The Project Gutenberg EBook of Florens Abentheuer in Afrika, und ihre
Heimkehr nach Paris. Erster Band., by Julius von Vo

This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever.  You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org.  If you are not located in the United States, you'll have
to check the laws of the country where you are located before using this ebook.

Title: Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Erster Band.

Author: Julius von Vo

Release Date: May 10, 2015 [EBook #48917]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FLORENS ABENTHEUER IN AFRIKA, ERSTER ***




Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
http://www.pgdp.net. This book was produced from public
domain images generously made available by the University
and City Library of Cologne (Digital Collection Westerholt).









                          Florens Abentheuer
                              in Afrika,
                    und ihre Heimkehr nach Paris.


                       Romantisches Seitenstck
                                zu den
                Begebenheiten des Herrn von Jalonsky,
                                 von
                           Julius von Vo.

                             Erster Band.

                      Mit Kupfern und Vignetten.

                            Berlin, 1809.
                     Bei Johann Wilhelm Schmidt.




                             Erstes Buch.




                           Erstes Capitel.
                                Wohin?


Nichts ist geheimnivoller, wie eine Seefahrt, bei der man das Reiseziel
nicht kennt.

Da sammelten sich im Frhjahr 1798, Fahrzeuge, Piloten, Truppen,
Gelehrte, in Toulon. Jeder hatte nur den Befehl empfangen, sich
einzufinden, einen der allgemeinsten die es giebt. Aber vergebens
zerbrach man auf Caffeehusern, oder Lustwandlungen am Seegestade den
Kopf, wohin Steuer und Seegel lenken wrden. Nur dem groen Haupte war
das Geheimni bekannt. Das Ohr der Neugier hing an jedem Munde, doch die
Lippen, von denen Befriedigung ertnen konnte, schwiegen.

Der Matros wnschte, es mgte nach Jamaika gehn, weil es dort den besten
Rum giebt.

Dem Krieger wre die Fahrt nach den Brittischen Ksten, die
willkommenste gewesen, um seine Uniform aus dem besten Tuche der Welt
gefertigt, und ihre Taschen mit Guineen gefllt zu sehn.

Nach Peru wre lieber der Geometer gesegelt, dort einen Meridian zu
messen.

Der Mineralog sehnte sich nach Lndern voller Ur- Gang- Fltz- und
vulkanischen Gebrge, um erdige, salzige, metallische und gemengte
Fossilien zu sammeln, und noch neue zu entdecken.

Dem Botaniker konnte der Zug nicht weit genug gehn, denn er wollte die
Mooshirse in Afrika, die Schaukelpflanze auf den Sdseeinseln, den
Kannentrger in Zeilon, den Asant in Persien, die Mimose in Amerika, und
den Bonanapas-Giftbaum in Java suchen.

So dachte der Zoolog, denn der Macacco in Angola, wie der Ai in Guiana,
der fliegende Hund in Polinesien, und Vampyr in Chili, der Springhase in
der Barbarei, und die Genethkatze in Syrien, die Hyne, der Taguar, der
Lwe, Knguruh, Purna, Schakal, Zobel, Zebra, Bison, Cingalo, dann die
Schwimm- Sumpf- Strausartigen- Hhnerartigen- Sperlingartigen-
Rabenartigen- Spechtartigen- Geier- und Aarartigen Vgelgeschlechter,
die denkwrdigen Amphibien, die Insektenheere mit und ohne Fittig, die
seltsamen Conchilien, die Wrmlein, Mikroscopthiere, Petrefakten, muten
sie ihm nicht von gleichem Interesse seyn? Gab es nicht viele noch
unerforschte Gegenden, wo sich vielleicht, fast gewi ein noch nie
gefundenes Geschlecht ausmitteln lie. Auch schwamm er gleich willig
auf dem Oceane umher, da die Ichtyologie dort ihre reichen
Entdeckungsgefilde fand.

Die Alterthumskenner sehnten sich nach Inscriptionen und Gemmen, die
Architekten nach Tempelruinen, die Geographen wollten um den Erdball,
die Sternkundigen weit an den Sdpol, die Chemiker berall hin, um
berall die Dinge mit Elementarkrften in einfache Stoffe zu zerlegen.

Wer die Begebenheiten des Herrn von Jalonski las, und guten
Gedchtnisses ist, mu sich erinnern, da Ring und Flore durch die
Wirbelstrudel des Geschicks, auch nach Toulon geworfen wurden, und die
Unternehmung zu theilen dachten. Sie vertrauten sich muthig dem
Lebensgestirn, mogte es sie fhren.

Ring machte die Bemerkung: es sei hchst befremdend, da ein Feldherr
gegen Hundert Gelehrte in seinem Gefolge zhlte. Deutsche Helden htten
gegen Niemand eine grere Abneigung.

                   *       *       *       *       *

Man schiffte sich ein, lichtete die Anker, und mied den Hafen. Die blaue
Kste schwand, das helle Meer kte berall den therischen Saum.

Gen Sdost wendet sich der Cours, die Nauten erblicken die kleinen
Hierischen Eilande, bald darauf des Gebieters bergigte Heimath, dann
gings an die Knigsinsel vorber, deren Herrscher den Stolz der
beleidigten Republik schwer empfand.

Nach einigen Tagen nahte man den fruchtreichen Gestaden, wo des tiefen
Alterthums Legende die Polyphem hausen lie. Aus ihrer Mitte stieg der
drohende Vulkan zur Hhe.

Werden wir hier landen, finden wir der Orangen die Flle. Nein, es geht
vorbei.

Sollen vielleicht die Raubstaaten Afrikas der Neufranken Besuch
empfangen? Nein, dem heiterem Morgenlande zu, steuert der Pilot. Gilt
vielleicht dem Groherrn in Stambul der Besuch?

Doch man stationirt vor Malta. Eine Convoy von sechzig Segeln aus
Civitavecchia vereint sich mit der Flotte. Der Felsen, den Priestern von
altem Adel gehrig, wird angegriffen.

Hilf Himmel, wie erschraken die Ritter da droben, als die Kanonade
begann. Der warf die Pcelle, welche er eben las, in einen Winkel, jener
stie seine Mtresse unsanft von sich. Alles lief durcheinander. Man
hrte Flche in allen Zungen.

Sie hatten Recht. Eine Kanonade, lustig anzuhren im Theater oder bei
Musterungen, gellt unertrglich ins Ohr, wenn die scharfgeladenen
Schlnde uns zugekehrt sind.

Capitulation! ruft alles, in Bombenfesten Klften versteckt. Die Fahne
des heiligen Johann galt nicht mehr, die weie Fahne.

O ihr Rhodiser, die ihr einst euch so tapfer wehrtet, was sagt ihr im
Himmel droben, zu den Stiefenkeln? Doch trstet euch! Der Zorn tapfrer
Ahnen im Todtenreich ber die untapfre Nachkommenschaft ist nicht
selten.

Nach zwei Tagen waren die Unterschriften vollzogen, die Franzosen liefen
in den Hafen, und organisirten das Land. Wie weinten die Kinder der
Ritter!

Flore und Ring stiegen, wie der Schiffer spricht, auch an den Wall, und
besahen allerhand Merkwrdigkeiten. Rings Phantasie schwebte wonnig in
die Tiefen der Vorzeit zurck, als er die kirchlichen, griechischen, ja
phnicischen Alterthmer erblickte, die man hier vorzeigt; Flore htte
aber lieber einen neuen Anzug aus dem Palais-Royal gesehn, und war oft
der Frage nahe, welche ein naiver Knabe, den sein Hofmeister unter
herrlichen Versprechungen nach Rom geleitet hatte, im Museum des
Vatikans that: ^Est ce que je m'amuse?^

Die unkriegerischen Ritter hatten, wie man wei, ewigen Krieg
beschworen, und muten also dem Pflichteide nach, ein wenig gegen die
Trken kreuzen. Da hatte man denn hie und da ber Kauffahrer einen
stolzen Sieg getragen, und Gefangne gemacht, die sich zur Sklaverei auf
Maltha bequemen muten. Man fand deren einige Hundert vor, und nahm sie
an Bord, um ihnen die Freiheit da zu geben, wo sie ihnen ntzlich seyn
konnte. Nicht wenig befremdete die armen Teufel eine wohl nie erwartete
Gromuth.

Unter ihnen befand sich ein junger Muselmann Namens Coraim, von
freundlichem gutmthigem Ansehn, und aufgewecktem Sinn. Er hatte in La
Valette etwas italienisch und franzsisch reden gelernt, und unterhielt
die Gesellschaft des Schiffes, auf welches er gebracht worden war, das
nmliche, wo sich Ring und Flore befanden, mit mancherlei Erzhlungen.
Man erfuhr auch bald, da er ein Mhrchenerzhler war, deren es im
ganzen Morgenlande giebt, und welche die Stelle der Bcher vertreten. In
Deutschland hat bekanntlich vor einigen Jahren ein groes Genie das Wort
Kindlichkeit ausgesprochen, und wie gewhnlich, wird ein so
ausgesprochenes Wort von Tausend kleinen Genies nachgesprochen. Wohlan,
man knnte wohl behaupten, da die muselmnnische Kindlichkeit in dem
Behagen an Mhrchen, keine geringe Nahrung finde, und von da bis zu dem
Vorschlag einen solchen Gebrauch auch unter uns einzufhren, ist nur ein
kurzer Schritt. Auch leuchtet ein, da eine Mhrchenerzhlung bequem in
derselben Stunde in Hundert Ohren zu tragen ist, wogegen das Buch, wenn
es nicht in vielen Abdrcken gekauft wird, eine langsame Wanderung
machen mu.

Der Wind blies nicht erwnscht, die Flotte wurde ziemlich im Meere
aufgehalten. Desto mehr gab es der Langeweile, und jeder suchte einen
Zeitvertreib. Denn der Blick ins Meer hinaus empfindet bald
Einfrmigkeit.

Flore lag dann meistens den Coraim um eine Erzhlung an, und fand ihn
immer willfhrig, es mogte Tag oder Nacht seyn. Er glich darin nicht dem
Verfasser der Tausend und Einen Nacht, bei dem die anmuthige
Scheherazade immer angeredet wird: Wenn sie nicht schlafen, so erzhlen
sie uns doch eine von ihren allerliebsten Historien. Da aber einige
junge Pariser noch spt an seinem Hause vorbergingen und riefen: Herr
Galland, wenn sie nicht schlafen, so erzhlen sie uns doch eine von
ihren allerliebsten Historien, war der Mann sehr aufgebracht.




                           Zweites Capitel.
                          Coraims Erzhlung.


Nachdem der Sklave einen ziemlichen Vorrath unglaublicher Berichte
erschpft, und seiner Hrer Einbildung mit Geistern, Riesen, Zauberern,
Derwischen berfllt hatte, theilte er auch die wahre Geschichte einer
schnen Europerin mit, die sich vor einiger Zeit in Cairo zugetragen
hatte.

Ein Spanier segelte von Barzellona nach Egypten, weil er zu Cairo als
Consul seiner Nation wohnen sollte. Man hatte nicht Frieden mit Algier,
ein Corsar griff das spanische Schiff an, und ward Sieger. Die gefangene
Mannschaft wurde nach seiner Heimath gefhrt, und auf dem Sklavenmarkte
feil geboten.

Der Spanier wre gefat gewesen, da er berzeugt seyn durfte, bald von
seiner reichen Familie losgekauft zu werden, aber er fhrte seine
neunjhrige Tochter mit sich, und hatte schon auf dem Raubschiffe
gefleht, sie nicht von ihm zu trennen. Dies war aber umsonst gewesen,
wie das Winseln der ihn umklammernden Isabelle; der Corsar hatte Weiber
und Mnner theilend, sie im Hafen auf zwei verschiedene Chaluppen
gesetzt, die nicht weit von einander dem Strande zuruderten.

Isabelle, so khn wie zrtlich, hatte sich aber in einem Augenblicke, wo
beide Fahrzeuge fast mit den Borden zusammenstieen, aufgerafft und
einen Sprung gewagt, um zu ihrem Vater zu gelangen. Indem aber waren die
Boote wieder nach zwei Seiten gewichen, und die Unglckliche in die
Wogen gesunken. Das Bestreben, sie zu retten, blieb unbelohnt, um so
mehr, als die Dunkelheit des hereinbrechenden Abends, und die Strmung
der See hinderlich waren. Der trostlose Vater hrte nichts mehr von der
geliebten Isabelle.

Nach einem halben Jahre langte die Ranzionsumme an, und frei, doch
traurig und gebeugt begab sich der Spanier an den Ort seiner Bestimmung.
--

Sechs Jahre darauf langte eine Caravane von Fezzan zu Cairo an. Unter
vielen mitgebrachten verkuflichen Gegenstnden, sah man auch den
Sklavenmarkt durch diese Caravane gefllt. Man fand dort Eunuchen und
glnzende Negerinnen, mit perlweissen Zhnen. Doch vor allen fesselte
ein funfzehnjhriges europisches Mdchen, die Aufmerksamkeit der
Kufer. Wuchs, Auge, Haar, alles bezauberte an ihr, wie sich von selbst
versteht, und gegen die Sitte, war sie bekleidet, weil sie dem
Sklavenhndler erklrt hatte, da sie sich den ersten gelegenen Tod
geben wrde, wenn er sie, gleich den andern Mdchen, ohne Hlle
ausstellte.

Die Beis waren grade in Krieg verwickelt, und dachten nicht an den
Harem, die reichen Muselmnner versteckten ihr Geld, deshalb konnten
sich Europer auf dem Bazar einfinden.

Unter andern befand sich eben ein Italiener zu Cairo, der egyptische
Seltenheiten einkaufte, Namens Signor Perotti. Alte Mnzen von den
Ptolemern, kleine Gtzenbilder aus der Pharaonenzeit, Steine mit
Hieroglyphen, hatte er schon in Menge zusammengebracht. Schon fter
hatte er vordem eine solche Handelsreise gethan, war denn mit seinen
Waaren nach Neapel, Rom und Venedig gegangen, wo er sie meistens an
reiche reisende Britten, mit unerhrtem Vortheil abgesetzt hatte.

Signor Perotti erschien auch auf dem Bazar, das lsterne Auge an den
Reizen der enthllten Mdchen zu weiden. Da er aber Isabellen sah, deren
Verhllung grade die lieblichsten Ahnungen erweckte, ward ihm der
glhende Wunsch nach Besitz rege, und er fragte zitternd um den Preis.
Es wurden Tausend Piaster gefordert. Viel fr einen Geitzhals, doch
berwand die Leidenschaft, und da der Verkufer nichts ablassen wollte,
so zahlte Signor Perotti.

Isabelle rang weinend die Hnde, da sie ihren Kufer betrachtete. Sie
redete ihn an, er verstand sie aber nicht. Wohl hatte sie erst
gewnscht, ein Europer mogte sie erstehn, dem sie sich entdecken, und
ihn bewegen mgte, an ihre Familie zu schreiben, allein das ganze Wesen
dieses Pantalons deutete ihr nichts Gutes.

Eben aber, da der Handel abgeschlossen wurde, trat auch ein junger
Franzose hinzu, wurde pltzlich von des holden Mdchens Schnheit
bewegt, und fragte den Welschen mit Ungestm, ob er sie mit hohem
Vortheil ihm berlassen wollte? Nein, versetzte Jener, und so ich
zehntausend Piaster gewnne. Das Mdchen blickte vielsagend nach dem
Franzosen, und er begriff, da sie sich lieber in seinen Hnden befinden
wrde. Eine Entdeckung, die das Feuer seiner Liebe natrlich noch um so
mehr anfachte.

Er schlich dem Italiener nach, seine Wohnung zu erkunden, holte dann
eine bedeutende Summe, und begab sich wieder zu ihm. Dieser schlug aber
alles fest ab, und der Franzose ward, da er wieder erschien, nicht ins
Haus gelassen.

Trostlos berathete dieser mit seinem Diener, was hier anzufangen sei.

Das Haus hatte nach morgenlndischer Sitte keine Wohnzimmer vorne
heraus, es bestand also nicht einmal die Hoffnung, die Schne im
Vorbergehn zu erblicken, weit weniger ihr ein Billet zuzuwenden. Ins
Haus zu gelangen, das war ein Problem, welches er vollends nicht zu
lsen wute. Wie die Eifersucht ihn unter solchen Umstnden qulte,
fhlt auch jedermann.

Indessen hatte man sich genau um das Treiben des Signor Perotti
erkundigt, und Michelet, des Franzosen verschlagener Diener, entwarf
einen Plan, seinen Herrn zu dem Mdchen zu bringen, es koste was es
wolle.

Er begab sich nach des Italieners Wohnung, und pochte an. Der Herr
erschien vor der Thr, nachdem er das Haus vorsichtig wieder geschlossen
hatte, und fragte nach des Fremden Begehren. Dieser vertraute ihm
geheimnivoll, er habe sich in eine der Pyramiden von Gizah gewagt, und
sei mittelst der mhvollen Hinwegwlzung eines groen Steines tiefer
eingedrungen als wohl noch jemand zuvor. Hier habe er eine kostbare ganz
unversehrte Mumie gefunden, und sie bei Nacht, und unter vielen Gefahren
nach Cairo geschafft. Wenn Signor Perotti Lust habe, knne er sie
kaufen.

Dieser war gleich dazu geneigt, und fragte: wo er die Seltenheit sehen
knne? Bei mir nicht, antwortete Michelet, da wrde es Verdacht
erwecken, und ich wrde um die Entwendung bestraft. Da aber in eurer
Wohnung kein Eingeborner lebt, so knnen wir dort alles ordnen, und ich
bin bereit, diesen Abend die Mumie in ihrem Sarge zu euch zu bringen.
Zwei vertraute Landsleute sind mir behlflich.

Der Italiener, in Hoffnung groer Vortheile, war es zufrieden, und
erklrte, da er ihn am Abend erwarten werde.

Nun ward ein Mumiensarg, deren es in Cairo viele giebt, angeschafft, und
wie der Leser wohl schon erwarten mag, der junge Franzose hineingepackt.
Liebe, und Intriguengeist ermannten ihn, das Abentheuer zu bestehn, und
die Qual der beengten Lage zu dulden. Viele Luftlcher sicherten ihn
gegen Erstickung.

Es war Abend, Michelet und einige Bekannten trugen die Last an den Ort
ihrer Bestimmung. Signor Perotti, lie nur den Ersteren mit ein, und
trug sammt ihm den schweren Sarg in eine Kammer mit Gitterfenstern. Eben
sollte er nun geffnet, und die Mumie geprft werden, als es drauen mit
groem Getse an die Hausthr pochte. Der Italiener ging mit Michelet
aus der Kammer, verschlo sie, und fragte: wer sich am Hause befnde?
Diener vom Bei des Quartiers, lautete die Antwort. Man mute ffnen.
Zwei Mamelucken standen da, und forderten, da der Frank unverzglich zu
ihrem Herrn kme. Gegen solchen Befehl gilt im Morgenlande keine
Einwendung, Signor Perotti beschied also den Mumienverkufer nach
einigen Stunden wieder, schrfte seinem Bedienten Wachsamkeit ein,
versah die Hausthr noch mit einem berflssigen Vorhngeschlo, und
folgte den Mammelucken.

Der junge Franzos ffnete nun sein ngstliches Behlter, und stieg leise
hinaus. Dunkel war die Kammer, das Fenster wohl verwahrt. Aber
Liebesritter versehn sich auf solche Flle. Eine Quantitt Scheidewasser
und eine scharfe Feile setzten ihn in Stand, durchs Fenster sich Raum zu
verschaffen.

Freilich konnte das nicht ohne Gerusch vollzogen werden. Doch jener
Bediente des Signor Perotti, der einen Sarg hatte ins Haus tragen sehn,
und nun das Bewegen und Klirren vernahm, ward furchtsam, und wagte nicht
nach dem Fenster zu eilen. Er wollte aus dem Hause, hinter seinen Herrn
laufen, und diesem berichten, was vorging, doch die Thr war zu.

In dieser Angst schlo er das Zimmer Isabellens auf, (gegen ihn, da er
alt war, argwohnte der Italiener nicht) und begehrte von ihr, sie sollte
mit ihm in den Hof kommen, damit er jemand bei sich htte, und Muth
behielt.

Natrlich fragte Isabelle: was es gbe? Entweder ward die Mumie
lebendig, oder in dem Sarge steckt ein Dieb, erwiederte Antonio.

Es war, als ob Isabellen etwas ahnte, und sie ging um so williger nach,
als ihr die Freiheit willkommen war, ihr Zimmer verlassen zu knnen,
denn bisher war sie immer eng eingesperrt gewesen.

Man kam in den Hof, und hrte die Feile. Isabelle nahte dem Fenster,
weil Antonio noch nicht dazu sich bewegen lie. Der Franzose inwendig,
indem er wahrnahm, da von Auen jemand heranschlich, sah sich
verrathen, und versuchte, was eine Geldsumme bewirken mgte. Er sagte
leis: Hundert Piaster sind zu gewinnen, so ihr mich zu der Sklavin
lasset.

Isabelle erkannte augenblicklich die Stimme des liebenswrdigen jungen
Mannes wieder, der so theilnehmend herangetreten war, als sie neulich
verhandelt worden. Besonnen flsterte sie dem bebenden Diener zu: Hier
ist ein Ruber, eile auf mein Zimmer, da wirst du einen Dolch finden,
bringe ihn schnell hieher.

Antonio stolperte davon, kaum war er aber auf des Mdchens Zimmer
angelangt, als dieses hinter ihm verriegelt wurde, denn Isabelle war
nachgeeilt.

Jetzt kam sie wieder vor jenem Gitter an, und fragte: was das heimliche
Beginnen deute? Der Franzos hrte die Mdchenstimme froh berrascht, und
vernahm auch bald, da die, welche sein leidenschaftlicher Ungestm
suchte, ihm nahe sei. Er malte ihr mit den glhendsten Farben, seine
Liebe, und bat sie, mit ihm davon zu eilen. Eben hatte er auch einige
Eisenstbe weggebracht, und konnte sich in den Hof hinausschwingen.

In starrer Verwunderung weilte das Mdchen; ihr Abscheu vor dem
Italiener siegte aber gleich ber die Bedenklichkeiten, und sie fragte
schon, wie eine Flucht mglich sei? Zugleich berichtete sie, da der
einzig im Hause vorhandne Diener in ihrem Zimmer verriegelt wre.

Die Beiden hatten nun immer Spielraum gewonnen; die Treppe nach dem
Dache ward gesucht, das Schlo daran mit Gewalt zerstrt, und der
Franzos stieg mit Isabellen hinauf. Es war platt, wie in ganz Cairo der
Gebrauch besteht. Nun gab er ein Zeichen, das unten von der Gasse
beantwortet wurde. Eine Strickleiter ward mit einer Stange dargereicht,
der Franzos befestigte sie, und lie mit Hlfe Michelets, Isabellen und
sich hinab.

Zuvor hatte er aber noch Tausend Piaster auf den Mumiensarg gelegt, und
daneben geschrieben: Franzsische Intrigue.

Signor Perotti war unterdessen den Mammelucken gefolgt, die ihn aber
unter allerlei Vorwand auf der Gasse aufhielten. Bald gab es dies bald
jenes zu sehn, und es verging um so viel mehr Zeit, da in Cairo die
Straen mit Thoren versehen sind, die erst geffnet werden mssen.
Endlich aber gingen sie nach dem groen Canal hinab, und gaben dem
Signor Perotti auf, nur ihrer am Ufer droben zu harren, da sie einen
ihrer Kameraden, der unten die Wache bei den Barken des Beis htte, zu
sprechen htten. Allein sie kamen nicht zurck, und nur nach einer
ungeduldig ausgeharrten Stunde, wagte der zaghafte Italiener
hinabzusteigen, wo er denn keine Barke und keinen Mammelucken mehr
gewahrte.

Zitternd schlich er nach des Beis ihm wohlbekannter Wohnung, allein die
Dienerschaft wute von keinem solchen Befehl, und er lief was er konnte
nach Hause, denn ihm leuchtete nun wohl ein, er htte es mit vermummten
Betrgern zu thun gehabt.

Zuerst ward er die noch herabhngende Strickleiter inne. Grausenhaftes
Zeichen! Im Hof rief er den Antonio vergebens, und fand ihn endlich
statt Isabellen auf ihrem Zimmer. Heulend verkndigte er das Auferstehn
der Mumie, und empfing Mihandlungen seiner unvorsichtigen Furcht wegen.
Endlich schlug Signor Perotti neben dem Sarge die Hnde ber den Kopf.
Sein Schmerz war ernstlich, und die Tausend Piaster trsteten ihn nicht.
Er hatte durch seinen Handel nach der Levante whrend zwanzig Jahren
etwas namhaftes erworben, und wollte sich nun auch einmal gtlich thun.

Der junge Franzos, Coutances war sein Name, war unterdessen mit der
reizenden Beute in seiner Wohnung angekommen, und Michelet bereitete ein
Mahl. Der Mann besa eben keine Reichthmer, sondern fing meistens mit
aufgenommenem Capital eine Kaufmannschaft an. Die Tausend Piaster, im
Rausch der Liebe hingezahlt, konnte er eigentlich nur schwer missen.
Isabelle warf sich, wie sie sich allein befanden, zu seinen Fen hin,
und bat um Schonung. Zugleich sagte sie ihm: ich gehre einem reichen
Geschlechte in Spanien, und wurde von Corsaren geraubt. Suchen sie
Erkundigungen einzuziehn, ob mein Vater vielleicht losgekauft, und nach
Cairo gekommen ist. Wo nicht, so lassen sie uns nach Spanien reisen, und
empfangen dort meine Hand mit einem ansehnlichen Vermgen. Das sei der
Lohn ihrer Gromuth. Die Versicherung, da mein Herz schon im ersten
Augenblicke fr sie sprach, das Vertrauen, womit ich ihnen folgte, gnge
bis dahin ihrer Liebe.

Coutances hrte ihr mit Befremdung zu, empfand Ehrfurcht fr Isabellen,
und schwur ihr Begehren zu heiligen. Er fragte noch: warum in Algier
keine Anstalten zu ihrer Befreiung getroffen worden, und erfuhr: nachdem
sie durch Fischer aus dem Meere gerettet wre, htten sie diese nach
einem Landhause gebracht, und einer alten Dame verkauft, die groe
Anhnglichkeit fr sie gefat habe, und sich durchaus nicht htte von
ihr trennen wollen. Bei einem innerlichen Kriege sei sie aber aufs Neue
geraubt, und endlich in die Gewalt des Sklavenhndlers gekommen, der sie
nach Cairo gebracht.

Der Geliebte ging am folgenden Morgen zu einem Bekannten, und fragte
nach den Lebensumstnden des spanischen Consuls. Zu seinem grtem
Vergngen hrte er, da der Mann sich beinahe sechs Jahr in Egypten
befnde, und auf der Reise den Unfall erlebt habe, Algierischer Sklave
geworden zu seyn. Kein Zweifel weiter. Auf der Stelle eilt er zu ihm,
und theilt schon im Geiste das Entzcken Isabellens.

Vor der Hausthr steht ein Mann, den Coutances fragt: ob der Consul
daheim wre? Nein, ist die Antwort, er bringt einige Zeit in seinem
Garten zu, da er an der Augenkrankheit leidet, und hier so viel Staub
ist. Wit ihr den Garten Freund? Knnt ihr mich auf der Stelle dahin
fhren? -- Warum nicht.

Jetzt kmmt ein Diener mit zwei gesattelten Eseln die Gasse her. Sie
gehren dem Consul, sagt jener Mann, besteigen wir sie, der Herr wrde
es bel nehmen, wenn man einem Fremden den weiten Weg zu Fue machen
liee. Coutances lt sich das gefallen, nimmt das eine Thier, der
Andere das zweite, und so trabt man fort.

Ein kleiner artiger Garten nimmt den Franzosen auf, der nun in den
Pavillon gefhrt wird. Die Fenster sind grn verhangen, ein Augenkranker
sitzt, das Gesicht umschirmt, auf dem Sopha. Sind sie der spanische
Consul, mein Herr? -- Zu Dienst. -- Besaen sie eine Tochter? -- O Gott,
warum mahnen sie mich daran? Sie ertrank im Hafen von Algier. Sie lebt,
glcklicher Vater, sie ist in Cairo!

Der rasche Ungestm der freudigen Ankndigung bringt ihn einer Ohnmacht
nahe. Coutances untersttzt ihn, mu nun erzhlen, wieder erzhlen, soll
hin zu ihr -- noch bleiben -- dann wieder eilen, da der Spanier den
glcklichen Moment nicht erwarten kann.

Der Franzose wird eingeladen, auch seine Wohnung in dem Garten
aufzuschlagen, was ihm allerdings nicht unwillkommen ist. Der Alte
drngt. Eine Snfte soll sogleich Isabellen holen, Coutances seine
Habseligkeiten ohne Zaudern mitbringen. Man giebt ihm deshalb noch
einige Packesel mit, und er eilt von dannen.

Wer ist froher wie Isabelle bei so freudiger Botschaft! Sie fliegt zur
Snfte, kaum kann der Geliebte die Trger zurckhalten, die sie so
heftig antreibt. Er und Michelet laden alle Sachen, so schnell es
thunlich ist, auf, und folgen der Snfte.

Man kmmt wieder in dem Garten an, Coutances fhrt Isabellen in den
Saal, die entzckt vor dem Alten niederfllt. Indem ruft der Mann
drauen, die Eseltreiber htten einige Stcke von dem Gepcke verloren.
Coutances, der Isabellen beim Vater wei, springt zurck, denn an dem
Umstand ist ihm gelegen. Die Eseltreiber sind mit den Thieren
zurckgeeilt, auch der Mann. Coutances und Michelet folgen zu Fue, denn
ihre Reitesel sind bei Seite gefhrt.

An einer Ecke hatte man jene im Getmmel aus dem Gesichte verloren.
Hchst verdrielicher Umstand. Man eilt aus einer Gasse in die andere.
Umsonst! Man erreicht zuletzt die alte Wohnung. Da stehen die
Eseltreiber mit dem Gepcke. Es fehlt nichts wie jener Mann. Die Kerle
erklren, er habe ihnen angedeutet zurckzukehren. Sonderbar! Seid ihr
denn nicht im Dienste des Consuls? Nein, wir wurden gedungen.

Coutances bergiebt sie seinem Diener, und eilt wieder nach jenem
Garten. Darber aber sind bei der weiten Entfernung, und manchem
hinderlichen Aufhalt, einige Stunden vergangen. Der Pavillon ist leer.
Er fragt nach dem spanischen Consul. Den kennt der Wirth dieses
ffentlichen Gartens nicht. Einige Unbekannte haben ihn nur auf heute
gemiethet.

Er eilt zur Wohnung des Consuls in der Stadt. Der Mann, durch den er
neulich in der Thr Bescheid erhielt, findet sich nicht mehr vor;
dagegen erfhrt er im Hause von der Dienerschaft, der Consul sei weder
krank, noch in einem Garten gewesen.

Schnell fliegt der Franzos wieder zu Signor Perotti. Der ist heute
ausgezogen, man wei nicht wohin? Ein Mtterchen, die jenen von oben bis
unten besieht, spricht: ja es trifft zu, und fhrt ihn in die Kammer wo
der Mumiensarg noch steht. Er ist versiegelt, und hat auf dem Deckel
eine Aufschrift an Coutances. Erffnet findet sich darin ein Beutel mit
Tausend Piastern, und auf einem Papiere die Worte: Italienische
Intrigue.

Wer malt den Zorn des Betrogenen! Er konnte sich alles deuten, da
Isabelle ihm gesagt hatte, sie habe dem Perotti ihre Geschichte
vertrauen wollen, weil er aber das Spanische nicht verstanden, so habe
sie alles zu Papier gebracht, und jener sich es wollen bersetzen
lassen.

Coutances lief nun abermals zum Consul, und erbat sich abermals eine
Unterredung. Nachdem es sich erwiesen hatte, da Isabelle vollkommen
wahr geredet, und Entzcken ber den wahren Vater kam, berichtete er nun
weiter, wie er so planmig durch den Italiener gefoppt sei.

Alle Mhe, die eben sowohl der Spanier wie Coutances anwandten, Signor
Perotti und Isabellen zu entdecken, blieb mehrere Tage unbelohnt. Dann
aber empfing der Vater durch einen Unbekannten ein Schreiben ohne
Anzeige des Aufenthaltes. In demselben zeigte Perotti an, wie er durch
seltsamen Zufall, Isabellen aus der Sklaverei gekauft habe. Er setzte
hinzu: Die Landessitte gbe ihm ein unbestrittenes Recht auf das
Mdchen, und dies wrde er auch ben, und sie auf seinen weiteren Reisen
mitnehmen, ohne da der Vater sie zu Gesicht bekme, es sei denn, dieser
wolle ihn zu seinem Eidam machen. Wre dies etwa sein Entschlu, so
mgte er ihn mittelst eines Anschlags an eine gewisse Mauer in
italienischer oder franzsischer Sprache kund thun.

Hierdurch fand sich der alte Mann ziemlich gepret. Wie konnte er einem
Unbekannten, von dem dazu des Franzosen Schilderung sehr unvortheilhaft
war, so rasch sein einzig Kind zusagen. Gleichwohl besa dieser dieses
Kind in seiner Gewalt, und ein andres Mittel, ihn zur Auslieferung zu
bewegen, entdeckte sich so leicht nicht. Doch wurde zuvor ein Anschlag
versucht, in welchem der Spanier erklrte: Wenn Isabelle es zufrieden
sei, wrde er auch seine Einwilligung nicht zurckhalten; wre das aber
nicht, so hoffte man von dem Zartgefhl des Italieners, er werde von
selbst keinen Zwang begehren, und ein reicher Lohn andrer Art wre immer
fr ihn bereit. Es wurden dringende Bitten angefgt, des Vaters
zrtliche Wnsche schnell zu befriedigen.

Signor Perotti wollte das aber nicht eingehn. Er verlangte in einem
anderweitigen Briefe, die runde nette Erklrung. Sonst, hie es weiter,
reisete er ab, und nimmer wrde der Spanier sein Kind an die Brust
drcken.

Was blieb letzterm nun brig, wie eine bestimmte Zusage? Er bat zugleich
Coutances, zur Erhaltung des Friedens, sein Haus zu meiden, denn
letzterer hatte in der Erzhlung wohl entdeckt, wie er sich schmeichele,
von Isabellen geliebt zu seyn.

Dieser schwur aber, das Mdchen um jeden Preis dem Italiener zu
entwinden, denn er konnte den Gedanken nicht tragen, auf sie Verzicht zu
thun. Ein Kaufmann seiner Landsmannschaft versprach ihm Gelddarlehne, um
weitschichtige Anstalten zu treffen, und Michelet bot, ein anderer
Scapin, allen Erfindungsgeist der List auf. Das Haus des Spaniers wurde
vorerst durch tiefvermummte Beobachter von allen Seiten umlagert.

Nicht lange so kam Signor Perotti, wiewohl noch alleine, an. Er lie
sich nun noch von dem Spanier eine frmliche Handschrift aushndigen,
und nach dieser neuen und festen Sicherheit versprach er das Mdchen zu
bringen. Es war aber schon gegen Abend; in der Dunkelheit sollte nichts
geschehn, am andern Morgen erst, setzte er hinzu, drfte der Consul die
Tochter erwarten. Eine Marter fr seine vterliche Sehnsucht.

Am andern Morgen kam Signor Perotti die Gasse daher. In einer
wohlverschlossenen Snfte wurde Isabelle getragen, und um ja keinem
Unfall blosgestellt zu seyn, hatte er sich von dem Bei seines Distriktes
sechs Soldaten zur Wache erbeten, und diese gut bezahlt. Er traute dem
Franzosen nicht, und frchtete, dieser mgte ihm seine Beute allenfalls
mit Gewalt entreissen.

Ein etwas schmaler Canal lief queer durch diese Gasse. Eben als die
Snfte auf der hlzernen Brcke angelangt war, entstand vor derselben
ein dickes Gedrnge von Franken und Egyptern, die ber einen
Kameelhandel in Zank gerathen waren. Das streitige Thier stand so, da
in der schmalen Gasse fast kein Raum mehr blieb, vorber zu kommen, um
so mehr, als so viele Menschen hinderlich waren, es in eine andere
Richtung zu bringen. Dem Italiener war das aufs Aeuerste verdrielich;
er lie die Snfte niedersetzen, stand an einer Seite derselben, Antonio
an der anderen, die Soldaten muten einen dichten Kreis um ihn ziehn,
und ins Volk rufen, damit bald Raum gemacht wurde. Bald schwand eine
Viertelstunde hin. Dann aber konnte man vorwrts dringen.

Der Consul stand voller Erwartung an seiner Thr. Endlich kam die
Snfte, wurde durchs Haus in den Hof getragen, und Signor Perotti eilte
aufzuschlieen. Mit offnen Armen stand der Vater da, wollte nun die
Langentbehrte glhend umfassen, doch die Thr ffnete sich, und zeigte
eine leere Snfte. Auf dem Sitze lagen Tausend Piaster, und ein
Zettelchen, mit den Worten: Franzsische Intrigue.

Signor Perotti tobte wie unsinnig, der Alte sank bleich zurck. Ersterer
versicherte Isabellen in den Tragsessel gehoben, mit eigner Hand die
Thren verschlossen zu haben, das wurde von Antonio, den Soldaten, und
Trgern bezeugt, wie auch, da unterwegs an keine Oeffnung derselben zu
gedenken gewesen wre.

Man lief zurck, tobte, lrmte, setzte Prmien aus, nichtig. Endlich
gerieth der Consul in Zorn wider den Italiener, und verbat seine
ferneren Besuche.

Nach einiger Zeit schrieb Coutances, da er sich im Stande fhle, ihm
Vaterglck zu bereiten, doch wrde er denselben Punkt feststellen, der
vorhin dem Italiener bewilligt sei.

Froh war der Vater, da sein Kind sich in des Franzosen Hnden befand,
er schlug gern ein.

Es mu nun erzhlt werden, welche Mittel Coutances angewandt hatte.

Die Spher waren dem Italiener nachgeschlichen, und hatten so seine
Wohnung entdeckt. Dieser lie sich auf keine Weise beikommen, denn hohe
Mauern waren zu bersteigen, die in ein Gehft fhrten, unter dessen
vielen Huschen, denn bei Nacht das rechte sich nicht erkennen lie.
Dagegen berathete man, da ohne Zweifel am Morgen eine Snfte fr
Isabellen wrde gemiethet werden, und besah den Weg, der zu nehmen war.
Weil nun viele Snften an einem nahen Eckplatze standen, so begab sich
Michelet mit einigen Handwerkern in Holz, whrend der Nacht dorthin, und
an der einen wurde der Fuboden losgemacht, unten aber mit einem
Schieber versehn. Zugleich wurde ein Mechanismus angebracht, nach
welchem von unten ein kleiner Zettel in die Snfte zu bringen war, des
Inhalts: Isabelle mgte nichts befrchten, wenn die Snfte still stnde,
und der Boden sich nach unten ffnete, sondern sich muthig der Liebe
vertrauen. Ihr Vater htte sie dem Perotti als Gattin zugesagt, besser,
sie erblickte jenen um einige Tage spter, wie unter einer so schnden
Bedingung.

Nun hatte man sich zu der Brcke begeben, und mit so wenigem Gerusch
als mglich, eine Fallthr gezimmert, die von Auen mit Staub beworfen,
aber sehr genau bezeichnet ward. Als nun die Snfte auf der Brcke
anlangte, war das hindernde Getmmel durch bestochene Leute aus dem
Pbel erregt, bereit; und der verkleidete Michelet, mit einigen
Landsleuten ruhte nicht, bis die Snfte auf den rechten Punkt gedrngt
war. Da wurde es nun das Werk einiger Minuten, Isabellen durch die
Fallthr in die unter der Brcke harrende Gondel, in welcher sich
Coutances mit zwei Freunden befand, zu schaffen. Allerdings hatte man
auch alle brigen Snften weggemiethet, da nur die rechte noch fr
Signor Perotti brig blieb. --

Dieser schnob nun Wuth und Rache. Nimmer schwur er, soll der Franzose
das Mdchen besitzen, und sollt ich mein halbes Vermgen aufwenden. Auch
er that das seinige, den Aufenthalt desselben zu ersphn, wie dieser
wieder keine Maasregeln versumte, um das Mdchen zu sichern. Er schlief
keine Nacht, sondern wachte mit Michelet auf das Sorgsamste. Da ihm des
Consuls Antwort, Isabellens Besitz verhieen hatte, traf er Anstalten,
sie ungefhrdet in das vterliche Haus zu bringen. Man baute eigens eine
gerumigere Snfte, in welche er sich neben Isabellen setzen konnte.
Michelet umgab sie mit mehr als zwlf Wchtern, und so trat man den Weg
durch entlegene Gassen an.

So kam denn Isabelle zwar zu ihrem hocherfreuten Vater, und die
Liebenden glaubten, in dem gutverwahrten Hause, und bei der zahlreichen
Dienerschaft des Spaniers, nichts befrchten zu drfen, demungeachtet
war aber Isabelle am andern Tage wieder aus dem mit starken Gittern
gesicherten Zimmer verschwunden, ohne da jene oder die Thren im
mindesten zerstrt gewesen wren. --

_Land_, _Land_, rief es hier, und die kleine Gesellschaft, die der
Erzhlung Coraims mit groer Theilnahme gehorcht hatte, sprang eiligst
zum Verdeck hinauf. Seitdem man die Spitze der Insel Candia vor einigen
Tagen erblickt hatte, und der Cours immer wieder nach Sdost ging, war
die Vermuthung allgemein geworden, Egypten sei das Reiseziel des
franzsischen Heeres. Um desto reger hatte auch die Einbildungskraft
gearbeitet, whrend der Trke erzhlte.

Nun verga man ihn und Isabellen. Der Anblick jener weien Kste, zog
unwiderstehlich an. Von allen Seiten her schimmerten die Seegel, und die
Fahrzeuge sammelten sich vor dem Thurm der Araber, unweit Alexandrien.
Da man die Englnder vermuthete, nahmen die Kriegsschiffe eine
Vertheidigungsstellung, whrend dessen bald vier bis fnftausend Mann
gelandet wurden, die nach der Pompejussule vormarschirten.

Der Feldherr, treu der Maxime des Tacitus: Bei einer Entschlieung, die
erst _vollfhrt_ Lob verdient, findet keine Bedenklichkeit statt!
marschirte sogleich nach Alexandrien, nahm es mit Sturm ein, und
verjagte die Mammelucken und Araber. Dadurch gewann man hinterwrts
Sicherheit, und alle Truppen, und was zum Heere gehrte, konnten nun ans
Land treten.

Wie war Ring bezaubert, wie er den alten urklassischen Boden unter
seinen Fen fhlte. Er erklrte Floren das Alterthum dieser Erdgegend,
und bereitete sie vor, des Merkwrdigen unendlich viel zu sehen, ob sie
gleich mit etwas offnen Munde dastand, und sich hher erfreute, den
Meerstrmen, und den Gefahren einer immer erwarteten Seeschlacht
glcklich entgangen zu seyn.




                           Drittes Kapitel.
                            Reminiscensen.


Da sind also unsre Reisenden in dem lieblichen Lande, dessen Bild schon
tausend Erinnrungen weckt. Der hellsten von allen dachte Ring unter
einen Dattelbaum hingestreckt nach. Es ist die Reise jener Cleopatra,
die Shakespear wohl mit Unrecht eine Zigeunerin nannte, da sie von dem
griechischen Knigsstamme, nach Alexanders Tode gepflanzt, war.
Gleichwohl beschrieb der so lebendig malende Britte, die Fahrt dem
Cydnus bezaubernd:

   Cydnus Wogen trugen sie, die Gondel
   Brannt' ein Feuerthron auf Lazurfluthen,
   Und die Purpurwimpel Sidons hauchten
   Sabas edlen Zauberduft, da Eurus
   Nur mit ihnen, nicht um Flora buhlte.
   Silberruder schlugen nach dem Takte,
   Ser Flten, die verwandten Wellen,
   Deren Perlschaum ihnen tanzend folgte.
   Aber sie, die Charitin Canopens,
   Unter ihres Baldachins Gewlbe,
   Die Anmuthge hhnte Pinsel, Lyra,
   Und zur Bettlerin wird die Beschreibung;
   Ein Gemld', ein Bildni, dem getroffnen
   Blicke, das Protogenes Cythere,
   Wo Natur der Dichtung Kraft erlegen,
   Selbst verdunkelte. Mit Wangengrbchen
   Lchelten den Amorn gleich, zur Seite
   Schne Knaben, die mit bunten Fchern
   Khlung ihrem Rosenantlitz wehten,
   Und doch nur die Glut erhhten, Feuer
   Schrten, das ihr Hauch vernichten sollte.
   Gleich den Nymphen und den Tchtern Nereus
   Harreten der Gttin Wink verschmte
   Zarte Mgdlein, wurden reizender
   Wenn sie sich vor ihr gewrtig beugten.
   Eine liebliche Syrene steurte,
   Leicht erblhten seidne Seegelthaue,
   Vom Berhren Blumumwundner Hnde,
   Der geschftgen holden Schifferinnen.
   Unsichtbarer Himmelswohlgeruch,
   Strmte weit auf die beblmten Ufer --
   Auf sie go die weite Stadt ihr Volk,
   Die Bewunderung sank froh zu Fssen,
   Und die Luft verwundete ihr Jubel,
   Die, wenn sie nicht ewig Leere hate,
   Weggezogen wr aus dem Raume,
   Freudig vor Cleopatra zu staunen. --
   Ha, nun tritt die Zauberin ans Land,
   Und der stolze Held der sieben Hgel
   Schmachtet ewig in der Feindin Kette. --

Er wurde bald unterbrochen, von dem lustigen Gewimmel rund umher. Alles
drngte sich zu der nahen Pompejussule, einer maa, einer erklrte ihre
Geschichte, ein andrer wollte hinauf, von dort weit umher die Gegend zu
ersphen. Das ging aber nicht leicht, da die Steinmasse achtundachtzig
Fu hoch, und mit keiner Treppe versehn war.

Demungeachtet erzhlte ein Matros, der schon ehedem Egypten besucht
hatte, tranken Englnder oben eine Bowle Punsch. Zugleich theilte er
mit, wie sie das, ohne ein Gerst zu fertigen, vollbracht htten. Man
machte nmlich einen Drachen aus Papier, wie ihn die Kinder steigen
lassen. An einem langen dnnen Strang wurde er hoch in die Luft
gefrdert, und der Wind so genommen, da der Lenker die Sule zwischen
sich und den Drachen brachte, ihn nun niedersinken lie, worauf der
Strang an dem Capital hing. Nun wurde ein dicker Schiffstau an den
Strang geknpft, hinbergezogen, worauf ein Seemann sich an das Ende
band, und sich auf die Sule bringen lie. Dieser traf nun Anstalten,
eine frmliche Winde zu befestigen, und die das Seltsame liebenden
Britten bten ihren Willen.




                           Viertes Capitel.
                             Alexandrien.


Nun ging es nach dieser groen Stadt mit platten Dchern und runden
Moscheen. Nicht wenig waren die Brger ob des unerwarteten Einspruches
der Europer bestrzt. Sonst hatten sie sie wohl auch in ihrer Mitte
gesehn, doch in geringer Zahl, demthig entweder auf den Handel, oder
Notizen zu Reisebeschreibungen ausgehend, in morgenlndische Kleider
gesteckt, und den Namen Christenhund, ohne eben die Justiz zu
berlaufen, hinnehmend. Nun brachten sie aber Waffen, und da ist der
Europer allen Nationen berlegen. Und das macht allein die Cultur, die
zu einer glcklichen Schwche fhrt, in welcher es nothwendig wird, sich
so lange nach Kraft in der Kunst umzusehn, bis man sie findet.

Die Soldaten lagen in Alexandrien auf den Straen umher, ein sehr
beschwerlicher Zustand, wo man eine Hitze von 26 Graden duldet. Der Stab
und die mitgenommenen Gelehrten wurden blos in die Huser mehrerer
Europer gelegt.

Ring traf jenes Loos, und er wnschte daher sehnlich, da man bald
tiefer ins Land dringen mgte.

Eines Tages wanderte er mit Floren eine Gasse hinauf, um den groen
Obelisk zu sehen. Pltzlich rief sie ein sehr wohlgekleideter junger
Muselmann. Verwundert sehen sie auf, und entdecken in der schnen
Kleidung den Sklaven Coraim aus Malta, der ihnen erzhlte: wie er an der
Kste freigelassen worden, und seinen Vater, der bei seiner Abreise ein
Wassertrger gewesen, als einen Richter der hheren Klasse angetroffen
htte. Ein nicht seltener Gebrauch im Morgenlande, pltzlich aus dem
Staube zu erheben, den man wenigstens bisweilen auch in der Christenheit
nachahmen sollte. Es kme so der nchterne Sinn in die hohen Regionen,
der dort oft ganz ausstirbt.

Coraim blieb aber nicht bei den nackten Freudenbezeugungen stehen,
sondern nthigte sie in das elterliche Haus. Die Truppen wurden bei
keinen Trken einquartirt, daher auch das Innere ihrer Haushaltung nicht
gefhrdet war.

Coraims Vater, indem er hrte, der Frank und die Frankin htten seinem
Sohne auf dem Schiffe Gutes erwiesen, zeigte sich sehr bereit zur
Erwiederung, und lie dabei vielen orientalischen Luxus schimmern von
welchem beide nicht wenig eingenommen waren, und in manchem Stcke, den
europischen ihm nachsetzten.

Man trennte nach der Landessitte Ring und Floren. Letztre wurde in den
Harem zu den Weibern des Ali (so hie Coraims Vater) gefhrt.

Ring wurde zufrderst durch ein Bad gelabt, das ihm an und fr sich nach
vielen Beschwerden wrde hchst willkommen gewesen seyn, wie vielmehr
bei einem Raffinement, das London und Paris nicht kennen.

Das Badgebude bestand aus drei hintereinandergelegenen groen Zimmern.
Das erste, _Burani_ genannt, war prachtvoll und mit Marmor gepflastert.
An der Mauer lief eine Erhhung hin, mit kostbaren Teppichen bedeckt. In
der Mitte stand ein Brunnen. Die Diener luden den Gast ein, hier die
Kleider abzuwerfen.

Aus diesem Zimmer oder Saale gelangte er in ein zweites, das _Wustami_
hie. Hier fanden sich viele Becken von Stein, rund und lnglich, etwa
zwei Schuh im Durchmesser, in welchen sich zwei Rhren mit messingnen
Hhnen zu warmen und kaltem Wasser ffneten. Am Fue derselben standen
metallene Becher, um das Wasser auf die Badenden zu gieen. Schne
Blumen dufteten aus artig gearbeiteten Vasen.

Von diesem mittleren Gemache, wurde Ring in das innerste, das in dem
Morgenlande den Namen Dschuani fhrt, gebracht. Es war durch eine Kuppel
von oben erleuchtet. Ein dmmerndes Licht brach durch gemalte
Fensterscheiben in die heitre Rotunde. Sie war geheizt, um den Badenden
in Schweis zu bringen, doch merkte man das bei dem allmhligen
Uebergange nicht. Auch sind die Oefen in solchen Bdern theils unter dem
Fuboden angebracht, theils ihre Rhren in die Wnde vertheilt. Das
Thermometer pflegt etwa in dem ersten Gemache auf 60, im zweiten auf 80
und 90, und im letzten gegen 100 Grad zu stehen.

Wohlriechende Dnste umgaben ihn, whrend er in der wollstigsten
Hingebung auf einem Kissen ruhete. Der Badeknecht erschien nach dortigem
Gebrauch, und fing seine Glieder gleichsam an, zu kneten. Nachdem sie
durch dies Drcken und Streichen erweicht waren, zog jener einen wollnen
Handschuh an, und reinigte die Haut vllig. Die Fusohlen rieb er mit
Bimsstein ab. Hierauf fhrte er Ring in ein Cabinet, go ihm parfmirten
Seifenschaum ber das Haar, wickelte ihn dann in gewrmte Tcher, und
fhrte ihn durch einen Seitengang, in welchem die Hitze nach und nach
abnahm, in das erste Zimmer.

Hier fhlte er sich wie zu einem neuen Leben erwacht. Alle Sinnen
schienen ihm feiner, alle Empfindungen ser geworden.

Floren brachten junge Mdchen whrend der Zeit in das Weiberbad, einen
sehr niedlich ausgezierten Saal, in dessen Mitte ein ziemlich groes
Marmorbassin befindlich war, rund mit kstlichen Blumen und
Spezereigestruchen umstanden, deren Tpfe so in den Boden verborgen
waren, da es schien, hier wre alles gewachsen. Kristallhelles Wasser
rieselte in dem Bassin, und der Sand des Grundes schien bersilbert, wie
Caligula die Gerste bergolden lie, welche sein Leibpferd bekam.
Nachdem Flore entkleidet, und mit Essenzen parfmirt war, erschienen die
trkischen Weiber, alle jung, schlank und reizend, denn die lteren
ziehen sich meistens von solchen Parthien zurck.

Alles stieg nun in das Bassin hinab, und kostete die Flle der
Erfrischung. Wie viel enthllte Schnheiten! Welche Freiheit! Wie
glcklich mte sich der Mann fhlen, dem es vergnnt wre, in das
Heiligthum zu dringen! Aber nach Florens Behauptung ging es nicht ganz
unschuldig zu, und sie, obwohl einst in dem berhmten Pallaste wohnhaft,
den der Herzog von Orleans erbauen lie, fand doch manche Szene
anstig.

Nachher ging es zur Tafel. Ring wurde in einen Saal des Gartenhauses
gebracht, der nach Norden zu offen war, um die abkhlende Luft von daher
zu genieen. Er war mit prchtigen Stoffen tapezirt. Lngs den Mauern
waren kleine Nischen angebracht, in denen porzellanene und silberne
Gefe standen. Auf dem Boden lagen Teppiche von Brokat. Am anderen Ende
des Saales sahe man ein Kabinet, das auf mehreren Seiten offen war, in
welchem zwei groe Springbrunnen Khle verbreiteten.

Der Tisch war mit Brokatstcken von mehreren Farben bedeckt. Am Ende
desselben prangte ein silberner Schenkstuhl mit schnen kristallenen
Flaschen und Silbergeschirr angefllt. Sorbet fand sich hier fr die
Muselmnner, und Cyper und andre hitzige Weine fr die Christen.

Flssige und trockne Confituren machten das erste Gericht, als Ingwer,
Muskatnsse, Orangen in Geleen, Marzipan. In viereckigen Schsseln von
lakirtem und vergoldetem Holze, wurden diese Leckereien aufgetragen, die
immer ein Dutzend kleiner Tellerchen enthielten. Jeder Gast bekam eine
dieser Schsseln vor sich zur Auswahl, und treffliche Liqueure wurden
dazu herumgereicht.

Nach diesem Gerichte nahm man die Brokatdecken ab, und legte Tischtcher
von feinem Musselin auf. Die Europer bekamen Messer, Lffel und Gabel.
Befremdend war es diesen (denn ohne Ring hatte Coraim noch mehrere
Franzosen geladen) nun eine Menge Salate erscheinen zu sehn. Sie
bestanden aus Rosinen, Aepfeln und andern Frchten von feinem Geschmack,
mit Weinessig und Zucker. Rettige und Zwiebeln lagen darum, eine
sonderbare Mischung, die aber gegen das Erwarten nicht widerlich
schmeckte. Das Brot bestand aus ganz dnnen Reiskuchen.

Jetzt folgten zwei groe silberne Schsseln mit harten Eiern und
Lmmernieren, ber welche eine scharfe Sauce gegossen war. Ferner zwei
andere groe Schsseln mit zwei Dutzend gebratnen Tauben, und noch zwei
andre mit zwlf Schpskeulen. Bald nachher kamen gebratene Capaunen,
Fische, Eier, Geflgel, Consommees, Bouillons, Ragouts, gefllte Gurken,
in auerordentlicher Mannigfaltigkeit. Zugleich wurden vor jeden Gast
zwei porzellanene Schaalen mit Sorbet gesetzt, der beinahe einen
Punschgeschmack hatte.

Zuletzt kam endlich der Pilau, das bekannte morgenlndische Gericht, in
zehn groen Schsseln auf mehrere Art zubereitet. Man sah weissen,
rothen, gelben und veilchenblauen, mit Limonen, Zucker, Safran,
Granaten, Maulbeeren, Orangen u. s. w. Whrend der ganzen Mahlzeit wurde
eine Tafelmusick aufgefhrt, die allein den Europern nicht gefiel.

Nachdem die Tafel etwa drei Stunden angehalten hatte, und jedermann
gesttigt schien, gab endlich der Wirth das Zeichen zum Aufstehen, und
fhrte die Gste in das luftige Nebenkabinet. Hier fanden sie ein
herrliches Desert von Konfekturen, trockenen und frischen Frchten,
Caviar, Pasteten u. s. w. Sie hatten unter andern fnf Sorten von
Weintrauben, und Melonen von grner, rother, gelber und blauer Farbe.
Hierzu wurden se und uerst starke Weine gegeben, welche freilich nur
allein fr den Gaumen der Europer hatten bestimmt seyn sollen, allein
in der Freude nahm auch ein Moslem nach dem andern ein dargebotenes
Glas. Desto munterer wurde die ganze Gesellschaft.

Zwerge, Taschenspieler und Mhrchenerzhler traten nunmehr auf, die
Gste durch allerhand Spiele und Erzhlungen zu belustigen. Coraim
erinnerte Ring an jenen Tag, wo er ihm die Geschichte der Isabelle
mitgetheilt hatte. Hier dachte Ring erst wieder daran zurck, und
fragte, ob man denn keine Nachricht von dem Mdchen erhalten htte?




                              Potpourri.
                     als Zugabe zum ersten Buche.


Polemon, ein griechischer ausschweifender Elegant, kehrte von einem Saus
und Braus zurck, und ging an der ernsten Schule des Xenokrates vorber.
Die Thr stand offen, der junge Herr, glhend vom Chiosweine, den
Blumenkranz in den Locken, betrat den Saal, nicht der Weisheit zu
horchen, sondern ihrer zu spotten. Den Lehrer entrste dies Betragen
nicht, er umwandelte nur seinen Vortrag, und hielt, die Vllerei
strafend, der Migkeit eine Lobrede. So mchtig trafen seine Worte
Polemons Gefhl, da er den weichlichen Hauptschmuck von sich warf, das
Antlitz beschmt in den Mantel hllete, und vllig gebessert, das rohe
Leben, von Stunde an, einstellte. -- Warum sehen wir keine solche
Erscheinungen mehr? Antwort: die Weisheit verschmht Rekruten, wie sie
unter uns zu werben wren. --

Wie kmmt es doch, da die weisen Deutschen so wenig ber die klugen
Franzosen vermgen, und wieder die weisesten im Nord Germaniens bei
weitem weniger, als die minder weisen gen Rhtium? Antwort: Die Bcher
berbilden bei uns die Gebildeten, und dringen nicht bis zu den
Ungebildeten hin. Die ersten sind durch das viele Wissen zum Nichtwissen
gedrungen, leiden nun an einer indirekten Hirnschwche (durch
Ueberreitz) die andern machten sich mit keinem Wissen vertraut, kranken
demnach an dem direkten Uebel (Reitzmangel.) Nicht also in Frankreich.
Dort hielt man die Klassiker seit Hundert oder Hundertfunfzig Jahren
fest. Es giebt immer wieder neue Ausgaben derselben. Einige hchst
wohlfeil, auf schlechtem Papier, mit schlechten Lettern, wo ein
Trauerspiel von Racine um vier fnf Sous zu geben ist, Rousseau Emil um
zehn oder zwlf Sous. Alte Mtterchen sitzen in den Stdten und haben
dergleichen an den Ecken feil. Der Bauer nimmt gelegentlich einen
Candide mit, der kleinstdtische Brger, der schon seinen Vater ber den
^Esprit des loix^ reden hrte, welcher seit Grosvaters Zeit auf dem
Schranke liegt, kann ihn fast auswendig. Was seht ihr bei uns in den
Zimmern geringer Leute? An der Thr den Haussegen, hinterm Ofen, neben
einigen staubigen Familiengesangbchern, Eulenspiegel oder eine Parthie
in diesem Jahr gedruckter Lieder. --

Ein alter Berliner, der beim Glase Medok immer viel zuhrt, und wenig
spricht, wurde neulich redselig, da die Unterhaltung auf das jetzt viel
abgehandelte Thema der Vaterlandsliebe kam. Seit zwanzig Jahren, hub er
an, beobachtete ich zwei patriotische Mnner in unserm Staate. Der eine
mag X der andere Y heien. Als 1788 das Religionsedikt erschien,
besuchte Herr X, frherhin ein lustiger Dogmensptter, sogleich die
Kirchen, und hrte die Vortrge der Herren Woltersdorf, Brumbei,
Ambrosius mit Andacht. Herr Y fragte aber wohl im vertraulichen
Gesprch: Wo schadete denn das von Friedrich angezndete Licht, da wir
es schon wieder auslschen wollen? -- Da 1790 die friedliche
Ausgleichung mit Oesterreich erfolgte, pries Herr X die lieblichen
Blthen des Oelzweigs, Herr Y aber weinte. -- 1792 war Herr X heftig
wider die Franzosen ergrimmt, nannte seinen Zorn Patriotismus, Herr Y
frchtete die Folgen eines solchen Krieges. -- 1793 jubelte Herr X bei
der Staatsvergrerung durch Sdpreuen, Herr Y rechnete bedenklich
nach, wie viel mehr Land Oesterreich und Ruland gewonnen hatten, und
wie viel gefhrlicher nun ihre Grnzlage geworden war. -- 1795 pries
Herr X den Baseler Frieden, und lachte, da Oesterreich stecken blieb.
Herr Y erinnerte sich zurck, da es frherhin bei einem ernsten Verein
Deutschlands gegen Frankreich sehr schwer geworden war, etwas
auszurichten, und besorgte viel von dem getrennten Bunde. -- 1799 und
1800 wute Herr X abermals viel poetisches ber das friedliche System zu
sagen, Herr Y aber meinte, es drfte die hchste Zeit seyn, den
militrischen Charakter in einer groen Kraftuerung, und demjenigen
Bunde, den der Augenschein empfhle, zu zeigen. Herr X war fr das
System der sogenannten Physiokraten, Herr Y meinte, der Ackerbau sey die
Wurzel, aber doch nicht der ganze Stamm. -- 1805 erhob Herr X den Grafen
Haugwitz bis in die Wolken, da er unter so kritischen Verhltnissen
dennoch den Krieg zu vermeiden gewut habe, Herr Y erkrankte vor
Schmerz, da das Schwert noch nicht ergriffen worden sei. -- 1806
weissagte Herr X lauter Triumphe, Herr Y konnte seine Thrnen nicht
zurckhalten. Herr X las Kriegslieder vor, Herr Y entwarf Plane fr den
Feldzug, die der Zeit angemessen waren, und suchte ihnen, aber
vergeblich, Gehr zu verschaffen. Als der Feind sich der Residenz
nherte, eilte Herr X nach Knigsberg, Herr Y bot sich an, als
Freiwilliger die Waffen zu nehmen, und trug dann die Brde des Kriegs
gleich den andern Mitbrgern. Wer war der redlichste Patriot? fragte
hier der Erzhler.

Ein Anwesender meinte: hm, man mu den Willen der Regierung vollziehn.
-- O das that Herr Y auch berall gewissenhaft. Hier ist von seinen
Gefhlen und Ideen die Rede. -- Ein Dritter rief: o wre der brave Mann
gehrt worden. -- Ein Vierter: _Ich entscheide nicht wer der beste
Patriot war, aber ich verwette Kopf und Kragen, Herr X ward korpulent
und Herr Y blieb mager!_ --

Ein Rezept zu unfehlbarer baldigen Sittenverderbni eines Volkes ist:
Leitet Kunsttheurung ein! Sie bringt groe Reichthmer in wenige Hnde.
So werden Einige Vornehmen glnzenden Luxus zeigen. Der Mittelmann
gereizt, und nicht vermgend auf rechtem Wege nachzuahmen, wird
betrgen, der Arme, der das Brot nicht mehr bezahlen kann, stehlen. --

Als Eduard III von England, mit einer groen Macht in Frankreich
eingedrungen war, rckte er vor Calais, welches ihm die Thore nicht
ffnen wollte. Nach einer langen Belagerung, schickte er sich zum Sturme
an. Nun begehrten die Einwohner zu unterhandeln, was er aber nur auf
eine Bedingung eingehen wollte, ber die sie noch dazu nur drei Stunden
Bedenkzeit erhielten. Die Bedingung hie: Die Stadt sollte dem Knige
Sechs der vornehmsten Brger ausliefern, ein Hemd, einen Strang um den
Hals, die man sogleich an den Thoren aufknpfen wrde. Durch ein so
schauderhaftes Beispiel wollte er alle Stdte erschttern, die er
ohnehin im Gesichtspunkt rebellischer Unterthanen betrachtete, und sich
daher herbe Strenge erlaubte.

Verzweifelnd liefen die Brger der Stadt umher, niemand wollte eine so
verhate Wahl treffen, als Sechs der angesehensten Mnner aus eigenem
Antriebe hervortraten, und sich als Opfer stellten. Dank und
Freudenthrnen folgten ihnen aus den heimatlichen Mauern, der
schreckliche Feind konnte seine Bewunderung ihnen nicht versagen.
Eduards Gemahlin erflehte ihre Gnade. --

Half, ein alter Norwegischer Knig, machte sich durch glckliche Zge
zur See berhmt. Kein Krieger ward in seinem Heere aufgenommen, er htte
denn zuvor gltige Beweise von Kraft und Tapferkeit abgelegt. Bei ihm
fanden sie nun erst eine Schule, wo alles dahin strebte, ihnen
Todesverachtung zu erziehn.

Viele Jahre waren im Kriegsgetmmel dahin gewichen, und nun beschlo
Half in die Heimath zurck zu segeln. Unterwegs traf ihn ein heftiger
Sturm. Sein Schiff war mit Menschen berladen und drohte zu sinken. Kein
anderes Mittel blieb, als einige ber Bord zu werfen, um die andern zu
retten. Half that also den Vorschlag, da man loosen wollte, und schlo
sich selbst nicht aus. Aber kaum hatte er ausgeredet, als sich ein jeder
ohne Loos anbot. Es sprangen um die Wette so viele ber Bord, bis das
Fahrzeug die gehrige Leichtigkeit hatte.

Wenn man staunend diese Geschichten der Vorwelt liest und dann auf die
nchsten Zeitgenossen hinblickt, scheint es, eine ganz entartete
Menschheit bewohne nunmehr den Erdball. Entartet ist sie nun freilich,
doch der Stoff der Kraft keinesweges erstorben. Langes Unheil des
Krieges, und die Menschen werden wieder gro.

                       Ende des ersten Buches.




                            Zweites Buch.




                           Erstes Capitel.
                      Coraims weitere Erzhlung.


Ring bat Coraim nunmehr, die Neugier nicht auf dem halben Wege der
Geschichte stehn zu lassen. Der Trk theilte ihm also in kurzem mit, was
ihm selbst weiter von der schnen Isabelle bekannt war.

Die Bestrzung in des Spaniers Hause ergriff alle. Der Vater raufte das
graue Haar, Coutances schwur dem Ruber furchtbare Rache, das Gesinde
weinte, da Isabelle jedermanns Liebe gewonnen hatte. Doch keiner von
ihnen konnte das unbegreifliche Rthsel lsen. Jeder Eisenstab der
Fenstergitter hatte die alte Festigkeit, die Thr zeigte keine Spur von
gewaltsamer oder listiger Oeffnung, auf beide hatte auch um so weniger
etwas unternommen werden knnen, als im Hofe sowohl, wie im Hausflur
Wache gehalten worden war.

Untersuchung ber Untersuchung. Endlich fiel es jemand bei, den Kasten
einer Fltenuhr zu ffnen, die der Consul vor einiger Zeit aus Europa
bekommen hatte. Ein lauter Schrei! Was ist das: Alles strzt hinzu.

Man ward mit Schrecken inne, da das Uhrwerk aus dem Kasten genommen
war, da sein Boden fehlte, und ein Ausbruch des Fubodens in den Keller
hinabging.

Alles eilte jetzt zu der Stiege, die in den Keller fhrte. Mit mhsamer
bewundernswerther Kunst, waren sowohl Sttzen wie andere Gerthschaften
angebracht worden, um die Oeffnung in das Gewlbe zu brechen, nchstdem
die Cederplatten, womit der Zimmerboden getfelt war, zu durchschneiden,
und so in den Kasten der Uhr zu gelangen. Die Hauptarbeit mute immer
bei Tage vollendet worden sein, wo Isabelle sich nicht auf diesem Zimmer
befunden hatte, der Platz unter der Uhr war gewhlt, da man nicht etwa
etwas von Verletzung des Bodens zu frh wahrnhme, (der, wie sich
deutlich zeigte, mit breiten glhenden Messern durchschnitten war.) Das
Herausnehmen des Uhrbodens und Rderwerks hatte man zum Geschft der
letzten Nacht aufgespart, dann das unglckliche Mdchen im, trauriger
Weise, grade so tiefen Schlaf berfallen, durch Knebel ihren Hlferuf
gehindert, und sie so in den Keller gebracht, wo sicher ein Ausweg
weiter fhrte.

Dieser wurde auch sogleich entdeckt. Nach dem Keller des Nachbars fand
sich ein gewaltsamer Durchbruch.

Indem die Versammelten wehklagten, tobten, Verwnschungen ausstieen und
jeder der Meinung war, es msse ein Schelm im Hause stecken, der
Mittwisser sei, da Fremden die Gelegenheit nicht so kundig htte sein
knnen -- vernahm man in einem Winkel ein leises schmerzliches Aechzen.

Eine Fackel in der Hand eilt Coutances nach der Stelle. Wer malt sein
Erstaunen, da er -- Signor Perotti erblickt!

Der Italiener liegt am Boden mit gebundenen Hnden und Fen, ein dickes
Tuch in den Mund gewrgt.

Seine ersten Worte, da man ihm die Sprache befreit hat, sind: Erstecht
mich! Schlagt mich todt, ich will nicht leben!

Auch Wuth und Rache erfllen solche Forderung nicht. Wie konnte sie hier
aber gehrt werden, wo es vor allen Dingen ja die Entschleierung eines
ganz unerklrlichen Geheimnisses galt, die von Niemand als dem Italiener
erwartet werden konnte?

Du sollst meinem Zorn nicht entfliehen, rief Coutances, erst aber
erklre: wohin Isabelle kam?

Es fiel schwer, Signor Perotti zu andern Worten zu bringen, als: Ich
will sterben. Er schien ganz von Verzweiflung zerrissen, durch seine
peinliche krperliche Lage sowohl, als durch gequlten Seelenzustand
hchst entkrftet. Er bedurfte Erfrischungen, mit Gewalt sogar ihm
eingeflt, denn er weigerte sich, sie zu nehmen.

Endlich entschlo er sich zur Erklrung. Wohl hab ich Isabellen rauben
wollen, hub er an, sie ist meine Sklavin, und mir auf widerrechtlichem
Wege entrissen. Ich bte daran kein Unrecht. Doch sollte sie dem Vater
nicht vorenthalten bleiben. Um den Preis ihrer Hand, den er mir zusagte,
der mir gebhrt, um den des Franzosen Hinterlist mich bringen will, sah
er sein Kind gleich wieder im Hause. Nur versichern wollte ich mich
ihrer Person, um meine gerechten Bedingungen von Neuem aufstellen zu
knnen.

Coutances machte eine Bewegung der Wuth gegen ihn, die Alonzo (der
Spanier) zurckhielt, und Signor Perotti aufforderte, fortzufahren.

Es geschah. Mit groer Mhe, und mehr als Dreihundert Piastern Aufwand,
setzte ich meinen Entschlu ins Werk. Bei dem nebenan wohnenden Kopten
miethete ich den Keller. Der Mann, meistens nach dem Gebrauch von Cairo,
in seinem Arbeitsladen vor der Thr, bemerkte nicht, was in dem Keller
vorging. Meine Leute lseten aber einander ab, Tag und Nacht wurde die
emsige behutsame Arbeit fortgesetzt. Ich selbst befand mich einst als
verkleideter Araber in Isabellens Zimmer, wo ich Spezereien feil bot,
und alles ersphte. Unvermerkt ging ich darin umher, und ma mit
Schritten die Abstnde, wobei ich ber meine Erwartung richtig verfahren
war, denn es gelang vollkommen, von unten her die Stelle der Uhr zu
treffen. Im Ganzen hat mich ja mein Nebenbuhler, durch den Streich,
welchen er mir auf jener Brcke spielte, selbst an diesen Gedanken
gemahnt.

Weiter, weiter! rief Coutances schumend.

Auch Isabelle mute so fest schlummern, da es leicht fiel, sie durch
ein, brigens in der artigsten Weise vorgehaltenes Tuch, zum Schweigen
zu bewegen, und die liebenswrdige Beute wurde unter Beistand einiger
Helfershelfer, glcklich in den Keller gebracht.

Welch ein Schrecken aber befiel mich, als ich nun pltzlich durch einige
Unbekannte, die hinter den Waarenkisten, welche der Kopte noch im Keller
liegen hatte, hervorsprangen, gepackt und gebunden in den Winkel
geworfen wurde! Man lie mich, den Hlflosen, liegen, und entfernte sich
schnell mit Isabellen. Nichts anderes konnte ich denken, als dem Vater
und Geliebten sei mein Beginnen kund geworden, und von ihnen nun das
Gegenabentheuer bereitet. Da dies doch aber ein Irrthum zu sein scheint,
so haben ohne Zweifel meine Arbeiter hie und da geplaudert; ein reicher
Muselmann, durch das entworfene Bild von Isabellen hingerissen, und von
der Unternehmung benachrichtigt, hat beschlossen, das schne Mdchen dem
glcklichen Entfhrer zu entfhren. Welch ein Fall knnte noch sein? Die
Arbeiter sind alle davon. Antonio bracht ich nicht mit, da er krank, und
berhaupt bei solchen Gelegenheiten wenig zu brauchen ist.

Du sollst das Mdchen zur Stelle schaffen, oder es gilt dein Leben! rief
Coutances.

Eile, suche, bring sie mir zurck, fiel der bekmmerte Vater ein, und
mein gegebenes Versprechen sei dir gehalten.

So frchterlich die Drohung klingt, so s der Lohn schmeichelt, ich
vermag nichts, erwiederte Perotti. Macht euch auf, selbst zu forschen,
gern will ich behlflich sein. Doch was lt sich hoffen, in der groen
nicht polizeilich geordneten Stadt?

Alonzo fragte hnderingend: wo denn die Arbeiter zu finden wren, die
ihm geholfen htten?

Jener zeigte den Platz an, wo er sie ausgewhlt, und auf acht Tage in
seinen Dienst gedungen habe, setzte aber gleich hinzu, da er frchte,
sie wrden sich jetzt nicht mehr dort sehen lassen.

Er mute aber, von Coutances und dem Spanier begleitet, augenblicklich
dahin. Man durchkroch alle Ecken, weilte eine Stunde umsonst.

Jetzt wollte man dennoch Rache an ihn nehmen, und fhrte ihn zu dem Bei
des Bezirks. Dieser ergtzte sich hchlich, wie ihm die Klage
vorgetragen wurde. Sein Urtheil fiel aber dahin aus, da sich Coutances
zu einer Abfindung wegen des erlittenen Ungemachs zu verstehen htte;
denn da er die Jungfrauruberei begonnen, sei er auch Schuld, da der
Italiener billiger Weise gesucht habe, wieder zu seinem Eigenthum zu
gelangen, und folglich auch Ursache, da der Italiener bei dieser
Gelegenheit gemihandelt worden. Uebrigens solle man letzteren sogleich
freilassen.

War Signor Perotti mit dieser Entscheidung zufrieden, so entrstete sie
die andern nicht wenig. Was war aber zu thun? Eine Instanz, an welche
vom Bei zu appelliren gewesen wre, fand sich in Cairo nicht. Man mute
sich beruhigen.

Gebeugt schlich Alonzo, der Verzweiflung nahe, Coutances davon. Der
Italiener raufte die Haare, verzichtete aber mit Stolz auf die
Strafsumme, welche der Richter ihm zugesprochen hatte.

Ueberall gab man Auftrge, Isabellen zu suchen, verhie Belohnungen in
ffentlichen Anschlgen, Coutances durchirrte jeden Winkel der
winklichten Stadt. Alles das war aber vergeblich, und man mute sich
endlich in das Unabnderliche finden.

Der alte Vater legte aus Gram alle Amtsgeschfte nieder, bergab sie
einem andern, und zog sich in das engste Privatleben zurck. Von Cairo
wollte er sich dennoch nicht entfernen, da die se Hoffnung, seine
Tochter noch einmal wieder zu erblicken, nur in seinem Grabe enden
sollte. So verstrichen nun schon mehr als zwei Jahre. Der Franzos hat
den Schwur, nimmer zu heirathen, wenn Isabelle nicht die seinige werden
knnte, treu gehalten, fhrt einen kleinen Handel, und trumt seinen
Lieblingsgedanken ohne Zweifel noch.

Hier war Coraims Erzhlung zu Ende, wiewohl sich niemand befriedigt
fand, weil man eine freudige Entwicklung des Schicksals der jedem
interessant gewordenen Isabelle geahnt hatte.

Die Gesellschaft verlie nun das Haus des gastlichen Ali, und jedermann
begab sich wieder an den Ort seiner Bestimmung. Flore erfuhr unterwegs
von Ring das Weitere ber Isabellen, denn sie war bei der Erzhlung
nicht gegenwrtig gewesen, und erneute den lebendigen Antheil an dem
spanischen Mdchen, den sie schon auf dem Schiffe gefhlt hatte.

Es ist vergessen worden, zu sagen, da Flore sich gewhnlich der
Mannskleider bediente, und fr Rings Schreiber galt, allein da man ihr
Geschlecht dennoch erkannte, so gab das zu vielem Scherz Anla, und sie
lugnete vor der nheren Umgebung die Wahrheit nicht. In Alexandrien
legte sie aber mehrmals den weiblichen Anzug an, um so ihre Neugier ber
die Verhltnisse mahomedanischer Weiber besser befriedigen zu knnen.

Es wurde nunmehr Anstalt zu einem etwas bequemeren Bivuak getroffen, und
Dattelzweige beschatteten der Soldaten Htten. Die Commissairs, zu denen
Ring gehrte, traten in einen ausgedehnten Wirkungskreis und wurden zur
Herbeischaffung der nthigen Vorrthe gebraucht.

Bald trafen in Alexandrien die frohen Siegesnachrichten ein: wie die
unterdessen vorgerckten Truppenabtheilungen Raschid genommen, sich
Cairo bemeistert, und Murat Bei, unter Anfhrung ihres unbezwinglichen
Helden, in der ewig denkbaren Schlacht bei den Pyramiden berwltigt
hatten. Eine groe That war der andern auf den Fu gefolgt, und
Schwierigkeiten, vor denen die Einbildung schon zurckbebt, waren mit
Leichtigkeit hinweggerumt worden.

Wie aber Mavor auf dem Lande lchelte, zrnte Poseidon. Er hatte das
Schicksal noch Einmal fr seine alten Lieblinge gewonnen.

Mehrere Couriere vom Obergeneral gesandt, waren von Beduinen in der
Wste aufgefangen worden, daher kamen dem Admiral der Flotte, nicht die
nthigen Befehle zu. Immer noch lag er mit den Kriegsschiffen auf der
Rheede, die Transportfahrzeuge waren in den alten Hafen der Stadt
gelaufen. Nach dem Willen des Feldherrn sollten jene nun auch in
Sicherheit gebracht werden, und wre es thunlich, der Admiral mit der
Flotte nach Malta gehn.

Da er aber keine Depeschen erhielt, blieb er in der gefhrlichen
Stellung. Man wute, da eine betrchtliche, an Zahl berlegene
englische Armade sich in See befand, sie war sogar vor Ankunft der
Franzosen bei Alexandrien gewesen, hatte sich aber nach dem Archipel
gewandt, wohin sie vermuthete, da die Toulonner Flotte gesegelt wre.
Wo der Neufrankenheld war, da weilte auch das Glck, darum mute seine
Landung whrend der Abwesenheit jener Britten vor sich gehn. Doch:

   Es sollen Land und Meer nicht Einem dienen!

sagt Wrangel in Wallenstein. Wie der Liebling des Glcks Lorbeern brach,
wo seit Saladins Zeiten man keine europische Waffen gefrchtet hatte,
thrmte sich des Geschicks Ungewitter ber die Schiffe, wenn schon kein
Orkan drohte.

Man konnte von den platten Husern in Alexandrien hinaus ins Meer, und
die Ordnung der Fahrzeuge bersehn. Tglich ahnte man eine groe
Begebenheit, doch blieb wider Vermuthen lange alles ruhig, und kein
fremdes Seegel lie sich in den egyptischen Gewssern sehn.

Aber am bedeutungsvollen 23ten Juli bemerkte man eine englische
Fregatte, welche die Stellung der Flotte untersuchte, und dann wieder
verschwand.

Nun konnte man desto sicherer auf einen nahen Besuch des Admiral Nelson
zhlen, denn jene Fregatte hatte ohne Zweifel den Gebieter aufgesucht,
und den Zustand der Dinge vor Alexandrien gemeldet.




                           Zweites Kapitel.
                           Die Seeschlacht.


Am ersten August, Nachmittags, erblickte man den furchtbaren Wald
besegelter Masten. Nher und immer nher trieb ein gnstiger Wind die
schwimmenden Kasteele. Es war vorauszusehen, da eine Schlacht beginnen
werde, und der Admiral Bruyes hielt seine Flotte in tapferer
Bereitschaft.

Nirgend wirkt der Gott der Heerscharen so unwiderstehlich mit ein, wie
bei den Kmpfen auf Poseidons Flur, da so viel Erfolge an dem Luftstrom
hangen. Auf dem Lande, whlt sich der Feldherr lange vor dem
Zusammentreffen der Streitenden, die Schlachtgegend. Klugheit kann die
natrlichen Hindernisse vermeiden, und nur ihre Sumni, lt ihn eine
Stellung eingehn, wo Gebirge, Flsse oder Morste ihm nachtheilig
werden. Ein anderes auf der See.

Admiral Bruyes htte von einem pltzlich eintretenden Sdwinde ein
unzuberechnendes Heil erfahren, er htte den englischen Angriff gelhmt,
und ihn dagegen in Stand gesetzt, mit vollkrftiger Bewegung vorwrts zu
dringen. So mute er sich gefhrlich leidend verhalten, und der khne
Nelson konnte jedes beliebige Manver vollziehn.

Wer will die despotische Gewalt der Zuflle ableugnen? Welche Gesetze
befolgt der Wind? Wie viel hing hier an einer Drehung des Wimpels? Ja,
langte nur ein Courier richtig an, so fanden die Britten diese Flotte
nicht mehr im Meere. Sie lag in der Sicherheit des Hafens, und
Landbatterien wehrten jede Annherung zu diesem ab.

Die Englnder umsegelten die franzsische Flotte, und die Schlacht, die
mrderische, begann.

Von allen Decken her spien die Feuerkrater ihre vernichtenden Blle.
Nichts blieben die Neufranken schuldig. Die Gestade Egyptens, die Mauern
von Alexandrien und Abukir drhnten wie vom Erdbeben bewegt, die nur
leiswogende See emprte sich, wie im wilden Orkan, Gebirge von Dampf
verhllten die Atmosphre.

Kecke Verwegenheit lenkte die Steuer, auf Nhen, wo fast kein Schu
fehlen konnte, rckten die Gallionen an einander heran. Der Konstabler
keuchte bei der immer fortgesetzten Mordarbeit, nur die rothe Glut der
Stcke konnte sie auf Minuten einstellen. Der Matros hing im Tauwerk,
von Kugeln umsaust, und mute auf der leichten Chaluppe ins Meer, von
auen seinem Schiffe Hlfe zu leisten. Der Flintenschtz feuerte ber
den Bord, und harrte wuthschumend des Befehls zum Entern. Ermuthigend,
der Signale gewrtig, aufmerksam, jedem schlimmen Ereigni krftig zu
begegnen, standen die Offiziere an ihren Posten, Hte und Kleider
durchlchert, nicht achtend leichter Wunden, im Sterben noch gebietend,
mit starrer eiserner Klte die Britten, in heier Glut enthusiastischer
Tapferkeit, die Shne Frankreichs.

Hier krachte ein getroffner Mast aufs hohe Verdeck nieder, und
zerschellte das menschliche Gebein, dort drangen Kugeln durch die
Bohlenmauern der Meerfesten, und das nachstrzende Wasser berschwemmte
ihren Raum. Kein Schrecken lhmte den Seekrieger. Taue wurden gekappt,
die Trmmer hinber geschleudert, neue Seegel an den brigen Masten
emporgezogen, und das Fahrzeug wieder mchtig regiert. Pfropfen
verbanden, Wunden gleich, den gefhrlichen Leck, rstig befreite die
strmende Pumpe den berfllten Bauch von den drohenden Fluten.

Hier schlug eine Karttschenlage in das Linnen und gleich Vgeln im
Strauchwerk, die des Jgers verstreutes Schrot traf, sturzten die
Arbeiter aus Mastkrben, und von Strickleitern. Dort eine neue Lage, und
Verwundete und Todte deckten den obern Boden. Kein Entsetzen hemmte der
vorgezhlten Ordnung Lauf. Auf den Wink flogen andere Shne des Neptun
wieder zur Hhe, Aerzte harrten mit eiliger Hlfe der Verwundeten; was
kein Leben mehr hatte, wanderte ins feuchte Grab.

Hier warf eine Chaluppe, von einem mchtigen Steuer oder fallenden Baum
berhrt, um, und sendete ihre Lenker in den Meeresgrund, dort fiel ein
wichtiger Befehlshaber, ein jhling Opfer der Schlacht. Keine Verwirrung
im regen Gang des erhabnen Verderbens. Andere Boote senkten sich in die
Wellen, der Hintermann sprang an des Entseelten Platz, und weiter
kmpften die ungeheuren Krfte.

Alles nur geringe Vorboten riesenhaft grlicherer Szenen. Bald eilten
hie und da Fregatten und Hundertstcker, Brust an Brust zusammen, und
ketteten durch Hacken und Taue die Borde aneinander. Mit Furienungestm
sprang die wilde, sich durch Schlachtruf begeisternde Mannschaft hinber
auf die feindlichen Bretter, und die enge fluchtgehemmte Metzelei
wthete ein. Es galt jede Waffe, doch gebrach in kurzer Zeit selbst dem
Flintenkolben und dem Sbel Spielraum. Geballte Fuste boxten mrderisch
auf den Gegner, nervigte Arme umrankten ihn, strebten ihn ins Meer zu
schleudern, ihn in des Schiffraums Balken hinab zu strzen. In Kajten
und Magazinen dauerte das Gewrge, bis den Offizieren der Obermacht
gelang, einer kleinen brigen Zahl, noch Leben von den ergrimmten
Wrgern zu erflehen.

Linienschiffe hatte der Kugeln zu dichter Haufe durchwhlt. Zu Ende ging
die Hlfe der Kunst, die Geistesgegenwart fand keine Rettungsmittel
mehr. Durch Hundert Risse drngten sich die Wogen, gleich Wasserfllen
strzten sie in die Tiefe hinab. Umsonst der Versuch, noch zu stopfen.
Die erschpfendste Anstrengung der Pumpen verrieth ihre Ohnmacht, da in
schauderhafter Langsamkeit das Gebude sich hinabsenkte. Immer hher kam
der Seerand, immer schmler ward der Bord, eine Kanonenreihe nach der
andern verbarg sich dem Auge. -- Was vermag noch der Mensch? Die
Chaluppen sind ausgesetzt, weggedrngt, verloren! Wren sie auch da, wie
mgten sie die Hunderte auffassen, die die Hnde jammernd ausstrecken?
Die andern Schiffe sind in Arbeit. Rauch deckt den Zwischenraum. Auch zu
spt, wenn sie schon Hlfewinkend nahten, denn der Schwere Gesetz eilt
zur Vollziehung! Schon bis zum Rand ist die See gestiegen! Der Befehl
hrt auf, bereitet euch zum Tode, hallt des Gebieters letztes Wort.
Stiere bleiche verzerrte Gesichter wenden den grlich trockenen Blick
gen Himmel, sie verlngern ihre Gestalt, wie sie schon die Nasse fhlen;
noch ein Gedanke an die Lieben daheim, eine Frage an den Tod -- die
Arche ist verschwunden, ihre meisten Bewohner, hie und da noch ein Kampf
der Schwimmkundigen, von denen es nur Einzelnen gelingt, ein ander
Fahrzeug zu erreichen.

Dort hat die Flamme die betheerten Planken, die trockenen Stangen, das
drre Werg ergriffen. Sie trotzt dem Verein zur Tilgung, bricht aus
dieser, aus jener Kammer, und lodert durch die Region der Seegel empor.
Schon fallen Erstickte nieder, der rauchende Gestank hemmt den Athem.
Noch hoffen die gern Lebenden, Todesangst verdoppelt die Kraft. Es
gelingt an einem, an dem andern Ende, die brennenden Balken
loszubrechen, fortzuwlzen, zu lschen die hllische Glut. Nur nicht zum
Pulvervorrath! heit aller Gedanke. Aber zu den Kanonen dringt die
Flamme an vielen Orten heran, auch dort liegt die Schwarzische Mischung
Pulver, die Stcke lsen sich von selbst, ihre Kisten fahren gleich
entzndeten Minen auseinander, verletzen, zerbrechen, stecken in Brand.
Die Verheerung spottet endlich jeder Ermannung. Vorn, hinten, auf der
Seite, berall Flammentod, die Kleider brennen schon, lieber
untergegangen in dem feuchten Element, die meisten strzen sich
verzweifelt hinab, whrend in Pracht des Orkus, den bretternen Pallast
Gluten auflsen.

Nach halb sieben Uhr hatte die Schlacht begonnen, schon whrte sie
anderthalb Stunden, aber trotz der so vortheilhaften Stellung der
Englnder, und der nachtheiligen ihrer Feinde, war noch nichts
entschieden. Doch um acht Uhr wurde der franzsische Admiral verwundet,
und die Signale erfolgten unregelmiger. Noch eine Stunde des
erbitterten Kampfes, und die Waage neigte sich wenig. Aber um neun Uhr
ward Bruyes durch eine Kanonenkugel zerrissen, und die Unordnung im
Commando begann, whrend dessen Nelson unverletzt blieb, und das groe
Werk fortregieren konnte. Htte die Parze ihm das Loos geworfen, wrde
vielleicht der Ausgang ganz verndert gewesen sein. Um halb zehn Uhr
genossen die Englnder den Triumph, das Admiralschiff der Franzosen in
Brand gerathen, und eine Viertelstunde darauf es in die Luft fliegen zu
sehn.

Dies feurige Schauspiel, das Lrmen und Prasseln in der Hhe, das
Herabfallen vieler umhergeschleuderten Gegenstnde, machten, da des
Streites Hitze eine Viertelstunde lang nachlie; dann erneute sich aber
das rasende Getmmel bis zur Morgenrthe hin, und von dem Augenblicke
an, wo Bruyes gefallen war, lchelte die Siegesgttin der brittannischen
Flagge. Neun ihrer Schiffe waren entmastet, mehrere hart beschdigt,
aber die meisten franzsischen genommen, oder zerstrt.

Beider Nationen Tapferkeit war sich gleich gewesen, Nelson hatte mehr
Erfahrungsgeschicklichkeit gezeigt, wie Bruyes, aber berall hatte jenen
das zufllige Glck auch wie einen erwhlten Liebling umarmt. Ihm
gebhrt der Nachwelt Ruhm, doch drfen jene Umstnde nicht dabei
verschwiegen werden, eben so wenig wie die so hartnckige krftige
muthige Gegenwehr der Franzosen, fast zwlf Stunden lang.

Wer kann sich wohl der ernsthaftesten Bemerkungen bei dieser Schlacht
enthalten?

Sie war viel mrderischer wie die von Actium, wo Cleopatra gleich davon
segelte, und Antonius bald der Geliebten folgte. Jene entschied die
Herrschaft der Welt unter Individuen sehr schnell, aber eine
Geschichtsbersicht nach hundert Jahren wird vielleicht erst entscheiden
knnen, ob die Schlacht bei Abukir nicht noch wichtigeren Ausschlag im
Allgemeinen gab.

Nimmt man an, des Feldherrn Eilboten htten den Seeherrn glcklich
erreicht, und Bruyes die Flotte in den Hafen von Alexandrien geborgen,
so gewann die egyptische Expedition ein anderes Ansehn. Die Franzosen
blieben wenigstens strker an Mannschaft und wie auch die Britten sich
vor den Hafen stationirten, so konnten sie doch schwerlich durchaus
hinderlich sein, da nicht von den zahlreichen Schiffen der
franzsischen Flotte hin und wieder bei guter Gelegenheit des Windes
einige nach Frankreich ausgelaufen wren, und neue Hlfe an Truppen und
Kampfmitteln zu den Ufern des Nils geschafft htten. Das wre um so eher
der Fall gewesen, wenn Bruyes die Flotte vorerst nach Corfu oder Malta
gefhrt htte.

Wre aber der Strom des Windes bei jener Schlacht den Franzosen
freundlich gewesen, htte die tdliche Kugel statt Bruyes Nelson
erreicht, so liegt die Vermuthung nicht weit, da jene den Lorbeer des
Kampfes wrden davon getragen haben. Dann spielten sie die Meisterrollen
in den mittellndischen Gewssern, das egyptische Heer konnte leicht
verdoppelt werden, Gizzar Pascha, spterhin so nachdrcklich von Sidney
Smith untersttzt, wurde leicht berwunden, und die Hindernisse, welche
man im Orient vorfand, verringerten sich. Die Pforte war gezwungen,
einen Bund mit Frankreich einzugehen, Egypten, das reiche Land, eine
Kolonie der neuen Republik, ber welche sie ihr Domingo immerhin
vergessen konnte.

Allein der groe Mann, der die hochromantische, weitberechnete, im
Charakter antiker Heldenzge entworfene Unternehmung nach Egypten
leitete, wrde gehrig verstrkt, vielleicht die Angelegenheiten in
Paris mit einiger Gleichgltigkeit behandelt haben, wenn sein Blick
schon mehr wie einen Welttheil umfat. Er htte Europens Kultur nach
Afrika verpflanzt, die Zeiten der Ptolemer in groen Unternehmungen
wieder zurckgerufen, den Kanal von Suez hergestellt und den alten
Handel durchs rothe Meer geleitet, den stolzen Britten in Bengalen
angegriffen, ein Alexander am Ganges.

England htte nur einen schwcheren Einflu auf die europischen
Kabinette ben knnen, die Kriege wider Frankreich wrden eingestellt
worden seyn. Das in Gefahr schwache Direktorium htte in unbedrngten
Zeiten noch lange an der Geschfte Spitze weilen knnen.

Doch die _verlorene_ Schlacht von Abukir rief endlich den Helden zurck.
Er ging nach Europa und ward Csar. Im Erdtheil der Kultur sollte er
zuvor den Herrscherstab erheben, denn konnte er ihn mchtiger einst ber
die Meere tragen. Also lie sein csarisch Glck die Armade von Egypten
untergehn.

Ist es recht, in einem Roman von dem Helden zu reden? Wer kann aber von
_ihm_ schweigen, der die Bewunderung der Welt durch immer erneute
Grothaten auf sich lenkt?




                           Drittes Kapitel.
                   Einlenken von der Abschweifung.


Die Franzosen, welche von den Huserzinnen ihrer Brder tragisches Loos
beobachtet hatten, geriethen in tiefe Trauer, und frchteten grauenvoll
fr das eigne Schicksal. Getrennt, abgeschnitten vom Vaterlande, wenige
Hoffnung, neue Verbindungsmittel bald wieder erscheinen zu sehen, und in
einem Lande eingeengt, wo man der Feinde viel, und der Anhnger wenige
zhlte, konnten ihre Aussichten wohl nicht beruhigend sein. Dazu lie
sich frchten, da die Englnder nunmehr auch landen und einen Angriff
auf Alexandrien machen wrden, whrend des Heeres grter Theil tiefer
eingedrungen war, um die Mammelukken zu bekmpfen; mindestens konnten
sie in den Hafen dringen und die dort noch liegenden Transportfahrzeuge,
von groer Wichtigkeit fr den Augenblick, zerstren.

Aber der heroische Geist offenbart sich am edelsten, in den
feindlichsten Anfllen der Gefahr. Wenn ihn Verzweiflung umgiebt, tritt
er mit neuer Thatkraft hervor, und erbaut den Rettungstempel aus Ruinen.

Der muthige Kleber lie pltzlich am Gestade Batterien emporsteigen.
Ueberall kreuzte sich ihr Feuer. Der Eingang in den Hafen ward
unzugnglich, kein Landungspunkt blieb unbewacht von der zeitigen
Vorkehrung, worin der denkende Held furchtsam, aber der unverstndige
Praler sorglos ist.

Der hohe Feldherr, nachdem er erfuhr, was vorgegangen war, rief aus:
Wohlan, so sind wir denn zu desto greren Thaten gezwungen!

Es giebt eine Menge Grnde, womit sich der Mensch ber die
hereingebrochenen Unglcksflle zu trsten sucht. Aber mag sie
Philosophie oder Religion liefern, Leichtsinn thut dennoch mehr. Dieser
glckliche Gemthszug ward dem Franzosen vor allen Erdenshnen, darum
ist er auch mehr wie alle geeignet, das Widerwrtige zu bestehn. --

Nach einiger Zeit brach eine Truppenabtheilung nach Cairo auf, mit der
Ring und Flore zogen. Sie bedienten sich der Esel, Postkutschen kennt
man in Egypten noch nicht, wo man in vielen Bequemlichkeiten des Lebens
nur wenige Schritte vorrckte. Bei dem allen brachte es der Europer im
angenehm Reisen eben auch noch nicht weit. Nur in Frankreich und England
giebt es ertrgliche Wege, Ruland und Schweden haben mindestens
Anstalten, schnell fortzukommen. Doch in spteren Jahrhunderten wird man
kleine Huschen auf Rder stellen, deren Zimmer nach Art der
hollndischen Gondeln eingerichtet sind, und worin man sitzen und gehn,
schlafen und lesen, schreiben und Clavier spielen kann. Oefen fr den
Winter, und chemische Kchen drfen nicht fehlen. Ein lebhaftes
Vergngen wohnt schon in der Vorstellung einer solchen Reise, von
einigen hundert Meilen; nichts wird sie bertreffen, als die noch spter
angelegte Luftpost, die auch das leiseste Stuckern vermeidet.

Es ging durch die Wste. Die Natur hat die Laune gehabt, in Egypten
viele Landstriche mit einer hundertfltigen Fruchtbarkeit auszustatten,
dagegen de, ewig unwirthliche, brennende Sandmeere zwischen die kleinen
Elysen hingeschlngelt. Es scheint, sie frchtet aus ihrem Charakter zu
fallen, wenn sie des Guten zu viel thut, denn die Weltregel will des
Schlechten berall daneben. Ein ganz neuer, sonderbar ergreifender
Anblick, solche Wste, dies berichten alle, welche sie sahen. So weit
das Auge reicht, eine starre weie Flche ohne anmuthigen Wechsel der
Gegenstnde, ohne erquickende Vegetation, ohne Zeugen des Lebens. Tief
ist der heie Sand, und qualvoll zu durchschreiten. Strme, dort
besonders die sdlichen, wirbeln oft ungeheure Staubsulen empor, die
sich, dicken Nebeln gleich, ber die gengsteten Pilger breiten. Dann
unterscheidet man kaum das Nchste, gleich dem Schnee des Nordens hngt
der Sand an den Kleidern, dringt aber weit feiner noch durch. Man athmet
Sand, geniet Sand mit den Speisen, mu unaufhrlich die Augen davon
reinigen. In einigen seltenen Fllen soll er sogar Caravanen begraben
haben. Peinigt nun grimmiger Durst die Pilger, und sind die auf Kameelen
fortgefhrten Vorrthe erschpft, so werden sie oft grausam getuscht,
da der Wste ferner Horizont, mittelst salpetriger Ausdnstungen das
vollkommene Bild eines klaren Sees darstellt. Hoffnungsvoll eilen nun
die Lechzenden weiter, trumen das se Labsal der Erfrischung, wie sie
dort schpfen, trinken, die Schluche wieder fllen, die Glieder im
strkenden Bade erfreuen wollen. Doch sie reisen, und reisen, und
erreichen des Sees Ufer nicht. Immer in dem alten Abstand glnzen sie
vor ihren Augen. Sie sind schon lange in dem vermeinten Gewsser, da
Nhe die Tuschung vernichtet, und sehen es doch immer wieder vor sich,
bis sie endlich die Grnze der Wste erreicht haben, und ein wirklicher
Quell, zwischen blumigen Auen ihnen rieselt.

Ring und Flore unterhielten sich viel ber ihre Zukunft und die
Schicksale, welche sie erwarten drften. Jener freute sich auf alle die
hohen Seltenheiten, die es weiterhin zu sehen gbe, sprach mit
Begeisterung von den alten Knigsgrbern, von Thebens Ruinen, die er in
Kupfer gesehen, von denen er im Strabo und Herodot gelesen hatte; diese
frchtete die Wuth der Mammelukken, und bezeugte, wie Lessings Just,
kein Verlangen, sich von einem Sbel den Kopf spalten zu lassen, wre er
auch mit Diamanten besetzt. Jener meinte, es wrde ihm willkommen sein,
lebenslang in dem warmen Klima zu wohnen, diese wnschte nur Gelderwerb
im Handel, um einst in Frankreich im Wohlstande zu frieren.

Sie gelangten nach einer vierzigstndigen Reise zu jenen zauberischen
Gefilden bei Raschid, im Contrast gegen die durchwanderte Oede, um so
reicher an entzckender Anmuth. Die Reisfluren wogten ppig, die Reihne
dufteten von Blumen, Jasminen rankten sich am Wege hin, die Huser der
Drfer waren durch Akazien, Datteln und Sykomoren verdeckt, nur die
Tempelartigen Moscheen ragten aus dem frischen Grn empor. Die Grten
prangten mit Orangen- Feigen- und Granatbumen. Fette Heerden weideten
im hohen Gras und auf dem majesttischen Nyl wimmelte es von bunten
Fahrzeugen. Ueberall rege Geschftigkeit.

In Raschid ergtzte Floren ein egyptischer Postmeister hchlich. Der
Mann hatte einige kleine Briefe zur Bestellung nach mehreren Orten
empfangen, und nun stieg er auf seinen Taubenboden, hing verschiedenen
der geflgelten Boten die Papierchen um den Hals, und lie sie durch die
Luft ihre Strae ziehn. Es langten auch einige andere an, die
Billetdoux, oder was es sein mogte, berbrachten. Warum sucht man das
nicht auch in Europa nachzuahmen? Die Geschwindigkeit der Befrderung
ist doch angenehm.

Jetzt schifften sich die Reisenden auf dem Nil ein, und fuhren mit einem
gnstigen Winde gegen den eben nicht reissenden Strom. Flore hatte viel
von den Krokodilen im Nil gehrt, und wagte daher keinen Finger ins
Wasser zu stecken, aus Furcht, eine dieser Rieseneidechsen mgte Appetit
darnach verspren. Man beruhigte sie aber durch den Bericht, da seit
dem Gebrauch des Feuergewehrs die Krokodile sich immer hher hinauf nach
Oberegypten zurckgezogen htten, wie sich berhaupt die gefhrlichen
Thiere des Landes immer mehr verminderten.

Ein befremdendes Schauspiel zog aller Augen auf sich. Viele Wasservgel
schwammen ruhig auf der Flche dahin. Nicht weit von ihnen wurde man
aber mehrere groe Krbisse gewahr, die in den Strom geworfen zu sein
schienen. Mancher Vogel nahte unbesorgt der Frucht. Eh man sichs aber
versah war er gepackt. In den Krbissen steckten nemlich Menschenkpfe,
die Tauchern gehrten, welche sich dieses listigen Mittels bedienten,
die Thiere unter dem Wasser an den Beinen zu erhaschen.

Schne Landschaft im morgenlndischen Charakter zu beiden Seiten der
Ufer. Angebaute Terrassen, Kanle zum Bewssern gegraben, viel Spuren
des Fleisses aus dem hohen Alterthum, und merkwrdige Ruinen. Ueberall
hing das Auge des Reisenden an ihm neuen Gegenstnden.

Doch die Menschen waren zurckstossend. Schmutzige sonnenverbrannte
Bauern, arabischer Herkunft, schwrzliche Kopten mit migestalteten
Gesichtern und struppig krausem Haar. Der Stolz des Europers regt sich
auf, je weiter er gegen Sden reist, weil sich ihm die Bemerkung
immerhin lebendiger wieder aufdrngt: nur im Norden habe die Natur
menschliche Schnheit erzogen. Das erkennt auch der reiche Afrikaner an,
und lt Mdchen in Georgien und Cirkassien kaufen. Bei dem allen ist
dem wahren Neger, eine Schnheit eigner Art nicht streitig zu machen;
und in den indischen Kolonien (auch wohl zu London und Paris) zeigt der
Weissen Lsternheit ebenfalls eine Vorliebe gegen eine Haut, welche
Poesie mit dem Ebenholz gleichen kann; doch was zwischen den Extremen
liegt, kann nur dem rohen eingebornen Sinn gefallen.

Unter der Fortsetzung dieser Fahrt entdeckte man die Pyramiden von
Gizah, wiewohl in einer Entfernung mehrerer Meilen. Bergen gleich ragten
die Steinmassen empor. Die Sehnsucht, sie in der Nhe zu betrachten,
konnte aber noch keine Befriedigung finden.

Endlich erreichte man Cairo, die grte der Stdte in Afrika, es sei
denn, da dieses Welttheils noch unbekannte Mitte Oerter von weiterem
Umfange birgt.




                           Viertes Kapitel.
                                Cairo.


Zu Bulak stieg man aus. Es ist eine an den Stromhafen gebaute Vorstadt.
Schner, knnte sie vielleicht mit den Umgebungen des alten Pyrus bei
Athen verglichen werden, doch in der vorhandenen Hlichkeit gebhrt ihr
eine solche Ehre nicht. Dagegen mgte das Gewhl vom Pyrus nach der
Hauptstadt Griechenlands, wenn schon anstndiger, doch nicht so bunt und
mannigfach gewesen sein, wie das, was man auf dem Wege von Bulak nach
Cairo antrifft, am meisten in der Art, wie unsere Reisenden es sahen.

Erst im Hafen ein Wald von Masten, schon lange zuvor erblickt, und von
den Domen und Minarets des afrikanischen Paris berragt. Dann die
zerstreuten Htten, zwischen den Werften, Pltze mit Schiffbauholz,
Waarenvorrthe und auf nebenliegenden Ebenen die bunten Gezelte der
Araber. Handelsthtigkeit berall. Auf den Husern dichte Schwrme
Tauben, das am meisten geschtzte, und am zahlreichsten gehaltene
Hausthier, die unaufhrlich ab und zuflattern, am Boden eben solche
Haufen von Gabelgeiern und Krhen, die bald sich auf, bald
niederschwingen, bei der wenigen Verfolgung die ihnen widerfhrt, hchst
dreist sind, und die Luft mit ihrem Geschrei fllen. Ebenfalls Tausende
von Hunden, die in allen groen Stdten des Orients, wie man zu reden
pflegt, auf ihre eigene Hand leben, und von den, gegen Thiere
sanftmthigen Muselmnnern, keine Strung frchten drfen. Nun ein
unabliges Wogen zur Stadt und von der Stadt her, ein Drngen, Stossen,
Zanken, Waaren schleppen, Kameeltreiben, Eselfhren, Reiten auf
stattlichen Barbarhengsten, Platzmachen durch stolze Diener der Polizei,
mit langen Stcken -- die Menschenmenge, zusammengesetzt aus Trken,
Kopten, Griechen, Syrern, Arabern, Negern, Juden, und Europern, die
unter den gegenwrtigen Umstnden in ihrer Tracht erscheinen konnten,
und das Schauspiel noch bunter ausschmckten. Und nun unter all dem
Gewimmel hier einen franzsischen Grenadierkapitn, dort eine reitende
Jgerpatroll, hier eine vorbeiziehende Infanteriewache, den wirbelnden
Tambour an der Spitze, dort einen Ingenieur, der die Straen aufnimmt,
ein anderer der den Strom nivellirt, wieder ein Gelehrter, der die
Inschrift eines alten Steines prft, ein zweiter, der den Fang der
Nilfischer naturhistorisch untersucht, ein dritter, der mit einer
egiptischen Bajadere (die so zahlreich vorhanden sind, wie zu Wien auf
dem Graben oder zu Hamburg auf dem Jungfernsteig die europischen)
scherzt -- und jedermann mu bekennen, da das Bild davon schon sehr
anziehend ist, und da ein hnlicher Anblick durch ganz Europa vergebens
gesucht wird. Weite Reisen mssen aber auch entschdigen, wer wrde sich
sonst zu ihren Beschwerlichkeiten verstehn wollen.

Wo mglich fand man dies Gewhl in den Hauptstraen von Cairo noch
vermehrt, wiewohl andere Gegenden der Stadt de und menschenleer
erschienen. Sie hatte berhaupt durch die Ankunft der Franzosen manches
an ihrem eigenthmlichen Glanz und ihrer Menschenzahl eingebt. Jener
bestand in der ppigen Pracht der Beis und ihrer hohen Beamten, diese in
den Mammelukken, welche sich im Gefolge ihrer Herren entfernten, und
wider die Europer in den Streit zogen.

Jetzt wurde Cairo nach allen Richtungen durcheilt, um die
Merkwrdigkeiten in Augenschein zu nehmen. Die Freiheit, mit welcher das
jetzt geschehen konnte, war seit Jahrhunderten keinem Franken geworden.
Denn vor Ankunft des europischen Heeres waren sie groen Beschrnkungen
und qulenden Demthigungen blosgestellt. Sie muten morgenlndische
Kleidungen tragen, doch mit einem Abzeichen, welches in den Augen des
Pbels Verchtlichkeit hatte. Jedem Mammelukken, Priester oder Beamten,
waren sie schuldig, eine tiefe Ehrenbezeugung zu machen, indem sie von
den Eseln stiegen, sich neigten, und die Hand auf die Brust legten.
Selten wrdigte man diese Hflichkeit eines Dankes. Wurde sie vergessen,
so brachten sie unsanfte Stockschlge der begleitenden Diener in
Erinnrung, wobei gar nicht die Frage war: ob der Europer vom ltesten
Adel stammte, oder nicht? In entferntern Quartieren lief man leicht
Gefahr, ermordet oder geplndert zu werden. Durch willkhrliche Abgaben,
Avanien genannt, muten Sicherheit und Befugni zum Handel von den oft
wechselnden Herrschern, immer wieder aufs Neue erkauft werden. Man mgte
glauben, unter solchen Umstnden htte jeder Europer einen so
gehssigen Aufenthalt geflohn, allein was thut die Liebe zum Gewinn
nicht? Man konnte in einem Jahre oder in noch krzerer Zeit dort reich
werden. Man durfte nur Marseiller Tcher und Turbane, schweizerische
Uhren, englische Eisenwaaren und dergleichen dahin bringen, nun fr den
gelseten Preis Moccakaffee einhandeln, und das Glck haben, da das
Schiff, worauf sich die Ladung befand, seinen Hafen erreichte. Und welch
einen freundlichen Wink giebt der Reichthum nicht? Man frage die
allerehrenvollsten armen Mnner, ob sie sich, wenn sie reich zu werden
hoffen drfen nicht der Gefahr einiger trkischen Stockschlge
preisgeben wollen, und sie werden sogleich zu erwgen anfangen, da in
dem morgenlndischen Stock die Beschimpfung nicht liegt, die der
mystische europische in sich enthlt.

Ring, der Berlin, Manheim, Carlsruhe gesehen hatte, fand die Gassen in
Cairo unleidlich, in ihrer engen finsteren Krmme, und verwnschte
besonders die quer ber, von Haus zu Haus gelegten Bretter, die vollends
jeden architektonischen Prospekt hemmten. Flore aber war seiner Meinung
nicht. Sie behauptete, der allgemeine Baldachin sei da vortrefflich, wo
eine unmige Sonnenhitze dadurch abgehalten wird, und eine herrliche
Facade bratend anzuschaun, mache ihr nicht das mindeste Vergngen. Wie
billig verwies er ihren geringen sthetischen Sinn.

Diese Ueberdachung der Straen findet sich auch in Tripolis, Algier u.
s. w. und man mu doch eingestehn, da, wie sehr die Bewohner dieser
Stdte uns in Erfindung anderer Bequemlichkeiten nachstehn, sie hier
doch auf eine fielen, die wieder manche der unsrigen berwiegt. In
Europa, besonders in seiner nordischen Hlfte drckt zwar die Hitze nur
whrend einer kurzen Zeit, aber wren solche Hlfsmittel gegen unsere
hufigen Regen, gegen unsern Schnee nicht willkommen? Einen hohen Grad
von Vollkommenheit wrden sie erreichen, wenn sie, (bei nicht zu breiten
und mit Husern von gleicher Hhe besetzten Straen) Zugbrcken gleich,
von den Dchern gegen einander herabgelassen werden knnten, unter der
Neigung eines erhhten Winkels, und mit Rhren zum Abzuge des Wassers
versehn. Dichtigkeit und Zusammenpassen aller wre eine unerlssige
Bedingung. So knnten sie wider Sonnenhitze und nasse Witterung
wohlthtig seyn, und bei sonst angenehmer Luft aufgezogen werden. Einige
Fenster mten die zu groe Dunkelheit mindern. Sollten die Pltze auch
den Nutzen theilen, so knnte es freilich nicht anders geschehn, als
mittelst gewaltiger Schirme an hohen Masten. Eine ausschweifende
Einbildungskraft hat sich sogar fr Zeiten des greren
Unternehmungsgeistes die Mglichkeit eines Regen- und Wrmeschirms
gedacht, der ganz Paris decken und nach Belieben entfaltet und zugefgt
werden knnte; auch die Hhe des Thurms berechnet, woran er zu
befestigen wre, die Natur der Mittelstbe ertrumt (durch Hngewerke
aneinander befestigt, durch Taue von der Thurmspitze aus getragen, von
Mastbumen gefertigt) und des Zeuges, (einem Gewebe von Strngen nach
Bedrfni mit Harz getrnkt).

Doch Scherz bei Seite! So viel wir uns auf den Vorsprung in
Wissenschaften und Knsten zu Gute thun, so giebts doch in Europa keine
Stadt, der nur eine mige Bewunderung zu schenken ist, wenn man
zugleich an das, zu erhabenen Conceptionen so aufgelegte und im
Ausfhren so beharrliche Alterthum zurckdenkt. Kleinlichen Flitterstaat
zeigen unsere Hauptstdte gegen die Pracht von Theben, Memphis, Palmyra,
Babilon, oder des _rmischen_ Roms. Stnde Semiramis wieder auf, sie
wrde die Peterskirche im _pbstlichen_ Rom allenfalls noch werth
halten, wie ein kleiner Lustpavillon in einem ihrer Grten zu stehn,
viel weiter wrde sich ihre Achtung nicht erstrecken. Wem fllt es denn
wohl ein, einen Thurm aufzurichten, wie der Tempel des Bel in Babilon,
einer war. Wer will Grten in der Hhe schweben lassen, wer Schiffe
zwischen den Schenkeln einer Bildsule durchfhren wem sind Strecken von
zwanzig Meilen, durch Berge, die es zu trennen gilt, nicht zu weit, um
nur besseres Wasser daherzuleiten?

Wir erschrecken vor den Gedanken, Hunderttausende von Arbeitern bei
einem Bau anzustellen[1], wten nicht die Menschen, die Summen
aufzutreiben. Dagegen erschlugen wir seit mehreren Jahrhunderten, oft um
die albernsten Zwecke Hunderttausende in Kriegen, und manches Volk hob
dieserhalb schon der Kindeskinder Einknfte, wlzte den noch spteren
Enkeln Schulden auf. Erst wenn die irreligisen unntzen Fehden werden
geendet haben, wenn die Christenheit einen Staat bildet, und eine
Vlkerjustiz der Vlker Zwiste entscheidet, wird die Zeit nahen, wo auch
die gegenwrtige Menschheit der folgenden in wahrhaft hohen Denkmlern
sich verkndigen kann.

[Funote 1: Da Salomo seinen Tempel bauen wollte, sandte er
Achtzigtausend Zimmerer nach dem Libanon, Zedern zu bereiten, und
Siebenzigtausend Steinhauer aus, (1. B. der Knige Kap. 5. V. 15-18) was
freilich um so unglaublicher klingt, als hernach (1. B. der Knige Kap.
6) gemeldet wird, der Tempel sey nur sechzig Ellen lang, zwanzig breit,
und dreiig hoch gewesen.]

In Einzelheiten legten wir allerdings vor den Ahnen groe Strecken Weges
zurck. Jene Memphis, jene Babilon entbehrten an ihren Marmortempeln und
Pallsten der Glasfenster. Metastasio, indem er den Garten von
Schnbrunn besang, wollte poetisch komplimentiren, und verglich ihn mit
dem des Alkynous. Das war aber eine ziemlich prosaische Herabsetzung,
denn bei aller prachtvollen Beschreibung des Homer[2], tauschte doch
kaum ein wohlhabender Pachter mit dem seinigen. Allein desto
wundervoller, wenn jetzt der Geist des Groen einmal groe Krfte zu
einem solchen Zweck vereinen wird. Man kann fragen: aber wozu das am
Ende? Darauf wei ich keine Antwort. Denn wollt ich sagen: Damit der
Eindruck die Gemther erhebe, so kann man das gewaltig zu Boden schlage,
da in einer Stadt, welche das neue Palmyra genannt wird, und fr die
jetzigen Zeiten, doch schon ein Erhebliches an architektonischen
Prospekten Tempeln, Pallsten, zeigt, die Gemther -- -- -- -- -- doch
Stille Stille!

[Funote 2:

   Auer dem Hof erstreckt ein Garten sich, nahe der Pforte;
   Einen Huf ins Geviert', und rings umluft ihn die Mauer.
   Dort sind ragende Bume gepflanzt mit laubigen Wipfeln,
   Voll der balsamischen Birne, der sen Feig und Granate,
   Auch gelbgrner Oliven, und wohlgesprenkelter Aepfel.
   Diese tragen bestndig im Jahr, nie mangelnd des Obstes,
   Nicht im Sommer, noch Winter, vom athmenden Weste gefchelt
   Knospen sie hier und blhen, dort zeitigen schwellende Frchte.
   Birn reift auf Birn, es rthen sich Aepfel auf Aepfel;
   Traub auf Traube verdunkelt, und Feigen schrumpfen auf Feigen.
   Dort auch prangt ein Gefilde von edlem Weine beschattet,
   Einige Trauben umher auf der Ebene hingeleitet,
   Dorren am Sonnenstrahl; und andere schneidet der Winzer.
   Andere keltert man schon; hier stehn die Herlinge in Reihen;
   Hier entblhn sie zuerst; hier brunen sich leise die Beeren,
   Reich an Gewchs, und stets von Blumen umduftet.
   Auch sind dort zwo Quellen, die eine fliet durch den Garten,
   Schlngelnd umher, und die andere ergiet sich unter des Hofes
   Schwell' an dem hohen Pallast, woher sich schpfen die Brger.

      Odyssee 2ter Gesang. V. 112--131.
      nach Vo Uebersetzung.]




                           Fnftes Kapitel.
                             Fortsetzung.


Was werden die Kritiker des Morgenblattes sagen, die sublimen Mnner,
welche nur eine mige Zahl von Alltagskpfen in ihre Mitte treten
lieen, da dies Buch bis hieher noch so wenig That, so viel Betrachtung
enthielt, da die Kunst auszustellen, zu spannen, einzuleiten, mit so
weniger Sorge gepflegt wurde? Geduld! es wird der Handlung Flle
erscheinen, ja der Verfasser wird es dahin bringen, da man sich noch
ber Quantitt und Qualitt der Handlung ereifern soll.

Unser Paar lebte nun eine gute Zeit wohlbehalten in Cairo. Ring hatte
seine Geschfte beim Commissariat zu versehen, Flore, die immer wieder
Mannskleider trug, suchte hie und da einen erlaubten Gewinn zu erzielen.
Nach ihrer bekannten Aufgewecktheit, Gefgigkeit, nach ihrem schnellen
Auffassungsvermgen, lernte sie bald etwas von der Einwohner Sprache,
und verstand es auch, sich zu ihren sittlichen Ansichten zu bequemen.
Daneben hatte sie bald eine Kenntni von Dingen, nach denen die
franzsischen Gelehrten begierig waren, als da sind aufgefundene alte
Mnzen, Mumienfragmente und andere Seltenheiten. Oft schwatzte sie
dergleichen den Egyptern um ein Geringes ab, und veruerte es gut.
Gegenstnde der Lieferung, die ihr Mann aufzutreiben hatte, schaffte sie
so herbei, da ein billiger und nicht unbetrchtlicher Vortheil daran
hing. So gedieh es den beiden Leuten, doch sey es zu Florens Ehre
gesagt, sie trieb es in allen Ehren.

Weltbekannt ist, wie viele treffliche Einrichtungen von den Franzosen in
Egipten gemacht wurden. Man untersagte den Sklavenhandel, stiftete
berall eine geordnete Polizei. Eine Versammlung der Scheiks aus
verschiedenen Provinzen wurde zu Cairo ausgeschrieben, wo man die
Verbesserungen der Gesetzpflege und Finanzverwaltung berathete. Den
brgerlichen Gewerben und dem Ackerbau ward der nthige Schutz, und die
Egypter htten sich nur auf ihren wahren Vortheil verstehn mssen, um
sich auf immer von der rohen Mammelukkentirannei befreit zu sehn.

Allein sie begriffen diesen Vortheil nicht, und untersttzten die gute
Sache nur mit halben Willen. Englischer Einflu, die Schritte, welche
die Pforte gethan hatte, und Sinn fr die alten Gewohnheiten verkehrten
diese Gemther, und whrend die franzsischen Waffen gegen alles, was in
den Provinzen noch Widerstand leistete, glcklich waren, zettelte sich
in der Hauptstadt ein gefhrlicher Aufruhr an.




                          Sechstes Kapitel.
                               Aufruhr.


Ring hatte die Pyramiden von Gizah immer noch nicht in der Nhe gesehn.
Allein war keine Wallfahrt dahin zu unternehmen, da Ruber in der Gegend
umherschwrmten, die des Landes kundig, zu viele Schlupfwinkel fanden,
um den Truppen erreichbar zu seyn. Nur mit Bedeckung waren Offiziere und
Gelehrten dahin gegangen, Ring hatte aber dann immer der Zeit ermangelt.
Nun fand sich eine Gelegenheit, er konnte einige Tage abkommen, und
wollte nicht sumen, den Gipfel der Spitzsulen zu erklimmen, und die
alten Pharaonskammern zu durchsphn.

Flore aber hatte keine Lust ihn zu begleiten, ohnehin war sie eben in
einer Handelsverrichtung begriffen, und blieb in Cairo zurck.

Grade nun begab sich aber jener bekannte frchterliche Aufruhr vom 21.
Oktober, dessen Plan ziemlich von weitem angelegt zu seyn schien, da an
dem nmlichen Tage auch Bewegungen in Alexandrien, und selbst vor dem
Hafen dieser Stadt, sichtbar wurden. Wie einst in Warschau, war es
darauf angelegt, alle fremde Truppen zu morden, die Franzosen entgingen
aber durch grere Wachsamkeit dem Geschick der Russen.

Frh um acht Uhr sah man verschiedene Volkshaufen, deren Vorhaben nicht
zweideutig schien. Der General _Dupuis_, Befehlshaber zu Cairo begab
sich nach dem Platze _Berquetfil_, die Emprer durch gtige Mahnung zu
zerstreuen, wurde aber mit seinen wenigen Begleitern getdtet. Nun
griffen die Franzosen zu den Waffen, pflanzten Kanonen in den Straen
auf, und brachten die Aufrhrer bald dahin, da sie sich in die Moscheen
retteten, und dort verschanzen muten. Ihnen wurde auf die Bedingung
Gnade zugesagt, da sie ihre Oberhupter auslieferten. Bei ihrer
trotzigen Weigerung war ihre Strafe angemessen. Sie lernten die Macht
europischer Kriegsfhrung kennen, und um so befestigter ward der
letzteren Gewalt.

Gleichwohl waren in den Husern und einzeln auf den Gassen viele
Franzosen umgebracht worden. Einige Gefangenen schleppten fliehende
Araber mit aus der Stadt fort. Ein solches Schicksal erfuhr auch die
gute Flore. Neugier anfangs, und hernach der Vorsatz, bei einer
Truppenabtheilung Sicherheit zu suchen, hatten sie aus ihrer Wohnung
getrieben. Nun sprengten aber einige Reuter vorber, von welchen der
Vorderste eine Lanze, wiewohl ohne Erfolg nach ihr warf, mehrere andere
Fehlschsse mit Pistolen nach ihr thaten, der Hinterste sie aber um den
schlanken Leib ergriff, sie vor sich auf das Pferd hob, und so mit der
Beute davon eilte.

Wie die tdtlich Erschrockene flehte, es war umsonst; auch die Hoffnung,
Franzosen wrden dem Zuge begegnen, und sie befreien, blieb eitel. Immer
im vollen Sprunge eilten die Reuter durch abgelegene Gegenden, und durch
Lcken der verfallnen Stadtmauer ins Freie.

Man kann sich den Zustand der Armen denken. Der Sitz auf dem Halse des
Gaules hchst unsanft, und am wenigsten freundlich, die Erwartung der
Dinge, die da kommen sollten.

Sie verstand so viel von der Sprache, um ihre wiederholten Bitten um
Freiheit vorzutragen, und auch die Reden der wilden Muselmnner deuten
zu knnen; auf jene wurde aber nicht gemerkt, und diese weissagten
nichts Gutes.

Eine Strecke von etwa dreitausend Schritten von den letzten Husern der
Vorstadt hielten die Reuter an, und beratheten hinter Buschwerk, das sie
versteckte. Sie wollten Nachricht abwarten, ob der Versuch, die Franken
umzubringen, nicht etwa noch eine gnstige Wendung genommen habe, in
diesem Fall waren sie entschlossen, wieder nach Cairo zurckzukehren.
Sonst hielten sie eine Flucht ins innere Land nthig, um der Rache zu
entweichen.

Gleich fragten aber die Uebrigen den Ali (so hie der Entfhrer Florens)
was er doch mit dem Franken beginnen wolle? Zwei oder drei alte Mnner
wollten ihn niedergestoen wissen, zuckten auch schon die Lanzen, einige
jngere traten aber mit lsternem Blick nher, wehrten ab, und
liebkoseten Floren.

Das letzte wollte Ali nicht dulden, und man gerieth in einen hitzigen
Streit. Da aber eben wieder zwei Araber daher sprengten, mit der
Verkndigung, alles sei fr die Aufrhrer verloren, und die Franken
Sieger, dachte man nur an eine weitere Flucht; die Arme wurde abermals
auf das Pferd geschwungen, und es ging im schnellsten Galopp
querfeldein.

Nur am spten Abend, wie die Thiere vor Ermdung nicht weiter konnten,
wurde Halt gemacht, und der alte Streit erneuete sich augenblicklich,
und mit grerer Frechheit, da weniger Furcht die Unholde plagte. Flore
wurde dem Ali streitig gemacht, der ihren Besitz lebhaft vertheidigte,
die Alten schrien: was sie vorhtten, sey gegen den Koran, und bald fiel
man mit Sbeln und Dolchen bereinander her.

Whrend dieses Getmmels benutzte Flore einen gnstigen Augenblick, und
sprang davon. Die Dunkelheit untersttzte ihr Beginnen, sie erreichte
ein Gebsch voller felsigten Schlfte, wo sie hoffen durfte, nicht so
leicht entdeckt zu werden. Zwar hrte sie bald, da die Araber wieder
aufgesessen waren, und sie mit vielem Geschrei nach allen Richtungen
aufsuchten, allein in ihre Nhe kamen sie nicht, und bald vernahm sie
kein Gerusch mehr.

Tiefe Nacht brach herein, und schien die Furcht vor den Arabern
verschwunden, so kam bald eine andere ber sie, die vor den Thieren der
Wildni. Sie kroch also, so tief es immer mglich war, in eine Hhle,
und erwartete dort schlaflos den Morgen.

Die einzige Hoffnung, welche ihr aufging, war, vielleicht auf Franzosen
oder gutsinnige Griechen zu treffen, die sie wieder nach Cairo bringen
konnten, und dadurch einigermaen beseelt, wagte sie sich aus ihrem
Schlupfwinkel hervor.




                          Siebentes Kapitel.
                            Eitle Wnsche.


Wie sie aus dem Dattelhlzchen trat, erblickte sie auf einer Seite
grauenvolle unabsehliche Wste, auf der anderen zwar angebauet Land,
doch kein Dorf, noch weniger Menschen, an welche sie es htte
unternehmen mgen, sich zu wenden. Indessen konnte sie nicht bleiben wo
sie war, schon beraus entkrftet, wrde sie bald dem Hunger erlegen
haben. Sie schritt also in das angebaute Land, traf auch bald eine
Quelle, ihren Durst zu lschen, und fand Frchte mancher Art, um den
Hunger zu sttigen.

Bald sah sie die Moschee eines geringen Stdtchens, und weiterhin
mehrere Drfer. Unschlssig, ob sie sich hier oder dorthin wenden
sollte, bestieg sie eben einen Hgel, der eine weitere Aussicht darbot,
und entdeckte, da der Nil etwa eine Meile davon, seine majesttischen
Fluthen vorberwlzte. Gleich war nun der Entschlu genommen, so
unbemerkt als mglich seinen Ufern zu nahn, weil es bei weitem nicht so
glaublich war, in jenen geringen Ortschaften Truppen zu finden, wie
dort.

Nicht ohne Gefahr setzte sie ihren Weg fort, und stie auf manche
Arbeiter im Felde, deren Ansehen bsartig genug war. Doch ihre
freundliche Natur, die mit zutraulichem Gru an ihnen hinging, machte,
da jene nicht zu der Besonnenheit gelangten, ihr Leid zuzufgen. Eine
kstliche Himmelsgabe, die freundliche Natur. Sie entwindet ohne Mhe
Verlegenheiten, ist eine der ersten Lebensadressen an das Glck. Unter
den Emporkmmlingen sieht man wenig herbe Gesichter, und ein lebensmder
Soldat, der einstmals ein Verbrechen beschlo, um den Tod zu leiden,
setzte den schon gespannten Hahn wieder in Ruh, weil der erste
Vorbergehende ihm einen heitern guten Tag bot, und tdtete dagegen den
zweiten.

Endlich kam Flore an dem Nil an. Aus den umherliegenden Htten hatten
sich viele Mdchen versammelt, hier Linnen zu reinigen. Nach Landessitte
war ihr leichtes Gewand bis zum Grtel aufgeschrzt, dagegen das Gesicht
schamhaft verdeckt. Ein seltsamer Kontrast gegen europische Meinungen.
Flore nahte lachend, und erkundigte sich, ob keine franzsische Soldaten
hier herum gesehn worden. Die Mdchen sagten aus: eben wren deren wohl
Hundert des Weges gezogen, die Getreide eintrieben. Flore sah noch in
der Entfernung den Staub, und eilte, alle Krfte anzustrengen, um das
Kommando zu erreichen.

Es war aber ziemlich weit voraus, Flore sehr ermdet. Sie keuchte
athemlos, doch spornte sie die Hoffnung der Sicherheit, der Gelegenheit
wieder nach Cairo zu ihrem Gatten zu kehren. Denn wenn gleich das
Commando von der Hauptstadt gekommen schien, da es seinen Weg in der
Richtung nach Oberegypten sdlich fortsetzte, so lie sich doch
erwarten, es wrde nach vollzogenem Auftrag wieder dahingehn. Htte sie
nun keinen Abweg eingeschlagen, so wrde der erste sie gewi an ihr Ziel
geleitet haben. Und vielleicht rasteten auch die Soldaten bald einmal,
desto eher wurden sie eingeholt.

Doch die Abwege! Wren sie nicht auf dem Erdboden! Und die falschen
Lockungen! Wohnte uns nicht eine so leichte Neigung bei, ihnen zu
folgen! Flore blickte von Ungefhr -- ein Ungefhr, an welchem ach! so
Viel hing, nach dem Strome. Sie gewahrte ein Fahrzeug, das ihn
hinaufsegelte. An der Spitze sa ein Mann in franzsischer
Soldatenuniform, die Kokarde am Hut. Sehr natrlich war der Gedanke, da
sie vielleicht auf dieser Barke auch Sicherheit finden knne, und die
Sehnsucht, ein wenig Schutz gegen die Sonnenhitze, die in Egyptenland
auch im Oktober drckend genug ist, zu finden, gab jenem Gedanken
destomehr Lebhaftigkeit. Ich will den Landsleuten winken, dachte sie,
da sie ans Ufer steuern, um mich aufzunehmen. Vielleicht gehren sie
selbst zu dem Commando, bringen etwa Lebensmittel nach. Desto eher wird
mein Wunsch erreicht.

Sie nahm ein weisses Tuch heraus, und gab Zeichen. Bald wurden sie
verstanden, das Fahrzeug nahte, und legte an. Froh sa die Wartende am
Strande. Der Mann in der Uniform steigt aus. Mit Schrecken sieht Flore
ein schwarzbraunes Gesicht, und morgenlndische Unterkleider. Der Hut
ist auf einen hlichen geschornen Kopf gedrckt. Nun will sie fliehn,
der Schwarzbraune hat sie aber bereits mit starkem Arm ergriffen, und
sie wird in die Barke getragen, wo einige Ruderknechte, und lumpigte
bewaffnete Kerle sie mit wildem Lachen empfangen.

Die Eigenthmer waren Fluruber, deren es auf dem Nil viele giebt, und
welche die neue Polizei bei aller Wachsamkeit noch nicht hatte vertilgen
knnen. Von einem ermordeten Europer waren jene Kleider genommen, und
das Oberhaupt der Bsewichter hatte sie angelegt, um Fremde, die man
etwa plndern konnte, sicher zu machen.

Man durchsuchte ihre Taschen nach Geld. Es fand sich wenig. Nun ward sie
entkleidet, um zu untersuchen, ob irgendwo Goldstcke eingenht wren.
Man fand deren nicht, aber entdeckte mit groer Befremdung und ppigem
Jubel ihr Geschlecht. Flore stockt, wenn sie hier weiter zu erzhlen
pflegt, und es ist daher billig, da auch manches bergangen werde. Die
Hauptsache ist, da sie mit fort mute, und die bittere Krnkung erfuhr,
den Truppenhaufen bald darauf am Ufer gelagert zu sehn, whrend die
Ruber auf der Mitte des Stromes vorbersegelten. Man hatte ihr die
Hnde gebunden und den Mund verstopft, so lange die Soldaten sichtbar
waren, damit sie auf keine Art ihre Gegenwart ankndigen konnte.

Dann wurde sie aber von dieser Unbequemlichkeit befreit, und die Ruber
wiesen sie an, ihnen das Essen zu bereiten. Die Nothwendigkeit gebot,
sie mute aus dem Mehlvorrath egyptische Polenta fertigen, und die
gefangenen Nilfische auf dem kleinen Heerd der Barke rsten.




                           Achtes Kapitel.
               Fernere Abentheuer mit den Flurubern.


Da Flehen und Weinen umsonst war, ergiebt sich von selbst. Auch blieb
es ohne Wirkung, da Flore dem Gesindel eine Loskaufungssumme verhie,
wenn man sie nach Cairo bringen wollte. Sie fand keinen Glauben, und die
Ruber, denen ihre Kost schmeckte, gewhnten sich nur mehr an sie.

So mute Flore sie auf ihren ruchlosen Zgen begleiten, und Zeugin
mancher Unthat sein. Schlau wuten sie drohenden Gefahren zu begegnen,
denn erblickten sie etwa von Weitem ein Fahrzeug, worauf bewaffnete
Mannschaft seyn konnte, so gab es entweder eine Bucht, oder einen Kanal,
wo sie sich verbargen, oder sie fischten ruhig in einiger Entfernung und
wurden dann nicht gestrt. Schiffe aber, die ihnen nur geringen
Widerstand leisten konnten, griffen sie mit schneller Gewalt an, oder
berlisteten. In aller Hast wurde dann das Eigenthum geraubt, und nicht
selten die Besitzer ermordet. Bis ein guter Vorrath von Beute gesammelt
war, blieben sie immer auf der Mitte des Stroms. Hatten sie aber Raub
genug erlangt, begaben sie sich nach _Scheik Abade_, ihren
Schlupfwinkel, wo sie die Gegenstnde bis auf thunliche Veruerungen
einscharrten.

Nachdem Flore etwa acht Tage bei ihnen gewesen war, geschah eine solche
Landung. In den Htten des Oertleins hauseten ihre Gefhrten und Weiber.
Zwischen den weitluftigen Ruinen umher, den Ueberbleibseln der alten
Stadt Antinoe, wurden die Gruben ausgehhlt. Flore sah es mit an, da
unter andern hier reicher Schmuck, und eine gute Zahl von Goldstcken,
verborgen wurden. Sie hatte, da sonst sich keine Hlfe darbot, gute
Miene zum bsen Spiel gemacht, und sich mit verstelltem Wohlbehagen, in
den Willen des Taugenichtse gefgt, auch erklrt: sie wnsche fr ihr
ganzes Leben kein glcklicher Loos. Das hatte ihr den besondern Schutz
des Oberhauptes erworben, doch gab man nichtsdestoweniger genaue Acht
auf sie, und benahm ihr jede Mglichkeit der Flucht. Bei Tage mute sie
unter strenger Aufsicht arbeiten, bei Nacht wurde sie zu den Weibern
gesperrt.

Bald schifften sich die Ruber wieder ein, und Flore war ihre
Begleiterin. Man schwamm mehrere Wochen auf dem Nil herum, war aber
diesmal nicht so glcklich wie vorher, und es herrschte dieserhalb
groer Unwille auf dem Fahrzeuge. Flore suchte ihn mglichst zu
bekmpfen, indem sie sich die Bereitung der Polenta, und das Braten der
Fische noch sorgsamer angelegen seyn lie. Desto mehr gewann sie die
Herzen. Jeder Sterbliche, wre es der roheste, entartetste, ist auf
irgend eine Weise einzunehmen.

Die Mehlkiste war aber ziemlich aufgezehrt, es mangelte an Hanfgetrnk,
womit der Pbel in jenen Gegenden sich zu berauschen pflegt, man
beschlo also, nach dem Raubneste zurckzukehren, um neue Vorrthe zu
holen.

Etwa eine Meile war die Barke noch davon entfernt, als die Nacht
hereinbrach. Der Wind blies zudem nicht gnstig, der Morgen sollte daher
erwartet werden, die Reise zu vollenden. Wie gewhnlich wurde der Anker
mitten im Strome geworfen, die Unholde legten sich bis auf Einen
schlafen, der Wache hielt.

Flore hatte sich auch unter dem Mattenbaldachin hingestreckt, aber kein
Schlummer wollte sie erquicken. Sie dachte ernsthafter als je dem
traurigen Geschicke nach, das sie in eine so verwnschte Innung gefhrt
hatte, und die entsetzliche Aussicht, vielleicht nimmer von hinnen zu
kommen, brachte sie der Verzweiflung nahe. Denn wie man denken mag,
hatte sich ihre Einbildungskraft fast mit nichts, als den Mitteln in
Freiheit zu kommen, beschftigt. Doch unberwindlich erschienen ihr die
Hindernisse, da die Ruber verschlagen genug waren, sich vor jeder
obrigkeitlichen Hand verborgen zu halten.

Die Liebe zu Ring erwachte unter diesen Umstnden desto lebhafter. Was
mag er thun, der Gute? Wie bestrzt wird er gewesen sein, da er seine
Flore bei der Rckkehr von jener Reise nicht mehr gefunden hat! Ich seh
ihn erbleichen, wthen, suchend umher irren, den Freunden klagen, sich
abhrmen. Aber wenn der erste Sturm des Grams vorber ist, wird er mich
nicht todt, wenigstens verloren achten? Ach, und dann giebts andere
Mdchen. Er liebt das Sonderbare. Schon um deswillen kann eine Coptin,
eine Griechin, eine Araberin -- o ich mgte in Wahnsinn sinken, bei der
Reihe von Vorstellungen, die dieser folgt! Nein es gelte das Leben, die
nchste Gelegenheit, und wre sie noch so dornenvoll, werde muthig
ergriffen! Schon manches fhrt ich Unternehmende aus, wovor das
Alltagsweib schaudern wrde, sollte mir denn keine glckliche Flucht aus
Diebeshnden gelingen?

Indem sie sich auf diese Weise mit dsteren Vorstellungen qulte, und so
gern die Gewlke, die das Innere ihrer Seele trbten, durch einen
freudigen Hoffnungsstrahl erhellen wollte, blickte sie unter dem
Ueberhang nach dem Wchter hin, der zu ihrer Befremdung fest
eingeschlafen schien. Auch die brigen Ruber schnarchten.

Es war grade in der Regenzeit, und das Getse, indem das Wasser auf die
Decke, auf die Bretter und in die Wogen niederschlug, vermehrte sich
eben, da sich dichtere Strme niedergossen.

Hinter der Barke war ein kleiner leichter Flo angebunden, der nur aus
einer Bohle bestand, welche durch zwei Reihen ausgehhlter Krbisse
gehalten wurde, eine Erfindung, auf welche der Occident noch nicht fiel.

Dem Wetterleuchten in der Ferne gleich, stieg Floren ein rascher heller
Gedanke auf, dem sie aber aus heftiger Furcht kaum Raum zu geben wagte.
Diese Furcht kmpfte mit jenem Gedanken ziemlich lange, endlich aber
verlor sie ihr Spiel, und Flore ermannte sich zu seiner Verfolgung.

Wie wenn ich beim Gerusch des Regens, mich aufmachte, mich auf das
Flo niederlie; schwerlich wrde der Araber erwachen. Unbemerkt knpfte
ich den leichten Kahn los, und ruderte mich zum Strande.

Aber wenn er nun erwachte, dann fiel ich ohne Zweifel ein Todesopfer
des Jhzorns!

Das Erwachen steht dahin, mein jetziges Leben ist nicht viel besser,
wie Tod, an die Freiheit mu man es khn setzen.

Gleichwohl, wenn ich nun das Land erreicht habe, was wird dann aus mir
werden? Ich bin ohne Geld, ohne Freund, nach dieser entlegenen Gegend
kommen meine Landsleute selten, was hier herum wohnt, hat alles, was
nicht an Mahomed glaubt, tdlich. Ich werde immer dem Verderben nicht
entrinnen.

Geld wirkt viel, ich wte wohl Geld zu finden, und ein Raub an Rubern
verbt, die mir Freiheit und Wohlfahrt entrissen, kann kein Verbrechen
sein. Aber man wird mir folgen, dort mich vielleicht am ersten
aufsuchen, da den Buben ihr Schatz am Herzen liegt, und sie bald
argwhnen knnten -- -- aber ists am Ende Frevel, Mrder zu morden? Zur
Rettung des eigenen Lebens sie zu morden? Wie manchen Schuldlosen sah
ich nicht schon von ihren Dolchen getroffen, sinken? -- Aber ohnmchtige
Thrin, was sinnst du ber das Unmgliche?

Sie sann gleichwohl lnger und lnger. Endlich stand der Entschlu fest
vor ihr da, zu ihrer Rettung das Ungeheure zu wagen, fhre es auch wohin
es wolle.

Sie empfahl sich den freundlichen Gestirnen, und stand auf. Leise tappte
sie nach dem Steuer zu, hob eine Flinte, einen Mannsanzug, und einen
Bohrer von betrchtlicher Gre, deren Pltze sie in der Dunkelheit zu
finden wute, so behutsam als es thunlich war, auf, und lie sie auf das
Flo nieder. Nun folgte sie selbst nach, mit einem Ruder versehn.

Wie gewaltig pochte ihr Herz da drauen, und da beim ersten Schritt in
die Gefahr, oft eine Anwandlung von Kleinmuth und Reue ber das Herz
kmmt, so fehlte nicht viel, sie wre wieder in die Barke
zurckgestiegen.

Doch wurde die Bangigkeit niedergekmpft, und verwegen setzte die
Franzsin den Bohrer an, das Ruberschiff leck zu machen. Auf diese Art
nur konnte sie sich bei ihrem Vorhaben der nchsten Verfolgung
entziehen.

Sie setzte das Instrument unter dem Wasser an, und arbeitete frisch.
Nach einer Viertelstunde fhlte sie, da die Bohle durchdrungen sei, und
ging an eine zweite Oeffnung. Diese wurde aber nicht vollendet, da das
Sinken des Fahrzeuges den Fleck, wo sie angefangen hatte, schon zu tief
niederdrckte. O bange Augenblicke! Sie mute immer erwarten, da die
einlaufende Nsse die Schlafenden wecken wrde. Dennoch bohrte sie noch
an einer hheren Stelle mit aller Macht, und konnte bald das ganze
Werkzeug durchschieben. Jetzt erst schnitt sie den Strang ihres Bootes
los, entfernte sich aber aus guten Grnden nicht von der Barke.

Was sie befrchtet hatte, geschah gleich darauf. Mehrere der Buben
schrien zugleich auf, und mahnten den Wchter, das Regenwasser
auszuschpfen. Denn nur daran dachten sie. Dieser taumelte schlaftrunken
umher, die Schaufel zu suchen, pltscherte aber schon sehr tief. Nun
mehrte sich aber die Kraft des Sinkens jhling, und nur zwei waren im
Stande, sich noch unter der Decke hervorzuarbeiten. Die andern erhuben
ein grliches Geschrei, das aber schon nach einigen Augenblicken
verstummte, denn sie waren mit dem Fahrzeuge schon unter dem Wasser.
Jene zwei, gute Schwimmer, wollten sich ans Ufer retten, aber Flore
ruderte behende hinzu, gewahrte im ersten Grauen des Morgenscheins ihre
Kpfe, und schlug mit desto geringerer Schonung mit der Flintenkolbe auf
sie zu, als sie diese Bsewichter vorzglich unter der Menge hate. Denn
sie hatten noch einige Tage zuvor einen coptischen Christen, blos aus
Grimm, weil sie nichts zu rauben bei ihm fanden, mit Marterstreichen
umgebracht.

Sie riefen kaum noch ein _Allah Kerim_, da gingen sie unter in ihr
feuchtes Grab, und ber Floren kam ein Gefhl, wie es Ulysses gehabt
haben mag, da keiner seiner bermthigen Nebenbuhler mehr athmete.

Noch blieb sie eine Weile an der Stelle, durch den ein wenig
hervorragenden Mast der Barke bezeichnet, aus Sorge, es mgte einer noch
aus der Tiefe hervortauchen. Sie nahm aber nichts wahr, und begriff
auch, da jeder, der nicht bei Zeiten sich unter der Matte hervor hatte
machen knnen, nothwendig umgekommen sein msse.

Jetzt fuhr sie dem Strande zu, kte ihn unter frommen Empfindungen, und
dachte nun erst schaudernd zurck, an die grausenhaft kekke That.




                           Achtes Kapitel.
                              Reichthum.


Vernunft und Khnheit, sind eine nervenschwache Matrone und ein junger
Alcid. Was jene mit allen Berechnungen verloren geben wrde, er wagt es,
triumphirt -- wenn nmlich das Glck zur Seite stehn will. Im Frhling
der Jahre straucheln wir oft, es geschieht mancher Fall, der noch im
Alter schmerzt, bei dem allen aber setzen wir in dieser Periode Dinge
ins Werk, vor denen die bedchtige Verstandesreife feig erzittern mu.
Und dennoch gelangen sie. Warum trennen wir uns denn spterhin von dem
kekken frischen Lebensmuth? Er, gepaart mit dem Vortheil der Erfahrung,
mte uns ja durchaus die Gipfel der Wohlfahrt erreichen lassen. Auch
sehen wir, da der klug gewordene Mann mit _ersparter_ Jnglingskhnheit
oft hoch steht. Mit ersparter, recht! die Mehrheit hat sie vergeudet,
und hinkt hernach feig umher. -- Zur Geschichte:

Die Heldin legte am Ufer das trkische Gewand an, und eilte, die Flinte
im Arm, dem Raubneste zu. Noch schlief dort alles in den Htten, und
unbemerkt konnte sie dem Platze nahen, wo das Oberhaupt der Fluruber
neulich seine Kostbarkeiten verscharrt hatte. Da sie jedoch eines
Spatens ermangelte, und es ihr sauer ankam, die ber die Stelle
gewlzten Steine wegzuschaffen, so verging viele Zeit, der Morgen war in
aller Flle da, und man sah hie und dort Einwohner des Ortes umhergehn.
Da schrieb die Nothwendigkeit vor, von der begonnenen Arbeit zu lassen,
und Flore verbarg sich zwischen dem Gemuer eines alten Jupitertempels,
entschlossen, nur erst in der folgenden Nacht wieder hervorzutreten.

Eine schauderhafte Einsamkeit! Unaufhrlich schwebte die Phantasie
zurck, und sah immer aufs Neue jene Barke sinken. Mit Recht oder ohne
Recht, Flore zitterte, nunmehr eine Mrderin zu sein. Gleichwohl lie
sich das Geschehene nicht mehr ndern, sie mute die Gewissenssprache
nun wieder stumm zu kmpfen suchen. So sind fast immer im Menschen zwei
streitende Stimmen laut, und sie zu vershnen, ist eigentlich die
moralische Lebenskunst.

Der Abend nahete endlich, und Echo gab des Schakals trauriges Geheul von
den Trmmerwnden zurck. Flore mute nun wieder an ihre Arbeit. Auch
der Mangel an Nahrung mahnte sie, bald sich in den Besitz von Geld zu
setzen.

Mit den Hnden grub sie den Sand auf, nachdem die Felsstcke sie nicht
mehr hinderten, und zog bald mit vieler Mhe eine Kiste zur Hhe. Sie
war bald geffnet, und volle Beutel mit Goldstcken, mehrere Schachteln
mit Korallen, Perlen und Edelsteinen gefllt, standen der Abentheurerin
zu Gebot. Ach, dies wohlbehalten in Cairo, in Paris! dachte sie.

Sie konnte aus Ermattung und Furcht wenig tragen, und htte doch gern
viel mitgenommen. Doch theilte sie weislich ein. In den Turban wurden
Juweelen verborgen, der Grtel enthielt eine starke Wulst Dukaten, sie
verga die Taschen nicht. So ging sie doch mit einem ziemlichen
Reichthum von dannen, nachdem sie das Uebrige von Schtzen an einen
andern Ort bewahrt und ein Zeichen, mittelst in eine gewisse Figur
gelegter Steine, gemacht hatte. Vielleicht, dachte sie, giebt es einst
Gelegenheit, den Rest abzuholen.

Noch in der Nacht wanderte sie von dannen, denn um alles in der Welt
durfte sie den Bewohnern von _Scheik Abade_ nicht sichtbar werden. Sie
tappte im Dunkel zwischen die Ruinen hin, stie bald an einen
zerbrochenen Obelisk, der im Sande lag, bald fand sie ihren Weg durch
aufgethrmte Sulenstcke gehemmt. Der Vorwelt Geist redete sie schaurig
aus den Trmmern an, das Geheul von wilden Thieren, die es in der Gegend
gab, strubten ihr das Haar. Das Bild der untergegangenen Unholde war
nicht vom Gedankenspiel zu trennen. Aber die Nothwendigkeit, die ja auch
den entschiedensten Feigling beherzt machen kann, wenn sie nur hinter
ihn eine noch grere Gefahr stellt, wie vorne zu bekmpfen ist,
beflgelte ihre Tritte durch Nacht und Graus.

Wre sie geschichtskundig gewesen, so htte sie sich die Langeweile
durch Bemerkungen ber die Ruinen der verheerten Stadt tdten knnen.
Wren sie gleich nicht so tief und sinnig, und dazu so weitschweifig
ausgefallen, wie jene, welche von Palmyras Resten umgeben der Knig
aller Ketzer, _Volney_, zusammenstellte, so htten sie doch ein eigenes
Interesse haben knnen.

Die Ruinen von _Antinoe_! Welch ein Stoff zu der mannigfachesten
Verarbeitung, fr den Historiker, den Moralisten, den Dichter!
_Hadrian_, dessen Tugenden in Frieden und Krieg den Ruhm ganz und gar
nicht mig lieen, besa -- -- brigens aber -- einen jungen Freund,
_Antinous_ genannt, dessen Bildsulen uns noch bis auf diese artistische
Stunde, so der menschlichen Schnheit Ideal versinnlichen, wie die des
Apollon, Gttlichkeit aussprechen. Der Kaiser befand sich eben in
Egypten, und -- was ihm die allerneusten Philosophen nicht verbeln
knnen, da sie es selbst geschmackvoll finden, zur Vernderung einmal
wieder aberglubisch zu sein, -- fand fr gut, die Wahrsager des Landes,
deren Weisheit im Ruf stand, ber die Zukunft seines Lebens zu fragen,
was nun freilich in unsrer Zeit nicht geschieht. Die Antwort klang: dem
Weltherrscher drohe nahe schlimme Gefahr. Nur wenn sich Jemand, der ihm
theuer sei, der ihn liebe, fr ihn den Opfertod whlte, wrde sich das
Schicksal vershnen. Groe Bestrzung, Wehklage und Trauer am Hofe und
im Heere. Es gab Tausende, die recht gern patriotisch schrieben,
patriotisch redeten, wenn sich die Aussicht ffnete, das Vaterland wrde
sie lohnen; eben so viele waren bereit das Knie zu beugen, dem Kaiser zu
klatschen, wenn er im Theater erschien, weil sie hofften, diese Zeichen
hoher Anhnglichkeit wrden gelegentlich zu Ehrenmtern oder Landgtern
helfen; doch ein Opfertod schien ihnen zu sehr im Charakter der ersten
fabelhaft romantischen Zeiten Roms zu sein, als da Mnner, die
aufgeklrt ber Jupiter lachten, noch htten daran denken knnen.
Demungeachtet war jeder bereit, dem, der sich dennoch entschlieen
wollte, ein Erbtheil von Unsterblichkeit zuzugestehn. Ueberhaupt giebt
es kein besser Mittel, das Verdienst anerkannt zu machen, htte man
zuvor auch dem Neide und der Afterrede unterlegen, als da man stirbt.

Der schne hochherzige _Antinous_ bot sich allein dar. Da sein
Imperator -- und Freund sich die edle Gromuth (oder den edlen Gromuth,
da man gar nicht einsieht, weshalb das Prdikat Gro den mnnlichen Muth
in den Harem stoen soll, um so mehr als Kleinmuth bei dem alten
Geschlechte bleibt) gefallen lie, mag ein andrer Lobredner erheben.
Genug Antinous strzte sich von einer Felsenzinne in den Nil, und die
Propheten erklrten das Unheil abgewendet. Hoch wurde nun aber der
Liebling und Retter geehrt. An der Stelle baute Hadrian eine groe, mit
allem Kostbaren, was die Kunst aufbringen kann, geschmckte Stadt, und
nannte sie _Antinoe_. Tempel wurden erhht, die Bildsulen des schnen
Selbstmrders geheiligt. Opfer und jhrliche Spiele wurden angeordnet,
der Kaiser schrieb den Cultus seiner Verehrung in den kleinsten
Umstnden vor. So lohnte die Vorzeit.

Schlimm da ein gehiger Nebenbegriff einen sonst schnen historischen
Moment, so in Schatten setzt. Kann denn aber der Nebenbegriff nicht ein
Kind der Verlumdung sein? Dann gbe es einen gar artigen Stoff zum
Trauerspiele mehr.

                       Ende des zweiten Buchs.




                          Zweiter Potpourri.


                              Antinous,
                      Trauerspiel in einem Akt.

                              Personen.

   Hadrian, Kaiser.
   Antinous, sein Liebling.
   Ein Krieger.
   Ein Hfling.
   Ein Diener.
   Egyptische Priester und Volk.

             Die Scene in Egypten in einem Garten am Nil.




                           Erster Auftritt.


                          Hadrian. Antinous.

                (kommen Arm in Arm durch den Garten.)

                               Hadrian.

   La in die holde Einsamkeit mich retten,
   Vor kniender Vlker huldigendem Gru
   Und Jubelruf, der mir das Ohr betubt.
   Hier darf ich nicht durch Krnze Pfad mir bahnen,
   Nicht Lied und Blume sinken lastend nieder,
   Doch in des Freundes Arme sinkt der Freund.

                              Antinous.

   O bin ichs werth? Erwhlt aus Millionen
   Hob der Quiriten hoher Csar mich,
   Der neben Jupiter den Erdkreis lenkt --

                               Hadrian.

   Auch du, auch du? Entweihn soll diese Lippe,
   So zart wie Sidons purpurnes Gewebe,
   So strahlend wie der Morgenhelle Licht,
   Der ecklen Schmeichelei verworfne Rede?
   Im Staube la den Sklavenchor ertnen,
   Wohl ziemet er Prometheus niedrer Brut,
   Du stammst von Gttern, die Gestalt verkndet
   Der seligen Olimpier Geschlecht;
   Doch mehr des Herzens reine Himmelsschne,
   Wenn dich der Sterbliche zu sich erhht,
   Was thut er, als im Gttlichen sich ehren.

                              Antinous.

   Erhabener, es ist dein Machtgebot,
   Und so erkhn ich mich, der Ehrfurcht
   Und der Bewunderung Hymnos zu verschweigen.

                               Hadrian.

   Mein Machtgebot? Und nicht die innre Stimme?
   Dir unter Allen will ich nicht befehlen,
   Frei mag ich Dich von des Gesetzes Banden,
   Sei wie Otan der Perser, was du willst.
   Nur la mich dann, ein Gut, ein Gut erflehen,
   Das mein gehrt, und nicht dem Diadem.

                              Antinous.

   Ich bin Dein Freund, Dein Freund, o Hadrian.

                               Hadrian.

   Nun endlich --
   Tnt mir des Wortes schne Melodie.
   Und lohnen will ich dir des Glckes Wonne,
   Wie es dem edlen Tugendsinn gebhrt.
   Den Feldherrn, der Trophen mir erhhet,
   Trgt der Triumph zum Capitolium,
   Den treuen Bundgenossen schmcken Kronen,
   Du sollst das Recht der Bitte bei mir ben
   Fr den Verbrecher, fr verwaiste Frauen
   Und vaterlose Kinder -- O, das macht Dich froh!

                              Antinous.

   Wie aber deut ich Dir des Wunsches Kraft,
   Des Strebens Feuer dieser Gttermilde,
   Mich aus der Ferne nur zu wrdigen,
   Ein armer Jngling, den nicht Weisheit schmckt,
   Im Rathe Deine Winke vorzutragen,
   Den nicht des Feldherrn Genius erhebt,
   Noch unbekannte Vlker zu besiegen
   Nichts nenn ich mein, als wie ein drftig Leben,
   Viel zu gering, wie Dir ein werthes Opfer.

                               Hadrian.

   Schon die Gefhle wgen jede That.
   Mein bleibe, bis der Parze Faden bricht;
   Die Barke des letheischen Piloten
   Soll dann vereint die stillen Schatten tragen,
   Zusammen gehn wir Minos dunkle Strae.




                          Zweiter Auftritt.


                          Bedienter. Vorige.

                              Bedienter.

   Verzeihe Herr, da ich Dir strend nahe --

                               Hadrian.

   Mein will ich einen Augenblick nur nennen,
   Gleich raubt ihn neidisch mir die Herrscherpflicht.

                              Bedienter.

   Die Priester langten des Osiris an,
   Die erst vor kurzem Dein Gebot empfingen,
   Nach alt egyptischer geheimer Kunst
   Die Sterne um Dein knftig Loos zu fragen.

                               Hadrian.

   Ein andermal, heut gngt mir Gegenwart.

                              Bedienter.

   Durchwandelt sind sie schon das Heiligthum
   Der graubemoosten spitzerhhten Sulen,
   Und alter Tempel Hieroglyphenschrift
   Verglichen sie mit himmlischer Erscheinung.

                               Hadrian.

   Wohlan, sie mgen tiefer nur erforschen --

                              Bedienter.

   Schon bringen sie Dir wichtig schwere Kunde,
   Es leidet keinen Aufschub was sie melden,
   Ein Unheil sei Dir nah, doch abzuwenden --

                               Hadrian.

   Ein Unheil -- warum nennt man jetzt mir Unheil,
   Da mich beseligend das Glck umarmt.
   Antinous, ob ich die Trumer hre?

                              Antinous.

   O eile Herr, oft senden gute Gtter
   Dem Sterblichen getreue Warnung zu.

                               Hadrian.

   Zu froh bin ich, der Grille Raum zu geben,
   Und wahrlich so ein Glaube ziemt mir nicht.

                              Antinous.

   Im Glcke, lehrt die Klugheit, rufe Furcht!
   Denk an Polikrates, dem alles froh gelang,
   Der nur ein Glck ins Auge durfte fassen,
   Um auch schon triumphirend ihm zu nahn.
   Ihm rieth der Freund, in Willkhr zu entrathen,
   Was kstlich theuer seinem Leben sei,
   Da er den bsen Mchten im Avernus,
   Die dauernd Wohl am Sterblichen nicht dulden,
   Ein reiches Opfer der Vershnung bringe.
   Und Samos Knig warf ein Edelstein
   Von unschtzbarem Werth in Thetis Wogen.
   Bald aber zog der Fischer schweres Netz
   Ein selten Seethier aus dem tiefen Grunde,
   Dem Herrn des Eilands zum Geschenk gebracht;
   Kaum trennt das Messer ihm die Eingeweide,
   Als das Juweel des Kniges sich zeigt.
   Zu hohes Glck, rief nun Amasis aus,
   Des Knigs kniglicher Freund in Theben,
   Entsagen will ich deinem treuen Bund,
   Da nicht zu tief der Schmerz mich einst verwunde,
   Wenn dem geliebten Manne Schrecken naht.
   Polykrates bringt nicht ein neues Opfer
   Und sinket bald durch schmhlichen Verrath.

                               Hadrian.

   So meinst Du sollt ich auch das Theure meiden,
   Des Unglcks schwarze Regel zu erfllen?

                              Antinous.

   O ja mein Freund, mein Kaiser.

                               Hadrian.

         Eines nur
   Behalt ich vor -- das andre kann ich missen.
   So hren wir die mythischen Propheten.

                              (beide ab)




                          Dritter Auftritt.


                          Hfling. Officier.

                               Hfling.

   Da geht der Kaiser mit Antinous,
   Schon fter traf ich sie allein beisammen,
   O, diesen Jngling mu man tglich gren,
   Geschenk' ihm bringen, kleine, angenehme,
   Da es dem schlauen Geber grre trage,
   Ihm huldigen, bis seine Gunst zerfllt.

                              Officier.

   So leichten Grundsatz kann ich nimmer loben.

                               Hfling.

   Doch fasse ihn, wer sich erhalten will. --
   Wie aber soll man jene Bande deuten
   Des Kaisers und der schnen Jugend Blthe? --
   Hm -- was von Jupiter sie wohl erzhlen --

                              Officier.

   Wer glaubt an Jupiter, in kluger Zeit
   Ein Mhrchen rohen Altern vorgesungen.

                               Hfling.

   Auch glaub ich nicht, nur mgt ich, Du verstndest
   Mir der Vermuthung leis' geahnten Sinn --
   Gedenke nur des Gttervaters Schenken.

                              Officier.

   Pfui, Argwohn keimet nur in Herzens Tiefen,
   Wo des gewhnten Lasters Zunder glimmt.

                               Hfling.

   Doch spricht man viel von dieser Heimlichkeit.

                              Officier.

   Weil Dein Gelichter leis sie sich verkndet,
   Warum soll nicht der Pulse gleicher Schlag
   Des Urtheils Aehnlichkeit und der Gefhle,
   Zwei edle Wesen ohne Laster nahn?




                          Vierter Auftritt.


                     Diener des Kaisers. Vorige.

                               Diener.

   Weh, Wehe! mut ich diesen Tag erleben!

                              Officier.

   So bleiche Stirn, Was trug sich Schlimmes zu?

                               Hfling.

   O nennt es, da ichs weiter mag verknden!

                               Diener.

   Die Priesterschaar, von Hadrian befragt,
   Wie die Geschicke noch sein Leben wenden?
   Ach offenbart: es mu der Kaiser sterben,
      In naher Frist
      Wenn nicht ein Wesen ist
      Ihm theuer, das ihn liebt,
      und frei sich hin zum Todesopfer giebt.

                              Officier.

   Wie? -- In die offne Schlacht den Muth zu wagen,
   Das thut der Krieger gern, der Kriegsgott lenkt,
   Davon kann er das se Leben tragen,
   Und bt ers ein, starb er in dem Beruf,
   Der Lorbeer sinkt auf seinen Rasen nieder.
   Doch grade hin in sichern Tod zu gehn,
   Das wollen nicht des Lebens milde Gtter.

                               Hfling.

   Ihm soll er theuer sein, der fr ihn stirbt,
   O warum mu ich seine Klte tragen?
   So darf ich nicht, wozu das Herz mich ruft.

                              Officier.

   Nicht wahr, jetzt wre selbst dir Ha willkommen?

                               Diener.

   Auch mich, mich Armen liebt der Kaiser nicht.

                               Hfling.

   Wahrsagern glauben, welche eitle Schwche!

                              Officier.

   Der gute Kaiser ist nicht frei davon,
   So wrd es immer Ruhe ihm erziehn,
   Wenn jener Priester Spruch geshnet wre,
   Und immer Anla fr die groe That.
   Gleich Curtius wrd er in der Nachwelt leben,
   Gleich Cokles, Scvola und Regulus,
   Der hin es wrfe, das geliebte Leben.

                               Hfling.

   Und whnest du, da jene Mnner waren?
   Nur Fabel sind sie, die den Brgersinn
   Des Rmers bermchtig reitzen sollten.
   Ach armer Hadrian, du findst ihn nicht,
   Der hier des Busens Zagen heilen knnte.

                              Officier.

   Wohl glaub ichs euch, todt ist die alte Zeit.

                               Diener.

   Gern giebt man viel, will nicht der Freund das Leben,
   und braucht der Kaiser seiner Strke Macht,
   So ist es nimmer der Geschicke Shne
   Zur Seite, Freunde, unser Imperator.




                          Fnfter Auftritt.


                               Hadrian.

                               (allein)

   So trbt ein Augenblick den klaren Aether,
   Und trauernde Gewlke decken ihn.
   Wer war zufriedener, war hochbeglckter,
   Wie noch vor einer Stunde Hadrian?
   Und diese Priester warfen ihn zu Boden.
   Wie, kann der Geist nicht muthig sich ermannen?
   Ists Aberglaube nicht, was mich erschreckt?
   Die Gtter blicken nicht auf Menschen hin,
   Zu niedrig gilt den Hohen irdisch Spiel,
   Kein Priester mag wohl in die Zukunft schauen,
   Entreie dich der kleinlich feigen Angst!
   Was dir geschehn soll, wahrlich wird geschehen,
   Es opfere sich auch ein ganzes Volk.
   Den Schleier will ich von dem Auge reien
   Und Ruhe kehrt dem Glcklichen zurck.

   Wie, wenn ich sie der Folter bergbe,
   Die Seher, wrden sie nicht rasch bekennen:
   Sie wissen mehr nicht von der Zukunft Loos,
   Wie jeder Weibessohn? -- Wohlan es gelte --
   Doch -- Wenns nun wre -- schwerer, schwerer Frevel,
   Den nicht Ixions Rad im Orkus bt,
   Die freundlich Gottgesandten schmhlig martern.
   Hinweg Gedanke! Nein ich schone sie.

     Hier aber wahrlich kann die Probe gelten,
   Wer nur den Kaiser, wer den Menschen liebt? --
   Von Tausend Schmeichlern bin ich stets umwunden,
   Ein jeder beut das Leben tglich dar,
   Vielleicht, weil er wohl wei, nicht kann ichs brauchen,
   Der, dem es Ernst ist, mit dem lauten Willen,
   Wr mir ein kstlich Gut in schlimmen Zeiten,
   Was gilts, ich prfe was ich noch nicht wei.
   He! Niemand da?




                          Sechster Auftritt.


                           Diener. Hadrian.

                               Diener.

   Ich warte des Befehls, erhabner Kaiser!

                               Hadrian.

   In tiefe Noth pret mich des Schicksals Zorn.
   Es legt mir Sterben auf, wenn Niemand mir sich opfert,
   Der mich liebt und ich ihn. Dich lieb ich Freund,
   Schon lange Jahre dienst Du meinem Hause --

                               Diener.

                              (zitternd)

   Ach Herr -- wie ngstet mich der grimme Spruch!
   O Du des Volkes Heil, des Reiches Zier,
   Dem Gttertempel prangend einst sich heben --

                               Hadrian.

   Gern snk ich hin, doch meine ich, das Volk
   Wird nicht so bald den treuen Hirten finden --

                               Diener.

   Beglckte Kinder -- Herr verzeihe meinem Alter,
   Ich fhle -- Krankheit naht dem regen Leben,
   Gestatte, da ich eilig mich entferne.

                                 (ab)

             (Officier und Hfling schleichen leise weg.)

                               Hadrian.

   Von dem darf ich den Rettersinn nicht hoffen,
   Hinweg! nichts geb ich mehr auf jenes Wort.

                                 (ab)




                         Siebenter Auftritt.


                              Antinous.

                               (allein)

      Der Kaiser stirbt in naher Frist,
      Wenn nicht ein Wesen ist,
      Ihm theuer, das ihn liebt,
      Und frei sich hin zum Todesopfer giebt.

   Wen liebt der Kaiser? Dich Antinous,
   Und ihm wallt dieser Busen treue Liebe
   An mich ergeht des Schicksals ernster Spruch
   Und bei den Gttern, ja, ich will ihn lsen! --
   Doch sprach auch Wahrheit dieser Priester Mund?
   Die Weisheit schilt den frommen Aberglauben.
   Nicht Aberglauben, nein, ihm trauet Hadrian,
   Und seiner Seele folget meine Seele,
   Wrs auch nur Ruhe froh ihm zu bereiten,
   So schenke ich der Welt den heitern Knig,
   Den keine bange Laune niederbeugt! --
   Doch s ist wohl der frohen Jugend Leben,
   Wie furchtbar schreckt der grause nahe Tod! --
   Wie muthig in der Ferne, hier erbeben --
   O wenn ich dieses Bild mir lange prfe,
   Dann sinkt der Wille, sinkt die hohe Kraft.
   Noch flammt mir in dem khnen Vorsatz Wrme,
   Von dieser Klippe in den wilden Nil,
   Nicht wird die tiefe Fluth mich wiedergeben.

                               Hadrian.

                           (in Entfernung)

         Antinous?

                              Antinous.

   Mein edler Freund, ich sterbe fr dein Leben!

                      (strzt sich in den Nil.)




                            Drittes Buch.




                           Erstes Kapitel.
                          Der grne Turban.


Flore dankte dem Himmel, als endlich der Tag herannahte. Zwar
verkndigte ihn Eunomia nicht freundlich, da Regenwolken den Himmel
umzogen, aber immer mindert das Licht doch die Bangigkeit. Sie sahe
zurck, und ward nichts mehr von dem Raubnest und den Ruinen gewahr.
Desto wohlgemutheter schritt sie weiter.

Den Durst hatte sie in einem Kanale gelscht, und mancherlei Frchte des
Feldes, die sie in der Helle entdeckte, tilgten ihren Hunger. Gegen
Mittag, versuchte sie zum Erstenmale in ihrem Leben, die Flinte auf
einen dichten Trupp von Wachteln, deren es in Egypten um die Jahreszeit
so viele giebt, abzudrcken, und sieheda, Viere davon strzen herab.
Ohnehin ermdet, suchte sie eine abgelegene Stelle, rupfte die Vgel,
und bratete sie, an einen Zweig gesteckt. Wie viel auch an Zuthat
abging, hatte ihr nimmer ein Mahl so kstlich geschmeckt.

Dann ging sie weiter, fand wieder Frchte und Quellen, die Begegnenden
lieen sie unangefochten vorbei. Schon trumte sich Flore heitern
Fortgang des wiedergekehrten Glcks. Der Nil, dachte sie, dient mir zum
Wegweiser nach Cairo. So darf ich nicht fragen, und durch meine
unvollkommene Sprache die Fremdheit verrathen. Ich sehe Mittel vor mir,
mich unbemerkt zu nhren, das Uebernachten in der Oede ward ich gewohnt.
Wider ein reissend Thier oder einen einzelnen Ruber mu mich allenfalls
meine Flinte schtzen, nahen mehrere, rettet mich vielleicht Gold. Es
kann aber auch das gute Gestirn wollen, da mir dergleichen nicht in den
Weg kmmt, und ich bald Landsleute ansichtig werde. Dann seh ich froh
den Gatten wieder. O welche Lust: Wie wird er sich freuen, zu Floren! zu
den mitgebrachten Reichthum, und gar bald die Nebenbuhlerin -- wenn er
schon eine umarmte, entfernen.

Es ist aber ein milich Ding um die Theorien der Zukunft. Das praktische
Verhngni durchkreuzt sie jeden Augenblick, und gemeinhin auf strende
Weise.

Nur den darauf folgenden Tag fand sich die gehoffte Nahrung, dann mute
Flore lngs Kanlen ausweichen, und kam bald von der fruchtbaren
Niederung des Stromes ab. Der Natur hat es berhaupt gefallen, in jenen
Gegenden paradiesische Fragmente mit Sandhllen zu untermengen. So traf
denn die Reisende auch drre Unwirthlichkeit, und ob sie gleich ihre
Richtung noch nicht verlor, und seitwrts Drfer im Auge behielt, so
gebrach es doch an den Lebensnothwendigkeiten. Kein Zweig mit winkender
Last, selbst kein Wachtelzug mehr in der Schulinie.

Einen Tag ber wurde gefastet, am anderen fiel es, nach so schweren
Anstrengungen, unmglich. Sie mute sich also entschlieen, in ein Dorf
zu gehn, um den Ankauf des Nothwendigen zu versuchen.

Das Dorf hatte keine Karavanserei, wo man sonst im Morgenlande
Lebensmittel antrifft, Flore nahte also dem Hause, wo das Aeuere von
einigem Wohlstande sprach, und fragte ein altes Frauenzimmer, das an der
Thre stand: ob man ihr nicht gegen Bezahlung, Sesamkuchen und Frchte
ablassen wolle?

Die Alte war sehr hflich, nthigte Floren herein, und rief den
Eigenthmer des Hauses. Das machte Jene sehr verlegen, denn hatte sie
ihre Bitte ziemlich unverdchtig vorgebracht, so lie sich doch
befrchten, eine ausfhrliche Unterredung knne sie blosstellen.

Indessen erschien der Mann, begrte Floren, ohne sie viel anzusehn,
lie sie auf den Teppich niedersitzen, und ihr eine Pfeife Moccataback
reichen.

Flore schlug die Beine ber Kreuz und rauchte, wie sauer es ihr auch
anging. Es wurde nun Kaffe gebracht, und zu ihrer grten Freude redete
der Wirth weiter keine Silbe, sondern betrachtete stumm den Kopf seiner
Pfeife. Bald gab er der Alten ein Zeichen, und nun wurde wohlriechend
Holz in einem Rauchbecken verbrannt, den Gast durch den lieblichen Duft
zu vergngen. Eine Stunde whrte die verschwiegene Unterhaltung, dann
brachte das Frauenzimmer nicht nur das Verlangte, sondern noch Speisen
mancher Art, in ein Krbchen gepackt, den sie ihr einhndigte. Da Flore
einige Zechinen auf den Tisch legte, verbat man das mit verbindlichem
Unwillen, und entfernte sich.

Die Abentheurerin war entzckt ber die Patriarchensitte, am meisten
ber die wortkarge Einfalt. Eben wollte sie froh das Haus verlassen, als
ein Imam hereintrat, um von dem Landmanne die Pacht fr den Acker der
Moschee zu holen. Denn die mahomedanischen Tempel sehen sich auch mit
zeitlichen Gtern vor. Er grte Floren, die nicht verga, mit auf der
Brust gelegter Hand zu danken. Doch einen Anla, Frmmigkeit blicken zu
lassen, nicht aufzugeben, fragte er: Junger Glubiger, bist du vom
Stamme des groen Propheten, oder warst du schon dreimal in Mecca, da
dein Turban von der heiligen Farbe ist?

Flore entfrbte sich, denn sie hatte wohl gehrt, da das Recht, sich
grn zu tragen, bei den Mahommedanern durch gewisse Vorzge erworben
werden mu, aber wie sie jenen Turban aufsetzte, eben nicht daran
gedacht, da seine Farbe ihr Gefahr bringen knne. Allenfalls hatte sie
auch gemeint: obschon eine Pariserin, und einst im Palais Royal
wohnhaft, mgte sie doch immer heiliger sein, wie dieser Kopfzierde
frherer Besitzer. Bei dem allen suchte sie sich zu fassen, und
erklrte: sie wre dreimal in Mecca gewesen. In welcher Karavanserei
wohntet ihr? fragte der Hauswirth. Die Erinnrung an eine Wallfahrt, die
er auch vollbracht hatte, berwand sein Pflegma, wie zwei Knstler, die
in Rom waren, nicht umhinknnen, ein Gesprch ber die Hallen des
Vatikan, den Corso oder die Polichinelle einzuleiten.

Nun war guter Rath theuer. Flore hatte nie etwas von den Karavansereien
in Arabien gehrt. Doch forderte sie ihr Glck heraus, und antwortete:
In der, wo das Bild des Engel Gabriel an der Thr hngt.

Ein gewaltiger Versto. Die Trken ehren den Engel Gabriel, aber drfen
kein Bild von ihm malen. Schon die gebrochene Sprache hatte Argwohn
erregt, jetzt stieg er doppelt auf. Flore, die das sah, fing lachend an,
ich habe beschlossen meinen Wirth nie zu nennen, denn loben kann ich ihn
nicht, und tadeln mag ich nichts, was mir auf der frommen Reise zu
Gesicht kam. Lebt wohl ihr Herren!

Nun kann aber kein Ordensritter, wrs auch einer des St. Joachim,
entrsteter seyn, wenn ein Ungeweihter die Zeichen trgt, wie ein
muselmnnischer Geistlicher, dem die grne Farbe mit Unrecht getragen,
aufstt. Nicht ganz sanft, zog er Floren am Arm zurck, fate dann an
den Turban, und rief: Du sollst zur Stelle bekennen, ob du dieses
Hauptschmuckes wrdig bist!

Der Turban war etwas weit, und fiel herunter. Die langen, mit Mhe unter
ihm verborgenen Haare fielen in wallenden Locken nieder. Htte sie die
Vorsicht gehabt, den Kopf nach Landesgebrauch zu scheeren, so wre es
vielleicht noch mglich gewesen, dem Ungemach zu entfliehn. Ein
glcklicher Einfall, kecke Gewandtheit, und die Muselmnner wren
gefoppt zurck geblieben. Aber wer kann von einem Frauenzimmer, das sich
schner Haare bewut ist, so ein Opfer erwarten!

Das Haar war entscheidend. Ein Frank, ein Unglubiger trgt einen grnen
Turban! Rcht den Propheten, ihr frommen Mnner! schrie der Imam Einmal
ber das andere, und bald war das Haus mit Leuten erfllt. Man schleppte
Floren zum Kiaschef.

Dieser lie sogleich eine Bank hersetzen, und gebot zwei mit kleinen
Stben versehenen Dienern, dem Hunde vorerst Tausend Streiche auf die
Fusohlen zu geben.

Flore schauderte, drngte sich aber an den Imam heran, und flisterte ihm
ins Ohr: ich schenke deiner Moschee alle Edelsteine, die der Turban
enthlt, rette mich aus der Noth!

Der Imam griff nach dem Turban, den Flore in der Hand mit fortgetragen
hatte, und seine Schwere bewegte ihn.

So du gleich versprichst, ein Moslem zu werden, rief er, soll das
Vergehen der Unwissenheit dir erlassen seyn. Der Richter stimmte bei,
denn dem Geistlichen gebhrt in Religionsangelegenheiten das
entscheidente Worte, und Flore, vor der Bank und den Stben zitternd,
schrie: Gern gern! Darum eben kam ich nach Egyptenland.




                           Zweites Kapitel.
                       Der Derwisch im Gebrge.


Sie wurde nun noch ber manche Dinge verhrt, und reihte ihre Nothlgen
so geschickt aneinander, da die Mnner beruhigt wurden. Der Priester
setzte endlich fest: der unglubige Jngling sollte zu einem Derwisch im
Gebrge, der ihn in der allein reinen Religion unterrichten wrde. Er
bernahm es sogar selbst, ihn nach der einsamen Wohnung des Mannes zu
geleiten. Jetzt begegnete man Floren nicht mehr feindlich.

Ihr wurden einige Erfrischungen gereicht, und dann mute sie mit zum
Imam, der zwei Esel satteln lie. Nachdem sie eine schlichte Mtze, wie
nur die Juden im Morgenlande tragen drfen, bekommen hatte, mute sie
das eine Thier besteigen, und dem Priester folgen.

Man hatte etwa zwei franzsische Meilen bis zum Aufenthalt des
Einsiedlers. Oft fiel Floren unterwegs bei: knnte ich nur auf die
Schnelligkeit des Thieres bauen, ich wagte eine Flucht. Aber es war
gewohnt, neben dem anderen einherzuschreiten, und wenn sie nur eine
Lenkung versuchte, gab es Schwierigkeit. An ein solches Vorhaben war
also nicht zu denken.

Sie mute in den Bergwald. Durch enges Gestruch wand sich ein steiniger
Pfad, der zu einer sehr drftigen hlzernen Htte fhrte. Ein Greis mit
langem Silberbart trat heraus. Mit tiefer Ehrerbietung nahte ihm der
Imam, unterrichtete ihn ber den Zweck des Besuchs, und fragte: ob der
Derwisch gemeint sei, den jungen Franken in die hohen Lehren der
Religion zu weihen? Wer wird nicht gern eine Seele retten, klang die
Antwort.

Nun sagte der Imam: mein Sohn, was du noch an Gelde bei dir fhrest,
liefere in meine Verwahrung. Wie Du ein Muselmann bist, sollst du es
treulich zurckerhalten. Flore warf einen Blick des Unwillens auf ihn,
als wollte sie sagen: Hast Du nicht genug? La mir das Uebrige. Er
wiederholte die Frage. Ich besitze nichts mehr, war die Antwort. Und
dennoch ist dein Grtel so dick. La sehn! -- Er nahm den Grtel ab, und
schttelte die Goldstcke heraus. Flore gab noch gern den Rest her, nur
damit sie bei einer Untersuchung nicht entdeckt wrde. Dahin waren die
Reichthmer.

Der Imam sprach: Dem Unglubigen sei die Lge noch verziehn, und
entfernte sich. Fr Lebensmittel werde ich sorgen, rief er zurck.

Der Greis nahm Floren nun in die Htte, trug einige Wurzeln auf, und
setzte ein Gef mit Wasser daneben. Die Proselitin gegen ihren Willen,
war zu tief vom Schmerz ber ihren Verlust erfllt, da sie htte Elust
spren sollen, wenn man sie auch an eine Prunktafel geladen htte, wie
jene zu Alexandrien. Und nun gar diese Frugalitt.

Das ernste Amt des Mannes wurde gleich begonnen. Mein Sohn, hub er an,
danke dem Propheten im Staube, da er dich diesen Weg geleitet hat. Du
wirst nun der Erwhlten einer, tglich durch fnf Gebete die Snde
tilgen, und dereinst das frohe Paradies grssen.

Flore hrte mit einem Gesichte zu, wie es die Judenkinder in Rom zu
ziehn pflegen, wenn sie gemigt sind, eine christliche Predigt zu
hren, gegen deren Ueberredung zum Glaubenwechsel, die Eltern sie daheim
erst mit tausend Verwnschungen waffneten.

Der alte Derwisch fuhr fort: Es giebt sieben Himmel, mein Sohn. Mahomed
stieg auf den Alboral, schwang sich zur Hhe, und sahe sie alle. Der
erste ist von feinem Silber, der zweite von reinem Gold. Aus edlen
Steinen ward der dritte erbaut, und ein Engel liest hier heilige
Bltter, von dessen einer Hand zur andern, Sechzigtausend Tagereisen
sind. Der vierte glnzt von Smaragdwnden. Nur Christal wird im fnften
sichtbar. Der sechste ist ein Feuer, das nicht verletzt. Ein reizender
Garten der siebente, wo die Springbrunnen Milch zur Hhe treiben, Wein
in perlenden Bchen umherschumt, und Smpfe von Scheibenhonig einladen,
sich bis an den Grtel zu versenken. Hier blhen liebliche Bume, voll
saftiger Aepfel. So du einen brichst, verwandeln sich die Kerne der
Frucht, in se zarte Mdchen, so fein, so hold, so engelhaft, da wenn
eine nur einen Tropfen Feuchtigkeit von ihren Lippen ins Weltmeer fallen
liee, es gleich aufhren wrde, salzig zu seyn. Hier wird Allah von
Seraphimen gelobt, die Siebzigtausend Lippenpaare haben, und in jedem
Mund Siebzigtausend Zungen, und wo jede Zunge in Siebzigtausend
verschiedenen Sprachen, tglich Siebzigtausendmal den Herrn der Himmel
und Welten preist. Vor seinem Thron, der hier prangt, brennen vierzehn
Kerzen, deren Flamme funfzig Tagereisen hoch emporlodert. Alles was die
Seligen nur begehren, wird ihnen da werden, in unaussprechlich reicher
Flle. Dort drfen sie Wein trinken, und einen Wein, im Feuerparadiese
gepflanzt und gekeltert, so stark, da von einem Trpflein die ganze
Menschheit trunken wre. Dort wirst du so viele Mdchen umarmen als du
willst, alle ewig jung, ewig schn, und ewige Jungfrauen. O welche Gnade
wird dem Seligen! Heil dir, mein Sohn!

Flore konnte sich nicht der Frage erwehren: Und die Weiber, frommer
Derwisch, werden sie auch so viele Mnner nehmen, ewig jung, ewig schn,
ewig -- --

Ei, unterbrach sie der Einsiedler, so fremd noch bist du in Geheimnissen
des Glaubens. Kein irdisch Weib darf dem Paradiese nahn, doch von fern
werden sie der Mnner Entzckungen schauen.

Man kann die Bemerkung nicht umgehen, da Mahomed unter allen
mythologischen Dichtern die ppigste Phantasie zeigte. Htte er aber
mehr seinen Geschmack, und weniger arabische Mrchentrumerei in seine
Religionsgebruche aufgenommen, dabei nicht den Knsten den Eingang
versperrt, so wrde er noch zahllose Anhnger mehr geworden haben. Wie
htten die Bildner streben knnen, die Lehre reizend zu versinnlichen!
Giebt es nirgends in der Christenheit ein Gemlde der Houris? Da die
Christen- und Griechen-Mythen so erschpft sind, knnte die Kunst sich
immer auch an jenen Vorwrfen ben.

Es giebt aber noch eine Gtterlehre, die sich fr den Pinsel oder
Meissel auszeichnet, die teutonische. Welch ein malerischer Stoff, die
himmlischen Valkyren! Wer wei, ob Thuiskons Enkel so entartet wren,
htte jene alte Religion fortbestanden, und sich der Zeiten Luterung
erfreut? --

Genug, Flore sollte an den Propheten glauben, so wenig Lust sie dazu
fhlte, und so bergro ihre Verlegenheit anwuchs. Denn was sollte doch
werden, wenn der Religionsunterricht weit genug vorgerckt war?

Gegen den Alten ergriffen sie aber ganz eigene Empfindungen. Sie liebte
ihn nicht, hate ihn nicht, hatte Lust seine entsagende rauhe
Lebensweise Thorheit zu nennen, aber bewundern mute sie die groe Kraft
dieser Thorheit. Mehr in den Sieben Paradiesen, wie in der Wirklichkeit
lebte dieser Derwisch. Immer umgaben ihn die Bilder davon, und die
Lebendigkeit seiner Vorstellungen war so stark, da er oft im sen Wahn
nach den Gestalten fate. Ein morgenlndischer Swedenborgianer.

Der Imam fand sich von Zeit zu Zeit ein, fragte ber die Gelehrigkeit
des Schlers nach, und brachte Lebensvorrthe. Florens gutes Gedchtni
setzte sie bald in den Stand, das Gehrte wieder herzusagen, und so fand
sie denn ein Lob, nach welchem eben kein Geitz in ihr wohnte. Desto
schlimmer, denn man sprach mehr von dem Tage, wo das islamitische
Sakrament den Proselyten weihen sollte.

Dieser Tag durfte nicht nahn, wie lie sich ihm aber ausweichen? Eine
verstellte Ungelehrigkeit, wozu knnte sie auch fhren, als zur
Verlngerung eines gar beschwerlichen hoffnungslosen Aufenthalts?
Peinliche Verlegenheit! Flore htte gern eine Rettung durch die Flucht
versucht, aber der Gedanke an ihre Goldstcke fesselte sie immer noch,
obgleich nur ein geringer Anschein vorhanden war, sie knne je wieder zu
ihrem Besitz gelangen.

Sie hegte noch die Absicht, unter dem Vorwande ihr Geld vom Imam
loszuschwatzen, da sie sich fr die Feier des hohen Tages mit schnen
Ehrenkleidern versehn wollte. Im Besitz des Geldes, wenigstens eines
Theils davon, hatte sie dann Lust ihr Heil weiter zu versuchen. Aber der
Priester war zh, und erklrte: es sei bei der Ceremonie kein Prunken
von Nthen.

Morgen schon war der Tag, welcher etwas -- nicht Vorhandenes rauben
sollte, und in der Nacht zuvor, stand Flore leise aus der Htte auf, um
sich dem guten Geschicke fliehend in die Arme zu werfen. Der Derwisch
schlief nicht, und hrte unter seinem Gebete das Getse. Er wollte die
Flchtige ergreifen, die sich ihm aber schnell entwand. Nun tappte er
vergebens im Dunkeln umher, und hrte aus der Ferne die Worte: Frommer
Derwisch, ihr habt unter eurem Httendache ein Weib geherbergt.

Doppeltt dreifach bel war der Zustand der Armen nun. Kein Geld, um
irgend ein Bedrfni zu kaufen, kein Gewehr, um sich im Nothfall zu
vertheidigen. Wie verwnschte sie den grnen Turban, der sie um beides
gebracht hatte!




                           Drittes Capitel.
                             Das Gefecht.


Sie wute selbst nicht, wohin sie ihren Weg nahm, und dachte erst am
Morgen mittelst der Niederung des Stromes ihre Richtung zu finden. Dann
wollte sie zurck nach Scheik Abade gehn, um aus den Trmmern eine
andere Ladung Kostbarkeiten zu holen.

Gegen Morgen aber vernahm sie einige einzelne Schsse, denen gleich
mehrere folgten. Bald nahm das Feuer betrchtlich zu. Mit horchendem Ohr
lauschte die Pariserin, und dachte entzckt, hier mten die Europer
nahe sein. Sie hatte ohnehin gehrt, da ein geschlagener Bei in diesen
Gegenden nach und nach wieder einige Truppen gesammelt habe, um die
einzelnen Posten der Franzosen anzufallen.

Den Schweitzer entzckt in der Fremde des Kuhreigens Melodie, den
Venetianer ein Gondoliererlied, Floren der Knall franzsischer Flinten.
Gleich war ihr Entschlu gefat, um jeden Preis die Landsleute
aufzusuchen.

Sie beflgelte die Schritte nach der Gegend zu, wo das Kampfgetse sich
vernehmen lie. Doch befand sie sich auf der Seite, wo die Mammelukken
schwrmten, die auch einige Schtzen zu Fue im Gebirge fechten lieen.
Sie wollte die Stellung umgehn, wurde aber bald bemerkt und angehalten.
Gebt mir Waffen, rief sie, gebt mir Waffen, da ich wider die
Unglubigen streiten helfe!

Die trkischen Schtzen nahmen das wohl auf, brachten das Gewehr und den
Pulvervorrath eines Getdteten herbei, und stellten sie neben sich in
eine Felsschluft, die vertheidigt wurde. Drben rckten hitzig kleine
Jgertrupps an, in der wohlbekannten Uniform. Florens Herz klopfte. Hoch
richtete sie ihre Schsse, um keinen davon zu verletzen. Dagegen flogen
jener Kugeln dicht bei ihr vorbei, das einzige landsmnnische, was ihr
nicht gefiel.

Nicht lange aber, so liefen die Jger Sturm auf den engen Weg, und die
Morgenlnder fanden fr gut, sich auf die Flucht zu begeben. Nun warf
sich ihr junger Rekrut nieder, als ob er getdtet sei, und sie
bekmmerten sich weiter nicht um ihn. Kaum waren sie Hundert Schritte
entfernt, als den Verfolgern auf franzsisch zugerufen ward, sie mgten
ja nicht in der Uebereilung franzsisches Blut vergieen.

Sie waren nicht wenig befremdet, Flore aber fuhr fort: Lat nur nicht
ab, die Feinde zu verfolgen, ich helfe wakker, meinen Roman sollt ihr
gelegentlich hren. Sie machte nun tapfer, wie eine Jeanne d'Arc oder
d'Eon das Gefecht mit, und traf mehrere Feinde. Der Tag gehrte, wie
gewhnlich, den Franzosen.

Zu Florens grter Freude hatte der Kampf sich nach der Gegend des
Dorfes gewendet, wo die Moschee stand, zu welcher jener Imam gehrte. Es
kostete wenig Mhe, einige Jger zu bereden, da sie Floren zu dem
Priester begleiteten. Er wollte eben entfliehen, wurde aber noch
ergriffen. Mein Geld, edler Eiferer fr den wahren Glauben! rief Flore.
Der Imam gerieth auer sich vor Schrecken und Befremdung. Er leugnete
den Besitz, gab vor, alles entfernt zu haben, da aber im Kriege noch
nicht die peinliche Frage ganz abgeschafft ist, so fand man bald Mittel,
ihn zum Gestndni zu bringen. Er zeigte einen Fleck des Gartens an, aus
welchem man den Grtel mit allen Goldstcken, und den mit Edelsteinen
gefllten Turban grub.

Um das Aufhren gewisser krperlicher Schmerzen, giebt man viel, viel
hin, und die Krftigen sind selten, die da widerstehn. Doch giebt es
auch Ausnahmen. Zum Beispiel folgende: Ein junger preuischer Soldat,
von vortheilhafter Gestalt, und wegen seines untadelhaften Betragens bei
den Vorgesetzten beliebt, gab whrend des Krieges in Polen, da man in
einer namhaften Stadt kantonnirte, mehr Geld aus, wie seine geringen
Einnahmen zulassen konnten. Das wurde dem Offizier hinterbracht, der nun
den Tornister des Soldaten untersuchen lie, worin man zwanzig bis
dreiig Dukaten entdeckte. Der Soldat wurde sogleich eingekerkert, und
sollte sagen, wie er in den Besitz dieser Summe gelangt sei? Er gab vor,
sie auf der Gasse gefunden zu haben. Dies wurde umso weniger geglaubt,
als hie und da in derselben Zeit Diebsthle begangen worden. Sehr
bekmmert war sein Hauptmann ber diesen Vorfall, denn er hatte den
Soldaten grade zum Korporal erheben wollen.

Die Regimentsgerichte verfuhren mit Strenge, und nachdrckliche
Zchtigung wurde angewandt, ein Gestndni der Wahrheit zu erpressen.
Nach manchen Ausflchten, deren Grundlosigkeit am Tage lag, bekannte
endlich der Soldat: er sei Urheber jenes Diebstahls, der neulich an der
Kirche eines gewissen Klosters verbt worden sei. Das geraubte
Silberzeug habe er, ihm unbekannten Juden verkauft, und auf diese Weise
das Geld erhalten. Etwa zehn Dukaten wren bereits verzehrt.

Man stellte nun die gefundenen Dukaten dem Kloster zu, und verhngte
ber den Kirchendieb ein zwanzigmaliges Gassenlaufen durch Zweihundert
Mann. Standhaft duldete er die Pein, und wie er endlich die Doppelreihe,
der ihn strafenden Kameraden verlassen hatte, rief er lachend: Ich bin
doch ein ehrlicher Kerl! Eine Behauptung, der Niemand Glauben beimessen
wollte.

Gro war aber die Befremdung beim ganzen Regimente, da nach einiger Zeit
ein anderer Soldat ertappt wurde, wie er zusammengeschlagenes Silber
einem Goldschmiede um geringen Preis anbot. Man erkannte es fr einen
ehmaligen Kelch, suchte scharf bei dem Manne nach, und fand noch die
Monstranz und smmtliche Gegenstnde, welche der Kirche gefehlt hatten.
Also war jener Soldat unschuldig, und hatte sich flschlich angeklagt.

Allerdings wurde er wieder vernommen. Aus Angst, rief er, hab ich die
Lge gesagt. Zwanzigmal Spieruthen oder im Verhr halb todt geschlagen
werden, kmmt es nicht auf eins heraus? Ich whlte das erste, wo doch
ein Ende abzusehn war.

Aber woher bekamst du denn jene Dukaten?

Sagt ichs nicht im Anfang? Ich habe sie auf der Gasse gefunden.

Das ist durchaus unglaublich, weil der Verlierer sich ffentlich wrde
gemeldet haben.

Nun gut, fuhr der Soldat fort, so gebe man mir aufs Neue tausend Hiebe,
ich kann doch keine andere Aussage thun.

Er sprach mit so freier Ergebung, und einem so von Schndlichkeit
entfernten Gesicht, da der Verhr haltende Offizier sich beim Obersten
einlegte, die Untersuchung aufzuheben. Denn, setzte er hinzu, mag es
immer ein Raub sein, so ist der Mensch ja schon sehr hart dafr bestraft
worden.

Der Oberst lie ihn also aus dem Gefngnie und ffentlich anzeigen: es
wolle ein Soldat Geld gefunden haben, wer sich zum Verlust legitimire,
knne es bei den Regimentsgerichten in Empfang nehmen. Denn das Kloster
hatte nun jene Summe zurckgeschickt.

Niemand meldete sich aber, und das Geld blieb bei der Kasse liegen.

Nach mehreren Monaten befand sich das Regiment von jenem Orte entfernt,
auf dem Marsche. Man durchzog eben einen Wald. Der Offizier, welcher
jenes Verhr gehalten hatte, fhrte die Seitenpatroullen an, der junge
Soldat gehrte auch zu der Mannschaft. So neben ihm herreitend, und
unter mitleidigen Blicken, auf das noch durch jene harte Strafe
entfrbte Gesicht, fing der Offizier an: Hre, du magst sagen was du
willst, gefunden hast du die Dukaten dennoch nicht.

Der Soldat blickte auf. Herr Lieutenant, ich habe wohl noch mehrere, sie
sind aber eingenht.

Ei, ei, das sagst du mir?

Ich will ihnen noch mehr sagen, nur Alles nicht. Einmal kam ich zu ***
in ein Haus, um Kameraden zu sprechen, die dort im Quartier lagen. Eine
Dame rief mich in ihr Zimmer, und ich wurde beim Weggehen mit Sechs
Dukaten beschenkt. Oefter mut ich wiederkommen, und man war immer
freigebig. Da nun das Geld bei mir entdeckt wurde, konnte ich doch eine
so vornehme und brave Dame nicht verrathen. Eh htt ich mich
todtschlagen lassen. Wo sie gewohnt hat, sage ich auch jetzt Niemals.

Der Offizier forschte auch nicht weiter, empfand alle Achtung vor dem
Mrtyrer der Galanterie, und brachte es beim Obersten dahin, da ihm das
bei der Kasse noch vorhandene Geld verabfolgt wurde.




                           Fnftes Capitel.
                             Bser Geitz.


Flore theilte den Jgern reichlich mit, und eilte nun, mit ihnen zu dem
groen Haufen zu kommen. Froh erzhlte sie unterwegs einen Theil ihrer
Geschichte, gab sich brigens aber doch fr den Diener eines Commissrs
aus.

Wie hpfte ihr Puls, da sie vernahm, das Commando, wobei sie sich
gegenwrtig befnde, werde nchstens abgelset werden, und nach Cairo
zurckgehn. Wie viele Umarmungen wurden Ring im Geiste!

Aber nur wenigen Sterblichen ist es gegeben, die Sonnenblicke Fortunens
zu tragen. Wie sie zu glnzen beginnen, so will man auch schon mehr
Helle, noch mehr Helle, kein brig Wlkchen soll den Schein trben,
obgleich man vorhin in dem Uebel des Migeschicks nur nach einem
erquickenden Strahl seufzte. Flore htte nun ihrem Gestirn danken
sollen, so weit gekommen zu sein, darneben ruhig bei den Soldaten
weilen, und den Tag erwarten, wo man den Weg nach Cairo antrte. Das
geschah aber nicht, und so strzte sie sich wieder in tiefes Leid und
unermeliche Verwirrung.

Sie pflog, whrend man noch in der Gegend im Bivuac lag, mit den Jgern
enge Freundschaft, die sie zum Imam begleitet hatten, und theilte das
Obdach ihrer Htte. Besonders aber gefiel ihr die Entschlossenheit des
einen darunter: _Antoine_ genannt. Diesem entdeckte sie eines Abends:
Freund, zwei bis drei Tagereisen von hier, wei ich einen Ort, wo
ansehnliche Schtze verborgen liegen. --

Holen wir sie! erwiederte Antoine.

Das wre auch wohl mein Gedanke, fuhr die Verkleidete fort, aber es
giebt manches dabei zu bedenken. Sagen wir vielen davon, so zertheilt
sich der Reichthum zu sehr. In zwei oder drei Portionen bleibt er
ansehnlicher. Sollen aber nur wenige den Gang dahin unternehmen, wird
die Gefahr fr sie zu gro.

Wo liegt der Ort? fragte Antoine wieder.

Am Nil, aufwrts von hier.

Dann sehe ich keine Gefahr. Die Mammelukken des verfolgten Bei sind in
die Wste getrieben. Am Nil hinauf stehen noch weithin Posten. Was die
arabischen Bauern oder Nilfischer anlangt, auf die wir stoen knnen, so
nehmen es doch wohl drei Franzosen mit ihrer zwanzig oder dreiig auf.

Meinest du?

Warum nicht. Das Volk ist in Furcht gesetzt. Zudem giebt es manche
unsrer Anhnger darunter.

Floren lstete es so sehr nach Vermehrung ihrer schon ansehnlichen Habe,
da sie den nur zu unternehmenden Antoine noch lebhafter anreizte. Es
wurde bald ein kurzer Plan verabredet. Der Jger suchte noch einen
handfesten muthigen Kameraden aus, dem das Vorhaben mitgetheilt wurde,
und der sich so bereitwillig zeigte, wie jener. Nun erbat man auf einige
Tage Urlaub, um in einem nahen Orte kranke Soldaten zu besuchen. Da
alles wieder ruhig war, fand die Bitte Gewhrung. Flore kaufte unter der
Hand von ihrem Gelde drei Esel zum Reiten, und noch einen, welcher das
reiche Gepck auf dem Heimwege tragen sollte.

Wie alles bereit war, nahm sie, die unter keiner besonderen Aufsicht
stand, mit den Thieren einen verabredeten Weg, und erwartete die Jger,
welche den ihrigen ndern, und zwischen den Schildwachen hindurch zu ihr
schleichen sollten.

Das ging erwnscht von statten, man fand sich bald zusammen, und brach
nach _Scheik Abade_ auf. Da neben zwei Soldaten ein Mann in der
Landestracht ritt, erweckte vielleicht noch ein gewisses Vertrauen.
Ueberall waren Lebensmittel um Geld zu finden, bei Nacht blieb man unter
freiem Himmel, und lie die Esel weiden, whrend einer von den Dreien
Wache hielt.

Am dritten Tage gegen Abend erblickten sie die Ruinen, und machten Halt,
denn Flore hatte den Gefhrten nicht verhehlt, da sie wider das dort
wohnende kekke Raubgesindel nichts vermgten, und nur unter dem
gnstigen Einflu des nchtlichen Dunkels etwas auszurichten sei.

Man erwartete also die Nacht, und zog nun leise weiter.

Da die Schatzlustigen bis nahe an den Ort gekommen waren, ging Flore
voraus, die Sicherheit zu ersphn, kam bald zurck, und hie Antoine
folgen. Der dritte Gefhrte mute mit den Eseln in einiger Entfernung
harren, und den Thieren wurden die Muler verbunden, da ihr Geschrei
kein Unheil stiftete.

Wenn der Golddurst die Columbe uns den Weg durch unbekannte Meere
entdecken lie, so konnte ja wohl Flore eine Reichthum bergende Stelle
in tiefer Nacht wiederfinden, hatte sie doch der Versuch schon einmal
gekrnt. Es kostete nichts, wie den Ort am Nil erst zu suchen, wo sich
die Ruber ein- und auszuschiffen pflegten, von da an trgten Florens
Merkmale nicht mehr.

Sie stand nun mit Antoine bei den Trmmern. Die Steine, welche das
Goldgrab schlossen, waren hinweggewlzt. Beider mitgenommene Spaten
whlten lustig in den Sand, und der Grber Pulse flogen von Hoffnung. O
Schrecken! da ertnt nahe bei ihnen eine helle Pfeife.

Sie halten bestrzt an, die Pfeife lt sich wieder hren, abermals.
Beide ergreifen ihre Pistolen, und wenden sich nach der Stelle, wo der
Klang herkmmt, dem unwillkommenen Virtuosen eine Pause aufzuerlegen. O
weh, da hrt man zwei, drei, zehn andere Pfeifen von den Htten her.
Irrlichtern gleich schimmern bald viele kleine Fackeln, aus Schilfrohr,
im Umkreise, weichen aber nicht wie jene, sondern nahen eilig.

Flore war einer Ohnmacht nahe. Wir sind verrathen, rief Antoine leise,
und mssen auf Rettung denken.

Von einem Orte, wo Gold liegt, entfernt man sich mit Mhe, sollte auch
der Schrecken neben dem Mammon wohnen. Dazu kamen die vielen
Hindernisse. Die Flchtlinge stolperten ber Gestein, was sowohl ihr
Fortkommen hinderte, als zugleich ihren Weg kund machte; bald waren die
Fakkeln da und die grlichen schwarzgelben Trger wurden sichtbar.
Antoine scho sogleich einen davon nieder, bekam aber in dem Augenblicke
den Todessto einer Lanze in die Brust. Fangt sie lebend! schrien einige
Stimmen, und Flore, die diesmal nicht so muthig war wie sonst, wagte
sogar keine Pistole loszudrcken, ward umklammert, entwaffnet, gebunden.
Entsetzlicher Wechsel!

Der Muth ist sich nicht gleich, hngt an vielen Umstnden, die es schwer
wird, zu verfolgen. Man hat spiellustige Krieger bemerkt, die, wenn
grade die Wrfel schlecht gefallen waren, Lwentapfer auf ihren Feind
losgingen, dagegen wenn ihnen das Glck eine reiche Brse gefllt hatte,
eine sehr mige Lust bezeigten, zu sterben. Es ist aber keine
allgemeine Regel, und ganz im Gegentheil ist bisweilen verfahren worden,
wo das Gold Kraftgefhl und Vertrauen auf guten Ausgang weckte, und der
Mangel daran, nur Kleinmuth ber den Mann kommen lie.

Genug, Flore erwies sich feig, und beiden war wohl Mangel an gehriger
Disposition vorzurcken. Der Gefhrte mute nher seyn, die Thiere
irgendwo angebunden. Die drei konnten unter abwechselndem gut gezieltem
Feuer dann wohl den zehn Rubern widerstehn. Zu wenig wre es noch
gewesen, sich nur mit Ordnung zu den Thieren zu retten, und dann schnell
zu fliehn, man htte die Feinde erlegen, in die Flucht treiben, und die
Schtze mit Gewalt heben mssen. Doch es war versehn, der tapfere
Antoine lag, Flore wurde fortgeschleppt, und auch der dritte Gefhrte
bte noch das Leben ein. Denn, nachdem er schieen gehrt hatte, wollte
er den Uebrigen helfen, kam nher, wurde umringt, vertheidigte sich
hartnckig, und blieb.

Der Leser hat gewi schon errathen, woran die Wachsamkeit jener Ruber
eigentlich hing. Sie nahmen wahr, da Jemand an dem Orte, wo die
Kostbarkeiten verborgen lagen, gewhlt hatte. Wer konnte das sein? Aus
ihrer Mitte Niemand, denn so gut Lessing die Rubertreue seines Angelo
rhmt, der doch wirkliche Vorbilder in Italien haben mute, so
gewissenhaft die Diebe in groen deutschen Stdten ber dass gemeine
Aerar halten, so verdienen egyptische Bsewichter wegen ihres ^Esprit de
corps^ Lob. Man fiel also gleich auf das verwnschte unglubige
Weibsbild, das ihre Kameraden bei sich hatten. Wie aber war diese vom
Schiffe entkommen? Schlimme Ahnung! vermehrt durch das Ausbleiben,
erfllt durch die schreckliche Entdeckung des aus dem Nil hervorragenden
Mastbaumes, da man die Kameraden zu suchen ging.

Nur die nheren Umstnde blieben dunkel. Wer wei aber, beratheten die
traurigen Unholde, ob die Sehnsucht, unsre Schtze zu plndern, die
Verrtherin nicht wieder nach Scheik Abade fhrt, ob sie nicht Hlfe von
den ihrigen mitbringt? Wir wollen jede Nacht eine Wache ausstellen, da
wir fr das Unsrige gesichert sind, und vielleicht Nachrichten von den
unglcklichen Brdern, und Rache erlangen.

Flore wurde in eine Htte gebracht, und mit der schrecklichsten Folter
bedroht, wenn sie nicht sogleich aussagte, was mit den Kameraden
geschehen sey. Man machte zugleich Anstalt, ihr Splitter unter die Ngel
zu stecken, und sie anzuznden. Es bedurfte so viel nicht. So nahe am
Hafen gestrandet, war alle ihre Besonnenheit dahin, sie ergab sich in
ihren Untergang, und berichtete alles genau.

Die Ruber staunten, sprachen aber einmthig aus: die Mrderin ihrer
Brder msse zur Strafe des Spiees verurtheilt werden; und drohten ihr:
da sie drei Tage lang an dieser Marter hinsterben sollte.

Man war mit einer solchen Gerthschaft versehn, und richtete sie mit
angrauendem Tage schon auf, so groe Eile hatte die Mordlust. Nach dem
Entwandten wurde weiter nicht geforscht, in der Voraussetzung, es wrde
in ferner Verwahrung liegen; man untersuchte eben so wenig Florens
Kleidung, sonst wrde sich noch ein guter Theil davon wiedergefunden
haben.

Flore wthete Tausendmal gegen die unselige Gier, sich mehr zu
bereichern, die zwei braven Mnnern schon das Leben gekostet hatte, und
ihr nun mit dem schmhlichsten Martertode drohte, aber es lie sich
nichts mehr ndern.

Sie hrte das Hmmern in der Nhe. Zwischen versteckten Wnden wurde der
ungeheure Spie auf einen Pfahl befestigt. Jedermann wird glauben, da
ihr Haar sich gestrubt habe.

In einer Stunde war alles bereit, auch heller Tag. Nun rissen die
wuthschnaubenden Buben sie hinaus. Ha, riefen sie, sie stahl Mustaphas
Turban, und seinen Doliman, beides soll sie auch auf dem Spiee tragen.




                          Sechstes Kapitel.
                               Der Bei.


Jede Lebenskraft abgespannt, lie sich Flore hinschleppen. Schon
erblickte sie zwischen den Mauern das schauerhafte Todeswerkzeug, als
pltzlich eine fremde Stimme fragte: _was habt ihr mit dem Jngling
vor_?

Flore hatte keinen Muth aufzublicken, woher die Stimme schon durch ihren
sanften Klang hier fremd bezeichnet, kam, aber sie bemerkte doch, da
alle ihre Begleiter mit einem bangen Ausruf, zur Erde aufs Knie
strzten.

_Was habt ihr mit dem Jngling vor_? erneuete sich die Frage. Keine
Antwort. Die Stimme uerte nun Zorn, aber einen Zorn, der hier Trost
und Erquickung wurde, einen Zorn, der des Vertrauens Flle in den Busen
go. Leiser zagend hob die bestrzte Verurtheilte das Auge empor, und
gewahrte einen hochgestalteten glnzend gekleideten Mann, auf einem
muthigen Araberhengst, umringt von stattlich bewaffneten Reisigen in
reicher morgenlndischer Tracht.

So tobend, so besinnungraubend war der Bsewichter Grimm gewesen, da
sie die Ankunft eines zahlreichen Reutertrupps durchaus berhrt hatten.
Da Flore damals nicht bemerkte, was weiter um sie vorging, bedarf
keiner Erklrung.

Isaaks Sohn, (kein Jenaischer Philosoph zweifelt mehr an der Legende
Wahrheit, hchstens noch lutherische Landprediger, und schon einige
Kapuziner) da das Opfermesser sich erhoben hatte, vor dem lodernden
Scheiterhaufen, fhlte aber nicht viel mehr Wonne, bei des Seraph
Einspruch, wie Flore im Anblick des edelgestalteten Mannes, denn der
Gedanke: _er wird mein Retter seyn!_ dmmerte ihr gleich auf.

Ein Vertrauen, als htte sie den Mann seit Jahren gekannt, folgte dem
Gedanken, und der Muth, statt der im Staube sich krmmenden Ruber zu
antworten, folgte dem Vertrauen. Flore nahm ihre Sprachkunde zusammen,
und rief: Edler Pascha, erhabner Bei, oder wer ihr seid, die Mnner
wollen mich schmhlich ermorden. Dort ragt schon der Spie empor.

Mit Wohlgefallen und Milde blickte der Angeredete auf Floren nieder, mit
heftigem Unmuth nach den Rubern. Frchte nichts, sprach er zu der
Ersten gewendet, dann schalt er die Andern mit Nachdruck. Wenn euch
dieser Jngling Leides that, wie durftet ihr euch vermessen, selbst
Richter zu seyn? Warum bringt ihr ihn nicht zum Kiaschef, und der ihn zu
einem Richteramte, das ber Leben und Tod aussprechen darf? Aber ich
sehe aus dieser strflichen Wildheit, ihr gehrt zu dem Raubgesindel,
das den Nil unsicher macht. Fischer nennt ihr euch, und plndert die
Schiffe. Jetzt hab ich die Zeit nicht, euer Treiben untersuchen zu
lassen, aber ein Andermal. Damit ihr hier keine lngere Zuflucht habt,
so steckt selbst gleich alle die Htten in Brand. Gehorcht, oder ich
lasse euch niederhauen.

Des Befehls Donner wirkte so mchtig, da alles gleich aufsprang, und in
zwei Minuten loderte schon das Dorf empor.

Whrend dessen fuhr der Muselmann fort: Den jungen Menschen nehme ich
mit, seine Miene zeugt von Unschuld. Wie froh sprang Flore auf. Die vier
Esel liefen, die Zgel ineinandergeschlungen, noch in der Nhe herum.
Sie machte sie los, befreite die Muler von den Tchern, und schwang
sich auf den besten. Die drei andern schenk' ich euch gromthig, rief
sie den Rubern noch zu, und mischte sich nun unter das Gefolge von
Mammelukken, das dem Nile zueilte.

Hier standen verschiedene Fahrzeuge in Bereitschaft, und die Ueberfahrt
wurde so schnell es immer anging, ins Werk gebracht.

Flore erfuhr, sie habe den Bei gesprochen, den die Europer in die Wste
gedrngt htten, der nun aber ber den Strom zu seiner Famille wollte,
die weit nach Oberegypten hin, in Sicherheit gebracht sei. Desto
unentdeckter zu bleiben, war der Weg durch die Ruinen genommen worden.
Die Schiffe zur Ueberfahrt an Ort und Stelle zu finden, fiel ihm bei
seinem Anhang und seiner Kundschaft des Landes, nicht schwer.

Die Mammelukken erzhlten das alles willig an Floren, und redseliger als
sie gewohnt zu seyn pflegen. Aber man darf khn auf der Diener Artigkeit
zhlen, wenn das Oberhaupt freundlich war, wie auch der umgekehrte Fall
statt hat. Das mit dramatischer Kraft zu zeichnen, ging Schiller einen
Anachronismus von zwanzig Jahren ein. Denn der Admiral Medina Sidonia
erschien in seinem Carlos, und jammerte ber die zerstrte
unberwindliche Flotte. Diese Armade ging aber 1588 verloren, und Prinz
Carlos starb schon 1568.

Auch liegt es im Menschen, da er sich freudig an seinen Retter
schliet, mag dieser immer einer feindlichen Nation zugehren. Drum
befand sich Flore beraus wohl unter diesen Leuten, und sie zog getrost
mehrere Meilen jenseits des Nils mit fort, ehe sie einmal recht daran
dachte, was nun fr sie zu thun sey? Es zerstreute dazu sie so Manches
unter dem Haufen, und fesselte ihre Aufmerksamkeit.

Nun wurde gelagert, denn man hatte auch Gepck bei sich. Nicht lange so
stand ein Drfchen von bunten Zelten auf der Ebene. Hammel steckten an
Spieen, Reis dampfte aus Casserollen. Flore, als ob sie dazu gehre,
lie den Esel im hohen Grase weiden, kaufte von einer Art Marketenderin
das Benthigte, und richtete sich einen Pilau zu. Der Hunger war, wie
man denken kann, seine kstliche Wrze.

Allein sie htte diese Mhe sparen knnen. Denn kaum hatte sie
angefangen, ihr klein Gericht zu verzehren, als der gtige Bei, der sie
nicht verga, einen seiner Diener schickte. Dieser brachte eine
Lammskeule mit Knoblauch, einen Salat von Oliven, eine Art
Wachtelpastete, und eine Schaale Sorbet. Flore wies das nicht zurck,
sondern erquickte sich gar behaglich.

Man braucht noch nicht einmal ein Nicolai an kunstrichterlicher Strenge
und Wissenschaft zu seyn, sogar ein literarischer ^Chvalier
d'industrie^ aus Berlin, der sich beim Morgenblatte oder der allgemeinen
Zeitung zum Nachrichtgeben versteht, und daneben bisweilen eine
Hakritik einstreuen darf, kann sagen: da es gar nichts
Erzhlungswerthes ist, wenn irgendwo geschmauset und getrunken wurde.
Aber was erzhlt denn selbst der gttliche Homer (nach Fichte freilich
kein Dichter) am liebsten? Streicht in der Ilias und Odyssee, alle
Ochsenbraten und was noch dazu gehrt, wieviel bleibt brig? Am Ende
kehrt ja die geistige Ausflucht immer wieder zur Sinnlichkeit, und die
feinere Sinnlichkeit zur unfeineren. Der Libertin, welcher dreiig Jahre
lang, die liebsten Schnheiten verfolgte, und darber oft die
Tafelfreuden bersah, blickt am Ende doch mit festerem Ernst nach einer
guten ^Table d'hte^ hin, oder knpft eine Ehe ^propter opem^[3].
Welcher treffliche neue Morgen der franzsischen Literatur brach mit
jener Staatsumwlzung an! Gleichwohl ist die Gastronomie unter den
neuesten Werken zu Paris, dasjenige, welches die meisten Auflagen
erlebte. _Hstia_ allein, spricht Platon, die husliche, wartet des
Heerdes, wenn der Vater der Gtter und Menschen auf dem geflgelten
Wagen allwaltend dahinfhrt, und dem Fhrer des himmlischen Zuges die
brigen Gtter folgen. Und ist nun der Zug vollendet, sehnen sich die
Ermdeten alle nach Hstia. Wenn die Deutschen, berall philosophirend,
noch keine Philosophie der Kochkunst aufweisen, so kmmt es blos daher,
weil sie nicht reich sind, und es auch nicht werden drften, da, was zum
Reichthum fhrt, List, Thtigkeit und Gewalt, ihnen fehlen.

[Funote 3: Ein Rechtsgelehrter, der drei Weiber whrend seines Lebens
heirathete, pflegte zu sagen: er habe die eine ^propter opus^, die andre
^propter opes^, und die dritte, ^propter opem^ genommen.]




                          Siebentes Kapitel.
                             Fortsetzung.


Nach der Mahlzeit erschien wieder ein Diener des Bei, und lud Floren zu
ihm. Sie nahte sittsam, unterwrfig, dankbar, doch mit naivem Vertrauen.
Jener fragte:

Woher bist du Knabe?

_Flore._ Herr, vor einem andern wrd ich beben, vor Dir nicht. Ich bin
ein Frank.

_Bei._ Immerhin! Doch ein Renegat?

_Flore._ Nein, ein Nazarer.

_Bei._ Immerhin! Wie kmmst du aber zu dem grnen Turban?

_Flore._ Ein Kopte hat ihn mir verkauft --

_Bei._ Den darfst du nicht tragen.

_Flore._ Verzeihe meiner Unwissenheit! Schon erfuhr ich, da es der
Brauch nicht sei, fand aber noch keine Gelegenheit, einen andern zu
kaufen.

_Bei._ Er steht dir wohl, aber ich schenke dir dennoch einen anderen.

Hier entlie er sie, und ein Diener brachte gleich darauf eine artige
Mtze, wie sie die Franken im Lande tragen drfen. Flore hndigte den
Turban dafr aus, nachdem die Steine auf die Seite geschafft waren.

Gleich danach wurden die Zelte abgebrochen, und Reise ging weiter.

Flore machte sich nun Vorwrfe, da sie nicht des milden Augenblicks
gewahrend, den Bei um Erlaubni gebeten hatte, den Weg nach Cairo nehmen
zu drfen. Indessen, dachte sie, findet sich dazu wohl eine andere
Gelegenheit. Wer wei, ob er mir nicht ein Paar Mammelukken zur
Bedeckung bis an die ersten unsrer Posten mitgiebt, denen ich gern
reichlich lohnen will.

Sie folgte also dem Zuge, denn heimlich davonschleichen, das wollte sie
nicht, auch schien das aus manchen Grnden nicht rathsam.

Man reisete schnell, und mit ngstlicher Vorsicht, immer noch einen
Ueberfall der Europer frchtend. In der folgenden Nacht wurden
Schildwachen in weiter Ferne ausgestellt, und die Hlfte der Mammelukken
mute angekleidet bei den Pferden bleiben, whrend die Uebrigen in den
Zelten ruhten.

Flore wurde in das Zelt der Itschoglans des Bei geladen, wo sie bequem
bernachtete. Ihren Esel mute ein Mammelukkenknecht versehn. Sie war
entzckt von so vieler Gte, doch entbrannten ihre Wnsche nach Cairo
lebendiger.

Am andern Tage wieder schneller Marsch, gegen Mittag Rast. Flore
bereitete sich schon keine Speise, in Erwartung, der gute Bei werde
sorgen. Das geschah auch, und sie wurde reichlich aus seiner Feldkche
versehn. Nachher mute sie abermals vor ihm erscheinen, und er sagte
ihr, da die Frankenmtze sie vortheilhafter wie jener Turban kleide.

Sie dankte auf das verbindlichste fr sein Geschenk, brachte nun aber
mit Offenheit und Muth die Bitte an, sie ziehn zu lassen.

Hierauf wurde nichts erwiedert. Dagegen gebot der freigebige Muselmann,
dem jungen Franken einen schnen Sbel zu reichen.

Es ging weiter. Flore war verdrielich auf einer Seite, auf der andern
aber fand sie doch, da man ganz ausnehmend artig gegen sie sey.
Vielleicht hat er mich in der Geschftszerstreuung nicht verstanden,
meinte sie, ich bitte wieder, und der gute schne Mann erhrt mich
gewi.

Wieder gute Bewirthung im Lager, und in der Nacht Bequemlichkeit auf den
Teppichen der Itschoglans.

Am folgenden Tage verga Flore nicht, ihr Anliegen zu erneuen, da der
Bei sie wieder vor sich lud. Sie empfing keine Antwort, dagegen einen
weissen Kaftan mit schwarzem Fuchspelz verbrmt.

Wieder ein Tag, wo ihr alle Milde widerfuhr, nur hatte man kein Gehr
fr die Bitte. Statt allem Bescheid darauf, wurde ihr ein Pferd mit
stattlichem Sattel und Zeuge vorgefhrt.

Jetzt befand man sich schon in einer Wste. An Flucht war um so weniger
zu denken. Die Pariserin wute gar nicht, was sie ber das Betragen des
Muselmannes denken sollte, und weil Dankbarkeit ohnehin eine Grundlinie
ihres Charakters zog, fand sie den Bei mit jedem Geschenke
liebenswrdiger, ja auch schner wie ihren Ring, dessen krperliche
Vorzge ohnehin das letzte waren, was sie an ihm liebte. Zudem befand
sie sich so auerordentlich behaglich in dem Lager, da die Trennung
davon nicht ohne Schmerz mehr vollzogen werden konnte. Wohlleben im
Ueberflu, allenthalben dienstbare Huldigung, denn nach jeder neuen Gabe
des Oberherrn wurden die Diener unterwrfiger und schmeichelnder, ja es
nahten bereits Itschoglans oder Mammelukken mit kleinen Geschenken, um
ihrer in Gutem zu gedenken, oder etwas fr sie durchzusetzen.

Endlich war die nicht breite Wste durchzogen, und ein Bezirk erreicht,
wohin noch keine fremde Waffe drang. Eine Landschaft, die mit ihren
zauberischen Reizen alles bei weitem bertraf, was Flore an
Naturschnheit in Niederegypten gesehen hatte, die berall den Gedanken
an die fabelhaften glckseligen Inseln der Dichter rief. Freilich auch
ein hliches Sumsen der Mosquiten in der Luft, und ihr qulender Stich;
freilich Skorpionen in den Ritzen der Gebude; freilich hier schon
Krokodille genug im Nil, aber die Flle des Angenehmen lie das alles
vergessen.

Hier lag das Landhaus, wohin der Bei seine Schtze und Weiber geflchtet
hatte, wie der fremde Besuch nach Egypten kam. Ein nicht groes, aber
sehr niedliches Gebude, dessen plattes Dach mit Erde berworfen, mit
den lieblichsten Blumen bepflanzt, und mit einem buntgewirkten
Zelthimmel berbreitet war. Es lag mitten im Garten, die Stlle,
Soldatenwohnungen in einiger Entfernung. Der Garten war mit einer Mauer
umgeben, so breit, da man oben nicht nur spazieren gehn, sondern auch
reiten konnte. Eine Allee von Orangen befand sich oben, was einen
beraus lachenden Anblick gewhrte. Die Lustteiche, mit ihren kleinen
Gondeln; die heiteren Pavillons, auf Hgeln gebaut, die eine weite
Aussicht erffneten; die leis murmelnden Wasserflle; die Bche mit
seltsam bunten Fischen; das glnzende hold singende Gefieder auf dem
lieblichen Strauchwerk, dem der herannahende Winter keine Schnheit
raubte, nur die Frische des Grnes, von den Sonnenstrahlen erst gedrrt,
zurckgab; alles das vollendete die wunderhnliche Wirkung dieses, mit
Recht vom Bei erhobenen, Asyls. Nur ein Umstand konnte einen
europischen Bauknstler dort zur Verzweiflung bringen. Zum Portal des
Landhauses fhrte nehmlich ein schner Sulengang. Der weisseste Marmor,
im Alterthum die Zierde eines herrlichen Tempels zu Memphis. Die Sulen
hatten aber unter den Ruinen umgestrzt gelegen, der neue egyptische
Architekt gemeint: es sei immer gleichviel; und so standen die Kapitler
unten, whrend die Piedestale stolz emporragten. Flore verstand zwar
nicht das mindeste vom Bauwesen, aber doch hatte sie oft in Paris, vom
Pont-neuf herkommend, die gepriesene Kolonade am Louvre betrachtet, und
so konnte es nicht anders seyn, der Uebelstand mute ihr einleuchten.
Sie lachte ganz dreist, ber den verkehrten Prunk, eine Unart, die ein
empfindlicher Bei mit dem Kopfe wrde habe bssen lassen, dieser aber
gab Befehl, die Sulen umzudrehn.

Seine Gromuth verringerte sich hier nicht. Kaum hatte man sich von den
Beschwerlichkeiten erholt, als Flore vorgefordert wurde. Schner Frank,
sagte der Bei, ich mache dich zum Itschoglan, du kannst zur Religion
Mahomeds bertreten, du darfst Nazarer bleiben, nach Gefallen. Auch
Christus predigte das Wort. Du sollst aber nicht bei den andern
Edelknaben wohnen, sie sind wild und roh, hier im Landhause ist dein
Zimmer. Komm, du sollst Fatmen, mein Weib, kennen.

Flore wunderte sich hchlich, da der vornehme morgenlndische Herr,
gegen alle Landessitte, den vermeinten Jngling in den Harem fhrte, ja
ihm die Erlaubni gab, ihn mit aller Freiheit zu besuchen, so oft er nur
wollte.

Fatme war eine sehr schne Frau, von einer Weisse und Feinheit der Haut,
wie man sie auch in den hchsten Stnden der Christenheit nicht
erblickt, da hier die Damen sich unfreundlichen Einflssen der Witterung
immer hufiger blosstellen, und nicht im Besitz einer gewissen Salbe
sind, deren man sich dort mit groem Erfolg bedient. Nur einen zu hohen
Grad der Formenflle, htte man, an Mittelverhltnisse gewhnt, der
Schnheit dieser Fatme zum Vorwurf machen knnen.

Sie gab ihrem Gemahl nichts an Gte nach, und der neue Itschoglan wurde
von ihr mit einem gestickten Grtel von hohem Werthe beschenkt.

Flore fing schon an, bei sich zu denken: Wenn dies Leben so fortgeht,
werde ich alle Mhe anzuwenden haben, um Ring nicht ganz und gar zu
vergessen.

Der Bei war noch in den ersten Tagen mit vielen Boten beschftigt, die
Briefe da und dorthin frdern sollten, und sprach daher Floren nur
wenig, dagegen blieb letztere zu ganzen Stunden im Harem, wo ihrer immer
die kstlichsten Erfrischungen warteten. Fatme lustwandelte auch hufig
mit ihr im Garten, doch trug sie dann den Schleier, und einige
Sklavinnen folgten unterwrfig. Immer in der Sprache gebter, und
erfllt vom Vertrauen, wagte Flore bald, mit der Gattin des Bei ber
ihre Lebensverhltnisse zu reden. Sie pries das beneidenswerthe Glck,
einen so liebevollen Gemahl zu besitzen. Da seufzte Fatme aber. Der
vermeinte Itschoglan fuhr fort: Und wie ausgezeichnet bist du vor allen
Muselmnninnen! Gleicht sonst der Groen Harem den Kerkern, der deinige
ist ein Tempel der Freiheit. Doch setzte sie mit etwas stockendem Tone
hinzu, kann das auch nur ein so liebenswrdiger Mann, wie der Bei,
wagen. Hier weinte Fatme. Flore war befremdet. Jene brach aus: O warum
bewacht er mich nicht strenger? Es wrde mir ein Zeichen der Liebe
gelten. Nur Klte ffnet des Harems Thren. Ich bin freilich sein einzig
Weib, aber --

Trnen unterbrachen sie, und Flore schwieg traurig.

Von jetzt an, ruhten die Blicke der Mahomedanerin lnger und fester auf
Floren, auch mute sie fter in dem Harem erscheinen. Ganz allein befand
sie sich brigens dort nie mit ihr, sondern einige aufwartende
Sklavinnen waren gewhnlich noch im Gemach.

Auch die Geschenke mehrten sich, und selten verlie die Verkleidete den
Harem, ohne irgend eine Kostbarkeit mitzunehmen.

Von nun an lebte der Bei sich auch mehr selbst. Vor den Europern war er
in der Entlegenheit gesichert, sonst frchtete er Niemand, viele seiner
Soldaten wurden also entlassen, und Waffengetse strte weniger des
Landsitzes Ruhe. Er hatte Schtze genug hierher geflchtet, und bedurfte
vor der Hand keiner Einnahmen, um den Ausgang der Begebenheiten
abzuwarten.

Oefter sah er nun auch Floren, die noch mehr wie vorher mit Huld
berhuft wurde. Die zrtlichen Blicke, sogar das Errthen seiner Wange,
wenn Flore ihn ansah, htten sie fast den Argwohn schpfen lassen, er
ahne ihr Geschlecht und wirklich frchtete sie diese Ahnung nicht sehr;
allein das lie sich doch wieder nicht glauben, da Flore immer die
Dienste eines Itschoglan verrichten, und den Bei zu Pferde beim
Spazierritt begleiten mute.

Wie lange wird es wohl mglich sein, fragte sie sich oft, das Geheimni
zu bewahren?

Nach einigen Tagen wurde ihr Schlafgemach verndert, und ihr eins ganz
nahe bei dem Zimmern des Herrn angewiesen. Die erste Nacht, welche sie
dort zubrachte, wurde sie durch ein leises Zupfen an der Bettdecke
geweckt. Sie fuhr auf. Eine Sklavin stand da. Folge mir Itschoglan!
sprach sie. Flore warf Kleider ber und gehorchte. Man schlich durch den
Gang, welcher nach Fatmens Schlafzimmer fhrte. Floren pochte das Herz
gewaltig. Die Thr ffnete sich. Die Sklavin blieb zurck.

Die Fenster des Zimmers waren tief verhngt, aber eine kleine Lampe
verbreitete inwendig eine magische Helle. Ausgewhlte Confituren und
Frchte trug ein kleiner mit Goldbrokat bedeckter Tisch. Aus Vasen von
chinesischem Porcellan dufteten die edelsten Blumengattungen, besonders
das liebliche afrikanische Gewchs _El Henne_ genannt, das aus seinen
traubenartig verbundenen Blthen einen so balsamischen Ausflu haucht.
Alles lud ein, dem khnsten Wunsch nach hohen Genssen Raum zu geben.

Im Schlafgewand, wei wie eine Jasminblthe, weich wie der innre Kelch
einer Aurikel, und beinahe so durchsichtig wie das Ballkleid einer
Berlinerin, nahte Fatme. Die se Verlegenheit auf der gespannten Stirn,
auf ihren farbewechselnden Wangen, wrde einen Faublas vor Entzcken
auer sich gesetzt haben, aber Flore war doch kein Faublas.

Wre ihr etwas Aehnliches mit dem Bei begegnet, so wrde sie sich fest
vorgestellt haben, da Ring in Cairo bei ihrer Abwesenheit unfehlbar
strauchle, aber was gab es hier sich vorzustellen?

Fatme lie sich auf die indischen Teppiche des Sophas nieder, und zog
Floren mit sanfter Gewalt zu sich. Die leisen fast unhrbaren Laute
ihrer ersten Worte gingen nach und nach in ein vernehmliches Flistern
ber, und Flore hatte die Frage zu beantworten:

Hast du die Sprache der Blumen nicht verstanden, die ich dir sandte,
holder Itschoglan?

Sie erwiederte: Nein edle Frau.

Also reden die Blumen in Europa nicht?

Ich wage nicht, euch zu deuten, sonst -- --

O deute, deute! Alles ist dir verziehn, wie verwegen du auch deutest.

Von redenden Blumen las ich in mehr als einem Roman. Der Selam spricht
durch die Fgung der --

Selam, Selam! Du kennst den Namen, dann ist dir mehr bekannt.

Nichts weiter. Die -- Liebenden hrt ich nur, lassen im Morgenlande die
Blumen reden.

Fatme wurde erwrmter, khner. Sie erklrte ohne Umschweif, ihr
Eheverhltni sei freudenlos, ihr Gemahl bei aller Hlle der
Liebenswrdigkeit, liebe nicht. Eine nur zu deutliche Erklrung folgte.
Flore am ganzen Leibe bebend, hub nun an, der Trkin eine Moralpredigt,
ber die Pflichten der Treue, zu halten. Die Andere entschuldigte sich
wortreich durch des Gemahls Vernachlssigung. Flore suchte nur krftiger
mit Tugendsprchen einzudringen, und citirte sogar Stellen aus dem
Coran, noch von den Lehren des Derwisch im Gedchtni. Doch die Kraft
der Liebe berwltigt Coran, Evangelium, Talmud und Sanscritt; nur
Fatmens Ungestm antwortete, und der vermeinte Edelknabe wurde mit
flammendem Trieb an der Trkin Busen gepret.

Im hchsten Moment der Verlegenheit, hrte man aber ein Gerusch, die
Sklavin strzte warnend ins Zimmer, und auf dem Fue folgte ihr -- der
Bei. Noch hrte Fatme nicht, wohl aber Flore, die sich in der
frchterlichsten Bestrzung losri.

Der sonst so schonende Muselmann wthete. Verwnschungen stie er gegen
seinen Itschoglan aus, Verwnschungen gegen Fatme, und rief: der Tod
sollte ihn an beiden rchen. Ein Dolch der an der Wand hing, war bald
ergriffen.

Flore warf sich nieder. Verzeihe Herr, da mein Geschlecht dir heimlich
blieb. Sie ri ihr Oberkleid auf, eine Gesticulation, die wohl zu
rechtfertigen ist, wo es Leben und Tod gilt. Siehe, wie kannst du
eiferschtig gegen die schuldlose Fatme wthen?

Die pltzliche Erscheinung des Gatten zu begreifen, mu aufgeklrt
werden, da all die bisher seinem Pagen erwiesene Huld -- unlauteren
Ursprungs war. In derselben Nacht, wo Fatme die durch reiche Geschenke
bestochene Sklavin sandte, hatte auch er einen Besuch in Florens
Schlafzimmer beschlossen. Er langt an, findet Niemand, argwohnt, und
eilt zu seiner Gemahlin.

Der Dolch entsank seiner starren Hand, wie Flore ihr Geheimni verrieth.
Fatme sprang erstaunt zurck, heftete aber noch, und ohne den Bei zu
frchten, die entbrannten Strahlen ihres dunklen Auges auf die
Entschleierte; der Bei blieb in liebender Stellung angewurzelt.

Fatme lie den Gemahl Vorwrfe hren, die sein Recht zur Eifersucht
streitig machten, und schlo mit der Bitte: ihr die Europerin zur
Sklavin zu geben. Erhre mich, war ihr letztes entschlossenes Wort, oder
brauche den Dolch wider mein Leben.

Sei mein Weib, mein Weib! flehte der Bei mit schmachtender Lippe.




                          Siebentes Kapitel.
                   Flore im hohen Glanz der Tugend.


Die Tugend ist kein Erbtheil der Ahnen, wiewohl das chte Beispiel sie
erzeugt, sie kann ein Kind der Erziehung und Grundstze sein, aber
bisweilen ist sie so gut eine zufllige Erscheinung, wie tausend andre
Dinge in der Welt, und unter andern auch das Laster. Sagt Schiller im
Prolog zu seinem Wallenstein, der Gerechtigkeit der Kunst das Wort
redend, mit Recht:

   Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang,
   Und wlzt die grte Hlfte seiner Schuld,
   Den unglckseligen Gestirnen zu,

So msse man denn auch bei Tugendgemlden der Kunst, behaupten knnen:

   Sie sieht des Menschen hohe Edelthat,
   Und wlzt die grte Hlfte ihres Ruhms,
   Den freundlich waltenden Gestirnen zu.

Wir werden Floren hier sehr tugendhaft sehn. Durch beider Theile
Zuneigung fand ihr weiblicher Stolz se Nahrung, das Andenken an beider
Gte konnte auch nicht schweigen, wenn gleich das Bild der entdeckten
sittlichen Verderbni abschreckend war. Sie hatte, wie sie sich oft
gestehen mute, in dem Bei nicht allein den gromthigen, sondern auch
den schnen Mann gesehn, und wir htten fr nichts einstehen mgen, wre
jener von ihrem Geschlechte unterrichtet, liebend im Boudoir erschienen.
So aber konnte doch kein Schimmer von Liebe brig bleiben, und der
Gattin Anblick, mahnte um so mehr, Bekehrung und Vershnung zu
erstreben.

Sie sammelte also alle ihre bekannten Worte der Landessprache, fgte sie
so rednerisch wie es ihr mglich ward, legte allen oratorischen
Nachdruck auf den Ton der Stimme, und lie die Geberde mit aller
Rhrung, die sie hervorzubringen wute, die Apostrophen begleiten.

Sie hielt ihnen so die schmhlichen Verirrungen vom Pfade der Natur vor,
machte einen Theil auf die Vorzge des Anderen aufmerksam; dann
schilderte sie das Glck eintrchtiger Ehen, und wies auf die Nhe
desselben, auf die Leichtigkeit, sich es zuzueignen. Alles wurde mit
bildlichen Wendungen ausgefhrt. Endlich langte sie noch den Dolch vom
Boden auf, fate den Griff mit voller Hand, lenkte die Spitze gegen
ihren Busen, und betheuerte sich eher durchstechen zu wollen, ehe in
irgend etwas zu willigen, das die Zufriedenheit eines ihr so theuren
Paares stren knne.

Beide sahen Einander erst vor Beschmung nicht an, dann huben sie scheue
Blicke empor, nun wurde Bewegung der Gefhle sichtbar, der Dolch endlich
wirkte heroisch, und die innre Seelengte gewann vollkommen den
Ausschlag, da Flore beider Hnde in einander wand, und beider Busen
zusammenprete. Sie umarmten sich weinend, und sagten treue Liebe zu.

Was konnte Flore aber anders thun? Ihre Tugend warf ihr den Preis hoher
Achtung ab, und noch bei weitem reichere Geschenke wurden ihr nun von
beiden Theilen, aber das Geschick hatte es so gestellt, da sie
vortrefflich handeln mute. So gerth bisweilen ein mittelmiger
Feldherr in eine Lage, wo er den Lorbeer erringen mu; ein Minister kann
dem Segen seiner Nation, wie die Umstnde vorhanden sind, auch mit dem
belsten Willen nicht ausweichen; und eine Lukretia _soll_ ein Meteor
der Keuschheit sein, weil sie den Gemahl laut ihrer Empfindung mehr
liebt, wie das Leben, und den Entehrer tiefer hat, wie den Tod. Mancher
wird der genauen Haushaltung wegen gerhmt, und hat in seiner kalten
Seele keinen einzigen Anreitz zur kostspieligen Freude. Die Redlichkeit
eines Staatsdieners lohnen Auszeichnungen, und sein gutes Auskommen lie
ihn in keine Gefahren der Geldnoth sinken, sein Thun wurde genau
bewacht. Phaon preiset Agathen, die ihm Hymen diese Nacht in die Arme
warf, da sie trotz der Zeiten Verderb, unentheiligte Ehre in das
brutliche Bett trug, aber Agathe wurde von einem Vater, von einer
Mutter erzogen, deren Aufsicht sie nie verlie, und nimmer kam ein
bermchtiger Verfhrungsreiz in ihre Nhe. Und das Blut, die mehr khle
oder hitzigere Mischung der Sfte, die hher oder tiefer gespannte
Erregbarkeit unserer Affekte, die das Verhltni bestimmen, in welches
wir gegen die ueren Eindrcke, (deren Gebieter wir noch weniger sind)
treten werden, sind sie eigne Schpfung?

Die durchaus leutselige Natur des Bei, welche ihr sittlich strfliches
Aggregat nur im frhen Umgange verwilderter Soldaten angenommen hatte,
konnte nicht anders, wie sich in der Vershnung mit der Gattin hchst
zufrieden fhlen, und noch weniger der Urheberin des neuen Glckes, Dank
schuldig bleiben. Er bot Floren an, sie mit einem Emir seiner
Bekanntschaft zu verheirathen, wenn sie zum Glauben Mahomeds bertreten
wollte. Mir wre das gleich, setzte er hinzu, aber dem Emir vielleicht,
der Menge gewi nicht. Uebrigens ist es ein wackrer wohlhabender Mann,
und ich bernehme es, dich noch reich auszustatten. Du wirst hier
glcklicher sein, wie auf der Halbinsel Europa, wo, wie man allgemein
hrt, so viele Narrheiten herrschen. Eine Sage, der auch schon jeder
Glauben beimit, der nur Eure lcherliche Kleidung, und eure
affenmigen Manieren zu sehen Gelegenheit hatte.

Die Narrheiten, erwiederte Flore, rume ich ein, aber unsere Kleidung
lasse ich nicht tadeln. Wir haben Modeschneider und Putzmacherinnen in
Paris, die an ihrem Platze sind, was Racine, Montesquieu und Voltaire an
dem ihrigen waren, die trkische Kleidung bleibt dagegen immer auf
derselben Stufe. Nur das Talent zum Erlernen, nicht das Genie zur
Erfindung kann da glnzen. Was brigens den Vorschlag belangt, mich an
den Emir zu vermhlen, so danke ich gar sehr. Ich besitze schon einen
Mann, und die einzige hchste Gunst wrde mir gewhrt, wenn ich wieder
zu ihm eilen drfte. Das Unglck eines Augenblicks hat mich nur zu lange
schon von ihm getrennt. Ich wei, du bist gromthig genug, mich ziehen
zu lassen.

Der Bei runzelte die Stirn ein wenig. -- Dich ziehn zu lassen?

Gewi, fuhr Flore fort, und damit ich keine Gefahr laufe, giebst du mir
einige Soldaten mit, die mich bis an die ersten Wachen meiner Landsleute
geleiten.

Du forderst viel, beim Propheten; viel! Einem Franken Schutz und Milde
erweisen, die Dienste, welche er uns gethan, reich belohnen, das geht
wohl an, aber da ein Muselmann den Franken wieder mit Geleit heimsende,
wer darf das fordern? Er htte ihm keine Gutthat erwiesen, wenn er ihm
nicht lieb geworden wre. Wer giebt gern das Liebgewonnene weg? Und wer
wird es gar in die arge Welt der Franken zurckschicken?

Edler Herr, ich bin mit der argen Welt zufrieden.

Sahest du je, da ein Muselmann etwas Aehnliches that?

Flore besann sich ein wenig, und rief dann schnell: O ja, ich sahe einen
Pascha, der einem Spanier Freiheit, Erlaubni zur Heimkehr, und sichere
Psse gab. Und obenein hatte ihn einst des Spaniers Vater schwer
beleidigt, ja der Jngling des Paschas Geliebte entfhrt.

Ist das gewi, kannst du es beschwren?

Ich kann es, antwortete Flore, und legte die Hand auf ihr Herz.

Nun rief der Bei, so will ich dem Pascha an Edelmuth nicht weichen. Du
magst ziehn!




                           Achtes Kapitel.
                      Florens Trennung vom Bei.


Man schpfe nicht den Verdacht, unsre Heldin habe einen falschen Schwur
abgelegt. Sie hatte in der That einen so hochherzigen Pascha gesehn,
nmlich -- im Singspiel.

Der renommirte Beobachter an der Spree, schon eher wohl die Quelle
namhafter Autoren, erzhlt auch: es sei Jemand zu Berlin in eine
Abendgesellschaft geladen worden, aber spte erschienen. Mit
freundlichen Vorwrfen ber das lange Weilen empfngt man ihn. Er
erwiedert: man wird geneigt seyn, mich zu entschuldigen, wenn ich den
Anla kund mache. Ich sahe einen Juden, der in den Kreis einer
unglcklichen Familie trat, und mit einem Geschenke von mehr als
zwanzigtausend Thalern, ihr Retter wurde. Zwanzigtausend, mehr als
zwanzigtausend Thaler! rief alles hchst befremdet. Wer war der Jude? --
_Iffland_!

Florens Reisegepck wurde eilig in Stand gesetzt. Sie bat, noch in
Mannskleidern bleiben zu drfen, um so mehr, als von den Hausgenossen,
nach ihrem Wissen, Niemanden auer zwei Sklavinnen die Entwicklung von
neulich bekannt geworden war. Und diese versicherten, das Geheimni
bewahrt zu haben. Sie bat darneben um die ltesten Mammelukken zu ihrer
Begleitung.

Es wurde gewhrt. Ibrahim, ein sechzigjhriger grmlicher Kerl mit
schneeweissem Bart, erhielt den Befehl ber vier andere auch ltliche
Mammelukken, und zwei Kameeltreiber. O htte sie doch eine jugendliche
Escorte genommen! Schwankt die Wange zwischen Wollust und Geitz, nur
selten wird die Wahl des Geitzes zu empfehlen sein.

Flore ritt das ihr vom Bei geschenkte Pferd, die Mammelukken die
ihrigen, ein Kameel trug Wasser und Lebensmittel fr die nur einige
Tagereisen breite Wste, das andre Florens Habseligkeiten. Sie waren von
Belang, denn auer den Geschenken, die sie bisher empfing, wurde ihr
noch ein bedeutender Vorrath an Stoffen und afrikanischen Seltenheiten
mitgegeben.

Sie schied mit tiefer Rhrung, unter Tausend Thrnen. Da sie auch den
Bei und Fatmen weinen sah, fehlte nicht viel, sie htte den Vorsatz
gendert, und wre geblieben. Wenigstens drfte das unfehlbar geschehen
seyn, wenn ihr in dem Augenblicke jemand htte beweisen knnen, Ring sei
in Cairo mit einer anderen verheirathet. So aber ermannte sie sich doch
(erweibte, ist ein ungebruchlich Wort, aber sagt oft viel) und sprengte
davon. Im Schritt hinweg zu reiten wre zu gefhrlich gewesen, wegen des
Umsehens, und der Anlockung, das Ro zu wenden.

Bin ich nicht eine Thrin, fragte sie sich unterwegs, den Aufenthalt des
Wohlwollens, der Freundschaft zu fliehn? Wer wei, ob mir das Leben je
wieder so lchelt? Aber, setzte sie hinzu, Liebe und Vaterland winken
dort, und was wr ich, wenn der Bei und Fatme einst strben.

Innig freute sie die Erinnrung, die Stifterin eines schnen Vereins
gewesen zu seyn, und ein gewisser moralischer Stolz erfllte sie sogar,
wie sie sich als Bekehrerin von schnden Snden betrachtete. Dabei
dachte sie manches nach, ber die unbegreifliche menschliche Schwche,
die oft neben den herrlichsten Charakterzgen wohnt, und zog sich
Erfahrungsstze ab, die nicht zu verachten waren.

Dem alten Ibrahim erklrte sie: er wrde von ihr nicht vergessen werden,
wenn die Reise glcklich vollendet sei. Nicht er, nicht seine Kameraden.

Allein nicht er, nicht seine Kameraden waren noch so zuvorkommend, noch
so unterwrfig wie daheim. Dort hatte Ehrfurcht vor dem Bei, (der bei
aller Gte, bisweilen auch so strenge war, wie es bei dieser Menschenart
Nothwendigkeit erheischte) alle schlimme Leidenschaften niedergehalten,
nun war das anders, und sie lieen den Wechsel ihrer Gesinnungen in dem
Maae des weiteren Abstandes sichtbarer werden. Schon von Anfang her,
hatte den Rohen der besondere Schutz nicht gefallen, welcher einem
Unglubigen in des Beis Hause wurde. Und nie hatten sie die Unglubigen
mehr gehat, als seitdem sie einen unglcklichen Krieg mit ihnen
fhrten. Ihrer Meinung nach, htte jeder Frank, der ihnen in die Hnde
gerieth, unter Martern sterben mssen, und sie rhmten den Bei Murat und
den Pascha Gizzar wegen ihrer harten Gesinnungen. Die Floren gewordnen
Geschenke regten vollends ihre neidische Migunst auf. Ihre einsilbigen
Antworten, ihre unwilligen Blicke, und ihr Heimlichthun, fingen an,
Florens Aufmerksamkeit zu wecken. Es stand ihr indessen kein Hlfsmittel
zu Gebot, als der Versuch, ihre Begleiter durch Freundlichkeit, kleine
Geschenke, und wiederholte Verheiung grerer, zu gewinnen. Der Versuch
bewirkte aber nicht viel. Auf gute Worte gaben sie nichts, und was sie
empfingen, schien ihnen immer noch nicht genug, und mit heier Gier
schauten sie nach dem Kameele hin, das Florens Habe trug.

Letztre sah wohl ein, da ein treuloses Vorhaben gegen sie nur zu leicht
auszufhren sei, sie bot also ihre ganze Erfindungsgabe auf, einem
Verein entgegen zu wirken. Erstens kramte sie alles aus, was sie noch
vom Coran behalten hatte, redete von nichts als dem Propheten, und
seinen Geboten der Frmmigkeit, um den Sinn der Religion lebendig zu
erhalten. Dann schlo sie sich an jeden Einzelnen insbesondre, nahm ihn
auf dem Wege bei Seite, that als wenn sie fr ihn ausgezeichnete Achtung
empfnde, und sagte ihm die meiste Freigebigkeit zu. Bei Nacht ordnete
sie an, da alles schlief, bis auf einen Wchter, so konnte sie den ihr
gefhrlichen Abreden entgehn, denn bei Tage hinderte sie sie ohnehin,
und bei Nacht blieb sie bei dem Wchter auf. Allenfalls dachte sie, mu
das schon sechs oder Acht Tage der Reise ertragen werden.

So erheiterte die Hoffnung sie wenig. Furcht warf ihre sen Trume ber
den Haufen, und was das Schlimmste war, so half ihre Vorsicht auf keine
Weise, denn der tkkische Plan war entworfen, ehe noch Florens Argwohn
keimte.

Das steckte ihr einer der Kameeltreiber, da sie sich mit ihm unterhielt,
und ihn durch einen Spruch aus dem Coran gewissenhaft gemacht hatte. Sie
mute ihm erst Heimlichkeit versprechen, und dann sprach er: Sieh zu
deiner Sicherheit. Es ist verabredet, dich zu ermorden, und dein Gut zu
plndern. Schon wre es geschehn, wenn der Bei nicht Todesstrafe darauf
gesetzt htte, wenn wir kein Zeichen von den Franken brchten, dem er
glauben knnte, du seist ihnen richtig bergeben. Wie sie dazu kommen
sollen, berathen sie nur noch. Ich will um solchen Preis nicht gewinnen,
sieh wie du den Vorsatz hintertreibest.

Flore gerieth in keine geringe Bestrzung, doch der Umstand mit dem
Zeichen, beruhigte sie in Etwas. Das mute doch immer eine Certifikation
seyn, in franzsischer Sprache abgefat, und gehrig besiegelt. Der Bei
hatte einen Syrer um sich, welcher franzsisch mit einiger Fertigkeit
dolmetschte; mit einem Betrug durften sie nicht kommen. Und dies
Certifikat war immer doch nur bei einer Truppenabtheilung zu erlangen,
die einem Offizier, wenigstens einem Sergeanten gehorchte.

Sie redete nun auch oft davon, wie sie, wenn sich europische Soldaten
vorfinden wrden, wohlthten, sich vorher in einem Orte nach einem
Trompeter umzusehn, der das friedliche Zeichen verlangter Unterhandlung
gbe. Denn sie mten durch die ersten Posten, bis zu einem andern, wo
ihnen der Schein fr den Bei wrde, ohne welchen sie ja, wie ihnen
bekannt sei, daheim in groes Unglck gerathen knnten. Dabei sagte sie:
es drfte wohl noch vierzehn Tage whren, bis man ihre Landsleute
ansichtig wrde, ob sie schon der Hoffnung war, es knne schon in
wenigen Tagen geschehn, oder wohl gar weit hinausgeschickte
Streifpartheien ihr schon jetzt begegnen. Denn sie meinte, desto weniger
fassen sie einen eiligen Entschlu, und werden vielleicht vor Ausfhrung
des Frevels berrascht.

Jetzt fand man sich am Ausgange der Wste. Hohe Staubwolken zeigten sich
in der Ferne, und im Strahl der heissen Sonne blickte hie und da ein
Waffenblitz auf. Welches frohe, sehnschtige, hoffende Gefhl in Florens
Brust! O wren es die, wo ich mich der Sicherheit erfreuen kann, wie
wollte ich Glckliche dem Schicksal danken, wie schnell in die Arme des
Gatten eilen! Mgten die Bsewichter ziehn, wurde doch nicht zur Reife
gebracht, was sie heillos zu sen beschlossen.

Sie konnte die Zeit nicht erwarten, und trieb ihr Ro mchtig an. Die
Mammelukken blieben zurck. Muthig sprengte sie auf die Staubwolke zu,
froh erwartend, es werde bald eine rothe Feder oder eine dreifarbige
Kokarde darin sichtbar werden.

Doch nher erblickte sie die langen Hlse brauner Dromedare, und hielt
den Zgel etwas krzer. Dann kamen ihr schwarze Fhrer zu Gesicht, ihr
Ro trabte nur noch. Endlich ward sie eine lange Reihe solcher
Lastthiere inne, und nichts wie Negergesichter. Sie hielt ihr Ro an,
die Begleitung abzuwarten.

Verdrieliche traurige Tuschung! Was sie fr einen Soldatenzug angesehn
hatte, war eine Caravane von Sklavenhndlern. Sie hatte Neger aus
Darfur, Sennar, und Bornu nach Egypten zum Verkauf bringen, und weisse
Mdchen nach ihren Mrkten zurcknehmen wollen. Sie fand aber den
Menschenhandel durch menschliche Verordnungen, die die Franzosen
erlassen hatten, untersagt, und mute an der Grnze unverrichteter Sache
wieder abziehn. Darber, zrnten die Kaufleute sowohl, wie die Waare
selbst, denn man mu wissen, da die Sklaverei den Negern nur in den
christlichen Colonieen furchtbar ist. Bei den Muselmnnern versuchen sie
es ganz willig, denn harte Behandlung erwartet sie dort nicht, und fnde
ein Einzelner Ursache, mit seinem Gebieter unzufrieden zu seyn, so steht
ihm das Recht zu, ihm zu sagen: fhre mich auf den Markt! was denn
geschehn mu, und die Aussicht erffnet sich, einem gelinderen Herrn zu
gehorchen. Oft machen die Sklaven ihr Glck, da sie frei gelassen, und
zum Betreiben einer eigenen Handthierung untersttzt werden. Auch ist
ihnen der Weg zu eintrglichen Aemtern nicht verschlossen. Weisse
Sklaven werden auch in der Trkei feilgeboten, alle Mammelukken sind
verkauft, und steigen durch die Gunst der Beis zu bedeutenden Stellen,
selbst zum Range eines Beis empor. Der durch Grausamkeit berchtigte
Gizzar Pascha war aus Bosnien gebrtig, wurde daheim, wegen einer
Gewaltthat verklagt, die er an seiner Schwgerin hatte verben wollen,
und floh. In Constantinopel verkaufte er sich selbst als Sklave nach
Egypten. Hier lchelte ihm das Glck bald, weil er sich geschmeidig in
die Launen seines Obern, des bekannten Ali Bei zu fgen wute. Dieser
brauchte ihn besonders, wo etwas Gefhrliches ausgefhrt werden sollte.
So stieg er.

Die Kaufleute bei dieser Caravane gingen fast nakkend, einen
schrzenartigen Grtel ausgenommen. Wer ein graues oder blaues Hemd,
dessen Aermel bis um die Achseln aufgerollt waren, trug, kndigte sich
schon wie einen dem Luxus ergebenen Mann an. Ein ledern Futteral hing
jedem an der Krmme des linken Armes, worin sie Geld, Toback und andere
nahe Bedrfnisse verwahrten; bewaffnet zogen alle einher, entweder mit
Lanzen oder auch nur mit Sbeln. Feuergewehr war selten.

Florens Begleiter waren herangekommen, und man machte Halt, um die
Caravane vorber zu lassen. Gegen das Ende des Zuges bemerkte Flore, da
Ibrahim fehle, und fragte nach ihm. Man gab ihr keine gngende Antwort.
Der Umstand kam ihr bedenklich vor, und sie berlegte, sollte man den
Mammelukken erwarten oder nicht. Endlich wurden von dem Handelszuge nur
noch einige Kameele sichtbar, mit denen die Fhrer sich versptet zu
haben schienen. Da sie aber heran waren, befand sich Ibrahim dabei. Er
hatte also unbemerkt einen raschen Umweg gemacht, um diese Schwarzen zu
sprechen.

Floren ahnete viel Schlimmes, und sie betrog sich nicht. Ein hlicher
Neger im blauen Hemd und mit langen goldnen Berlokken im Ohr, kam mit
Ibrahim auf sie zu. Die Bsewichter scheuten sich gar nicht, laut von
ihrer Absicht zu reden. Ich kaufe sie, sprach der Neger, und folgt mir,
lat einen von euch nach Assiut schleichen. Dort findet ihr
Dollmetscher, welche die franzsische Sprache verstehn, und euch eine
Schrift, wie ihr sie wnschet, verschaffen. Bringt sie nicht um, ihr
knnt ja das Geld fr sie einstreichen.

Flore hrte die Schrekkensworte, und fragte mit dem Muthe, den die
Nothwendigkeit als einen letzten Versuch zur Rettung auferlegt: Ihr
Bsewichter was habt ihr vor?

Das wirst du bald sehn, donnerte Ibrahims trotzige Stimme.

Aber wo ist sie denn? fragte der Neger.

Hier hier, vor dir, schrie Ibrahim, in den Mannskleidern. Sie meint wir
halten sie fr kein Weib, und wuten es schon lange daheim.

Flore hatte ihre Edelsteine aus Vorsorge wieder in der Mtze verwahrt,
und den Grtel mit den in Scheik Abade gefundenen Dukaten gefllt. Mag
das Kameel mit seiner Ladung verloren gehn, dachte sie, die Wste ist zu
Ende, ich versuche die Flucht. Aus allen Krften trieb sie daher, mit
der Schrfe des breiten Steigbgels, die von den Morgenlndern als Sporn
gebraucht wird, ihr Pferd an, und eilte vorwrts. Allein die Mammelukken
machten frmlich Jagd auf sie. Einer setzte in grader Richtung, noch
zweie rechts und links, um sie, wenn sie den Weg vernderte, zu haschen,
sie waren dazu bessere Reuter, und so hatten sie die Arme nach Tausend
Schritten bereits eingeholt. Man bemchtigte sich ihrer Zgel, und
brachte sie mit schadenfrohem Gelchter zu dem Dschelab (Kaufmann)
zurck.

Der Bei wird euch Hunde wrgen lassen, schrie die halb Ohnmchtige
vergebens. Musa, so hie der Neger, besah sie aufmerksam, und setzte
ihre Schnheit herab, whrend die Verkufer sie erhoben. Man gab ihr den
Befehl, sich zu entkleiden und legte auf ihre Weigerung selbst Hand an.
Nun, dachte sie, vielleicht erhalte ich mir Mtze und Grtel, wenn sie
nicht berhrt werden, und entschlo sich zu der demthigenden Handlung.
Musa konnte nichts weiter tadeln, und man war bald um den Preis einig.

Die Mammelukken wollten ihr noch die Kleider nehmen. Wie, rief sie,
gngt euch nicht an dem Kameele, dem Pferde, ehe ich entblt die Reise
mache, sterbe ich den Hungertod. Lat ihr was sie trgt, sprach Musa,
und der Handel war geschlossen.

So trauerte Joseph einst unter seinen verrtherischen Brdern, wie jetzt
Flore.

Sie mute ein Dromedar besteigen, zwischen dessen beiden Erhhungen des
Rkkens, Musa ihr einen bequemen Sitz bereitete. Die Mammelukken setzten
den Weg nach ihren Absichten fort.




                           Neuntes Kapitel.
                   Flora unter den Sklavenhndlern.


Musa eilte nun, den groen Zug wieder zu erreichen, und das unbeholfene
Traben des plumpen Dromedars fgte zu den Seelenleiden unsrer
unglcklichen Abentheurerin noch krperliche. Wer beschreibt ihre Qual,
ihre Angst, ihre Verzweiflung!

Musa erwies sich aber, wie die Mammelukken entfernt waren, ganz artig
gegen sie, und trug Sorge, sie mit Nahrung zu versehn. Diese Sorge hatte
freilich nicht mehr moralischen Werth, wie der Geitz eines Kaufmanns,
der seine Waare nicht will verderben sehn, aber doch empfand Flore den
augenblicklichen Vortheil davon. Und gab es einen Trost in dieser neuen
peinlichen Lage, so war es der, da Musa ein wenig arabisch sprach,
Flore sich also mit ihm unterreden konnte.

Da ihre Hauptfrage war: was er denn mit ihr zu beginnen gedchte?
versteht sich von selbst. Musa erwiederte: An Niemand verkauf ich dich,
wie an einen Sultan, und ich denke, du sollst mir meine vergebliche
Reise bezahlt machen. Flora schwamm in Thrnen. Musa wunderte sich gar
sehr, und verhie ihr goldne Berge. Ich wei nicht, sprach er, ob der
Sultan von Darfur dich kaufen wird, er besitzt schon viele weisse
Frauen, aber der Sultan von Darkulla nimmt dich gewi. Er hat neulich
seine weisse Frauen alle ermordet, und nun braucht er deren wieder, und
lie schon bei den Dschelabs nachfragen. Preise dich, wenn du in den
Pallast dieses gromthigen Knigs kmmst.

Die Nachricht konnte wenig freudige Hoffnung erwecken. Indessen, sollte
es einmal Sklaverei sein, so war es immer als Sultansfavorite die
bessere.

Whrend der ersten Tage dieser Reise, entwarf Flore noch manchen Plan
zur Flucht. Sie sah wohl ein, da sie gegen den Kaufmann sich nichts von
ihren Juweelen und ihrem Gelde drfe merken lassen, wenn sie nicht
sogleich wollte beraubt sein. Es war sogar wie ein seltenes Glck
anzusehn, da noch keine Entdekkung statt gefunden hatte. Dagegen aber
hielt es Flore fr mglich, einen der Kameeltreiber zu bestechen. Sie
meinte, ein solcher knne ihr wohl in der Nacht, wenn Musa schliefe,
behlflich werden, davon zu kommen. Doch sah sie auch bald die
Nichtigkeit dieses Gedankens ein. Denn der Dschelab war nicht nur sehr
vorsichtig, sondern sie konnte auch mit keinem der Leute ein Gesprch
anknpfen, da jeder von ihnen nur seine Negersprache verstand. Es galt
also vollkommene Ergebung.

Flore dachte, bin ich denn einmal zu den seltsamsten Begebenheiten
ausersehn, so treffe mich was da wolle. Standhaftigkeit trgt alles, und
Verstand lindert wenigstens viele Uebel, wenn er sie auch nicht zu heben
wei.

Von groer Wichtigkeit schien es ihr, etwas von der Sprache dieser Neger
zu erlernen. Die raschen Fortschritte, welche sie vor kurzem in Cairo
gemacht hatte, gaben ihr Muth, die neue Schwierigkeit zu bekmpfen, und
die Langeweile in der Wste wurde sowohl getdtet, wie ihr Schmerz
bertubt, wenn sie die meiste Zeit auf diese Beschftigung verwandte.

Musa zeigte sich willig, ihr alle Worte, die sie auf arabisch nannte, in
seine Mundart zu bersetzen. Sie schrieb sie in ihr Taschenbuch, und
behielt bei ihrem glcklichen Gedchtni bald eine Menge derselben. Dann
merkte sie genau auf die Reden der Fremden, um die Wendungen und
Fgungen aufzufassen und erbeutete sich so eine kleine Grammatik. Nicht
lange, so versuchte sie selbst mehr und mehr Antheil an der
Unterhaltung.

Die Caravane zog nun in der groen Wste, durch die der Weg nach dem
Negerknigreiche Darfur geht. Gewhnlich lagerte man in einem groen
Haufen. Das gab dann ein Schauspiel bunter Art. Hunderte von Kameelen
und Dromedaren, ihrer Ladung entbrdet, die sich in den Sand
niedergelegt hatten, und ihr drftig Futter kuten. Einige wenige
aufgeschlagene Zelte, desto mehr auf die Erde gebreitete Teppiche. Die
Dschelabs gravittisch ihre Pfeifen schmauchend, die Sklaven mit Steinen
in der Hand, auf welchen sie etwas Getreide zerrieben, um sich eine Art
Kuchen daraus zu bereiten. Auch die Kaufleute fhrten nur schlechte
Lebensmittel bei sich, und Musa legte einen Werth darauf, da Flore mit
etwas Caffee bewirthet wurde. Oft dachte sie an die Flle in jenem
Mammelukkenlager, noch fter an die Villa ihres reichen Beis zurck. Bei
dem allen gewhrten ihr die vielen neuen Gegenstnde Unterhaltung, und
sie dachte: berstnde ich das alles nur, und knnte einst meinen
Freunden in Paris davon erzhlen, so wrde mir es dann gewi lieb sein,
so Vielerlei gesehn zu haben.

Denselben Gedanken hat ein Passagier, der zum Erstenmale ber See fhrt,
und gefhrlichen Sturm erlebt. Bin ich nur erst wieder an der
heimathlichen Kste, will ich mich der Erinnerung an diese Schrecken
wohl erfreun.

Bei einer solchen Rast erblickte Flore, mchtig befremdet, unter dem
schwarzen Gewimmel, ein brunliches und ein weies Antlitz. Das letztere
fesselte um so mehr ihre Aufmerksamkeit, weil sie einen Landsmann
vermuthete. In der Tiefe Afrikas ist der Europer schon ein willkommener
Landsmann. Und einen solchen glaubte sie im Betragen des Weissen zu
erkennen.

Sie bat Musa, ihn doch zu sich zu rufen. Er versagte es nicht, und der
Weisse kam. In franzsischer Sprache wurde er angeredet, und antwortete
auch darin. Flore fragte: ob er auch so unglcklich wre, zur Sklaverei
verkauft zu sein? Keineswegs, entgegnete der Andere, ich reise mit guten
Pssen, und krftigen Empfehlungen.

Um des Himmels Willen, rief Flore, wie kann sich ein Europer
entschlieen, freiwillig diese Gegenden zu durchziehn?

Dazu spornen mich viele Ursachen, war die Antwort.

Die wr ich in der That begierig zu hren. Theilt sie mir mit, ihr
sollt wieder mit meinen Lebensverkettungen bekannt werden.

Warum nicht? Erstens ist mir meine Geliebte entrissen worden, und wie
ich sicher wei, durch Oberegypten gebracht. Diese mu ich wieder
finden, und hausete sie am Ende der Welt. Dann lt sich vielleicht bei
der Gelegenheit durch Handel etwas erwerben. Und einmal auf diesem Wege
kann ich mich ja auch wohl in der kultivirten Welt berhmt machen, wenn
ich endlich das Innre von Afrika besuche. Bruce, Sonnini, Mungo Parc,
und wer wei wie viele Andere versuchten es umsonst. Mir soll es nicht
milingen, denn ich fge mich in die Weise jeder Nation. Vor allen
Dingen hab ich den muselmnnischen Glauben angenommen, sonst gbe es
keine Sicherheit fr mich. Komme ich zu einem Heidenvolk, wei ich was
ich thue, und was geschehen wird, wenn ich einst in die Christenheit
heimgekehrt bin, lt sich errathen. Der thrigte Eigensinn jener
Reisenden, sich nicht einer Ceremonie unterziehn, nicht einen
unbedeutenden Schmerz dulden zu wollen, hat ihre Plne rckgngig
gemacht.

Flore versetzte: Am meisten interessirt mich euer Handel. Werdet ihr
auch Geschfte mit Sklaven machen?

Eher mit Seltenheiten des Landes. Doch winkte ein ansehnlicher Gewinn,
warum nicht?

Wie wre es, wenn ich euch einen Vorschlag machte? Kaufet mich von
meinem Sklavenhndler. Bringt mich nach Cairo, und ich verspreche euch
Tausend Piaster ber das Kaufgeld.

Auf meiner Rckreise begriffen, wrde ich vielleicht einschlagen, wenn
Sicherheit wegen der Summe nachgewiesen werden knnte.

Unfehlbar, rief Flore, und stand schon im Begriff, ihm zu sagen, sie
trage weit mehr bei sich, doch die Physiognomie des Mannes war nicht
geeignet, Vertrauen einzuflen, sie hrte daher erst, was er weiter
sagen wollte.

Er fuhr fort: Jetzt kann ich mich aber nicht damit einlassen, und mgten
auch Zehntausend Piaster die Prmie sein. Ich mu vorwrts, die Zeit ist
kostbar.

Flore berlegte, da sie ihn ja wohl auf seiner Reise begleiten knnte.
Wie lange sie auch whrte, so bestnde doch eher Hoffnung, einst wieder
nach Egypten zu kommen, als wenn sie erst in einem Harem eingekerkert
wre. Sie sprach auch davon, fand aber kein geneigt Ohr.

Auf einer anderen Reise, wurde ihr erwiedert, drfte mir eine solche
Gesellschaft ganz angenehm sein, (hier maa sein Blick Floren vom
Scheitel niederwrts) allein jetzt mu ich, auer meinem Diener dort,
dem Araber, allein gehn. Habe ich aber meine Geliebte erst entdeckt, und
fhre sie zurck, dann ist eher daran zu denken. Sucht mich in dem Fall
auf.

Dies war eine Aussicht ins Weite. Flore unzufrieden mit dem Fremden,
sagte etwas spttisch: Eure Geliebte mu die Anhnglichkeit rhmen. In
einem Alter, das der Weisheit nur geheiligt sein sollte, unternehmet
ihr, was sonst der romantische Frhling nur wagt.

Ob ich achtzehn Jahre, oder funfzig zhle, das Mdchen ist mein, denn
ich kaufte sie in Cairo auf dem Markte, und habe ich sie nur erst
wiedergefunden, werde ich mir durch Strenge Liebe zu verschaffen wissen.
Sicher steckt sie in einem der Harems. Ich besuche alle Hfe der
afrikanischen Knige, da wird sie ja wohl auszumitteln sein. Und dann
darf ich meiner Verschlagenheit zutrauen, da sie das Unmgliche
geglaubte mglich macht.

Flore wurde aufmerksamer whrend dieser Rede. Schnell fiel sie ein: Sagt
mir aus welchem Lande in Europa ihr seid?

Italien ist meine Heimath.

Italien, Italien? Und eure Geliebte, ist sie nicht -- eine Spanierin?

Eine Spanierin, versetzte der Andere mit staunendem Blick.

Wollt ihr wetten, ich nenne euren Namen?

Das wre drollig genug.

Signor Perotti.

Ists mglich? Ich entsinne mich doch nicht, euch jemals gesehn zu
haben.

O ich sah euch auch nie.

Sicher kennt ihr Isabellen, wit ihren Aufenthalt. Entdeckt mir alles,
ich beschwre euch. und zhlt auf Erkenntlichkeit.

So wenig als euch, sah ich Isabellen, nur eure Geschichte kam mir zu
Ohren. Sagt mir doch, ob ihr nie erfuhrt, wer euch in dem Keller ergriff
und binden lie, da ihr Isabellen aus des Consuls Hause so listig
gebracht hattet.

Mich ergriff? Mich binden lie? ha ha ha!

Und dann Isabellen wegfhrte.

Isabellen wegfhrte? ha ha ha! Das that ich selbst.

Wie, ihr?

Oder mein Diener. Es war beschlossen, Isabellen nicht wieder zum Vater
zu lassen, weil der Franzose mir doch alles verdarb. Sie sollte gleich
von Cairo hinweg. Um aber wenigstens vierundzwanzig Stunden voraus zu
haben, und auer der Stadt nicht mehr verfolgt zu sein, lie ich mich
binden, und in den Keller legen. Man glaubte das Mhrchen, war
berzeugt, Isabelle stekke in Cairo, und forschte dort, so viel es
mglich war nach. Unterdessen war mein Diener schon mit dem Mdchen nach
Damiette unterwegs, und alle Anstalten waren so getroffen, da nichts
verrathen werden konnte. Ich wurde auf einem Landhause zwei Meilen von
jenem Orte erwartet, kam bald da an, und setzte meinen Weg fort.

Ich bin auch nicht ohne Intrigue, merkte Flore an, doch wahrlich diese
List htte ich nicht geargwohnt.

Was half sie mir bei dem allen, sprach Perotti seufzend, List mu der
Gewalt weichen. Nur noch eine Meile von Damiette entfernt, fiel ein
Trupp Beduinen uns an, raubte die Spanierin, prgelte mich tchtig
durch, und schwand wieder aus dem Gesichte. Seltsam war es, da mir
sonst nichts entwandt wurde. Nun verstrichen schon einige Jahre, whrend
welchen ich mich kein Suchen verdrieen lie, ich machte sogar eine
Reise nach Mecca, weil es mglich war, da die Beduinen Isabellen nach
Arabien geschleppt hatten, umsonst. Erst seit kurzem wei ich nun, da
sie diesen Weg genommen hat, und destoweniger gebe ich mein Vorhaben
auf.

Man nahm euch sonst nichts, sagt ihr, das klingt, als ob Coutances bei
den Beduinen im Spiel gewesen wre.

Das kann nicht sein, denn ich sahe ihn noch ein Jahr darauf in Cairo,
von Gram gebeugt mit Isabellens Vater gehn.

Flore war ausnehmend verwundert ber alles was sie gehrt hatte, und im
weiteren Nachdenken ber die Geschichte Isabellens verlor sie einen
Theil ihrer Leiden aus dem Auge. Mgt ich doch diese Isabelle einmal
sehn, das war nur ein erneueter, schon frher empfundener Wunsch.

Perotti ging nun zurck, zu seinen Kameelen, versprach fter bei Floren
zu sein, und empfahl ihr, dem Sklavenhndler von ihm zu sagen: er sei
ein Arzt aus Constantinopel, vom Groherrn einem kranken Sultan in
Afrika zugeschickt.




                           Zehntes Kapitel.
                             Fortsetzung.


Musa fragte Floren gleich, wer der Kaffer[4] sei, (denn wie im Orient
jeder Europer ein Frank heit, nennt man wieder unter den Negern jeden
Weissen Kaffer.) und sie antwortete, wie Perotti es gewnscht hatte.

Flore fragte den Neger Musa: Wie, wenn Jemand mich zu kaufen begehrte,
und dir den Preis, den du fr mich zahltest, verdoppelte, wrdest du
losschlagen? Er besann sich einen Augenblick, und erwiederte dann: Nein,
ich hoffe, du sollst einem der Sultane besonders gefallen, da kann ich
nicht nur eine grere Summe hoffen, sondern mir werden auch wohl noch
wichtige Freiheiten bewilligt.

[Funote 4: Die Unrichtigkeit, mit welcher der Name Europer auch
unterscheidend gebraucht wird, wenn die Rede von der europischen Trkei
ist, scheint ernst darauf hinzuwinken, da die Trken nicht nach Europa
gehren. Die Christen, welche es schon seit 1453 ansehen mssen, da das
reizend gelegene Constantinopel ihre Hauptstadt ist, knnten die Theorie
des Herrn von Blow wohl gegen sie prfen. Die Trken mssen gegen das
Abendland alle Kriege exzentrisch fhren, und werden, wie daraus folgt,
conzentrisch angegriffen. Sie haben (immer die Sprache der Blowschen
Lehre zu reden) die erbrmlichste Basis, und ihren Feinden stehn berall
basirende Gegenstnde zu Gebot. Nach der Theorie mssen die Trken
fallen. Nach einer Erfahrung von Vierhundert Jahren fallen sie aber
nicht.]

Und welche etwa?

In Darfur mu ich von zehn Sklaven, die ich durchfhre, zwei als Abgabe
an den Regenten erlegen, in Darkulla drei; so ich einem der Sultane
durch dich eine Freude mache, erlt er mir wohl den Zoll.

Aber sage mir nur, warum lie der Sultan von Darkulla die weissen
Weiber morden, wie du vorhin erzhltest?

Er hatte Krieg mit einem Frsten in Habesch, der ein Nazarer ist. Seine
Krieger wurden geschlagen, und der Feind nahte der Hauptstadt. Damit nun
ein unglubiger Hund sich nicht seiner Weiber erfreuen sollte, lie er
sie sterben. Kurz darauf aber wurden die von Habesch zurckgedrngt, und
dem Sultan reute, was er gethan.

O weh, giebt es in dem Lande oft Krieg?

Immer. Mit einem Nachbar hrt er auf, mit dem andern fngt er an.

Verkaufe mich wohin du willst; nur nicht nach Darkulla.

Das wird sich finden.

Signor Perotti lie nun seine Kameele dicht hinter Musas Zuge folgen,
und ging oft neben dem Dromedare her, worauf Flore sa. Da gabs nun
Unterredung genug ber das herrliche Vaterland Europa.

Perotti forderte die Franzsin auf, berall wo sie hinkme, nach
Isabellen zu forschen. Sollte sie etwas von ihr in Erfahrung bringen, so
mgte sie nach einer von den Stdten, wohin Caravanen gehen, Nachricht
davon geben, er werde sodann durch Kaufleute es schon wieder erfahren.

Flore sagte: Heucheln kann ich nicht. Gesetzt ich trfe Isabellen, und
ich, eine eingekerkerte Sklavin vermgte etwas, so sollte Coutances sie
zurck erhalten, aber nicht ihr.

Perotti rollte die Augen. Warum nicht ich?

Flore sagte: Weil Coutances einmal Franzos ist, und ihr ein Italiener.
Zweitens, weil er nach allem was ich erfuhr, ein liebenswrdiger junger
Mann sein soll, ich aber in euch einen nrrischen alten Pantalon sehe.

Perotti schumte vor Zorn, ballte die rechte Faust, murmelte ein paar
italienische Flche, und schwur, den Schimpf wolle er rchen. Doch that
er gleich darauf wieder freundlich, und unsre Heldin meinte, er wrde
ihre Offenheit wieder vergessen haben. Das thut aber ein Italiener so
leicht nicht.

Man kam nun dem Knigreiche Darfur nher, und Florens Furcht ward
grer. Sie beschwur den Italiener aufs Neue sie loszukaufen. In
Mannskleidern, setzte sie hinzu, werde ich euch begleiten, vielleicht
auch in euren Absichten ntzlich seyn, und was ich verhie, soll euch in
Cairo werden. Sie bot mehr wie vorher, aber konnte ihn nicht erweichen.
Endlich, da man an der Grnze des Landes war, vertraute sie sich ihm in
der Angst nher. Ich will euch selbst das Geld zu meiner Loskaufung
geben, sagte sie.

Wie, ihr besitzet Geld?

In den Kleidungsstcken verborgen, Geld und Edelsteine, aber verrathet
mich nicht.

Um des Himmels Willen, versetzte Perotti, steckt mir alles zu, was ihr
habt. Denn auf dem Markte mt ihr alle eure Habseligkeiten in des
Kaufmanns Hnden zurcklassen, wenn ihr verkauft werdet. Nackt bergiebt
man euch dem Kufer. So ist die Sitte. Dankt dem Glcke, das mich hieher
fhrte, ich kann das Eure retten und aufbewahren.

Flore wrde in Europa dem Signor Perotti vielleicht nicht gern einen
Dukaten anvertraut haben, aber hier war es ein anderes. Bei dem
Sklavenhndler ging ihr Habe gewi verloren. Da sie sie noch besa, war
blos der Vermuthung Musas zuzuschreiben, jene Mammelukken wrden sie
durchsucht, und geplndert haben. Gab sie dagegen die Kostbarkeiten und
das Geld dem Italiener, so konnte er doch nur in einem Anfalle der
schwrzesten Bosheit etwas davon veruntreuen, und die glaubt man in der
Fremde um so weniger von einem Landsmanne, als man sich selbst wrmer zu
ihm hingezogen fhlt.

In einem Augenblicke also, wo Musa schlief, und die Kameeltreiber ihr
Mahl zurichteten, bergab Flore dem Italiener ihr Vermgen. Gern, sagte
er, stellte ich darber eine Handschrift aus, aber ich habe keine
Schreiberfordernisse zur Hand. Hier ist ein Taschenbuch und ein
Bleistift. Um Leben und Todes Willen --

Perotti bescheinigte den Empfang und Flore fragte nun: wann denkt ihr um
mich zu feilschen? Perotti erwiederte: Wenn wir in die Residenz des
Sultans von Darfur kommen. Dort findet der Handel Schutz. Wer steht
dafr, wenn ich euch unterwegs kaufte, da nicht ein anderer Neger euch
wieder gewaltsam entri. Welche Hlfe knnten wir anflehen?

Flore fand die Bedenklichkeit gegrndet, forderte aber, Perotti sollte
sich ja beim Eintritt in die Stadt einfinden, auf dem Markte knne sonst
der Sultan den Vorkauf haben.

Dem Sklavenhndler sagte sie: Der Arzt aus Constantinopel wrde sie
vielleicht kaufen, denn er kenne ihre Verwandten in Europa, und wisse,
sein Geld werde nicht verloren sein. Sie bat, doch diesem Vorhaben nicht
zu widerstreben, und setzte hinzu: der Arzt brchte treffliche
Empfehlungen an den Sultan mit, und so knnte er ihm vielleicht auch
dort ntzlich seyn.

Musa erwiederte: Giebt man mir den dreifachen Kaufpreis, und zahlt die
Lebensmittel, womit ich dich auf der Reise ernhrte, so gehe ich alles
ein. Schon wieder zogen bei Floren, am Horizont der Wnsche und
Hoffnungen, die lieblichsten Gebilde herauf.

Die Caravane erreichte das Land Darfur. Ein Melek (Offizier des
Monarchen), der die Grnze zu bewachen hatte, untersuchte die Caravane,
und erhob den Zoll der Dschelabs. Flore galt, wie sich von selbst
versteht, eine Waare.

Signor Perotti wurde nach dem Zweck seiner Reise befragt. Er fhrte als
Mahomedaner den Namen _Mehemed_, und nannte sich Eswan el Sultan[5], ein
Titel, unter welchem Sonnini und Brown auch reiseten und von dem man
gestehen mu, da selbst im Herzogthume *** in Deutschland kein
hnlicher besteht. Seine Psse wurden richtig befunden, und die Reise
ging weiter.

[Funote 5: Fremder des Sultans.]




                           Elftes Kapitel.
                           Flore in Darfur.


Das Land war mit Gestruchen und Frchten bedeckt, die unsrer Heldin
noch weit fremder waren, wie jene in Egypten. Rechts sah man eine groe
Ebne, aber die Drfer und Stdtchen wurden blos durch die um sie
gepflanzten Bume bezeichnet, die die niedrigen Huser versteckten. Von
hheren hervorragenden Gebuden, wie in der Christenheit die
Kirchthrme, in der kultivirten Trkei (es giebt auch eine unkultivirte)
die Moscheen mit Domen und Minarets, die einer Landschaft den Charakter
des Lebens und der Kunst geben, war die Rede nicht. Dagegen gab es
Gegenstnde anderer Art, die wahrlich auch imponirten. Denn links hin
dehnte sich ein Gebrgsrcken, aus dessen Gebschen wiederholentlich das
majesttische Brllen der Lwen ertnte, nicht selten lie sich auch
wohl ein bunter Panther oder gesprenkelter Leopard sehen, der mit
weniger Furcht nach Beute umherschaute, denn so furchtsam wie in Europa,
sind die Thiere dort noch nicht durch Menschengrausamkeit gemacht
worden. Wir nennen es Weisheit, die schdlichen Bestien auszurotten, und
wirklich sind die Bren und Wlfe schon mit vielem Glcke aus Gegenden
vertrieben, wo sie zu den Zeiten des Tacitus noch frhlich hausten, aber
in Vertilgung moralischer Schdlichkeiten, gegen die Br und Wolf Lmmer
wren, treten wir mit sehr unvollkommener Weisheit auf. -- Noch
sehnswrdiger erschienen im Lande Darfur die Elephantenheerden, welche
auf den Ebenen umherschwrmten. Diese Giganten unter den Thieren laufen
dort in Rudeln von mehreren Hunderten zusammen, und die Einwohner fangen
sie entweder lebendig in Fallgruben, oder tdten sie mit der Wurflanze.
Auf ihren Gebrauch im Kriege fiel man aber noch nicht, und sie werden
berhaupt nicht zur Dienstbarkeit bei dem Menschengeschlechte
angehalten, wie in Indien.

Die Stdte fand unsre Pariserin elend, nach heimathlichem Maasstabe,
denn die Baukunst beschrnkte sich auf Lehmwnde und platte Dcher, mit
Kameeldnger berworfen, doch nach den Bedrfnissen des Klimas leisteten
diese Huser was man fordern konnte. Mit den darum gepflanzten Bumen
viel Schutz gegen die Sonne, und gegen die Klte wenig, da berall
absichtlich Zuglcher zur Erfrischung gelassen worden. Bei dem allen gab
es in denselben eine Art Fabriken, die wohl in Europa zu wnschen wren,
die eine Art lederner Scke fr Mehl und Wasser verfertigten, welche
beides vollkommen dicht bewahrten. Letztere sind auf den Reisen durch
die Wsten unentbehrlich. Verstnde man bei uns diese Bereitung des
Leders, so wre es rathsam, den Soldaten statt der Feldflaschen aus
Blech, solche kleine lederne Schluche zu geben.

Eine Hauptstadt hat das Reich Darfur nicht. Der Sultan hlt bald hier
bald da Hof, wie Carl der Groe es zu thun pflegte. An mehreren Orten
stehen aber Pallste, die ihn mit seinem Gefolge erwarten. Mit
Versailles oder Caserta werden sie aber nicht wetteifern wollen.

Gegenwrtig wohnte der Sultan _Abdelrachmann_ zu Ril. Es war der
Lieblingsaufenthalt seines Vorgngers _Teraub_ gewesen, doch
Abdelrachmann, ein Usurpator, frchtete dort fr sein Leben, und brachte
mehrere Zeit in anderen Orten zu. Endlich hatte ihn aber der bequeme
Wohnsitz, von _Teraub_ erbaut, wieder fr ein Jahr nach Ril gelockt.

Musa kannte den Melek der Dschelabs, d. i. das Oberhaupt der Kaufleute,
und trat in dessen Wohnung ab.

Perotti wohnte bei einem Copten, der ihm Gastfreiheit angeboten hatte,
denn von einem ^Htel garni^ wei man dort noch nichts. Er lie sich
gleich bei des Sultans Hofbedienten anmelden, und gelangte zur Audienz.
Abdelrachmann war froh, einen Arzt aus Constantinopel bei sich zu sehn,
und erklrte die seinigen fr Unwissende. Perotti hatte es gleich
gescheuter angefangen, wie andere Reisende vor ihm, die zur Unzeit Stolz
zeigten, ein Fehler, durch welchen auch Lord Macartney die
Angelegenheiten der Englnder in China bekanntlich schlecht frderte.
Nicht so der geschmeidige Italiener. Wie sich des Oberhaupts
Unterthanen, auch zitternd, gekrmmt, und den Staub kssend, auf den
Boden warfen, sein Gru lie jene noch um ein weites zurck, und ein
Liebhaber neuer Worte, htte dies Heranwinden auf Hnden und Fssen
_Hndigkeit_ nennen knnen. Natrlich fanden die Hflinge dies das
Muster feiner Lebensart, und Abdelrachmanns Gnade war auf der Stelle
gewonnen. Noch hher stieg Perotti in seiner Gunst, da er sicher
zusagte, ihn von seinem Uebel zu befreien, dafern der gewaltige
unberwindliche Sohn des Propheten, es nur entdecken wollte. Ein
dornichtes Unternehmen, da afrikanische Frsten, einen Heilknstler der
nicht heilt, von allen Schmerzen der Erde heilen, weshalb sogar der
Scharfrichter schon dabei stehn mu, wenn die Majestt den verordneten
Trank nimmt.

Abdelrachmann, ein Siebzigjhriger etwa, entdeckte dem Italiener, wie er
Zweihundert Weiber bese, aber sie alle berflssig fnde, was ganz
gegen seinen Willen sei. Perotti sagte: Um zu untersuchen, ob vielleicht
Zauberei an den Sultaninnen hafte, msse er bitten, sie smmtlich sehn
zu drfen. Er wollte ohne Zweifel sphen, ob vielleicht Isabelle in
diesem Harem verborgen sey. Der Monarch willigte ein, und sechs Eunuchen
muten den vermeintlichen Arzt begleiten. Er kam zurck, und erklrte,
aller Zauber sei getilgt. Nun reichte er aber dem gekrnten Alten eine
beraus hitzige Arzenei, von lauter Dingen zusammengemischt, die Feuer
im Blute entzndeten. Der Leidende sprte davon groe Wirkungen, und war
herzlich froh. Perotti hingegen, der vorher sich schon mit neuen Pssen
versehen hatte, eilte sogleich davon.

Flore wartete unterdessen vergebens auf den Loskauf, und gerieth auer
sich vor Zorn und Bestrzung, da sie von Perottis Abreise hrte. Ihr
schien es nunmehro ausgemacht, da das Schicksal berall Unflle fr sie
bestimmt habe.

Bald meldete das Gercht in der Stadt: der Sultan habe einen Heiltrank
empfangen, der sich ihm zwar anfnglich vollkommen hlfreich erwiesen
htte, doch unmittelbar darauf sei er in einen Zustand von
Kraftlosigkeit gesunken, der fr sein Leben frchten lie. Musa
schttelte den Kopf bei dieser Nachricht, und schpfte wenig Hoffnung,
hier loszuschlagen. Indessen putzte er Floren niedlich heraus, das heit
ziemlich in dem Geschmack, wie Eva mag gegangen sein, da sie eben den
paradiesischen Garten verlassen hatte. Bei einer ffentlichen Audienz,
wo Verkufer auch Zutritt hatten, fhrte er nun Floren nach dem Pallast.

Dieser war in mehrere Hfe abgetheilt. Im ersten standen die gesattelten
Pferde des Sultans und seiner Begleitung, denn nach der Audienz wollte
er ausreiten. Im zweiten wurde man einen Theil der Leibwache gewahr. Die
Uniform war Nacktheit, bis auf eine rothe Schrze, und eine Pikkelhaube.
Die Kerle waren bei gutem Humor, soffen viel von dem Hanfabsud, der hier
verkauft wird, und gewaltig rauscht, und spielten mit einigen Lwen, die
zum Vergngen des Sultans gezhmt worden waren. Im dritten Hof befanden
sich die Minister im Gallaanzug, der in einem wollnen Hemd bestand. Mit
gesenktem Haupte weilten sie um den Sitz des Monarchen, whrend dieser
Klagen schlichtete. Er selbst trug, ein bewundertes Zeichen der Gre,
Hosen, sonst war er den anderen Mnnern in allem gleich ausgerstet.
Whrend er geschftig war, rief der Hofredner (eine Charge, deren es in
Europa nicht bedarf, da wir Poeten und Historiographen besitzen) mit
lauter Stimme: _Seht den Bffel, den Sohn eines Bffels, den Stier der
Stiere, den Elephanten von gewaltiger Strke, den mchtigen Sultan
Abdelrachmannelraschid! Gott verleihe dir langes Leben! O Herr! Gott
stehe dir bei, und mache dich siegreich!_[6] Es strte die
Bescheidenheit des schwarzen Knigs gar nicht, diesen Hymnus immer
wiederholen zu hren, und er machte whrend der Zeit seine
Regierungsgeschfte ab, die hauptschlich darin bestanden, die Geschenke
seiner Unterthanen und der Fremden im Empfang zu nehmen; denn niemand
durfte seinem Throne mit leeren Hnden nahn, und diese direkten
Einknfte verdienen doch vor den gepriesenen indirekten, darum den
Vorzug, weil sie keine Erhebungskosten schmlern.

[Funote 6: S. Browne's Reisen in Afrika, Aegypten und Syrien, in den
Jahren 1792 bis 1798. Aus dem Englischen. Leipzig und Gera bei Heinsius
1800.]

Nachdem Musa an die Reihe kam, vorgelassen zu werden, rutschte er nach
Gebhr auf den Knien gegen den Regenten, bergab einem Melek sein
Geschenk, und hrte dafr die gndigen Worte _Barak ulla fi_! (Gott
segne ihn.) Hierauf senkte er das Antlitz tief in den Staub, und nachdem
es reichlich damit bedeckt, wieder emporgehoben war, berichtete er: wie
eine Cafferin, glnzend wie die Sonne, lieblich wie der Mond, und
freundlich wie die Sterne, durch ihn nach Ril gebracht worden sey, um
dem unberwindlichen, weisen, tugendhaften, tapferen Bffel, dem Sohn
eines Bffels, dem Stier der Stiere, dem Elephanten von gewaltiger
Strke, dem mchtigen Sultan Abdelrachmannelraschid zum Kauf ausgestellt
zu werden. Der Sultan rmpfte die kohlenfarbene Nase, strich mit der
Hand ber die dem Ebenholz gleichende Stirn, und kmmte den dicken
rothgebeizten Bart mit den Fingern durch. Ghnend fragte er: wo die
Sklavin sey? Auf den Wink Musas wurde Flore, die ein langer Schleier
bedeckte, vorgefhrt, auf einen andern sank dieser Schleier, und Sultan
Abdelrachmann prfte die enthllten Reize mit Kennermiene. Doch einem
Kritiker gleich, der sich berlas, dem Gefhl und Einbildungsflug nicht
mehr erregt werden knnen, und der daher berall nur zu tadeln wei,
breitete er sich ber die Schnheiten der Cafferin aus. Nichts war ihm
recht. Das Auge nicht munter genug, die Nase zu klein, die Lippen zu
dnn, der Busen zu voll und so weiter. Flore schon auer sich, vor einer
Versammlung von mehr als Tausend Menschen dastehn zu mssen, wie
Sklavinnen in Afrika dastehn, rgerte sich um so mehr bei einer Kritik,
die im eigentlichen Verstande voll Persnlichkeiten war. Herr Sultan,
sagte sie keck, die Schnheit ist in eurem innern Auge nicht mehr zu
finden. Daran gebrach es euch! Getroffen drehte sich der Knig um, und
sagte: die Freche wrde alle Weiber meines Harems verderben. Hinweg mit
ihr!

Der Schleier sank wieder ber Floren, und Musa kehrte mit ihr zurck
nach seiner Wohnung.

Wo geht es nun hin? fragte sie.

Nach Darkulla, war die Antwort.

O weh, wo der grausame Frst hauset.

Er ist der zrtlichste unter allen schwarzen Knigen, nirgends fhren
die Weiber ein so kstliches Leben, die liebste unter ihnen theilt seine
Macht. Juble wenn er dich kauft, ich werde mich dann freuen, da hier
nichts aus dem Handel wurde.

Nun immerhin, rief Flore, ich bin ein Ball des Schicksals, seitdem der
ruchlose Mehemed mich um mein Vermgen betrog, ist mir alles gleich.

Um dein Vermgen?

Wisse ich hatte Edelsteine im Turban, und, Goldmnzen im Grtel. Ich
wurde nicht durchsucht, und vertraute ihm alles, mich loszukaufen.

Musa wthete. Das htte mir gehrt!

Flore sprach: Wer kann mir verargen, wenn ich mein Eigenthum nicht
entdeckte.

Musa versetzte wieder: Httest du mir die Hlfte gegeben, wrst du frei
gewesen, und sicher nach Cairo geleitet.

O weh, ich Unglckliche! Nein la mich nicht glauben, da du so
gromthig gewesen wrest, ich mte ganz und gar verzweifeln, und das
will ich nun einmal nicht, vielmehr knftig jedes Unglck mit Lachen
ansehn.

Ich will ihm nach, ihm den Raub wieder abzunehmen.

Wahrlich ich gnnte dir ihn lieber. Und willst du mich dann freigeben?

Nun nicht, du mut nach Darkulla, zur Strafe. Ich mu auch zuvor
entschdigt sein. -- Wer wei wann ich Mehemed finde.

Das gelingt dir wohl nie. Er ist gewandt wie eine Schlange, voll List
und Tkke. Er hat auch den Sultan von Darfur betrogen, und sich aus dem
Staube gemacht. Brachten seine Spher ihn nicht zurck, was werden die
deinigen ausrichten?

Der Sultan von Darfur kennt nur sein Land, meine Knechte Hundert
Lnder.

O ich mgte ihn gern durch dich gestraft sehn, denn wakker hast du mich
gehalten Sklavenhndler. Noch Eins. Er sucht ein europisches Mdchen,
Isabelle genannt. Hrst du je von dieser, so la sie vor den Mehemed
warnen, und thue ihr kund, Mehemed heisse auch Perotti.

Wohl, so sende ich einige Getreuen aus, und eile dann mit dir nach
Darkulla.




                          Zwlftes Kapitel.
                    Das Glck beginnt zu lcheln.


Man mu nicht glauben, da eines Frauenzimmers Ehre bei Sklavenhndlern
Gefahr laufe. Einmal ist jeder Kaufmann befleiigt, seine Waare in dem
mglichst vorzglichen Zustande zu erhalten, dann reitzen Lekkereien
auch den Appetit eines Conditors am wenigsten, weil dieser sie immer vor
Augen hat.

Musa brach am folgenden Morgen mit Floren auf, und konnte gar nicht
aufhren, den Arzt von Constantinopel zu schmhen. Doch trstete er
sich, da die Schwarzen, welche er auf verschiedenen Wegen ihm
nachgeschickt habe, nicht ruhen wrden, bis er gefunden sei.

Der Weg ging durch rauhe Gebirge an der Grnze von Darfur. Dann mute
man, wie gewhnlich, de Wsten durchziehn. Endlich aber zeigte sich
wieder eine der lustigsten Landschaften. Bald ein Gefild voll von sen
saftigen Melonen, erquikkend in der glhenden Luft, bald ein Wldchen
voll Feigenbume, auf deren Zweigen buntgefiederte Papagoyen von
possierlichen Affen geneckt wurden. Gewrzstauden, deren Duft dem
Wandrer zuathmete, ehe er sie noch sah. Eine der Bananas hnliche
Frucht, die wild wuchs, eine besonders edle Aprikosengattung, und was
sonst dem reichen Fllhorn der sdlichen Ceres entstrmte. Aber auch
unertrgliche Insekten, garstige und tkkische Paviane, Tyger in Heerden
und giftige Ungeheuer aus dem Schlangengeschlecht. Die Natur bleibt
einmal bei ihrer Regel, das Gute und Bse zu gleichen Theilen zu
mischen, und an den Ausnahmen entdeckt die genauere Betrachtung das
Scheinbare immer mehr.

Auf der Grnze von Darkulla schrie die Wache vor Freude laut auf, da sie
hrte, eine weisse Cafferin sollte dem Sultan Kuku gebracht werden.
Flore erfuhr, Sultan Kuku sey seit der Zeit, wo seine weissen Weiber
ermordet wurden, trostlos vor Schmerz gewesen, und habe seine gewohnten
Vergngungen, z. B. des Morgens ein zehn oder zwanzig Sklaven zu
enthaupten, oder mit dem Pfeilbogen nach ihren Augen zu schieen, wo er
mit wundernswrdiger Geschicklichkeit getroffen htte, zur grten
Bestrzung, aufgegeben. Das Volk hoffte nun tglich und stndlich auf
eine weisse Schnheit, da des Knigs Gemth erheitert wrde, und der
Hof seinen alten Glanz zurckerhielte.

Flore schauderte, dachte aber: vielleicht gelingt es mir, das zrtliche
Ungeheuer zum Menschen zu machen.

Von der Grnze wurden gleich Eilboten in die Residenz geschickt, den
Sklavenhndler Musa anzumelden. Sie ritten ihre Rosse todt, es Einer dem
Andern zuvorzuthun, und das Geschenk zu erhaschen, welches des Sultans
frohe Laune gewi dem frhesten Zeitungsbringer reichen lie.

Mit Befremdung heftete Flore ihren Blick auf den Grnzpa. Eine hohe
Felsenkette dehnte sich so weit hin, wie das Auge reichte. Unzugangbare
Steile bezeichnete die Berge alle. Zwischen zweien der hchsten wand
sich ein Pfad hin, da ein Kameel mit Mhe durchgehn konnte. Dieser
Pfad, wohl eine franzsische Meile lang, fhrte auch ber verschiedene
jhe und tiefe Abgrnde, die mit hlzernen Brcken berdeckt waren, und
jenseits der Brcken fand sich immer ein schanzenartiger Abschnitt, und
nebenan waren in die Felsen Hhlungen gearbeitet, aus welchen man Steine
von unerhrter Gre wlzen konnte.

Musa erklrte Floren, wie diese Felsenkette ein Land dicht umgbe, von
etwa funfzig Meilen in die Lnge und einer gleichen Breite. Nur der eine
Weg fhre hinein, und sey so angethan, da ihn Hundert Mnner gegen
Hunderttausende vertheidigen knnten, und das, ohne die mindeste Gefahr
zu laufen. Denn man drfe die Brcken ber die jhen Abgrnde nur
wegnehmen, und die, welche daran dchten, sie wieder zu erbauen, aus den
hohlen Felsen zerschmettern. Eben so knne man von der Hhe den ganzen
Weg mit Steinen bedecken, die alles unter sich begrben. So habe einer
der verstorbenen Knige die Einrichtung getroffen, und mgten auch
selbst die Franken mit ihren vielen feuerspeienden Rhren kommen, hier
richteten sie dennoch nichts aus.

Du erzhltest mir aber, entgegnete Flore, da der Sultan Kriege fhre,
und neulich ber einen Andrang der Feinde in Noth gerathen sey; konnte
er in dem felsenumschlossenen Lande denn nicht allen Gegnern trotzen?

Musa erwiederte: Sultan Kuku besitzt weit mehr Land, und seine
Hauptstadt lag weit mehr rechts gen Habesch zu. In dem Kriege ging ein
streifender Haufen nach dem Eingange der festen Provinz, und verschlo
sie ihm, sonst htte er sich zurckgezogen, oder wenigstens Weiber und
Schtze hinter die Felsen geflchtet.

Nach dem Kriege hat er aber hier eine Hauptstadt erbaut, um sicherer zu
seyn, und alles Land, was auer der Bergkette liegt, seinem Bruder
_Tata_ zur Regierung bergeben.

Man kam jetzt auf der inwendigen Seite zu der Bergkette hinaus. So viel
schne Natur Flore auch bisher da und dort gesehen hatte, der Anblick
dieses Landes bertraf jede Vorstellung, und htte die chteste unter
den poetischen Poesien, die Farben dazu gerieben. Blumen, Frchte,
Thiere, alles von bezaubernder Form. Silberhelle Teiche mit Marmorfelsen
am Rande, von denen kleine Bche niederrieselten; lieblich verschlungene
Bche, die hundert kleine Blumeninseln bildeten, zu denen hinber zu
rudern, man sich nur in eine von den Muschelschaalen zu setzen brauchte,
die silberwei und von so ausnehmender Gre am Ufer lagen. Man hatte
keine andere Huser, wie aus Laubwnden mit Blumen durchflochten. Nur in
der Regenzeit wurden die breiten Bltter eines dort wachsenden Baums
darbergedeckt, sonst waren sie der Khle wegen offen. Des Knigs
Pallast aber hatte nur Wnde von eitel Blumen, die in auerordentlicher
Hhe wuchsen. Flore war bezaubert, wie man in die Hauptstadt zog, und
der Pallast ihr in die Augen fiel, und sie mit einem Meere von
Wohlgerchen umflo.

Alles Volk war auf die Gasse gestrzt, tanzte frohlockend, und betrank
sich in dem Thau, der hier von einer gewissen Gattung Rosen gesammelt,
und in christallenen Fssern aufbewahrt wird. Der Rausch dieses Thaues
bringt die allerlieblichsten Trume zuwege, jeder Greis whnt wieder in
die Jnglingsjahre zurckgeflohn zu seyn, und der ersten Geliebten den
ersten Ku auf die Lippe zu drcken.

Welch Land der Gtter! rief Flore, und so teuflische Menschen! denn sie
sah schon auf dem Pallastvorhofe das Gruelvergngen Seiner schwarzen
Majestt, das zum Entzcken aller Treuen wieder angehoben hatte, seitdem
die Nachricht von Musa's Ankunft da war.

Wohl Hundert scheusliche vom Rumpf getrennte Negerkpfe lagen umher, und
bei jedem gelungenen Streiche, erfllte der Hflinge Jubel die Luft.

Doch wurde alles eingestellt, wie Musa's Kameele angekommen waren. Flore
konnte nicht erst, wie es der Sklavenhndler wnschte, in ein Haus, sich
zu salben, sie mute in den Kreis der Hflinge. In diesem Lande wurde
Kleidung durchaus verspottet, und es wre die grbste Beleidigung des
guten Anstandes gewesen, sich auch nur mit einem Feigenblatte vor dem
Sultan zu zeigen. Lndlich, sittlich! Flore mute, sich bequemen, und
konnte nicht schnell genug die Toilette von Darkulla machen, indem
Sultan Kuku schon daherschritt.

Welch ein Empfang gegen den in Darfur. Die Freude spannte jede Muskel,
jede Fiber des Sultans Kuku. Der Jngling (denn er zhlte kaum zwanzig
Jahre) sprang mit fast wahnsinnigem Wonnetaumel umher. Eine Stirn wie
die Marmorfelsen am See des Pallastgartens! zwei Augen wie die Schlnde
der Feuerberge in Bornu! Die Wlbungen drben wie Himmelsbogen in der
Regenzeit wenn sich die Gewlke verziehn! Ein Mund wie der Abendhimmel,
wenn der Feinde Stdte in Feuer aufgehn. Ein Busen wie zwei Kreideberge,
die sich aus dem Silbersande der Wste erheben, und was er nicht noch
fr Vergleiche ersann. Nur meine Gigi war schner aber die Treulose
wollte nicht sterben, ich vergesse sie. Gigi ist mir wiedergegeben.
Tausend Sklaven her. Kaufmann, zcke den Sbel, und haue ihnen die Kpfe
herunter. Ich will dich lohnen, wie kein Sultan in Afrika.

Ein wilder Freudenruf durchtnte die Lfte. Lange lebe der Esel, der
Sohn eines Esels, der Tausend Esel zeugen wird, der schne, weise und
mchtige Sultan Kuku! Denn wie in Darfur der Bffel fr das Ideal der
Vollkommenheit galt, so widerfuhr diese Ehre hier dem Esel. Da auch der
Mahomedanismus noch nicht vollkommen eingedrungen war, und die alte
Religion, welche Thiere anzubeten gebot, noch zum Theil vorhanden war,
so gab es auch mehrere Tempel, wo der Esel angebetet wurde. Man mute
aber auch gestehn, da dies Thier in Darkulla von ganz anderem Kolorit,
und viel vollkommenerer Zeichnung war, wie in Europa. Meistens sah man
eine milchweisse Haut, und die feinsten Verhltnisse aller Formen. Die
Esel von Darkulla konnten sthetische Esel heien.

Kuku sprang wieder auf Floren los. Sultanin, rief er, wie mache ich
Darkulla meine Lust kund, da du angekommen bist. Soll die Residenz zum
Freudenfeuer brennen? Gebiete, und Tausend Pechfackeln lodern. Sollen
meine Soldaten eine Lustschlacht liefern, wobei die Hlfte fllt, die
Hlfte verwundet wird? Befiehl, du bist neben mir Herrscherin!

Flore fand das glhende Feuer des jungen Sultans gar nicht verwerflich,
und sie htte nur nicht an Ring denken drfen, um auf der Stelle
verliebt zu seyn. Was half es denn aber auch, wenn sie an Ring dachte,
der Tausend Meilen von ihr entfernt war.

Sie mute eine Antwort geben, auch blickte das ganze Volk auf sie, und
jedes Ohr horchte, um die Tne von den Lippen zu stehlen. Nach einem
kurzen Nachdenken hub sie also an:

Esel der Esel, Sohn eines Esels, Vater von Eseln, hoher Sultan Kuku! Ich
bin eine Geraubte, und habe mein Herz im Vaterlande verschenkt. Dennoch
fhle ich die groe Ehre, die mir widerfahren soll, des ersten aller
Esel Gemahlin zu werden, wie sichs gebhrt. Nur mu ich erst berlegen
drfen, wie weit die neuen Umstnden meine alte Pflicht aufheben. Aber
ich sage dir es zuvor, Sultan Kuku, soll ich dein seyn, geschieht es nur
unter zwei Bedingungen.

Nenne sie, nenne sie! rief Kuku.

Erstens mut du die grliche Kurzweil einstellen, deine Sklaven zu
tdten.

Allgemeine Stille und mimthiges Gemurmel folgte. Der Knig senkte den
Blick zur Erde. Gern, sprach er, schne Sultanin, will ich dein Begehren
erfllen, dir fortan alle meine Freuden hinschlachten, da du doch die
Freude der Freuden bist, aber denke an mein armes, an dein armes Volk.
Es wird in Gram und Kummer versinken, wenn Niemand aus seiner Mitte mehr
den Ruhm hoffen darf, von dem Esel der Esel niedergesbelt zu werden.

Hilf Himmel! rief Flore, so steht es hier um eure Aufklrung? Nun, wenn
ich bleibe, werde ich mich schon ins Mittel schlagen.

Musa warf sich auf das Antlitz nieder, kte zrtlich den Staub, und
sagte mit furchtbebender Stimme: Esel, Eselssohn, Eselsvater, mchtiger
Sultan Kuku, wenn du es gestattest, nehme ich die Tausend Mann lebendig,
und verkaufe sie auf dem Markt in Fezzan.

Musa hatte nmlich fr jene Weltgegend schon etwas geluterte Begriffe.
Er verhielt sich gegen einen Darkullaner etwa, wie ein Brger aus dem
schlesischen Stdtchen Polkwitz, gegen einen Brger aus dem
meklenburgischen Stdtchen Teterow.

Der Sultan sprach: ich will es mit meinem Divan berathen. Es mgte darum
seyn, aber ich mu eine Emprung frchten. Und was ist die andere
Bedingung? Nenne sie!

Flore schlug die Augen, (die sie ohnehin noch wenig erhoben hatte,) tief
nieder, bedeckte sie noch mit der Hand und sprach: Da ich ein Kleid
tragen darf, da auch in deinem ganzen Reiche geboten wird, einen
breiten Schurz um die Hften zu tragen. Du bist schn, Sultan, dennoch
wei ich es nur vom Hrensagen, denn nie werde ich mich berwinden,
dich, so wie du dastehst, anzublicken.

Die Bewegung im Volke nahm zu. Die bisher so frohen begeisterten
bewundernden Blicke, die auf Floren fielen, wurden dster und khl. Der
Sultan rief: Hrt ihr nicht Gigi wieder? So gro war meine Liebe zu ihr,
da ich einwilligen wollte, mein ganzes Volk zu schnden, aber der
Aufruhr brach in hellen Flammen aus.

Ihr findet also in Zucht und Sitte, Schande? entgegnete Flore. Nun, ich
sehe wohl ein, da Volksmeinungen ausrotten nicht das Werk eines
Augenblickes ist, aber du, der Herrscher, mut im Huldigen der edlen
Gewohnheiten vorangehn, zhle nie auf die leiseste Gegenliebe, bis du
gekleidet vor mir erscheinst. Und auch da mu ich noch Mondenlang
Bedenkfrist nehmen. Denn ein Schmerz der Trennung wohnt in meiner Brust,
den zu berwltigen, die Zeit erst mit mir im Bunde treten mu.

Der galante Sultan lie sich das gefallen, Flore wurde in den Pallast
begleitet, bekam dreihundert schwarze Frauen zur Aufwartung, dreihundert
Eunuchen zur Leibwache, und zwlf dienende Kammerherrn denen auer
gewissen Organen auch die Zungen fehlten. Letztere hat sie nachher oft
gerhmt, und sie immer den europischen, welche sie kennen lernte,
vorgezogen.




                         Vierzehntes Kapitel.
                   Sultan Kuku zieht in den Krieg.


Vierzehn Tage whrten die Hoffeierlichkeiten. Sie bertrafen an Glanz
alles, was man je in Darkulla erlebt hatte. Ganze Wlder von
wohlriechendem Holze wurden verduftet, Springbrunnen von Rosenthau
strmten fr das Volk, und jeden Morgen wurden ihm Tausend Papageibraten
ausgetheilt. Demungeachtet war man schlecht zufrieden, denn die
Hauptergtzlichkeit mangelte. Die Wiener hrmten sich nicht mehr, da die
Bhne der Thierhetze niederbrannte, wie Darkullas Brger, als das Fest
des Sklavenkpfens eingestellt ward.

Flore lie Musa zu sich rufen. Kaufmann, sprach sie, ich belohne dich
reich, wenn du mir einen Dienst erweisest. Jener kroch auf Hnden und
Fssen nher. Gebietet, erhabene Sultanin, Gemahlin des Esels aller
Esel!

Schmeichelte Floren die Unterwrfigkeit des Mannes, dem sie vor kurzem,
eine Sklavin, hatte gehorchen mssen, so war ihr dagegen die Courtoisie
von Darkulla hchst zuwider, und sie beschlo nchstens ihren Einflu
anzuwenden, da der ganze Canzleistyl des Reiches verbessert werde.
Schweres Unternehmen, wie man denken kann. Wollte es sich doch vor
einigen Jahren, in Berlin nicht zu Stande bringen lassen, die
Briefhflichkeiten abzukrzen, ob man gleich damals in Wien schon mit
der Sache aufs Reine war.

Musa, sprach Flore weiter, knntest du wohl eine Reise nach Misr
bernehmen? (Cairo wird meistens Misr genannt.)

Der Schwarze entgegnete: Soll ich dir da Sklaven verkaufen, so ist es
unmglich, die Caffern, die von weither angekommen sind, verboten den
Handel damit. Doch lasse eine Treibjagd halten, ich bringe sie nach
_Murzuk_ oder Tripoli.

Keineswegs, Schwarzer, war Florens Antwort, du sollst dich allein dahin
begeben, und einen Mann ausfindig machen, dessen Name und Geschft auf
diesem Papiere stehn. Hrst du, er sey umgekommen, oder auch, verstehe
mich recht, er sey verheirathet, oder habe eine Geliebte, so bringst du
mir davon Nachricht, ohne in den letzten Fllen mit ihm selbst zu reden.
Finden diese aber nicht statt, und er lebt, so sollst du suchen ihn nach
Darkulla zu bringen. Hier dieses Briefchen, ihm bergeben, wird ihn
bewegen, dir zu folgen.

Der Leser ahnet richtig. Sie meinte keinen andern wie Ring. Entweder
wollte sie in den Umstnden Befugni finden, ihrem dargebotenen Glcke
entgegen zu gehn, oder der Gatte sollte kommen, ihr zur Flucht zu
helfen, oder -- eine Ministerstelle einzunehmen.

Musa bedachte sich ein wenig. Leicht ist es nicht, sprach er, was du
gebietest, und eben geht keine Caravane nach Egypten, doch ich will
suchen was ich mglich mache. Reich mir die Papiere.

Er verlie Darkulla, nachdem Flore bewirkt hatte, da ihm statt der
Tausend Sklaven Goldstaub gereicht wurde, denn sie wollte sich nicht mit
Freiheit bezahlt sehn. Musa sagte noch zuvor: er wrde bei dem allem das
Vorhaben nicht aufgeben, Mehemed suchen zu lassen, dem er seinen Raub
nicht gnne. Flore billigte das vollkommen. --

Pltzlich aber steckten die Mitglieder des Divans die Kpfe zusammen,
die Kuku oft noch in der Nacht berufen lie. Das Volk sammelte sich vor
dem Pallast in kleinen Haufen, und that geheimnivoll und neugierig.
Flore wollte einen Kammerherrn fragen, was das bedeute, Stumme aber
geben keine Antwort. Die Weiber wuten selbst nichts, und htten gern
von der Sultanin was erfahren. Der Oberst der Eunuchen murmelte das Wort
Krieg zwischen den Zhnen, und Flore erschrak.

Sie schickte die Unterkammerfrau zur Oberkammerfrau, diese mute der
Unterhofmeisterin auftragen zu der Oberhofmeisterin zu gehn, und dieser
Namens der Sultanin zu befehlen: da sie sich zum Unterpagen des Sultans
begbe, welcher den Oberpagen anzuweisen htte, den untern Kammerjunker
an den Obern zu schicken, bis endlich dem Sultan zu melden sey, die neue
Sultanin wnsche ihn zu sprechen. Denn Etiquette war an diesem Hofe,
wenn man schon keine Beinkleider trug!

Der Sultan verstie diesmal gegen seine gewhnliche Artigkeit, die
Staatsgeschfte fesselten ihn zu dringend. Er lie zurcksagen: wenn er
Dreihundert Marschdispositionen fr Fuvolk und Reuterei unterschrieben
htte, wrde er gleich erscheinen.

Das whrte Floren zu lange, sie lie den Minister der auswrtigen
Affren rufen. Um des Himmels Willen, fragte sie, bekmmt der Sultan
Krieg? Er wird doch nicht aus dem Gebirgsbezirk ziehen. Innen hat ihm ja
keine Macht etwas an, wenn er den Pa vertheidigen lt.

Dieser Minister war einer von ganz besonderm Schlage, er hatte viel
Verstand. Der Sultanin ward bedeutet, da es wohl Flle geben knne, wo
es nthig sey, die Felsenmauer hinter sich zu lassen, wenn nmlich ein
Bruder drauen vorhanden sey, der Hlfe verlange.

Flore htte nimmer geglaubt, da sie um den Sultan Kuku besorgt werden
knnte, gleichwohl machte sie dem Staatsmanne viele Einwendungen,
behauptete, ein Feldherr, dem Bruder zur Hlfe gesandt, gnge auch
schon.

Jener erwiederte: der Sultan sey es einmal gewohnt, seine Truppen selbst
anzufhren, und er liebte zudem seinen Bruder zu sehr, als da irgend
etwas den ergriffenen Entschlu ndern knne.

Nun bat Flore, der Minister mgte doch durch Depeschen Friede machen. Er
erwiederte aber: in diesem Kriege wre keine gtliche Verhandlung
mglich, die Feindin msse vernichtet werden.

Die Feindin? fragte die neue Sultanin befremdet.

Ja, ein Frauenzimmer fhrt die Heere an, die des Sultans Bruder
bekmpfen.

O so wird der Sultan desto eher siegen.

Das folgt nicht. Die Heere der Weiber sind oft siegreich.

Gott! erlitte er aber Unglck, wrde er nicht wieder den grausamen
Befehl ertheilen, seine Weiber zu morden? Zwar, noch bin ich sein Weib
nicht, und eine andere auer mir ist nicht vorhanden, was ich auch
nimmer dulden werde.

In dem felsenumfangenen Lande kann alles sicher seyn, was daheim bleibt.

Bald kam Kuku. Gemahlin der Esel aller Esel, sprach er, ich ziehe ins
Feld.

Und ich beschwre dich um Frieden.

Hier gehre ich der Ehre, und darf keine andre Stimme vernehmen. Doch
ich lasse dich zurck als Reichsverweserin. Herrsche in Kukus Namen.
Schon sind die Befehle nach allen Winkeln des Landes geschickt, dir, wie
mir selbst Gehorsam zu leisten.

Drauen lrmten schon die Trommeln, und eine ganz andere Art wie die in
Europa. Von Hirnschdeln erschlagener Feinde werden sie gefertigt, mit
der Haut vom Herzen berzogen. Ein Schlag auf eine solche Trommel klingt
nicht laut, aber er flt eine so kriegerische Begeisterung ein, da
jeder, der nur einen solchen Trommelschlag hrte, gewi bei den
Kriegsliedern der Deutschen einschlft, so unvergleichlich sie auch
sind.

Vom Knig Erich von Dnemark erzhlt die Legende: ein Tonknstler von
seltnem Rufe sei an seinen Hof gekommen, und jener habe ein
kriegerisches Tonstck verlangt. Der Virtuos habe nun seinem Willen ein
Genge geleistet, und zwar auf eine so krftige und hinreissende Art,
da Erich aufgesprungen sey, das Schwerdt eines Kriegers genommen, und
vier Mann der Leibwache damit erstochen habe. Auch sey eher an keine
Pause der kriegerischen Wuth zu denken gewesen, bis von Seiten des
Virtuosen eine Pause gemacht wre.

Grade so flog Kuku hinaus, wie die Trommeln aus Todtenkpfen sich
vernehmen lieen. Mit einem Hieb lag der Feldherr, der nach ihm
befehligte, zu Boden, und htte ihn Flore nicht in den Arm gefat, wer
wei wie viele Offiziere in der Garnison htten bluten mssen. Zu allem
Glck stand aber der General wieder auf, er hatte nur eine leichte
Verwundung bekommen.

Da nach Ziskas Tode, die Haut desselben auch eine Trommel bekleidete,
und die Hussiten ganz tollkhn waren, sobald sie diese Trommel hrten,
ist eine Geschichtsthatsache, die den meisten der Leser dieses Buchs
bekannt seyn mu, und die nur fr die angefhrt wird, welche noch nichts
davon erfahren haben.

Nun muten die Trommeln aufhren, und Sultan Kuku hielt eine Rede an
sein Volk. Man lese sie, und wird finden, da viel romantischer Geist
der Chevallerie darin geathmet wurde.

Volk von Darkulla! Der Esel aller Esel zieht ins Feld, so gebieten es
Ehre und Rache. Ich erblicke bestrzte Mienen und thrnenvolle Augen,
aber vergelte die Liebe. Meine schne Cafferin bleibt zurck, whrend
des Kampfes hier das friedliche Ruder zu fhren. Noch ist sie meine
Gemahlin nicht, noch konnte Kuku sich ihrer nicht wrdig zeigen. Wenn
ich ihr aber Tausend Kpfe der Erschlagenen sandte, und Tausend
Gefangene, denen sie zur Lust Nase, Ohren, Hnde und Beine abhacken
lassen kann, dann erkennt sie den mchtigen Helden, ich fliege zurck,
und die Festlichkeiten des Beilagers werden vollzogen. Ihr wit schon um
meinen Willen, der Cafferin zu gehorchen, wie mir. Sie empfange einen
Namen in der Landesmundart, und heie knftig Sultanin Nene.

Das Volk tanzte lustig umher, und rief der Sultanin Nene ein Lebehoch,
nach darkullanischem Geschmack, dann setzte Kuku sich an der Truppen
Spitze, und lie den Generalmarsch schlagen. Wre er in einer Carosse
von dannen gefahren, wrden sich Hundert Schwarze eingespannt haben, ihn
bis an die Grnze zu ziehn, so duldete man aber nicht, da er ein Ro
bestieg, sondern ein heier Patriot bog sich unter ihm nieder, und
galloppirte mit dem Esel aller Esel davon.

Flore ging niedergeschlagen in den Blumenpallast zurck.

                       Ende des dritten Buchs.




                              Potpurri.
            Ueber die Wohlfahrten in die Tiefe von Afrika,
             und ein Vorschlag, sich durch eine unerhrte
                       Reise berhmt zu machen.


Viele gern nachsinnende Mnner haben sich schon oft gewundert, da
unsere Vorltern, statt in den entfernten beiden Indien Niederlassungen
anzulegen, nicht lieber das nahe Afrika kolonisirten. Es scheint aber,
der alte Respekt, den einst die Mauren einzuflen wuten, sey noch in
zu frischem Andenken gewesen, und wem ist nicht bekannt, da es nur an
einigen Umstnden, an den, vielleicht zuflligen, Wendungen von ein Paar
Gefechten hing, sonst wre ganz Europa mit Moscheen bedeckt worden.
Jubelt Wissenschaften und Knste, da der Kelch vorberging oder
vielmehr blieb.

Gleichwohl darf nur erst Gibraltar in gewissen Hnden seyn, und wir
werden ganz andere Dinge erleben. Noch viel mehr unsre Kinder, denn
ihnen mu der groe Gang der Weltereignisse doch auch einen Stoff zum
Erstaunen aufsparen. Nur einmal Hunderttausend Mann bei Zeuta ans Land
gesetzt, und man wird Caffee und Gewrze auf nheren Wegen beziehen. Das
Innere des ganzen Welttheils wird auch nicht lange mehr ein Geheimni
bleiben. Die Auswanderungen nach einem neuen Carthago knnen so frequent
werden, wie einst die nach dem reichen Lande, das Columbus entdeckt
hatte. Bis dahin ist anzurathen, da Einzelne sich der Zge nach den
Quellen des Nils und zu den Ufern des Niger enthalten. Sie drften
ohnehin gefhrlicher wie jemals seyn.

Da brigens der Einzelne immer den Ruhm rndten will, der Erste an einem
Punkt der Erde gewesen zu seyn, wohin noch kein Europer drang, so mag
hier ein Vorschlag Platz finden, nach welchem der Ruhmlustige an einen
Ort gelangen kann, wohin noch kein Sterblicher den Fu setzte. Wir
meinen eine Reise zum Nordpol.

Ob dort Reichthmer zu finden seyn mgten, kann man billig in Zweifel
ziehn, ob die Physik dort erhebliche Entdeckungen machen wrde, steht
dahin, da aber die Geographie sich einen neuen, dem Anfertiger von
Globen und Charten wichtigen Gewinn, zhlte, lugnet doch wohl niemand.
Welch ein originell astronomischer Genu daneben, auf dem Achsenpunkte
zu stehn, und die Himmelskrper eine vollkommene Runde um sich
beschreiben zu lassen. Endlich wird die Weltannale, die Schreibekunst
mte denn verloren gehn, sicher nicht vergessen, immerfort den
Geschlechtern zu erzhlen: ^N.N.^ war der Erste der den Pol besuchte,
und die Unsterblichkeit ist die Hauptsache.

Wer wei ob diese Unsterblichkeit, gegen die sich der Neid gar nicht
erheben, oder die er nur mit Ohnmacht bekmpfen wrde, nicht ziemlich
leicht zu erringen ist, dafern nur richtige Maasregeln getroffen werden.

Aber die furchtbaren Schollen des Eismeeres! fllt Jedermann ein, und
beruft sich auf die Seefahrer, welche bei aller Khnheit des Willens
nicht ber die Bollwerke vordringen konnten.

Wohl mglich, da im Sommer an eine solche Unternehmung ganz und gar
nicht zu denken seyn wird, aber wohl mglich wieder, da die Mitte des
Winters sich dazu eignet.

Man starre nicht schon in dem Gedanken an den Frost unter dem
neunzigsten Grade, ermige den Schauer vor der halbjhrigen Nacht, und
hre erst weiter.

Entweder, von den letzten Wohnpltzen in Nordamerika aus, (oder in
Grnland, was damit zusammenhngen mag) geht ein Strich Landes bis zur
Erdachse, oder man trifft auf das Meer. Jenes wird im Anfang des Winters
mit hohem Schnee berdeckt, dessen Rinde spterhin der starke und
regelmig fortwhrende Frost hrtet, dieses friert durchaus, und trgt
auch eine Decke von Schnee, die jener hnlich ist. Auf Land oder Meer zu
reisen, wird gleich seyn, auer wo Gebirge die Flche unterbrechen,
deren es aber gegen den Pol zu, wahrscheinlich keine hohe, und mchtige
Hindernisse legende, giebt.

Mit Rennthieren ist die Reise ber Land und Meer schnell zu machen.

Denken wir uns nun einen beherzten jungen Mann, dem Zeit und Vermgen
nicht fehlen, und der die kekke Unternehmung wagen mag, oder besser eine
Gesellschaft solcher Mnner, so htte die Theorie ihrer Reise ausfindig
zu machen:

Erstens: den dienlichen Schutz gegen die Einwirkung der Klte.

Zweitens: den Nahrungsvorrath.

Drittens: die Vertheidigung wider reissende Thiere.

Viertens: Die Mittel, auch in fortwhrender Dunkelheit, die wahre
Richtung nicht zu verlieren.

Was den ersten Punkt anlangt, so wre nthig, bei Zeiten nach Grnland
zu gehn, und sich vorerst so viel als mglich an heftige Klte zu
gewhnen. Der Grad davon, welchen der Mensch ertragen kann, wurde noch
nicht ausgemittelt; da man aber in jugendlicher Gesundheit lange bei
einer Temperatur von 20 Grad unter 0 Reaumur ausdauert, und sich mehr
und mehr dazu gewhnt, leidet keinen Zweifel. _Blagden_ hielt in einer
Hitze von 92 Grad Reaum. folglich 12 Grad ber den Siedepunkt des
Wassers aus. Zwar nur sieben Minuten, aber fortgesetzte Proben wrden
den Zeitraum verlngert haben, und sein Versuch beweiset nur, zu welchen
Ertragungen auer der Regel, unser Krper geeignet ist. Nach Verhltni
mssen mit der Klte eben solche Extreme zu erreichen sein. Und man
denke nur an die hollndischen Matrosen, die auf Spitzbergen Schiffbruch
gelitten hatten, und dort mehrere Jahre, aller Bequemlichkeit
ermangelnd, zubrachten.

Es ist kein Grund vorhanden, da man annehmen sollte, es wrde in der
Nhe des Polpunktes, ein ganz und gar mit allem Leben unvertrglicher
Kltegrad herrschen. Die nmliche Klte, welche im uersten Lappland
fhlbar ist, wird bisweilen auch in Petersburg empfunden, die von
Petersburg nimmt man auch in Berlin wahr, nur was hher gegen die
gemigte Zone hin, seltener wird, ist dort bestndiger. Der Kltegrad,
welchen man auf hohen Bergen, selbst im Sden empfindet, ist dem im
Norden gleich, die Mnche auf dem groen St. Bernard leben acht Monate
im Jahr, wie im nrdlichen Canada, oder im Samojedenland, und eine
strengere Temperatur wie auf den schweitzerischen Gletschern ist wohl
auch auf der Erdachse nicht vorauszusetzen.

In Grnland kleiden sich die Einwohner vom Haupte bis zum Fu, in
Seehundsfelle, die vor allem Pelzwerk die Klte abwehren sollen,
folglich vorzglich schlechte Wrmeableiter sind. Wer aber dreiig bis
vierzig Tage (so lange kann die Reise dauern, wie wir weiterhin sehen
werden) in jener Region bleiben will, ohne unter dichtes Obdach zu
kommen, mu noch mehrere Pelze hinzufgen, und wre anzurathen, sich
nach Fuskken und Wildschuren von weissen Bren umzusehn. Denn da die
Natur dieses Thier bestimmt hat, im hchsten Norden zu leben, so wird
seine Haut auch am vollkommensten den thierischen Wrmestoff eindichten.

Das Rennthier bleibt, wo es einheimisch ist, unter freiem Himmel, und
die Gewalt des Frostes kann ihm nichts anhaben, warum sollte es nicht
einen Schlitten bis zum Eispole ziehen knnen.

Was hindert aber die Reisenden, es noch mit einer Pelzdekke zu versehn,
ja wohl selbst mit einer Art Bekleidung, die ihm mindestens wohlthtig
wird, wenn man Rast hlt?

Man denke sich nun einen Schlitten von leichtem Holz, aber gerumig und
dauerhaft. Inwendig mit dikken Pelzgattungen gefttert, und von Aussen
mit einem Baldachin von Seehundshuten versehn. Unter diesem dichten
Ueberwurf steht ein Ofen von dnnem Blech, eingerichtet wie die
neuerfundenen chemischen Kchen, in denen man bei der Glut eines --
Bogens Papier ein Essen zubereitet. Es ist zu vermuthen, da man bald
kein Holz mehr antreffen wird, um es zu einer Feuerung zu gebrauchen,
doch einige Rie Papier sind auf den Schlitten zu laden. Erhlt man das
Blech des Ofens nun immer mig warm, was in Vierundzwanzig Stunden
vielleicht zwei bis drei Buch Papier erfordert, so geschieht bei der
brigen Verhllung genug. Der lcherliche Anschein der papiernen
Heitzung verschwindet, wenn der enge Raum des Schlittens beachtet wird,
und wenn man sich dagegen ein groes Seeschiff denkt, das, wenn gleich
das Meer offen ist, doch in einer Klte von 12 oder 16 Grad unter 0
umherschwimmt, ohne da die Matrosen ein ander Feuer erwrmt, wie die
sparsamen Kohlen des nur bei den Mahlzeiten lodernden Kchenheerdes. Wer
auf dem Verdekke arbeitet, mu so aushalten, wobei ihm freilich die
Bewegung ntzlich ist. Die Bewegung mu sich aber der Polarpilgrim
geben, wenn angehalten wird, und mit Flei und Anstrengung, da regen
sich die inneren Lebenskrfte, und mit ihnen der thierische Wrmestoff
auf, und desto eher wird er hernach in ruhiger Lage zwischen seinen
Pelzen und neben seinem kleinen Blechofen aushalten. Es wre vielleicht
auch durch die Spirituslampe etwas auszurichten, aber die dazu nthige
Materie ist zu schwer.

Uebrigens wird man, so lange der Landstrich whrt, doch etwas Gestruch
finden, und dann bisweilen sich eines glhenderen Feuers erfreuen
knnen, in dem uersten Falle mu nur der chemische Blechofen Hlfe
leisten. Vielleicht schmilzt sich durch ihn auch Schnee in
Wrmeflaschen, wodurch die Hlfe vermehrt wird.

Ob leichte brennbare Fossilien anwendbar wren, als Schwefel, Erdpech,
bituminses Holz, wagt man nicht zu entscheiden. Warum aber nicht? Die
Vorrichtung mte nur ihre Wrme sprlich sammeln, und den schdlichen
Dampf abfhren.

Eine Maske vor dem Gesichte, die aber die Dnste beim Athmen nicht
verschlsse, ein groer Muff ber jede an sich schon verwahrte Hand, in
welchen die Zgel des Rennthiers gingen, die ganz besondere Vorsorge fr
den Untertheil des Leibes, wren noch zu empfehlen. In allen diesen
Hlfsmitteln, knnte der Reisende dann aber vollkommenen Schutz gegen
die Polklte finden.

Der Punkt der Nahrung ist aber schwieriger. Proviant fr einen Mann und
ein Rennthier auf dreiig bis vierzig Tage. Und in so geringer Masse,
da er in den (freilich auf der harten Schneerinde leicht hingleitenden)
Schlitten geladen werden kann. Gewi keine unbedeutende Aufgabe.

Da auf Tafelfreuden verzichtet werden mu, liegt wohl am Tage.
Erhaltung der Lebenskraft ist alles woran man zu denken hat.

Der ^vin cuite^ in der Provence, der eingekochte spanische Wein, und der
in hnlicher Art auf einigen Inseln des Archipelagus zubereitete, sind
sehr nhrend. Vom Safte des Palmbaums wird behauptet, ein Lffel davon
soll (freilich in seinem Clima) den Menschen auf einen Tag erhalten
knnen.

Dem sei wie ihm wolle, ein konzentrirtes geistiges Getrnk wird vor
allen Dingen nthig. Gute Rhein- oder spanische Weine durch Sieden auf
den sechsten, zehnten, zwlften Theil gebracht, mit krftigen Gewrzen
versetzt, werden dem Zwekke entsprechen. Eben so ist guter Rum mglichst
einzukochen.

Ein mig Glas von jenem Getrnke mu fr den Tag ausreichen, von diesem
schon ein Theelffel den gehrigen Anreiz bewirken. Fnf bis sechs Quart
bringen sich denn wohl fort.

Gallerte wrde die passendste Speise liefern. Einen wohlbeleibten Ochsen
geschlachtet, das Fleisch zerschnitten, die Knochen zermalmt, und die
ganze animalische Essenz in Gallerte oder Suppentafeln gebracht, so
werden vielleicht kaum Sechs Pfunde bleiben. Davon drei vier Loth in
Schneewasser gethan, auf dem chemischen Ofen gekocht, und die Kraftsuppe
ist da. Statt Brot geplverten Schiffzwieback, zum Genusse angefeuchtet.

Sucht man auch bei der Medizin noch Rath, und legt etwa ein Hundert Gran
Opium zu dem Vorrath, so wird der Lebensproze flchtig und anhaltend zu
erregen seyn. Das Opium wird auch vorzglich die Klte bekmpfen helfen,
und noch mehr, wenn ein Zusatz der ^Tinctura aromatica^ nicht fehlt.

Der ganze Proviant fr den Mann, sammt den Papieren zur Feuerung, mu
nicht viel ber hundert Pfund wiegen.

Doch die Rationen des Rennthieres, was fangen wir damit an? Es ist zwar
sehr gengsam, und sucht sich in der Regel nur ein wenig Moos, aber das
kann unterwegs fehlen.

Da wird es also nthig, auszumitteln, wieviel von dem Moose das Thier
tglich bedarf, und ob bei der Leichtigkeit dieser Nahrung daran zu
denken seyn mag, sie auf eine solche Zeit mitzufhren. Bedenkt man, da
wohl drei vier Lapplnder von einem Rennthiere gezogen werden, so bringt
das seine Kraft in einen ziemlichen Anschlag, oder noch mehr die wenig
schwierige Fortbewegung einer ziemlichen Last, unter solchen Umstnden.
Scherzlustige knnten anmerken, da die Lapplnder von Person sehr
klein, folglich leicht sind, aber es ist ihnen zu erwiedern, da ja auch
eben kein Pendant zum verstorbenen Rath Schmidts in Berlin, die
Polarwallfahrt anzutreten braucht.

Genug, man erprobt, ob das Moos, (wenigstens zum Theil, da doch
unterwegs etwas davon anzutreffen seyn wird) mitgefhrt werden kann. Das
ausgesuchte Rennthier wird daneben auch an anderes und nahrhafteres
Futter gewhnt. Kraftmehl, gepulvert Brot, wrden sich vielleicht
eignen, und diese Dinge nehmen dann wenig Raum ein. Vielleicht versteht
sich das Thier auch dazu, etwas von dem zubereiteten Rum im Schneewasser
zu schlrfen.

Mgten aber die Knsteleien bei dem Thiere nicht zusagen, so geniet es
doch nach allem, was die Naturgeschichte davon sagt, schwerlich mehr wie
zwei bis drei Pfund Moos. Gut, so nehme man Hundertundfunfzig Pfund mit,
die in und um den Schlitten noch die Klte abwehren helfen. Dazu Hundert
Pfund fr den Mann, der mit seinen Pelzen Hundertfunfzig wiegen mag, so
hat man Vierhundert Pfund, die ein Rennthier bequem ziehet, wobei nicht
auer Acht zu lassen ist, da im Verfolg der Reise das Gewicht sich
tglich mindert.

Die als nthig angenommene Zeit von dreiig bis vierzig Tagen beruht auf
folgender Rechnung.

Bis zum 80sten Grade Norder Breite ist man gekommen. Nova Zembla reicht
ziemlich dahin, und ein Theil des durchwanderten Grnlands, wenn gleich
keinen Grad ber den arktischen Polar-Zirkel hinaus menschenbewohnte
Ortschaften zu finden sind. Es wird hier aber vorausgesetzt, da die
Reise vom 80sten Grade angetreten werden msse. Auf dieser Station (in
Grnland oder Canada, wo man es am bequemsten findet[7]), mu schon im
Sommer vorher ein Haus erbaut werden, wohin man die Nothwendigkeiten,
und noch Lebensunterhalt fr die Zeit bis zum folgenden Sommer, in dem
Hause selbst, schafft. Denn zu wohlfeil ist die Unsterblichkeit auch
nicht zu verlangen. An diesem Orte richtet der Reisende, und seine
Freunde oder Dienerschaft, alles ein, sthlt seinen Krper gegen die
Klte, und wartet den entschiedenen Winter ab.

Nach diesem Orte kehrt er vom Pole wieder zurck, und findet Erholung.

[Funote 7: Wre es mit Verjngung der Massen von Lebensnahrung noch
weiter zu treiben, da man auf sechzig siebzig Tage versorgt seyn
knnte, so drfte es rthlich werden, von der Mndung des Jenisei oder
des Lena aus, ber das Eismeer zu reisen. Desto weniger htte man das
Fortkommen erschwerende, oder gar hemmende Gebirge zu befrchten,
vielleicht die wesentlichste Schwierigkeit. Und in Siberien wren die
Erfordernisse immer noch mehr auf der Nhe, wie in Grnland oder auch in
Canada.]

Man hat dann noch zehn Grade oder Hundertundfunfzig geographische Meilen
zurckzulegen. Ein Rennthier luft zwlf Meilen hintereinander, die
Lapplnder machen oft zwanzig an einem Tage mit diesem schnellen Thiere.
Doch wollen wir nur zehn Meilen in vierundzwanzig Stunden hoffen, um den
Schein der Uebertreibung zu vermeiden. Das giebt also funfzehn Tage bis
zum Pol, und zehne mgen zugegeben seyn, nicht als Aufenthalt an Ort und
Stelle, wozu wohl Achtundvierzig Stunden ausreichen, (spteren
Reisenden, die das Werk vervollkommnen, mag die lngere Frist, zu
vollstndigern Beobachtungen, vorbehalten bleiben) sondern fr
unerwartete Hindernisse. Das giebt zusammen vierzig Tage. Laufen aber
die Thiere schneller, und es giebt keinen Kampf mit besondern
Schwierigkeiten, kann man wohl schon nach dreiig oder gar nach zwanzig
Tagen wieder unter dem 80sten Grade anlangen.

Von reissenden Thieren ist der weisse Br zu zu frchten, den die
Beschreibung sehr keck macht, es mten denn weiterhin noch ganz
unbekannte Ungeheuer wohnen. Im Feuergewehr giebt es ja aber ein fast
immer bewhrtes Mittel, gegen die ungeschliffene Bestialitt. Trifft der
Schtze nicht, so schreckt er wenigstens. Zum Ueberflu noch einige
Knallraketen, um sie desto gewisser scheu zu machen, und davon zu jagen,
denn allerdings mte das Rennthier mit vertheidigt werden. Weil sich
nun aber von selbst versteht, da nicht Ein Reisender sich auf den Weg
machen wird, sondern zwei, drei, vier Schlitten, wenn nicht von
Freunden, von seinen Dienern nachgefhrt werden, so giebt das neben
anderweitig wechselseitiger Untersttzung, auch desto krftigern
Widerstand bei solchen Angriffen, wovon wir eben redeten.

Nun kmmt das richtige Treffen des Weges, und das in lauter Nchten von
vierundzwanzig Stunden Lnge.

Indessen hat es je hher hinauf, je weniger mit der Dunkelheit zu sagen.
Der Himmel ist meistens klar, die Luft rein, das Sternenlicht fllt auf
den leuchtenden Schnee, wenn wir es auch bersehn, da sich hufige
Nordlichter ins Mittel schlagen, die fast Tageshelle niederglnzen. Die
Einrichtung mu brigens so getroffen werden, da man einige Tage vor
dem Neumond abreiset, so da ohngefhr fr die Tage, wo man an der Achse
ist, auf den Vollmond gerechnet wird. So hat man denn die Flle des
Scheins, und bei der Mondhhe im Winter, ihn berdem immer am Himmel.

Die beste unfehlbare Richtung giebt der angelfeste Polarstern, und wenn
je der Horizont umwlkt wre, ntzt der Magnet. Doch ist es freilich
nicht zu wissen, welche Vernderungen er am Pol erleiden wird, daher
mssen besonders gegen das Ende der Reise, die der perpendikulre Stand
des Polarsternes angiebt, mancherlei Vorsorgen genommen werden, da vom
Anfang an die Spur des Rckweges kenntlich sey. Denn gesetzt man
schritte um den Mittelpunkt des Pols, und die Nadel des Compasses drehte
sich mit, so knnte die Orientirung verloren gehn. Vom Polarstern
abwrts wre es berall sdlich, und statt wieder nach Grnland
umzukehren, ginge es auf die aleutischen Eilande. Aber einige
aufgethrmte Schneehaufen und prcis gehende Uhren, die den Stand der
Gestirne als richtiges Merkmal zulassen, und nur erst eine mige
Strecke in der nthigen Richtung gefunden, so ist der Compa wieder ein
untrglicher Wegweiser.

Soweit die Theorie der Polreise; an die Ausfhrung mag ein wohlhabender
krftiger sehensneugieriger und lblich eitler Jngling denken. Viele
opfern Tausende auf eine unwrdige Art hin, andre wenden Vermgen auf,
strzen sich in Gefahren zu Wasser und Lande, um die Cordilleras zu
besuchen. Der Pol ist gewi interessanter fr den Ruhm, und wenn es
gleich nicht den Schein hat, so knnten doch unerwarteter Weise ganz
unschtzbare Entdeckungen dort gemacht werden.

Schwerfllige schwunglose Gemther haben nicht nur Recht, wenn sie den
Vorschlag tapfer besptteln, sondern dies wird dem Urheber auch das
Criterium seines Werthes seyn.

Nachdem der Leser aus dem heissen Aethiopien willig sein
Einbildungsvermgen in die klteste der kalten Regionen gesendet hat,
wird er wieder zu der muthwilligen Pariserin zurckgefhrt.




                            Viertes Buch.




                           Erstes Kapitel.
                 Flore tritt die Reichsverwesung an.


Man hat Bcher verfertigt, in denen die Kunst gelehrt wird, ^ad libitum^
einen Sohn oder eine Tochter zu zeugen. Bei einst hherer Vollkommenheit
derselben, wird es auch vielleicht Unterweisungen geben, wie gleich dies
oder jene Schdelorgan mit anzubringen ist. Dies kann den Genu der
Vaterfreuden nicht wenig erhhen, und jeder wird nach seinen
Geschlechtsverhltnissen, und den Zeitumstnden handeln. Die, deren
Kinder einst weit reisen drften, thun gewi wohl, ihnen einen tchtigen
Sprachsinn zu besorgen. Die Vortheile davon sind in der Fremde
unermelich, und ehe die Welt so klug wird, Ueberall eine und dieselbe
Sprache zu reden, vergehn gewi noch Zehn Napoleonsepochen, oder
Zehntausend Jahre, denn alle Tausend Jahre bringt die Natur nur ein
Genie hervor, das die Gestalt der Welt zu ndern vermag.

Wie wohl befand sich Flore in Darkulla mit dem kstlichen Sprachsinn!
Unterwegs hatte sie spielend das Idiom der Neger begriffen, das berdem
an Worten keinen Ueberflu zhlt. Die abweichende Mundart in Darkulla
hatte wenig Belang, und Flore konnte nach einigen Wochen nicht nur
vollstndige Unterredungen, sondern auch vollstndige Reden halten.

Die ersten Tage nach Kukus Abreise stellte sie sich geflissentlich
krank, es schien ihr, der Gram msse sie zieren, dann wollte sie auch
selbst erst recht zur Besonnenheit kommen, und endlich trieb sie in
dieser Zeit noch Tag und Nacht das emsigste Sprachstudium.

Whrend dessen hatte der Divan die innern Geschfte zu besorgen.

Wie sich Flore wieder gesund machte, lie sie von allen Rthen zuerst
den Minister der auswrtigen Affren, Lolo genannt, rufen. Noch wute
sie die eigentliche Ursache des Krieges nicht, welche den Sultan bewogen
htte, sogar die Liebe zu fliehen, und als gute Landesmutter wollte sie
sich doch so gut davon, wie ber alle Angelegenheiten in Darkulla
unterrichten.

Lolo befriedigte sie auf folgende Weise: Eselin aller Eselinnen,
mchtige Sultanin Nene!

Es ist etwa ein Jahr vergangen, seitdem der vorige Sultan Tilili in das
Land ging, wo die glubigen Seelen auf lauter goldenen Eseln reiten
werden.

Flore unterbrach ihn hier: es gefllt mir gar nicht, da ihr so vielen
Aberglauben unter Mahomeds Lehre mengt. Haltet euch an den Coran, oder
vielmehr reinigt selbst den Coran noch, und lat Vernunft und Moral eure
hchsten Gttinnen sein. Doch fahre nur fort.

Lolo runzelte die Stirn und berichtete weiter: Nach einem uralten weisen
Gesetze, greifen die Shne des Sultans in dem Augenblicke seines Todes
zu den Waffen, und der so glcklich ist, die andern zu erschlagen,
besteigt den Thron.

So ist kein innerer Krieg zu befrchten, und der neue Regent erspart die
Unterhaltung der Prinzen.

Pfui welche Barbarei! fiel Flore abermals ein.

Jener nahm wieder das Wort. Statt sonst die Knige bei uns zwanzig,
dreiig Shne zu haben pflegen, hinterlie Tilili nur zwei, Kuku und
Tata. Tata sprach, ich will nicht um die Regierung kmpfen, lasse sie
Kuku freiwillig. Kuku lie ihn aus Dankbarkeit leben, und setzte ihm
einen Jahrgehalt aus, obgleich die alten Rthe darauf drangen, ihm
wenigstens die Augen oder Hnde zu rauben.

Gesegnet sei Kuku. O ich sehe, ihr seid schon reif, der Barbarei
entzogen zu werden. Nur ein alter Rest von Vorurtheil pflegt ihrer noch,
doch ich hoffe ihn zu tilgen. Weiter!

Kuku lie nun den Sklavenhndlern in allen Landen entbieten, er sei
gewilligt, Weiber fr seinen Harem zu kaufen. Man mgte also die
schnsten von den Mrkten in seine Hauptstadt liefern. Dazu suchte er
selbst Hundert der lieblichsten Mdchen in Darkulla aus.

Die Dschelabs fanden sich ein, mit schwarzen, dunkelbraunen und gelben
Schnheiten, und Kuku gab bald zweihunderten von ihnen die frohe
Hoffnung, Mutter zu werden.

Flore hustete hier.

Allein immer war er noch nicht zufrieden mit seinem Harem. Er hatte
gehrt, da es weit hinaus ber Darfur an einem fernen Lande, Egypten
genannt, ein breites Meer gbe, und drben ber dem breiten Meere
sollten Mdchen wohnen, wei wie die Milch einer jungen Eselin, und roth
wie der Blutstrom eines Enthaupteten.

Welche abscheuliche Bilder! Euch umgiebt eine so schne Natur, und doch
so roher Sinn. Aber Kuku verglich doch schon mit mehrerem Geschmack.
Kannst du nicht sagen, Mdchen, wei wie das Gefieder der Turteltauben,
und roth wie die frhen Boten der Morgensonne?

Von solchen wollte er die Blumensle des Weiberpallastes gefllt sehn.
Lange aber whrte es, bis seine Wnsche erfllt wurden. Die
Sklavenhndler muten durch viele Knigreiche ziehn, eh sie nach
Darkulla gelangten. Allen Knigen wurden ihre Schtze ausgestellt und
sie lasen das Beste aus. Am meisten Abdelrachmann, Sultan in Darfur.

O es scheint, er wird die Kaufgier wohl ablegen.

Kuku sammelte zwar gegen Hundert weisse Weiber, doch sie waren meistens
alt oder ungestaltet.

Endlich aber wurde ihm eine Schnheit zugefhrt, die er mit dem halben
Reiche bezahlt htte, wenn der Dschelab sie nicht anders htte
losschlagen wollen. Dies war die reitzende Gigi. Ihr Fu hinterlie
keine Spur im Sande, man konnte eher in die Sonne sehen, wie in ihr
Auge, und wenn sie lchelte, schossen neue Blthen aus den Zweigen des
Mandelbaumes empor.

So! Du besserst deinen Vortrag.

Der Sultan rief: Eh ich diese Blume berhre, mu mein Ruhm bis hinter
Monomotapa ertnen. Er hatte grade Krieg, mit einem Frsten von Habesch,
um das Land Darmi, was in der Mitte von Darkulla und Habesch liegt. Er
zog ihm entgegen, aber traurig beim Abschied, denn Gigi, die Strahlende
im Harem, wie die leuchtenden Wangen des Mondes unter den Sternen, die
sich meistens schamhaft verbergen, wenn er am blauen Himmel heraufzieht;
hatte ihm verwegen erklrt: Und so du auch siegreich heimkehrst aus
deinem Kriege, und so dein Ruhm bis hinter Monomotapa ertnt, ich werde
dennoch deine Sultanin nicht. Du bist nur Herr meines Lebens, nicht
meiner Liebe. Sieh diesen Ring, den mir eine Zauberin in Senimar
schenkte. Ein einziger Tropfen Gift, fliet in seinem hohlen Diamanten,
aber so wirksam, da ich, wie er die Lippe berhrt, todt hinsinke; ja
wer noch meinem Leichnam naht, mu pltzlich sterben. Diesen Ring
entwindet mir keine Kraft, denn schon frher werde ich den Tropfen
schlrfen.

Kuku hoffte aber, Gigi wrde den Sinn noch ndern, und schrieb ihr aus
dem Lager: Sie sollte knftig gegen den Landesgebrauch nur die einzige
Sultanin sein, wenn sie ihn liebte.

O, unterbrach Flore den schwarzen Minister wieder, dieser Kuku ist zur
Hlfte schon gut, und die andre Hlfte kann gut werden. Zu strenge Gigi!

Den Sultan traf Unglck, fuhr Lolo fort. Er wurde geschlagen und ein
streifender Trupp Beduinen, der denen von Habesch beistand, schlich in
seinem Rkken durch, um den Pa des Felsenlandes zu besetzen, der von
den Vtern zu einer Zuflucht in Kriegsnoth eingerichtet war. Kuku
frchtete, seine Weiber mgten den Feinden in die Hnde fallen, und
sandte Befehl, sie sollten lieber alle sterben.

O von der grausamen Geschichte vernahm ich schon.

Die schwarzen Weiber kamen tanzend und reichten das Haupt dar, denn der
geliebte Sultan hatte geboten. Die braunen und gelben erschienen auch,
doch zitternd und leisklagend. Die Weissen erhuben ein lautes
Jammergeschrei, und Gewalt mute sie nach dem Richtplatz fhren. Doch
Gigi --

Nun Gigi?

Gigi fand unbegreiflicher Weise Mittel zu fliehn. Ein Beduine hatte sich
bei Nacht durch die Wachen des Pallastes geschlichen, und sie gerettet.
Bald fhrte Gigi selbst ein Heer von Beduinen an, und half Kuku
bekriegen, der sie hatte morden lassen wollen. Kuku schlug die von
Habesch, aber jene Beduinen vermogte er nicht zu berwinden. Er lie
Gigi Friedensvorschlge thun, die Stolze verwarf sie. Es gab endlich
keinen Ausweg, als der tapfern Cafferin das streitige Land zu
berlassen, was die von Habesch und die von Darkulla zufrieden waren.
Sie wurde nun selbst Herrscherin.

Also ist es doch nicht ohne Beispiel, da Weiber in diesen Gegenden
regieren?

Kuku war des Krieges mde, und beschlo in das feste Land zu ziehn.
Seinem Bruder Tata bergab er alle Provinzen, die auer der Felsenkette
lagen, und dachte nur daran, andre Weiber zu kaufen. Viele wurden nach
Darkulla gebracht, doch alle entlie er wieder. Er hatte Gigi gesehn,
und keine andre Schnheit konnte ihn mehr rhren. In Gram und Trbsinn
schwanden seine Tage. Endlich kamst du Eselin der Eselinnen, erhabene
Sultanin Nene, seine Heiterkeit kehrte zurck, und bald wird er auch
Gigi vergessen.

Flore dachte einen Augenblick darber nach, wie doch ihre Schnheit,
einst vielleicht mit Recht gepriesen, aber dann die Wonne so vieler
Glcklichen, noch in der Tiefe von Afrika die wundervolle Wirkung
hervorbringen knne? Sie war aber keineswegs unzufrieden damit, und
erinnerte Lolo fortzufahren.

Ein Jahr ist es nun bald, seitdem Gigi den Thron in Darmir bestieg.
Viele schne und edelgebrtige arabische Jnglinge langten an, zeigten
sich auf Rossen, die die lteste Ahnentafel aufweisen konnten, suchten
Gigis Herz zu gewinnen, und den Thron mit ihr zu theilen. Nie sah man
gewaltigere Kraft, khnere Geschicklichkeit. Einer stritt siegreich mit
Lwen und Tigern, ein anderer setzte in Strme, und bekmpfte das
Krokodill, noch ein anderer schwamm mit seinem Hengste einen Wasserfall
hinunter. Umsonst! Gigi lie ihnen Geschenke reichen, und gab ihnen
sicheres Geleit in die Heimath.

Beim Himmel! ich mgte diese Gigi kennen!

Die Hupter des Volks baten sie, sich zu vermhlen. Sie sprach: Nur noch
einige Geduld, und ich schenke euch einen Knig.

Einstweilen lie sie Kanle graben, Stdte bauen, Wsten in Grten
umwandeln.

Sicher ist Gigi aus Europa, einer Trkin Trgheit wrde nicht so schne
Plane entwerfen.

Wie man spricht, soll sie aus dem kleinen Lndchen stammen, das du
nanntest. Die Beduinen wunderten sich um so mehr, Gigi so gut zu sehn,
da ganz Afrika wei, da die Caffern aus dem Lndchen Europa boshaft,
geizig und treulos sind.

O es giebt viele Ausnahmen, glaube mir.

Um aber ihre Stdte, ihre Grten schneller emporsteigen, emporblhen zu
sehn, begehrte sie hundert Caffersklaven zu kaufen, die knstlich Gerth
zu fertigen wten. Sie sollten in Darmi freie Leute seyn und geehrt. Da
die Sklavenhndler aber nicht verstanden, solche Sklaven auszuwhlen,
und ihrer berhaupt wenige fanden, so empfingen zwei Kaufleute in
Egypten durch die Knigin Gigi den Auftrag, freie Mnner der Art zu
werben, die sich mit Weib und Kind bei ihr ansiedelten. Die Kaufleute
sollten sie selbst bringen, und mit Reichthum gesegnet werden. Es fanden
sich auch zwei Egypter willig, ein alter und ein junger Mann. Mit einer
Caravane kamen sie samt den geschickten Mnnern bis Darfur, dessen
Sultan sie bis zur Grnze geleiten lie, denn Gigi hatte deshalb
unterhandelt, und viel Gold dafr erlegt. Nun langten sie in Tatas Reich
an, meldeten sich bei dem Melek, und sagten: Knigin Gigi habe ihnen
hier auch den Durchzug bewirkt, wie sie wohl wten. Tata war auch
dieserhalb angegangen worden, hatte aber der alten Feindin wenig Gehr
geliehn, sie drohte darauf heftig, und meinte dann, Tatas Furcht vor
ihren Waffen werde nicht zugeben, da er die Mnner zurckhielt.

Tata aber verdrossen die Drohworte der Nachbarin. Er berlegte auch mit
seinen Rthen, ob es gut gethan sey, Gigi die Mnner zukommen zu lassen.
Es sind ihrer Hundert nur, hie es, aber sie fhren Kinder mit sich, die
wieder deren zeugen, wozu sollen wir behlflich seyn, da unsre Feinde
sich mehren, und die Nachkommen mit zahlreicheren Heeren zu kmpfen
haben. Lassen wir diese durch, werden noch mehrere nachziehen. Sie
bringen Gigi Freude und Nutzen, das zu frdern, verdiente sie um
Darkulla nicht.

Kurz, die weisesten Weisen Darkullas entschieden, da es unumgngliche
Klugheit sey, jene Mnner samt ihren Geschlechtern zu vertilgen. Tata
meinte auch, da es keine glnzendere Antwort auf Gigis vermessene
Drohworte gbe, als wenn ihr die Kpfe allein zugeschickt wrden.

O pfui, pfui! Grliche Politik von Afrika! Und ich kann mir denken,
da diese Weisen sich so patriotisch dnkten, als htten sie in einem
gewissen Parlament gesessen. Weiter!

Bei dem allen dachte aber Tata doch auch an den Krieg, der ihm ber den
Hals kommen knne, und er wollte sich auf alle Flle der Hlfe des
Bruders versichern. Deshalb lief eine Anfrage bei dem Esel aller Esel
ein, was man zu thun htte?

Nenne ihn Sultan Kuku, wenn du mit mir redest. Ich erlasse die
berflssige Artigkeit. Und welchen Rath empfing Tata?

Sultan Kuku erwiederte: Wenn jene Caffern wirklich einem Lande Nutzen
bringen knnten, so sey es zwar ein Thorenstreich, sie der Feindin zu
berlassen, doch noch ein grerer, ihnen die Gurgeln zu durchschneiden.
Man knne sie ja anhalten, im Lande selbst ihr kunstreich Gewerb zu
ben.

O ich sehe es, Kuku ist nicht nur gut, er hat auch Verstand, der nur
seiner Bildung harret. Geduld, nur Geduld!

Die Mnner durften also nicht nach Darmi, wurden aber in Schutz
genommen.

Immer treulos gegen Gigi. Sie gehrten ihr an, man mute sie ziehn
lassen, dann einer so verstndigen Monarchin Beispiel folgen, und sich
auch geschickte Caffern verschreiben. Geduld, nur Geduld!

Aber grimmig wie die Leopardin, die des Jgers Pfeil streifte, stand die
Sultanin von Darmi auf. Viel waren der Grnde ihres Zornes, denn sie war
selbst bis an die Grnze gekommen, die Caffern einzuholen, so viel lag
ihr an dem Schmuck der Stdte und Grten; getuscht mute sie sich sehn,
ihre Bitte mit Hohn, ihre Drohung mit Schmach vergolten, und schnell
sammelte sie ein Heer, in des Nachbars Staaten zu brechen.

Flore fielen die Opern ein, die sie in Paris gesehn hatte, und sie rief:
Eine Semiramis, eine Zenobia!

Lolo fuhr fort: So warm legte sich Gigi fr das Schicksal der Mnner
ein, da sie einen Fehdebrief erlie, verkndend: da fr jeden Kopf,
der von ihren Caffern fehlen wrde, Tausend Kpfe aus Darkulla auf
Darmischen Spieen getragen werden sollten, und wrde den Kaufleuten,
welche ihre Caffern fhrten, nur ein Blick des Zornes, so sollten Flamme
und Schwert eine ganze Provinz um dieses Blickes Willen verwsten.

Groherzige schreckliche Knigin!

Das alles wurde nun dem Sultan Kuku gemeldet, und er mute dem Bruder
beistehn. Vielleicht htte er gar bei seinem friedlichen Herzen dem
Bruder gerathen, die Caffern ziehn zu lassen, aber die beleidigende
Sprache Gigis emprte ihn und jeden Darkullaner. Doch in so gerechtem
Krieg wird die gute Sache nicht unterliegen. Gigi steht allein, die von
Habesch sind ihre Verbndete nicht mehr, Kuku und Tata stellen ein
mchtig Heer ins Feld.

Gerechter Krieg, gute Sache, meinst du das?

Ich meine wegen des krnkenden Fehdebriefes.

Htte man gleich das Rechte gethan, wrde man weder den Zorn ber den
Fehdebrief gefhlt, noch den harten Kampf zu kmpfen gehabt haben. Ich
schlage mich ins Mittel. Gleich einen Eilboten. Der Sultan wird meinen
Rath, meine Bitte hren, und der Friede kehrt zurck.

Sie entlie nun den Minister, und fertigte einen Courier an Kuku ab. In
der Depesche beschwur sie ihn, sogleich die Mnner an Gigi zu senden.




                           Zweites Kapitel.
              Versuche mit der Entwicklung zu Darkulla.


Am andern Tag ward der Divan berufen. Als sich alle hohe Staatsbeamten
eingefunden hatten, erschien die Sultanin ohne weitere Anmeldung. Nur
einige Mann der Eunuchengarde und wenige Frauen begleiteten sie.

Darber steckten die vornehmen Neger die Wollkpfe nicht wenig zusammen.
Eine Sultanin, und umgiebt sich nicht mehr mit Schimmer? Was mu das
Volk denken. Es wird sich erfrechen zu glauben, sie sei vom gewhnlichen
Geschlecht der Menschen.

Flore stieg nicht die Stufen zum Throne hinauf, deren Hundert vorhanden
waren, sondern blieb auf der zweiten oder dritten stehn. Hier glaubte
sie von allen gesehn und verstanden zu werden, und darum war es ihr zu
thun.

Auch dies gab Anla zum Kopfschtteln. Wenn sich sonst die Sultaninen
von Darkulla ffentlich zeigten, so waren sie so dicht von Garden und
Hflingen umringt, da man sie nicht sah und auf dem Hundert Stufen
hohen Thron verkleinerten sie sich so, da sie wie Kinder erschienen.

Flore, die ein leises Gehr hatte, vernahm das Geflster, und sagte:
Darkullaner, wer fat euch? Den unntzesten Prunk wollt ihr an euren
Monarchen glnzen sehn, und doch tragt ihr, wie er, keine Kleidung. Doch
hrt nur, was ich euch alles zu sagen habe.

Hier auf der Erhhung wurde sie erst der Menge recht sichtbar, und nie
hatte man wohl den Divan von Darkulla so bewegt gesehn, wie in diesem
Augenblick. Denn konnte die allgemeine Befremdung grer sein? Flore
trug ein Hemd von Musselin.

Bisher hatte sie sich, wie wir schon gesehen haben, zwar durchaus der
Landessitte anbequemen mssen, allein da sie immer ein Schweistuch und
einen Sonnenfcher in den Hnden fhrte, so wute sie einen so
geschickten Gebrauch davon zu machen, da ihr europisches Gefhl
wenigstens einigermaen beruhigt war. Wie aber Kuku abreisete, lie sie
sogleich von einer wollartigen Pflanze ein Gewebe fertigen, und schnitt
es sich selbst zu einer Chemise zu. Es lie sich sonst in Darkulla auch
nicht das geringste von einer Ellenwaare finden.

Man mu glauben, da wenn Flore nicht so schn gewesen wre, und durch
die Anmuth in ihrem Betragen, schon Nachsicht geboten und Unmuth getilgt
htte, der Divan auf der Stelle wrde auseinander geflohn seyn. Denn
grade den Eindruck, den es machen wrde, wenn eine vornehme Dame, in
Europa nach der Mode von Darkulla erschien, brachte dort der europische
Gebrauch hervor.

Aber Flore fing an zu reden, man hrte, wunderte sich, da man nicht
aufhrte zu hren, und hrte dennoch.

Weise Mnner von Darkulla, hub Flore an: Der Sultan euer Beherrscher hat
mir das Regiment whrend seiner Abwesenheit bertragen. Je weniger ich
hoffen kann, einer so unerwarteten Ehre wrdig zu sein, je mehr wird es
mir Pflicht, den Erwartungen, welche Kuku von mir hegt, nach aller Kraft
zu entsprechen, da nimmer ihn seine Wahl reuen mge, und Freude bei der
Wiederkehr sein Herz durchglhe.

Darkullaner, ich bin in einem Lande geboren, wo die Menschen weiter in
Knsten und Erfahrungen sind, wie ihr. Auch was Recht und Sitte als das
Beste empfehlen, wurde dort genauer ausgemittelt wie hier. Fern sei es
von mir, wegen dieses Zurckbleibens auf dem Pfade der Bildung, ein
ganzes Volk zu tadeln. Vieles, was der Einzelne thut, hngt von
Zuflligkeiten ab, und das gilt auch bei Nationen. Wren eure Vter
durch solche Weltereignisse berhrt worden, wie die unsrigen, ihr
stndet heute auf der Stufe, welche meine Landsleute ehrt. Und htten
unsere Voreltern nur einen Lebenskampf gefunden, wie die eurigen, so
besteht gar kein Zweifel, ihre Kinder wrden nicht weiter vorgerckt
sein, wie ihr. Dies schicke ich voran, um jeden Verdacht der Anmaung
von mir zu entfernen.

Allein ich glaube, ich kann gegen das Vertrauen eines Knigs, der mir
liebend entgegen kam, und mich neben sich stellte, gegen den
freundlichen Empfang und willigen Gehorsam eines guten Volkes, nicht
dankbarer mich beweisen, als wenn ich von den Vortheilen, die mein
Vaterland vor euch geniet, Darkulla so viel zuzuwenden strebe, als es
selbst schon aufzunehmen fhig ist. Und da bring ich eure
Empfnglichkeit fr das Gute in keinen geringen Anschlag, denn ich habe
bereits Zeichen wahrgenommen, die den Morgen der Hoffnung lieblich
rtheten.

Es ist der schnste Traum dieser Tage gewesen, den Sultan Kuku bei
seiner Wiederkehr mit Einrichtungen zu berraschen, die ihm, wie dem
Volke, Segen und Wonne bringen knnten, und mein Herz drngt mich, dem
Traume Wirklichkeit zu geben. Euer Beistand ist es, worauf ich dabei
zhle, und weiser Sinn, wie das lebendige Gefhl fr das Bessere, werden
mir ihn nicht versagen.

Es sind vorerst drei Gesetze, die ich zu erlassen gedenke, nachdem sie
eurer reiflichen Prfung vorgelegt sind.

Das erste betrifft die Kleidung.

Anstig, eckelhaft, anstig ist es, Darkullaner, da ihr die Sitte
auch der letzten unter den gebildeten Nationen nicht nachahmt, und
rgerlich eure Ble zur Schau tragt. Wohl mu ich erkennen, da euer
Himmelsstrich hierin andere Gewohnheiten vorschreibt, wie Zonen, in
denen das Wasser in Flssen zum Stein erstarrt, und aus den Gewlken zu
Staub gefroren niedersinkt. Allein was nicht die Nothwendigkeit der
Erwrmung fordert, ist man der guten Sitte schuldig. Gewhnt euch daran,
ein dnnes Gewand zu tragen, und bald werdet ihr empfinden, da das
Achtungsgefhl fr jeden Einzelnen zunimmt, es wird euch Freude sein,
auch andern es wieder zuzugestehn, und ein wichtiger Schritt der
Veredlung ist gethan. Ich sprche nicht davon, um nicht die
Zurckhaltung aufzugeben, die der Weiblichkeit immer wohl steht, aber
ich mu euch doch alles sagen, was zur Sache gehrt, so darf ich um so
eher hoffen, euch zu bewegen. Wisset, dasjenige Entzkken, wodurch die
Natur der Menschen Herzen am innigsten rhren wollte, ich meine die
Liebe, wird euch mit reinerem, hellerem Stralenschein umflieen, wenn
ihr dem Geheimnisse Tempel erbaut, und es gab vielleicht weniger das
Bedrfni, wie der Liebe Sehnsucht nach ausgewhlten Genssen,
Gelegenheit zu Erfindung des Kleides. Denkt nach ber diese wichtige
Angelegenheit, Mnner von Darkulla, nennt mir eure Bemerkungen darber
und helft dann redlich und eilig das Gesetz vollziehn, indem ihr die
Ersten seid, die dem Willen der Regentin mit Unterwrfigkeit begegnen.

Ferner komme ich auf die widernatrliche, grausame, unerhrte
Gewohnheit, manchen aus Kurzweil zu morden, zu verstmmeln. Der Vornehme
unter euch, der sich, wie er es nennt, eine heilsame Bewegung machen,
oder sich am Grlichen eine Augenweide verschaffen will, ruft nur
seinen Sklaven hervor, wenn er will, und stillt sein wildes Vergngen.
Der Sultan, dessen Sklaven ihr alle seid, kann auch den, der ihm am
nchsten steht, zum Opfer auswhlen. Hier, Darkullaner, vertheidigt euch
auch der Vter Beispiel nicht. Jeder Erdensohn mu nach dem Triebe, das
seinige zu erhalten, den Werth des fremden Lebens wgen. Es mu ihm
heilig sein, damit ihn selbst nicht grause Furcht qule. Eine
unerbittliche Satzung, da des Blutvergieers Blut die Schuld shnen
solle, wird bald ein so freventliches Gelst austilgen. Die Menschen
sind sich gleich, und welche brgerliche Abstufungen auch in eurem Lande
vorhanden sind, so darf auch der Niedrigste nicht so erniedrigt werden,
da sein Leben von der Willkhr abhngig sei. Begebt euch aus guter
Ueberzeugung eines schndlichen Rechtes, und ich verheie euch, den
Sultan Kuku zu einem gleichen Entschlusse zu vermgen. Auch Mahomeds
Religion verbietet solche ungemessene Greuelthat. Aber ihr versteht
wenig mehr davon, wie die Erlaubni, viele Weiber zu frein, und die
Aussicht auf ein phantastisches Paradies, das ihr noch mit
Heidenaberglauben schmckt. Davon knftig mehr, vorerst macht nur dem
rgsten Mibrauch, der je eine Vlkerschaft entehrte, ein Ende.

Noch mu ich ber den Titel reden, den ihr euren Oberhuptern beilegt.
Durch manches Land kam ich auf meinen Reisen, aber einen so lcherlichen
Versto gegen Ehrfurcht und Schicklichkeit nahm ich an keinem Orte wahr.
In Darfur grt das Volk seinen Knig: Bffel der Bffel, in Darkulla
gar Esel der Esel. Wie ntzlich, krftig oder stattlich euch ein Thier
erscheinen mag, so ist es unwrdig, nur den geringsten Menschen damit zu
vergleichen, da er an Schnheit der Gestalt, Vortheil der Glieder, und
dem entwickelten Geist so weit emporragt. Der Mensch ist so trefflich
dargestellt, da man eher ihn mit dem Gttlichen vergleichen mgte. Dies
ziemte aber wieder nicht. Also kein Vergleich, eine Benennung nur, die
Liebe, Vertrauen und Gehorsam ausdrckt, aber durchaus menschlich ist.

Hier endete Flore. Es war ihr keineswegs entgangen, da whrend ihrer
ganzen Rede, viele leidenschaftliche Aufwallungen ihre Hrer bewegt
hatten. Zugleich war ihr aber auch der Kampf sichtbar geworden, den die
Mitglieder des Divans im Innern gegen ihren erregten Unwillen bestanden,
und sie schrieb diese Erscheinung der eindringenden siegreichen Kraft
ihrer Grnde zu.

Irthum! Man hatte sich nur angefeuert, die verderblichen Grundstze der
Liebenswrdigkeit der Rednerin zu verzeihen.

Der lteste unter den Rthen bat um die Erlaubni, seine bescheidenen
Anmerkungen ber die weise Rede an den Tag zu legen, und sie wurde ihm
gewhrt, so wie jedem, der etwas darber zu sagen hatte.

Eselin der Eselinnen, Tochter einer Eselin, und Mutter vieler Esel,
erhabene Sultanin Nene, hre mich.

Hier bi Flore vor Aerger in die Lippen, der gute Alte fuhr aber fort:

La dich einen Greis beschwren, der der Grube zuwankt, und das
Bewutsein mit keiner Falschheit beladen wird, la dich beschwren,
deine Irthmer zu meiden. Dein Tadel straft das Volk von Darkulla, weil
es nicht den Leib mit eitlem Gewande berhngt, und du nennest diese
Sitte unanstndig und sndlich. Sprich, wie kann es unanstndig sein,
den Leib, den Gott so schn, so kunstvoll bildete, frei zu zeigen. Lie
er nicht das Kind in Nacktheit geboren werden? Mifiel ihm der Mensch
ohne Hlle, wrde er ihn nicht gleich mit einer Bedekkung versehn haben?
Aber nicht einmal Schaalen, wie der Schildkrte, oder dem Krebse, nicht
einmal ein Haus, wie der Schnecke und Muschel gab er ihm, und winkt also
deutlich genug seinen Willen herab. Klger mten wir uns dnken, wie
der Weiseste, tugendhafter wie der Vollkommenste, wenn wir besser
verstehn wollten, wie der Mensch das Leben zu durchwandeln hat. Nein,
glaube mir, du hegst Irrthmer, noch mehr, du sndigst gegen den Herrn
der Himmel, und wirst seinen Zorn auf dich laden. Wirf sie weg, diese
frechen Gewebe, die die Schnheit, welche dir gegeben ward, den Blicken
entziehn, ja selbst verkndigen du schmest dich der Glieder, die der
Herr schuf. Eben darum nehmen wir nicht alle Lehren Mahomeds an, weil
sie gebieten, das Weib zu verschleiern, ein Frevel, zu dem sich unsre
Ehrfurcht vor Gott nie verstehn wird. Schreibe in dein Herz, was ich dir
sagte, ich bin zu bewegt, und mu schweigen.

Ein andrer stand nun auf, und nach der gewhnlichen Hflichkeitsanrede,
kam er zur Sache:

Wie, Kniginn, wir sollten der leichten, freien Bewegung unseres Leibes
ein Hinderni setzen, uns steif und ungelenk machen? Wir sollten die
Glieder verwhnen, von der Luft gestrkt und erfrischet, die jedem
Sonnenstrahl trotzten, und mit einer empfindlichen Haut, die Krankheiten
auf uns laden, von denen man in Egypten so viel hrt, wie die Gereiseten
sagen? Sind Gelenkigkeit und Kraft nicht schtzbarere Gter, wie einige
bunte Lappen, die, htte sie auch der erste Knstler unter den
kunstreichen Caffern gefertigt, doch nimmer dem Gefieder eines Papagoyen
gleichen. Darum, wenn wir uns ja mit etwas schmcken, so sind es Federn
im Haar, oder Muscheln am Halse, beides von dem hchsten Knstler
hervorgebracht.

Noch ein andrer setzte hinzu: Und woher sollten wir doch Kleider
bekommen? gesetzt wir wren auch so ruchlos, deren anlegen zu wollen? In
Darkulla giebt es dazu kein Werkzeug, keine Arbeiter. Sollen wir den
Fremden dafr von unserm Reichthum geben, wird Darkulla bald arm seyn.
Sollen die Mnner von Darkulla selbst die verdrieliche mhvolle Arbeit
unternehmen, den nichtigen Tand zu bereiten, so mssen sie einer der
holdesten Sssigkeiten des Lebens entsagen, der lieblichen
Geschftlosigkeit. Diese Gewerbe wrden die Arbeiter verkrppeln, man
wrde bald Siechlinge erblicken, wo jetzt nur nervigte Kernmnner
vorhanden sind. Bald wrde auch eitler Stolz einreissen, jeder sein
Kleid besser wollen, wie der Nachbar. Neid und Migunst, Abhngigkeit
und Hundert andre Uebel, die wir zum Glck unsrer Unschuld noch gar
nicht kennen, von denen wir nur hier und da reden hrten, wrden im
Gefolge der Kleider nahen.

Der Alte hatte sich in etwas erholt, und fgte noch einige Worte hinzu.
Sultanin, sprach er, du nanntest auch eine Erhhung der Freude im
Liebesgenu, zu den Vortheilen, welche mit den Kleidern ber Darkulla
kommen wrden. Wie, ist man in deinem Vaterlande so entmarkt, da es
erknstelte Reize gilt, um Reiz zu empfinden, davon wei Darkulla noch
nichts, und seine starke Bevlkerung mag fr mich zeugen. Soll aber
Zgellosigkeit an die Stelle der Freude treten, o dann flehen unsere
Vter, flehen unsere Mtter: Erbarme dich der Kinder, und lasse die
Kleider weg!

Ferner, o Eselin der Eselinnen! verwirfst du das Recht ber Leben und
Tod, das bei uns dem Herrn gegen seine Knechte zusteht, wie die Pflicht
der letzteren, freudig der Lust des Herrn, Kopf und Brust darzubieten.
Bedachtest du aber auch, wie dadurch bei uns eine Herrschaft ber die
Gemther, eine Leichtigkeit der Ordnung entstehn, die man vergebens bei
allen Vlkern der Erde suchen wrde?

Wie tief ist die Liebe zu einem Herrn, fr den man jeden Augenblick
bereit ist, zu sterben. Was kann ein Herr, den die Knechte so lieben,
nicht unter dem Werth des Lebens fordern. Wie gewi, wie willig werden
nicht alle seine Winke erfllt? Statt anderwrts mit groer Mhe, und
dennoch lckenhaft und unvollkommen die Gesetze erlassen werden, bedarf
es deren bei uns gar nicht, der Geist des unbedingten Gehorchens geht
schon in den Knaben ber, wenn der Sugling entwhnt wird, und stirbt
erst mit dem Greise. Denkst du eine so herrliche Zusammenstimmung des
Willens zu stren?

Ein andrer nahm das Wort. Wir sind ein Volk von Kriegern. Zwar drften
wir in der felsenbewachten Provinz ruhig gegen alle Angriffe seyn, und
eine geringe Zahl ausgenommen, die den Eingang zu vertheidigen htte,
die Schwerter zerbrechen, aber die Darkullaner, welche drauen wohnen,
sind auch unsere Brder, wir wollen sie nicht der Feinde Sklaverei
preisgeben, oder schimpflich groe Lande meiden. Und einem Kerker gliche
dann das Darkulla zwischen den Bergen, Niemand drfte es mehr verlassen.
Wo kann es aber wohl furchtbarere Krieger geben, wie da, wo niemand das
Leben achtet? Das haben unsere Feinde oft gefhlt. Da auch der Anblick
des Blutes, der Todesmartern, nach langem Frieden, nicht den Anfhrern,
nicht den geringen Kriegern ungewohnt sey, und Muth und Besonnenheit
stre, ist es vortrefflich, von Zeit zu Zeit das Schauspiel des Mordes
zu wiederholen. Mnnlicher Sinn, Gleichgltigkeit gegen fremde und eigne
Qual, weichen so nimmer aus unsern Gemthern.

Ein Dritter fgte noch hinzu: Wir hassen Anstrengung, Mhe, Flei, die
doch, wie jeder gesteht, den Menschen peinigen. Anderwrts mssen die
Feldherrn den Krieg wie eine beschwerliche Kunst erlernen. Einen groen
Theil seiner Zeit ngstet sich der Bei in Egypten ab, wie er am besten
begreife, die Truppen gegen den Feind zu stellen, mit Vortheil auf
Feindes Reihen zu fhren. Der arabische Reuter tummelt sich und sein Ro
bis zum Ermatten, der Fukrieger bt im Schweis des Angesichts, das
Zielen seines Geschosses. Das alles darf der khne Sohn Darkullas nicht.
In dichten Haufen, mit Keulen oder Schwerdt gewaffnet, wlzt sich
Darkullas Heer vorwrts. Zurck begehrt Niemand mehr, der im Tode kein
Uebel zu sehn gewohnt ist. Mgen sie kunstreich schieen, nur Tausend
Mann darauf losgestrmt. Was nicht fiel, erwrgt die Feinde. Stolze
Gegner haben uns mit abgerichteten Elephanten bekriegt. Da warfen sich
gleich ein zwanzig Mann in den Staub, lieen sich lachend zerstampfen,
whrend andere dem Thier die Speere in den Leib senkten, oder
hinaufklimmten, die Fhrer herabzuschleudern. Sogar einen der ehernen
Feuerrachen, wie man sie im fernsten Caffernlande hat, wo gewi die
Menschen ihre eigne Kraft schon lange einbten, hat der Sultan von
Darfur gegen uns gebraucht. Wie spotteten Darkullas Krieger der eitlen
Bosheit! Es kostete einen Anlauf. Kaum hundert wurden zerrissen, da
gehrte das plumpe Werkzeug uns, wir zwangen seine Schtzen, ihre
eigenen Brder damit zu erlegen, und bewahren es noch auf. Soll diese
Heldengewalt unserer Krieger, die seit Jahrtausenden unsre Haabe, unsre
Freiheit so krftig beschtzt, in Darkulla untergehn? Nein, erhabne
Sultanin, das wirst du nicht wollen.

Jetzt bat jener Alte wieder um das Wort: Eselin der Eselinnen! am
tiefsten hast du unsere treuedurchglhten Herzen verwundet, da das
Verlangen laut wurde, unsern uralten ehrwrdigen Knigstitel zu ndern.
Ich flehe dich an, erhabene Sultanin, erwge, welchen schlimmen Eindruck
es auf die Menge hervorbringen wrde, wenn ihr gestattet seyn sollte,
dem Oberhaupte, die ihm von den weisen Vtern erzeigte, ihm immer
gebhrende, von dem Vater auf den Sohn fortgepflanzte, Ehrenbezeugung zu
entziehn. Alterthum allein heiligt schon Gebruche, man darf nur mit
Vorsicht daran rhren. Viel gewhnlicher, viel leichter wrde der
Darkullaner von seinem Knige denken, ber ihn fhlen, das Verhltni
der Unterthanen zu dem Gewalthaber betrachten, wenn es ein so wenig
bedeutender Gegenstand wre, das Bild, wodurch er die Herzen rhrt, zu
zerschlagen. Es wre der erste Schritt einer gefhrlichen Verminderung
des ehrfrchtend, zutraulichen, kindlichen Sinnes.

Der zweite Rath warf ein: Du sagtest, erhabene Sultanin Nene, wohl mit
dem Gttlichen wre eher der Mensch zu vergleichen, als mit dem Thier.
Nach dem Ebenbilde Gottes sei er gemacht. Verzeihe mir, ich begreife
nicht, wie irgend eine Religion sich vermessen kann, einen so anmaenden
Stolz zu lehren. Was wrde gar aus dem Sultan werden, dessen Macht auf
Erden so gro ist, so gro sein mu, wenn ihn seine Diener einen Gott
nennten? Grade, weil sie ihn so hoch stellten, mu er sich fleiiger
erinnern, da er bei aller Erdengewalt dennoch nur ein Wurm im Staube
ist. Nein, Sultanin, la uns das Herz unserer Knige nicht verderben,
indem Wahn der gttlichen Natur ber die Betrogenen kmmt.

Der dritte trug noch folgende Einwendungen vor:

In Afrika ist es Gewohnheit, die Rede mit Bildern zu schmcken. Der
Vergleich ist anmuthig, bt spielend den Scharfsinn. Oft enthlt er eine
Lehre, die sich ohne Mhe einprgt. Vergleichen wir nun unsern Knig mit
einem Esel, so wird nicht nur der Scharfsinn dadurch aufgefordert, die
Aehnlichkeiten zu suchen, sondern auch heilsam an die in dem Witze
enthaltene Lehre gemahnt, was grade dem Knige selbst am ntzlichsten
werden kann. Andre Vlker haben Thiere gewhlt, die in ihrem Lande
vielleicht vortheilhafter zu brauchen waren, bei uns ist aber der Esel
Alles in Allem. In Darfur nennen sie den Sultan: Bffel der Bffel,
Elephanten von gewaltiger Strke; in Bornu: Lwen der Lwen, Tyger von
wthendem Grimm. Sollte unsre Wahl nicht edler sein? Jene Thiere
frchtet der Mensch mehr, als er sie liebt, sie machen von ihrer Kraft
hufig einen schlimmen Gebrauch, und derjenige, dem man ihre Namen
zutheilt, kann auch leicht zu einem hnlichen Migriff verfhrt werden.
Aber man blicke auf die Esel in Darkulla. Wie zart gebaut, wie reinlich,
weich, und von glnzender Haut sind sie. Wie sicher ihr leichter Tritt.
Mit welcher Geduld tragen sie groe Lasten. Von dem reichsten Vorrath an
Sesam oder Mais umgeben, schwelgen sie nimmer, genieen nur das Nthige;
beim Mangel der Wste behelfen sie sich mit schlechter karger Kost. Sie
sind sanftmthig, greifen niemand an, nur heftig gereizt beien sie,
oder schlagen hinten aus. Nun sage selbst, o Sultanin, mit welchem
Thiere wre Darkullas Sultan sinnvoller zu gleichen? Mgte nicht jedes
Reich gern einem durch die uere Form schon einnehmenden Herrscher
gehorchen? Sind es nicht kstliche Tugenden am Thron, leicht und doch
sicher die Geschfte der Regierung zu treiben, die Last des Ruders mit
Geduld zu tragen, mitten im Ueberflusse wirthlich zu sein, und im
Nothfalle sich auch schlecht begngen zu knnen? Die friedliche sanfte
Gemthsart des Landesvaters, welch eine Schutz und Wehr der Unterthanen
gegen Gewaltthat im Innern; denn dem Beispiele von oben werden alle
Gewaltige des Landes folgen. Wird der Sultan nur zornig, wenn ihn
Beleidigung reitzt, so hat sein Reich keine unntze Kriege zu besorgen.
Darkulla, das sich mehr vertheidigen als erobern will, kann durchaus
keinen rhrenderen Vergleich whlen, wovon dich gewi meine Grnde
berzeugten, und du wirst fortan freundlich lcheln, wenn dir das schne
Ehrenwort: Eselin der Eselinnen, ertnt. Ob wir gleich nicht glauben, es
bedrfe bei deinen Vollkommenheiten, noch einer Mahnung, an die Tugenden
des sanften Thieres zu denken, so nennten wir dich doch ungern Krokodill
der Krokodille, aus Furcht, du mgtest bei den fteren Erinnerungen
etwas von der Natur des Ungeheuers in dich aufnehmen.




                           Drittes Kapitel.
                             Fortsetzung.


Flore war abwechselnd bleich und roth geworden, whrend die Opponenten
redeten. Htte sie wieder gewut, jene in die Enge zu treiben, so wre
wenigstens der Vortheil auf der Schwarzen Seite gewesen, da ihre Farbe
sich nicht nderte. Doch sie war wohl auf rohen Eigensinn, starres
Vorurtheil gefat, nicht aber auf Grnde, und so war ihre Verlegenheit
in der That nicht klein. Die Kernsprche der franzsischen Literatur von
der allgemeinen Art, (sie hat deren weit mehr, wie die sich gern ber
sie erhebende deutsche) sind fast Jedermann in Frankreich bekannt, darum
fiel auch Fontenelle's Wort: ^Chacun a raison^, Floren mehr als Einmal
in dieser Verlegenheit bei. Doch lie ihr feiner Takt sie zugleich
begreifen, da sie ohne Gefahr des Ansehens, nichts einrumen drfe; und
mogte gleich ein geheimer Verdru in ihr erwachen, die Hand an die
Aufklrung von Darkulla gelegt zu haben, so meinte sie nun doch, der
eingeschlagene Pfad sei nicht mehr zu verlassen. Eine solche Festigkeit
des Regierungssistems ist schon oft von der Menschenkunde empfohlen
worden. Giebt man im Gefhl des Unrechtes nach, wird auch nchstens bei
vollem Recht der Geist der Schwierigkeit aufwachen.

Flore sagte nichts, als: Ich werde in meinem Cabinette weiter
beschlieen, und entfernte sich mit einer etwas khlen Verbeugung.

Die Glieder des Divans sahen einander bei diesem Zeichen von
Unzufriedenheit bekmmert an, doch das Bewutsein, der Pflichten Stimme
gehorcht zu haben, richtete sie wieder auf.

Man kann vermuthen, da der Rath gefgiger erfunden wre, htte er
Jnglinge in seiner Mitte gezhlt. Allein es durfte in Darkulla Niemand
vor dem sechzigsten Jahre in den Divan treten, und das ist freilich eine
vortreffliche Einrichtung, wo man nicht von der Stelle will.

Da nun aber Flore nach ihrem Kabinette ging, sahe sie zu ihrer groen
Verwunderung, da alle ihre zurckgebliebenen Dienerinnen sich mit
mchtigen Feigenblttern versehn hatten. Der Ruf von dem Willen der
Sultanin war schon zu ihnen gedrungen, und mit hchster Eile hatte man
zu gefallen gesucht. Die Kammerherren staken vom Haupt bis zum Fu in
Ziegenhuten, etwas andres war so schnell nicht herbeizuschaffen
gewesen. Man kann also denken, wie diese Kammerherren nicht erst Floren
wrden wegen ihrer weisen Befehle geschmeichelt haben, wenn die
Darkullanische Weisheit ihnen nicht die Zungen genommen htte.

Der Eunuchoberst fragte gehorsam an: ob seine Soldaten auch gekleidet
erscheinen sollten? ohne besondre Ordre that der pnktliche Mann nichts.
Flore glaubte Ja antworten zu mssen, und nun richtete er fr sich ein
Tygerfell, und fr die brigen Schaafshute zu, doch alle von Einer
Farbe, der Geist der Uniform fuhr wunderbarlich in ihn.

Flore berlegte hin und her. Lasse ich, dachte sie, die Geheimschreiber
kommen, Edikte ausfertigen, und an die Ecken schlagen, so mu das Volk
thun, was ich begehre. Da nicht berall Neigung zum Widerstande
vorhanden ist, beweisen die Hofleute, die gefllig erfllen, was die
grmlichen Rthe mit weitluftiger, schwlstiger Beredsamkeit umwerfen
wollen. Aber wenn ich bedenkliche Ghrungen ins Leben rief? Nun da
knnte sich Entschlossenheit bewhren. Doch zu rasch ist so was nicht zu
wagen, aber man darf jenen Rthen auch keine Schwche verrathen.

Die letzte Betrachtung berwog, Flore gerieth in eine edle muthige
Hitze, die Geheimschreiber erhielten sogleich Befehl, in den Pallast zu
kommen. Noch aber waren die ausgefertigten Edikte nicht unterschrieben,
als sich der lteste von den Rthen melden lie, und nochmals, Treue und
Liebe in Blick, Sprache und Geberde, warnte. Er hatte die Berufung der
Geheimschreiber erfahren, und dies ihn zu dem gegenwrtigen Schritte
bewogen.

Flore war sehr verdrielich, gab ihm bald zu verstehn, er sei die
berzhlige Person im Cabinette, zauderte aber dennoch mit der
Unterschrift. Es ging ihr wie Elisabeth von England, mit dem
Unterschiede, da jene bei einem grausamen Befehl nicht zum Entschlu
gelangen konnte, Flore aber nicht, wo sie von der Trefflichkeit
desselben berzeugt war.




                           Viertes Kapitel.
                      Nachrichten aus dem Felde.


Es waren einige Wochen hingegangen, und in der Zeit hatte Flore auch
wohl zuweilen bedacht: Was geht mich die Aufklrung der Darkullaner wohl
an? Wenn ich des Volkes Meinungen nicht feindlich berhre, welch
herrlich Loos erwartet hier die Sultanin? Ich rnte keinen Dank fr
meinen Willen, die Unwissenheit auf eine hhere Stufe der Bildung zu
erheben.

Darber verzog sich die Unterschrift je lnger und lnger. Aber Flore
zeigte sich nicht wieder im Divan, sie wollte nicht als die Nachgiebige
dastehn.

Jetzt langte aber ein Eilbote vom Heere an, und berbrachte Briefe von
Kuku. Die Sultanin zitterte bei ihrer Erbrechung, als wenn sie den
feurigen Schwarzen schon liebte, und es keinen Ring mehr in der Welt
gbe.

Der erste Brief bestand in Herzensergieungen. Nach einem Eingange voll
Schwre der Liebe, so hei, und mit Bildersprache und Dichtung verwebt,
wie ihn je eine Prinzessin Afrikas empfangen hat, schrieb Kuku auch: er
msse wahrlich den ihm ertheilten Rath, Gigi die Mnner von Caffernland
auszuliefern, wohl berlegt finden. Auch wrde er ihn vielleicht noch
befolgt, und sogar ber der Beduinenknigin Fehdebrief hinweggesehen
haben, wenn sich unterdessen die Umstnde nicht noch betrchtlich
gendert htten. Aber bei seiner Ankunft im Lager sei Tatas Vortrab
bereits durch Gigi aufs Haupt geschlagen gewesen, und da unglcklicher
Weise das emprte Volk in des Bruders Hauptstadt, die Mnner mit lauten
Schmhworten gekrnkt htte, und das der zornigen Feindin hinterbracht
worden sey, habe sie einen Theil ihrer Drohungen frchterlich erfllt,
und den besetzten Landstrich mit Feuer und Waffen verwstet. Das fordre
nun Rache, und der Krieg msse auf das nachdrcklichste fortgesetzt
werden. Er sey auch schon so glcklich gewesen, mehrere
Truppenabtheilungen der Beduinen aufzureiben, und die groen Heere
rckten nunmehr gegen Einander. Eine Hauptschlacht msse entscheiden,
doch schien diese noch nicht so nahe zu sein, da die Regenzeit
Hindernisse lege, und beide Theile auf reiche Vorrthe an Lebensmitteln
Bedacht nehmen mten, um mit den groen Heeren durch die Wste zu
ziehn, die sie noch zwischen sich htten.

Nun kamen wieder Zrtlichkeiten an die Reihe, und zwar im chten
altdarkullanischen Geschmack. Kuku meldete: er habe bereits Tausend
Kpfe von Erschlagenen gesammelt, die er ihr in Skken von Kameelhaut
schicke. Sie wren schon unterwegs, nur wrde der Eilbote allerdings
frher eintreffen. Nchstdem wrden Tausend lebendige Gefangene
anlangen. So sei er ihrer werth, und nach der Heimkehr sollte ganz
Darkulla des Beilagers wegen, vier Wochen lang trunken sein, ob es
gleich Mahomed untersagte, dem bei diesem Verbot, sein Volk noch nicht
zu gehorchen erlernt habe.

Hier lie Flore den Brief auf ihren Schoo sinken, und dachte nach: --
Sultanin, nun wirkliche Sultanin? Darf ich es, wie auch Hoheit und
Freude mich anlocken? Wenn nun Ring lebt, und was sollte er nicht? Mu
ich nicht wie Gigi handeln, die Krftige? Aber ich besitze den Trank
nicht, und Ring selbst wrde es verdammen, wenn ich den Trank schlrfte.
O da mir doch eine Nachricht ber ihn zukme, nun, da sich Kukus Krieg
in die Lnge ziehn wird, erscheint Musa vielleicht eher wieder.

Sie las fort, warf aber den Brief unwillig zur Erde, denn was noch
folgte, emprte sie mehr, als das ihr zugedachte grliche Geschenk.
Kuku endete den Brief damit, da er die Hoffnung uerte, die Feindin
werde durch die Tapferkeit der Shne Darkullas vllig berwunden werden,
ja selbst gefangen in seine Hnde gerathen. Ist ihr dann das Kleinod zu
rechter Zeit zu entwinden, welches das geheime Gift verbirgt, o dann
soll die, welche ich zur Sultanin, zur einzigen Sultanin von Darkulla
erheben wollte, mir frhnen wie die gemeinste Buhldirne, und wenn meine
Lust gebt wurde, den Knechten preisgegeben werden. -- Das werd ich
verbitten, unzarter Afrikaner! rief Flore bei dieser Stelle aus. --
Und, hie es schauderhaft weiter, mordet sie ihr Trank, soll auch ihr
Leichnam der Entweihung nicht entgehn, und sollte der Tod viele Knechte
-- -- --

Den Rest las Flore gar nicht, sondern rief Abscheu ber den Sultan. Doch
setzte sie hinzu: die Hoffnung ihn zu bessern, geb ich immer nicht auf.

Der zweite Brief wurde erbrochen. Er war offiziell, und so angethan, da
die Sultanin ihn im Divan vorlesen sollte.

Erst fand man eine Reihe von Berichten, ber die Kriegsvorflle, welche
schon Statt gehabt hatten, Listen von Todten und Verwundeten, ehrenvolle
Erwhnungen muthiger Thaten, Angaben ber den Verlust der Feinde, und
was sonst aus dem Kriege berichtet zu werden pflegt. Worin aber Sultan
Kuku von der vielbefolgten Regel abwich, das war der Punkt der
Richtigkeit.

Noch mehr: Sultan Kuku konnte die ungemeine Tapferkeit und
Geschicklichkeit der Beduinen nicht genug erheben, die alle, welche
schon mit ihnen im Kampf gewesen waren, ihm bezeugt htten. Er schrieb,
es wren gar die ltern Beduinen nicht mehr. Ihre Sultanin htte einen
Kriegesgeist, eine Kunstfertigkeit ihnen anzueignen gewut, welche
Afrika noch nimmer gesehen habe, und sollte die Tapferkeit der
Darkullaner, (welche er zwar nicht aufhrte, als die erste in der Welt
zu erkennen) Gigis Heer berwinden, so schiene es durchaus nthig,
einige der Stellungsknste und Angriffsknste von drben nachzuahmen.
Tata wre ganz mit ihm hier einverstanden, und die Truppen wrden in dem
Betrachte schon gebt. Er empfhle also dem Divan die Verstrkung,
welche er auszuheben htte, auch bald auf diese Weise zu unterrichten.
Zu dem Ende lagen genaue Beschreibungen jener Bewegungen bei, und es
wrden auch Offiziere ankommen, die sich dem Geschfte widmen sollten.
Besonders war dabei der Sultanin empfohlen, ernst durchzugreifen, wenn
etwa die Graubrte im Divan, nach ihrer gewohnten Art mit veralteter
Weisheit widerstnden. Das Nothwendige msse geschehn, und der Einwurf
verstummen.

Die letzten Weisungen enthielten gleichsam einen Triumph fr Floren. Sie
war entzckt ber Kukus Klugheit, das Gute auch vom Feinde lernen zu
wollen. Die Weisungen des Divans halber, berechtigten sie zu Schritten,
die jenen Widerspruch rchen konnten.

Hatte sie schon oft ber die romanhafte gefrchtete Gigi nachgedacht, ja
wohl eine Sehnsucht empfunden, die Heroin einmal zu sehn, so versank sie
daneben in Bewunderung. Wie, rief sie aus, diese Gigi stellt sich an die
Spitze eines rohen Haufens, macht sich zur Herrin, lenkt ihn nach
Gefallen, und legt ihm sogar schnelle Riesenschritte der Entwicklung
auf? Und ich, hier mit Ansehn gerstet, mu, da ich das Gute will,
Ausflchte hren, die zwar im ersten Augenblick manches fr sich zu
haben scheinen, aber von der Hhe des Strebens angesehen, doch elend
sind. Aber mein Wille ist nicht heftig genug. Ich zaudre klgelnd, wo
die That vorangehn sollte. Nein, nicht lnger! Kuku soll eine andere
Gigi anstaunen.

Die Palmbltter, rief sie (in Darkulla baut der Kunstflei noch keine
Papiermhlen) den Griffel! und im Nu waren die Unterschriften fertig.
Die Boten muten fort.




                           Fnftes Kapitel.
                               Ghrung.


Der Divan wurde berufen, Kukus Brief gelesen. Mit niedergesenktem Blick
hrten die Rthe. Endlich stand der vorsitzende Greis auf, legte die
Hnde auf die Brust, und sprach: Erhabene Sultanin, wir _drfen_ rathen,
aber _mssen_ gehorchen. Den Ausgang zum besten kehren, das _wollen_
wir, fr ihn einstehn, das _knnen_ wir nicht.

Flore hatte wohl eine andre Antwort gewnscht, doch allenfalls lie sich
mit dieser schon zufrieden seyn, und sie beurlaubte die Rthe.

Jetzt schrieb sie dem Sultan. Nichts weniger als Zrtlichkeit, nichts
weniger als Klte, viel aufmunterndes Lob, und eine rthselhafte
Hoffnung auf Glck bei der Heimkehr, die Kuku vielleicht beim Empfang
anders gedeutet hat, wie Flore es meinte. Denn sie hatte nur ihre
Umwandlung des Volkes von Darkulla im Auge.

Flore gab den alten Kammerherrn ihr inniges Bedauern ber ihre
unglckliche Verstmmung zu erkennen, uerte aber aber dabei, da eine
Bedienung von stummen Mnnern, sowohl freudenlose Eindrcke auf sie
mache, als ihr abgeschmackt dnke. Sie bekamen doppelt Gnadengehalt, und
statt ihrer wurden andre mit gesunder Sprache angenommen.

In diese fuhr sogleich die Kammerherrn-Natur. Sie erhuben die Weisheit
der neuen Einrichtungen ber die letzten Sterne des siebenten
Wonnehimmels, und schwuren: ganz Darkulla sey aus Entzcken ber die
letzten Befehle ohnmchtig geworden. --

Das beruhigte Floren, wiewohl es anders klang, wie der ehrliche
Eunuchenoberst gemeldet hatte. Dieser war, gleich nachdem das Militr
die Uniform von Thierhuten angelegt hatte, von der Sultanin befragt
worden: wie das Volk sich bei dieser Erscheinung uere, und seine
Antwort gewesen: ltere Mnner pflegten bei dem Anblick sich still
umzuwenden, jngere aber liefen im Scherz, wie vor dem Thiere, von
dessen Haut das Soldatenkleid gemacht sey. Im Pallast wurde aber eine
Manufakturenkommission niedergesetzt, die ber die Mittel zu berichten
hatte, auf das schnellste allerhand Zeuge fertigen zu lassen.

Der Divan fragte durch eine Sendung an: wie er sich fr die nchste
Versammlung zu kleiden habe? Die Sultanin wollte den alten Mnnern keine
peinliche Beschwerde auferlegen, sie stellte es also in dem Belieben
eines jeden, und setzte hinzu: wegen des noch bestehenden Mangels an
Stoffen, sei es vorerst an einem Feigenblatte genug.

Da sie nun am folgenden Tage die Rthe ber den Pallasthof zur Sitzung
gehen sah, bemerkte sie, da alle das Feigenblatt in der Hand trugen,
gleichsam als spielten sie nur damit, oder wollten sich seiner als eines
Schirms bedienen, oben im Saale war es aber durch die Ranken einer Epheu
befestigt. Dies Betragen verdro Floren, doch war ihre Meinung: dem
hohen Alter sei einiges zu bersehn.

Uebrigens hatte die Sultanin manche Genugthuung. Viele Palmbltter
wurden eingesandt, auf denen Danksagungen der Knechte eingegraben waren,
vor dem Pallaste lieen sich viele Menschen sehn, die artige geflochtene
Schrzen trugen, und Niemand brauchte die verhate Anrede mehr. Alles
das war jedoch Schein, durch die Plane der Schmeichelei veranstaltet.
Falsch waren die Danksagungsschreiben, die Leute, welche sich gekleidet
zeigten, erkauft, whrend heimlich ausgestellte Wachen keinen dem
Pallast nahen lieen, der an der Nationalnacktheit noch mit Vorliebe
hing. Adressen, welche mit der Courtoisie: Eselin! anhuben, und deren
manche einlief, wurden unterschlagen.

In der Wirklichkeit stand es nur zu bedenklich. Das Volk sah Schande,
Beschwerde und Noth in der gebotenen Kleidung. Die Vornehmen geriethen
auer sich, da die Willkhr ber der Knechte Leben verfallen sollte,
diese wurden trotzig und nun schlechter genhrt, durch die Herren, da
sie dennoch den alten Zustand zurckwnschten. In Verchtlichkeit sank
eine Sultanin, ohne den edlen Ehrgeiz, den Titel der Landeshoheit fhren
zu wollen. Doch die Ausbrche heilloser Szenen wurden noch durch
Vermittlung des Divan niedergehalten.

Auch war bei der tiefen Ehrfurcht, womit man in Darkulla sonst den
Gebietern und ihren Gemahlinnen huldigte, nimmer die Stimme der
Verlumdung gehrt worden. Man htte Afterrede ber den Hof, gleich nach
der Gotteslsterung gestellt. Jetzt ward das anders. Man flsterte sich
so manches ber Nene ins Ohr. Ihr freies Betragen erweckte
Muthmassungen, die man freilich noch nicht aussprach, aber einander auf
den Gesichtern las. Auch kam, was in Darkulla, wo blindes Gehorchen mit
Sitte und Gefhl so genau zusammenhing, unerhrt war, die Fremdheit der
Sultanin, unter mibilligenden Wendungen zur Sprache, und im Verdru,
ber das, was sie that, wollte sich immer schon die Frage hervorwagen:
Ist es recht, dieser Sultanin, die Schndliches und Ungerechtes will,
Folge zu leisten?




                          Sechstes Kapitel.
                      Die Kpfe und Gefangenen.


Nun langte die vom Sultan abgeschickte Bedeckung an, und brachte sowohl
afrikanische Trophen, nehmlich Kpfe, als auch lebendige Gegenstnde
der Volkskurzweil, nehmlich Gefangene.

Unter kriegerischer Musik, von den Einwohnern mit tausendfachem
Jubelschrei empfangen, nahte der Zug dem Stadtthore. Hier wurden die
Kpfe aus den kameelhutenen Scken genommen, und auf Lanzen gesteckt;
die Gefangenen je zwei und zwei zusammengeschlossen, die Hnde auf den
Rcken gebunden folgten, vom Pbel verhhnt, beschimpft, mit Steinen
geworfen, oder mit Stben geqult, woran spitzige Fischgrten
hervorragten.

Nach alter Sitte von Darkulla, wurde von den Kpfen, am Eingang des
Pallastes, eine Pyramide aufgerichtet, um welche die trunknen
Darkullaner tanzten, wohl in phrenetischer Raserei oft ihr Fleisch
herunter rissen, und verschlangen. Dann gab man die Feinde Preis, welche
das Kriegsglck lebend in der Sieger Hnde geliefert hatte. Nationalha
und Rache wegen gebliebener Verwandten in diesem Kriege, machten sich
schrecklich Luft, und es ist zu rgerlich grausend, um es
nachzuerzhlen, was dann alles geschah. Nicht wich die Menge von dem
Platze, bis auch der letzte zerrissen war.

Flore hatte den Divan berufen lassen, da der Zug eintraf. Ich erfahre,
sprach sie, welchen kannibalischen Lusttaumel sich heute der Pbel
verspricht. Aber eher wollte ich gleich die mir anvertraute Gewalt
hinwerfen, ehe ich die Menschheit unter meinen Augen so niedrig
entweihen lie. Gleich sammle man die Reste der Getdteten, und lasse
sie in der Stille zur Erde bestatten, denn unwrdig ist hier jedes
frohlokkende Spiel. Die Gefangenen sind nicht mehr unsere Feinde; die
Geburt in ihrem Vaterlande, ihre Pflicht gab ihnen das Schwert wider
Darkulla in die Hand, wir konnten sie entwaffnen und sind vershnt. Man
gebe ihnen unter Aufsicht Beschftigung, und reiche ihnen den Sold
unserer Krieger.

Alle Glieder des Divans fingen zugleich an zu reden. Wie nthig es sein
wrde, hier nachzugeben; von der Gefahr, das Volk zum Aufstand zu
bringen, u. s. w., aber Flore entlie sie mit einem kurzen: Ihr wit
meinen Befehl.

Es wurde vollzogen, was Flore geboten hatte. Das Volk lief mit Wehgeheul
durch die Straen, raufte das Haar aus, geberdete sich fast wahnsinnig,
da seine Lust untergraben wurde; nahe drohte die Meuterei, doch noch
gelang es dem Divan die Leidenschaften niederzuhalten.

Die Kammerherrn erklrten der Sultanin, die das Wehgeheul vernahm, sie
hre Freudenruf ber die Abschaffung der Mibruche. Auch redeten sie
sehr laut von angenehmen Gegenstnden, und bestellten in aller Eile ein
Concert, da Nene ja nicht der Wahrheit auf die Spur kme.

Es ist eine groe Gefahr, der die Vornehmen blosgestellt sind, die, da
man ihnen die Gefahr verhehlt.

Viele Zgellosigkeiten wurden in Darkulla begangen, von denen Flore
nichts erfuhr. Man grub die verscharrten Kpfe wieder aus, die
Gefangenen, welche bauen, Grten pflanzen, und bei den neuen
Zeugfabriken arbeiten sollten, mordete der Pbel, wo sie sich vereinzelt
zeigten. Flore dagegen meinte auf dem Wege zu sein, alle Genugthuung fr
ihre Plane zu umarmen. Sie beging den Fehler, nicht genug mit eignen
Augen zu sehn, und entfernte sich wenig von ihrem Pallaste. Geschah es
einmal, so erblickte sie, was sie wnschte. Das Lebehoch ward gerufen
durch geschrzte Darkullaner, die selbst nichts eiligers zu thun hatten,
als die Brde von sich zu werfen, sobald nur Nene vorber war.

So machte einst eine hohe Frstin der Christenheit Reisen in noch
unangebaute Provinzen. Wie erfreute es sie, in einem der entlegensten
Winkel durch schne junge Alleen zu fahren, Drfer und Stdte voll
frhlicher Menschen zu finden. Aber die Alleen waren nur eingesteckte
Baumzweige, nach einigen Tagen drr, die Drfer Dekorationen, in den
Stdten nur die Strae, wodurch man zog, mit Vorderfacaden geschmckt,
und Menschen weit und breit herbeigetrieben, Bevlkerung zu lgen.

Mit dem Divan berathete Flore wenig mehr, da seine Schwierigkeiten sie
lngst ermdeten, dagegen bildeten ihre Kammerherrn einen engeren
Cabinetsrath, wo kein Widerspruch, wohl aber die angenehmsten Hymnen
gehrt wurden.




                          Siebentes Kapitel.
                     Wieder Nachrichten von Kuku.


Durch Eilboten, welche vom Heere kamen, erfuhr Flore, wie sich die
beiderseitige Hauptmacht nun Einander betrchtlich genhert habe, und in
einiger Zeit der Wurf einer entscheidenden Schlacht fallen werde.

Kuku schrieb ihr dabei, nach den gewhnlichen afrikanischen Galanterien,
viel Rohes und Gescheutes. Darin blieb er sich gleich. Hauptschlich
lie er sich ber die Caffern aus, um welche sich der Krieg entsponnen
hatte. Gigi, schrieb er, hat das Verwsten eingestellt, sogar
Schadenersatz angeboten, und noch einen ziemlichen Landstrich, den sie
Tata abtreten wollen, dafern ihr die Caffern ausgeliefert wrden. Es
wre also ein leichter und vortheilhafter Friede zu erringen. Allein die
Verwstung mu schmachvoller gercht seyn, so will es Darkullas Ehre.
Dann scheint auch die Vernderung im Betragen, auf einen Unfall zu
deuten, der ihr widerfuhr, oder droht. Vielleicht will auch ein anderer
Nachbar ihr Land mit Krieg berziehn. Das Gercht sagt ohnehin lange:
Habesch sei mit ihr zerfallen, und schon vor meiner Ankunft beim Heere
hatte Tata sich um ein Bndnis mit diesem Reiche bemht, wozu sich jetzt
einige Hoffnungen zeigten. Es wre also thrigt, um ein wenig Land den
Frieden einzugehn, wenn es vielleicht ganz wieder zu erobern ist. Und
dann fllt auch Gigi lebend oder todt in meine Hnde, eine Lust, die
hunderttausend Kpfe spottwohlfeil erkaufen. Der Caffern wegen habe ich
einen Entschlu genommen, mit dem du Eselin der Eselinnen, (Kuku hatte
Wichtigeres zu thun, als die Titulaturen zu verbessern) zufrieden seyn
wirst. Schon oft blitzte der Sbel ber die Hupter derselben, doch aus
den Grnden, die dir schon bekannt sind, wurden sie immer noch der
Volkswuth entzogen. Jetzt sind sie aber auf dem Wege zur Hauptstadt des
Felsenlandes. Bald werden sie bei dir ankommen, Sonne von Darkulla,
liebliche Sultanin Nene. Lasse sie in engen Gewahrsam bringen. Gewinnt
mein Schwert in dem groem Kampfe, der uns bevorsteht, so mgen sie
leben, und ihre Geschicklichkeit Darkulla Nutzen bringen. Und etwas
Erhebliches mu es ja darum seyn, weil Gigi sogar um den Besitz der
Mnner sich demthigt. Ein Bote, dessen Esel mit Mandelblthe geschmckt
ist, wird dir den Sieg verkndigen. Verliere ich aber die Schlacht, dann
lasse mir gleich die Caffern tdten. Besiegt zeig ich Gigi den
grimmigsten Trotz. So ziemt es dem Sultan von Darkulla. Desto eher wird
sie auch den Krieg enden, und hab ich doch das Felsenland, wohin ich
mich mit Tata zurckziehe, das jetzt klger bewacht wird, wie im vorigen
Kriege. Die Kpfe der egyptischen Kaufleute sende mir, ich will sie Gigi
bermachen. Dieser beiden Mnner wegen, unterhandelte Gigi am
eifrigsten. Den Verlust der Schlacht meldet dir ein Bote auf einem Esel
ohne Schweif. Das ist das Zeichen der Klage, des Trotzes und der Caffern
Todesspruch. Du kannst die Kaufleute erst ber manches befragen.

Diese Kpfe werde ich nicht senden, dachte Flore bei sich, wenn sie
schon empfand, da einige Gre in der Barbarei lag.

So stand Claudius Nero, dem listigen und krftigen Punier gegenber, der
so oft Roms Legionen berwunden hatte. Asdrubal kam ber die Alpen
gezogen, den Bruder zu verstrken, und nur eine geringe Macht konnte ihm
unter dem Consul Livius Salinator entgegenrcken. Da entschlich Claudius
mit des Heeres grter Hlfte, whrend tuschende Zeichen Hannibal seine
fortdauernde Gegenwart vermuthen lieen. Mit Eilmrschen erreichte er
den andern Feldherrn, ihm Hlfe zu leisten. Vereint griffen die Helden
an, funfzigtausend Feinde sanken. Nach sechs Tagen war Claudius schon
zurckgekehrt, und in Hannibals Lager flog -- Asdrubals Haupt.




                           Achtes Kapitel.
                        Die Caffern langen an.


Einige Wochen darauf brachte ein starker Trupp Soldaten, die Caffern mit
ihren Weibern und Kindern. Die Sultanin ging selbst hinunter, da sie vor
dem Pallaste angekommen waren. Sie fragte gleich nach den Kaufleuten aus
Egypten, und man stellte ihr einen Greis mit bekmmertem Antlitze, und
einen jugendlich blhenden, sehr lebhaften Mann vor. Letzterer trug auch
Spuren des Grams auf seinem Gesichte, ein gewisser heiterer Lebensmuth
schien sie aber nicht ohne Erfolg zu bekmpfen. Wer durfte sich auch
wundern, diese Leute niedergeschlagen zu sehn. Ohne Zweifel hatten die
Zusagen jener Kniginn, ihnen mit den freundlichsten Erwartungen
geschmeichelt, und nun schwebte ein Dolch ber ihren Scheiteln.

Flore fragte nach ihren Namen, ihren Geburtsorten. Mustapha nannte sich
der ltere, der jngere Osmann. Aus Natolien berichteten sie, sind wir
gebrtig, Cairo war zeither unser Wohnplatz.

Da Flore von Cairo hrte, ward ihr die Wange hei, und die Pulse fingen
rascher an zu hpfen. Gern htte sie gleich gefragt, wie es ihren
Landsleuten jetzt in Egypten erginge, sie frchtete aber, ihr Interesse
wrde zu sehr hervorleuchten. Weislich unterhielt sie auch in Darkulla
den Glauben, sie stamme aus dem trkischen Caffernlande, und sie konnte
um so leichter die Muselmnnin spielen, als sie bei jenem Derwisch so
viele Lehren des Coran aufgefat hatte. Als Nazarerin wrde Kuku ihr
auch nicht so viel Gewalt in die Hnde gegeben haben, und es befestigte
ihr Ansehn nicht wenig, da sie die Priester in Darkulla, welche noch
hchst unwissend in Religionssachen waren, zu meistern verstand. Doch
nahm sie sich vor, nchstens die Egypter ins Geheim zu sprechen, wo sie
denn manches erfahren knne.

Osmann zeigte ihr die fr Gigi geworbenen Mnner und machte sie mit
ihren Eigenschaften und Kunstfertigkeiten bekannt. Da gab es
Waffenschmiede von Damaskus, Grtner von Aleppo, Bauverstndige aus
Smirna, Zeugmacher von Angora, und andre brauchbare Mnner, die, wenn
ihnen England oder Frankreich wohl nur einen drftigen Wirkungskreis
gegeben htte, doch geeignet waren, im tiefen Afrika eine neue Schpfung
ins Leben zu rufen.

Am meisten freute sich Nene bei dem Anblick der Mnner von Angora. Die
Zeugmacherei wollte sich in Darkulla bei allen Bemhungen nicht zu
Fortschritten bequemen. Da aber nun keine Sorge sei, das Haar der
Kameele und der edlen Ziegengattung, in diesem Lande, wie die zarte
Wolle, welche Darkullas Bume lieferten, bald in artige Stoffe
verwandelt zu sehn, lag am Tage.

Deshalb bestand auch kein Gedanke daran, diese Leute einzukerkern,
vielmehr wurden sie reichlich beschenkt, und Rath ber die Mittel
gepflogen, ihnen bald Werksttten anzuweisen. Ihr sollt Gigi nicht
vermissen, rief sie ihnen zu, und die Caffern waren vor Freude auer
sich, da hartes Gefngni, vielleicht ein noch schlimmeres Loos, alles
war, was sie erwarteten.

Die Kammerherren klatschten so viel Beifall, da ihnen schier die Hnde
erlahmt wren, und Flore meinte ihr Verfahren schon bei Kuku
verantworten zu knnen. Im schlimmsten Falle athmete ja das Roth ihrer
Lippen noch Zauber genug, fr einen Prinzen aus Afrika.

Zu dem jngeren Kaufmanne fate sie viel Vertrauen. Er antwortete so
gewandt, so schnell, so verstndig ber alles was sie ihn fragte, rieth
mit so guter Ueberlegung, da Flore ihm bald erklrte, sie habe noch
keinen Muselmann von so vieler Geistesgegenwart gefunden.

Diese Artigkeit schien den jungen Osmann zu erschrecken, und er maa
seine Reden etwas langsamer ab. Bald aber wunderten ihn auch die
Bemerkungen, die Kenntnisse, die verfeinerten Liebhabereien der
Sultanin, und etwas vorlaut sagte er: es schiene unbegreiflich, da ein
Paar georgische oder zirkassische Sklavinnen, wie sie und Gigi, einen in
dieser Weltgegend so unerhrten Reichthum an glcklichen Ideen zeigten.
Hier gerieth Flore in einige Verlegenheit, und um sich ihr zu entwinden,
sagte sie: ein griechischer Priester in Georgien habe ihr in manchen
ntzlichen Dingen Unterricht ertheilt.

Osmann nahm wieder das Wort. Erhabene Sultanin, es scheint die Zeit
gekommen, die der Vlker Finsterni erhellen wird. Darum landete auch
vom fernen Toulon ein Heer Franken am Nil.

Sehr eilig fragte Flore: Und wie ergeht es jetzt diesen Franken? Ich
hrte davon.

Osmann erwiederte: Heldenmthig fechten sie gegen der Mehrheit Wahn,
inde nur wenige Kluge des Landes ihnen Heil wnschen. Doch ein Werk der
Art kmmt nicht gleich zu Stande. Schon genug, wenn die Bahn krftig
gebrochen wurde, sollte auch nur ein nachfolgendes Geschlecht vollenden.

Osmann, rief Flore, der Prophet segne dich. Du bist sein wrdiger
Anbeter. Ein Mann wie du thut mir Noth, in meinem glnzenden und
beschwerlichen Amte. Mein Divan kennt nur Widerspruch. Andere Diener
billigen was geschieht, doch ich frchte, sie schmeicheln und verhehlen
mir. Sei du Lenker des Kunstfleies in Darkulla. Erscheine vor mir so
oft du willst, und la mich deinen Rath hren. Hehle mir nimmer
Wahrheit, ich liebe sie, auch wenn sie bitter wre. Ersphe die
Gewohnheiten des Landes, so kannst du meinen Absichten desto mehr
frommen.

Gerhrt und edelsinnig dankte Osmann, und verhie, mit Gefahr des Lebens
ihren Beifall zu suchen. Darkullas Sitte, sprach er, ist mir nicht mehr
fremd, da ich eine gute Zeit in Tatas Lager weilte. Auch von deinem
Regiment, erhabene Sultanin, vernahm ich schon. Im Lager ging manches
Gercht umher, und die Einwohner deiner Hauptstadt, welche den Soldaten
unserer Bedeckung entgegen kamen, sprachen viel davon.

Und was? fragte Nene gespannt.

Osmann stockte ein wenig.

Es ist mir um Wahrheit zu thun.

Der egyptische Kaufmann fuhr fort: Dann htte ich gewnscht, diese
Darkullaner mgten sich durch gnstigere Urtheile ber ihre edle Frstin
geehrt haben.

So sagte der berhmte Blow, als sein Geist des neuen Kriegssystems in
der allgemeinen deutschen Bibliothek scharf mitgenommen wurde: Wenn sich
dieser Kritiker doch ehrte!

Flore drang mit der Miene des guten Bewutseins weiter in Osmann. Wer
entgeht dem Tadel, sagte sie, doch bin ich neugierig, den zu hren, der
ber mich ergossen wird. Uebrigens sind es weder die Besseren noch die
Zahlreicheren im Lande, die ihn theilen, meine neuen Rthe beruhigten
mich ber jede Sorge, sollten sie auch zur Hlfte geschmeichelt haben.

Osmann zog bedenkliche Falten der Stirn.

Aus dem, was ich hrte, sprach er, lt sich auf eine Unzufriedenheit
schlieen, die grer, viel grer sein mag, wie du frchtest. Gestatte
mir die Meinung zu wagen, du hast gefhrlich mit deinen neuen Satzungen
geeilt.

Die Sultanin fiel ein: Muth gab ihnen vielleicht in den Augen des Volkes
einen hheren Werth, und die Sache an sich ist zu gut, als da der Muth
sich nicht gern fr sie waffnen sollte.

Osmann versetzte: Diesen Gesinnungen ziemet hoher Ruhm, dennoch htte
mich der Himmel in deinen Divan berufen, ich wrde -- --

Wrdest du mir anders gerathen haben?

Treue htte mich so khn gemacht, dir zu sagen: Gebiete nichts,
berlasse was du willst, der Freiheit. Doch kleide sich dein Hof, nimmer
wohne er einem grlichen Feste bei, der Titel, den du verachtest, werde
dort nimmer gehrt. Erst wird man im Volke Unmuth ahnen, er wird auch
hie und da laut werden. Merke nicht darauf, aber lasse nicht ab, das
Beispiel zu geben. Ueberall werden die Hfe nachgeahmt, denn vornehmer
will der Mensch immer erscheinen, wie er ist. Bald werden die Mchtigen
des Landes die Sitte des Oberhaupts verehren, und sie sich aneignen.
Ihnen folgt der Mittelstand. Gegen diesen werden zuletzt auch die
Knechte nicht zurck bleiben wollen. Einige Jahre, und das Ziel wird
ohne Unruhe erreicht.

Flore dachte bei sich: dieser Moslem urtheilt, als ob er in Paris
geboren wre, doch htete sie sich, das zu sagen, vertheidigte noch
ihren regsameren Gang, und entlie den Kaufmann.

Unterdessen aber war, ihr unbewut, der schon lange glimmende Funke der
Emprung furchtbar aufgelodert. Dem Volke war Kukus Wille bekannt, denn
er hatte ihn vor den Soldaten nicht geheim gehalten, und diese den
Einwohnern wieder davon erzhlt. Welch ein allgemeiner Unwille nun, da
die, welche in den Kerker sollten, mit Ehre und Geschenken berhuft
wurden! Man hate sie mehr noch als jene Gefangenen, denen die Sultanin,
ungehorsam gegen Kuku, das Leben lie. Denn man erblickte die Werkzeuge
der vlligen Unterdrckung der alten Freiheit in ihnen. Fertigen diese
erst, rief man, die gehssigen Kleider, mssen wir uns damit peinigen
und schnden. Aber noch, als berathet ward, ob man sie rebellisch
aufgreifen und einkerkern sollte, trabte der Eilbote auf dem Esel ohne
Schweif weinend ins Stadtthor. Kuku ist geschlagen, ihr Brger! jammerte
er.

Dann mssen die Caffern sterben, rief alles, sie, um derentwillen das
Blut von Darkulla fliet. Ergreift sie, thut des Sultans Willen! Noch
fanden sich einige ruhigere Gemther in der Menge und man war in
Darkulla noch mit dem Gedanken an Mglichkeit der Emprung nicht
vertraut. Also noch einiges Zaudern. Noch einige Mahnung, zu erwarten,
was die Sultanin nun thun wrde.

Sie stand an einem Pallastfenster, hrte den wilden Lrmen erst in der
Ferne, dann wlzte sich hinter den Eilboten her, des Pbels Gewhl.

Sie erschrack bei dem Anblick des Eilboten, und wurde heftig entrstet
durch des Pbels Betragen. Niemand sah sie darunter, der nur eine
geflochtene Schrze getragen htte.

Der Eilbote hatte kein Palmblatt. Zu niedergeworfen berichtete er, sei
Kuku gewesen, um schreiben zu knnen. Er werde das Nhere berichten.
Vorerst nur soviel, da Gigi in einer groen Schlacht Siegerin geblieben
sei, Kuku lasse seinen Gru entbieten, und an sein Verlangen mahnen.

Whrend Flore mit dem Schwarzen sprach, tobte die Menge unten: die
Caffern nieder! Mustaphas und Osmanns Kpfe ins Lager! Gehorsam dem
Sultan!

Nie hatte sie dergleichen gehrt. Sie rief einen Kammerherrn, dem die
Knie schlotterten und die Hnde flogen. Hinaus, sprach sie, und gebiete
in meinem Namen dem Volke, schnell auseinander zu fliehn, und demthig
zu erwarten, was ich beschlieen werde.

Sie rang die Hnde. Osmanns Kopf! Der Mann war ihr so lieb geworden, und
nun die ganze Abneigung ihres Herzens gegen Grausamkeit! Bedauern des
guten Kuku! Hohn des Volkes! Viel lag in diesem Augenblicke auf ihr.

Grerer Tumult. Sie eilt ans Fenster. Der Kammerherr will ihren Befehl
verknden, wird aber nicht gehrt, oder vielmehr er kann vor Zittern
nicht sprechen.

Einer der Eunuchen mu hinaus. Dem war zwar die Hlfte seines Muthes
genommen, doch aber hatte er mehr brig, wie der Kammerherr. Er gebot,
sich zu zerstreuen, aber die feine Stimme eines Eunuchen imponirt nicht
genug. Das Volk gehorchte nicht.

Es waren viele vom Divan in den Pallast gekommen. Sie mibilligten den
Auflauf ernst und erinnerten die Sultanin, ihn nicht ungestraft zu
lassen. Doch Kukus Befehl mu vollzogen werden, setzten sie hinzu.

In dem Augenblicke ward das Geschrei wilder als je. Flore sah, wie viele
Caffern, die in den Pallasthof liefen, um dort Rettung zu finden, vor
ihren Augen gemihandelt wurden, ja man brachte Mustapha sammt Osmann
bei den Haaren geschleppt, zog einen Henker, der das Schwert bei sich
trug, herzu, und forderte einmthig den Befehl zur Hinrichtung.

So viel konnte Flore nicht mehr unthtig ansehn. Ihr ganzer, seitdem sie
Sultanin von Darkulla hie, ziemlich angewachsener Stolz, ihre
angeborne, mit einer ganz angemessenen Zugabe von Leichtsinn versehene,
Khnheit erwachte. Sie hrte der Rthe Warnung nicht, lief zur
Eunuchenwache, die unter dem Gewehr stand, ri dem Obersten die Lanze
aus der Hand, und befahl, ihr zu folgen. So strmte sie unter die Menge,
lie zu Boden strecken was nicht floh, und drang noch eben bis an die
beiden unglcklichen Kaufleute hervor, als der Henker schon auf den
einen seinen Streich fhren wollte. Erwarte mein Gebot! rief sie, und
jagte ihm die Lanze durch die Brust.

Etwa Hundert Schwarze waren niedergemacht, als das Volksgewimmel den
Platz gereinigt hatte. Nicht die Furcht vor dem Tode wirkte so auf die
Darkullaner, wie die unbesiegbare Gewalt des Ansehens, womit Florens
Entschlossenheit sich gewaffnet hatte. Die Caffern waren schlimm
zugerichtet, doch noch smmtlich am Leben. Flore trug Sorge fr sie.
Mustapha und Osmann wurden in den Pallast gebracht. Jenen hatte die
Angst seiner Krfte beraubt, und er mute getragen werden, dieser aber
rief lachend: Schon glaubt ich heute Mahomeds Paradies zu sehn, aber die
Thr flog wieder zu.

Die muthige Sultanin glaubte noch nicht genug gethan zu haben. Sie wich
nicht von dem Hofe, und schickte dem Volke die Eunuchen nach. Die
Sultanin hat euch zerstreut, muten sie entbieten, jetzt befiehlt sie,
da sich der Haufe schnell wieder zurckbegebe, weil der sechste Mann
erwrgt werden soll. Es liegt in der Natur der Khnheit, sie fluthet in
der Uebung an, und dem warmen tapferen Herzen gefllt die Erneuung der
Gefahr, um die Lust hheren Triumphs zu gewinnen.

So hatte sie in Fesseln geschlagen, so unterwrfig war das gebndigte
Volk, da sich gleich der Pallasthof wieder anfllte. In tiefer Stille,
mit gebeugtem Haupte erwartete jeder den Wurf der Loose. Es schien kein
Einziger zu fehlen da nicht mehr leerer Raum bestand, als zuvor.

Mit Hoheit trat die Sultanin vor den Haufen, und milderte die Strafe der
Meuterei. Wer sind die Anstifter? fragte sie. Zwanzig bis dreiig Mnner
traten hervor. Nicht der Caffern Hupter sende ich dem Sultan, aber die
eurigen. Eilt in sein Lager, sie selbst zu berbringen.

Die Mnner gingen auf der Stelle ab, und die Uebrigen muten nach Hause.
Die Leichname der Getdteten wurden still verscharrt.

Herrliche Fassung! Schner Glaube an Eigenkraft und Glck der
Verwegenheit! Wie gro sind eure Triumphe! Nicht in Afrika, aber in
einer namhaften deutschen Stadt sahe der Verfasser dieses Bchleins, die
recht kecke That eines Befehlshabers, und auch sie errang ihren Preis.

Die Gesellen einer sicheren Zunft, weigerten sich bei der zunehmenden
Theurung, noch um den auf wohlfeile Zeit gewrdigten Lohn zu arbeiten.
Da viel Recht auf ihrer Seite seyn mogte, fhlt man, ein Jurist
beweiset aber: nein! Es giebt da auch das allgemeine Argument: sie
mssen ihre Beschwerde dem Richterstuhl vortragen, nicht aber durch
Tumult die ffentliche Ordnung stren. Nun liegt zwar am Tage, da der
Richterstuhl nicht wohl helfen kann. (denn den Geldwerth zum
Staatsverhltni im Gleichgewicht zu erhalten, dazu gehrt eine hhere
Weisheit, wie die der Justiz, wiewohl eigentlich die Justiz diese
Weisheit besitzen und ben, vielleicht auch weil, Justiz, Weisheit,
Regierung, dasselbe seyn sollte, aber die Nothwendigkeit des zweiten
Satzes wird jedermann einrumen.) Genug, diese Gesellen wurden vom
Gefhl ihres Rechtes, jugendlichen unberlegten Eifer fr dasselbe
angetrieben, statt der Arbeit, das Trinkhaus zu besuchen, um dort in
Versammlung aller Glieder Abreden fr die gemeine Sache zu nehmen. Hier
wurden die Jnglinge noch mehr erhitzt, es kam dahin, da Soldaten gegen
sie gebraucht wurden, sie meinten, sich widersetzen zu mssen, so wurde
es schlimmer und mehrere blieben auf dem Platz.

Bei dem Tumult, der sich dadurch verbreitete und wobei die greren
Bewegungen nur Neugier oder Furcht zur Ursache hatten, meinte aber ein
hoher brgerlicher Beamter in dem Orte, es liefe auf Staatsumwlzung
hinaus, und bat den Befehlshaber der Besatzung dringend, von allen
Gewaltmaasregeln abzulassen. Dieser willigte ein. Aber sehr natrlich
wurde nun das Uebel grer. Da lie man denn unterhandeln, gab bereilt
mehr nach, als zufolge der Umstnde thunlich war, ja bewirthete die
jungen Handwerker mehrere Tage auf ffentliche Kosten. Diese erklrten
endlich, sie wollten ihre getdteten Brder ehrenvoll beerdigen. Man
lie es zu, und jene richteten nach ihrer Weise einen stattlichen Pomp
an. Endlich forderten sie noch die Erlaubni, alljhrlich am Todestage
der Gefallenen, einen Aufzug zu ihrem Andenken halten zu drfen. Um den
Preis der ffentlichen Ruhe fanden sie auch hier keine abschlgige
Antwort.

Bald darauf ging der Gebieter der Besatzung ab, und ein anderer trat in
seine Stelle. Er hatte gehrt, was vorgegangen war, und fhlte durchaus
verschieden mit seinem Vorgnger. Wird dieser Aufzug knftig gestattet,
sagte er, so ist er jedesmal nicht nur Hohn der Obrigkeit, sondern auch
neue gefhrliche Auftritte sind zu besorgen, die Uebermuth und
Trunkenheit erzeugen knnen, und wie ihn auch der brgerliche
Staatsbeamte anlag, so erklrte er rund und nett, es sey mit seiner Ehre
unvertrglich, das Vorhaben zuzugeben. Der Tag kam heran, die jungen
Leute hatten beschlossen, ihn vom frhen Morgen auf der Herberge zu
feiern, und Nachmittag die Prozession zu vollziehn. Es wurde ihnen
gesagt, da es Herkommen sey, dem Befehlshaber des Orts, von allen
zahlreichen Versammlungen auf den Gassen Nachricht zu geben. Es wurden
also die drei ltesten mit der Meldung beauftragt. Sie langten bei dem
General an, und sagten ihm kurz hin: Wir halten heute den Umzug. Kalt
erwiederte dieser: Ihr haltet ihn weder heute noch jemals, und nach
einer Erklrung seiner Grnde, mahnte er sie freundlich ab. Aber
gesttzt auf die vorjhrige Nachgiebigkeit, versicherten sie mit
lachendem Trotz: es wrde dennoch geschehn. Nun machte der Befehlshaber
Ernst. Wo sind Eure Kameraden? -- Sie nannten das Wirthshaus. -- Gut,
jetzt ist es neun Uhr, mit dem Schlag zehne bin ich dort, und sind dann
nicht alle an ihre Arbeit, wrfelt ihr drei, und der das mindeste zhlt,
hngt noch Vormittag. Darauf meine Ehre!

Er schickte nur gegen die bestimmte Zeit, und man fand leere Zimmer.




                           Neuntes Kapitel.
                             Fortsetzung.


Nene eilte auf ihr Cabinet, dem Sultan zu schreiben. Menschlich dein und
des Volkes Heil frdernd, will ich gern Dein Reich verwesen. Doch rohe
Grausamkeit muthe mir nimmer zu, oder suche Jemand, in dessen Herzen die
Stimme des Gefhls, in dessen Verstande das gesunde Urtheil nie gehrt
wurde. Auch kann nur Unklugheit das rechte Gefhl verleugnen. Es werden
Mnner zu dir kommen, denen ich gebieten mute, ihre Kpfe zu deinem
Richtplatz zu tragen. Sie werden dir erzhlen: warum? doch bitte ich,
begnadige sie. -- Dies war des Briefes Hauptinhalt.

Da sie den Eilboten abgefertigt hatte, lie sie Osmann rufen. Er strzte
der gromthigen hochherzigen Lebensretterin zu Fen. Jedermann hebt in
solchem Falle auf, folglich auch unsre Heldin. Dann sah sie aber den
Egyptischen Kaufmann mit einem langen Blicke an, und fragte nach einer
Pause: Wie ist dein Name, Egypter?

Er nannte den nmlichen, welchen er schon angegeben hatte, doch diesmal
mit einigem Stottern.

_Flore._ Vorhin, als der Mann den Todesstreich nach dir richten wollte,
sanken ergeben deine Knie in den Staub, und von deiner Lippe entfloh ein
Name -- ein weiblicher Name -- ein Name, nicht gewhnlich in der Trkei.

_Osmann._ Ich -- whnte den Augenblick des Sterbens nah. Ohne deine
himmelgesandte Rettung --

_Flore._ Osmann, du magst ein Renegat sein, doch ein Trk bist du nicht.
Schon die Kraft, mit der du den Tod erwartetest, die leichte Freude
hernach -- so sieht man den Muselmann nicht in dem ernsten Momente.
Glaube an Bestimmung kann ihm Muth zu sterben geben, doch nennt er
Mahomed zuletzt, kein Mdchen.

_Osmann._ Sultanin -- du bist keine Cirkasserin, keine Trkin --

_Flore._ Und du wagst --

_Osmann._ Gromthig, tapfer knnte eine Trkin sein, doch _dieser_
Edelmuth, _diese_ Tugend konnten nur in einer christlichen Europerin
wohnen.

_Flore._ Du nanntest den Namen eines Mdchens -- fast mgt ich sagen,
einer Spanierin.

_Osmann._ Nene -- Nene! Du bist eine Franzsin!

_Flore._ Traf ich es, wackerer -- Coutances?

_Osmann._ Aber heldenmthige -- Flore, woher weit du, da ich Coutances
bin?

Flore taumelte einige Schritte vor Befremdung zurck, dann antwortete
sie, die wortarme Negersprache mit der ausdruckreichen franzsischen
wechselnd. Sie nannten Isabelle, ich hatte von ihrem Roman in Cairo
gehrt, ihre Gewandtheit, ihr schlauer Sinn, ihr Humor trafen mit der
Beschreibung zusammen. So errieth ich -- und sie, woher ist ihnen
bekannt --

_Osmann._ Ich sah vor kurzem in Cairo einen Commissair der franzsischen
Armee, meine Freude war gro, denn schon auf meiner Reise in Deutschland
hatte ich den muntern Ring kennen lernen, und manche Aehnlichkeit in
Sinn und Gefhl kettete uns aneinander.

_Flore._ Wundervolle unbegreifliche Verkettung.

_Osmann._ Er klagte mir das Unglck, seine geliebte Flore, bei jenem
Aufstand zu Cairo, da er grade die Pyramiden von Gizah besucht hatte,
verloren zu haben.

_Flore._ Ich Unglckselige, da ich ihm nicht zu den Pyramiden folgte?
Doch weiter, mein Herr.

_Osmann._ Da ich ihm sagte: ich wrde eine Reise in entlegene Lnder von
Afrika antreten, beschwur er mich, berall nach ihnen zu forschen, und
beschrieb sie genau -- o Himmel wer htte gedacht, da tausend Meilen
weit --

_Flore._ Wie geht es Ring?

_Osmann._ Da ich abreisete, glaubte er, nchstens den Zug nach Syrien
begleiten zu mssen.

_Flore._ So ist er doch gesund, wohl --

_Osmann._ Wie man es sein kann, bei einem so theuren Verlust im Schmerz
der liebenden Sehnsucht -- Freilich ahnt er ihr Glck, sein Unglck
nicht, da Darkulla Floren seine Sultanin grt.

_Flore._ Sultanin von Darkulla! Nun ja, man nennt mich so -- bin ichs
aber? Wollte der Himmel ich htte dies Land nimmer gesehn. Alle seine
Schnheiten werden durch so viele Plagen -- Doch wie kommen sie hieher,
Coutances! Unglcklicher Liebhaber! ohne Zweifel suchen sie Isabellen?
Schne Treue! rhmliches Streben!

_Osmann._ Ach Isabelle ist nicht mehr. Htte ich keine Nachricht von
ihrem Tode, wrde der meinige mich erschreckt haben. Ich rief Isabelle,
im Gedanken an das Wiedersehn, denn ich glaube eine andre Welt.

_Flore._ Wenn, wo starb denn Isabelle?

_Osmann._ Ich mu weit ausholen, jeden Umstand zu berichten.

_Flore._ O das wird mich hchlich freun. Fangen sie auf der Stelle an.

_Osmann._ Von Ring wei ich, da der Sklave Coraim schon auf der
Seefahrt mein Abentheuer erzhlte, und da sie alles wissen, bis auf den
Augenblick, wo Isabelle aus dem Hause des Vaters entfhrt wurde.

_Flore._ Auch ist mir wohl bekannt, da es der Italiener Perotti selbst
war, in dessen Besitz nachher das Mdchen gelangte.

_Osmann._ Da sie das wissen, setzt mich in hohe Verwunderung, ich
ahnete es selbst nicht, erfuhr es erst spt und auf einem sonderbaren
Wege --

_Flore._ Wie es mir zu Ohren kam, sollen sie hernach erfahren.
Unterbrechen sie sich nicht.

_Osmann._ Aber ehe ich Isabellen sah, gleich nachdem ich des Handels
wegen nach Egypten gekommen war, widerfuhr mir folgende Begebenheit. Ich
war in Cosseir gewesen, dort ein Geschft mit Moccakaffee abzuschlieen,
und kehrte durch die Wste zurck. Etwa auf der Mitte des Weges treffe
ich zwei Beduinen, die in der furchtbaren Sonnenhitze auf den Sand
hingestreckt liegen. Bei genauer Besichtigung fand ich beide verwundet.
Es waren ein Jngling und ein Greis. Jener, wiewohl selbst hlflos,
hielt diesen sorgsam umfat.

Ich fragte nach ihrem Unfall, und erhielt die Antwort: streitende
Wechabiten htten sie niedergeworfen, ausgeplndert und gemihandelt.
Ich that, was das natrliche Mitleid gebot, was jeder Europer wrde
gethan haben. Die Unglcklichen wurden auf eins meiner Kameele geladen,
und so mit nach Cairo geschafft. Da sie dort nicht unterzukommen wuten,
fand sich denn leicht ein Kmmerlein bei mir, und ein Arzt, den ich eben
wegen eines Augenbels brauchte, versorgte sie mit Arzenei. Da sie gar
nicht begreifen konnten, wie ein Christ, gegen einen fremden
Religionsverwandten so zu handeln im Stande war, darum bedauerte ich
sie, und hatte zu mancherlei Verrichtungen, mich weiter viel um sie zu
bekmmern. Da sie nun hergestellt waren, konnte besonders der Jngling
kein Ende fr seinen Dank finden, da ich ihn und seinen alten Vater --
sie wissen ja wie das ist, ich sagte denn, sie sollten nur machen, da
sie aus dem Hause kmen.

Der junge Araber aber rief: Frank, ich heie Imar, und sollten funfzig
Jahre vergehn, ich ruhe nicht, bis ich dir deinen Edelmuth bezahlte.

Ich gab natrlich auf diese Rede nichts. Doch nachdem es mir widerfuhr,
da ich mich in Isabellen verliebte, und sie dem Italiener Perotti, von
dem sie werden gehrt haben, streitig machte, fand sich dieser Imar
wieder bei mir ein, Hlfe zu leisten. Er hatte, ohne da ich es wute,
beobachtet, was mich beschftigte. Ich brauchte Leute zur Ausfhrung
meines Vorhabens, lie mir also seinen Beistand gefallen, bot ihm ein
Geschenk, wie Isabelle zu ihrem Vater gebracht war, und erklrte, da
ich seiner nicht mehr bedrfe.

Wer wei, rief er, und sprang zur Thr hinaus.

Bald darauf verschwand Isabelle wieder, ich fand den Italiener, der sie
aus des Consuls Wohnung geraubt hatte, gebunden im Keller, und fhlte
selbst Mitleid bei seinem klglichen Zustand. Die Mhe, Isabellen
auszuforschen, war umsonst. Der Gram warf mich und ihren Vater aufs
Krankenlager.

Wohl ein halbes Jahr darauf kam Imar wieder zu mir. Frank, sagte er, du
bist nichtswrdig betrogen worden, ich dachte dir Freude zu bringen,
aber der Prophet wollte nicht. Weine!

Da ich Erklrung verlangte, fuhr der Araber fort: Der unglubige Hund,
den du gebunden fandest, hat die schne Sklavin selbst geraubt, ich lie
ihn mit meinen Freunden nicht aus den Augen, und nahm sie ihm bei
Raschid wieder ab. Nun wollte ich sie dir bringen, denn immer bezahlte
ich dir noch nicht, was, du in der Wste an mir gethan hast. Aber die
Begleiter, welche ich mir zu meiner That gewhlt hatte, waren Schurken,
sie wollten keinem Franken hold sein, und da ich bei der Rast ein wenig
schlummerte, verkauften sie das Mdchen vorberziehenden
Sklavenhndlern.

Sie knnen denken, wie gespannt ich bei dieser Erzhlung horchte, und
wie gerhrt ich bei dem dankbaren Sinn des Arabers war.

Er berichtete weiter: Da ich erwachte, waren die Begleiter entflohn, das
Mdchen sah ich nicht mehr, wohl aber von fern den Staub von Kameelen.
Ich ritt nach, fand eine kleine Caravane von Schwarzen und die Sklavin
auf einem Kameele sitzend, hatte aber kein Geld, sie wieder loszukaufen.
Ich eilte zum Vater. Du mut mit der Caravane, sprach ich, verdinge dich
als Knecht, damit du siehst, wo die Sklavin bleibt, und in allen Stdten
lasse bei dem Kiaschef Nachricht von dem Wege. Ich werde folgen, so bald
ich Reisende niederwarf, und so viel Geld plnderte, um sie zu meinem
Eigenthum zu machen. Der Alte, eingedenk deiner, war willig mitzugehn,
und wren es Tausend Meilen. Ich legte mich denn in der Wste auf die
Lauer. Doch das Glck wollte mir nicht. Mehrere Monate vergingen, bis
ich einen Wallfahrer, der nach Mecca gedachte, antraf, und der sich von
seiner Begleitung entfernt hatte, um in einem Dorfe Frchte zu kaufen.
Diesem raubte ich so viel ich brauchte, und schlug nun den Weg ber
Assiut ein, wo ich in den Ortschaften und bei den streifenden Beduinen
immer Kundschaft vom Vater fand. Aber in Darfur hrte ich mit Entsetzen,
die Sklavin sei ermordet. Ich kehrte zurck, dir das zu sagen. Weine
aber nicht zu viel, denn es ziemt dem Manne nicht, und viel giebt es der
schnen Sklavinnen. Baue darauf, ich bringe dir eine noch schnere.

Wie sie denken mgen, versank ich in den tiefsten Schmerz, ich
verspottete Imars Anerbieten, und die Dankbarkeit eines Straenrubers
verlor mir allen Werth. Er sprang mit den Worten hinaus: so bezahle ich
dich auf eine andere Weise.

Ich blieb bei Isabellens Vater, dem gebeugten Greis beizustehn. Wir
vereinten unsere Handelsgeschfte, erfuhren aber Unfall auf Unfall.
Endlich steckte sein Reichthum sowohl, wie das, was ich an Vermgen
erworben hatte, in einem groen Waarenlager, aus dem wir, nach den guten
Bestellungen von Marseille, viel abzusetzen hofften. Allein die
Englnder nahmen mehrere Schiffe in der mittellndischen See weg, und da
die Franzosen nach Egypten kamen, bten die Einwohner Gewaltthat an uns,
und der Rest des Magazins ging verloren. So sanken wir denn in Armuth,
und es ward ein Glck fr mich, den Commissr Ring bei der Armee
wiederzufinden, denn er half mir in der tiefsten Verlegenheit mit
Vorschssen.

O er war immer brav, unterbrach Flore den Erzhler.

Doch vor kurzer Zeit, fuhr jener fort, kam Imar wieder bei mir an.
Frank, sagte er, du bist Kaufmann, und unternehmend. Mit der Sklavin
konnt ich dir nicht helfen, doch reich machen will ich dich.

Etwa durch Ruberei? fragt ich hhnend.

Nein, nein, ein Vorschlag, so redlich, da es ein Sohns des Propheten
ausfhren knnte. Denke dir, mein alter Vater hat, nachdem die Sklavin
ermordet war, auf die er Acht geben sollte, Dienste bei einer Sultanin,
weit nach der Sonne zu, gefunden. Die Sultanin ist reich und mchtig.
Viele arabische Stmme gehorchen ihr und geben die alte Freiheit auf,
denn sie wei der Herzen Liebe zu gewinnen. Ob sie eine Wechabitin ist,
die mit groen Schtzen aus Arabien kam, oder wie manche glauben, eine
Gemahlin des reichen Paschas von Bagdad, die ihm entfloh, wei ich
nicht, genug sie herrscht ber ein groes Land. Sie baut Stdte und
pflanzt Grten; dazu fehlen ihr aber --

Sie knnen hier einiges bergehn, ich kenne Gigis Absichten, fiel Flore
ein.

Gut. Imar sagte: sein Vater habe von der Sultanin Auftrge erhalten,
ein Paar Mnner in Egypten ausfindig zu machen, die ihre Absichten
untersttzen knnten, und mich und den alten Spanier genannt. Mich, aus
alter Dankbarkeit, und den Spanier, weil dieser ausgebreitete Kunde vom
Lande besitze. So du nun willst, Frank, endete Imar, mache ich dich
reich.

Das klingt wie eine Fabel, entgegnete ich. Htte ich Schtze, wrde ich
gar meinen, man wolle mich damit in die Falle lokken!

Frank, Frank, erinnere dich, was du mir in der Wste gethan, rief Imar
gekrnkt.

Ein Weib Herrscherin? Das wre in diesem Welttheil, wo das andere
Geschlecht entwrdigt in, ohne Beispiel.

Und doch ist dem so, versetzte Imar. Wisse aber, da hher nach der
Sonne hin die Weiber mehr gelten.

Ferne Lande, ferne Vlker sehn, ist meine Lust, darum kam ich zum Nil,
doch wie liee sich auf dem Wege nach Sden Sicherheit finden.

Glaube mir, von Rubern der Wste sollst du nichts frchten. Darum
begleite ich dich, und jeder Beduin ehrt meinen Stamm. Andere Ruber
kommen nur in kleiner Zahl, da vertheidigen wir uns. Die Sultane
jenseits Oberegypten sind um Geleit ersucht.

Aber wie lasse ich mich nur ein, davon zu reden? Zu bewirken, was die
Frstin verlangt, dazu wrden Hundert Beutel und mehr gehren, ich bin
ohne Geld, ruinirt, wie mein Handelsfreund.

Ei nun, rief Imar, die Mnner, welche von der Sultanin hier sind, haben
mehr, wie du bedarfst.

Es wren Mnner hier? Sie htten --

Hier ffnete Imar schon die Thr, und mehrere stattlichgekleidete Leute,
von arabischer Gesichtsfarbe, traten herein, begrten mich ehrerbietig,
und bergaben mir Papiere, worauf alles verzeichnet war, was an
Knstlern und Handwerkern gewnscht wurde. Dann erklrte der
ansehnlichste darunter, alle Kosten wren an ihn zu weisen, wobei er ein
Kstchen ffnete, das zwei Gefhrten trugen, und sowohl Goldstangen als
Edelsteine in solcher Menge und Gte enthielt, da ber die Grundlage
der Unternehmung kein Zweifel mehr blieb.

Der Anblick solcher Gegenstnde macht hflich, darum that ich was ich
nur konnte, die Araber zu verbinden. Mir wurde erklrt, da gleich
Zehntausend Piaster fr mich und den Handelsfreund zu Gebote stnden,
unsere Reiseeinrichtungen zu treffen.

Der Spanier hatte so wenig noch etwas zu verlieren, wie ich. In dem
Falle, wagt man die Gefahr um den Vortheil gern. Die Zerstreuung war uns
nach Gram mancherlei Art willkommen.

Bald fanden sich die Familien zusammen, die nach dem fernen Reiche
ziehen wollten. Sie hatten auch durch die Zeitumstnde gelitten, und
warfen sich der Hoffnung in den Arm. Wir konnten nicht das nthige Maas
von Ansehen erstreben, wenn nicht Imars Rath befolgt ward, den
muselmnnischen Glauben anzunehmen. An den Vorbehalt des Herzens
hinderte uns ja nichts.

So traten wir unsern Weg an, und zogen ohne Unfall bis Darkulla, wo uns
aber Tata anhielt, tausend Gefahren ber unsre Hupter hereinbrachen,
sich ein unseliger Krieg wegen uns entspann, und ich noch heute im
Volksaufstande das Leben eingebt htte, wenn diese hohe Wohlthterin
-- meine Landsmnnin -- des Freundes Gattin --

Nun nun, unterbrach ihn Flore, davon weiter nichts. Ich rettete ihr
Leben, wer wei aber, wo sie mich wieder dem Tode entziehn. In der That,
die Erzhlung, welche ich hrte, ergriff mich nicht wenig. Also
Isabellens Vater, Don Alonzo, wre auch hier?

Es ist Mustapha!

Wunderbar! Mu ich mit Leuten, fr die mich eine Novelle erwrmte, in so
nahe so sonderbare Verbindung kommen.

Fge es nur ein freundlich Geschick, da alle Knoten sich beruhigend
lsen. Ich bin der Abentheurerei mde.

Fr mich mag sie erst recht beginnen, sagte Coutances, mir schon recht.

Kommen sie in jenes Zimmer, wo Isabellens Vater ist. Ich hoffe er wird
zu sich gekommen seyn --

Wo nicht, wird ihm diese Freude --

Still, still! Doch noch Eins. Isabelle wre umgekommen?

Leider!

Und Perotti zieht umher, sie zu suchen.

Perotti?

Nachdem er mich um Kostbarkeiten betrog.

Der Elende! Mge er seine Strafe unter den Barbaren finden!

Strafe genug, wenn er vergebens in der Irre umherzieht. Doch -- wenn die
Nachricht falsch wre, Isabelle noch lebte --

Mgte sie das lieber nicht, ehe Perotti sie fnde. Aber dazu ist keine
Hoffnung. Imars Nachrichten waren stets gegrndet.

Und wo blieb der wackere Araber?

Kurz nachher, da uns Tata verhaftet hatte, machte er es mglich, zu
entfliehn. Vielleicht gelang es ihm eher, wie einem andern, sich zu
retten. Er ist des Herumstreifens gewohnt.

Gott, mich berraschte eben ein Gedanke -- nein -- kommen sie zu ihrem
Vater!

Beide eilten zu Don Alonzo, der ermattet auf einem Teppich sa. Die
Diener muten das Zimmer rumen. Nun sprach Coutances: Die gromthige
Sultanin von Darkulla, Alonzo, wen meinen sie, da wir in der Heldin
verehren?

Alonzo hob seine Blicke verwundert empor.

Es ist eine Franzsin. Die Gattin meines Freundes. Sie haben von ihr
gehrt.

Der Alte vernahm auer sich das Weitere, und sank auf die Knie, dem
Himmel zu danken.




                           Letztes Kapitel.
                     Wilder Sturm in die Freude.


Das Regiment der Sultanin hatte sich seit jener siegreichen That gar
sehr befestigt. Hatte Flore einst durch Schnheit gewonnen, so war ihr
jetzt das Urtheil zugethan. Kuku hat doch eine gute Wahl getroffen, hie
es, da er der Cafferin den Szepter bergab. Und sie mu doch mit ihm
einverstanden seyn, wissen, wie viel sie wagen darf. Freilich war man
denn sehr gespannt, wie Kuku die letztere Verweigerung aufnehmen wrde,
und daran hing allerdings zuletzt Florens Gewalt.

Indessen erfreute sie hoch, was sie jetzt wahrnahm, und Schmeicheleien
oder angelegte Plane tuschten sie nicht mehr. Mustapha und Osman (unter
diesen mahomedanischen Namen blieben Alonzo und Coutances um die
Sultanin) muten alles mit eignen Augen sehn, genau forschen und Bericht
erstatten. Nene ritt oft und unverhofft aus, und unterrichtete sich dazu
selber. Die Kammerherren bekamen die Aufsicht ber die Rosenlfabrik,
und durften nichts mehr von Staatsdingen reden.

Sie erlie neue Edikte, und folgte darin einem Wink des Landsmannes.
Zwar kann ich auch, hie es darin, mit Gewalt zur Vernunft zwingen, da
ihr aber oft zeigtet, da die Dummheit euch lieber ist, so will ich denn
hiermit meinen ersten Befehl widerrufen, und jeden Freund der Dummheit
in Darkulla berechtigen, seiner Lieblingsneigung zu folgen.

Schon waren die Kpfe im Streit gegen die Neuerung thtig gewesen, aber
das giebt grade die Gelegenheit, des Gegners Lichtseite auch zu
bemerken. Giebt er nun von selbst nach, so hrt der Grund auf, diese
Lichtseite zu schmhn, und des Strahles Helle, fngt an zu gefallen.

Die Herren konnten nun also wieder der Knechte Kpfe aus Kurzweil
abhauen. Es geschah aber nicht mehr. Die Knechte wurden wieder gut
genhrt, nun gefiel ihnen doch die Sicherheit des Lebens, und sie htten
auch das Gesetz zurckgewnscht. Man durfte nackt gehn, aber am Hofe
schimmerten doch die Kleidungen ganz artig. Es wurde schon von nchtlich
rauher Luft geredet, von Sicherheit gegen das Ritzen der Dornen. Die
Stoffe, welche Osmann anfertigen lie, waren beraus dnn und leicht,
dabei sehr bunt und nett, und -- sie gingen bald reissend im Kauf. Es
standen sogar Starkgeister in Darkulla auf, die meinten: die goldnen
Eselinnen im Paradiese mgten wohl nur so eine Figur seyn, und wenn die
Sultanin den Titel nicht mgte, so liefe es der Religion nicht zuwider,
artig zu seyn.

Genug, wenn Flore das Volk sah, so wurden der Schrzen immer mehr, und
der Zischer beim Klatschen der Menge immer weniger. Und Kammerherrn
hatten diese Klatscher gewi nicht gedungen, denn keiner darunter war
parfmirt.

Die Glieder vom Divan waren zwar nichts weniger wie ausgeshnt mit den
neuen Erscheinungen. Sie meinten, der Volkscharakter fange an zu knarren
und zu knistern, und werde nchstens ganz aus den alten Fugen geschoben
seyn. Ja da Kuku und Tata eine Schlacht verloren haben, woran wirds
liegen, als da schon beim Heere von den Gesinnungen der Sultanin Nene
geredet ward. Der Gedanke an Werth des Lebens folgt. Diesem die Liebe,
und wer wirft gern hin was er liebt.

Doch waren die Nachrichten aus dem Felde jetzt etwas beruhigender. Das
geschlagene Heer hatte sich in eine gebirgigte Stellung geworfen, worin
Gigi so leicht ihm nichts anhatte. Abermals waren Friedensvorschlge
eingetroffen, und die Forderung, Mustapha und Osmann auszuliefern. Kuku
hatte aber antworten lassen: er erwarte ihre Kpfe, und werde sie
richtig bermachen. Damals hatte er von Nenes Botschaft keine Nachricht
haben knnen.

Oft sagte Flore zu Alonzo und Coutances: Wie, wenn eure Isabelle noch
lebte? Wenn wir erfhren, ein Sklavenhndler, oder ein schwarzer Frst
hielt sie versteckt. Wir nhmen Truppen und zgen hin, befreiten sie --

Alonzo hob dann die Hnde stumm zur Hhe, Coutances versank in einem
Strome von Gefhlen, von denen manche schauderhaft, immer schauderhafter
im Verfolgen wurden. Zuletzt entri er sich, mit der erneuten
Ueberzeugung: Imar kann nicht lgen.

Bald traf der Eilbote ein, der erwartet wurde. Hof, Stadt und Provinz
waren gespannt auf den Inhalt des Palmblattes. Flore las:

Schne Sonne von Darkulla, liebliche Sultanin Nene! die Mnner welche
mir auf deinen Befehl ihre Kpfe berbrachten, sind nicht mehr. Ich
konnte, wie theuer deine Bitte mir war, nicht verzeihen, denn sie hatten
dir Gehorsam verweigert, Aufruhr und Verrath gesponnen, deine Stunden
getrbt. Mgte tausend Kpfe tragen, der also tht, und sie sollten alle
fallen. Was du mit den Gefangenen, und mit den Caffern beschlossest, ist
alles meine Freude. Du glnzest wie ein See von weissem Gefieder,
bestreut mit Wlklein Morgenroth, ich bin schwarz wie die Nacht einer
Lwenhle zur Regenzeit; also sinnest du mild wie die neugeborne Taube,
ich wthe dem Panther gleich, den beim Trinken ein Fluungeheuer mit
spitzer Kralle verwundete. Es gebhrt mir, meiner Liebe zu folgen, und
wollte sie, ich sollte in die eigne Lanze fallen. Viel haben sie mir
hinterbracht, was meinen Zorn gegen dich waffnen sollte, ich lie deinen
Verlumdern die Zungen ausreien, und jetzt sind sie stumm worden, wie
die Gruft meiner Vter. Fr alle Liebe flehe ich jetzt um eine Huld.
Diese gewhre mir, und tausend Bitten magst du dann verlachen. Damit ich
dann auf dem Teppich meines Zeltes einschlafe, und Darkullas Kinder
nicht mehr beben, lasse einmal des Busens Rede schweigen. An Gigi mu
ich meine Tausende rchen, meine Ehre soll leuchten vor dem Angesichte
der Vlker. Eine hundertjhrige Prophetin kam um Mitternacht und sprach:
_Sultan Kuku, Osmann ins Grab, sonst steigt er auf den Thron von
Darkulla. -- Darum Sultanin, darum sende mir sein Haupt!_

                       Ende des vierten Buchs.




                              Potpurri.
            Der erfahrne Schriftsteller und der Angehende.


                            Ein Gesprch.

A. Und sie wollen die Zahl der deutschen Autoren vermehren.

B. Warum sollte ich einem Drange widerstehn, der von dem innigen Antheil
an dem Ideenverkehr der Menschheit ausgeht, und den ich, wohl darf ichs
sagen, mit einem mehr als gewhnlichen Flei nhrte?

A. Da sie sich fr die schne Literatur entscheiden, hrte ich schon.
In welcher Gattung aber denken sie sich zu versuchen?

B. Werden sie meine aufrichtige Antwort nicht Anmaung nennen?

A. Ich errathe -- Universalitt.

B. Im ganzen Umfange den Begriff nehmen, hiee Unsinn, man kann ihm aber
auch eine bescheidne Grnze ziehn. Ich lugne ihnen nichts. Poesie hat
mich von jeher angezogen, und dennoch gewann sie mir keine Vorliebe ab.
Von einer Epopee begeistert, frag ich die Geschichte, ob nicht noch
unbefangene Helden vorhanden sind, und mit dem Sptter in kurzen Worten,
be ich Fertigkeit in Sinngedichten. Das Schauspiel ergreift mich
gewhnlich lebhaft genug, um bei der Heimkehr von der Bhne, auf neue
Cannefasse zu denken; selten lege ich einen Roman aus der Hand, ohne
Charaktere und Lebensverkettungen origineller Art, vor den innern
Blicken zu sehn; oft berrascht mich die Leichtigkeit, womit ich das
Gedankenspiel vom Bestehenden, hinaus ins noch unbekannte Gebiet trage,
womit ich mir Philosophie des Geschmacks aneigne, kritische Gebude
auffhre, Lehrplane des Schnheitgesetzes entwerfe, -- doch ich breche
ab. Da haben sie mich, wie ich bin. Erheben sie die strafende Stimme.

A. Kraftgefhl der Jugend soll man aufmuntern, nicht schelten. Doch wie
ich sehe, bedarf es eben der fremden Anreitze bei ihnen nicht.

B. Diese Bemerkung mahnt mich dennoch, in meinem Innern den lebendigsten
Trieb zu suchen.

A. Wohlan! Ihre Zwecke, indem sie als Schriftsteller auftreten wollen,
sind doch wohl -- Einmal zu ntzen --

B. Sagen sie vor der Hand zu vergngen, zu rhren --

A. Das kann ntzen. Dann wird es ihnen selbst um die Freude unter der
Ausarbeitung, um die Wollust des Erfinders, wie Schiller spricht, zu
thun seyn.

B. Dieser Egoismus -- wre er zu tadeln?

A. Ich wte nicht. Ferner wird es ihnen schmeicheln, auf dem Wege der
Wissenschaft, in einem greren Umkreise von Menschen bekannt zu werden,
als der enggezogene des gemeinen Lebens.

B. Wollte ich das bestreiten, zgen sie meine Wahrheitsliebe in
Verdacht.

A. Der Gedanke an Bekanntheit, fhrt zu den an Lob, dieser zu den an
Ruhm.

B. Ein schwierig vorgestecktes Ziel fordert groe Anstrengungen auf.
Wird es nicht erreicht, blieben die Krfte nicht ungebt.

A. Endlich, da Jeder mit seinem Pfunde zu wuchern berechtigt ist, sie
ein, wenig eintrgliches, Amt bekleiden, und sonst sich keines Vermgens
erfreuen, so hoffen sie von ihren Bemhungen -- wre es auch im Anfang
noch gar nicht, und spter mit billigen Ansprchen -- Gewinn.

B. Ich lugne es nicht.

A. Ihre Gestndnisse wird Jedermann vertheidigen. -- Doch machten sie
sich auch schon mit den Hindernissen bekannt, die ihnen in dieser
Laufbahn begegnen werden?

B. Wo gbe es deren nicht. Das Leben ist ein fortwhrender Kampf. Ich
hasse ihn aber nicht, da er ja offenbar die Urbestimmung, hhere
Entwickelung, frdert. Wer wird die Chimre von unthtiger
Glckseligkeit trumen? Es gilt aber nur den festen Willen zu kmpfen,
und das an sich nicht Unbesiegbare, fllt.

A. Gute Basis des Lebensmuthes in diesen Grundstzen. Bei dem allen
kmpft der metaphysische Begriff nicht allein. Es gilt Waffen des
Alltagslebens. Sie mssen den Widerstand, auf den sie zu zhlen haben,
seiner Natur nach, kennen.

B. Die Gelegenheit dazu, liegt vor mir.

A. Erfahrung ist eine kostbare Schule. Sie lt sogar viele ihrer
Lehrlinge untergehn. Wie wre es, wenn ich sie mit einigen der Feinde,
gegen die sie sich werden zu vertheidigen haben, im Voraus bekannt
machte?

B. Es wrde meinen Dank fordern.

A. Zuerst sthlen sie ihr Gefhl ja gegen eine Beleidigung, die ihnen
unfehlbar widerfhrt, und die um so tiefer verwundet, als die ersten
Erwartungen poetisch sind.

B. Die wre?

A. Nichtachtung. Sie vollendeten ein Manuskript und suchen nun einen
Verleger, der es der Lesewelt gedruckt in die Hnde geben soll. Sie
schreiben dem Manne, oder suchen ihn in seinem Comtoir auf. In beiden
Fllen wird ihm ihr unbekannter Name ein Ansto. Er hat sich gewhnt,
den Namen als ein Simbol der geringeren oder besseren Gangbarkeit der
Werke anzusehn. Mit dem Neuling hat er nicht gern etwas zu schaffen, da
er dann frchten mu, das Unvollkommene auf den Markt zu bringen. Er
liest nun entweder, oder hat einen Literaten seiner Bekanntschaft, der
ihn der Mhe berhebt. Auch dieser theilt das Vorurtheil. Haben die in
ihrem Werke enthaltenen Gedanken Aehnlichkeit mit schon ausgesprochenen,
(was der Vielbelesene bald ausfindig macht), so gelten sie ein
Nachahmer, und man erinnert sich, da schon Horaz da ein
Verdammungsurtheil fllte. Weicht der Inhalt ihres Werkes ab, so
miversteht man ihn, oder fat nicht, wie doch der Anfnger schon eine
ganz eigne Bahn zu wandeln, sich vermessen kann. Zweifelhaft in
jedem Fall, hlt man fr das rathsamste, mit einem hflichen
Ablehnungsschreiben ihr Produkt zurckzusenden. Das wird sich bei
mehreren Versuchen wiederholen.

B. Ermde ich nicht, gelingt doch wohl einer.

A. Und wenn das geschieht, dringt das Vorurtheil erst mit der greren
Kraft auf das neue Beginnen ein. Die auf der Messe versammelten
Buchhndler gewinnen kein Zutrauen gegen den neuen Autor, nehmen wenig
oder nichts, wollen erst Rezensionen abwarten, und thun Recht daran,
indem sie wissen, da von ihren Bekannten niemand gerne das Buch eines
Schriftstellers kauft, von dem er noch nichts hrte. Selbst
Leihbibliotheken greifen nicht willig zu, weil sie aus Erfahrung wissen,
da ihre Leser nach den Namen whlen. Die kritischen Bltter haben die
vorzglichste Aufmerksamkeit, den Werken gerhmter oder schon frher
getadelter Mnner zugewendet, es whrt lange, bis man ber ihr Buch
etwas sagt, wenn es nicht ganz bergangen wird. Der Rezensent, dem es in
die Hnde fllt, wird vielleicht ohne Interesse flchtig bersehn,
wegwerfend absprechen, oder ein frostig Lob, nicht besser als Tadel,
hinspenden. Ihr Buch bleibt dem Verleger auf dem Lager, das wird andern
bekannt, und das Zweitemal erreichen sie noch schwieriger ihre Absicht.

B. Das heit, mit ihrer Erlaubni, alles in Schatten stellen. Sollte die
Gte des Buches an sich, ihm nicht selbst eine Bahn brechen?

A. Glauben sie es meiner Erfahrung, manches gute Werk liegt ungewrdigt
in den Buchlden, whrend Hundert mittelmige, frivole, schdliche
Ephemeren Leser finden, oft sogar verschlungen werden.

B. Wo soll man aber die Ursache dieser befremdenden Erscheinung
aufsuchen?

A. In den Ansichten der Menge, im Intriguengeist vieler Autoren, in der
Partheilichkeit ffentlicher Geschmacksrichter.

B. Da in der Menge nicht auf Einheit der Ansichten zu bauen ist,
begreife ich wohl, wie aber kann die Gewandtheit der Autoren auf diese
Menge einwirken?

A. Da sie davon nichts wissen, nichts ahnen, verbrgt ihnen eben kein
hohes Gedeihen. Ein Schriftsteller hfelt Mnnern von Bedeutung und
Einflu. Diese lassen sich bewegen, seinen oberflchlichen Blick in ihre
Werke zu thun, rhmen, das pflanzt sich weiter, und der Ton will, da
das Werk gelesen werde. Oft wird auf diese Art selbst der Kunstrichter
mit bestochen. Ein anderer schickt kritischen Autoren seine Werke mit
schmeichelhaften Bitten, ihrer in Gte zu gedenken, ein, und ihm wird
ein ^casus pro amico^. Oder auch, was immer gebruchlicher wird, sie
rezensiren unter der Hand selbst, und rhmen die eignen Kinder nicht
stiefvterlich. Die prunkenden Anzeigen in den Intelligenzblttern
rhren gar oft von den Verfassern her, denen selbst die Kaufmannssprache
ihrer Verleger zu khl ist. Andere wissen irgend etwas vom Zeitgeschmack
beizumischen, wodurch schlechte Waare blankgeputzt wird, sie verschmhen
nicht sittenlose Wendungen, nicht hmische Ausflle auf bedeutende
Mnner, kurz, auch nicht das Verworfene, um nur ihr Ziel zu umarmen.
Haben sie Lust diese Wege einzuschlagen, so gebe ich mehr Hoffnung.

B. Nicht Einen davon, nicht Einen! Mt ich mich nicht verachten? --
Nein, doch von fortgesetztem Flei, von fester Beharrlichkeit hoffe ich
viel. Endlich denke ich durchzudringen, endlich bemerkt zu werden.

A. O, wenn sie erst bemerkt werden, dann kmmt ein neuer, und viel
schlimmerer Kampf, wie der gegen die Klte. Ueberall giebt es Bltter,
deren Existenz auf Nachrichten aus der gelehrten Welt gebaut ist. Man
will gern hohen Ton zeigen, absprechen. Sie haben in ihrer Bekanntschaft
Autoren, die keinen eignen Stoff in ihrer Talentarmuth aufzubringen
wissen, diese schwngern sich, so zu sagen, aus neuen Werken, und reden
ber die Erscheinung mit eben daraus geschpften Ideen. Dies sind
besonders die Mnner der Journale, weil Zeitungen auszusphn, ihre Sache
ist. Einen im Kaffeehause gehrten Witz bringen sie bei der Gelegenheit
selbst an, um witzig zu scheinen, erlangen auch wohl auf diese Art den
Zweck, mit der fremden Feder zu glnzen, denn das ganze Lesepublikum
konnte doch nicht auf dem Kaffeehause sein. Diese sind zugleich neidisch
wie ein gewisses Thier, das man wegen des nicht wohlklingenden Namens,
ungern nennt. Sie werden es ihnen nimmer verzeihen, wenn sie ihr
Bekannter, und doch geschtzt sind. Von diesen Leuten gilt genau, was
der Sptter Swift sagte:

   Fortuna spende deine Gaben,
   Mit vollen Hnden meinem Feinde,
   Nur aber meinem Freunde nicht,
   Das eine ist mir noch ertrglich,
   Das andre macht vor Neid mich bersten.

Sind sie gleich nicht ihr Freund, waren sie doch einmal auf dem
Kaffeehause mit ihnen. Das Wort Freund ist ja schon lange ein
Universaltitel. Zu *** legte ein junger Kunst- und Indstrie-Komtorist
eine Art Bcherkasino an. Er begegnete bei dieser Gelegenheit dem
wrdigen Kapellmeister *** auf der Treppe in irgend einem Hause. Nach
dem gewhnlichen Complimentenwechsel fragte er ihn hflich: Ob er ihm
nicht in musikalischen Angelegenheiten, mit Rath an die Hand zu gehn,
die Gewogenheit haben wollte? Herr *** immer artig, erwiederte: mir
Vergngen, so weit ich es im Stande bin. Was wrde auch ein geflliger
Mann anders haben antworten knnen? Nun lie der Kunst- und
Indstrie-Comtorist neben andern, mit Posaunen, Orgeln, Kanonen und
Karthaunen begleiteten Zeitungsankndigungen auch sich vernehmen: Mein
Freund *** wird mich ebenfalls untersttzen. Genug, diese Mnnlein
werden beginnen, sie zu necken, und oft bitter, unartig, pbelhaft, denn
das gilt manchen Leuten kurz und krftig.

B. Darum bekmmert man sich nicht.

A. Ach mit der Gromuth ist hier nichts auszurichten. Eiserne Stirnen
fhlen ihre glhenden Kohlen nicht, die Mnnlein glauben, sie
ermangelten der Kraft in ihrer Feder, und witzeln aufs Neue. Wie lachte
nicht der neue Herausgeber des Freimthigen, der gern witzig wre wie
sein Vorgnger, aber von dessen Ader wenig ^in bonis^ hat, als er den
braven Schtz (der gar kein Mann ist, wie der Herausgeber des neuen
Freimthigen, sondern ein Gelehrter) der seine Teutona zu einer
ungnstigen Zeit begonnen hatte, bescheiden auf seinen lieblosen
Sarcasmus antworten sah. Nein, es geht mit dem Schweigen nicht wohl, das
sahen ja Schiller und Gthe ein, wie sie die Xenien ausschleuderten,
Kotzebue, wie er so manches bittre Pamphlet erlie, manche derbe Satyre
in seine Stcke verwebte; Nikolai und andere, welche auch den
Sansclotten in der Gelehrtenrepublik antworteten. Denn es giebt immer
einen Theil im Publikum, (mgte es ein kleiner sein) der dem _Drukke_
glaubt, und von dem leider die ziemlich unfeine Bemerkung in den
Expektorationen gelten kann:

   Nennt mir doch nicht das Publikum,
   Es ist geduldig, fromm und dumm,
   Mit eignem Urtheil befat sichs nicht
   Es schnattert nach, was ein andrer spricht.

Sie antworten also. Glauben den Aufwand einer witzigen Pointe sei der
Handel wohl werth, und meinen, da sie sie ausspendeten, den naseweisen
Mann abgefertigt zu haben. Aber nun gewinnt er, der immer an Stoff
Verarmte, ja mit Einemmale neue Materie, ber die er sich, plump oder
gewandt, fertig oder elend ergieen kann. Vermag er nichts im
bravgefhrten Streite, im interessanten Federkampf wider sie, so verlt
er sich auf Geschrei, auf Grobheit, auf Personalitt, auf das letzte
Wort, von dem er nicht abgeht. Bei allem guten Selbstgefhl, bei aller
Rechtlichkeit, aller berlegenen Kraft, kann es doch nicht ausbleiben,
da sie sich nicht schwer gekrnkt fhlen. Und wie verdrielich ist
berhaupt so ein Kampf.

B. Aber wird denn unter den Schriftstellern nimmer ein edler Ton -- --

A. Ein edler Ton? Wo sollte der erlernt, beliebt worden sein? Magister
X. vor seinen Schulbnken, wo es jeder Augenblick erheischt, ungezogne
Knaben mit Schrfe zu leiten, wo soll ihm die Gefhlsfeinheit erzogen
sein? Etwa frher an des Vaters Werkstatt, der ein ehrsamer Schneider
war? Der Kanzelist Y. der entweder bei seinen Akten schwitzte, oder dann
sich in den Wirthshusern umhertrieb, wo htte ihm die Gttin des guten
Geschmacks gelchelt? Der sogenannte privatisirende Gelehrte Z., der als
Musketier in den Wachtstuben die Entdeckung machte, er wrde auch
schreiben knnen, weil die Soldaten gern anhrten, was er aus dem eben
gelesenen Roman erzhlte, und mit seiner Erfindung aufstutzte, was haben
mit dem die Grazien zu thun? und mit alle diesen Mnnern gerathen sie in
Verbindung. Grade mit diesen am ersten. Von den ehrenvollen Ausnahmen
ist hier nicht die Rede.

B. In der That! was sie alles sagen, lockt wenig an.

A. So ists, junger Freund, so ists! Und das wird noch schlimmer werden,
indem sie ihre Laufbahn verfolgen, denn seit zwanzig Jahren machte das
Uebel auf dem Parna Riesenschritte, und woher liee sich erwarten, da
es erlahmen sollte? Vollen Ernstes glaub ich, da kein wahrer Ruhm in
Deutschland zu erlangen sei. Alles zerfiel in Partheiwuth, alles ward
breit tadelschtig und anmaend. Denken sie an das Schicksal von Kant.
Wer wird diesem Manne ein gigantisches Genie absprechen? Ich wnschte,
sie schlgen alte kritische Bltter nach und sie fnden dann, wie
unwrdig der Mann von uns behandelt worden ist. Spterhin gab es nun
wieder ein Geschrei, welches so verzerrt war, da es ihm selbst nicht
gefallen konnte. Wie lange aber, da hie er in Jena ein alter Schwtzer?
Zweige brachen sie von seinem groen Stamm, steckten sie in die Erde, da
wurde wieder ein Baum, und der Pflanzer rhmte sich Schpfer. Wer jetzt
noch eine Vorlesung ber Kant ankndigt, wird ausgezischt. Denken sie an
Kotzebue. In so vielen Laufbahnen er sich versuchte, in so vielen
glnzte er. Sie besuchen sein Trauerspiel, und werden weinen. Sein
Lustspiel lt sie beinahe vom Lachen nicht ausruhen. Jeder kleine
Aufsatz des Mannes berrascht sie durch ein nicht geahntes Interesse.
Der Name Kotzebue auf dem Titel, ist Simbol des Genies. Das fhlt jeder,
wer aber birgt den Muth, es zu sagen? So lange haben ihn Zoilus Jnger
geschmht, bis es Ton geworden ist, keinen Geschmack mehr an Kotzebue zu
finden. Nein, mein junger Freund, wir sind keine Franzosen, die nach
Hundert und funfzig Jahren noch mit Entzcken Racine's und Moliere's
Meisterwerke sehn, ihren Rousseau fortlieben, ihren Rochefoucault immer
wieder auflegen. Nur mit Modeschneidertalent kann man bei uns einmal in
die Hhe schumen, wenn man den Schnitt der literren Mode trifft, aber
so gewi der Modeschneider nach wenigen Jahren von der eleganten Welt
verlacht wird, trifft den Autor das nmliche Geschick. -- Ueber den
Punkt des Gewinnes sage ich ihnen nichts, da mgen ihre Erfahrungen
reden, und sie werden nicht erfreulich sein.

B. Wahrlich, wre meine Bedienung besser --

A. Wie, sie wnschen Verbesserung des Amtes und wollen schreiben?
Bedenken sie nicht, wie verhat sie sich dem Minister machen werden?

B. Ei warum?

A. Wo sahn sie einen Minister bei uns, der den Autor geschtzt htte?
Selbst wenn er in Dedikationen wie ein Bologneser kroch, wurde er
verachtet. Machen sie sich gefat, ewig auf ihrer Stelle zu bleiben, auf
Chikanen, Vorwrfe, bei einem geringen Fehler.

B. Mein Minister ist ein aufgeklrter Mann.

A. Das ist er nicht, sonst wrde er ihr Genie ntzen.

B. Zum Henker mit der Autorschaft!

                       Ende des ersten Theils.




Anmerkungen zur Transkription


Die fehlende berschrift Erstes Buch wurde ergnzt. Einige
Kapitelnummern erscheinen doppelt und einige Kapitelnummern fehlen. Dies
wurde wie im Original belassen.

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

Die krftig variierende und inkonsistente Schreibweise und Grammatik des
Originals wurden weitgehend beibehalten. Offensichtliche Auslassungen
von Satzzeichen sowie offensichtliche Buchstabenvertauschungen wurden
stillschweigend korrigiert. Alle weiteren nderungen sind hier
aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 45]:
   ... Die Fusohlen rieb er mit Bimssteim ab. Hierauf ...
   ... Die Fusohlen rieb er mit Bimsstein ab. Hierauf ...

   [S. 65]:
   ... als Dreihunhert Piastern Aufwand, setzte ich meinen ...
   ... als Dreihundert Piastern Aufwand, setzte ich meinen ...

   [S. 65]:
   ... wohnenden Kopten, miethete ich den Keller. Der ...
   ... wohnenden Kopten miethete ich den Keller. Der ...

   [S. 85]:
   ... von Egyten untergehn. ...
   ... von Egypten untergehn. ...

   [S. 174]:
   ... Scwedenborgianer. ...
   ... Swedenborgianer. ...

   [S. 196]:
   ... seid, die Mnner wollen mit schmhlich ermorden. ...
   ... seid, die Mnner wollen mich schmhlich ermorden. ...

   [S. 240]:
   ... enwecken. Indessen, sollte es einmal Sklaverei ...
   ... erwecken. Indessen, sollte es einmal Sklaverei ...

   [S. 243]:
   ... Die Dschlabs gravittisch ihre Pfeifen schmauchend, ...
   ... Die Dschelabs gravittisch ihre Pfeifen schmauchend, ...

   [S. 247]:
   ... in einem Haren eingekerkert wre. Sie sprach ...
   ... in einem Harem eingekerkert wre. Sie sprach ...

   [S. 249]:
   ... glaubte das Mhrchen war berzeugt, Isabelle stekke ...
   ... glaubte das Mhrchen, war berzeugt, Isabelle stekke ...

   [S. 273]:
   ... Zeit, wo seine weisse Weiber ermordet wurden, ...
   ... Zeit, wo seine weissen Weiber ermordet wurden, ...

   [S. 281]:
   ... Allgemeine Sille und mimthiges Gemurmel ...
   ... Allgemeine Stille und mimthiges Gemurmel ...

   [S. 295]:
   ... doch auch einen Stoff zum Erstaunen aufhsparen. ...
   ... doch auch einen Stoff zum Erstaunen aufsparen. ...

   [S. 353]:
   ... Flore sagte nichs, als: Ich werde in meinem ...
   ... Flore sagte nichts, als: Ich werde in meinem ...

   [S. 370]:
   ... dem, Divan die Leidenschaften niederzuhalten. ...
   ... dem Divan die Leidenschaften niederzuhalten. ...

   [S. 374]:
   ... bringen. Gewinnt mein Schwert in in ...
   ... bringen. Gewinnt mein Schwert in ...

   [S. 376]:
   ... So stand Claudius Nero, dem listigen und und ...
   ... So stand Claudius Nero, dem listigen und ...

   [S. 395]:
   ... der Sterbens nah. Ohne deine himmelgesandte ...
   ... des Sterbens nah. Ohne deine himmelgesandte ...

   [S. 399]:
   ... des Vates entfhrt wurde. ...
   ... des Vaters entfhrt wurde. ...

   [S. 411]:
   ... Leider; ...
   ... Leider! ...

   [S. 433]:
   ... B. So ists, junger Freund, so ists! Und das ...
   ... A. So ists, junger Freund, so ists! Und das ...






End of the Project Gutenberg EBook of Florens Abentheuer in Afrika, und ihre
Heimkehr nach Paris. Erster Band., by Julius von Vo

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FLORENS ABENTHEUER IN AFRIKA, ERSTER ***

***** This file should be named 48917-8.txt or 48917-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/4/8/9/1/48917/

Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
http://www.pgdp.net. This book was produced from public
domain images generously made available by the University
and City Library of Cologne (Digital Collection Westerholt).

Updated editions will replace the previous one--the old editions will
be renamed.

Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
law means that no one owns a United States copyright in these works,
so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
States without permission and without paying copyright
royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
of this license, apply to copying and distributing Project
Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
specific permission. If you do not charge anything for copies of this
eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
performances and research. They may be modified and printed and given
away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
trademark license, especially commercial redistribution.

START: FULL LICENSE

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
www.gutenberg.org/license.

Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
Gutenberg-tm electronic works

1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or
destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
1.E.8.

1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement. See
paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
electronic works. See paragraph 1.E below.

1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
works in the collection are in the public domain in the United
States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
United States and you are located in the United States, we do not
claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
displaying or creating derivative works based on the work as long as
all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
you share it without charge with others.

1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
in a constant state of change. If you are outside the United States,
check the laws of your country in addition to the terms of this
agreement before downloading, copying, displaying, performing,
distributing or creating derivative works based on this work or any
other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
representations concerning the copyright status of any work in any
country outside the United States.

1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
performed, viewed, copied or distributed:

  This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
  most other parts of the world at no cost and with almost no
  restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
  under the terms of the Project Gutenberg License included with this
  eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
  United States, you'll have to check the laws of the country where you
  are located before using this ebook.

1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
contain a notice indicating that it is posted with permission of the
copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
the United States without paying any fees or charges. If you are
redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
posted with the permission of the copyright holder found at the
beginning of this work.

1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
any word processing or hypertext form. However, if you provide access
to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
provided that

* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
  the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
  you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
  to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
  agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
  within 60 days following each date on which you prepare (or are
  legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
  payments should be clearly marked as such and sent to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
  Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
  Literary Archive Foundation."

* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
  you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
  does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
  License. You must require such a user to return or destroy all
  copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
  all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
  works.

* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
  any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
  electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
  receipt of the work.

* You comply with all other terms of this agreement for free
  distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
electronic works, and the medium on which they may be stored, may
contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

