The Project Gutenberg EBook of Aus zwei Welttheilen. Zweiter Band., by 
Friedrich Gerstcker

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Title: Aus zwei Welttheilen. Zweiter Band.
       Gesammelte Erzhlungen

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: September 20, 2016 [EBook #53100]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Aus zwei Welttheilen.

  Gesammelte Erzhlungen
  von
  Friedrich Gerstcker.

  Zweiter Band.

  Leipzig,
  Arnoldische Buchhandlung.
  1854.




Inhalt des zweiten Bandes.


                                                         Seite

  Die Tochter der Riccarees                                  1

  Herr Schultze                                             93

  Der Deutsche und sein Kind                               109

  Schicksale einer Nacht                                   189

  Civilisation und Wildni                                 229

  Aus dem Briefsacke des Paquetschiffes Seeschlange      299

  Der Klppeldistrikt des schsischen Erzgebirges          369

  Die Otterjagd                                            401




Die Tochter der Riccarees.

Lebensbild aus Louisiana.


Eine glhende Septembersonne scho ihre fast senkrechten Strahlen auf die
weiten Baumwollen- und Zuckerfelder und ausgedehnten Smpfe und Prairien
Louisianas herab. Die ganze Natur ruhte, oder schien vielmehr matt und
kraftlos, verschmachtet und erschpft zu liegen, und mit fieberheien Poren
den Nachtthau herbeizusehnen, der die lechzenden Lippen der Erde trnken
und den Bumen ihre Farbe, den Blumen ihren Duft wiedergeben sollte. Eine
glhende Septembersonne trieb den weichlichen Pflanzer in das Innere
seiner khlen Wohnung zurck, und hinter verschlossenen Jalousien, den
claretgefllten Krystallbecher neben sich, lag er trumend in seinem
geflochtenen Schaukelstuhl und vertrieb sich die Zeit dadurch, das in dem
Wein rubinartig funkelnde Eis mit dem langen, silbernen Lffel auf- und
niederzustoen und zu zerschmelzen.

Drauen aber im Feld, der sengenden Glutenhitze ausgesetzt, die auf ihre
nackten Schultern niederbrannte, standen in langer Reihe die Negersklaven,
Mnner, Frauen und Kinder mit groen leichten Spahnkrben und sammelten in
diese die Baumwollenflocken aus den holzigen Kapseln, und im Schatten eines
nicht fernen Pecanbaums, die groe lederne Peitsche in der Hand, lehnte der
_Overseer_[1] und berschaute ghnend die keuchende Schar, dann und wann
nur einen flchtigen Blick hinberwerfend, nach der nicht fernen Piazza des
Wohngebudes, wo allerdings ein freundlicheres, lieblicheres Bild sein Auge
fesseln konnte.

  [1]: =Overseer=, die obersten Aufseher der Neger, meistens Weie und
  zwar Amerikaner, auch oft Creolen. Die ihnen untergebenen Aufseher,
  gewhnlich selbst Neger, werden nur =nigger drivers= genannt, wie
  berhaupt =nigger= der verchtliche und sehr oft angewandte Ausdruck
  fr Neger ist.

Zehn Stufen fhrten zu der von hohen Chinabumen und zwei duftigen
Magnolien umschatteten Galerie des Herrenhauses empor, und rankende weie
Rosen schlngelten sich hier an den buntgeschnitzten Sulen hinauf, bis
sie oben die wilden Reben erreichten, die, unter dem niederen Schutz- und
Sonnendache hingezogen, ihre blauen vollen Trauben mitten zwischen den
zarten Rosenknospen hineinsenkten, als ob sie den Duft aus diesen ziehen
und ihnen dafr den khlen Saft ihrer Beeren gewhren wollten. Seltene
tropische und nordische Gewchse waren dabei rings im Inneren des laubigen
Raumes aufgestellt und vermischten ihre Wohlgerche mit denen der sie
umwuchernden Schlingpflanzen.

Doch nicht nur Blum' und Blte schmckten den Eingang des reichen Beaufort
Haus, der als einer der wohlhabendsten Pflanzer am ganzen Fausse Rivire
bekannt und geachtet war, nicht allein Blum' und Blte schwankte und wehte
in dem kaum bemerkbaren Westwind, der von der breiten Wasserflche des
falschen Flusses herberzog, sondern noch, aufgehangen zwischen den
knospen- und fruchtumdrngten Pfeilern schaukelte, durch die Hand
eines kleinen Negerkindes in Bewegung gehalten, eine bunte, wunderlich
geflochtene Hngmatte, und darin, das von rabenschwarzen Locken umwogte
Kpfchen auf den vollen weien Arm gelehnt, whrend das zierliche Fchen
eben unter dem weiten faltigen Kleide sichtbar wurde, lag des Pflanzers
holdes Kind, die reizendste Creolin Louisianas, und schaute halb
sinnend, halb trumend zu der Bltenpracht hinauf, die von buntfarbigen
Schmetterlingen und diamantfunkelnden Kolibris umflattert und beraubt
wurde.

Um sie lagen zerstreut theils frisch abgebrochene Blumen, theils groe
sammetne Magnolienbltter, auf deren schneeige Flche sie mit der Nadel
Figuren und Namen gezeichnet, und selbst einzelne franzsische Hefte und
Journale deckten die Hngmatte und das danebenstehende kleine Tischchen;
ein Zeichen, wie Mademoiselle _Alles_, selbst das Letzte versucht hatte,
die Langeweile zu tdten.

Und sandte der sonngebrunte, finstere Aufseher der Schwarzen nach dieser
holden Blume seine leidenschaftglhenden Blicke herber? Wagte er es zu der
schnsten und reichsten Erbin des Landes das Auge zu erheben? Nein -- wohl
wute er, wie diese ihn hate und verabscheute, wohl kannte er die Kluft,
die zwischen ihm und der Jungfrau in jeder Hinsicht ghnte; nein; er wollte
nicht girren und schmachten, er wollte _genieen_, und ein anderes Wesen
als Gabriele Beaufort, hatte sich sein lsterner Blick ersehen.

Neben der Gebieterin, den breitfaltigen Pfauenwedel in der Hand, mit dem
sie dem schnen Mdchen nicht allein Khlung zufchelte, sondern auch die
umherschwrmenden Insekten verscheuchte, lehnte auf weichem Sitz ein fast
ebenso liebliches, wenn auch von dem ersten gar sehr verschiedenes Kind. Es
war eine Indianerin, die dunkle Bronzefarbe der Haut, das lebhaft funkelnde
Auge, die schneeweien Zhne und das ganze Wesen, die ganze Haltung des
Mdchens kndete die Tochter der Wlder, nur das rabenschwarze, sonst lange
und _straffe_ Haar schien sich, leicht gekruselt, jener blulichen Frbung
nhern zu wollen, die den schnen Quadroonenmdchen, den Mischlingen der
Weien und Mulatten, einen so eigenthmlichen Reiz verleiht.

Ihre schlanke Gestalt war in ein weites, luftiges Gewand, nach Art ihres
Stammes angefertigt, gekleidet, ein buntgestickter Perlengrtel hielt es
ber der Hfte zusammen und bildete mit zwei gleichen Korallenschnuren,
eine um den sammetweichen Nacken, die andere um die Schlfe geschlungen,
den einzigen Schmuck des holden Mdchens. Nur die aus zartgegerbten Fellen
bereiteten Moccasins, in denen die kleinen zierlichen Fe staken, trugen
noch die Zeichen der kunstfertigen Hand Nedaunis-Ais' (die kleine Tochter)
oder Saisens, wie sie der Krze wegen von Gabrielen genannt ward.

So wunderlieblich und reizend aber auch das Bild der beiden, von einer
Blumenwelt umgebenen Jungfrauen war, so trbe, wehmthige Gefhle schienen
Saisens Busen zu heben und einmal -- ach, sie wandte das Kpfchen ab,
da es die Gebieterin nicht bemerken sollte -- streifte sie sogar mit dem
zarten Finger einen perlenden Tropfen von den langen, seidenen Wimpern und
ein leiser, leiser Seufzer entrang sich der Brust des armen Kindes.

Was war es aber, das ihr hier, von Pracht und Ueberflu umgeben, das Herz
beengte? Dachte sie an das Schicksal ihres Stammes? ihres ganzen Volkes,
das, von dem Grund und Boden vertrieben der einst sein Eigenthum, durch
den Stahl und das Feuerwasser der Weien fast vernichtet, jetzt im weiten
Westen, fern von den Grbern der Lieben weilen mute, whrend eine seiner
Tchter dem Abkmmling jener stolzen, trotzigen Race diente, wo sie selbst
doch eigentlich die Herrin dieses Landes nach Geburt und Recht war? Ach,
sie htte Ursache gehabt, darber zu trauern, und die zwei holden Wesen
lieferten ein treues, aber darum nur ein so wehmthigeres Bild der beiden
Nationen, der Sieger und Besiegten. Doch es war nicht das, auch nicht das
Gefhl der Dienstbarkeit, denn Gabrielen behandelte sie nicht wie eine
Dienerin, sondern wie eine Freundin, nein es war wohl die Trennung von
den theuern Aeltern, denen sie durch teuflische List geraubt worden. Der
Gedanke an die daheim um sie Trauernden fllte auf's Neue ihre Wimpern und
diesmal tropfte die Thrne voll und schwer in ihren Schoos hernieder.

Gabriele bemerkte es.

Saise, meine herzliebe Saise, was fehlt Dir? Warum bist Du immer so
traurig und willst mich nicht zur Mitwisserin Deines Kummers machen? frug
theilnehmend die junge Creolin; bin ich nicht Deine Freundin, und habe ich
nicht auch Dir alle meine kleinen Sorgen und Plne entdeckt und um Deinen
Rath und Deine Hlfe gebeten?

Saise drckte der Herrin Hand und schaute ihr wenige Secunden lang
wehmthig lchelnd in die klaren treuherzigen Augen, dann aber fiel ihr
Blick auf das kleine, die Hngematte wiegende Negermdchen und Gabriele,
den Wink verstehend, sagte:

Geh hinunter, Piccaninny[2], und zhle die Kchelchen, die im Hof
herumlaufen; komm aber nicht wieder, bis Du mir genau sagen kannst, wie
viel es sind.

  [2]: Piccaninny, ein afrikanischer Ausdruck und gewhnlich fr alles
  das gebraucht, was klein und niedlich ist.

Das kleine runde Dingelchen zog den breiten Mund zu einem freundlichen
Grinsen auseinander und sprang schnell durch den schmalen Eingang die
Treppe hinab, den Befehl ihrer Missus auszufhren. Lchelnd sah ihr
Gabriele einen Augenblick nach, dann aber, sich theilnehmend zur Gespielin
wendend, sagte sie herzlich:

Siehst Du -- das Kind ist fort, nun erzhle mir aber auch offen, was Dich
drckt -- gewi kann ich Dir helfen.

Du sollst Alles erfahren, flsterte Saise, vielleicht ist es berdie
besser, _da_ Du es weit, denn wenn -- sie schwieg pltzlich und barg
schaudernd ihr Antlitz in den Hnden.

Aber was ist Dir, um aller Heiligen willen, bat Gabriele, so hab ich
Dich nie gesehen.

So hre denn, sagte, sich fassend, die Indianerin, mit wenig Worten
kann ich dir Alles vertrauen; ich habe, wenn auch noch jung, doch
schon Entsetzliches erduldet. Ich bin die einzige Tochter eines
Riccareehuptlings, und ein kleiner Theil unseres Stammes -- deine Brder
vertilgten fast unsere ganze Nation von der Erde -- hatte sich dicht unter
den Osagen, zwischen diesen und den Cherokesen niedergelassen. Mein Vater
war ein Freund der Weien -- er sah, da das Wild selten wurde, und fhlte,
wie uns die bleichen Gesichter an Klugheit und Kunstfertigkeit berlegen
waren; er glaubte aber auch die einzige Sicherheit fr die schwachen
Ueberreste der Seinigen nur darin finden zu knnen, da sich diese den
Sitten und Gebruchen ihrer Sieger anschlssen, den Acker bebauten und
_ein_ Volk mit jenen machten. Deshalb war jeder Weie in unserer Htte
willkommen, und er benahm sich freundlich gegen Alle. Nur einmal erwachte
in ihm der alte, fast erstorbene Geist des Kriegers wieder, als einst ein
Weier, ein rauher, unfreundlicher Mann, herzlich von uns aufgenommen,
frech und zudringlich gegen mich wurde und zuletzt behauptete, ich drfe
gar nicht so sprde thun, denn ich sei ja doch nur, wie mein Haar auch klar
genug beweise ein kleiner -- Nigger.

Htte ein Pfeil meinen Vater getroffen, er wre nicht schneller von seinem
Sitze aufgesprungen. Er war Einer der ersten Krieger seines Stammes und
meine Mutter die Tochter eines Sioux-Huptlings gewesen, die er einst bei
einem Ueberfall geraubt, liebgewonnen und zum Weibe genommen hatte; um so
entsetzlicher traf daher dieses Wort seinen Stolz, und von Wuth und Ingrimm
getrieben, ri er den Tomahawk von der Wand und schleuderte ihn nach dem
Haupt des -- _Gastes_.

Der weie Mann strzte besinnungslos nieder, aber in demselben Augenblick
ergriff auch meinen Vater mit peinlichem Schmerz der Gedanke, das Gastrecht
verletzt zu haben. Er sprang auf den Niedergestrzten zu, untersuchte die
Wunde und wartete und pflegte ihn nun wie einen Sohn, bis er sich wieder
erholt hatte und unsere Ansiedlung verlassen konnte.

Aber jener Mann war ein Teufel -- der erhaltene Schlag erfllte sein
Herz mit Wuth und Rache. Whrend er noch bei uns seine Genesung abwartete,
erforschte er lauernd des Hauses und der Nachbarschaft Gelegenheit, und
schon nach drei Nchten kehrte er mit seinen Helfershelfern heimlich und
verrtherisch zurck. -- Sie berfielen still und geruschlos unsere Htte,
schlugen meinen alten Vater, der sich den Rubern entgegenwerfen wollte,
nieder, banden und knebelten mich, hoben mich auf ein Pferd und schleppten
mich in wilder, unaufhaltsamer Eile dem groen Flusse[3] zu.

  [3]: Mississippi.

Als ich aus einer langen Ohnmacht erwachte, umgab mich tiefe Nacht und ich
fhlte nur, wie wir im vollen Galopp auf einem harten, schmalen Weg, unter
niederen Bumen und Bschen dahinsprengten, denn der Hufschlag schallte
weithin durch die stille Wildni, und dann und wann streiften kleine
Zweige meine Wangen. Was aber auch meine Ruber mit mir im Sinn gehabt,
wahrscheinlich frchteten sie Verfolgung, oder wuten sich wirklich schon
verfolgt, denn rastlos, unaufhaltsam eilten sie weiter, und ruhten nicht
eher, bis sie einen, sicherlich schon vorher verabredeten Platz erreicht
und hier ihre schndlichen Genossen gefunden hatten.

Gott allein wei was spter aus meinem alten Vater wurde, ich sah ihn
nicht wieder, wohl aber einen fremden, finsteren Mann, der in meinem
Beisein, whrend ich noch gebunden am Boden lag, einen Handel ber mich
abschlo, von meinem Ruber ein Schreiben -- einen _Kaufbrief_, wie jener
es nannte -- ausgestellt bekam, und dann Deine arme Saise in ein Canoe trug
und mit ihr davon ruderte.

Hlflos -- verlassen -- verloren lag ich auf dem Boden des schwankenden
Canoes, aber Alles, was mich bedrohte, stieg in frchterlichen Bildern vor
meiner inneren Seele auf.

Ich fhlte, wie ich der Willkr dieses Mannes, der seine gierigen Blicke
fest auf mich gerichtet hielt, gnzlich -- wehrlos berlassen war, wute,
da ich als Sklavin verkauft, kein Erbarmen bei den Weien mehr zu hoffen
hatte, und der Gedanke an Selbstmord zuckte da zum ersten Mal durch meine
fieberhaft schlagenden Pulse.

Arme Saise, sagte Gabriele.

Das Canoe war einer der gewhnlichen, aus Holz roh gehauenen Khne, schmal
und mit rundem Boden; wenn ich mich nur leise bewegte, fhlte ich wie
es schwankte, und sah die ngstliche Bewegung des Rudernden, der es im
Gleichgewicht zu halten strebte; -- ein Ruck -- ein pltzlicher Sto von
mir -- es schlug um und ich -- war frei.

Kaum hatt' ich diesen Entschlu gefat, als ein kalter Schauer mir
frstelnd durch die Adern rieselte -- und starr und entsetzt blickte ich zu
dem weien Manne empor. Dieser aber, der den ngstlichen Ausdruck in meinen
Zgen der Furcht zuschreiben mochte, lchelte hhnisch und sagte: Grme
dich nicht, Pppchen; wenn du hbsch brav bist, sollst du meine kleine
Squaw[4] werden, und dann lachte er so laut und teuflisch, da er mir in
dem Augenblick wirklich wie ein bses, dem finsteren Abgrund entstiegenes
Wesen vorkam. Das aber befestigte nur noch mehr meinen Entschlu -- ich
wollte sterben. Nur dann und wann, wenn das Canoe ein wenig zur rechten
oder linken Seite hinberschwankte, konnte ich das Ufer erkennen, und sah
jetzt, da wir uns unweit einer langen Insel befanden, die, wie es mir
schien, gerade vor uns lag. Ich kann schwimmen wie ein Fisch, doch die
Bande, die meine Hnde zusammenschnrten, versagten mir jede Bewegung; auf
keine andere Rettung durfte ich hoffen als die, die der Tod brachte.

  [4]: Der Indianische Name fr Frau.

Arme Saise.

Noch einmal sandte ich jetzt mein Gebet zu dem Manitou meines Volkes empor
-- noch einmal blickte ich auf zu dem freundlichen Sonnenlicht, das hell
und strahlend, ach fr mich zum _letzten_ Male ber die ferne Waldung
herbergrte; noch ein Mal sog ich in langem, langem Athemzuge die
balsamische Luft der schnen Welt ein -- schlo dann die Augen und warf
mich, mit pltzlichem Schwung, mit Anstrengung aller meiner Krfte, gegen
die Seitenwand des schmalen Fahrzeugs.

Halt an! wir sinken! schrie entsetzt der Ruber und versuchte auf der
anderen Seite das Gleichgewicht wiederherzustellen, doch schnell folgte ich
seiner Bewegung und im nchsten Augenblick fhlte ich die khle Fluth ber
mir zusammenschlagen. Das Canoe war umgestrzt.

Ob jener Weie schwimmen konnte, wute ich nicht, auf jeden Fall wre er
in diesem Falle im Stande gewesen, mich, deren Hnde noch immer gefesselt,
zum nicht so fernen Ufer zu ziehn. Doch lebend sollte er mich nie mehr
berhren, ich tauchte unter und zwar mit dem festen Entschlu, nimmer zur
Oberflche zurckzukehren.

Gott wollte es anders; von der quellenden Fluth emporgehoben, stieg ich
wieder dem Licht entgegen, fhlte aber pltzlich, wie ich mit dem Kopf
gegen einen festen Gegenstand anstie. Im ersten Augenblick glaubte ich,
es sei das Canoe, der nchste berzeugte mich aber, da ich unter Treibholz
gerathen wre, und zwar gerade an einer Stelle, wo ich den Grund mit den
Fen berhrte, und wild bereinandergeprete Stmme eine kleine Hhlung
gebildet hatten, in die ich den Kopf bringen und -- athmen konnte. Ich war
fr den Augenblick gerettet; mute aber nicht der gewaltige Andrang der
Strmung, die sich rauschend und schumend nur eine kurze Strecke von
mir entfernt an den Stmmen und Aesten brach, diese schwache Schutzwehr
zusammendrngen und mich Zoll fr Zoll in die Tiefe wieder zurckdrcken
und vernichten? Mit unverzagtem Muth htt' ich dem _raschen_ Tod ins Auge
geschaut, hier aber langsam, langsam vielleicht zu sterben -- o, es war
frchterlich.

Saise barg wieder, von dem Gedanken ergriffen und zusammenschaudernd, ihr
Antlitz in ihren Hnden.

Du unglckliches Kind, flsterte Gabriele, des schnen Mdchens Stirn an
ihrem Busen bergend; Du unglckliches -- liebes -- bses Kind, und warum
hast Du denn das Alles mir so lang verschwiegen? war das recht von Dir?
aber wie entgingst Du jener frchterlichen Gefahr?

Stundenlang, erzhlte Saise weiter, stundenlang harrte ich, denn noch
schrecklicher als der Tod war mir der Gedanke, das Licht des Tages und
mit ihm das Antlitz jenes finsteren Mannes wieder zu sehen, ehe ich einen
Versuch zu meiner Rettung wagte. Selbst dann aber blieb noch immer die
Ausfhrung schwer und gefhrlich, denn im Wasser hatte ich natrlich die
Richtung verloren und mute frchten, da ich, unter Wasser fortschwimmend,
gerade tiefer in das Treibholz hineingerathen wrde, Gott da oben hatte
mich aber bis jetzt geschtzt, und ihm vertraute ich. Als ich es berdies
nicht lnger mehr im Wasser aushalten konnte und der Frost meine Glieder
schttelte, horchte ich noch einmal genau, von welcher Richtung das
Anprallen der Strmung tnte, berechnete dann schnell, auf welcher Seite
der Insel ich mich befinden msse, und versuchte nun mich der Bande zu
entledigen, die meine Hnde noch immer gefesselt hielten. Und siehe da
-- es gelang. Es waren hirschlederne Riemen und die Nsse hatte sie
ausgedehnt, meine Hnde schlpften hindurch und -- ich fhlte mich frei.

Jetzt frchtete ich Nichts mehr, jener Mann mute mich lange ertrunken
geglaubt und die Stelle verlassen haben -- ich tauchte unter -- strich
krftig aus und sah nach wenigen, dem Herzen den Schlag raubenden Secunden
das liebe herrliche Tageslicht wieder. Doch noch lange wagte ich nicht mich
zu erheben, denn ich wute nicht, wie nahe jener Weie sei; ich kroch nur
leise und vorsichtig an der flachen, von der Sonne warm beschienenen Bank
hin, und machte in einem brnstigen Gebet und einem lindernden Thrnenstrom
dem so arg bedrngten Herzen Luft.

Alles Uebrige weit du. Dein Vater fand mich fnf Tage spter im Walde
-- ich war heimathlos, -- zu Hause durfte ich nicht wagen wieder zu
erscheinen, meinen eigenen Vater hatten sie vor meinen Augen erschlagen,
und wie konnten mich die rmlichen Ueberreste meines Stammes vor den
Verfolgungen der Weien schtzen? Du nahmst mich auf, Gabriele, und an
Deinem Herzen habe ich Schutz und Hlfe gefunden.

Aber weshalb denn dieser stete Gram, Du liebes Kind? sagte die Jungfrau
schmeichelnd, sei doch froh wie ich, Du bist ja bei Freunden, die Dir kein
Leid geschehen lassen; oder drckt Dich noch ein Schmerz?

Hast Du heute gesehen? frug Saise mit ngstlich umherschweifenden
Blicken, hast Du gesehen, wie sie das arme Wesen ihrem Herrn auslieferten,
dem es -- er sagte so -- entflohen war?

Aber das war eine Sklavin und er ihr Herr, liebes Kind.

Und woher weit Du, da er ihr Herr war? schwur sie nicht, sie habe ihn
ihr Lebtage nicht gesehen?

Er hatte ja den Kaufbrief, in dem ihre ganze Person beschrieben stand,
lchelte Gabriele; Du nrrisches Kind, was qulst Du Dich denn mit so
trben, ngstlichen Bildern ab; wie mag Dich das nur beunruhigen?

Er hatte den _Kaufbrief_, in dem ihre ganze Person beschrieben stand, und
die Leute hier -- groer Gott -- sie lieferten sie ihm aus-- schrie die
Indianerin, von ihrem Sitze emporspringend.

Hilf Himmel -- Saise! rief Gabriele besorgt, denn sie frchtete fr den
Verstand der Unglcklichen, was fehlt Dir? was hast Du?

Gebunden fhrte er sie hinweg, fuhr das Mdchen in entsetzlicher
Aufregung fort -- gebunden! und auch ber mich -- auch ber _mich_ ist ein
solcher Kaufbrief ausgestellt; auch _meine_ Person, _mein_ Aussehn -- meine
Haare -- meine Augen -- sogar das Maal auf meiner Schulter beschrieben.
-- O du allgtiger Gott! -- Sie brach schluchzend zusammen und barg ihr
Antlitz in den Kissen des neben ihr stehenden Sessels.

Gabriele war erschreckt aus der Hngematte gesprungen und bog sich leise
zu der Unglcklichen nieder; mit trstenden Worten wollte sie dabei ihren
Kummer stillen, aber ach, sie kannte selbst nur zu gut die Gefahr, die
unter solchen Umstnden, wenn sie von jenem Buben wirklich wiederentdeckt
wrde, der armen Verfolgten drohte.

Komm, sagte sie dann pltzlich zu der Indianerin, deren Angst sich in
einer lindernden Thrnenfluth gelst hatte -- komm, fasse Muth, noch wei
ich Rath Dir zu helfen. Du kennst unseren Freund, fuhr sie fort, als das
Mdchen mit den groen dunkeln feuchten Augen zu ihr aufschaute, -- Du
kennst den jungen Creolen St.Clyde -- er ist uns freundlich gesinnt,
-- Beiden -- Dir sowohl wie mir, und hat sogar selbst lange an den
sdwestlichen Grenzen Missouris, zwischen den Cherokesen wie Osagen
gelebt -- der mu Rath schaffen; entweder kann er dorthin eilen und Zeugen
herbeiholen, oder er sendet einen Boten, um das zu bewerkstelligen. Auf
jeden Fall mut Du selbst klagbar gegen den Verbrecher auftreten, das ist
der einzige Ausweg seinen Angriffen zu begegnen. -- Cleste --
Cleste, rief sie dann ihrer kleinen Negerin, die noch immer eifrig unten
beschftigt war, die toll und bunt durcheinander laufenden Kchlein zu
zhlen -- Cleste, komm schnell herauf und schicke mir vorher Endymion.

Die Kleine gehorchte dem Befehl und erschien gleich darauf selbst oben an
der Treppe; die groen dunkeln Augen standen aber voll Thrnen, und das
Gesicht verzog sie zu einer entsetzlich weinerlichen und ernstkomischen
Miene.

Was fehlt Dir, Cleste? frug Gabriele freundlich.

O Missus -- schluchzte nun das Kind, dessen Schmerz sich bei diesen
freundlichen Worten Bahn brach, o Missus -- ich -- ich kann -- ich kann
nicht zhlen -- zhlen -- die Kchel -- Kchelchen -- sie laufen; -- huhuhu
-- sie laufen so geschwinde.

Komisches Kind, lachte Gabriele -- geh -- ruf Endymion schnell, und
la die Hhner, Hhner sein. Endymion brauchte aber nicht mehr gerufen zu
werden, er tauchte eben hinter der Gespielin auf und sagte dann leise:

Missus will 'Dymion -- hier ist er.

Endymion, rief Gabriele rasch -- Du weit, wo Mr. St.Clyde wohnt --
wie?

Massa Clyde -- jes -- nickte der Schwarze -- aber, Missus -- ein fremder
Gentleman ist unten--

Schon gut -- schick' ihn zum Vater, fuhr die Creolin ungeduldig fort --
Zu dem reitest Du, und bittest ihn so schnell als mglich, wenn es angeht
heute Abend noch -- verstehst Du mich, Endymion? heute Abend noch --
herberzukommen, ich -- wir -- wir htten etwas Wichtiges mit ihm zu
reden.

Aber der Fremde, Missus, unterbrach sie etwas ngstlich Endymion -- der
Fremde -- Massa schlft und arme 'Dymion kriegte viel Schlge, wenn ihn
weckte--

So la ihn unten in die Halle treten, dort liegen Bcher und er mag sich
die Zeit vertreiben, so gut er kann. Du aber, Endymion, mach rasch und
fttere zugleich mein Reitpferd, es knnte sein, da wir es schnell und zu
einem eiligen Ritt gebrauchten; mach fort, Endymion, und kehre recht bald
zurck.

Das volle runde Gesicht des Knaben verschwand pltzlich unter der steilen
Treppe, und wenige Minuten spter hrte man schon am Schallen der Hufe,
wie er auf flchtigem Renner, den Fausse Riviere entlang, dem Mississippi
zuflog.

Saise hatte sich aber indessen durch die neue Hoffnung, bald jeder Furcht
berhoben zu sein, getrstet; sie wute -- sie mute es sich wenigstens
mit leisem Errthen gestehen -- St.Clyde wrde Alles thun was in seinen
Krften stand, sie von jeder Sorge und Gefahr zu befreien, und konnte sie
selbst als Klgerin auftreten, dann htte sich Jener erst, wre er wirklich
erschienen, vor allen Dingen von jedem auf ihm haftenden Verdachte reinigen
mssen, und die Beweise ihrer reinen Abstammung konnte sie bis dahin
bringen. Sie ergriff der Freundin Hand, hob sie leise an ihre Lippen und
flsterte:

Du bist gut -- Du bist engelgut und hast mir mit Deinen freundlichen
Worten Trost und Ruhe in's Herz gegossen.

Die Mdchen hatten sich eng umschlungen und Gabriele hielt erst lange das
Antlitz der holden Tochter der Wlder zwischen den zarten Hnden, schaute
ihr herzlich und liebevoll in die groen dunkeln Augen und drckte dann
einen heien, innigen Ku auf ihre Stirn.

Der Overseer bemerkte von seinem Baum aus die Ankunft des Fremden, und
schlenderte langsam dem Hause zu.

Was zum Teufel nur die beiden Mdchen heute so ernstlich zusammen zu
schwatzen haben, murmelte er dabei vor sich hin -- hol mich der Bse,
wenn ich nicht wnsche, das kleine rothe Ding wre mein -- verdammt schade,
da man rothes Fell nicht ebenso leicht kaufen kann wie schwarzes. -- Wer
der Fremde nur sein mag? -- Wahrscheinlich ein Baumwollenspekulant aus
New-Orleans. -- Nun Zeit wr's, da er kme -- hat wohl gewittert, da
unsere Baumwolle noch nicht verschifft ist -- mu die Nachlese nun auch
mitnehmen.

Mit diesen leise vor sich hin gemurmelten Bemerkungen schritt er langsam an
den, in regelmigen Reihen errichteten Negerhtten vorbei, dem Herrenhause
zu, stieg die, zu diesem emporfhrenden hlzernen Stufen hinauf und stand
im nchsten Augenblick neben dem eben Eingetroffenen.

Alle Wetter! rief er aber hier erstaunt aus -- Pitwell -- wo zum Henker
kommt _Ihr_ her?

Duxon? -- bei Allem was blau ist -- hier in Louisiana? entgegnete der
also Angeredete, dem Overseer freundlich die Hand entgegenstreckend. --
Seht, so finden sich alte Freunde nach langen Jahren immer doch einmal
wieder zusammen. Wo war's doch, da wir uns zuletzt sahen?

Je weniger wir davon sagen desto besser, lachte Duxon -- ich meines
Theils habe wenigstens nie mit der Geschichte geprahlt.

Ach -- jetzt erinnere ich mich -- lchelte Pitwell -- ja ja, htte
den Spa bald vergessen; aber Unsinn, 'sist jetzt verjhrt und der Mann
lngst-- er schwieg pltzlich still und warf seinem Gefhrten einen
schnellen, mitrauischen Seitenblick zu. Aber was macht Ihr jetzt?
lenkte er in ein anderes Gesprch ein, haltet Ihr Euch etwa hier zu Euerm
Vergngen auf, wie die Loafer in der Kalebouse[5] sagen?

  [5]: Loafer ein Herumstreicher, und Kalebouse das Wachthaus in
  New-Orleans.

Ich bin Overseer auf der Plantage.

Gutes Geschft das?

So ziemlich -- nhrt seinen Mann.

Der Besitzer?

Mr. Beaufort.

Wie viel Ballen[6]?

  [6]: Eine gewhnliche Frage in Louisiana, die sich stets auf die
  Baumwolle bezieht, da der Reichthum der Besitzer nach dieser geschtzt
  wird.

Hundertachtzig.

Alle Wetter! rief Pitwell erstaunt -- lt sich mit dem Mann kein
Geschft machen? der mu ja Geld wie spanisch Moos haben--

Wenn Ihr Neger httet -- wir brauchen ein paar tchtige Arbeiter und eine
Dirne in's Haus; aber was Hbsches -- der Alte kann die hlichen Gesichter
nicht leiden.

Neger? hm -- die lieen sich vielleicht anschaffen; bis wann mt Ihr sie
haben?

Sobald als mglich!

Sind die Preise gut?

Das geht an; habt Ihr welche?

Hm -- ja -- aber apropos -- wer waren die beiden Damen da oben auf der
Gallerie? die Frau und Tochter vom Hause wahrscheinlich, eh?

_Beiden_ Damen? 'sist nur _eine_ Dame im Hause, sagte der Overseer
verchtlich -- das andere ist eine Indianerin, die sich auf Gott wei
welche Art hier eingeschlichen hat, und noch dazu merkwrdig stolz und
sprde thut -- das dumme Ding.

So? kann man denn diesen Mr. Beaufort gar nicht einmal zu sehen bekommen?
ich mchte gern wissen, welche Art von Mann es ist, ehe ich ein Geschft
mit ihm mache -- es handelt sich leichter.

Ihr knnt den Yankee nicht verleugnen, lachte Duxon, aber ich hre ihn
die Treppe herunterkommen. Unter uns gesagt, geht ihm ein Bischen um
den Bart mit seiner reizenden Plantage -- mit den herrlichen
Heerdeneinrichtungen und dergleichen. -- Ihr versteht mich schon.

Danke -- danke! sagte der Fremde freundlich -- werde nicht ermangeln.

Mr. Beaufort trat jetzt in's Zimmer, begrte den Gast und hie ihn
herzlich in seiner Wohnung willkommen. Bald hatte ihn dieser auch in ein
sehr interessantes Gesprch verwickelt und er lud ihn ein, da berdies der
Abend nahte, bei ihm zu bernachten, was von jenem bereitwillig angenommen
wurde.

Beaufort, ein Mann in den Vierzigen und, wie schon erwhnt, der reichste
Pflanzer am False River oder Fausse Riviere, gehrte mit zu jenen sdlichen
Geldaristokraten, welche das Menschengeschlecht nur in drei Gattungen
eintheilen: in _Pflanzer_ nmlich, in _keine_ Pflanzer und in _Neger_. Die
ersteren zerfielen dann freilich wieder in zwei Unterabtheilungen und zwar
in solche, die ber, und solche, die unter funfzig Ballen erbauten. Aus
der ersten Klasse whlte er sich seinen Umgang. Die zweite Gattung -- die
Nicht-Pflanzer -- betrachtete er nur als dazu erschaffen, dem Pflanzer
seine verschiedenen Bedrfnisse zuzufhren, und die dritte, die Neger --
verabscheute er wie ein chter Creole. Selbst die fernsten Vermischungen,
Mestizen und Quadroonen, waren ihm ein Gruel, und er duldete sie nur in
sofern um sich, als er sie zu seiner Bedienung bedurfte. Soweit ging dabei
diese Verachtung der thiopischen Race, da er einst in New-Orleans sein
Messer nach einem armen Teufel von Mestizen warf, den er in der Dunkelheit
fr einen ihm befreundeten Creolen angesehen hatte und mit ihm Arm in Arm
durch mehre Straen gegangen war. Die scharfe Klinge fuhr jedoch nur in
den Schenkel des zum Tode Erschrockenen, ohne diesem weiteren Schaden
zuzufgen.

_Das_ zur Charakteristik Beaufort's. Sein Gast dagegen stach sowohl im
Aeuern, wie in seinem ganzen Benehmen gar sehr und zwar keineswegs zu
seinem Vortheil gegen den Pflanzer ab. Dieser war wohlbeleibt, von gesunder
Gesichtsfarbe und hatte, den Stolz abgerechnet, ganz gutmthige Zge; der
Fremde dagegen sah bleich aus, mit grauen stechenden, aber lebhaften Augen,
hoher Stirn und etwas gebogener Nase; doch that sein Blick nicht wohl --
er streifte stets unruhig von einem Gegenstande zum andern, und sprang
sicherlich im Nu ab, sobald er dem eines andern Auges begegnete. Ihre
Unterhaltung war aber lebhaft; -- Mr. Pitwell hatte viel gesehen, viel
erlebt, verstand, wie es schien, den Baumwollenhandel aus dem Grunde
und besa selbst, seiner eigenen Aussage nach, am Alabama eine nicht
unbedeutende Plantage.

So rckte die Zeit des Abendessens heran. Die Sonne war noch nicht
untergegangen und der Tisch oben auf der Piazza, des khlen Luftzugs und
der freundlichen Aussicht ber die Felder und benachbarten Plantagen
wegen, gedeckt. Die Hngematte hing zurckgeschlagen an einem der Pfeiler,
Gabriele aber lehnte sinnend daneben, und blickte auf die Strae hinaus,
die dem Mississippi zufhrte und auf welcher sie den Boten zurckerwartete.
Saise sa zu ihren Fen, hielt schmeichelnd ihre Hand gefat, an die
sie die heie Wange lehnte und -- folgte den Blicken der Gebieterin und
Freundin.

Die Schritte der Mnner wurden jetzt auf der Treppe gehrt.

Er bleibt lange, flsterte Gabriele.

Recht lange, sagte Saise und sie fhlte pltzlich, wie der Freundin Augen
auf ihr hafteten -- aber sie begegnete ihnen nicht, sondern schmiegte sich
nur inniger und fester an sie an.

Saise -- bist Du noch nicht beruhigt? bat Gabriele -- fehlt Dir noch
etwas? sieh nur wie feuerroth Du geworden.

Guten Abend, Ladies, sagte die Stimme des Fremden.

Um Gottes willen, Kind -- was ist Dir? alles Blut flieht aus Deinen
Wangen? rief die Creolin erschrocken, die Vernderung in den Zgen der
Freundin bemerkend.

Guten Abend, Kinder, wiederholte Mr. Beaufort -- Mr. Pitwell, meine
Tochter und ihre Freundin, eine junge Indianerin. -- Nun, Gabriele -- ist
Saise krank? was fehlt dem Mdchen?

Ich wei in der That nicht, Vater -- sie erblate eben; und zittert jetzt
so heftig am ganzen Krper -- Saise!

Ja, flsterte das schne Mdchen, richtete sich empor, wandte sich gegen
den Fremden um, blickte ihn einen Augenblick starr an und strzte dann mit
einem Mark und Bein zerschneidenden Schrei ohnmchtig zu Boden.

Gabriele, die wie ein Blitzesschlag die Wahrheit durchzuckte, warf ihr Tuch
ber das Antlitz der Freundin -- aber es war zu spt -- Pitwell, durch das
sonderbare Benehmen aufmerksam gemacht, sprang, kaum wissend was er that,
auf sie zu, ri das Tuch herunter und rief in hchstem Schreck und Staunen:

Alle Wetter -- meine ertrunkene Sklavin!

Eure _was_? schrie Beaufort, mit wildem Satz herbeispringend -- Eure
_Sklavin_? Mann, seid Ihr des Teufels? -- das ist eine Indianerin, und die
werden nicht verkauft.

Es ist falsch! sthnte Gabriele in entsetzlicher Seelenangst, den
leblosen Krper der Unglcklichen untersttzend -- es ist eine teuflische
Lge -- dies Mdchen ist den Ihrigen geraubt -- ein niedertrchtiges
Bubenstck ist begangen -- Saise ist so frei wie ich selbst -- Ihr drft
Euch nicht an ihr vergreifen.

Ich fordere mein Eigenthum zurck, sagte der Fremde finster, und griff
zugleich in die Tasche, aus der er ein Paket zusammengebundener Papiere
herausnahm. -- Hier ist ihr Kaufbrief, fuhr er dann, sich gegen den
Pflanzer wendend, fort -- ihr Vater war Indianer, ihre Mutter war Mulattin
-- seht nur ihr Haar an. Und da es die rechte ist, dafr brgt Euch, wenn
nicht ihr jetziger Schreck, das hier verzeichnete Maal auf ihrer linken
Schulter.

Beaufort durchlief schweigend die Schrift und schritt dann auf Saise zu.

Zurck, Vater -- um Gottes willen zurck -- rief Gabriele in hchster
Angst, Du darfst den Worten jenes Mannes nicht glauben -- sie sind falsch,
bei dem ewigen Gott da oben.

Gabriele, sagte der Vater freundlich, aber auch sehr ernst -- dies ist
ein Geschft, bei dem Du weiter keine Stimme hast; findet sich das Maal
_nicht_, wie ich hoffen will, -- denn den _Galgen_ verdient das Ding, wenn
es Niggerblut in den Adern hat und sich dabei untersteht, mit weien Leuten
an einem Tisch zu essen -- so ist die Anklage berdies unbegrndet; findet
es sich aber, dann bleibt die Person keine fnf Minuten mehr unter meinem
Dache, oder ich will nicht selig werden -- Du weit, da ich mein Wort
halte.

Vater -- bei allen Heiligen beschwr' ich Dich -- dieser Kaufbrief
ist verflscht -- Saise hat mir Alles entdeckt -- sie ist den Ihrigen
schndlich geraubt -- ihr Vater erschlagen, sie selbst fortgeschleppt.--

Mrchen, lchelte Pitwell kopfschttelnd. Haben Sie schon je einen
weggelaufenen Nigger gesehen, mein Frulein, der sich nicht irgend eine
solche glaubwrdige Geschichte ausgedacht htte?

Vater -- Vater! bat Gabriele, und versuchte ihn zurckzuhalten, er stie
sie aber jetzt unwillig bei Seite und rief:

Nun wird's mir bald zu bunt -- ich thue dem Ding ja Nichts; ist sie eine
Indianerin, so ist sie so frei wie wir selbst, findet sich aber -- ha --
beim Teufel -- das ist es -- Mr. Pitwell--

Halt! schrie Gabriele -- deren Blick oft und ngstlich nach der nicht so
fernen Strae hinbergeschweift war -- halt! dort kommt Mr. St.Clyde --
warten Sie seine Ankunft ab, er kann, er _darf_ das nicht zugeben.

Mr. St.Clyde soll zum Teufel gehen, zrnte der alte Pflanzer -- hat
sich der in die Rechte eines fremden Mannes zu mischen? Mr. Pitwell, das
Mdchen ist die Ihrige, und meiner Tochter mag sie's danken, da sie nicht
noch vorher eine gehrige Anzahl Peitschenhiebe mitnimmt. Verdammt! ein
Nigger, der so frech ist sein Fell zu verleugnen!

Wir knnen sie ja bis morgen frh in irgend eine der Negerhtten
schaffen, sagte Pitwell, auf sie zugehend und seine Hand nach der immer
noch Bewutlosen ausstreckend, morgen frh--

Die flchtigen Schritte eines Mannes wurden auf der Treppe gehrt.

Mr. St.Clyde -- zu Hlfe! rief Gabriele in letzter Noth. In demselben
Moment aber da die Creolin diesen Namen ausstie und der junge Mann in der
Thre erschien, schlug auch Saise die Augen wieder auf. Ein einziger Blick
sagte ihr Alles -- wenige Secunden lang barg sie ihr Antlitz an der Brust
der Freundin, dann aber hob sie sich, von Gabriele gehalten, empor
und schaute, die groen dunkeln Augen weit geffnet, wild und leise
zusammenschaudernd im Kreise umher.

Um Gottes willen -- was ist hier vorgefallen? rief St.Clyde, indem
er auf das zitternde Mdchen zusprang und es untersttzte -- was ist
geschehen, Mi Beaufort?

Retten Sie Saise, rief die Jungfrau -- retten Sie Saise vor jenem
Buben.

Der Fremde wurde leichenbla und starrte wild umher.

Gabriele! rief aber der Vater, jetzt hab' ich's satt -- Mr. St.Clyde,
berlassen Sie den _Nigger_ sich selbst -- es ziemt einem weien Manne
nicht--

Mr. Beaufort!

Allerdings -- das Mdchen ist eine, diesem Gentleman entflohene Sklavin.

Das ist eine Lge, sagte Saise pltzlich, sich hoch und stolz
emporrichtend; das Wort _Nigger_ hatte ihr ihre ganze Kraft und Strke
wiedergegeben; sie fhlte, wie jetzt der Augenblick gekommen, vor dem sie
so lange schon gebebt; aber gerade da er gekommen, hatte er auch all' sein
Frchterliches verloren. Ihre ganze Seelenstrke war zurckgekehrt und die
Indianerin, die freie Tochter der Wlder in ihr erwacht.--

Aber vergebens erzhlte sie jetzt mit klaren, berzeugenden Worten das
ganze Bubenstck jenes Schurken, der lchelnd und achselzuckend daneben
stand, vergebens rief sie Gott zu ihrem Zeugen an -- sie war in _Louisiana_
-- ein _weier Mann_ hatte sie als seine ihm entflohene Sklavin reclamirt
-- das krause Haar sprach fr seine Aussage, mehr aber noch und unantastbar
fast der _Kaufbrief_ und ihre darin genau verzeichnete Gestalt. War doch
selbst vor nicht gar langer Zeit ein weies Mdchen, mit blonden Haaren
und blauen Augen, aber als die Tochter einer Mestize, hier ffentlich
versteigert worden, und wenn diese selbst fast wei sein mochte, blieb
sie Sklavin; wie viel mehr nun eine Indianerin, deren braune Hautfarbe der
Amerikaner berdies als der seinen untergeordnet hielt und nur wenig hher
schtzte, als die thiopische Race selbst.

Gabriele wollte, als alle Bitten nutzlos blieben, dem Fremden die Freundin
_abkaufen_, dagegen aber protestirte St.Clyde und zwar mit einer Wrme,
die, wenn sie nur aus reiner Menschlichkeit entsprang, ihm alle Ehre
machte.

Nein! rief er, nein -- das hiee bekennen, sie gehre zu jenem
verachteten Stamm! rein und frei soll sie dastehen und wenn ich den Beweis
dazu mit meinem Blute fhren sollte. Mr. Pitwell, Sie werden diesen Parish
nicht wieder verlassen, ehe Sie sich von der gegen Sie erhobenen Anklage
gereinigt haben--

Wer klagt ihn an? rief Beaufort auffahrend, wer klagt ihn an, Sir? Ein
_Nigger_ -- seine eigene Sklavin; sind Sie thricht genug zu glauben, da
das Gericht auf solche Klage eingehen wrde? Sie sollten die Gesetze des
Staates besser kennen.

Ich selber klage diesen Mann an, rief St.Clyde, ich selber -- nicht
diese Unglckliche, die seinen Hnden bis dahin nicht berliefert werden
darf.

Das mchte Ihnen schwer werden durchzusetzen, hohnlachte Pitwell,
glcklicherweise bin ich vertraut genug mit den hiesigen Gebruchen. Sie
knnen mich anklagen, aber mein Eigenthum drfen Sie mir indessen nicht
vorenthalten.

Herr, Sie mssen erst beweisen, da Saise Ihr Eigenthum ist! rief
St.Clyde.

Das _ist_ bewiesen, Mr. St.Clyde! entgegnete Beaufort kalt -- und jetzt
wrden Sie mich sehr verbinden, keine weitere Strung hier zu verursachen.

Mr. Duxon, wandte er sich dann an den Overseer, der in diesem Augenblick
in der Thr erschien, haben Sie die Gte, diese entflohene Sklavin -- und
er deutete auf Saise -- in einer der Negerhtten unterzubringen; Sie haften
mir aber fr ihre Sicherheit.

Saise? rief Duxon erstaunt und wollte kaum seinen Ohren und Augen trauen
-- Saise -- ein Nigger? -- Ei, da mu ja der Teu...--

Herr! rief St.Clyde entrstet.

Um Gottes willen! flehte Saise, seinen Arm ergreifend, kmpfen Sie jetzt
nicht gegen die Uebermacht an -- wenden Sie sich an die Gerichte -- die
mssen mir helfen, ich stehe ja unter dem Schutz der Vereinigten Staaten.
Mein Vater hat sein Land an diese abgetreten und sie haben versprochen,
ihm beizustehen. Man soll mich nur so lange gefangen halten, bis ich
einen Boten zu meinem Stamme schicken kann; Alle werden hierher kommen und
Zeugni fr mich ablegen, da ich die Tochter ihres Huptlings bin. O, wenn
mein Bruder nur wte--

Dazu braucht es keine Indianer, lchelte Pitwell, das kann ich selbst
bezeugen; wer aber war Deine Mutter? Eine Mestize -- steht es hier etwa
anders geschrieben? Diese Mestize gehrte meinem Freund, von dem ich Dich
gekauft, und wenn der Dich Deinem Vater so lange Jahre lie, so geschah es
blo deshalb, da er Dich erziehen sollte; seine Sklavin bist Du deshalb
doch.

Meine Mutter war die Tochter eines Siouxhuptlings, rief Saise, sich
stolz emporrichtend, und wer das Gegentheil behauptet, _lgt_!

Die Faust des alten Beaufort fllte die Unglckliche mit einem Schlage zu
Boden.

Was? schrie er, will das Niggerthier noch in meiner Gegenwart einen
weien Mann einen Lgner nennen? Ist's nicht genug, da sie mich erst
selber anlgen und zum Narren haben mute?

Er wrde seine Worte kaum so unangefochten beendet haben, denn mit einem
Racheschrei auf den Lippen sprang St.Clyde auf ihn zu, aber ihm entgegen
warf sich Gabriele und beschwor ihn bei Allem, was ihm heilig sei, bei
Allem, was er liebe, ihres Vaters zu schonen. Jetzt trat aber auch der
Overseer dazwischen und rief dem jungen Manne trotzig zu:

Herr St.Clyde, ich will Sie hiermit wohlmeinend gewarnt haben, keine
berflssigen Worte mehr zu reden. Die Mamsel steht von diesem Augenblick
an unter _meiner_ Wache und wer meine _Nigger_ gegen mich in Schutz nehmen
will, dem renne ich einen Fu kalten Stahl in den Leib! Und er zog,
whrend er diese Worte sprach, sein schweres Bowiemesser unter der Weste
vor.

Clyde war unbewaffnet, und wute auch, wie die Gesetze einen Overseer oder
Sklavenbesitzer schtzen, wenn sich ein Fremder in ihre Angelegenheiten
ungerufen mischt. Noch krzlich war auf solche Art ein Abolitionist aus
Ohio erschossen, ohne da der Mrder mehr Ungelegenheiten als ein etwa
viertelstndiges Verhr deshalb gehabt htte; fr jetzt mute er also der
rohen Gewalt weichen, aber retten wollte er Saisen, das schwur er sich, und
wenn es sein eigenes Leben kosten solle.

Mr. Beaufort, rief er, sich noch einmal an den Pflanzer wendend, Sie
werden mir fr die Mihandlung dieser Unglcklichen Rede stehen; jetzt
habe ich keine Macht, Ihrer Gewaltthat zu begegnen; thun Sie mit dem armen
Mdchen, was Sie verantworten knnen, aber der ewige Gott da oben ist mein
Zeuge, da ich mich von jetzt an fr Saisens Schtzer erklre, und die
Gesetze des Staates mssen und werden mir beistehen. Leben Sie wohl,
Frulein Beaufort, und oh -- verlassen Sie die Arme nicht -- gnnen Sie
ihr wenigstens den Trost, zu fhlen, da sie nicht ganz allein auf der Welt
steht.

Der Overseer hatte indessen zwei Negern, die eben Handwerkszeug zum Hause
schafften, heraufzukommen gewinkt und rief diesen nun zu: Schafft das
Mdchen da in Mutter Betty's Htte hinunter, und Du, Ben, stehst Wache
dabei, Dein schwarzes Fell brgt mir fr sie; ich zieh es Dir lebendig vom
Leibe, wenn Du sie entwischen lt.

Keine Furcht, Massa -- sagte der Neger grinsend, aber welches Mdchen,
De Lor' ble you, ich sehe kein Mdchen zum mitnehmen, Missus Saise?

St.Clyde sprang die Treppe hinab, schwang sich auf sein Pferd und sprengte
mit verhngten Zgeln dem Mississippi zu; Gabriele bog sich schluchzend zu
dem armen Kinde nieder und band ihr das eigene Tuch um die blutende Stirn,
die beiden Neger aber starrten mit weit von einander gerissenen Lippen bald
den Einen, bald den Andern an und konnten das Vorgefallene nicht begreifen,
bis sie ihres Vorgesetzten erneuter Ruf und die drohend geschwungene
Peitsche an die Erfllung des gegebenen Befehls erinnerte. Sie hoben die
Indianerin vom Boden auf und verschwanden mit ihr bald nachher in einer der
niederen, gleichfrmigen Negerhtten, die in langen, regelmigen Reihen,
einer kleinen Stadt nicht unhnlich, das Herrenhaus umgaben. Gabriele zog
sich auf ihr Zimmer zurck, die Mnner aber -- der Overseer wurde heute
ebenfalls von seinem Prinzipal eingeladen zu Tisch zu bleiben -- lieen
sich an der Tafel nieder, und Beaufort schien mit dem eisigen Claret allen
Aerger und Verdru hinuntersplen zu wollen, bedankte sich aber, ehe er
sein Lager suchte, noch einmal bei dem Fremden, da er ihn und sein Haus
von der Schande befreit habe, verdammtes Niggerblut neben Weien zu
beherbergen.

Mr. Pitwell hatte seine Schlafstelle angewiesen bekommen; da aber die Luft
khl war, wie er sagte, so zog er es vor, noch ein Viertelstndchen mit dem
Overseer am Flusse auf- und abzugehen, stieg also mit diesem hinunter, und
schritt zwischen einer Allee von China- und Tulpenbumen hin, dem Eingang
der Plantage zu, der durch eine dichte Feigen- und Orangenhecke beschattet
wurde.

Hrt einmal, Pitwell -- sagte Duxon, hier stehen bleibend -- habt Ihr
wieder einen von Euren alten Streichen ausgebt, he? Ist das Mdchen ein
Nigger oder ist's keiner?

Was geht's Euch an? brummte Pitwell, sich ngstlich dabei umsehend -- es
kann uns doch Niemand hier behorchen?

Keine Seele -- aber kommt -- Ihr mt mir die Sache erzhlen; verdammt
will ich sein, wenn das mit rechten Dingen zugeht. Oh zum Henker, Mann,
seid doch nicht so verschwiegen; von uns Beiden wird doch wahrhaftig keiner
den Andern verrathen?

Nun gut, Ihr sollt Alles wissen, aber kommt fort von hier, ins Freie
hinaus, flsterte Pitwell, hier unter den Bumen ist mir's so unheimlich
und kommt mir immer vor, als ob mich Jemand behorchte.

Die beiden wrdigen Leute schritten mitsammen an das Ufer des Fausse
Rivire und wanderten hier Arm in Arm herauf und herunter von der Plantage.
Pitwell erzhlte nun dem Freunde und Bundesgenossen aufrichtig den ganzen
Hergang, erklrte ihm aber auch, da er, trotz seiner Sicherheit, doch
nicht abwarten wolle, bis der junge Laffe -- St.Clyde -- seine Drohungen
wahr machen knne, sondern morgen mit dem Frhsten aufbrechen werde.

Das trifft sich herrlich! sagte der Overseer, ich bin mit Beaufort
ebenfalls in Abrechnung begriffen und kann Euch vielleicht, wenn Ihr nur
noch ein oder zwei Tage bleibt, begleiten. Ueber die jetzige Nachlese lt
sich dann leicht ein ungefhrer Ueberschlag machen. Mir gefllt's nicht
mehr hier am Flu, ich will nach Texas und eine eigene Plantage kaufen.

Wie? Schon so viel verdient? Das ist geschwind gegangen, lachte der
Fremde.

Da mte Einer ein gewaltiger Thor sein, meinte der Overseer lchelnd,
wenn er auf einer _solchen_ Pflanzung nicht in drei Jahren ein Capitlchen
zurcklegen knnte.

Mir wr's recht, so lange zu warten, sagte Pitwell, aber ich kann nicht,
ich mu machen, da ich das Ding verkaufe; erstlich fhl ich mich
hier nicht so recht sicher, und dann -- hab ich sonst noch Arbeit. Das
Wiederfinden htte mir brigens nicht gelegener kommen knnen; wei nur
der Teufel, wie das kleine Geschpf dem Ersaufen entgangen ist; mit
meinen eigenen Augen hab ich gesehen, wie es unterging, und noch dazu mit
gebundenen Hnden.

Die Indianer knnen schwimmen und tauchen wie die Fische; lachte Duxon;
aber wit Ihr was, Pitwell, ich kaufe Euch die Kleine ab?

Was -- Ihr? -- Aber jener Creole?

Mag zum Teufel gehen, ich bernehme jede weitere Verantwortung.

Und kauft Ihr sie so, wie ich sie verkaufen kann? frug vorsichtig der
Yankee, wollt Ihr den Verlust tragen, wenn die Indianer kmen und sie als
die Tochter ihres Huptlings reclamirten?

Ja gewi, rief spttisch der Overseer, aber dafr mu ich sie auch
billig haben -- ich gebe Euch zweihundert Dollar.

Hallo -- das ist zu wenig -- bedenkt, das Mdchen ist achthundert werth.

Wenn ich Euch im Stiche lasse, keine funfzig Cent, hhnte Duxon.

Nein, Mann, zweihundert ist bei Gott zu wenig, da lie ich es doch lieber
selber darauf ankommen; gebt mir _drei_ und sie ist Euer!

Topp -- kommt mit in mein Haus, schreibt den Kaufbrief auf mich ber und
nehmt das Geld in Empfang.

Und glaubt Ihr, da ich noch, ohne Gefahr zu laufen, ein paar Stunden hier
verweilen kann?

Ein paar Jahre, wenn Ihr wollt; hab ich erst einmal das Mdchen, so soll
sie mir ganz Louisiana nicht mehr entreien knnen; die Gesetze mssen
in allen Sklavenstaaten auf meiner Seite sein, und es giebt dann
nichts Gefhrlicheres auf der Welt, als ihnen, gerade in diesem Punkt,
widerstreben zu wollen. Kommt, Pitwell, in zehn Minuten mu die schne
Indianerin mir gehren, und morgen schon mache ich meine Anrechte auf sie
geltend; nachher kann ihr ganzer Stamm kommen und schwren -- mir gleich.

Die beiden Mnner schritten eilig in das zwischen den Negerhtten
stehende, und sich nur durch ein hheres Dach und eine Galerie von diesen
unterscheidende Haus des Overseers zurck, und schlossen dort den beredeten
Handel ab. Pitwell empfing das Geld und Saise wurde dem Overseer als
alleiniges und rechtmiges Eigenthum berschrieben. Beaufort selbst sollte
am nchsten Morgen seinen Namen als Zeuge daruntersetzen.

       *       *       *       *       *

St.Clyde hatte indessen sein Pferd mit Sporen und Peitsche so angetrieben,
da es, als er vor des Richters Thr in Point-Coupee anhielt, ein paar
Secunden lang hin und her schwankte und dann, matt und aufgerieben, wie es
war, zusammenbrach; ohne es aber auch nur eines Blickes zu wrdigen, flog
er die Treppe hinauf, strzte in des Richters Zimmer und rief diesen, ihm
mit wenigen Worten die Frevelthat erzhlend, um Beistand an.

Der Richter war ein wackerer Mann, streng rechtlich und in der Ausbung
seiner Pflicht menschlich, aber gar bedenklich schttelte er mit dem Kopfe,
als er von dem nach Form Rechtens ausgestellten Kaufbriefe hrte. Er kannte
die Gewalt, die ein solches Schreiben hatte.

Junger Mann, sagte er nach langer Pause, whrend er sinnend, den Kopf
in die Hand gesttzt, zu dem Creolen aufschaute, das ist eine bse Sache.
Erstlich scheint es mir freilich, als ob Sie das Ganze ein bischen zu
romantisch anshen, dann aber, wre auch wirklich Alles so, wie Sie es
schildern, so sehe ich doch nicht ein, auf welche Art es gehoben werden
knnte; wir drfen nicht _gegen_ die Gesetze handeln und wenn wir wirklich
den festen Glauben htten, dem armen Mdchen geschhe Unrecht.

Aber Sie werden doch nicht zugeben, da eine freie Indianerin aufgegriffen
und verkauft wird? rief St.Clyde erzrnt, dasselbe knnte ja jedem
Weien begegnen, wenn sich zwei Buben vereinigten, einen Kaufbrief ber ihn
zu schreiben und zu schwren, da seine Mutter eine Mestize gewesen sei.

Das nun wohl nicht, lchelte der Richter; ehe ein Weier verkauft wrde,
mten gewaltige Beweise vorliegen, da er wirklich aus Negerblut abstamme;
aber Sie drfen auch nicht allen solchen Erzhlungen weggelaufener Neger
glauben; groer Gott, die lgen Ihnen manchmal das Blaue vom Himmel
herunter.

Wr es denn nicht mglich, die Indianerin den Hnden jenes Mannes zu
entziehen, bis man Zeugen aus ihrem Stamm herbeischaffen knnte?

Bester Freund, der Stamm lebt an die sieben bis achthundert Meilen von
hier entfernt, Mr. Beaufort selbst hat sie ber vierhundert Meilen den
Flu heruntergebracht; nein, da knnten ja nur alle derartigen, Indianern
hnliche Personen, wie zum Beispiel Mulatten und Mestizen, behaupten, es
flsse rein indianisches Blut in ihren Adern, und uns dann ersuchen, nach
den Eskimos hinaufzuschicken und Zeugen herunter zu holen. Nein, das geht
nicht. Htten wir aber auch wirklich die Zeugen hier, so sind das immer nur
-- Indianer. Das Gescheidteste wre, Sie _kauften_ das Mdchen, wenn Ihnen
wirklich so viel daran liegt, als mir vorkommt.

_Kaufen?_ rief St.Clyde mit schmerzdurchbebter Stimme, _kaufen?_ -- und
sie ist dann wirklich Sklavin? Ist denn kein Ausweg, die Unglckliche von
dieser Schande zu retten?

Ich frchte -- nein -- auf jeden Fall aber wre dies das Sicherste, sie
doch wenigstens fr den Augenblick zurckzuhalten. Vielleicht lt sich
jener Fremde auch bewegen, vorher nur einen Theil der Zahlung zu nehmen,
und man kann dann sehen, was weiter in der Sache zu thun ist; was sagen Sie
dazu?

Ach, bester Richter, seufzte der junge Creole wehmthig, Sie wissen
recht gut, da ich _arm_ bin. Mein einziges Pferd ist mir eben gestrzt,
und ich werde kaum Geld genug brig behalten, mir ein neues zu kaufen. Wie
sollte ich die Summe auftreiben, die jener Bube fr Saise fordern wird?

Hren Sie, St.Clyde, ich will Ihnen einen Vorschlag machen, ich selbst
will das Mdchen kaufen und bei mir behalten; haben Sie sich das Geld
verdient -- so -- berla ich sie Ihnen.

_Kaufen_ und immer nur _kaufen_! sthnte der Creole.

Nehmen Sie meinen Vorschlag an, sagte der Richter herzlich, sie soll in
meinem Hause wie eine Tochter behandelt werden.

Gut denn, es sei, rief St.Clyde, ich mu mich fgen; es rettet sie
ja wenigstens fr den Augenblick; dann aber schaffe ich die Zeugen
ihrer freien Geburt und wenn ich sie aus den Eisregionen des Nordens
herunterholen mte.

Es wird Ihnen nicht viel helfen; wollen Sie brigens schlechterdings nach
jenem Stamme einen Boten haben, so kann ich Ihnen zufllig die Anweisung
geben, den zu finden. Heute Morgen waren sieben oder acht Indianer aus
dem Parish West-Feliciana, von drben ber dem Mississippi, hier in
Point-Coupee; sie haben Hirschfleisch verkauft und dafr Pulver, Blei und
Whisky mit hinber genommen.

Von welchem Stamme waren sie?

Wahrscheinlich Chocktaws, von denen halten sich stets einige hier in der
Nhe auf. Doch erst bringen Sie den Handel in Richtigkeit; denn ist dem
wirklich so, wie Sie glauben, und hat der gute Mann kein recht reines
Gewissen, so wird er sich schwerlich lange in der hiesigen Nachbarschaft
aufhalten, sondern seine Beute in Sicherheit bringen wollen. -- So --
hier dieses Papier geben Sie nur an Mr. Beaufort, er mag den Kauf fr mich
abschlieen; meine Frau ist doch jetzt ganz allein und kennt die Indianerin
auch schon, die Beiden werden sich sicherlich recht gut vertragen.

_Doch_, bester Richter, ich mu ein anderes Pferd haben; knnen Sie mir
ein's verkaufen?

Was wollen Sie d'ran wenden? frug dieser; denn ein Amerikaner lt nie
eine Gelegenheit ungenutzt vorber, wo er hoffen darf einen Pferdehandel zu
machen.

Vierzig Dollar bleiben mir, das Nothwendigste abgerechnet, ber.

Gut -- ich schaffe Ihnen ein Pferd, aber heute Abend knnen Sie unmglich
noch fort.

Gleich!--

Unsinn, verderben Sie sich jetzt ihr Spiel nicht selbst durch Ihre Hitze;
Abends acht Uhr hat der alte Beaufort seine Ladung Claret und geht zu Bett;
erstlich ist es nachher ein Ding der Unmglichkeit, ihn munter zu bringen,
und gelng es Ihnen wirklich, so mchte ich die Laune sehen, in der er sich
befindet. Vor neun Uhr morgen frh ist er nicht zu sprechen, und reiten Sie
um acht Uhr hier fort, so treffen Sie ihn gerade beim Frhstck -- das ist
die beste Zeit. Uebrigens habe ich Beaufort ersucht, die Zahlung drei Tage
zu verzgern und Saise indessen an sich zu nehmen; vielleicht gelingt es
mir doch noch, sie zu retten. Ich will morgen mit Beatty, einem unserer
besten Advokaten hier, sprechen; giebt es eine Art und Weise, auf welche
wir die Identitt der Huptlingstochter beweisen knnen, so wird der sie
schon ausfinden.

Von neuen Hoffnungen erfllt, lie sich St.Clyde endlich durch die Grnde
des Richters bewegen, auf seine Vorschlge einzugehen und die Nacht bei ihm
zuzubringen. Als er aber am nchsten Morgen mit dem Brief, der Saise aus
den Klauen jenes Buben retten sollte, auf der breiten Strae dahinsprengte,
da ward er es sich erst selbst so recht bewut und klar, wie er jenes
unglckliche Mdchen liebe und wie es fr ihn auf dieser Welt keinen
weitern Frieden gebe, als den, den er an ihrer Seite finden konnte. Wohl
war er arm und hatte Nichts, als seine eigene Kraft und Ausdauer; die
Tochter der Wlder aber, an Entbehrungen von Jugend auf gewhnt, wrde sich
wohl schwerlich zu dem civilisirteren Leben der Ansiedlungen zurckgesehnt
haben, wenn er ihr wirklich, wie er es hoffte und glaubte, nicht
gleichgltig war; nur erst frei mute sie sein, frei wieder, wie der Vogel
der Luft und der Hirsch der Prairie, und diese Angst von ihr genommen
werden.

Zu schnellerem Trab spornte er sein wackeres Thier an, als er des armen
Mdchens gedachte, und unter den hohen, schattigen Magnolien flog er
rasch und frhlich dahin. Endlich erreichte er die Ansiedlungen des Fausse
Riviere, durch das kleine Stdtchen sprengte er mit verhngten Zgeln --
an Plantage nach Plantage brauste er vorbei -- schon war er am
Poydras-College vorber und dort -- dort schimmerte ihm jetzt das hohe,
glnzende Dach aus dem grnen, schwellenden Laub entgegen. Er hatte die
Orangenhecke erreicht, sprang vom Pferd, hing den Zgel desselben ber
einen alten, halbverdorrten Feigenbaum und flog die Stufen hinauf, wo er
wute, da Mr. Beaufort allmorgendlich sein Frhstck halte.

Hallo, St.Clyde, rief ihm dieser freundlich entgegen, das ist hbsch
von Euch, da Ihr wiederkommt, ich war gestern Abend ein bischen brummig,
aber der verdammte Nigger hatte mich so gergert. Nun, kommen Sie her
-- dahinten steht noch ein Stuhl -- Scipio, Canaille, kannst Du nicht
aufpassen, wenn Gentleman einen Stuhl sucht, unterbrach er sich dann
selbst, um einem kleinen, bei Tisch aufwartenden Negerknaben vorher diese
freundliche Ermahnung zukommen zu lassen.

St.Clyde blickte ngstlich in dem Raum umher, in dem sonst zu dieser Zeit
Gabriele und Saise nie gefehlt hatten.

Sie suchen meine Tochter? frug Beaufort, den Blick bemerkend -- ist
nicht recht wohl heute Morgen, lt sich entschuldigen.

Und -- und Saise!

Hren Sie, St.Clyde, sagte der alte Beaufort, sein Messer niederlegend,
wenn wir gute Freunde bleiben sollen, so verderben Sie mir mein Frhstck
nicht und lassen Sie die alte Geschichte ruhen. Die Sache ist abgemacht.

Abgemacht? Um Gottes willen, wie? Ist Saise fort?

Noch nicht, aber nun thun Sie mir den Gefallen und setzen Sie sich. Der
Claret ist ausgezeichnet und das Beefsteak vortrefflich.

Mr. Beaufort, ich habe diesen Brief vom Richter an Sie abzugeben; er lt
Sie dringend bitten, seinem Wunsche zu willfahren!

Schn, sagte Beaufort, das Schreiben, ohne es weiter anzusehen, unter den
Teller schiebend, wollen's nachher einmal untersuchen.

Es hat Eile, Mr. Beaufort, es hngt das Glck eines Lebens davon ab, bat
St.Clyde.

Nun hab' ich's bald satt, rief Beaufort halb lachend, halb rgerlich;
glauben Sie denn, ich liee der ganzen Welt zu Gefallen, mein Beefsteak
kalt und den Claret warm werden? Was nicht bis nach dem Frhstck Zeit
hat, bleibt ganz, das ist _mein_ Sprichwort, und nun setzen Sie sich, sonst
werd' ich ernstlich bse.

St.Clyde sah wohl da hier keine weiteren Vorstellungen halfen, er lie
sich also neben dem Pflanzer nieder, aber nicht mglich war es ihm einen
Bissen ber die Lippen zu bringen; ein paar Glser Wein trank er, sein
kochendes Blut abzukhlen, und ging dann unruhig in der von Blumen und
Blten durchdufteten Galerie auf und ab. Mr. Beaufort beendete indessen
sein Frhstck in aller Behaglichkeit, schlrfte noch langsam den letzten
Rest Wein hinunter, wischte sich dann den Mund ab, lehnte sich ein wenig im
Stuhl zurck und sagte mit einem tiefen Athemzug:

So -- jetzt wollen wir ein bischen hinuntergehen und zusehen, wie--

Aber der Brief--

Ach ja so -- den htt' ich beinahe vergessen, nun, was schreibt denn der
Richter ---- Lieber Freund -- interessire mich -- da ich dringend bedarf
-- Frau allein -- bitte Sie herzlich mir -- Saise -- beim Himmel wieder
der verwnschte Nigger -- anzukaufen -- Unsinn, kommt zu spt -- wichtige
Ursachen -- Auslieferung zu verschieben -- Unsinn, kommt zu spt, sag ich
-- ungemein verbinden -- vollkommenste Hochachtung und Freundschaft -- ja,
thut mir leid -- kommt zu spt--

Aber Sie sagten ja erst vor wenigen Secunden, da Saise noch nicht fort
sei? Wie ist es da mglich?

Mein Overseer hat sie gekauft, entgegnete ihm Beaufort, sich die Zhne
stochernd; jetzt wenden Sie sich an den und lassen Sie mich mit der Sache
ungeschoren -- ich hab' es satt, noch lnger mit dem Geschpf geplagt zu
werden.

Aber, Mr. Beaufort, was um des Heilands willen hat Sie nur gegen die
Unglckliche so hart machen knnen? Sie behandelten sie ja doch bis jetzt
immer mehr wie ein Vater, als ein Fremder.

Das ist es eben, Herr! rief der alte Pflanzer entrstet -- das ist es
eben; die Schande vor allen meinen Niggern erleben zu mssen; glauben Sie
denn nicht, da sich die Schufte halb todt lachen, weil ihr Herr mit einem
von ihrer Race so lange an einem Tisch gegessen hat?

_Wenn_ aber nun Saise wirklich aus rein indianischem Blute entsprossen
wre und Sie, ohne es zu wissen, ein Bubenstck untersttzt htten? frug
St.Clyde, den alten Mann fest ins Auge fassend, wenn nun jener Fremde
mit schurkischen Genossen und der Hlfe eines Richters diesen Kaufbrief
_geschmiedet_ htte und durch Sie eine Unglckliche, die Sie bis jetzt fr
ihren zweiten Vater hielt, in namenloses Elend gestoen wre?

Beaufort sah den jungen Mann einen Augenblick starr an, dann aber
schttelte er rgerlich mit dem Kopf und rief:

Thorheit -- Unsinn -- kommen Sie da mit einem ganzen Packet voll _wenn_
und _aber_ und -- zum Donnerwetter, Herr -- lassen Sie mich jetzt mit
ihren Lamentationen zufrieden, die Dirne ist verkauft -- ich habe den Brief
selbst unterzeichnet und damit basta. -- Gehen Sie zum Overseer, wenn Ihnen
so viel d'ran liegt, mit funfzig Dollar Profit wird er sie wieder ablassen
-- oder -- gehen Sie lieber einmal ins Feld und schicken Sie ihn mir
herauf, ich habe etwas mit ihm zu sprechen.

Der alte Mann schritt ins nchste Zimmer und warf rgerlich die Thre
hinter sich ins Schlo. Aber nicht mehr auf den jungen Creolen zrnte er,
sondern auf sich selbst; zum ersten Mal wurde jetzt der Gedanke in ihm
wach, da er doch wohl zu voreilig gewesen und sich von seinem Jhzorn zu
sehr habe hinreien lassen. Das Geschehene lie sich freilich nicht mehr
ungeschehen machen, aber versuchen wollte er nun, ob er es nicht wenigstens
verbessern knne. Er gedachte Saise zu kaufen und dann nachzuforschen,
ob wirklich schwarzes Blut in ihren Adern rolle; bis dahin konnte sie ein
kleines Haus fr sich beziehen, und brauchte mit ihm und seiner Tochter
nicht in Berhrung zu kommen.

Eine Stunde spter stand Duxon mit Pitwell wieder am Ufer des Flusses.

Pitwell, sagte der Erstere, ich glaube doch, es ist besser, wir brechen
schon morgen auf; den alten Beaufort scheint die Sache zu wurmen -- er wird
bedenklich.

Sollte er etwas merken? frug Pitwell ngstlich.

Ein Wunder wr's nicht, knirschte Duxon zwischen den zusammengebissenen
Zhnen durch, der Laffe war ja wieder hier und hat ihm wahrscheinlich in
den Ohren gelegen. Denkt nur, er wollte mir die Dirne wieder abkaufen.

Wer? Mr. Beaufort?

Ja -- Beide -- erst der Gelbschnabel und dann, wie ich zum Herrn kam,
dieser selbst. -- Er hatte, whrend ich mit ihm sprach, einen Brief in der
Hand, und meinen Hals wollt ich verwetten, da er vom Richter war. Da ich
nun hier manche Kleinigkeit an der Kreide habe, so sehe ich gerade nicht
ein, weshalb wir noch lnger zgern sollten. Als ich ihm die Indianerin
nicht verkaufen wollte, lief ihm wieder, wie gewhnlich, die Galle ber die
Leber und er sagte, ich mchte in einer Stunde zu ihm kommen und mit ihm
abrechnen, die Gelegenheit will ich benutzen; eine so schnelle Abrechnung
erspart berhaupt manches Unangenehme. Meine brigen Angelegenheiten kann
ich alle bis morgen frh geordnet haben; bis dahin haltet Ihr Euch auch
fertig; in vier Tagen mssen wir in Texas sein.

Gut! sagte Pitwell nachsinnend, aber, Duxon, wir gehen dann in
Gesellschaft -- ich -- ich habe noch einige Freunde, die mich hinter
Fischer's Landung erwarten -- Ihr -- Ihr macht Euch ja doch wohl nichts
daraus, ein wenig schnell zu reisen?

Duxon sah ihn scharf von der Seite an und frug nach kleiner Pause: Darf
ich dann aber auch wissen warum?

Und gebt Ihr mir Euer Ehrenwort, da Ihr schweigen wollt? flsterte
Pitwell, sich vorsichtig umschauend.

Braucht Ihr mein _Ehrenwort_ dafr? lchelte der Overseer.

Nun, ich sehe, Ihr versteht mich, Duxon, fuhr der Yankee leise fort;
ich habe wieder ein kleines Geschft im Gang, gerade so wie wir es damals
betrieben. Ein reicher Pflanzer, vom andern Ufer des Mississippi, will
seine Sklaven gern nach Texas schaffen, da sie in Louisiana zu vielen Werth
fr andere Leute haben, und er bezahlt mir hundert Dollar fr den Kopf.
Unterhalb Waterloo sind wir gestern morgen bergesetzt, und mit Hlfe
zweier Gefhrten habe ich smmtliche Neger, hundert und funfzehn Mann, in
den zwischen Fischer's Laden und dem Cutoff liegenden Sumpf gebracht
-- saht Ihr die drei, die heute Morgen hier vorbeizogen? Das waren die
letzten. Sie haben smmtlich falsche Psse. Jetzt wit Ihr Alles und seid
Ihr gescheidt, so schliet Ihr Euch nicht allein an uns an, sondern nehmt
Euch auch noch ein paar -- Begleiter mit. Hat denn Beaufort gar keine
Neger, denen das Leben in Louisiana nicht lnger gefllt? Ihr knnt ihnen
ja sagen, es ginge in ein besseres Klima.

Das wohl, murmelte Duxon, in tiefem Sinnen vor sich hinstarrend; aber
Pitwell, die Sache hat einen andern und zwar sehr bsen Haken. Da wir
glcklich fortkommen, daran zweifle ich keinen Augenblick, fr Waffen
werdet Ihr auch schon gesorgt haben, doch -- wenn sich Texas nun an die
Vereinigten Staaten schliet, wie es berall heit, wie dann? Dann liefert
uns die Regierung aus.

Du lieber Gott, lachte Pitwell, wenn die Regierung darauf eingehen
wollte, alle die auszuliefern, die irgend etwas verbrochen haben, wer
sollte denn da das Land bebauen, Heerden ziehen oder gegen die Mexikaner
und Cumanches fechten? Nein, Duxon, lat Euch darber keine grauen Haare
wachsen, davor sind wir sicher. Das wissen die wackern Burschen auch
recht gut, sonst htten sie ja nie selbst fr einen Anschlu an die Union
gestimmt.

Ich glaube, Ihr habt Recht, sagte Duxon, auf keinen Fall drfte es
schwer halten, weiter westlich zu ziehen, wo uns weder Texas, noch Onkel
Sam[7] etwas anhaben kann; beistehen wird uns, sollte es so weit kommen,
Mancher.

  [7]: =Uncle Sam=, Scherzname der Vereinigten Staaten nach den
  Anfangsbuchstaben =United States=!

Sieben Achtel von Texas, lachte Pitwell.

Nun gut denn, es sei; ist dem aber so, dann brechen wir morgen frh lieber
vor Tagesgrauen auf, so da wir etwa um zehn oder elf Uhr Alle beisammen
sind. Verfolgung brauchen wir von hier aus nicht zu frchten, denn Beaufort
steht nicht so frh auf und ich werde schon dafr sorgen, da er die
Fehlenden irgendwo beschftigt glauben soll. Wird aber Saise gutwillig mit
uns gehen?

Ist das eine Frage von einem Overseer; habt Ihr keine Peitsche?

Duxon lchelte und sagte hhnisch: Ihr scheint nicht zu verstehen, wie man
mit _Damen_ umgeht; doch -- ich habe ein anderes Mittel, ich nehme unsere
kleine Gig und fahre. Als Entschuldigung mgen die Zurckbleibenden nachher
dem Herrn sagen, natrlich nicht eher, als er darnach frgt, ich htte
meine Sachen an Fischer's Landung geschafft, wo stets Boote anlegen. Aber
Pest und Gift, ich wollte doch heute bei meiner kleinen -- _Frau_ bleiben
und werde nun bis morgen frh zu rennen und zu laufen haben, da ich
nicht wei, wo mir der Kopf steht. Nun beim Teufel, in Texas kann ich's ja
nachholen, hahaha, sie wird wohl nicht bse darber werden.

Schwerlich! sagte Pitwell trocken; also jetzt an's Werk -- habt Ihr
Waffen?

Zwei Bchsen, ein Bowiemesser und drei paar Pistolen -- Ihr wit, ein
Overseer mu immer eine kleine Burg aus seinem Haus machen knnen.

Gut, wenn Ihr einen Wagen nehmt, so mgt Ihr nur das Alles mitbringen
-- solche Sachen sind immer ntzlich; aber dort kommt der junge Laffe die
Allee herunter, der sich so gewaltig um die Indianerin anstellt. Die Dame
vom Haus ist bei ihm; wie heit sie?

Gabriele, ein prchtiges Mdchen, schade, da Ihr keinen Kaufbrief auf
_die_ fabriciren knnt, die nhme ich auch.

Der Yankee warf ihm einen warnenden Blick zu und ging, um nicht weiter mit
dem Overseer zusammen gesehen zu werden, am Flu hinauf, whrend jener
sein Pferd satteln lie und auf's Feld hinausritt, dort eine gewisse Anzahl
Neger aussuchte und diesen befahl, ihre Aexte zu nehmen, um an einem etwas
entfernteren Theil des Waldes, den er ihnen bezeichnen wrde, Holz
zu fllen. Bald darauf verschwand er mit ihnen in dem die Plantage
begrenzenden Sumpfland.

St.Clyde und Gabriele schritten neben einander dem Flusse zu.

Um Gottes willen, Sir! sagte die Jungfrau, als sie sich der ueren
Einfriedigung nherten, was ist Ihnen? Sie scheinen in frchterlicher
Aufregung, so habe ich Sie nie gesehen.

Ich mu fort, flsterte der junge Mann, die bleiche Hand fest gegen die
heie, fieberglhende Stirn gepret -- ich mu fort -- mu Hlfe haben.
Erst seit dieser unglckseligen Katastrophe fhle ich, wie ich-- er
schwieg und wandte sich ab--

Wie Sie Saisen lieben, flsterte Gabriele mit leiser, tonloser Stimme
und blickte starr zu dem Creolen auf, nicht wahr, St.Clyde -- Sie -- Sie
lieben die Indianerin.

Ja, Mi Beaufort -- ja -- warum sollt ich es Ihnen auch verschweigen,
sagte da pltzlich St.Clyde, der stehen blieb und fest in die Augen der
erbleichenden Jungfrau schaute, warum sollt ich mich, Ihnen gegenber,
scheuen es zu gestehen. Sie waren der Unglcklichen Freundin, so lange
sie unter Ihrem Schutze stand -- Sie sind selbst gegen mich, den fremden,
heimatlosen, armen Wanderer immer nur gtig und liebevoll gewesen -- Ihnen
will ich vertrauen und Sie werden mich auch, so weit es in Ihren Krften
steht, untersttzen.

Gewi -- gewi, sagte mit kaum hrbarer Stimme Gabriele -- aber -- aber,
wenn nun Saise -- doch eine -- eine Negerin wre? Wenn nun -- ach Gott --
zrnen Sie mir nicht, ich wei nicht, was ich rede; nein, nein -- Saise ist
frei -- mu frei werden und -- glcklich.

Sie barg ihr Angesicht in den Hnden und die hellen, klaren Thrnentropfen
quollen zwischen den zarten Fingern hindurch.

O, Mi Beaufort! rief St.Clyde gerhrt, Sie sind so gtig gegen die
Unglckliche, wie werde ich Ihnen das je danken knnen?

Gabriele sammelte sich gewaltsam. Was wollen Sie thun -- was ist Ihr
Plan? frug sie schnell; wie glauben Sie Saise retten zu knnen, da Sie
mir selber sagten, jener Bube habe sie an Duxon verkauft und dieser sich
mit meinem Vater berworfen. Was knnen Sie gegen jene Elenden ausrichten,
die die Gesetze auf ihrer Seite haben?

Nichts mehr _durch_ die Gesetze, sagte St.Clyde mit unterdrckter
Stimme -- Alles _ohne_ sie. Der Richter hat mir gestern gesagt, da am
Mississippi ein Trupp von Chocktawjgern lagere, die mssen mir beistehen;
kann ich sie nicht dadurch gewinnen, da sie eine Tochter ihrer eigenen
Race von Sklaverei retten sollen, sind sie so verderbt, da selbst _das_
keinen Eindruck mehr auf sie macht, dann steht mir ein anderes, fr sie
krftigeres Mittel zu Gebote -- der _Whiskey_. Ein Grenzindianer ist ja
durch Whiskey zu jeder Schlechtigkeit zu bewegen, warum nicht auch einmal
zu einer guten That -- es ist das _letzte_ Mittel.

Aber die Gefahr, der Sie sich aussetzen?

Gefahr? Giebt es denn eine Gefahr, wo ich nur sterben kann? Nein,
Mi Beaufort -- _ohne_ Saise, wenn ich sie glcklich wte, htte ich
vielleicht leben knnen; mit dem Gefhl aber, da sie, dem entsetzlichsten
Verderben preisgegeben, in schmachvollen Fesseln schmachten, die freie
Tochter der Wlder eine Sklavin -- nein -- nein -- Leben wre da Wahnsinn.
-- Aber ich mu fort -- die kostbare Zeit verfliegt -- Duxon hat sich mit
Ihrem Vater gezankt und will fort; die ganze Ansiedlung spricht davon,
wie er ihn betrogen und sich in den wenigen Jahren, die er hier sei, ein
Vermgen gewonnen, er wird deshalb nicht sumen, das in Sicherheit zu
bringen, und geht er zu Schiffe, vielleicht nach New-Orleans, dann wre
es unmglich, den Einzelnen in der ungeheueren Stadt wiederzufinden. Doch
jetzt meine Bitte, wollen Sie sich Saisens annehmen?

Wie kann ich es? erwiederte mit ngstlich gefalteten Hnden Gabriele --
Sie ist Duxon's Eigenthum.

Ich wei es, aber Sie haben vielen Einflu auf Ihren Vater, selbst auf
jenen Buben; es ist die Gewalt, die stets die Tugend ber das Laster bt,
die Scheu, die der Bse dem Guten gegenber nicht berwinden kann. Dringen
Sie darauf, da Saise ihm heute noch nicht ausgeliefert werde, oder da
sie, wenn Sie das nicht verhindern knnen, diese Nacht noch bei Ihnen, oder
wenigstens unter dem Schutze jener alten Negerin zubringe.

Sie wollen sie entfhren? frug Gabriele bestrzt.

Nein, sagte St.Clyde dster, ihr Kaufbrief wrde in den Hnden jenes
Buben, Saise aber in dem Gedanken daran stets elend bleiben; nein -- ich
mu den _Brief_ in meine Gewalt bekommen; die Gesetze wollen mir nicht
beistehen, so mag Gott es thun. Versprechen Sie Saisen so lange zu
beschtzen?

Ja, flsterte Gabriele und reichte ihm mit abgewandtem Antlitz ihre Hand
-- und Sie wollen?

Saise retten oder -- sterben, erwiederte fest der junge Creole.

Und dann -- wenn Sie -- wenn Saise die Ihrige ist?--

Such ich ein fernes Land, wo nicht Menschen wie Thiere verkauft und
mihandelt werden; ich stamme aus Frankreich -- meine Familie soll zu den
edelsten des Landes gehren; dorthin kehre ich zurck.

Mit Saise?

Mit meinem Weibe.

So leben Sie wohl, St.Clyde, leben Sie wohl; mge Gott Sie schtzen und
schirmen!

Sie rief's und eilte schnellen Schrittes zum Hause zurck. Auf der Stelle
aber, wo sie gestanden, lag die weie Rose, die noch eben an ihrer Brust
geruht. St.Clyde hob sie auf, kte sie, barg sie an seinem Herzen, eilte
dann zu seinem Pferd, schwang sich in den Sattel und sprengte in schnellem
Galopp die Strae am Strom hinauf. Dort aber angelangt, hielt er sich
nicht lnger auf, als nthig war die gewhnliche Flatbootfhre in Stand zu
setzen, um ihn und sein Ro ans andere Ufer zu bringen, und bald schwamm
das kleine Boot, von vier rstigen Armen getrieben, auf der breiten Flche
des gewaltigen Stromes dem stlichen Ufer zu.

Sind gestern Indianer auf dieser Fhre bergesetzt? frug er nach einer
Weile den lteren der Beiden, der der Eigenthmer des Fahrzeugs zu sein
schien.

Dieser sah ihn an und lachte.

Nein, sagte er, habt Ihr schon einmal davon gehrt, da sich ein
Indianer auf einer Fhre bersetzen lt? ich nicht; _das_ Geld knnen sie
besser gebrauchen; dafr giebt's Whiskey, und wo das rothe Volk fr _den_
Zweck einen Cent ersparen kann, da qult es sich lieber tagelang auf seine
eigene Art -- das heit nicht etwa mit Arbeit.

Also sie sind nicht hier herber? frug St.Clyde erschreckt.

Doch, allerdings, entgegnete ihm der Jngere, nur nicht auf der Fhre
-- sie saen Alle in zwei kleinen Canoes, die sie mit von drben
herbergebracht, und lieen ihre Pferde am Zgel oder Stricken
hinterherschwimmen.

Und glaubt Ihr, da ich sie finden werde?

Ich sollte nicht denken, da es schwer halten wird. Sie hatten, wie mir
Ben sagte, der von oben herunterkam, eine groe Menge Whiskeyflaschen bei
sich, und da sind sie heute wahrhaftig nicht mehr auf die Jagd gegangen.
Ein kleines Stckchen weiter oben landeten sie, und wenn Ihr Euch nur
zu dem Haus dort, was Ihr da durch die Weiden und Baumwollenholzbume
schimmern seht, bemhen wollt, so denk ich, werden sie Euch da wohl auf die
rechte Spur bringen.

Das Boot legte sich in diesem Augenblick am Ufer an, St.Clyde fhrte sein,
vorsichtig mit den Hufen nach festem Grund suchendes Pferd hinaus, drckte
dem Jngeren, der ebenfalls ans Land gesprungen war, um mit dem Tau die
Fhre zu halten, das Ueberfahrtsgeld in die Hand, schwang sich in den
Sattel und trabte rasch dem nicht fernen niederen Wohngebude zu, das,
dicht am Flu errichtet, fr den Augenblick noch von hohem ppigen
Waldwuchs umgeben war, aus welchem aber der neue Ansiedler gerade die
knftigen Mittel seiner Existenz -- Klafterholz fr Dampfboote heraushauen
wollte.

Der Backwoodsman stand in der Thr.

Guten Tag, Sir, rief ihm St.Clyde entgegen, habt Ihr Nichts von den
Indianern gesehen, die gestern, unfern von hier, bersetzten?

Jener horchte, ohne ein Wort auf die Frage zu erwiedern, in den Wald hinein
und verharrte in dieser Stellung wohl mehre Minuten. St.Clyde jedoch, der
glauben mochte, da er seine Frage ganz berhrt habe, wiederholte dieselbe
und bat um Antwort. Wie aus Stein gehauen blieb aber der Amerikaner stehen,
bis der junge Mann endlich ein ungeduldiges aber Sir nicht lnger zu
unterdrcken vermochte.

Knnt Ihr einen Mann finden, wenn er im Walde sitzt und schreit, was aus
der Kehle will? kam jetzt die Gegenfrage, das ziemlich sichere Zeichen des
Neuenglnders.

Wenn ich nahe genug bin, es zu hren, warum nicht? rief der Creole
unmuthig; aber ich frug Euch, ob Ihr die Indianer--

Dort, drin im Walde schreien sie, sagte der Amerikaner trocken und
deutete mit seiner kurzen, aus Schilf geschnitzten Tabackspfeife einen
schmalen Kuhpfad entlang, der gerade in das Dickicht hineinlief.

Die Indianer? frug St.Clyde erstaunt.

Ahem! nickte jener und fuhr dann, ohne des Fremden weiter zu achten, mit
Rauchen fort. Der Creole aber, der jetzt einen Augenblick in den stillen
Wald hineingelauscht hatte, glaubte ebenfalls wild verworrene Tne zu
hren, rief dem Manne einen kurzen Dank zu und sprengte, so schnell es
ihm das ziemlich dichte Unterholz gestattete, auf das Toben zu, das immer
lauter und deutlicher zu ihm herberschallte. Nach kurzem Ritt erreichte er
eine Waldble, dicht am Rande eines kleinen seeartigen Sumpfes, der durch
die Ueberschwemmung des Mississippi zurckgeblieben und noch nicht
ganz wieder ausgetrocknet war, und sah hier ein so pittoreskes als
eigenthmliches Schauspiel vor sich.

Auf dem ppigen Grasboden ausgestreckt, von einem Halbkreis glimmender,
qualmender Feuer umgeben, deren Rauch ber sie hinzog und dazu dienen
sollte, die unzhligen auf sie einstrmenden Musquitos abzuhalten, Manche
mit, Andere ohne ihre Jagdhemden, jeder aber eine ziemlich geleerte
Whiskeyflasche in der Hand, lagen jubelnd und schreiend, alte Schlacht-
und Kriegslieder und neu gelernte franzsische und englische Melodien mehr
brllend als singend, sieben rothhutige Jger unter den riesenhaften,
himmelanstrebenden Baumwollenholzbumen der Niederung und der Eine, der
der Fhrer der Bande und noch am nchternsten zu sein schien, hatte zum
Tactstock sein spitzes Scalpirmesser genommen, und stach damit fortwhrend
in ziemlich regelmigen Zwischenrumen in den grnen Rasen, auf dem er,
das Antlitz den luftigen Wipfeln zugekehrt, lag, whrend ihn die Uebrigen
nicht allein mit ihren Stimmen, sondern auch, ziemlich Alle in derselben
Stellung oder Lage, mit Hacken und Faust accompagnirten; jeder natrlich
seiner eigenen ohrenzerreienden Melodie dabei folgend.

Der Fhrer der Bande entdeckte, wie es schien, den Fremden zuerst; ohne
sich aber weiter zu regen, als nthig war, ihn mit einem flchtigen Blick
von oben bis unten zu messen, hielt er ihm, whrend ein mattes, trunkenes
Lcheln seine Zge berflog, die Flasche entgegen und stammelte:

Hier -- Fremder -- hier -- trin -- trinkt einmal!

Groer Gott! sthnte St.Clyde, erschttert auf die halbbewutlosen
Gestalten der Wilden blickend, groer allmchtiger Gott -- sind das die
Menschen, von denen ich mir Hlfe versprach? -- Verloren -- verloren --
Alles -- Alles verloren!

Er bedeckte sein Gesicht mit den Hnden und sa mehre Secunden lang in
stillem, sprachlosem Schmerz versunken.

Trinkt -- =dam it=, rief der Fhrer noch einmal -- denkt Euch zu gut mit
Indian aus einer Flasche zu trinken, mit armen Indian, eh? Armer Indian
ist groer Huptlings Sohn -- =go to Hell=! Er sank wieder zurck an die
Wurzel des Baumes und begann seinen Gesang von Neuem.

Der Creole sprang vom Pferde und schritt mit untergeschlagenen Armen und
fest auf den Boden gehefteten Blicken neben den trunkenen Jgern auf und
ab, whrend der wilde Fhrer mit glsernen stieren Augen zu dem grnen
Waldesdom emporblickte und die Verse eines indianischen Schlacht- oder
Siegesliedes sang:

  Ich erschlug den Huptling der Muskokee;
  Sein Weib -- dort am Stamme verbrannt' ich sie,
  Und bei den Hinterbeinen darauf
  Hing ich den Lieblingshund ihm auf.
    Huh -- huh -- huh, vom Muskokee
    Wah, wah, wah, den Scalp hier sieh!

Bei dem Namen der Muskokee blieb St.Clyde lauschend stehen -- er wute,
da die Riccarees, selbst noch in letzterer Zeit, manche blutige Schlacht
mit diesem Stamme geschlagen hatten; aber auch die Chocktaws und Muskokees
bekmpften sich -- das Kriegslied mute von diesen sein; dennoch wandte er
sich an den jungen Huptling und sagte:

Welchem Stamm gehrst Du an, bist Du ein Chocktaw?

Der Indianer sang, ohne die Frage zu beachten, weiter--

  Ich streift' ihm den Schdel ganz nackt und baar,
  Und hier ist sein Scalp, mit der Scalplockehaar,
  Sein Fleisch ist in des Panthers Magen,
  Seine blutigen Knochen die Wlfe nagen,
    Huh, huh, huh, vom Muskokee,
    Wah, wah, wah, den Scalp hier sieh!

Bist Du ein Chocktaw, Indianer? frug der Creole jetzt dringender, indem
er sich zu ihm niederbog und die Hand auf seine Schulter legte; rede --
bist Du ein Chocktaw?

Der Wilde murmelte einen nur halbverstndlichen Fluch und fuhr fort:

  Seine Sehnen brauch ich zur Bogenschnur,
  Wenn ich folge der einzelnen Feinde Spur,
  Und es zittert der weibische Muskokee,
  Wie ein Rohr im Orkan, vor dem Riccaree
    Huh, huh, huh, vom Musko --

Was beim Teufel habt Ihr? unterbrach er sich da pltzlich selbst,
als St.Clyde, bei der Nennung jenes Stammes berrascht, mit dem
Ausruf freudigen Erstaunens: Ha! Riccaree! -- Ihr seid ein Riccaree!
emporzuckte.

Ihr seid ein Riccaree? wiederholte er dann nach kurzer Pause noch einmal.

Nun gut -- was soll's? war die kurze Antwort des Indianers, der
sich inde bestrebte, die durch die Unterbrechung verlorene Melodie
wiederzufinden, whrend er gedankenlos dazu mit den Fen auf dem Grasboden
trommelte.

So mt Ihr mit mir kommen und ein Kind Eures Stammes retten, das sich in
dringender Gefahr befindet.

Mein Stamm ist in Missouri, murmelte der rothe Sohn der Wlder und summte
dann wieder leise vor sich hin:

  Seine Sehnen brauch ich zur Bogenschnur,
  Wenn ich folge der flchtigen Feinde Spur --

Aber sie haben es geraubt! rief St.Clyde in Verzweiflung. Mensch, hat
denn dieser teuflische Whiskey Deine ganzen Sinne verbrannt, da Du kein
Mitleiden, kein Gefhl mehr hast?

Keinen Whiskey mehr hast? wiederholte mit lallender Zunge der Jger --
nein -- nichts mehr, nur ein bischen -- gebt welchen.

Ha, sagte der Creole, von einem glcklichen Gedanken ergriffen, Du
sollst Whiskey haben, ein ganzes Fa voll, aber komm jetzt mit mir und
stehe mir bei.

Fa voll Whiskey? murmelte der Indianer, sich halb aufrichtend - ganz
Fa voll? Der Gedanke war zu groartig fr ihn, er vermochte nicht ihn auf
einmal zu fassen. Das Chor der Gefhrten brach zuletzt wieder in einen so
brllenden Schlachtschrei aus, wobei sie mit den Armen wild in der Luft
herumfochten, da ein alter Alligator, der sich kaum hundert Schritte von
ihnen entfernt auf einem im Wasser schwimmenden Stamme sonnte, erschreckt
emporsah und dann geruschlos in das ruhigere Element zurckglitt.

Fa voll Whiskey? wiederholte der Indianer nach langer Pause. Viel
Whiskey das -- kommt! und er versuchte sich, wenn auch vergebens,
emporzurichten.

Der Creole untersttzte ihn nun zwar und brachte ihn mit genauer Noth
dahin, da er aufrecht stehen blieb; was aber half ihm das? Was sollte er
mit dieser bewutlosen Masse von Gier und roher Sinnlichkeit beginnen? War
das der Mann, der ihm helfen konnte die Geliebte zu befreien? Er lie
ihn los und der junge Huptling taumelte, mit auf die Brust gesenkter
Unterkinnlade, an den nchsten Baum an.

Arme Saise! seufzte St.Clyde.

Ais? stammelte der Indianer mit schwerer Zunge -- Ais? Wer spricht von
Nedaunis-Ais? Sie ist todt -- Whiskey will ich -- Whiskey!

Whiskey! jubelte die Bande, die das letzte laut ausgestoene Wort
vernommen -- Whiskey, hupih!

_Nedaunis-Ais?_ Du kennst sie? rief der Creole und sprang auf den
Taumelnden zu.

Lat mich oder ich stoe Euch Eisen in Leib, knurrte der Wilde -- =dam
you=!

Nedaunis-Ais _lebt_, donnerte aber Jener, die Drohung nicht achtend, fort
-- sie _lebt_ und _Du_ sollst mir helfen, sie zu _retten_--

_Lebt? retten? wo?_ rief der Trunkene, jetzt augenscheinlich bemht, den
klaren Sinn der Worte zu fassen, whrend seine starren Augen fest auf dem
Fremden hafteten.

Mit kurzen Worten erzhlte nun St.Clyde dem aufmerksam Lauschenden die
Geschichte der Indianerin, whrend dieser mit fest gegen die Schlfe
gepreten Hnden dastand und jede Sylbe von seinen Lippen sog. Endlich
aber, als er anfing zu begreifen, um was es sich handele, und als das
Schicksal der Unglcklichen in klareren, entschiedneren Farben vor ihm
auftauchte, da fate er, von Grimm und Wuth entbrannt, die Flasche, die,
noch immer ein Drittheil gefllt, neben ihm lag und schmetterte sie mit
wildem Wurf gegen den nchsten Stamm.

Gift -- Gift -- Gift! schrie er dabei -- die Schwester verkauft und ich
trunken -- Gift -- Gift, der Weien Feuerwasser -- Gift -- Whiskey!

Whiskey! hupih! jubelten die von der Schaar, die noch Besinnung genug
brig behalten hatten, die letzten Worte zu verstehen.

Aber, halt -- halt! rief der junge Indianer pltzlich, indem er sich die
langen, schwarzen Haare aus der Stirn strich, noch ist nicht zu spt --
noch ist Zeit -- und sein Jagdhemd und seine Leggins abwerfend, sprang er
mit einem Satz von dem, an dieser Stelle mehre Fu hohen Ufer in das Wasser
hinab, tauchte mehrmals unter und kam dann ans Land geschwommen. Hier lief
er, ohne sich die Mhe zu nehmen, seine Sachen erst wieder anzuziehen, in
den Wald hinein, aus dem er nach kaum einer Viertelstunde auf dem Rcken
eines kleinen schnaubenden Poneys zurckkehrte. Seine Kleider und Waffen
waren bald zusammengerafft und fast eher noch, als der Creole sein Pferd
besteigen konnte, winkte er ihm schon zu folgen.

Aber Deine Kameraden, sagte St.Clyde jetzt, was knnen wir zwei allein
ausrichten!

Komm, sagte der Sohn der Wlder, komm; willst Du bis morgen bleiben,
um sie mit lallender Zunge sprechen zu hren -- _mehr Whiskey_ -- _mehr
Whiskey_? Es sind Chocktaws -- ich mu fort -- Du kommst mit -- wir zwei
genug--

Er wartete gar keine weitere Antwort seines Begleiters ab, sondern sprengte
mit verhngten Zgeln dem Mississippi zu, warf sich hier noch einmal in die
Flut, die Wirkung des Feuertranks zu vernichten, und holte dann, nachdem
er seine wenigen Kleidungsstcke wiederangelegt, ein verborgen gehaltenes
Canoe aus dem Gebsch. St.Clyde mute sich in die Mitte desselben setzen,
und an beiden Seiten eines der Pferde mit dem Zgel untersttzen, whrend
er selbst das Boot schnell und geschickt ber den breiten reienden Strom
ruderte.

So lange aber war St.Clyde, zuerst von dem Indianer und dann durch das
Ueberfahren aufgehalten worden, da die Sonne schon unterging, als sie
eben das westliche Ufer erreichten, und der Creole mute nun die Leitung
bernehmen, und fhrte den so zufllig gefundenen Bruder Saisens zu dem
Richter. Unterwegs erzhlte ihm dabei Wetako, der Name des Riccaree, da er
damals seine entfhrte Schwester verfolgt und den schndlichen Ruber
auch eingeholt und erschlagen habe, vergebens aber war sein Monate langes
Umherstreifen gewesen, eine Spur der Geraubten selbst zu finden, die durch
die teuflische List jenes Buben seinem rettenden Arm entzogen worden.
In Verzweiflung darber hatte er sich endlich einer Schaar von Chocktaws
angeschlossen, die in den Wldern Louisianas jagten und das erlegte Wild in
die benachbarten kleinen Stdte schafften. Durch Lebensberdru und Schmerz
aber gleichgltig gegen Alles gemacht, was er sonst hoch und theuer hielt,
ergab er sich dem Trunk und folgte dabei nur dem Beispiel seines ganzen
unglcklichen Stammes.

Das doppelte Bad und der jhe Schreck der theils freudigen, theils
schlimmen Nachricht von dem Leben und der Noth seiner Schwester hatte aber
jede Spur von Rausch verdrngt; der Indianer, der kalte, besonnene Wilde
war wieder in ihm erwacht, und mit schnellem Blick bersah er die Gefahren,
die das Wesen, das er auf Erden am meisten liebte, bedrohten. Zwar kannte
er nicht die Gesetze der Weien, aber er wute, wie schwer, ja wie fr
einen Indianer fast unmglich es sei, etwas zurckzuerhalten, auf das sie
erst einmal ihre Hand gelegt, und schien auch von vorn herein gar keinen
andern Gedanken gehabt zu haben, als Saise durch List oder Gewalt zu
retten; beides galt ihm gleich, so es nur zum Ziele fhrte.

Dunkele Nacht war's, als sie das Haus des Richters endlich erreichten;
wichtige Vernderungen schienen aber in den wenigen Stunden vorgegangen.
Von den Grenzen des nrdlich liegenden Mississippistaates herber hatten
sich einzelne Constabel eingefunden, die einen Pflanzer wie seinen
Helfershelfer verfolgten. Bis nach Waterloo muten die Flchtigen auch
zusammengeblieben sein, von da an schienen sie sich aber getrennt zu haben,
und zwei der Nachgesandten jagten am Ufer des Flusses hinab, dort alle
Anstalten zu treffen, ihre weitere Flucht aufzuhalten, whrend die Uebrigen
der allerdings strkeren Spur stromauf folgten, um die Entflohenen wo
mglich daran zu verhindern, sich in das Innere des Landes zu wenden und
die texanische Grenze zu erreichen.

Des Richters Verdacht aber, dem ebenfalls Meldung geworden, war
augenblicklich auf den Fremden gefallen und er hatte noch spt am
Nachmittag Boten an den Fausse Riviere gesandt, um diesen jetzt, nicht
wegen der Indianerin, sondern als Ausrede auf den Verdacht hin mit jenen
Negerdieben im Bunde zu stehen, verhaften zu lassen. Dadurch hoffte er zu
gleicher Zeit der Wahrheit auf die Spur zu kommen, ob Saise Sklavin oder
nur schndlich ihrem Stamme geraubt sei.

St.Clyde drang nun darauf, einen Aufschub der Auslieferung Saisens zu
erhalten, wozu sich der Richter jetzt ebenfalls gern bereit zeigte,
nur mute dazu die Rckkunft des Deputysheriffs erwartet werden, da der
Obersheriff stromauf, die beiden Constabel aber stromab beschftigt waren,
und der Creole sah sich zu seinem grten Verdru gezwungen, dessen Ankunft
zu erharren. Zwar erbot er sich, das Schreiben selber mit hinber
zu nehmen; das wre aber nicht rechtskrftig gewesen und der Richter
vertrstete ihn damit, wie die wenigen Stunden sicherlich keinen
Unterschied machen wrden, da er ja trotzdem noch mit Tagesanbruch an
dem Fausse Riviere sein und das arme Mdchen vor dem Fortschleppen in die
Gefangenschaft bewahren knne. Aber der Deputysheriff kam nicht -- Stunde
auf Stunde warteten sie und ngstigten sich, und der Richter rief endlich
verdrielich:

Die Pest ber den Burschen -- ich werde mich noch gezwungen sehen darauf
anzutragen, da der Sheriff diesen liederlichen Fritz Haydt entlt; es ist
gar nichts mehr mit ihm anzufangen; er trinkt sich voll, lt sich von den
Mulattinnen an dem Fausse Riviere zum Narren haben und versumt dann seine
Pflicht.

Ich will ihm entgegengehen, bat St.Clyde, vielleicht zgert er
unterwegs--

Das wrde Ihnen wenig helfen, meinte der Richter, denn _wenn_ er zgert,
so finden Sie ihn nicht, seine Vergngungsrter hlt er ziemlich geheim.
Kommt er aber nicht bis morgen frh, so reite ich selbst mit Ihnen hinber
und dann machen wir die Sache gleich zusammen ab.

In Angst und peinlicher Erwartung verbrachten sie die Nacht, und nur der
Riccaree konnte nicht begreifen, weshalb sie eigentlich zgerten, und
wollte fortwhrend aufbrechen, die Schwester zu befreien und zu rchen.

Da -- es mochte zwei Uhr vorber sein und das Schweigen der Frsche
verkndete den nahenden Morgen -- klopfte etwas mit heftigen Schlgen an
die Thr der Wohnung; der wachthaltende Sklave ffnete, und die Treppe
herauf strmte nicht der Deputysheriff, sondern der Constabel, mit wenigen
Worten jetzt meldend, da, sicherer Kundschaft zufolge, jener Pitwell der
besoldete Entfhrer der smmtlichen Plantagenneger sei, und auch an dem
Fausse Riviere nicht mehr gefunden werden knne. Aber Beaufort's Overseer
msse ebenfalls mit ihm unter einer Decke stecken, denn auch er sei,
wahrscheinlich gewarnt, mitten in der Nacht nebst der erst angekauften
Indianerin aufgebrochen, die ihm aber keineswegs gutwillig gefolgt, sondern
in einer gewhnlichen Negerkette forttransportirt wre.

Wah!-- rief Wetako, von der Erde emporspringend, auf der er
niedergekauert bis jetzt gesessen hatte -- fort -- fort -- wir mssen
fort.

Auch St.Clyde griff nach seinem Hut und wollte ihm folgen; der Richter
trat ihnen aber in den Weg und bat sie noch einen Augenblick zu verweilen.
Dann stellte er ihnen vor, wie sie durch Gewalt wenig oder gar nichts
ausrichten knnten, bis nicht eine hinlngliche Anzahl von Pflanzern
versammelt sei, die ihnen dann gemeinschaftlich folgen mten; das wrde
aber natrlich wenigstens bis morgen Mittag dauern, und er wolle sie
deshalb zugleich bitten, ihre Krfte mit denen seiner Constabels zu
vereinen, um alle Pflanzungen so schnell wie mglich von dem Vorfall
in Kenntni zu setzen. Werde die Rettung auch dadurch um wenige Stunden
verzgert, so sei sie aber auch mit so viel mehr Gewiheit vorauszusehen.
-- Davon wollte aber weder der Creole noch der Indianer hren.

Nein, rief der Letztere, Nedaunis-Ais in Ketten, und Wetako mit Messer
und Bchse auf der Spur -- wir wollen fort!

Um Gottes willen -- begeht keinen Mord! rief der Richter ihnen
erschrocken nach -- Ihr kennt unsere Gesetze nicht -- lebenslange
Kerkerstrafe wre die Folge.

Der Indianer lchelte grimmig vor sich hin, als er die Worte hrte.

Warum sperrt Ihr denn den Panther nicht ein, der Nachts Eure jungen Pferde
raubt? hhnte er -- Wetako ist ein Mann und seine Fhrten sind tief.
Folgt ihm, wenn Ihr knnt!

Er sprang rasch in den Sattel, der Creole ebenfalls, noch einen Gru warf
der Letztere zu dem dabei auch ihn ngstlich warnenden Richter hinauf, und
fort flogen sie in gestrecktem Galopp die Strae entlang und dem Orte zu,
von wo aus der Overseer aufgebrochen, um dort zuerst die Spur aufnehmen zu
knnen.

Schon rtheten die ersten Sonnenstrahlen das dunkelgrne Laub der
rauschenden Cypressen, als die Reiter Beaufort's Plantage erreichten; hier
war aber Alles in Aufruhr. Aus fast smmtlichen benachbarten Ansiedlungen
hatten sich die Pflanzer, mit Doppelflinten, Messern und Harpunen
bewaffnet, eingefunden und _eine_ Abtheilung sollte schon, wie St.Clyde
hrte, vorausgesprengt sein, die Flchtigen wenigstens aufzuhalten. Die
beiden Mnner verweilten aber kaum lang genug hier, nur das Nothwendigste
zu erfahren, frugen schnell, welchen Weg die Gig des Overseers genommen,
und strmten dann wie dunkele Rachegtter hinterdrein.

Eben diese Gig war aber die Ursache gewesen, da man auf der Plantage,
frher als es Duxon gehofft, Verdacht schpfte, da er seine Sachen noch an
demselben Tage, unter der Adresse eines texanischen Handelshauses und
mit einem gerade dort anlegenden Dampfboot, nach Houston gesandt hatte.
Einzelne der Neger, die er sonst stets grausam und unmenschlich behandelt,
meldeten dem Herrn ihre Vermuthungen, wie auch, da eine gewisse Anzahl
ihrer Mitsklaven, von denen die meisten des Overseers Spione gewesen,
ebenfalls vermit wrden und allem Anschein nach entflohen wren.

Duxon war berdies noch am vorigen Tage genthigt gewesen, seine
neuangekaufte Sklavin in der Obhut der alten Negerin zu lassen, da Gabriele
fest darauf bestanden, und er durch zu starres Weigern Verdacht zu erregen
frchtete. Dies hielt in der Nacht seine Flucht auf, die er, durch einen
Boten Pitwell's gewarnt, beschleunigen mute, und so kam es denn, da er,
noch mehre Meilen von dem Versammlungsort entfernt, die gut berittenen
Verfolger in voller Hetze hinter sich hrte. Kaum vernahm er aber die
nachdonnernden Hufe auf der hartgetretenen Strae, als er, schnell das Bett
eines kleinen, ebenfalls trockenen Baches benutzend, von dem Wege abbog.
Die Neger waren nmlich schon auf Pferden, die sie ihrem Herrn oder den
Nachbarn geraubt, der ihnen bezeichneten Gegend zugesprengt, und Duxon
hatte gehofft sie schnell genug einholen zu knnen. Fr den Augenblick
gelang ihm auch diese Kriegslist vollkommen, denn die Pflanzer, wenig damit
vertraut einer Fhrte zu folgen, bemerkten die Abweichung der Wagenspuren
nicht eher, bis es zu spt war, und folgten dann der ihnen durch die Neger
selbst verrathenen Richtung, weil sie nicht umkehren wollten, die Zeit
zu versumen. Am Versammlungsort muten sie ja spter doch Aller habhaft
werden.

Duxon nun, mit jedem Fubreit Landes in diesen Waldungen und Smpfen
vertraut, wute, da er, wenn er dem Rande eines kleinen Dickichts folge,
eine ziemlich offene Holzung finden und nur mit den hindernden Wurzeln
der Cypressen zu kmpfen haben wrde. In kaum einer Viertelmeile von da
durchschnitt aber eine andere, ebenfalls nach dem Cutoff[8] hinauffhrende
Strae den Sumpf, und sobald er diese erreichte, mute ihn das aus der Spur
aller Verfolger bringen.

  [8]: Eine Biegung des Mississippi ist so genannt, wo sich dessen
  Strmung eine neue, nhere Bahn gebrochen hat.

Auf _einen_ Widerstand aber hatte er nicht gerechnet, auf den _Saisens_. So
lange er sich nmlich in der Strae hielt, gab die Unglckliche noch immer
nicht die Hoffnung auf, von dem Geliebten, denn auch sie hing mit ganzer
Seele an dem jungen Creolen, eingeholt zu werden; jetzt aber, als sie sich,
nur von den rauschenden Bumen des Waldes umgeben, ganz in der Gewalt
des Menschen fand, den sie, seit sie ihn zum ersten Mal gesehen, auch
gefrchtet und verabscheut hatte, da glaubte sie ihr Schicksal besiegelt,
und versuchte nun mit verzweifelter Anstrengung ihre Ketten zu zerreien
und sich zu befreien.

Sitz' still, zum Teufel! brummte der Overseer, ohnedies nicht in der
besten Laune, oder ich klopfe Dir den Peitschenstiel auf den Schdel, da
Du Dich ruhig verhltst -- hrst Du?

Saise hielt einen Augenblick erschpft inne, dann aber, auf's Neue ihre
letzte Kraft versuchend, gelang es ihr, wenn auch nicht ihre Ketten, doch
die Bande zu zerreien, die ihre Hnde niederhielt. In demselben Augenblick
befreite sie sich auch von dem Knebel, den ihr der Bube der Vorsicht wegen
angelegt hatte, und stie nun, von Angst und Verzweiflung getrieben, einen
Hlfeschrei aus, der so laut und pltzlich in die Ohren des vor die Gig
gespannten Poneys drhnte, da dieses entsetzt zur Seite prallte und
waldeinwrts rannte. Duxon aber, durch den Hlferuf Saisens ebenfalls
erschreckt, konnte ihm nicht schnell genug in die Zgel fallen, ja diese
entglitten sogar seiner Hand, und im nchsten Augenblick schnellte auch
schon das leichte Fuhrwerk mit einem Rad an einer der Cypressenwurzeln
hinauf und schlug, den Herrn wie seine Sklavin in ein benachbartes Dickicht
schleudernd, um.

Zorn und Rache im Blick sprang der Bube empor, das Poney nahm aber zuerst
seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch -- die Gig enthielt Alles, was er an
Vermgen besa, und wenn ihm das Pferd entlief, war er verloren. Dem wild
Stampfenden fiel er daher rasch in die Zgel, ri es auf die Hinterbeine
zurck, da sich der weie Schaum mit dem Blut des wundgerissenen Maules
vermischte, und richtete dann, whrend das erschreckte Pferd zitternd
stille stand, mit riesiger Kraft die Gig wieder empor.

Nun aber wandte sich auch seine ganze Wuth gegen die Ursache dieses
Unfalls, denn Saise, von dem Sturz erst fast betubt, hatte sich jetzt
wieder gesammelt und lie auf's Neue den gellenden Hlferuf erschallen.

Donner und Tod! schrie er, flog auf die Zurckspringende zu und fhrte
mit der umgekehrten und mit Blei gefllten Peitsche einen Schlag nach ihrem
Kopfe, der ihr denselben zerschmettert haben wrde, wenn er sie traf; die
gefesselten Arme aber emporhebend, fing sie den Streich auf, der an den
Kettengliedern unschdlich niederstreifte.

Duxon wollte den Schlag wiederholen, da tnte, wohl noch in weiter Ferne,
aber klar und deutlich ein scharf ausgestoener, wilder Laut durch den
stillen Wald -- er hielt ein, um zu horchen, Saise aber schien in diesem
Augenblick wie aus Stein gehauen, so starr und regungslos blickte sie nach
jener Gegend hin, von woher der Ruf geklungen.

Ha, da kommen ihrer mehr, aber sie sind auf der Strae, murmelte der
Overseer vor sich hin; Pest und Gift, die Sache wird gefhrlich; komm,
mein Tubchen, und sei jetzt vernnftig, der erste Schrei, den Du wieder
ausstt, ist Dein Tod! Und mit den Worten bckte er sich, ergriff das
einer Statue hnliche Mdchen und wollte sie in das wieder geordnete
Fuhrwerk tragen; bei seiner Berhrung erwachte aber auch in dieses das,
durch jenen Ruf fast erstarrte Blut; mit aller Gewalt, deren sie fhig war,
schwang sie die leichte Kette, die ihre Handgelenke gefesselt hielt,
empor und schlug sie gegen den Kopf ihres Rubers nieder, da dieser sie
halbbetubt loslie und zurcktaumelte. Wieder aber erschallte da lauter
und dringender als zuvor der Hlferuf der Unglcklichen, und Duxon, jetzt,
durch Schmerz und Wuth zum Aeuersten getrieben, hrte kaum das antwortende
und nher kommende Signal, als er auch sein breites Messer aus der Scheide
ri, auf die entsetzt Zurckzuckende lossprang und ihr mit fest auf
einander gebissenen Zhnen den scharfen Stahl in die Brust stie.

Zum Tode getroffen taumelte Saise nieder in das gelbe Laub, Duxon aber
flog mit wilden Stzen zum Wagen, ri eine groe Brieftasche heraus, die
er unter seiner Weste barg, schnitt die Strnge des Poneys durch, warf sich
die Doppelflinte auf die Schulter, sprang auf das Pferd und verschwand im
nchsten Augenblick im Dickicht.

Kaum hatten sich aber hinter ihm, auf der einen Seite des kleinen freien
Platzes die Bsche geschlossen, als auch schon an der anderen zwei Reiter
auf schumenden Rossen hervorbrachen, doch hier, wie von einem Blitzstrahl
getroffen, entsetzt in ihre Zgel griffen. Sie hielten mehre Secunden an.
Whrend sich dann aber der Eine mit wildem Schmerzesschrei aus dem
Sattel und neben dem blutenden Krper des holden unglcklichen Mdchens
niederwarf, hob sich der Andere auf dem Rcken seines Thieres zu seiner
vollen Hhe empor und lauschte mit wild stieren, glanzlosen Augen in den
Wald. Pltzlich mute ein fernes Gerusch sein Ohr getroffen haben, denn
ohne die Ermordete weiter eines Blickes zu wrdigen, stie er dem ngstlich
vor dem Geruch des Blutes zurckschaudernden Thier die Hacken in die Seite,
setzte mit diesem ber das im Wege stehende Gig hinweg und folgte, lautlos
zwar, aber mit Tod und Verderben sprhenden Blicken dem flchtigen Mrder.

Keine Sylbe kam ber die zitternden Lippen, keinen Blick verwandte er
von der Spur in der weichen Erde, rasch, mit dem Zgel des Pferdes in der
einen, der Bchse in der andern Hand, flog er dahin durch den dichten Wald,
und kaum konnte er fnfhundert Schritte gesprengt sein, als er den Feind
ansichtig wurde, der eben damit beschftigt war, einen der in dem Gebsch
hngen gebliebenen Strnge loszuhauen, was seine Flucht kurze Zeit
aufgehalten.

Duxon schaute sich um und erkannte in der reiend schnell nherkommenden
Gestalt einen Indianer, war aber im ersten Augenblick wirklich ungewi, ob
oder ob er nicht einen Feind in ihm zu frchten habe, denn er selbst hatte
nie mit Nachkommen jener wilden Stmme verkehrt und wute, da sie
sich selten dazu hergeben, die Streitigkeiten der Weien untereinander
auszufechten. Als aber eben der Gedanke an die gemordete Jungfrau, die ja
auch jenem unglcklichen Volke angehrte, sein Hirn durchzuckte, sah er,
wie der junge Indianer seinen Zweifeln schon ein Ende machte, denn er hielt
pltzlich sein Pferd an, hob die Bchse, und der rothe Feuerstrahl zuckte
durch das geheimnivolle Dunkel des Urwalds.

Der Overseer fhlte sich verwundet, aber ihm blieb keine Zeit zum
Nachdenken, der Rcher brauste heran. Zwar hob er selbst jetzt das
Doppelrohr, diesen niederzuschieen, der vorausgeschleuderte Tomahawk
traf jedoch seinen linken Ellbogen, und wenn sein Schu auch in demselben
Augenblick dem Rohr entfuhr, so erhielt doch dies dadurch eine falsche
Richtung; nur einzelne Schrote streiften Wetako's Schulter und ehe der
sich seiner Schuld bewute Mrder den zweiten Hahn spannen konnte, flog
der Rcher herbei; der Schlachtruf des Riccarees schallte gellend durch
den Wald, das Bowiemesser zischte nieder, und heulend brach der Elende
zusammen.

Das bleiche Haupt der Geliebten an seiner Schulter, kniete indessen der
junge Creole neben dem verblutenden Krper des schnen, unglcklichen
Mdchens. Wohl hatte er schnell und vorsichtig die weite, klaffende Wunde
verbunden, aber es war zu spt und der Todessto ihr ins innerste Leben
gedrungen. Er hrte das Vorbeistrmen der Verfolger, die aus allen Theilen
der Gegend herbeistrmten, den Negerraub zu verhindern, er hatte den
Schlachtschrei des Riccaree vernommen, aber er achtete es nicht, sein Auge
hing an dem rothen entquellenden Lebensstrom des heigeliebten Mdchens und
Nacht -- finstere Nacht ward es endlich vor seinen Blicken.

Als er sich wieder erholte, stand der Riccaree an seiner Seite; er hatte
den Leichnam der Schwester in seine Decke eingehllt und hob ihn, da er das
Erwachen des Weien bemerkte, vor sich auf das Pferd.

Wetako -- was willst Du thun? rief der Creole, erschrocken emporfahrend
-- wo willst Du hin?

Will dem Stamme der Riccarees die Ueberreste von seines Huptlings Tochter
bringen, sagte der junge Indianer mit dsterem Lcheln; ich will sagen,
es sei die Friedensgabe, die ihnen die Weien senden. -- Unser Land haben
sie uns geraubt, hier ist Blut, das neue damit zu dngen -- lebe wohl!

Und der Ruber? frug St.Clyde, immer noch in halber Betubung auf den
blutigen Krper blickend, den jener im Arme hielt.

Der Ruber? hhnte der Riccaree, whrend er seinen hirschledernen
Ueberwurf zurckschlug -- der gehrt _mein_! und der Creole erkannte mit
Entsetzen, an dem Grtel des Wilden, den blutigen Scalp des Erschlagenen.
Ehe er aber noch ein weiteres Wort uern konnte, schwang sich jener hinter
der Leiche in den Sattel, stie dem schnaubenden Thiere die Hacken in die
Seite und war im nchsten Augenblick den Augen des Weien entschwunden.

Die nachsetzenden Pflanzer hatten indessen den schurkigen Negerdieb, jenen
Pitwell, eingeholt und mit der gewhnlichen Schnelle, mit welcher alle
dem hnliche Verbrechen bestraft wurden, an den nchsten Baum gehangen. In
seiner Brieftasche fanden sich brigens hinlngliche Beweise, da er diesen
Tod zehnfach verdient, denn auch die reine Abstammung der Indianerin ward
hier, durch einen Brief der Helfershelfer, auer allen Zweifel gesetzt.
Als man aber spter der Spur des Wagens folgte, um dem Overseer ebenfalls
nachzusetzen, fand man die Zeichen des Kampfes, wie den kleinen Wagen
selbst. Unfern von dort aber, bleich und starr an dem Stamm eines jungen
Baumes gelehnt, lag, in der rechten Hand ein abgeschossenes Pistol, die
Leiche des Creolen.




Herr Schultze.

Ein Mrchen.


Die Zeit der Wunder ist vorber und die Welt glaubt nicht mehr an das
Ueberirdische, denn sie will Alles in nchterner hausbackner Wirklichkeit
haben, um es so recht aus Herzensgrund begreifen, das heit _betasten_ zu
knnen. Kommt dann wirklich einmal etwas Geisterhaftes, zeigt sich
einmal in stiller Mitternachtsstunde dem Einzelnen, dem Auserwhlten,
ein anstndiges ordentliches Gespenst, so knnte dieser spter bei allen
Heiligen, und noch berdies Stein und Bein schwren, es glaubte ihm Niemand
ein Wort davon. Entweder hiee es: der gute Mann hat mit wachenden
Augen getrumt, oder die lieblose Bruder- und Schwesterschaar urtheilte
vielleicht noch strenger und sagte am Ende gar: Er ist ein Narr, da er
denken kann, vernnftige Leute sollten sich so etwas wei machen lassen!

Was um des Himmels Willen ist nun mit einer solchen Welt anzufangen? -- Gar
nichts.

In solch hnlicher Verlegenheit befand sich vor noch nicht so langer
Zeit der liebe Gott selbst. Auf der Erde, und besonders in den deutschen
Bundesstaaten sah's in jeder Hinsicht windig und bs aus. Mit der Politik
der Kammern waren allerdings die Kammer_herrn_ und Kammer_diener_, sonst
aber auch Niemand zufrieden, die Religion drohte gleichfalls wieder eben
_aus_ Religion ganz irreligis zu werden, denn selbst die Laien fhlten
sich nicht mehr sicher als ganz gewhnliche Menschen schlafen zu gehn und
als Apostel wieder aufzustehen -- und was die Ernten betraf, da hrte denn
nun wirklich Alles auf. Einmal war es zu drr, einmal zu na, einmal fiel
Mehlthau, ein anderes Mal Hagel, kurz es kam in jedem Jahr etwas Anderes,
was die Getreidepreise hinauftrieb, Brot und Fleisch theuer machte und
die Armen -- =i.e.= solche, die nicht gewut hatten reich zu werden -- so
bedrckte, da des Betens und Bittstellens kein Ende mehr wurde und sich
die Nothleidenden theils persnlich an ihn wandten, theils die armen
Heiligen und Schutzpatrone bis auf's Blut plagten und peinigten.

Dazu kam nun noch, da die Menschen wirklich anfingen ihm leid zu thun.
Er htte ihnen so gern geholfen! -- Wie aber das anfangen? Die Gesetze der
Natur konnte und wollte er deshalb nicht ndern, und das ungeheure
Walten jener wirkenden und schaffenden Urkrfte zu stren, wre, der
Paar Erdenbewohner wegen, auch etwas viel verlangt gewesen. Aber es gab
_natrliche_ Mittel und die sollten hier helfen.

Nichts war einfacher als die Religion -- er hatte das Ganze schon frher
einmal dem Moses in einer Viertelstunde dictirt -- in dieser Hinsicht
hoffte er bald Frieden zu stiften; auch die Politik mute in Ordnung
gebracht werden -- es waren ja Alles seine Kinder und wenn auch die Einen,
wie das wohl die Geschwister hufig thun, die Anderen unterdrckt und
sich die Sachen zugeeignet hatten, die gar nicht fr sie allein bestimmt
gewesen, so konnte das -- und dazu hatte er ihnen ja eben die _Vernunft_
gegeben, bald wieder geregelt werden.

Was denn endlich den vielen Miwachs der Ernten betraf, so erzeugte die
Erde selbst in ihrem Inneren Mittel gegen diese Uebelstnde, denn sie trug
und trgt ja in sich selbst den Keim, das Alles zu verbessern und zu seinem
hchsten Grad der Vollkommenheit zu fhren. Nun frug es sich nur, wie es
mglich sei, dies den Menschen selbst bekannt zu machen, und auf welche Art
es sich hoffen lie von ihnen verstanden zu werden?

Durch eine feurige Schrift am Himmel? -- Die Freigeister und Professoren
htten eine solche als etwas Natrliches erklrt und die Theologen ihr
eine ganz andere Auslegung gegeben. Durch eine Stimme von oben? -- Das war
erstens schon dagewesen und dann wrden auch die Leute hchstens gesagt
haben: Heute hat es doch einmal gedonnert da man ordentlich Worte
verstehen konnte. -- Es war zum Verzweifeln.

Da beschlo denn Gott Vater, aus unendlicher Liebe fr das
Menschengeschlecht, ein Buch ber die zu verbessernden Verhltnisse, und
besonders ber Ackerbau und Viehzucht, fr welche beiden Zweige er sich
vorzugsweise interessirte, zu schreiben und damit selbst auf die Erde
hinabzusteigen.

Zeit hatte er ja fr den Augenblick: die Welt lief im Allgemeinen in
ihren ewigen Kreisen ruhig fort, und wenn ihm nicht manchmal ein Komet
durchbrannte und einen Schweif roher Gesellen auf den Hacken, mit
offenen Laternen und Pechfakeln die stillen Straen des Firmaments auf
staatsgefhrliche Weise durchtobte, so war keine Unordnung zu frchten.
Doch auch selbst hierber hatten ihn die Berechnungen der besten Astronomen
beruhigt, die ja die Erscheinung des nchsten noch bis auf =x= Jahre
hinausgeschoben.

Sein Plan ward also, kaum gewollt, auch schon ausgefhrt. Mit
Gedankenschnelle flogen die Zeilen mit der Enthllung jener gttlichen, uns
noch unbekannten Urkrfte des Erdkrpers auf das Papier nieder, und wenn
sich der liebe Gott auch, seit er damals die zehn Gebote entworfen, nicht
mehr mit literarischen Arbeiten beschftigt hatte, so ging die Sache doch
verhltnimig ungemein schnell.

Das geschehen, rauschte er, die Liebe fr seine oft unfolgsamen Kinder im
treuen Vaterherzen, auf unsere schne Erde hernieder, um einen Verleger fr
sein Werk zu suchen und stieg, wie sich das von selbst versteht, in Leipzig
und zwar im ersten Gasthof daselbst ab.

Um aber jedes Aufsehen zu vermeiden, mute er natrlich die Gestalt des
Menschen -- die edle schne Gestalt des Mannes, wie er ihn frher nach
seinem eigenen Bilde erschaffen, annehmen, und kleidete sich zwar sehr
einfach, aber doch nach der gerade bestehenden Mode. Vor dem Hotel hielten
mehrere Droschken und eine derselben brachte ihn denn auch bald zu dem
Buchhndler _Schmerz_, bei dem er ohne weitere Umstnde eintrat und ihm,
nach wenigen einleitenden Worten, sein fertiges Manuscript anbot.

Herr _Schmerz_ -- ein langer hagerer Mann, mit tiefliegenden, dunkeln
Augen, nthigte ihn sehr artig zum Sitzen, las dann den Titel des
Manuscripts und frug, sich leicht gegen den Fremden verneigend:

Mit wem hab' ich die Ehre?

Das war nun allerdings eine sehr natrliche Frage; jeder Buchhndler
wnscht doch zu wissen, mit wem er es zu thun bekommt. Dem lieben Gott kam
sie aber nichts desto weniger unerwartet, denn er durfte dem Manne doch
nicht sagen wer er sei; Herr _Schmerz_ htte ihm das auch im Leben nicht
geglaubt. Er fate sich also kurz und antwortete, indem er, um nicht
unartig zu scheinen die Verbeugung erwiederte:

_Schultze!_

Ah -- Herr _Schultze_ -- mir sehr angenehm. Und Sie wnschen also dies
hier drucken zu lassen?

Ich wnsche dadurch einem dringenden Bedrfni abzuhelfen, sagte der
liebe Gott, und Herr Schmerz schlug das Manuscript schnell auf, denn
er glaubte wahrscheinlich, es lauere der Antrag zu einem neuen
Theatergeschftsbreau oder zu einer Illustrirten Zeitung im Innern; bald
sah er jedoch da er sich geirrt habe und frug -- schon etwas beruhigt:

Und ber was handelt es? Der Titel ist etwas -- etwas umfassend:
Enthllungen der geheimsten und segensreichsten Urkrfte des Erdballs--

Ueber Alles -- Viehzucht und Ackerbau -- Religion und Politik.

Sie sind Literat?

Nicht eigentlich; ich bin mehr Oekonom, habe aber dieses Werk aus reiner
Liebe zur Sache geschrieben, denn ich liebe die Menschen und wei welchen
Dienst ich ihnen damit erzeigen werde.

Herr _Schmerz_ bltterte ein wenig im Manuscript herum, um einzelne Stze
daraus zu lesen und schttelte dabei bedeutend mit dem Kopfe.

Sehr flchtig geschrieben das, sehr, Herr -- Herr--

_Schultze_, sagte der liebe Gott.

Ach ja, Herr Schultze -- sehr flchtig -- die Setzer beklagen sich so
immer!

Ich sollte denken, es kme hier mehr auf den Inhalt als die Schrift an!
sagte der Fremde. Wie unscheinbar sieht zum Beispiel eine Kartoffel aus,
und was schliet sie nicht Alles in sich ein? In ihrem Innern lebt und
wirkt eine kleine, fr sich abgeschlossene, aber dehalb nicht weniger
kunstvolle Welt; dem Menschen unbekannte Krfte und Lebenstriebe
durchstrmen sie, und athmende Wesen bewegen sich in dieser festen saftigen
Fleischmasse mit derselben Leichtigkeit, mit der sich die Menschen durch
die Luft bewegen, und wenn im Frhjahr die Keime--

Sie haben Phantasie, Herr Schultze -- unterbrach ihn etwas ungeduldig
Herr Schmerz, -- aber drfte ich Sie wohl bitten, mir den Inhalt dieser
Schrift etwas nher anzugeben!

Recht gern. -- Es ist -- wie Ihnen auch der Titel sagt, eine Enthllung
geheimer, bis jetzt noch nicht gekannter, vielleicht nicht einmal geahnter
Naturkrfte, zuerst dem Miwachs und den Viehseuchen entgegenzuwirken und
gleichzeitig das moralische Schaffen und Treiben der Menschen -- von denen
der groe Haufe nun doch einmal in den Tag hinein lebt, zu ordnen und
zu regeln. Was die ersten Kapitel -- Miwachs und Seuchen betrifft, so
existirten in frheren Zeiten andere Verhltnisse; die Bevlkerung des
Erdballs war zu schwach und die Erde erzeugte mehr, als ihre Bewohner
consumiren konnten. Daher mute ich diesem Uebelstand durch natrliche
Mittel abzuhelfen suchen.

Wer? Sie?

Ich -- meine die _Natur_. Jetzt aber hat jene Ursache aufgehrt, und
deshalb soll auch die Wirkung nachlassen. Das Menschengeschlecht ist
an Zahl so gewachsen da es, wenigstens in Europa, Alles braucht was es
erzeugen kann, und ich wnschte nun dieses zum Nachtheil werdende Hinderni
gehoben zu sehen. Das knnen Sie aber nicht verlangen, da ich deshalb die
ewigen Naturgesetze ndern sollte, um--

Nein! sagte Herr Schmerz.

Der liebe Gott sah ihn im ersten Augenblick erstaunt an, besann sich aber
schnell und lenkte wieder ein: Um solchen Uebelstnden nmlich abzuhelfen,
kann man also, wie ich sagen wollte, doch nicht verlangen da die einmal
bestehenden Gesetze der Natur gendert werden sollten. Dafr liegt aber
auch in ihren eigenen Krften, in ihren geheimsten, innersten Lebensfasern
das Heilmittel gegen diese nicht mehr nthigen Zuwachsminderungen und
ich habe das Alles hier kurz und bndig, aber auch leicht falich
niedergeschrieben. Drucken Sie es und geben Sie das dafr bliche Honorar
in die hiesige Armenkasse. -- Sie werden berdies Nutzen genug davon
haben.

Herr Schmerz, vielleicht durch dies keineswegs gewhnliche Benehmen
neugierig gemacht, oder auch, weil ihm das ganze Aeuere des Fremden eine
gewisse Ehrfurcht einflte, scheute sich augenblicklich eine bestimmte
Antwort zu geben, und bat nur ihm das Manuscript bis morgen zu lassen, wo
er sich dann darber zu entscheiden versprach.--

Zur verabredeten Stunde am nchsten Tag stellte sich der Fremde wieder ein
und bat um seine Antwort. Herr Schmerz machte indessen heute ein uerst
bedenkliches Gesicht und blickte kopfschttelnd und mit emporgezogenen
Augenbraunen auf das Manuscript herab, das er in der Hand hielt.

Ich komme um Ihre Entscheidung ber den Druck meines Werkes zu hren,
sagte der Fremde.

Ja sehen Sie -- bester Herr Schultze, begann endlich der Buchhndler
nach kurzer Pause, -- das ist so eine Sache mit dem Druck dieses Heftes.
Einestheils glaube ich -- aufrichtig gestanden -- gar nicht da das
Buch etwas machen wird. Fr ein rein wissenschaftliches Werk ist zu viel
Phantasie, -- fr Phantasie zu viel Wissenschaftliches darin und dann --
druckten wir es nicht uerst splendid da es ber zwanzig Bogen gbe, so
striche uns der Censor die ganze Geschichte. Sie halten sich ja gar nicht
ein Bischen an das Bestehende, werfen Alles ber den Haufen, was nun doch
einmal da ist und reden von Sachen die ber menschliche Begriffe fast
hinausgehen. Ich habe darin herumgeblttert -- etwas altvterischer Styl
-- nun dergleichen liee sich abndern -- aber -- das nehmen Sie mir nicht
bel -- ein Bischen zu prtentis ist das Ganze auch noch geschrieben. Sie
reden da in einem fort: das mu _so_ sein und das _so_, hier thue _dies_
und da thue _das_, die Wirkung wird dann im ersten Jahre _so_ im zweiten
_so_, und im dritten und den folgenden _so_ sein; die Behandlungsart von A
wirkt auf B und die Unterlassung wrde sich fr drei Jahre wieder _so_, und
fr andere zehn wieder _so_ gestalten. Nein, das geht nicht, mein bester
Herr Schultze, damit kommen wir nicht mehr durch. Ja, in alten Zeiten, da
lie man sich das gefallen, damals gehrte nur eine etwas dreiste Stirn
dazu, der Welt glauben zu machen was man wollte; aber jetzt gehen wir der
Sache tiefer auf den Grund.

Ueberdies erlauben Sie sich auch ber Politik und _besonders_ ber
Religion Aeuerungen, die ich selbst nicht einmal unter dem Namen
_Schultze_ vertreten mchte. Am Ende brauchten wir ja gar keine Priester
und Prediger mehr; und dann die Beleuchtung Ihrer _socialen_ Verhltnisse
-- nein, mein guter Herr Schultze: wrde ich das Buch, das allerdings Geist
verrth, wirklich drucken, so glaubte uns erstlich kein Mensch ein Wort
von dem was drinnen steht; dann kmen wir wegen des einen Theils in die
schnste Kriminaluntersuchung und ber den andern Theil fielen nachher die
Recensenten wie wahnsinnig her. Das Wenigste was sie sagten wre, ich htte
einen neuen hundertjhrigen Kalender verlegt. Und wenn sie's dann nur noch
kauften -- wenn es noch _ginge_! Ich kme aber wahrhaftig nicht einmal auf
die Kosten, denn ein Leihbibliothekenbuch ist das _nicht_.

Nein, allerdings nicht, sagte der Fremde -- aber verlegen Sie es nur;
ich garantire Ihnen da Sie gute Geschfte damit machen.

Sie garantiren mir das? Welche Brgschaft knnten Sie mir denn dafr
geben?

Meinen Namen!

Bester Herr _Schultze_! rief Herr Schmerz.

Ja so! sagte der liebe Gott -- Sie wollen es also nicht? Sie weisen es
zurck?

Ich bin Ihnen wirklich fr das Vertrauen das Sie in mich gesetzt, ungemein
verpflichtet, aber ich habe jetzt in der That so viel Manuscript daliegen,
-- eins drngt so das andere; -- mein Nachbar Beiig wird sich aber
sicherlich ein Vergngen daraus machen, -- der hat berdies mehrere
landwirthschaftliche und wissenschaftliche Werke gebracht.

Und Sie glauben da Herr Beiig--

Oh, ich bin es fest berzeugt; versuchen Sie es nur! -- Oh -- keine
Komplimente, bester Herr _Schultze_! -- _Jenes_ ist der Ausgang, wenn ich
bitten darf; _die_ Thre hier fhrt in die Kche; -- habe die Ehre mich
gehorsam zu empfehlen!

Der liebe Gott fand sich gleich darauf, mit seinem in Maculatur
eingeschlagenen Manuskript, auf welchem mit groen Rothstiftbuchstaben Hr.
Schultze geschrieben stand, auf der Strae und blieb im ersten Augenblick
wirklich etwas berrascht stehen. _Das_ hatte er nicht erwartet! --
Er wollte die Menschen glcklich machen und trifft dafr auf solche
Schwierigkeiten. Nun, Herr Beiig wird es auf jeden Fall nehmen!

Aber siehe da -- auch hier schien es als ob er vergebens angeklopft habe;
neue Schwierigkeiten, neue Entschuldigungen. Wieder wurde er zu einem
Anderen geschickt und Nachmittags nahm er sich eine Droschke auf eine
Stunde, um schneller aus einer Verlagshandlung in die andere kommen zu
knnen.

Volle sechs Tage hatte er so mit immer gleichem Erfolg auf dem Pflaster
gelegen, er beschlo also den siebenten zu ruhen und am nchsten Montag
die noch brigen fnfundfunfzig Buchhndler aufzusuchen, um sich spter
gar keine Vorwrfe machen zu drfen. Da klopft es, als die Glocken eben zu
luten begannen, leise an seine Thr.

Herein! rief er, gerade nicht in der besten Laune.

Ich habe das Vergngen mit Herrn Schultze zu sprechen?

So nennt man mich hier!

Ihren Pa, wenn ich bitten darf!

Ich habe dem Wirth schon gesagt da ich keinen bei mir fhre.

Dann mu ich Sie freilich bitten mir zu folgen!

Aber, mein Herr--

Ich bedauere recht sehr, -- aber Sie wissen -- meine Pflicht--

Ich gehe auf keinen Fall mit Ihnen!

Sie werden sich doch der Obrigkeit nicht widersetzen wollen?

Was wollte der liebe Gott jetzt machen? An dem ihm selbst geweihten Tage
Skandal anfangen? Das ging unmglich; welch ein Beispiel htte er dadurch
gegeben! Er setzte seinen Hut auf und folgte.

Im Polizeibureau wurde er freilich mit der grten Artigkeit behandelt,
denn in seinem ganzen Wesen lag etwas so Edles, Ehrfurcht Einflendes, das
ihm berall Freundlichkeit und Zuvorkommenheit sicherte; gegen die einmal
bestehenden Gesetze lie sich aber, das wute er ja aus eigener Erfahrung,
nichts thun -- einen Pa hatte er nicht -- der von ihm angegebene Ort woher
er stamme, Himmelsburg in Engelland, lie sich auf keiner Karte Albions
entdecken und somit mute ihm denn, wie sich das vorhersehen lie, die
Weisung werden, binnen vierundzwanzig Stunden einen Pa zu schaffen oder --
die Stadt zu verlassen.

Jetzt bekam der liebe Gott die Sache aber auch satt. Blos der Menschen
wegen hatte er sich alle Diesem unterzogen und nun traten ihm aus jeder
Ecke neue Hindernisse entgegen. Zwar htte er sich im Augenblick selbst
einen Pa herstellen knnen; durfte er aber das auf einen fremden Namen
thun? -- Das wre wieder gegen seine eigenen Gesetze wie die der Menschen
gewesen. -- Nein, er sah jetzt ein da es die Sterblichen gar nicht besser
verdienten; sie _wollten_ das Alles was sie drckte und qulte behalten--;
sie _wollten_ kein Licht haben, und wenn sie sich die Schdel an den Wnden
einstieen. So beschlo er denn in den Himmel zurckzukehren und das von
den Blinden verschmhte Werk im Feuer zu vernichten.

Sein Wille war That. In lodernder Gluth verzehrte sich das gttliche
Manuscript, -- dieser allein Millionen werthe Autograph -- und jauchzend
wirbelten die boshaften Luft- und Feuergeister die Aschenatome in das
reine sonnige Blau des Firmaments, und spielten und tanzten damit im tollen
wilden Uebermuth hoch, hoch auf zu der endlosen Hhe. Der liebe Gott aber
schaute ihnen sinnend nach und murmelte endlich gutmthig lchelnd vor sich
hin:

Das htt' ich mir, wenn ich nicht allwissend wre, allenfalls denken
knnen!

Dann in Licht zerflieend, stieg er wieder empor zu den reinen, gttlichen
Rumen des Lichts, zu dem Urquell des strahlendurchflutheten Alls. Rosige
Wolken drngten sich um ihn her, und hoben und trugen den Gott, Freude
glhend und Frieden leuchtend hinan -- hinan in das Aethermeer der
Unendlichkeit, in die kreisenden Sonnenwelten des ewigen Seins.




Der Deutsche und sein Kind.

Aus dem Amerikanischen Leben.


Mit dem gut gekupferten und schnellsegelnden Dreimaster _Rose Bertram_,
-- wie die Anzeige im Hamburger Brsenblatt gelautet -- das von dieser
Stadt aus am 15.April 1839 nach New-Orleans in den Vereinigten Staaten
von Nord-Amerika abging, war auch eine arme Familie, Vater, Mutter und
zwei Kinder ausgewandert, um in dem Land ihrer Hoffnungen und Trume das zu
finden, was ihnen die eigene Heimath nicht mehr im Stande war zu bieten --
eine ruhige sorgenfreie Existenz, und eine gesicherte Zukunft.

Die Reise lief ziemlich glcklich ab, denn sobald sie nur erst einmal den
englischen Canal hinter sich hatten und in ein sdlicheres Klima kamen,
zeigte auch der Himmel eine fast ununterbrochene Reine, so da sie, mit
einem ebenfalls ziemlich gnstigen Wind, nach etwa achtwchentlicher Fahrt,
die sieben Mndungen des Mississippi im Golf von Mexiko erreichten und
hier von dem Schleppboot _Herkules_, gegen die mchtige Strmung des
Riesenflusses an, der _Knigin des Sdens_ zugefhrt wurden, wie die
Republikaner ihre Hauptstadt New-Orleans nennen.

Unser Deutscher, Hermann Schwabe aus Baiern, staunte aber nicht wenig, als
er in dem Amerika -- das er sich bis dahin fast nur als eine einzige groe
Wildni, _mit Farmen_, gedacht, eine Stadt fand, wie er sie in seinem
ganzen Leben noch nicht gesehen. Husermassen dehnten sich ohne erkennbares
Ende am Ufer hin, das seinerseits wieder von einer ununterbrochenen Kette
aller Arten Fahrzeuge eingefat und umschlossen wurde, whrend dort wieder
Omnibus-Wgen und zahllose Gterkarren mit lebensgefhrlicher Schnelle
ein wildes geschftiges Menschengedrnge zu durchschneiden und zu theilen
schienen.

Trotz dieser Menschenmasse aber, fhlte er sich recht verlassen und allein
-- kein einziges Gesicht war unter dem ganzen Schwarm der wogenden Menge,
das er gekannt -- keine Hand streckte sich ihm hier zum freundlichen
Willkommen entgegen und Alle gingen kalt und theilnahmlos an ihm vorber.
Es machte einen recht wehmthigen Eindruck auf ihn, einen Eindruck, der
nicht beschrieben werden kann, der gefhlt sein will, und obgleich ihn das
Drngen und Treiben der sdlichen Stadt gar sehr ansprach, und Alles was
ihn hier umgab, neu, fremdartig und deshalb interessant war, so eilte er
doch soviel als mglich, wieder fortzukommen, und den Ort zu erreichen,
wo er Freunde zu finden hoffte, ja wo er seine Verwandte wohnen hatte, auf
deren Briefe er all sein kleines Eigenthum in Europa verkaufte, um mit dem
daraus gelsten Geld einzig und allein die Ueberfahrt zu bezahlen.

Dieser Verwandte, ein weitlufiger Vetter von ihm, wohnte in Cincinnati am
Ohio, und Schwabe mute jetzt vor allen Dingen ein Dampfboot finden, das
ihn, den Mississippi und Ohio hinauf, seinem neuen Ziele entgegen fhrte.
Das war aber nicht schwer -- in dieser Jahreszeit, vor dem Eintreffen des
gelben Fiebers, laufen fast an jedem Tage fnf bis sechs Boote stromauf
und zwei oder drei von diesen sind dabei gewi fr den Ohio bestimmt: bald
hatte er denn auch -- wenn gleich unter nicht geringen Schwierigkeiten, da
er kein Wort Englisch verstand -- seiner und der Seinigen Passage akkordirt
und noch an dem nmlichen Nachmittag glitten die Auswanderer auf dem
keuchenden mchtigen Boot stromauf, gegen die gelbe unheimliche rasch
dahinstrmende Fluth des Vaters der Wasser an.

Zwischen reizenden Plantagen schossen sie hin, deren graue Schindeldcher
gar freundlich zwischen dichten, schattigen Orangenhainen und Granatbschen
hervorschimmerten, an breiten gewaltigen Zucker- und Baumwollenfeldern
vorber, wo unglckliche Sklavenschaaren den sengenden Strahlen der Sonne
ausgesetzt und von Peitschenbewehrten Aufsehern berwacht, ihre lange
Tagesarbeit verrichten.

Als sie weiter hinauf kamen, nahmen aber die offenen Plantagen mehr und
mehr ab -- der Wald, der bis dahin wohl mehre englische Meilen weit
durch die urbar gemachten Felder zurckgedrngt wurde, nherte sich immer
auffallender dem Ufer, und endlich, nach einzelnen waldigen Strecken
besonders an der linken Seite, drngte er sich ganz dem Rande des
Mississippi zu, und das graue wehende Moos hing in langen dstern Streifen
von den weitgespreitzten Aesten herunter und schwankte und schaukelte in
dem scharfen, stromaufstreichenden Luftzug. Aber auch dieses nahm nach und
nach ab -- flaches monotones Sumpfland, von riesigen Bumen bestanden und
nur hie und da von einem kleinen Stdtchen oder einzeln liegenden Holzhaus
unterbrochen, bildete die Scenerie beider Seiten des Flusses, bis endlich
oben, von der Mndung des Ohio an, ihre Umgebung einen ganz anderen
Charakter bekam und jetzt mit Hgeln und Bergen das klarere Wasser des
schnen Stroms einschlieend, die an Bord befindlichen Deutschen
fast wieder in ihre Heimath, an die Gestade des vaterlndischen Rheins
zurckversetzten.

Schnell glitten sie an den reizenden Ufern vorber; passirten vor
Louisville -- um die Stromschnellen zu umgehen, den durch Fels gehauenen
Canal, und kamen am achten Tage nach ihrer Abfahrt, Nachmittags vier Uhr,
in Cincinnati an.

Auch hier umgab sie wieder ein lebendiges, reges Treiben. Viele stattliche
Dampfboote lagen an der Landung und schnelle Fhrboote, mit kleinen
rasch puffenden Maschinen glitten zwischen Newport und Covington an der
Kentuckyseite und Cincinnati im Ohio hin und wieder. -- Unmassen von Gtern
lagen am Ufer aufgehuft und die Mannschaften der verschiedenen Boote waren
gar eifrig beschftigt, die Fracht aus- oder einzuladen und ihre eigenen
Fahrzeuge wieder in Stand zu setzen zu neuer Reise.

Der Deutsche konnte sich brigens, so interessant ihm das auch zu
jeder andern Zeit gewesen wre, nicht lange bei der Betrachtung des ihn
Umgebenden aufhalten, denn der Abend rckte heran und es mute noch vorher
fr ein Obdach auf die Nacht gesorgt werden. Jetzt galt es daher vor allen
Dingen, die Wohnung seines Verwandten zu finden, und dessen Adresse stand
deutlich genug in dem erhaltenen Briefe angegeben.

Frchtegott Wagner, Kaffeehaus zur Stadt Mnchen, nordstliche Ecke der
siebenten und Sycamorestrae Nr.41 Cincinnati Ohio.

Das war nicht zu fehlen -- der Brief hatte ihm berhaupt auf dem ganzen Weg
zum Leitstern gedient, und er berflog auch jetzt noch einmal mit stiller
Zufriedenheit die Zeilen.

Komm nur nach Amerika, stand darin, Du glaubst gar nicht, wie schnell
und geschwind es ein armer Teufel hier zu was bringen kann. Du weit doch,
da ich fast mit gar Nichts von zu Hause wegging, und jetzt habe ich in
Cincinnati, eine der grten Stdte in ganz Amerika, ein Kaffeehaus, das
sie hier =coffeehouse= nennen, alle Tage dreimal Fleisch, und bin
mein eigener Herr. Und wie lange hat's gedauert, bis ich mir das Alles
erarbeiten konnte -- anderthalb Jahr -- so lange hab' ich auf der Eisenbahn
geschafft, mit 16Dollar die Woche Lohn, und jetzt sitze ich ganz bequem in
Cincinnati und thue gar nichts mehr.

Wetter noch einmal, schon ein Kaffeehaus! dachte Schwabe, was mu der
Mensch fr ein Glck gehabt haben -- wie lange mte man sich da in
Deutschland schinden und qulen, da man nur erst eine _Concession_ kriegt
-- Gott sei Dank, da ich in Amerika bin, jetzt arbeite ich auch ein paar
Jahre an der Eisenbahn, und dann mache ich's grade so.--

Mit dieser lblichen Ansicht war er vom Boot heruntergegangen, um einen
Karrenfhrer zu finden, der ihm sein Gepck an Ort und Stelle schaffen
konnte; denn er beabsichtigte, bei seinem Vetter abzusteigen, da in einem
Kaffeehause doch auch Raum fr sie und ihre paar Kasten sein wrde. Es bot
sich ihm auch bald, und zwar ein Deutscher, an, der ihn leicht nach seiner
ganzen Tracht und Manier fr einen Landsmann erkannt hatte, lud seine
Siebensachen auf, und whrend Schwabe mit seinem Jungen und seiner Frau,
die das kleine Mdchen auf dem Arme trug, neben der sogenannten Dray
hergingen, schlenderten sie langsam die berganlaufende Sycamorestrae, die
neben der Mainstreet der Dampfbootlandung zumndete, hinauf. Schwabe, der
sich natrlich nicht mit der als nordost bezeichneten Lage vertraut machen
konnte, hatte auch schon von weitem, als sie nach und nach die vierte,
fnfte und sechste Strae hinter sich gelassen, ein groes stattlich
aussehendes Backsteinhaus im Auge, das ihm am ehesten dem Begriffe
gleichzukommen schien, den er sich bis dahin im Geiste von einem
amerikanischen Kaffeehause gemacht. Es konnte auch fast kein anderes
Gebude von den vier Eckhusern sein, denn zwei von diesen waren Kauflden
und das dritte -- Heiliger Gott -- an dem kleinen, weiangestrichenen
Breterverschlag klebte ein groes schwarzes Schild, auf dem mit weien
Buchstaben -- wachte er denn oder trumte er?--

  _=Coffeehouse= zur Stadt Mnchen_

stand. Die Buchstaben selber lieen gar keinen Zweifel -- das halb
Englische halb Deutsche gehrte einem Landsmann an und diese _Breterbude_
war -- das erwartete Asyl.

Ist denn das hier das ganze Kaffeehaus? -- stammelte er fast
unwillkrlich und ergriff den Arm des Karrenfhrers, als ob er durch das
Aufhalten der Fracht auch sein Geschick verzgern knne.--

Es trifft -- meinte der Andere trocken, und schien in dem Aeueren des
Gebudes gar nichts Auerordentliches zu finden, -- hier ist der Ort
-- der Gentleman wird wohl zu Hause sein! und mit dieser lakonischen
Bemerkung lie er die lange Peitsche um des Pferdes Ohren sausen, das,
theils hierdurch, theils durch das gleich darauf ausgestoene Tsch
-- Tsch -- wo -- ah! vor die fragliche Thre einlenkte und mit einem
pltzlichen Ruck dort Halt machte.

Fremder Besuch! rief der Draymann dann, und stie die kleine niedere
Pforte auf -- sollen die Sachen hier hereingeschafft werden?

Schwabe stand noch immer, kaum eines Entschlusses fhig, auf der Strae und
konnte die Augen nicht wegwenden von dem schwarzen Schild: =Coffeehouse=
-- das also war ein amerikanisches Kaffeehaus. Die Mutter drckte ihr
Kind leise an sich, und es mochte ihr jetzt vielleicht zum ersten Mal eine
Ahnung von dem dmmern, was aus ihren, bis dahin wild aufgebauten Plnen
wohl etwa werden knne. In der Thr des _Kaffeehauses_ erschien in diesem
Augenblick Niemand anders, als der wirkliche Schreiber des so folgeschweren
Briefes, und anstatt nun, -- wie es Schwabe, seit er das wirkliche
Kaffeehaus gesehen, gar nicht anders erwartet hatte -- bestrzt und
vernichtet dazustehn und vor Schaam jeden beliebigen Moment bereit zu sein
in die Erde zu sinken, erkannte er kaum die Deutschen, als er ihnen froh
erstaunt die Hnde entgegenstreckte, dem Mann dann um den Hals fiel und ihn
und seine Frau herzlich willkommen hie. Schwaben blieb denn auch jetzt gar
keine Zeit, weder seine Verwunderung noch seine Bestrzung auszudrcken,
er sah sich nur gleich darauf mit Sack und Pack in das kleine enge Gemach
hineingedrngt und hier auch noch so mit Fragen und Erkundigungen ber
die alte Heimath bestrmt, da er endlich nur froh war, als er erst wieder
einmal frei und ungehindert aufathmen konnte. Dann aber versumte er auch
weiter keine Zeit, in dem unansehnlichen Raum, der sie umgab, umher zu
schauen, und die natrlichste Frage, die sich ihm jetzt aus vollster Seele
auf die Lippe drngte war--

Und das nennst Du ein Kaffeehaus?

Jawohl, sagte der schon etwas amerikanisirte Vetter ganz unbefangen --
das ist hier so Sitte -- wo der liebe Gott nur den Arm herausstreckt,
da wird's gleich _Kaffeehaus_ getauft, und wenn auch ein paar Glser und
Flaschen mit Doppelkmmel, Brandy und Whiskey hinter der Baar stehn --
gerade wie's bei mir der Fall ist, denn ich habe auch nichts weiter. Das
lat Euch aber nicht kmmern, und da Ihr groe Rosinen im Topf gehabt,
geht anderen Leuten auch nicht besser -- damit kommen sie Alle von
Deutschland herber. Jetzt heit's nun fleiig geschafft und gearbeitet,
und die Hnde gerhrt, nachher macht sich das Uebrige von selbst.

Wagner, der Kaffeewirth hatte ganz recht -- es sieht Manches in Amerika,
von Deutschland aus betrachtet, wie ein Kaffeehaus aus, und kommen wir
nachher hin, so schreien wir -- Ach du lieber Gott -- das sind ja lauter
Lgen und Erfindungen -- das waren Prahlereien und Mrchen, das ist ja
gar kein Kaffeehaus, das ist ja nur eine gewhnliche Breterbude! Fr den
Augenblick, und nach _unseren_ Ansichten haben wir auch allerdings recht,
sobald wir aber nur erst einmal dort eingerichtet sind, und den alten
deutschen Staub aus den Augen geschttelt haben, dann sehen wir die Sache
von einer ganz anderen Seite an, und finden nun pltzlich, da es doch
wirklich ein Kaffeehaus ist, oder da wir's wenigstens _dazu machen drfen
und knnen_, wenn wir nur den recht festen und krftigen Willen haben, es
auszufhren. Dann sehen wir ein, da uns dort nicht, wie hier, die Hnde
gebunden sind zu freier That und lernen uns gern und freudig in das fgen,
was uns im Anfang, als die Kruste und uere Schale des Ganzen so herb und
bitter, so hart und unverdaulich geschienen.

Es ist das aber nicht allein mit den Kaffeehusern so, nein fast
durchgngig mit all' den dortigen Verhltnissen und Einrichtungen;
gewhnlich werden _bertriebene_ Berichte hierher geschickt, oder wenn auch
nicht einmal bertriebene, doch wenigstens so gestellte, da sie, wenn sie
auch vielleicht _buchstblich_ wahr sind, der Einbildungskraft einen zu
freien Spielraum, alles Gute und Vorzgliche ahnen lassen und die Fehler
und Mngel dabei nicht andeuten. Der Deutsche und besonders der, in dessen
Kopf die Auswanderung schon wirklich spukt, ist dann nur zu gern
geneigt, sich Alles das was er hrt, in den schnsten, buntesten Farben
auszuschmcken und zu putzen und kommt er dann an Ort und Stelle und findet
das Alles, was er sich vielleicht nur selbst hinzugedacht, nicht wirklich
realisirt -- was beilufig gesagt, _nie_ geschieht -- so wird er muthlos
und macht sich selbst und denen, die solche Berichte geschrieben, die
bittersten Vorwrfe. Es ist schon gefhrlich genug, wenn man die dort
bevorstehenden Unannehmlichkeiten nur erwhnt, und nicht recht besonders
heraushebt, denn in dem Falle springt der Lesende ebenfalls leicht darber
hin, und denkt -- a bah, das sind Kleinigkeiten, die sich schon geben
werden -- sind auch vielleicht nicht einmal so schlimm wie man sich's hier
denkt.

Dehalb sollten es sich die, welche Berichte ber Auswanderungen
schreiben, zur besonderen Pflicht machen, Alles -- auch das Kleinste und
Unbedeutendste, was sie zum Nachtheil des sonst gepriesenen Landes wissen,
nicht allein anzufhren, sondern sogar hervorzuheben, und lieber in
dieser Hinsicht etwas bertreiben als zu wenig thun; die Phantasie der
Auswanderungslustigen glttet doch die rauhen Kanten ab. Der Europer
wird dann nicht, oft gleich bei seinem ersten landen, zurckgeschreckt
und gerade zu einer Zeit muthlos gemacht, wo er aller seiner Energie
und Festigkeit am meisten bedarf. Das aber, weshalb Manche den Tadel
verschweigen, weil sie wissen, da alles die doch immer eigentlich nur
Unannehmlichkeiten und keine wirklichen Fehler sind, sollte sie gerade im
Gegentheil antreiben, ihn auszusprechen, denn Amerika bietet dem deutschen
Auswanderer solche ungeheuere Vortheile, da man getrost Alles das nennen
und auffhren kann, was dem Land oder den Sitten jenes Welttheils zum
Nachtheil gereicht, ohne befrchten zu mssen, den Ackerbauer, den
eigentlichen Mann fr Amerika, dadurch zu schrecken. -- Bleiben nachher die
geschniegelten und gebgelten Herrchen drben in Europa, weil sie tausend
Bequemlichkeiten nicht haben knnen, tausend Gensse -- was nmlich fr sie
Gensse sind, entbehren, ei, so ist das auch nur wieder ein Vortheil
fr Amerika, denn derlei Gesellen, mit parfmirten Taschentchern und
wohlfrisirten Locken brauchen sie drben nicht, die mgen hier ausharren,
bis sie spter einmal, mit dem alten Schlendrian selbst, zu Grunde gehn.

Doch ich komme ganz von meiner, dahin keineswegs hinauszielenden Erzhlung
ab und will lieber wieder so schnell als mglich in's Kaffeehaus zur Stadt
Mnchen zurckkehren.

Hier saen indessen die Deutschen ganz gemthlich -- nicht etwa bei einer
Tasse Kaffee, denn der war nur Morgens zum Frhstck zu bekommen, sondern
bei einem guten Glas Cincinnati-Bier zusammen und plauderten und besprachen
ihre gegenseitigen Aussichten.

Wagner hatte allerdings in Allem, was er seinem Vetter geschrieben recht
gehabt; durch eigener Hnde Arbeit wute er sich ein kleines Capital zu
verdienen und that damit, was in allen Stdten Amerikas, besonders aber in
Cincinnati, die Deutschen nur zu oft thun, er errichtete einen Schenkstand
-- was dort nun einmal ohne seine Schuld _Kaffeehaus_ genannt wird. Wohl
war der Verdienst jetzt, der ungeheueren Concurrenz wegen, nicht mehr so
besonders wie frher, er hatte aber doch zu leben, und konnte sogar, da
er gerade auf seine eigene Bequemlichkeit sehr wenig verwandte, immer noch
jhrlich eine Kleinigkeit zurcklegen.

Was nun seine jetzige Wohnung betraf, die so beschrnkt war, da sie die
ersten Nchte alle mit einander in einem Zimmer schlafen muten, so dachte
er gerade daran, ein greres Lokal zu nehmen, wie auch sein Geschft etwas
mehr auszudehnen, und bot nun Schwaben und seiner Frau an, die erste Zeit
bei ihm zu bleiben und ihm im Haus und im Geschft bei allen vorkommenden
Arbeiten mitzuhelfen. Dafr sollten sie Kost und Logis, und auch noch einen
kleinen, freilich unbedeutenden Lohn erhalten. Wagner hatte darin aber auch
ganz recht, da sie nicht gleich hoffen drften von vorn herein viel zu
verdienen, denn sie begnnen jetzt eine ganz neue Lauf- und Lebensbahn,
und darin msse nun Jeder einmal, es mge sein wer es wolle, sein Lehrgeld
bezahlen.

Schwabe, der sich nach dem ersten traurigen Anblick des Hauses die Sache
weit schlimmer gedacht, als sie sich wirklich jetzt herausstellte, war gern
damit einverstanden und schon in den nchsten Tagen, wo ein Tischler kam
und den Boden etwas mehr erweiterte, da Wagner seine Wohnung in dem dicht
danebenliegenden Haus zu nehmen gedachte, begannen die verschiedenen, bei
solchem Ausrumen nicht zu vermeidenden Arbeiten, denen sich auch beide
Gatten mit gutem Willen unterzogen, und dadurch mit ihren Verwandten im
besten Einverstndni blieben.

       *       *       *       *       *

So vergingen wohl sechs Monate und nichts trbte die Freundschaft und das
gute Vernehmen der Verwandten; das rege Schaffen und Treiben lie ihnen
keine Zeit, auf irgend etwas anderes als ihre Geschfte zu denken; gar
verschieden gestaltete sich die Sache aber, als der neue Schenkladen erst
einmal ordentlich hergerichtet worden, und nun das gleichfrmige ruhige
Leben wieder begann, bei dem sich keineswegs soviel Arbeit herausstellte,
Alle nun gleichmig beschftigen zu knnen. Jetzt fielen zuerst, und zwar
besonders zwischen den beiden Frauen kleine unangenehme Scenen vor und
einzelne bittere Worte wurden gewechselt. Im Anfang ging man jedoch noch
leicht darber hin, eine Vershnung ward entweder gar nicht fr nthig
gehalten oder doch bald zu Stande gebracht, und der Gedanke auch, da sie
ihren Verwandten doch eigentlich manches verdankten, was sie suchen muten
wieder gut zu machen, hielt Schwaben's noch manche Woche in einer Stellung,
die vielleicht weniger drckend fr sie gewesen wre, htten sie sich nicht
immer sagen mssen: das sind Verwandte, und spielen jetzt die Herren,
whrend wir die Knechte machen sollen.

Schwabe bekleidete nmlich, whrend der, seinen Leichnam jetzt auf das
Beste pflegende Wagner ruhig in den Ecken herumsa und sein eigenes Bier
trank, die Ausschenkerstelle, und war somit ein frmlicher =Barkeeber=
geworden, die Frau aber, die auch noch nebenbei ihr zweijhriges Kind zu
besorgen hatte, mute waschen und bgeln, nhen und stricken, ausbessern
und alle nur mglichen brigen huslichen Arbeiten verrichten, inde
_Missis_ Wagner, wie sie sich nur zu gern nennen hrte, nur selten mit
angriff und, was ihrer Base das peinlichste war, auch schon manchmal begann
statt des frheren freundlichen Tones, das ganze Wesen einer Gebieterin
anzunehmen.

Schwaben's wren schon lange fortgezogen und htten ihr Glck allein, in
dem weiten fremden Lande gesucht; es kommen ja so Viele glcklich durch,
warum sollte es ihnen nicht ebenfalls gelingen? Eines nur hielt sie bis
dahin noch immer von einem solchen Schritt zurck und bannte sie an die
Stelle, wo sie anfingen, sich recht unbehaglich zu fhlen -- ihr Kind
-- die kleine zweijhrige _Louise_ und die Zuneigung die _Wagners_ Frau
wirklich zu der Kleinen zu haben schien. Sie behandelte sie fast ganz
wie ihr eigenes Kind, und die Mutter glaubte da schon manches ertragen
zu mssen, wo es der armen Kleinen ja wieder zu Gute kam. Carl, ihr
zehnjhriger Knabe machte ihnen weit weniger Sorge; der griff schon
ordentlich mit zu, verdiente sich das Brod, das er a, durch dausend kleine
leichte Arbeiten die er verrichtete, oder Wege die er lief, und wre ihnen
auch, so sie wirklich selbststndig in das Leben hinaustraten, gewi nicht
zur Last geworden.

Auf solche Art waren sie etwa ein volles Jahr in dem Hause gewesen, das
jetzt, da sich des Eigenthmers Geschfte verbesserten, auch seinerseits
einen etwas vornehmeren Titel annahm, und aus der einfachen Stadt Mnchen
zu einem =city of Mnchen= avancirte. Aber gerade mit diesem zunehmenden
Wohlstand wich auch der Friede immer mehr, der besonders in den letzten
Monaten schon so schwankend und zweifelhaft geworden. Wagner's selbst
mochten das fhlen und es konnte ihnen dabei auch nicht verborgen bleiben,
was es eigentlich noch sei, das sie in der, ihnen peinlich werdenden Lage
zurckhielt, und _Missis_ Wagner hatte endlich wenig genug Takt, ihrer Base
auf halbem Wege entgegenzukommen. Sie bot dieser nmlich eines Morgens an,
ihr kleines Tchterchen, da sie selbst kinderlos sei, fr sie aufzuziehn --
heit das natrlich, wenn Schwaben's berhaupt einmal fortziehen sollten --
und so lange an Kindesstatt zu behalten, bis sie in bessere Umstnde,
und vielleicht zu eigener Selbststndigkeit gelangt, im Stande wren, sie
wieder abzuholen.

Zwar konnte sich die Mutter nicht gleich dazu entschlieen, das Kind,
wenn auch wohl versorgt, doch gewissermaen unter fremden Menschen
zurckzulassen, endlich aber siegten die ueren, keineswegs gnstigen
Umstnde. Schwabe sprach mit seinem Vetter offen ber das, was ihn drcke
und hemme, dieser gab sich keine besondere Mhe ihn zurckzuhalten, und
nach acht Tagen schon fuhren sie, vorher einen sehr wehmthigen Abschied
von dem Kinde nehmend, und dieses der Sorge seiner neuen Pflegeeltern auf
das dringendste und wrmste an's Herz legend, auf dem Dampfboot General
Harrison, den Ohio stromab, und dem Staate Louisiana zu, wo ihnen, von
einem Deutschen, der sich krzlich einige Zeit in Cincinnati aufgehalten,
gnstige Anerbieten gemacht waren.

Viele Jahre hindurch standen die Sachen, wie wir sie im letzten Abschnitt
verlieen. Schwabe fand in St.Francisville, einem kleinen Stdtchen unfern
vom Mississippi, der Ansiedlung von =Pointe coupe= gegenber, gute und
lohnende Arbeit; sein Sohn wuchs zu einem krftigen Burschen heran, der ihn
bald gar wacker untersttzen konnte, und durch die sparsame Sorglichkeit
der Frau sah er, wie sich seine Lage mehr und mehr verbesserte und er
zuletzt sogar darauf denken konnte, selber etwas anzufangen, um, ohne
gerade immer zu arbeiten, durch die Welt zu kommen.

Seines Vetters Beispiel in Cincinnati mochte viel dazu beitragen ihn auf
solche Gedanken zu bringen; die Zeiten schienen ebenfalls gnstig, --
Kaffeehuser gab es in St.Francisville nur sehr wenige und so sumte er
dann auch nicht lange und schaute bald darauf, wenn er auf der andern
Seite der Strae an seinem eigenen kleinen Haus vorber ging, mit ganz
absonderlichem Vergngen nach dem groen blauen Schild hinber, das mit
goldenen Buchstaben verkndete, wie _Hermann Schwabe_ hier, nicht allein
ein _Kaffeehaus_, sondern auch kalte und warme Getrnke, frische gebackene
und marinirte Austern, Pfefferkuchen und Fleischpasteten, und berdie
noch ein Lager von chten, in Boston verfertigten Schuhen und Stiefeln und
Penitentiery Filzhten halte.

Was er mit eigener Hnde Arbeit, und zwar mit harter, schwerer Arbeit
begonnen, fhrte er mit Hlfe einer vorsichtigen aber richtigen Speculation
weiter, und galt nach gar nicht so langer Zeit, fr einen wenn auch nicht
reichen, doch sicherlich wohlhabenden Brger des kleinen Stdtchens.

Jetzt erwachte aber auch in den Eltern der bis dahin oft gewaltsam
unterdrckte Wunsch, ihr Kind, ihre kleine Louise wieder zu sich zu nehmen,
von der sie nun schon eine entsetzlich lange Zeit nicht einmal etwas
erfahren hatten.

Das Briefschreiben gehrte nmlich zu einer von Schwabes schwachen Seiten,
er fllte lieber einen vier Fu im Durchmesser haltenden Baum, als da er
eine einzige Seite bekritzelte; immer war es daher sein Entschlu gewesen,
lieber gleich hinauf nach Cincinnati zu reisen und die Tochter dort selber
abzuholen; dringende Geschfte, wie eine pltzliche Krankheit seiner
Frau, nthigten ihn aber endlich, entweder seine beabsichtigte Reise noch
aufzuschieben, oder wirklich zu schreiben. Wie aber war das Kind, unter
lauter fremden Leuten glcklich nach St.Francisville zu bringen? --
Durfte man wagen, es Einem der tollkhnen Dampfboots-Capitne zu bergeben?
Amerikanische Eltern htten das augenblicklich gethan, aber die Deutschen
waren zu ngstlich, und Schwabe frchtete schon, er wrde den so lange
genhrten Wunsch noch lnger mssen unbefriedigt lassen, als sich ihm ganz
unvermuthet ein treffliches Auskunftsmittel bot, das er und seine Frau auch
mit dankbarer Freude ergriffen.

Ein junger Deutscher aus dem kaum eine Viertelstunde entfernten Bayou
Sarah, reiste zuflliger Weise gerade in dieser Zeit nach Cincinnati,
um dort inde von Deutschland gekommene Verwandte zu treffen und nach
Louisiana mit zu nehmen. Eine bessere Gelegenheit, Louise ihren Eltern
wieder zuzufhren, lie sich kaum denken; Schwabe setzte sich denn auch
augenblicklich hin und brachte endlich mit vieler Noth und Mhe einen
ziemlich ausfhrlichen Brief zu Stande, in welchem er seinen Vetter mit den
eigenen, bis dahin erlebten Schicksalen bekannt machte, ihm fr die treue
Wahrung seines Kindes dankte, und ihn bat, dasselbe durch den Ueberbringer
dieses, einen wackern, jungen Mann aus seiner Gegend und guten Freund von
ihm selber, den sich herzlich nach ihm sehnenden Eltern zurckzuschicken.

Welbauer, wie der junge Mann hie, ging mit dem nchsten, noch an demselben
Abende in Bayou Sarah anlangenden Boot stromauf, und Schwabe erwartete
nun in freudiger Ungeduld die Ankunft der, seit dreizehn Jahren von
ihnen getrennten Tochter, denn so lange war es schon, da sie Cincinnati
verlassen und sich in Louisiana zuerst aufgehalten und spter angesiedelt
hatten. Vor dem Ablauf von wenigstens drei Wochen konnte Welbauer aber kaum
wieder zurck sein, denn die Entfernung zu Wasser, zwischen Bayou Sarah und
Cincinnati betrgt 1350 englische Meilen; die Eltern benutzten aber
diese Zeit, ein kleines, freundliches Stbchen fr das erwartete Kind
herzurichten, damit es sich gleich vom Anfange an recht wohnlich und
zufrieden im elterlichen Hause fhlen mge und schafften All und Jedes
herbei, womit sie nur glauben durften, dem lieben, so lange elternlos
gewesenen Kinde, eine Freude zu machen.

Die bestimmte Zeit war endlich verstrichen, Welbauer aber noch immer nicht
zurckgekehrt; ja, noch eine vierte Woche verging sogar, ohne da weder
ein Brief noch eine andere Nachricht von dem so sehnlich Erwarteten
eingetroffen wre. Schwabe, der bis jetzt seine Frau immer nur gebeten
hatte, Geduld zu haben, da man ja gar nicht wissen knne, was die Rckkehr
des jungen Mannes vielleicht verzgert htte, fing nun selber an, ngstlich
zu werden, und lief des Tages zwei oder dreimal nach Bayou Sarah hinunter,
um zu hren, was fr Boote angekommen wren, und welche man, und woher man
sie erwartete.

Endlich, in der fnften Woche traf der so hei Ersehnte mit der Diana
wieder ein, aber -- Schwabe erschrack, als er ihn erblickte und wurde
todtenbleich -- _allein_ war er -- das Kind war nicht bei ihm und der
zitternde Vater frchtete schon das Schlimmste. Das, was ihm im Anfange das
Herz mit so unendlichem Weh durchzuckt, erwies sich jedoch als unbegrndet.
Welbauer beruhigte ihn bald ber das Befinden und Wohlergehen seiner
Tochter -- er hatte das junge Mdchen gesund und heiter angetroffen,
sie war gar rasch in die Hhe geschossen, und sollte krftig und blhend
aussehen -- das Uebrige aber verkndete ein Brief, den er -- statt dem
Kinde -- als Antwort mitbrachte.

Schwabe ahnte jetzt fast, was das Schreiben enthielt -- in letzter Zeit,
als die Erwarteten immer und immer nicht kommen wollten, waren ihm so
allerlei trbe und hliche Gedanken durch den Sinn gefahren, die er sich
ordentlich gefrchtet hatte seiner Frau mitzutheilen, weil er sie doch
nicht mit nur bloen vielleicht sogar unbegrndeten Vermuthungen ngstigen
wollte. Rasch erbrach er jetzt den Brief und sah hier seine schlimmen
Besorgnisse besttigt. Das Schreiben lautete also:

    Lieber Freund und Vetter --

Recht sehr hat es mich gefreut zu hren, da es Dir wohl geht und Du Dir
durch Arbeit und Sparsamkeit, wodurch man in Amerika nur allein zu etwas
kommen kann, ein kleines Vermgen erworben hast. Uns geht es auch hier
recht gut, und viel besser als damals, wo Du mich zuerst in dem kleinen
Huschen an der Ecke der Sykamore-Strae aufsuchtest. Ich bin jetzt auf dem
Mittelmarkt -- Du weit ja schon, in der fnften Strae -- gezogen, habe
ein gutes Boardinghaus[9] errichtet, und mache sehr gute Geschfte, habe
aber auch sehr viel zu thun, und wei kaum wie ich fertig werden soll.

  [9]: Ein Kosthaus, oder eine untergeordnete Art von Hotel.

Was nun Deine Tochter Louise anbetrifft, so ist die recht gewachsen,
und ein braves gutes Mdchen geworden, meine Frau hat sich aber so an sie
gewhnt, da sie gar nicht daran denken kann, sich von ihr zu trennen. Seid
deshalb auch nicht bse, da ich Euch Euren Wunsch nicht erflle und sie
mitschicke. Eigentlich kannst Du es uns auch gar nicht verdenken. Sieh,
wir haben bis jetzt blos die Noth und Sorge mit dem kleinen Kind gehabt und
sollen es jetzt, da es gro geworden ist und anfngt, uns fr alle die Mhe
und Auslage zu belohnen, wieder herausgeben. Meine Frau hlt es dabei wie
ihre eigene Tochter. Wir lassen es noch immer in die Schule gehen und geben
ihm eine ganz gute Erziehung. Was willst Du mehr? Aber trennen mchte
sich meine Frau nicht wieder von dem Kinde und wir bitten Dich daher recht
dringend es uns zu lassen.

Mit dem Wunsche, da es Euch in St.Francisville Allen gut geht und Ihr
manchmal unser gedenkt, unterschreibe ich mich als Dein

    Dir treu ergebener Freund und Vetter

      _Frchtegott Wagner_.

  Mittelmarkt -- nordwestliche Ecke von Walnut street.

_Nachschrift._ Louise lt schnstens gren und Euch Allen Glck und
Gesundheit wnschen. Was kostet denn bei Euch die Butter -- hier ist sie
gestern auf zwei Bit gestiegen, das Schweinefleisch ist aber dafr noch
billiger geworden als wie damals, wie Du hier warst.

      _Dein Vetter._

Der Brief war verworren, der Inhalt desselben aber doch auch wieder einfach
und deutlich genug, und Schwabe ging wohl eine halbe Stunde lang, wie vor
dem Kopf geschlagen, an der Dampfbootlandung hin und her. -- Sollte er
_das_ was hier mit klaren drren Worten in dem Brief stand, seiner Frau
mittheilen? -- Aber wie konnte er es ihr auch verheimlichen, htte sie am
Ende nicht gar geglaubt es wre ihrem Kinde irgend ein Unglck zugestoen?
_Der Verdacht_ brigens, den er gegen Wagner hegte, wurde von Welbauer noch
besttigt.

Dieser hatte sich nmlich, da er den Eltern doch versprochen, das Kind zu
bringen und nun dort, wo er es am wenigsten vermuthete, so unverhofften
Widerstand gefunden, nach den Verhltnissen und dem ganzen Leben und
Treiben jener Leute genauer und nher erkundigt. Hier erfuhr er nun,
da sie allerdings die angenommene Tochter im Hause selbst sehr gut
behandelten, aber keineswegs so viel in die Schule schickten, als Jener
hier in dem Brief geschrieben; im Gegentheil mute das arme Mdchen, wenn
es auch keine schwere Arbeit zu thun hatte, von Morgens frh bis spt
Abends auf dem Platze sein, whrend sich Missis Wagner fast ganz und gar
von jeder Arbeit zurckgezogen habe, und nur allein die Dame spiele.
Louise war ihnen dabei durch ihren unausgesetzten Flei von ungemeinem,
ja unbezahlbarem Nutzen. Gaben sie das Mdchen heraus, so muten sie
jedenfalls eine fremde Haushlterin annehmen und diese nicht allein mit
theuerem Gelde bezahlen, sondern ihr auch -- etwas besonderes Gefhrliches
in Amerika, wo die Leute oft, Gott wei woher, geschneit kommen -- Alles
und Jedes im Hause anvertrauen. Bei Louisen dagegen, die sich ihrer eigenen
Mutter kaum noch erinnerte, ihren Pflegeeltern aber mit aller Liebe einer
wirklichen Tochter anhing, hatten sie das Eine nicht nthig, das Andere
nicht zu frchten, und es lie sich daher voraussehen, wie sie unter
diesen Umstnden gewi Alles thun wrden, was in ihren Krften stand, die
Pflegetochter den vollen Ablauf der gesetzlichen Frist, also bis zu deren
einundzwanzigstem Jahr bei sich zu behalten.

Gerichtlich konnte Schwabe, wie Wagner ebenfalls gut genug wute, keine
Schritte mit nur irgend einer Aussicht auf Erfolg thun, denn ein wirklicher
Kontrakt war gar nicht abgeschlossen, und wenn es zur Klage kam, so wurde
dem Verklagten entweder die vorerwhnte gesetzliche Frist zugestanden, oder
der Klger htte eine Kostenberechnung zahlen mssen, die dieses eigene
Mittel jedenfalls weit berstiegen haben wrde. ---- Der Frau brigens ein
Geheimni daraus zu machen, ging nicht an, ber kurz oder lang htte sie
es doch erfahren mssen, und gemeinschaftlich konnten sie auch besser
berathen, welche Schritte jetzt am besten zu thun wren.

Er ging denn auch ohne weiters nach St.Francisville zurck, zeigte ihr
erst den Brief und lie sie dann spter Alles das, was sie noch zu wissen
wnschte, von Welbauer selber erfragen. Im Anfange war sie nun, als sie die
Nachricht wie ein Schlag aus heiterem Himmel traf, auer sich, wollte ohne
weiters an die Gerichte gehen, und meinte, kein Gesetz der Welt drfe
ihr solcher Art und widerrechtlich, das eigene Kind gewaltsam zurckhalten.
Schwabe hatte durch einen dreizehnjhrigen Aufenthalt in Amerika die Sitten
und Gesetze des Landes aber so ziemlich kennen gelernt, und frchtete nicht
ohne Grund, durch eine Klage erstlich einmal sein gutes Geld einzuben,
und dann nicht einmal etwas auszurichten.

Selbst ist der Mann, reifte endlich der Entschlu in ihm, einen bloen
Brief knnen sie Dir leicht mit Nein beantworten, gehst Du aber als
_Vater_, und forderst Dein eigenes Kind zurck, so werden sie es Dir,
wenn sie es auch wirklich vor dem Gesetze drften, doch nicht lnger
vorenthalten knnen.

Jetzt hatte er gerade alle die Geschfte, die ihm vor mehren Wochen
noch eine Reise unmglich gemacht, beendet, er entschlo sich also kurz,
beruhigte seine Frau, der er fest versprach ihr Kind zu bringen, und wenn
er es stehlen sollte, und rstete sich frhlich zur Fahrt nach Ohio.

Sei gutes Muthes, Mutter, lachte er dabei, als er sich zu der rasch
beschlossenen Fahrt rstete, was ist's denn auch weiter! geben sie mir
mein Kind nicht gutwillig, ei, so thue ich, als wenn ich mich in das
Unabnderliche fge, verabrede mich aber heimlich mit Louisen, bringe sie
auf ein Dampfboot und gehe frmlich mit ihr durch. Nachher mgen sie uns
verfolgen oder gar verklagen, kein Gesetz wird einen Vater verdammen,
da er sein eigenes Kind gestohlen, wenn sie es ihm auch vorher nicht
freiwillig zusprchen.

Die wenigen Vorbereitungen waren bald getroffen, es galt ja hier auch nur
eine kurze Fahrt und schnelle Rckkehr; nur etwas gab ihm die Mutter
noch mit, das sie schon seit vielen Jahren fr ihr Kind bestimmt, dessen
Absendung sie aber bis jetzt noch immer verschoben hatte -- ihr Bild. Ein
junger deutscher Maler, der vor einigen Jahren mehre Monate lang bei ihnen
gewohnt und dort krank geworden war, hatte aus Dankbarkeit fr die treue
Pflege der guten Leute, die Miniaturbilder der Beiden gemalt und ihnen zum
Andenken zurckgelassen, und das ihre schickte jetzt die Mutter dem Kinde.
Warum? wute sie selber nicht, erwartete sie ja doch das Heigeliebte in
wenigen Tagen, dennoch trug sie dem Vater auf, die Ablieferung desselben ja
nicht zu vergessen, und es war fast, als ob sie mit dem Bewutsein, da
es bald in den Hnden ihrer Louise sein werde, auch ruhiger wrde, und der
Zukunft gefater entgegenshe.

Schwabe schiffte sich auf dem nchsten, stromaufgehenden Dampfboote ein,
ging mit diesem bis nach Kairo, der Mndung des Ohio, benutzte von hier aus
ein anderes, das gerade Fracht fr Pittsburg einnahm, und betrat neun
Tage spter die Stadt wieder, in der er vor vierzehn Jahren, ein armer
heimathloser Auswanderer, gelandet war, und zuerst Schutz und Aufnahme
gefunden hatte.

Sonderbarer Weise schlug und klopfte ihm aber jetzt das Herz so bang und
ngstlich, als ob er irgend eine bse That begangen oder beabsichtige, und
doch wollte er ja Nichts, gar Nichts auf der weiten Gotteswelt, als sein
Kind, sein eigenes liebes Kind zurck in die Arme der Mutter fhren.
Das peinliche Gefhl wuchs sogar noch, als er den steilen Landungsplatz
hinaufstieg, durch die Mainstrae ging und endlich links in den Mittelmarkt
einbog -- er mute sogar ein paar Mal stehn bleiben und erst ordentlich
wieder Athem holen.

Anders wurde es ihm freilich, als er die sonderbare Scheu endlich
berwunden hatte, das, ihm durch den Brief und von Welbauer bezeichnete
Haus betrat, und dort sein liebes, lang entbehrtes Kind sehen und in die
Arme schlieen konnte. Da kehrte der alte Muth zurck, frisch und frei
scho ihm das Blut wieder durch's Herz und ohne Rckhalt wollte er schon
seinen Gefhlen, die ihm die Brust zu zersprengen drohten, Raum geben, als
er merkte, wie ihm die Thrnen in die Augen traten -- sie liefen ihm hell
und klar an den beiden braunen Wangen herunter und das -- das brauchten
die fremden Menschen nicht zu sehen, die von allen Seiten des Hauses
herbeieilten und ihn jetzt umstanden. Er ri sich gewaltsam los, drckte
seinen Hut, den er noch gar nicht abgelegt, fester in die Stirn und zog
Wagner mit sich fort, in dessen Stube hinauf -- er schmte sich, da ihn
die Leute sollten weinen sehn und hoffte sich spter schon besser zusammen
nehmen zu knnen.

Ein Gesprch mit Wagner allein, wie er es im Anfang gewnscht, sollte ihm
aber nicht vergnnt werden, denn _Missis_ Wagner, welche behauptete, die
sei eine Sache, bei der sie selbst am meisten und innigsten betheiligt
wre, schlo sich ihnen gleich darauf an, und brach augenblicklich jede
weitere und von Schwabe allerdings vorher beabsichtigte Einleitung dadurch
ab, da sie die Absicht seines Besuchs ohne Umstnde beim Schopf erfate
und an's Tageslicht zog.

Eines Theils war die nun gut, denn Schwabe hatte schon in aller
Verlegenheit gar nicht gewut, wie er am Besten beginnen solle, anderen
Theils gab es ihm aber auch bald die keineswegs ermuthigende Ueberzeugung,
da hier, und dieser Frau gegenber, ein _gtlicher_ Vergleich unmglich
sein wrde, denn Madame erklrte jetzt rund heraus, mit _ihrer_ Bewilligung
verliee das Mdchen ihr Haus _nicht_, und _ohne_ ihre Bewilligung wre
noch weniger daran zu denken. Dabei gab sie dem armen Vater auch ohne die
mindeste Schonung zu verstehn, wie freundlich er selbst und seine ganze
Familie bei ihnen beherbergt worden, mit welcher Sorgfalt sie sich dann
spter selbst eines Kindes angenommen, von dem sie bis seit ganz kurzer
Zeit, nur Sorge, Mhe und Auslagen, aber nicht den geringsten Nutzen
gehabt. Jetzt dagegen, wo eben dieses Kind das Alter erreicht habe, in
welchem sie hoffen durften, das zu erndten, was sie durch lange Zeit
hinausgeset, jetzt komme er, der Vater, der Jahre lang nicht einmal nach
seinem Kinde _gefragt_, zurck und wolle es ohne weiteres abholen und
mit sich fortnehmen. Daraus wrde aber Nichts, so lange noch Recht und
Gerechtigkeit im Lande existire, und so lange sie selber noch eine Zunge
zum Reden und eine Hand es zu verhindern habe, sollte das nicht geschehen,
dafr stehe sie; _Mister Schwabe_ msse dann wie sie mit beiendem Ton
hinzufgte, die Kleinigkeit von 3500 Dollar brig haben, um aufgelaufenes
Kost- und Schulgeld fr seine Tochter zu bezahlen, dann mge er sie
ihretwegen mitnehmen und wenn das Mdchen nachher wirklich ginge, wirklich
die verliee, die ihr mehr als eine, wenigstens als _ihre_ Mutter gewesen,
so wolle sie denken, sie habe eben nur eine undankbare Natter an ihrem
Busen genhrt und msse sich, ob ihr auch das Herz blute, darber zufrieden
geben.

Was sagte aber die, um deren knftigen Aufenthalt, um deren glckliche oder
unglckliche Zukunft vielleicht, es sich hier handelte, was sagte Louise zu
alle dem? nach welcher Seite neigte sich ihr Herz und wie empfing sie den
Vater, dessen Ankunft sie berraschte, ja erschreckte?

Was konnte das arme Mdchen sagen? -- Von der Zeit an, wo sie ihre Mutter,
ein kleines, keines Nachdenkens fhiges Kind zurcklie, war sie stets
gewohnt gewesen, das Wagner'sche Haus als das elterliche -- wenigstens
als ihre Heimath -- zu betrachten. Hier _wurde_ sie auch heimisch, den
wirklichen Eltern aber mehr und mehr entfremdet, je mehr die Erinnerung
an frhere, einzelne Scenen in ihrem jugendlichen Herzen frischeren und
lebendigeren Eindrcken Raum geben mute. Selbst den Namen _Mutter_ hatte
sie vergessen, und nur manchmal, wenn sie ihn von andern Kindern hrte, zog
es wie fernes liebliches Glockengelute durch ihre Seele. -- Das war die
Erinnerung jener Zeit, wo sie den theuren Namen an dem Hals der
eigenen Mutter selbst gelispelt, aber es war auch eben nur wie fernes
Glockengelut, und der Klang zu weich, zu unbestimmt, um ihm nhere,
erkennbarere Formen geben zu knnen.

Wagner selbst hatte dabei in letzterer Zeit, und besonders seit Welbauers
Besuch, nicht versumt, das arme unwissende Kind, weniger mit klaren Worten
wie mehr mit hingeworfenen und unbestimmten Aeuerungen ahnen zu lassen,
da dort, wohin man es holen wolle, eine keineswegs freudige Existenz
seiner harre, denn nie wrde es irgend ein Mensch wieder so lieb haben,
wie man es hier, in seiner wirklichen und einzigen Heimath gehabt. Auch
_Missis_ Wagner schien seit der Zeit viel freundlicher und herzlicher mit
Louisen zu werden, nannte sie oft _Kind_ und _Tochter_, verbesserte die
zwar einfache aber doch sonst reichliche und anstndige Garderobe derselben
und lie ihr weit mehr Freiheit, als das bisher der Fall gewesen. Nichts
destoweniger klopfte der Armen doch das Herz, als sie vernahm, ihr Vater
wolle sie sehen -- hatte sie denn nicht schon frher gehrt, ihre Eltern
verlangten sie zurck und war er denn nicht vielleicht gerade zu dem Zweck
jetzt nach Cincinnati gekommen? Ihre Pulse flogen fieberhaft und eine Angst
berkam sie, als ob irgend ein gewaltiges Unglck sie bedrohe, das sie
nahen sehe, dem sie aber nicht entgehen knne.

Schwabe verlie indessen, nach seiner Zusammenkunft mit Wagners, sehr
betrbt und niedergeschlagen ihr Haus, schlenderte langsam den Mittelmarkt
hinauf, der katholischen Kirche zu, und dachte mit recht schwerem Herzen
an die letzten Worte der gereitzten Frau Base -- da sie Louisen wie eine
Natter betrachten werde, die sie in ihrem Busen genhrt-- _Undankbar_ --
der Vorwurf schnitt ihm tief, tief in die ehrliche Seele und langsam, die
Augen fest auf die Trottoirs geheftet, wanderte er die breite, sonnige
Strae entlang.

Halloh, _Schwabe_ -- so wahr ich lebe -- und in tiefen Gedanken? rief
ihn da pltzlich eine laute frhliche Stimme an, bist doch nicht etwa
Bankdirector geworden, da Du so grimmige Gesichter schneid'st, calculirst
und Deine alten Freunde nicht mehr kennst?

Schwabe sah rasch auf und erkannte, ebenfalls zu seinem freudigen Erstaunen
einen alten Bekannten und Schiffsgefhrten, der mit ihm von Deutschland
ausgewandert und nach Cincinnati gefahren, dort aber, anstatt wie Schwabe
nach Louisiana zurckzukehren, die ganze lange Zeit geblieben war, hier
eine Brauerei errichtet hatte und sich nun gar wohl befand und glcklich
fhlte. Er stand gerade in der Thr der Rehfuischen Apotheke und streckte
dem berrascht vor ihm stehen Bleibenden mit herzlichen Worten die Hand
entgegen.

Aber nun sage nur einmal, Alterchen, frug er den Niedergeschlagenen, als
die ersten Begrungen gewechselt und er den Arm desselben in den seinigen
gezogen. Du siehst ja gerade so aus, als ob Dir die Petersilie verhagelt,
oder sonst ein entsetzliches Unglck passirt wre -- was giebt's, was hast
Du und wo willst Du jetzt hin?

Nirgends hin, meinte Schwabe, ich schlenderte nur hier in Gedanken fort
-- was es aber--

Dann kehren wir auch augenblicklich wieder um! rief der Brauer, und
schwenkte ohne weiters um. -- Da drauen haben wir Nichts zu suchen, und
meine Brauerei und Bierstube liegt hier drinnen, dort mut Du beichten,
mein Bursche, und wenn das Uebel nicht gar so tief sitzt, so werden wir
schon Rath schaffen.

Schwabe, dem es berdie lieb war, seinen trben Gedanken sowohl auf kurze
Zeit entrissen zu werden, wie auch Jemanden zu haben, gegen den er einmal
unverholen sein Herz ausschtten konnte, lenkte willig mit ihm ein
und erzhlte nun dem neugefundenen Freunde, in dessen Haus sie endlich
angelangt waren, umstndlich seine ganze Geschichte, die Verbindlichkeiten,
die er Wagnern schulde, dessen jetzige Meinung, und die Verzweiflung, in
der seine Frau sein werde, wenn er _ohne_ dem Kinde zurckkehre.

Der Brauer hrte ihm, den Kopf in beide, auf den Tisch gestemmte Arme
gesttzt, aufmerksam zu, unterbrach ihn nicht ein einziges Mal, und that
nur manchmal lange, mchtige Zge aus dem vor ihm stehenden riesigen
Blechmaa, das an die alten deutschen Humpen erinnerte, dann aber, als
Jener geendet und nur noch das erwhnte, wie ihn der Vorwurf, _undankbar_
zu sein, so wehe thue und ihn ganz unschlssig mache, was er thun oder
lassen solle, da schlug der Brauer so krftig auf den Tisch, da die
Fensterscheiben erschreckt zusammenklirrten und rief: der Wagner sei
ein _Lump_, das wolle er ihm schriftlich geben, ihm aber werde er jetzt
beweisen, da, wenn Jemand wirklich dankbar zu sein htte, es Niemand
Anderer als in der That nur Wagner selbst sein msse, der an dem Mdchen
die langen Jahre hindurch einen wahren Schatz besessen.

Und nun theilte er dem mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhrenden
Vater mit, was das Kind seit seinem achten Jahre, also jetzt schon beinahe
ein Zeitraum von wieder achten, gethan und gearbeitet, wie es seit dem
eilften Jahre die Wirthschaft dort fast ganz allein gefhrt und bei dem
Allen fast in keine Schule gekommen, sondern immer nur zu Haus behalten
sei, um der sogenannten _Missis_ Bequemlichkeit nicht zu stren und zu
unterbrechen. Dabei habe sie, als diese vor drei Jahren am Tode mit dem
wthendsten Nervenfieber gelegen, wochen- und monatelang Tag und Nacht an
ihrem Bette gewacht, erst im vorigen Jahre wieder eine gleich langwierige,
wenn auch weniger gefhrliche Krankheit bei ihr ausgehalten und berhaupt
das, was Jene vielleicht an ihr gethan, als sie noch ein kleines Kind war
und nicht arbeiten konnte, reichlich, ja im Uebermae vergtet. Wenn also
Jemand zur Dankbarkeit verpflichtet sein sollte, so wren es Wagner's
selber, und da sie damals das kleine Kind zu sich genommen, ei, das htten
sie auch eher aus Eigennutz, als aus Menschlichkeit gethan, denn selbst
kinderlos freuten sie sich des kleinen, muntern Wesens, whrend es den
Eltern wehe genug that, es zurckzulassen.

Das Uebrige Alles bei Seite, fuhr der Brauer pltzlich in seinen
Trostworten fort, und etwas leiser redend, bog er sich, die Hnde
herunternehmend, nher zu dem Freund hinber, so giebt es doch noch einen
Grund, ber den wir hier in der Stadt, wenn's uns auch nichts anging, schon
oft gesprochen, und der allein hinreichend wre, es Euch, Schwabe, sogar
zur Pflicht zu machen, Euer Kind mit fortzunehmen.

Schwabe horchte hoch auf, Jener aber, die Stimme zu einem Flstern
herunterdrckend, sagte:

Wenn ich Vater wre, so nhme ich mein Kind, und besonders ein Mdchen,
heute noch mit mir fort, das in _dem_ Hause nichts Gutes lernen kann.
Wovon ist Wagner so rasch und pltzlich ein wohlhabender Mann geworden? Von
seinem Schenkstande etwa? -- Das soll mir Keiner wei machen; nein, von
der heimlichen Spielhlle, die er in seinem Hause, klug genug, so versteckt
hlt, da ihm die Gerichte, obgleich sie schon dreimal, und zwar ganz
unerwartete Nachsuche gehalten, doch nicht auf die Spur kommen knnen. Das
arme Mdchen nun, da er keinem fremden Barkeeper das Geheimni anvertrauen
kann, mu fast jede Nacht bis ein oder zwei Uhr bei diesen rohen Gesellen
aufsitzen, und wenn auch Wagner ebenfalls im Zimmer bleibt, so hrt sie
doch dort -- denn wie knnte sie's verhindern -- all die gemeinen wsten
Reden einer Menschenklasse, die sich in der Leidenschaft des Spiels noch
unter das Thier erniedrigen. Das arme Kind, seit langen Jahren daran
gewhnt, wei das nun freilich nicht besser; wre ich aber Vater, mir
bliebe sie keine Stunde lnger in dem Hause.

Aber lieber, bester Freund! sagte Schwabe, hierdurch einestheils von der
ersten Besorgni erlst, aber dann auch wieder mit einer neuen, fast noch
schwereren auf der Seele -- wie will ich sie fortbekommen? Fordere ich
sie dem Manne durch das Gesetz ab, so macht er mir nachher eine
Kostenberechnung, die ich nach dem, was ich schon von der Frau gehrt, gar
nicht im Stande wre zu bezahlen.

Nein, dahin darfs nicht kommen! entgegnete rasch der Brauer, wenigstens
mtet Ihr erst den Hauptvortheil vorne weg zu gewinnen suchen, und das
ist -- das Recht des Besitzes, in dem sich Wagner jetzt befindet. Wer eine
Sache einmal wirklich hat, dem ist sie hier in Amerika verdammt schwer
aus den Zhnen zu reien, selbst wenn er noch weniger anscheinendes Recht
darauf htte, als Wagner hier in diesem Falle; verhielt sich aber die Sache
umgekehrt, wre die Tochter bei Euch, und wollte sie Wagner nun wieder
haben, oder die Entschdigungssumme ausgezahlt bekommen, dann mte er
klagen und Ihr, in St.Francisville knntet nachher eine Gegenrechnung fr
geleistete Dienste aufsetzen, die sich gewaschen hat.--

Dann bleibt mir weiter Nichts brig, als mein eigenes Kind zu stehlen!
rief Schwabe.

Ganz meiner Meinung! sagte der Brauer und leerte den letzten Rest des
Blechmaaes auf einen Zug -- ganz meiner Meinung, wiederholte er, als
er fertig war, und das Gef klappernd auf den Tisch zurckstellte --
und Nichts leichter als das! Ich bin heute Morgen mit dem Mailboot von
Louisville gekommen, und habe unten an der Landung das Sternwheelboot[10]
Raritan getroffen, das, wie mich der Capitn fest versicherte, morgen frh
mit dem Schlage Acht, Cincinnati verlt. Der Raritan geht allerdings nur
bis zur Mndung des Arkansus, den Mississippi hinunter; das schadet aber
Nichts, dort langen tglich wenigstens zwei oder drei stromabgehende Boote
an, und Ihr Beide knnt in fnf bis sechs Tagen in Louisiana sein.

  [10]: Sternwheelboot ist ein Dampfboot, das, gewhnlich mit zwei
  Maschinen, nur _ein_ groes Rad hinten am sogenannten _Stern_ hat, und
  von diesem also gnzlich vorwrts _geschoben_ wird. Diese Art Boote
  scheinen aber nicht besonders praktisch, und es giebt deren nur sehr
  wenige auf den Amerikanischen Flssen.

Aber wie bekomme ich Louise aus Wagner's Hnden, ohne da dieser etwas
davon merkt?

Louisen? Ei, Ihr geht einfach zusammen fort, denn Wagner lt sich nie
Morgens vor neun Uhr unten sehen -- so lange schlft er, weil er die Nacht
so spt aufbleibt, und das arme, junge Mdchen mu schon von sechs Uhr an
Frhstck und Alles besorgen, dann auf dem Markt einkaufen, die Eier oder
vielmehr die Bkereien in Ordnung halten, und Gott wei, was sonst noch fr
Sachen und Geschfte verrichten. Du siehst also zu, da Du heute Abend
noch einmal Gelegenheit bekommst, mit Deiner Tochter zu sprechen, und das
Uebrige berlasse mir -- ich bin dort im Hause bekannt wie ein bunter Hund,
und werde das Alles schon besorgen. Jetzt aber, damit Du keinen
unnthigen Verdacht erregst, oder einen vielleicht schon erregten wieder
beschwichtigst, gehst Du zu Wagner's Haus zurck, und erklrst dorten, da
Du sie -- Wagner's, bittest, Deinen Wunsch nochmals zu berlegen und zu
prfen, stelle ihnen dabei vor, wie sich die Mutter sonst grmen wird etc.
-- das hilft doch Alles nichts, aber es macht sie sicher -- hiernach theile
ihnen mit, da Du gesonnen seist, drei Tage in Cincinnati zu bleiben und
nach Ablauf dieser Frist wnschest, eine bestimmte Antwort von ihnen zu
hren -- das sagst Du ihnen brigens nur, wenn Du allein mit ihnen bist,
verstehst Du? Ihr braucht dazu gerade keine Zeugen. Apropos, haben sie Dich
schon eingeladen, bei ihnen zu wohnen?

Nein -- sie wissen ja gar nicht, wie lange ich hier bleiben wollte.

Gut, desto besser -- thun sie es jetzt, so sagst Du, Du httest es mir
schon versprochen; morgen frh hast Du denn weiter nichts zu thun, als in
_dem_ Augenblick, wo ich das Zeichen von unten herauf bekomme, da das Boot
die Springkette loslt, Dein Kind abzuholen, in Mainstreet soll dann ein
Wagen fr Euch stehn, und da sie unten nicht eher abfahren bis Ihr an Bord
seid, dafr will ich auch schon Sorge tragen.

Alle weiteren Bedenklichkeiten des immer noch nicht recht fest
Entschlossenen, machte brigens der wackere Brauer zu Schanden, bewies
ihm, da er, wenn er nicht ein wahrer Rabenvater wre, sein Kind mitnehmen
_msse_, und redete ihm so in's Herz hinein, da sich Schwabe, dessen
heiester Wunsch das Alles ja von Anfang an selbst gewesen, nur zu gern
berreden lie, in jeder Hinsicht dem Rath seines neugefundenen Freundes zu
folgen, mit dem er auch jetzt die nheren Vorsichtsmaregeln besprach und
festsetzte.

Allerdings ging er nun von hier aus wieder nach Wagner's Haus zurck; so
sehr er sich aber auch bemhte, seine Tochter, und sei es nur auf wenige
Minuten, allein zu sprechen, so gelang ihm das doch keineswegs, denn
eine direkte Unterredung mochte er nicht gern verlangen, weil er dadurch
Verdacht zu erregen frchtete; ja er hatte sogar schon, um seinen Vetter
ganz sicher zu machen, diesem gesagt, da er, da er sich doch jetzt einmal
in Cincinnati befinde, einen guten Bekannten aufsuchen wolle, der mit ihm
ber See gekommen sei, und etwa zwei Stunden Wegs von der Stadt entfernt
wohne, er wrde daher auch wohl nicht vor morgen frh zehn Uhr zurckkehren
knnen. Kaum vermochte er dabei mit dem fortwhrend beschftigten Kinde
ein paar flchtige Worte zu wechseln, doch hatten sie das vorausgesehn, und
dafr schon Vorkehrungen getroffen. Der Brauer sollte nmlich, sobald ihm
das nicht selbst gelang, den Abend bei Wagner's zubringen, und die Tochter
bei der ersten sich ihm dort bietenden Gelegenheit auf die beabsichtigte
morgende Flucht vorbereiten. Der Klugheit Louisens hofften sie dabei
ebenfalls viel vertrauen zu knnen und glaubten jetzt die ganze Sache auf
das vortrefflichste und zweckmigste eingeleitet und berathen zu haben.

So brav und ehrlich unser wackerer Brauer aber auch sein mochte, und so gut
er's sicher in diesem Falle meinte, so war er doch -- das lie sich kaum
lugnen -- nichts weniger als ein Diplomat und kam fast nie zum Ziele, wo
es einiger List und Scharfsinn galt, sondern meistens nur, wo er gerade
ohne weitere Umstnde hinein tappen durfte. So hatte er es denn auch in
diesem Falle wohl eine volle Stunde lang umsonst versucht, Schwabes Tochter
nur so viel merken zu lassen, da er ein Paar Worte an sie allein zu
richten wnsche. Vergebens blieb er mitten in der Schenkstube, allen Gsten
im Wege stehen, um sie im Vorbeigehen anzureden, vergeblich verstopfte
er ber eine Viertelstunde durch seine breite, vierschrtige Gestalt die
Hofthr, sie kam nicht _ein_mal hinaus, und er wurde endlich durch die
vereinten Bemhungen des Barkeepers und der schwarzen Kchin bei Seite
geschoben, und bedeutet, da dieser gerade der allerletzte Platz wre,
wo man ihn gern she. Er fing schon an, die Aufmerksamkeit der Gste zu
erregen, und beschlo nun einen andern, weniger gefhrlichen aber gewi
sichern Plan zu verfolgen.

Zu diesem Zwecke lie er sich in einer der am wenigsten beobachteten
Ecken des Zimmers nieder, und drckte sich hier, seinen Blechkrug und das
brennende Licht -- denn es war indessen dunkel geworden -- dicht vor sich
geschoben, fast gewaltsam zwischen die scharfe Tischkante und die hier
angebrachte, mit mchtigem Gehus umschlossene Wanduhr. Dadurch gewann er
den Vortheil, da er, ohne den Kopf zu wenden, das ganze Zimmer bersehen
konnte, und sobald er sich jetzt einen Augenblick selber unbeachtet sah,
schlug er mit der Lichtschere gegen das Blech, was, wie er recht gut wute,
Louise im Nu an seine Seite brachte.

Das junge Mdchen sprang rasch auf ihn zu, und streckte die Hand nach dem
Blechmaa aus, um es wieder zu fllen; der Brauer hielt das aber mit der
linken fest, whrend er mit der rechten ihren Arm ergriff, sie ein wenig zu
sich hinberzog und leise, aber schnell flsterte:

Erschrick nicht -- er kommt morgen frh!

Louise erschrak aber ber das Pltzliche dieser Warnung und fast eben so
ber das sonderbare Gesicht, das der Brauer dabei machte, dermaen, da sie
einen nur halbunterdrckten Schrei ausstie.

Eigenthmlich war die Wirkung, die dieser Schrei auf den Brauer ausbte.

In demselben Momente fuhren die Gste nach dem ziemlich hrbaren Ausruf
herum und natrlich richteten sich dadurch ihre Blicke auf den in der Ecke
Sitzenden, dieser aber ri mit einem pltzlichen Ruck beide Hnde zurck,
sa starr und steif da, zog die Backen ein, prete dabei die Lippen fest
aneinander, und schnitt ein so ungemein gleichgltiges und nichtsagendes
Gesicht, da Louise, die solch wunderbare Vernderung mit Blitzesschnelle
vor sich gehen sah, in ein lautes Gelchter ausbrach, in das jetzt viele
der Umstehenden mit einstimmten.

Der Brauer lie sich nun allerdings nicht durch solche Kleinigkeiten auer
Fassung bringen, damit war ihm aber auch fr den Augenblick der ganze
Anlauf verdorben, und er mute wohl eine halbe Stunde vorbergehen lassen,
ehe er einen neuen Versuch wagen durfte.

Als er zum zweiten Male an das Blech schlug, sah sich Louise allerdings
wieder nach ihm um, blieb aber stehen, und des Brauers rasch und seltsam
verzerrte Physiognomie, rief ihr eben so rasch die Grbchen in die Wangen
zurck, denn sie konnte doch wahrlich nicht ahnen, da dieses gruliche
Gesichterschneiden irgend einen bedeutsamen Zweck fr sie haben sollte. Und
dennoch war das so; der Brauer gab sich die nur erdenklichste Mhe,
irgend einen mimischen Eindruck auf sie hervorzubringen, sobald er das nur
irgendwie unbemerkt thun konnte, und die halb schlauen, halb ngstlichen
Seitenblicke, die er dazwischen im Zimmer und besonders nach rechts und
links hinber warf, waren so unwiderstehlich komisch, da die, zu deren
Besten der sonst so ernste Mann all diese Muskelverzerrungen vortrug,
endlich in allen Freuden und dem festen Glauben, der Brauer habe heute
einmal einen Schluck ber den Durst gethan, ihren Pflegevater darauf
aufmerksam machte, und dadurch den ganzen, so schn und pfiffig
ausgedachten Plan unseres Bierfabrikanten zerstrte. Wagner setzte sich
bald darauf zu ihm, und der Brauer verlie eine Stunde spter, hchst
rgerlich auf sich und die ganze Welt, die =City of Mnchen=.

Dadurch war es den Verbndeten freilich unmglich geworden, die Tochter
gehrig vorzubereiten, um am nchsten Morgen nicht zu viel Zeit zu
verlieren. Nichtsdestoweniger trafen sie alle nthigen Vorkehrungen, und
kauften besonders mehre Kleidungsstcke ein, denn Louise sollte unter
keiner Bedingung auch nur ein Stck der ihr von Wagner geschenkten
Kleidungsstcke mitnehmen; selbst ein Bonnet und das Nthigste, was sie
fr den Augenblick brauchte, konnten sie leicht in dem 150Miles entfernten
Louisville bekommen, wo sie genug Zeit behielten, Einkufe zu machen,
whrend das Dampfboot langsam durch die Schleusen des Canals gelassen
wurde.

Der von Schwabe in ngstlicher Ungeduld so sehnlichst herbei gewnschte
Morgen brach endlich an, und unten an der Landung waren die Feuerleute und
Deckhands des Raritan schon emsig beschftigt, die Kessel zu heizen und die
Verdecke mit unzhligen heraufgeholten Eimern Fluwasser zu scheuern und
abzusphlen. Oben in der fnften Strae ffnete der Barkeeper des deutschen
Kaffeehauses die Laden, fegte das Schenkzimmer aus und ging dann an seine
gewhnliche Morgenarbeit, das im Hinterhaus versteckt liegende Spielzimmer
nach seinem nchtlichen Besuch zu reinigen und zu lften und zum nchsten
vielleicht schon sehr baldigen Besuch wieder herzurichten, mit welchem
Geschft er selten vor neun oder halb zehn Uhr fertig wurde.

Louise war indessen vorn in der Bar beschftigt, staubte die Flaschen und
Tische ab, splte und wischte die Glser aus, breitete neue Servietten auf
die verschiedenen Kaffeebreter, fllte die kleinen Flacons mit Staunton
Bittres und Pfeffermnzessenz, putzte die blind gewordenen Fensterscheiben
und that berhaupt Alles, um die Schenkstube in ihrer gewhnlichen
Sauberkeit und Reinlichkeit zu halten und war so emsig dabei beschftigt,
da sie gar nicht bemerkte, wie schon ein Mann mehre Minuten lang in der
geffneten Thre stand und ihrem thtigen Schaffen und Treiben sinnend aber
aufmerksam zuschaute.

Dem armen Mdchen gingen aber auch gar viele trbe und ernste Gedanken im
Kopf herum -- war nicht, wie ihr Mrs. Wagner gesagt, ihr Vater gekommen,
und wollte er sie nicht ihrer jetzigen liebgewonnenen Heimath entreien,
um sie einer andern -- wie ihre Pflegeeltern sagten -- traurigen und
freudlosen Existenz entgegen zu fhren? war sie gezwungen ihm zu folgen,
oder durfte sie bleiben, wenn sie ihm verweigert wurde? -- Ja -- _durfte_
sie in dem Fall wirklich bleiben, oder zwang sie die kindliche Pflicht,
dem zu folgen, der von der Natur das erste heiligste Recht auf sie erhalten
hatte? Ach, wer half ihr aus diesen Zweifeln, welcher redliche Freund rieth
ihr, was sie thun, was sie meiden sollte?--

Louise! sagte da eine leise -- zrtliche Stimme -- mein Kind -- meine
Tochter.--

Und Louise, als sie die bekannten Laute hrte, fuhr zusammen, da ein Glas,
an welchem sie gerade putzte, ihrer Hand entfiel und auf dem Boden klirrend
zerbrach. Blitzesschnell fuhr sie herum, vor ihr aber stand, die Arme
freundlich und liebend nach ihr ausgestreckt -- ihr _Vater_. Das arme Kind
wurde todtenbleich, zitterte an allen Gliedern und vermochte kein Wort
ber die Lippen zu bringen; Schwabe aber ergriff ihre Hand, zog die kaum
Widerstrebende langsam an sich und flsterte, indem er ihr liebkosend die
Haare aus der Stirn strich:

Mein Kind -- mein liebes, gutes Kind, nicht wahr, jetzt lt Du mich nicht
wieder allein zu Deiner Mutter zurckkehren? der brche das Herz darber;
nein, jetzt, jetzt verlt Du mich nicht wieder, jetzt bleiben wir
beisammen, und Du, nicht wahr, meine gute Louise, Du gehst mit mir zu
Deiner Mutter nach Louisiana?

Aber wird mich Missis Wagner fortlassen? murmelte in Angst und
Unentschlossenheit das arme Mdchen -- wird sie--

Das sind bse Menschen, die Dich Deinen Eltern vorenthalten wollen,
drngte der Vater -- Du bist in dem Hause hier auch nicht gut aufgehoben,
der Brauer hat mir Alles erzhlt. Doch davon spter. Jetzt drngt die
Zeit, in wenigen Minuten geht das Dampfboot ab -- die Ketten sind schon
eingenommen, es hngt nur noch an einem einzigen Tau und wartet auf uns.

_Jetzt?_ rief Louise erschreckt, und suchte ihren Arm frei zu machen --
jetzt soll ich fort -- heimlich fliehen?

In die Arme Deiner Eltern sollst Du, Louise -- zu den Deinigen, die Dich
auf den Hnden tragen und fr Dich sorgen werden, wie sie es sich schon so
lange Jahre gewnscht.

Und ohne Abschied sollte ich fort von meinen Eltern, fort aus diesem
Hause? bat, immer ngstlicher werdend, die Arme -- Niemand ist hier im
Laden -- sie haben mich wie ihr Kind behandelt -- sie haben mich lieb und
ich -- ich--

Ein starkes Klopfen an den Fensterscheiben schreckte sie wieder empor und
gleich darauf steckte ein kleiner Negerbursche den Wollkopf in die noch
offene Thre herein und rief mit seiner feinen, piepigen Stimme: Raritan
geht, Massa -- haben schon =steam= 'nausgelassen, soviel -- Wagen steht an
der Ecke.

Siehst Du, mein Kind -- es ist alles vorbereitet, flsterte der Vater
und zog die Tochter der Thre zu, in wenigen Minuten knnen wir auf dem
Dampfboote, in fnf Tagen kannst Du in den Armen und an dem Herzen Deiner
Mutter sein -- komm, komm, Louise!

Heiliger Gott! ich kann und darf ja doch nicht wie ein Dieb hier aus dem
Hause entfliehen, das mir so lange Jahre Schutz und Nahrung gegeben, -- ich
mchte schon mit Ihnen gehen, Vater, aber -- so -- so nicht, so auf keinen
Fall.

Louise -- mein Kind! bat noch einmal der Vater, und die Heftigkeit seiner
Gefhle drohte ihm die Stimme zu ersticken -- Du wirst und darfst mich
nicht allein zu Deiner Mutter zurckkehren lassen -- Du _mut_ mit mir
gehen -- ich befehle es Dir als Dein Vater.

Um Gottes willen, Vater, Sie zerdrcken mir den Arm -- ich darf wahrhaftig
nicht fort.

Holla da, wer will Dich zwingen? rief pltzlich eine rauhe, finstere
Stimme, und Wagner, noch im Morgenkostm, mit verschlafenen Augen und
hoch aufstrubenden Haaren, trat in die Thre, wo er -- sobald er sah,
da Schwabe bei seinem Erscheinen den Arm der Tochter fast unwillkrlich
loslie und sich rasch nach ihm umwandte, stehen blieb, und mit hhnischem
Tone in seiner Rede fortfuhr. So, Sir -- also ordentlich Versteckens
wird gespielt, um denen, die uns das eigene Kind lange und schwere Jahre
hindurch gepflegt und erzogen, dieses, wenn man nachher anfngt seine
Freude daran zu haben, frmlich zu rauben und zu stehlen? -- da werde ich
wohl am Besten thun, wenn ich gleich auf's Gericht gehe und die saubere
Bescheerung anzeige -- ich bin Brger hier und will doch einmal sehen, ob
mich das Gesetz nicht in meinem Eigenthum schtzen wird.

Wagner, murmelte Schwabe, und hielt noch immer den finsteren Blick auf
sein Kind geheftet, das, keiner weiteren Bewegung fhig, jetzt, da sich
sein Schicksal entschieden, an dem Schenktisch lehnte und weinte, als ob
ihm das Herz brechen wollte -- Wagner, mge Gott Dir verzeihen, da Du den
Eltern das Kind verweigerst -- die Summe, die Du verlangst, bin ich aber,
das weit Du recht gut, nicht im Stande zu bezahlen; Du weit aber auch,
da Du die Summe nicht _verdienst_, da mein Kind mehr fr Dich gearbeitet,
als das Wenige betrgt, was sie verzehrt und womit sie sich gekleidet. Gott
nur sieht den Menschen in's Herz, ihm werden auch die Mittel bekannt sein,
die Du angewandt, sein junges Blut gegen mich zu kehren. Da ich mein Kind
heimlich mit mir fortnehmen wollte, leugne ich nicht, und httest Du es
verhindert, so wrde mich das arg geschmerzt haben, aber -- es weigert sich
selber mitzugehen -- es will von seinen Eltern Nichts mehr wissen, und das
ist hart, das hatte ich nicht erwartet, und _das_ -- thut auch recht weh,
weher, als mir je ein Wort von Dir thun konnte, Wagner. So lebt denn hier
Alle recht wohl -- ich kehre nun wieder nach Cincinnati zurck, Dir aber,
mein Kind, meine Louise -- und die herausquellenden Thrnen machten seine
Worte fast unverstndlich -- Dir wnsch ich, da Du nie fhlen, nie ahnen
mgest, welchen Schmerz Du Deinen armen Eltern bereitet, die, Gott ist mein
Zeuge, nur durch ihre Lage gezwungen waren, Dich so lange fremden Hnden zu
berlassen -- lebe wohl, und mge Gott Dich segnen, ich kann nicht bse auf
Dich sein. Aber halt, hier, das hat mir Deine Mutter fr Dich gegeben, ich
hatte einmal geglaubt, ich wrde es nicht abzuliefern brauchen -- gut so,
es hat so sein sollen -- Deine arme Mutter.

Er ging auf die Tochter zu, legte ein kleines Paket neben sie auf den
Schenktisch, drckte sie dann noch einmal rasch und heftig in die Arme,
einen Ku auf ihre Stirn und verlie, ehe Louise kaum wute da er sie
losgelassen, das Schenkzimmer, vor dem eben wieder, jetzt aber mit breitem
Erstaunen in den dunkeln Zgen, das Gesicht des Negerknaben aufgetaucht
war.

Wie er nach Mainstreet und in den dort harrenden Wagen kam, wute er nicht
-- in eine Ecke gedrckt, die Hnde krampfhaft gegen das Gesicht gepret,
fhlte er nur, wie die leichte _Gig_ blitzesschnell mit ihm die steile
Strae hinunterrasselte, und bald darauf vor dem wild schnaubenden und
keuchenden Dampfboot hielt; dort aber kam er erst wieder zur Besinnung
als der hier harrende Brauer den Kutschenschlag aufri und ganz verblfft
stehen blieb, als er den Freund _allein_ zurckkehren sah. Hier war aber
nicht lange Zeit mehr zum Besinnen, der ungeduldige Ruf des Capitns, der
nun mit ganz auergewhnlicher Geflligkeit bis jetzt gewartet, trieb ihn
an Bord--

_Sie wollte nicht mit!_ rief der arme Vater nun trauernd dem Freunde zu,
ri sich von diesem, der ihn noch zurckhalten wollte, los, sprang an Bord
und keuchend und puffend drngte der Dampfer rckwrts in den Strom hinein,
und warf die aufgerttelten Wellen hinauf an das eben verlassene Ufer. In
der Mitte des Stromes hielt die Maschine einen Augenblick und das Fahrzeug
trieb eine kurze Strecke mit der Strmung hinunter, schwenkte dann nach der
Seite hinber, kehrte den Bug gen Westen und scho blitzesschnell davon,
whrend das eine mchtige Sternrad schumende und zischende Wassermassen
hinter sich hinaus schleuderte.

Und Louise?--

Das arme Mdchen war kaum im Stande, den Tag ber ihre Geschfte zu
besorgen; das Hirn brannte ihr fieberhaft, und ihr war es, als ob sie
fortwhrend in einem Traume wandle, aus dem sie jeden Augenblick erwachen
msse. Ihr Vater? -- das war ihr _Vater_ gewesen, der sie hatte mitnehmen,
zur _Mutter_ mitnehmen wollen -- ihr lebte eine Mutter, aber weit von hier,
eine Mutter, die sie vielleicht lieb hatte, die ihrer harrte und _sie_?
O wie dem armen Kind die Pulse flogen, wie seine Augen glhten und
schmerzten. Sie konnte sich kaum noch aufrecht erhalten und Wagner, dem ihr
verndertes Aussehen auffiel, schickte sie heute schon mit Dunkelwerden auf
ihre Kammer.

Hier angelangt, wollte sie sich gleich aufs Bett werfen, da fiel ihr das
kleine Paket in die Augen, das ihr der Vater heute beim Abschied gegeben.
Sie zndete ihr Lmpchen an und bei dem matten Schein desselben ffnete sie
den Faden, der es umschlossen hielt -- Ha -- ein kleines Bild blitzte ihr
entgegen und ein dicht zusammengefaltetes Briefchen glitt heraus und vor
ihre Fe nieder. Das Bild? -- das, das mute ihre Mutter sein -- ihre
_Mutter_ die sie mit den treuen blauen Augen so freundlich anlchelte
-- und diese Augen -- muten die sich nicht mit Thrnen, mit heien,
schmerzlichen Thrnen fllen, wenn der Vater, _ohne_ das Kind zurckkehrte,
und der Mutter sagte -- da die Tochter -- Nichts von ihr wissen wolle --
da sie sich geweigert habe, ihm zu folgen?

Sie sttzte den Kopf in die Hand und betrachtete lange und sinnend die
theueren Zge, zu denen sie als Kind liebend emporgeschaut und den Namen
Mutter hinaufgelispelt hatte. Ihre Augen fllten sich mit Thrnen --
da fiel ihr Blick auf das zusammengefaltete Blatt, sie hob es auf und
entfaltete es.

Mein liebes Kind, lauteten die Zeilen -- ich kann zwar nicht selber
schreiben, denn erstens hab' ich's nie gelernt, und dann bin ich jetzt auch
recht krank und schwach, aus Sehnsucht Dich zu sehn, unser Barkeeper hat
mir aber den Gefallen gethan, und die paar Zeilen aufgesetzt. Htte
ich schreiben gekonnt, ach wie oft htt' ich an Dich, Du liebes Kind,
geschrieben. Doch nun schadet es Nichts mehr -- nun kommst Du bald zu uns,
und dann soll uns Nichts auf der weiten Welt mehr trennen. Ach Du glaubst
gar nicht, wie ich mich nach Dir sehne; ich glaube ich strbe, wenn ich
Dich nicht bald in meine Arme schlieen knnte. Ich habe Dich wohl recht
lange ohne Nachricht von mir gelassen, aber nicht wahr -- Du bist Deiner
_Mutter_ nicht bse darber, ach ich will Dich ja jetzt so lieb dafr
haben. Das dabei ist mein Bild -- es ist _recht_ hnlich -- ich habe ihm
tausend Ksse fr Dich gegeben -- es mag sie Dir wieder geben, bis ich Dich
selbst an's Herz drcken kann. Aber jetzt lebe recht wohl -- recht wohl
meine liebe Tochter und mge Dich Gott recht bald und recht gesund in meine
Arme fhren. Es grt und kt Dich viel hundert tausendmal

      Deine Mutter.

Louise sa lange, lange auf ihrem Bett und starrte auf den Brief nieder;
-- wieder und wieder berflog sie die Zeilen, prete sich die fieberheie
Stirn zwischen die kleinen kalten Hnde und blieb dann auf's Neue in dem
Inhalt dieser, mit bitterem Vorwurf an ihr Herz dringenden Worte verloren.
Endlich brach sich der nicht lnger dammbare Schmerz Bahn -- sie ergriff
das Bild, prete es unter einem heien Thrnenstrom an die Lippen und sank
dann, mit dem leise und schluchzend hervorgerufenen Wehelaut zu spt -- zu
spt, -- nun ist Alles vorbei und ich habe die Mutter fr ewig verloren!
auf ihr Lager zurck.

       *       *       *       *       *

Wir wollen einen Zeitraum von fnf Monaten berspringen, und wiederum bitte
ich den Leser, mit mir den etwas steilen aber kurzen Berg hinaufzusteigen,
der von der uersten Grenze Bayou Sarahs aus, bis zu den ersten Husern
des kleinen Stdtchens Francisville hinauffhrt.

Dort, gleich linker Hand, wenn wir hinaufkommen, da, wo das breite starke
Reck die hereinkommenden Pflanzer einladet, ihre Pferde zu befestigen und
indessen einen khlen Trunk zu thun, steht noch das freundliche, weie Haus
mit den Jalousien und der breiten Veranda, mit dem niederen Dach und der
gastlichen Bank vor der Thr, aber das Schild -- wo ist das Schild hin, das
mit den groen goldenen Buchstaben den Namen unseres wackeren Landsmannes
trug? Wo ist die lange schmale Tafel, die all die Leckerbissen und
Delikatessen in gldenen Worten aufzhlte? Ach lieber Leser, in dem Hause
sieht's jetzt gar bunt und wild aus, die Schilder sind aus ihren eisernen
Haken losgerissen, die Wnde und Stuben leer und verlassen. Wo sonst das
gemthlich stille Stbchen war, da lag jetzt Stroh, einzelne Stckchen
Packleinewand und kurze Bindfaden, whrend in der unteren Stube und in
dem Schenklokale gescheuert und gewaschen wurde, als ob eben erst die eine
Familie aus, eine andere eingezogen sei. Und das war auch so, denn traurige
Vernderungen hatten in der selbstgegrndeten Heimath unseres wackern
Deutschen stattgefunden.

Als Schwabe damals ohne sein Kind zurckkehrte, und die arme Mutter nach
und nach die ganze schreckliche Wahrheit erfuhr, ja erfahren mute, da
warf sie der Schmerz und Gram um das Verlorene auf das Krankenlager und
ein schweres Nervenfieber bedrohte ihr Leben. Freilich siegte die sonst
krftige Natur der Frau endlich ber den rttelnden Tod, der frohe Muth war
aber dahin, und bleich und abgezehrt wankte sie, einer Leiche hnlicher als
einem lebenden, fhlenden Wesen, im Haus herum. Auch Schwabe wurde immer
trauriger, immer niedergeschlagener; er vernachligte seine Kunden und
sein Geschft, denn es machte ihm keine Freude mehr, und konnte dagegen
stundenlang hinter dem Tisch sitzen, und in ein und dieselbe Ecke stieren.

Ein paar Monate hielt er das so aus; seiner Frau Krankheit beschftigte ihn
auch in der ersten Zeit viel zu sehr, um noch an sich zu denken, endlich
aber sah er doch wohl ein, da er so nicht lnger fortbestehen knne.

Hier -- ja hier hatte er ein hbsches Besitzthum, das ihn nhrte, es
ging ihm gut, und nichts fehlte ihm, was er zu krperlichem Wohlbefinden
gebrauchte, was aber half ihm dies Alles, wenn trotzdem ein ewiger
unvertilgbarer Wurm an seinem Herzen nagen sollte -- wenn er die Frau in
Sehnsucht nach ihrem Kinde hinsterben sah, und sich selbst am Ende noch
Vorwrfe, und gegrndete Vorwrfe machen mute. Denn wie lange, wie viele
Jahre hatten sie sich Beide nicht um die Tochter gekmmert, und konnte
ihnen das jetzt in ihrem eigenen Gewissen zur Entschuldigung dienen, da
sie das Kind bei den wohlhabenden Leuten besser aufgehoben geglaubt, als es
bei ihnen selbst der Fall gewesen? Nein, denn die Ueberzeugung, die Schwabe
jetzt und besonders durch des Brauers Worte erhalten, sagte ihm, da
sich sein Mdchen dort vielleicht krperlich, aber keineswegs geistig
wohlbefunden haben knne, wo sie blos als Mittel verwandt wurde, eine
Haushlterin zu sparen und ihren Erziehern von so groem Nutzen zu sein wie
mglich. Und darnach hatte er, der Vater, Jahre lang nicht gesehen, darauf
muten ihn jetzt erst _fremde_ Menschen aufmerksam machen.

Doch, noch war nicht Alles verloren, noch gab es Gott sei Dank! _ein_
Mittel, seinen Fehler zu verbessern und das Mittel, es war der erste
freudige Gedanke, der ihn wieder durchzuckte, das Mittel hatte er sich
selbst durch seinen eigenen Flei erworben und verschafft. Als er hier
in Amerika zu arbeiten anfing, besa er wenig oder gar nichts; selbst die
Erfahrung fehlte ihm, die man in den Vereinigten Staaten gewhnlich so
theuer, so ungeheuer theuer erkaufen mu. Jetzt hatte er dagegen lange
Jahre hindurch Erfahrung gesammelt, und kannte die Sitten und Gebruche des
Landes -- mute ihm nun nicht, und wenn er auch wirklich noch einmal von
vornherein begann, der Anfang um so bedeutend leichter werden? -- Gewi!
und sein Entschlu war gefat -- es handelte sich hier nur um Geld, das er
besa, von dem er sich trennen konnte, und seine, seiner Frau Ruhe, seines
Kindes Rckkehr war damit zu erkaufen. Was war es auch weiter, er entsagte
ja nur einem errungenen Vortheil, einer nach und nach zum Bedrfni
gewordenen Bequemlichkeit und jetzt, da er sich berwunden, ja dem festen
Willen sogar die That augenblicklich folgen lie und all die hierzu
nthigen und erforderlichen Schritte that, da begriff er kaum noch, wie
es mglich gewesen, da er frher auch nur einen Augenblick gezaudert, und
nicht schon lange, ja gleich damals als ihn der erste schmerzliche Schlag
traf, Alles geopfert habe, was ja in diesem Falle nicht einmal ein Opfer
genannt werden konnte, wo es das Glck seiner ganzen Familie, all der
Seinigen betraf.

Er sollte sich auch nicht getuscht haben, seine Frau schien mit diesem
Entschlu des Vaters neue Lebenskraft zu gewinnen, -- hier ffnete sich ihr
auf einmal die Aussicht, ihr Kind -- das schon als todt beweinte -- wieder
zu gewinnen und fast gewaltsam schttelte sie von diesem Augenblick Alles
ab, was ihren Geist noch niederdrcken, ihre Seele befangen und ngstigen
konnte. Die Hoffnung war eingezogen in das treue Mutterherz, und mit ihr
wuchs und gedieh auch wieder die Liebe zum Leben, das Vertrauen auf ihres
Gottes Schutz und Gte, der sie in der letzten schweren Zeit ach! fast
verlassen.

Htte es brigens noch eines Antriebes bedurft, den einmal gefaten und
beschlossenen Plan auch auszufhren, so kam der nach etwa vier Monaten
in der Gestalt eines Briefes, von unserem alten Freund, dem Brauer, der
Schwaben noch einmal ernsthaft aufforderte, einen zweiten Versuch zu
machen, sein Kind wieder zu bekommen, wenn es nicht in seinen dortigen
Verhltnissen an Seel und Leib verderben sollte. Die Spielhlle in
Wagners Hause, hatte, seiner Aussage nach, einen so gefhrlichen Charakter
angenommen, da er aus guter Hand wisse, der Magistrat warte jetzt nur noch
auf eine Gelegenheit, ernsthaft einzuschreiten, und Louise msse dabei
ber ihre Krfte angestrengt werden, denn sie she bleich und elend aus und
habe, so oft er nun auch hingekommen sei, immer trbe und verweinte Augen.

Es war hier -- das sah Schwabe aus dem ganzen Brief -- gar keine Zeit mehr
zu verlieren, den Verkauf seines Grundstcks betrieb er also so viel als
mglich, und sandte zu gleicher Zeit den, indessen zu einem wackeren,
braven jungen Mann herangeschossenen Sohn nach dem Westen von Arkansas,
wo er sich, als ehrlicher Farmer am Fue der Ozark-Gebirge anzusiedeln
gedachte. Carl sollte dort einen Platz aussuchen und vorher irgend eine
kleine Htte zu ihrem ersten Aufenthalt einrichten, da sie, so lang die
nthigsten Arbeiten dauerten, doch wenigstens ein Obdach hatten. Das
Andere fand sich spter von selber, und dort, in einem Lande, wo man keine
Ansprche macht, unntze Bequemlichkeiten nicht kennt, und sich deshalb
gerade mit dem wenigen, was die Natur bietet, glcklich fhlt, wurde es
ihnen auch leichter zu vergessen was sie einst besaen, wenn sie nur das
Wenige, _was_ ihnen blieb _mitsammen_ genieen konnten, und sich nicht
immer sagen muten, Eines fehle noch -- eines von den Ihren, dessen Glck
Gott dereinst von ihnen fordern knne und werde.

Manchmal zwar tauchte auch, selbst in diesen Vorbereitungen, noch das
alte Gespenst der Angst und Ungewiheit auf -- das Kind mag Nichts von den
Eltern wissen -- es liebt Die nicht, die es so lange vergessen und unter
fremden Menschen gelassen haben -- es hat ja nicht einmal mit dem Vater zu
Hause gewollt, obgleich der Mutter fast das Herz darber gebrochen; aber
die Mutter selber beschwichtigte alle diese Zweifel.

Da sie zu Dir nicht gleich Vertrauen fassen konnte, ist natrlich, sagte
sie unter Thrnen lchelnd, komme ich aber selbst zu ihr hinauf, hat sie
nur einmal am Herzen der _Mutter_ gelegen, dann geht sie von Der auch nicht
wieder fort, und wenn Du sie gleich dazu zwingen wolltest. Bring Du nur die
Geldangelegenheit mit Wagner in Ordnung, befriedige dessen Forderungen, und
ich stehe Dir dafr, wir verlassen Cincinnati so froh und glcklich, als ob
wir dem Reichthum und Ueberflu entgegen gingen.

Man glaubt ja so gerne was man wnscht und Schwabe betrieb die Zurstung
mit allem nur mglichen Eifer; sein Haus hatte er auch bald verkauft, es
lag vorzglich, war noch neu und in gutem Zustand, da fehlte es nicht
an Liebhabern. Ein Brief von seinem Sohne meldete ihm ebenfalls, da in
Arkansas, in einer reizenden Gegend und auf gutem trefflichen Lande Alles
vorbereitet und des Pflugs gewrtig sei. Das was er an Gepck mitzunehmen
wnschte, stand bereit, und von dem, erst krzlich eingetroffenen Mail-
oder Postboot hatte er ebenfalls gehrt, da noch an diesem Tage der, nach
Cincinnati bestimmte =Eagle of the West=, ein rasches wackeres Dampfboot,
eintreffen wrde. Dieses wollten sie benutzen, ihr Aufenthalt in Ohio
sollte nicht lange dauern, und in gar kurzer Zeit konnten sie friedlich
-- glcklich mitsammen, in den freundlichen Thlern der herrlichen
Ozarkgebirge ihre Heimath gegrndet haben.

Schwabes Frau schien aber mit der neuen freudigen Hoffnung, ihr Kind
nun bald, recht bald wieder zu sehen, auch ein neues und freudiges Leben
eingesogen zu haben; ordentlich verjngt arbeitete sie nach Herzenslust,
die noch etwa nthigen kleinen Geschfte zu besorgen und solche
Vorbereitungen zu treffen, die ihnen den Aufenthalt im Zwischendeck
eines Dampfbootes erleichtern konnten. Da hrten sie pltzlich unten vom
Mississippi aus, eine Glocke und erschraken nicht wenig. Wenn die schon
der =Eagle of the West= war, wie kmen sie dann noch, mit allem dem was sie
mitzunehmen wnschten, zeitig genug herunter und an seinen Bord, denn die
Capitne solcher Boote warten selten lange, selbst auf Cajtenpassagiere,
vielweniger denn auf =People=, das im unteren Deck fr wenige Dollar
mitfahren will.

Schwabe fate seinen Hut auf, gab rasch einem jungen Deutschen, einem
Karrenfhrer, der mit seiner _Dray_ gerade in der Nhe hielt, die nthigen
Anweisungen, Frau und Koffer, so schnell ihm das irgend mglich sei,
nachzuschaffen und eilte dann selber mit flchtigen Schritten voran, um,
wenn er das irgend vermge, das Boot aufzuhalten und noch mit fortzukommen.
Kaum erreichte er aber den uersten Stand des steilen Hgels, auf welchem
St.Francisville steht, und von dem aus er das dicht am Mississippi
liegende Bayou Sarah wie den ganzen Strom berschauen konnte, als er den
wei aufsteigenden Dampf des unten gelandeten Bootes bemerkte, der eben
wieder durch die ='scape pipe= auspuffte -- gleich darauf wandte sich der
Bug vom Lande ab, schwenkte nieder, und ging -- den Strom hinunter.

Gott sei Dank murmelte Schwabe leise vor sich hin und wandte sich langsam
gegen sein Haus zurck, ich glaubte schon, wir htten das rechte versumt,
und mten noch ein paar Tage lnger warten.

Die Sachen schickte er brigens ohne weiteres an die Landung, denn um
keinen Tag mehr zu versumen, wollte er gar nicht wieder nach Louisiana
zurckkehren, sondern gleich von Cincinnati aus, ein fr den Arkansas
bestimmtes Boot benutzen.

Die Dray war um die Biegung der Strae und den Berg hinunter, verschwunden,
Schwabes aber gingen noch einmal in's Haus zurck; theils um zu sehn, ob
sie in dem ersten eiligen Aufbruch Nichts vergessen htten, und dann auch,
um ruhigeren Abschied von dem Ort zu nehmen, der bis jetzt ihre Heimath
gewesen und den sie nun fr immer, auf nimmer Wiederkehren, verlassen
sollten. Den armen Leuten zuckte es dabei recht durchs Herz -- erst beim
Scheiden findet man ja nur zu oft, wie lieb man, bis dahin vielleicht nur
gleichgltig betrachtete Rume und Gegenstnde gehabt hat -- der Gedanke
aber an ihr Kind, das sie sich mit diesem Opfer zurckerkauften, nahm aber
solchem Gefhl alles Bittere -- sie sprachen kein Wort, sie standen nur
lange und schweigend neben einander und drckten sich endlich, als Schwabe
leise zum Aufbruch mahnte, still und herzlich die Hnde.

So komm denn, mein liebes Weib, bat der Deutsche und zog sie sanft der
Thre zu, komm und mache Dir nicht gar zum Abschied noch trben Sinn;
denke, da wir das Alles ja nur zurcklassen, um mit unserem Kind wieder
vereint zu leben.

Trben Sinn, lchelte die Frau unter Thrnen, glaube das ja nicht,
Schwabe, kein trber Sinn ist's, der mir das Wasser in die Augen treibt,
nein, in der Seele wohl thut's mir, _da_ ich gerade so ruhig und freudig
von dem Ort fortgehn kann, den ich schon bis an mein einstiges Ende zu
behalten geglaubt, stolz bin ich darauf, wenn ich-- sie horchte einem
Gerusch das unten im Hause laut wurde--

Es ist Nichts -- wahrscheinlich die Packer, die ihr Gerthe mitnehmen,
sagte Schwabe.

Sie mssen oben sein berichtete die Stimme eines Nachbars, die
Schwabe kannte, irgend jemand Fremden, ich habe sie erst vor kaum einer
Viertelstunde hinaufgehn sehn, und sie sind noch nicht wieder herunter
gekommen.

Ein leiser Dank wurde erwiedert, und gleich darauf knarrte die hlzerne
Stiege; Schwabe wandte sich der Thr zu, die sich in demselben Augenblick
ffnete. Ein junges Mdchen trat herein.--

Heiliger Gott! schrie der Deutsche und fuhr erschreckt empor --
Louise!--

Louise? sthnte kaum hrbar die Frau -- unser Kind?

_Mutter -- Mutter_ rief aber in diesem Augenblick die Tochter und flog in
die ihr noch halb zweifelnd entgegengestreckten Arme -- Mutter -- o mein
Gott!

Schmerz wie Freude wirken gleich stark, das Ueberma der Gefhle macht das
Blut stocken und lhmt die Thtigkeit der Nerven. Aber die Freude tdtet
nicht so leicht, in ihr selbst liegt schon wieder die Heilung des ersten
vielleicht zu mchtigen Schlages und der Augenblick des Erwachens ist
auch der Augenblick der Rettung. Louisens Mutter war, von dem Ueberma
des Glckes ohnmchtig zu Boden gesunken, jetzt aber, unter den vereinten
Bemhungen des Gatten und Kindes, die lachend und weinend die Schlfe der
Bewutlosen rieben und alle mglichen anderen Belebungsversuche anwandten,
kam sie bald wieder zu sich und hielt nun, kaum im Stande ihr Glck zu
begreifen, ja nur zu glauben, das lang entbehrte und ach, so geliebte Kind
fest, fest umschlossen, als ob sie es nie im Leben wieder von sich thun und
lassen wolle.

Doch welche Feder vermchte die Gefhle der Mutter -- die Empfindungen
dieser drei Glcklichen zu beschreiben; lange Zeit fanden sie gar keine
Worte und hielten sich nur still und selig umfat. Endlich aber, nach dem
ersten Sturm der Gre und Ksse frug Schwabe, was sie denn eigentlich hier
herunter nach Louisiana gebracht, und wie es gekommen sei, da sie Wagner
berhaupt frei gegeben habe? Der Eltern Erstaunen lt sich denken, als sie
erfuhren, da ihr Kind _allein_ den ganzen weiten Weg die beiden mchtigen
Strme hinunter, _allein_ auf dem groen Dampfboot, zwischen lauter fremden
Leuten, zwischen dem rohen Volk des Zwischendecks hierher gekommen sei.
Aber wir wollen sie selber reden und ihre Flucht erzhlen lassen.

Ach Vater sagte sie, wie weh mir um's Herz war, als _Sie_ mich an jenem
Morgen verlieen--

La den Morgen Kind, unterbrach sie hier lchelnd der Vater, la das
Vergangene sein, wir haben Dich ja jetzt und alle Noth ist vorber -- aber
noch eines -- nicht mit dem kalten hflichen _Sie_ mut Du uns anreden,
wie bei vornehmen Leuten Sitte sein mag, ich bin Dein Vater, das ist Deine
Mutter und Du bist unser Kind; da gehrt sich weiter Nichts als Du und Du,
so haben wir's von je gehalten, und so soll's bleiben. Die Tochter drckte
den Eltern mit einem thrnengefllten Blick die Hand und fuhr leise fort:

Ich mu doch wohl den Morgen noch einmal erwhnen, lieber Vater, denn in
dem Augenblick, wo ich Dich so erschttert davoneilen sah und Zeuge sein
mute, wie hlich und unfreundlich Dich Herr Wagner behandelte, da war es,
als ob ich zum ersten Male fhle, wie unrecht ich gethan hatte, nicht mit
Dir, zu Euch, zur _Mutter_ zu gehen. Und als ich nun endlich gar Dein
Bild, liebe Mutter, und Deinen herzlichen Brief fand, und als ich mir sagen
mute, wie Du Dich grmen wrdest, wenn ich nicht mit dem Vater heim kme,
da habe ich die Nacht, und die folgende und alle Nchte geweint und
geweint und wute mir keines Rathes und hatte Niemand, mit dem ich mich
aussprechen, gegen den ich mein ganzes Herz ausschtten konnte. Dabei mag
ich wohl manchmal meine Pflicht versumt haben, denn es war mir zu weh
um's Herz und ich dachte an Nichts weiter als an Euch -- und Missis Wagner
schalt mich und Herr Wagner wurde auch unfreundlich, denn er meinte, die
Gste in der Hinterstube wrden sich kein Glas mehr von mir einschenken
lassen, wenn ich immer feuerrothe, verweinte Augen htte. Unter jenen
Gsten waren aber auch recht bse Menschen, die ein paar Mal sogar mit
Messern nach einander stachen, ja einmal trugen sie sogar Einen todt fort,
und Herr Wagner stie frchterliche Drohungen gegen mich aus, wenn ich auch
nur eine Sylbe darber redete.

Ich glaubte ich wre verzweifelt, wenn ich lnger htte dort oben bleiben
mssen, und dennoch wute ich nicht was ich thun, was ich lassen sollte.
Da kam zufllig, vor etwa acht Tagen eine Dame von Columbus zu uns, die
am nchsten Morgen nach New-Orleans wollte und bei uns bernachtete. Das
Dampfboot ging um 10Uhr ab, und ich mute ihr eine Hutschachtel und einen
Reisesack hinunter tragen: sie hatte sich aber mit dem Anziehn ein wenig
versptet, wir kamen kaum noch zur rechten Zeit -- die Planken sollten
schon eingezogen werden -- ich trug ihr die Sachen in die Cajte hinauf,
lief wieder zurck und wollte an's Land. Da, Mutter, da war es mir
pltzlich, als ob eine Stimme, als ob _Deine_ Stimme mich bittend anrief zu
bleiben, der Gedanke an Dich, da mich die Boot in wenigen Tagen in Deine
Arme fhren knne, zuckte mir durchs Herz und zaudernd, unschlssig stand
ich noch und wute nicht, ob ich vor oder rckwrts sollte, als die Glocke
des Bootes zum letzten Mal tnte. In dem nmlichen Moment rissen aber auch
die Matrosen die Planken ein, die Maschine fing an zu arbeiten und wenige
Secunden spter befand ich mich, jetzt mit keinem freien Entschlu mehr von
brausenden Wassern umgeben, von meiner bisherigen Heimath fortgerissen, auf
dem breiten, gewaltigen Strom.

Erlat mir die Beschreibung dessen, was ich die ersten Tage unter den
fremden Menschen litt und ausstand. Auf dem Boot waren sie unfreundlich mit
mir, weil ich die Passage nicht gleich bezahlen konnte, glcklicherweise
trug ich aber ein kleines goldenes Kreuz, das ich damals von Missis
Wagner bekommen, als ich sie nach dem Nervenfieber so lange gepflegt. Dies
verkaufte der Schiffsschreiber in Louisville fr mich, bestritt davon
meine Passage und gab mir auch noch einen Dollar heraus, wofr ich mir Brod
kaufen konnte, unterwegs davon zu leben. -- Ich mute eine recht traurige
Zeit verleben, und bin fast in Angst und Sorge vergangen, jetzt aber --
jetzt ist Alles gut, ich habe Euch -- Dich meine liebe Mutter, meinen Vater
wieder und nun -- nicht wahr, nun seid Ihr auch nicht mehr bse auf Euer
Kind, da es die _fremden_ Menschen so lange lieber hatte als Euch, und
nicht fort wollte von ihnen.

Was braucht es weiterer Schilderung der glcklichen Familie, eine
Stunde entfloh ihnen im Austausch ihrer Mittheilungen und Gefhle mit
Zauberschnelle und erst die Meldung, da der =Eagle of the West= bei
Waterlow sichtbar wurde, mahnte Schwabe an die beabsichtigte Reise.
Aber nicht in Cincinnati lag jetzt ihr Ziel, nein in Arkansas, in den
fruchtbaren Thlern des noch wilden Staates; nicht bis zur Mndung des
Licking, nur bis zu der des Arkansas hinauf wollten sie mit dem Boote gehn.
Ohne weiteres Zgern trieb denn auch der Vater zum Aufbruch; ihr Gepck lag
schon am Ufer; nur noch die nthigen Kleidungsstcke fr Louise kauften
sie rasch bei einem der deutschen Juden an der Landung ein, bestiegen das
gleich darauf heranbrausende Boot, auf dem jetzt Schwabe in aller Freude
seines Herzens keineswegs Zwischendeck-, sondern Cajtenpassage fr sich
und die Seinigen nahm, und erreichten eilf Tage spter das kleine Stdtchen
Ozark, von dem aus sie in kaum vier und zwanzig Stunden ihre neue Heimath
betreten konnten.

       *       *       *       *       *

Nun wute Schwabe, nach all dem Vorhergegangenen wohl gut genug, da Wagner
rechtlicher Weise _keine_ Ansprche mehr auf irgend eine Vergtung fr
seiner Tochter dortigen Aufenthalt machen konnte; er wollte es sich aber
auch nicht einmal nachsagen lassen, undankbar fr etwas gewesen zu sein,
das ihm doch wenigstens im Anfang als Wohlthat erschienen. Er schrieb
deshalb, und zwar so bald sie auf ihrer neuen Farm eingetroffen waren,
einen Brief an Wagner, worin er ihn von seiner Tochter Ankunft in Kenntni
setzte und zugleich aufforderte, offen und ehrlich zu sagen, was er glaubte
fr die Erhaltung des Mdchens in den ersten Jahren beanspruchen zu knnen,
(denn fr die letzten drfe er schon dehalb nichts rechnen, weil er sie ja
nicht einmal gutwillig habe wieder fortlassen wollen). Er versprach dabei
den Forderungen zu gengen, soweit das in seinen Krften stnde und bat ihn
auch dem Kinde nicht zu zrnen, das ihn ja nur deshalb verlassen habe, um
in die Arme seiner Mutter zu eilen.

Auf diesen Brief erhielt er keine Antwort; ebenfalls nicht auf einen
zweiten und dritten und erst im nchsten Jahre erfuhr er von einem neuen
Ansiedler, der bis dahin in Cincinnati gelebt und Wagner recht gut gekannt
hatte, die Ursache dieses rthselhaften Schweigens.

Die Geschichte der in seinem Hause verbten Mordthat, die auch Louise
schon erwhnt, war ruchbar geworden, andere Klagen trafen noch mit dieser
zusammen, das Halten einer heimlichen Spielhlle an und fr sich unterwarf
ihn schon der peinlichsten Strafe der Amerikanischen Gesetze und Wagner
entging nur durch die freundliche Warnung eines Deputy Sheriffs, der
ebenfalls mit zu dem Spielklubb gehrte, der Verhaftung und vielleicht --
dem Zuchthaus. Er verschwand in derselben Nacht aus der Stadt und man hat
nie wieder weder von ihm noch seiner Frau etwas gehrt -- sie blieben Beide
spurlos verschwunden.

Am Fu der Ozarkgebirge blthe und gedieh aber indessen eine kleine wackere
deutsche Colonie. Schwabe hatte sich in jenem herrlichen und noch so
wenig gekannten Landstrich des fernen Westen niedergelassen, und ppige
Maisfelder schmiegten sich an den Fu, saftige Weingrten an die Hnge der
Berge, zahlreiche Heerden weideten in den nicht fernen Prairien.

Aber ein ganz neuer Geist war auch ber den jetzt glcklichen Vater
gekommen, der mit unermdlichem Eifer daran ging nicht mehr fr sich
allein, nein jetzt auch fr sein Kind, fr sein liebes, so lange verlorenes
Kind eine neue und wohnliche Heimath zu grnden. Hier fand er dazu den
vollen Spielraum fr seine unermdete Thtigkeit, fr sein Schaffen und
Wirken, und deutscher Flei, deutsche Migkeit verwandelte bald das in ein
Paradies, was noch vor wenigen Jahren de trostlose Wildni gewesen.




Schicksale einer Nacht.


Nummero15 -- Schlogasse! rief ich dem am Schlage harrenden Kutscher zu,
warf meinen Reisesack in die eine, mich selbst in die andere Ecke des kaum
gepolsterten Wagens und fort ging's ber das schauderhafte Pflaster der
Residenz vom Bahnhofe aus in die innere Stadt, wo ich jetzt eigentlich im
vollen Ballcostme -- o, _der_ Gedanke allein schon machte mich rasend
-- beim rauschenden Chor jubelnder Melodien -- sie -- sie im Arme, in
wirbelnder Seligkeit mich, Salon, Erde, Himmel und Weltall htte vergessen
sollen.

Aber nein, da rasselte ich noch in diesem Marterkasten zwischen dstern
fremdglotzenden Husermassen hin, denn gerade heute, als ob mir selbst
die Locomotiven nicht einmal den Gefallen thun knnten schneller als
Lohnkutscher zu fahren, waren wir erstlich wie die Schnecken ber die
glattbeeisten Schienen hingekrochen, an jeder Station ewig lange haltend,
und zuletzt gar, um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, in einer
Schneewehe eine volle Glockenstunde lang stecken geblieben. Deshalb trafen
wir denn aber auch anstatt um sieben, um halb neun Uhr an Ort und Stelle
ein, und es lie sich wohl entschuldigen, da ich in peinlicher Ungeduld
zehn Mal unterwegs an die Fenster klopfte und dem Kutscher bald Flche
in die Ohren donnerte, bald Trinkgelder bot, bis dieser endlich in voller
Verzweiflung auf sein darber zum Hchsten erstauntes Pferd loshieb und wir
nun, wie ein bhmisches Ungewitter durch die Straen rollend, da Kies und
Funken stoben, bald darauf vor dem bezeichneten Hause anhielten.

Ich habe gar nicht mehr geglaubt, da Du kmst! rief mein Freund, der
erst heute Morgen meinen Brief erhalten hatte und mich jetzt, als er die
Droschke herantoben hrte, in der Thre erwartete, wo hast Du nur so lange
gesteckt?

Zu Erklrungen war es aber keine Zeit mehr, rasch fate ich meinen
Reisesack, drckte dem Kutscher das schon in Bereitschaft gehaltene Geld in
die Hand und flog mehr als ich ging die Treppe hinauf und in das von Meier
bezeichnete Zimmer. Hier warf ich meinen Hut ab und erzhlte und klagte dem
Freunde -- whrend dem ich den kleinen Reisesackschlssel in allen Taschen
mit immer grerer Hast zwei Mal suchte und zuletzt in der, in welcher
ich angefangen hatte, fand -- wie mich das Unglck verfolgt, ja wie ich
berhaupt ein solcher Unglcksvogel sei, da ich die Welt frmlich als
Pechreisender durchziehen und die glnzendsten Geschfte machen knne.

Es stand ja aber auch heute gerade mein ganzes Lebensglck auf dem Spiele
-- heute sollte ich, nach zweijhriger Trennung _die_ wieder sehen, ohne
die ich mir die Welt nur als eine de trostlose Wildni denken konnte --
heute Abend durfte ich ja hoffen von ihren Lippen das se Gestndni ihrer
Liebe zu hren oder wenigstens doch in ihren Augen Leben oder Tod fr mich
zu lesen. _Mit_ ihr, Leben in seiner sonnigsten Lust, im Freudenrausche
wonnetaumelnder Sphren, _ohne_ sie--

Was zum Teufel hast Du denn da eigentlich in Deinem Reisesacke? rief
Meier und ich, der ich, whrend Himmel und Hlle in meinem Herzen mit
Hoffnung und banger Todesfurcht rangen, das kleine Schlo des messingenen
Bgels geffnet und eben hineingegriffen hatte meine Unaussprechlichen
herauszuziehen -- den Frack trug ich nmlich, um ihn vor dem Zerdrcken zu
bewahren, schon unter dem Burnus -- ich denke mich rhrt der Schlag,
als ich gleich obenauf einen Schnrleib, ein Paar Schachteln, ein
Schminkbchschen und in immer wachsender Verzweiflung und Wuth eine ganze
Unmasse solchen Plunders herausziehe und um mich her auf Boden und Sthle
streue.

Meiers dmonisches Lachen brachte mich erst wieder zur Besinnung.

Hahahaha! schrie er und die Thrnen liefen ihm in ununterdrckbarem Jubel
ber das breite, rothgeschwollene Gesicht -- ich htte ihn erwrgen knnen,
hahaha -- hast einen falschen Reisesack erwischt -- das ist gttlich --
das ist unbezahlbar.

Da! rief ich und schleuderte den geleerten nichtswrdigen Reisebeutel mit
wildem Wurfe hinter den Ofen, da lieg und verdirb. -- Was fang ich an? Ich
kann doch wahrhaftig nicht in meinen blau- und graucarrirten den Ballsaal
betreten? -- Heilige Dreifaltigkeit, habe ich denn nicht recht, wenn ich
mich fr das unglckseligste Geschpf halte, das zweibeinig zwischen Himmel
und Erde herumluft? Jetzt sitze ich hier; Emilie wartet indessen mit ihrer
Engelsgeduld stundenlang auf mich, den Treulosgeglaubten, kann aber endlich
den dringenden Bitten nicht lnger widerstehen und _mu_ sich zuletzt auf
den ganzen Abend engagiren.

Aber wie war das nur mglich? fragte Meier, nachdem er sich von seinem
bestialischen Lachkrampf in etwas erholt. Jedermann behlt doch unterwegs
seinen Reisesack bei sich und da begreife ich gar nicht--

Begreifen -- begreifen, knurrte ich rgerlich und lief dabei hnderingend
in der Stube auf und ab, -- ich war damals zwanzig Jahr alt und der Ball
mir zur Lebensfrage geworden, -- ich begreife es recht gut. Auf der
letzten Station, wo man im Wagen schon keine Hand mehr vor den Augen sehen
konnte, stieg noch eine Dame in unser Coupe und drckte sich, da in der
Ecke gegenber ein dickbepelzter vermaledeiter polnischer Jude sa und gar
nicht daran dachte der Neuhinzukommenden Raum zu machen, dicht neben
mich. -- Ich bin von diesem Augenblicke an mit Leib und Seele _gegen_ die
Emancipation. -- Da sie auch einen Reisesack bei sich hatte, wute ich
natrlich gar nicht und als der Zug hielt, sprang ich, in Eile wie ich war
und jetzt auch noch in der Angst vielleicht nicht einmal eine Droschke
zu bekommen, rasch und ohne mich weiter um die Dame und ihr Gepck zu
bekmmern, aus dem Coupe und dem Droschkenplatze zu. Ich mu dabei
wahrscheinlich ihren Reisesack erfat haben und sie hat dafr den meinigen.
Meier, es wird bei Gott zu spt. -- Wo bekomme ich andere Ballhosen her?
wenn ich noch lnger zgere ist Emilie auf den ganzen Abend versagt und ich
kann nachher ihre dicke Tante im Saale herumschleppen.

Nun, wenn es weiter nichts ist, meinte Jener gutmthig, da kann
vielleicht noch Rath werden--, hier mache nur schnell Toilette und
ich will unterdessen hinausgehen und sehen ob ich Dir nicht aus meiner
Garderobe ein Paar zur Aushlfe herausfinden kann -- wir sind ja ungefhr
von einer Gre.

Guter Mensch, der Meier! ich drckte ihm herzlich die Hand und whrend
er hinausging besorgte ich meinen brigen Anzug, brachte meine etwas in
Verwirrung gerathenen Haare in Ordnung und war wenige Minuten spter bereit
in jedes Paar Beinkleider hineinzufahren, das sich mir bieten wrde. Meier
kam aber nicht so schnell wieder und ich unterhielt mich indessen damit,
die Thre jede halbe Minute zwei Mal auf- und zuzumachen, oder die
Schachteln und Bchsen zu untersuchen, die mir ein tckisches Schicksal in
den Weg geschleudert.

_Damenplunder_, Schminke, Puder, ein Paar falsche Locken, getragene
Handschuhe und Strmpfe.

Bah! rief ich und warf den Kram wieder von mir, ist es denn mglich, da
es Esel auf der Welt giebt, die sich durch _solche_ Mittel bethren lassen?
Ich bin erst zwanzig Jahre, aber so viel wei ich, wrde--

Herr Gott, wie riecht das hier verbrannt! rief Meier, der in diesem
Augenblicke die Thre aufri und mit dem ersehnten Kleidungsstcke
hereintrat. Hier mu etwas versengt sein.

Mir war der Geruch auch schon aufgefallen, doch hatte ich in all' meiner
Ungeduld nicht darauf geachtet; Meier dagegen zog gleich darauf den
verhngnivollen Reisesack hinter dem Ofen vor. Die eine Seite desselben
-- weier Grund mit rothen Rosen -- ich kann mich noch so deutlich darauf
besinnen als wenn es gestern gewesen wre -- war gelbbraun gesengt und zu
meiner Schande mu ich's gestehen, da ich eine ordentliche Schadenfreude
darber empfand. Was kmmerte mich aber jetzt der Reisesack, ich fuhr nur
-- whrend Meier alle die diversen umhergestreuten Gegenstnde wieder ohne
groe Vorsicht und Ordnung in den Beutel zurckwarf, mit dem Knie, da nicht
alles bequem hinein wollte, ein Bischen nachdrngte und dann das
Ganze unter das Bett schob -- mit wahrer Todesverachtung in die
Unaussprechlichen. -- Herr der Welt, wenn sie nicht gepat htten -- aber
nein.

Triumph! rief ich und that mit beiden Fen zugleich einen Luftsprung,
die Intelligenz siegt!

Sie saen wie angegossen -- nur ein klein wenig zu eng, doch that das
nichts -- der Schnitt war vorzglich und ich freute mich -- auf mein Bein
habe ich mir von jeher etwas eingebildet -- wie ein Kind darber. Kaum nahm
ich mir jedoch nur zu einer flchtigen Spiegelpromenade Zeit, denn
unten knallte schon der von dem Dienstmdchen inde herbeigeholte
Droschkenkutscher, warf rasch den Burnus ber, ergriff meine Handschuhe,
drckte meinen Hut auf und wollte fort.

Halt, sagte da Meier und fate meinen Arm, wann wirst Du denn wohl
wieder zu Hause sein?

Wer? ich? Nun nicht zu spt; wenn meine Dame nach Hause fhrt, tanz' ich
keinen Schritt mehr; auf jeden Fall bin ich um ein oder zwei Uhr sptestens
wieder hier.

Gut, dann nimm den Hausschlssel, erwiederte mir Meier; ich komme
schwerlich so frh heim, denn wir spielen nachher immer noch ein Paar
Rubber Whist. -- Schlfst Du fest?

Nicht auergewhnlich.

So werde ich gerade unter dem Fenster hier, wo Dein Bett steht, in die
Hnde klatschen -- Du magst dann den Hausschlssel in Dein Taschentuch
binden, oder in den Tabaksbeutel dort stecken und herunterwerfen.

Habt Ihr denn keinen Hausmann, der auf die Klingel kommt?

Der Draht ist heute gerissen und noch nicht wieder gemacht -- Du wirst
mich schon hren.

Aber der verwnscht schwere Schlssel--

La ihn im Burnus, da genirt er Dich nicht -- und noch eins -- merke Dir
die Thre hier. Wenn Du im Dunkeln die Treppe heraufkommst, so fhle Dich
nur links gleich an der Wand hin, Du kannst gar nicht fehlen; die erste
Thre.

Genug -- genug! Wir sprangen die Treppe hinunter in den Wagen und fort
ging's, dem Htel de Russie zu, wo uns schon von weitem die blendend
erleuchteten Saalfenster das Fest als begonnen verkndigten.

Wie mir das Herz pochte, als ich die breite teppichbelegte Treppe
hinaufstieg! war mir's nicht, als ob ich pltzlich Blei in den Fen habe
und die Glieder nicht mehr bewegen und heben knne -- mit Gewalt mute ich
mich zusammenraffen und wurde erst durch einen der betreten Lakaien, der
mir ein Stck Pappe in die Hand drckte und im nchsten Augenblicke mit
meinem Burnus verschwunden war, zu mir selbst gebracht.

Wir traten ein; aus der geffneten Saalthre tnten uns aber schon die
wilden Tne eines Gallopps entgegen. Ich hatte es mir doch gedacht, drei
Tnze waren schon vorber, die Polonaise und zwei Walzer und Emilie
_mute_ sich ja auf den ganzen Abend versagt haben -- oder durfte ich etwa
vernnftiger Weise etwas anderes erwarten?

Siehst Du, murmelte ich, die Hand krampfhaft auf dem Herzen geballt, in
Meiers Ohr, _das_ ist mein Schicksal, das mich rettungslos verfolgt --
vierundzwanzig Meilen habe ich jetzt in grimmigster Klte zurckgelegt --
riesengroe Schwierigkeiten berwunden und besiegt und jetzt? -- _zu spt_
-- der Fluch, der mir mein ganzes Leben untergraben hat -- Emilie ist fr
mich verloren und ich bin elend -- elend auf ewig.

Adolph, flsterte mir Meier zu und bog sich zu mir herber, Du weit was
ich Dir schon tausend Mal gesagt habe, schlag Dir, wenn Du gescheidt bist,
das Mdchen aus dem Kopfe, Emilie ist lter als Du selbst, ber die besten
Jahre hinaus.--

Geh zum Henker! rief ich unwillig, Mensch, willst Du mich denn jetzt
auch noch, wo ich berdies dem Verzweifeln nahe bin, wahnsinnig machen? Du
weit, da ich--

Schon gut, die alte Noth, Du _willst_ nicht hren, so gehe denn ruhig
Deinen Weg. Aber da drben kommt Emiliens jngerer Bruder gerade auf uns
zu, von dem wirst Du augenblicklich erfahren knnen, wo Du die _Gttliche_
zu suchen hast.

Ich wandte mich unwillig von ihm ab, dem Bruder der Geliebten zu; wer aber
beschreibt mein Erstaunen, ja mein Entzcken, als ich hre, da Emilie,
ebenfalls durch eigenthmliche Hindernisse aufgehalten, noch gar nicht
erschienen ist, aber jeden Augenblick erwartet wird. Ich htte dem
liebenswrdigen jungen Manne, einem etwas hochaufgeschossenen Secundaner,
auf offenem Ballsaale um den Hals fallen knnen. Da ich mich jetzt dicht
an der Saalthre postirte versteht sich von selbst; allerdings begrte ich
hier in meinem Eifer wohl zehn Mal fremde Damen, hatte mich mehrere Male zu
entschuldigen und fand endlich, da Emilie zu einer Nebenthre eingetreten
sei, doch was schadete das? durch ihren Bruder gefhrt, suchte sie selbst
mich auf und ich verga in _dem_ Augenblicke Fahrt, Reisesack, Tuschung
und langes Harren -- ich verga die Welt und lebte, athmete nur in ihr.

Eine Stunde entschwand mir so im Wonnetaumel; was ich getanzt, was ich mit
ihr gesprochen, wie sollte ich es wissen, ich sah auch nicht, was uns im
wirbelnden jubelnden Festesdrang umgab, nur in ihre Augen schaute ich und
in diesen blhte ein Paradies fr mich auf, Emilie war nie so freundlich
mit mir gewesen und ich htte in diesem Augenblicke mit keinem Gott
getauscht.

Erst in einer der Pausen gewann ich Zeit mich etwas ruhiger mit ihr zu
unterhalten; Arm in Arm wanderten wir im Saale auf und ab und ihre kleinen
rosigen Lippen flsterten und plapperten mir die sesten Schmeichelworte
in die Ohren.

Wir hatten indessen eine der kleinen, an den Seiten angebrachten
rothgepolsterten Bnke erreicht und lieen uns nieder; Emilie aber
entschuldigte sich jetzt, da sie so bleich und angegriffen ausshe. Guter
Gott, das hatte ich ja noch gar nicht bemerkt, sie sah wirklich bedeutend
blsser aus als gewhnlich -- auch in der That etwas verndert -- was war
ihr geschehen?

Ach bester Freund, flsterte sie auf meine theilnehmenden Fragen, es war
gerade nichts von Bedeutung und doch etwas, das mich bald gezwungen htte,
dem Vergngen des Tanzes heute ganz zu entsagen.

Das Blut strmte mir kalt zum Herzen, als ich nur an die Mglichkeit
dachte.--

Aber wie _war_ das mglich? -- Doch nicht etwa Krankheit? Ihre Wangen sind
heute Abend wirklich auffallend bleich--.

Ich war ein Kind, lchelte sie, Angst und auch -- Aerger, wenn ich denn
aufrichtig sein will, sind die eigentlich thrichten Ursachen gewesen.

Aerger?

Um eine Kleinigkeit -- ich habe jetzt einige Tage bei einer kranken Muhme
im nchsten Stdtchen zugebracht -- mehrere Bekannte hatten dort ebenfalls
einen kleinen Ball arrangirt; heute Abend kehrte ich erst von dort zurck
und -- Sie werden mich auslachen, verwechselte im Coupe meinen Reisesack.
Nun, was erschrecken Sie denn? das ist doch nichts so Frchterliches,
lachte sie, als ich an ihrem Arme zusammenfuhr.

Nein, in der That nicht, stotterte ich und sah mich dabei im Saale um,
ob nicht etwa die Decke niederschlagen wollte, mich zu begraben,
verwechselten -- verwechselten Ihren Reisesack -- hahaha -- das ist
wirklich zu komisch, das ist gttlich -- hahahaha -- das ist kostbar.

Aber ich bitte Sie um Gotteswillen, Adolph! rief Emilie erschreckt, Sie
lenken ja die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft auf uns, was fehlt
Ihnen denn?

Bitte tausend Mal um Verzeihung! stotterte ich ganz verstrt, denn ich
wute in diesem Augenblick wahrhaftig nicht, stand ich auf dem Kopfe oder
auf den Fen. Schminke, Puder, Locken -- heilige Mutter Gottes! Ich drehte
mich schnell nach ihr um, sie trug beim ewigen Himmel ihre gewhnlichen
kastanienbraunen Locken nicht, von denen ich einst mit verrtherischer
Scheere ein ses, theures, tausend und tausend Mal gektes Andenken
geraubt. Pest und Cholera -- ich hatte jetzt die brigen zu Hause in der
Schachtel. Aber was nun thun? sollte ich ihr gestehen, da gerade ich jener
Unglckliche sei, der -- nein das ging beim Himmel nicht, jetzt nicht.
Und war denn auch der Reisesack nicht versengt, ruinirt, lag er nicht,
ich durfte gar nicht daran denken, wo und neben wem; meine Sinne fingen
berhaupt an sich zu verwirren und Brandflecken, Locken, schwarze
Beinkleider, Schminke, Puder, das Alles drehte sich mir wie ein feuriges
Rderwerk in tausend tollen bunten, immer neu gestalteten Bildern im Kopfe
herum.

Ich begreife Sie gar nicht, flsterte Emilie endlich und warf mir einen
vorwurfsvollen aber doch zrtlichen Blick zu, was haben Sie nur?

Ach, mein Frulein, erwiederte ich ihr in aller Verlegenheit und mu in
dem Augenblicke so roth wie ein gesottener Krebs ausgesehen haben -- Sie
glauben gar nicht, wie leid mir Ihr Unfall thut, wenn man nur -- wenn man
nur herausbekommen knnte wer der unglckselige Vertauscher--

Auf jeden Fall ein Herr! sagte sie rasch, ich fand gleich oben auf--
sie stockte pltzlich und bi sich auf die Lippen.

Sie haben den fremden Reisesack geffnet?

Ja, allerdings, aus Versehen natrlich, die kleinen Schlsser sind sich
ja alle gleich und ich sah nicht eher, da ich mich geirrt, bis ich -- bis
ich--

Ich wute was jetzt kam, was jetzt kommen mute, sie hatten ja gleich
obenauf gelegen.--

Ein kleines Buch fand, einige geheftete Bogen heit das, mit -- Gedichten.
Ach Adolph, wenn Sie _die_ Gedichte gelesen htten--

Ueberrascht sah ich zu ihr auf; die verdammten Gedichte hatte ich ganz
vergessen, doch sie gefielen ihr, Emilie schwrmte dafr.

Todt htten Sie sich gelacht ber das Zeug, fuhr die junge Dame, die
sich wieder ganz gesammelt hatte, fort, manches unsinnige Gedicht habe
ich schon gelesen, aber solch bernchtigen Mondenschein und Liebesjammer,
solche Selbstmordphantasie und berschwengliche Winselei noch nie im
Leben. -- Ich -- wurde etwas aufgehalten und las einige davon, sie waren zu
komisch.

Aber mein Frulein, stotterte ich und verbarg mein Gesicht fr einen
Augenblick in mein Taschentuch, mir war es als ob das aus dem Herzen
herausschieende Blut die Stirnadern zersprengen mte, ich wei doch
nicht -- fremde Schriften--

Eines Kaufmannslehrlings, unterbrach sie mich lachend, das hat keine
Gefahr, die geschnrkelte Handschrift verrth den Dichter, -- es
hatte mich einen Thaler fnfundzwanzig Neugroschen gekostet, sie sauber
abschreiben zu lassen. -- Sie mssen uns morgen besuchen, fuhr sie fort,
da knnen Sie den Unsinn selber lesen; ich will den Reisesack spter
zu einer Bekannten schicken, wohin ich die Zeitungsannonce zu richten
gedenke.

Das war zu viel, meine Pulse flogen fieberhaft, meine Stirn brannte, das
Wort lag mir auf der Zunge, mit dem ich sie zu Boden schmettern wollte; mit
solcher Heftigkeit ergriff ich dabei ihren Arm, da sie einen leisen Schrei
ausstie und erschreckt zu mir aufsah. Da wirbelten die Pauken, da drhnten
die Trompeten ihre Jubelfanfare drein, der innere Kreis lichtete sich und
die Paare flogen zum Antritt an ihre Pltze, ich sprang auf und starrte
wild umher.

Kommen Sie, Adolph, flsterte da Emilie und drckte leise meine Hand,
der Tanz beginnt wieder, wir fehlen sonst in der Franaise.

Fast willenlos zog sie mich dem Kreise der jubelnden Schaar zu, mich,
den Verzweifelnden, mit der Hlle im Herzen; da zuckte es auf in mir, in
langverhaltenem Grimme; ich ri mich los von der Entsetzlichen, that einen
Sprung zurck und rief: Nein, -- kein Wort kam ber meine Lippen, auch der
kleinste Laut erstarb mir auf der Zunge, aber ein eiskalter Schauer
lief mir den Rcken hinab. Heiliger Gott, ich hatte die fremden, _engen_
Beinkleider vergessen, eine Naht war bei meiner allzufreien Bewegung
geplatzt, soviel fhlte ich, und frchtete jetzt das Entsetzlichste. Aller
Augen richteten sich dabei, wie es mir wenigstens vorkam, auf mich und mir
war es, als wenn ich vor Schaam htte in die Erde sinken sollen.

Wenn sie es merkten, wenn ich unter dem hhnischen Lachen dieser Elenden
den Saal verlassen mute; doch nein, noch konnten sie den ganzen Umfang
meines Jammers nicht begriffen haben, noch war es vielleicht mglich,
mich unbeachtet zu entfernen. Das einzige Mittel blieb ein urpltzliches
Nasenbluten; ich ri das Taschentuch heraus, hielt es mir vor das Gesicht
und berflog mit einem schnellen Blicke das Terrain. Aber der ganze Platz
zwischen uns und der Thre war von Menschen frei -- nur einzelne Damen
standen hier und da und unzhlige Lichter verliehen ihm Tageshelle; wagte
ich mich jetzt darber hin, so setzte ich mich tollkhn selbst einer
Entdeckung aus; ich mute einen gnstigem Zeitpunkt abwarten.

Ein zweiter Blick berzeugte mich, da der Platz, auf dem ich vor wenigen
Minuten mit Emilien gesessen, noch frei sei und auch ziemlich von einer
neben ihm herunterhngenden Gardine verdeckt und dadurch unbeachtet liege.
War ich im Stande mich dorthin _unerrathen_ zurckzuziehen, so konnte
ich nachher meine Zeit abpassen und bei gnstiger Gelegenheit die Thre
gewinnen.

Da ich unter diesen Umstnden nicht wagen durfte, der Gesellschaft den
Rcken zu drehen, lt sich denken; obgleich mir aber Emilie voll Erstaunen
nachsah, da selbst das vorgehaltene Taschentuch eine solche retrograde
Bewegung nicht vollkommen entschuldigte, so gelang es doch endlich durch
uerst geschicktes Manveriren und die Deckung eines hochlehnigen
Stuhles, den Sitz wieder zu erreichen, um von hieraus meine vllige Flucht
bewerkstelligen zu knnen.

Zur dringenden Nothwendigkeit war es jetzt geworden die _Gre_ des
angerichteten Schadens zu ermitteln; wie es schien nahm in diesem Moment
Niemand weiter Notiz von mir und ich bog, das Tuch jedoch noch immer vor
der Nase, den Kopf ein klein wenig herunter. Herr des Himmels, ein ganzes
Stck weier, verrtherischer Leinwand hing neben mir an der Seite der
rothgepolsterten Bank herunter; fr so entsetzlich hatte ich mein
Unglck gar nicht gehalten; aber es war nur zu gewi, auch so ein kaltes
Gefhl..... Mein Herz schlug mir wie ein Hammer in der Brust, meine
Glieder flogen in Fieberfrost. Doch die _Nhe_ der Gefahr giebt ja auch
den verzagtesten Menschen den Muth zurck; das Unglck war nicht mehr
hinwegzuleugnen, es mute _verbessert_ werden. Wre nur Meier einen
Augenblick dagewesen, aber nein, der sa gewi, kalter gefhlloser Mensch,
ein solcher Jurist! hinter seinem Whisttische und zhlte Tricks und Points,
auf ihn durfte ich nicht rechnen, und eben wollte ich mich, um wenigstens
das Schlimmste zu redressiren, langsam emporrichten, fast unwillkrlich
hob ich dabei den Blick, knickte aber auch blitzschnell auf meinen Platz
zurck, denn zehn Schritte von mir entfernt und gerade auf mich zukommend
erkannte ich, wen anders als Emilien am Arme des drren, bleichschtigen
Secundaners, ihres liebenswrdigen Bruders.

Htte sich die Sammetbank aufgethan und mich verschlungen, ich wre mit dem
grtmglichsten Vergngen eine unbestimmte Anzahl von Klaftern erdab in
vllige Dunkelheit hineingefahren; die blieb aber stockstill und regungslos
stehen und mir kaum Zeit meinen dnnen Frackzipfel ber das Grliche zu
breiten als auch schon mein Schicksal in der Gestalt dieser Sirene auf mich
zutrat und mit leiser freundlich schmeichelnder Stimme fragte:

Haben Sie Nasenbluten, Adolph?

Ich machte nur einfach eine stumme bejahende Bewegung.

Nun das wird bald vorbergehen, trstete sie mich, aber -- drfte ich
Sie wohl einmal auf einen Augenblick incommodiren?

Ich sah berrascht und erschreckt zu ihr auf.

Sie sitzen auf meinem Taschentuche, fuhr sie bittend fort, ich habe es
vorhin hier liegen lassen.

Es -- es liegt kein Taschentuch hier, versicherte ich hinter
meinem eigenen Tuche hervor auf das Bestimmteste, ich habe eben erst
nachgesehen.

Doch, doch, lieber Adolph, lchelte die Entsetzliche, Sie sitzen in der
That darauf, ich -- ich sehe dort sogar den Zipfel, und ehe ich von dem
was mir bevorstand auch nur eine entfernte Ahnung hatte, fuhr sie pltzlich
auf den vermeintlichen Tuchzipfel zu, fate es und suchte es vorzuziehen.

Wenn ich mir in meinem Leben etwas gewnscht habe, so war es in dem
Augenblicke ein Gewicht von circa hunderttausend Pfund. Allerdings packte
ich das sogenannte Tuch so schnell als mglich selbst und hielt es fest,
meine erbarmungslose Qulerin aber legte sich mit ganzer Macht dagegen
und da ich nur eine Hand gebrauchen konnte und berdies auf der
weichgepolsterten Bank nichts weniger als fest sa, fhlte ich, wie sie
mehr und mehr Raum gewann.

Aber bester Herr Mller, winselte da der unglckselige Secundaner und
legte mit Hand an, ich begreife wahrhaftig nicht, weshalb Sie das Tuch
nicht, er zog aus Leibeskrften, nicht her-- geben -- wollen.

Ich sah mein Verderben vor Augen; das Frchterliche konnte nicht lnger
verborgen bleiben; nur es noch so lange als mglich zu verzgern, da --
Heiland der Welt, da gab es nach, ich fhlte wie es unter mir vorrutschte,
die Geschwister sprangen zurck und hielten -- wachte ich denn oder
trumte ich? -- Emiliens wirkliches Taschentuch in der Hand, ein rascher
verzweifelter Griff berzeugte mich sogar, da meine eigene Furcht ganz
ungegrndet gewesen, ob es aber jene Beiden gemerkt, oder ob sie blos ber
das eroberte Tuch jubelten, ich wei es nicht, unter dem mir teuflisch
klingenden Hohngelchter scho ich aus dem Saale, fuhr in toller Eile in
zwei falsche Burnusse hinein, bekam endlich den rechten, nebst einem Hute,
der mir bis ber die Schlfe in's Gesicht sank, warf den in die Ecke,
drckte mir das erste beste auf den Kopf was mir passend vorkam und strmte
die Treppe hinunter, aus dem Hause in die schneidend kalte, aber meine
brennende Stirn wie Balsam khlende Nachtluft hinaus.

Ich war frei und hoch hob sich mir die Brust, und eilenden Laufes floh ich,
eine Hlle im Herzen, die dunkele zugige Strae hinunter der Schlogasse
zu.

Als ich diese endlich erreichte, konnte ich allerdings nicht gleich das
rechte Haus erkennen; sie sahen sich alle hnlich mit ihren grauen Erkern
und dstern Fenstern, glcklicher Weise wute ich aber die Nummer und fand
endlich bei dem matten Scheine einer gegenber dster flackernden Laterne
die ersehnte 15.

Morgen mit dem Frhzuge brech' ich wieder auf! murmelte ich dabei,
whrend ich den schweren Schlssel aus der Tasche holte und in das
Schlsselloch zu stecken versuchte. Ich bin geheilt -- Meier hat recht
-- verrathen war ich, schndlich, niedertrchtig, ver-- na, nun schliet
dieser vermaledeite Schlssel auch nicht -- weiter fehlte mir gar Nichts
als jetzt auch noch eine Stunde hier auf der Strae zu stehen. -- Ich
probirte, es ging nicht, ich blies den Schlssel aus, weil ich glaubte es
knnten sich Krumen hineingesetzt haben -- es ging immer noch nicht.

Meier! rief ich, in der trostlosen Hoffnung, da dieser schon vor mir
den Ball verlassen haben knnte, bekam aber natrlich keine Antwort und
versuchte den Schlssel auf's Neue. Umsonst -- vergebens drckte ich
zehnmal an die Klinke, vergebens interessirten sich die Nachtwchter und
ein Paar vorbeikommende Chaisentrger auf das Lebhafteste fr mich; hinein
in das Schlsselloch brachte ich den Verrther, nachher aber blieb er nicht
allein regungslos darin stecken, sondern wollte sogar nicht einmal wieder
heraus. Ich wei selbst nicht, wie lange ich frierend und fluchend an dem
unglckseligen Schlosse probirte, endlich rieth mir ein Vorbeigehender
-- denn selbst der Nachtwchter hatte die Sache zuletzt als trost- und
hoffnungslos aufgegeben -- zu luten, damit der Hausmann kme und ffne.

Luten! -- ja er hatte gut reden, war denn nicht der Draht gesprungen? doch
folgte ich wirklich, eigentlich nur aus Verzweiflung und Grimm dem Rath und
ri, als ob ich die Klingel htte mit der Wurzel aus dem steinernen Gewnde
reien wollen. Es that mir wohl irgend etwas Bewegliches zu haben, an
dem ich meine Wuth auslassen konnte. Der Zug blieb aber keineswegs so
erfolglos, als ich es erst geglaubt; drinn im Hause war pltzlich durch
meine etwas gewaltige Kraftanstrengung eine Glocke in Bewegung gesetzt
worden, die jetzt ganz urpltzlich nicht allein den merkwrdigsten und
entsetzlichsten Spektakel auf eigene Hand vollfhrte, sondern allem
Anscheine nach auch gar nicht beabsichtigte je wieder aufzuhren. Es
dauerte denn auch nur kurze Zeit -- und die Riesenglocke lutete dabei noch
immer fort -- bis ein Paar Pantoffeln in grtmglichster Eile ber den
steinernen Vorsaal herangeschlappt kamen; der in den Pantoffeln Steckende
hustete auf sehr bedenkliche Weise und durch das Schlsselloch fiel
pltzlich ein einzelner Hoffnung erweckender Lichtstrahl. Inwendig wurde
ein Schlssel eingedrckt und herumgedreht, zu meiner Verwunderung aber
auch noch ein Riegel zurckgeschoben und die schwere Thre knarrte in ihren
Angeln.

Herr du mein Gott! rief dabei der Alte, der bis ber die Ohren in einem
weien Schafpelze stak, wer reit denn da so frchterlich an der Glocke?

Guten Abend, Alter, unterbrach ich ihn aber, trat, whrend ich ihm ein
Viergroschenstck in den Schlafrock drckte -- denn die Aermel gingen ihm
bis weit ber die Hnde -- in's Haus und wollte ohne Weiteres die Treppe
hinauf, da ich nach der frheren Hitze und durch das lange Stehen vor der
Thre bis in's innerste Mark hinein durchfroren war. Der Mann hielt mir
aber erst seine Laterne unter's Gesicht und sagte, mit einem durch das
indessen seitwrts besichtigte Viergroschenstck nur theilweise beruhigten
Blicke:

Wohnen Sie denn hier?

Jawohl, oben beim jungen Herrn.

Seit wann denn?

Seit heute Abend neun Uhr; wir sind zusammen zum Balle gefahren.

Ah so! nickte der Alte, der damit seiner Hauspflicht gengt zu haben
glaubte und wandte sich mit einem kurzen gute Nacht zum Gehen, mein Blick
war aber dadurch und als ich mich nach ihm umdrehete, auf die Hausthre
gefallen und ich sah dort den Riegel, den er eben wieder vorgeschoben
hatte.

Wird denn hier das Haus von innen verriegelt? fragte ich ihn erstaunt,
das habe ich ja gar nicht gewut, -- da htte mir ja auch mein Schlssel
nichts geholfen.

Ja, meinte der Alte und bekam wieder den bsen Husten, seit sie hier
-- oho oho oho -- in der Schlogasse, die -- oho oho oho -- die Frau
erschlagen haben, oho oho, ist mein Herr ngstlich geworden -- oho oho
oho.

Wie kommt da aber der junge Herr herein?

Der klingelt auch! meinte sehr lakonisch der Brustkranke und zog sich,
nicht ohne Grund die nachtheiligen Folgen der Zugluft fr sich selbst
frchtend, mit einem wahren Anfalle von Keuchhusten durch die Hofthre in
seine eigenen Apartements zurck.

Das also ist das Ende meines sen Traumes! seufzte ich, als ich die
breite steinerne Treppe im Dunkeln hinaufstieg und dabei links das
Gelnder hielt, um nicht irgendwo anzulaufen; was kmmerte mich in diesem
Augenblicke der Riegel? mir gingen andere frchterlichere Gedanken im Kopfe
herum.--

-- Das ist das Resultat meiner Reise--, das der Grundstein meines
knftigen Glcks, auf dem ich Riesenbauten aufgefhrt htte. -- Fort, fort,
selbst mit der Erinnerung an mein Unglck -- ich will schlafen und wre es
bis zum letzten Tage. Ach der Tod mte jetzt eine Wohlthat sein.

Wie dunkel das aber auf der Treppe war, nicht einmal die Stufen konnte ich
erkennen, eine wirklich gyptische Finsterni, doch wute ich ja meinen
Weg und fhlte mich, als ich die erste Etage erreichte, links dicht an der
Mauer hin. Da stie meine Hand an irgend etwas und in demselben Moment,
in dem ich mir das Knie an einer scharfen Ecke fast zerstie, klirrte
mit frchterlichem Gepolter irgend ein irdenes Gef zu Boden und das
pltschernde Gerusch verrieth mir, da ich jedenfalls einen nicht
unbetrchtlichen Wasserkrug heruntergestoen haben mte.

Das fehlte mir noch -- ich watete jetzt frmlich; wie aber kam der Krug
hierher und wo hatte er--? wahrhaftig da stand auch ein Tisch; der mute
dorthin gestellt sein seit wir fortgegangen und meine linke Kniescheibe
trug jetzt die Folgen. Doch hier half weiter kein Besinnen, im Dunkeln
konnte ich berdies nichts wieder gut machen und beschlo nur Meier, wenn
ich ihn zu Hause kommen hrte, aus dem Fenster hinaus zu warnen, da er
nicht etwa ber das indessen die Treppe hinabgestrmte und gefrorene Wasser
strze.

Ich tappte jetzt an der linken Wand hin. -- Nun? -- Da sollte doch die
Thre sein. -- Ich konnte nichts fhlen als die nackte kalte Mauer; auf
jeden Fall mute ich sie gleich im Anfange bergangen haben und suchte
meinen Weg noch einmal zurck bis zur Treppe, aber keine Thre war zu sehen
und ich wute doch so genau, da sie sich auf _der_ Seite befand. Wieder
begann ich meine Wanderung, und die Zhne klapperten mir vor Frost und
wieder mit nicht besserem Erfolge als zuerst, nur kam ich, als ich mich
immer weiter hinarbeitete, zu einem Fenster, das in irgend einen dunkeln
Hof hinausfhrte. -- Wo war ich jetzt? Was sollte ich thun, was beginnen?
Ich konnte doch wahrlich nicht die ganze Nacht auf der Treppe bleiben, wre
ja auch in meinem dnnen Ballanzuge erfroren. Und sollte ich Lrm hier im
fremden Hause machen? -- mit was fr einem Gesichte durfte ich mich dann
morgen -- ei zum Henker, Noth bricht Eisen, erfrieren konnte ich auch
nicht. Uebrigens mute ja doch auch irgendwo eine Thr sein, und traf ich
nicht die rechte, so weckte ich wenigstens Menschen, die mir das richtige
Zimmer ffneten.

Rasch entschlossen ging ich an's Werk und kam glcklicher Weise endlich
an eine Klinke, die ich zu ffnen versuchte; doch umsonst, sie widerstand
allen meinen Bemhungen und auf mein mehrmaliges Anpochen erhielt ich
ebenfalls keine Antwort. Ich ging jetzt weiter, stolperte nochmals ber
einen Stuhl, stie an einen kleinen Tisch, ber dem ich einen Spiegel
fhlte, und erreichte zuletzt eine zweite Thre.

Obgleich auch diese mir den Eintritt versagte, so glaubte ich doch ein
Gerusch wie das eines Schnarchenden zu vernehmen. Ich klopfte herzhaft an
und horchte -- da regte sich etwas -- eine Bettstelle knarrte, als ob sich
Jemand darin umdrehe, dann war alles wieder still. -- Ich wiederholte
mein Pochen, da rief pltzlich eine allem Anscheine nach auf's Aeuerste
erstaunte Stimme:

Was zum Henker giebt's denn da drauen? Wer klopft? Johann, bist Du das?

Ich bin's, Herr Meier! erwiederte ich ihm mit schchterner, aber nichts
desto weniger lauter Stimme, denn ich mute natrlich in ihm den Vater
meines Freundes vermuthen. -- Adolph Mller ist's, der Freund Ihres
Sohnes; ich kann meine oder vielmehr seine Stube nicht finden.

Donnerwetter, Herr, stren Sie die Menschen nicht im Schlafe! rief aber
der vermeintliche Vater mit keineswegs freundlicher Stimme, ich habe gar
keinen Sohn -- gehen Sie zum Teufel und lassen Sie mich in Ruhe--

Aber bester Herr, bat ich ihn, ich stehe hier drauen in der grimmigsten
Klte und kann den Tod davon haben; wenn ich nur wenigstens ein Licht
htte, da ich meine Stube finden knnte. In welchem Zimmer wohnt denn nur
Herr Meier?

Ich kenne gar keinen Meier, Herr! rief die Stimme mit einer
frchterlichen Bestimmtheit, hier im ganzen Gebude existirt kein Meier.
-- Gute Nacht, schlafen Sie wohl--

Und ich hrte, wie sich der Unmensch mit aller Gewalt auf die andere Seite
warf, seine Worte aber waren wie ein Donnerschlag fr mich -- kein Meier
im ganzen Hause! Das konnte ja gar nicht sein -- hatte ich denn nicht die
Nummer mit eigenen Augen gelesen? -- Doch das Innere des Hauses selbst, die
ganze Einrichtung war mir in der That fremd -- sollte er recht haben? Doch
nein, auf jeden Fall wohnte mein Meier hier; der Droschkenkutscher hatte
mich ja auch gleich vor die richtige Thre gefahren, ein Beweis, da ich
doch damals die Nummer gewut; an mir lag es daher einen zweiten Versuch zu
machen um mein Bett zu finden.

Ich schritt, immer weiter rechts, langsam an der Wand hin und erreichte
endlich einen von auen durch einen Wollbeschlag verwahrten Eingang, der
auf jeden Fall zu einer Wohn- oder Schlafstube fhrte; hier mute brigens
die Klinke auf der verkehrten Seite sein, denn ich fhlte erst vergebens
ringsherum und fand sie endlich in der Mitte. Kaum hatte ich sie jedoch
berhrt und darauf gedrckt, als von innen heraus ein so frchterlicher
markdurchschneidender Schrei erscholl, da ich entsetzt zurckfuhr.

Herr Meier, rief ich aber gleich darauf rasch gesammelt und klopfte dabei
scharf an die Thre; mein guter Herr Meier!

Mrder -- Diebe -- Spitzbuben! Feuer! Feuer! gellte als Antwort die
Stimme und nach dem Hofe zu wurde eine Klingel, die auf jeden Fall mit
dieser Stube in Verbindung stand, aus Leibeskrften gerissen.

Aber bester Herr Meier, bat ich und suchte dadurch den Sturm zu
beschwichtigen.

Hlfe -- Hlfe -- Feuer -- Diebe! tobte das Echo und berall im Hause
klappten Thren und wurden ngstliche Stimmen gehrt. Wieder, aber dies Mal
noch in viel ngstlicherer Hast, schlurrten die Pantoffeln des Hustenden
herbei und ich wute fr den Augenblick wirklich nichts Besseres zu thun,
als mich diesem auf Gnade und Ungnade zu ergeben.

Ich fhlte meinen Weg, so schnell das gehen wollte, an die Treppe zurck
und das Gelnder hinunter, wo ich mit Freuden das eben wieder in die
Hofthre hereinblitzende Licht des Hustenden begrte. Dieser aber gewahrte
kaum meine, wie er nach allem dem Hlfeschreien wahrscheinlich glauben
mochte, in hchst bswilliger Absicht auf ihn zueilende Gestalt, als
er blitzschnell, wie die Figur in irgend einer knstlichen Uhr,
zurckschnellte, die Thre in's Schlo warf und den Zeter von einer Treppe
hoch mit

Fa ihn, Trk, halt ihn fest, Packan, hu hetz hetz, Nero, hu hetz hetz!
accompagnirte.

Wohl sprang ich jetzt an die Hausthre und schob den Riegel zurck, denn es
wurde mir nun doch klar, da ich durch das unseligste Miverstndni in ein
falsches Gebude gerathen sei, die verwnschte Thre lie mich gegenwrtig
aber ebensowenig hinaus, als sie mich vorhin hereingelassen hatte und zu
der Aufregung, in der ich mich berhaupt befand, kam auch noch die Furcht,
da der schwindschtige Barbar am Ende gar zu guter Letzt eine Meute
Kettenhunde auf mich losliee, wo ich dann in der engen Hausflur eine Scene
aus den altheidnischen Thiergefechten htte auffhren knnen. Glcklicher
Weise mute aber kein Hund auf dem ganzen Hof sein und die drohenden
Laute sollten wohl blos dazu dienen die vermeintlichen frechen Diebe
zurckzuschrecken. Ehe ich jedoch im Stande war einen festen Entschlu
zu fassen und einmal schon wirklich im Begriffe die jetzt ebenfalls
verschlossene Hofthre zu sprengen, um mir wenigstens Bahn in des Hausmanns
warme Stube zu brechen, flog das Thor pltzlich auf und drei entsetzte
Gestalten mit Heugabeln, Schaufeln und einem groen Kchenmesser bewehrt,
rckten in verzweifelter Tapferkeit heran und forderten mich mit grimmer
Stimme zum Niederlegen der Waffen auf.

Es dauerte nun allerdings geraume Zeit, ehe ich im Stande war ihnen meine
gnzliche Harmlosigkeit darzuthun, noch dazu da die frher gehrte Stimme
von oben herunter ununterbrochene Drohungen von Galgen, Rad, Zuchthaus und
Galeeren niederrief, und dadurch das Trifolium natrlich in dem Glauben
erhielt, es sei Frchterliches geschehen. Endlich mochte sie mein
Ballcostm, in dem ich mich producirte, beruhigen; es war wenigstens nicht
wahrscheinlich, da irgend ein vernnftiger Mensch bei solcher Klte in
schwarzem Fracke, weien Glachandschuhen und Schuh und Strmpfen versuchen
solle einzubrechen. Mein Freund im Schafspelze erkannte mich auch wieder,
wollte sich aber, obgleich ich mich endlich mit den Leuten in soweit
verstndigte, da sie mich fr keinen Raubmrder hielten, in keinerlei
Weise weiter mit mir einlassen, versicherte, da er keinen Menschen Namens
Meier kenne und in seinem Leben gekannt habe, schlo, dabei immer noch mit
mitrauischem Seitenblicke, die Hausthre so schnell als mglich wieder auf
und ich fand mich wenige Secunden spter -- und noch froh nicht etwa gar
als fremder Ruhestrer irgend einem freundlichen Nachtposten berliefert
zu sein -- gerade vor derselben Pforte, vor der ich kurze Zeit frher Gott
wei was darum gegeben htte, um nur gleich und schnell hineinzukommen.

Allerdings suchte ich mich jetzt augenblicklich und whrend innen noch der
unausbleibliche Riegel mit grter Sorgfalt wieder vorgeschoben wurde, von
der Identitt der Hausnummer zu berzeugen; die letzte Laterne war jedoch
inde verlscht, die Strae menschenleer und der Schnee fiel in groen
kltenden Flocken nieder; ich selbst aber zitterte vor Frost an allen
Gliedern und frchtete wohl nicht ohne Grund eine bsartige Erkltung, wenn
ich, so leicht bekleidet, auch nur eine Minute lnger auf freier Strae
blieb, als ich nothgedrungen mute. Unter diesen Umstnden blieb mir denn
also nichts weiter brig als den Versuch, in solcher Dunkelheit und Klte
das rechte Haus zu finden, aufzugeben, und ich lief rasch die Strae hinab,
das erste Htel oder Gasthaus zu benutzen, was sich mir bieten wrde.

Glcklicher Weise brauchte ich nicht lange zu suchen; wenige hundert
Schritte weiter unten erkannte ich die goldglnzenden Riesenbuchstaben
eines Schildes, die Hausglocke sa an der richtigen Stelle und ich fand
-- wirklich kaum noch im Stande mich auf den Fen zu erhalten -- ein
eiskaltes Zimmer, aber ein warmes Bett, in dem ich mich von dem Elend und
Leid dieser Nacht erholen konnte. Zum Tode erschpft schlief ich natrlich
augenblicklich ein und erwachte erst wieder, als mir das helle Tageslicht
in die Fenster schien und der Kellner mit dem um acht Uhr bestellten Kaffee
in die Thre trat.

Wie ein dsteres Traumgebilde lag die Erinnerung der vergangenen Nacht auf
meinen Nerven, der Kaffee bte jedoch seinen wohlthtigen Einflu auch
auf mich aus; ich schttelte alle bsen Gedanken ab und mit dem festen
Entschlusse Emilien auf immer zu meiden -- ich bin bis jetzt noch nicht
recht mit mir im Klaren, ob mich damals die falschen Locken oder die
bedauernswerthe Ansicht ber meine Gedichte am meisten dazu bestimmte --
zog ich meinen Burnus wieder ber, setzte den Hut, den mir das tckische
Spiel des gestrigen Abends bescheert, auf, bezahlte die kleine Rechnung und
ffnete meine Thre, die auf einen schmalen Gang hinausfhrte.

Nun, da htte ich mir allerdings bis heute Morgen die Hnde vor meinem
Fenster wund klatschen knnen, sagte in diesem Augenblicke eine Stimme
dicht neben mir und aus der benachbarten Thre trat ebenfalls mit Hut und
Mantel, wer anders als Meier selbst heraus.

Meier! rief ich und stand ganz verdutzt ber solche wunderbare Begegnung,
jetzt bitte ich Dich um Gotteswillen--

Weshalb liefst Du denn auf einmal gestern vom Balle fort? brummte aber
dieser. Emilie hat tausend Mal nach Dir gefragt.

Emilie! -- der Name gab mir meine ganze Kraft und Energie wieder.--

Meier, sagte ich, griff ihm unter den Arm und fhrte ihn mit mir die
Treppe hinab. Meier, glaubst Du an ein bses Geschick?

Ich fange an zu glauben, da _Du_ eine eigene Fertigkeit besitzest Alles,
was Du angreifst, verkehrt zu machen, lautete die mrrische Antwort.
Weshalb bist Du denn nicht wie ein anderer vernnftiger Mensch nach
Hause gegangen, anstatt mit dem einzigen Hausschlssel in der Tasche in's
Wirthshaus zu laufen und mich selbst dabei auszuschlieen, da ich nicht
einmal in mein eigenes Zimmer konnte?

Glaubst Du an ein bses Geschick, Meier?

Ach la den Unsinn -- wo hast Du denn eigentlich meinen Schlssel, und --
hahaha, wessen Hut trgst Du denn?

Ich nahm den Hut ab und sah jetzt zum ersten Male, da eine kleine Cocarde
mit silbernen Schnren an der Seite sa; ich hatte gestern Abend in aller
Eile den Hut irgend eines Bedienten aufgegriffen.

Meier, sagte ich und blickte, dadurch nur noch mehr in meinem Entschlusse
bestrkt, auf den Hut nieder, weit Du wem der fremde Reisesack gehrt?

Einer Dame auf jeden Fall, die sich ber die verbrannte Rosenguirlande
ungemein freuen wird -- wahrscheinlich einer Schauspielerin, weil sie
Schminke und Perrcken bei sich fhrt.

Hm, sagte ich und schritt, immer noch den Hut in der Hand, an seiner
Seite die Strae hinauf seinem Hause zu; da erkannte ich pltzlich die
Thre, an der ich gestern Abend gestanden, die Klingel -- ich hatte
den dicken runden Knopf noch nicht vergessen -- an der ich so fabelhaft
gelutet und -- Pest und Gift! -- von dem weien runden Schildchen lchelte
mir hhnisch eine 13 entgegen, die ich in Nacht und Dunkelheit jeden Falls
fr meine 15 gehalten. Das Maa meines Ingrimms war gefllt.

Meier, sagte ich, und winkte einer gerade vorbeifahrenden Droschke zu,
es giebt Dinge in der Welt, die sich nicht gut mndlich verhandeln lassen,
ich will Dir meine Geschichte lieber schreiben. Es ist jetzt aber gerade
ein Viertel auf Zehn; um _halb_ zehn geht der Frhzug ab, sei doch so
gut und schicke mir mit nchster Gelegenheit mein Gepck nach. Deine
Beinkleider kannst Du mir so lange borgen, ich wrde sonst, was ich um
keinen Preis der Welt mchte, den nchsten Zug versumen.

Was? Jetzt willst Du auf einmal wieder fort? rief Meier nicht wenig
erstaunt aus, das geht ja gar nicht, was wrde auch Emilie dazu sagen?

Die -- gre schnstens, murmelte ich mit einem halbverbissenen boshaften
Lcheln, gre sie und -- bitte sie, mir doch geflligst den Reisesack
umzutauschen. Halt -- noch eins -- thue mir doch auch die Liebe und
sieh zu, da Du den Eigenthmer dieses Hutes wiederfindest, der dafr
wahrscheinlich den meinigen zurckbehalten hat.

Wache ich denn oder trume ich, rief Meier, Emilien gehrten jene
Apparate? -- Aber Adolph, Du kannst doch wahrhaftig nicht im bloen Kopfe
reisen--

Nein, erwiederte ich ihm, auf keinen Fall -- Kutscher -- schlesischer
Bahnhof -- sind wir in zehn Minuten und noch vor der Abfahrt dort, so
bekommst Du einen Thaler Trinkgeld -- also adieu Meier -- sei nicht bse,
da ich Dir so viele Umstnde gemacht, bermorgen sptestens hast Du einen
Brief von mir. Damit drckte ich ihm einen herzlichen Ku auf den Mund,
nahm ihm den eigenen Hut vom Kopfe und schlug ihn mir selber in die Stirn,
sprang in den Wagen und im nchsten Augenblicke rasselten wir, ehe Meier
durch das Schnelle des auf ihn Einstrmenden vielleicht nur eine Ahnung
dessen hatte, was ich beabsichtigte, in lebensgefhrlicher Schnelle ber
das holperige Pflaster dem fernen Bahnhofe zu.

Wir kamen eben noch zur rechten Zeit -- die letzte Glocke lutete als
wir vor die Thre des Bureaus klapperten; rasch lste ich mein Billet
und wenige Secunden spter setzte sich der Zug mit schrillem
markdurchschneidendem Pfeifen in Bewegung. Dann aber erst, als ich in
die Ecke des warmen Coupes gedrckt, den Schauplatz dieser Nacht mit
flchtiger Schnelle verlie, als Feld und Flur und Berg und Wald an mir
vorbeischwirrten und Meile nach Meile den Raum vergrerte, da erst fand
ich mich selbst und meine Ruhe wieder.

An Emilien schrieb ich noch an demselben Abend und von zu Hause aus ein
Paar Zeilen, gestand ihr meine Unwrdigkeit sie zu besitzen und bat um
ihre Freundschaft. Meier aber machte ich ebenfalls und versprochener Maen
ausfhrlich mit dem ganzen Umfange meiner damaligen Abenteuer bekannt und
erhielt drei Tage spter durch seine Vermittlung meinen Reisesack mit all'
meinen frher an Emilien geschriebenen Briefen zurck.--

Nur eines fehlte -- meine Gedichte; ich hatte das Weib gereizt und sollte
ihre Rache fhlen. -- Drei Wochen spter standen sie unter meinem eigenen
Namen in der Didascalia.




Civilisation und Wildni.

Skizze aus dem amerikanischen Leben.


Im westlichen Theile des Squatterstaates Missouri, unfern vom Flusse
gleiches Namens, dem =roaring river= oder _rauschenden Strom_, und etwa
nur zwanzig englische Meilen von der stlichen Grnze des indianischen
Territoriums entfernt, wo nrdlich die Kickapoos und sdlich von ihnen
die Delawaren durch die Regierung der Vereinigten Staaten ihre Wohnsitze
angewiesen bekommen hatten, lag ein kleines, unscheinbares Waldstdtchen,
in frherer Zeit wohl nur der ergiebigen Bleiminen wegen gegrndet, jetzt
aber, da vielleicht bessere Adern und besser gelegene entdeckt worden, auch
wieder von einem groen Theile der ersten Ansiedler verlassen.

Das Stdtchen selbst bestand eigentlich nur aus einer einzigen Strae und
darin sich gegenber liegenden zwlf oder vierzehn Husern, von denen das
umfangreichste das Meeting- oder Bethaus, das wohnlichst eingerichtete das
des Hndlers oder Krmers, und das kleinste, einfachste das einer armen
Witwe, Mr. Rowland, war, die hier mit ihrer Pflegetochter Rosy still und
zurckgezogen, aber auch von allen Nachbarn geliebt und geachtet, lebte.

Da sich brigens meine kleine Erzhlung gerade um diese Personen wendet, so
ist es vielleicht dem Leser lieb, gleich von vorn herein und mit so kurzen
Worten als mglich das zu erfahren, was zur Verstndigung des Ganzen nthig
ist und was er nun einmal berhaupt wissen mu.

Mr. Rowland war die lteste Ansiedlerin im ganzen Orte, und zwar hatte
ihr Mann hier die ersten Bleiminen auf einem Jagdzuge entdeckt und mitten
unter, damals feindlichen, Indianern als khner Pionier und Vorzgler der
Civilisation die Arbeit begonnen. Aber nicht warnen lie er sich durch das
Schicksal tausend Anderer, die vor ihm den rothen Sohn der Wlder in
seiner Heimath aufgesucht und durch Uebermuth gereizt; auf seine Kraft und
geschickte Fhrung der Bchse vertrauend, trotzte er jeder Gefahr, die
ihm vom Feinde oder Gegner drohen konnte, und -- fiel. Ein Huptling der
Delawaren war von ihm beleidigt worden -- wenige Tage spter hrte er
Morgens dicht bei seiner Htte, den Lockton einer Truthenne, er nahm seine
Bchse, die vermeintlich leichte Beute zu erlegen, und -- kehrte nie mehr
zurck. Der Ton mute eine Schlinge der listigen Wilden gewesen sein --
wenige Minuten spter berfielen die dunkeln entsetzlichen Gestalten das
jetzt unbeschtzte Haus, und als die unglckliche Frau aus ihrer Ohnmacht,
in die sie der erste Schreck geworfen, erwachte, lag sie vor den qualmenden
Ueberresten ihrer Htte unter einem Baume, und ihr Sohn, ihr einziges
liebes Kind war verschwunden.

Umsonst durchwhlte sie den ganzen langen Tag mit blutenden verbrannten
Fingern die qualmenden Trmmer ihrer friedlichen Heimath, nicht einmal die
Gebeine fand sie, um den Ueberresten des Kindes ein Grab zu gewhren.
Halb wahnsinnig floh sie damals, allein und schutzlos, durch den Wald
der meilenweit entfernten nchsten Htte zu, und zog spter, in ihrem
hoffnungslosen Schmerze, nach St.Louis zu einer da wohnenden Schwester.
Hier lebte sie vierzehn lange Jahre in stiller Zurckgezogenheit; wenn
aber auch die Zeit den Schmerz gelindert hatte, so verga sie doch nie und
nimmer die theuren Lieben, die ihr durch Mrderhand entrissen worden, und
das besonders lie ihr weder Ruhe noch Rast, da sie nie Gewiheit von des
_Kindes Tod_ erhalten. Wenn sie _der_ Ueberzeugung auch Raum geben mute,
ihr Gatte sei ein Opfer indianischer Rache gefallen, so konnte sie
sich weder wachend noch trumend des Gedankens erwehren, wie der Knabe,
vielleicht nur geraubt, vielleicht entflohen, verirrt gewesen und von
anderen Farmern -- Reisenden mglicher Weise -- aufgenommen sei.

Als sie daher von der Grndung des kleinen Stdtchens Boonville hrte, das
sptere Bleisucher kaum eine Viertelstunde von ihrem frheren Wohnorte ab
angelegt, da beschlo sie, weil ihre Schwester indessen auch gestorben
war und sie nun doch allein auf der Welt stand, mit deren hinterlassener
Stieftochter, einem lieben, holden, damals zwlfjhrigen Kinde, nach
Boonville zu bersiedeln. Dort war sie wenigstens in der Nhe jener Stelle,
auf der sie fast Alles verloren, was ihr auf Erden lieb und theuer gewesen,
und dort, meinte sie, msse auch, wenn je, ihre Hoffnung erfllt werden.
Sechs volle Jahre waren aber wieder verflossen, ohne da sie auch nur eine
Spur des Verlorenen gefunden, und wenngleich alle Bewohner des kleinen
Ortes, mit dem Schicksale der armen Mutter bekannt, sich die grte Mhe
gegeben hatten, ihre Nachforschungen zu untersttzen, so schien doch Alles
Umsonst -- der Verschwundene blieb verschwunden, und die arme alte Frau
siechte endlich mit mehr und mehr abnehmenden Krperkrften dem Grabe
zu, nach dem sie sich ja auch, besonders in den letzten Jahren, als dem
einzigen Orte, die Ihren wieder zu finden, so hei und brnstig gesehnt.

       *       *       *       *       *

Es war ein freundlicher, sonniger Abend im August; von Nord-Osten her wehte
ein khler, labender Luftzug, und vor den Thren der einzelnen Wohnungen,
theils im Schatten fruchtbeladener Hickorys oder Chesnuts, nicht selten
auch von Tpfen mit qualmendem Rauch umgeben, die etwas lstigen Mosquitos
zu verscheuchen, saen hier und da die Bewohner von Boonville -- die
Frauen mit irgend einer Nadelarbeit beschftigt, von der sie nur manchmal
aufstanden, nach dem innen am Kamin brodelnden Abendessen zu schauen, und
die Mnner im =dolce far niente= an Stcken Holz schnitzelnd, oder auch auf
ein ber freie Erde hingebreitetes Bffelfell mig ausgestreckt.

Nur der Stuhl vor der Thr des Hndlers war leer, denn Madame schaffte
und arbeitete mit feuergerthetem Angesichte vor dem gerumigen Kamine
der Kche, whrend Zacharias Smith zwei fremde Indianer bediente, die vor
kurzer Zeit mit ihren Fellbndeln und Wildpret in das Stdtchen gekommen
waren, um hier ihre nthigsten Bedrfnisse, wie Pulver, Messer, Blechbecher
und -- Whiskey gegen das Erbeutete einzutauschen.

Es waren ein paar Krieger vom Stamme der Kickapoos, wenn der Name _Krieger_
berhaupt noch einem Paar der miserabelst aussehenden Subjecte indianischer
Race beigelegt werden konnte. Die schmutzigen wollenen und zerrissenen
Decken, die sie um sich herumgeschlagen, verhllten kaum nothdrftig ihre
Ble, und das Haar hing ihnen, nicht mehr blo in der einzelnen stolzen
Scalplocke prangend, nein, unbeschnitten, aber auch ungekmmt, wild und
wirr, an manchen Stellen wie eine Pferdemhne, von Kletten zu festem Zopfe
zusammen gehalten, um den braunen Nacken. Der Eine trug ein Hemd -- aber
ob das einst aus weiem Stoffe oder buntem Kattun bestanden, lie sich
wahrlich nicht mehr erkennen; das Blut des erlegten Wildes hatte eine
Art Kruste darber gelegt, die nur auf der Schulter durch das Tragen
der ziemlich schweren, unbehlflichen Bchse unterbrochen schien -- ihre
Leggins waren mit Stcken roher Haut geflickt, und ihre Moccasins sahen
aus, als ob sie jeden Augenblick auseinander fallen wollten. Ein Grtel aus
Hickory-Rinde gedreht, hielt ihre Leggins-Bnde, das kleine Scalpirmesser
und eine kurze Schilfpfeife, und die ausdruckslosen trgen Zge der
schmutzigen Gesichter heiterten sich erst wieder auf, als sie in des
Hndlers Laden die rothbestrichenen Whiskey-Fsser sahen.

Der Handel war sehr einfach und deshalb bald abgeschlossen -- das, was sie
an Pulver nothdrftig haben _muten_, lieen sie sich geben und fllten
es in ihre Hrner, den Rest aber verlangten sie natrlich in Uiski, und
damit kauerten sie sich gleich an Ort und Stelle in eine Ecke des
Ladens zwischen Salz- und Mehlfsser nieder und begannen, ohne weitere
Vorbereitung, ihr Festmahl.

Sie hatten nur einen Becher mit, und der Eine schaute mit weit
aufgerissenen, fast aus ihren Hhlen tretenden Augen zu, als der Andere das
gelbe Feuerwasser aus der erhaltenen Flasche in diesen einsprudeln lie --
sein breiter Mund verzog sich zu einem noch breiteren Grinsen, und ein paar
Reihen blendend weier Zhne wurden sichtbar -- die eine Hand streckte er
dabei schon wie unwillkrlich nach dem Gttertrank aus, und ein leises,
gurgelndes Lachen wurde laut, als sein Gefhrte den Becher zuerst an die
Lippen hob. Das Lcheln verlor sich aber, die Mundwinkel zogen sich wieder
zusammen, wenn auch die Lippen getrennt blieben, und das Auge nahm einen
mehr stieren, ngstlichen Ausdruck an, als der Freund, gar nicht mehr
freundschaftlich, in nicht endendem Zuge mit dem Blechma zu verwachsen
schien.

Ugh! sagte da endlich -- nach langem, langem Genusse absetzend -- der
erste Trinker, und schaute, ber das Gef hinber, den Gefhrten an --
dessen Zge aber heiterten sich jetzt urpltzlich wieder auf -- er streckte
die Hand aus, ergriff den Becher, den er selbst nicht wieder loslie, als
Jener ihn erst aufs Neue fllte, und schien nun seinerseits _reichliche_
und volle Rache an dem nehmen zu wollen, der seine Erwartung vorher auf so
peinliche Folter gespannt.

So tranken sie abwechselnd, Jeder bei dem Genusse des Anderen mit
athemloser Angst das Abnehmen des verfhrerischen Giftes beobachtend,
Jeder, wenn die Reihe an ihn kam, seine frheren Gefhle in dem einen,
alles andere ausschlieenden Bewutsein seiner Seligkeit vergessend.

Und vor ihnen auf dem Ladentische, das rechte heraufgezogene Knie mit
seinen beiden Hnden gefat, den Krper, um das Gleichgewicht zu behaupten,
etwas zurck gebeugt, und die vergngt lchelnden Augen fest auf das
zechende Paar geheftet, sa der Hndler Zacharias Smith und hatte, allem
Anscheine nach, seine herzliche Freude ber dasselbe.

So schweigsam und verdrossen die beiden Wilden aber auch im Anfange gewesen
waren, so munter wurden sie jetzt, als ihnen der Feuertrank erst durch
die Adern rollte und in diesen mit seinem scharfen, zuerst allerdings
belebenden Geist, in ihre Kpfe stieg. Sie fingen an kleine Bruchstcke von
Kriegsliedern zu singen, lobten wahrscheinlich -- denn Smith verstand
ihre Sprache nur sehr unvollkommen -- ihre eigenen vortrefflichen und
unbertroffenen Eigenschaften, und es schien berhaupt, als ob ihre tolle
Lustigkeit in dem Verhltnisse stiege, wie die Fluth in der zwischen ihnen
stehenden oder vielmehr immer hin und her gehenden Flasche ebbte.

Ugh! rief endlich der Eine, als er eben wieder seinen Becher fllen
wollte und nun zu seinem Entsetzen fand, da die Flasche, die er gerade
erst gegen das Licht gehoben und welche danach wohl noch anderthalb Becher
halten mute, kaum einen guten Schluck mehr her gab -- was das? Uiski drin
und kommt nicht aus.

Er drehte, whrend sich der Andere neugierig und bestrzt zu ihm hinber
bog, die Flasche um und entdeckte hier zu seiner, ihm nichts weniger als
angenehmen Ueberraschung die eingedrckte Hhlung.

_Wah!_ rief er erstaunt aus -- gro Loch hier -- weier Mann hat gro
Loch in Flasche -- ugh -- schlecht -- Indianer kriegt Flasche voll -- in
Loch nichts.

Ugh -- schlecht! stimmte der Andere bei und bezeugte durch ein den
Gaumenlaut begleitendes Kopfnicken, da er ganz vollkommen derselben
Meinung und eben so mit der gethanen Aeuerung einverstanden sei.

Der Hndler erwiederte: Ei, Indianer, da sieh Dir nur all die anderen
Flaschen an -- das _Loch_ ist in allen; sie halten nun einmal so ihr Ma
und sind danach eingerichtet; wre das Loch nicht, wrde die ganze Flasche
kleiner sein.

Ist nicht nthig, brummte der Sprecher wieder; weier Mann hat Felle
gekriegt, ganz -- blos Kugelloch drin -- Kugelloch kann wieder gemacht
werden -- weier Mann mu das Loch auch machen! Und er hielt, in
deutlicher Erklrung dessen, was er meinte, dem Hndler die Flasche
verkehrt hin, damit dieser solcher Art und gewissenhaft das Versumte
nachholen knne.

Ha, ha, ha! lachte der aber -- das ist eine verdammt komische Zumuthung
-- wie km' ich denn dazu oben und unten einzuschenken -- Ihr habt ohnedies
beide gerade so viel in Euch hinein gegossen, wie Ihr bequemer Weise tragen
knnt.

Schad nichts, brummte der zweite Indianer und deutete dabei auf die
Flasche -- Loch wieder machen!

Ei nun, wenn Ihr's nicht anders wollt, lachte der Hndler und sprang,
nach der Flasche greifend, von dem Ladentische, so kommt mir's auf die
paar Tropfen auch nicht an -- hier Kickapoo -- halt denn einmal die Flasche
-- aber steh fest -- Donnerwetter, Bursche, Dir ist ja der Trunk schon
jetzt in den Kopf gestiegen, und willst noch immer mehr haben?

Schad nichts, grins'te der Wilde; sehr gut, _mehr_ -- viel besser Wort
wie _weniger_ -- _weniger_ schlechtes Wort.

Also auch nicht weniger hei -- weniger Hunger -- weniger _Durst_? lachte
Smith, whrend er sich zum Fasse nieder bog.

Nein, nein! rief der Kickapoo, und seine Augen verschlangen schon jeden
einzelnen Tropfen, der ihnen noch zugemessen wurde -- immer _mehr_ Durst
-- Durst viel gut -- sehr viel gut!

Das Loch hatte freilich nicht so viel gegeben, als die Beiden erwartet
haben mochten; denn sie hielten den Inhalt, nachdem sie ihn vorher in den
Becher ausgeschttet, lange Zeit zwischen sich und schwatzten viel und
eifrig in ihrer eigenen Sprache mit einander; endlich aber leerten sie ihn
doch, und als der Hndler hiernach unerbittlich blieb, ihnen _noch_ mehr
auszufllen, holte Einer von ihnen ein kleines zusammengerolltes Pcktchen
aus seiner Decke vor, das er aufwickelte und ein fein gegerbtes Otterfell
zum Vorscheine brachte. Es war augenscheinlich, sie hatten dieses im
Anfange nicht um Whiskey hingeben, sondern vielleicht irgend andere
Bedrfnisse, vielleicht fr die Squaw[11] daheim, die derlei Arbeiten auch
gewhnlich verfertigen, eintauschen wollen; die furchtbare Gier aber,
die der rothe Sohn der Wlder -- einmal verfhrt -- nach dem fr ihn so
verderblichen Genu des Feuerwassers nhrt und hegt, lie den Kampf, den
in ihrer Brust wahrscheinlich jetzt noch das bessere Gefhl kmpfte, einen
sehr kurzen sein.

  [11]: Squaw, indianische Frauen.

Der Indianer warf das Fell, das der Amerikaner sorgfltig prfte, auf
den Ladentisch und verlangte im Anfange halbe Flasche Uiski -- nachher
anderes -- dafr -- sie wollten nur einen Theil des anvertrauten Gutes
vertrinken. _Mit_ dem Genusse stieg aber auch die Gier danach, und Becher
nach Becher voll lieen sie sich von dem kopfschttelnden und keineswegs
ganz damit einverstandenen Krmer nachgieen, bis auch der letzte Cent
vertrunken worden und die unersttlichen Kehlen dennoch _mehr_ verlangten.

Mehr Uiski! lallte jetzt der Eine mit stieren, glanzlosen Augen und
streckte den einen Arm mit der Flasche dem Amerikaner entgegen, whrend er
mit dem anderen den schwankenden Krper am Ladentische zu sttzen suchte --
mehr Uiski -- Fell ein Flasche mehr werth.

Ihr bekommt _keinen_ Whiskey mehr! sagte aber, und zwar auf das
bestimmteste, der Hndler; denn er frchtete nicht mit Unrecht den
wilden zgellosen Geist seiner Gste, der sich, so friedlich sie auch im
nchternen Zustande sein mochten, im trunkenen nur zu oft die Bahn brach
und dann zu allem Schlimmen, fhig war -- Ihr Zwei habt mehr getrunken,
als Sechsen zutrglich gewesen wre, und es ist besser jetzt, Ihr legt Euch
ein paar Stunden aufs Ohr, Euren Rausch auszuschlafen.

Rausch? ausschlafen? lallte der lteste der Beiden, indem er die Flasche
am Halse ergriff und in die Ecke schleuderte, da sie in tausend Scherben
zerbrach -- hahahaha! weier Mann -- mehr, Po-co-mo-con nchtern wie
junges Waschbr -- weier Mann, trunken -- wackelt hin und her wie junge
Birke -- hahaha -- mehr Uiski -- Blagesicht -- mehr Uiski -- bei _Gott_!

Ihr bekommt keinen Tropfen mehr, sagte der Hndler und deutete nach
der zerschmetterten Flasche -- seid Ihr _gute_ Indianer? thun das _gute_
Indianer? thun das nchterne Waschbren? Packt Eure Siebensachen zusammen,
und ich will Euch nebenan in mein Waarenhaus bringen, da knnt Ihr bis zum
Morgen ausschnarchen, und morgen frh sollt Ihr dann auch noch Jeder einen
Becher voll auf den Weg haben -- seid Ihr damit zufrieden?

Ja! sagte der Aelteste, ja, sehr gut, Becher voll, sehr gut -- aber
_gleich_ trinken -- =dam= morgen, morgen anderen.

Du bist gescheidt -- nein, schlaft nur erst aus, lautete die Antwort.

=Go to hell!= knurrte jetzt gereizt der Jngere -- Bleichgesicht
=cheats= -- betrgt rothen Mann -- Bleichgesicht thut nichts umsonst.

Wrde schon Uiski geben, lallte der Andere schluckend, wenn wte --
hick -- wenn wte, was ich wei -- hick!

Mglich! sagte Smith lakonisch.

Nich _mglich_! rief, durch die Ruhe des Weien gereizt, der Indianer;
nich -- hick -- nich mglich, _gewi_! Indian wei groes Geheimni fr
weien Mann, =dam you= -- hick -- groes Geheimni von Konzas -- hick --
aber Uiski, mehr Uiski.

=No, you d'ont!= lachte der Hndler, der nicht anders glaubte, als der
Wilde mache ihm hier etwas wei, um nur noch einen Becher voll Whiskey
heraus zu pressen; Du behltst Dein Geheimni und ich meinen Whiskey, das
wird das Gescheidteste sein.

=Dam you!= brummte der Wilde; Ihr gebt ganz Fa voll -- hick -- vor
Geheimni -- weier Mann -- hick -- ugh -- ganz zwei Fa voll -- hick --
weier Mann unter Indian -- ugh -- sieht gut -- hick -- sieht gut aus --
hick -- groer Krieger -- hick -- hahahaha -- wohl auch Fa voll werth --
hick?

Der Jngere, der doch nicht so ganz trunken sein mochte, als sein lterer
Gefhrte, und vielleicht eine Art Ahnung hatte, wie Jener durch sein
Schwatzen sie beide in Unannehmlichkeiten verwickeln knne, ergriff seinen
Arm und suchte ihn fort zu ziehen; der aber stie ihn mit mrrischem Fluche
von sich.

=Dam you!= -- mehr _Uiski_ -- _haih!_ Und sein gellender Schlachtschrei
tnte die ganze Strae hinab, da die Kinder im Spielen aufhrten und die
Einzelnen, die in dem mehr und mehr anbrechenden Abend noch drauen vor
den Thren weilten, berrascht die Kpfe hoben, dem unheimlichen Tone, der
vielleicht bei Manchem gar trbe Erinnerungen in's Gedchtni zurck rief,
zu lauschen.

Smith war aber auch aufmerksam geworden -- ein Weier unter den Indianern
_als_ Indianer -- denn etwas Aehnliches schien unfehlbar die wirre Rede
anzudeuten -- er wute selbst nicht, woher es kam, aber fast unwillkrlich
zuckte ihm der Gedanke an Mr. Rowland durch den Kopf, und er beschlo
jetzt, jedenfalls dieser Spur so rasch als mglich zu folgen.

Hallo Indian -- ist das wahr, was Du da sprichst? redete er diesen an und
trat, um den Ladentisch herum, auf ihn zu.

Aha -- grins'te die Rothhaut -- hat Po-co-mo-con Recht? -- hick --
Bleichgesicht gb ganz Fa voll -- hick -- fr -- hick -- fr Geschichte --
hier Becher.

Smith fllte kopfschttelnd den Becher aus einem auf dem Ladentische
stehenden Krug und schaute dabei forschend und von der Seite den Indianer
an -- der aber hatte des Guten schon zu viel gethan -- mit glsernen Augen
und mattem Lcheln hob er das Gef noch einmal an die Lippen -- aber er
vermochte schon nicht mehr zu schlucken.

Hick! lallte er, und der Whiskey strmte ber seine braune Brust und das
blutige Hemd -- hick -- weier Mann, gut -- hick -- Uiski besser -- hick
-- sehr bess -- er -- hick!

Und der Becher entfiel seiner Hand -- Po-co-mo-con that einen Schritt vor,
um sich im Gleichgewichte zu halten, glitt auf dem nassen Boden aus
und wre, htte ihn der Hndler nicht noch gefat, auf die Erde
niedergeschlagen. Aber an Red'-und-Antwort-stehen durfte er an diesem Abend
nicht mehr denken, selbst der Jngere schien so trunken, oder stellte
sich wenigstens so, um vielleicht den Fragen zu entgehen, da auf eine
vernnftige Antwort bei allen Beiden nicht mehr zu hoffen war. Smith also
that das Einzige, was er unter diesen Umstnden thun konnte -- er schleppte
die Bewutlosen, da es unterdessen berhaupt fast dunkel geworden, ohne
Weiteres in ein neben seiner Wohnung leer stehendes kleines Gebude, das
er zugleich mit als Waarenlager benutzte, warf sie hier auf eine Parthie
Hirsch- und Brenhute, die in der einen Ecke ausgebreitet lagen, und
verlie sie hier hinter vorsichtig verschlossener Thr, mit dem festen
Entschlusse, sie am nchsten Morgen nicht eher ziehen zu lassen, bis
sie auf das genaueste gebeichtet htten, wie es mit dem Weien unter den
Indianern stand, und ob sich die Sache wirklich so verhielt, wie er jetzt
noch glaubte.

Als aber der nchste Morgen kam und Smith mit dem Frhesten in der Absicht
hinberging, seine Gefangenen zu wecken, fand er zu seinem unbegrenzten
Erstaunen das Nest schon leer und von den Indianern keine Spur; ja, bei
nherer Untersuchung ergab sich sogar, da sie durch eine Ecke des
niederen Daches, wohin sie auf den rauhen Balken leicht gelangen konnten,
ausgebrochen seien und ihm zwei vortrefflich gerucherte Hirschkeulen, fr
die er erst gestern per Stck einen silbernen Viertel-Dollar bezahlt, als
Zehrung mitgenommen hatten. Der Verlust der Keulen schmerzte ihn aber am
wenigsten; sie hatten getrunken, und er wrde ihnen auch gern zu essen,
ja, die Keulen vielleicht mit auf den Weg gegeben haben, wenn er nur gewut
htte, wie es mit dem Geheimni߫ stand. Der Wunsch blieb aber Wunsch, und
wenn er auch im ersten Augenblick an eine Verfolgung dachte, so gab er den
Gedanken gleich wieder als unausfhrbar auf; denn da die Wilden sich
alle Mhe geben wrden, _keine_ Fhrten, wenigstens keine sichtbaren zu
hinterlassen, lie sich denken.

Was aber nun thun? Smith zerschnitzte in allem Brten und Nachdenken
ein paar Stcke Holz, die ihm bei ruhigem Blut einen ganzen Tag gehalten
htten, und kam immer noch zu keinem Resultat; denn Mr. Rowland etwas von
der gefundenen Spur zu sagen, ohne ihr eine Gewiheit geben zu knnen, wre
grausam gegen die arme alte Frau gewesen, die nachher in, vielleicht nicht
einmal befriedigter, Hoffnung vergangen wre. Denn lie es sich nicht
denken, da der lgnerische Wilde doch am Ende nur ein Mrchen erfunden
haben konnte, um noch einen Schluck Whiskey zu erpressen? Aber der Andere,
sein jngerer Gefhrte, war augenscheinlich bestrzt geworden, als der
Aeltere das Thema berhrte -- ha -- da ging ein Mann vorber, der ihm,
gerade hierin, gar nicht erwnschter htte kommen knnen.

Heda, Tom -- oh, Tom! rief er, rasch in die Thr tretend.

Hallo, Smith, was giebt's so frh? nickte ihm der Angerufene freundlich
hinber; guten Morgen! schon ausgeschlafen?

Er ging zu dem Hause hinber und blieb in der Thr, auf seine Bchse
gesttzt, stehen.

Tom Fairfield war eine krftige, edle Gestalt, ein echter Hinterwldler,
Jger mit Leib und Seele, und nie zufriedener, als wenn er drauen in
seinem Walde einer Fhrte folgen oder eine Falle stellen konnte. Er schien
auch jetzt wieder unterwegs, trug die Bchse in der Hand, den leichten
spanischen Packsattel und Zaum auf der Schulter, um sein Pferd drauen
im Busche zu suchen und zu besteigen, und hatte die wollene Decke
bergeschnallt, um da zu lagern, wo ihn die Nacht gerade berraschen wrde.

Hrt, Tom, sagte aber Smith mit einem weit ernsthafteren Gesicht, als das
sonst seine Sache war, und zog dabei den jungen Mann in den Laden herein
-- Ihr seid doch mit Rowland's gut bekannt -- nun, braucht nicht roth zu
werden, mein Junge -- hier, nehmt einmal einen Schluck, es ist Dogwood und
Cherry Bitteres und wird Euch in dem Thaue heute Morgen gut thun -- das
ganze Stdtchen wei ja doch, da Ihr Rosy auf unmenschliche Art den Hof
macht.

Unsinn, Smith! sagte Tom Fairfield und leerte, seine Verlegenheit zu
verbergen, das dargebotene Glas auf Einen Zug.

Bah, Mann! rief aber dieser, was wollt Ihr da noch lugnen? Aus bloer
Freundschaft versorgt Ihr nicht die ganze Wirthschaft mit Feuerholz, Wild
und Mhlereiten fr die Leute, das sollt Ihr mir nicht wei machen.

Und wen htten denn die allein stehenden Frauen...

Ach, papperlapap -- das sind Redensarten und thun hier auch nichts zur
Sache. Rosy ist ein liebes, gutes Mdchen, und Ihr seid ein hbscher junger
Kerl, ein guter Jger und -- wenn es sein mu -- auch ein guter Arbeiter;
was sollte Euch also hindern, selber Wirthschaft anzufangen? Doch hier ist
etwas, um das ich Euch fragen will -- wollt Ihr Rowland's einen groen,
einen sehr groen Dienst leisten?

Rowland's, was ist es, sprecht! rief Tom, augenscheinlich bestrzt ber
die Feierlichkeit des Mannes: steht es in meinen Krften?

Das mt Ihr selbst beurtheilen, sagte Smith und machte ihn nun in kurzen
Worten mit dem bekannt, was er sowohl gestern Abend von den Indianern
gehrt, wie auch, was er selber ber die Sache denke. Fairfield hrte ihm
schweigend und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu, er schien jedes
Wort von den Lippen des Redenden zu nehmen, und nickte nur manchmal, wenn
der Hndler irgend etwas uerte, das seinen Ideen begegnete, leise mit dem
Kopf.

Und Ihr glaubt, da Mr. Rowland's Sohn unter den Konzas lebe? sagte er
endlich, als der Hndler schwieg, und sah diesen fragend an.

Lieber Gott, meinte Smith, man wei wahrhaftig nicht, _was_ man glauben
soll; lebt aber wirklich Einer dort _als_ Indianer, und die Rede des
trunkenen Schufts lt mich das in der That vermuthen, ei, warum sollte
es denn nicht eben so gut der junge Rowland, wie irgend wer anders
sein knnen? Es kme auf die Reise an; die ist aber allerdings keine
Kleinigkeit, und ein Mann, wie Ihr gerade seid, gehrt dazu, ein so khnes
Wagni auszufhren. Wie weit glaubt Ihr, da es bis zum Stamm der Konzas
ist?

Auf die Entfernung kommt es da nicht so an, sagte sinnend der junge
Jger, aber der Stamm der Konzas ist gro und weit verbreitet; die
Indianer werden dabei, wenn sie es wirklich wissen, nicht so gesprchig
ber einen Fall sein, der sie vielleicht in gefhrliche Berhrungen mit
ihren weien Nachbarn bringen knnte.

Wie alt wre denn der Junge jetzt? fragte Smith.

Fnfundzwanzig Jahre; Mr. Rowland sprach noch gestern von ihm und sagte,
sein Geburtstag sei an dem Tage gewesen; aber, setzte er leiser hinzu,
sie drfte keine Sylbe davon erfahren, die Angst und Erwartung wrde sie
tdten.

Das ist's ja eben, was mir so im Kopf herumgegangen, meinte Smith, und
dehalb war mir Euer Anblick heute so willkommen; _die_ Freude aber, wenn
Ihr mit ihm zurckkehrtet....

Auch vor Tom's innerem Geiste schien ein derartiges Bild vorber zu
schweben, er lchelte still vor sich hin und strich sich dann mit der Hand
leicht ber die Stirn.

Smith, sagte er und bog sich zu ihm hinber, Ihr scheint Euch fr die
Leute zu interessiren, und das freut mich von Euch. Ihr wit aber nicht,
Ihr knnt das nicht gut wissen, _wie_ glcklich _mich_ die Erfllung dieses
heien Seelenwunsches der armen alten Frau machen wrde, und schon dehalb
bin ich Euch zu unendlichem Danke verpflichtet, da Ihr mir auch nur eine
Aussicht auf die mgliche Verwirklichung dieser Hoffnung gebt. -- Ich gehe
zu den Konzas, und das noch in dieser Stunde!

Was! jetzt gleich? rief Smith erstaunt, das ist ja aber gar nicht
mglich! Zu einer Reise von wenigstens 120Meilen mt Ihr Euch doch
wahrhaftig mehr vorbereiten, als wenn Ihr bis an den nchsten Wasser-Cours
einen Bren oder Hirsch schieen geht!

Wehalb? lachte Tom, ob ich acht Tage hier in der Nhe oder irgend eine
Strecke weiter entfernt auslagere, bleibt sich das nicht gleich? Im Walde
bin ich doch, und was sollt' ich sonst zu meiner Bequemlichkeit noch
mitnehmen?

Doch wenigstens Provisionen.

Die liefert mir der Wald selber, meine Decke habe ich auch bei mir und
mein Kopfkissen -- er deutete dabei lachend auf den Sattel--, und was
braucht's da mehr.

Kurz, trotz aller Vorstellungen des Hndlers lie sich Tom Fairfield nicht
mehr von dem einmal beschlossenen Zug abbringen, und alles, wozu er bewogen
werden konnte, war wenigstens ein Stck Speck und Maisbrod und etwas
gemahlenen Kaffee mit in seine Decke zu wickeln, und zwar den Speck, um
etwas Fettes zu dem sonst trockenen Hirsch- und Truthahnfleisch zu haben.
Eine halbe Stunde spter nahm er von dem Hndler herzlichen Abschied, bat
ihn noch einmal, nicht eine Sylbe ber die Sache, selbst nicht gegen seine
Frau zu erwhnen (bei welchem Gedanken, da er nmlich seiner Frau ein
Geheimni anvertrauen werde, Zacharias Smith in ein lautes Gelchter
ausbrach), und war zehn Minuten spter, auf dem kleinen Waldpfad rstig
dahin schreitend, gerade da in dem Holze verschwunden, wo ein niederes
Dickicht von Sassafras und Dogwood ihn rasch den Blicken des Nachschauenden
entzog.

Smith stand noch eine ganze Weile dicht neben seinem Hause, von wo er den
freien Platz nach dem Walde zu bersehen konnte, und erst dann, als der
junge Mann schon lange, lange in den Bschen verschwunden war, und die
freundlich, hinter ihm ber dem Wald aufsteigende Morgensonne seinen
eigenen Schatten weit und geisterhaft ber den Hof und im Zickzack ber die
Lattenfenz warf, kehrte er pltzlich rasch in den Laden zurck, ffnete die
hintere Thr und rief in die Kche hinaus:

Mr. Smith!

Sir! lautete die Antwort.

Wenn Jemand nach mir fragen sollte, ich bin hinber nach Cowley's
gegangen.

Und Zacharias Smith schritt, die Hnde nachdenkend auf dem Rcken gekreuzt,
langsam die Strae hinunter, dem bezeichneten Hause zu.

Hm! sagte gleich darauf Mr. Smith, und ihre scharfe, von der Kamingluth
jetzt etwas echauffirte Nase wurde zwischen zwei rgerlich blitzenden
grauen Augen sichtbar. Hm -- bin zu Cowley's gegangen -- das ist immer so
die Art, wenn Jemand nach mir fragt, ich bin zu Cowley's gegangen, und die
Frau geht nie zu _Cowley's_, die kann zu Hause sitzen und die Wirthschaft
besorgen und alle Augenblicke, wenn Jemand kommt, in den Laden springen.
Na, _das_ Leben htt' ich satt. Und was jetzt nun wieder im Wind ist --
mein Mann heute Morgen vor Tagesanbruch aufgestanden -- das ist vor seinem
Ende -- und diese Geheimnikrmerei mit der Mr. Rowland. -- Oh, ich
hab' es wohl gehrt, mein guter Mr. Smith -- und sie wandte sich in
triumphirendem Hohn der Himmelsgegend zu, in der sie ihren Ehegatten jetzt
vermuthete -- Mr. Smith hat keine Baumwolle in den Ohren, wenn sie etwas
hren _will_--, _Mr. Rowland sprach von ihm und sagte_ -- und der _junge
Rowland unter den Indianern_ -- und Mr. _Tom hingeschickt, ihn zu holen_ --
oho, Mr. Smith, so _ganz_ auf den Kopf sind wir denn doch nicht gefallen,
da wir uns da nicht unser Theil heraus studiren knnten. Also haben sie
den Jungen endlich gefunden -- ein schner Strick wird das geworden sein --
und mein Mann steckt mit in der Geschichte drin - giebt sich so jetzt immer
mit den ekelhaften Indianern ab -- heiliger Gott, war das gestern Abend
wieder ein Scandal und Flaschenzerschmeien! Der fromme Vater Billygoat
wird schn mit dem Kopf schtteln, wenn ich ihm das erzhle. -- Und ich
erfahre kein Wort von der ganzen Geschichte -- o Gott bewahr! seiner ihm
ehelich angetrauten Frau sagt der saubere Herr kein Sterbenswrtchen, aber
zu Cowley's geht er hinber. Mr. Cowley und Mr. Cowley, die mssen ihren
Senf dazu geben, zu jeder Neuigkeit, und ihre Finger in jeden Kuchen
stecken. Aber warten Sie nur, Mr. Smith, warten Sie nur, =my dear Sir=.
_Der_ Sache komme ich auf den Grund, und wenn ich zu Mr. Rowland selber
hingehen sollte, mich zu erkundigen -- tausend Mal hab' ich mir's gefallen
lassen, jetzt aber hat meine Geduld ein Ende, und nun will ich doch sehen,
ob ich mit _meinem_ Kopf nicht durch eine eben so dicke Wand durchdringen
kann, wie Mr. Smith mit dem seinigen.

Und mit diesem lblichen Vorsatz tauchte sie urpltzlich wieder in ihre
Kche unter, und lie die blechernen Kaffeekannen und eisernen Pfannen und
Tpfe, die rings an den Wnden herum hingen und standen, in unbegrnztem
Erstaunen ber die so schne und mit solcher Lebhaftigkeit gehaltene Rede
allein zurck.

Wenn aber auch Mr. Smith in der ersten Aufregung gekrnkter Wibegierde
einen so verzweifelten Entschlu gefat haben konnte, der Mr. Rowland
geradezu ins Haus zu rcken und eine Mittheilung von dem zu verlangen, ja,
zu fordern, was sie mit ihrem ehelich verbundenen Gatten an Geheimnissen
zu verhandeln habe, so schien sie doch bei klterem Blute auch
gemigteren Empfindungen Raum zu geben und versuchte erst einmal ihr
Ueberredungs-Talent an dem Gatten selber. Der aber blieb zwlf volle Tage
taub und stumm sowohl gegen die Plnkeleien versteckter Anspielungen, wie
gegen das schwere Geschtz directer Fragen, und da auch in dieser ganzen
Zeit Tom Fairfield sich nicht wieder in Boonville sehen lie, ja, hier und
da schon Besorgnisse laut wurden, ob ihm nicht gar etwas zugestoen
sein knne, kein Mensch aber Aufschlu ber seine unerklrliche lange
Abwesenheit zu geben wute, so konnte sie ihre Neugierde nicht lnger
zhmen und beschlo nun wirklich, Mr. Rowland -- sie war ihr das ja doch
aus nachbarlichen Rcksichten schuldig -- einmal freundlich zu besuchen.
Sie fhlte sich dabei fest berzeugt, es wrde ihr, einmal im Geleise,
nichts weniger als schwer werden, einen kleinen Ueberblick ber die
nheren, jedenfalls hchst interessanten und jetzt so geheim gehaltenen
Verhltnisse zu bekommen.

Der vierzehnte Tag nach dem Aufenthalt der beiden Indianer in Boonville war
es, und der erste im Monat September zugleich, der sich aber mit schwlen
Gewitterwolken angekndigt hatte und die trben, schweren Nebelmassen
bald in zerrissenen grauen und schwarzen Streifen, bald in compacten,
wetterschwangeren Schichten ber die chzende, schwankende Waldung von Ost
nach West strmisch hinberjagte.

Mr. Rowland sa in ihrem Stbchen, warm eingehllt in Betten und Tcher,
auf einem rohgearbeiteten, aber bequemen Sorgenstuhl, denn der Wind
strich heute trotz der sonst eigentlich sehr warmen Jahreszeit frisch und
erkltend ber die Lichtung hin, und die alte Frau hatte sich gerade in den
letzten Tagen wieder unwohler gefhlt, als seit langer Zeit. Zu ihren Fen
sa Rosy, das liebe, holde Kind, leise den linken Arm auf der Mutter Knie
gesttzt, und in der Rechten das kleine, zierlich gebundene Testament
haltend, aus dem sie der mit geschlossenen Augen und gefalteten Hnden
aufmerksam lauschenden Frau die herrlichen Worte der Bergpredigt, die sen
Trost und heilige Zuversicht athmende Rede Christi las.

Sie hatte eben ein Capitel beendet, und eine Thrne glnzte in ihrem Auge,
als sie das Buch senkte und zu dem bleichen, abgezehrten, kummerschweren
Angesicht ihrer _mehr_ als Mutter emporschaute -- leise berhrte sie ihre
Hand und flsterte:

Soll ich weiter lesen, Mutter?

La es jetzt, liebes Kind, sagte die Matrone und legte schmeichelnd die
abgezehrten Finger auf das gescheitelte Haar der Jungfrau -- la es, Du
hast Dich schon zu viel angestrengt und auch noch andere Sachen zu thun,
die ebenfalls gethan sein mssen -- wie wr's denn, wenn Du einmal zu
Cowley's hinber gingest und ihn btest, uns seinen Neger auf ein halb
Stndchen zu schicken, da er etwas Feuerholz zum Hause schaffte -- nur
ganz wenig -- Tom kommt gewi heute wieder.

Es ist Feuerholz in Menge da, sagte Rosy schnell: ich ging, weil wir
doch gestern Abend das letzte hereingeschafft, heute Morgen recht frh in
den Wald und holte einen Arm voll, um die Suppe fr Dich zu kochen, und
als ich wieder kam, hatte Mr. Cowley schon seinen Tim mit einer ganzen
Wagenladung voll herbergesandt und ging eben daran, es in Kaminlnge zu
hauen. Er hat mir auch ein groes Rckstck hereingetragen; Du schliefst
nur noch, Mtterchen.

Cowley's sind brave Leute, flsterte die Matrone, Gott vergelte es
ihnen! Es ist doch bs, wenn man so ganz allein in der Welt steht -- keinen
Sohn -- keinen Freund....

Mutter! bat mit vorwurfsvollem Tone Rosy.

Du hast Recht, mein Kind, ich bin vielleicht ungerecht gegen Tom Fairfield
gewesen und -- doch wenn auch er nun nicht wiederkehrt -- wenn auch er
nun----. Sei nicht bse, mein Kind, unterbrach sie sich selber nach
ziemlich langer Pause, Du weit selber, wie trb und traurig mir gerade
an dem heutigen Tage zu Muthe sein mu, dem Jahrestage jenes frchterlichen
Morgens -- ich sehe da Alles schwrzer, als es vielleicht wirklich ist, und
begreife dann manchmal fast selber nicht, wie es mglich war, da ich --
ich -- alte schwache Frau sie, die Krftigen alle, alle berleben mute.
O, es ist recht hart, nicht sterben zu knnen, weil man nicht wei, ob man
nicht doch noch das Liebste -- das eigene Kind -- allein zurcklt in der
Welt -- es ist recht hart, nicht leben zu knnen, weil das arme Herz
die Sehnsucht nach den Lieben, wenn sie wirklich schon vorangegangen,
verzehrt.

Mutter! bat die Tochter, stand auf, barg ihr Antlitz auf der Schulter der
Kranken und flsterte mit leiser, von Thrnen fast erstickter Stimme: Wenn
ich Dir auch den Sohn nicht ersetzen kann, lieb habe ich Dich ja doch wie
meine eigene Mutter.

Mr. Rowland antwortete nichts, aber fest und liebend schlang sie die Arme
um das blhende Kind und hielt es lange und fest an ihrem Herzen.

Da klopfte es ziemlich lebhaft an ihre Thr, und froh erschreckt und mit
freudestrahlenden Augen sprang Rosy empor und eilte, zu ffnen; auch Mr.
Rowland richtete sich etwas in ihrem Stuhle auf und schaute mit lebhafterem
Blicke dorthin, denn das Klopfen war ganz so, wie Tom Fairfield bei ihnen
anzupochen pflegte -- und wie lange schmerzliche Tage hatte Rosy auf das
Pochen umsonst und mit immer wachsender Angst und Sorge geharrt!

Rasch und mit vor Freude zitternder Hand zog sie den Pflock zurck, der,
einfach von innen vorgesteckt, die Thr verschlo, und ffnete rasch --
ein schmerzlich erstauntes _Ach_ entfuhr aber ihren Lippen, und auch Mr.
Rowland wandte sich enttuscht ab und sank wieder mit leisem Seufzer in
ihre Kissen zurck, als das zwar gutmthige, aber doch scharfe und gerade
heut gewi nicht willkommene Angesicht der Mr. Smith auf der Schwelle
sichtbar wurde. An ein Abweisen war aber gar nicht mehr zu denken -- die
Lady sah die Bresche kaum offen, als sie auch mit lblichem Eifer herein
strmte, sich augenblicklich einen Stuhl neben Mr. Rowland rckte und
dann zwischen tausend Entschuldigungen, da sie hier so ohne alle Anmeldung
hereinbreche, da aber das Wetter sie gerade berrascht habe, weil es eben
an zu regnen fange, und da sie nach Cowley's eigentlich hinber gewollt,
sich aber die Freude unmglich habe versagen knnen, diese Gelegenheit,
wo sie gerade in der Nhe sei -- sie wohnte berhaupt kaum fnfhundert
Schritte von Mr. Rowland entfernt--, einmal zu benutzen und zu sehen, wie
es der lieben, lieben Kranken denn eigentlich gehe.

Mr. Rowland antwortete auf alles das mit leiser Stimme und bndigster
Krze; sie hoffte vielleicht dadurch, da sie Mr. Smith keinen Anla zu
einer Unterhaltung gab, den Besuch etwas abzukrzen. War das aber wirklich
ihre Ansicht gewesen, so kannte sie Mr. Smith ungemein schlecht, oder
traute ihr wenigstens viel mehr Ungeselligkeit zu, als sie wirklich besa.
Die gute Dame fragte nur einmal, und zwar gleich im Anfange, ob sie genire,
und als sie darauf ein hfliches, wenn auch etwas zgerndes _Nein_ zur
Antwort erhalten, sumte sie auch keinen Augenblick lnger, es sich so
bequem als mglich zu machen, legte ihre Haube und den groen baumwollenen
Regenschirm ab, zog die Halbhandschuhe aus, nahm die kurze Schilfpfeife aus
der Tasche, die sie schon gestopft -- oder geladen, wie Mr. Smith manchmal
sagte -- bei sich trug, holte sich im Kamin eine glhende Kohle, und befand
sich, wie sie selber sagte, als sie sich ganz behaglich auf dem Stuhle
zurecht rckte, so wohl und vergngt hier, wie zu Hause.

Mr. Rowland griff dieses ununterbrochene Auf-sie-einreden, selbst wenn sie
nur wenig oder gar keine Antwort zu geben brauchte, auf die Lnge der Zeit
so an, da sie endlich bleich und erschpft in ihren Stuhl zurck sank und
die Augen schlo. Selbst Mr. Smith fhlte, da sie der Kranken erst einige
Ruhe wieder gnnen msse, gedachte aber dafr indessen mit dem jungen
Mdchen zu beginnen, um damit desto sicherer ihrem Ziele entgegen zu
rcken; denn gerade fragen mochte sie doch auch nicht.

Es wird nun bald lebendiger hier im Hause werden, sagte sie, als Rosy der
Mutter die Kissen zurecht gerckt und ihren Platz wieder neben ihr, oder
eigentlich zwischen ihr und der Kranken, um den Zungenschwall in etwas
abzuwehren, eingenommen hatte: ja, wo so ein Mann ist, geht die Sache
gleich anders.

Rosy, das arme Kind, errthete bis tief in das Halstuch hinein, sah aber
auch zu gleicher Zeit erstaunt zu der Geschwtzigen auf.

I nun, Mi, fuhr Madame -- dadurch, da sich das junge Mdchen ihrer
Meinung nach gar so gleichgltig stellte, etwas gereizt -- fort, Sie
brauchen nicht so erschrecklich unschuldig zu thun, ich wei die ganze
Geschichte -- bei mir ist's aber auch aufgehoben, als ob's im Grabe ruhte
-- von _mir_ erfhrt wahrhaftig Niemand eine Sterbens-Sylbe.

Aber, beste Mr. Smith...

Aber, beste Rosy Baywood -- wenn Sie denn einmal selbst nicht gegen mich
davon sprechen wollen, so habe ich nichts dagegen. Wie lange ist er denn
aber nun schon eigentlich verloren?

Verloren? also glauben auch Sie, da er verloren ist? rief jetzt Rosy in
der Angst um den geliebten Mann -- denn auf diesen mute sie doch natrlich
das Gesagte beziehen.

Ist? _gewesen_ ist, beste Mi, sagte Mr. Smith lchelnd: und das war
ja noch das Glcklichste, was Sie sich htten denken knnen. Aber nach so
langer Zeit einen Menschen unter den entsetzlichen rothen Wilden wieder zu
finden, scheint mir doch wirklich etwas erschrecklich Merkwrdiges. Was ich
doch sagen wollte: wie lange ist es also her, da ihn Mr. Rowland verloren
hat?

Mr. Rowland? wiederholte, jetzt wieder ganz irre gemacht, das junge
Mdchen, und die alte Frau, ob nun durch Nennung ihres Namens aus
ihrem Halbschlaf geweckt, oder schon lngst vielleicht den Worten mit
geschlossenen Augen lauschend, wendete leise den Kopf nach der Redenden und
schaute zu ihr auf. Mr. Rowland? ich wei gar nicht...

Nun, eine zwanzig Jahre mu es doch gewi sein, fuhr die unverwstliche
Mr. Smith, der es jetzt nur darum zu thun schien, die beiden Frauen wissen
zu lassen, sie kenne die ganzen Verhltnisse genau und sei vollkommen
vertraut mit denselben, ruhig fort: ich wei mir's noch recht gut zu
erinnern, wie mein Seliger, John Rosbeard von Connecticut, der auch damals
hier eine Bleimine angelegt oder gefunden hatte, davon sprach. Aber wenn
sie ihn nur vorher erst abwaschen, ehe sie ihn mit herein bringen -- Jesus,
meine Zuversicht! so ein gemalter Mensch ist doch was Frchterliches, wenn
er blaue Backen, eine gelbe Nase, rothe Ohren und grne Lippen hat -- und
die Scalpe! Denken Sie sich, Mi Baywood, wie mir einmal mein Seliger
das Scalpiren beschrieb und seinen Scalp, der ihm doch noch ganz fest und
gesund auf dem Kopfe sa, mir zeigte, fiel ich Ihnen wahrhaftig um wie
ein Stck Holz, so ohnmchtig wurde ich -- wenn sie nur nicht scalpiren
wollten! das Andere liee man sich noch immer gefallen, aber das Scalpiren
ist frchterlich.

Mr. Smith! rief da pltzlich Mr. Rowland, von ihrem Stuhle in Angst und
peinlicher Ueberraschung emporfahrend, denn der Dame Reden, die so ganz
zu dem stimmten, ber das sie ja den ganzen thrnenlangen Tag getrauert,
trieben ihr das Blut in rasender Schnelle durch die Adern und machten ihr
Herz fast hrbar klopfen.

Mutter, bat Rosy, die bestrzt der Leidenden erregten Zustand erkannte
und rasch auf sie zusprang, sie zu beruhigen, Mutter, es ist ja nur ein
Miverstndni!

Gott bewahre, Mr. Rowland, fiel da rasch die Dame ein, ich glaubte ja
gar nicht, da Sie es hren wrden; nein, an's Scalpiren wird er nicht
mehr denken, wenn er das auch frher gethan hat, denn das lassen die
erschrecklichen Menschen nun einmal nicht -- es sind ihre Sieges-Trophen,
wie sie's nennen--; aber Mr. Billygoat wird ihn schon lehren, was guter
und echter Christen Pflicht ist -- nein, es ist doch ein herrlicher Mann,
dieser Mr. Billygoat.

Mr. Smith, sagte die Kranke leise, und die Hand, die Rosy zurck schob,
zitterte wie in Fieberfrost, _wer_ wird nicht mehr an's Scalpiren denken?
_wer_ trgt die Farben und Abzeichen der Wilden -- _wer_ -- groer Gott,
die ganze Stube dreht sich mit mir -- _wer_ war verloren -- zwanzig Jahre
-- und ist -- und ist wieder gefunden?

Aber, liebe Mr. Rowland, lchelte gutmthig die wrdige Kaufmannsfrau,
was thun Sie denn nur gegen _mich_ so geheimnivoll? ich wei ja die ganze
Geschichte -- ist denn nicht jetzt eben Tom Fairfield fort geritten, ihn
zu holen? Ich wei nur noch nicht bei welchem Stamme er ist, denn den Namen
konnte ich nicht recht verstehen; wenn Sie's aber nicht wollen, will ich ja
auch wahrhaftig mit keinem Menschenkinde ein Wort darber wechseln.

Tom Fairfield fort, ihn zu holen -- bei welchem Stamme? wiederholte
die alte Frau mit zitternder, halblauter Stimme und prete sich die Stirn
zwischen die eisigen Hnde -- heiliger Gott! trume ich denn, oder bin ich
wahnsinnig geworden in Kummer und Gram?

Nein, ist mir so eine Frau schon vorgekommen! sagte Mr. Smith
kopfschttelnd, aber jetzt doch auch durch die Aufregung der Kranken etwas
besorgt gemacht.

Rosy schrak empor -- eine Ahnung dessen, was geschehen, was vielleicht
im Werke sein konnte, zuckte ihr durch den Sinn, und einen Blick auf die
unglckliche alte Frau werfend, winkte sie ngstlich Mr. Smith zu und bat
sie durch Zeichen, kein Wort weiter von dem Begonnenen, was es auch sei,
zu erwhnen. Aber es war zu spt: ehe des Hndlers Frau verstand, was sie
sollte, oder ehe sich Rosy zu ihr berbiegen konnte, sie mit Worten darum
zu bitten, hob Mr. Rowland wieder den Kopf, und ihr Auge begegnete in
demselben Moment dem ngstlich und bittend auf die Schwatzhafte gerichteten
Blicke der Pflegetochter. Rasch begriff sie dessen Meinung und wurde
dadurch nur noch mehr in der peinlichen Gewiheit dessen bestrkt, was sie
nicht einmal auszusprechen wagte, weil sie selbst dadurch schon den
Zauber zu zerstren frchtete, der ihr jetzt wie in einem sen, wenn
auch ngstlichen Traume die Sinne frmlich gefesselt hielt. Wie aber der
Wahnsinnige schlau die Wachsamkeit seines Wchters zu tuschen wei, so
benutzte auch die Kranke mit fast convulsivischer Hast die Gelegenheit,
der geschwtzigen Frau das Geheimni, das fr sie Tod oder Leben enthielt,
abzulocken.

Sie haben Recht, Mr. Smith, sagte sie und versuchte dabei, mit der
Qual im Herzen, zu lcheln; wir brauchen Ihnen nichts, gar nichts mehr zu
verheimlichen.

Sehen Sie, beste Mr. Rowland, rief die Dame jetzt vllig beruhigt, in
triumphirender Freude aus, das habe ich Ihnen ja auch gleich vom Anfange
an gesagt; aber mein Mann...

Und Tom Fairfield -- ist ausgegangen -- ihn -- ihn zu holen -- hierher
nach Boonville zu holen.

Liebe, beste Mutter, bat Rosy in ihrer Herzensangst, denn sie frchtete
nicht mit Unrecht die bsen Folgen, die solche Aufregung fr die Kranke
haben mute.

La nur, mein Kind -- la nur, beruhigte sie aber die Leidende, mir ist
jetzt vollkommen wohl -- recht wohl, Rosy -- und Tom Fairfield, Madame...

Nun der kann doch wahrhaftig nicht lange mehr bleiben; aber -- nicht wahr
-- er soll ihn mitbringen?

Ihn? ja -- ja wohl -- nicht wahr -- Sie -- Sie meinen doch...

Nun, Ihren Sohn!

_Ha!_ schrie die alte Frau mit einem Laut, der den Beiden durch Mark und
Seele schnitt -- Rosy warf sich augenblicklich ber die zusammenbrechende
Gestalt und rief nur noch mit vorwurfsvoller Stimme: O, Mr. Smith, was
haben Sie gemacht, Sie haben sie getdtet! Und diese wrdige Dame stand
im Anfange selbst zum Tode erschrocken, denn noch begriff sie den ganzen
Zusammenhang nicht, und nur der Gedanke begann allmhlich in ihr zu
dmmern, da sie doch wohl am Ende einen gewaltig dummen Streich gemacht
und sich selbst in eine uerst fatale Sache hinein gearbeitet habe.

Hierin wurde sie auch bald durch Rosy's Erklrung besttigt, und als sie
erfuhr, da sie beide die Ursache von Tom Fairfield's Abwesenheit gar nicht
gewut und ber den Zweck seiner Sendung keine Ahnung gehabt, war sie auer
sich. Sonst von Herzen seelengut, und gewi die Letzte, die irgend einer
ihrer Nachbarinnen -- und nun noch besonders der wackeren, unglcklichen,
_kranken_ alten Frau -- mit Willen weh gethan htte, wurde ihr der Gedanke
unertrglich, durch ihre Schwatzhaftigkeit, die sie jetzt gar nicht genug
verwnschen konnte, solches Unheil angerichtet zu haben. Sie wich nun auch
nicht von Mr. Rowland's Seite, that alles, was in ihren Krften stand,
Rosy die Pflege zu erleichtern, und beruhigte sich nicht eher, als bis
sie sah, da sich die Ohnmchtige wieder erholt hatte und, aus Erschpfung
wahrscheinlich, in einen tiefen, gesunden Schlaf gefallen war.

Wunderbar war die Vernderung, die, nachdem sie sich wieder erholt, mit ihr
vorgegangen schien. Rosy hatte schon von der Erinnerung an das Gehrte das
Schlimmste befrchtet und deshalb auch mit klopfendem Herzen der Mutter
Erwachen beobachtet -- dem aber gerade entgegengesetzt zeigte sich die
Kranke vollkommen ruhig und hatte nicht etwa das Geschehene vergessen,
sondern fing selbst wieder zuerst davon an, indem sie fragte, ob Tom mit
_ihm_ noch nicht zurck gekommen sei. Rosy wollte ihr jetzt das Ganze noch
ausreden und meinte, es seien ja doch nur Vermuthungen der Frau -- einzelne
Worte, welche sie hinter der Thr erhorcht und die wahrscheinlich etwas
ganz Anderes bedeutet htten. Mr. Rowland bat sie aber ruhig, ihr nicht
durch solche freilich gut gemeinte Reden nur weh zu thun, indem sie ihr
die einzige Hoffnung zu rauben suche, an der ihr Herz jetzt noch auf dieser
Welt hange und mit deren Zerstrung es ebenfalls, wie sie das recht gut
fhle, zu Grunde gehen msse. Sie war dabei so gefat, sprach so vernnftig
ber das Selige und Schmerzliche des ersten Begegnens, da es Rosy'n, dem
armen Kinde, ordentlich unheimlich vorkam und sie den Gedanken nicht los
werden konnte, der Zustand der Kranken sei ein bernatrlich erregter, und
ihr Krper werde jetzt nur auf kurze Zeit von dem strkeren Geiste aufrecht
gehalten.

Wie dem aber auch war, Mr. Rowland blieb den ganzen Tag so still und
gefat, erkundigte sich mehrere Male, ob _sie_ denn noch nicht gekommen
seien, und lie es sich von Rosy fest versprechen, ihr nun, da das
doch nichts mehr helfen knne, auch die Ankunft der Beiden nicht zu
verheimlichen -- nur den Namen vermied sie zu nennen -- das Wort Sohn war
noch nicht ber ihre Lippen gekommen.

So mochte es fnf Uhr Nachmittags geworden sein. Mr. Smith hatte schon
mehrere Male nachgefragt, wie es der Kranken gehe, und sich eben wieder,
wohl zum zwanzigsten Mal, ber ihr ungeschicktes Benehmen am Morgen
entschuldigt, als es wieder an die Thr klopfte und Mr. Rowland mit einem
kaum unterdrckten Schrei in ihrem Stuhle emporfuhr, denn als sich die nur
angelehnte Thr ffnete, trat Tom Fairfield herein, aber -- allein.

Rosy erschrak ebenfalls; ehe aber sie oder Tom ein Wort sprechen konnte --
streckte ihm Mr. Rowland mit stierem, entsetztem Blick den Arm entgegen
und rief mit vor innerer Bewegung kaum hrbarer Stimme: Wo ist _er_?

Um Gott! sagte Tom erschreckt und sah Rosy an, woher wei Ihre
Mutter...

Wo ist _er_? Tom, wenn Ihr mich tdten wollt, so zgert mit der Antwort.

Sie wei Alles, besttigte Rosy unter Thrnen, und Tom, der bald fand,
da es aller der von ihm fr nthig gehaltenen Vorbereitungen gar nicht
mehr bedrfe, beruhigte, wenn er auch nicht begriff, durch wen sie es
erfahren haben konnte, die Frau nun wenigstens vor allen Dingen in so weit,
da er ihr versicherte, er habe ihren Sohn gefunden und mitgebracht, und
er sei wohl und gesund, sie aber solle sich heute Abend sammeln und
vorbereiten, da er ihr denselben morgen frh herber bringen knne.

Davon wollte die Mutter aber nichts lnger hren -- morgen? -- weshalb
nicht heute? -- jetzt? War sie jetzt weniger gesammelt, als sie es morgen
sein wrde? sicherlich nicht -- die lange Nacht der Erwartung wrde ihre
Krfte nur abspannen, und jetzt, jetzt wollte sie den so lange Jahre
beweinten Knaben sehen -- nicht morgen.

Vorstellungen halfen nichts, und da auch Tom selber fhlen mochte, wie
Recht sie unter diesen Umstnden habe, versprach er, ihr den Sohn in einer
halben Stunde zu bringen, und bat sie nur, dann hbsch ruhig und gefat
zu sein und sich nicht, damit ihr das nicht schade, zu sehr von ihrem
mtterlichen Gefhle hinreien zu lassen.

Indessen war Mr. Smith daheim schon emsig beschftigt, aus dem bei ihm
eingefhrten _Wilden_, der sich nach mehreren, von Mr. Rowland schon
frher und oft bezeichneten Merkmalen wirklich als der verloren gegangene
Sohn herausstellte, wieder einen anstndigen weien Menschen zu machen.
Vor allen Dingen wurde ihm die bunte Farbe abgewaschen, mit der er sein
Angesicht noch viel mehr als die Indianer selber bestrichen hatte, um
die weiere Haut nicht durchschimmern zu lassen; dann mute er zu seinem
anscheinenden Leidwesen allen Schmuck ablegen, mit dem er sich behngt
-- besonders alles beseitigen, was an Scalpe und andere dem hnliche
Entsetzlichkeiten erinnerte, und zuletzt noch -- und er stellte sich
ungeschickt genug dabei an -- in menschliche Hosen, wie sie Smith nannte,
und nicht in solch oben abgeschnittene Dinger, die gerade da aufhrten, wo
anstndige Hosen erst recht anfangen sollten, hineinfahren. Auch Weste und
Rock, Hemd und Schuhe bekam er nun. Wenn er aber auch mit Allem so ziemlich
einverstanden schien, oder es wenigstens ohne Widerstand ber sich ergehen
lie, so warf er doch die letzteren augenblicklich wieder ab, weil sie
ihn drckten und er die Fe darin nicht vom Boden heben konnte, und
verschmhte auch auf das hartnckigste den schnen schwarzen Seidenhut,
den ihm Smith schon mit wirklichem Behagen auf das zottig dunkelbraune Haar
gedrckt hatte. Jeder Ueberredung hielt er standhafte Weigerung entgegen,
und es blieb zuletzt nichts brig, als ihn mit bloem Kopf und barfu
seiner Mutter zuzufhren.

Das Wort _Mutter_ war aber auch der einzige Zauberspruch, der ihn aus
seinem wilden freien Leben hierher gefhrt hatte in das Dorf der Weien
-- _Mutter_, der Klang tnte ihm wie eine in der Kindheit gehrte und lang'
vergessene Harmonie leise, aber mit solcher sen Gewalt durch die Seele,
da er alle seine Herzensfibern erbeben fhlte, und nicht zurckbleiben --
dem Himmelslaute folgen mute.

Und jetzt stand er vor der Thr, die ihm die weien Mnner an seiner Seite
bezeichnet, und scheu wandte er nach rechts und links den Kopf, als ob
er dem Augenblick, den er mit klopfendem Herzen herbeigesehnt, nun, da er
endlich erschienen, rasch und ngstlich entfliehen wolle. Krampfhaft und
wie Hlfe suchend, erfate er den Arm Tom's, der dicht an seiner Seite
ging, und er schmte sich, da ihn das Bleichgesicht in solcher Aufregung
sehen sollte -- Ugh -- wie mich friert, flsterte er leise und zog sich
den Rock vorn, wie er das frher mit seiner Decke gewohnt gewesen, fest
ber der Brust zusammen.

Und drinnen im Hause sa, mit von innerer Aufregung frisch gertheten
Wangen und lebendigen, glnzenden Augen, die Matrone und hielt der Tochter
Hand fest in der ihrigen, da diese sie jetzt, nur jetzt nicht verlasse;
denn drauen hrte sie Schritte -- Stimmen, und in athemloser Spannung
lauschte sie den Tnen, ob sie -- heiliger Gott, wie ihr das Herz pochte!
-- die Stimme des Kindes -- des Sohnes nicht zu unterscheiden vermge.

Und jetzt -- jetzt ffnete sich die Thr, in die mit hflicher,
freundlicher Verbeugung der Hndler trat, und hinter ihm -- Mr. Rowland
sah die freie mnnliche Stirn Tom Fairfield's und -- an seiner Seite --
einen braunen, unbedeckten Kopf -- sie richtete sich in ihrem Stuhl auf
-- alle Schwche der Krankheit hatte sie verlassen, stark und allein stand
sie, von Niemand gehalten, von Niemand untersttzt.

Meine gute Mr. Rowland, sagte Smith; aber die Mutter sah nicht den
Fremden, der sich zwischen sie und ihr Kind stellte.

Mein Sohn -- mein Sohn! rief sie, die Arme streckte sie sehnend, bittend
nach den Mnnern aus, und jetzt -- jetzt vermochte auch der Halbwilde
nicht lnger zu schweigen -- er ri sich von Tom, der ihn noch zurckhalten
wollte, los, schob den Hndler bei Seite und flog mit raschem Sprung und
dem leise -- jubelnd gerufenen Laut: Mutter! in die Arme der alten Frau.
Fest, fest hielt ihn diese umklammert, fest, als ob sie ihn im Leben nicht
wieder loslassen wollte; aber ihre Krfte schwanden auch in der einen
Empfindung seligen Entzckens, und nur noch durch die Arme des Sohnes
fhlte sie sich gesttzt, gehoben.

Mein Sohn, mein Kind! rief sie schmeichelnd, als er sie endlich leise auf
den Stuhl zurckgleiten lie und, halb unwillkrlich, halb von ihr gezogen,
vor ihr auf die Kniee niedersank -- mein liebes, liebes Kind! Und
doch endlich den Verlornen wieder gefunden -- doch jahrelange Sorge
und Schmerzen noch belohnt bekommen, ehe das flchtige Leben den alten
schwachen Krper verlie -- mein theures, theures Kind!

John blieb lange und schweigend in ihrer Umarmung, und es war fast, als ob
er sich schme, von den weien Mnnern so schwach und weibisch gesehen
zu werden -- wenigstens warf er den Blick, als er endlich den Kopf erhob,
scheu im Zimmer umher -- aber er war allein mit der Mutter. _Alle_ hatten
das Zimmer verlassen, selbst Mr. Smith, die jetzt, da ihre Voreiligkeit
weiter keine bsen Folgen gehabt, wieder guten Muthes hergekommen war,
dem Wiedersehen beizuwohnen; sie wurde aber, sehr wider ihren Wunsch und
Willen, von Mr. Smith freundlicher als das sonst gewhnlich geschah, unter
den Arm gefat und zur Thr hinaus begleitet.

Mutter und Sohn blieben lange allein. Dieser hatte bald auch die letzte
Scheu berwunden und sa jetzt neben der Mutter, streichelte ihre Hand
und nannte sie in seinem gebrochenen Englisch mit den sesten, sanftesten
Namen, die er finden konnte.

Erst wohl nach Verlauf einer halben Stunde, und als sie sich beide
vollkommen gesammelt hatten, traten die Uebrigen wieder ein, und Tom mute
jetzt vor allen Dingen erzhlen, wie er den Verlorenen gefunden und ihn
bewogen habe, mitzukommen. Er that das, wenn auch nur in sehr kurzen Worten
und Umrissen.

Den Stamm der Konzas hatte er am vierten Tage nach seiner Abreise von
Boonville schon erreicht und dort augenblicklich seine Nachforschungen
begonnen, aber eine bestimmte Antwort konnte er weder von Krieger noch
Huptling erhalten -- theils stellten sich alle, an die er sich wandte, als
ob sie seine Sprache nicht verstehen knnten, theils lugneten sie, irgend
etwas von einem Weien in ihrer Nation zu wissen. Aber gerade dieses
Lugnen bestrkte den Amerikaner nur mehr und mehr in dem Glauben, da
diese nicht die Wahrheit sprchen; denn Einige sahen ihn erstaunt an, als
ob sie nicht begreifen knnten, wie er das erfahren htte, Andere wurden
verlegen und sagten, sie wten es nicht genau, sie glaubten, es sei einmal
frher einer bei ihnen gewesen, -- bis er endlich einen Halb-Indianer,
einen canadischen Franzosen traf, der ihn rasch auf die richtige Spur
brachte. Noch an dem nmlichen Abend fhrte er ihn in das Dorf, wo sich
der weie Hirsch, wie sie ihn nannten, aufhielt, und wenn dieser auch im
Anfang gar keinen Verkehr mit dem Bleichgesicht haben wollte, ja, sich
sogar hartnckig weigerte, ein Wort Englisch mit ihm zu sprechen, so lie
er sich doch zuletzt wenigstens willig von dem Dorf der Weien erzhlen,
und fing sogar an, aufmerksam den Worten des Fremden zu lauschen, als
dieser ihm von der Mutter sagte, die daheim in Sorge und Kummer so lange
Jahre sehnschtig seiner geharrt und auf das Wiedersehen ihres Kindes
gehofft habe. Besonders und ordentlich auffllig erschtterte ihn aber
Tom's Rede, als dieser -- wie sich der Verwilderte immer noch nicht bewegen
lie, ihm zu folgen -- endlich ausrief: Und so will denn der weie Hirsch,
da seine kranke alte Mutter daheim _allein_ dem Grabe zusiecht und keinen
Sohn hat, der ihren Wigwam deckt -- ihr Wild jagt und das erlegte bereitet,
sie zu strken? Sollen _Fremde_ ihr Grab graben, da nicht Wolf und
Aasgeier ihre Gebeine entheiligen? -- Ugh! hatte er da ausgerufen --
weier Mann hat Recht -- weier Hirsch bser Sohn -- und in die Hhe
sprang er, und eilte hinaus in den Wald.

Tom Fairfield war aber nicht wenig bestrzt, als der weie Hirsch am
nchsten Morgen verschwunden und auch nirgends aufzufinden war; Htte bei
Htte durchforschte er nach ihm, und manch zorniges Wort, manche finstere
Drohung ertrug er, wenn er vielleicht den Wigwam eines den Bleichgesichtern
feindlich gesinnten Kriegers betreten hatte. Schon wollte er die Hoffnung,
den Entflohenen fr jetzt wieder zu finden, als ganz trostlos aufgeben und
eben sein Pferd besteigen, um zu dem Nachbardorfe, wo der Canadier seinen
Wigwam aufgeschlagen, zurck zu kehren, als pltzlich der Verschwundene
vllig gerstet wie zu Schlacht oder Kriegszug, auf seinem rauhhaarigen
Poney angesprengt kam und sich erbot, ihn zu begleiten. Allerdings wollten
sich dem jetzt Einige des Stammes widersetzen und nicht dulden, da der,
welcher einer der Ihrigen geworden, auf solche Art ihnen wieder entfhrt
werde. Der weie Hirsch schien aber nicht leicht durch irgend eine
Drohung eingeschchtert; mit krftig trotzigen Worten wies er die
Unzufriedenen zurck, und seine Kriegskeule in der Rechten, in der Linken
die Bchse, und das Pferd nur mit den Schenkeln regierend, sprengte er
unerschrocken durch die Schaar, die ihm auch wirklich Raum gab und keinen
thtlichen Versuch machte, ihn oder seinen Begleiter zurck zu halten.

So kamen Sie nach Boonville, und John Rowland bog sich liebkosend ber der
Mutter Hand hinber, als ihn diese bat und ihm das Versprechen abnahm, sie
die wenigen Tage, die sie noch auf dieser Erde zu leben habe, nie -- nie
wieder zu verlassen.

       *       *       *       *       *

Ein voller Monat verging so, ohne da in Boonville irgend etwas Wichtiges
vorgefallen wre. Wenn aber auch die Matrone in dem Glck, ihr Kind
wiedergefunden zu haben, die ersten Wochen wie neu geboren und Schwche und
Krankheit gnzlich zu vergessen schien, so kehrte doch bald die natrliche
Erschpfung zurck, die solcher Aufregung auch selbst bei gesundem
Zustand htte folgen mssen, und sie wurde von Tag zu Tag schwcher und
hinflliger.

Was John betraf (denn den Namen der weie Hirsch hatte er gleich
von Anfang an abgelegt), so fand sich der in das civilisirte Leben der
Stdter besser und leichter, als man es wohl htte erwarten knnen; er
trug wenigstens die Kleider, die man ihm angelegt -- ja, nach einiger Zeit
selbst Schuhe und einen Hut, a mit am Tische und mit Gabel und Lffel
und schien sich besonders bei seiner Mutter wohl zu fhlen, bei der er oft
stundenlang, am liebsten, wenn sie schlief, neben dem Bette sa und ihr
still und ernst in das bleiche Antlitz schaute. Sonst war aber kein ganz
gutes Auskommen mit ihm; er war wild und herrisch, wie er das als Krieger
seit seiner Mannbarkeit ja auch nicht anders gewohnt gewesen, und es jetzt
nur schwer und ungern ablegen mochte.

Am besten kam noch Rosy mit ihm aus; das liebe sanfte Kind bte den
grten Einflu auf das rauhe Wesen des jungen Mannes, und wo er einmal in
Kleidung, Sitte oder Sprache -- wie das brigens gar nicht selten geschah
-- in seine alten Gewohnheiten zurcksinken wollte, bedurfte es von Rosy
nur eines Wortes, ja, oft nur eines Blickes, seinen Sinn, der in einzelnen
Fllen selbst nicht unbedingt der Mutter nachgab, zu beugen.

Drei Personen lebten aber in Boonville, denen John auswich, wo er nur
irgend konnte, und auf die er, im Laufe der Zeit, nach und nach selbst eine
Art von Ha bertrug. Die erste war unsere gute, aber geschwtzige Mr.
Smith, die ihn von vorn herein so mit ihren Fragen und Erkundigungen
gepeinigt hatte, da er sie ordentlich frchtete, und einmal sogar
zum Entsetzen seiner Mutter, die gar nicht begriff, was ihn auf einmal
anwandle, aus dem Fenster sprang, als jene zur Thr hereintrat.

Die zweite war der ehrwrdige Pastor Billygoat, der es in seinem heiligen
Eifer fr Pflicht und Schuldigkeit hielt, den armen blinden Heiden zu
bekehren. Im Anfang, und besonders weil es seiner Mutter groe Freude
machte, lauschte John mit ziemlicher Aufmerksamkeit dessen Worten, und wenn
er auch spter nur durch Rosy's Bitten dahin gebracht werden konnte, still
sitzen zu bleiben, sobald der Prediger -- oder der Medicin-Mann[12],
wie er ihn unerschtterlich nannte -- seine Hand einmal auf ihn gelegt
und seine Worte an ihn gerichtet hatte, so blieb er doch darin ganz der so
schnen indianischen Sitte treu, da er den Mann nie unterbrach, sondern
ihn ruhig ausreden lie und mit wenigstens uerer Aufmerksamkeit ihm
zuhrte. Pastor Billygoat tuschte sich aber gewaltig, wenn er das auch nur
einen Augenblick fr wirkliche Andacht hielt -- John hate den alten
Mann wie die Snde -- und vielleicht noch mehr -- und durch ihn auch die
Religion, die er ihm predigen wollte. Trotzdem blieben beide im Anfang
noch auf ziemlich friedlichem Fu mit einander, und der Prediger
schien zufrieden, wenn sein neu zu Bekehrender nur ruhig und ohne
Widersetzlichkeit die gehrige Zeit aushielt.

  [12]: Medicin-Mnner heien bei den indianischen Stmmen die Aerzte,
  Zauberer und Priester.

Die dritte Person aber war wunderbarer Weise gerade der Mann, der doch
als die Hauptursache und das Werkzeug seines jetzigen Hierseins angesehen
werden mute -- und zwar Niemand anders, als Tom Fairfield selber. Im
Anfang schienen die beiden jungen Leute unzertrennlich. Tom gab sich jede
nur erdenkliche Mhe, den verwilderten Weien in alle Geheimnisse
des civilisirten Lebens wieder einzuweihen, und John, wenn auch mit
augenscheinlichem Widerwillen, fgte sich doch gern jeder Neuerung, die der
Hinterwldler, den er berdie als vortrefflichen Jger kennen lernte und
dehalb achtete, mit ihm vornahm. Je lnger er aber in der Mutter Hause
lebte, wo Tom Fairfield ein tglicher Gast war, desto mehr und mehr zog
er sich von ihm zurck, antwortete einsilbig auf seine Anreden, mied seine
Gesellschaft und wurde sogar, was sonst selbst nicht gegen den Prediger
geschah, unfreundlich, wenn er ihm nicht mehr ausweichen konnte.

Das nahm, je weiter es in den Herbst hinein kam, mehr und mehr berhand,
da sich besonders in letzter Zeit Mr. Rowland's Zustand auch immer mehr
verschlimmert hatte. Die Krankheit der alten Frau schien in den ersten
Wochen von ihres Sohnes Rckkunft durch die Freude und Aufregung des
Wiedersehens fast ganz gehoben; nach dieser unnatrlichen Erregung trat
aber auch eine Erschlaffung ein, die bald das Schlimmste besorgen lie,
und Rosy, das arme liebe Kind, fast ausschlielich an die Seite der jetzt
fortwhrend bettlgerigen Kranken bannte. John verlie das Haus ebenfalls
nur sehr selten und nie anders, als wenn er in den Wald ging, einen Hirsch
oder Truthahn zu schieen; hatte er aber Fleischvorrath daheim, so schaute
er oft stundenlang in stummem Brten zu, wie Rosy die Mutter pflegte
oder, wenn diese einmal eingeschlafen war, ihre sonstige Arbeit, das groe
surrende Baumwollen-Spinnrad sachte bei Seite schob und sich mit ihrer
Nherei, die Augen der Kranken zugekehrt, zu Fen des Bettes setzte.

Der November war indessen angebrochen, und wenn auch der wundervolle Herbst
-- in dieser seiner schnsten Zeit, dem sogenannten indianischen Sommer --
noch freundliche und selbst warme Tage brachte, so braus'te doch auch schon
manchmal ein recht ordentlicher Nord-West durch die Wipfel der sich in die
buntesten Herbsttinten schmckenden Bltter. Und wie das Laub erstarb, wich
auch die Kraft, das Leben aus dem Herzen der armen alten Frau. Lange Jahre
hatte sie standhaft und still den Schmerz ertragen, dem Leiden die
Stirn geboten -- jetzt, mit der einkehrenden Freude, erlag das arme Herz
Gefhlen, die zu mchtig fr es waren und zu erschtternd. Wie der Saft aus
dem Laub und dem Stamm der Bume und Pflanzen schwand, so ebbte auch
der Lebensstrom in ihren Adern, und von Tag zu Tag fhlte sie mehr das
Herannahen ihrer Auflsung.

Und doch htte sie gerade jetzt noch so gern gelebt, denn ihrem Scharfblick
entging es keineswegs, wie der durch so treues Ausharren so theuer erkaufte
Sohn sich nicht mehr wohl und glcklich in seiner neuen Umgebung fhle.
An der Mutter hing er, ja -- und mit all der Gewalt kindlicher Liebe, die
stark genug gewesen war, ihn seinem wilden Leben zu entziehen, bannte es
ihn an ihr Lager, und lie ihm nicht Ruhe noch Frieden drauen im Wald,
seiner sonstigen Heimath. Wie aber sollte das werden, wenn sie einst
hinber gegangen und damit auch das Band zerrissen war, das ihn jetzt
noch an das civilisirte Leben hielt? Nur Eine Mglichkeit gab es, ihn auch
spter zu fesseln, und die sah die arme alte Frau einzig und allein in der
Vereinigung ihrer Pflegetochter mit dem jungen Tom Fairfield, der sich in
der letzten Woche in Boonville frmlich niedergelassen und jetzt ordentlich
und ehrlich um Rosy's Hand angehalten hatte. Bei diesen Beiden konnte John
bleiben -- in ihnen fand er stets treue und liebende Geschwister, und ihnen
gelang es auch gewi, den Sohn von der Rckkehr zu jenem entsetzlichen
Leben unter den heidnischen Wilden abzuhalten. Ja, selbst Rosy's wegen war
es gut, vielleicht nthig, da sie versorgt ward und eine mnnliche Sttze
hatte, ehe sie die Mutter verlor, und das alles lie Mr. Rowland wnschen,
ihre Vereinigung so bald als mglich bewirkt zu sehen.

Eigenthmlich war der Eindruck, den diese Nachricht, die er aus der Mutter
Mund erfuhr, auf John machte -- keine Sylbe erwiederte er, nicht den Blick
hob er von der Spitze seines groben Schuhes, den er gegen die leichten
Moccasins hatte vertauschen mssen, und zwei Mal fragte ihn die Mutter, ob
er sie gehrt und ob er sich nicht freue, da seine Pflegeschwester einen
so wackeren Schtzer bekme, der sie gegen die Strme des Schicksals
schirmen und wahren knne.

Und will Rosy weien Jger? sagte er leise, und als ob er die Antwort
schon eigentlich vorher wisse.

Sie lieben sich schon seit langen Jahren, und Rosy glaubt glcklich mit
ihm zu werden.

Gut -- John freut sich, sagte der junge Mann, stand auf und verlie das
Zimmer -- kehrte auch den ganzen Tag nicht mehr zurck, sondern blieb bis
spt in die Nacht drauen im Wald, wo er nachher, sein Pony schwer mit Wild
beladen, zurckkehrte und, ohne Jemanden an dem Abend weiter zu sprechen,
von auen am Haus hinauf in sein Lager kletterte.

Von dem Tage an war John wie ausgewechselt -- sonst still und friedlich,
wurde er mrrisch und zankschtig, verkehrte, auer mit seiner Mutter und
Rosy, mit Niemand mehr und lie jetzt sogar nicht selten seinem wilden
Muthwillen bei allen denen freien Lauf, die sich in seinen Weg stellten
oder sonst durch irgend etwas seinen Ha auf sich gelenkt hatten. Gegen die
wrdige Mr. Smith zeigten sich diese Launen gewhnlich nur neckischer Art;
hatte sie ihn einmal zu irgend einer Zeit wieder angeredet oder um etwas
gefragt, so konnte sie sich fest darauf verlassen, es wurde ihr Abends,
wenn sie ihr Essen kochte, irgend ein Stein oder Stck Holz durch den Kamin
in den Topf geworfen, oder durch einen nie zu Ermittelnden, wenn sie nach
Dunkelwerden auf ihrem gewhnlichen Platz in der Stube sa, ein Gewehr
dicht neben ihr abgefeuert, da sie erschrak und gewhnlich mit einem
lauten Aufschrei in die Hhe fuhr -- oder die Hhner flatterten Nachts
gestrt umher, und nicht selten fehlten sogar einzelne von Stellen, wo sie
weder Eule, noch Opossum geholt haben konnte.

Schlimmer aber ging es dem armen Vater Billygoat, bei dem es jetzt, seiner
Meinung nach, Ehrensache wurde, den hartnckigen Heiden zu bekehren. War
es ihm einmal gelungen, den strrischen Wilden so zu fassen, da er ihm
nicht mehr entrinnen konnte, und hatte er ihm dann eine recht eindringliche
Ermahnungs- und Strafpredigt gehalten, dann fing John auf einmal an,
grimmige und entsetzliche Gesichter zu schneiden, fletschte mit den Zhnen,
rutschte und glitt dem mehr und mehr gengstigten Prediger immer nher und
schrie ihm vielleicht zuletzt noch den gellenden Schlachtschrei der Konzas
so nahe und scharf in die Ohren, da der fromme Mann entsetzt aus dem
Zimmer floh und noch weit hinter sich drein das Hohnlachen des Heiden
hren mute. Nach jeder solcher Zusammenkunft konnte er sich aber auch fest
darauf verlassen, da ihm in derselben Nacht irgend ein Schwein abhanden
kam, oder seine Fence an irgend einer Seite eingerissen und die Heerde in
die Felder getrieben wurde, oder auch, wie das sogar einmal geschah, eine
heimliche Kugel seine beste Kuh traf und tdtete.

Stellten die Leidenden den wahrscheinlichen Thter zu Rede, so machten sie
die Sache dadurch nur noch schlimmer, und das ganze Stdtchen begann
schon den bekehrten Wilden, wie er im Anfang hie, als eine Plage zu
betrachten, die man sich herzlich freuen wrde, so bald als mglich wieder
los zu werden.

Merkwrdig war es dabei, da John an Tom Fairfield, so feindlich gesinnt er
ihm sonst auch immer sein mochte, nie einen hnlichen Muthwillen versuchte;
ja, im Gegentheil rettete er ihm sogar eines Tages, als er ihn zufllig auf
der Jagd traf, oder auch vielleicht durch seinen Schu herbeigelockt war,
auf die aufopferndste Art das Leben.

Tom hatte nmlich nicht weit von Boonville einen alten Bren beim
Lappen[13] getroffen, aber, durch eine rasche Bewegung desselben verleitet,
einen bereilten Schu gethan, was ihm das angeschossene und gereizte Thier
mit Blitzesschnelle auf den Hals brachte. Sein Hund war zu schwach, ihm
wirksamen Beistand zu leisten; sein Messer brach beim ersten, einen Knochen
treffenden Sto, und wer wei, ob er nicht von der Bestie, wenn auch nicht
getdtet, doch gar arg verwundet worden wre, htte sich nicht John in dem
Augenblicke, da er aus Furcht, den Mann zu treffen, nicht wagen durfte, zu
schieen, mit keckem Muth auf den zottigen Feind geworfen und diesem sein
Messer so sicher ins Herz gestoen, da er sich wohl noch gegen seinen
neuen Gegner wenden konnte, gleich darauf aber, auch vom frheren
Blutverlust schon erschpft, todt zusammenbrach.

  [13]: Lappen der Bren heit, wenn sie im Herbst nach den reifen
  Frchten und Beeren naschen gehen.

Tom wollte dem jungen Manne danken und streckte ihm mit herzlichen Worten
die Rechte entgegen -- der aber wandte sich knurrend ab und verschwand,
sich nicht weiter mehr um Jger und Beute kmmernd, rasch im nahen
Dickicht. Zu Hause sprach er auch kein Wort davon, nur als Tom heimkam und
den Hergang erzhlte, und die Mutter ihm mit glnzenden Augen die Wangen
streichelte, und Rosy unter Thrnen seine Hand nahm und ihn ihren lieben,
lieben Bruder nannte, da wurde er weich, wie er seit lange nicht gewesen,
und an dem Tage wre vielleicht selbst Vater Billygoat ungestraft bei einem
neuen Angriff weggekommen, htte sich dieser wrdige Mann nicht schon seit
lngerer Zeit fest vorgenommen gehabt, den heidnischen Wilden, der eigenen
Schweine wegen, seinem Schicksale zu berlassen.

So standen die Sachen, als sich die Kranke eines Tages recht schwach und
unwohl fhlte -- ihre Kinder wichen nicht mehr von ihrer Seite, und John
besonders sa neben dem Lager und hielt der Mutter Hand fest, fest in der
seinen. Aber der Sand war abgelaufen, welcher der Leidenden auf dieser
Erde zugemessen -- die Krfte wichen, die bis dahin das mrbe Gebu ihres
Krpers zusammen gehalten.

Rosy, flsterte sie, als die Abendsonne ihrem Lager gegenber stand und
der rothe schimmernde Glanz den todtenbleichen Zgen noch einmal ein,
ach! trgerisches Leben zu verleihen schien -- Rosy -- Tom -- mir wird
so wunderleicht und wohl -- die Glieder fhle ich gar nicht mehr, die mich
sonst so bleiern an mein Lager bannten -- ich glaube, der Tod naht -- ach!
dann ist es schn, zu sterben -- aber -- Euch lasse ich noch unvereinigt
hier zurck, und mein Kind -- meinen John, in Eurem Schutze -- versprecht
mir -- versprecht mir, ihn stets -- als Euren Bruder zu lieben.

Mutter! schluchzte Rosy und barg das Antlitz an der Schulter der
Sterbenden.

Er soll mir wie mein liebster Bruder sein, sagte Tom mit tiefer Rhrung
-- ja, nicht theurer konnten ihn diese Worte meinem Herzen machen, als er
es jetzt schon ist -- John soll nie einen anderen Freund brauchen, so lange
noch ein Tropfen Lebenssaft in diesen Adern quillt.

Und, John, sagte mit leiser Stimme die Mutter, wird Dir das Grab der
Mutter so theuer sein, als es die Lebende war?

John hatte augenscheinlich einen harten Kampf mit sich gekmpft -- er
schmte sich, in der Gegenwart eines anderen Mannes zu weinen oder
irgend eine Schwche zu zeigen, und sa starr und regungslos, die Blicke
unverwandt in eine Zimmerecke gerichtet; jetzt aber, bei der directen
Anrede an ihn, wo ihm, der so oft den Tod gesehen, sein Auge sagte, da das
theure Leben nur noch wenige Minuten in der alten lieben Hlle weilen werde
-- jetzt konnte er sich nicht lnger halten -- am Bett fiel er nieder auf
die Kniee, den Kopf barg er in der berhangenden Decke, und sein ganzer
Krper zitterte von der Allgewalt des Schmerzes, der in ihm tobte.

Guter John, flsterte die Mutter, und ihre Hand ruhte segnend auf dem
Haupte des Sohnes -- guter -- lieber John!

Mutter! rief Tom Fairfield pltzlich, denn ein eigenes Zucken im Gesichte
der Kranken -- ein eigenes Erstarren der Zge erschreckte ihn. John fuhr
schnell empor und heftete seinen Blick nur secundenlang auf das liebe
Antlitz.

Meine Mutter! schluchzte er, und die hellen Thrnen netzten seine
sonngebrunten Wangen: meine liebe Mutter! und Du gehst?

Die Sterbende antwortete nicht mehr -- der letzte Druck der Hnde galt
noch dem Kinde -- der Tochter -- ihr brechendes Auge hing an dem sinkenden
Tagesgestirn, und mit dessen Verschwinden hinter dem goldglnzenden
Laubnetz des Waldes schlossen sich auch die treuen Augen auf immer.

       *       *       *       *       *

Am anderen Tage, nach der Mutter Tod, grub John, an derselben Stelle, wo
frher seines Vaters Htte gestanden, das Grab fr die Verblichene -- sie
hatte es gewnscht, dort zu ruhen, und fast alle Einwohner des kleinen
Ortes begleiteten die Leiche zu ihrer letzten stillen Ruhesttte unter den
rauschenden schwanken Bumen des Waldes. John blieb dort drauen drei volle
Tage und Nchte, und als er endlich zurckkehrte, war er ernst und traurig
und schien sein frheres wildes Wesen ganz verloren zu haben. Sanft wie
ein Kind zeigte er sich gegen Jedermann, selbst mit dem Prediger war er
freundlich, so freundlich, da er den armen Mann im Anfange mehr damit
erschreckte, als frher mit seiner Wildheit, weil der schon nicht anders
glaubte, als da dies nur eine andere Maske sei, unter der er neue Streiche
auszufhren gedenke. Aber darin hatte er sich geirrt -- John blieb sich
immer gleich und vermied jetzt nur von Allen gerade die, deren Nhe ihm
frher so unendlich wohl gethan.

Obgleich er nmlich seine alte Schlafstelle, den oberen Theil von seiner
Mutter Haus, noch beibehielt, bekam ihn das junge Mdchen fast gar nicht
mehr zu sehen; nur Morgens vor Tag stand er auf, schaffte Holz herbei,
zndete das Feuer an und verzehrte im Hause sein Frhstck; dann aber mied
er Rosy's Nhe den ganzen Tag, und nur Abends hrte sie, wie er von auen
in seine Kammer wieder hinauf stieg und sein Lager suchte. Wildpret
genug schaffte er dabei zum Hause, und weiche Felle gerbte er ihr nach
indianischer Art, und nhte Moccasins und frbte Decken fr sie; aber nicht
daheim that er das, sondern im Walde drauen, wie auch das Wetter war, und
nur froh konnte sie ihn machen, wenn sie annahm, was er ihr, meist Morgens,
brachte.

So rckte endlich der, von Tom Fairfield so lang' und hei ersehnte Tag der
Verbindung zwischen ihm und seiner holden Braut heran, und Tom hatte alle
Bekannten und Freunde eingeladen, ihn feiern zu helfen. In festlicher
Procession zogen die Glcklichen nach des Friedensrichters, Mr. Cowley's
Haus, und heute schlo sich selbst John nicht aus von der frhlichen
Schaar.

An Tom's Seite, gegen den er in letzter Zeit wieder so freundlich gewesen
war, wie in den ersten Wochen ihres Beisammenseins, betrat er das kleine
wohnliche Gemach des Richters und war Zeuge der heiligen feierlichen
Handlung; als aber die Braut das schchterne und doch so herzfreudige Ja
gesprochen -- als der _Gatte_ sie leise, leise an sich zog und sie das in
holder Schaam bergossene Antlitz an seiner mnnlichen Brust barg -- da
glitt er unbemerkt und geruschlos aus dem Zimmer -- aus dem Hause und ber
die Strae hinber in sein eigenes kleines Gemach.

Nacht war's, und aus Tom Fairfield's neuer Wohnung brachen lichte Strahlen,
und muntere Violintne schallten die stille Strae herab; in Hornpipes
und Quadrillen, in Reels und Jigs und der anderen amerikanischen oder von
England herber gebrachten Tnzen schwangen sich die frhlichen Paare;
munter ging der Becher im Kreise, und herzlich bertnte das Lachen oft die
schallenden Geigenklnge.

Drauen aber vorbei, durch den Herbststurm, der jetzt schon recht ingrimmig
die laublosen Zweige schttelte, schritt, die Bchse in der Hand, den
Tomahawk im Grtel und die Decke auf dem Rcken, ein Jger, und wollte
schon rasch vorber ziehen an dem festlichen Hause, als der silberreine Ton
einer lachenden Frauenstimme sein Ohr traf. Er blieb stehen, zgerte einen
Augenblick und nherte sich dann dem Hause; an der Fenz schwang er sich
hinauf und schaute viele Minuten lang still und ernst durch das kleine
offene ausgeschnittene Fenster in den inneren hell erleuchteten Raum,
auf die frhlichen glcklichen Menschen hin, die in dem engen Gemach sich
lachend und tanzend hin und herbewegten. Glck und Freude lag auf _allen_
Gesichtern auf die sein dsterer Blick fiel, aber von allen ab schweifte er
unbefriedigt, das _eine_ von allen denen zu erkennen das--

Ha -- da trat Rosy in den Kreis -- die frohe junge Frau an des _Gatten_
Hand, und das Licht der Lampen fiel hell und voll auf die lieben Zge des
jungen Weibes.

Johns Blick haftete lang und ernst auf der holden Gestalt, aber kein Laut
entfloh seinen Lippen, keine Bewegung, ein einzelnes fast krampfhaftes
Zucken seiner Lippen vielleicht ausgenommen, verrieth die Bewegung die in
ihm kmpfte.

Endlich nickte er, wie Abschied nehmend, aber auch fast seiner unbewut,
dort hinber, wo er jetzt Alles zurcklie, was ihm noch lieb auf dieser
Welt war, und ihn wohl htte an ein ruhiges friedliches Leben fesseln
knnen -- dann stieg er langsam wieder nieder und warf die Bchse auf die
Schulter.

Als er den Boden wieder betrat, hatte er ganz die alte Ruhe wieder gewonnen
-- die wollene Decke, die ber seine Schultern hing, zog er fest um sich
her, und den Pfad verfolgend, der an seiner Mutter Grab vorber gen Westen
fhrte, verschwamm seine dunkle Gestalt bald in den dsteren Schatten, mit
den der Urwald die enge Lichtung fest und dicht umlagerte.

Und wohin fhrte sein Weg?

Man hat nie wieder von ihm gehrt; aber zu den Konzas war er nicht
zurckgekehrt, denn wenige Wochen spter kam von dorther der canadische
Franzose, der Tom Fairfield frher auf seine Spur gebracht, und wute
nichts von ihm. Ja, Tom besuchte im Frhjahr selbst noch einmal den Stamm
-- doch konnte ihm Niemand Kunde geben vom weien Hirsch -- er war und
blieb spurlos verschwunden.




Aus dem Briefsacke des Paquetschiffes Seeschlange.




Erster Theil.


Erster Brief.

      _New York_, den 12.Mrz 1848.

    _Lieber Theodor!_

      Motto: Freiheit oder Tod.

_Ich bin in Amerika_ -- o wenn Du begreifen, wenn Du ahnen knntest, mit
welcher wonneathmenden Seligkeit mich _der_ Gedanke durchfluthet, wenn Dir
aus dem inneren jauchzenden Jubelmeere meines Herzens nur ein Ton, nur ein
Accord jener himmelrauschenden Symphonieen an die Seele donnern knnte, die
mich dieser Erde fast entheben, die mich in sinnverwirrendem Freudenrausche
nicht ein Mensch mehr, nein ein Engel, ein Gott sein lassen! -- dann
brauchte ich nicht die kalte Feder zu dem nutzlosen Versuche zu ergreifen,
das schildern zu wollen, was sich nicht schildern lt; das mittheilen zu
wollen, was eben nicht mitgetheilt werden kann, was nur empfunden, gefhlt
sein will--

  Nenn' es dann wie Du willst -- nenn's Glck, Herz, Liebe, Gott --
  Ich habe keinen Namen dafr, Gefhl ist Alles --
  Nam' ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsgluth.

_Ich athme amerikanische Luft!_ Begreifst Du das, kalter, theilnahmloser
Aktenmensch -- Bcherwurm -- Leichenbeschauer Du, der von Haus zu Haus
kriecht, scheuliche Verwesung und Moder zu besichtigen und rings um sich
her Gottes freie, herrliche Natur unbeachtet, unbewundert lt? -- Hier
komme her -- hier in die Freiheit athmende Welt, hierher in das schne,
wundervolle Land, und wenn Dir dann das Herz nicht aufgeht, wenn sich dann
nicht Dein Geist wie die Lerche in duftiger Frhlingsluft wirbelnd und
siegestrunken zu Gottes reinen Aetherrumen emporhebt, dann fliet Dir
Dinte statt rothen warmen Blutes in den Adern und Dein Herz ist nur eine
Urne mit Aktenstaub und Trbsal angefllt.

Doch nein, so schlimm steht es noch nicht mit Dir und mit kurzen Worten
will ich Dir dehalb das Land meiner Ideale schildern; mit kurzen Worten
sag' ich, denn wollte ich mich auch nur auf eine einfache Beschreibung
einlassen, so reichten Bnde nicht aus und dazu gestattet mir jetzt weder
Herz noch Geist die Zeit.

Jeder Schritt hier, so lang ich das Ufer betreten, zeigt deutlich, wie
wir glcklichen Auswanderer dem Schlendrian und Despotismus des alten
Vaterlandes endlich enthoben sind -- rege Geschftigkeit fllt die Straen
-- der edle Stolz -- ich bin ein freier Mann -- spricht schon aus dem
Blick des Knaben, wie aus dem des erwachsenen Jnglings; keine Zeichen von
Krone und Tyrannei beleidigen das Auge, indem sie uns an unsere Schmach der
Knechtschaft erinnern -- kein Bettler kriecht in seinem nackten Elend auf
offener Strae umher und fleht um ein Almosen, damit er in seinen Ketten
nicht auch noch verhungere -- keine knigliche Constitution lgt uns von
Freiheit vor, whrend sie uns nur noch, indem sie uns einschlfert, weiter
und weiter vom wahren Ziel der Freiheit entfernt. Das Volk ist nicht
reif, schreien in Deutschland die Fanatiker der Ruhe -- es gehren auch
Republikaner zu einer Republik und die haben wir noch nicht, die mssen wir
erst heranbilden. -- Ausflchte sind's -- feige Angst vor der Krisis,
die der Umgestaltung vorausgehen mu. Werden etwa die Deutschen, die nach
Amerika auswandern, pltzlich auf dem Schiffe zu Republikanern, da sie
auf einmal reif und ausgebildet hier das Land betreten? oder sind das etwa
keine Republikaner, diese Millionen von Deutschen und Iren, die -- der
Whigparthei so frchterlich -- der demokratischen Sache im freudigen
Sturmlauf den Sieg gewinnen? Zum Teufel mit den seelenlosen Drahtpuppen,
die von frstlichen Hnden gezogen, marionettenartig und nach
allerhchstem Verlangen bald den Arm und bald den Fu heben oder mit dem
Kopfe nicken und schtteln.

Noch war ich keine drei Tage hier an's Land gestiegen, als schon ein
Amerikaner (ein mir wildfremder Mensch, dem es egal sein konnte, ob
ich existirte oder nicht), zu mir kam und mich in sein Haus aufnahm.
Uneigenntzig -- denn da ich wirklich Vermgen hatte, konnte er nicht
wissen -- bot er mir in allen Stcken seine Hlfe an und bergab mir,
dem Fremden, die Verwaltung einer ganzen Plantage -- sieh, _das_ ist
ein Republikaner, das ist kein Mann aus einem Polizeistaat, wo jeder
Staatsbrger schon pflichtschuldigst fr einen Spitzbuben und Schuft
gehalten wird -- weise Du ein solches Beispiel in Deutschland auf?

Hier herrscht auch wahre Religionsfreiheit, um die in Deutschland, trotz
dessen gerhmten Aufklrung, noch immer gestritten wird -- die Schule
ist von der Kirche frei -- kein Pfaffe darf in die Erziehung der Kinder
hineingreifen, und das junge Geschlecht blht und keimt heran, eine Freude
der Eltern, ein Stolz ihres herrlichen Vaterlandes.

Doch soll ich jetzt auch nur Stunden verlieren, indem ich hier sitze und
dem Zauberlande den Rcken kehre, whrend ich es beschreibe? -- nein --
selbst Deinetwegen nicht, Theodor, der Du mir sonst das liebste Herz auf
Gottes Erdboden bist. Aber komm hier herber, Du Guter, komm hierher und
schttle den Staub von Deinen Schuhen, wenn Du dem morschen Regierungswerk
des alten Landes, wie Europa hier mit Recht genannt wird, den Rcken
kehrst -- komm bald und freudig und mit herzlichem Gru wird Dir dann die
Arme entgegenbreiten Dein treuer Bruder

      _Carl von Horneck_,

    frher -- Gott sei gedankt, da ich sagen kann
    _frher_ -- Assessor von Gottes Gnaden.


Zweiter Brief.

      Aus dem Staat _New York_, am 10.Mrz 1848.

    _Lieber Vetter!_

Glcklich sind wir vor etwa drei Wochen hier in Amerika angekommen, und
ich befinde mich jetzt in dem Welttheil, der mich so lange Jahre hat nicht
ruhig schlafen lassen. Manchmal ist es mir auch sonderbarer Weise noch
immer wie ein Traum und es geschieht gar nicht selten, da ich mich selber
ganz erstaunt frage: bist Du denn wirklich jetzt in _Amerika_? Die
Antwort fllt aber immer bejahend aus.

Ich erinnere mich noch recht gut der Zeit wo ich die Aushngeschilder der
Agenturen fr Amerika und das gewhnlich darauf gemalte Schiff mit einer
wahren Ehrfurcht betrachtete, da ich dann immer so eine Art von -- ich
wei selber nicht wie ich es nennen soll -- von tragischem Schauer mir ber
die Haut rieseln fhlte; -- jetzt ist das vorbei -- die Seefahrt hat mich
vollkommen von der Bewunderung fr die Schiffe selber geheilt -- denn das
Zwischendeck ist ein grausenvoller Aufenthalt und das stete Neue meiner
Umgebung trgt viel dazu bei, mich zu zerstreuen und gegen starke Eindrcke
abzustumpfen. Ich mu aber auch gestehen, da ich Amerika keineswegs
so gefunden, wie ich es erwartete, und ich bin in mancher Hinsicht sehr
enttuscht worden -- gebe Gott, da ich mich geirrt habe. Jene lockenden
Beschreibungen, die ich vor meiner Abreise gelesen, sind vielleicht, wie
ich gestehen will, mit die Hauptursache, da meine Erwartungen zu hoch
angespannt wurden, dennoch mu ich Dir aufrichtig sagen, da ich
mir Manches, auch bei den geringsten Ansprchen, besser wnsche. Die
idyllischen Farmerwohnungen schrumpfen z.B. grtentheils in erbrmliche
Blockhtten zusammen, durch die an allen vier Wnden der Wind hindurch
zieht, das Vieh luft zwar wild im Wald umher, aber jeder Schuft, der es
nur schlau genug anzufangen wei, kann auch Khe und Pferde nach Belieben
stehlen, und was die Schweinezucht anbetrifft, so hat die ihre ganz
besonderen Schwierigkeiten, denn wenn die Sauen im Walde werfen, und man
luft nicht ewig dahinter her und lockt die kleine Brut, wie die Alte, mit
Hnden voll Mais, so werden sie wild wie die Hirsche und der Bse mag sie
dann haschen, wenn er sie haben will. Auch das Land ist, wenn auch gut,
doch schwer zu bearbeiten -- die Bume sind gar so stark und stehn zu
dicht und die Stmpfe so drauen im Feld zu lassen, da man mit dem Pflug
zwischen lauter Holz und Wurzeln herumackert und Vieh und Menschen halb
zu Tode schindet, das ist eine Wirthschaft, wie sie einem ordentlichen
Oekonomen nicht zusagt. Der Dnger wird ebenfalls nicht beachtet und die
liebe Gottes-Gabe bleibt wild zerstreut im Walde herum.

Auch mit der Viehzucht ist's schlecht, man wei nie wo sein Vieh steckt,
alle Augenblick hat Wolf oder Panther ein Stck und die Schaafe -- na die
wnscht ich, da Du die einmal sehn knntest, wenn sie, die ganze Wolle
eine einzige Klettenmasse, aus dem Walde kommen.

Und nun das Ungeziefer; Holzbcke und Moskitos oder Mcken fressen
Einen bald auf -- die Fliegen sind, besonders in kleinen Waldwiesen
oder Prairieen, in solcher Unmasse vorhanden, ein Pferd frmlich zur
Verzweiflung zu bringen und Wanzen -- nun die Wanze stammt ja aus Amerika,
und es braucht uns also nicht zu wundern, wenn wir sie hier heimisch
finden.

Eines ist es aber noch besonders, was mir das hiesige Bauer- oder
Farmerleben zuwider macht -- die gnzliche Ungeselligkeit und
Abgeschiedenheit. Anstatt die Huser in Drfern beisammen zu haben, liegen
sie alle meilenweit von einander entfernt, im Wald, und wenn Einem wirklich
einmal etwas zustt, so ist auf schleunige Hlfe gar nicht zu hoffen --
mir graust es wirklich, wenn ich an irgend eine Krankheit, die mich oder
die Meinigen betreffen knnte denke, denn der einzige Arzt wohnt sieben
englische Meilen von mir entfernt, und das schlimmste dabei ist, da ich
wnschen mu, er wohnte lieber siebenzig, denn ehe ich mich einem solchen
Quacksalber in die Hnde gebe, der seine Patienten mit Calomel fttert und
hinopfert, sterbe ich lieber sanft an Kamillenthee und Glaubersalz.

Und mit den Leuten ist es erst eine frchterliche Noth; Knechte und
Mgde, was wir darunter verstehn, und wie sie doch zu einer ordentlichen
Wirthschaft unumgnglich nthig sind, kann ich gar nicht bekommen -- die
Leute wollen Alle wie die Herren behandelt sein und gehn und kommen wie
es ihnen am besten gefllt. Auch ihre Ansprche sind unverschmt und
bertrieben -- erstlich unverhltnimigen Lohn, dann dreimal Fleisch den
Tag und Kaffee und Zucker zum Frhstck, wie Thee oder Milch zum Abendbrod;
und das gengt ihnen nicht einmal, wollte ich es ihnen dabei an einem
besondern Tische geben und fr mich mit meiner Familie allein essen, --
thte ich das, ich glaube ich setzte mich den grten Unannehmlichkeiten
aus.

Nein, lieber Vetter, wenn Du meinem Rath folgst, so giebst Du Deinen Pacht
nicht auf, sondern bleibst ruhig in Deutschland -- sind auch die Abgaben
dort wie andere Scherereien ziemlich bedeutend, so schtzen uns doch
auch die Gesetze wieder vor tausend Unannehmlichkeiten, denen wir hier
ausgesetzt sind, und das gesellige Leben wiegt wieder viele Mngel auf --
kann ich meine Farm vortheilhaft verkaufen, so komme ich auf jeden Fall
wieder zurck und bei einem Glase Bier -- o wie ich mich nach einem
ordentlichen guten Krug Lagerbier sehne, -- erzhl ich Dir dann, was ich
hier Alles erlebt, und wie ich so nach und nach und Schritt fr Schritt, in
all meinen schnen Hoffnungen und Plnen enttuscht wurde.

Da das recht bald geschehen mge wnscht, mit seinen herzlichen Gren an
Dich und die lieben Deinigen

    Dein alter Freund und Vetter

      _Christoph Roberger_.

Meine Frau, die Euch mit den Kindern, ebenfalls herzlich gren lt, klagt
eben ber Frsteln und Kopfweh -- die Ngel fangen ihr auch schon an blau
zu werden -- das sind die freundlichen Anzeigen des kalten Fiebers.


Dritter Brief.

      _Nujork_ nich sondern _Kendukki_ wo ich jezd bin.

    _Lber Ludewig!_

Ich bin glicklich hir eingedroffen in Ameriga Dunnerwetter das is en Land
17Dage in eine ford gereit un noch keine Grenze un kein Schandarm un kein
Bas verlangd un kein Schlachbaum gesen un kein Bolizeidiener worum ich Dich
eigendlich bitten wolde weil mir das bei den Bolizeidienern die ich nich
gesen habe einfelld so geh doch einmal zu Lowizki hin Du weist schon --
und sage ihm hir soll er herkommen hir is des Land vor ihm. Woso aber Du
glaubsd dass ich nich de Warheid rede die Khe und Ferde laufen hir frei im
Walde rum un es kann se jeder nehmen wer will un ich bin iberall die Nachd
in die schenstden Betten geschlafen und ob sie mich eine 20Daler Nothe
wexeln kennten wenn ich se morgens fragde sagden se jedesmal nein was mir
sehr leid tat Hurrjeh komm nach Ameriga un 3mal Fleisch un Speck un Kafeh
un Milg und Zuker un saure Gurken un Herr nennen sie Misther wo sie mich
immer Misther Bomeier nennen. Hr glaub ich aug von wegen Komunismuss is
das regde Blatz glaub ich un ich un ein guder Freind wir haben uns den
Mormonen angemagd wie ich sagen wollde wir haben Briderschafd mit sie
gemagd un allens sollen mir teilen haben sie ferschprochen mir teilen un
sie teilen un die anderen teilen un da kommen mir gans gut weg dabei aber
mir missen sie schon mannigmal kleine Freindschafden duhn un Welschkorn
holen in andere Felder und aus Fersehn eine Sau schlagden un kein Schandarm
hat einen nichts zu sagen un is keiner zu sehn. Un vile Aeppel in die
Obstgerten un viele Firsich das eine Bein tut mich noch shr we von ein
groe Hund -- gottvertamte Krete der Hund Aber ich muss nu schlen o
Ludewig wenn Du wistest was se hir vor Gefengnisse haben lauter Holz und
kein Boden drin ob se wol unser einem nu Du verstehest mir wol Aber ich
muss nu schlen un die Bauern die nich teilen wollen haben ire Kornkrib
als wo so ein Welschkornscheune heit im Freien un keine Hunde dabei wie
die vertamte Krete. Aber ich muss nu schlen un wenn Du hirherkomst un
ich wone in das Bortinghaus von Samel Schmit un Du kansd hir aug wohnen
1un34tel Dollar die Woche. Aber ich muss nu schlen un Du kansd lange
gut leben denn Du komsd bald hrher von die Schorken die Dich schnden und
kujjeniren wo es immer geschiht das winscht Dein getreier Bruder

      _Eregott Bomaier_.

Wenn Du meine Frau siest sage ihr sie solte jo nich hirher kommen es were
hir gar nigts vor die Frauen.


Vierter Brief.

      =New York the 20th of March 48.=

    _Theuerer Scharffenstein!_

Du wirst staunen, schon einen Brief von mir zu erhalten, denn Du am besten
kennst wohl meine Schwche in Allem was schreiben heit -- die Hand die
gewhnt ist den Degen zu fhren, schreckt gewhnlich vor der Feder zurck
-- doch ich fhle mich hier zu wohl, zu glcklich, um Dir nicht Theil
an meiner Freude zu gnnen und jeder Tag deshalb, den ich an dieser
Mittheilung verzgerte, schien mir ein Raub an Deiner Liebe.

Du weit aus welchen Grnden ich Deutschland verlie -- was half mir meine
Stellung als Rittmeister -- der Rittmeister verdiente nicht genug den
Grafen standesgem leben zu lassen, und meine Lage wurde drckend. Ich
mu Dir aber dennoch gestehn, da ich mit nicht geringen Befrchtungen den
Amerikanischen Boden betrat -- es war eine _Republik_, und was konnte darin
der arme Graf erwarten -- hoffen? Schon der erste Blick, den ich in die
ungeheuere Stadt New York that, bestrkte mich dabei in diesem Gefhl, und
beengte mir Herz und Geist -- kein Haus ohne ein Geschft in den unteren
Rumen, kein freier Raum zwischen Thren und Fenstern, ohne Schilder,
Anzeigen und riesige Namenszge und Buchstaben. Hier -- das lie sich
nicht verkennen -- herrschte der Krmer, und der Graf konnte nur eine sehr
untergeordnete Rolle spielen.

Oder sollte ich etwa als -- Commis in eines dieser Geschfte treten? --
Dingen und feilschen, wiegen und messen, und mir mit ehrlichem Fleie
einen Platz in der menschlichen Gesellschaft mhsam erringen, da
ich endlich, nach Jahre langer Arbeit -- auf gleicher Stufe mit den
Krmerseelen stnde? -- Bah, der Gedanke war demthigend und odis und
trieb mir die Tropfen auf die Stirn.

Der erste Lichtblick, der mich in diesem Chaos meiner Gefhle traf, war
eine vierspnnige Kutsche mit galonnirtem Kutscher vorne und betreten
Bedienten -- einen Weien und einen Neger, hinten auf -- ja auf dem
Kutschenschlag sogar ein Wappen -- leider konnte ich es nicht erkennen,
denn sie rollte zu rasch an mir vorber. Ich war wirklich erstaunt, _das_
hier in einer der Hauptstdte der Republik zu finden, und Du wirst
mein Erstaunen theilen, wenn ich Dir sage, da ich in Zeit von einer
Viertelstunde fnf oder sechs solche Wappentrger gesehn, doch mit lauter
mir fremden Schilden.

Am nchsten Tag, als ich die Theile der Stadt durchzog, wohin meine
Empfehlungen lauteten, betrat ich die Straen die weniger kaufmnnisch und
schon mehr aristokratisch aussahen. Elegante Gebude mit Marmortreppen,
Mahagonithren und vergoldeten Knpfen -- hie und da der Wollkopf eines
schwarzen Portiers sichtbar. Dennoch betrat ich mit einer Art Beklemmung
die erste Treppe -- der Name John Broadfoot klang gar zu plebejisch und
sein, wie seiner Gattin Anblick, strafte ihn leider nicht Lgen, obgleich
sie Beide von Atlas und Gold strotzten -- ich mute wahrhaftig beim
ersten Eintritt das Lachen verbeien -- Gott sei Dank, da ich nicht
herausplatzte.

Aber pomps eingerichtet waren die Leute, wahrhaft frstlich, und Du weit,
meine Ansprche in der Art sind nicht gering -- nur etwas berladen, zu
viel Gold und lichte Farben, zu wenig Schatten fr die Masse blendender
Strahlen. Von dem Augenblick an begann aber ein neues Leben fr mich! ich
flog aus einer Gesellschaft in die andere; Einladung folgte auf Einladung;
ich wurde fetirt wie an keinem Orte Deutschlands oder Frankreichs und
der deutsche Graf, der =german count=, scheint wirklich das Stadtgesprch
geworden. Beim Himmel, Eugen, ich bin in dieser Republik eher wie ein Gott
als ein Sterblicher behandelt worden, und wenn in Paris, wo, wie ich eben
die Nachricht bekomme, das Knigthum gestrzt sein soll, die Republikaner
ebenfalls so rcksichtsvoll gegen Grafen sind, dann werd' ich knftig in
Paris die Saison und in Amerika meinen Sommer verleben.

Doch lange mag ich nicht mehr der Mittelpunkt aller dieser Feste sein,
ohne nicht bald selbst einmal etwas hnliches zu veranstalten; dieser mir
gezollte Weihrauch macht mich allerdings sehr stolz; ich bin aber auch
wieder zu stolz, unerwiedert dergleichen fortwhrend anzunehmen. Meine
Casse befindet sich freilich in keinen bermig brillanten Umstnden,
soviel aber hlt sie hoffentlich aus, denn ist mir wieder auf eine Zeitlang
hier Bahn gebrochen und rckt der Sommer weiter hinein, nun so ziehe ich in
die benachbarten Stdte Philadelphia, Baltimore, Boston; ein Graf mit einem
so wackeren Namen wie der meine, wird dort berall nicht allein willkommen
geheien, sondern wirklich ersehnt, da es, Gott sei Dank, mit zum guten Ton
gehrt, ihn unter seine =friends= zu zhlen.

Also =good bye=, mein theuerer Scharffenstein, la bald selbst einmal etwas
von Dir hren und sei versichert, da sich stets Deiner in alter Liebe und
Freundschaft erinnern wird, Dein

      _Hugo_,

    Graf von Bllinghausen und Nistadt.

=P.S.= Solltest Du selber noch herber kommen, so nimm auf dem Dampfschiff
um Gotteswillen erste Cajte. Man mu hier, in Amerika selber, allerdings
mit manchem Plebs verkehren, weil sich das nicht gut vermeiden lt, auf
der See aber, und so frisch von der Heimath fort, ist es oft hchst fatal
und widerwrtig.


Fnfter Brief.

      Im Staat _Ohio_ am 3ten Mrz 1848.

    _Liebe Eltern und lieber Bruder!_

Es freut mich Euch sagen zu knnen, da es mir hier gesund und wohl geht.
Ich habe nmlich die Seereise glcklich berstanden und wenn ich auch lange
seekrank war, so bin ich doch jetzt wohl und gesund und es fehlt mir an
meinem Krper gar Nichts. Was aber die Verhltnisse hier anbetrifft, so
thut es mir leid, Euch gar nichts Bestimmtes und nichts Gutes ber mich
schreiben zu knnen, denn es geht mir bis jetzt noch hier herzlich schlecht
-- vielleicht wird's einmal spter besser. Kommt aber ja nicht jetzt
heraus, wie ihr es wolltet, liebe Eltern und lieber Bruder -- es ist Alles
nicht wahr, was uns Siebenhegers im vorigen Jahre geschrieben haben -- und
wenn es wahr ist, so ist es ganz anders, als wie es im Brief aussieht, und
wie man es sich dennoch denken mu. Allerdings kann jeder gleich Meister
werden wer will, und ich bin auch gar nicht faul gewesen wie ich hier
nach Amerika kam. Ich nahm gleich mein Handwerkszeug, miethete mir einen
_Schop_, wie sie's hier nennen und fing mit der Tischlerei an, aber lieber
Gott, arbeiten htt' ich schon gern gewollt, wenn ich nur was zu arbeiten
gehabt htte, und den theueren Miethzins mut ich dabei bezahlen und das
Borting, wie sie hier die Wirthshuser nennen und da wurden die hundert
Thaler, die ihr mir mitgegeben habt, liebe Eltern, immer weniger, bis ich
zuletzt einsah, ich mte endlich verhungern, wenn ich so sitzen bliebe und
wartete auf Arbeit. Da gab ich mein Werkzeug an einen Freund zum Aufheben
und ich selbst nahm den Rest von meinem Geld, 37Dollar und 3Schilling und
ging nach Missuri.

Im Lande nun dacht ich knnt's mir gar nicht fehlen, denn in dem Brief
stand ja, das Vieh liefe hier wild herum und koste beinah gar Nichts, und
das Welschkorn brauchte man nur zu pflanzen, und Alles was man htte knnte
man gleich verkaufen an Butter, Milch, Mais und Wildhute und das Haus
helfen Einem die Nachbarn baun -- das stand alles in dem Brief. Und wie ich
nun hierherkam da hatt ich noch 20Dollar und 75Cent, denn das Reisen hier
ist sehr billig, aber damit konnt ich doch keine Farm kaufen und Arbeit
konnt ich auch nicht kriegen, denn hier brauchen sie lauter Leute, die
recht gut mit der Axt umzugehn wissen, und da wute ich nicht, und mein
Handwerkszeug hatt ich auch in Nujork gelassen und wie ich dorthin schrieb
da sagte der Wirth in dem Bortinghaus dem ich es gegeben hatte, er wte
nichts davon und ich war es los. Fr 4Dollar den Monat und die Kost boten
sie mir in Anfang Arbeit an, aber ich wollte es nicht annehmen weil ich
glaubte es wre zu wenig, und ich verzehrte erst alle meine 20Dollar und
dann nahm ich Arbeit fr 4Dollar, weil ich doch nicht hungern wollte und
ehrlich fortkommen wollte. Und ich bin auch ganz abgerissen an Kleider und
ich frchte mich neue zu kaufen, denn ich mochte nicht gerne Geld borgen.
Ich bin bei Deutschen hier und mu frchterlich arbeiten, aber ich thu es
gern, denn ich verdiene doch wenigstens mein tglich Brod, aber sie sagen
mir, Einer der kein Geld hat, der kann es zu gar nichts bringen und wenn
ich fleiig bin, wollen sie mir in der Erndte 8Dollar geben und ein neues
Hemde. Ich mu auch viel Tischlerarbeit fr sie machen und fr andere
Leute, wofr ich aber das Geld nicht kriege, meine Brodherrschaft
verdient aber nichts dabei, denn die thut es auch sehr billig, mehr aus
Geflligkeit, weil sie auch wieder viel Geflligkeit von den andern Leuten
erhlt.

Das sind nun die schnen Gedanken von 1Dollar den Tag fr Arbeit und immer
mehr zu thun wie Einer thun knnte. Meine Brodherrschaft, die es sehr gut
mit mir meint, sagt ich knnte mir gratuliren, da ich bei ihnen wre, denn
viele Leute laufen brodlos rum. Und da ist auch wahr, ich habe schon
viele gesprochen, die gerade aus Deutschland kommen, und es geht ihnen
sehr schlecht. Neulich war ein Mann bei mir aus Hessen Darmstadt -- der
hat geweint und gesagt seine Familie thte in einer elenden Blockhtte am
kalten Fieber liegen und er htt keinen Groschen um Brod zu kaufen. Der
Mann heit Mlzer und ist auch ein Handwerker, aber ein Bcker und die
Leute backen sich hier alle selber ihr Brod und was anderes konnte er nicht
werden, sagte er, weil er nichts anderes gelernt hat.

Doch adje liebe Eltern und lieber Bruder, vielleicht geht mir's noch einmal
besser hier in Amerika und dann schreib ich Euch wieder, aber jetzt gehts
noch nicht gut und darum grt Euch Euer getreuer Sohn und Bruder

      _Traugott Erdmann_.


Sechster Brief.

      _New York_ den 9ten Mrz 48.

    _Mein herzlieber Carl!_

Versprochener Maen erhltst Du, sobald ich nun hier in dem neuen
herrlichen Lande einmal zu Athem gekommen, augenblicklich Nachricht von
mir, und zwar Nachricht, nicht wie es hier im Lande selber steht, denn
davon wei ich noch zu wenig, sondern ber das besonders, was ich hier thue
und treibe.

Ich bin beinah alle Tage auf der Jagd gewesen, doch die Jagd um New York
selbst herum, ist hchst unbedeutend -- eine kleine Rohrdommel und zwei
Moschusratten bilden den betrchtlichsten Theil meiner Beute, und das
klingt Dir wahrscheinlich sonderbar, wenn Du Dich an unsere Gesprche ber
Bren, Bffel, Elens, Riesenhirsche und Panther erinnerst. Doch Du mut
bedenken, die Jagd ist hier frei, jedes Kind kann mit seiner Flinte
hinausgehn und schieen, und da da um eine Stadt wie New York, die, glaub'
ich, 400,000 Einwohner hat, kein groes ebares Wild mehr zu finden ist,
liegt allenfalls auf der Hand.

Gestern traf ich aber glcklicher Weise einen alten Jger aus Indiana, das
viele hundert Meilen westlich von hier liegt; der erzhlte mir, zuflliger
Weise wie das Gesprch gerade kam, von dem Wild in seiner Gegend, das
mu fabelhaft sein. Mir zugeschworen hat er's, da er die Bren manchmal,
besonders in kalten mondhellen Nchten, aus seinem Kchenfenster schiet,
und Hirsche erlegt er nur, wenn er Fleisch fr die Hunde braucht. Denke Dir
wie sich das glcklich trifft, der Mann hatte zufllig, und ich merkte es
gleich, er wollte im Anfang nicht mit der Sprache heraus, eine kleine Farm,
ein sogenanntes =improvement= von ein paar Ackern urbargemachten Landes
zu verkaufen, auf dem ein kleines Wohnhaus und eine Rucherkammer und
Maisscheune steht. Und weit Du was das ganze kosten soll? -- Du riethst
es wahrlich nicht und gingst Du noch so tief hinunter -- denke Dir,
250Dollar; -- vier bis fnf Acker urbar gemachtes Land mit den dazu
gehrigen Gebuden fr 250Dollar! es ist fabelhaft.

Ich scheute mich wahrhaftig im Anfang ja zu sagen, denn es war
augenscheinlich, der Mann kam gerade mitten aus dem Walde in die Stadt und
kannte den Werth seines Besitzthums gar nicht, denn fr 250Dollar schie
ich ja allein in der Gegend an Wild heraus, Brenfett, Honig und Wachs,
was Alles hier in New York einen ganz guten Preis hat, gar nicht gerechnet.
Leider sind keine Indianer mehr in der Gegend, doch versicherte mir mein
Backwoodsman, das sei nur ein sehr groer Vortheil fr den Wildstand, dem
die Indianer, wenn sich viele in der Nachbarschaft aufhielten, gewaltigen
Abbruch thten.

Gestern Mittag wurden wir denn handelseinig; d.h. ich schlo den Handel
nach seinen eigenen Bedingungen mit ihm ab, weil ich Furcht hatte es knnte
mir sonst ein Andern zuvorkommen. Hol's der Henker, wenn der Mann etwas
verkaufen will, so mu er auch wissen, was er dafr fordern kann -- er ist
alt genug und braucht keinen Vormund. Uebrigens habe ich ihm auch noch drei
Khe, die auf dem Platz sind, fr den allerdings im Verhltni jener wilden
Gegend etwas hohen Preis von 12Dollar =per= Stck abgenommen, auch eine
Heerde Schweine von 19Stck mit 3Dollar =per= Kopf. So bin ich denn auf
einmal ein Amerikanischer Farmer geworden und will in nchster Woche nach
meinem neuen Besitzthum aufbrechen; wollte Gott Du wrst jetzt hier und wir
knnten zusammen dorthin ziehn, ich kann Dir gar nicht sagen wie ich mich
darauf freue.

Nur das eine ist mir unangenehm, da der alte Jger nicht mit mir zu seinem
frheren Wohnort zurckkehren kann, um mich dort gewissermaen einzufhren;
er will aber von hier direkt nach Texas, um von dort aus nach New Mexico
berzusiedeln und als Pionier den Kern jener Macht mit bilden zu helfen,
die spter als neuer Staat der Union von Nordamerika ein neues Glied jener
herrlichen Kette werden wird, die in kaum einem halben Jahrhundert den
ganzen Continent von Amerika umspannen mu. In Texas soll es auch viel Wild
geben, lange aber nicht so viel, meines Backwoodsmans Aussage nach, als in
Indiana.

Besonders malerisch hat er mir die Truthahnjagd und die Panterhetzen
geschildert und das einzige was er gegen das Land dort einzuwenden hat,
wre -- denn er sagte mir, er hielte es fr seine Pflicht darin aufrichtig
gegen mich zu sein -- da eben Panther, Bren und Wlfe einen ordentlichen
Viehstand schwer aufkommen lieen; besonders bsartig sollten die Bren
hinter den Schweinen her sein, ja nicht selten sogar in das Maisfeld selber
brechen und darin betrchtlichen Schaden anrichten. -- Und das sollte
mich von dem Lande abschrecken, Carl -- ich gebe Dir mein Wort, ich mute
ordentlich an mich halten, da ich nicht laut aufjubelte vor lauter Freude.
-- Bren im eigenen Maisfeld; na wartet, meine schwarzen Burschen, ich will
Euch das Mahl mit meiner treuen Bchse gesegnen -- zwanzig Kugeln auf's
Pfund, die machen ein Loch wo sie hinkommen.

Um brigens den alten Jger wenigstens in etwas dafr zu entschdigen, da
er so billig verkauft, und mir zugleich die Bahn zu dem Ziel meiner Wnsche
gezeigt und geebnet hat, bin ich heute morgen, als ich ihm sein Geld
ausgezahlt hatte, durch die Stadt gegangen und habe ihm dort noch eine
prchtige lange Bchse, die ihm sehr in die Augen zu stechen schien und die
allerdings 60Dollar kostete, gekauft. Du httest sehn sollen, wie mich der
anschaute, erst griff er voller Eifer darnach, und dann besann er sich eine
Weile, schttelte mir die Hand, und wollte sie meiner Seele nicht annehmen,
wie ich aber endlich ganz fest darauf bestand, ja zuletzt sogar schwur, ich
wrde sie, wenn er sie zurckweise, dem ersten besten Menschen geben, der
uns auf der Strae begegnete, da warf er sie sich ber die Schulter
und pfiff vor Freude die ganze Strae hinunter. Es ist ein kostbarer
Menschenschlag, der Amerikanische.

So lebe denn fr jetzt wohl, mein Carl, denn die Vorbereitungen zu meiner
Reise nehmen fr den Augenblick meine ganze Zeit in Anspruch; ich will
nmlich, wenn ich es noch mglich machen kann, schon morgen nach meinem
kleinen Besitzthum aufbrechen, um gleich Jemanden zu besorgen, der es
mir dieses Jahr noch ackern und mit Mais bepflanzen kann. Sowie ich dort
eingerichtet bin, hrst Du sogleich wieder von mir, und des ersten Bffels
Haut, den ich eigenhndig erlege, soll unter Deinem Schreibtisch als
Fudecke prangen.

Bis dahin aber grt und kt Dich herzlich Dein

    jetzt wahrhaft glcklicher

      _Fritz Sternberg_.


Siebenter Brief.

      Filadelphia de 10.Mrz 1848.

    _Guter Edde und allerbeste Mmme._

Gottes Wunder was hob ich vor ane Raise gemocht hierher in de gewaltige
Stadt von die Qukers; lauter Wasser und immer Wasser -- will ich nich
gesund auf meine Fie stehn, wenn ich nit glaub' grad dorum nenne se
den grauen Ocean das Mehr, wails nimmer weniger werd. Und das Bischen
Seekrankheit unterwegs -- wai geschrien Mmme -- s'wor schauerlich. Speck
hawe mer esse dirfe, der Rabbiner hets uns ber die See erlaubt, weil mer
de Schiffskost nu emol net kauscher kriege konnt -- aber Gottes Wunder was
hots uns geholfe? wie hob ich mich uf den Speck gefrait und will ich nich
gesund auf meine Fie stehn, wenn ich en nachher auch nur ansehn kunnt --
gleich wurde mer schlecht.

Ihr wollt wisse was Seekrankheit is? Gottes Wunder -- wie heit
Seekrankheit -- nehmt a gute' Handvoll Brechwainstein, und wenns Eich denn
recht schlecht, recht eklich werd, main, dann setzt Eich in 'ne Schaukel
un lat den Itzig schaukle un immer schaukle un je schlechter Eich werd, je
hher schaukle von den Itzig -- dos is Seekrankheit, und wollt ers nachher
noch ganz akkerat wisse, dann bleibt in de Schaukel sitze und trinkt 
Bissle worm Salzwasser mit Butter nein -- Gott der Gerechte wer kann do an
Speck denke.

Un das Land? -- wai geschrien wos is des vor e Land -- wie hait Amerika?
htt ich doch mein Lebtag nicht gesehn Amerika -- is dos auch  Nome fir
des Land? -- Terkei sillts heie oder Kosakeland aber nich Amerika. Was hob
ich profitirt sait ich hier bin -- frogt mich emol was ich profitirt habe?
-- gor nix hab ich profitirt un noch weniger. Quker, haits, wren lauter
in Filadelphia -- ich hob noch nix quken gehrt; will ich nich gesund auf
meine Fie stehn, wenn nich mehr Jdden hier sin wie Quker -- un da soll a
Jdd was profitiren? -- lcherlich.

Rumgelaufe bin ich mit en klainen Kerbche von Haus zu Haus und wos fir
schaine Sachen hob ich Alles gehabt: Kemmcher, Stecknodeln, Hosentrger,
Band, Litzen, Zwirn, Fingerhit, Saifen, Haarl, Stohlfedern und was wai
ich Alles -- es is ordentlich a Wunder gewese, wies Alles in dem klainen
Kerbche hat Platz gehatt -- und was fir Geschftcher hab ich gemacht? --
wie hait Geschftcher -- in de klaine Haiser bin ich gewesen, sahen se
alle meine Sachen -- will ich nich gesund auf meine Fie stehn, von vorn
bis hinten an, un wenn se sulten kaufen, hatten sie kain Geld -- un in de
grauen Haiser? -- geh der Edde mol in die grauen Haiser in Filadelphia --
Gott der Gerechte, mit schwarze Mohren haben se mich 'naus geschmissen.

Das sin de Geschftcher in der Stadt, un in's Land draue? -- geh der Edde
wol in's Land draue? im Wald wimmelts von wilde Katzen un Panthers un
Bren, un Gott der Gerechte, was sin mit Bren fr Geschftcher ze machen?
ich geh _net_ in's Land werd ich mich fressen lassen. Un wer kennt Einen
hier? -- wer soll dem Veitel Credit geben? kan Mensch -- der Veitel is hier
gor nix -- Gott der Gerechte, wr' ich in Bamberg gebliebe, un htt' ichs
Geld -- will ich nich gesund auf meine Fie stehn, wenn ich nich den Brief
selber brcht.

Gott behits Mmme un Edde, wenn ich mit die zwai Ducatcher die ich noch
aingenht uffm Magen trag in vier Woche nich verhungert bin, schreib ich
Eich noch e Mol wie mers geht -- grit mer de Rachel -- soll se froh sein
da se is in Bamberg, un dasselbe winscht sich

      Eier lieber Sohn _Veitel_.




Zweiter Theil.


Erster Brief.

      _Cincinnati_, den 16.August 48.

    _Lieber Theodor!_

Sei nicht bse, da ich Dir so lange nicht geschrieben habe, aber, es ist
hier ein gar so geschftiges Leben, und ich selbst bin in so eigenthmliche
Verhltnisse hineingerathen, da ich selbst kaum wei, wie ich Dir das
Alles mit kurzen Worten schildern soll. Auch bei Euch daheim sind, wie ich
hre, indessen groe Vernderungen vorgegangen; nun, seid nur vorsichtig in
der Grndung einer Republik und nehmt Euch Amerika zum Muster -- d.h. wie
Ihr Vieles _nicht_ machen sollt.

Htt' ich gewut, da sich Alles bei Euch so rasch gestalten wrde, so
wr' ich doch lieber noch in Deutschland geblieben -- Amerika hat viel
vortreffliche Seiten, aber -- es ist doch die Heimath nicht. Die Gesetze
sind allerdings ausgezeichnet -- die Amerikanische Constitution knnte
jedem Lande der Welt zum Vorbild dienen und sein Glck sichern -- aber sie
sollte auch in jeder Beziehung nicht dem Wortlaut, sondern dem Sinn nach
ausgefhrt werden, wie es sich jene edlen Mnner bei dem Entwurf derselben
gedacht haben. Die Gesetze allein knnen aber ein Land nicht glcklich
machen, wenn die Regierung nicht auch die Macht hat sie auszuben, und
ihnen Achtung zu verschaffen. Das Lynchgesetz giebt davon ein trauriges
Beispiel, wo das Volk mit den Personen, die seiner Rache einmal, ob gerecht
oder ungerecht, verfallen sind, angiebt was es ihm beliebt.

Der Amerikaner mag aber noch angehn hier, er ist zwar kalt und
theilnahmlos, eine schndliche Geldaristokratie lt Einen manchmal
wahrhaftig ordentlich den Adel des alten Landes herbeiwnschen, und ewig
auf kaufmnnische List -- ja oft auf wirkliche Betrgereien sinnend,
versteckt er das hinter der Maske ekelhafter Bigotterie; doch ist er
wirklich mit Leib und Seele Republikaner, seine Constitution geht ihm ber
Alles, und er wrde fr ihre Vertheidigung und Aufrechthaltung Leib und
Leben einsetzen. Aber widerlich wurden mir hier die _Deutschen_, und
ich mu leider gestehn, ich begreife unter dem Namen die groe Mehrzahl
derselben, die hier in die Republik hineingeschneit sind, sie wissen selbst
nicht wie, und jetzt, zur Schmach und Schande ihrer Nation, den Partheien
zum Spielball dienen. Es ist wahr, die meisten sind Demokraten, aber frag'
sie warum? -- sie wissen es nicht; unklar mit sich ber die einfachen
politischen Fragen des Landes, in dem sie leben, gehen sie mit dem Strom,
und werden nicht selten in Masse von ein oder der anderen Parthei frmlich
bergekauft. An eine knechtische Existenz in Deutschland dabei gewhnt,
sind sie im Anfang kriechend hflich gegen besser gekleidete, und lernen
sie erst erkennen, da sich hier Alle Menschen gleich sein sollen, so
werden sie gegen Alle, die sie sich an Geist oder Vermgen berlegen
glauben, grob und ungezogen, um ihnen nur ja zu beweisen, da sie ihr Recht
kennen, sich in Amerika eben so viel zu dnken, wie jeder Andere.

Theodor, Theodor, mir bangt, wenn ich in hiesigen Blttern von Euerem
Streben in Deutschland nach Republik lese, und dann Exemplare der Leute
hier um mich sehe, mit denen Ihr dort, in der ungeheueren Mehrzahl eine
Republik grnden mtet -- es sind Elemente, trefflich geeignet zum
Zerstren, zum Ansturm gegen einen hartnckigen feindlichen Widerstand,
aber zum Aufbau untchtig, ja gefhrlich. Ich habe in Illinois einen
Prairiebrand gesehen, der nicht allein das trockene Gras verzehrte, das er
verzehren sollte, sondern auch noch in unzhmbarer Wuth Fenzen, Farmhuser,
Scheunen und ganze Waldstrecken zerstrte und in Asche legte, und der
Strecke, der er ntzen sollte, unendlichen Schaden brachte. Es war das in
einer Zeit, wo ich noch keine Nachricht ber Euere deutschen Bewegungen
hatte, und doch zuckte mir, wunderbarer Weise bei dem Brande der Gedanke an
eine deutsche Republik durch die Seele.

Willst Du brigens wissen, was der Amerikaner von den deutschen
Republikanern hlt, die in ihren deutschen Blttern hier immer von
Freiheit und Selbststndigkeit, von deutscher Treue und Hochherzigkeit
prahlen? -- er braucht ihren Namen als Schimpfwort, und besonders ist das
hier in Cincinnati, wo es viele Tausende von ihnen giebt, der Fall. Das
Wort =dutchman= was Deutscher heien soll, obgleich es ursprnglich einen
Hollnder bezeichnet, dient zum wirklichen Schimpfwort -- =you shall call
me a dutchman= Du sollst mich einen Deutschen nennen -- ist die emprende
Versicherung, die ich hier nur zu oft hren mute =he fights like a
dutchman= wird von Einem gesagt, der bei einer Aussicht auf Kampf die
Flucht ergreift, und sich nur schlgt, wenn er in einer Ecke eingeklemmt
ist. =Black dutch= ist ein Schimpfwort, das den Deutschen mit der
verachtetsten Race, mit dem Neger, in eine Kategorie wirft. Doch genug
davon, wenn ich sehe, wie meine Landsleute in dem Lande der Freiheit
verachtet sind, verachtet von Republikanern doch--

  wollt' ich sie alle zusammenschmeien
  ich knnt' sie doch nicht -- Lgner heien.

Zrne mir nicht, wenn meine Worte vielleicht etwas bitter klingen; mir
ist's nicht gut gegangen seit ich dies Land betreten, und ich habe
in mancher Hinsicht Unglck gehabt. Gleich im Anfang betrog mich ein
Amerikaner, der mich anscheinend ganz freundschaftlich und uneigenntzig
aufnahm, um Alles, was ich besa, indem er mich zum Kauf eines ganz
werthlosen Gutes verleitete, auf das er noch nicht einmal gegrndete
Ansprche hatte; ich fiel einem Advokaten in die Hnde und sah mich
nach wenigen Monaten arm wie eine Kirchenmaus in dem fremden Lande.
Der englischen Sprache vollkommen mchtig, wollte ich mich dann mit
literarischen Arbeiten beschftigen. -- Deutsche wie Amerikanische
Zeitungen erwiesen sich auch gleich bereitwillig, meine Artikel
abzudrucken, aber -- an Honorar war nicht zu denken.

Als Advokat aufzutreten, wagte ich nicht -- bei der Oeffentlichkeit und
Mndlichkeit des Gerichtsverfahrens glaubte ich nicht der Aussprache und
Rede so mchtig zu sein, einigermaen mein Glck zu machen -- wohl rieth
man mir dagegen nur dreist und geradezu in der Medicin zu prakticiren, doch
dazu besa ich, bei meinen mittelmigen Fhigkeiten nicht Frechheit
genug -- was blieb mir brig? -- Handarbeit. Aber auch darin zeigten sich
anscheinend unberwindliche Schwierigkeiten -- die meiste Arbeit, die hier
verlangt wird, ist mit der Axt -- mein Arm war darin ungebt -- was anders
sollte ich ergreifen? so wurde ich denn -- Du lchelst sicherlich wenn
Du die Zeilen liest -- Feuermann oder Heizer auf einem der
Mississippi-Dampfboote.

Erla mir die Beschreibung dessen, was ich darauf erlitten, mit schmutzigen
Negern mute ich fast unmittelbar Mahl und Lager theilen, der rauhen
Behandlung der Ingenieure ausgesetzt, auf die Willkhr des Capitns
angewiesen, der uns in New Orleans, eine halbe Stunde vorher ehe er abfuhr
in kaum halbwerthigen Banknoten den sauer verdienten Lohn auszahlte.--

Ich ging allerdings wieder auf ein anderes Boot, wurde aber krank und liege
nun jetzt hier in Cincinnati in einem erbrmlichen deutschen Boardinghause.
Komm ich wieder zu Krften, seh ich mich nach neuer Arbeit um, jedenfalls
aber schreib mir recht bald, mein theuerer Theodor -- Du glaubst nicht, wie
ich mich nach einem Brief aus der theueren Heimath sehne. Es grt und kt
Dich tausendmal Dein

      _Carl_ von _Horneck_.

=P.S.= Eben wie ich schreibe, entsteht unten auf der Strae ein Scandal
-- die liebe Jugend hatte in tollem Muthwillen Stroh und Heu mitten in
=Sycamore street= aufgehuft und angebrannt, so da aus den entfernteren
Theilen der Stadt schon die Spritzen herbeikamen. Nein, was diese
Amerikanische Jugend fr eine Brut ist, davon kann sich, wei es Gott, kein
Auslnder einen Begriff machen.


Zweiter Brief.

      Aus dem Staat _Wisconsin_ am 14.August 1848.

    _Lieber Vetter!_

Als ich Dir vor so und so viel Monaten vom Staat New York aus schrieb, da
war mir's recht hlich und trb zu Sinn -- Alles ging contrair, Alles war
anders wie ich es mir gedacht, Alles anders wie ich es bis dahin gewohnt
gewesen, und die ganze Welt sah mir deshalb schwarz und dster aus. Es ist
auch wirklich gar ein bses Ding um die lockenden Beschreibungen, die uns
alles mit berbunten Farben ausmalen; die Einbildungskraft thut dann
auch noch das ihrige, und findet man nachher nicht wirklich auch jede
Kleinigkeit wie man sie sich gedacht, so wird man mrrisch und fngt ohne
weiteres an, am hellen Tage Gespenster zu sehn.

So war ich z.B. in Deutschland bequeme warme Huser gewhnt, und fand
hier, im Verhltni zu denen elende Htten, dachte aber nicht daran, da
das ja jedes eigne Schuld ist, wer sich sein Haus nicht so wohnlich und
behaglich einrichtet wie es ihm gefllt. Auch die Viehzucht stand mir nicht
an; ja, da war mir vorerzhlt, man brauche eine Sau nur in den Wald zu
lassen und nach der gehrigen Zeit kme sie mit zehn, elf Ferkeln wieder
zu Hause und die Ferkel kriegten wieder Ferkel und so fort, bis unabsehbare
Heerden daraus wrden. Ja lieber Gott, so bequem ist die Viehzucht
nicht, aber sie bietet im Verhltni zu Deutschland doch ungeheuere
Erleichterungen, und wer da nur mit einigermaen gemigten Ansprchen
herkommt, mu sie befriedigt finden.

Auch der Ackerbau ist den hiesigen Bedrfnissen vollkommen entsprechend,
und die Cultur steigt, wie diese sich vermehren. Mit den wilden Thieren
ists dabei eben nicht so arg, _der_ Schaden den _die_ thun, kann man
ertragen und die Insekten, nun ja, das _ist_ verwnschtes Zeug, und ich
wollte der Bse holte den Schwarm und verwendete sie vielleicht auf irgend
eine zweckmige Art im Fegefeuer -- aber -- es lt sich eben ertragen --
vollkommen ist kein Land.

Doch, Du willst in Deinem letzten Briefe wissen wie es mir geht und
scheinst schon das Schlimmste zu frchten -- ich habe Dir durch mein
Schreiben vielleicht Ursache dazu gegeben -- doch sei nicht ngstlich, es
ist nicht so gefhrlich. -- Im Staat Wisconsin, in der Nhe von Milwaudie
habe ich mir, fr einen nach deutschem Maasstab ungemein billigen Preis,
eine recht hbsche Farm gekauft; auch den Keim zu einer heranwachsenden
Viehzucht hab' ich gelegt, und Stlle gebaut, in denen meine Heerden im
Winter Schutz gegen die Klte finden. Die wild im Wald herumlaufenden
Schweine machen dem Farmer allerdings oft viel Noth, wenn er nicht einen
groen Theil derselben einben will, doch mit ein wenig Flei lt sich
das Alles beseitigen, und meine deutschen Nachbarn versichern mich, sie
kmen recht gut damit zu Stande. Auch das Ackern, ber das ich mich im
Anfange der vielen Wurzeln und Stmpfe wegen, so rgerte, geht jetzt recht
gut -- man mu sich nur erst hineinfinden und nachher sieht man stets, da
eines jeden Landes Gerthschaften, Sitten und Kleider auch den Bedrfnissen
und Eigenthmlichkeiten desselben am besten angepat sind und entsprechen.
Fr die schwere Arbeit des Urbarmachens der Waldstrecken und des Bischens
Unbequemlichkeit beim Pflgen, entschdigt reichlich das herrliche
fruchtbare Land ---- wahrhaftig es wre Verschwendung, wenn man das dngen
wollte, und ich werde mich nicht auslachen lassen.

Allerdings ist das Leben hier nicht so gesellig wie in Deutschland, doch
habe ich vortreffliche Nachbarn, und da kommen wir mit unseren Familien oft
zusammen und sind dann stets recht vergngt; und selbst das Verhltni der
Dienstleute, was mir im Anfang gar nicht behagen wollte, leuchtet mir jetzt
als ganz vortrefflich ein. Die Leute werden von ihren Arbeitsgebern
(nicht Arbeits_herrn_, denn das Wort Master wird in dem Sinn nur von
Sklavenhaltern gebraucht) eben so behandelt, als ob sie mit zur Familie
gehrten und mssen dehalb auch ihren freien Willen haben, aber nur so ist
es auch mglich eine wirklich freie Generation zu erziehn, Republikaner zu
bilden.

Der Arbeits_geber_ wird dehalb nicht im mindesten von ihnen geknechtet,
wie ich das im Anfang glaubte, sie verschwren sich nicht zu einem festen
Preis um den sie arbeiten wollen und sen dadurch Ha und Zwietracht, Gott
bewahre, unabhngig in all ihren Bewegungen und ihrer Freiheit sich bewut,
gnnen sie die auch jedem anderen und Zeit und Umstnden berlassen sie
Lohn und Verdienst. Haben sie sich dann ein kleines Capital verdient, so
beginnen sie meistens selbst und die Leute die sie dann miethen, werden
wieder ebenso behandelt, als ob sie noch zusammen in einer Arbeit stnden.

Sieh, Alterchen, ich will Dich nicht etwa berreden hierher zu kommen,
wenn Du aber keine zu groen Ansprche machst, und die Verhltnisse in
Deutschland wirklich so fatal werden wie Du schreibst -- ei dann glaub ich,
kmmst Du auch hier durch, und wrdest Dich am Ende recht wohl fhlen.

Es ist jetzt hier eine kleine Farm mit guten Steingebuden, zehn Acker
urbarem und 310Acker Holz- und Prairieland, und einem recht hbschen
Anfang zur Viehzucht, mit 3000 Dollar verkauft worden, und es sind
billigere wie theuerere Farmen immer zu haben. Die Gebude darfst Du Dir
aber nicht etwa gro und prachtvoll denken; sie entsprechen nur einfachen
Bedrfnissen, doch sind sie wohnlich errichtet. Wir haben jetzt auch eine
Brauerei hier in der Nhe und stellen ein vortreffliches Bier her.

Meine kleine Familie lt Euch alle in der Heimath herzlich gren -- wir
hatten und haben noch von Krankheit manches zu dulden, denn die Fieber, die
in dem neu urbar gemachten Boden ihren Ursprung finden, mssen im Norden
wie im Sden ertragen werden. Doch geht es jetzt, trotz der ziemlich
starken Hitze etwas besser, und die Nachbarn, Amerikaner wie Deutsche, sind
wirklich so theilnehmend, als man es nur wnschen kann. So wenig mir der
Amerikaner in den Stdten gefallen hat, so sehr hat mich sein Charakter
mit ihm im Lande selber ausgeshnt; die Backwoodsmen Amerikas sind wirklich
eine prchtige Menschenrace.

Doch ich komme wieder in's Schwatzen und die Kinder qulen mich, ich soll
mit ihnen in's Holz gehn und wilde Weintrauben holen. Also leb wohl, mein
lieber guter Vetter -- nimm nochmals die schnsten Gre und behalte lieb

    Deinen

    getreuen Vetter

      _Christoph Roberger_.

Entschliet Du Dich noch dazu hier herber zu kommen, so la es mich nur
recht bald wissen, und ich werde Dir und den Deinen schon ein freundliches
Pltzchen herrichten.


Dritter Brief.

    _Lber Ludewig_

Sondern nach Teksas haben se mich jezt kujenirt un nich mehr in Kendukki
Hurrjeh is das vor ein Land das Ameriga wenn ich nur erscht wieder raus
were gesund Die Leite hengen se hr wie gar nix un se bigen man blos einen
Baum krum und hengen se dran wie bei uns de Maulwirfe. Vor das eine Ferd
konnt ich gar nix un wenn ich mir aus Fersehn drauf sezte un fort ritt so
war es nur Unglick das ich den Eigendimer gleich in die Strae begegnen
musste un _die_ Haue, hurrjeh wenn man einmal fort is soll man aug fort
sein die vertammten Intianer suchen einem Menschen seine Futappen nach wer
weis wie weit un alles wegen lausiche 20Dollars und ein baar Stiebeln. Un
mit di Mormonen na di sollen mich wider kommen na aber hr kommen se nich
her -- was kans Du denn davor wenn se dir sagen das is mein Land hol mich
einmal 1Arm voll Korn un mach 1Schwein dot? Un denn vor en 1faches
Fersehen will mann Einen nich gleich ufhengen wie en Maulwurf un wie ich
here soll es bei eich in Deitschland jezt regd hibsch sein o wenn ich doch
Geld hette un hiniber kennte hir felts keinen ein das teilen un doch
sagen se alle Menschen weren gleich die sin aug grade so wie bei uns de
Arisdograden hole si alle der Deibel. Was ich habe das gehert aug mein
Nagbar dass is mein Grundsaz un danag handel ich aber hir lasse se kein
Menschen seine Grundseze ungeschoren, wenn alles was ich habe mein Nagbar
gehert so gehert alles was mein Nachbar gehert aug mein dass is doch klar
aber gottbeware aufbacken bnden un vor Gercht schleppen is hr eins un in
Anfang wollte se kurtsen Brozess mit mr machen un alle fassden mit an. Was
hlft mich denn dass das keine Bolizeidiner un Schandarmen nich da sin wenn
jeder en Bolizeidiner spilen will es war ein Glick dass se mich noch den
Scherif hir lien -- denn Scherif nennen se di Oberschandarmen wo ich nur
erst geglaubt habe es weren keine da weil se nich 3eckige Hite aufhaben wi
bei uns; nimand hatte mich nich gesehn un da lien se mich schweren hurrjeh
war das en Glick un aug freie Pasasche haben se mich auf en Damfbot gegeben
nach Teksas -- so, mich kriegen se nich wider nach Kendukki. Lber Ludewig
wenn Du in Deitschland wo es jezt regd hibsch sein soll was eribrigsd un
wenn ihr ans teilen komd so thu mich doch den gefallen un schicke mein teil
heriber das ich auch nach Deitschland kann wo es jezt so hibsch sein soll
un meine Frau sage sie megde mir doch 5Daler schicken oder noch mer wenn
sie kennte denn es ginge mir hir shr schlegd un ich hette sie shr lieb
must du ihr sagen aber ich muss nu schlen. so lebe regd wol un gesund un
besser wie ich denn ich habe das Fber un das schitteld mich shr un dieses
winscht dein getreier Bruder

      _Eregott Bomaier_

vergis ja nich mir mein teil zu schiken womit du mir ein groen gefallen
duhn wirst es soll dein schaden nich sein wenn ich nach Deitschland wider
komme un meine Frau die 5Daler.


Vierter Brief.

    _Theuerer Scharffenstein._

Nur mit wenig Worten mchte ich eine Bitte an Dich richten. Du weit, da
ich auer Dir in ganz Deutschland nur einen einzigen Menschen habe, von
dem ich hoffen knnte, eine Geflligkeit erzeigt zu erhalten -- es ist dies
mein Oheim in Sondershausen -- gehe zu ihm und gieb ihm die einliegende
Zeichnung -- so sieht der Nachkomme jenes hochgrflichen Hauses, dessen
Vorvter zu den stolzesten Geschlechtern des deutschen Kaiserreiches
gehrten, aus -- er wird mich nicht lange in dem Zustand lassen wollen.

Ich bin Feuermann auf einem Dampfboot -- Du staunst? ja wahrlich, Du hast
Ursache dazu, doch la mich Dir nicht lange mein ganzes Elend vorerzhlen
-- ich mte es noch einmal durchleben und, Gott wei es, ich habe keine
Freude an der Erinnerung.

In meinem letzten Briefe schrieb ich Dir, da ich selbst gesonnen sei
ein groes Fest in New-York zu geben, um damit die vielen empfangenen
Freundlichkeiten zu erwiedern. Ich besa noch eine Summe die, wie ich Grund
hatte zu hoffen, nicht allein vollkommen hierzu ausreichen, sondern mir
auch noch ein kleines Capital zurcklassen wrde, mit dem ich -- aber was
ntzt es, Dir die Plne zu erzhlen die ich hatte. -- Whrend dem Feste
selbst brach irgend ein Schuft -- wahrscheinlich Einer meiner sogenannten
Freunde -- bei mir ein, stahl mir Alles, selbst das letzte was ich an
baarem Gelde in meiner Brse auf dem Tisch vergessen hatte, und als ich am
nchsten Morgen -- Tod und Pest, ich _will_ den Gedanken nicht noch einmal
zurckdenken, vielweniger schreiben.

Irgend ein boshafter Mensch, vielleicht der Dieb selber, hatte indessen das
wahnsinnige Gercht zu verbreiten gewut, ich sei nicht allein gar nicht
von Adel, sondern auch noch von unehrlicher Geburt, kurz es traf Alles
zusammen mich frmlich in den Staub zu treten. Meine Erzhlung des
Raubes wurde mir jetzt nicht einmal geglaubt und Mr. Broadfoot, der reich
gewordene Krmers- oder Schneiderssohn, kam am zweiten Morgen zu mir, that
entsetzlich vornehm und bot mir zwanzig Dollar an, damit ich nur -- ich
wollte Du knntest die Zornesthrne sehn, die mir jetzt zwischen den
Wimpern hngt -- recht bald New-York verlassen knnte. Ich warf ihn die
Treppe hinunter.

Ich berlie den Anordnern meines Festes meine smmtliche Garderobe und
Wsche und Alles was ich mein nannte und behielt nur die vier goldenen
Spielmarken, die ich zufllig an dem Morgen in meine Westentasche gesteckt.

Verlange nicht das demthigende meiner Reise ins Innere zu hren -- der
Amerikaner des Westens staunt wohl, wenn er einen wirklichen lebendigen
Grafen zu sehen bekommt, aber -- er staunt eben nur und kmmert sich nicht
weiter um ihn -- das Volk ist selbst noch zu neu, zu erst erschaffen,
um auch nur mglicher Weise Sinn fr das Alterthum, und die Vorrechte
desselben zu haben. Das wird spter wohl auch kommen, aber was ntzt das
mir -- ich erlebe es nicht.

Ich will Dich nicht mit den Einzelnheiten meines Geschicks oder besser
gesagt meines Migeschicks langweilen, es trieb mich zuletzt auf ein
Dampfschiff und drckte mir die Schrstange in die Hand -- ja wre noch
Krieg gewesen -- aber nein, ein ehrlicher Soldatentod wird mir versagt
und ich mu jetzt hier, um wenigstens noch auf ehrliche Weise mein Brod zu
verdienen, die elendesten Sklavendienste thun.

Mein Oheim wird Dir eine kleine Summe fr mich einhndigen, die wenigstens
ausreicht mich anstndig zu equipiren und meine Reise nach Mexico zu
bestreiten; ich will dort in mexicanische Dienste treten, mchte das aber
nicht eher, als ich dort meinem Range angemessen erscheinen kann.

Wren Euere Verhltnisse jetzt nicht so traurig in Deutschland, so kehrte
ich augenblicklich zurck, was aber ist gegenwrtig dort fr einen Mann von
meinem Stande zu hoffen? -- nein, da lieber noch _hier_ die Schrstange, wo
mich Niemand kennt.

Schreibe mir recht bald, ich erwarte in heier Sehnsucht die Rettung aus
diesem traurigen Zustand.

    Dein

      _Hugo_.

=P.S.= Meine Adresse ist -- =Mr. Hugo -- care of Bridle & Smith Nro.8
Tchapitoulas street New Orleans. U.S.=

Einen Leidensgefhrten habe ich auf unserem Boot getroffen -- ebenfalls
einen deutschen Edelmann Namens v.Horneck, doch verschweige ich ihm
meinen Namen und halte mich berhaupt von ihm entfernt -- ich theile seine
Ansichten nicht.


Fnfter Brief.

      Staat _Indiana_ am 1.August 1848.

    _Liebe Eltern und lieber Bruder._

Es freut mich recht herzlich Euch diemal einen besseren Brief schreiben zu
knnen, denn es geht mir lange nicht mehr so schlecht als damals, wie ich
den letzten Brief an Euch schrieb. Soviel habe ich allerdings eingesehen,
da die vielen gewaltig schnen Beschreibungen von Amerika, die uns zu
Hause das Maul wssrig gemacht haben nach all den guten Sachen, meistens
nicht wahr, oder doch wenigstens so gestellt sind, da man sich nicht recht
hineinfindet, wenn man mit der Sache nicht recht vertraut ist, und sich
nachher bei allem Schnen noch immer das Schnste dazu denkt. Und die Leute
thun sehr Unrecht, die solche schnen Beschreibungen hinaus schreiben,
aber ich wei auch warum es geschieht, entweder schmen sie sich offen
einzugestehn wie schlecht es ihnen geht, wo sie doch frher so geprahlt
haben, oder sie sitzen auch, wie es mir hier die Leute gesagt haben, an so
einsamen Pltzen und so in Noth, da sie nur dadurch ihre Lage verbessern
knnen, wenn sie noch recht viel andere Menschen auch dort hin ziehn.

Da ich nun im Anfang um alles betrogen bin was ich hatte, das geht vielen
Deutschen so und ich kann mich da mit vielen trsten, wer aber hier gesund
ist und Lust hat zu schaffen, der kommt auch fort und wenn er eben so wenig
htte wie mir geblieben war. Aber zu keine Deutschen sollten die deutschen
Handwerker gehn, wenn sie auswanderten, sondern immer zu Amerikaner. Die
Deutschen sind erstlich auch nur herbergekommen um ihr Glck zu machen,
und reich zu werden und die geben am wenigsten her, wenn sie's wirklich
haben, und besonders an Deutsche, wo sie schon wissen da die's zu Hause
schlecht gewohnt sind. Und dann lernt man auch bei Deutschen nie im Leben
die englische Sprache, die man doch als Handwerker so zu seinem Fortkommen
braucht, und in deutsche Colonien mu man gewhnlich was einzahlen, oder
Land vorauskaufen wodurch man sich an die Stelle bindet, und nachher bleibt
man gewhnlich lieber sitzen, ehe man sein Bischen Eingezahltes im Stich
lt. Und die Deutschen sind auch nicht immer die besten; die bei denen ich
arbeitete haben mich recht betrogen und sich viel Geld an mir verdient.

Endlich und nach und nach hab ichs aber gemerkt, und da bin ich zu
Amerikanern gegangen und da hab ich viel besseren Lohn gekriegt und viel
bessere Kost, und habe in kurzer Zeit englisch gelernt, so da ich mich
schon recht gut verstndlich machen kann. Das klingt einmal komisch, liebe
Eltern, das englisch, und im Anfang kams mir vor als ob die Leute die
kauderwelschen Worte nur so Hals ber Kopf heraussprudelten, da kein
Mensch einen Sinn hinein finden konnte, aber wie man sich ein Bischen
dran gewhnt, klingts ganz natrlich, und hat alles seinen Sinn, wie das
Deutsche.

Was nun das betrifft, da viele Menschen hier brodlos herumlaufen, und
worber Du Dich besonders in Deinem letzten Briefe wunderst lieber Vater,
so hat das auch wohl seinen Grund. Es ist hier in Amerika gar keine Schande
wenn einer umsattelt, und was anderes wird als was er drauen gelernt hat
-- hier arbeitet jeder was er gelernt hat, und wenn ein Schuster Kleider
oder ein Schneider Schrnke macht, so schadet das gar nichts, wenn er sie
nur gut macht und Geld fr seine Arbeit kriegen kann. Man mu sich auch
nicht allein auf das setzen wozu man in Deutschland aufgezogen ist, und
sonst gar nichts thun wollen, sonst kann man leicht brodlos werden. Ein
armer Mann hat aber hier rechte Gelegenheit es zu was zu bringen und sein
Auskommen zu haben, viel eher wie in Deutschland, denn wenn er nur ein
klein Bischen fleiig ist, so kann er sich leicht was zurck legen, und
wenn er nur einen ganz kleinen Anfang hat, so kann er es nachher leicht zu
was bringen, denn die Amerikaner untersttzen recht gern arme Leute und die
Nachbarn helfen ihnen wo das nur immer angeht. Und ein armer Mann, der in
Deutschland recht viele Kinder hat, der kommt immer mehr in's Unglck, aber
hier in Amerika, da ists gerade umgekehrt. Hier sind die Kinder ein Segen
und helfen den Eltern auf, wenn sie alt und schwach werden. Ein armer Mann
ist hier auch geachtet und es kommt nicht auf den Rock an den ich trage.

Das Land und Vieh ist hier alles sehr billig und gut und man kann mit ein
weniges eine rechte hbsche Farm kaufen, denn Farm nennen sie hier ein
Landgut, aber ein Deutscher, der hierherkommt, und der die Sitten und
Gebruche noch nicht kennt, der sollte sich doch ja nicht gleich ankaufen,
denn dann mu er gewhnlich aus eigener Tasche Lehrgeld zahlen und verliert
vielleicht alles, was er mitgebracht hat. Am besten ists, er arbeitet
erst eine ganze Zeit bei Amerikanern und lernt die Axt gebrauchen und den
Amerikanischen Feldbau, denn der ist ganz verschieden von dem deutschen,
und wenn er nachher ein oder zwei Jahre im Lande ist, dann kann er sich
leicht ankaufen, und dann thun ihm 100Dollar so gut, wie sonst vielleicht
nicht 500, ehe er Lehrgeld bezahlt hatte. Ich arbeite noch immer bei den
Amerikanern und ich befinde mich recht wohl, wenn ich aber erst ein kleines
Gut habe, was gar nicht mehr so lange dauern kann, denn der Amerikaner
hat mir versprochen, da er mir helfen will, dann mt ihr zu mir herber
kommen, liebe Eltern und lieber Bruder, und dann wollen wir hier recht
vergngt leben auf meinem eigenen Land.

Mit nchstem Jahr kann das vielleicht schon gehn aber ich will noch nichts
vorher bestimmen, denn es thut einen nachher leid wenn so eine Freude
zu Wasser wird. Und bis dahin grt Euch, liebe Eltern und lieber Bruder
herzlich und von ganzer Seele

      Euer _Traugott Erdmann_.

Den Brief fr mich schickt nur nach der Stadt Vincennes in Indiana, da hol
ich ihn mir schon ab, ihr mt aber meinen Namen englisch darauf schreiben,
liebe Eltern, wie sies hier machen. Der Amerikaner wird mirs hier drunter
schreiben wie es sein soll.

  =Mr. Traugott Erdmann
  to be left at Vincennes post office=

  =I--a=      =U.S.=


Sechster Brief.

      _Indiana_ den 15.August 1848.

    _Mein herzlieber Carl._

Ich hatte geglaubt Dir um diese Zeit, und wenn auch nur wenige Monat
verflossen waren, schon einen Bogenlangen Brief, mit lauter Jagdabenteuern
gefllt, schreiben zu knnen, aber Du lieber Gott, wie hab' ich mich hier
in der Amerikanischen Jagd geirrt. Fast schm' ich mich auch, Dir in
allen Stcken, besonders was meine eigenen Erlebnisse betrifft, die volle
Wahrheit zu schreiben, aber -- es kann doch nichts helfen, es mu heraus,
am Ende kmst Du sonst selber, von meinen frheren Schilderungen verlockt,
und mit _den_ Hoffnungen mtest Du Dich in einem Paradiese enttuscht
finden.

Um also das Fatalste gleich von vorn herein los zu werden, will ich auch
ohne Weiteres mit dem beginnen. Denke Dir, dieser einfache ehrliche Farmer,
den ich fr so unschuldig hielt, da ich mich frchtete den Handel mit ihm
abzuschlieen, weil ich mich der Snde scheute ihn zu bervortheilen
-- dieser gutmthige Bursche, dem ich noch, um ihn ja in jeder Hinsicht
zufriedenzustellen, eine wundervolle, -- Esel ich -- Bchse fr 60Dollar
kaufte, war -- ein abgefeimter Hallunke, ein chter Yankee und Betrger.
Der Lump hat mich mit einem erbrmlichen Improvement fr 250Dollar
angeschmiert, das ich hier mit grter Bequemlichkeit an jedem Tage fr
50Dollar kaufen knnte. Doch das ist das wenigste, das verzieh ich ihm
gern, es wre ein kleines Lehrgeld, wenn all seine sonstigen Aussagen nur
auf Wahrheit begrndet gewesen wren, aber beim Himmel, der Kerl hat kein
wahres Wort ber die Zunge gebracht, und ich glaube meiner Seele, er lgt
sogar im Traume.

Da er Bren aus seinem Kchenfenster schiet, ist aus zwei Grnden
unmglich -- erstlich hat er in dem Haus gar keine Kche, denn das was
die Leute hier Kche nennen, ist nur ein Schuppen und hat wieder gar kein
Fenster, und dann -- wenn wirklich Kche und Fenster da wren, -- giebts
keine Bren. Keine Bren? -- rufst Du erstaunt, das ist aber noch nicht
Alles -- auch keine Hirsche, Panther, Truthhner und wie das Zeug sonst
alles heien sollte, was hier, des alten Jgers Aussage nach (soll mich der
Bse holen wenn ich jetzt glaube, da der Kerl berhaupt ein Jger war) den
Wald frmlich durchwimmelte. Opossums oder Beutelratzen schieen sie hier
manchmal - ekelhaftes Zeug, das hauptschlich vom Aas lebt, und das man
auch oft mit dem Stocke todt schlagen kann, also gar kein jagdbares Wild.
-- Truthhner lassen sich in der That manchmal blicken, auch kommt zu
Zeiten ein Hirsch in die Nhe der Farm, doch, Du lieber Gott, da kann sich
Einer die Beine ablaufen, ehe er von denen nur etwas zu Gesicht bekommt.

Du kannst Dir brigens einen Begriff machen wie die Jagd hier bestellt
ist, wenn ich Dir einen kleinen Auszug aus meinem, wie Du sehn wirst, sehr
hoffnungsvoll angelegten Beuteregister mittheile; ich thue das brigens
auch mehr mir zur eigenen Strafe, als Dir zur Erbauung, denn ich habe mich
im vorigen Monat, trotz all der gemachten Erfahrung, doch einmal wieder
nach Canada hinauf zur Brenjagd sprengen lassen, und natrlich weder etwas
geschossen, noch berhaupt gesehen:

  Bren|Panther|Bffel|Hirsche|Fchse|Truthhner|Anderes Wild
    -- |  --   |  --  |   1   |  --  |    1     |17 Prairiehhner.
       |       |      |       |      |          |20 Rebhhner.
       |       |      |       |      |          |13 Kaninchen.

Den einen Hirsch scho ich am Wabasch und den einen Truthahn Morgens
dicht bei der Ansiedlung, wohin er sich, Gott wei wie, verirrt hatte. In
Illinois war ich einmal drben und scho eine hbsche Parthie Prairiehhner
-- Dinger so gro wie unsere Haushhner, aber an greres Wild, wie Bren,
Panther und Bffel ist gar nicht zu denken. Bffel sind nun vollends in die
Mglichkeit weit gen Westen getrieben; ein alter Br kommt dagegen manchmal
hier durchgeschlendert, und ist auch im vorigen Jahr einer in der Gegend
geschossen worden -- das wird aber als Merkwrdigkeit erzhlt.

In der Nachbarschaft des Ortes, wo ich auf der Farm des alten Mannes meinen
Wohnsitz aufgeschlagen habe, ist die Jagd nur hchst mittelmig und
was der Strick, der wahrscheinlich gewittert hatte ich sei ein
leidenschaftlicher Jger, von der Gefahr erzhlte, in welcher der ganze
Viehstand durch die Masse der wilden Thiere schwebe, ist eine nichtswrdige
Fabel. Wlfe giebt es allerdings hier viel, und die Regierung hat eine
Belohnung auf jeden Wolfsscalp gesetzt, so scheu aber sind sie und so
schlau, da ich, der ich in der ersten Zeit besonders den Wald von Morgens
bis Abends nach allen Richtungen durchstreifte, noch nicht einen einzigen
Wolf zu Gesicht bekommen, vielweniger erlegt habe.

Hirsche fr die Hunde erlegen, ei so lg du und der Teufel, und ich
dankte jetzt Gott, wenn ich selbst ein Stck Wildpret htte, aber Gott
bewahre, trocknes Rindfleisch mu ich kauen oder Speck essen und _will_ ich
denn nun einmal Wild haben, so sind's Eichhrnchen, die man hier verzehrt,
und die auch wirklich ausgezeichnet schmecken. Du lieber Gott, wer mir in
New-York gesagt htte, da ich in Indiana, viele hundert Meilen im Westen
drin, auf die Eichhrnchenjagd gehn wrde. Mu der Schuft ber mich gelacht
haben, wie ich ihm die Bchse kaufte, -- nun wei ich auch wehalb er
gepfiffen hat.

Und das sogenannte Improvement ist keine 20Dollar werth; das beste
Improvement das ich auf dem ganzen Besitzthum machen knnte, wre, wenn
ich die beiden wahnsinnigen Blockhtten die darauf stehn, ansteckte -- thu'
ichs nicht, so strzen sie mir doch nchstens einmal auf eigene Faust
ber dem Kopfe zusammen; und _das_ Land -- da knnt' ich wieder von vorn
anfangen und urbar machen -- Alles ist mit Bschen und Bumen wieder
bewachsen und kaum ein Platz von einem halben Acker frei, wo der Schuft
Kartoffeln hat stehn gehabt. Von den Khen sind bis jetzt auch erst zwei
aufzufinden gewesen und mein einziges Vergngen hab' ich noch an den
Schweinen -- die sind so wild, da ich jedesmal frmlich auf die Jagd gehen
mu, wenn ich eins haben will -- selten komm ich dann in gute Schunhe
heran; mu jedoch jedesmal bei solcher Gelegenheit einen Farmer bitten,
mich zu begleiten, weil ich mein Zeichen oder dem Lump sein Zeichen
vielmehr nicht aus dem andern heraus erkennen kann. -- Die Schweine sind
nmlich mit Schlitzen und Lchern im Ohr gemarkt. Es hat mir neulich ein
Nachbar hier fr Land und Vieh, wie's daliegt 50Dollar geboten; wenn
_der_ Thor genug ist das noch einmal zu thun, hat er's, und mg's ihm wohl
bekommen.

Doch nun ein Wort zu Dir ber Amerikanische Jagd, denn ich sehe Du
verlangst darnach. Lieber Carl, _die_ Sache habe ich mir ganz anders
gedacht. Ja Du lieber Gott, in Deutschland hat man davon _ganz_ falsche
Begriffe. Die Jagd _war_ das in den Vereinigten Staaten, was wir jetzt
noch von ihr erwarten, aber seit langen Jahren ist ja auf das Wild frmlich
hineingewthet, und da mu es wohl einmal dnn werden. Ich habe hier vor
einigen Tagen einen Jger aus Arkansas -- dem besten Jagdgrund der Union
gesprochen, und der hat mir ganz aufrichtig das folgende mitgetheilt.

Es giebt noch Gegenden in Arkansas und berhaupt westlich vom Mississippi,
wo ein guter Schtze, und besonders einer _der mit dem Wald bekannt ist_
und sich nicht leicht verlaufen kann, seinen Hirsch und auch manchmal
einen Br schiet; auch Truthhner soll es dort noch an gewissen Pltzen in
ziemlicher Anzahl geben, aber _die_ Zeit, wo man die Bren aus den Fenstern
scho, ist fr die Vereinigten Staaten vorbei. Auch von der Jagd leben, wie
ich das frher fest geglaubt, kann kein Mensch mehr dort, er verstnde denn
wirklich weiter Nichts als _leben_ darunter, aber was fr eine Existenz
wre das; Jahraus und ein ununterbrochen im Walde zu liegen und weiter
keine Abwechslung zu haben, als die, die sich ihm zwischen frischem und
getrocknetem Fleische bietet.

Was den Verkauf des erlegten Wildes betrifft, so giebt es an den Stellen,
wo Wildpret berhaupt einen verkuflichen Werth hat, weder Hirsche noch
Bren mehr, und wo die noch existiren, da ist man froh, wenn man einmal
ausnahmsweise fr einen ganzen Hirsch acht Groschen kriegt, oder die Keulen
zum Verkauf trocknen kann. Zu _verdienen_ ist aber mit der Jagd gar Nichts
und nach alle dem, was ich jetzt darber gehrt -- denn die Aussage des
Arkansas-Mannes wurde mir von Mehreren besttigt, bin ich berzeugt, man
kann, wenn man in noch unbesiedeltem Lande sich niederlt, dann und wann
einmal seinen Hirsch oder Truthahn schieen und in sofern, wenn man die
Jagd als Erholung betrachtet, Nutzen daran haben, indem man das selbst
verzehrt, was man erlegt, sonst aber als Erwerbszweig ist diese Sache
Essig.

Doch genug fr jetzt, mein guter Carl, ich werde wahrscheinlich weiter
westlich ziehen, und sobald ich meinen neuen Wohnsitz bestimmt habe, sollst
Du mehr von mir hren. Bis dahin grt Dich herzlich Dein

      _Fritz Sternberg_.


Siebenter Brief.

    _Guter Edde und allerbeste Mmme._

Gott der Gerechte was is das vor a Land, Edde? Nehmt de Mmme und den
Schmul und den Moses und de Rachel, und bringt se so schnell ihr kennt nach
Amerika. Wie hait Amerika -- Canaan sillts haie -- soll mer Gott helfe
und will ich nich gesund auf meine Fie stehn. Seekrankheit? -- wie hait
Seekrankheit? -- Cholera, s'bse Wesen und die Pocken -- Alles wr net ze
viel wenn mer nur kennt damit komme nach Amerika.

Was ich for Geschftcher gemacht hab, sait ich in Amerika bin? -- frog mich
der Edde mol noch meine Geschftcher -- bin ich jetzt drei Monat in's Land
gewese und was hab ich verdient in die drei Monat? -- will ich nich gesund
auf meine Fie stehn -- 700 baare Dollars klingende Mnze hab ich verdient,
un womit hab ich die Geschftcher gemacht, mechte der Edde wissen? mit
klaine winzig klaine Paket'ger hob ich se gemacht, un nur getauscht hab ich
Silber mit Silber wie en ehrlicher Mann.

Nu die Geschicht is gar ainfach -- hab ich mich doch geferchte in Anfang in
'en Wald ze gehn, aus Forcht vor die wilde Katzen und Bren. -- Wie hait
wilde Katzen -- will ich nich gesund auf meine Fie stehn wenn ich nich
schon drai Monat im Lande 'rim handle und noch nich gesehn habe an ainzige
wilde Katz, vielweniger en Kater. Aber was sin das vor Menschen hier im
Land, in Pensilvanien und Ohio und in Indiana und Kentukki? -- Gott der
Gerechte, Menschen sind's wie die Kinder, so unschuldig wie die Tubcher.
Die Mmme htt' ihre Fraid gehabt, wenn se's hette sehn kenne, wie se den
Veitel getracktirt haben un in was ver schaine Betten er geschlofen hat.
Und mit was hat der Veitel hauptschlich gehandelt? -- Fragt mol den
Veitel mit was er gehandelt hat? -- mit Juwelen Bischutterie und silberne
Leffeln hat er gehandelt, will ich nich gesund auf meine Fie stehn, wenn
er nich gehandelt hat mit Bischutterie und silberne Leffeln.

Aber den Edde mu ich vorher in's Gehaimni lasse -- das Englisch is
nemlich a ganz firtreffliche Sprach -- un 'sdrickt die Sach so gnau aus,
wo's sie beschreibt, da mer's im Dunklen erkennen kennt. In Daitschland
hait's Argentan oder Neisilber -- wie hait Neisilber -- was thu ich demit
ob's nei oder alt is? wos vor a verstndiger Mann is devor der Amerikaner
-- der nennt's deitsches Silber, _Dschermen Silwer_ wie se hier sagen,
un wenn ich gekommen bin zu die Lait und hab ihne gebracht Leffeln von
Dschermen Silwer so habe se mich gewehnlich gefragt -- wie hait Dschermen
Silwer -- is das was besonderes oder was anderes als Amerikanisches Silber?
Gott der Gerechte hab ich denn aber gesagt -- mu doch Silber haien
wenn es in Dschermani is, Dschermen Silber und wenn es in Amerika is,
Amerikanisches Silber, will ich nich gesund auf meine Fie stehn, wenn da
waiter en Unterschied is als der Prais -- wir Deitsche nehmen mit wenig
Verdienst vorlieb -- aber mer sin reell. Gott der Gerechte sill mer
beistehn wann ich nich habe gehabt 700 Procentchen un die ainzige
Unbequemlichkait in der waiten Gotteswelt, da ich nich bin wieder gekommen
ganz genau in die Gegend.

Un hab ich immer geglaubt, 'swr  Unglick da uns Kainer kennt hier und
mer net Credit httet -- wo so Unglick g'rod des Gegenthail ist's -- Gottes
Wunder was wir Jdden hier vor en Credit haben -- 'sgeht ins Hebrische
hinain und immer waiter, immer waiter. Im Anfang en klans bissel un nachher
immer greer und der Itzig Lwenhaupt hat schon 5 Stdte, wie er sogt, wo
er nich mehr hinkommen derf, bei mir fangts aber erst an un der Itzig is
schon a angesehener raicher Mann.

Gott der Gerechte, wenn ich doch de Rachel hier htte, was hat mer hier en
Feld vor Geschftcher, und den Edde und die Mmme aber se alle missen
noch her kommen nach Amerika. -- Wie hait Bamberg? -- was thu ich mit
Bamberg--? net abgemolt mecht' ich sain in Bamberg.

Un frogt mol den Veitel wo er sain klan Kerbche hindahn hot, mit dem er is
schachere gange, un wo ihn die Lait haben uf die Stro gesetzt, geschwinder
als er is hinain gekomme? -- Gottes Wunder, wie hait Kerbche jetzt? un der
Veitel hat  klan's Wgelche un  lebendiges Pfrd, un oben druff sitzt er
mit seine Packjes und kutschirt im Lande herim wie  Frscht -- frogt mol
den Veitel wo er sain klan Kerbche hindahn hot.

Gott behit's Edde und Mmme -- macht Eich kaine Sorg' um den Veitel, es
geht Eirem Jingelche gut -- so grit mer de Rachel un der Simon soll riber
kommen mit sain klain Handel und der Stern und der Rosengarten -- aber
sogt en nix von die Leffeln, Edde -- wo ich gewese bin kenne se doch nix
verdiene un setzen sich nur Unannehmlichkeiten aus -- und wo ich nich
gewesen bin -- Gottes Wunder, was brauch ich do den Stern und den Simon und
den Rosengarten? do geh ich selber hin.

Gott behits noch e mol, Edde und Mmme und es grit Eich herzlich

    Eier lieber Sohn

      _Veitel_.




Der Klppeldistrict des schsischen Erzgebirges.


Es ist seit langen Jahren, und besonders seit der Zeit, wo ich
die Vereinigten Staaten von Nordamerika kennen gelernt, immer ein
Lieblingswunsch von mir gewesen, die unglcklichen Proletarier unseres so
sehr bervlkerten Vaterlandes nach jenen fruchtbaren Gefilden der neuen
Welt hinbergeschafft und sie so ihrem frchterlichen Elende gewissermaen
mit einem Gewaltstreich entrissen zu sehen. Bis jetzt ist das freilich
noch ein frommer Wunsch geblieben; die Idee einer solchen Auswanderung
durchzuckte mir auch nur manchmal in form- und gestaltlosen Bildern das
Hirn, ich hatte mir selbst noch keine Rechenschaft darber gegeben oder das
Fr und Wider solcher That geprft und erwogen. Als uns aber der wieder
und immerwieder kehrende Jammer jener Gegend stets zu neuer Hlfe und
Untersttzung rief, als ein Nothschrei nach dem andern aus den Bergen
drang, da stieg der alte Wunsch in mir immer lebendiger und krftiger
auf und im Geiste sah ich schon die Schaaren frhlicher Auswanderer auf
wogender See einem neuen, glcklichen Leben entgegeneilen.

Wohl sprach ich mich jetzt gegen Freunde und Bekannte darber aus und
suchte zu erfahren, auf welche Art ein solcher Schritt mglicher Weise
zu realisiren wre; die Leute schttelten aber fast Alle mit dem Kopf und
sagten einfach: Das geht nicht -- das thut's in den Gebirgen nicht --
der Bergbewohner klebt an der Scholle und ist nicht fortzubringen, ja kann
nicht einmal in seiner nchsten Umgebung verwendet werden; berdies sind
sie schwchlich und entnervt und wrden unmglich die schwere Arbeit des
Landurbarmachens ertragen knnen. -- Und gleich danach kamen unzhlige
Beispiele von Dienstmdchen, die es wundergut bei ihren Herrschaften hatten
und doch nicht aushielten, sondern wieder zurck in's alte Elend liefen, --
von Knechten, die entweder ihrer Arbeit nicht gewachsen, oder aus anderen
Grnden nicht zu bewegen gewesen waren auer dem Gebirge auszuhalten, und
das Resultat blieb stets das nmliche: ein solcher Versuch wre unntz --
die Leute hielten es nicht aus.

Dem konnte ich nicht mehr widersprechen, denn ich kannte die Menschen ja
nicht, ber die ich solches Urtheil hrte; der Gedanke lie mir aber keine
Ruhe und ich beschlo einmal selbst hinauf zu wandern und mich an Ort
und Stelle von der Wahrheit des Gesagten zu berzeugen. Allerdings war es
damals gerade Winter und das Erzgebirge wird in dieser Jahreszeit von den
Bewohnern des flachen Landes gewhnlich fr eine Art von Sibirien gehalten.
Das schien mir aber auch in sofern die passende Zeit, als ich die
Familien mehr zusammenfand und mich eher davon berzeugen konnte, ob die
Stubenhocker auch wirklich fr jede andere Arbeit untchtig und verloren
wren. Angenehm war es mir, da ich mit einem Spitzenhndler Hrn.H.,
die Reise wenigstens zum Theil gemeinschaftlich machen konnte; ich wurde
dadurch gewissermaen in jene Gegend eingefhrt und brauchte meine Zeit
nicht mit langem Suchen zu verlieren.

Am ersten Tag erreichten wir Eibenstock, eine aus lauter Eckhusern
bestehende Stadt, und ich fand mich hier, wenn auch noch nicht mitten unter
ihnen, doch schon im Bereich der Unseligen, die den Titanenkampf gegen
englische Fabrikate kmpfen.

In und um Eibenstock wohnen eigentlich mehr die Tambourirer als Klppler,
aber auch hier hat das Elend schon seine Vertreter; bleiche abgemagerte
Gestalten, die von Morgens, bis Abends spt, ber dem Stickrahmen beugen
und mit geschftigen Hnden die Erhaltung ihres Lebens, wenige Neugroschen,
zu erstreben suchen. Durch den freundlichen Eifer des Herrn Oberfrster
Thiersch ist erst jetzt ein Arbeitshaus errichtet, wo die Kinder ganz armer
Eltern wenigstens in warmer Stube und bei freiem Lichte arbeiten knnen.
Manches arme Kind, das bis dahin bettelte, verdient doch jetzt wenigstens
etwas die Woche; aber die Preise sind heruntergedrckt, eine gute
Arbeiterin kann mit aller Noth wirklich nur wenige _Groschen_ verdienen,
und Sorge und Mangel furcht die bleichen farblosen Wangen.

Auch eine Schwefelholzfabrick -- von lauter _Kindern_ -- ist in Eibenstock.
Hier werden Streichhlzchen fabricirt -- die gewhnlichen Streichhlzchen
in Papierkapseln, unten mit Sand beklebt. -- Die Kapsel, die vielleicht
60 bis 80 Stck enthlt, zu -- _einem_ Pfennig. Und die Kinder leben und
athmen die ganze Zeit in dem Phosphordampf -- einzelne Eltern behielten
sogar die Kleinen zu Hause, weil sie den Geruch nicht aushalten konnten,
den jene mitbrachten; -- die Noth zwang sie aber doch bald wieder dazu, sie
an die Arbeit zu schicken und -- sie gewhnten sich endlich daran.

Von Eibenstock brachte uns am nchsten Tage ein vierstndiger Marsch, oder
eigentlich mehr Spatziergang, durch prchtigen schneegefllten Nadelwald
und malerische Schluchten und Thler, bergauf und ab nach Breitenbrunn.
Aber schon unterwegs kamen wir durch einzelne Klppeldrfer und die Fenster
fllten sich berall, wie sie die fremden Mnner vorbeigehen sahen, mit
einer wahren Unmasse von kleinen Kpfen. Jedes einzelne Haus sah aus, als
ob es eine Kinderbewahranstalt wre.

Mir graute es im Anfang davor, eines derselben zu betreten; die niederen
Stuben sahen von Auen alle so dumpfig und gedrckt aus; wie erstaunte ich
aber, als ich mich endlich berwand, ber die Reinlichkeit und Ordnung, die
in diesen Rumen der Noth und des Elends herrschten. Das erste derartige
Zimmer, was ich sah, war in Sosa, einem kleinen Dorfe zwischen Eibenstock
und Breitenbrunn. Mehre Familien, wie das im Erzgebirge gewhnlich der
Fall ist, wohnten darin, und ein paar junge Mdchen waren noch mit ihren
Tambourir- und Stickrahmen aus der Nachbarschaft zum Besuch gekommen --
d.h. nicht etwa zum Kaffee und zum Plaudern, die Armen haben keine unntze
Zeit zu versumen und keinen Kaffee zu trinken, sondern um gemeinschaftlich
im warmen Zimmer die mhsame Arbeit zu frdern. Nur einige von diesen
tambourirten, die brigen klppelten, und ich hrte hier zum ersten Male
das monotone, unheimlich raschelnde Gerusch der hin und hergeworfenen
Klppel.

Es waren weiche, schwchliche Gestalten, aber ihre Gesichter sahen nur
bleich, nicht krnklich aus -- die Stubenluft und die sitzende Arbeit
_lhmte_ ihnen nur die Krper- und Geisteskraft, und hatte sie noch nicht
ertdtet. -- Die unheilvolle Ursache einmal beseitigt, und nicht ausbleiben
wrde die segensreichste Wirkung; nur das gutmthige Lcheln, mit dem sie
die Fremden empfingen, hatte etwas Leidendes. Das Ganze war mir aber noch
zu neu -- ich schmte mich zu fragen, ich hielt es fr Snde, diese Armen,
Unglcklichen auch noch durch, wie sie doch jedenfalls glauben muten,
bloe _Neugierde_ zu krnken; erst spter verlor sich das, als ich Htte
nach Htte betrat und an den Jammer gewhnt, endlich auch Worte fand,
seinen Grund zu erfahren, ohne mehr zu frchten, den Gefragten wehe zu
thun.

In Htte nach Htte aber fand ich dieselben Gestalten, fand ich dasselbe
Leid -- ein Dorf glich darin dem anderen, und nur manchmal, wo das Elend
seinen hchsten Grad erreicht, wo die Unglcklichen nicht allein kein Bett,
sondern nicht einmal einen Platz hatten ihr Stroh trocken hinzulegen, auf
dem sie Nachts die erschpften Glieder ausstrecken, so da dieses also
in den Stuben bleiben mute, sahen dieselben unordentlich und dadurch
unreinlich aus. Die natrliche Folge davon aber ist, da der Staub und
Schmutz ihre Arbeit unansehnlich macht, und sie nun auch noch mit den
Preisen gedrckt werden.

Die Klppelarbeit erfordert nmlich die grte und mglichste Reinlichkeit,
da die Spitzen nicht mehr gewaschen werden, sondern gleich von den Kissen
weg zum Verkauf kommen; die Klppler und Klpplerinnen haben denn auch
feine weie Hnde, ihre wohl oft zerissene und tausendmal geflickte Wsche
ist schneewei, die Diele und das Hausgerth auf das Sauberste gescheuert
-- keine Spinnenwebe in der Stube, kein Schmutz unter dem Ofen oder in den
Ecken, auch das wenige irdene Geschirr -- Gott wei es, es ist wenig genug
-- reinlich aufgewaschen und an seinen gehrigem Ort.

Rhrend ist es dabei, mit welcher Liebe der arme Erzgebirger an seiner
Heimath hngt; Jeder, der mit ihm nur je in Verbindung kam, wei Beispiele
zu erzhlen, wie die Shne und Tchter der rmsten und elendesten Familien
doch nicht unter besseren Verhltnissen, aber von den Ihrigen getrennt,
aushalten wollten, und lieber wieder in den alten Jammer zurck flohen,
lieber das Leid zu Hause mit den Ihrigen theilten. Mir kommt das aber, was
bei diesen Menschen Heimweh genannt wird, eher wie eine Krankheit, wie eine
Angst vor, die sie in der ihnen fremden Umgebung erfat. Es ist das Alles
wahr, da die Erzgebirger nicht unter fremden Leuten ausharren wollen, da
Knechte wie Mgde guten Lohn und nahrhafte Kost verlassen und lieber an
ihren Klppelkissen oder bei der heimischen Arbeit, aber mit den Ihrigen
doch zusammen, hungern und Noth leiden. Aber nicht Faulheit ist daran
Schuld, wie es ihnen nur zu oft aufgebrdet wird, nicht Widerwillen ist die
Schuld, den sie gegen hrtere, als die gewohnte Arbeit, fhlen sollen, denn
die Klpplerin arbeitet auch von Morgens frh bis spt in die Nacht,
und der Mann verrichtet im Sommer die gewi nicht leichte Waldarbeit und
bestellt sein Feld. Nein, es ist einestheils die Furcht, die das Mdchen
wieder aus ihrem Dienst treibt, sich die weichen Hnde zu verderben und
dann zum Klppeln nicht mehr tauglich, fr immer aus ihrem Familienkreis
ausgeschlossen zu bleiben; es ist das unbehagliche Gefhl, das den Knecht
ergreift, wenn er sich seines linkischen ungeschickten Benehmens wegen
verlacht und verachtet sieht oder auch nur glaubt, und dann in der That
nicht im Stande ist, mit seinem, durch keine gesunde Nahrung gekrftigten
Krper eben so viel und so gute Arbeit liefern zu knnen, als seine
Kameraden. Ist dann auch der Herr nachsichtig mit ihm, will er ihn nach und
nach gewhnen und heranziehen, so fhlt der Erzgebirger nur zu gut, wie er
indessen von seinen Mitarbeitern verachtet wird, und mu vielleicht auch
noch rohe Reden darber hren, da er eben so viel it, eben so viel Lohn
erhlt als ein Anderer und nur halb so viel dafr leistet.

Woher kommt aber diese Weichlichkeit des Geschlechts? Woher kommt dieser
abhngige, schchterne Charakter eines Bergvolkes? Noth und Mangel hat es
nach und nach entnervt. Die ewige vegetabilische Nahrung, und diese nicht
einmal in einem gesunden und geniebaren Zustand, hat an seinem Mark und
Leben gezehrt. Und _haben_ diese Leute denn eigentlich wirklich gelebt?
heit das ein Leben fhren? sind das mit Vernunft und Gefhl begabte Wesen,
wie sie da bei dem monotonen Klappern der hlzernen Klppel zusammenkauern
und Woche aus und ein fr wenige Groschen an einem vorgezeichneten Muster
arbeiten, nur um zu existiren? Nein, es sind nur lebendige Maschinen, die
blos da zu sein scheinen, eine gewisse Quantitt Spitzen -- so und so viele
hundert Ellen -- anzufertigen, um dann wieder zu denen, die sie zu Mangel
und Jammer der Welt gegeben, in die steinige Erde gelegt zu werden.

Und _knnten_ sie noch wirklich dabei existiren -- -- wren sie im Stande,
wenigstens so viel zu verdienen, da sie nicht allein das Leid, nein auch
die Freude des Lebens genssen, so mchte es noch sein; aber so blieb
ihnen selbst nicht einmal Zeit in ihrer Jugend mehr als die einfachsten
Schulkenntnisse zu erwerben, denn sie mssen ja schon zu Hause, selbst als
Kinder, mit an dem ganzen gemeinschaftlichen Tagewerke schaffen, um nicht
gemeinschaftlich mit zu verhungern. Allerdings ist von der Regierung viel
fr Schulen gethan, so viel vielleicht, als es fr einen so ausgebreiteten
Strich des Elends mglich war; aber diesen Versuchen einer wohlthtigen
Belehrung haben die Verhltnisse selbst, und leider mit nur zu vielem
Erfolg, entgegengearbeitet.

Die Drfer des Erzgebirges, besonders die rmsten, wie Breitenbrunn und
vorzglich Rittersgrn, liegen ber weite Bergflchen zerstreut und es ist
z.B. in dem letzteren Dorfe den armen Kleinen dadurch frmlich unmglich
gemacht, bei tiefem Schnee die unten im Thal liegende Schule zu besuchen --
selbst wenn sie, was leider nur zu oft nicht der Fall ist, Kleidung
htten, die sie vor Wind und Wetter schtzte. Aber auch wirklich den Fall
angenommen, _da_ sie im Stande wren, die Schule, und zwar regelmig zu
besuchen, was haben die armen, durch ihre sonstige Umgebung in keiner Weise
angeregten Kinder dann gelernt? nothdrftiger Weise etwas Lesen, Schreiben,
Rechnen und -- Bibel- und Katechismusverse. -- Die letzteren sagten
ihnen auch am meisten zu -- das Hersagen solcher Verse und Lieder und
das einfrmige Gerusch der Klppel pate vortrefflich zu einander, aber
dadurch zog sich der kaum entzndete Funke von Geist wieder mehr und mehr
in sich zurck, und verlschte endlich nach kurzer Zeit in dem weiten Meer
des Elends, wo er mit dem Ringen nach einem Lebensunterhalte langsam aber
sicher versank und keine Spur mehr in den bleichen ausdruckslosen Zgen
zurck lie.

Welchen Begriff hat ein solcher Unglcklicher von der Welt? keinen -- er
kennt nur den Jammer der ihn umgiebt, und nicht einmal die Hoffnung kann
ihn trsten, denn was soll er hoffen? das Grab -- nur im knftigen Leben,
hat ihm sein Pfarrer gesagt, blht der Lohn fr sein _Ausdauern_ und
_Harren_ und er harrt, -- aber dauert nicht aus, denn er geht nach und nach
physisch und moralisch zu Grunde.

In _Breitenbrunn_, wo wir bei dem dortigen Pastor Hrn. Uhlmann freundliche
Aufnahme fanden, besuchte ich Abends die Klppelschule. Am Tag arbeiten
dort auch Erwachsene, so spt aber trafen wir nur noch _Kinder_; Kinder von
sieben bis zwlf und vierzehn Jahren, meistens Mdchen. Je sechse saen
auf einer Art von Fubnken um einen hlzernen Schmel herum, auf dem
eine einfache Blechlampe brannte; sie hatten nicht das Gesicht dem Schmel
zugedreht, sondern hockten von der Seite immer Eine hinter der Anderen im
Kreis, whrend eben so viele mit Wasser gefllte Glaskugeln, wie sie die
Schuhmacher bei ihrer Nachtarbeit gebrauchen, den scharfen, blendenden,
aber schmalen Lichtstrahl nur eben auf den Punkt ihrer Klppelarbeit
warfen, wo sie ihn gebrauchten. Und so sitzen diese Kinder Tag aus Tag ein;
des Morgens haben sie einige Stunden Schulunterricht, der Nachmittag findet
sie wieder im lauten Geklapper ihrer Arbeit. Spiel und Erholung kennen sie
nicht -- sie rasten nicht -- und doch -- doch rasten sie manchmal -- der
Klppellehrer erzhlte uns mit leiser Stimme, die armen kleinen Dinger
htten schon mehr male mit Arbeiten aufgehrt und gemeint: sie knnten
nicht mehr -- _sie wren so hungrig_. Der arme Teufel konnte ihnen selbst
nichts geben, er verdient mit seiner Frau auch nur 2Thlr. die Woche und
hat fnf Kinder.

Und doch sind diese Klppelschulen ein Segen fr die Unglcklichen -- sie
haben doch wenigstens eine warme Stube und freies Licht und bekommen Geld
fr ihre Arbeit. Aber nicht in allen Klppelschulen ist das der Fall -- das
teuflische Drucksystem fngt auch im Erzgebirge wieder an aufzublhn, und
das fehlt jetzt nur noch, die Bewohner desselben ganz zur Verzweiflung zu
bringen. Fast alle die Factoren oder Verleger von Spitzen legen dort oben
noch neben ihrem Geschft kleine Ausschnittlden an, und wenn auch Manche
brave rechtliche Leute sind, die keinen Mibrauch damit treiben, so giebt
es doch auch wieder gewissenlose Menschen unter ihnen, welche die Noth der
Armen benutzen, nicht allein die Preise herunter zu drcken, sondern
ihnen auch noch werthlose Waare aufzudringen, mit der sie nachher Tagelang
umherlaufen mssen, um sie nur, natrlich wieder mit Verlust, anzubringen.

Breitenbrunn wie Rittersgrn sind mit die rmsten Drfer des Erzgebirges;
Hunderte von armen Familien leben dort, ja das letzte Dorf besteht
fast einzig und allein, und mit nur sehr wenigen Ausnahmen, aus solchen
Unglcklichen. Die Pastoren derselben sind denn auch in der That mehr
Armenpfleger als Seelenhirten; sie mssen mehr Zeit darauf verwenden, die
Krper als den Geist ihrer Beichtkinder zusammen zu halten, denn der
Arme hat ja weiter Niemanden als gerade seinen Pastor, der ihm die ewige
Barmherzigkeit Gottes predigt -- dieser allein giebt ihm eine, wenn auch
weit hinaus geschobene Hoffnung auf ein knftiges Leben -- ach es ist die
_Einzige_, die der Unglckliche kennt, und er blickt nun vertrauend zu dem
Mann empor, der ihn zu trsten und aufzurichten sucht.

Die Pastoren knnten hier von vielem und groem Einflu sein, und Manche
sind es auch, andere aber wieder, und vielleicht in ganz guter Absicht,
qulen ihre Pfarrkinder noch mit dem, was eigentlich freiwillig aus
innerstem Herzen springen sollte, mit der Religion und dringen darauf,
da Gottes Tempel nicht allein in gutem Zustande sei, sondern auch
anstndig aussehe. In den rmsten Drfern, wo Hunderte von Einwohnern wie
die Schafe zusammengepfercht und in elenden Htten, oft ohne Betten liegen,
wird das stets unter die nothwendigsten Ausgaben gerechnet, da die
Kirche restaurirt werde. Sogar in Rittersgrn, wo mir der Pastor selber
sagte, da sein ganzes Dorf wie ein einziges Armenhaus dastehe, verlangt
er zwlf- oder vierzehnhundert Thaler fr die Herstellung der etwas
bauflligen Kirche, und wollte zu diesem Zweck eine Pfennigsteuer erheben.
Die Menschen knnen auf faulem Stroh liegen, aber der liebe Gott darf
nicht mit einem gewhnlichen und billig hergestellten Bethaus, wie ich
es vorschlug, abgespeist werden. -- Das Dorf kann doch nicht ohne Kirche
sein? rief er erstaunt. Und der Mann meint es sicherlich gut, denn er
hat schon unendlich viel fr die Armen gethan, wenn er auch die etwas
bevorzugt, die am regelmigsten zur Communion gehen und die Kirche
besuchen.

Die Erzgebirger sind arm, aber ehrlich, Diebsthle fallen nur hchst selten
bei ihnen vor; _selten_, aber doch _manchmal_. So war ich in Rittersgrn in
einer Htte, wo auch Gott wei wie viel Personen in einem engen Kfterchen
zusammenstaken, die brigens Alle zu einer Familie, wenigstens zu einer
Verwandtschaft gehrten; unter diesen sa eine schwangere Frau, vielleicht
acht und zwanzig Jahre alt -- oder wohl auch jnger, denn die Noth altert
vor der Zeit -- der liefen aber die Thrnen ber die Backen, als der
Pastor, der uns begleitete, ein paar Worte mit ihr sprach. Bse Menschen
(in Rittersgrn meinten sie, die Diebe mten von der nicht fernen
bhmischen Grenze herbergekommen sein) hatten ihr vor einigen Tagen das
einzige Bett gestohlen, was sie mit ihren Kindern bis dahin getheilt. --
Schwanger -- unausgesetzte Arbeit den Tag ber, Hunger und Sorge um die
Kinder -- und nicht einmal ein Bett, auf dem sie Abends die mden Glieder
ausstrecken konnte. Vor der Thr der Htte lagen auf dem Schnee drei
weigewaschene Hemden zum Trocknen; wei gewaschen waren sie wohl, aber nur
mit Mhe hielten noch die unzhligen kleinen Lumpen zusammen.

Mit Sonnenuntergang verlieen wir Rittersgrn und wanderten durch eine
Gegend, die im Sommer paradiesisch sein mu, am Schwarzwasser entlang auf
Raschau zu.

Am nchsten Morgen trennte ich mich von meinem bisherigen Reisegefhrten
und wanderte allein das Dorf entlang, der Strae nach Annaberg folgend. Ich
wei nicht, wie die Drfer zu anderer Zeit dreinschauen mgen; aber jetzt,
von dem weien blendenden Schnee umgeben, sahen sie alle mit ihren blank
gehaltenen Fensterscheiben reinlich und sauber aus; der hie und da vom Eis
befreite Bach rauschte und murmelte dabei frhlich durch's Dorf hin und
neugierige Kindergesichter blickten hie und da aus den Fenstern zu
mir herber, immer jedoch augenblicklich wieder und blitzesschnell
verschwindend, sobald ich nur den Kopf zu ihnen hinwandte. Raschau kam
mir im Ganzen nicht so rmlich vor, als die frheren Orte die ich gesehen,
dennoch fehlte es wahrlich nicht an den Htten der Noth und des Elends. In
einer von diesen fand ich eine freundliche Familie beisammen -- die Mutter
mit zwei erwachsenen Tchtern und drei oder vier anderen kleineren Kindern.

Die Leute schienen wenigstens das Nothdrftigste zu haben, die Stube war
hell und gerumig, ihr Anzug, wenn auch einfach, doch wenig geflickt und
von grter Sauberkeit, und die Kinder sahen, wenn auch bleich, doch nicht
gerade so hohlugig darein, wie ich das leider bei so vielen gefunden.
Der Mann war Bergmann und stak jetzt irgendwo in der Erde, die Frauen
aber saen gar eifrig an ihren Klppelkissen und frderten die klappernden
Spuhlen. Und was verdienten sie mit dieser Arbeit? -- Fr drei Viertel Zoll
breite, sauber geklppelte Spitzen bekommen sie von dem Hndler fr _zehn
Ellen_ fnf gute Groschen vier Pfennige, fr _zehn Ellen_, an denen eine
erwachsene Person mehrere Tage arbeiten und auch noch das Leinengarn
zugeben mu. Die Leute hielten mich fr einen Spitzenhndler und boten mir
ihre Waare, als ich sagte, da ich eine Kleinigkeit zu kaufen wnsche,
um diesen Preis an. Ich kaufte an demselben Tag noch schmalere Spitzen --
etwas ber ein Drittel Zoll breit, die mir die Frau fr _fnf Neugroschen
fr zwanzig Ellen_ anbot. Als sie hrte, da ich kein Spitzenhndler sei
und nur ein einzelnes Stck kaufen wollte, setzte sie dann schchtern
hinzu: so drfen Sie mir schon ein paar Pfennige mehr geben -- es ist gar
wenig.

In Oberscheibe, links und rechts zwischen rmlichen Gebuden hin, sah ich
einen bleichen, krank aussehenden Mann, der mit einer Axt auf der
Schulter eben in eine niedere Thr eintreten wollte; er blieb, als er
mich herankommen sah, stehen und es kam mir vor, als ob er mich anzureden
beabsichtigte -- wenn das aber wirklich der Fall gewesen, so mte er sich
anders besonnen haben, denn er grte nur und verschwand in der Thr. Der
Mann sah recht leidend aus -- er hinkte auch, wie mir vorkam -- die Mnner
waren sonst alle grtentheils auswrts an irgend einer Arbeit -- ich hatte
noch wenige zu Hause getroffen und beschlo diesem zu folgen. Rasch trat
ich nach ihm in einen engen dunkeln Gang, der in den hinteren Theil des
Gebudes fhrte; er blieb stehen und sah sich erstaunt nach mir um, als er
mich kommen hrte.

Darf ich einmal mit Euch eintreten, Freund, und einige Worte mit Euch
sprechen?

Ach Gott ja, sagte der Mann und sah mich verlegen an; aber -- es ist gar
eng bei uns und -- und sieht nicht besonders aus--.

Schadet nichts, will nur einen Augenblick bleiben -- gehe gleich wieder
fort.

Er ffnete eine Thr dicht vor uns und ich fand mich gleich darauf in einem
kleinen, kaum vier Schritt im Quadrat haltenden Zimmer. An dem Tisch saen
die Frau und zwei erwachsene Tchter von etwa sechzehn und siebzehn Jahren,
rechts davon, nach dem Ofen zu noch ein paar kleinere Kinder und ein
anderes, vielleicht zwlf oder vierzehn Monate altes, lag in einem Kasten,
der ihm als Bettchen und Wiege diente. Die frchterlichste Armuth herrschte
in diesem Gemach, nicht einmal reinlich waren die Leute im Stande es
zu halten, denn das Stroh, auf dem sie Nachts lagen, mute in der Stube
bleiben, sie hatten keinen andern Raum dafr. Die Frauen rckten schchtern
zusammen, als ich eintrat und der Mann schob mir einen der hlzernen Sthle
hin, von denen zwei im Zimmer standen, sonst waren Bnke an den Wnden.

Wie geht es Euch denn, Ihr Leute, frug ich endlich, nachdem ich den
Jammer, der mich umgab, wenige Secunden schweigend berblickt hatte; wie
geht es mit den Preisen, mit der Arbeit, mit den Lebensmitteln?

Ih nun, sagte der Mann seufzend und schaute gar wehmthig ernst vor sich
nieder, es geht _recht_ schlecht -- es kann nicht mehr viel schlechter
werden.

Die Frauen klppelten eifrig fort und redeten keine Sylbe -- sie waren
so reinlich, wie das der enge Raum und das Zusammenleben mit den Kindern
gestattete, angezogen, ihre Kleidung bestand aber aus fast lauter
zusammengeflickten Lumpen. Es war ein peinliches Schweigen, das keiner
brechen mochte.

Sie sind wohl ein Spitzenhndler? sagte die Frau endlich mit leiser
Stimme und wandte sich halb nach mir um -- ich verneinte es und der Mann
fuhr fast mehr mit sich selber sprechend, als zu mir gewandt fort:

Die Preise werden immer schlechter, die Kartoffeln sind verdorben und --
aufgezehrt -- ich wollte es wre Sommer, aber damit hat's noch lange Zeit.

Und es ist keine Aussicht, da die Preise wieder steigen.

Wenn sie nur einmal in England aufhrten Spitzen zu machen, murmelte der
Mann; die Englnder haben doch viel auf dem Gewissen.

Aber Ihr wollt es ja auch nicht anders haben? sagte ich jetzt; warum
hrt Ihr nicht auf, warum klebt Ihr hier in den Bergen und zieht nicht
fort, weit fort, wo es andere Arbeit und etwas zu verdienen giebt; lieber
Gott, wenn Niemand Eure Spitzen mehr kaufen will, weshalb macht Ihr sie
denn noch unausgesetzt und verhungert und verkommt dabei?

Fortziehn? rief der Mann und sein Gesicht nahm eine etwas lebhaftere
Farbe an; fortziehn? ach Du guter Herr Gott, ja, wohin es ist und wenn's
nach Amerika wre -- berall hin, wo wir nur nicht verhungern -- aber
wovon? fort _betteln_ kann man sich doch nicht mit Weib und Kind, und das
wre die einzige Art, wie man daran denken knnte.

Aber warum gehn Eure Tchter nicht in irgend einen Dienst, sie kmen aus
der Noth heraus und knnten etwas mehr verdienen.

Die Mutter schttelte mit dem Kopfe.

Ja, sagte sie, aus der Noth kmen sie heraus, was aber kriegt so ein
armes Ding, das weiter nichts gelernt hat als Klppeln, fr einen Lohn --
es knnte selber nur nothdrftig davon leben, und hier zu Hause ging es
nur noch schlimmer, wenn die groen Mdchen fort wren, die doch jetzt noch
etwas verdienen -- mein Mann ist krank, und wenn ich's auch von Herzen gern
wollte, ich _kann_ die brigen Kinder nicht alle von den zehn oder zwlf
Groschen erhalten, die ich die Woche verdiene. Und dann, wenn sie's nun
nicht drauen aushielten, oder wenn ich auch krank wrde und sie zurck
mten, dann haben sie sich ihre Hnde zum Klppeln verdorben und wovon
_dann_ leben? Aber ich sehe schon, es wird doch nichts anderes brig
bleiben, wenn nur der Winter erst vorbei ist, dann mgen sie hinaus gehen
und sehen, wie's der liebe Gott mit ihnen fgen wird.

Ach ich ginge ja so gern, flsterte die Aelteste und sah mit stierem
Blick auf ihr Klppelkissen, wenn ich nur einen Dienst wte, wo ich gut
behandelt werde, -- an mir sollt es nicht fehlen.

Sie sind gewi ein Spitzenhndler? sagte die Frau noch einmal und blickte
mich dabei halb schchtern an.

Ich sah mich in der Stube um -- neben dem Ofen standen mehrere Tpfe, aber
alle leer, -- keine Spur von Lebensmitteln war im Zimmer und doch verrieth
die ganze Umgebung, da dieser eine Raum ihr Alles umschlo, was sie das
Ihre nennen konnten.

Habt Ihr kein Brod Ihr Leute?

Nein, sagte er kopfschttelnd; wir haben bis jetzt von Kartoffeln
gelebt.

Aber Brod ist die Jahr so billig.

Ach ja, erwiederte der Mann, -- es ist viel billiger als voriges Jahr,
-- aber -- wir sind hier gar viele Mgen.

Das kleine Kind fing an zu schreien; die Mutter stand von ihrer Arbeit auf,
nahm es in die Hhe und schaukelte es auf dem Arme, -- in der Stube konnte
sie nicht auf und ab mit ihm gehen, der Platz, wo sie stand, war der
einzige freie Raum. Ich mochte den stillen Jammer nicht mehr lnger
ertragen, stand auf, legte etwas Geld auf den Tisch und wollte fort.

Da -- kauft Euch Brod, sagte ich, -- es wird schon einmal eine bessere
Zeit kommen.

Der Mann sah berrascht das Geld an und griff nach meiner Hand; -- bis
dahin war keine Klage weiter, -- keine Bitte um Untersttzung ber seine
Lippen gekommen, jetzt aber brach sich der gewaltsam zurckgehaltene Jammer
Luft und die Thrnen strzten ihm aus den Augen.

Wir haben seit gestern Mittag keinen Bissen gegessen, flsterte er, --
mein Bein ist offen und entzndet, aber ich war eben aus, Arbeit zu suchen
um nur ein paar Groschen fr Brod zu bekommen, vergebens--.

Es war noch viel, viel, was er sagte und auch die Frauen fingen an zu
weinen; -- bis jetzt hatten sie sich vor dem Fremden gescheut, nun war das
Eis gebrochen und ihr Schmerz lie sich nicht lnger zurckdmmen. Das Kind
schrie auch mit hinein in diesen Jammer, aber die Mutter drckte es freudig
an die Brust.--

Sei ruhig mein Herzchen, Du bekommst jetzt Brod--.

Ringsum steigen freundliche Berge empor, dunkelgrne Waldesschatten
schmiegen sich an die breitlehnigen Kuppen an, -- weite, im sonnigen
Lichte blitzende und funkelnde Schneeflchen decken die Halden und leichte
durchsichtige Nebelwolken ziehen sich wie duftige Schleier am scharfen
Abhang der Schluchten hin. Munter sprudelt der Bach dazwischen durch und
das blaue therreine Firmament umschliet wie mit liebenden Armen das
herrliche Land. Der Habicht streicht in langsam bedchtigen Kreisen ber
die Flur, -- die Krhe sitzt gesttigt oben in den Zweigen des Apfelbaumes
und wetzt an dem rauhen Aste den Schnabel -- und der Mensch?--

Geht in die Htten und seht wie sie zusammenkauern; hebt den Deckel von dem
irdenen Topfe, der in der Rhre steht und einen widerlich dumpfigen Geruch
verbreitet; -- aus was besteht die Nahrung, die sich der Erzgebirger
zusammengeknetet hat, sein und der Seinigen Leben zu fristen? Faule, kranke
Kartoffeln zu Mu gedrckt und mit etwas schwarzem Mehl angerhrt, -- Salz
hat er nur selten, -- etwas Hringslauche mu dem Stoffe eine Art Geschmack
geben, und _will_ er verschwenderisch sein, so vertritt Lampenl die
Stelle des zu theuren Fettes. Und das sind Menschen, -- denkende, fhlende
Menschen, von Gott mit denselben Anrechten an dieses Leben ausgestattet,
wie wir selbst, das sind Menschen, die hier rettungslos ihrem sicheren
Verderben entgegengehen. Rettungslos, wenn nicht bald etwas geschieht, sie
dem frchterlichsten Elend zu entreien.

Die Klppelarbeit ist kaum noch im Stande ihr elendes Leben zu stiften, und
in den englischen Spitzenmanufacturen ihnen ein Feind erstanden, mit dem
sie den verzweifelten Kampf um die Existenz nur noch wenige Jahre werden
bestehen knnen. Die Preise der Spitzen fallen wirklich jhrlich, und es
ist Thatsache, da die Leute im Gebirge in diesem Jahr (1848), trotz des
_billigen_ Brodes, doch nicht _mehr_ fr ihre Arbeit bekamen, als das
vorige. Die Leute vegetiren also dieses Jahr eben so wie das vorige; wie
aber nun, wenn wiederum, was doch jeden Augenblick geschehen kann, eine
neue Theuerung die Brodpreise hinauftreiben sollte? Die Arbeitspreise
steigen _nicht_ wieder, und die Klppler sind dann einem Verderben nahe,
dessen Ahnung schon jetzt ihr Herz mit Schrecken erfllt.

Wenn das Brod wieder theuer wird, mssen sie uns todtschlagen, sagte ein
junger bleicher Bursche, der in Scheibenberg auf einer Hobelbank sa und
faule Kartoffeln kaute. -- Es liegt eine frchterliche Wahrheit in den
Worten, _man kann doch die Leute nicht langsam verhungern lassen_.

Aber warum verlassen sie das Gebirge nicht? -- rufen die Tausende --
warum gehn sie nicht in's flache Land -- im Gebirge selbst und in der
nchsten Nachbarschaft mssen die Bauern baierische Dienstboten nehmen,
weil die Gebirger nicht aushalten, selbst an den Wegen, die der Staat hat
fast nutzlos anlegen lassen, nur um den Unglcklichen zu helfen, haben sie
nicht lnger arbeiten mgen -- sie _wollen_ ja zu Grunde gehen -- warum
ergreifen sie nicht etwas Anderes, wenn das alte Geschft nicht mehr geht?

Dort ist Jemand in einen Flu gefallen -- er schlgt mit Armen und Fen
um sich -- aber er sinkt -- er hebt sich noch einige Mal -- dreht sich eine
Zeit lang auf derselben Stelle im Kreise herum und sinkt immer und immer
wieder. Warum schwimmt der Mensch nicht -- er braucht ja nur mit Armen und
Beinen gleichmig auszutreten, -- nur gerade so, wie es ihm die Leute,
die da in Herzensangst am Ufer stehen, vormachen -- er braucht nur den
Kopf dann zu heben und dem nchsten Ufer zuzuarbeiten, so kann er ja nicht
untergehen. -- Ei ja wohl, wre ihm das in seiner Jugend gelehrt, so
knnte er das allerdings -- wte er, _wie_ er seine Krfte gebrauchen
soll, er wrde auch nicht untergehen; aber die Leute am Ufer, die alle auf
ihn einschreien und ihm zuwinken, kleine Stckchen Holz nach ihm werfen,
auf denen er sich einen Augenblick ausruhen soll, machen ihn nur noch mehr
irre und bringen ihn ganz auer Fassung. -- _Guter Rath_ und _schwache_
That kommen hier zu spt, hier bedarf es eines _krftigen_ Mittels, das
ihm die Hand reichen und vom Verderben zurckreien mu, dem er sonst im
nchsten Augenblick zu erliegen droht.

Der Erzgebirger ist entnervt und erschlafft, aber weniger noch an
krperlichen, als an geistigen Krften; jetzt geschieht allerdings was
mglich ist, um nur in etwas seine Energie zu wecken; die Schulen werden
berall vermehrt und verbessert, man sucht die Einzelnen ihrem Jammer zu
entziehen und mit dem wirklichen Leben bekannt zu machen, bedeutende Summen
werden vom Staat und von Privaten daran gewandt, der augenblicklichen Noth
zu steuern -- aber es ist auch nur die augenblickliche Noth, und solche
Hlfe gengt nicht mehr allein. Die Wunde, die vielleicht in frherer
Zeit mit leichten Umschlgen und Salben geheilt gewesen wre, ist
jetzt geeitert, der Brand ist hinzugetreten und jede Verzgerung einer
ernstlichen Cur macht sie nur noch schmerzhafter und noch gefhrlicher.
Dem Erzgebirger sind seine Berge die Welt; kommt er in das flache Land, so
stellt er sich linkisch und ungeschickt an, -- aber das ist's nicht allein
-- durch eine Nahrung, wie sie bei uns kein Hund verzehren wrde, ist er
auch schwach und kraftlos geworden. Haben ihn auch nun wirklich Bauern
als Knecht einmal angenommen und ihm denselben Lohn, wie ihren andern
Arbeitern, gegeben, so vermochte er natrlich nicht von allem Anfang so
auch zu arbeiten, das Alles zu leisten, was jene wirklich leisteten. War
dann auch der Herr vernnftig und gutmthig genug, das Alles nachzusehen,
wollte er den Unglcklichen eher zurechtweisen als einschchtern, so fand
dieser dagegen bei seinem ihm fremden _rohen_ Cameraden -- denn unsere
Arbeiter sind _leider_ in der Mehrzahl roh -- keine so freundliche
Gesinnung. Wer das Verhltni der Knechte und Dienstleute zu einander
kennt, wird mir recht geben; erst verspotten sie den Fremdling, besonders
wenn er sich etwas tppisch und unbeholfen zeigt, oder gar nach einem
anderen Dialekt redet, und machen sich ber ihn lustig, ffen ihm auch wohl
die Worte nach; dann aber auch murren sie und werden gehssig, wenn ein
Anderer, der mit ihnen auf gleicher Stufe steht und dieselben Pflichten hat
wie sie, nicht auch alles das leisten kann oder wirklich leistet, was man
von ihnen selbst fordert.

Der Erzgebirger aber, nur in seinem innersten Familienkreise aufgezogen
und gro geworden, ist zu weichlich, zu schchtern, dem Allen begegnen zu
knnen, die geistige Energie fehlt ihm, jetzt einmal doch zu zeigen, da er
ein Mann ist und den _Feind_, der sich ihm zeigt, zu bekmpfen. Nein, das
Heimweh fat ihn nach seinen Bergen; dort mute er wohl hungern und Noth
leiden, aber dort lachte ihn auch keiner aus, dort war er nicht verspottet
und verachtet. Der geringe Funke von Geist, der noch in ihm schlummerte,
wurde dort nicht mit Fen getreten, und zurck flieht er mit aller Hast
und Angst zu den Seinen und theilt lieber Jammer und Elend mit ihnen.
Ebenso, nur in einem fast noch strkeren Grade, war es mit den Mdchen,
die sich in's flache Land ausmiethen wollten. -- Nichts auf der Gotteswelt
haben sie daheim gelernt, als ihre Klppel zu fhren und hchstens einmal,
und selbst das noch mangelhaft, ihre Kleider auszubessern und herzurichten
-- jetzt auf einmal verlangt man lauter fremde unbekannte Sachen von ihnen,
und dieselbe Scheu treibt auch sie zu den Ihren zurck.

Wohl wre es vielleicht auch jetzt noch Zeit, auf die Jugend mit allen
nur zu Gebote stehenden Mitteln einzuwirken, da wenigstens diese einer so
frchterlichen und gefhrlichen Lethargie entrissen wird, -- es mu sogar
wirklich geschehen, wenn nicht der ganze Stamm doch verderben soll. -- Die
Unglcklichen haben sich aber gegenwrtig dem Abgrund, der sie verschlingen
mu, so frchterlich genhert, da -- und zwar rasch und ohne Zgern --
etwas Gewaltiges, etwas Durchgreifendes geschehen mu, wenn nicht _jede_
Hlfe zu spt kommen soll.

Jener frchterlich bervlkerte Gebirgsdistrikt, dessen Bewohner mit einer
Hartnckigkeit an ihrer Beschftigung hngen, die der der Schaafe gleicht,
wenn sie, befreit, in den brennenden Stall zurckstrzen -- jener Distrikt
mu gelichtet und auf eine Art gelichtet werden, die den Zurckbleibenden
Luft giebt und ihnen freier zu athmen gestattet. Durch keine brgerliche
Hlfe kann dies aber allein geschehen, und wre sie auch zehnmal grer,
als sie Sachsen zu bieten vermag. Der _moralische Trieb_ dieser Menschen
mu geweckt werden, und nur dann ist es mglich, an eine wirkliche Rettung
derselben zu glauben.

Das ist aber wieder nur durch eine _Auswanderung_ mglich, und nicht
etwa durch die Auswanderung Einzelner, die immer nur auf ihren engen
Familienkreis zurckwirken, nein, durch die vom Staate selbst geleitete
Auswanderung von _Tausenden_, fr die man in den Vereinigten Staaten von
Nordamerika eine neue Heimath grndet. _Zwanzigtausend Menschen_ mssen
bersiedelt werden, oder _Hunderttausende_ gehen rettungslos zu Grunde. Wie
das geschehen knne, ist hier nicht Raum genug zu errtern, aber dadurch
wird nur die Mglichkeit hergestellt, erstlich fr den Augenblick die
zwanzig Tausend der Noth zu entreien und den Zurckbleibenden in den
ersten Jahren eine Concurrenz zu nehmen, die sie freier aufathmen lt.
Abgerechnet von all dem materiellen Nutzen, den eine solche That fr
Gehende und Bleibende haben mu, von dem Lande, was frei wird, von den
gewonnenen Producten, die nicht mehr in die kleinsten Atome vertheilt
werden mssen, von den gelieferten Arbeiten, die jetzt doch wenigstens
regelmig ihre Kufer finden, wenn sie auch keinen hhern Preis erreichen
-- abgesehen von alle diesem ist es aber besonders der _moralische
Einflu_, den eine solche Auswanderung auf den brigen Theil der Gebirge
ben wird und mu. Bis jetzt erschien ihnen selbst das auer ihrer nchsten
Umgebung Liegende wie eine fremde Welt -- da man ohne Klppeln existiren
konnte begriffen sie nicht -- selbst die Einzelnen, die es tollkhn
versucht hatten, in das Ausland, nach Leipzig, Dresden, ja selbst
Chemnitz zu gehen, kamen fast smmtlich wieder zurck und kauerten lieber
an ihrem Klppelkissen -- da hatten sie den Beweis -- es ging drauen
fr sie nicht an -- sie gehrten nicht da hinaus und mit ngstlicher
verderblicher Scheu hielten sie selbst ihre Kinder davon zurck. Dann aber
wre die Bahn gebrochen -- Tausende sind pltzlich ber tausend Meilen
weit, ber das Meer sogar, nach einem fremden Lande gezogen -- der Gebirger
hat auf das Aeuerste gespannt -- in Angst und Sorge um die Tollkhnen,
einer Nachricht von ihnen gelauscht -- da pltzlich treffen Briefe auf
Briefe ein -- in alle Theile des Gebirges zweigen sie aus -- solche
Schreiben laufen von Hand zu Hand, jede Familie drngt sich herzu, wenn der
Vater oder Schullehrer die ersehnte Kunde meldet, und eine neue Welt geht
pltzlich vor ihren Augen auf, als sie das Jubelgeschrei der Ihren aus der
Ferne hren -- als sie mit Staunen und Verwunderung hren, da Jene nicht
mehr zu hungern und zu frieren brauchen, da sie mit miger Arbeit einen
Ueberflu von Nahrung und Kleidung verdienen knnen und jetzt zum ersten
Male steigt der _freiwillige_ und durch nichts anderes geweckte Wunsch in
ihrer Brust auf -- knntest Du dorthin.

Mit dem Wunsche aber denkt der Gebirger auch schon an die Mglichkeit der
Ausfhrung, und jetzt, jetzt ist die Zeit gekommen, seinen verkmmerten
Geist mit allen Waffen der gesunden Vernunft anzugreifen und aus seinem
Traume mit aufrtteln zu helfen. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo dem im
alten Schlamme noch Versunkenen der Fortschritt der Welt gezeigt und
er selbst zum thtigen Mitwirken daran aufgefordert werden mu. Aeuere
Umstnde kommen dann noch dazu, die Einwirkung zu vermehren; bis dahin wird
das Klppeln durch die sich immer mehr verbessernden englischen Spitzen
fast ganz vernichtet und zu Grunde gerichtet sein; der Gebirger, aus seinem
Stumpfsinn erwacht, sieht auf der einen Seite seinen alten Erwerbszweig,
an den er wie an ein Evangelium geglaubt, zerstrt, auf der anderen dagegen
Sachen mglich gemacht, die er bis dahin nur fr tolle Mrchen gehalten,
und er wird dann, wenn der alte Zauber erst einmal gebrochen, auch nicht
allein ein Mensch werden, sondern was noch viel wichtiger und fr ihn
nothwendiger sein mu, _fhlen_, da er wirklich ein Mensch _ist_.

Der dortigen frchterlichen Noth kann auf keine andere Art mglicher Weise
abgeholfen werden -- eine Auswanderung ist meiner Meinung nach das Einzige.
Mag aber da der Staat nicht durch eine scheinbare Verantwortlichkeit
zurckschrecken, eine Verantwortlichkeit, die nur in der Idee existirt.
Bei einer Auswanderung werden wohl Manche sterben, Manche dort, statt der
gehofften Heimath, ein _Grab_ finden; hier aber gehen die Leute _gewi_,
und wie die Aussicht jetzt ist, alle zu Grunde. Jenes sind dann auch nicht
Folgen der Auswanderung, nein, es sind noch die Folgen des frchterlichen
Elends, das hier ihren Krper aufgerieben und vergiftet -- der Keim des
Todes ist es, der hier schon durch widernatrliche Nahrungsmittel und
Lebensart gepflanzt und gepflegt wurde. Und was fr ein Unterschied
zwischen dem Tode eines Vaters _dort_ und _hier_. Dort wei er die Seinigen
versorgt, oder die Hoffnung verst wenigstens seine letzten Stunden -- ein
gemeinsames Unternehmen hat sie in seinen Schutz genommen, er fhlt, da
sie nicht hlflos untergehen werden -- und hier? -- wenn er hier stirbt
-- wenn er noch einmal auf die bleichen elenden Gestalten sieht, die sein
hartes Lager umstehn -- wenn er wei, _wie_ er sein ganzes Leben verbracht
hat, wei, da all die Seinen auch nur Aehnliches, vielleicht jetzt noch
greres Elend erwartet -- mu ein solcher Augenblick nicht alle Qualen der
Hlle in sich schlieen, und kann da noch von einer Verantwortlichkeit
die Rede sein? Nein, wahrlich nicht, die alte Generation wird freilich
aussterben, ohne viel Heil und Segen von der Uebersiedelung gehabt, ohne
die Vortheile alle genossen zu haben, die man fr sie beabsichtigte; aber
die Kinder, die hier nur dem sicheren Elend entgegen gingen, sind gerettet.
Der Erzgebirger, der den Anwuchs seiner Familie bis dahin nur als einen
Fluch betrachtete und betrachten _mute_, sieht pltzlich, da er ihm dort,
in den freien Wldern einer neuen Welt zum _Segen_ wird. Die erzgebirgische
Mutter, die bei dem Tode eines Kindes wohlhabender Eltern mit stierem
Blicke sagte: _Mir stirbt keins!_ findet Brod fr die Kleinen, und die
natrliche Liebe, die durch Noth und Elend gewaltsam erstickt worden, wacht
wieder auf in ihrem fast erkalteten Herzen.

Auch _der_ Einwand kann keine Geltung finden, da die Armen zu schwach und
entkrftet wren und die schweren Arbeiten des dortigen Ackerbaues nicht
aushalten wrden. Die Erzgebirger, wenigstens ein groer Theil derselben,
arbeiten hier auch in Wald und Feld und wrden mit Freuden noch mehr
arbeiten, wenn sich ihnen nur die Gelegenheit bte. Ist er aber auch
schwach und entkrftet, so sind das nur ganz natrliche Folgen seines
elenden Lebens, die sich mit einer Aenderung desselben ebenfalls ndern
werden. Und gehrt denn nicht wirklich eine Riesennatur dazu, eine solche
Noth so lange Jahre hindurch zu _ertragen_? Ueberdies sollen solche
Uebersiedelten im Anfang, und ehe sie sich ganz erholt und gekrftigt
htten, aber auch gar keine so bermig anstrengenden Arbeiten verrichten,
-- sie sollen in den ersten Jahren nur so viel bauen, als sie zum
einfachsten Leben, aber an gesunder nahrhafter Kost brauchen, und
Gott wei, sie brauchen wenig genug. Mit der Zeit mgen sie dann an
Verbesserungen, an den Absatz ihrer Producte und an die Zukunft denken,
dann werden sie auch im Stande sein, derartige Plne nicht allein
auszufhren, sondern auch _fassen_ zu knnen -- frher, wo ihnen die Kraft
und Fhigkeit sowohl zum Einen wie zum Andern fehlt, haben sie das gar
nicht nthig.

Schafft sie nur erst hinber, die Unglcklichen, gebt ihnen nur erst
die Gelegenheit, sich emporzuraffen, whlt nur das rechte Mittel, sie zu
_Menschen_ zu machen, und sie werden Euch beweisen, was sie vermgen. --
Heil und Segen wird dem Unternehmen folgen, aber mit Ernst mu es auch
angegriffen werden, mit Lust und Liebe zur schnen That, und starke Opfer
drfen nicht gescheut werden, dann aber lt sich auch wirkliche Hlfe,
nicht eine bloe Galgenfrist bleichen Hungertodes erwarten, und der alte
Krebsschaden, der jetzt an unserm schnen Sachsenlande zehrt und nagt, wird
endlich einmal, so bald die kranken Theile herausgeschnitten sind, heilen
und gesunden.

Mir war von all dem Elend so weh geworden, da ich kaum wei, wie ich diese
Htte verlie, und doch fand ich in vielen andern, die ich an diesem Morgen
noch besuchte, immer nur dasselbe Leid, denselben Jammer, der wie ein
dsteres Trauertuch das ganze Land bedeckte. Und doch _leben_ diese
Menschen noch -- wo nur noch eine Aussicht auf Existenz blieb, da schien
auch die Hoffnung nicht ganz erstorben zu sein -- sie kannten den Umfang
ihres Elendes selbst zu wenig, und eine _Voraussicht_ auf die Zukunft haben
diese Menschen nicht, sie sind wie unmndige Kinder und mssen auch wie
solche gefhrt werden. -- An den meisten Orten war aber der Jammer doch
schon so gro und nachhaltig gewesen, da sie auf meine Fragen, ob sie
denn die Gebirge verlassen wrden, wenn sich ihnen eine Aussicht bte, mit
thrnenden Augen und wie schon frher antworteten:

Ja -- ach Gott, ja -- nur nicht verhungern!

Und auch ich rufe das: -- Fort mit den Unglcklichen -- fort mit ihnen nach
einem Orte, wo sie _nicht verhungern_. -- Was ntzen die Palliativmittel,
mit denen wir uns vorlgen, wir htten eine Noth gelindert, einen Schmerz
gestillt? Der flchtige Moment war es, den wir beschwichtigten, und der
nicht einmal, denn in dem nmlichen Athemzug erwacht auch schon die Angst
fr die nchste Stunde. Ernste, durchgreifende That mu hier reifen
und schnell reifen, wenn nicht die nchsten Jahre schon auf ein Elend
herabsehen sollen, wie es uns aus den Bergen Oberschlesiens in scheulichem
Hohn entgegengrinste -- mit dem Angstgeschrei der Sterbenden mischt sich
dann ihr Fluch und _die_ Verantwortung dann wre frchterlich.

Doch genug von all diesem entsetzlichen Jammer -- mir schnrte er die Brust
zusammen, und ich floh, so schnell ich konnte, zurck in's flache Land.--




Die Otter-Jagd.


Die Zeiten, die schnen Zeiten sind vorber, wo der Mann noch auf mnnliche
Art sein Vergngen suchte; wo er mit Speer und Messer, mit Wurfgescho oder
Bchse den Wald durchstreifte, den Br im eigenen Lager angriff, und dem
Eber auf schumendem Rappen durch Dickicht und Unterholz folgte.

Die schnen Zeiten der edlen, mnnlichen Jagd sind vorbei; jetzt hchstens
gehn die jungen Herren mit Jagdfrack nach neuestem Schnitt, und sauberen,
eng anschlieenden Kamaschen, die Hnde in einem Muff, den Hals dicht und
warm in wollene Shawls eingeschlagen, hinaus und stellen sich an (und Gott
wei es, _wie_ sie sich manchmal dazu anstellen). Die Bauern mssen ihnen
dann das arme, unglckliche, verrathene und verkaufte Wild herbeitreiben,
und wenn kein Unglck passirt, das heit, wenn der Hahn wirklich
aufgezogen, oder die Sicherheit nicht vorgeschoben, oder die Flinte nicht
verladen, oder das Zndhtchen nicht schndlicher Weise herabgefallen,
oder die Brille verloren ist, der Gewehrriemen nicht gerade als man zielen
will ber dem Lauf liegt, oder der Schu nicht nachbrennt, als man das
Wild so herrlich auf dem Korn hatte, oder der Hase zu weit oder zu
schnell luft, oder wenn tausend andere Oder und unvorhergesehene Zuflle
nicht dazwischen kommen und besonders das Haupt-Oder -- ihnen keinen Strich
durch die Rechnung macht, wenn sie nmlich nicht effectiv fehlen -- dann
schieen sie wohl ihr Hschen oder ihre unglckliche Ricke, die sie in
der Eile, weil sie nicht aus den Bschen heraus _wollte_, fr einen Bock
angesehen haben.

Das nennen sie nachher Jagd.

Die Otterjagd ist vielleicht die einzige, der, in England wenigstens, bis
auf unsre Tage viel Eigenthmliches und Krftiges geblieben.

Noch halten sich manche Edelleute ihre Ottermeuten und verfolgen Tage
lang mit einer, unsren Jgern gewi unbegreiflichen Miachtung jeder
Feuchtigkeit das flchtige Thier durch Bche und kleine flache Strme; ihre
Blthenzeit ist aber auch vorber, und wirklich interessante Jagden werden
mit jedem Jahre seltener.

Der Pomp und die Umstndlichkeit der alten Jagden gaben an sich schon dem
Ganzen einen eigenthmlichen Reiz, und die Otterjger hatten nicht allein
ihre verschiedenen Sitten und Gebruche, sondern auch eine ganz besondere
Tracht. Ihre kurzschigen Jacken waren grn, mit Scharlach, ihre
Pelzmtzen mit Goldbndern besetzt, und mit Strauenfedern geziert.
Stiefeln, ziemlich nach Art unsrer jetzigen hohen Wasserstiefeln, reichten
bis zu ihren Hften hinauf, und trugen oben goldene oder silberne Franzen.
Ihre Speere zeichneten sich ebenfalls durch ihre reichen Verzierungen
und ihre geschnitzte Arbeit aus, und der Anblick eines Zuges vollstndig
ausgersteter Otterjger war zu gleicher Zeit so pittoresk als imposant.
Mit der Verringerung der Ottern hat aber auch zu gleicher Zeit ihre Jagd
sich vereinfacht, doch war selbst noch zu Ende des letzten Jahrhunderts
die Otterjagd in England eine der betriebensten und volksthmlichsten.
Regelmige Ottermeuten wurden gehalten, und die Landleute schienen
damals von ihren Otterspeeren so unzertrennlich, wie jetzt von ihren
Spazierstcken.

Zu eben dieser Zeit war brigens der Otterspeer einfacher als er jetzt
ist, und er bestand nur aus einer gewhnlichen, geraden Eschenstange mit
einfachen oder doppelten Harpunen oder Pfeilspitzen. Jetzt hat eine
neuere und wohl auch zweckmigere Erfindung den gewhnlichen Widerhaken
verdrngt, und die Stahlspitze ist so gearbeitet, da sie erst dann,
wenn in den Krper des Thieres getrieben, zwei Haken auslt, die es dem
verwundeten Otter unmglich machen, sich von der tdtlichen Waffe wieder zu
befreien.

Ich will dem Leser eine solche Otterjagd beschreiben.

Es hatte sich eine Gesellschaft von sieben Jgern zusammengefunden, um in
einem kleinen Flusse, Namens Tiesie, eine am vorigen Abend durch den Squire
selbst aufgefundene Otterfhrte zu verfolgen und wo mglich den schlauen
Fischdieb zu erlegen. Der Tiesie luft eine lange Strecke durch flaches,
etwas sumpfiges Land, dort aber, wo er zuerst seinen Lauf in wenn auch
niedere, aber dennoch seine Ufer steil begrenzende Hgel lenkte, hatte Mr.
Halway die Spuren entdeckt, und als am nchsten Morgen die Gesellschaft
mit ihren Speeren und einer tchtigen Meute Hunde den Platz erreichte,
bezeugten mehrere frische Grten, die an der linken Uferbank unter einer
kleinen Lindengruppe lagen, seine Nhe.

Die Hunde wurden, kaum den Platz erreicht, schon unruhig, und Nell und
Boney, ein Paar ausgezeichnete Otterfnger, schienen es besonders auf
ein kleines Schilfdickicht abgesehen zu haben, das sich der Lindengruppe
gegenber befand.

Halway stimmte dafr, da ein Theil der Jger hinber an's andere Ufer
waten, und dort die Hunde untersttzen solle, es war aber noch beim Beginn
der Jagd und Alles -- _trocken_, und da meinten denn Mehrere: der Otter
sei wahrscheinlich an dieser Seite, wo ja auch die Grten alle lagen und
die meisten Spuren waren; der gegenberliegende Platz blieb also von den
Jgern unbesetzt, und am hohen Flurande hingehend munterten sie durch
Zurufe und den frhlichen Jagdschrei die immer hitziger und eifriger
werdenden Hunde auf, den Feind zu finden, damit sie ihn mit ihren Speeren
verfolgen und erlegen knnten.

S'ist nur ein Glck, meinte Dickson, einer von Halway's Nachbarn, da
sich der Otter nicht ein Paar hundert Schritte weiter oben aufhlt, der
kleine See dort wrde alle unsre weiteren Versuche, seiner habhaft zu
werden, unntz gemacht haben, denn der Grund ist so schlammig, da es
wahrhaftig mit Lebensgefahr verknpft ist, sich nur bis an die Knie
hineinzuwagen.

Hahaha lachte Merville, davon wei Dickson eine Geschichte zu erzhlen.
Als wir das letzte Mal hier waren, stak er in dem Sumpfe drinnen und unsrer
Sechse haben mit Stricken und Seilen wohl eine Viertelstunde lang gezogen,
bis wir ihn wieder heraus und auf's Trockene brachten.

Ha -- was hat Nell dort? rief Blower -- ein anderer Gutsbesitzer aus der
Gegend -- Wahrhaftig, Halway, ich glaube, Ihr habt Recht, der Otter sitzt
da drben, ich werde hinber waten.

Er war im Begriff, seinen Entschlu augenblicklich in's Werk zu setzen,
aber zu spt. Der Otter hatte wirklich in jenem Schilfdickicht gelegen
und wahrscheinlich die um ihn herumsuchenden Hunde vorbeilassen, und dann
zurck zu dem schtzenden See schwimmen wollen, wo jede weitere Verfolgung
vergeblich gewesen wre, das wurde aber durch die Aufmerksamkeit Boney's,
der durch derartige Kunstgriffe schon mehrere Male getuscht worden und
nicht gesonnen schien, sich auf's Neue anfhren zu lassen, vereitelt,
denn er und Nell hielten sich fortwhrend ziemlich hoch im Schilfe, und
berlieen es den anderen Hunden, den schlauen Feind aufzustbern und
flchtig zu machen.

Dieser sah auch kaum, wie jeder Versuch, das tiefe Wasser zu erreichen,
vergeblich war, als er das dichte Schilf verlie und, ber den hier mehrere
hundert Schritt breiten Wasserspiegel hinwegschwimmend, erst entschlossen
schien, den Flu mit aller nur mglichen Schnelle stromab zu gehen, dann
aber wieder links einbog und in einem rechten Winkel eine seichte Stelle
erreichte, wo das Wasser etwa drei Fu tief, den Hunden nicht erlaubte
Grund zu fassen, und der Otter selbst, unter dem dichten Wurzelwerk und
Rohr verborgen, vor ihnen geschtzt blieb und auch dann und wann, ohne
frchten zu mssen entdeckt zu werden, an die Oberflche kommen und Luft
schpfen konnte.

Hier hilft kein Zaudern mehr schrie aber Halway jetzt, selbst bis unter
die Arme in das Wasser springend -- von dort heraus bringen ihn die Hunde
nicht, und wenn wir nicht mit unsren Speeren die Bestie heraustreiben, so
knnen wir die Jagd nur aufgeben.

Merville sprang dicht hinter ihm her, und auch Blower folgte, Dickson aber,
als er die drei der Stelle zu waten sah, whrend die Hunde einen Heidenlrm
vollfhrten und bellend und winselnd ihren Herren nachpltscherten, dachte
bei sich, da zum Vortreiben vollkommen genug Menschen im Wasser sen,
suchte sich daher eine seichte, kaum wenige Zoll tiefe Stelle aus, und
schritt an das andere Ufer hinber, wo er auf einem vorragenden, steilen
Felsblock die Jagd bersehen und auch augenblicklich stromab das niedere
Ufer wieder erreichen konnte, wenn das verfolgte Thier, wie es fast nicht
anders konnte, die Flucht durch die weiter unterhalb liegende Stromschnelle
und ber einen kleinen Fall, versuchen sollte.

Halway hatte brigens Recht gehabt, die Hunde vermochten nichts gegen
ihren listigen Feind auszurichten, der nur dann und wann, in irgend einem
ungangbaren Gebsch, die brtige Schnautze ber die Oberflche des Wassers
hob, um die nthige Luft zu schpfen, und dann schnell und geruschlos
wieder untertauchte in sein sicheres Versteck.

Die drei Jger fanden bald, da auch sie hier ihre Hilfe leihen muten,
langsam also, und in gleicher Linie das schmale und kaum hundert achtzig
Schritt lange Schilfdickicht durchwatend, stieen sie hchst aufmerksam in
alle die Stellen mit den umgekehrten Speeren hinein, unter denen mglicher
Weise der Fischdieb verborgen liegen konnte. Schon nherten sie sich
indessen dem Ende des seichten Platzes und die Hunde fingen an wieder
zurckzusuchen, whrend Halway selbst zu glauben begann sie htten ihre
Beute bergangen, als diese pltzlich, hchst unverhofft zum Vorschein kam.

Merville hatte nmlich eben mit der Stange in ein besonders dichtes Gewirr
von Wurzelwerk und Wasserpflanzen hineingefhlt, als Nell, der seinen
Standpunkt berhalb des Schilfbruches noch immer nicht verlassen, die
Nase prfend in die Hhe hob und im nchsten Augenblick auch schon, eifrig
schnaubend auf die Stelle zuschwamm, wo Merville noch immer stand, und
den Hund beobachtete. Da tauchten, nur wenige Schritte von ihm entfernt,
einzelne kleine Luftblasen in die Hhe, und er wute, dort mte der Otter
sein. Die Tiefe des Wassers, in dem er sich selbst befand, also schnell
berechnend, schwang er den Speer hoch empor, und stie ihn mit rascher,
sicherer Hand nieder auf den Grund des Flusses, wo sich der listige
Flchtling verborgen hielt.

Aber wehe! in allem Eifer hatte er vergessen, den Speer, den er noch
verkehrt in der Hand trug, umzudrehen, und als der mit ausgezeichneter
Geschicklichkeit gefhrte Sto, denn Merville war ein guter Otterjger,
niederfuhr, kam er in hchst unsanfte Berhrung mit dem wirklich dort
lauernden Thier, brachte aber demselben leider keinen weiteren Schaden, als
da er es bedeutend erschreckte, aus seiner bisherigen Sicherheit auf und
zu dem hchst unbesonnenen Entschlu trieb, die Rettung in offener Flucht
zu suchen.

Instinctmig wandte sich der Otter nun zwar stromauf, der sicheren Bahn
zu, hier aber begegnete er den beiden offenen Rachen von Nell und Boney,
die gierig nach ihm schnappend, ihre Beute schon gefat whnten. So leicht
sollte ihnen aber der Sieg nicht werden.

Jener, die Seichtheit des Wassers frchtend, in welchem er, wenigstens an
dieser Stelle, nicht wagen durfte zu tauchen, schien schnell entschlossen
das andere Ufer des Flusses zu erreichen, und ehe Merville, der jetzt
natrlich seine Waffe schnell genug wandte, wieder festen Fu fassen, und
sich von seinem Schreck erholen konnte, strich er schon wie ein Aal, die
ganze Lnge des Krpers auer dem Wasser zeigend, von der Schilfinsel fort,
und schrg ber den Flu hinber dem steilen Vorsprung zu, auf welchem
Dickson, an seine Waffe gelehnt, dem Kampfe bis jetzt behaglich zugeschaut
hatte.

Kaum merkte dieser aber, wie sich der Schauplatz der Hetze auf seine Seite
verlegen wrde, als er, so schnell ihn seine Fe trugen, von der Hhe
heruntersprang, und das Ufer gerade in demselben Augenblicke erreichte,
in welchem der Verfolgte das feste Land betreten und, argbedrngt von
den Hunden, wahrscheinlich ber die in den Flu hinauslaufende Landspitze
hinweg schlpfen und das auf der unteren Seite befindliche ruhige
und tiefere Wasser erreichen wollte. Durch den unvorsichtig auf ihn
Einstrmenden aber gengstigt, nderte er seinen Plan und wandte sich
wieder; da schallte ein Triumphruf von der gegenber liegenden Seite und
selbst Dickson hielt ihn fr verloren, denn dicht, dicht hinter ihm, kaum
wenige Zoll von seiner brtigen Schnauze entfernt, schnappte Boney, schon
im Vorgenu der ihn erwartenden Seligkeit, gierig mit den Fngen und
ffnete den weiten Rachen.

Hurrah! schrie Halway vom anderen Ufer aus -- Hurrah Hunde -- fat ihn
-- fat ihn!

Boney hrte den Zuruf seines Herrn und fuhr, schwerlich noch einer
Anreizung bedrfend, mit wildem Bi nach dem Nacken des Thieres, doch
war es nichts als Wasser, was ihm, im wahren Sinne des Wortes, im Maule
zusammenlief, der Otter tauchte in demselben Moment, als ihn Dickson schon
zwischen den Fngen des Hundes glaubte, blitzschnell nieder, glitt unter
dem Bauche seines Feindes fort, und scho nun, wieder zur Oberflche
emporkommend, mit aller ihm nur zu Gebote stehenden Schnelle stromab.

Hinber -- hinber noch Einer von Euch! schrie Halway jetzt erregt --
die Bestie will ber den Fall hinunter und in die tiefe Stelle, kaum
hundert Schritte unterhalb. Fnf Ottern haben wir schon bis zu dem Platz
verfolgt, und dann regelmig aufgeben mssen. Jetzt nur hinunter an die
Flle, so schnell wir knnen.

Hawkins leistete dem Rufe Folge und watete schnell zu Dickson hinber, die
Uebrigen jedoch glaubten auf der Seite, auf welcher sie sich befanden, am
Ersten zum Wurf kommen zu knnen und eilten Halway nach, der, so schnell es
ihm der weiche, schlammige Boden gestattete, unter der Felswand fortlief,
die hier das Fluthal berhing und sein Bestes versuchte, einen kleinen mit
hohem Schilfgras bewachsenen Vorsprung zu erreichen, der sich, von mehreren
Fichten berschattet, gerade ber dem Fall befand, so da der Otter, wollte
er hier durch, dicht an ihm vorbeidefiliren mute.

Wie kam's, da Ihr den Otter fehltet, Merville? rief er diesem zu, als er
ihn eben eingeholt hatte -- er lag Euch doch dicht vor den Fen.

O zum Teufel -- ich hielt den Speer verkehrt.

Unsinn lachte Halway, ein so alter Otterjger, wie Ihr, wird mit dem
verkehrten Speer stoen.

Ich gebe Euch mein Wort darauf, betheuerte Merville im vollen Laufen,
um neben dem schnellfigern Halway zu bleiben, der ihn schon zurcklassen
wollte -- ich frchtete mit dem Widerhaken im Schilfe hngen zu bleiben
und--

Dort ist er, schrie Halway, und berflog mit einem Satze eine schmale
sich hier hineindrngende Bucht, arbeitete sich mit verzweifelter
Anstrengung durch das hohe Rohr, und stand im nchsten Augenblick auf der
ersehnten Stelle. Es war aber auch die hchste Zeit, denn der Otter, durch
das viele Tauchen ermdet, hatte es aufgegeben, im Dickicht augenblickliche
Zuflucht zu finden, und wute nun, das in dem tiefen Wasser seine alleinige
Rettung lag; den Fall also einmal passirt, trug ihn schon die Strmung
des Flusses in wenigen Secunden dorthin, und eine am rechten Ufer liegende
Schilfgrasecke nun dazu benutzend, die dicht folgenden Hunde irre zu fhren
oder aufzuhalten, schnitt er wieder hinber, und nherte sich reiend
schnell dem niedern Wassersturz.

Nell und Boney, mit der greren Schwimmfertigkeit ihres Feindes wohl
bekannt, sahen kaum, wie dieser in offener Flucht und den mit Speeren
bewaffneten Jgern so weit voraus, sein Heil suchte, als sie auch schon,
wie verabredet, dem ihnen am nchsten liegenden linken Ufer zuschwammen,
dieses erreichten, und nun schnellen, flchtigen Laufes darauf hinstrmten,
dem Schwimmenden den Weg abzuschneiden. Dicht ber dem Fall aber, von
Dickson's wthendem Schreien zum Aeuersten getrieben, sprangen sie wieder,
jetzt dicht hinter dem Otter, in's Wasser, whrend die Anderen der Meute
ebenfalls in nur wenigen Schritten Entfernung kleffend und winselnd
folgten.

Wo der Otter zum letzten Male in's Schilf gekrochen war, hatte er mehrere
junge Hunde verleitet, ihn immer noch dort zu glauben, und eifrig nach
ihm das dichte Gestrpp zu durchwhlen, was, Einem besonders, fast sehr
schlecht bekommen wre, da Hawkins, der im ersten Augenblick, als er sich
Etwas bewegen sah, glaubte, es sei der Otter, schon zum tdtlichen Stoe
ausholte, seinen Irrthum aber noch glcklicher Weise zeitig genug einsah.

Schlimmer erging es Dickson, der, jetzt Nsse und Feuchtigkeit verachtend,
in das seichte Wasser sprang und mit der Linken den Hut um den Kopf
schwenkte, die Meute durch immer grellere und ohrenzerreiendere Tne zu
fast wahnsinniger Wuth antrieb, whrend er selbst der Jagd nachzukommen
versuchte. Aber wehe -- der nchste Schritt, den er that, brachte ihn
mit dem Fu in ein tiefes Senkloch -- er verlor das Gleichgewicht,
und verschwand im nchsten Moment unter der ber ihn wieder friedlich
zusammenschieenden Fluth, wenig von den Jgern, und noch weniger von den
Hunden beachtet, die wild und theilnahmlos vorbeistrmten.

Jetzt hatte aber auch der Otter den Fall erreicht, und glitt mit
Blitzesschnelle darber hin -- doch kaum zehn Schritt von ihm entfernt,
stand Halway, den Speer hoch erhoben und ruhig und kaltbltig den Zeitpunkt
abwartend, der ihm einen sichern Wurf gestatten wrde, denn kaum durfte er
hoffen, seine Waffe in diesem Augenblick mit Erfolg schleudern zu knnen.
Er sollte auch nicht lange harren -- in der nchsten Secunde verschwand der
Otter in den schumenden Sprudelwellen, die hier seit Jahrtausenden gegen
den Fall ankmpften, und gleich darauf stieg er korkhnlich wieder daraus
hervor.

Dies war aber das einzige Moment, in dem Halway hoffen durfte, seinen Wurf
anzubringen; und er wute das. -- Schnell zuckte noch einmal der schon
gehobene Arm zu krftigerem Schwunge zurck, und dann, von der starken Hand
gesandt, zischte er nieder in die schumende Fluth, aus welcher eben das
brtige Gesicht des armen, gehetzten Thiers aufgetaucht war.

Wie mit Zauberschnelle verschwand Otter und Harpune unter Wasser, jetzt
aber glitten auch, khn und unerschrocken, die beiden Hunde ber den Fall,
und als der zum Tode Getroffene zuckend und sich strubend wieder an die
Oberflche kam, erfaten ihn die treuen Rden, und zerrten ihn, winselnd
und mit den Schwnzen wedelnd an's Ufer.

Dickson war indessen ebenfalls seinem nassen Bade entstiegen, und Merville,
der jetzt, freilich etwas spt, auf dem Kampfplatz erschien, half die
Beute auf's Trockene ziehen und wehrte die brige Meute ab, die kleffend
herbeistrmte und ihre Freude wenigstens durch einige wohlangebrachte Bisse
kund zu thun wnschte.

Nach und nach versammelte sich nun die ganze Jgerschaar um das glcklich
erlegte Thier, und nachdem es gemessen war -- es ma vier Fu fnf Zoll
vom Kopf bis zum Schwanzende -- zog sie jubelnd dem nicht weit entfernten
Farmhof Halway's zu, um sich dort bei Speise und Trank von den gehabten
Anstrengungen zu erholen.

Dickson aber und Merville waren an diesem Tage die beiden unglcklichen
Schlachtopfer aller Jgerscherze.


Druck von Breitkopf und Hrtel in Leipzig.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=
hervorgehoben.

Der Halbtitel wurde entfernt.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten,
einschlielich absichtlich fehlender Satzzeichen in den beiden
"Bomaier"-Auswandererbriefen, sowie uneinheitlicher Schreibweisen wie
beispielsweise "Arkansas" -- "Arkansus", "Barkeeber" -- "Barkeeper",
"dausend" -- "tausend", "dies" -- "die", "Riviere -- "Rivire",

mit folgenden Ausnahmen,

  im Inhaltsverzeichnis:
  "224" gendert in "229"
  (Civilisation und Wildniߠ229)

  Seite 6:
  "Gabrieln" gendert in "Gabrielen"
  (denn Gabrielen behandelte sie nicht wie eine Dienerin)

  Seite 8:
  "" und "" eingefgt
  (um aller Heiligen willen, bat Gabriele, so hab ich Dich)

  Seite 16:
  "" eingefgt
  (habe ich Schutz und Hlfe gefunden.)

  Seite 22:
  "Schade" gendert in "schade"
  (verdammt schade, da man rothes Fell)

  Seite 23:
  "mistrauischen" gendert in "mitrauischen"
  (seinem Gefhrten einen schnellen, mitrauischen Seitenblick)

  Seite 32:
  "Gariele" gendert in "Gabriele"
  (Gabriele! rief aber der Vater)

  Seite 37:
  "einem" gendert in "einen"
  (wie die Gesetze einen Overseer)

  Seite 37:
  "Mishandlung" gendert in "Mihandlung"
  (fr die Mihandlung dieser Unglcklichen)

  Seite 42:
  "" hinter "Duxon." entfernt und hinter "Cent," eingefgt
  (keine funfzig Cent, hhnte Duxon.)

  Seite 45:
  "machmal" gendert in "manchmal"
  (lgen Ihnen manchmal das Blaue vom Himmel)

  Seite 45:
  "Gescheideste" gendert in "Gescheidteste"
  (Das Gescheidteste wre)

  Seite 68:
  "aufgetrocknet" gendert in "ausgetrocknet"
  (noch nicht ganz wieder ausgetrocknet war)

  Seite 69:
  "" hinter "St.Clyde," entfernt und hinter "Gott!" eingefgt
  (Groer Gott! sthnte St.Clyde, erschttert auf die)

  Seite 75:
  "Cocktaws" gendert in "Chocktaws"
  (Es sind Chocktaws -- ich mu fort)

  Seite 87:
  "los lie" gendert in "loslie"
  (dieser sie halbbetubt loslie)

  Seite 90:
  "den" gendert in "denn"
  (ein Ende machte, denn er hielt pltzlich sein Pferd an)

  Seite 93:
  "berirdische" gendert in "Ueberirdische"
  (glaubt nicht mehr an das Ueberirdische)

  Seite 93:
  "" vor "oder" entfernt und "" hinter "getrumt," eingefgt
  (mit wachenden Augen getrumt, oder die lieblose)

  Seite 98:
  "la" gendert in "las"
  (nthigte ihn sehr artig zum Sitzen, las dann den Titel)

  Seite 108:
  "ewigens" gendert in "ewigen"
  (in die kreisenden Sonnenwelten des ewigen Seins)

  Seite 110:
  "ganzem" gendert in "ganzen"
  (er sie in seinem ganzen Leben noch nicht)

  Seite 113:
  "Fahrboote" gendert in "Fhrboote"
  (schnelle Fhrboote, mit kleinen rasch puffenden Maschinen)

  Seite 113:
  "Frucht" gendert in "Fracht"
  (eifrig beschftigt, die Fracht aus- oder einzuladen)

  Seite 124:
  "das" gendert in "da"
  (und der Gedanke auch, da sie ihren Verwandten)

  Seite 127:
  "Umstnden" gendert in "Umstnde"
  (siegten die ueren, keineswegs gnstigen Umstnde)

  Seite 130:
  "ihn" gendert in "ihm"
  (ihm fr die treue Wahrung seines Kindes dankte)

  Seite 135:
  "." eingefgt
  (an der Dampfbootlandung hin und her. -- Sollte er)

  Seite 136:
  "abhing" gendert in "anhing"
  (mit aller Liebe einer wirklichen Tochter anhing)

  Seite 139:
  "so gar" gendert in "sogar"
  (mute sogar ein paar Mal stehn bleiben)

  Seite 143:
  "das" gendert in "da"
  (ahnen zu lassen, da dort, wohin man)

  Seite 150:
  "des" gendert in "das"
  (habe unten an der Landung das Sternwheelboot)

  Seite 152:
  "fur" gendert in "fr"
  (in Mainstreet soll dann ein Wagen fr Euch stehn)

  Seite 152:
  "" eingefgt
  (dafr will ich auch schon Sorge tragen.)

  Seite 157:
  "halbschlauen" gendert in "halb schlauen"
  (die halb schlauen, halb ngstlichen Seitenblicke)

  Seite 166:
  "den" gendert in "gen"
  (Bug gen Westen und scho blitzesschnell davon)

  Seite 171:
  "krperlichen" gendert in "krperlichem"
  (was er zu krperlichem Wohlbefinden gebrauchte)

  Seite 172:
  "erungenen" gendert in "errungenen"
  (er entsagte ja nur einem errungenen Vortheil)

  Seite 176:
  "-" eingefgt
  (krzlich eingetroffenen Mail- oder Postboot)

  Seite 176:
  "," eingefgt
  (=Eagle of the West=, ein rasches wackeres Dampfboot)

  Seite 187:
  "unermdlichen" gendert in "unermdlichem"
  (der mit unermdlichem Eifer daran ging)

  Seite 190:
  "halten" gendert in "haltend"
  (an jeder Station ewig lange haltend, und zuletzt gar)

  Seite 203:
  "" hinter "Lippen." entfernt
  (und bi sich auf die Lippen.)

  Seite 217:
  "wiederstand" gendert in "widerstand"
  (sie widerstand allen meinen Bemhungen)

  Seite 230:
  "-" eingefgt
  (das Meeting- oder Bethaus)

  Seite 242:
  "" eingefgt
  (hahahaha! weier Mann -- mehr)

  Seite 251:
  "" hinter "gewesen;" entfernt und hinter "aber," eingefgt
  (an dem Tage gewesen; aber, setzte er leiser hinzu)

  Seite 258:
  "" hinter "lesen," entfernt und hinter "Mutter?" eingefgt
  (Soll ich weiter lesen, Mutter?)

  Seite 259:
  "" eingefgt
  (keinen Sohn -- keinen Freund....)

  Seite 263:
  "" vor "denn" und "" hinter "beziehen." entfernt
  (denn auf diesen mute sie doch natrlich das Gesagte beziehen.)

  Seite 263:
  "Sich" gendert in "sich"
  (was Sie sich htten denken knnen)

  Seite 264:
  "" vor "fuhr" entfernt und "" hinter "sein," eingefgt
  (mu es doch gewi sein, fuhr die unverwstliche)

  Seite 264:
  "Sich" gendert in "sich"
  (Denken Sie sich, Mi Baywood)

  Seite 267:
  "demselbem" gendert in "demselben"
  (ihr Auge begegnete in demselben Moment)

  Seite 268:
  "hieher" gendert in "hierher"
  (hierher nach Boonville zu holen)

  Seite 279:
  "ihn" gendert in "ihm"
  (Htte bei Htte durchforschte er nach ihm)

  Seite 302:
  "Drathpuppen" gendert in "Drahtpuppen"
  (Zum Teufel mit den seelenlosen Drahtpuppen)

  Seite 332:
  "den" gendert in "der"
  (Heizer auf einem der Mississippi-Dampfboote)

  Seite 376:
  "groen" gendert in "groem"
  (von vielem und groem Einflu sein)

  Seite 366:
  "Papierkabseln" gendert in "Papierkapseln"
  (die gewhnlichen Streichhlzchen in Papierkapseln)

  Seite 379:
  "freundlich" gendert in "freundliche"
  (fand ich eine freundliche Familie beisammen)

  Seite 410:
  "Scherck" gendert in "Schreck"
  (sich von seinem Schreck erholen konnte)

  Seite 411:
  "" eingefgt
  (vom anderen Ufer aus -- Hurrah Hunde -- fat ihn)

  Seite 412:
  "" eingefgt
  (Wie kam's, da Ihr den Otter fehltet, Merville?)

  Seite 412:
  "" eingefgt
  (er lag Euch doch dicht vor den Fen.)

  Seite 413:
  "Nell und Boney" gendert in "Nell und Boney,"
  (Nell und Boney, mit der greren Schwimmfertigkeit)


  sowie jeweils "," gendert in ","

  auf Seite 405:
  (S'ist nur ein Glck, meinte Dickson)

  und Seite 412:
  (Ich gebe Euch mein Wort darauf, betheuerte Merville)]







End of the Project Gutenberg EBook of Aus zwei Welttheilen. Zweiter Band., by 
Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS ZWEI WELTTHEILEN. ***

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

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editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
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