifellos katholischer Deszendent entzogen wrde,
der sich zu einem verwendbaren Subjekte anzuwachsen versprche.
Weil Christl noch immer so wunderlich dreinguckte, fiel Muckenfl
erluternd ein: Kapierst du denn nit, du _Rhinoceratissimus_? Du
selber drfst marschieren, wie's dir quodlibetiert. Dein Kindl bleibt
_in loco hujus_.

Trotz des gehuften Lateins begann im Haynacher das Verstndnis zu
erwachen. Sein Gesicht entfrbte sich, seine Augen wuchsen, und fester
schlossen sich seine Arme um das schlummernde Bbl.

Man hat fr sein Kind eine freundliche Unterkunft eruiert und wird es
christlich erziehen, sagte der Landrichter mit beruhigender Milde,
wobei natrlich dem Kindsvater die Pflegekosten zufallen, die er fr
zehn Jahre zu deponieren hat, mit 26 Gulden _pro anno_.

Herr? Das war kein verstndlicher Laut, war wie ein gurgelndes
Husten. Der Christl tat ein paar schwere Atemzge, wurde wieder ruhig,
schttelte den Kopf und konnte lcheln. Guter Herr, da mt Ihr Euch
verschaut haben in der Hausnummer. Ich bin kein Evangelischer nit, dem
man sein katholisches Kind wegnehmen drf. Ich bin noch allweil -- Er
verstummte, weil er im Gesicht des Feldwebels etwas gesehen hatte, was
ihm kalt in die Adern fiel. Langsam erhob er sich, prete das Kind an
seinen Hals, wich ein paar Schritte zurck und lie die Augen irren wie
ein gefangenes Tier, das nach einem Ausweg spht.

Aus reicher Erfahrung verstand sich Muckenfl auf das leiseste
Anzeichen von Renitenz; er hatte gegen die Musketiere mit zwei Fingern
eine Gabel und dann einen bogenfrmigen Wink gemacht. Solang diese
Ordre nicht ausgefhrt war, erschien ihm Milde empfehlenswerter als
polizeiliche Strenge. Mit biersanfter Herzlichkeit sagte er zum
Haynacher: Jetzt tu nit obstinat sein, du verdrehter Subjektivus!
Und mach keine Spurifaxen nit, wo's die Obrigkeit _in loco hujus_
deinem Kindl aus christlicher Piettigkeit so gtig vermeint. Der
Landrichter, als wre seine amtliche Mitwirkung bei diesem gutglubigen
Vorgang beendet, trat gegen die Hecke hin und betrachtete aufmerksam
das ungeackerte Gerstenfeld, auf dem die Frhlingsblumen zu blhen
begannen, obwohl da keine Menschenhand gest hatte. Und Muckenfl
hngte den Krckstock der Polizeigewalt an seine Sbelkuppel, trat
mit ermunterndem Lachen auf den Christl Haynacher zu, streckte
die gespreizten Finger wie eine freundliche Kindsmagd und sagte
wohlwollend: Schau, Christl, sei ein bil intelligentisch. Tu
gehorsamen und gib halt in Gottesnamen das Wrml her!

Der Haynacher sah aus, als mchte er in seinem ratlosen Gram einen
Kniefall machen und um Gnade betteln; aber sein Krper streckte sich
hart; dabei klang seine Stimme wie das Klagen eines gequlten Kindes:
Jesus, Jesus, nit um Leben und Sterben, mein Bbl la ich nit aus.

Was einer nit gibt, das mu man nehmen. Wieder, und diesmal mit
obrigkeitlichem Unterton, fgte der Feldwebel bei: In Gottesnamen!

Der irrende Blick des Bauern sah vom Straenzaun zwei Musketiere
herankommen. Nun hrte er die klirrenden Sprnge der beiden
anderen, die ums Haus herumgelaufen waren und hinter der Mauerkante
hervortauchten. Ein Ausweg war da nimmer. Im Gesicht des Christl
Haynacher, dem die Verzweiflung das Gehirn zerwirrte, vollzog sich eine
grauenvolle Vernderung. Unter heiserem Auflachen ri er das groe
Bauernmesser von seiner Hfte und grub es mit raschem Sto in das Herz
seines schlummernden Kindes. Das Bbchen zuckte nur ein bichen, wie
Kinder im Traum zusammenfahren, und lie das Kpfl auf der Schulter
des Vaters liegen, als schliefe es friedlich noch immer weiter. Das
Gesicht des Christl war so wei wie die Mauer seines verlorenen
Hauses. Die rechte Hand war rot geworden. Er streckte sie hinauf gegen
die Sonne und schrie: Meines Kindes Blut soll kommen ber alle, die
uns Menschen plagen im Namen Gottes! Mit Sprngen, wie ein von Hunden
gehetztes Wild sie macht, unter rasselnden Atemzgen, rannte er gegen
die Hecke hin, warf sich durch die Stauden und gewann den Gerstenacker,
whrend hinter ihm das Geschrei der Obrigkeit, der Musketiere und der
erschrockenen Nachbarsleute zeterte.

Hinfallend auf die beiden Knie, lie der Haynacher das entseelte
Bbchen von seiner Schulter gleiten und stie das blutige Messer, das
zwischen Griff und Klinge eine sthlerne Querspange hatte, in den
grnwerdenden Grabhgel der Martle. So, Weibl! keuchte er. Jetzt
hast du dein Kreuz! Ein grelles Lachen zerri ihm die Stimme. Ist
kein heiliges nit, aber eins, das die Herren nimmer verbieten knnen.
Er zuckte vom Boden auf. Mit dem Ausdruck eines entrckten Bekenners
hob er die roten Hnde und schrie zum Himmel: Sie hat's verdient! Von
allen Christenseelen die frmmste! Und ist gestorben, so schn, wie
seit dem heiligen Peter und Paul kein rmischer Bischof nimmer sterben
hat knnen auf seinem vergoldeten Sessel! Nach diesem Schrei berkam
ihn eine steinerne Ruhe. Das verzerrte Gesicht drehend, gewahrte
er bei der grn berhauchten Hecke die obere Hlfte des schwarzen
Landrichters mit dem kalkweien Gesicht und der schneeblanken Percke.
Er sah nicht den Feldwebel, der mit geschwungenem Sbel halblateinisch
kommandierte, sah nicht die Musketiere, die sich durch die Hecke
warfen, sah nicht die schreienden Leute. Nur den Doktor Willibald
Hringghh. Mit zuckenden Hnden griff er in die Luft. Wie, du! Komm
her! Oder traust du dich nit? Ein wildes, jedem menschlichen Klang
entrcktes Lachen, gleich dem Gebrll eines gepeinigten Tieres. Schau
her, du! Meine Hnd sind leer. Ich hab kein Messer nimmer. Und mag nit
greifen nach einem Prgel. So viel wie ein rudiger Hund verdienst du
nit. Mit greifenden Fusten strzte er auf die erschrocken wackelnde
Percke zu. Fr einen, wie du, da reichen zehn rmischkatholische
Finger aus! Dem Christl Haynacher fiel der Kopf vornber, und seine
Fuste sanken. Zwei obrigkeitstreue Bajonette waren ihm in die Brust
gefahren. bersprudelt vom roten Brunnen seines Lebens, fiel er auf den
Gerstenacker hin und lag wie ein Entseelter in den jungen Blumen. Nun
bewegten stoende Atemzge seine Brust. Er tat die Augen auf, die er
schon geschlossen hatte, hob sich mit stemmenden Armen vom Boden und
sprach in Verzckung: Es ist ein Gott, und ich glaub. Ihr Snder, euer
Irrtum ist des Erbarmens wert. Mehr sag ich nimmer. Lchelnd fiel er
zurck, und das Leben entrann ihm.

Drben bei der Hecke des Nachbarlehens fingen die Leute wie verrckt
zu schreien an. Die Musketiere standen mit verdutzten Gesichtern,
als begriffen sie nicht recht, was da im Handumdrehen geschehen war,
und Muckenfl fhlte eine Anwandlung von bligkeit, weil er Blut in
solcher Menge nicht sehen konnte. Nur Doktor Willibald Hringghh, obwohl
seine Nase so wei wie seine Percke war, erkmpfte bis zu amtlich
notwendigem Grade seine Fassung, lftete das Barettchen und sagte
kurzatmig: Hier hat Gott gewaltet und seine ewige Gerechtigkeit. Mit
kummervoller Einsicht fgte er bei: Zu spt erkenne ich die Wahrheit,
da dieser unglckselige Mensch kein Schwachkopf, sondern ein geborener
Verbrecher war. Getreu seinen Pflichten, erledigte er die peinlich
genaue Inaugenscheinnahme des Tatortes, begab sich in das leergewordene
Haus, lie Tisch und Sthle in die ausgerumte Stube zurcktragen und
verfate unter hufigem Kopfschtteln ein ausfhrliches Protokoll. In
seinem Amtseifer berhrte er den wachsenden Lrm, der vom Gerstenacker
des Christl Haynacher herberscholl.

Als der Landrichter bei rotwerdender Sonne das abgestorbene Haus
verlie, befiel ihn vor dem Anblick des lrmenden Gewhls von zwei,
drei hundert Menschen ein sichtliches Unbehagen. Er fhlte sich
zwischen dem Muckenflschen Polizeisbel und den gottsmilitrischen
Bajonetten nicht mehr sicher und schlug ein berhastetes Tempo an.
Dadurch gestaltete er die Situation noch unerquicklicher. Eine
schreiende, schmhende, von Zorn durchfieberte Leutmenge rannte hinter
ihm her und begann mit Steinen zu werfen. Es wre zu bsen Dingen
gekommen, wenn nicht eine unerwartete Wendung das Trauerspiel dieser
Stunde halb und halb in das Gegenteil verkehrt htte. Ein groer
Rattenpinscher, der, gereizt durch die Blutwitterung, schon immer
aufgeregt gebelfert hatte und nun den springenden Landrichter ersphte,
miverstand die Sachlage, verwechselte die Gerechtigkeit mit dem
Verbrechertum, scho wie ein Pfeil hinter dem Fliehenden her, erwischte
ihn und ri ihm nicht nur einen langen Flgel aus dem richterlichen
Talar, auch noch ein mageres Stck Fleisch aus einer Krpergegend, die
sogar ein Liebling der Justitia beim Sitzen nicht zu entbehren vermag.

Aller Zorn der aufgeregten Menschen schlug in befreiendes Hohngelchter
um, als sie den siegreichen Rattler das schwarze, ein bichen
rotgetpfelte Fhnlein der Gerechtigkeit so stolz in der stichelhrigen
Schnauze umhertragen sahen. Und whrend Muckenfl und die Musketiere
rasch den klagenden Herrn davonfhrten, der eine purpurne Trufelspur
seines amtlichen Waltens hinter sich zurcklie, rief ein junger
Mensch, den die Amnestie aller Evangelischen erst am Morgen aus dem
Aufenthalt ohne Mond und Sonne erlst hatte: Gucket, Leut! Jetzt hat
er einen von seinen vier berflssigen Buchstaben eingebt! Gott
soll's geben zum Wohl der Menschen, da man ihm die drei anderen auch
noch ausknuspert. Kann er die Gerechtigkeit nimmer im Sitzfleck haben,
so knnt man hoffen, da sie ihm hinaufsteigt ins Gehirn.

Bevor die Sonne noch ber den Toten Mann hinuntertauchte, kamen
viele Musketiere und Dragoner zum Gerstenacker des Christl Haynacher
marschiert, um die in staatsgefhrlichem Grad gestrte Brgerruhe
wieder herzustellen. Als man die beiden kaltgewordenen Menschenkinder,
Vater und Bbl, zur Armeseelenkammer brachte, war die Geldkatze des
Christl spurlos verschwunden. Nach Anbruch der Dunkelheit wurden die
zwei Entseelten, die als gutgetaufte Christen ein unverlierbares
Anrecht auf heiligen Boden hatten, ohne Aufsehen im Friedhof bestattet.
Und der von seinem bedrohlichen Wahn geheilte Jesunder bentzte
diese Gelegenheit, um unauffllig den durch ein schwarzes Heidenkind
entweihten Gottesacker neu zu konsekrieren. Er vollzog die heilige
Handlung so nachdrcklich, da er mit einiger Berechtigung hoffen
durfte: die Weihe wrde sogar bis zur Auenseite der Friedhofsmauer
penetrieren.

Solang die Polizeistunde noch nicht geschlagen hatte, ging es auf dem
Brunnenplatz und in der Marktgasse sehr unruhig zu -- am unruhigsten im
Hof des Leuthauses. Da standen ein paar hundert Menschen beisammen. Die
htten gerne noch erfahren, was die zwei preuischen Herren mit ihrem
Nachtbesuch beim Kanzler von Grusdorf zur Beruhigung der evangelischen
Mtter und Vter auszurichten vermochten. Die Polizeistunde schlug,
ohne da die Harrenden eine Nachricht hrten; sie muten heim in ihre
Stuben, muten sich im Bangen um ihre Kinder noch gedulden durch eine
lange Sorgennacht.

Frh am Morgen rasselte die Polizeitrommel. Der Feldwebel Muckenfl
begleitete sie nicht. An seiner Stelle mute ein anderes Polizeiorgan
der lauschenden Population verknden: da, zum ersten, die exulierenden
Vter und Mtter das unbedrngte Verfgungsrecht ber Verbleib oder
Mitreise ihrer Kinder htten. Und zum anderen: da der allergndigste
Frst den traurigen Vorfall im Haynacherlehen aus gerechter Empfindung
beklage und die beiden Beamten, denen eine folgenschwere Unberlegtheit
vorzuwerfen sei, ihres Amtes enthoben htte.

Es war eine aufgeregte Nachtstunde gewesen, in der sich Herr Anton
Cajetan diesen Entschlu von der frstlichen Seele gerungen hatte.
Den Feldwebel Muckenfl fallen zu lassen, war ihm nicht allzu schwer
geworden; nach unten hin verdnnen sich die Regierungsverpflichtungen.
Doch gerne htte er den armen Willibald gehalten; aus Dankbarkeit
fr mancherlei sekrete Dienstleistungen. Man beriet alle rettenden
Mglichkeiten und fand keinen Ausweg. Willibald mute hinuntertauchen
in das Nichts, weniger aus Ursache der folgenschweren Unberlegtheit,
als weil er durch den Verlust eines notwendigen Buchstbchens dem Fluch
einer Lcherlichkeit berliefert war, die ihm jedes weitere Wirken als
getreues Justizkamel entschieden verweigerte. Dem Stiftsherrn, der
dem Beklagenswerten diese Botschaft mit dem Pflaster eines gndigen
Ruhegehaltes berbrachte, konnte der leidende Mann nicht in die Augen
schauen, weil er zu besserer Bequemlichkeit des nhenden Stiftsphysikus
auf der sehenden Seite liegen mute.

Zum kummervollen Nikodemus Muckenfl hatte man keinen Stiftsherrn
geschickt, nur einen frstprpstlichen Lakai. Der entthronte Feldwebel,
obwohl er auf ein durststillendes Versorgungspstchen im Stiftskeller
hoffen durfte, gab durch lngere Zeit keine Perle seines Sprachschatzes
von sich. So, du Rindviech, sagte seine tapfere, unverdrossene Frau
zu ihm, jetzt red lateinisch!

Im Verlaufe dieses Tages konnte Pfarrer Ludwig von seinem Fenster aus
eine Wahrnehmung machen, die ihn wieder an den Amsterdamer Singvogel
und an die These denken lie: da alles Geschehen unter der Sonne, so
hart und bel es auch wre, sich doch immer wieder verwandle zu einer
aufwrts fhrenden Staffel des Lebens, zu einer Glckshilfe fr die
Menschen. Der Tod des Christl Haynacher war ein Werk der Erlsung fr
hundert bedrckte Herzen geworden. Viele Frauen, evangelische Mtter,
die in Sorge gewesen waren um den Besitz ihrer Kinder, wanderten zum
Friedhof und legten Strue und kleine Krnze von Frhlingsblumen auf
das frische Grab. Der alte Mesner konnte sich nicht erinnern, da seit
Menschengedenken ein Friedhofshgel so reichen Schmuck empfangen htte,
als die Ruhesttte des Christl. Wie sehr man diesen Blutzeugen der
Vaterliebe in Ehren hielt, das erwies sich auch an einem Vorfall, der
sich auf des Haynachers Gerstenacker ereignete. Hier gedachte gleich am
Morgen nach Christls Tod der kleine magere Bauer mit den schlauen Augen
eine nutzbringende Ttigkeit zu entwickeln. Er wollte das brachliegende
Feld mit dem Spaten umgraben -- das wre nicht >geackert< -- und
wollte schaffweis die Jauche ausgieen -- das wre nicht >gemistet<
in protokollarischem Sinne. Dieser klugen Auslegung dessen, was
schwarz auf wei geschrieben stand, schlossen sich die Nachbarn des
Haynacherlehens nicht an. Sie verprgelten neben dem Grab der Martle
den wifen Protokollisten so frchterlich, da er das Misten und Ackern
sogar auf den eigenen Feldern fr lngere Zeit versumte.

Auer dem shnenden Schwertstreich, der auf die Amtspercken des
Landrichters und des Polizeifeldwebels niedergefahren war, tat
die Regierung auch sonst noch unter den vier preuischen Augen
ihr Mglichstes, um die Stimmung der Population nach Krften zu
besnftigen. Alle Polizeiverbote, die einen Hauch des Muckenflschen
Geistes atmeten, wurden vom Stiftstor entfernt, so da sich die vier
Bogen des Exulationsediktes aller wrdigen Soziett entblt sahen.
Wie den Kanzler von Grusdorf bisher das Verbieten ermdet hatte, so
fatiguierte ihn jetzt das Erlauben.

Aus Rcksicht auf die gereizte Stimmung der Subjekte wurden auch alle
Vorbereitungen fr das Groe Jagen mit Ausschlu der ffentlichkeit
betrieben. Die zahlreichen Fahrzeuge mit den Stellnetzen und hohen
Tchern, die Menagerievehikel mit den Hirschkfigen, Sauzwingern
und Fuchsksten, die Kchenwagen und Proviantkarren, alles wurde
zu nachtschlafender Zeit in Bewegung gesetzt, um der kritischen
Neugier des Volkes entrckt zu bleiben. Im alten Tiergarten des
Wimbachtales arbeiteten unter Leitung des Wildmeisters und der Jgerei
zweihundert Musketiere und Dragoner drei Tage und drei Nchte lang,
um die eingegatterten Wildbestnde in die Kfigfallen zu treiben,
sie nach dem Hintersee zu verbringen, an dessen Ufern das groe
Prunkjagen stattfinden sollte, und sie dort nach dem hfischen Rang
der Schtzen in die Kammern der zu den Stnden fhrenden Auslufe zu
verteilen. Was da jagdlich mit vielen Kunstkniffen inszeniert wurde
-- in einer Jahreszeit, in der die Hirsche keine Geweihe trugen und
jede Kreatur des Waldes und der Berge die Spuren der winterlichen
Entbehrung zeigte -- war >edles Weidwerk< im gleichen Sinne, in dem der
gestutzte Hofgarten als frstlicher Park und der verflossene Doktor
Halbundhalb als himmlischer Sendbote der ewigen Gerechtigkeit gelten
konnte. Wie unter dem Strom der Pariser Moschusdfte viel Gesundes
auf deutschem Boden permutiert war zu blem Geruch, so war auch der
hfische Jagdbetrieb verwandelt zu einer franzsischen Fratze dessen,
was man seit Jahrhunderten als deutsches Weidwerk verstand. Und im
Stifte hatten sie ihren Ehrgeiz dareingesetzt, dem Gesandten des
Knigs von Preuen weidlich zu imponieren und ihm den gutkatholischen
Wildsegen ausgiebig unter die evangelische Nase zu reiben. Zahlreiche
Einladungen waren ergangen. Weil nach altem Brauch an einem Groen
Jagen, das man auch als Kapiteljagd bezeichnete, alle Stiftsherren
teilzunehmen pflegten, konnte man auch den Stiftspfarrer Ludwig um die
ihm gebhrende Invitation nicht verkrzen. Er nahm sie an, weil sie
ihm ein Wiedersehen mit dem jungen Offizier in Aussicht stellte, der
sich ihm mit heiteren Worten in das alte deutsche Herz hineingeplaudert
hatte. Jetzt schau nur, sagte der Pfarrer zu seiner Schwester, da
du noch ein Flschl Terpentin erwischen kannst, um aus meinem grnen
Jagdfrack die verjhrten Weintrenzer herauszuputzen!

Am Vorabend des Groen Jagens konnte der Wildmeister seinem
allergndigsten Frsten melden, da fr das weidmnnische _spectaculum_
alles in bester Bereitschaft wre, und da auch der Himmel einen
selten schnen Frhlingsmorgen versprche. Auf die vierte Frhstunde
war das _Rendezvous_ in den Stiftshfen angesagt. Schon um Mitternacht
begannen die Pfannenfeuer aufzulodern und berglnzten die Stiftsmauern
mit grellem Zitterschein. Um zwei Uhr rckte alles aus, was zur
frstprpstlichen Jgerei gehrte. Punkt halb vier erschien Graf
Saur, der als Oberstjgermeister fungierte. Dann trafen von zwei
zu zwei Minuten, je nach ihrem hfischen Rang, die Jagdgste ein,
zuerst die Stiftsbeamten, drauf die Offiziere der salzburgischen
Soldateska, nach ihnen die Domizellaren, von denen die Barone Stutzing
und Kulmer zur Einholung der Allergndigsten ausgeschickt wurden,
dann die Kapitularen und der Kanzler von Grusdorf. Alle Herren zu
Pferde. Es war ein Gewieher, ein Rosseschnauben und Hufgetrppel,
da die Stiftsmauern davon widerhallten. Fnf Minuten vor vier
erschienen die zwei preuischen Herren mit den beiden Jgern, die
man ihnen attachiert hatte -- Geheimrat von Danckelmann mit dem
Leupolt Raurisser, Oberst von Berg mit dem Hiesel Schneck, der seinem
Jagdherrn aus diplomatischer Courtoisie und mit einigem Schmunzeln als
Auchevangelischer bezeichnet wurde. Zwei Minuten vor vier intonierten
die Hrner den Dianengru. Aurore de Neuenstein, in einem grnen, durch
goldene Nesteln schrzbaren Reitkleide mit flimmernden Stickereien,
kam auf einem zierlichen Pferdchen allerniedlichst in Begleitung ihrer
beiden Kavaliere angaloppiert. Die Dianenweise schwenkte hinber
in den schmetternden Herrengru, und aus dem Stiftsportal, dessen
Flgel sich wie durch Zauber ffneten, trat, von Windlichttrgern und
Lufern flankiert, der Landesfrst hervor, in grner, goldstrotzender
Prunkjagdgala. Er kte das Hndchen seiner hbschen, etwas reichlich
schnbepflasterten Freundin, begrte liebenswrdig den Gesandten,
merklich gedmpfter den jungen Oberst, stieg zu Pferd und gab das
Zeichen zum Ausritt. Die Hrner bliesen den Aufbruch zur Jagd. Hinter
den hopsenden Lufern und zwischen den gaukelnden Wachsfackeln setzte
sich die lange Kavalkade in klappernde Bewegung. Als man auerhalb der
letzten Huser auf der Ramsauer Strae war, wurden die Wachsfackeln
ausgelscht, um den romantischen Reiz des Rittes zu erhhen und in den
vollen Genu des strahlenden Sternzaubers zu gelangen.

Der junge Oberst, der, solange die Fackeln noch gebrannt hatten, mit
beiendem Spott diesen kleinhfischen Seifenblasenschwindel so
unbarmherzig persiflierte, da Danckelmann in verlegene Unruh geriet,
wurde pltzlich ein stumm Entzckter, als die Lichter erloschen und
diese von den Geheimnissen der Ewigkeit durchblitzte Nacht ihn umgab.
Der reine Himmel wie ein stahlblauer Schild, gegen Osten hin schon
milchig aufgehellt. Die Berge in das tiefe Blau und in die falbe
Helle schwarz hineingezeichnet, mit weien Schneemtzen in der Hhe.
Stern an Stern in zitterndem Gefunkel. Die Milchstrae wie ein mit
Goldsand berstreutes Band. Gleich einem ewigen Feuerzeichen stand
das Sternbild des Orion ber dem Toten Mann, und wie eine groe
Fackel, strahlenschieend, brannte in einer Bergscharte des hohen
Ghl die Venus. Neben der Strae brauste die weiquirlende Ramsauer
Ache so laut, da alles Hufgetppel unhrbar wurde. Wie eine herrlich
summende Glockenstimme schwamm das ruhelose Wasserrauschen durch die
sternfunkelnde Schnheit der erlschenden Nacht.

Danckelmann! Es klang wie die Stimme eines Fiebernden. Das ist
eine von den Wunderstunden, die mich Heiden zum Christen machen. Man
fhlt den Atem Gottes, fhlt die Gre seines Werkes, fhlt seinen
ewigen Willen zum Schnen. In dieses enthusiastische Seelenjauchzen
zwitscherte ein heiteres Auflachen der Allergndigsten hinein. Der
Oberst, vom Franzsischen ins Deutsche fallend, stie mit galligem
rger vor sich hin: Na ja, un denn freecht man sich, wer ihm det
Schne mit so 'nem Geschmei bedreckte.

Dieses Gesprch wurde durch ein Wort des Frsten unterbrochen, der
den Geheimrat an seine Seite rief. Nun ritten die Drei hinter den
hopsenden Lufern an der Spitze des Zuges, zur Rechten Herr Anton
Cajetan, zur Linken der Gesandte, in der Mitte das ruhelos piepsende
Evasvgelchen. Die Laune der Allergndigsten _en titre_ hatte bei
aller Munterkeit etwas Gereiztes und erinnerte an den Geschmack
einer versalzenen Suppe, den ein geschickter Koch durch exotische
Gewrze prickelnd zu meliorieren verstand. Der hllende Nachtschleier
verleitete sie zu gewagten _jeux de mots_, die sie bei hellerem Lichte
auch in galantester Stunde vermieden htte, und manchmal, wenn sie so
pfefferig aufkicherte, wandte sie flink das Gesicht nach der Richtung
hin, aus der das Wortgewirbel des Grafen Tige, ihres verschnupften
Verkndigungsengels, zu vernehmen war.

Der junge Oberst, immer emporsphend zu dem grauwerdenden Gezack der
Berge, ritt einsam vor den beiden Jgern her, die auf dem Rcken die
vier aus den frstprpstlichen Waffenschrnken fr die preuischen
Herren ausgesuchten Jagdflinten trugen. Leupolt, wie verwachsen mit dem
Sattel, sah immer auf die Ohren seines Pferdes. Hiesel Schneck, der
unruhig hin und her wetzte, schob immer wieder den Zeigefinger zwischen
die Lippen, um ihn zu netzen und den Zug des Windes prfen zu knnen.
Heut bleibt 's Wetter nit sauber. Kreuzteufel und Hundsnoterei! Der
Wind fackelt umeinander, als tt er noch allweil nit wissen, ob er
evangelikanisch oder gutkatholisch ist. Verstehst? Kunnt sein, wir
kriegen heut ein Donnerwetter. Und was fr eins!

Sonn ist allweil! sagte Leupolt leise.

Whrend Hiesel grbelte, um den Sinn dieser drei Worte herauszukitzeln,
die wunderlich geklungen hatten, lenkte der einsame Reiter vor ihm sein
Pferd aus der Reihe. Gleich fragte der Hiesel dienstwillig: Herr? Was
ist denn? Er bekam keine Antwort. Der junge Oberst lie den Kanzler
und die Kapitularen an sich vorberreiten, lenkte sein Pferd neben den
steifbeinigen Hoppelgaul des Pfarrers hin und sprach den langen Reiter
franzsisch an: Hochwrden? Wollen Sie fr mich in dieser Nacht den
Dolmetsch Ihrer schnen Heimat machen?

Gern, Herr Oberst! Der Pfarrer lachte. Ich besorge nur, da mein
wackliges Franzsisch Ihre verwhnten Ohren mihandelt.

Fr die mangelhafte Form wird mich der Inhalt entschdigen. Den finde
ich bei Ihnen. Und Ihr Franzsisch, liebe Hochwrden, ist immer noch
besser, als mein erbrmliches Deutsch.

Sie ritten Seite an Seite, wurden beim Geplauder warm, heiter, fast
kameradschaftlich, und mit wachsendem Vergngen beantwortete Pfarrer
Ludwig die vielen neugierigen Fragen des jungen Offiziers. Bei Anbruch
des grauen Morgens erreichte der Jagdzug die ersten Huser der Ramsau,
und der Oberst verstummte. Er hatte die getrstete Trauer und die
neuerweckte Hoffnung, die unter diesen niederen Dchern wohnte,
vor zwei Tagen in der Sonne gesehen, und die Erinnerung machte ihn
nachdenklich. Pltzlich fragte er: Was meinen Sie, Hochwrden, wie
werden die Exulanten sich auf dem neuen Boden eingewhnen -- da
drunten?

Schwer. Aber nur um der dickeren Luft willen und aus Sehnsucht nach
dem Bild der Berge. Alles andere, die neue Art der Arbeit, Knappheit
des Lebens, Umgang mit neuen Menschen, neue Pflicht und neuer Weg, das
alles wird ihnen leicht werden. Es ist ein fgsamer und verllicher
Menschenschlag. Und die Zweitausend, die wandern mssen -- die
Stimme des Pfarrers wurde leis, das sind von den Unseren nicht die
Schlechtesten.

Ein rasches, zustimmendes Nicken. Raten Sie mir, Hochwrden! Jeden
Ratschlag will ich mit eisernem Griffel in mein Gedchtnis graben. Wie
mu man sie nehmen? Wie mu man sie behandeln?

Das ist mit einem einzigen Wort zu sagen: freundlich. Dann hat man
sie. Bei ihrem gesunden Seelenmagen vertragen sie alles. Immer sind sie
ohne Neid, auch gegenber dem Besserwissen. Nur mu der Klgere ihnen
das vormachen, da er, was er besser wissen will, auch besser *kann*.
Lacht einer ber sie, weil er vermutet, da sie die Dmmeren wren --
oder hlt sie einer fr minderwertig, nur weil sie anders sind, der hat
sie verloren. Fr immer.

Dem jungen Offizier fuhr es hei in das aufmerksame Gesicht. Waren Sie
viel auf Reisen, da drunten? Er deutete mit flinker Handbewegung gegen
Norden.

Ich? Nein. Der Pfarrer lchelte. Regensburg war der Nordpol meines
Lebens. ber die Donau bin ich nie hinausgekommen.

Was veranlate Sie, mir zu sagen, was Sie eben sagten?

Pfarrer Ludwig sah dem Oberst in die von der Nacht umschleierten Augen.
Das war die Klage vieler Salzburger, die lieber wieder heimkehrten in
die Knechtschaft ihrer Seelen.

Sinnend schwieg der junge Oberst, mit einer Furche zwischen den Brauen.
Dann sprach er rasch und erregt ein Wort, dessen Zusammenhang mit dem
Gesprch der Pfarrer nicht ganz zu begreifen schien: Ein Glck, da es
in jedem verschweinten Jahrhundert doch berall und immer noch Menschen
gibt, die rein, verstndig und redlich sind. Wieder das nachdenkliche
Schweigen. Dann unter heiterem Lcheln das italienische Sprichwort:
_Chi ha tempo, ha vita._

Das Latein des Pfarrers reichte aus, um das zu verstehen: wer lernt mit
der Zeit, wird leben.

Da legte sich die schmale Hand des anderen auf das im Steigbgel weit
ausgebuckelte Knie des langen Pfarrers. Sagen Sie mir alles, liebe
Hochwrden, was Ihre Sorge um die Exulierenden zu sagen fr notwendig
hlt. Und whrend der Pfarrer sprach, mit aller Herzlichkeit seines
Glaubens an den Wert der Menschen, die seiner Heimat genommen wurden,
lauschte der junge Oberst so aufmerksam, da er keinen Blick mehr
auf die wechselnden Bilder der Landschaft warf, das Tagwerden und
den ersten Glanz der Sonne nicht bemerkte, den klingenden Morgengru
der Hrner nicht vernahm und kein Auge hatte fr den aufleuchtenden
Farbenprunk des Jagdzuges. Erst als die Kavalkade auf einer kleinen
Rodung am Seeufer ins Stocken kam, blickte er auf wie ein Erwachender.
In der Windstille zwischen den dunklen Waldmauern kruselte nicht die
leiseste Welle den Spiegel des blaugrnen Wassers. Der See als See war
kaum zu erkennen; man sah nur, da die Schilfbeete nach aufwrts und
nach abwrts grnten; da die Fichtenmauer mit zierlichen Wipfeln zur
Hhe strebte und gleichgltig, nur etwas blsser, in die Tiefe wuchs;
da die von der Sonne rosig angeglhten Felsriesen mit den gleienden
Schneefeldern hoch hinaufkletterten ins Blau und ebenso tief
hinuntersanken ins Bodenlose; und da ein leuchtender Himmel da droben
war, ein leuchtender Himmel da drunten. Vor diesem zaubervollen Bilde
verjngte und erhellte sich das ernste Gesicht des fremden Offiziers.
Mit einem fast mdchenhaften Lcheln sagte er vor sich hin: Wie schn!

Stimmengewirbel, heiteres Lachen und ein flinkes _djeuner 
cheval_. Weigekleidete Kche und rotweinfarben kostmierte Kfer
mit Hirschlederschrzen sprangen im Heidekraut umher und hoben die
kunstvoll aus Holz geschnitzten Platten und die silbernen Becher zu
den Herren hinauf. Unter hilfreicher Mitwirkung der Natur hatte die
ganze Aufmachung des festlich prunkenden Bildes etwas Pompses, etwas
wahrhaft Frstliches. Der junge Oberst sah mit sonderbaren Augen den
Pfarrer Ludwig an: Ist das Kloster zu Berchtesgaden so reich?

Gewesen einmal! Was man heute verschluckt und verpulvert, wird man in
fnfzig oder sechzig Jahren bezahlen mit bayerischer Mnze. Das war
vom Pfarrer sehr ernst gesagt, fast traurig; dennoch lachte der junge
Oberst heiter und spttisch auf: _Tout le monde  la faon du roi de
Pologne, sauf le grand conome de Berlin!_ Das helle Knabenlachen
klang hinber zu der Stelle, wo Aurore de Neuenstein neben dem
frhstckenden Frsten huldreichen Cercle hielt; Herr von Grusdorf
drehte das morose Gesicht ber die Schulter, und Danckelmann geriet
in Verlegenheit. Schon mehrmals hatte der Geheimrat zarte Versuche
gemacht, den jungen Oberst ins Gesprch mit dem allergndigsten Paar
_en titre_ zu ziehen; aber so hflich Herr Anton Cajetan sich gegen
Danckelmann gab, so schwerhrig war er fr diese diplomatischen
Vermittlungsversuche; und als der Geheimrat seine Bemhung erneuerte,
fand er Widerstand auf der anderen Seite -- der junge Oberst machte
eine nur Danckelmann verstndliche Handbewegung und wandte sich
wieder seinem Gesprch mit dem Pfarrer zu. Die Fabel vom verkleideten
Schwegelpfeifer schien zu wirksamer Publizitt gediehen zu sein. Es
begann auffllig zu werden, wie der Begleitoffizier des preuischen
Gesandten von allen Kapitularen geschnitten wurde. So auffllig war
es, da es sogar fr den Hiesel Schneck nicht unbemerkbar blieb. Du!
sagte er zu Leupolt Raurisser, der mit ihm zwischen den Gulen am
Ufer stand. Dein preiischer Helfer? Verstehst? Der mu nit gar viel
Reputation haben.

So? Meinst du? Leupolt fand an diesem Morgen das erste Lcheln.

Wohl! Um den kmmert sich keine Katz nit.

Leupolt hob von der Erde einen kleinen Kalksteinsplitter auf, hielt ihn
auf der Hand dem Schneck vor die verdrieliche Nase und fragte: Was
ist das?

So ein Steinl halt, so ein dreckets, wie's hunderttausend gibt.

Ein Kopfschtteln. Das ist nichts anderes, Hiesel, als wie der groe
Eisberg da droben, von dem's blo einen einzigen gibt. Leupolt lie
von der ausgestreckten Hand den Kiesel in den See fallen. Gaukelnd
sank die flache Steinscheibe in die blaugrne Himmelstiefe, schien
immer grer zu werden und war umspielt von regenbogenfarbenen
Ringen. Der Hiesel guckte mit runden Augen, verstand wieder etwas
nicht und brummelte nach einem vorsichtigen Hllementskter: Auf'm
Stand droben wird's aufkommen, was er fr einer ist. Grad neugierig
bin ich auf die preiische Pulverei. Mitrauisch guckte er zu dem
kleinen mageren Soldtl hinber, das lebhaft mit dem Pfarrer sprach
und eben in hurtigem Franzsisch sagte: Auf irgend eine Weise mu es
doch kommen einmal. Der Hader um Gott und Kirchenmauer kann doch auf
deutschem Boden nicht ewig whren, kann doch alles Zusammengehrige
nicht immer von neuem entzweireien! Sie, Hochwrden, als menschlich
fhlender Priester? Halten Sie denn das fr vllig ausgeschlossen, da
sich zwischen Katholizismus und Lutheranertum in absehbarer Zeit eine
friedliche Einigung in allen Glaubensdingen ergibt?

Das kann und wird nicht kommen, Herr Oberst! Aber man darf als
Deutscher etwas anderes erhoffen: da man in einer kommenden Stunde
der Not sich brderlich Schulter an Schulter pret. Und da der
drohende Untergang uns allen, ob rmisch oder evangelisch, das deutsche
Lebensgesetz hineinschreit in die Herzen: Liebe deinen Gott, achte den
Glauben des anderen und bleibe dir bewut bei jedem Zornschrei und bei
jedem Lachen, da du ein Deutscher bist. Kommt es so, dann ist alles
gut. Und *das* kann ich glauben.

In dem strengen Gesicht des jungen Offiziers, um dessen schmalen und
dennoch edel gezeichneten Mund ein leises Lcheln dmmerte, blitzten
die stahlblanken, herrlichen Augen. Da mte man die Stunde segnen,
die uns Deutschen von aller Not die schwerste ber die bockbeinigen
Kpfe hagelt.

Ein klingender Hornruf. An den Waldmauern ein mehrfaches Echo. Geklirr
und Bewegung. Heiter, nur mit etwas geschraubten Tnen zwitschernd,
trabte die Allergndigste zwischen Herrn Anton Cajetan und dem
Geheimrat auf einen weibesandeten Waldweg zu. Ihr schwarzgetpfeltes
Unschuldsgesicht war vom genossenen Wein und von der Anstrengung des
Rittes gertet. Manchmal reckte sie sich rgerlich im Sattel und atmete
dazu in einer Art, als wre der Wunsch in ihr, etwas minder geschnrt
zu sein. Hinter den Dreien hielten sich dienstbereit die Domizellaren
von Stutzing und Kulmer, die zu weidmnnischer Nachhilfe fr Aurore de
Neuenstein und ihre zierliche Feuerbchse auf den Frstenstand befohlen
waren. Unter einem kstlichen Spiel von Lichtern und Schatten ging's
eine Viertelstunde empor durch den von grauen und weien Felskltzen
durchwrfelten Frhlingswald. Danckelmann fand gerechten Anla, das
jagdliche Arrangement mit Begeisterung zu loben. Von Stellnetzen
und hohen Tchern war nichts zu sehen. Die Kammern und Auslufe des
massenhaft zusammengefangenen und eingepferchten Wildes blieben
unsichtbar. Alles Knstliche war durch Tausende von eingepflckten
Fichtenbumchen und durch Moosballen so dick maskiert, da man sich
immer in Gottes freier Natur zu befinden glaubte. Nur selten hrte
man irgendwo eine Jgerstimme, und manchmal klangen Pflockschlge
vom Hintersee herauf, wo jetzt, nach Abzug der Herrschaften vom
Frhstckplatz, die letzten Vorbereitungen fr die weidmnnische
Apotheose des Groen Jagens getroffen wurden: fr den Seebogen und die
Wasserjagd.

In der Nhe des Frstenstandes, neben dem ein Hornquartett den
Herrengru ins Grne schmetterte und hinberschmolz in die zrtliche
Dianenweise, stieg man aus dem Sattel. Aurore de Neuenstein brauchte,
um niederzukommen, vier galante Domizellarenhnde. Dragoner, die
schon gewartet hatten, fhrten die Pferde davon. Vier Bchsenspanner
geleiteten Herrn Anton Cajetan zum Frstenstand, der aussah wie
eine mit grnem Sammet tapezierte Kanzel. Als der Frstpropst dem
Geheimrat schon Weidmannsheil! gewnscht hatte, zwitscherte Aurore
de Neuenstein franzsisch ber die Schulter: Meine beste, liebste
Exzellenz! Nicht wahr, Sie sagen gelegentlich Ihrem kleinen Pfeifer,
da er ein groer Flegel ist. Adieu!

Bis zur Frstenkanzel waren es in sanfter Steigung kaum hundert
Schritte; sie schienen der Allergndigsten _en titre_ wachsende
Atembeschwerden zu verursachen.




Kapitel XXIX


Die Stnde des Groen Jagens waren so weit voneinander entfernt,
da kein Schtze seinen Nachbar gewahren oder durch unvorsichtige
Schieerei gefhrden konnte. Man schien einsam fr sich im Walde
zu sitzen. Dem jungen Oberst, als er mit dem Hiesel Schneck seinen
grnumflochtenen Stand erklettert hatte, schien das zu gefallen. Es
war ihm anzumerken an der Art, wie er, behaglich aufatmend, sich auf
die Bank niederlie, die Arme kreuzte, die schlanke Nase vorschob
und mit den flinken Blitzaugen frhlich herumguckte in dem von
der Morgensonne durchwobenen Bergwald. Inzwischen lud der Hiesel
gewissenhaft die beiden Feuersteinflinten, schttete Feinkraut ins
Pfnndl, legte die Waffen schufertig ber die Auflagstangen und
huschelte sich hinter seinen Jagdherrn. So, jetzt bin ich neugierig,
was wir ausrichten miteinander. Dem jungen Offizier, dem das Bild
des stillen Waldes gengte, schien jede Neugier auf den Verlauf des
Groen Jagens zu mangeln. Das war wieder gut fr den Hiesel Schneck.
So lang er nicht gefragt wurde, konnte er schweigen wie der Tod. Nur
ber die Lage der Stnde durfte er Auskunft geben. Rechts, gegen die
Berghhe, lagen die Stnde des Herrn von Grusdorf, des Grafen Saur, des
preuischen Gesandten und zu oberst der Doppelstand des Herrn Anton
Cajetan und der Allergndigsten; zur Linken, gegen den See hinunter,
die Stnde der Stiftsherren und Domizellaren, der salzburgischen
Offiziere und der Stiftsbeamten, in strenger Rangabstufung. ber alle
brigen Geheimnisse des Groen Jagens mute Hiesel unverbrchliches
Stillschweigen bewahren; es konnte fr einen Gast den Reiz des Jagens
nicht erhhen, wenn er im voraus wute, was da kommen wrde, und da
je drei Fchse fr den Frsten, die Allergndigste und den preuischen
Gesandten, je zwei Fchse fr den Grafen Saur und den Kanzler, je ein
Fuchs fr den Oberst von Berg und jeden Kapitelherrn, drei Fchse
fr vier Domizellaren und je zwei Fchse fr fnf salzburgische
Offiziere und fr sieben Stiftsbeamte in den mehr oder minder
wahrscheinlichen Tod springen muten. Nach hnlicher Abstufung waren
auch die Wildschweine, das Kahlwild, die Gemsen und Prunkhirsche fr
den Aussprung nach den verschiedenen Stnden eingekammert. Alles war
gerichtet aufs Schnrchen. Htte die gleiche ordnungsgeme Vorsehung,
wie die Frsten sie bei ihren franzsisch frisierten Hofjagden zu
erzielen wuten, auch im heiligen Rmischen Reiche geherrscht, welch
ein Segen wre das fr das deutsche Volk gewesen.

Ganz konnte Hiesel Schneck nicht schweigen. Er deutete mit dem Finger
und tuschelte: Da droben, da kommt bald was! Verstehst? Da droben, wo
der weie Steinbrocken liegt. Das htte der junge Oberst auch ohne
den barmherzigen Fingerwink des Hiesel erraten knnen. Von dem weien
Steinbrocken zog sich eine Bodenmulde gegen den Stand herunter, auf
beiden Seiten abgesperrt durch dichtstehende Fichtenbumchen. Kam
da droben ein Wild, so hatte es einen Auslauf von 200 Schritten bis
zum Stand, mute auf 30 Schritt am Schtzen vorbei und konnte, wenn
sein Leben bis dahin erhalten blieb, in einem grnen Heckentrichter
verschwinden, um der Seekammer und einem unanzweifelbaren Schicksal
entgegenzuspringen. Vorerst war lautlose Stille im schnen,
frhlingsduftenden Bergwald, der wohlig unter dem Glanz der Sonne
trumte und keine Ahnung davon hatte, wie bel er mibraucht wurde.
Darber schien sich auch der junge Oberst keine Gedanken zu machen. Die
trumende Waldstille gefiel ihm, und seine Augen glnzten.

Hoch droben wurde mit hallendem Hrnerklang das Jagen angeblasen, und
es dauerte nicht lang, so krachten bei der Frstenkanzel zahlreiche,
flink aufeinanderfolgende Schsse, man hrte das jauchzende
Piepsstimmchen der Allergndigsten und dann die melancholische
Fuchstodweise des Hornquartetts. Bumm, bumm, bummbum, knatterte es
unter herrlichem Echo von den Stnden des Geheimrats, des Grafen Saur
und des Kanzlers herunter, und geheimnisvoll zischelte der Hiesel
Schneck: H! Obacht! Es kommt was.

Lachend drehte der junge Oberst das Gesicht. _Mon cher monsieur
Cheneque!_ Ick habe selber Oogen.

*Was* hast? fragte Hiesel verdutzt. Sein Jagdherr deutete mit beiden
Zeigefingern auf seine frhlich glnzenden Augen. Jetzt verstand der
Hiesel. Ah so! Und des weiteren hielt er wtend das Maul, obwohl
der verhllte Prei, weil er keinen Griff nach der Flinte machte,
den heranschnrenden Fuchs nicht zu sehen schien. Der rote Bruder
Reineke erledigte seine Promenade in den voraussichtlichen Tod mit
ruhiger Gemtlichkeit, sphte und lauschte nach allen Seiten, lie
die gestreckte Rute zittern, kam bis auf 40 Schritte heran, setzte
sich erstaunt auf die Hinterbacken und betrachtete den jungen
Oberst uerst aufmerksam. Dieses persnliche Interesse schien ein
gegenseitiges zu sein und whrte so lang, da Hiesel Schneck in
Besorgnis durch die Zhne knirschte: Himmelherrgottblutsakerment, so
schie doch einmal!

Neeee! klang die melodische Frohstimme des jungen Nichtschtzen.
Det brave Fckschen soll Muse fangen, die dem Bauer am Hafer
knabbern. So freundlich diese Stimme sich anhrte, so mitrauisch
machte sie den Fuchs. Er sauste unter dem Gebller, das auf den
tieferen Nachbarstnden losging, wie der Blitz davon und verschwand
in dem grnen Heckentrichter, der ihn einem minder barmherzigen
Vorgang entgegenlenkte. Hiesel Schneck schlug fassungslos die braunen
Tatzen ber dem Haardach zusammen, verga seines evangelikanischen
Herrgotts und lie aus emprter Jgerseele den gutkatholischen Seufzer
herausfahren: O du Mar' und Josef und alle vierzehn Helfer in der
christlichen Not! Bedrckt von einem sorgenvollen Zukunftsgedanken,
guckte er in das grne Loch, in dem der Fuchs verschwunden war. Da kam
-- eines jagdbaren Keilers hatte man den maskierten Schwegelpfeifer
nicht gewrdigt -- unter Horngeschmetter, hurtigem Flintenknall und
rollendem Echo eine schwere Bache mit zwei kleinen berlufern durch
die Mulde heruntergesurrt, vernehmlich grunzend in ihrer ahnungsvollen
Angst um die beiden Borstenkinder. Der Hiesel Schneck, weil er mit
Recht vermutete, da sich das gewitzte Wildschwein nicht neugierig vor
einen Preien hinsetzen wrde, konnte seinen Jgerseelensturm nicht
lnger im Zaum halten. H! Du! Verstehst? D Sau frit keine Muslen
nit! Da wirst dich ein bil tummeln mssen! Er packte eine der beiden
Flinten, um sie seinem Jagdherrn hinzubieten. Der schob sie mit der
Hand zurck: Uff so 'n jutes Muttchen losknallen? Neeee! Wortlos
schttelte Hiesel Schneck den Schdel mit dem zitternden Schnauzer,
schien sich in bedenklicher Nhe eines Gehirnschlages zu befinden und
klagte: Da fehlt's weit!

Neues Horngeschmetter, eine gesteigerte Knallerei auf allen Stnden,
und durch die Mulde trollten in zerzaustem Winterkleid zwei junge
Hirsche herab, die ihre Geweihe schon abgeworfen hatten. Auch sie
passierten unbeschossen den Stand des jungen Offiziers. Das begriff
der Hiesel, und seine grimmige Laune schien sich zu bessern. Aber
gleich darauf ereignete sich etwas Schauderhaftes, etwas fr den
Hiesel vllig Unfabares. Unter einem Fortissimo der Hrner, die
eine Steigerung aller Reize des Groen Jagens zu verknden schienen,
sausten mit wundervollen Fluchten zwei Gemsbcke durch die Mulde
herunter, mit schn gebogenen Krucken ber den weigelben Backen,
noch im schwarzen, wenig geschdigten Winterkleid, bei ihrem dichten
Pelzwerke kugelrund erscheinend, die wachelnde Bartsge ber den Rcken
hin. Vom aufwrtsziehenden Sonnenwinde gewarnt, wollten sie seitwrts
aus der Mulde fahren, prallten gegen die elastische Fichtenhecke,
wurden zurckgeschleudert und berschlugen sich, rafften sich wieder
auf und hetzten nun mit schnellenden Weitsprngen gerades Weges gegen
den Stand herunter. Aber jetzt, lachte der Hiesel Schneck, gelt
ja, jetzt rhrt sich der Prei ein bil! Das stimmte. Der junge
Oberst war aufgesprungen, konnte sich an dem prachtvollen, ihn hei
erregenden Bilde nicht sattschauen, wirbelte sein fast kindhaftes
Entzcken mit einem franzsischen Wortgeprassel aus sich heraus, und
als die beiden Gemsbcke drei Schritte vor ihm mit hohen Fluchten
ber die grnverkleidete Kanzeltreppe setzten, applaudierte er so
leidenschaftlich, wie er's noch niemals in einer franzsischen Komdie
getan hatte, schlug den sprachlosen Hiesel Schneck begeistert auf die
Schulter und lachte: Menschenskind! Det war jeradezu himmlisch!

Da legst dich nieder! murrte der Hiesel trostlos und wlzte in
verstrter Seele den Gedanken umher: wie das mit ihm werden wrde,
wenn *alle* Preien so schauderhafte Jger sind? Da lief er, wenn
er exulierte, einem Leben entgegen, bei dem er sich Tag fr Tag so
namenlos rgern mute, da ihm schlielich vor Gift und Zorn die
weidmnnische Galle verllich platzen wrde. Etwas Verzweiflungsvolles
redete aus seinen Wasseraugen, als er zgernd fragte: Herr? Sind im
luthrischen Sand da drunt die Jger *alle* so wie s?

Wie wer?

Im Hiesel begann es zu kochen. Kreuzikruzi -- Der Himmelhund, der nur
ein bichen aus dem Schneck herausgeblinzelt hatte, blieb ungeboren.
Verstehst denn nit? Der s bist du! Und wissen mu ich, ob im
Preiischen *alle* Jger so sind wie du?

Der junge Oberst lachte erheitert. Neee! Da bin ick der Eenzichste. De
anderen seind alle die gleichen Schlchter un Pulverschweine als hier
zuland.

So so? Jetzt wei ich, wie ich dran bin. Hiesel Schneck tat einen
Atemzug der Erleichterung; also gab's im Preiischen auch gute und
richtige Jger; da brauchte sich der Hiesel doch nicht gerade mit *dem*
da einzulassen, der einer war, da Gott erbarm'! Bei dieser schlauen
Rechnung erschien dem halbgesottenen Evangelikaner das Exulieren minder
schauderhaft als vor einer Minute. Und hurtig rhrte sich wieder der
gewissenhafte Jger in ihm. Psssst! Obacht! Der Klang der Hrner in
der Hhe wurde feierlich. Und droben bei dem weien Stein erschien mit
ruhigem Schritt ein guter Kronenhirsch, fein abgezeichnet vom grnen
Hintergrund, mit vorgebuchteter Kehlzotte, ber dem straff erhobenen
Haupt das prchtig verstelte Zwlfergeweih. Leis kicherte Hiesel:
Gelt, Preierl, da schaust! Verwundert sah der junge Offizier den
langsam niedersteigenden Hirsch und wieder den Jger an: Werfen denn
hier de ollen Hirsche det Jeweih nich ab im Frhling?

Jises! klagte der Hiesel. Jetzt wei der so was nit! Wann's halt
ein Gschnittener ist! Verstehst?

Wat?

Kreuzsakra! Den hat halt der Wildschneider im Herbst kastriert. Da
wirft einer 's Geweih nimmer ab. Sllene sind an die Dreiig im Jagen.

Ach, det arme Luder! Mit einer harten Furche zwischen den Brauen
griff der junge Oberst rasch nach der Flinte. Ein Ruck an die Wange.
Im Feuer berschlug sich der Hirsch, lag verendet zwischen den
Steinblcken, und der Schtze, unmutig das Gewehr fortstellend, sagte
mit leiser Stimme: _Dlivr des bienfaits de la providence humaine!_

Jetzt applaudierte der Hiesel Schneck, ohne zu verstehen, da dieser
barmherzige Erlsungsschu fr seinen Jagdherrn alles andere, nur
keine weidmnnische Freude war. Was der Hiesel in seiner vergngten
Anerkennung noch schwatzen wollte, ging unter in einem Heidenlrm,
der pltzlich den Wald zu erfllen begann. Unter dem Geschmetter der
Hrner, die Schlu des Jagens bliesen, klangen die jauchzenden
Stimmen der Jger und vieler zur Jagdfron befohlener Musketiere und
Dragoner durch den Wald herunter, nher und nher. Bei den Stnden
hallten die aufgeregten Hussarufe und Halalischreie, mit denen man
dem wundgeschossenen Wild den Fangsto versetzte, berall scholl der
Hetz- oder Standlaut der Schweihunde und Saupacker, manchmal auch das
Aufheulen eines Hundes, dem ein weidkranker Gemsbock das nadelscharfe
Krickel durch die Gedrme gerissen hatte; bald in der Hhe, bald
in der Tiefe sang ein Jagdhorn den Sautod, den Hirschtod, den
Gemstod, den Fuchstod; und dieser ganze, noch immer wachsende
Heidenspektakel wlzte sich von den Stnden gegen den See hinunter, um
sich vllig auszutoben in der hfischen, treu nach franzsischem Muster
zugeschnittenen Apotheose des Groen Jagens.

Als der junge Oberst, schon angewidert von den roten Bildern, die
er gesehen hatte, mit dem aufgeregten Hiesel Schnack hinunterkam
ans Wasser, war das herrliche _spectaculum_ Dian bereits in Gang.
Schtzen, Jger, Musketiere und Hundejungen mit den in den Halszwingen
heulenden Bracken standen rings um das Ufer her. Das schne Spiegelbild
der Wasserflche war zerwirbelt von rinnenden Wellenkreisen. Jubelnde
Hornfanfaren, hallendes Echo an den Felswnden. Und vom Sdufer des
Sees, wo hinter einer dunklen Wipfelsge das sonnglnzende Dach der
frstprpstlichen Frsterei emporspitzte, glitt das mit falschen
Blumen, Bndergirlanden, Fhnlein und Wimpelchen grellfarbig
aufgeputzte Schiff der gesegneten Gttin rauschend gegen die Seemitte.
Auf einem geschnitzten Hirsch, der mit vergoldetem Riesengeweih als
Galion sich herausstreckte ber den Schiffsschnabel, ritt -- nicht Herr
Anton Cajetan -- nur der frstliche Wildmeister _ la place du matre
ador_. Hinter ihm, in einer vergoldeten Muschel, stand die heftig
atmende, ein bichen bla gewordene Diana mit hellenischer Lanze und
einem funkelnden Halbmndchen ber dem gepuderten Lockenbau. Auf der
anschlieenden, grngelnderten Plattform hatten sich rings um den
Allergndigsten Herrn die bevorzugten Jagdgste hchster Rangordnung
und die hilfsbereiten Domizellaren versammelt, alle mit langen
Jagdspeeren bewaffnet. Und hinter der Plattform rauschte das Wasser
wei um die zwanzig Ruderschaufeln, die von maskierten Schiffern,
von haarigen Faungestalten regiert wurden. Eine neue Fanfare, ein
Hussajubel und Brackengelute rings um den schimmerigen See, ein
drhnender Bllerschu mit endlos rollendem Echo, und aus einer grnen
Triumphpforte -- wie ein schlammiger Wasserschwall sich im Bogen
hervorstrzt aus einer jh geffneten Schleuse -- schnellte sich eine
braune, schwarze, rtliche Zappelmasse vom Ufer in das aufspritzende
Wasser: das in der Seekammer angesammelte Wildgewhl, hinter dem die
Hetzhunde her waren. Von beiden Ufern klatschten die gelsten Bracken
heulend in die Wellen hinein, trieben den schwimmenden Wildknuel gegen
den flitterfarbig heranrauschenden Dianentempel, und da stieen und
stachen vom goldenen Sitz der Gttin und von beiden Seiten der grnen
Plattform das hellenische Lnzlein und die langen Speere auf und
nieder, da es immer blitzte von den zuckenden Klingen. Das erstochene
Wild drehte die Buche nach oben, wobei das schne blaugrne Wasser
sich mit schmutzigem Rot zu frben begann. Und Jubelgeschrei und
Hrnerschall ohne Ende. Das gefiel nicht allen, die es sahen. Pfarrer
Ludwig, der in seinem verblichenen Jagdfrack an eine grn umwickelte
Hopfenstange erinnern konnte, war gar nicht zum Ufer gekommen. Und der
junge Oberst knirschte in Zorn und Ekel vor sich hin: Fui Deibel! Den
Hiesel Schneck seinen langgeschwnzten Himmelhunden berlassend, wandte
er sich vom Ufer ab und schritt immer tiefer in den Wald hinein.

Eine Stunde spter, als schon der Streckenruf, der Frstengru und die
Dianenweise geblasen waren, muten viele Jger durch den Wald springen
und den Namen des Obersten von Berg zwischen die Bume schreien. Er
lie sich von Leupolt finden, dessen Stimme er erkannte, deutete mit
der Gerte, die er im Wald gebrochen hatte, ber das Ramsauer Tal und
gegen den Toten Mann hinauf, lchelte schmal und sagte: Det war
schner! Die Freude ber dieses Wort scho dem Leupolt Raurisser
mit heier Blutwelle in das ernste Gesicht, das zu mannhaft war, um
den Gram der vergangenen Tage merken zu lassen. Dann rief er, zum
Zeichen fr die suchenden Jger, ein klingendes Hojoh in den Wald.
Sie kamen gesprungen, mit ihnen auch der schauderhaft abgehetzte
Hiesel Schneck. Die Freude lachte ihm aus den Augen, als er seinen
Jagdherrn wieder hatte, der freilich ein Prei war -- aber was fr
ein Schtz! Kreuzikruziundsikerafaxhllementshndl, hat *der* dem
Hirsch ds preiische Kgerl auffizirkelt aufs richtige Fleckl!
Verstehst? Das wurde -- wie fr den verewigten Christl Haynacher
das Wunder der Armeseelenkammer -- fr das Kindergehirn des Hiesel
Schneck eine ruhelos schnurrende, unsterbliche Geschichte. Whrend
ihr schweigsamer Held zwischen den heiterschwatzenden Grnrcken
der Frsterei am See entgegenwanderte, klang das beginnende
Tafelkonzert der frstprpstlichen Hofkapelle durch den Wald wie
sommerliches Grillengezirp. Auch die Mittagsschwle des heigewordenen
Frhlingstages hatte was Sommerliches. Wechselnde Windzge zerrten
die Wipfel hin und her, und kleine, kugelige Weiwolken schwammen in
auseinanderstrebenden Reihen ber die wildzerrissenen Schneegrate der
Mhlsturzhrner empor.

Da die Sonne sich ein bichen verschleierte, das war ein Glck fr
die Strecke, die auf einer Wiese der Frsterei in langen Linien
ausgerichtet lag, bewacht von den schweileckenden Bracken. Den
reichsten Weidmannssegen schien die huldreiche Gttin dieses Tages
sich selbst beschert zu haben; fast ein Viertel des erlegten Wildes
war gekennzeichnet durch die kirschroten Seidenmaschen der heute
noch allergndigsten Aurore de Neuenstein. Und gerade um diese
rotgezierten, wie mit Mohnstruen geschmckten Wildstcke sumste
die grte Fliegenmenge. Die kleinen zarten Dianenhnde hatten, bis
die Lanze ins Leben ging, sehr hufig zustechen mssen. Diese vielen
allergndigsten Wunden besaen fr das Fliegengesums einen anziehenden
Reiz. Schweigeruch und suerliche Dfte umwitterten das Leichenfeld
franzsischer Jagdfreude und wehten bei jedem Umschlag des Windes
hinber bis zur offnen Mahlsttte, von der die Tafelmusik und der
frhliche Becherlrm der grnen Herren hinausklang in die Waldstille.
An die Frsterei war ein groer Holzsller angebaut, ganz eingewickelt
in Fichtengrn, die Zwischenrume der das Dach tragenden Balken
durchschlungen von Girlanden aus den ersten Blumen des Frhlings. Durch
die Lcken leuchtete das Farbengeprng der Mahlgesellschaft heraus,
und berall sah man weie Kche, gelbe Schsseltrger, blaue Lufer
und weinrotfarbene Kfer springen. Unter dem bewimpelten Torbogen,
zu dem vier breite Stufen hinaufstiegen, erschien der Geheimrat in
sorgenvoller Erregung, sah den winkenden Hiesel Schneck und rief mit
dem Lachen eines Erlsten: Endlich? Kommt er? Ungeduldig schritt
er dem Erwarteten entgegen und berbrachte ihm die Kunde eines
diplomatischen Sieges. Man hatte den Oberst von Berg ganz unten an
der Tafel bei dem alten Pfarrer und den jungen Domizellaren placiert.
Danckelmann hatte sich ins Mittel gelegt, und nun erwartete den
Verspteten der Platz an der Herzseite der Allergndigsten.

Meinen schuldigen Dank, lieber Geheimrat, aber ich setze mich zum
Pfarrer. Der hat mehr Charme in seinen haarigen Warzen, als das Mensch
an allen rosigen Nuditten. Die Sorte hab ich satt. Danckelmann
war ratlos. Eine nderung erschien ihm vllig unmglich. Alles ist
mglich. Man mu nur wollen! Und der junge Oberst, hflich nach allen
Seiten komplimentierend, ging in der Mahlhalle gerades Weges zum
unteren Ende der Tafel und auf den Pfarrer zu, legte dem Grafen Tige
die Hand auf die Schulter und sagte liebenswrdig: Verzeihen Sie,
Graf! Jedem das Seine. Ihr Platz, vermute ich, ist dort oben. Der
Domizellar erhob sich verdutzt, errtete mit zartem Farbenspiel und
hatte noch keine Antwort gefunden, als der junge Oberst schon behaglich
auf dem eroberten Sessel sa. Nach dem leeren Platz an der Herzseite
der Allergndigsten schien Graf Tige keine Sehnsucht zu empfinden, war
wtend und lie fr sich, um in Gefechtsnhe zu bleiben, dem jungen
Oberst gegenber einen Sessel zwischen die Barone von Stutzing und
Kulmer schieben. Dabei hrte man von der allergndigsten _tte_ der
Tafel ein so auffllig Dianenlachen, da die Annahme, der Geheimrat
htte eine witzige Ausrede gefunden, nicht unberechtigt war.

Hochwrden! sagte der junge Oberst unter dem Gezirp der Tafelmusik
zum Pfarrer. Im Walde hab ich nachgedacht ber alles, was wir sprachen
auf dem Wege durch die Ramsau. Sie haben recht mit Ihrer Forderung nach
verstndnisvoller Freundlichkeit. Aber Schuld ist auf beiden Seiten.
Mir ist da -- Dichter sind immer Propheten und Erzieher -- eine alte
deutsche Fabel eingefallen. Die mu ich Ihnen erzhlen. Vielleicht auf
dem Heimweg.

Pfarrer Ludwig kam zu keiner Antwort, weil Graf Tige in gereizter
Fehdelust ber den Tisch herber fragte: Verzeihen Sie meine Neugier,
Herr Oberst! Ihr Name, von Berg? Das ist wohl preuischer Beamtenadel?

Jawohl, lieber Graf! Ein grazises Kompliment begleitete diese Worte.
Die Mnner meines Hauses haben von jeher ihren Stolz dareingesetzt,
die treuesten Diener des Staates zu sein.

Gedenken auch Sie diesen Stolz in sich zu erziehen?

Mit einem fast komisch wirkenden Ernst antwortete der junge Offizier:
Seit einiger Zeit beginne ich das zu lernen.

Bei Ihrer Jugend kann diese bung noch nicht lange gedauert haben.
Graf Tige lachte. In Preuen scheint Mangel an gereiften Mnnern zu
herrschen, weil man die Zwanzigjhrigen zu Obristen macht. In welcher
Bataille haben Sie sich diesen Lohn erworben?

Ein hartes Lcheln, hinter dem es kaum merklich wetterleuchtete. In
einem Kampf, bei dem es um Kopf und Kragen ging.

Graf Tige guckte mit verwunderten Augen. War denn Preuen zu Ihren
Lebzeiten in einen Krieg verwickelt? Allerdings, die preuische
Sandbchse liegt so entfernt von uns, da man es nicht immer gewahren
kann, wenn sich der Sand da unten ein bichen bewegt.

Pfarrer Ludwig bekam einen roten Kopf. Denken Sie nicht bel von uns,
Herr Oberst! Auch hierzulande gibt es wohlerzogene Leute.

Das schien der junge Offizier nicht zu hren. Sein Gesicht war bleich.
Nur auf den Backenknochen, die man pltzlich schrfer sah als zuvor,
glhten zwei kleine rote Flecken. Seine Augen, die unbeweglich auf den
Grafen gerichtet waren, hatten etwas Verschleiertes. Nun verschwand die
Blsse, das Blut stieg ihm ins Gesicht, schwellte die Schlfenadern,
und unter der schnen Stirne brannte der Feuerblick einer stolzen und
furchtlosen Seele. So nickte er dem Pfarrer lchelnd zu und sprach
dann mit heiterklingender Stimme ber den Tisch hinber: Der Sand
da unten gedenkt noch Wellen zu schlagen, die man spren wird in der
ganzen Welt. Ich glaube, der Knig dieser kleinen Sandbchse wird unter
den Groen der Erde noch eine stattliche Figur abgeben. Mglich, da
ich das nicht erlebe. Ich habe nicht den Wunsch, sehr alt zu werden.
Aber manchmal wnsche ich, in hundert oder zweihundert Jahren wieder
fr einen Tag auf die Welt zu kommen, nur um zu sehen, was aus Preuen
geworden ist. Ich hoffe: viel! Nun fand er ein Lcheln, auch fr den
Grafen Tige. Setzen Sie gtigst diesen Glauben auf Rechnung meiner
verzeihlichen Liebe zu dem Lande, das mich gebar. Im brigen wei ich
sehr wohl, da ich mich als Gast an dieser Tafel jeder bescheidenen
Hflichkeit gegen den liebenswrdigsten meiner Wirte zu befleiigen
habe.

Das Gesprch wurde durch eine lrmvolle Sensation unterbrochen. Sie
war verursacht durch eine zwiefache Neuigkeit der Speisenordnung: auf
groen, braunglnzenden Prunkschsseln aus schsischem Porzellan wurden
nach Krapfenart gebackene Kartoffeln aufgetragen, zwei Dinge, die man
zu Berchtesgaden bislange noch nie gesehen hatte. Das gab Veranlassung,
da viele Becher sich erhoben, um Seiner Liebden fr diese berraschung
die verdiente Reverenz zu erweisen. Trunk und Zutrunk ber die Tafel
hin und her. Man lupfte die Kannen, wie die Brstenbinder schlucken,
und vllerte, wie es Mode und Gewohnheit war. Dazu, immer lrmvoller,
das franzsische Lautgewirbel, gut und schlecht, manchmal durchwrfelt
mit einigen deutschen Worten, die sich ausnahmen wie feste Steine in
glitzerndem Wassergeriesel. Bei diesem Spektakel fanden der junge
Oberst und Pfarrer Ludwig sich im Gesprch zusammen. Nach ihren Augen
und Gesichtern zu schlieen, redeten sie von ernsten Dingen. Immer
lauschte Graf Tige hinber, in der Erwartung, die erlittene Abfuhr
wettzumachen und ein Hkchen zu finden, an das eine Bosheit anzuspieen
war. Als er das Wort Exulanten hrte, fragte er lachend: Werden denn
auch die Dritthalbtausend, um die Sie uns erleichtern, Platz finden in
dem kleinen Berlin?

Nicht gut. Aber man wird brderlich zusammenrcken. Der junge Oberst
wandte sich wieder an den Pfarrer: Ich bin Ihrer Meinung, liebste
Hochwrden! Ein Volk, das fhig ist eines starken und tiefen Glaubens,
ist immer ein Volk, das aufwrts steigt. Brave Kerle, die aus ehrlichem
Herzen glauben, sind die Streiter, mit denen man siegt. Solche Leute
haben wir in Deutschland. Auf Ihrer und auf unserer Seite. Das ist eine
Verheiung. Drum ist es Frstentorheit, an den Religionen wie an einem
kranken Gaul herumkurieren zu wollen. Man darf ihnen die Gesundung
nicht erschweren, die sie suchen aus Natur und eigenem Antrieb. Dann
gibt sich alles von selbst. Da die Hlle mit ihren gewichtlosen
Flammen im Inneren der Erde steckt? Das wird man nicht mehr glauben
knnen, wenn gelehrte Mnner wie Newton beweisen lernten, da die Erde
in ihrem Inneren schwerer an Gewicht ist, als an der Oberflche. Alle
Jerichotrompeten berleben sich.

Graf Tige schmunzelte. Sie? Als bibelfester Protestant? Sie
bezweifeln, da die Sonne von Jericho stillgestanden? Ich glaube das.

Ruhig, doch mit leisem Spottzucken, antwortete der junge Oberst. Da
glauben Sie etwas Unbestreitbares, lieber Graf! Kopernikus und Keppler
haben doch bewiesen, da die Sonne *immer* stillsteht. Da drfte sie
vor Jericho kaum eine Ausnahme gemacht haben.

Heiteres Gelchter erhob sich rings um die beiden. Und Graf Tige
unternahm gergert einen neuen Ausfall. Das Gewicht des Erdkernes
wre noch immer kein Beweis gegen die Hlle. Verfluchte, mit Snden
belastete Seelen mssen doch schwerer sein, als die verklrten Geister
in der Hhe. Oder schtzen Sie das Gewicht einer verdammten Seele
leichter ein?

Es gibt solche, die im Tausend noch keinen Gnsekiel aufwiegen.

Oh? Was fr Seelen knnen Sie meinen?

Die Seelen aller verdammten Frsten, die auf Erden miserabel regierten
und ihre Vlker ins Unglck brachten. Gewissenlose Herrscher sind von
allen pflichtwidrigen Menschen die verfluchenswertesten. Sie haben
nur die eine Entschuldigung, da sie ihren Beruf nicht von anderen
lernen konnten, wie ein Schusterjunge von seinem Meister, sondern ihn
erziehen muten in sich selbst. Der Frstenpdagog _ la mode_, dieser
Macchiavel, dieser dmmste und schdlichste von allen Schulbonzen der
Erde, erzieht den Herrscher, der seines Volkes erster und treuster
Diener sein soll, nur zum Hauptschwein seiner eichelfressenden Herde.
Auch das Salbl macht die Knige nicht. Sie machen sich selbst zu
Frsten oder bleiben Schelme, bleiben die belsten Urscher des
Aufruhrs. Tiefer, als alle anderen Frsten der Welt, mssen das die
deutschen Frsten sich ins Gewissen schreiben. Bei anderen Vlkern
fhrt aller Aufruhr, den frstliche Miwirtschaft erzeugte, ber die
Verelendung der Nation wieder zurck zum Despotismus. Bei den Deutschen
wre Aufruhr der Weg zu ewigem Untergang. Ich kann mir jedes romanische
Volk als Oligarchie oder Republik denken. Nicht das deutsche. Fr
uns Deutsche ist echte Monarchie und gewissenhaftes Knigtum so
unentbehrlich, wie der Atem fr die menschliche Lunge. Wehe jedem
deutschen Frsten und Brger, der diese Wahrheit nicht voll erkennt und
nur der geringsten seiner Pflichten sich entschlgt.

Inmitten des heiteren Tafeltrubels blieb nach diesen Worten um den
jungen Oberst her ein schweigsames Inselchen. Ein salzburgischer
Hauptmann flsterte seinem Nachbar zu: Dieser junge Mensch ist vorlaut
und unerquicklich, aber -- er fesselt mich wider Willen. Und der
andere sagte: Ein wunderlicher Patron! Der Kleinste an der Tafel, nur
ein Suppenlffel voll Mannsbild. Aber seine Augen funkeln, als mchte
er einem Riesen die Nase aus dem Gesicht reien.

Bevor Graf Tige sich von seiner Verblffung erholen und einen neuen
Lanzensto seines Geistes versuchen konnte, umklammerte Pfarrer Ludwig
die Hand des jungen Offiziers: Herr Oberst, ich mchte wnschen, Sie
wren ein deutscher Frstensohn. Dieses Wort verwandelte sich fr den
Grafen Tige zu einem Futterkrnchen seines Witzes: uere Anflge sind
vorhanden! Oder sollten Sie nicht wissen, Herr Oberst, da Sie einige
hnlichkeit mit den Bildern besitzen, die von Ihrem berhmt gewordenen
Kronprinzen Friedrich in Umlauf sind?

Wahrhaftig? In dem strengen, von versunkenen Schmerzen erzhlenden
Jnglingsgesicht erschien ein seltsames Lcheln. Sie sind der erste,
der mir eine so berraschende Mitteilung macht.

Dieser unerschtterlichen Ruhe gegenber wurde Graf Tige ungezogen in
Blick und Ton. Der einzige sind Sie wohl nicht, der in Preuen unter
Miachtung des kniglichen Soldatenzopfes diese freigeistige Haarmasche
nach hohem Muster trgt. Wenn Frsten oder Frstenshne um guter oder
bler Eigenschaften willen berhmt oder berchtigt werden, findet sich
mancher, der sich frisiert nach ihrer Silhouette.

Pfarrer Ludwig erschrak, doch der junge Offizier behielt das
unvernderliche Lcheln und sagte mit dem gewinnendsten Klang seiner
Stimme: Da haben Sie eine beraus treffende Bemerkung gemacht, mein
lieber Graf! Nachahmung ist die billigste und erbrmlichste Kunst
aller Menschen. Wenn sie ihre Blhungen blasen hren, glauben sie den
Donner zu kopieren und whnen Jupiter zu sein. In solchen Knsten
sndigen gerade wir Deutschen am verwerflichsten. Wollen wir nicht
vllig zu Affen werden, so mu ein Erlser kommen, der uns wieder zu
selbstbewuten Menschen macht. Verzeihen Sie also bei der Allgemeinheit
dieses deutschen Lasters auch mir eine kleine Snde der Eitelkeit!
Man ist leider, wie man ist. Gott scheint kein Tpfer zu sein. Eines
ehrlichen Tpfers Bestreben ist es, nur runde und gute Tpfe zu drehen.
Gott dreht nicht nur so vortreffliche Menschen, wie Sie einer sind,
mein liebster Graf! Er dreht auch Menschen von so verzweifelt buckliger
Art, wie ich einer bin. Aber ich will nicht unverbesserlich sein und
verspreche Ihnen, meine Frisur so entschieden zu ndern, da fernerhin
an mir keine Spur von Perckenhnlichkeit mit einem Menschen zu finden
sein wird, den ich um seiner blen Vergangenheit willen heute noch
hlicher sehe, als ihn der eigene Vater sehen mute.

Whrend Pfarrer Ludwig sich schweigend auf dem Sessel zurckbeugte und
den jungen Oberst mit groen, forschenden Augen betrachtete, warf der
salzburgische Hauptmann mibilligend ein: So sollte ein Offizier nicht
sprechen von seinem zuknftigen Knig. Der Gott aller soldatischen
Religion heit Loyalitt und mu nach obenhin so blind sein, wie die
Justitia.

Verzeihen Sie, Herr Kamerad, die Religion des preuischen Offiziers
mu eine andere sein. Sie mu hellsehende Augen haben nach oben und
nach unten. Ihr einziges Dogma mu lauten: die Arbeit zu tun, die von
einem klugen Fhrer befohlen ist, seine Pflicht hher einzuschtzen,
als sein Glck, sich selbst zu verleugnen und sein ganzes Leben den
Zukunftszwecken des Staates, dem Wohl seines Volkes zu unterwerfen und
nur den einzigen Ehrgeiz zu besitzen, ein guter Preue zu sein und ein
deutsches Herz zu haben.

Der salzburgische Hauptmann schttelte den Kopf und lachte: Herr
Oberst, Sie predigen die soldatische Sklaverei.

Im Gegenteil, Herr Kamerad! Der freieste Mensch ist nicht jener, der
immer tun kann, was ihm persnlich zusagt. Der ist der freieste, der
die notwendigen Gesetze am redlichsten achtet, seiner vaterlndischen
Pflicht am willigsten gengt und kein Stubchen von Vorwurf oder Reue
auf seiner Seele fhlt. Und das freieste von allen Vlkern ist jenes,
das die meisten Soldaten solcher Art besitzt. Da sollen die Feinde
kommen. Man haut sie auf die Kpfe.

Oh, wie gewaltttig! warf der sanftblickende Domizellar von Stutzing
ein. Sie scheinen gering von dem zu denken, was man hier auf Erden
als Frieden bezeichnet?

Nein! Friede ist das schnste von den Dingen der Welt. Nur nicht
mglich unter allen Umstnden. Die Friedfertigen um jeden Preis
zerstren wohl keine fremden Huser, aber sie bauen auch das eigene
nicht auf. In der Erregung, mit der der junge Oberst sprach, wurden
seine Gesichtsmuskeln von nervsen Reizungen befallen, die aussahen wie
Grimassen. Es gibt gewi viel bessere Dinge auf der Welt, als Soldat
sein mssen. Aber so lange die Menschen bleiben, wie sie sind -- und
sie werden *immer* so bleiben -- so lange ist jenes Volk auf Erden am
sichersten, das die schlagfertigste und gewissenhafteste Armee erzieht.
Eine solche Armee ist nicht nur hchste Geborgenheit des Staates, nicht
nur eine militrische, auch eine moralische Macht, eine Schule der
Selbsterziehung des Volkes.

Und Sie meinen, spottete Graf Tige, eine Armee von solch fabulser
Beschaffenheit wre die preuische?

Ja.

Was hat sie denn schon geleistet? Fr uns in der Ferne erscheint sie
nur als ein Gamaschenklotz ohne Zweck.

Dieser Klotz wird sich bewegen.

Wann?

Sobald das Wort gesprochen wird, das ihn belebt. Sie, lieber Graf,
als angehender Priester der katholischen Kirche werden vermutlich ohne
Kinder bleiben. Die brennende Verlegenheitsrte bersehend, die dem
Neuensteinischen Verkndigungsengel in die Wangen fuhr, sprach der
junge Oberst mit jagenden Worten weiter: Aber Brder oder Schwestern
haben Sie wohl? Deren Kinder und Kindeskinder werden mitzehren an
den deutschen Frchten jenes beweglich gewordenen Gamaschenklotzes.
Deutscher Boden droht die Schssel fr alle fressenden Hunde der
Nachbarschaft zu werden. Die vergnnen uns die eigene Mahlzeit nur,
wenn wir die Faust haben, den nach unseren Knochen Lsternen die
Zhne einzuschlagen. Sieger wird keiner, der nicht alles gibt, was in
ihm ist. Diese Opferfreudigkeit wollen wir in unseren Offizieren und
Soldaten, in unserem ganzen Volk erziehen. Dann wird dafr gesorgt
sein, da uns die Welt nicht unterkriegt. Das gelnge ihr nur, wenn
man ihresgleichen wre. Wir haben die Pflicht und Absicht, uns
wesentlich zu unterscheiden von ihr. Dann wird die Zeit kommen, in der
das kleine Preuen zu wachsen gedenkt. Und was ein Segen fr Preuen
ist, wird zum Heil werden fr alle Deutschen. Der Aufstieg und die
politische Neugeburt des deutschen Volkes wird uns nicht durch den
strohdreschenden Reichstag und nicht durch die schimmelig und hohl
gewordene rmische Kaiserpuppe beschert werden, sondern durch das
junge, erstarkende Preuen der Zukunft.

Diesen Worten folgte an der Tafel ein etwas unfrohes, fast hhnisches
Gelchter. Nur Pfarrer Ludwig blieb ernst und grollte in Zorn: Wie
kann man da lachen? Wenn jeder Deutsche so denken wrde, mte man
nicht in Durst, in Zweifel und Sehnsucht auf den Augenblick harren,
der den Kaiser im Untersberg von seiner finsteren Schlafsucht kurieren
wird.

Graf Tige sagte mit spottender Heiterkeit: Wie reizend, Hochwrden!
Ihre siebzig Jahre befinden sich in kindlicher Mrchenlaune!

Da beugte sich der junge Oberst, die zitternden Hnde um den
Champagnerbecher geklammert, ber die Tafel hinber. In dem
vorgestreckten Spitzgesichte flammten die Augen, whrend er mit
leiser und dennoch scharfklingender Stimme sprach: Die Kindermrchen
der Vlker sind ihre schnsten und tiefsten Sehnsuchtsschreie.
Solche Sehnsucht braucht nur beharrlich zu sein, um die Erfllung zu
erzwingen.

Herr Oberst! Die Stimme des hbschen Domizellaren erinnerte ein
bichen an das parisische Gezwitscher der Allergndigsten. Das stimmt
nicht fr Mrchen. Die erfllen sich nie. Noch weniger stimmt es fr
politische Phantastereien. Ihr heimatliche Selbstbewutsein in allen
Ehren! Ich mache Ihnen hierber sogar mein Kompliment. Es frgt sich
nur, ob das deutsche Volk und die deutschen Frsten auch gewillt wren,
sich von Preuen an den Roschwanz nehmen zu lassen?

Das Gesicht des jungen Offiziers, in dem alle Erregung pltzlich
erloschen schien, war verwandelt zu ruhigem Lcheln. So wandte er sich
dem Pfarrer zu und sagte: Man mu die Deutschen selig machen *gegen*
ihren Willen. Oder sie werden es nicht.




Kapitel XXX


An der frstprpstlichen Jagdtafel ereignete sich abermals eine
kulinarische berraschung: man servierte neben dem Champagner zum
erstenmale heien, schwarzen Kaffee, von dem die Sage verbreitet war,
da er den Appetit zu reizen vermchte, den Durst erneuere und gegen
den Katzenjammer ein vorbeugendes Remedium wre. Auch noch aus einem
anderen Grunde war die dampfende Kstlichkeit, die beraus angenehm
duftete, an der Tafel willkommen. Wer nicht zureichende Weinhitze in
sich hatte und der natrlichen Blutwrme entbehrte, frstelte schon
ein bichen. Bei sinkendem Nachmittag verkhlten die Frhlingslfte.
Das bse Wetter, das der windkundige Hiesel Schneck vorausgeahnt
hatte, begann sein Herannahen bemerkbar zu machen. Immer hufiger
erloschen die Sonnenlichter zwischen den von Windsten geschaukelten
Girlandenbogen.

Graukhler Schatten berschleierte die farbenbunte Tafel, als Graf
Saur sich erhob, eine schmetternde Fanfare blasen lie und die
witzigen Verse seines Dianentoastes zu sprechen begann. Eine galant
durchprickelte Stimmung herrschte an der lauschenden Tafel. Nur die
gefeierte Gttin selbst schien jedem munteren Lcheln entrckt zu sein
und sollte -- _entre la coupe et les lvres_ -- den jauchzenden Zuruf
_Vive la reine divine de la chasse!_ nicht mehr erwarten knnen.
Sei es, da Aurore de Neuenstein sich durch die jhe Dmpfung der
Frhlingstemperatur in nachteiligem Grade angeschauert fhlte, oder
sei es, da die Ermdung nach dem emsigen Lanzenschwingen, der allzu
reichlich genossene Champagner oder andere Umstnde mit im Spiele
waren -- sie wurde whrend des geistreichen Reimgeklingels pltzlich
zwischen den schwarzen Schnheitspflsterchen so bla, da ihr
schmales Unschuldsgesicht beinah einer preuischen Miniaturstandarte
zu vergleichen war. Gewaltsam die _contenance_ bewahrend, schlo sie
die Augen und berlegte flink alle hilfreichen Mglichkeiten einer
Ohnmacht. Es war fr diesen klugen Gedanken bereits zu spt. Inmitten
einer Lachsalve, die ein entzckender Dianenscherz des Grafen Saur
entfesselte, mute sie sich hastig erheben, um in fluchtartiger
Eile den Tisch und die Mahlhalle zu verlassen. Auch das gelang
nicht mehr. Weil die Natur schneller arbeitete als alle franzsisch
geschulte Geistesgegenwart, kam die unpa gewordene Gttin nur bis zur
Sllerbrstung und fand hier zwingende Veranlassung, sich rasch ber
den grngirlandierten Balkenbord hinauszubeugen. Ein solcher Vorgang
war bei zeitgenssischen Trinkgelagen keine ungewhnliche Erscheinung.
Dennoch verlor Graf Saur den Faden seiner witzigen Reime, und eine
unbehagliche Verblffung rieselte ber die ganze Tafelrunde hin, von
Herrn Anton Cajetan bis hinunter zum Grafen Tige.

Kanzler von Grusdorf, der sich gleichfalls entfrbte, als wre er
von der Indisposition seiner Nichte schon infiziert, versuchte der
Leidenden durch die naheliegende Vermutung zu Hilfe zu kommen: Ach,
Barmherziger, augenscheinlich hat sie die heftig bewegte Schaukelfahrt
auf dem Dianenschiffe nicht gut vertragen! Niemand lachte, alle
Herren schienen teilnahmsvoll und besorgt zu sein. Dennoch wuchs das
Bedrckende der Tafelstimmung. Und in der halben Stille, die fr einen
Augenblick entstanden war, sagte der junge Oberst mit der Ruhe eines
groen Gelehrten, dem die Entdeckung einer unanzweifelbaren Wahrheit
gelang: Das? Eine Artemis? Nein. Das ist eine Gttin der guten
Hoffnung.

Dieser Moment bewies, wie wohlerzogen alle diese adligen Herren waren
und wie sehr sie sich nach reichlich verschlucktem Wein zu beherrschen
wuten. Keiner von ihnen wollte das klrende Wort des jungen Offiziers
verstanden haben, wie vernehmlich es auch gesprochen war. Immerhin
hatte die Macht der Wahrheit fr einigen menschlichen Farbenwechsel
gesorgt, der sich kontrr vollzog: Herr Anton Cajetan war bleich
geworden, Graf Tige dagegen dunkelrot. Es htte, dank aller hfischen
Galanterie, die Situation vielleicht noch gerettet werden knnen, wenn
nicht Aurore de Neuenstein selbst, untersttzt durch das Bewutsein
einer leidlich gesicherten Zukunft, sie verloren gegeben htte. Im
Zustande merklicher Erholung bettigte sie mit flinker Grazie ihr
Brabanter Spitzentchelchen, trat tapfer auf die Tafel zu, griff
nach dem Champagnerbecher ihres sprachlosen, in einen Kreidestein
verwandelten Onkels, leerte den Kelch bis auf den letzten Tropfen,
stellte den Becher mit hrbarem Klaps wieder hin und zwitscherte in
ihrem zierlichen Franzsisch: Weshalb so erstaunt, meine Herren?
So etwas hnliches hat sich seit Mutter Evas Zeiten schon mehrmals
ereignet. Ich bin nicht die erste.

Da war es mit aller hoheitsvollen Selbstbeherrschung des Herrn Anton
Cajetan, der sich fern jeder Schuld zu fhlen vermochte, jh und
grndlich vorbei. Sich erhebend, sagte er kalt, doch immer noch mit
Wrde: Madame! Um die Grenzen unseres Landes zu verlassen, sind Ihnen
vierundzwanzig Stunden Zeit gegeben.

Whrend Herr von Grusdorf eine Knickbewegung tiefster Erschtterung
machte, wurde Aurore de Neuenstein beraus heiter. Vierundzwanzig
Stunden? Ach, wie gndig! Das waren die letzten franzsischen
Laute, die man am frstprpstlichen Hofe von ihr vernahm. Trotz
aller Peinlichkeit des Augenblickes erwachte in Aurore de Neuenstein
der schwbische Mutterwitz. Mit den Fingerspitzen das geschrzte
Reitkleid auseinanderspreitend, machte sie vor Herrn Anton Cajetan
einen tadellosen Hofknicks und sagte lustig in ihrem niedlichen
Dillinger Idiom: So gro, wie Dei' Lndl isch, bring i dees Hpfle
ber de Grenzbaum fertig in em halbe Stndle. Lustig lachend,
sichtlich erfreut ber den sieghaften Abgang, den sie gefunden,
schwebte die vermenschlichte Gttin des Groen Jagens der bewimpelten
Sllerpforte entgegen. Huldreich winkte sie mit dem hbschen Hndchen
nach allen Richtungen der Tafelrunde, ohne den sorgenvollen Grafen
Tige einer besonderen _clbration des adieux_ zu wrdigen, und
nickte noch freundlich und vershnt dem jungen Oberst zu, der nun
sichtliches Wohlgefallen an ihr zu finden begann und fast so begeistert
applaudierte, wie er's beim Anblick der beiden fliehenden Gemsbcke
getan hatte.

Das drohende Unwetter begnstigte Aurorens Abschied. Alle Pferde der
Jagdgesellschaft waren schon bereit zum Heimritt. Munter schwatzend
lie die Neuenstein sich in den Sattel heben und galoppierte mit ihrem
Kammerlakai und Bchsenspanner davon, um in Reichenhall so ziemlich
alles wiederzufinden, was sie zu Berchtesgaden unter betrchtlichem
_accroissement_ der Stiftsschulden klug zurckgelegt hatte.

Dem vorsichtigen Wildmeister, der fr die prompte Bereitschaft der
Pferde gesorgt hatte, war auch ein willkommenes Erlsungswerk an der
schwlgewordenen Stimmung in der Sllerhalle zu verdanken. Er brachte
Seiner Liebden die Meldung des bedenklichen Wetterumschlages. Wollen
die gndigsten Herren nit na werden bis aufs Hutl, so wird's wohl
ntig sein, da man reitet auf der Stell.

Einem turbulenten Aufbruch von der Tafel folgte ein beschleunigtes
Abschiednehmen unter frhlichem Horngeschmetter. Herr Anton Cajetan,
der nicht gerne na wurde, zog es vor, sich einen einsamstillen, aber
trockenen Schmollwinkel in der Frsterei bereiten zu lassen, auch auf
die Gefahr einer schlaflosen Nacht, die umwittert zu werden drohte von
den blen Verwesungsdften der riesigen Wildstrecke. Beim Abschied
zeigte er eine bewundernswerte Haltung und war in so guter Laune, wie
man nach kleinen, harmlos verlaufenen Scherzen zu sein pflegt. Den
unerquicklichen Schwegelpfeifer und begnadigten Militrverbrecher in
diplomatisch zulssigem Ausma ignorierend, bedachten Seine Liebden
den Geheimrat von Danckelmann mit erlesenen Liebenswrdigkeiten und
entbanden ihn gndigst von allen ceremoniellen Abschiedspflichten. Bei
der Rckkehr nach Berchtesgaden wrde Seine Exzellenz das frstliche
Rekreditiv im Leuthaus vorfinden. Herr Anton Cajetan unterlie es,
beizufgen, da dieses historische Dokument als letzte Amtsttigkeit
des weiland Kanzlers von Grusdorf zu erachten sei.

Vermochte der bedrohte Staatsmann unter der Stirne seines Herrn zu
lesen? Mit bleichen Lippen stammelte der entlastete Elefant Aurorens:
Euer Liebden! Ich bin trostlos --

Eisig unterbrach ihn der Frst: Da suche er seinen Trost, wo er ihn
zu finden hofft. Das war klar gesprochen. Dennoch erwachte in der
Schlotterkreide des Herrn von Grusdorf nur zgernd die Erkenntnis,
da er in diesem Augenblick ein bedauernswerter Schicksalsgenosse des
Doktor Willibald Hringghh und des Polizeifeldwebels Muckenfl geworden
war.

Der schne Schmetterklang des Frstengrues, an den sich keine
Dianenweise mehr anzrtelte, geleitete Herrn Anton Cajetan unter
bleigrauem Himmel zur Frsterei, und als er in der niederen Tr
verschwunden war, lste sich bei dmmerndem Abend aller Pomp des Groen
Jagens auf in ein Wettrennen vieler Gule, deren Reiter die schtzenden
Dcher von Berchtesgaden noch vor dem drohenden Platzregen zu erreichen
hofften.

Weit hinter der jagenden Klapperkavalkade der Stiftsherren und
Domizellaren blieben fnf Reiter zurck, weil der junge Oberst den
Pfarrer Ludwig, der sich an den Sattellappen die Waden aufgewetzt hatte
und nur mit bescheidener Geschwindigkeit noch vorwrts kam, nicht
der Einsamkeit berlassen wollte. Bei Ausbruch des Regens erreichten
die Fnf, zwischen Ramsau und Berchtesgaden, in der Schmiede von
Ilsank einen schtzenden Unterstand. Die groe Werksttte gab Raum
fr die Reiter und Pferde. In der Esse, deren Kohlen noch glhten,
schrte Leupolt ein Feuer an. Und whrend drauen in der sinkenden
Nacht der wilde Frhlingsregen der Berge trommelte und in der groen
Schmiedhhle das Feuergeflacker alle ruigen Dinge vergoldete, lie
sich Pfarrer Ludwig vom alten Hufschneider, der ein geschickter
Viehdoktor war, die aufgescheuerten Waden mit Hirschtalg salben und
mollig mit Leinwand berbinden. Danckelmann hatte sich gegen den Ambos
gelehnt, der junge Oberst sa auf einem umgestrzten Schubkarren,
das rechte Bein bers linke Knie gelegt, die Hnde um den braunen
Reitstiefel geschlungen. Immer schwatzten und lachten die Drei.
Der wunderliche Reiz dieser Stunde im Flackerglanz, das mystische
Wechselbild zwischen Glut und Schwrze, die Nachwirkung der feurigen
Klosterweine und des Champagners, das Erinnern an alle schnen Natur-
und Waldbilder des Tages, an die qualmenden, ekelhaften Blutstrme
des Groen Jagens, an den zum Spott herausfordernden, lcherlichen
Abklatsch des franzsischen Hofschwindels und an die Komdie der
gesegneten, so munter zum Orkus entschwundenen Gttin Diana -- das
alles wirbelte im Gesprche der Drei mit Ernst und Laune, mit Zorn
und Hohn, mit Witz und sprhendem bermut durcheinander und gab
ihnen eine Stunde, an der sie Freude hatten. Sie lachten bei diesem
Schwatzen so oft und so frhlich, da Hiesel Schneck, der immer
mitlachen mute, ohne zu wissen warum, ein bichen wtend wurde und
nach einem mig geschwnzten Himmelhndchen zum schweigsamen Leupolt
Raurisser sagte: Was die fr kreuzlustige Sachen reden mssen! Und
unsereiner versteht's halt nit! Aufpassen tu ich wie der Haftelmacher.
Und versteh's halt nit! Kreuzhimmel und Hllementsnot, hol' doch der
Teufel die ganze Franzsianerei! Wann einer, der schieen kann wie das
preiische Soldtl, wann so einer ebbes sagt? Und zittert und fiebert
und augenblitzt! Da mu er doch reden, als wie er schiet! Und so was
mcht halt unsereiner verstehn! Verstehst?

Raurisser schien nicht zu hren. Neben dem Essenfeuer an der schwarzen
Mauer lehnend, alles Harten und Schnen des eigenen Lebens vergessend,
in der Faust die zusammengebundenen Zgel der drei Herrengule, sah
Leupolt unbeweglich zu dem jungen Oberst hinber, lauschte mit groen
glnzenden Augen, lauschte mit einem glubigen Lcheln seiner Freude
auf jeden Laut dieser melodischen, wundersam bezwingenden Stimme,
verstand so wenig wie der Hiesel Schneck und verstand doch mehr, viel
mehr, als der Hiesel verstanden htte, wenn er der beste Franzose
gewesen wre.

Jetzt sprach der junge Offizier allein. Die zwei Herren, mit
vorgebeugten Gesichtern, hrten gefesselt zu, lachten immer wieder
erheitert auf, vergaen des Lachens und wurden ernst. In dem
Bild, das der leidenschaftlich Sprechende bot, war der gleiche,
schwerbegreifliche Gegensatz wie in seinem ganzen Wesen. Grell
angestrahlt von der Feuerhelle, in dem schmucklosen, fast rmlichen
Soldatenkleid mit den Funkelknpfen, auf dem gestrzten, radlosen
Karren sitzend, neben den stampfenden, schnaubenden, durch das
Essenfeuer beunruhigten Gulen und neben der Finsternis da drauen, in
der das Getrommel des schweren Regens war, das falbe, dem Flammenschein
von Brandsttten gleichende Aufleuchten der umnebelten Blitze, das
Donnerrollen des Frhlingsgewitters, bald wie knatternde Gewehrsalven,
bald wie drhnende Kanonenschlge -- sah er aus wie ein junger
Heerfhrer, der in einer Feldnacht zwischen Kampf und Kampf vor einem
lodernden Wachtfeuer ruht, sich mde fhlt und doch von lebensprhender
Erregung durchfiebert ist, alle whlende Sorge in sich mit Heiterkeit
zu umschleiern vermag, so zu den Seinen redet, ruhig und glubig in
die dunkle Ferne spht und mit der deutenden, blitzschnell zuckenden
Hand Befehl um Befehl erteilt. Doch sein Gesicht war alles andere, nur
nicht soldatisch. Das spitzvorgeschobene, heiwangige Antlitz mit dem
lchelnden Spttermund und den strahlenden Feueraugen war das Gesicht
eines geistvollen, vom Funken der Stunde erfaten Poeten, der sich
immer wandelte, Ernst und Witz durcheinander schttelte, mit sich und
den anderen zu spielen schien, bald sprach wie ein kluger Greis und
bald wie ein trumender Knabe, allen Esprit der franzsischen Sprache
erschpfte und mit diesem fremdlndischen Wortgefunkel ein altes,
sinnvolles Mrchen der Deutschen erzhlte: die Fabel von dem weisen und
liebenswrdigen Jngling, der sich alle Menschen der Welt zu Freunden
machte.

Dieser Jngling war so kraftvoll und klug, da sein Verstand gegen
jede Gefahr und Not einen siegreichen Gedanken fand. Und war so schn
und gtig, da sein warmer Blick und sein herzliches Lcheln jeden
Neider und Gegner verwandelte in einen Freund. Alle Seelen flogen
ihm zu, alle Wege der Welt erschlossen sich ihm. Die einen sagten:
Sein Verstand erzwingt es. Die anderen: Nein, sein gewinnendes
Herz! Das sagten die Leute so oft, bis Herz und Hirn im Krper des
Jnglings von Eifersucht befallen wurden. In einer Gewitternacht, als
der Jngling schlummerte, fingen Herz und Hirn in ihm wie erbitterte
Widersacher zu hadern an und vergaen, da sie brderliche Teile des
gleichen Krpers waren. Du da droben unter der Stirne, sagte das
gekrnkte Herz, sei nicht so stolz! Die sieghafte Kraft unseres Herrn
entspringt nicht deinen erfindungsreichen, doch kalten Ratschlgen.
Nur mir allein verdankt er seine Erfolge, dem frhlichen Blut, mit dem
ich ihn erflle, dem gewinnenden Glanz, den ich entznde in seinem
Blick! Hhnisch lachte das beleidigte Gehirn: Du aufgedunsener
Fleischklumpen! Bist du vom Grenwahn befallen? Wenn er mich nicht
htte, wre unser Herr ein stumpfsinniges Tier. Nur die Funken meines
Geistes erwecken in ihm das Gttliche und machen ihn zum Sieger in
aller Gefahr. Zornig antwortete das Herz: Du lgst! Alle Freunde
unseres Herrn verrgerst du durch dein spottendes Besserwissen.
Immer hab ich zu tun, um durch freundliche Gte wieder zu mildern,
was du versalzen hast. Und das Gehirn erwiderte: Du schwchlicher
Vershnungslappen! Jeden khnen Gedanken, den ich erwecke in unserem
Herrn, verwsserst du durch suselndes Wohlwollen, durch nachgiebige
Biederkeit! Mit Trnen antwortete das geschmhte Herz: Das hab ich
satt! Ich lasse mich nicht lnger unterschtzen. Gott befohlen!
Lachend sagte das triumphierende Hirn: Vergngte Reise! Jetzt will ich
beweisen, was ich vermag, auf mich allein gestellt.

Das Herz entsprang den Rippen des Schlafenden und glich einem roten
Frosch, der schwerfllig hinhpfte durch den Staub der Strae. Das
Gehirn entschlpfte der Stirn und war wie eine weigraue Tarantel, die
sich mit vielen Gedankenbeinen hastig bewegte. So zogen die beiden
in die Welt, jedes fr sich allein. Eines frhen Morgens kehrten
sie zurck, und jedes weinte vor Freude beim Anblick des anderen.
Klagend erzhlte das aus vielen Wunden blutende Herz: Ach, wie
erbrmlich ist es mir ergangen! berall nannten sie mich die hpfende
Qualle. Jeden liebevollen Schrei meiner Gte haben sie gedeutet
als ein Zeichen meiner Schwche, haben mich verlacht, verhhnt und
mit den Fen beiseite gestoen! Hilf mir, du kluges Gehirn, sonst
mu ich verbluten! Und das vor Schmerzen zuckende Hirn erzhlte:
Ach, wie niedertrchtig sind der Unverstand und die Bosheit der
Erde mit mir umgesprungen! berall nannten sie mich den giftigen,
stechenden Skorpion. Jeden Funken meines Geistes verleumdeten sie als
weltbedrohendes Feuer. Kaum entrann ich ihren Lgen und Drachenzhnen.
Hilf mir, du gutes Herz, ich bin mde zum sterben!

Da suchten die beiden eine reine Quelle, um zu baden. Als sie vershnt
dem Haus ihres Herrn entgegenwanderten, vernahmen sie die Klagen
und das Hohngelchter vieler Menschen. Die hatten den schlafenden
Jngling fr tot gehalten und wollten ihn begraben. Jene, denen er
Gutes getan, betrauerten seinen Tod. Doch jene, die er kraftvoll
berwunden, beschimpften seine Leiche und verteilten unter sich die
funkelnden Waffen seiner Siege. Schon wollten sie den sthlernen Sarg
fr ewig ber seinem wehrlosen Krper schlieen. Da schlpfte ihm das
geluterte Herz unter die Rippen, das reingewordene Gehirn unter die
Stirne. Und das Herz begann zu hmmern, wie das Gehirn es ihm gebot,
und das Hirn, vom pochenden Herzen befeuert, begann seine leuchtenden
Funken zu sprhen. Die strahlenden Augen des Jnglings ffneten sich,
mit frohem Lcheln erhob er sich, und gedoppelte Kraft erfllte seine
Glieder. Jubelnd umringten ihn seine Getreuen, erschrocken beugten
sich seine Feinde, und von Stund an war der Jngling schner und
gtiger, war khner und klger, als er je gewesen. Und weil er um der
Ewigkeit seiner Krfte willen nicht untergehen kann, so lange die Welt
besteht, drum wird die Wahrheit seiner Geschichte nicht enden mit den
Mrchenworten: Starb er nicht lange schon, so lebt er noch heute.

Der junge Oberst, der seine Fabel mit spottender Grazie begonnen hatte,
war ernst geworden. Als er verstummte, blieb sein Mund eine schmale
Linie, und seine groen Augen blickten in die Essenglut, als wre sie
das redende Geheimnis kommender Dinge. Wie ein Erwachender sah er auf,
weil er die Stimme des Pfarrers hrte. Der war auf ihn zugetreten.
Herr Oberst, ich danke Ihnen. Er streckte dem jungen Offizier die
Hand hin, die dieser lchelnd ergriff. Ich bin ein alter Mann. Aber
so lang ich noch atme, soll mir diese Fabel ein Lehrbuch des deutschen
Lebens bleiben. Tief atmend nickte der Pfarrer. Fabel? Die Todesnot
der schlafenden Deutschen wird sie zur Wahrheit machen. Freilich gehrt
auch der helfende Mann dazu.

Da sagte Leupolt Raurisser neben der glhenden Esse: Ihr Herren!
Das Sturmwetter hat aufgehrt. Die Nacht wird schn. Er fhrte die
drei Herrengule durch das Tor der Schmiede auf die finstere Strae
hinaus. Mit dem klirrenden Hufschlag mischte sich hinter ihm ein
frhliches, fast bermtiges Knabenlachen. Es galt dem Aussehen des
Pfarrers. In dem verwachsenen Jagdrock und mit den klumpig von weier
Leinwand umwickelten Waden sah er so komisch aus, da er selber nicht
ernst bleiben konnte. Und als man heimritt durch die vom Bachrauschen
erfllte Finsternis, leuchteten die beiden milchigen Wickelkltze wie
fhrende Laternen.

Gegen Westen, wo der Himmel klar geworden, schimmerten schon die
Sterne. ber Berchtesgaden und den Zinnen des Untersberges hing noch
eine schwarze Wolke, in der es manchmal aufdmmerte wie fernes Leuchten.

Aus dem Tal der Ache ritten die Herren gegen die Hhe des Marktes
hinauf. Und Leupolt Raurisser stammelte erschrocken: Da droben! Was
ist denn das? Allmchtiger, das ist Feuerschein! Das Stift und der
ganze Markt mu brennen. Die fnf Gule jagten. Als erster gewann der
junge Oberst die Kante des Hgels und stand mit seinem Pferde schwarz
eingezeichnet in diesen seltsam glimmenden Schein, der nicht von den
Dchern der Stiftsgebude und des Marktes ausging. Es war ein groes,
von allen Steinspitzen, Felskanten und Baumwipfeln ausstrmendes
Elmsfeuer, gleich einem gebnderten Nordlicht um die breite Zinne
des Untersberges herumgewunden, mit zarten Purpurstrahlen, die sanft
hinaufzngelten gegen die glimmenden Sume der schwarzen Wolken. Das
war anzusehen, als trge der Untersberg eine geisterhafte Riesenkrone,
die, kaum da sie zu schimmern begonnen hatte, schon wieder zu
versinken begann im schwarzen Dunkel. Whrend die Herren in Erregung
debattierten, lallte der aberglubische Hiesel Schneck: Herr Jesus!
Leupi! Was kann denn das sein? Ein froher Atemzug. Und eine Stimme wie
der Klang eines Betenden: Der Kaiser im Untersberg hat eine freudige
Seel. Die leuchtet so.

Fr den ganzen Rest des Heimrittes beherrschte die wundersame
Lichterscheinung das Gesprch der Herren und berschimmerte auch wie
Weihe den Abschied, den sie vor dem Leuthaus voneinander nahmen. Der
grblerische Ernst des jungen Obristen schlug erst wieder um in seine
knabenhafte Heiterkeit, als er auf seinem Bette sa und sich die
Stiefel herunterziehen lie, whrend ihm Danckelmann das Rekreditiv
Seiner Liebden vorlas:

Durchlauchtigster Knig! Eure Knigliche Majestt, besonders gndiger
Herr! -- Was Ew. Knigliche Majestt zu Faveur Unserer in dero
Kniglich- und Chur-Frstlichen Lande auf Veranlassung einer Religions-
und Gewissens-Freyheit emigrirenden Unterthanen vorschrifftlich an
Uns gelangen lassen, hat der anhero geschickte Geheime Hof-Rath von
Danckelmann behriger Orten geziemend berreichet, und gleich wie
Wir sowohl in Regard Ew. Kniglichen Majestt hchst-venerierenden
Vorschreibens, als auch derer selbst redenden Vlker-Rechts-, auch
Civil-Gestzen gem denen Emigranten das Ihrige angedeyen zu lassen,
Unserer desfalls eigen aufgestellten Comission die angemessenen
Befehle ertheilet, sofort dieses Geschfft durch die sorgfltige
Negotia gedachten abgeordneten Geheimen Hof-Raths nunmehro zu seiner
vollkommenen, Zweiffels ohne vergngten Endschafft gediehen, mithin
demselben seiner dabey bezeigten Conduite halben ein anstndiges
Zeugnis zu ertheilen Anla nehmen, und Uns der Hoffnung erleuchten,
Ew. Majestt mge in Hchstdero so wohlexerzierter wie forchtbarer
Armee noch viele dermaen hartnckig und viktorios battaillirende
Offiziers als Hchstdero juchendligen und musikalischen Obrigsten
von Berg possediren, allso zweiffeln auch nicht, es werden Ew.
Knigliche Majestt diese _ultra viniculum instrumenti pacis_ demselben
begnstigte Zubilligung so ansehen, wie Wir ambirt haben, das
Knigliche hohe Vor-Wort mit ersinnlichster Hochachtung erfllen zu
mgen, und damit verbleiben

Von Gottes Gnaden des Heiligen Rmischen Reichs Frst, Probst und Herr
zu Berchtesgaden

  Ew. Kniglichen Majestt
  allzeit Dienst-geflinister
  Cajetan Antoni.

Die beiden Hnde auf die Schenkel klatschend, platzte der junge Oberst
los: I Jott, wat for 'ne Gedrmverwicklung. Er wurde ernst. Wt
man nich, da es deutsch is, man mcht es nich glooben. Dem Geheimrat
zunickend, streifte er die Reithose von den mageren Beinen und
huschelte sich unter das ungetme Federbett. Nach Gewohnheit brachte
der Soldat das Lederetui mit der Elfenbeinflte zum Nachtgebet. Nee,
Hnne, la man heute! Wir wollen musikalisch nich weiter in schlechte
Reputation jeraten. Um Viere weckste! Ick reite vor Tag. Er drehte
sich lachend gegen die Wand. Nach Art eines memorierenden Schlers, dem
ein Stck Weisheit nicht hinein will in den Schdel, wiederholte er mit
halblauter Stimme mehrmals die schne Wortbildung: Dienstgeflinister,
dienstgeflinister, dienstgeflinister -- Ein munteres Aufkichern. Na
also! Et jeht _en avant_ mit's Deutsche.




Kapitel XXXI


Bei grauendem Morgen brannte die Lampe in der Wohnstube des
Mlzmeisterhauses. Der alte Raurisser, mit rotglhendem Kopf, sa
im Herrgottswinkel, wickelte kleine Geldrollen und stopfte sie in
eine neue Lederkatze, die aussah wie ein Tiroler Bauerngrtel. Mit
buntem Garn waren die Anfangsbuchstaben von Leupolts Namen und sein
Geburtsjahr 1707 eingestickt; und rechts und links eine Gemse, die mit
enggestellten Lufen auf einem spitzigen Kegelchen stand. Immer dicker
und schwerer wurde der schne Schatzbehlter. Und als der Meister beim
Wickeln seufzend eine Pause machte, sagte Mutter Agnes, mit Augen und
Stimme bettelnd: Gib, Alterle, gib! Sein Weg ist weit. Der Meister
wickelte wieder. Und Frau Agnes packte. Zwei groe Ruckscke standen
schon fertig geschnrt auf der Fensterbank. Jetzt fllte sie mit
zitternden Hnden den dritten Sack und huschte immer wieder davon,
um ein fr ihren Buben brauchbares Stck zu holen, das ihr noch
einfiel. Als der kugelrunde Sack verschnrt war, packte sie alles, was
die Magd mit verheulten Augen als Zehrungsbeitrag fr die Exulanten
herbeischleppte, in den groen Wschekorb auf der Ofenbank: geselchtes
Wildbret, gerucherte Saiblinge, Schinken und Speckwrste, ein paar
hundert hartgesottene Eier, Schmalzbchsen und Buttertpfe, Salzdten,
Schnapsgutter und Weinflaschen, Brotlaibe und se Wecken. Immer war es
der Mlzmeisterin noch zu wenig. Lauf, Mdel, und bring! Da mu man
geben! Zustimmend tackte die Gottsaugenuhr an der Mauer: Tu's! Tu's!
Tu's! Ob's der Engel oder das Teufelchen sagte, immer klang es mit
der gleichen heimlichen Freundlichkeit, und immer blickte das rollende
Gottesauge im Zustand des Wohlwollens gegen die Ofenbank, blickte nur
finster, wenn es hinberschielte gegen die lautwerdende Strae. An der
schnen alten Uhr, die sich in tadellosem Gang befand, war nicht die
geringste Spur einer irrsinnigen Mihandlung zu erkennen. Da mute
der Pfarrer Ludwig, als er dem Luisli jene sonderbare Uhrgeschichte
erzhlte, entweder an Wahnvorstellungen gelitten haben wie der
Chorkaplan Jesunder, oder der Pfarrer hatte wieder einmal gelogen,
diesmal anscheinend ohne Erfolg. Mit Spinozas Lehre von den fr das
Menschenglck ersprielichen Geschehnissen schien es in diesem Falle
nicht zu stimmen.

Leupolt kam zur Tr herein, in dem verwitterten Bergjgerkleid, das er
getragen hatte, als er die preuischen Herren hinauffhrte zum Toten
Mann. Jetzt bin ich fertig. Frau Agnes schien nicht zu hren; beim
Packen beugte sie nur das Gesicht ein bichen tiefer gegen den Korb
hinunter. Fr den Vater war das ruhige Wort des Sohnes wie ein Sto
vor die Brust gewesen. Mit tattrigen Hnden schnallte er die zwei
Kappen der Lederkatze zu. So, Bub! Er schob sich aus der Bank heraus.
Schau, da ist, was du kriegst von mir. Sei halt ein bil gescheit und
gib nit alles fr die anderen aus. Fr dich mu auch was bleiben.

Vergeltsgott! Tust du die Brder nit verkrzen?

Der Alte schttelte den Kopf. Beredet haben wir schon alles. Machen
wir's kurz. Ich mu ins Bruhaus hinber. Als er die Arme um den
Hals des Sohnes legte, war er noch mannhaft. Kaum aber sprte er den
eisernen Zrtlichkeitsdruck seines Buben, da verlor er alle Fassung,
whlte das Gesicht an die Brust des Sohnes und keuchte: Bub, ich
wollt, ich tt mitdrfen!

Ja, du! grollte Mutter Agnes beim Packen mit zerdrckter Stimme
ber die Schulter. Du wrst der Richtige zum Exulieren! Wo du schon
den Schnaufer verlierst bis hinber zum Bruhaus. Mcht wissen, was
du sagen ttest auf der Wanderschaft, wenn du Wasser trinken mtest,
statt Tag fr Tag deine fnf Ma Bier. Nun drehte sie das blasse
Gesicht und blinzelte dem Sohne zu, da er's dem Vater leichter machen
sollte.

Komm, Vater! sagte Leupolt ruhig. Tu dich aufrichten als festes
Mannsbild! Blo die F laufen von einander fort. Die Herzen bleiben
allweil beisammen.

Bub! Bub! Meister Raurisser, hin und her geworfen zwischen Zorn und
Kummer, war einem Schreikrampf nahe. Alles Gute fr dich! Alles Gute
auf der Welt! Du hast's verdient! Und so einen Buben jagen sie aus
dem Land! Die Herrgottsakermenter! Wenn sich so was nit strafen tt,
da mt unser Herrgott -- Jesus, Jesus, zu was fr einem Herrgott
mu ich denn hinaufschreien? Er wollte die geballten Fuste gegen
die Stubendecke heben und klammerte die Arme wieder um den Hals des
Sohnes. Bub! Mein Bub, du mein lieber! Alles Gute fr dich -- und
alles -- Bub, ich kann nimmer, es reit mir alles auseinander! Wie
ein Betrunkener machte er sich los, taumelte gegen die Tre hin und
brllte: Kronugeln tu ich ins Bier, vergiften tu ich die Unmenschen,
die rotzmiserabligen! Er schlug die Tre hinter sich zu, da es wie
ein Bllerschu durch das Haus hallte.

Erschrocken sah Leupolt die Mutter an. Sie schttelte den Kopf und
wischte die Trnen von den Wangen. Auf die Wrtlen drf man beim Vater
nit gehen. Ist er drben im Bruhaus, so sucht er wieder das beste Malz
fr die Herren aus. Wahr ist's, Bub, es hat nit leicht ein Kind auf der
Welt einen brveren Vater, wie du! Mit fahrigen Hnden fing sie wieder
zu packen an. Und Leupolt stand inmitten der Stube, unbeweglich, den
Kopf zwischen den Fusten. Nach einer Weile sagte er zaghaft: Mutter!
So kann's das Luisli doch nit gemeint haben. Der Einsamkeit zulaufen
mssen, das ist hart. Meinst du nit, ich sollt noch eine letzte Frag an
das liebe Mdel tun?

Erst nach einer Weile konnte Frau Agnes antworten: Da mu ich
abraten. Will Gott es haben, so gibt er's. Mag er es nit, so mut du
es leiden. Als sie das Gesicht von dem fertiggepackten Korb abwandte
und ihren Buben ansah, mute sie barmherzig sagen: Frgestern hab
ich mit dem hochwrdigen Herrn geredet. Der hofft noch allweil. In
der Gottsaugenuhr ein leises Gerusch, wie von einem schnurrenden
Rdchen; dann schlug die Uhr mit schnen, tiefen Klngen die sechste
Morgenstunde. Frau Agnes ging auf den Tisch zu und lschte die Lampe.
Jetzt mssen wir von einander. Schau, es tagt! Da mut du auf dem
Markt beim Brunnen sein, wenn die Notigen und Ratlosen kommen. Du bist
ihr Helfer und Wegweis. Ihr Gesicht bekam etwas wei Versteinertes,
whrend sie zur Tre ging und den Riegel vorschob. Stumm, mit mden
Bewegungen, trat sie an jedes Fenster und zog die blauen Vorhnge
zu. Eine milde, neblige Dmmerung war in der Stube. Mutter Agnes ging
zur Gottsaugenuhr, lste die Gewichte von den Schnren und hngte den
Perpendikel aus; der Engel und das Teufelchen blieben auf halbem Wege
stecken, jedes auf der Schwelle seiner Pforte; das Auge Gottes, weder
bse, noch freundlich, blickte ruhig aus der Mitte des von Strahlen
umzngelten Dreiecks, und Mutter Agnes sagte, nicht laut, nur in ihrem
zerrissenen Herzen: Die Uhr soll von der jetzigen Stund an nimmer
schlagen, solang ich noch leb. Ganz ruhig war sie, als sie auf Leupolt
zutrat. Von ihrem Schmerz war nichts an ihr zu erkennen; hei und
glubig strahlte die Liebe in ihren Augen. Bub! Ich kann dich nit
segnen, wie's deinem Glauben recht ist. Darf ich dich segnen, wie's
mein Herz versteht?

Eine Mutter darf alles. Er lie sich hinfallen auf die beiden Knie,
faltete in einer starren, hlzernen Art die Hnde vor der Brust
und sah mit glnzenden Augen zum weien Gesicht der Mutter hinauf.
Wortlos, kaum merklich die stummbetenden Lippen rhrend, besprengte
sie ihrem Sohn den Scheitel, das Gesicht, die Schultern und die Hnde
mit geweihtem Wasser. Und bekreuzte ihm die Stirne, den Mund und die
Brust. Im Namen Gott des Vaters, Gott des Sohnes und Gott des heiligen
Geistes! Ist Gerechtigkeit im Himmel, und da glaub ich dran, so mu die
gtige Dreifaltigkeit dich hten auf jedem Weg. An deiner sauberen Seel
ist nie kein Fleck und Schaden gewesen. Nie hast du ein Ding getan, von
dem ich sagen htt mssen: das ist schlecht. Allweil bist du die Freud
deiner Mutter geblieben -- Die Stimme versagte ihr. Wie von einem
Frostschauer gerttelt, beugte sie sich zu ihm hinunter und prete das
Gesicht auf seinen Scheitel. Vergeltsgott, Bub! Er umklammerte die
Mutter, ohne einen Laut zu finden, und kte den Scho, der ihn geboren
hatte. Dann sah er zu ihr hinauf. Dich und mich -- gelt, Mutter -- uns
schneidet man nit auseinander? Und nit mit der schrfsten Sg.

Nur den Kopf konnte sie schtteln. Und nun wurde sie von einer
Verstrtheit befallen, die sich ansah wie Raserei. Die Hnde mit
gespreizten Fingern emporstreckend, schrie Mutter Agnes zur Hhe
hinauf: Allmchtiger! Rhrst du dich nit ein bil? Siehst du nit,
wie's zugeht in tausend Mutterherzen von Berchtesgaden?

Am verhllten Fenster ein heftiges Pochen. Und eine Stimme: Bruder
Leupi?

Die beiden in der Stube umklammerten sich stumm. Erst als das Pochen am
Fenster sich wiederholte, konnte Leupolt antworten: Wohl! Ich bin noch
daheim.

Geh, komm! Die armen Leut wissen nit aus und ein. Alle schreien nach
dir.

Ich komm. Er sprang vom Boden auf, umhalste und kte die Mutter
-- Gelt, du Liebe, jetzt mu es sein? -- verga den Rucksack, den
er tragen sollte, verga die Geldkatze und den Zehrungskorb und kam
auf der Strae gerade zurecht, um ein krnkliches Weib, das zwischen
schreienden Kindern ohnmchtig geworden war, von der Erde aufzulupfen
und auf einen Wagen zu heben.

Aus hundert Stuben von Berchtesgaden war der Abschiedsjammer
herausgetreten ber die Schwelle, mit zrtlichem Gestammel und
Schluchzen, mit Umarmungen, die nicht enden wollten, mit Kindergeschrei
und Muttertrnen, mit erbitterten Zornflchen und himmelschreienden
Klagen zerrissener Herzen. Der ganze Marktplatz und alle zufhrenden
Gassen waren unter dem Frhlingsblau und in der milden Morgensonne
verwandelt zu einer einzigen groen Stube des Menschengrams. Alle
Glaubensfeindschaft und aller religise Gegensatz schien erloschen und
verschwunden; der Schmerz der Wandernden, die man aus der Heimat jagte,
war bergeflossen in die Herzen der Bleibenden; in allen war das Gefhl
der Zusammengehrigkeit wach geworden, die nachbarliche Freundlichkeit
und das menschliche Erbarmen.

Immer dichter und lrmender fllte sich die lange Marktgasse. Von
den Armen und rmsten, die nicht zu bleiben brauchten, bis Haus
oder Feld verkauft war, hatten sich Neunhundertundsieben zur ersten
Schar unter Leupolts Fhrung gemeldet, Greise, Mnner und Weiber,
Burschen, Mdchen und Kinder. Unter ihnen auch Kranke, die nimmer
bleiben, nicht lnger warten wollten auf den Tag der Seelenfreiheit.
Ein Bauer hatte seine siebzehnjhrige Tochter, die den Fu gebrochen,
auf eine Kraxe gebunden und brachte sie auf dem Rcken getragen. Den
Jakob Aschauer, einen Hundertjhrigen, der schon ein Sterbender war,
muten seine graukpfigen Shne auf den Leiterwagen heben und betten
im Stroh. Jede Mahnung, zu bleiben und den nahen Tod in der Heimat zu
erwarten, lehnte der Greis mit harter Handbewegung ab und sagte: Das
ist vor Zeiten ein Sprichwort gewesen: Wen Gott lieb hat, den lat
er fallen ins berchtesgadnische Land. Jetzt ist eine Zeit gekommen,
da aus Berchtesgaden hinauskriechen mcht, wer nimmer laufen kann.
Erschttert durch diese Worte, das Gesicht von Trnen berflossen und
vom Geist befallen, stieg ein junges Weib auf den Wagen des Greises,
hob die Arme zum Himmel und begann zu predigen ber das Wort: Gehe
von deinem Vaterland, von deiner Freundschaft und deiner Mutter Haus
in ein Land, das ich dir zeigen werde. Beim Brunnen begannen die
Evangelischen das Lutherlied zu singen:

  Ein feste Burg ist unser Gott --

und auf der anderen Seite der Marktgasse sangen Hunderte das Wanderlied
der Salzburger:

  Ich bin ein armer Exulant
  Und drf daheim nit bleiben,
  Man tut mich aus dem Vaterland
  Um Gottes Wort vertreiben --

Mit dem inbrnstigen Klang der singenden Stimmen, mit dem verzckten
Lautgestammel des predigenden Weibes und mit den klingenden
Helferworten des Leupolt Raurisser, der ruhelos von Wagen zu Wagen
sprang, vermischte sich das Gerassel der verspteten Karren, das
Gebrll der Khe, das Ziegengemecker und das Blken der ngstlichen
Schafe. Der Tier- und Menschentrubel des Brunnenplatzes und der
Gasse glich dem Bild eines Viehmarktes, dessen Geschft und Handel
unterbrochen wurde durch die Nachricht einer bsen, alle Menschen
verstrenden Landsnot. Kpfe und Arme streckten sich aus allen
Fenstern, und von berall warf man Kleiderbndel und Pcklein mit Geld
und Ewaren herunter auf die Wagen der Exulanten. Aus allen Tren
kamen Frauen, Mnner und Mgde, um herbeizuschleppen, was sie zu
geben hatten. Pfarrer Ludwig mit seiner Schwester, Lewitter und die
stumme Lena, die Sus und Meister Niklaus brachten groe Krbe. Und
die Mlzmeisterin, als sie ihrem Buben die Geldkatze um die Hften
geschnallt und die Ruckscke mit dem Zehrkorb untergebracht hatte
auf dem Scharwagen, unter dessen Bocksitz die eiserne Truhe mit den
preuischen Hilfsgeldern an die Leitern angeschmiedet war, lief von
Karren zu Karren: Ihr guten Leutlen, brauchet ihr noch was? Sie
sprang in alle Kauflden, raffte zusammen, was ntig war, hatte kein
Geld mehr und mute immer sagen: Schreibet nur auf! Ich zahl schon!

Zwischen Gram und Schluchzen spielten sich Szenen ab, ber die man
in unbedrckter Stunde htte lachen mssen, und die der Jammer der
Abschiedsstunde zu einer herzerschtternden Begebenheit machte. Zwei
Geschwister, die einander verlassen muten, hielten einen kleinen
weien Hund, den sie lieb hatten, am Strickl und stritten verzweifelt
miteinander, weil ihn jedes dem anderen berlassen wollte. Nimm ihn,
um Gottes Barmherzigkeit, so nimm ihn doch, du tust mir was Liebes an!
Auf einem Wagen spielte ein hnlicher Streit, noch trnenreicher, noch
verzweifelter. Drei Kinder, die beim Vater blieben, hingen am Hals der
exulierenden Mutter und beschworen sie, den kleinen Kfig mitzunehmen,
in dem ein Distelfink zwischen den Stben scheu umherflatterte. Nimm,
Mutterle, nimm, du hast das Vgerl so viel lieb, du kannst nit leben
ohne das Vgerl! Und die Mutter, von Schluchzen geschttelt: Nit!
Und tausendmal nit! Wandern mu ich nach meinem Herrgotts Willen.
Euer Vgerl ist nit des Himmels und nit der Hll. Eh tt ich lieber
sterben am Fleck, eh da ich meinen Kinderlen die singende Freud aus
dem Leben tt reien mgen. Ihr Schluchzen verwindend, mit den Zhnen
knirschend, prete sie den kleinen Kfig zum letztenmal an ihre nasse
Wange und schlang mit dem anderen Arm die Blondkpfe der weinenden
Kinder an ihre Brust. Und neben dem Wagen, zwischen einem Ziegenknuel,
redete ein junger Bauer mit erbitterten Worten zu seinem blassen,
unbeweglichen Weib: Um aller Seligkeit willen, tu dich besinnen im
letzten Stndl! Weibl, Weibl, bist du denn ganz verloren, da du mich
lassen und mit den Luthrischen laufen kannst?

Die ekstatisch glnzenden Augen zur Hhe gerichtet, sagte sie leis:
Ich geh, weil der liebe Gott mich ruft.

Er klagte: Weibl, Weibl, du laufst dem Satan zu! Und weil in ihm
die Sorge noch grer war, als der Zorn, machte er das schtzende
Kreuzzeichen auf ihre Stirn.

Da sah sie ihm lchelnd in die Augen. Vergeltsgott, du Gtiger! Jetzt
kann mir die Hll nimmer schaden. Deine Lieb hat ein heiliges Kreuz
ber mich gemacht.

Ein alter Mann und eine alte Frau, beide mit bleichen, entstellten
Gesichtern, hingen an die Arme ihres zwanzigjhrigen Sohnes geklammert
und beschworen ihn zur Reue und zu christlichem Bleiben. Er zog die
Alten an sich, hielt ihre Kpfe an seine Rippen gepret und sagte: Es
ist auf der Welt kein Ding, das mir lieber wr als Mutter und Vater.
Aber Gott ist mehr. Ihr habt euch anders besonnen, und ich tu's nit
schelten. Jeder so, wie er mu. Ich getrau mich bei eurem Glauben nit
selig zu werden. Und lgen kann ich nit. Ich tt mich schmen mssen
vor dem Leupi, der geblutet hat fr uns alle. Jedem Redlichen mu die
Wahrheit heiliger sein als Glck und Leben.

Das hrte einer, dem dieses verzckte Wort den letzten Blutstropfen aus
den brtigen Wangen jagte. Meister? stammelte die Sus erschrocken.
Er sagte zwischen den Zhnen: Gib! Und gib! Wie mehr, so lieber ist
mir's. Ich hab einen Weg. Vorber an lautem Schluchzen und stillem
Weinen, vorber an Zorn und Gram, an Tieren und Menschen. Beim Brunnen
sah er den Pfarrer und drngte sich hin zu ihm. Der fragte betroffen:
Nick? Ist dir nit gut?

Der Meister sah ihm in die Augen. So geht's nit lnger. Ich kann's
nimmer hehlen. Ob Ruh oder Elend, ich mu bekennen heut.

Dein Gesicht hat mir's krzer gesagt. Der Pfarrer legte den Arm um
den Hals des Freundes. Tu, was du mut! Jetzt red ich dir nimmer ab.
Seine trauernden Augen irrten ber den tausendkpfigen Jammer hin, der
die Gasse fllte. Aber was du tun mut, tu als mutiger Mensch! Der Weg
zum Listenkommissar ist leicht. Erst geh den hrteren zu deinem Kind.

Der Meister nickte und bot dem Freunde die linke Hand, die lebende.
Stumm ging er davon und sah nimmer, da ein leises Lcheln den
trauernden Ernst im Warzengesicht des Pfarrers milderte. Um sich in
der langen Gasse nicht wieder vorberwhlen zu mssen an Menschen und
Tieren, schritt der Meister hinber zum gestutzten Hofgarten und suchte
den Heimweg hinter den Zunen. Wie das Rauschen eines groen Wassers
begleitete ihn der klagende Lrm der Marktgasse.

Friedlich umschimmerte die Morgensonne sein Haus inmitten des Gartens,
in dem die Rosenstauden zu knospen begannen. Der Meister trat in den
Flur und rief ber die Treppe hinauf: Kind? Wo bist du?

In der Werksttte ein erwrgter Laut.

Durch das Fenster mit den verbogenen Eisenstben flutete eine
goldschne Sonnenflle in den groen, schweigsamen Raum, umglnzte
die Holzstatue der >heiligen Menschheit< und streifte den Scho des
jungen Mdchens, das im ziegelfarbenen Hauskleid hinter dem Spinnrad
auf der Holzbank sa, hnlicher dem jungen Tod als einem atmenden
Menschenkind. Schweigend betrachtete Niklaus seine Tochter, in deren
Augen eine angstvolle Frage brannte. Dann glitt sein Blick, der wie
ein gramvolles Abschiednehmen war, ber die Mauern, ber alles Gert,
und blieb an seinem Werke haften: an der schlanken, von drstendem
Erwarten durchglhten Gestalt des jungen, rmlich gekleideten
Weibes, das die Arme auseinanderbreitet und verklrt einem kommenden
Wunder entgegenblickt, aus starrem Holz verwandelt zu heiem Leben,
durchleuchtet von opferwilliger Liebe und hoffendem Glauben. Die Hand
auf seine Stirne legend, mit einem halb bitteren, halb frohen Lcheln,
wiederholte der Meister leis die Worte, die er an dieser Stelle vor
vielen Wochen zu seinem Kinde gesprochen hatte: Lang mu man harren
auf Erlsung. Einmal kommt sie. Er wandte das Gesicht. Sorge und
Zrtlichkeit waren in seiner Stimme. Kind! Jetzt mu ich dir sagen,
was dir hart sein wird.

Sie schrie: Was ist ihm geschehen?

Wen meinst du? Den Leupi? Wieder das wehe und dennoch freudige
Lcheln. Mut du schneller an den Leupi denken als an mich? Da
hab nit Sorg. Der ist ein Aufrechter, geht den Weg seiner redlichen
Pflicht, hat die Wahrheit im Herzen und ist ein Helfer fr hundert
Leidende. Er geht mit den rmsten. Heut. Mit mir hat er nit geredet,
und ich bring dir keinen Gru. Was ich dir sagen mu, lieb Kind, geht
nit um den Leupi. Das geht um dich und mich. Ich mu dir sagen --

Sie wehrte mit beiden Hnden. Das glhende Rot, das ihre Wangen
berflossen hatte, war wieder verwandelt in wchserne Blsse. Vater!
Fr einen Augenblick berkam's ihre Sinne wie Schwindel. Ich hab
verstanden. Du bringst dein Herz nit ber den heutigen Tag hinber. Du
mut -- bekennen?

Ja. Er trat zu ihr hin. Und da ich nimmer lgen kann? Auch nit um
deinetwillen? Kind? Mu deine fromme Seel mich drum verdammen?

Sich zusammenkrmmend, prete sie das Gesicht in die Hnde, schttelte
den Kopf und klagte: Blo ein Einziger wei, wie alles ist. Ich such
es allweil und kann's nit finden. Dich hab ich lieb ohne Reu und
Schmerzen. Mehr wei ich nimmer.

Da sprang er zu ihr hin, warf sich vor ihr auf die Knie, zog ihr die
Arme herunter, kte lachend ihre Hnde, die na waren von ihren
Trnen, sah zu ihren schwimmenden Augen hinauf, schmiegte das Gesicht
an ihre Schulter und stammelte: Kind! Jetzt hast du deinem Vater das
Leben geschenkt. Und der Weg, den ich tun mu um der Wahrheit willen,
ist mir ein leichter und schner. Sich erhebend, umschlang er sie,
kte ihre Wange, ihre Stirn, ihre Augen -- sprang mit frohem Auflachen
zur Tr hinber und war verschwunden.

Unbeweglich sa Luisa auf der Bank und sah die Tr mit erloschenen
Augen an, als wre alles Denken in ihr zerdrckt. Da quoll in der
schnen Sonne, die ihren Leib umflutete, durch die Mauern ein Rauschen
zu ihr herein, das leis die Fensterscheiben erzittern machte. War
es das Brausen eines strzenden Baches? Oder der ferne Lrm von
tausendstimmigem Menschengeschrei, in dem alles war, nur Freude nicht?

Vater! Bei diesem gellenden Laut voll Schreck und Grauen griffen
ihre Hnde gegen die Tre hin. Vater! Vater! Vater! Das Spinnrad
fortstoend, da es ber die Dielen kollerte, sprang Luisa von der
Bank, jagte ber die Schwelle, jagte mit gestreckten Armen hinaus
in die Sonne. Vater! Vater! Wie eine Verzweifelnde hetzte sie an
der Gartenplanke hin, gegen den Markt hinber, in dem roten wehenden
Kleid, einer fliegenden Flamme gleich, und war nicht die einzige, die
so rannte, so verstrt und ganz von Sinnen. berall, auf der Strae,
auf den Fuwegen, auf den Wiesen, berall sah man viele springende
Menschen, die aufgeregt mit den Armen fuchtelten und wirre Worte
kreischten, als wre ein groes Schadenfeuer ausgebrochen, das alle
Dcher und jedes atmende Leben bedrohte. Auch drhnende Schlge, wie
beginnender Feuerlrm! Auf drei Trmen fingen alle Glocken zu luten
an und fllten die sonnigen Lfte mit schwebendem Hall. Sollte das
ein mahnender Abschiedsgru der Kirche an die wandernden Seelen sein,
die sie verlor? Oder war es ein prpstliches Freudengelut, das die
Reinigung des berchtesgadnischen Landes von allem Irrglauben verkndete?

Bei der Reichenhaller Strae kam Luisa nimmer weiter. Zwischen anderen
Menschen, welche weinten oder beteten, stand sie an die Scheunenmauer
des Leuthauses gepret, mit angstvoll erweiterten Augen im blassen
Gesicht, keiner Handbewegung und keines Lautes fhig. Ihr gegenber
lugte ber den Ziegelbord der sekreten Mauer das stille, ausgerumte
Unlustschlchen der weiland Allergndigsten mit niedergelassenen
Jalousien hervor, und zwischen der weien Mauer und dem versteinten
Mdchen war die enge Strae vollgepfropft durch Menschen, Tiere und
Karren, durch den vorwrts drngenden Zug der Exulanten, dem vier
rotjoppige Burschen mit ledernen Reisetaschen, mit schweren Ruckscken
und langen Wanderstecken voranschritten, auf den grnen Bubenhten
die ersten Blumen des Frhlings, mit rotgernderten Augen in den
erbitterten Gesichtern. Einer von den Vieren sang mit der Stimme eines
Wahnsinnigen, zwei waren stumm und lieen die Kpfe hngen, der vierte
kreischte immer wieder die zwei gleichen Worte gegen die strahlende
Sonne hinauf: Gottsheilige Himmelsfreud! Gottsheilige Himmelsfreud!
Nur Leute, die ganz in der Nhe waren, verstanden diese Worte. Wie
bei einer Hinrichtung das Trommelgerassel den letzten Schrei des
Verurteilten erstickt, so bertnten die lutenden Kirchenglocken allen
klagenden Zorn und Jammer dieser Stunde, in welcher tausend glubige,
redliche Menschen die Heimat verlieren muten, an der sie hingen mit
Blut und Seele.

Da jeder Seufzer, jedes Wort und jeder Schrei erlosch in der
wogenden Glockenflle, das milderte den erschreckenden Vorgang
dieses groen Jagens nicht, das sich ohne Hifthrner, ohne gelitzte
Jgergala und ohne franzsische Reimsprche vollzog und dennoch
mehr des menschlichen Herzblutes verschttete, als drauen in der
Schnheitsrunde des Hintersees an rauchendem Wildblut hineingeronnen
war in den Frhlingsboden des deutschen Waldes. Weil alle Menschenklage
versank im Glockenhall, im Rdergerassel und Viehgeplrr, verwandelte
sich das Bild des gramvollen Zuges zu einem grausam durchschauerten
Anblick, der schreiende Farben hatte und dennoch wirkte wie ein
stummes, unbegreifliche Schattenspiel. Auf den Karren und Wagen
hielten verstrte Menschen einander umschlungen, drehten immer die
Gesichter nach rckwrts und deuteten mit zuckenden Armen; die im Stroh
gebetteten Kranken machten sinnlose Handbewegungen und versuchten sich
aufzurichten; Bleibende, die von den Exulierenden nicht lassen konnten,
liefen zwischen den Viehtreibern und den von Staub berqualmten Tieren
umher, umarmten unersttlich die Scheidenden, hingen mit einer Hand
an die Wagenleitern geklammert und griffen mit der anderen unter
unverstndlichen Worten immer zu den Weibern und Kindern hinauf, die
droben saen auf den Brettern. Hinter dem Scharwagen des Zuges, dem
letzten aller Karren, kam der vielhundertkpfige Schwarm der Rstigen,
der Mnner, Weiber und Kinder, die nicht zu fahren brauchten, sondern
den heimatlichen Boden verlassen konnten auf den eigenen Sohlen. Die
Zahl der Wandernden hatte sich verdreifacht durch die fr immer, oder
nur bis zum Tage des nchsten Exulantenzuges Bleibenden, und sie hingen
Arm in Arm an den Wanderleuten, um einem Vater, einer Mutter, einem
Bruder, einer Schwester noch das Geleit zu geben fr eine Strecke des
bitteren Weges.

Hinter dem Zuge schritt Leupolt Raurisser als der Letzte. Er ging
gebeugt, wie bedrckt von einer schweren Brde. Vier schwarzweie
Bnder wehten von seinem Jgerhut, als Zeichen des Fhrers. An den
Knauf seines langen Wandersteckens hatte ihm Frau Agnes ein rotes
Aurikelstruchen gebunden. Er hielt den Arm um die Mutter gelegt,
die ohne Haube, mit zerrauftem Grauhaar neben ihm herschritt und das
blasse, von schmutzigen Trnenstrichen berzogene Gesicht an seiner
Schulter liegen hatte. Diesen zwei Letzten folgte noch ein Gedrnge von
Kindern und Leuten, stumm, mit scheuen Augen, wie weltfremde Menschen
in erschrockenem Staunen herlaufen hinter den Affen und Kamelen
eines niegesehenen Gauklerzuges. Als dieser stille Schwarm unter dem
schnen Glockendrhnen sich vorberschob an der sekreten Mauer des
frhlingsblhenden und doch verwelkten Freudengrtleins Seiner Liebden,
straffte sich pltzlich der gebeugte Krper des jungen Jgers. Unter
den Menschen, die neben dem Zuge dichtgepret an der Scheunenwand des
Leuthauses standen, hatte Leupolt das mohnfarbene Kleid gesehen.

Bub? fragte Frau Agnes und sah zu ihm hinauf.

Nichts, Mutter! Komm! Er legte den Arm noch fester um die Zitternde.
Bei ruhigem Weiterschreiten drehte er das ernste Gesicht und blickte
ber den grauen Scheitel der Mutter hinber zu dem rotleuchtenden
Farbenfleck an der Scheunenwand. Ein wehes Zucken irrte um seinen Mund.
Kein Laut. Nur sein Herz und seine heien Augen hatten gesprochen: Du
da drben. Dich soll der Herrgott schtzen und hten! Mein Glck ist
tot, nur meine Pflicht lebendig.

Die Glocken drhnten. Ihr Hall umschleierte den Lrm des Zuges, jeden
klagenden Menschenruf und jeden Schrei der getriebenen Tiere. Nur
dieses ungesprochene Wort erstickten die stimmgewaltigen Glocken
nicht. Wie klingendes Feuer war es aus trauernden Augen in eine zu Tod
erschrockene Mdchenseele gefallen.

Das Staubgewlk des Zuges qualmte weiter und weiter gegen die
Reichenhaller Strae hinaus. Die Menschen, die zu beiden Seiten des
Weges gestanden, begannen sich zu verlaufen. Die Glocken verstummten.
Und noch immer stand Luisa an der Balkenwand, unbeweglich, rot, wie im
Blut ihres Leidens angenagelt an die Mauer. Von den Bleibenden, die den
Exulanten das Geleit gegeben, kamen schon viele zurck, die einen bla
und stumm, andere unter aufgeregtem Schwatzen, wieder andere mit den
Hnden vor den Augen. Immer dnner wurde die Reihe der Heimkehrenden.
Jetzt kam eine einsame Frau mit grauem Scheitel. Sie ging so still
und ruhig, als htte der Jammer der verwichenen Glockenstunde keine
Gewalt ber sie gewonnen. Nur ihre Hnde taten etwas Widersinniges.
Wie Fieberkranke seltsam mit irgend einem Dinge spielen, so zog Frau
Agnes den Saum ihrer Schrze durch die zitternden Finger, hin und her,
wie eine mde Nherin einen langen Faden zieht. Nun blieb sie stehen,
nicht erschrocken und nicht erfreut. Hatte sie getrumt? Oder hatte sie
dieses leise Wort, das der letzte Laut ihres Sohnes gewesen war und
noch immer nachklang in ihrem bedrckten Herzen, wirklich vernommen?

Mutter?

Sie wandte das Gesicht gegen die Scheune hin, ihre gtigen Augen wurden
streng, und whrend die Trnen langsam ber ihre Mundwinkel kollerten,
betrachtete sie das unbewegliche Mdchen und sagte ruhig: Mutter? So
soll jedes rmste, gottverlassene Elendskindl sagen drfen zu mir. Du
nit! Der Kopf sank ihr auf die Brust, und so ging sie davon, immer
tiefer gebeugt, den Saum der Schrze durch ihre Finger ziehend.

Leute, die an der Scheune vorbergingen, verhielten sich und sprachen
zu Luisa, barmherzig und erschrocken. Sie hrte keinen Laut, sah
keinen Menschen. Ihr klagender Blick irrte umher, mit einem Ausdruck
des Entsetzens, als wren alle Bilder und Dinge der Welt etwas
Fremdes, etwas Unbegreifliches und Qulendes fr sie geworden. Lautlos
betend klammerte sie vor der Brust die Hnde in einander, fing zu
schreiten an und fand nach einem verstrten Hin und Her den Weg zum
Haus ihres Vaters. Immer rascher wurden ihre Schritte. Als sie zu
den Bretterplanken des Gartens kam, begann sie zu laufen, begann in
unverstndlichen Worten zu lallen, rannte sinnlos dem Haus entgegen,
streckte die Hnde und schrie mit erwrgter Stimme immer wieder die
zwei gleichen Worte: Vater, Sus! -- Vater, Sus! Kein Laut im Haus.
Sie lief in die Kche. Vater! Vater! Sie jagte zurck, stie die Tr
der Werksttte vor sich auf, sah das von Sonne umglnzte Holzbild der
>heiligen Menschheit< und schrie mit der schrillen Stimme eines zu
Tod gengsteten Kindes: Sus? Barmherzige Sus? Wo bist du? Keuchend
hetzte sie ber die Treppe hinauf, rttelte an der unverschlossenen
Tr der Wohnstube, ohne sie ffnen zu knnen -- Vater! Vater! Vater!
-- sprang in ihre Kammer, ri das ziegelfarbene Hauskleid von sich
herunter und kleidete sich in Hast, als wre ein hoher Feiertag
erschienen und sie mte zur Kirche gehen. Unter heiem Schluchzen,
das sich anhrte wie ein glckseliges, nur etwas unbehilfliches Lachen,
warf sie sich auf den Boden hin, schlug an ihrem kleinen Klosterkoffer
den Deckel auf und nahm das brennende, von Trnen berstrmte Gesicht
zwischen die Hnde, um aus ihrem verstrten Kopf herauszugrbeln: was
man braucht auf einem weiten, weiten, viele Wochen whrenden Wanderweg?

Nur nach dem Allerntigsten griff sie: nach dem wchsernen Jesuskind
und nach der goldglitzernden Madonna. Voll Inbrunst kte sie jedes der
zwei heiligen Bildwerke, bevor sie es achtsam einwickelte in linde,
verlliche Wolle. Dazu die kleinen Leuchter, das silberne mpelchen
und die knstlichen Blumen, sieben Heiligenbilder und die Silhouetten
des Vaters und der Mutter, die ber dem Bett gehangen, und die der
Vater mit seiner linken Hand geschnitten hatte, bevor sein Kind zu ihm
heimkehrte aus dem Kloster. Nach der Hetze dieser Arbeit sprang sie
zum Fenster und lauschte gegen die Reichenhaller Strae. Der Lrm des
Exulantenzuges klang nur noch wie mattes Summen aus weiter Ferne.

Hilf mir, hilf mir, heilige Gottesmutter, oder ich komm zu spt!

Mit dem Einpacken des Weihbrunnkesselchens ging es so flink, da sie
es vorher zu leeren verga. Der Klosterkoffer war nicht wasserdicht,
unten trpfelte es merklich heraus. Dafr hatte Luisa keine Augen,
weil sie besonders sorgfltig die Weihwasserflasche, die sie nach der
schrecklichen Warnung der Gottsaugenuhr aus der Kirche heimgebracht
hatte, mit zwei Paar Strmpfen berziehen mute. Da lag nun alles,
was ihr heilig, kostbar und unentbehrlich war, wohlgeborgen in ihrem
Koffer. Und jetzt dazu, was noch Platz hatte an Kleidern, Wsche,
Schuhen und tglich ntigen Dingen. Dann sprang sie wieder zum Fenster
hin und lauschte hinaus in die milde Sonne. Auer dem Lrm der Nhe
war kein Laut mehr zu hren. Auf der Reichenhaller Strae alles still!
Totenstill! In Schreck, in neuer Verzweiflung flog sie zur Tr und
schrie, da es hallte in der Stille des Hauses: Vater! Vater! Keine
Antwort kam. Sie jagte ber die Treppe hinunter. Und wieder in die
Werksttte. Vater! Hinaus in den Garten. Vater! Vater! Da kam
ihr die Besinnung: der Vater ist gegangen, um zu bekennen, um sich
einzuschreiben in die Liste der Evangelischen. Diesen Gedanken empfand
sie wie ein trstendes Glck. Und morgen wird der Vater nachkommen,
vielleicht noch heute. Und wer, wie ihr Vater, so mild und menschlich
ber alle Dinge des Lebens urteilt, wird es verstehen, da man den
Leupi keine Nacht mit so sterbenstraurigen Augen erleben lassen darf.

Diese Wahrheit gab ihr Tapferkeit und Ruhe in das irrsinnig hmmernde
Herz. Die Ruhe whrte aber nicht lnger, als bis Luisa droben war
in ihrer weien Kammer. Sie selber wute nicht, wie es kam. Es war,
als htte an der weien Mauer, nur sichtbar fr ihre fromme Seele,
eine warnende Schrift zu brennen begonnen. Das Gesicht mit den
Hnden verhllend, fiel sie auf den Boden hin, geschttelt von einem
Schluchzen, das ihr junges Leben zu zerreien drohte. Und da streckte
sie schon die Hnde, um alles fr die weite, schne Wanderung Gepackte
wieder herauszuzerren aus der trpfelnden Klostertruhe. Pltzlich
waren ihre Finger unbeweglich. Ihre Trnen versiegten. Ein frohes,
glckliches Leuchten war in ihren Augen. Lang mu man harren auf
Erlsung! Einmal kommt sie.

Vor Luisas Abreise aus dem Kloster hatte die gtige, kluge,
frsorgliche Frau Oberin auf der Innenseite des Kofferdeckels ein
geweihtes, von jungfrulichen Rosen umwundenes Schutzengelbild
festgekleistert und sogar noch mit goldfarbenem Lack berstrichen,
damit es nur ja nicht mehr herunterfallen knnte und fr den frommen
Klostervogel ein verllicher Wegweis bliebe in allen Gefahren der
bsen Welt. Mit einer langen Stange, die unten eine Lanze und oben
eine Fahne war, durchstach der geharnischte und geflgelte Schutzengel
die Herzgegend einer drachenfrmigen Schlange. Und die Fahne trug in
gotischen Lettern den wunderwirkenden Spruch:

  Wo auch der bs Feind Uibles sinnt,
    Dein Engel wird ihn gstillen.
  Was frumb dein truies Herz beginnt,
    Ist allweil sHimmels Willen.
    Seel, la dein Glck nit zagen,
    Gott wirz auf Hnden tragen,
        Hab rechten Mut
        Und sEnd ist gut!

Wie kann doch ein Schutzengel, wenn's nur der richtige ist,
vieltausendmal hilfreicher und klger sein, als eine Nrnberger
Gottsaugenuhr! Und wie die liebe herzensgute Frau Oberin sich freuen
wrde, wenn sie wte: da ihre treue Frsorge ein junges Menschenglck
gerettet hatte, das schon zerbrechen wollte zum siebenten und letzten
mal! Hei beseligt, in dankbarer Freude, kte Luisa das erlsende
Bild. Dann flink den Deckel zu und den Schlssel abgezogen. Den
spanischen Hut mit dem weien Federtuff bers braunblonde Haar, den
grnen Radmantel um die Schultern! Und whrend die schmalgewordenen
Mdchenwangen glhten wie am Johannistag die Rosen im Garten, lernte
der kleine Klosterkoffer kennen, was eine Schlittenfahrt ohne Schnee
bedeutet. Mit schrillendem Rutsch ging's ber die Schwelle der
jungfrulichen Kammer hinaus, durch den Oberstock, ber die Treppe
hinunter, und berall auf der hurtigen Glcksreise lie der pfeifende
Wanderschlitten eine feuchte Trpfelfhrte hinter sich zurck.

Vater! Vater! Vater!

Flink hinein in die Werksttte. Mit einem Rtelstift, der zum
Handwerkszeug des Meisters gehrte, schrieb Luisa auf die
weigescheuerte Spinnbank: Lieber Vater! Ich bins derweilen
vorausgewandert, weils den Leupi seine traurichen Augen nich drf
warten la bernacht. Gelt du kommest bald. In Glck und Freiden
dein erlsenes Kint. Schner und fehlerfreier, als es auf der Bank
geschrieben stand, klang das in Luisas brennendem Herzen. Sie hatte
bei der klugen, frsorglichen Frau Oberin besser beten als schreiben
gelernt.

Eine Vaterunserlnge spter bekamen viele Berchtesgadener eine
atemlose und einsame Exulantin zu sehen, deren Anblick niemand zu
Gram und Zorn bewegte, niemand erschtterte zu Trnen. Wie das junge,
bildhbsche Mdel im grnen wehenden Radmantel, mit erhitztem Gesicht
und strahlenden Glcksaugen ihren kleinen, trufelnden Koffer auf einem
groen Schubkarren in sehnschtiger Ungeduld ber die Reichenhaller
Strae hinausradelte, das war mehr als ein liebliches, war ein
ergreifendes Bild. Dennoch erschien es den Leuten so komisch, da sie
zuerst verwundert gucken, dann heiter schmunzeln und schlielich ohne
jedes Zartgefhl darber lachen muten. Whrend in einem erlsten
und beglckten Erdenkind von allen schnen Trumen des Lebens der
allerschnste zur Wahrheit wurde, kamen trichte Menschen zu der vllig
unzutreffenden Vermutung: diese versptete und drum so eilfertige,
immer betende, weinende und lachende Emigrantin htte einen reichlichen
Schoppen ber den fr ein Mdchen zulssigen Durst getrunken.

Wenn es so schwer fllt, das Natrlichste des Natrlichen klar zu
erkennen? Wie darf man sich wundern darber, da dem Menschengeist
zuweilen auch bei den Klarstellungen des bernatrlichen ein
wesentlicher Irrtum widerfhrt?




Kapitel XXXII


Nach allem Seelensturm des verflossenen Morgens lag die Sonnenstille
des Mittags ber dem leeren Haus des Meisters. Die heimgekehrten
Schwalben umflogen den First, bauten an ihren Nestern oder saen
rastend auf den geschnitzten Holzzieraten des Giebels.

Die Elfuhrglocke hatte schon gelutet, als Meister Niklaus herberkam
vom Leuthaus. Die Sus, mit dem groen leergewordenen Korb ber den
Zpfen, betrachtete immer wieder in Sorge den wortlos vor sich
hinbrtenden Mann an ihrer Seite. Von der Freude, mit der er die
Hnde seines verstndig gewordenen Kindes gekt hatte, war nichts
mehr an ihm zu merken. Auf den Erlsungsjubel, den ihm das offene
Bekenntnis seines Glaubens in die Seele gegossen, war ein drckender
Stein gefallen. Seiner Einzeichnung in die Exulantenliste hatte man
kein Hindernis bereitet, hatte auch der Sus keine Schwierigkeiten
gemacht, als sie ruhig und entschlossen ihre paar Buchstbchen dicht
unter den Namen des Meisters kritzelte. Wegen seines Kindes erklrte
die Kommission: die Jungfer Zechmeister wre als notorische Katholikin
in zureichenden Jahren, um selbst ber ihr Schicksal entscheiden
zu knnen. Des weiteren msse der Meister bedenken, da man einen
so geschickten und notablen Knstler nicht ber die Landesgrenze
ziehen lassen knne, auf die Gefahr hin, da er die berchtesgadnische
Holzschneidekunst im Auslande verbreite, zur Schdigung der Heimat
und zum Nutzen der Augsburgischen, der Nrnberger oder gar der
preuischen _industria_. Die Entscheidung der Kommission hatte einige
hnlichkeit mit dem vom Grafen Saur ber den Mlzmeister gefllten
Urteil: Glaub er, was er wolle, und brau er uns auch frderhin eine
so bekmmliche Biersorte wie bisher. Wenn der Meister sein illustres
Kunstvermgen der Heimat treu erhalte, wolle man ihm in Glaubenssachen
keine fhlbaren Diffizilitten bereiten; wre aber sein Entschlu
zur Exulation ein unabnderlicher, so knne sein Auszug nur erfolgen
unter zureichender Kautionsstellung fr allen Schadenersatz und nach
Ablegung eines heiligen, von zwei Brgen untersttzten Eides: da er im
Ausland fr alle Lebenszeit auf jede Bettigung seiner Kunst verzichte.
Ihr Herren, das heit mein Leben erwrgen! Ein Achselzucken war die
Antwort.

Vor seiner Haustr blieb Meister Niklaus in der Sonne stehen, beugte
den Kopf und bedeckte die Augen mit der linken Hand. Die Sus wurde
bleich bis in die Mundwinkel. Aber sie hatte doch die Kraft, um ruhig
zu sagen: Ich mein', der Meister sollt sich zu seiner schnen Arbeit
stellen. Da ist ihm noch allweil jedes harte Ding ein trgliches
worden. Ich schaff derweil, da der Meister nit warten mu auf die
Mahlzeit.

Er nickte. Ja, gute Sus! Vergi auch nit, da der Hochwrdige und
seine Schwester zum Essen kommen. Da ist noch Zeit, da ich reden
kann mit dem Kind. Wir mssen's nehmen, wie es ist. Heut haben wir
so viel an Seelennot und Elend umlaufen sehen, da wir nit klagen
drfen, wenn uns ein schmerzhaftes Steinl hineingedruckt wird in den
eigenen Leib. Er ffnete die Tr seiner Werksttte. Kind? In dem
groen Raume blieb es still. Der Meister rief in den Flur hinaus:
Das Kind mu droben in seinem Stbl sein. Gelt, sag ihr, sie soll
zu mir herunterkommen, gleich! Drauen huschte die Sus ber die
Stiege hinauf. Der Meister vertauschte den Gassenrock mit dem leichten
Arbeitskittel und band das lederne Schurzfell um. Eine Weile stand er
unbeweglich und betrachtete sein fast vollendetes Werk: die >heilige
Menschheit<. Schon dieses stille, halb zufriedene, halb mitrauisch
forschende Sinnen schien ihm die drckende Seelenlast des Augenblicks
zu erleichtern. Er hrte nicht, da droben die Sus ein paarmal den
Namen seiner Tochter schrie. Aufatmend griff er nach dem schweren
eisernen Schlgel und wollte unter den vielen Meieln das Hohleisen
aussuchen, das er brauchte, um eine Gewandfalte zu vertiefen. Da sah
er das umgeworfene Spinnrad und ging, um es aufzuheben. Von der weien
Spinnbank leuchtete ihm die rote Schrift entgegen, der Glcksbrief
seines ausgewanderten Kindes. Er las. In der Faust den eisernen
Schlgel, stie er einen tonlosen Laut aus der Kehle.

Da strzte die Sus mit entfrbtem Gesicht in die Werkstatt: Meister
-- Die gleichen Worte, die sie ihm hatte sagen wollen, schrie er
selbst: Das Kind ist fort! Ist dem Glck und dem Leupi zugesprungen.
Auflachend und doch mit schwimmenden Augen, schleuderte Niklaus den
schweren Schlgel zur Werkbank hinber. Und whrend die gewichtige
Eisenmasse gegen den bankfrmigen Unterbau der Statue schmetterte, ri
er das Schurzfell herunter und sprang zur Tre.

Das Gassenrckl! Die Sus raffte den braunen Rock vom Sessel und
wollte dem Meister nachspringen. Hinter ihr ein Knirschen, wie wenn
ein Brett in Splitter geht. Sus drehte das Gesicht und sah, da
die Statue der >heiligen Menschheit< sich zu bewegen begann, als
htte sie jede Hoffnung auf den Himmel verloren und mchte sich mit
ausgebreiteten Armen niederneigen zur treueren Erde. Der Sto des
Eisenschlgels hatte den Unterbau schief gedrckt; das viele Zentner
schwere Gewicht der Statue knickte das schrge Brett, und die Bildsule
drohte vornber zu strzen. Meister! schrie die Sus mit gellendem
Laut, sprang gegen die Werkbank hin, um das Unglck zu verhten, und
fing mit Brust und Armen das fallende Bildwerk auf. Sie war ein festes,
kraftvolles Mdel, die Sus. Dennoch brach sie unter dem Sto, mit dem
die schwere Holzmasse gegen ihren Krper schlug, auf die Knie hinunter.
Meister! Meister! Immer schrie sie, immer schwcher klang ihre
Stimme. Mit dem Rest ihrer schwindenden Krfte hielt sie die Statue
umklammert, um zu hindern, da die Bildsule gegen den Boden schlge
und Schaden nhme. Meister! Tiefer und tiefer wurde das tapfere Mdel
gegen die Dielen niedergedrckt und lag unter der pressenden Holzmasse
ausgestreckt wie ein Weib, das in Liebe den Mann empfngt. Meister,
ach, Meister -- Das waren Laute des Schmerzes, bei erlschenden Sinnen
noch durchzittert von der Freude, da des Meisters Arbeit, die fr den
Glauben der Sus von allen Herrlichkeiten des Lebens die herrlichste
war, keinen Fehl und Makel erlitten hatte. Und schon so matt und mde
war dieser letzte Schrei, da er nimmer hinausklang aus der Stille des
sonnenlos gewordenen Raumes. In keuchenden Zgen ging der Atem der
Ohnmchtigen.

Vor dem Fenster, durch das der sonnige Himmel hereinblaute, klang
zuweilen ein feiner Schwalbenschrei.

Und drben beim Leuthaus rannte Meister Niklaus ber die Reichenhaller
Strae hinaus. Von einer Hhe konnte er das Gelnde bis Bischofswiesen
berschauen. Die Strae war leer. Nur in weiter Ferne lie sich der
neblige Dunst erkennen, der von der Staubwolke des Exulantenzuges
zurckgeblieben war.

Gott mit dir, mein Kind! Glck ist mehr als alles andre.

Der Meister wandte sich und ging vorber am Leuthaus, gegen den
Brunnenplatz. Die Marktgasse war wie abgestorben. Nur spielende Kinder.
Nicht viele. Und das Pflaster war bedeckt mit zerknickten Strohhalmen
und mit dem Unrat, den die abgewanderten Tiere zurckgelassen hatten.

Vor dem Stiftstor trafen sie zusammen, Meister Niklaus und Pfarrer
Ludwig. Nicki? Ein erwartungsvoller Blick war in den Augen des
Pfarrers.

Das Kind ist fort.

Also! Lchelnd sah Herr Ludwig hinauf in das reine Blau. Der Ewige
arbeitet doch verllicher, als ein Nrnberger Spielwerk.

Mensch? Wahrhaftig? Da mein Kind dem Leupi nachspringen mu? Das hast
du erwartet?

Drum hab ich mich doch bei dir fr heut zum Essen geladen. Da du
dein Sppl nit allein verschlucken mut. Und komm! Wir mssen das
gleich der Mutter Agnes bringen. Die verzweifelt schier. Sie wandten
sich gegen das Stiftstor. Guck, Nicki! Eine Parabel der Zeit! Der
Pfarrer deutete auf die Flle des Unrates, der das Pflaster bedeckte.
Das bleibt der Regierung vom heutigen Tag. Sie wird nit lernen davon.
Statt den nutzbaren Mist fr einen Acker zusammenzukehren, wird sie
ihn vornehm liegen lassen, bis ihn der nchste Regen verwssert.
Staatskunst, Nicki, Staatskunst!

Als Mutter Agnes die Botschaft vom Glck ihres Sohnes hrte, tat sie
einen Schrei, fiel auf die Mauerbank und wurde von einem so heftigen
Zittern der Beine befallen, da die Abstze ihrer Schuhe auf dem
Fuboden ein flinkes Getrommel erhoben. Meister Raurisser, der vom
Bruhaus heimkam und seine Frau so finden mute, fragte in Sorge:
Mutter, was hast du denn?

Freud -- Freud -- Freud -- Sonst brachte sie unter dem Sturz ihrer
frohen Trnen kein Wort heraus.

Pfarrer Ludwig, als er mit Meister Nick aus der Stube ging, deutete
auf eine ungefhrlich gewordene Sache an der weien Mauer. Und drauen
auf der Strae sagte er: Der Dillinger Landschaden, der Grusdorf, die
berflssigen Buchstaben, der Muckenfl und die Gottesaugenuhr mit
ihrem boshaften Teufel! Alles im Kehrichtfa der Vergangenheit! Nick,
es geht halt doch ein bil aufwrts mit der Menschheit. Deswegen mu
sie nit grad eine heilige sein. Sie kamen zur Pfarrpfrnde, und Herr
Ludwig klinkte an der Haustr, die er verschlossen fand. Die Schwester
ist schon voraus zu dir. Um den Weg zu krzen, gingen sie hinter den
Husern am gestutzten Hofgarten vorber, dessen lcherlich beschnittene
Bume unter Frhlingshilfe den Versuch begannen, aus der Pariserei
heranzuwachsen und sich wieder auszustrecken zu natrlicher Form.

Beim Plankentor des Meisters blieben die beiden stehen und lauschten.
Im Haus eine schreiende Stimme. Meine Schwester! stammelte der
Pfarrer. Sie sprangen in den Flur, sahen die Tr der Werkstatt offen
und fanden neben der schreienden Schwester Franziska die Sus, wie
tot, von Blut umronnen, die Arme noch immer um die Statue geklammert.
Der Meister taumelte. Und Pfarrer Ludwig brllte der Schwester ins
Ohr: Zum Lewitter! Lauf, was du laufen kannst! Nur mhsam gelang es
den beiden Mnnern, die schwere Statue vom Krper der Ohnmchtigen
emporzuheben. Ach, Mdel, du gutes! schrie der Meister, hob die
regungslose, von Blut berstrmte Sus auf seine Arme und trug sie
ber die Treppe hinauf. Ohne zu denken, nur weil es von den Tren
die nchste war, trug er die Blutende in Luisas Kammer und rannte
um Essig, um alles, was beleben konnte. Nichts wollte helfen. Die
geschlossenen Augen taten sich nicht auf, kein Herzschlag war an der
Sus zu spren, kein Atemhauch vor den blassen Lippen, an denen ein
leises, unvernderliches Lcheln zu erkennen war. Nur das Blut sickerte
noch immer aus den Wunden, die das scharfkantige Holz in ihren Krper
geschnitten hatte.

Schwester Franziska und Lewitter mit seiner Tasche traten in die Kammer.

Komm, Nicki! Pfarrer Ludwig legte den Arm um den Hals des Meisters.
Wir zwei sind berflssig. Sie gingen hinber in die Wohnstube.
Der Pfarrer stand am Fenster. Stumm und unbeweglich sa Niklaus am
Tisch; nur seine Augen bewegten sich, wenn durch die Krippenwand ein
matter Laut aus der Kammer klang, oder wenn auf der Stiege drauen die
hastigen Tppelschritte der Schwester Franziska zu hren waren. Und
pltzlich warf er das Gesicht auf die Tischplatte hin.

Der Pfarrer trat zu ihm und rttelte ihn an der Schulter. Nicki! Bleib
der Mensch, der du bist! Tu dich nit so verbohren in den Schreck! Tu
reden, Nicki!

Meister Niklaus hob das blasse Gesicht. Einsam werden ist das
Grauenhafteste des Lebens. Mein Weib versunken, mein Kind ins Kloster
gesteckt -- um *Gottes* willen! Er hob die hlzerne Hand und
betrachtete sie. Da ich es berleben hab knnen? Ich glaub, am Leben
hat mich nur die Hoffnung gehalten, da ich *doch* wieder schaffen
knnt -- einmal. Wieder streckte er die knstliche Hand vor sich
hin. *Das* ist das Leichtere gewesen. Er nahm den Kopf zwischen die
Fuste, und seine Stimme wurde tonlos. Das andere hat erst angefangen,
wie ich gemeint hab, ich wr schon wieder ein ruhiger Mensch. Fnf Jahr
lang hab ich nimmer gewut, da ich an Leib und Blut noch allweil ein
Mannsbild bin. Und ghlings -- wie ein schweres Leiden, das kommt, man
wei nit wie -- hat's angefangen: die Ruhlosigkeit in den Nchten, am
Tag das Nachschauen hinter den Weibsleuten, das Hndzittern, wenn mir
ein junges Geschpf in die Nh gekommen ist. Nur Eine, die allweil
bei mir war, hab ich nie drum angesehen. Sie ist mir immer das kleine
Mdel gewesen, als das sie zu uns ins Haus gekommen ist. Und ist schon
ber die achtzehn Jahr gewesen. Im Frhling einmal, da hat sie sich im
Garten einen Dorn in den Finger gestoen und ist gekommen: ich sollt
ihr helfen. Und wie ich sie bei der Hand hab und frag: Tut's weh? --
und sie schttelt den Kopf, da hab ich spren mssen, wie sie zittert.
Ich schau sie verwundert an. Und ghlings merk ich, wie schmuck sie
geworden ist. Mir ist der Teufel ins hungrige Blut gefahren --

Was fr einer? fragte der Pfarrer. Der von der Gottsaugenuhr?

Niklaus, ohne zu hren, redete vor sich hin: Ich bin erschrocken
ber mich. Und hab sie fortgeschoben. Und da brennt ihr Gesicht wie
Kohlenglut. Sie schaut mich an mit ihren treuen, barmherzigen Tieraugen
und sagt: >Was liegt an mir? Der Meister mu Ruh haben<.

Zwei leise Worte: Heilige Menschheit!

Der andere schwieg. Nach einer Weile sagte er in Qual: Sie hat sich
um meinetwegen zerschlagen mit Vater, Mutter und Geschwistern, hat
ihr junges Leben hingelegt vor meine F und hat gegeben, wie man ein
Krutl gibt, das heilsam ist fr Not und Trauer eines Menschen. Kann
sein, es ist ein Unrecht gewesen, da ich genommen hab. Hungert einer,
so stiehlt er beim Bcken. Nie hab ich sie lieb gehabt. Ich bin ihr nur
gut gewesen, nur dankbar. Er prete die Zhne bereinander. Wie mein
Kind wieder im Haus gewesen ist, hab ich einen Riegel frgeschoben und
hab die Sus nimmer angerhrt. Allweil ist ihre treue Sorg um mich die
gleiche geblieben. Jedes andre -- kann sein, ich selber -- htt heut
in der Werkstatt fallen lassen, was ich in Mh geschaffen hab. Die Sus
hat helfen mssen. Wie's zugegangen ist, das wei ich nit. Ich wei
nur, die Sus ist so. Sie mu dran sterben. Ich leb. Langsam hob er das
Gesicht. Pfarrer! Tt man einen verblutenden Leib noch anbinden knnen
an einen Lebendigen, so mt ich bitten: du sollst mich trauen mit der
Sus! Er wandte die Augen zur Krippenwand. Jetzt hab ich sie lieb.

Schweigend trat der Pfarrer auf ihn zu und strich ihm mit der Hand
bers Haar. Dem Meister fuhr das Gesicht herum, weil er drauen einen
Schritt vernahm. Simeon Lewitter trat in die Stube. Und Niklaus, vom
Sessel aufzuckend, keuchte: Ist Hilf? Ohne die Antwort abzuwarten,
sprang er auf die Tre zu. Simmi breitete wehrend die Arme auseinander:
Nit! Tu bleiben! Er fhrte den Zitternden wieder zum Sessel und
sprach zu ihm in seiner sanften, halblauten Art. Der Pfarrer,
schweigend, ging zur Holzverschalung der Mauer und drckte auf den
versteckten Knopf. Lautlos ffneten sich die beiden Flgeltren der
Krippe. Die sonnige Fensterhelle leuchtete hinein in die Nische,
machte alle Farben der hundert Figrchen flimmern, umglnzte die drei
Gestalten unter dem Kreuze, gab dem Frhlingsbild der zierlichen
Landschaft einen warmen Schein -- und ohne da die kleinen Lampen
brannten, glitzerten die winzigen, aus Glassplittern gebildeten
Fenster an Kirche und Htten, als wr's um die Morgenstunde, die einen
strahlenden Tag verspricht.

Komm, Nicki! Oder wr's nit so in dir, da du beten mut?

Nun standen die drei Mnner wortlos vor der Nische, jeder mit dem
Arm um den Hals des anderen. Dieses Schweigen war das verbrderte
Gebet ihres duldsamen Glaubens, war das ungesungene Lied ihres
gemeinsamen Harrens auf einen Menschenmorgen, der kommen mute -- nach
Jahrhunderten, meinte der eine; nach Jahrzehnten, glaubte der andere;
bald, so hoffte der dritte.

Auf den Kirchtrmen schlugen die Glocken mit schwebendem Hall die erste
Mittagsstunde.

Das war die gleiche Stunde, in der die siebenhundert vom groen Jagen
aus dem Land Gepeitschten ihr letztes Gebet auf heimatlichem Boden zum
Himmel sangen.

Sie hatten die steigende Wegstrecke vor dem Hallturm erreicht.
Alle Gesichter der Wandernden waren der Ferne zugerichtet, der sie
entgegenschritten. Nur die Augen der Kranken, die, mit den Kpfen
gegen die Zugtiere, gebettet lagen im Wagenstroh, waren rckwrts
gerichtet nach dem Lande, das sie verlieen. Und pltzlich, whrend die
lange Karrenzeile schwerfllig hinaufkletterte ber die Steigung, hob
der hundertjhrige Jakob Aschauer die drren, gichtisch verkrmmten
Hnde aus den Strohhalmen, tat einen klagenden Schrei und griff mit
zuckenden Fingern gegen die blaue Heimat, die schon versunken war
hinter Hgeln und Gehlzen und noch ein letztesmal heraufstieg mit
gewellten Frhlingswiesen, mit blitzenden Gewssern, mit sammetgrnen
Fichtengehngen, mit sonnbeglnzten Dchern und Mauern, mit den
erwachenden Almen und den kettengleich ins Endlose geschichteten
Silberkanten der noch von Schnee umschtteten Zinnen. Und alles
hineingewoben ins reine Blau, alles umschmeichelt von warmer Sonne,
alles umgossen vom schnen Frieden der lautlosen Ferne. Wieder ein
Klagelaut, so schrill wie ein Falkenschrei. Und die mhsame Stimme des
Hundertjhrigen: Leut! Ihr Leut! Ach luget sell naus! Das Lndl! Das
liebe Lndl! Das Paradeis, aus dem sie uns alle verjagen!

Das fate einen um den andern; alle Gesichter wandten sich; hundert
Stimmen rannen zusammen; der Zug der Wagen staute sich; die
Viehtreiber lieen die Stricke der Tiere fallen, um die Fuste vor die
Augen zu pressen; viele Kinder fingen zu weinen an und klammerten sich
an die Rcke, an die Hlse der Mtter; Mnner und Buben umschlangen
sich mit den Armen, und die siebenhundertfache Trauer und Liebe flo
ineinander zu einem einzigen, machtvollen Seelenschrei, der hnlich
war dem Brausen eines strzenden Wildbachs. Die Arme breiteten sie
aneinander wie Gekreuzigte, sie schrien verzckte Laute in das
Hallgewoge dieses hundertfltigen Schmerzes und griffen nach der Erde,
die sie verlassen muten fr immer. Kein Fluch und keine Verwnschung
war zu hren. Nur Segensworte, nur Laute der inbrnstigen Treue. Und
Leupolt Raurisser, um dessen Schultern die schwarzweien Bnder des
Fhrers flatterten, hob neben dem Wagen des Hundertjhrigen die Hnde
gegen das Blau. Sein Gesicht war entstellt. Aus seinen Augen, die
trocken geblieben waren in der hrtesten seiner Qualen, strzten die
Trnen, whrend er mit klingender Stimme den Psalm begann:

  Aus tiefer Not schrei ich zu dir,
  Herr Gott, erhr mein Rufen --

Die Siebenhundert fielen ein, auf den Wagenbrettern und im Staub der
Strae lagen sie auf den Knien, und ihr betendes Lied, ihr letztes auf
dem Boden der Heimat, schwamm in den Lften wie das Feiertagsgelut
einer schnen, heiligen Glocke.

Als sie zu tnen anfing, kamen aus einem Seitentlchen zwei alte Leute,
ein kleines Weibl mit kurzem Rock und ein langes, geselchtes Mannsbild
mit weiem Schnauzer. Vor einem schwerbeladenen Karren, an den drei
Ziegen und ein Geibock angebunden waren, hingen die beiden in den
Zugriemen. Beim Hall des Liedes blieben sie stehen und guckten, das
Weib in Rhrung, der Lange auf eine verdutzte Art, als wre ihm etwas
unverstndlich an den Klngen, die ihm entgegenrauschten. Er ri die
Augen auf und atmete schwl. In seinem braunen Gesicht erwachte etwas,
wie der Spiegelschein eines erschrockenen Gedankens. Immer hrter
schnaufend, sah er sein Weibl an. Du! Schneckin!

Was?

Wir zwei gehren da nit dazu. Die Leut da mssen einen Glauben
haben als wie ein Baum. Der unser ist blo ein Studl, geht hin
und her und wackelt bei jedem Wind. Wir zwei, verstehst, wir zwei
gehren sell hin, wo der Bockmist dftelt. Er hatte den Karren schon
gewendet. Die Schneckin begann zu weinen und der Hiesel knurrte:
Kreuzhllementsverteufelter Himmelhund, verstehst du denn nit, du
Schneehas ohne Lffel! Das ist doch kein Frwurf. Immer bitterlicher
weinte das Schneckenweibl. Da wurde der grobe Hiesel barmherzig und
legte den Arm um den kleinen, kurzrckigen Stpsel. Schau, was Guts
hat unsere Narrenschopferei halt doch gehabt. Verstehst? Das Weib
schttelte kummervoll den grauen Kopf, und trstend sagte der Hiesel:
So sauber, wie jetzt, ist unser Geistallerl seit dreiig Jhrlen noch
nie gewesen. Die schwimmenden Augen der Schneckin wurden heller. So
viel Anerkennung hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nie geerntet.
Mit dankbarem Lcheln sah sie am Hiesel hinauf und flsterte wie ein
schmiges Mdel: Vergeltsgott, Schneck! Der quieksende Karren mit den
Meckerziegen verschwand hinter den Stauden, whrend auf der Strae
die fromme Glaubensglocke der Siebenhundert immer machtvoller und
inbrnstiger tnte:

  Ob bei uns ist der Snden viel,
  Bei Gott ist viel mehr Gnaden.
  Sein Hand zu helfen hat kein Ziel,
  Wie gro auch sei der Schaden.
    Er ist allein der rechte Hirt,
    Der Israel erlsen wird
    Aus seinen Snden allen.

Als das Lied zu Ende klang, war tiefe Stille ber den siebenhundert
gebeugten Kpfen. Leises Schluchzen. Und der hundertjhrige Aschauer
bettelte mit erloschener Stimme: Ich kann nit fahren, so lang ich
die Heimat seh, ach Leut, ach Leut, ach lasset mich bleiben, so lang
ein Aichtl Sonnlicht ber dem Lndl hngt. Wenn's finsteret, will ich
fahren von Herzen gern. Das Wort lief hin ber die lange Reihe der
Karren, und hundert Stimmen riefen: Wie's der lteste haben will, so
mu man es machen. Fr jeden war's eine trstende Freude, da er die
Heimat noch schauen durfte einige Stunden lang und sie erst verlassen
mute, wenn die Nacht sie umschleierte.

Nach allem Gram und Kummer dieses Tages hrte man heitere Worte. Alle
bedrckten, mdgewordenen Herzen lebten auf, und die schmale Zeile des
Exulantenzuges lste sich in die Breite. Die Hirten trieben das Vieh in
den Laubwald, um es weiden zu lassen; die Frauen und Mdchen stiegen
von den Karren, um die Ziegen und Khe zu melken, damit die Kinder ihre
Milch bekmen; und die Mnner und Buben trugen Holz zusammen fr die
Kochsttten. An die hundert kleine Feuer fingen zu brennen an, und
in der Windstille des milden Nachmittages stiegen die Rauchsulen wie
blaue Bume zum Himmel hinauf.

Die Sonne wurde Gold, die Berge im Osten brannten, die steilen Wlder
im Westen wurden eisenblau, und die jungen Buben begannen zu singen wie
beim Sonnwendfeuer, wie vor dem Fenster einer Almerin. Und ghlings
geschah ein Ding, da alle Leute verwundert die Kpfe streckten.
Leupolt Raurisser rannte gegen die Talstrae hinunter, so flink, da
die schwarzweien Bnder wagrecht hinter seinem Nacken standen. Weil er
auf der mit Karren vollgepfropften Strae nicht flink genug vorwrts
kam, sprang er im Zickzack zwischen den weidenden Khen. Und als die
Strae frei wurde, fing er ein Rasen an, noch wilder und schner als
zwischen den galoppierenden Dragonergulen. Weit vor ihm, in der Tiefe
der Talstrae, kam ein winziges Fuhrwerkelchen daher: ein Schubkarren
mit einem kleinen Koffer. Zwischen der Gabel bewegte sich was Junges,
hurtig Zappelndes, mit einem weien Federbusch auf dem spanischen Hut.
ber dem Koffer lag der grne Mantel, schn gefaltet, wei berpulvert
vom Straenstaub.

Leupolt schrie den Namen seines Glckes, da von allen Wldern ein Echo
kam.

Sie hrte den Schrei, setzte den Karren nieder und blieb unbeweglich.

Nun stand er vor ihr, hei atmend vom jagenden Lauf, mit Augen, die
wie Sterne glnzten. Er streckte die Hnde und wagte sein Glck nicht
zu berhren. Nach der ersten glhenden Scham tat Luisa einen frohen
Atemzug. Eine wundersame Ruhe berkam ihr Wesen. Sie sah zu ihm
hinauf. Willst du mich nehmen, Leupi? Ich kann nit leben ohne dich.
Gott wird's verstehen. Der hat dich geschaffen. Da mu er auch wissen,
wie du bist.

Er stammelte: Jesus! Und wagte zuerst nur ihre Hand zu fassen. Als er
den Druck ihrer Finger fhlte, kam's wie ein lachender Taumel ber ihn.

Der spanische Hut verlor seinen graden Sitz. Und erst eine sehr
betrchtliche Weile spter konnte Luisa sagen: Evangelisch kann ich
nit werden. Da ich im Herzen bei meiner Wahrheit bleib? Tust du mir
das verstatten?

Bleib, wie du bist, und allweil wirst du die Richtige sein. Droben
auf der Straenhhe riefen viele Stimmen seinen Namen. Die brauchen
mich. Komm, Brutl! Er wollte die Gabel des Schubkarrens fassen,
richtete sich wieder auf und fragte in Sorge: Dein Vater, Luisli? Kann
er denn schnaufen ohne dich? Tut er mir denn mein Glck vergnnen?

Sie sagte glubig: Der kommt uns nach. Heut hat er bekennen mssen und
ist eingeschrieben.

Ein heier, frohseliger Jauchzer. Und der geduldige Schubkarren mute
noch eine Weile rasten. Hat man sein Mdel um den Hals, so kann man
keine Karrengabel in den Hnden haben. Und als das Rdl wieder lief,
blieb Leupolt stumm. Weil er sinnen mute. Nun ein heiteres Auflachen.
Hundert Schritte vor dem ersten Exulantenwagen stellte er den Karren
nieder, nahm den grnen Mantel vom Koffer, schttelte den Staub davon
und fate die Hand seines Glckes. Komm! Ich such dir ein feines
Pltzl. Zwischen den Stauden fand er eines. Schau nur, wie alles
blht um dich herum! Da mut du warten ein Vaterunser lang. Er sprang
davon, und der Karren mute sausen, obwohl es aufwrts ging.

Auf dem Rcken eine Sesselkraxe, die er von einem Bauer geborgt hatte,
kam er wieder. Schatzl? Gelt, du hast keinen Wanderschein?

Sie schttelte den Kopf. Weil ich nur dich hab! Mir ist's genug.

Aber den Grenzmusketieren nit! Er konnte nicht ernst werden, immer
mute er lachen in seiner Freude. Sie tten dich ohne Loskauf, Pa und
Polizeiverlaub nit ber den Schlagbaum lassen. Schatz, es geht nimmer
anders, ich mu dich hinberschwrzen in unser Glck. Aber deine Flen
sollen keinen Weg nit machen, der ein Unrecht ist. Hab ich die Freud,
so mu ich auch die Schuld haben. Er lie sich niederfallen auf die
Knie und flsterte selig: Komm! Steig auf! Und leg deinen Mantel auf
die Krax! Da hast du es linder.

Ein scheues Zgern, ein leises Auflachen.

Leicht erhob sich Leupolt mit seiner lieben Last. In der Rechten den
Stecken, die Linke nach oben gestreckt als Halt fr Luisas Hnde, so
schritt er flink zwischen den Stauden hin, auf versteckten Wegen, wie
nur die Jger sie kennen. Im dmmrigen Fichtenwalde verschwand er.

Eine Weile spter ging die Sonne hinunter. Es finsterte schon und die
Sterne glnzten, als Leupolt wieder kam, mit der leeren Kraxe auf dem
Rcken.

Nun war's lebendig in der Karrenzeile. An der Spitze des Zuges tnten
drei Rufe eines Alphorns. Dann fingen die Rder zu knattern an, und die
lange Wagenreihe kletterte in der Dunkelheit ber den Rest der Hhe
hinauf zur frstprpstlichen Grenze. Kleine Lichter -- wie Sterne, die
auf die Erde gefallen -- waren ausgestreut ber die ganze Lnge des
Zuges: die Wagenlaternen, und in zwei Reihen die Kienlichter, die von
den Jungbuben getragen wurden.

Das Pageschft beim Hallturm whrte vier Stunden lang. Die
Grenzmusketiere nahmen es genau. Es war schon ber Mitternacht,
als hinter dem Scharwagen mit knarrender Feierlichkeit der
berchtesgadnische Schlagbaum herunterfiel. Auerhalb der Grenze ordnete
Leupolt den Zug. Und als die Lichterkette sich in Bewegung setzte,
sprang er durch den finsteren Hochwald davon. Bei den alten, zerstrten
Festungswerken der bayerischen Grenzhut stand er wieder am Saum der
Strae. Nicht allein.

Nun schritt er dem Zuge voraus, den Arm um Luisas Schultern
geschlungen. Sie hatte den Hut heruntergenommen und trug ihn am Grtel.

Luisli? Siehst du den schnen Stern da drauen? Das ist der Nordstern.
Sell mssen wir hin. Dort ist das Land des gtigen Helfers.

Sie nickte stumm und schmiegte sich enger an seine Brust. Beugte er
sich ein bichen nieder, so fanden seine Lippen ihr lindes Haar. Und
hob sie das Gesicht, so sah er beim Sternschein einen Glanz in ihren
Augen, ohne die Trnen zu sehen, die ihr von den Wimpern fielen. Die
einzige, die nasse Wangen hatte, war sie nicht. Viele weinten in der
Finsternis; die Frauen und Mdchen, die auf den Karren saen; und alle
Mtter, auf deren Scho und an deren Brsten die mden Kinder schliefen
oder die furchtsamen wachten.

Ein Rauschen in der Nacht. Man wute nicht, wo. Bald klang es ferne,
bald wieder nah.

Die Viere, die hinter Leupolt an der Spitze des Zuges schritten, fingen
zu singen an. Die Stimmen der Wandernden fielen ein. Sie sangen das
Stablied der Evangelischen, von dem man erzhlte: da es der gadnische
Bergmann Josef Schaitberger ersonnen htte, den man vor vierzig Jahren
aus der Heimat trieb.

  Jesu, mein Wanderstab, mit Dir kann ich sorglos ziehen
  Aus meinem lieben Land! Mit Dir kann ich fliehen,
  Wenn mich des Feindes List aus meiner Ruhstatt jagt!
  Du bleibst mein bester Freund, wenn Pharao mich plagt.

  Jesu, mein Wanderstab, auf Dich kann ich mich lehnen,
  Ach, sieh meine Flucht und zhl meine heien Trnen,
  Ich wei, Du zhlst sie, Du hltst sie in Deiner Hand,
  Sei Du mein Himmelreich und mein neues Heimatland!

  Jesu, mein Wanderstab, mein Licht, das nie sich neiget,
  Hilf Deinem mden Knecht, der bittend sich beuget!
  Bleib bei mir, bleib bei mir, bleib jetzt und fr und fr,
  Der Tag hat enden mssen, es ist die Nacht vor mir.

  Jesu, mein Wanderstab, die Heimat bleibt dahinten,
  Mein Blick ist na und sucht und kann sie nit finden.
  Herr Jesu, khl mir die Augen mit Deiner Hand,
  Wo *Du* bist, Herr, da ist Heimat und Vaterland!




Bcher von Ludwig Ganghofer:


  Das Schweigen im Walde. *Roman*. Neue Ausgabe. 60. Tausend. Initialen
  und Einbandzeichnung von Friedrich Felger. 8. Geh. 5 M., geb. 6,50 M.

  Die Trutze von Trutzberg. *Eine Geschichte aus anno Domini 1445.*
  Initialen und Einbandzeichnung von Friedrich Felger. 8. 46. Tausend.
  Geh. 4 M., geb. 5,50 M.

  Das groe Jagen. *Roman aus dem 18. Jahrhundert.* Initialen und
  Einbandzeichnung von Friedrich Felger. Geh. 6 M., geb. 7,50 M.

  Fliegender Sommer. *Novellen.* Neue Ausgabe. Der Reihe nach 21.
  Tausend. Einbandzeichnung von Friedrich Felger. 8. Geh. 3,50 M.,
  geb. 5 M.

  Doppelte Wahrheit. *Neue Novellen.* 8. 6. Tausend. Geh. 4 M., geb.
  5,50 M.

  Das Kaser-Mandl. *Eine Erzhlung.* Neue Ausgabe mit Illustrationen
  von Carl Rhling. 12. 11. Tausend. Kart. 1,50 M., geb. 2,20 M.

Ob es die Deutschen gengend wissen, was sie an diesem Dichter fr eine
Kraftquelle haben! Ob sie es ahnen, da seine Schriften, so harmlos
und heiter sich viele derselben auch geben, eine Vorbereitung, eine
Sthlung des Volksherzens fr diesen ungeheuerlichen Verteidigungskrieg
geworden sind? Die Bayernkraft offenbarte Ganghofer uns, bevor sie zu
dem herrlichen Heldenringen auf den Plan trat.

  *Peter Rosegger.*


G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung in Berlin




Grote'sche Sammlung v. Werken zeitgenss. Schriftsteller


  =*Charitas Bischoff*, Amalie Dietrich.= Ein Leben. Mit 8 Bildnissen.
  Achtundvierzigstes Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Bilder aus meinem Leben.= Mit sechzehn Vollbildern und fnf
  Textillustrationen. Zwanzigstes Tausend. Geb. 5,50 M.

  =*Victor Blthgen*, Gedichte.= Neue, verm. Ausgabe. Geb. 4,50 M.

  =*Walther Burk*, Der versunkene Herrgott.= Roman. Geb. 4,50 M.

  =*Gustaf Dickhuth*, Wie der Leutnant Hubertus von Barnim sich
  verloben wollte und anderes.= Novellen. Geb. 4 M.

  =*Ernst Eckstein*, Murillo=. Dritte Auflage. Geb. 3 M.

  -- --, =Hertha.= Roman. Dritte Auflage. Geb. 8 M.

  -- --, =Themis.= Roman. Zwei Bnde. Geb. 9,60 M.

  -- --, =Der Mnch vom Aventin.= Novelle. Vierte Auflage. Geb. 4 M.

  -- --, =Familie Hartwig.= Roman. Zweite Auflage. Geb. 8 M.

  -- --, =Kyparissos.= Roman. Zweite Auflage. Geb. 8 M.

  -- --, =Roderich Lhr.= Roman. Zweite Auflage. Geb. 8 M.

  -- --, =Adotja.= Novellen. Geb. 6,50 M.

  -- --, =Die Hexe von Glaustdt.= Roman. Dritte Auflage. Geb. 8 M.

  =*A. von der Elbe*, Der Brgermeistersturm.= Ein Roman aus dem
  fnfzehnten Jahrhundert. Zweite Auflage. Geb. 7 M.

  -- --, =In seinen Fustapfen.= Roman aus Lneburgs Vorzeit. Zweite
  Auflage. Geb. 5,50 M.

  =*Gustav Falke*, Die Stadt mit den goldenen Trmen.= Die Geschichte
  meines Lebens. Fnfzehntes Tausend. Geb. 5,50 M.

  =*Heinrich Federer*, Lachweiler Geschichten.= Fnf Erzhlungen.
  Siebzehntes Tausend. Geb. 5 M.

  -- --, =Berge und Menschen.= Roman. Zweiundvierzigstes Tausend. Geb.
  6,50 M.

  -- --, =Pilatus.= Eine Erzhlung aus den Bergen. Neunzehntes Tausend.
  Geb. 4,50 M.

  -- --, =Jungfer Therese.= Eine Erzhlung aus Lachweiler. Achtzehntes
  Tausend. Geb. 5 M.

  -- --, =Das Mtteliseppi.= Eine Schweizer Erzhlung.
  Fnfundzwanzigstes Tausend. Geb. 6,50 M.

  =*Gustav Frenssen*, Die Sandgrfin.= Roman. Achtundsiebzigstes
  Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Die drei Getreuen.= Roman. Hunderteinundzwanzigstes Tausend.
  Geb. 5,50 M.

  -- --, =Jrn Uhl.= Roman. Zweihundertneunundvierzigstes Tausend. Geb.
  5,50 M.

  -- --, =Hilligenlei.= Roman. Hundertneunundvierzigstes Tausend. Geb.
  6,50 M.

  -- --, =Peter Moors Fahrt nach Sdwest.= Ein Feldzugsbericht.
  Hundertsechsundachtzigstes Tausend. Geb. 3,50 M.

  -- --, =Klaus Hinrich Haas.= Roman. Neunundachtzigstes Tausend. Geb.
  6,50 M.

  -- --, =Der Untergang der Anna Hollmann.= Eine Erzhlung.
  Sechsundsechzigstes Tausend. Geb. 3,50 M.

  -- --, =Bismarck.= Epische Erzhlung. Geb. 5 M.

  -- --, =Die Brder.= Eine Erzhlung. Fnfundachtzigstes Tausend. Geb.
  6,50 M.

  =*Ludwig Ganghofer*, Doppelte Wahrheit.= Neue Novellen. Sechstes
  Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Fliegender Sommer.= Novellen. Einundzwanzigstes Tausend. Geb.
  5 M.

  -- --, =Das Schweigen im Walde.= Roman. Neue Ausgabe.
  Einundsechzigstes Tausend. Geb. 6,50 M.

  -- --, =Die Trutze von Trutzberg.= Eine Geschichte aus Anno Domini
  1445. Sechsundvierzigstes Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Das groe Jagen.= Roman aus dem 18. Jahrh. Geb. 7,50 M.

  =*Hans Ferdinand Gerhard*, In der Jodutenstrae.= Roman. Drittes
  Tausend. Geb. 4,50 M.

  =*Ola Hansson*, Der Schutzengel.= Roman. Geb. 4 M.

  =*Hermann Heiberg*, Reiche Leute von einst.= Roman. Geb. 4 M.

  =*Hans Hopfen*, Gotthard Lingens Fahrt nach dem Glck.= Roman. Geb.
  5,50 M.

  =*F. Hugin*, Durch den Nebel.= Roman. Viertes Tausend. Geb. 4,50 M.

  =*Johannes Jegerlehner*, Marignans.= Eine Erzhlung. Fnftes Tausend.
  Geb. 4,50 M.

  -- --, =Petronella.= Roman aus dem Hochgebirge. Fnftes Tausend. Geb.
  4,50 M.

  -- --, =Grenzwacht der Schweizer.= Eine Erzhlung. Siebentes Tausend.
  Geb. 2,50 M.

  =*Wilhelm Jordan*, Zwei Wiegen.= Ein Roman. Neue Ausgabe. Zwei Bnde.
  Fnftes Tausend. Geb. 7 M.

  =*Adam Karrillon*, Michael Hely.= Roman. Neuntes Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Die Mhle zu Husterloh.= Roman. Siebentes Taus. Geb. 5,50 M.

  -- --, =_O domina mea._= Roman. Sechstes Tausend. Geb. 5.50 M.

  -- --, =Im Lande unserer Urenkel.= Drittes Tausend. Geb. 5 M.

  -- --, =Bauerngeselchtes.= Sechzehn Novellen aus dem Chattenlande.
  Drittes Tausend. Geb. 4,50 M.

  -- --, =Adams Grovater.= Roman. Siebentes Tausend. Geb. 5,50 M.

  =*Joseph von Lauff*, Krrekiek.= Roman. Zehntes Taus. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Pittje Pittjewitt.= Ein Roman vom Niederrhein. Zwanzigstes
  Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Frau Aleit.= Roman. Siebzehntes Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Die Tanzmamsell=. Roman. Siebzehntes Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Sankt Anne.= Roman. Fnfzehntes Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Revelaer.= Roman. Sechzehntes Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =_Lux aeterna._= Roman. Elftes Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Die Brinkschulte.= Roman. Zwlftes Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Anne-Susanne.= Roman. Zweiundzwanzigstes Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Sergeant Feuerstein.= Ein Roman aus groer Zeit.
  Vierundzwanzigstes Tausend. Geb. 6 M.

  =*Hermann Lingg*, Schlusteine.= Neue Gedichte. Geb. 4 M.

  =*Fritz Philippi*, Adam Notmann.= Ein Leben in der Zelle. Roman. Geb.
  4,50 M.

  =*Wilhelm Rabe*, Die Chronik der Sperlingsgasse.= Achtundneunzigste
  Auflage. Geb. 4 M.

  -- --, =Horacker.= Zweiunddreiigstes Tausend. Geb. 4 M.

  -- --, =Unruhige Gste.= Ein Roman aus dem Skulum. Siebente Auflage.
  Geb. 4 M.

  -- --, =Im alten Eisen.= Eine Erzhlung. Siebente Auflage. Geb. 4 M.

  -- --, =Nach dem groen Kriege.= Eine Geschichte in zwlf Briefen.
  Fnfte Auflage. Geb. 3,50 M.

  -- --, =Die Kinder von Finkenrode.= Achte Auflage. Geb. 4 M.

  -- --, =Halb Mr, halb mehr.= Erzhlungen, Skizzen, Reime. Zweite
  Auflage. Geb. 4 M.

  =*Otto Rodehorst*, Und wenn die Welt voll Teufel wr!= Eine
  Erzhlung. Achtes Tausend. Geb. 2,50 M.

  =*Erich Scheurmann*, Ein Weg.= Roman. Geb. 5 M.

  -- --, =Abseits.= Sechs Erzhlungen. Geb. 3 M.

  =*Gustav Schrer*, Die Flucht von der Murmanbahn.= Eine Erzhlung.
  Achtes Tausend. Geb. 2,50 M.

  -- --, =Der Heiland vom Binsenhof.= Roman. Geb. 5,50 M.

  =*Ernst Schudert*, Ruhm.= Ein Novellenkranz um Friedrich den Groen.
  Fnfzehn Novellen. Drittes Tausend. Geb. 4,50 M.

  -- --, =Der Sturmwind Gottes.= Zwei Erzhlungen. Geb. 5 M.

  =*Heinrich Wolfgang Seidel*, Der Vogel Tolidan.= Neun Erzhlungen.
  Geb. 4,50 M.

  -- --, =Die Varnholzer.= Ein Buch der Heimat. Geb. 5,50 M.

  =*Heinrich Steinhausen*, Heinrich Zwiesels ngste.= Eine Spiehagener
  Geschichte. Geb. 5,50 M.

  =*Konrad Telmann*, Bohmiens.= Roman. Geb. 6,50 M.

  =*Johannes Trojan*, Auf der anderen Seite.= Streifzge am
  Ontario-See. Geb. 3 M.

  -- --, =Berliner Bilder.= Hundert Momentaufnahmen. Zweite Auflage.
  Geb. 4 M.

  =*Ernst von Wildenbruch*, Das schwarze Holz.= Roman. Sechzehntes
  Tauend. Geb. 5.50 M.

  -- --, =Lukrezia.= Roman. Siebzehntes Tausend. Geb. 6,50 M.

  =*Julius Wolff*, Till Eulenspiegel redivivus.= Ein Schelmenlied.
  Sechsundzwanzigstes Tausend. Geb. 4,80 M.

  -- --, =Der Rattenfnger von Hameln.= Eine Aventiure.
  Siebenundsiebzigstes Tausend. Geb. 4 M. 80 Pf.

  -- --, =Der wilde Jger.= Eine Weidmannsmr. Hundertundachtes
  Tausend. Geb. 4 M. 80 Pf.

  -- --, =Tannhuser.= Ein Minnesang. Zwei Bnde. Vierundvierzigstes
  Tausend. Geb. 8 M.

  -- --, =Lurici.= Eine Romanze. Einundsiebzigstes Tausend. Geb. 6 M.

  -- --, =Die Pappenheimer.= Ein Reiterlied. Fnfundzwanzigstes
  Tausend. Geb. 6 M.

  -- --, =Renata.= Eine Dichtung. Dreiunddreiigstes Taus. Geb. 6 M.

  -- --, =Der fliegende Hollnder.= Eine Seemannssage.
  Siebenunddreiigstes Tausend. Geb. 5 M.

  -- --, =Assalide.= Dichtung aus der Zeit der provenalischen
  Troubadours. Siebzehntes Tausend. Geb. 6 M.

  -- --, =Der Landsknecht von Cochem.= Ein Sang von der Mosel.
  Dreiundzwanzigstes Tausend. Geb. 6 M.

  -- --, =Der fahrende Schler.= Eine Dichtung. Vierzehntes Tausend.
  Geb. 6 M.

  -- --, =Der Slfmeister.= Eine alte Stadtgeschichte. Zwei Bnde.
  Vierundsechzigstes Tausend. Geb. 8 M.

  -- --, =Der Raubgraf.= Eine Geschichte aus dem Harzgau.
  Dreiundsiebzigstes Tausend. Geb. 7 M.

  -- --, =Das Recht der Hagestolze.= Eine Heiratsgeschichte aus dem
  Neckartal. Vierundvierzigstes Tausend. Geb. 7 M.

  -- --, =Das schwarze Weib.= Roman aus dem Bauernkriege.
  Sechsundzwanzigstes Tausend. Geb. 7 M.

  -- --, =Die Hohknigsburg.= Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau.
  Vierunddreiigstes Tausend. Geb. 6 M.

  -- --, =Zweifel der Liebe.= Roman aus der Gegenwart.
  Einundzwanzigstes Tausend. Geb. 6 M.

  -- --, =Das Wildfangrecht.= Eine pflzische Geschichte. Neunzehntes
  Tausend. Geb. 6 M.

  -- --, =Der Sachsenspiegel.= Eine Geschichte aus der
  Hohenstaufenzeit. Achtzehntes Tausend. Geb. 6 M.

  -- --, =Singuf.= Rattenfngerlieder. Siebzehntes Tausend. Geb. 4 M.
  80 Pf.

  -- -- =Aus dem Felde.= Gedichte. Vierte, vermehrte Auflage. Geb. 2 M.
  50 Pf.


  =*Heinrich Federer*, Das Mtteliseppi.= Eine Erzhlung. 25. Tausend.
  Geh. 5 M., geb. 6.50 M.

Vor zwlf Jahren habe ich diese unvergeliche Figur in einer Novelle
behandeln wollen, und damals entstanden die Kapitel in der Webstube
und im Pfarrexamen in einem mehr humoristischen Fadenschlag. Ich
legte jedoch den unbefriedigenden Entwurf in die Schublade. Aber im
Herbst 1915, im Sden und im Heimweh nach den Buchen und pfeln und
Herzlichkeiten meines lieben Nordens, nahm ich die Papiere wieder
vor und arbeitete sie nun zu einem ... ach freilich so dicken! ...
Romane aus ... In die Schicksale des Lndleins und besonders der
Spichtigerfamilie ist nun das Mtteliseppi so verstrickt und hlt
den Faden so stramm in der Faust, da ich statt des ersten Titels
Die Spichtiger lieber seinen klassischen Namen Das Mtteliseppi
setzte. Es strt die Einheit der Erzhlung keineswegs, strkt sie
eher und gleicht in seiner rauhen und massiven Gewalt einem Berge,
in dessen wechselndem Schatten sich eine kleine Menschheit und
Menschheitsgeschichte entwickelt und bald behindert, bald gehoben ans
ordentliche Ziel gelangt.

So hat es denn wirklich ein solches Mttelisepi gegeben? Seinen
Webstuhl und harten Flachsscheitel, seinen langen Stecken, sein
Unterrichtsgenie und seinen mrderlichen Kleiderkasten als Arrest?
Seine Helgen und Mren? wie? ... Ich antworte: all das auf den letzten
Tupf! Viele hundert Obwaldner werden euch das mit einem aus Respekt und
Schalkheit gemischten Lcheln besttigen und noch reichlich glossieren
knnen. Und auf dem Friedhof von Sachseln findest du die Horat und
Molin und Herri und Tonoli, indessen der damalige Helfer Ludowig noch
heute, im Silber von fnfundsiebzig Jahren, als geistliche Spitze des
Kantons tapfer seines Amtes waltet ... Von all den vielen Knaben und
Mdchen, dem seltsamen Josef Tonoli zum Beispiel, der kalten, eitlen
Orla, dem khnen, wilden Herri und dem glcklichern von Aar bis zum
Trunzibub hinauf und zur Botin Trunz selber und den Spichtigerleuten
als den Hauptpersonen des Romanes, von all dem ist keine Faser eitle
Phantasie dabei. Sie alle sind genau so in Fleisch und Blut und
starken Knochen an mir vorbeigegangen. Ich habe nur Namen gendert und
rtlichkeiten verschoben. Viele leben noch, die meisten ruhen.

Soll ich sagen, ob auch die tiefen Leiden und Zweifel und seelischen
Erhebungen im Buche historisch sind? Da erlasset mir das Wort. Das
sollet nun ihr sagen, die ihr das Buch leset!

  Heinrich Federer (in Grote's Weihnachtsalmanach 1916).


  =*Ludwig Ganghofer*, Die Trutze von Trutzberg.= Eine Geschichte aus
  anno Domini 1445. 46. Tausend. Geh. 4 M., geb. 5,50 M.

Ganghofer hat mit seinem neuesten Roman dem deutschen Volke eine
prchtige Gabe beschert. Er fhrt seine Leser um ein paar Jahrhunderte
zurck in jene Zeit, da politische Forderungen die schne Agnes
Bernauerin von der Seite des Bayernherzogs rissen. Wie ein dsterer,
unheimlicher Ton klingt dieses Ereignis durch die Wirrnisse der Fehde,
die die Trutze von Trutzberg mit ihren Burgnachbarn auszufechten haben.
Gleichzeitig beleuchtet es die Liebesgeschichte des Romans, die sich
zwischen dem Frulein von Puechstein und dem Schfer Lienhart abspinnt.
Hierbei ist Ganghofer die schwierige Aufgabe restlos zu lsen gelungen,
seine Leser fr das ungleiche Liebespaar einzunehmen. Von der ersten
Bekanntschaft mit dem Schfer Lienhart an mu man diesem Naturburschen
gut sein, so kernfest und treu-deutsch ist der junge Trumer und Held
gezeichnet. Deshalb versteht man das junge Edelfrulein, wenn es sein
Herz an den verachteten Schfer verliert und einem verderbten Junker
den Laufpa gibt. In treffenden Gegenstzen entrollt der Dichter ein
Bild vom Leben und Treiben in der vom Feinde belagerten Burg. Sein
kstlicher, echter Humor kommt dabei in vollem Umfang zur Geltung. --
Ganghofers Buch kommt gerade zur rechten Zeit. Es wird vielen, unter
der Gegenwart Mhseligen und Beladenen, eine rechte Erquickung sein,
denn der Quell, der es genhrt hat, heit Gesundheit.

  Dresdner Nachrichten.


  =*Ludwig Ganghofer*, Das Schweigen im Walde.= Roman. Neue Ausgabe.
  60. Tausend. Geh. 5 M., geb. 6,50 M.

Hinauf auf die Berge und in den Hochwald fhrt der Dichter seinen
im Getriebe der Grostadt flgellahm gewordenen Helden und lt
ihn gesunden am immer frischen Born reiner, hehrer Gottesnatur und
inmitten ihrer kernfesten, urwchsigen Menschen. Charakteristisch
und scharf gezeichnet treten smtliche Gestalten der interessanten,
reichbewegten Handlung gleichsam leibhaftig vor uns und erregen unsere
warme Sympathie bei allen ihren Leiden und Freuden. Den Mittel- und
Glanzpunkt der Dichtung aber bildet die herrliche Gebirgsnatur der
Tiroler Alpen, deren uere Erscheinungen in edler, von poetischem
Zauber durchwobener Sprache mit einer plastischen Anschaulichkeit
geschildert sind, die Herz und Sinn des Lesers unwiderstehlich gefangen
nimmt.


  =*Adam Karrillon*, Adams Grovater.= Roman. 7. Tausend. Geh. 4 M.,
  geb. 5.50 M.

Adam Karrillon gehrt zu den im deutschen Schrifttum nicht seltenen
Dichtern, die erst im gereiften Mannesalter aus einem im vollen
Leben ttigen Beruf in die Literatur gekommen sind. Im Odenwald,
in einem kleinen Waldnest geboren, war er von Jugend an mit Land
und Leuten seiner Heimat vertraut, spter als Landarzt hatte er in
jahrzehntelanger Praxis im nheren und weiteren Bezirk Gelegenheit,
Herz und Nieren zu prfen, seine Menschenkenntnis zu erweitern und zu
vertiefen. Als Karrillon als 47jhriger seinen ersten Roman herausgab,
merkte man gleich, da da ein Eigener auftrat, einer, der aus dem
vollen schpfte, der nicht in der Schreibstube nach einer landlufigen
Mode oder den Geboten einer Richtung einen Roman zusammenbastelte,
sondern die Erfahrungen eines Lebens vor uns ausbreitete, mit einem
grimmigen Humor, mit innerer Heiterkeit, oft mit Wehmut, knorrig,
kraus, sehr deutsch von Leben und Schicksalen seiner Leute erzhlte.
So gab er in seinem ersten Buche, dem Michael Hely, ein Bild des
Odenwlder und Schwarzwlder Bauernvolkes, nicht verschnert und
verniedlicht, wie weiland Auerbach und Defregger es taten, auch nicht
so einseitig verzerrt und verroht, wie viele Moderne, sondern etwa
so wie Leibl gemalt hat, so stark, so wahr, so unerbittlich und doch
liebevoll. Dann kam die Mhle zu Husterloh, ein bei aller Komik
tiefernstes Buch, das die Erwrgung eines patriarchalischen lndlichen
Mhlenbetriebes durch ein modernes Etablissement zum Gegenstand hat,
endlich der Roman _O domina mea_, welcher mit einem heiteren, einem
nassen Auge das Geschick und die Liebe eines Bauernarztes erzhlt.
Viel eigenes Leben und Leid des Dichters klingt hier schon auf. Nach
zwei kleineren Bchern, der launigen Schilderung einer Afrikafahrt und
einem Bande lustiger Bauernhistrchen tritt Karrillon nun wieder mit
einem greren Bauernroman hervor, in dem er sein eigenes Geschlecht,
sein eigenes Jugendland darstellt. Ganz unverflscht ist wieder
das Bauernvolk vorgefhrt, der echte urwchsige Bauer, das noch
ungebrochene deutsche Volkstum. Gestalten, wie den hartschdeligen, auf
seinen ererbten und mhsam vergrerten Besitz stolzen Grovater, den
sie wegen seines Reichtums den Kurfrsten nennen, seinen windigen,
arbeitsscheuen Sohn, der jeder Schrze nachluft und das vterliche
Erbe in Saus und Braus durchbringt, vergit man nicht. Wieder leuchtet
Karrillons herzhafter Humor mildernd und vershnend durch Leid und
Leidenschaft, wieder erfreut eine markige, in ihrer Bilderpracht oft an
Shakespeare gemahnende Sprache.


  =*Gustav Schrer*, Der Heiland vom Binsenhofe.= Roman. Geh. 4 M.,
  geb. 5,50 M.

Ein starkes, gutes und schnes Werk, aus der Tiefe und Flle
menschlicher Empfindung und Erkenntnis geschpft, edel im Gegenstand,
frei und mavoll in der Gesinnung, geradlinig in der Fhrung,
einheitlich und geschlossen in der Erfindung und Darstellung, ohne
bilderreichen berschwang und doch dichterisch beseelt, lebendige
Menschen und wirkende Natur, berzeugend und ergreifend. Es ist nur
eine einfache Bauerngeschichte, aber sie umspannt in ihrer kleinen
Welt den ganzen ewigen Kampf der Schwachen gegen die Mchtigen, der
Vernunft gegen den Aberglauben, der Gte gegen die Gemeinheit, der
Selbstlosigkeit gegen die Leidenschaft. Und als symbolischer Vertreter
dieses Kampfes erscheint der Schicksalsmensch, dem gerade seine besten
Eigenschaften einen tragischen Untergang bereiten und dem, wie seinem
gttlichen Vorgnger, im Leben zum Spott, im Tode zum Ruhm der Name des
Heilands zuteil wird.

Gustav Schrer hat bereits durch die im vorigen Jahre in unserer
Sammlung erschienene Erzhlung Die Flucht von der Murmanbahn und
andere Werke starke Talentproben abgelegt; durch dies neue Werk, das
einen bedeutenden Stoff in bedeutender Weise behandelt und in seinen
Folgerungen eine ernste Mahnung fr vielleicht bevorstehende Tage ist,
hat er Anspruch, in weitesten Kreisen des deutschen Volkes gehrt zu
werden.


  =*Gustav Schrer*, Die Flucht von der Murmanbahn.= Nach den Berichten
  eines Torgauer Husaren. 8. Tausend. Geh. 2 M., in Pappband geb. 2,50
  M.

Dieser Roman eines Torgauer Husaren ist wahrhaftig die beste
Abenteuergeschichte, die ich kenne: ganz einfach erzhlt und dabei doch
fabelhaft eindrucksvoll.

  Fedor v. Zobeltitz.

Das schne Buch hat alle Anwartschaft, ein Volksbuch zu werden.

  Carl Busse.

Am herrlichsten seit langem dnkt mich >Die Flucht von der
Murmanbahn<. Wie frisch, wahr, tchtig! wie ist man dabei und leidet
und hofft und bangt mit! Und wie ist einem das Fensterlicht tief
unten an der norwegischen Kste dann selbst eine wahre Erlsung! Eine
hnliche Natrlichkeit in Nerv und Seele findet man fast nie in den
hnlichen abenteuerlichen Werken.

  Heinrich Federer.


  =*Heinrich Wolfgang Seidel*, Die Varnholzer.= Ein Buch der Heimat.
  Geh. 4 M., geb. 5,50 M.

Heinrich Wolfgang Seidel, der Sohn des Leberecht Hhnchen-Dichters, der
sich durch seine Novellen Der Vogel Tolidan und Ameisenberg bereits
einen anerkannten Namen in der Literatur erworben hat, tritt hiermit
mit seinem ersten Roman hervor, einem sehr liebenswrdigen Buche, voll
von Reizen der Stimmung und dichterischer Anschauung, voll Witz und
Laune und liebevollem Eingehen auf das Seelenleben der betrachteten
Menschen.

Die Varnholzer sind der Freundeskreis des Anwaltes Varnholz, der mit
seiner Frau und seinen beiden Kindern im Mittelpunkt dieses Buches
steht. Er zieht in den Kampf gegen Ruland, wird gefangen und gewinnt
nach abenteuerlicher Irrfahrt die Heimat aufs neue. Dennoch ist die
Erzhlung weniger eine Darstellung kriegerischer Vorgnge, als der
Versuch, in anschaulichen Bildern die Erlebnisse der deutschen Seele
widerzuspiegeln. Eine Flle von Gestalten erlebt Frieden und Krieg,
und jede offenbart ein Stck deutschen Wesens. Heitere und tragische
Zge sind miteinander ausgeglichen, der Schauplatz wechselt vielfach,
und der Leser wird gefhrt durch Weltstadt und lndliche Gemeinschaft,
nach Weimar ebenso wie in die polnische de. Das Erleben der
Kleinstadtbrger und der Knstler, der dumpfen Masse und des einzelnen
Kulturtrgers, der Wagemut des Mannes und die betende Geduld der Frau,
Kinder-Weihnachten und die Irrwege der in Selbstsucht Strauchelnden,
die grenzenlose Liebe zum Vaterland, aber auch die Vision Christi,
dessen Erbarmen den *Menschen* sucht, -- alles das vereinigt sich in
einem Akkord und lt doch jeder Erscheinung ihre eigene leidvolle oder
triumphierende Stimme.


  ==Heinrich Wolfgang Seidel=, Der Vogel Tolidan.= Neun Novellen. Geh.
  3 M., geb. 4,50 M.

*Inhalt*: Der Vogel Tolidan -- Engelmann -- Advent -- Die Knigsprobe
-- Arm Wendelin und die schne Susanne -- Die Bibliothek des mblierten
Herrn -- Ein Ferientag -- Herrn Honolts Abenteuer -- Die Ballspielerin.


  =*Heinrich Wolfgang Seidel*, Ameisenberg. Die spanische Jacht.= Zwei
  Novellen. Kart. 1,80 M., geb. 2 M.




Bei der Transkription vorgenommene nderungen und weitere Anmerkungen:

Der Abschnitt "Bcher von Ludwig Ganghofer:" wurde vom Anfang des Buchs
an das Ende verlegt, vor die sonstigen Verlagsanzeigen.

In "Sonst htt ich doch nit die zwei weien Fhnlein deiner Torheit
aufgesteckt, wo du sie sehen hast mssen auf den ersten Blick." stand
"Fhnlen" statt Fhnlein.

In "Ihr wollt doch wohl nicht sagen: >In der ersten<?" fehlte
das schlieende einfache Anfhrungszeichen. Dies wurde nach
Sinnzusammenhang hinter "ersten" ergnzt.

Im Abschnitt "Grote'sche Sammlung v. Werken zeitgenss. Schriftsteller"
stand im Original, wenn die Liste der Werke eines Schriftstellers ber
einen Seitenumbruch ging, am Anfang der neuen Seite noch einmal dessen
Name. Dies wurde ersetzt durch die Form "-- --," welche auch sonst
anzeigt, dass das nchste Werk von demselben Autor stammt.







End of the Project Gutenberg EBook of Das groe Jagen, by Ludwig Ganghofer

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GROE JAGEN ***

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mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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