Project Gutenberg's Der Kunstreiter, 1. Band, by Friedrich Gerstcker

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Title: Der Kunstreiter, 1. Band

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: June 20, 2014 [EBook #46053]

Language: German

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  Gerstcker

  Der Kunstreiter


  1. Band

  Bosse & Co., Hamburg
  1914




1.


Auf der Hauptpromenade der Residenzstadt *** herrschte heute, bei dem
auerordentlich freundlichen und warmen Wetter, reges Leben. Dieser
Platz lag am entferntesten von dem Metreiben, das gerade jetzt die
brige Stadt erfllte, und zahlreiche Equipagen fuhren auf und ab,
whrend das schattige Laub der Parkanlagen selbst eine Menge Fugnger
angelockt hatte. Da kam pltzlich eine ganz ungewohnte Bewegung in die
vor wenigen Minuten noch so ruhig Promenierenden. Ein groer Volkshaufe
wlzte sich von oben die breite Hauptstrae herab, und die Equipagen
drehten um und fuhren aus dem Wege, whrend die meisten der Fugnger
dem Schwarme ebenfalls auszuweichen suchten.

Zwei junge Damen, von einem Krassieroffizier begleitet, blieben
unschlssig stehen und sahen den Weg hinauf.

Wenn wir zurckgehen, sagte die ltere von ihnen, so verfehlen wir
jedenfalls Papa, der gerade in dieser Stunde aus dem Ministerium kommt,
und wir haben versprochen, ihm bis hierher entgegen zu gehen. Was kann
das nur sein?

Jedenfalls irgend ein Mezug, erwiderte der Offizier, wenn wir einen
Augenblick in der Veranda jenes Cafs Schutz suchen, wird sich die Menge
vorberwlzen und verlaufen.

Unter der mit allen mglichen Blumen und Pflanzen der Tropenwelt
geschmckten Veranda fand sich so nach und nach in gleicher Absicht eine
zahlreiche Gesellschaft von Herren und Damen ein, und wie sich dort
eine Menge Bekannte trafen, sammelten sich plaudernd und lachend kleine
Gruppen.

Unter einem in vollen Blten prangenden Granatbaume hatte sich die
junge, reizende Komtesse Melanie, die Tochter des Kriegsministers von
Ralphen, mit ihrer jngeren Schwester auf ein paar leichte Rohrfauteuils
niedergelassen. Der Menschenschwarm stockte oben in der Strae, und es
dauerte eine Zeitlang, bis er sich wieder in Bewegung setzte. Die
junge Komtesse hielt einen Becher mit Erdbeer-Gefrorenem in den zarten
Fingern, nur langsam dann und wann daran kostend, und neben ihr, beide
Hnde auf den zwischen seinen Knieen stehenden Pallasch gesttzt, sa
Graf Wolf von Geyerstein, Rittmeister eines Krassier-Regiments
in ***schen Diensten. Graf Geyerstein stammte aus einer alten,
norddeutschen Familie und war ein deutscher Edelmann im schnsten Sinne
des Wortes. Von ernstem, fr seine Jahre vielleicht zu ernstem Wesen,
mischte er sich dabei selten oder nie in die leichtfertigen Vergngungen
der Kameraden, und wenn ihn auch manche fr stolz und kalt hielten,
schlug doch ein fr alles Gute warmes Herz in seiner Brust.

In diesem Augenblicke hatte aber die reizende Plauderin an seiner Seite
den Ernst aus den edlen Zgen gebannt. Das offene, dunkle Auge hing
lchelnd an den Lippen der schnen Nachbarin und lauschte, weniger dem
Sinn, als dem Klange der Worte, die wie das Rauschen eines murmelnden
Waldquells zu ihm drangen.

Aber nun sagen Sie mir um Gottes willen, an was Sie jetzt gedacht
haben! unterbrach sich da Melanie, indem sie ihren kleinen Teller
senkte und sich halb gegen ihren Nachbar wandte.

Ich, Komtesse? rief der Graf, halb erschreckt wie aus einem Traume
auffahrend, und er fhlte dabei, da er errtete, wahrhaftig nur an
Sie.

An mich? sagte die Dame, unglubig mit dem Kopfe schttelnd, und
zweimal habe ich Sie indes gefragt, ob Sie den jungen Grafen Selikoff
schon gesprochen, ohne da Sie mir auch nur mit einer Silbe geantwortet
htten.

Und doch war ich nur bei Ihnen, entgegnete mit herzlichem Tone der
junge Mann. Zrnen Sie mir nicht, da ich den Sinn der gleichgltigen
Frage dabei berhrte.

Gleichgltige Frage? lachte die Komtesse, und woher wissen Sie,
Herr Rittmeister, da mir die Frage oder vielmehr deren Beantwortung
gleichgltig war? -- Aber ich sehe, Sie sind heute wieder in einer
verzweifelten Stimmung. Man mu erstaunliche Geduld mit Ihnen haben.

Und nicht wahr, Komtesse, _die_ fehlt Ihnen? lchelte der Graf.

Darber knnen _Sie_ sich wahrlich nicht beklagen, und ich wei gar
nicht -- aber was ist das? unterbrach sich die junge Dame im nchsten
Augenblicke selbst, als jene lrmende, wogende Menschenmenge die Strae
herunter drngte. Einzelne Trompetenste wurden dazwischen laut, und
der Graf selber horchte erstaunt auf.

Ach, das ist herrlich! rief die Komtesse Rosalie, Melanies jngere
Schwester, das mu die Kunstreiter- und Seiltnzergesellschaft sein,
Monsieur Bertrand mit seiner Truppe, der seine Tour durch die Residenz
macht, um sich dem Publikum vorzustellen. Letzte Woche hat er auf
dem hochgespannten Seile getanzt, und diesen Abend wird die erste
Vorstellung in dem erst heute fertig gewordenen Zirkus sein.

Du bist ja sehr genau unterrichtet, lchelte Melanie. Haben Sie
diesen Monsieur Bertrand schon gesehen, Herr Graf? Er soll in seiner
Kunst ganz Ausgezeichnetes leisten.

Noch nicht, Komtesse, erwiderte der junge Mann. Ich liebe derartige
Kunststcke nicht, und das Seiltanzen vor allem ist mir das Verhateste,
Entwrdigendste fr den Menschen.

Und weshalb? Gehrt nicht ein auergewhnlicher Mut dazu, um sein Leben
in schwindelnder Hhe auf dem schwanken Seil zu wagen?

Es ist das kein Mut mehr, den ich in dem _Manne_ gewi ehren wrde,
erwiderte der Rittmeister, sondern nur eine verzweifelte Tollkhnheit,
welche Glieder und Leben um wenige Taler, oft um Groschen preisgibt;
ja nicht selten sogar kaum mehr als feige Furcht, durch _Arbeit_ eine
Existenz erringen zu mssen, die jedenfalls ehrenvoller wre als solch
ein Dasein.

Sie urteilen zu streng.

Ich glaube kaum. Es ist wenigstens meine Ueberzeugung.

Und doch fhlen sich die Menschen glcklich in ihrem Berufe.

Das kann ich mir kaum denken, erwiderte kopfschttelnd der Graf.
Aeuerlich mag es allerdings so scheinen; wer sie aber beobachten
knnte, wenn sie sich unbeachtet wissen, mchte doch wohl ein anderes
Urteil ber sie fllen. Aber da kommen sie; ich kann wenigstens die
wallenden Federn des Baretts oder Helms erkennen.

Hunderte von Menschen drngten indessen lachend und erzhlend vorbei,
mit dem Zuge zu gehen und den Marsch mit anzuhren, den das gemietete
Musikkorps blies, whrend andere wieder stehen blieben, die wunderlich
gekleideten Gestalten an sich vorbei passieren zu lassen. So etwas sahen
sie nicht alle Tage.

Und macht es nicht einen gar eigentmlichen Eindruck auf den Zuschauer,
pltzlich, in dem wirklichen, bestimmt ausgesprochenen Alltagsleben,
das ihn nach allen Seiten umgibt, und in dem ihn das geringste
Auergewhnliche schon strte, ja selbst im hellen, lichten Sonnenschein
phantastisch aufgeputzten und geschminkten Menschen zu begegnen?
Die unteren Schichten der Bevlkerung, mit den Kindern, freuen sich
allerdings darber. Sie sehen nur die uere Hlle, das Flittergold
und die wallenden Federn, die gestickten Wmser und bunten Farben. Den
Gebildeten berkommt bei solchem Anblick aber fast immer ein eigenes
unbehagliches Gefhl -- nicht der Bewunderung etwa, sondern eher des
Mitleids mit den Unglcklichen, die solcher Art, in ihrem glnzenden
Elend, uerlich stolz und guter Dinge, doch nur -- an der menschlichen
Gesellschaft vorber -- den Pranger reiten.

Weit anders ist es mit der Bhne. Hier wird uns ein abgerundetes und
in sich fest stehendes Kunstwerk von _Knstlern_ vorgefhrt, und
die phantastischen Trachten, die durch die Kulissen ihren wahren
Hintergrund, durch die Lichter ihre richtige Beleuchtung erhalten,
stren uns nicht, ja, sind sogar ntig, die Tuschung zu vollenden,
die uns in andere Zeiten, andere Sitten versetzen soll. Ich rede hier
freilich nicht von jener Entweihung der Kunst, dem neu aufgekommenen
Unfug der Sommertheater, die zu den Kunstreitern schon den Uebergang
bilden. -- Hier dagegen, wo die Huser, in denen wir selber wohnen,
den Hintergrund formen und wir in eigener Person, sobald solche
abenteuerliche Gestalten zwischen uns und aus ihrem Rahmen heraustreten,
Mitspieler in dem Drama werden, schaut uns der _Ernst_ des Lebens nur so
viel greller aus solchem Spottgebild entgegen.

Aber hnliche Gedanken erfllen schwerlich die Herzen der lrmenden
Schar, die gerade jetzt die Strae heraufgezogen kam, bis dicht am
Caf francais vorber, von wo aus man den bunten Trupp vollkommen gut
bersehen konnte. Wenn auch das Volk -- Arbeiter, Kindermdchen und
Miggnger -- einen festen Wall an der Seite bildete, so ragten die
berittenen und phantastisch geschmckten Gestalten doch ber die Kpfe
dieser hoch hinaus. Voran ritten dem Zuge zwlf Trompeter in roten,
abgetragenen und verschossenen, mit unechten Borden besetzten Uniformen,
ungeschickte, hohe Tschakos mit roten und weien Federbschen auf dem
Kopfe, und bliesen einen schmetternden Marsch. Der Zug wollte _gesehen_
werden, und je mehr Lrm sie deshalb machten, desto besser. Unmittelbar
hinter diesen folgte der Herr der Schar, der berhmte Monsieur Bertrand,
in einem reichbesetzten, schwarzsamtnen Waffenrock, ein schwarzes Barett
auf dem Kopfe mit wallenden schneeweien Strauenfedern, die von einer
mit jedenfalls unechten Steinen besetzten Agraffe gehalten wurde. Es
war eine hohe, mnnliche Gestalt, mit edlen Zgen, so weit sich diese
nmlich unter dem nach vorn gerckten Barett und dem vollen Bart
erkennen lieen. Ernst und schweigend blickte der Reiter aber auf den
Kopf seines Rappen nieder, der unter ihm sprang und tanzte; weder nach
rechts noch links schaute er hinber und schien die ihn umtobende,
jauchzende Menge so wenig zu hren, als ob er allein durch eine Wste
ritte.

Den Gegensatz zu ihm bildete ein wunderschnes Weib an seiner Seite.
Eine wahrhaft junonische Gestalt, mit Augen voll Glut und Leben und
in feuerfarbene goldgestickte Seide gekleidet, bndigte sie den wilden
Fuchs, den sie ritt, doch mit der kleinen Hand so krftig und hielt ihn
so fest im Zgel, da er seinen Platz innehalten mute, er mochte wollen
oder nicht. Dabei neigte sie sich mit holdem Lcheln bald hier, bald
da hinber, einem oder dem andern der Grenden zu danken, und nichts
entging dem scharfen Blick der khnen Reiterin.

Die Gesellschaft, die bis dahin in der Veranda des Cafs gesessen,
war aufgestanden, um den Zug besser bersehen zu knnen, und Komtesse
Melanie sagte jetzt: Das ist die sogenannte schne Georgine, die Frau
des Seiltnzers. Sehen Sie nur, Herr Graf, wie sie so keck nach uns
herberschaut. Ihr Nachbar erwiderte kein Wort, und als sie sich
erstaunt nach ihm umwandte, hielt er den Blick fest und starr auf die
Gruppe geheftet -- ja, es schien ihr fast, als ob alles Blut seine
Wangen verlassen htte.

Ei, ei, Herr Rittmeister! flsterte die schne Komtesse, whrend
ihr ein Gefhl durch das Herz zuckte, von dem sie sich selber keine
Rechenschaft geben konnte oder wollte, wie mir scheint, haben sie dort
drben eine alte Bekanntschaft entdeckt.

Ich glaubte es im Anfange, Komtesse, aber ich habe mich geirrt. Es war
nur eine Aehnlichkeit, wie man sie ja so oft im Leben findet.

Wildes Jauchzen und Geschrei, sowie Lachen und Jubeln der Masse
bertnte in diesem Augenblick seine Worte, denn hinter dem Zuge, der
gerade jetzt vorber war, kam der Hanswurst der Truppe in buntscheckigem
Anzuge, die weie spitze Filzmtze auf dem Kopf, das Gesicht auf die
grellste Weise bemalt, auf einem kleinen Pony nachgeritten. Auf diesem
aber fhrte er die groteskesten Knste aus: bald stand er auf dem Kopf,
bald berschlug er sich, bald war er unten und fuhr mit seiner Pritsche
unter die kreischend zurckdrngende Straenjugend, whrend er im
nchsten Augenblick wieder rittlings auf seinem Tiere sa und den
Nachspringenden Gesichter schnitt. Das Volk schrie und jauchzte dabei
vor Vergngen, und selbst die in dem Gedrnge mitgehenden Polizeidiener
vergaen fr kurze Zeit ihren sonstigen Ernst und lchelten.

Mit dem Hanswurst wogte aber auch der Menschenschwarm vorber, und wie
die Trompeten in weiter Ferne verklangen, nahm die Strae wieder
ihren frheren ruhigen Charakter an. Ein paar Freundinnen der Komtesse
Melanie, die sich ebenfalls vor dem Gedrnge hierher geflchtet hatten,
beschftigten die junge Dame jetzt vollkommen, da es galt, den Besuch
der heutigen Vorstellung Monsieur Bertrands zu bereden. Auerdem ging
das sehr interessante Gercht, das die beiden Damen mitbrachten,
der tollkhne Mensch habe sich erboten, zwischen den Trmen der
Katharinenkirche ein Seil zu spannen und dort oben seine Knste zu
zeigen. Der Magistrat htte es aber bis jetzt noch nicht gestattet, und
man glaubte, er wolle sich deshalb an den Frsten selber wenden.

Der Kriegminister von Ralphen, der versprochen hatte, seinen Tchtern
hier zu begegnen, kam jetzt ebenfalls die Strae herunter und ging,
als er den Rittmeister von Geyerstein erkannte, auf ihn zu, um ihn zu
begren.

Ach, Papa, bat die Komtesse Rosalie, die sich schmeichelnd an seinen
Arm hing, heut' abend ist die erste Vorstellung Monsieur Bertrands im
Zirkus, und es soll so hbsch werden. Drfen wir hin?

Recht gern, mein liebes Kind, sagte der alte Herr freundlich, indem er
ihre Stirn streichelte, und deine Mutter wird euch gewi begleiten.
Ich selber bin leider durch eine Sitzung verhindert, die meine Zeit
wenigstens bis neun Uhr in Anspruch nimmt, und doch mchte ich euch
nicht gern ohne mnnlichen Schutz an solchem Platze wissen.

O, dann begleitet uns Graf Geyerstein! rief die lebhafte Rosalie, halb
bittend, halb fragend zu dem Rittmeister aufschauend. Ich habe berdies
ein Vielliebchen von ihm gewonnen, das er noch einlsen mu, und setze
es jetzt zum Pfand.

Sie sind zu gndig, Komtesse, lchelte mit einer leichten Verbeugung
der junge Mann, mir eine solche Ehre als Bue aufzuerlegen. Ich stehe
natrlich den Damen mit Vergngen zu Diensten -- wenn Exzellenz es
gestatten.

Ich bin Ihnen dankbar dafr, lieber Geyerstein, nickte ihm der alte
Herr zu, und da es gerade mit der Zeit zusammentrifft, so speisen
Sie heute mittag bei uns, und fahren dann mit den Damen nach dem Diner
hinber in den Zirkus. Das wre also abgemacht, Kinder, und da sich die
Menge jetzt verlaufen hat, denk' ich, wir gehen nach Hause. Es ist spt
geworden, und eure Mutter wird euch erwarten.




2.


Mitten auf dem breiten Landgrafenplatz stand eine mchtige runde
bretterne Bude, von deren spitzer Zinne die franzsische Trikolore
wehte. Das Innere derselben war brigens geschmackvoll dekoriert und mit
Gas erleuchtet, und an der Kasse fr den ersten und zweiten Platz sa
ein bildhbsches junges Mdchen, die Billetts auszugeben. -- Nur etwas
zu hell fiel das Gaslicht auf die leicht geschminkten Wangen und die
nachgemachten, an einigen Stellen schon etwas zerknickten Blumen, die
ihren Kopfschmuck bildeten.

Das Publikum beteiligte sich indessen sehr bedeutend an diesem
ersten Abend, fr den auf riesengroen, farbigen Anschlagzetteln
Auerordentliches versprochen worden. Die dritte Galerie war schon
eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung bis in ihre letzten Rume
gefllt, whrend noch umsonst nach Billetts rufende Scharen vor dem
Schiebfenster unter der schmalen, dort hinauffhrenden Holztreppe
standen.

Auch die erste und zweite Galerie fllte sich rasch, und manche Equipage
fuhr sogar vor, der Damen in glnzender Toilette entstiegen. Monsieur
Bertrand, ber den man sich in der Residenz die abenteuerlichsten Dinge
erzhlte, war eben Mode geworden, und da es gerade in dieser Zeit,
besonders in den hheren Kreisen, an Stoff zur Unterhaltung fehlte, so
wollte niemand versumen, ihn zu sehen.

Oben auf der ber dem Eingange fr die Pferde angebrachten Tribne hatte
sich das Musikkorps gesammelt, das heute morgen auch den Umzug durch
die Stadt anfhren mute, und die Leute stimmten ihre Instrumente
und tranken Bier dazu. In der Reitbahn selber, die durch einen
improvisierten Kronleuchter und zahlreiche Flammen an den Seitensulen
reichlich erhellt wurde, kehrten eben ein paar Stallknechte den Kreis,
und ein Mann in hohen Kanonenstiefeln und einem Reitfrack, eine lange
Peitsche in der Hand, kam herein, um zu sehen, ob alles in Ordnung wre.

Ist er _das_? flsterte es hier und da, aber die Antwort fiel
verneinend aus. Es war nur einer der Leute, ein Bereiter -- so sah er
wenigstens aus -- irgend jemand aus dem untergeordneten Personal der
Gesellschaft. Die Familie des Kriegsministers von Ralphen erschien
gerade und nahm eben ihre Pltze auf der zweiten Bank ein, als die
dritte Galerie in ein schallendes Gelchter und lauten Jubel
ausbrach. Der Hanswurst sprang nmlich, sich fnf- oder sechsmal dabei
berschlagend, eben in den Zirkus und warf sich dem dort sehr ernsthaft
befehlenden Stallmeister oder Bereiter so geschickt zwischen die Fe,
da dieser auf ihn zu sitzen kam und durch den Wurf die Balanze verlor.
Er fiel wenigstens hinterrcks in den Sand, und whrend er unter dem
Gejauchze der Menge wieder aufsprang und den flchtenden Hanswurst mit
der Peitsche zu treffen suchte, benutzte dieser die anscheinend darber
sehr entrsteten Stallknechte, sich hinter ihnen zu verbergen und sie
die nach ihm gezielten Hiebe auffangen zu lassen.

Der Bajazzo hatte jedenfalls die Sympathien der dritten Galerie und der
Kinder fr sich; aber auch selbst den Ernstesten entlockte er mit seiner
grotesken Malerei und Gliedergewandheit ein Lcheln. Sein Alter lie
sich allerdings in den dick mit weier und roter Farbe bestrichenen
Zgen nicht erkennen, aber seine Figur war schlank und schmchtig,
und die kleinen blitzenden Augen behielten selbst unter den bis zur
Verzerrung gemalten Brauen ihre scharfe Lebendigkeit. Die ganze Szene
hatte brigens nur dazu dienen sollen, die Aufmerksamkeit des Publikums
kurze Zeit zu beschftigen, und noch whrend des Umherspringens und
Ausweichens des Bajazzos flog pltzlich ein kleines weies Pony in
gestrecktem Galopp ber die niedere Eingangsbarriere und mitten in
den Zirkus hinein. Auf seinem Rcken aber sa ein kleines, vielleicht
siebenjhriges, als Elfe gar phantastisch gekleidetes Mdchen.
Stallknechte, Bajazzo und Stallmeister stoben blitzschnell auseinander,
und whrend das Pony den Zirkus durchflog, war die jugendliche Reiterin
in die Hhe gesprungen und grte, auf dem breiten Sattel stehend,
freundlich lchelnd nach allen Seiten hinber. Sie trug fleischfarbene
Trikots, ein kurzes, leichtes rosa Rckchen von durchsichtigem Stoff,
das Kleidchen dabei tief ausgeschnitten, und an den halbnackten
Schultern ein Paar buntfarbige Flgel, handhabte auch ihr zierliches Ro
vortrefflich und zeigte eine fr ihre Jahre auerordentliche Uebung.

Die Frauen waren ganz entzckt von dem kleinen Wesen, das in jeder
seiner Bewegungen -- nur nicht im Krper selber -- erwachsen schien.
Zum uersten kokett und berlegen, grte und winkte sie bald da,
bald dorthin, trieb ihr Pferd mit der kleinen Peitsche an, und hielt
pltzlich, um sich von dem rasch herbeispringenden Stallmeister noch
einmal die Sohlen mit Kreide streichen zu lassen. Dabei lchelte sie
auch dem Bajazzo zu, der um sie her die tollsten Kapriolen machte,
sprang dann durch Reifen und Girlanden, und trieb alle die brigen
Kunststcke, die Kinder in dem Alter gewhnlich bei solchen
Gesellschaften treiben. Das Publikum applaudierte zwar lebhaft, aber
es bleibt doch immer ein eigenes, eben nicht angenehmes, oft sogar
unbehagliches Gefhl, ein _Kind_ zu solchen Knsten _abgerichtet_ zu
sehen. -- Was fr Erfahrungen hat das Kinderherz nicht schon gesammelt,
das dort mit der affektierten Handbewegung und halben Kuhnden
den Applaus des Publikums erwidert! Wie lange schon mute es seinen
schnsten Schmuck, die Kindlichkeit, abgeschttelt haben, jede Bewegung
einer erwachsenen Kokette so tuschend nachzuahmen! Ihr applaudiert und
jubelt der Kleinen zu. Fragt euch einmal, wie euch zu Mute sein wrde,
wenn das _euer_ Kind wre, und dann bedauert das unglckliche Wesen,
das sein bses Geschick in solche Bahn, in solch ein glnzendes Elend
geworfen. Und fhlt es sich selber glcklich in solchem Leben? -- Es
nickt und lchelt da oben mit freudestrahlendem Gesicht und sprengt
lustig -- hinter die Kulissen. -- Was es _dort_ treibt, kmmert das
Publikum nicht.

Mademoiselle Josefine, wie die Kleine auf dem Zettel genannt wurde,
hatte mit diesem Ritt die Vorstellung erffnet, und ihr folgte auf einem
schwarzbraunen Pony Monsieur Charles, der kleine Herkules. Monsieur
Charles, ebenfalls in fleischfarbenen Trikots, mit einem kurzen
Lwenfell bekleidet und mit einer Keule in der Hand, war ein Knabe von
etwa vierzehn Jahren, aber fr sein Alter von auergewhnlicher Kraft
und Gewandheit -- ein wahres Talent in seinem Fache. Die schwierigsten
Kunststcke fhrte er auf dem Rcken des dahinsausenden Pferdes aus, und
mit kaltem ja tollkhnem Mute schien er die Gefahr weit eher zu suchen,
als zu vermeiden. Monsieur Charles wurde hervorgerufen, wie er die Arena
kaum unter strmischem Applaus verlassen hatte, und zwei Athleten nahmen
jetzt seine Stelle ein, die mit halsbrechender Geschicklichkeit, der
eine eine Stange balanzierte, whrend der andere daran hinaufkletterte
und oben die gefhrlichsten und khnsten Stellungen ausfhrte.

Und wie hing das kecke Menschenkind da oben! Das Nachlassen einer
Muskel, ein Krampf in den zum Zerspringen angespannten Sehnen der Hand,
ein Straucheln des Stangentrgers, und er war rettungslos verloren. --
Und das Publikum sa dabei, hielt den Atem in peinlicher Spannung
an, dankte Gott, als der Frevler mit seinen Gliedern den Boden wieder
berhrte, und -- applaudierte doch wie rasend, ihn dadurch nur zu neuen
noch tollkhneren Versuchen anfeuernd. Komtesse Melanie hatte sich
schaudernd abgewandt, denn sie frchtete den Menschen im nchsten
Augenblick zerschmettert vor ihren Fen zu sehen. Graf Geyerstein,
der an ihrer Seite sa, flsterte: Sie haben recht, Komtesse;
ein Nervenkitzel erscheint vielen erwnscht, die Monotonie ihres
alltglichen Lebens zu unterbrechen. Diese Kunststcke werden aber zur
Nervenqual -- und doch, sehen Sie die freudig staunenden Gesichter
Ihrer Umgebung, die keine Ahnung von dem zu haben scheinen, was schon im
nchsten Moment ihren Genu unterbrechen knnte.

Es sollte verboten werden, solch entsetzliche Kunststcke ffentlich zu
zeigen, sagte Melanie. Graf Geyerstein zuckte mit den Achseln.

Ja und nein, sagte er dabei. Wir wissen dann nur nicht, wo wir die
Grenzen ziehen sollen, die der Polizei gestatten, in das Privatleben
brgerlichen Erwerbes einzugreifen. Solange Seiltanzen und Kunstreiterei
erlaubt bleibt, wird es unmglich sein einen Mastab anzulegen, welches
von ihnen fr den Ausfhrenden gefhrlicher -- fr den Zuschauer
peinlicher ist. Das Publikum allein htte es in seiner Gewalt, sich
solche Schau zu verbitten, aber die groe Mehrzahl verlangt derartige
Produktionen, ja luft gerade dem Unnatrlichsten und Widerlichsten am
meisten nach. Doch, Gott sei Dank, es ist vorber, und der tollkhnste
Ritt der Gesellschaft wird uns nach dieser Schau wie Spielerei
erscheinen.

Der Jubel der Zuschauer, als die beiden jungen Athleten den Schauplatz
verlassen hatten, legte sich eben, als jener Stallmeister mit einer
halbkreisfrmigen Verbeugung anzeigte: Madame Georgine Bertrand und
Monsieur Bertrand! -- Bajazzo benutzte diesen unbewachten Augenblick,
seine klappernde Pritsche auf den hervorragendsten Teil desselben
niederprasseln zu lassen, und wenn der Scherz auch eben nicht zart
war, wurde er doch von dem Publikum dankbar angenommen. Whrend der
Stallmeister auf seinen Erzfeind vergebens einfuhr, sprengte das
wunderschne Weib des Kunstreiters und Seiltnzers in die Arena. Mochte
nun die Beleuchtung und die vielleicht aufgetragene Farbe dem Gesichte
der Frau diese jugendliche Frische geben, aber Georgine war wirklich
schn, und ein lautes unwillkhrliches Ah! entfloh den Lippen der
Versammlung, als sie leicht geschrzt und in ganz hnlicher, nur weit
brillanterer Kleidung wie Mademoiselle Josefine im Zirkus erschien.

Ein paar junge Kavallerieoffiziere fingen an zu applaudieren, und das
Einstimmen des Publikums war eine Huldigung, die man der lieblichen
Erscheinung brachte. Madame Bertrand zeigte sich auch dankbar dafr.
Ihre Bahn dahinfliegend, hatte sie fast fr jeden ein Lcheln, wenn
auch ein noch so flchtiges, fr jeden einen freundlichen Blick, eine
halbversteckte Kuhand, mit der sie die Herzen gleichsam sichelfrmig
abschnitt oder mhte -- denn _zwei_ gengten fr das ganze Publikum.
Und wie sie dahinflog, siegesgewi -- siegesgewohnt! Das hochgeschrzte
leichte Kleid im Winde flatternd, die Locken von dem Luftzug gelst, mit
den zarten Fuspitzen den Sattel kaum berhrend, glaubte man wirklich,
sie habe Flgel, und wre kaum noch erstaunt gewesen, das Pferd unter
ihr davoneilen und sie ihren Rundzug ohne dasselbe fortsetzen zu sehen.

Eine reizende Erscheinung! flsterte Melanie ihrem Nachbar zu, whrend
Madame Bertrand ihr schnaubendes Tier am Eingange pltzlich parierte,
da es auf den Hinterbeinen herumflog und Front gegen die Mitte machte;
wenn sie nur _etwas_ weniger keck und zuversichtlich auftreten wollte!

Ihr Nachbar antwortete ihr nur durch ein langsames, kaum bewutes
Kopfnicken, und als sie ihr Auge zu ihm hob, sah sie, da sein Blick
fest und fast stier auf der Stelle haftete, an der die schne Reiterin
hielt. Ihre eigene Aufmerksamkeit wurde aber in dem Moment von ihm
abgelenkt.

Monsieur Bertrand! Monsieur Bertrand! ging der flsternde Ruf durch
die Reihen der Zuschauer, und als Melanie den Kopf dorthin wandte,
sah sie, wie an Georginens Seite, in phantastischer, aber hchst
geschmackvoll gewhlter Tracht, der Reiter auf milchweiem arabischen
Hengste hielt. Doch auch Graf Geyerstein bog sich jetzt zu ihr nieder
und erwiderte auf die frhere Bemerkung seiner Nachbarin vollkommen
ruhig: Sie drfen bei solchen Damen nicht sittsame Schchternheit
erwarten, Komtesse. Schon das Reiten selber bedingt eine gewisse
Zuversicht, die Reiter oder Reiterin haben _mu_, um das Tier in
der Gewalt zu halten. Wie viel mehr also hier, wo der Ritt fr die
Oeffentlichkeit bestimmt ist und die Frau nur zu leicht jede zarte
Weiblichkeit abschttelt!

Sie mgen recht haben, sagte Melanie nach kurzem Zgern. Aber gerade
das Auergewhnliche hat ja auch uns hierher gefhrt. Wir wollen die
Pferde und Menschen bewundern -- uns wenigstens an ihnen ergtzen. Was
kmmert uns das Uebrige! Der junge Offizier sah die schne Grfin etwas
erstaunt ber diese Bemerkung an; Melanies Aufmerksamkeit schien
aber wieder vollstndig auf das Paar gerichtet, das jetzt mit
auerordentlicher Geschicklichkeit und wirklich vieler Grazie en Pas
de deux mit den Pferden tanzte. Gleich darauf, und inmitten desselben,
sprengten die beiden Kinder wieder herein -- der Knabe jetzt genau so
gekleidet wie Monsieur Bertrand -- indem sie das Pas de deux in ein Pas
de quatre verwandelten. Die Pferde fhrten dasselbe auch vortrefflich
durch, und der rauschende Beifall galt diesmal besonders der
Geschicklichkeit und Ausdauer des Mannes, der die Dressur der edlen
Tiere zu solcher Vollkommenheit gebracht. Nach dem Tanze hielten die
beiden Paare wieder ihren Umritt um die Arena, in einer Art Triumphzug
den wohlverdienten Applaus einzuernten, den ihnen diesmal selbst die
Damen nicht versagten. Nur Melanie sa still und regungslos, ihren
Blick fest auf die Reiterin heftend, deren Auge sie bewachte. Es war
ihr nmlich nicht entgangen, da die Kunstreiterin, wo das nur irgend
geschehen konnte, ihren Nachbar, den Grafen Geyerstein, scharf fixierte.
Der nach allen Seiten hin grende Blick haftete in der Sekunde, in
der sie an ihnen vorberflog, jedesmal fest und forschend auf der edlen
Gestalt des Rittmeisters, und als sie die Arena verlassen und durch
drhnenden Applaus zurckgerufen wurde, schien derselbe Blick nur ihm
allein zu danken.

Die Szene wechselte jetzt, und der Bajazzo bernahm die Unterhaltung
des Publikums aufs neue durch halsbrechende Kunststcke und
Gliederverrenkungen. Aber das Publikum wollte sich amsieren; die
bersttigten Bewohner der Residenz verlangten einen neuen Reiz fr ihre
abgespannten Nerven -- und diese atemlose Angst um ein Stck wertlosen
Menschenlebens gewhrte ihn. Ein Mulatte beschlo die erste Abteilung
durch groteske Sprnge und gymnastische Uebungen, die er mit seinem
Pferde ausfhrte. Wie eine Schlange wand und schnellte er sich im
vollen Rennen seines Tieres darber hin. All die verschiedenen und
schwierigsten Piecen fhrte er aber mit solcher Leichtigkeit aus, und
war dabei in jeder seiner noch so gewagten Bewegungen so sicher, da
sich das Publikum unmglich fr ihn interessieren konnte. Es sah eben
keine Gefahr dabei und die Szene vorher hatte es verwhnt.

Eine kurze Pause folgte jetzt, in der selbst die ebenso unermdlichen
wie erbarmungslosen Musiker ihre gequlten Instrumente fr eine
Viertelstunde ruhen lieen. Das Trommelfell der ihnen zunchst sitzenden
Zuschauer vibrierte aber eine ganze Weile fort, als ob sich die
aufgewhlten Schallwellen des hohen Raumes noch nicht beruhigt htten.
Die Trompeter gossen dabei ihre Instrumente aus und lieen ihre
Bierkrge fllen, wechselten die Notenbltter, um eine andere _Nummer_
aufzulegen, und nahmen dann ihre Sitze wieder ein, beim ersten gegebenen
Zeichen mit schmetterndem Tusch und lustiger Fanfare bereit zu sein.

Ein Teil des Publikums, besonders alle solche, die den Ausgang leicht
erreichen konnten, ohne die hinter ihnen sitzenden Damen zu sehr zu
inkommodieren, strmte hinaus an das Bffet und fand dort nicht allein
Erfrischungen in Masse, sondern auch -- Buketts, Krnze und Zuckertten,
fr die der vortrefflich spekulierende Restaurateur Sorge getragen.
Die Blumen fr die Damen, das Zuckerwerk fr die Kinder! Die jungen
Kavaliere kauften in Masse, und das Bfett machte ausgezeichnete
Geschfte. Unter den zurckgebliebenen Zuschauern entspann sich indessen
eine lebhafte Unterhaltung ber das Gesehene, und besonders schien
Monsieur Bertrand auf die Damen einen fr ihn nur schmeichelhaften
Eindruck hervorgebracht zu haben. Die jngeren besonders -- vielleicht
weniger zurckhaltend als die lteren -- schwrmten fr ihn, und
Komtesse Rosalie erklrte, da sie kaum die Zeit erwarten knne, in der
er wieder erscheinen wrde.

Und was halten _Sie_ von Monsieur Bertrand, Herr Rittmeister? wandte
sich da Melanie an ihren auffallend schweigsamen Nachbar. Als so
vortrefflicher Reiter werden auch Sie ihm Ihren Beifall kaum versagen
knnen.

Allerdings nicht, Komtesse, erwiderte der junge Mann, es ist eine
edle, mnnliche Gestalt und -- er reitet untadelhaft.

Wie ernst er aber aussieht und was fr dunkle, seelenvolle Augen er
hat! Ich kann mir kaum denken, da er wirklich zum Kunstreiter --
und noch schlimmer -- zum Seiltnzer erzogen ist, denn mit seiner
Erscheinung wrde er _jeden_ Platz in der menschlichen Gesellschaft
ehrenvoll ausfllen.

Ich glaube auch, sagte der Rittmeister leise, fast wie mit sich selber
redend. Wer wei, welche unglcklichen Verhltnisse ihn gerade in diese
Bahn getrieben!

Und doch fhlt er sich vielleicht vollkommen glcklich darin, warf
Melanie ein. Wir drfen andere nicht immer nach uns selber beurteilen.
Eine andere Erziehung gibt dem Menschen doch auch sicher andere
Ansichten ber das Leben, und jeder hlt die seinigen gewi immer fr
die richtigen.

Sein _Ernst_ widerspricht dem, entgegnete Graf Geyerstein. Eher
glaub' ich, da sich die Dame glcklich in ihrem Berufe oder -- ihrer
_Kunst_ fhlt -- wenn wir es so nennen wollen.

Es ist seine Frau? sagte Melanie, leicht hingeworfen.

Ich glaube wohl -- ich wei es nicht, erwiderte der Graf. Sie trgt,
dem Zettel nach, wenigstens seinen Namen.

Vielleicht seine Schwester.

Der Zettel sagt _Madame_ Bertrand.

Die Kleine kann aber kaum ihre Tochter sein; die Frau sieht dafr zu
jugendlich aus. Wo sind _Sie_ frher schon mit ihnen zusammengetroffen?

Ich? fragte der Rittmeister, so viel ich mich besinnen kann, habe ich
die Gesellschaft heute zum ersten Male gesehen.

Sagten Sie mir nicht heute morgen, da es eine alte Bekanntschaft sei?
fragte die Komtesse, und ihr Blick haftete dabei forschend auf den Zgen
ihres Nachbars.

Ich wte nicht, Komtesse, erwiderte der Graf. So viel ich mich
entsinne, sprach ich von einer _Aehnlichkeit_, und das begegnet uns ja
oft im Leben, da uns die Zge eines sonst vollkommen fremden Menschen
irgend eine Erinnerung aus frheren Zeiten wecken, so wenig er
selber auch mit ihnen im Zusammenhange steht. Ist Ihnen das noch nie
vorgekommen?

Mir? -- ja, o ja. Ich habe mich dann geirrt. Ich glaubte, Sie sprchen
von einer alten Bekanntschaft. Aber die Vorstellung beginnt wieder. Jene
schrecklichen Menschen da oben in den alten, uniformierten Jacken nehmen
ihre Marterinstrumente wieder zur Hand. Mir wirbelt der Kopf schon
ordentlich von dem furchtbaren Lrm. Ob man _uns_ damit einen Genu
bereiten will?

Tuschen Sie sich darber nicht, Komtesse, lchelte der Rittmeister.
Was jene Leute _Musik_ nennen, ist meist nur ein fr die _Pferde_
bestimmter, taktmiger Lrm, den sie vollfhren. Schwiegen sie still,
so wrden auch die Tiere ihre Kunststcke nicht ausfhren, zu denen sie
den geruschvollen Takt notwendig brauchen. Da die Zuschauer gewhnlich
glauben, die Musik wrde ihretwegen gemacht, ist ihre eigene Schuld.

Dann werde ich mich knftig nicht mehr darber beklagen, lchelte
Melanie. Aber da beginnen sie wirklich ihre Pferdemusik schon von
neuem, und jener grliche Gliederverrenker scheint seine Knste
ebenfalls wieder produzieren zu wollen. Sehen Sie nur, Herr Graf, was
dieser Bajazzo fr ein fataler Mensch ist. Ein frecheres, widerlicheres
Gesicht ist mir im ganzen Leben noch nicht vorgekommen. -- Ob _der_ Mann
auch Familie hat?

Und warum nicht? erwiderte der Rittmeister. In _seinen_ Kreisen
glnzt er vielleicht sogar.

Und glauben Sie wirklich, da sich ein Mdchen in solch ein -- Geschpf
verlieben kann?

Komtesse, sagte achselzuckend der Rittmeister, in _jenen_ Kreisen
kommt es oft auf Liebenswrdigkeit oder _ehrenvolles_ Brot nicht an.
Sobald der Mann nur eben sein Brot _hat_ -- sobald er imstande ist, eine
Frau vor Mangel zu schtzen -- denn mehr verlangen solche Leute selten
-- sobald hat er auch Anspruch darauf, als gute Partie betrachtet zu
werden -- betrachtet er sich doch selber dafr. In welcher _Achtung_
er bei seinen Nachbarn oder gar den hheren Schichten der Gesellschaft
steht, was liegt ihm daran! Solange das Publikum, dem er seine Spe
vormacht, darber lacht, solange ihn sein Brotherr dafr bezahlt,
solange er ein Mann ist, der seinen Platz in der menschlichen
Gesellschaft, gleichviel, wie -- ausfllt: so lange hat er eben sein
Brot. Hrt das einmal auf, bricht er einen Arm oder ein Bein oder wird
er sonst zum Krppel, vielleicht gar krank -- dann ist er eben verloren.
Dann macht er Kollekten oder schickt die Frau betteln -- aber das alles
liegt fr ihn noch in der Zukunft -- liegt weiter als der nchste Tag,
und was sollte er sich jetzt schon deshalb Sorge machen?

Ein frchterliches Leben! sagte die Komtesse, zusammenschaudernd, und
doch klingt es, als ob es wahr sein knnte. Wo haben _Sie_ nur einen so
tiefen Blick in diesen Abgrund des Elends getan, Graf?

Guter Gott, sagte der Rittmeister, ein Soldat verkehrt mit allerlei
Stnden, und ohne da wir es wollen oder suchen, wendet uns oft das
Leben auch seine dunkeln Seiten zu.

Wstes Geschrei und Jauchzen unterbrach ihr Gesprch, denn Bajazzo hatte
die zweite Abteilung auf einem Esel erffnet, mit dem er in die
Arena sprengte. Auf dem Rcken des Tieres suchte er Monsieur Bertrand
nachzuahmen, und die Galerie war glcklich darber. Ihm folgten die
beiden Kinder wieder, denen man die erst angekauften Zuckertten zur
Belohnung zuwarf, und als Bajazzo ein paar davon entwenden wollte und
von dem Stallmeister dabei erwischt und daran verhindert wurde, kannte
der Jubel des Publikums keine Grenzen mehr.

Dem Kinderritt folgte ein imposanteres Schauspiel: ein Turnier, in einer
Art von Pantomime, in der sich zwei Ritter um den Besitz der schnen
Georgine stritten. Monsieur Bertrand war einer von diesen, und in voller
Rstung, mit geschlossenem Visier und eingelegter Lanze, warf er in
wirklich prachtvollem Rennen seinen Gegner in den Sand. Dann, mit
abgeworfenem Helm, hielt er an der Seite der erbeuteten Schnen seinen
Siegesritt um die Arena, und die Buketts flogen jetzt von allen Seiten
dem lieblichen Ritterfrulein zu. Eins der Buketts hatte die schne
und kecke Reiterin selber vom Boden aufgehoben, und es hoch in der Hand
haltend, schwang sie sich damit unter dem Beifallsjauchzen der Menge
wieder auf ihr Pferd, whrend dieses, bei dem Schmettern der Trompeten,
in wilder Flucht die Arena umschnaubte. Der Ritter konnte sich kaum
an ihrer Seite halten, und immer wilder, immer toller hieb er auf das
schumende Tier ein, es noch zu strkerem, rasenderem Laufe anzutreiben.
Wieder kam es Melanie da vor, als ob ihr Blick, so oft die tolle Jagd
an ihnen vorberbrauste, den Nachbar suche und finde. Grend neigte
sie sich gegen ihn und jetzt -- als sie ihren Zelter mitten in vollster
Flucht herumri, die Arena, dem Ausgange zu, quer zu durchfliegen, warf
sie die linke Hand, in der sie die Blumen hielt, empor, und der Strau
-- ob absichtlich oder zufllig nach dieser Richtung getrieben -- fiel
im nchsten Augenblicke zu den Fen des jungen Grafen nieder. Fast
in demselben Moment war auch die Schne, ber die Bahn hinweg,
verschwunden, und Melanie sah zu dem Rittmeister empor, dessen Antlitz
Totenblsse bedeckte.

Wollen Sie den Strau nicht aufheben? sagte sie mit vor innerer
Bewegung fast erstickter Stimme.

Der Rittmeister bckte sich, aber er tat es wie in einem Traume, und die
Blumen aufgreifend, hielt er sie fast bewutlos seiner Nachbarin hin.

Sie befehlen, Komtesse?

Ich danke Ihnen, Herr Graf! erwiderte jedoch die junge Dame mit so
auffallender Klte im Tone, da Graf Geyerstein erstaunt sie ansah. Die
Blumen sind ohne Zweifel dorthin gelangt, wohin sie bestimmt waren, und
ich mchte Sie derselben nicht berauben -- wrde ich berhaupt etwas
annehmen, was einer -- Kunstreiterin zugeworfen ist.

Komtesse?

Sie haben jetzt Gelegenheit, Ihr Bukett wieder zu verwerten, sagte
das schne und, wie es schien, beleidigte Mdchen. In der Tat erschien
Georgine in diesem Augenblick wieder auf den donnernden Hervorruf der
Menge, whrend ihr aufs neue von allen Seiten Blumen entgegenflogen.
Graf Geyerstein war aber durch die Worte Melanies so berrascht worden,
da er das Bukett unschlssig in der Hand behielt, bis die schne
Reiterin die Arena verlassen hatte.

Wieder sprang jetzt der Bajazzo mit seinen gliederverrenkenden Knsten
in die Arena, nachdem die Bahn vorher von den hineingeworfenen Blumen
gesubert worden, und zwei andere junge Damen, Mademoiselle Amelie
und Leontine, waren ebenfalls noch in dem Programm angefhrt. Komtesse
Melanie hatte durch den Lrm der Trompeten Kopfschmerzen bekommen, und
obgleich sich die jngere Schwester dem nur ungern fgte, bat doch die
Mutter den Grafen, ihren Wagen vorfahren zu lassen. Zehn Minuten
spter verlie die Familie des Kriegsministers von Ralphen, vom
Grafen Geyerstein natrlich begleitet, den Zirkus, um nach Hause
zurckzukehren.




3.


Der nchste Tag war ein Sonntag. Reges, bewegtes Leben herrschte in
der Residenz, wo einesteils die gerade abgehaltene Messe eine Menge von
Landleuten und Fremden in die Stadt gelockt hatte, whrend zugleich, zur
Geburtstagsfeier des Frsten, groe Parade abgehalten wurde. Equipage um
Equipage fuhr langsam durch das Gedrnge der Straen, dem Landesherrn
zu diesem Tage die Glckwnsche des Hofes und der Beamten, ja des ganzen
Volkes zu bringen. Der Rittmeister von Geyerstein sah sich den Morgen
ber durch seinen Dienst teils auf der Parade, teils bei Hofe gefesselt
und kam erst gegen zwei Uhr nach Hause, whrend er um fnf schon wieder
zur Tafel befohlen worden. Zum nicht geringen Erstaunen seines Burschen
kleidete er sich aber, so wie er zurckkehrte, um und in Zivil, und
whrend dieser, immer dabei mit dem Kopfe schttelnd, die verschiedenen
ntigen Gegenstnde herbeibrachte, sagte sein Herr: Hast du mir die
Wohnung gefunden, wie ich dir aufgetragen, Karl?

Zu Befehl, Herr Rittmeister -- die von dem Seiltnzer, meinen Sie
doch?

Von Monsieur Bertrand.

Sehr wohl. Rosenstrae Nummer 47, zweiter Stock, erste Tre rechts.

Rosenstrae? -- wo ist die Rosenstrae? die kenne ich gar nicht.

Gleich am Landgrafenplatz, zu Befehl, die kleine Gasse, die hinter der
Bude hineinluft. Nummer 47 ist das rechte Eckhaus, aber der Eingang in
der Gasse drin. Das Haus selber heit auch die Rose und war frher
ein Hospital, ist aber jetzt ein Wirtshaus, und die Kunstreiter kehren
gewhnlich dort ein, weil ihnen die Stlle unten bequem liegen und der
Mann, dem das Haus gehrt, auch Futter und Streu zu verkaufen hat.

Es ist gut, du -- kannst mir eine Droschke holen.

Herr Rittmeister halten zu Gnaden, um fnf Uhr Tafel.

Ich wei es -- bis dahin bin ich wieder zurck. Du gehst mir indessen
nicht fort und hltst alles bereit.

Sehr wohl, Herr Rittmeister!

Wenige Minuten spter rasselte die Droschke ber das Pflaster und hielt
vor der Tre.

Wohin? fragte der Kutscher.

Landgrafenplatz! und fort klapperte das Fuhrwerk, der bezeichneten
Richtung zu.

Am Landgrafenplatz angekommen, schaute der Kutscher in das vordere
Fenster hinein, zu erfahren, ob er sich rechts oder links halten msse.
Eine Handbewegung des Fahrenden wies ihn zurecht, und in der Nhe der
kleinen Strae angekommen, stieg der Rittmeister aus. Er wollte nicht
vor dem Hause mit dem Wagen halten. Den bezeichneten Platz fand er ohne
alle Schwierigkeit. Die Beschreibung des Burschen war genau gewesen, und
er betrat gleich darauf einen dunkeln, schmutzigen Hausflur, in dem sich
nur ein paar Pferdeknechte herumtrieben und mit dem hindurchgehenden
Hausmdchen schkerten. Einige Schwierigkeit hatte es, die Treppe in
den zahlreichen Einschnitten des alten Gebudes zu finden, die zu ebenso
vielen Keller- oder Stubentren, bald mit Stufen abwrts, bald aufwrts,
fhrten. Endlich fand er aber die schmale, hlzerne Stiege, der er, ohne
weiter jemandem zu begegnen, bis in die zweite Etage folgte. Die ihm von
seinem Burschen bezeichnete erste Tre rechts trug eine daran geheftete
Visitenkarte, und als er nher trat, las er die mit feiner, zierlicher
Schrift gestochenen Worte: George Bertrand.

Georg, flsterte der Rittmeister leise vor sich hin, und zgernd,
unschlssig hob sich seine Hand nach dem Drcker. Sollte er anklopfen?
-- aber die Zeit verging, und im nchsten Augenblicke tnte ihm schon
ein lautes Herein! aus dem Zimmer entgegen.

Ohne sich lnger zu besinnen, ffnete er die Tre und berraschte hier
eine Dame, die _sehr_ ungeniert und in tiefstem Neglig auf dem Sofa
lag, auch nur langsam den Kopf nach dem Eintretenden umdrehte. Kaum
aber erkannte sie, da es ein Fremder sei, als sie auch blitzschnell
aufsprang und wie ein Schatten durch die dicht daneben befindliche Tre
huschte. Verlegen, hier so gestrt zu haben, sah sich der Rittmeister
im Zimmer um und entdeckte jetzt erst in der anderen Ecke, dicht am
Fenster, noch eine andere Persnlichkeit, einen lteren Mann, der ihn
mit eben nicht freundlichem Blick und etwas vorgebogenem Kopfe ber eine
Klemmbrille hinber betrachtete.

Suchen Sie jemanden? fragte er dabei mit heiserer Stimme.

Herrn Bertrand. Ist er zu Hause?

Nein.

Wann kann ich ihn treffen?

Wei ich nicht. Was wollen Sie?

Ich mchte ihn sprechen.

Mssen Sie morgen wiederkommen -- heute hat er keine Zeit, brummte der
Alte, der, wie der Rittmeister jetzt erst sah, mit einer kurzen
Pfeife im Munde, eine Hanswurstjacke auf den Knieen liegen hatte und
beschftigt schien, sie mit Nadel und Zwirn auszubessern.

Ich bitte den Herrn, ein klein wenig zu warten -- ich komme den
Augenblick, rief da die Stimme der Dame aus dem Nebenzimmer, und der
Alte, als ob damit die Sache fr ihn erledigt sei, schob sich seine
Brille zurecht und nahm seine Arbeit wieder auf. Der Fremde mochte sich
indessen selber die Zeit vertreiben.

Dem Rittmeister war es nicht wohl in dieser Umgebung und er berlegte
schon, ob er nicht lieber Monsieur Bertrand zu sich bestellen solle.
Er hatte gehofft, ihn allein zu finden, denn bei dem, was er mit ihm zu
sprechen wnschte, brauchte und wollte er keinen Zeugen. Aber er mochte
nicht unartig gegen die Dame sein; jedenfalls erhielt er von ihr auch
bessere Auskunft, als der mrrische Alte, in dem er jetzt den Hanswurst
von gestern abend zu erkennen glaubte, geben mochte. -- Ganz recht --
er hatte sich nicht getuscht. An der linken Seite des eben nicht zu
sorgfltig gewaschenen Gesichts lie sich noch ein schmaler Streifen
der weien Farbe erkennen, mit der er gestern bemalt gewesen. Aber wie
anders sah der sauertpfische Gesell heute aus gegen gestern, wie er da,
zusammengekauert, ein Bein ber das andere geschlagen, mit hohlen, tief
liegenden Augen und runzeligen Wangen, das stark mit Grau gemischte
Haar wirr und ungekmmt um den Kopf hngend, vor ihm sa und seine
Narrenjacke flickte! Doch in der ganzen Stube sah es ebenso wild
und ungeordnet aus. Auf dem Sofa lagen eine Menge getragener
Kleidungsstcke, die jedenfalls der Dame gehrten -- Unterkleider
und Trikots, _ohne_ den Glanz, den ihnen die abendliche Beleuchtung
verliehen; ber einen Stuhl daneben war ein prachtvoller Waffenrock von
kirschfarbenem Samt geworfen. Darunter stand ungeputztes Schuhwerk,
und Schmuck und Tand, mit Schminknpfchen, Pinseln, Farben und allen
mglichen anderen Utensilien, das Publikum zu tuschen, deckten den
Tisch und die benachbarte Kommode. Das Zimmer war auch noch nicht
ausgekehrt, eine Decke mit einem schon mehrfach gebrauchten Kopfkissen
nahm einen der Sthle ein -- es sah fast aus, als ob jemand die Nacht
auf dem Sofa gelegen htte, und der Tabaksqualm aus der Pfeife des Alten
hatte den Schlafdunst noch nicht bewltigen knnen.

Dem Rittmeister benahm es bald den Atem, und drauen lag der helle
Sonnenschein so warm auf den Fensterscheiben. Er htte Gott wei was
darum gegeben, ein Fenster aufreien zu drfen. Da ffnete sich die
Kammertre wieder, durch welche die Dame vorhin geflchtet war, und
Madame Bertrand -- nicht so bezaubernd wie sie gestern abend wohl dem
Publikum erschienen, aber noch immer ein bildschnes Weib -- trat auf
die Schwelle.

Ich mu tausendmal um Entschuldigung bitten, sagte sie, whrend
ihr Blick im Zimmer umherschweifte und sie rasch die jedenfalls ihr
gehrigen und zunchst liegenden Kleidungsstcke aufraffte und hinter
sich in die Kammer warf -- Sie finden uns aber noch so in Unordnung...

Madame, unterbrach sie der Rittmeister hflich, wenn jemand hier um
Entschuldigung zu bitten hat, so bin ich es, der ich unangemeldet bei
Ihnen eintrat und Sie unberufen strte.

Madame Bertrand hatte indessen zu ihm aufgesehen, und ein eigenes
Lcheln belebte pltzlich ihre Zge.

Ich glaube, ich habe schon gestern das Vergngen gehabt, Sie bei
unserer Vorstellung zu sehen, sagte sie, aber wollen Sie nicht Platz
nehmen? Guter Gott, es sieht wahrhaftig gerade _heute_ zu unordentlich
bei uns aus! Was mssen Sie nur von uns denken! Sie rumte dabei rasch
und ziemlich rcksichtslos, wohin sie die Sachen aus dem Wege brachte,
das Sofa ab, und sich dann in die eine Ecke lehnend, zeigte sie
mit einer leichten Handbewegung lchelnd auf die andere, soda Graf
Geyerstein nicht umhin konnte, neben ihr Platz zu nehmen. Halb verlegen
gehorchte er auch der Einladung, und es entging ihm dabei nicht, da die
schne Frau dem Alten einen bezeichnenden Blick zuwarf. Dieser griff,
demselben gehorchend, und wie es schien ziemlich mrrisch, seine Arbeit
auf, sah rechts und links neben sich auf die Erde, ob er nicht etwas
vergessen habe, und verlie dann ohne weiteren Gru das Zimmer.

Ich bin Ihnen vor allen Dingen eine Erklrung schuldig, Madame, nahm
jetzt der Rittmeister das Wort, da ich gewagt habe...

Ich bitte Sie um Gotteswillen, keine Entschuldigung, unterbrach ihn
lchelnd die Frau, Sie sind da, und das gengt mir -- was wollen Sie
mehr? Es soll mich nur freuen, wenn ich Ihnen mit etwas dienen kann.

Graf Geyerstein geriet dieser Antwort, ja Ermunterung gegenber in
Verlegenheit und Madame Bertrand schaute ihn so freundlich dabei an, und
sah in dem leichten, seidenen Oberkleide, das ihren vollen Krper nur
locker umschlo, wirklich so reizend aus -- er konnte nur eine dankende
Verbeugung machen.

Sie sind Soldat, nicht wahr? nahm da die Dame die Unterhaltung wieder
auf, Kavallerieoffizier?

Allerdings.

Ich dachte es mir -- oder vielmehr, ich erinnere mich Ihrer Uniform,
setzte die Frau, leicht errtend, aber doch auch wieder halb schelmisch
hinzu, und Sie -- interessieren sich fr unsere schnen Pferde?

Ich mu gestehen, da ich entzckt davon bin, erwiderte der Graf, der
um jeden Preis diese Unterredung abzubrechen wnschte, aber das ist es
eigentlich nicht, was mich hierher gefhrt.

Sie wollten auch die _Reiter_ kennen lernen, lchelte Madame Bertrand,
ein sehr natrlicher Wunsch, der aber leider nur gewhnlich die
Illusion zerstrt, die bis dahin einen eigenen, fremdartigen Zauber um
sich warf.

Ich wnschte Monsieur Bertrand zu sprechen.

Georg? -- er ist leider nicht zu Hause. Heute, am Mesonntage, geben
wir zwei Vorstellungen und seine Anwesenheit im Zirkus ist deshalb
unumgnglich ntig, um die erforderlichen Anordnungen dort zu treffen.
Er wird vielleicht vor der Vorstellung nur noch auf einen Augenblick
herberkommen. Graf Geyerstein schwieg und sah sinnend vor sich nieder.
Kann ich vielleicht irgend einen _Auftrag_ ausrichten? Georg wird sich
jedenfalls geehrt fhlen. -- Aber, mein Gott! fehlt Ihnen etwas? --
Sie sehen totenbleich aus. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm und sah
besorgt zu ihm auf.

Nicht das mindeste, sagte abwehrend der Graf, ich danke Ihnen,
Madame, aber ich befinde mich vollkommen wohl -- nur die drckende Luft
hier im Zimmer...

Sie haben recht! rief Madame Bertrand, aufspringend und rasch ein
Fenster ffnend, es ist hier auch entsetzlich hei, und Vater hat dabei
wieder einmal so gequalmt.

_Der Vater!_ flsterte der Rittmeister leise vor sich hin, und fast
krampfhaft fate die Linke den Tisch, an dem er sich emporrichtete.

Sie wollen schon wieder fort? rief da Georgine, mit einem halb
erstaunten, halb bittenden Blick.

Ich darf Ihre Zeit nicht lnger in Anspruch nehmen.

Aber Sie stren mich gar nicht, und wenn Sie Geschfte mit Georg...

Geschfte nicht, Madame, aber -- ich wnschte ihn zu sprechen,
unterbrach sie der Graf, und -- ich sehe auch keinen Grund, weshalb ich
Ihnen die Ursache verschweigen sollte. Eine merkwrdige Aehnlichkeit,
die er mit einem meiner frheren Freunde hat, lt mich wnschen, ihn
kennen zu lernen -- mglich, da es nur eben eine Aehnlichkeit ist, aber
ich wrde ihm _sehr_ dankbar sein, wenn er mich vielleicht morgen frh
zwischen acht und zehn Uhr besuchen wollte. Meine Karte hier haben Sie
wohl die Gte ihm zu berreichen.

Graf Wolf von Geyerstein, las Georgine, sich leise und lchelnd dabei
gegen den jungen Offizier verneigend, ich werde nicht ermangeln, Ihren
Auftrag pnktlich auszurichten, Herr Graf. Aber -- wissen Sie wohl, da
das ein recht eigenes Zusammentreffen ist?

Welches, Madame?

Da _Sie_ Georg einer _Aehnlichkeit_ wegen aufsuchen wollen, sagte die
junge Frau, whrend gerade _Sie_, Herr Graf, auch mir einer
Aehnlichkeit wegen von Anfang an aufgefallen sind.

Und _wem_ sah ich hnlich? flsterte der Graf, und seine Blicke
hafteten fest und stier auf den Augen des schnen Weibes.

Keinem so entsetzlichen Wesen, als Sie zu glauben scheinen, lchelte
schalkhaft Georgine, nur -- einem frheren Geliebten von mir -- meinem
jetzigen Manne.

Georg Bertrand?

Demselben -- wenigstens damals, als er noch nicht einen so furchtbaren
Bart trug wie jetzt.

Sie sind schon lngere Zeit verheiratet, Madame?

Leider! seufzte Georgine mit komischem Bedauern.

Leider?

Ich wei nicht, ob _Sie_ vermhlt sind, Herr Graf, aber -- es ist doch
ein anderes Ding um einen Liebhaber, als um einen Ehemann, und Monsieur
Bertrand ist, besonders in der letzten Zeit, so ernst -- ja, ich mchte
fast sagen, finster geworden, als ob er die ganze Lust an seiner Kunst
verloren htte.

Und wenn dem wirklich so wre?

Wenn dem so wre? lachte Georgine. Sie reden gerade, als ob er
von seinen Renten leben knnte! Er hat weiter nichts gelernt, als die
sogenannte brotlose Kunst, die uns aber doch ein ganz hbsches Brot
abwirft, und die Dressur der Pferde, in der er Meister ist. Sollte er
aber jetzt, wo er so viele in seinem Dienste gehabt, selber Dienste
bei einem Herrn nehmen und _Bereiter_ werden? Er hielte es nicht
vierundzwanzig Stunden aus.

Und finden Sie selber Freude an diesem Beruf -- an dieser _Kunst_, wenn
Sie wollen?

Ich lebe und atme darin! rief Georgine, und ihre Augen leuchteten,
ihre ganze Gestalt hob sich. Auf dem Rcken meines Tieres bin ich ein
anderes Wesen, gehre ich dieser Erde kaum mehr an, und was dem Fisch
das Wasser, der Pflanze das Licht sein mag, ist mir der jauchzende
Beifall der Menge, die buntgeschart mich umgibt. Ich schwimme dann in
einem Meer von Glanz und Licht und Wonne, und -- erwache erst, wenn
_diese_ Wnde hier aufs neue mich umgeben -- einschlieen.

Und das ist doch ein unnatrlich Leben, sagte der junge Graf, das
_Haus_ ist eigentlich des Weibes schnster Wirkungskreis.

Nicht der meine! rief Georgine, indem ein trotziges Lcheln ihre
schnen Lippen umspielte. Das Haus? -- ja, fr die Weiber, die nhen
und stricken und Freude an ihrem Wschschrank finden knnen. _Mein_
Wirkungskreis liegt drauen in der Bahn; ich _tanze_, _fliege_ durch das
Leben, und so -- so mcht' ich enden, wenn es denn einmal geschieden,
gestorben sein mu. Aber _Sie_ sind Soldat. Sie knnen sich am besten,
am leichtesten in solche Sehnsucht denken. Und mchten _Sie_, wie Sie
da vor mir stehen, als Mann, das Leben eines Stubenhockers, eines
Aktenmenschen, whlen, der ber seinen staubigen Papieren brtet und
Licht und Luft und Sonnenschein da drauen ungesehen, unbeachtet wirken,
schaffen, segnen lt? Sie nicht, Sie wahrlich nicht, und gerade so
denk' auch ich. Von klein auf zu diesem Beruf herangebildet, hab' ich
mit der Muttermilch schon die Lust an solchem Leben eingesogen, und wem
das nun einmal im Blute liegt, glauben Sie nicht, da der sich einer
geregelten -- einer festgeschnrten Existenz mcht' ich es nennen, einem
Gang in der Tretmhle des menschlichen Lebens je wieder fgen knne.
Zugvgel, die wir sind, mssen wir auch die Freiheit des Zugvogels
behalten, wenn wir nicht verkmmern, nicht untergehen sollen.

Und denkt Ihr Gatte ebenso?

Gewi -- er wre sonst nicht der, der er ist: Bertrand, der khnste
aller Reiter und -- mein Mann. Aber ich plaudere und plaudere und denke
nicht daran, da es _Sie_ wenig kmmern wird, welche Gesinnungen ber
ihr Leben eine _Kunstreiterin_ hegt. Von _Ihren_ Sphren sind wir
freilich ausgeschlossen, und doch, -- wer wei, ob nicht so wackere
Herzen oft unter dem bunten Tand, mit dem wir uns behngen mssen, wie
unter Stern und Ordensbndern schlagen! Doch mein Geschwtz ermdet
Sie; nehmen Sie wieder Platz, Herr Graf, und -- wenn Sie es wnschen und
etwas Besonderes mit Monsieur Bertrand zu bereden haben, will ich ihn
rufen lassen. Der Zirkus ist nur wenige Schritte von hier entfernt.

Ich danke Ihnen, Madame, unterbrach sie der Rittmeister. Meine Zeit
ist berdies heute beschrnkt, wie die seine wahrscheinlich. Morgen
frh wird ihm eher Raum bleiben, mir eine halbe Stunde zu gnnen. Meine
Wohnung finden Sie auf der Karte angegeben. Ich darf Sie bitten, ihm
meinen Wunsch mitzuteilen?

Ihr Auftrag soll pnktlich vollzogen werden, sagte die Frau, und der
Rittmeister, indem er sich dankend verbeugte, grte sie achtungsvoll
und verlie das Zimmer.

Georgine blieb, die Unterlippe mit den kleinen, weien Zhnen gefat,
wohl mehrere Minuten in derselben Stellung am Fenster. Sie hielt die
Karte, die er ihr gegeben, noch in der Hand, und ihre Augen hafteten
darauf.

Kalt wie Eis, murmelte sie dann mit einem spttischen und doch auch
wieder verdrielichen Lcheln vor sich hin, aber -- was er nur von
Georg will, denn die Aehnlichkeit war leere Ausrede -- Graf Wolf von
Geyerstein, Rittmeister -- hier -- und Adjutant des Frsten? -- Sollte
der Frst -- vielleicht wegen des Turmseiles? aber, bah! was hat der mit
dem _Kunstreiter_ zu schaffen, da er einen seiner _Adjutanten_ zu ihm
schicken wrde? Auch war der Herr Rittmeister nicht in Uniform, sondern
in Zivil; er hat sich vielleicht geschmt, in Uniform bei _uns_ gesehen
zu werden. Aber er wollte Georg sprechen, nicht mich. -- Doch, was
zerbreche ich mir den Kopf? rief sie pltzlich, die Karte neben sich
auf den Tisch werfend. Ob Herr Graf Wolf von Geyerstein Ursache hat
den _Kunstreiter_ Bertrand aufzusuchen oder nicht -- was kmmert's mich!
Georg mag das selber untersuchen. Die ganze Sache luft doch nur zuletzt
auf einen _Pferdekauf_ hinaus.

Ist er fort? sagte in diesem Augenblicke der Alte, der seinen Kopf
wieder zur Tre hereinsteckte.

Wie du siehst, ja, erwiderte gleichgltig die Frau, dort unten geht
er eben ber die Strae.

War gerade _noch_ so ein Musj da, der dich sprechen wollte.

So? -- Wer?

Der geschniegelte und geleckte Bengel mit dem Schnurbart wie ein
Malerpinsel. Silbermann oder Silberfranz -- was wei ich's, wie er
heit! Ich habe ihn gleich an der Treppe abgefertigt.

Das war recht -- ich mag den faden Menschen berhaupt nicht leiden.

Und wer war _der_?

Ein Graf.

Und wollte?

Georg sprechen.

_Nur_ Georg?

_Nur_ Georg.

Pferdehndler! brummte der Alte und schleppte seine Jacke wieder zum
Fenster, an dem er den alten Platz einnahm, um mrrisch und finster wie
vorher an dem scheckigen, schmutzigen Kleidungsstck weiter zu nhen.
Kein Wort wurde mehr zwischen den beiden gewechselt, die jedes mit den
eigenen Gedanken vollstndig beschftigt schienen. Da schallten Schritte
vom Vorsaale herein.

Georg, sagte die Frau aufhorchend.

Wird mich wieder zur Probe haben wollen, knurrte der Alte, aber
verdammt will ich sein, wenn ich jetzt hinbergehe. Heute die Rackerei
zweimal ist vollstndig genug.

Die Tre ging auf, und Monsieur Bertrand betrat in der Tat das Zimmer,
ohne die beiden aber nur im Mindesten zu beachten. Selbst ohne Gru kam
er herein, warf seinen Hut auf einen Stuhl und schritt dann eine Weile,
die Arme fest ineinander geschlagen, in dem kleinen Raume auf und ab.
Der Alte warf einen forschenden Blick nach ihm hin, nahm aber weiter
keine Notiz von ihm, und nur Georgine sagte endlich: Ist etwas
vorgefallen, da du so verdrielich bist?

Vorgefallen? -- nein, erwiderte der Mann, ohne seinen Spaziergang zu
unterbrechen.

Ist die Erlaubnis zu deinem Turmseil noch nicht gekommen?

Nein.

Und wr' auch kein Schade, wenn sie ganz ausbliebe! brummte der Alte.
Mit dem verwnschten Seiltanzen nimmt es noch einmal ein bses Ende.
Und wenn Ihr's noch ntig httet! Aber die Reiterei ist weit ehrenvoller
und bringt hundertmal mehr Geld ein, als der halsbrechende Lauf.

Aber er macht Aufsehen! rief Georgine rasch. Wenn sich die Kunde
verbreitet, da Georg gewagt hat, was vor ihm noch keiner wagte, strmt
das Volk von nah und fern herzu, um ihn zu sehen.

Sie denken gar nicht daran, sagte der Alte finster, und _du_ solltest
gerade die letzte sein, die dem Tollkopf auch noch zuredete, sein Leben
an solch einen Quark zu wagen. Was wird aus _dir_, aus uns allen, wenn
er den Hals bricht oder selbst nur zum Krppel strzt?

Und geht er nicht so sicher auf dem Seil, wie hier auf ebenem Boden?
rief die Frau.

Papperlapapp! _mir_ mut du so etwas nicht sagen, meinte aber
kopfschttelnd der Hanswurst. Mein Bruder, der lange Franz, mit dem ich
meine tollsten Jahre verlebt, war ein so tchtiger Seiltnzer wie nur
einer, und wie er zuletzt glaubte, er knnt's ganz allein, und hher und
immer hher stieg, passierte ihm doch einmal etwas Menschliches. Ob er
den Krampf bekam, ob er schwindelig wurde -- er hat's keinem Menschen
mehr erzhlt, aber ich seh' ihn noch vor mir, wie er da oben haushoch
ber die staunende Menschenmenge hinlief, da wir unten, gegen den
grauen Himmel hin, nicht einmal mehr das Seil erkennen konnten -- ich
sehe ihn noch vor mir, wie er auf einmal schwankte, wie ihm die
Stange aus der Hand fiel, und _ein_ Schrei von den Tausenden -- _ein_
furchtbarer Schrei zu ihm hinaufgellte -- dann kam ein dumpfer Schlag
-- und als ich wieder scheu den Kopf hob, lag ein hlicher, blutiger
Klumpen vor mir -- der lange Franz. -- Seit dem Tage hab' ich kein Seil
wieder betreten.

Bertrand war vor dem Alten stehen geblieben, aber sein Blick schweifte
ber ihn hin nach seinem Weibe, das halb abgewandt von ihm, die rechte
Hand auf das Fensterbrett gesttzt, den Kopf unwillig langsam hin- und
herwiegend, am Fenster lehnte.

Du httest etwas Gescheiteres tun knnen, sagte sie jetzt, whrend
der Vater, in der Erinnerung noch zusammenschaudernd, schwieg, als
ihm gerade heute _die_ Geschichte zu erzhlen. Da etwas derartiges
passieren _kann_, wei ich auch, aber eben die Mglichkeit desselben
bt den Reiz auf die Zuschauer, grndet den Ruf des khnen Lufers. Wre
keine Gefahr dabei, wer wrde sich die Mhe geben, auch nur zuzusehen?

Du hast gut reden, sagte der Alte finster.

Und glaubst du, _ich_ frchte die Gefahr? rief rasch und heftig die
Frau, glaubst du, ich rede ihm zu, wenn ich sie nicht teilen wollte? --
Ich werde ihn begleiten.

Du? -- auf dem Turmseil? lachte kopfschttelnd ihr Vater. Du bist
nicht gescheit!

Das geht nicht, Georgine, sagte Bertrand. Wenn ich mich selber auch
sicher genug da drauen wei, um nicht das Schicksal des langen Franz zu
befrchten, mchte ich doch nicht die Angst fr dich mit hinausnehmen.
Auerdem weit du selber, da es viel schwerer ist, zu zweien, als
allein das Seil zu begehen.

Bah! wir sind so oft zu zweien darauf gewesen.

Allerdings, doch nicht in _solcher_ Hhe.

Und welcher Unterschied ist zwischen Haus- und Turmhhe? Ein Sturz wre
von der einen genau so verderblich wie von der andern.

Gewi! aber du selber hast ein Seil in _solcher_ Hhe noch nie
betreten; du weit nicht, wie es dich erregen wrde -- doch wir
streiten da um einen ganz nutzlosen Gegenstand. Bis jetzt hat es mir der
Magistrat verboten, und ob mein direkt an den Frsten gerichtetes Gesuch
einen anderen Erfolg haben wird, wei ich noch nicht.

Ein Adjutant des Frsten war heute morgen hier, sagte Georgine, ich
zweifle aber, ob in _der_ Angelegenheit. Jedenfalls wollte er _dich_
sprechen.

Ein Adjutant des Frsten? rief Bertrand rasch -- und weshalb hast du
mich da nicht rufen lassen?

Er hatte keine Zeit. Dort liegt seine Karte. Er ersucht dich, ihn
morgen frh zwischen acht und zehn Uhr zu besuchen.

Sonderbar! sagte Bertrand und schritt langsam zu dem Tisch, auf dem
die Karte lag. Georgine hatte sich dem Fenster zugewandt und sah
hinaus, und der Alte nhte den letzten abgerissenen groen weien und
ballhnlichen Knopf an seine Jacke.

Nun? sagte Georgine endlich, als Bertrand noch immer schwieg, indem
sie sich nach ihm umdrehte. Kennst du den Herrn? Bertrand antwortete
nicht. Er hielt die Karte zwischen den Fingern; seine Augen hafteten
darauf, aber er sprach kein Wort. Georgine schritt hinber zu ihm und
sah ber seine Schulter auf die Karte nieder; erst als er noch immer
nicht sprach, schaute sie zu ihm auf und erschrak ber die pltzliche
Blsse seiner Zge.

Was fehlt dir, Georg? rief sie. Du siehst kreidewei aus. Was _ist_
mit dem Fremden?

Kreidewei? lchelte Bertrand, aber ihrem scharfen Blick entging
nicht, welche Gewalt er sich dabei antun mute, wenn er auch sonst seine
ganze Fassung und Ruhe behielt. -- Du trumst. Aber wer brachte diese
Karte?

Der, dessen Namen sie trgt.

Wolf von Geyerstein, flsterte Bertrand halblaut vor sich hin, aber
es war, als ob er die Worte mehr zu sich selber sprche, als sie fr ein
anderes Ohr bestimmte.

Du kennst ihn? fragte die Frau, und ihre Augen hingen erwartend an
denen des Gatten.

Ich kenne den Namen, sagte dieser ruhig, kannte wenigstens _einen_,
der ihn trug -- aber das ist lange Jahre her und war auch an einem
andern Orte -- weit von hier.

Und der hie _Wolf_ von Geyerstein?

Nein -- _sein_ Vorname ist mir jetzt entfallen; aber _der_ lebt auch
nicht mehr.

Ein Verwandter denn -- ein Bruder vielleicht?

Mglich, sagte Bertrand gleichgltig, aber wir werden ja sehen. Also
morgen?

Morgen frh zwischen acht und zehn. -- Du glaubst also nicht, da es
auf deine Eingabe Bezug haben knnte?

Und warum nicht? -- was sonst htte _ich_ mit einem Adjutanten des
Frsten zu tun und zu verkehren? -- Aber mach' dich fertig; die Zeit
vergeht, und es mu drei Uhr vorbei sein. Die Leute drngten sich schon
zur dritten Galerie, als ich vorberkam.

Heute gibt's eine gute Einnahme, sagte der Alte, der seinen Plunder
aus den verschiedenen Zimmerecken zusammensuchte, wo zum Teufel ist
jetzt meine Pritsche? Ich habe sie gestern abend dort auf den Stuhl
gelegt.

Georgine verlie das Zimmer, um noch einiges fr ihre Garderobe
zusammenzusuchen, und Georg stand noch immer und starrte still und
schweigend auf die Karte nieder, bis er sich endlich, als er die Frau
zurckkommen hrte, davon losri und seinen Hut ergriff. Es war in der
Tat Zeit fr den Zirkus, und alle anderen Gedanken nahm der Augenblick
vollkommen in Anspruch.




4.


Ueber den Landgrafenplatz wlzte sich eine jubelnde Volksmasse herber,
als Graf Geyerstein gerade das Haus verlassen wollte. Ein Kamel, mit
einem Affen auf dem Rcken, wurde dort vorbeigefhrt, und von allen
Seiten strmte das Mevolk hinzu, den seltenen Anblick zu genieen.
Eine Equipage, die des Weges kam, sah sich der Menschenmasse pltzlich
gegenber, und da der Kutscher vielleicht auch frchten mochte, da
seine lebhaften Pferde vor dem Kamel sich scheuen knnten, so bog er
rasch nach rechts in die, wenn auch schmale, doch kurze Rosenstrae ein,
um dadurch dem lrmenden Volk aus dem Wege zu kommen.

Der Graf von Geyerstein hrte wohl das Rasseln der Rder, das jauchzende
Toben der sich heranwlzenden Schar, aber er sah nicht, was um ihn
her vorging. Den Hut fest in die Augen gedrckt, die Blicke am Boden,
schritt er aus dem Hause, und wollte eben links nach dem Platze zu
einbiegen, als eine lachende Mdchenstimme seinen Namen rief.
Fast unwillkrlich schaute er empor und sah sich der Equipage des
Kriegsministers von Ralphen gegenber, der mit seiner Tochter Melanie
im Fond, mit Rosalie und ihrer Gouvernante auf dem Rcksitz, von einem
Besuch oder einer Spazierfahrt nach Hause zurckkehrte. Rosalie nickte
ihm freundlich zu, und whrend ihn auch die Exzellenz grte, bemerkte
er nicht, wie Melanie den erstaunten Blick auf ihm haften und dann nach
dem Hause hinaufschweifen lie. Da erkannte sie oben am Fenster
die Gestalt Georginens, und als sie mit kalter Verbeugung seinen
berraschten Gru erwiderte, war der Wagen im nchsten Augenblick die
Strae hinab verschwunden. Der Rittmeister aber, ohne ihnen auch nur
nachzuschauen, fand sich gleich darauf in dem das Kamel umtobenden,
lachenden, kreischenden Schwarme von Menschen, durch den hindrngend er
seinen Weg heimwrts suchte.

Seinen Burschen Karl fand er dort brigens schon in Verzweiflung seiner
harrend, denn eine Ordonnanz hatte einen Befehl des Frsten gebracht,
der ihn eine Stunde vor Tafel ins Schlo berief, und bis er Toilette
machen konnte, war _die_ Zeit verstrichen. Karl schttelte auch, whrend
er seinem Herrn dabei half, sehr bedenklich mit dem Kopfe, denn der
Rittmeister sprach, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, kein Wort.
Nur als er fertig war, begehrte er einen Wagen und fuhr ins Schlo.
Dienstsachen hielten ihn dort bis zur Stunde des Diners beschftigt, und
das Diner selber verlief dann, wie alle derartigen steifen Festtafeln
gewhnlich verlaufen.

Es waren ungefhr fnfzig Personen geladen worden, und die Sle
schwrmten dazu im wahren Sinne des Wortes von geschftigen und migen
Lakaien in hchster Gala und in hchster Eile, die herber und hinber
strzten, _das_ zu besorgen und auszufhren, wozu beim dritten Teil von
ihnen die Hlfte berflssig gewesen wre. Der Haushofmeister prfte
noch mit scharfer Brille die Etiketten und Siegel der verschiedenen
Flaschen, und befahl, welche Sorten in Eis zu bleiben hatten,
welche nicht, und der an der Suppe stationierte Beamte warf schon
verzweiflungsvolle Blicke nach den beiden an den Flgeltren postierten
Lakaien hinber, denn seit einer vollen Viertelstunde war Seiner
Kniglichen Hoheit angezeigt, da die Tafel serviert wre, und trotzdem
kamen die Herrschaften nicht. Noch einmal zu erinnern, ging auch nicht
an -- aber der Magen des gndigsten Herrn half ihnen endlich aus der
Not. Er gab das Zeichen, die Flgeltren schossen auseinander, und
der ganze Zug der Herrschaften und Gste bewegte sich unter der
geheimnisvollen Leitung des Hofmarschalls in den Saal. Im Nu war jedem
hier sein Platz bezeichnet -- nicht nach geselliger Wahl, sondern nach
strengem Standesunterschied und Rang, und wie die Zhne eines trefflich
ineinander greifenden Rderwerkes schoben sich jetzt die Teller, von
weien Handschuhen lautlos dirigiert, zwischen die Sitzenden. -- Und
Gnge und Weine wechselten wie das Gesprch, das jetzt, lebendiger
werdend, hin und wieder flog und dem nur einzelne, mit Liebe den
Getrnken zusprechende alte Herren hartnckig widerstanden.

Und wie s die Damen lchelten, und wie rcksichtsvoll die Herren
sprachen, und wie heimlich, aber deshalb nicht weniger gut gemeint, der
Haushofmeister einem oder dem andern der unaufmerksam gewesenen Lakaien
einen Knuff versetzte und ihn blitzschnell bald da-, bald dorthinber
sandte!

Da klirrte ein Teller auf den getfelten, spiegelglatten Boden
nieder und zerbrach in tausend Scherben -- der Haushofmeister wurde
totenbleich. Der arme Snder, der das Verbrechen verbt, stand wie
vernichtet -- aber keiner der Herrschaften oder Gste wandte den Kopf.
Nur ein paar nervenschwache Damen zuckten zusammen -- sonst hatte
niemand es gehrt, und die brigen Lakaien, hier und da einen lchelnden
Blick miteinander wechselnd, flogen eifriger, geschftiger umher als je.

Der Frst legte endlich seine Serviette auf den Teller und richtete sich
empor. Die Tafel war aufgehoben, und in den zunchst liegenden Gemchern
wurde der Kaffee umhergereicht. Dort sammelten sich die Gste zu
verschiedenen Gruppen, whrend Seine Knigliche Hoheit von einer zur
anderen ging, ein paar freundliche Worte bald an den, bald an jenen
richtend. Graf Geyerstein hatte sich indes umsonst bemht, in die Nhe
der ebenfalls anwesenden Komtesse Melanie zu gelangen. Zuerst war die
Komtesse von der Frstin selber in Anspruch genommen, und dann fand er
sie zwischen zwei alte, verwitwete Staatsdamen so hineingezwngt, da
ihr von keiner Seite beizukommen war. Auch schien sie das gar nicht zu
wnschen, denn sie unterhielt sich auf das lebhafteste mit den
beiden von Bndern und Schmuck bedeckten Ueberresten eines vergangenen
Jahrhunderts und hatte fr weiter niemanden im Saale Augen.

An einem der Fenster fand er endlich den Kabinettssekretr des Frsten
in lebhaftem Gesprch mit zwei jungen Damen wie ein paar anderen Herren,
und der Name des Kunstreiters Bertrand fesselte hier zuerst seine
Aufmerksamkeit. Er trat nher und traf die kleine Gruppe in lebendiger
Debatte, weniger ber die Leistungen des Mannes und seiner Gesellschaft,
-- als seine Familienverhltnisse. In der Stadt hatte sich nmlich
das Gercht verbreitet, Madame Georgine stamme aus einer altadeligen
franzsischen Familie und sei von dem khnen Reiter und Seiltnzer unter
den abenteuerlichsten Verhltnissen aus einem Kloster entfhrt und
zum Kunstritt erzogen worden. Ueber die Sache selber schien man auch
vollstndig einig, nur ber den frheren Namen der Dame schwankten
die Meinungen, und alles wandte sich in vollem Eifer gegen den jungen
Grafen, als dieser das ganze Gercht bezweifeln wollte. War er doch im
Begriff, sich an der ganzen Gesellschaft zu versndigen, indem er ihr
den pikantesten Stoff zur Konversation damit zu rauben gedachte. Wie
die Debatte gerade am lebendigsten war, nherte sich der Frst mit einem
jungen Fremden, der sich seit einigen Tagen in *** aufhielt, der Gruppe,
die sich augenblicklich gegen ihn ffnete.

Ah, lieber Geyerstein, wandte er sich zugleich gegen den Rittmeister,
was fr einen Kampf fhren Sie denn hier? Aber ich wei nicht einmal,
ob sich die Herren schon kennen? -- Rittmeister Graf von Geyerstein --
Graf Selikoff aus St. Petersburg. -- Doch um was handelte Ihr Streit,
wenn man fragen darf?

Die beiden jungen Leute verbeugten sich gegeneinander, und Frulein von
Zahbern, die eine der Damen, antwortete: Um kein Geheimnis, Knigliche
Hoheit, und doch auch wieder ein Geheimnis, nmlich um die Abstammung
der Frau des Kunstreiters.

Ah, apropos, Lerchenstein, wie steht denn die Sache mit jenem Monsieur
Bertrand? wandte sich der Frst an seinen Geheimsekretr. Haben Sie
mir nicht gestern morgen etwas darber vorgelegt?

Allerdings, Knigliche Hoheit. Es betraf die verweigerte Erlaubnis des
Magistrats, da der etwas tollkhne Mensch zwischen den beiden Trmen
der Katharinenkirche ein Seil aufspanne, um darauf seine Knste zu
zeigen.

Ganz recht. Jetzt erinnere ich mich. Ja, was soll man da tun? Der
Magistrat wird wohl seine Grnde gehabt haben, es ihm zu verbieten, wenn
ihm auch eigentlich kein Mensch verwehren kann, seinen Hals zu wagen.
Meinen Sie nicht, Geyerstein?

Ich meine, Knigliche Hoheit, da es ein wohlttiges Verbot war.
Es heit an Gott gefrevelt, seine Glieder in solcher Weise der fast
gewissen Gefahr preiszugeben.

Das nehmen Sie aber doch wohl zu ernst, lieber Geyerstein, sagte der
Frst, denn wenn Sie so weit gehen wollten, drfte ich das Seiltanzen
berhaupt nicht gestatten. Ich meinesteils tte das auch mit dem grten
Vergngen, aber wo die Grenze nachher ziehen zwischen gefhrlichen und
weniger gefhrlichen Knsten?

Der Rittmeister schwieg, denn er erinnerte sich, da er fast dieselben
Einwendungen mit beinahe den nmlichen Worten vor ganz kurzer Zeit der
Komtesse Melanie gemacht. Frulein von Zahbern aber rief: Der Herr
Rittmeister ist ein durchaus grausamer Mensch, er will uns _jede_
Unterhaltung rauben.

Und wrden Sie, mein gndiges Frulein, wirklich eine Unterhaltung
darin finden, entgegnete der Rittmeister, einen Menschen zwischen zwei
Trmen auf einem dnnen Seile spazieren gehen zu sehen? Wrden Sie
sich an einem Schauspiel ergtzen knnen, bei dem Sie jeden Augenblick
frchten mten, da es damit endete, Ihnen den zerschmetterten Leichnam
vor die Fe zu senden?

Sie gebrauchen grliche Ausdrcke, Herr Graf! rief das gndige
Frulein, ihren Fcher in Schauder vor die Augen hebend, aber Monsieur
Bertrand fllt auch nicht herunter, er ist ja ein Seiltnzer.

Graf Geyerstein zuckte die Achseln. Selikoff aber sagte: Ich glaube,
das gndige Frulein hat im Grunde recht. Der Broterwerb fast aller
dieser sogenannten Meknstler ist lebensgefhrlich, seien das nun
Kunstreiter, Seiltnzer, Tierbndiger, Feueresser oder was immer, und
wollte man die Leute aus bertriebener Humanitt daran verhindern,
sich _mglicherweise_ den Hals zu brechen, so gbe man sie sicher dem
Verhungern preis oder zwnge sie wenigstens, ihr Brot, das sie nun
einmal haben mssen, sich auf irgend eine andere ungesetzliche Art und
Weise zu erwerben.

Das ist schn von Ihnen, Herr Graf, rief das Frulein von Zahbern,
frhlich in die Hnde schlagend, da Sie uns das Wort reden, dem sehr
gestrengen Herrn Rittmeister gegenber.

Aber, mein gndiges Frulein...

Ich lasse gar keine Entschuldigung gelten, rief die junge Dame, denn
gerade _Sie_ sollten der letzte sein, der sich halsbrechenden Knsten
widersetzt.

Und warum ich?

Weil Sie fortwhrend die wildesten, unbndigsten Pferde ganz
unntigerweise selber reiten, und wenn Sie den Seiltanz verboten haben
wollen, trage ich bei Seiner Kniglichen Hoheit wahrhaftig darauf an,
da er Ihnen auch verbietet, _Ihr_ Leben so mutwillig dem Eigensinne des
ersten besten Pferdes preiszugeben.

Ich glaube selber, Sie sind da zu strenge, mein guter Geyerstein,
sagte jetzt auch der Frst. Es ist einmal Messe, und wenn ich dem
Seiltnzer verbieten will, sein Seil so hoch zu spannen, wie es ihm
beliebt, mu ich auch dem Menageriebesitzer -- wie heit er gleich? --
untersagen, mit den Hynen zu frhstcken und seinen Kopf in des Tigers
Rachen zu stecken.

Also befehlen Knigliche Hoheit? fragte der Sekretr.

Lassen Sie den Magistrat ersuchen, dem Manne kein Hindernis in den Weg
zu legen, sagte der Frst.

Zu Befehl, Knigliche Hoheit.

Und -- was ich noch gleich sagen wollte, fuhr der Frst fort, wo
steckt denn eigentlich unsere kleine Ralphen? Ich habe mich in der
letzten Viertelstunde vergebens nach ihr umgesehen.

Dort drben, mein gndigster Herr, erwiderte der Rittmeister, mit
einer leichten Verbeugung nach der Richtung hinberdeutend, in der er
die junge Dame wute. Komtesse Melanie hat sich den beiden Staatsdamen
angeschlossen.

Ah -- danke -- kommen Sie, Selikoff, ich sehe unsere schne Komtesse
schon; also auf Wiedersehen! Und mit freundlichem Nicken verlie er die
sich tief verbeugende Gruppe.

Natrlich hatte das Gesprch dadurch augenblicklich eine andere Wendung
genommen. Der Kunstreiter, dessen Sache man berdies als erledigt
betrachtete, war vergessen, und die Unterhaltung drehte sich
ausschlielich um den jungen, fremden Grafen Selikoff, den einige mit
einer geheimen politischen Mission am hiesigen Hofe betraut wissen
wollten. Er sollte dabei steinreich und, einer der ersten russischen
Familien angehrend, sogar der Liebling des Zaren sein; so wenigstens
behauptete Frulein von Zahbern, die einen wahren Schatz von Kenntnissen
in dieser Angelegenheit entwickelte. Graf Geyerstein hatte sich
indessen schon lange von der Gruppe zurckgezogen und verfolgte fast
unwillkrlich mit den Blicken den jungen Russen, mit dem der Frst
gerade jetzt zur Komtesse von Ralphen trat. Ihm war es fast, als ob
Melanies Auge ber die Schulter des Fremden _ihn_ gesucht habe -- aber
er hatte sich doch wohl geirrt, oder die neue Bekanntschaft nahm sie so
in Anspruch, da sie des alten Freundes nicht weiter gedachte. Wie
s und lieb sie den jungen Fremden anlchelte, und wie leichtherzig
tndelnd das schne Mdchen, als der Frst sie sich selber berlassen
hatte, mit ihm den Salon hinunterschritt.

Cher comte! Sie schneiden ein ganz verzweifelt finsteres und
festwidriges Gesicht, lchelte in diesem Augenblicke ein kleiner,
schmchtiger, mit Goldstickereien und Orden fast bedeckter Herr, der,
den dreieckigen Hut unter den Ellbogen gedrckt, seinen Arm vertraulich
in den des Grafen schob.

Es war eine eigentmliche, und, einmal gesehen, kaum wieder zu
vergessende Persnlichkeit, dieser Herr von Zhbig, dessen Gesicht mit
dem tief hinabgedrehten, schwarzen Schnurrbart, wie den hinaufgezogenen,
etwas starken Augenbrauen den unverkennbaren Ausdruck trug, als ob
er permanent ber irgend einen Gegenstand sein uerstes, aber auch
untertnigstes Bedenken ausdrcken wolle. Der Mann _sprach_ auch
eigentlich nie, er lispelte nur, und lispelte dabei so s, so lieb, so
herzlich, recht aus tiefster Seele, da man ihm zuletzt den Schnurrbart
gar nicht mehr glaubte.

Habe ich wirklich so ein finsteres Gesicht gemacht, Herr Intendant?
sagte Geyerstein, sich zu ihm wendend.

Entsetzlich! rief der Hfliche, und die Augenbrauen berhrten fast das
wohlgelockte und gelte Haar.

Dann denunzieren Sie diesen Versto gegen die Etikette um Gotteswillen
nicht dem Zeremonienmeister. Uebrigens gebe ich Ihnen die Versicherung,
da es nur ganz in Gedanken geschehen sein kann, ohne den geringsten
Grund, denn ich dachte wirklich eben nur an ganz gleichgltige,
unbedeutende Sachen.

Apropos, Herr Graf, haben Sie die neue Robe unserer Allergndigsten
schon bewundert? Sie ist wirklich magnifique.

Ich mu Ihnen meine Unaufmerksamkeit gestehen; ich habe es in der Tat
noch _nicht_ getan.

Dann versumen Sie keinen Augenblick lnger, cher comte. Die
Herrschaften werden sich berdies bald wieder zurckziehen. Unser
gndigster Herr war so unendlich huldreich heute. -- Sie hatten vorher
eine lngere Audienz bei Seiner Kniglichen Hoheit, nicht wahr? Wohl
Dienstsachen?

Allerdings.

Knigliche Hoheit haben nichts ber die gestrige Vorstellung erwhnt?

Nicht, da ich mich erinnere.

Herr Generalintendant, flsterte in diesem Augenblicke ein Kammerherr
an seiner Seite, Knigliche Hoheit wnschen...

Zu Befehl! rief der Geschmeidige, indem er in dem Moment auch fast
um wenigstens sechs Zoll kleiner wurde, und den Arm des Kammerherrn
ergreifend, schritt er mit diesem, nach einem huldreichen,
berglcklichen Lcheln gegen den Grafen, der Richtung zu, in der sich
der Frst befand, unterwegs indessen die ihm bersandten Befehle des
Herrn entgegennehmend.

Noch stand der Rittmeister auf seiner Stelle, wo ihn von Zhbig
verlassen hatte, als ein Herr, ein groer, stattlicher Mann mit
militrischem Anstand, aber glatt rasiertem Gesicht, mehr jedoch noch
durch seinen einfachen schwarzen Frack, an dem nicht ein einziger
Orden prangte, gegen die brige gestickte, geschmckte und uniformierte
Gesellschaft abstechend, zu ihm trat. Es war der amerikanische Gesandte,
Oberst Pollard, erst seit kurzer Zeit in ***.

Mein Herr Graf, redete er den jungen Mann an, den er schon frher
kennen gelernt und lieb gewonnen hatte, ich mu Sie um eine Auskunft
bitten.

Der Graf verbeugte sich leicht.

Wer war der Herr, der Sie eben verlassen hat? fragte der Oberst. Es
soll ein franzsischer General bei Tafel gewesen sein. -- War jener Herr
vielleicht?...

Da tun Sie ihm Unrecht, lchelte der Rittmeister. Herr von Zhbig ist
der harmloseste und am wenigsten blutdrstige Mann seines Jahrhunderts,
obgleich allwchentlich zahlreiche Personen unter seiner Leitung teils
erstochen werden, teils an gebrochenem Herzen sterben.

Sie sprechen in Rtseln.

Es ist der Generalintendant unseres Hoftheaters.

Und trgt einen wahren Panzer von Orden? sagte der Amerikaner
erstaunt.

Mr. Pollard, lachte der Graf, Sie sind erst zu kurze Zeit in
Deutschland, um sich hier an unsere Sitten und Gebruche schon hinlngst
gewhnt zu haben. Aber -- erinnern Sie sich wohl, da Sie mir neulich
einmal von Ihren Indianern erzhlten, die gewisse Kerbhlzer haben
sollen, an denen sie ihre verschiedenen Zeitabschnitte sowohl, wie
auergewhnliche Begebenheiten ihres Lebens anzeichnen?

Allerdings.

Nun gut! -- unsere Hflinge -- das Wort jedoch in der freundlichsten
Weise gebraucht -- sind ebenso die Kerbhlzer der Frsten, an denen
sich dieselben fr alle Geburtsanzeigen befreundeter Hfe, fr Besuche
auswrtiger Potentaten, berhaupt fr festliche und auergewhnliche
Gelegenheiten -- ein Zeichen machen. Fr ein so zierliches Kerbholz
gehrt aber auch, wie sie mir zugestehen werden, ein zierlicher Schmuck,
und -- voila.

Oberst Pollard lchelte still vor sich hin, als pltzlich eine
allgemeine Bewegung in den Salons entstand. Die Herrschaften zogen sich
zurck, und die Gruppen der Gste neigten sich tief und ehrfurchtsvoll
vor dem Herrscherpaare. Und jetzt auf einmal kam reges, _natrliches_
Leben in die bis dahin noch so steife, frmliche Menschenmenge. Alles
brach auf, und wie der Frst mit der Frstin den Saal verlassen hatte,
zogen sich die Gste ebenfalls den Tren zu. Der Amerikaner war von dem
jungen Grafen durch einige dazwischen tretende Herren vom Hofe getrennt
worden, als sich Graf Geyerstein wieder angeredet sah.

Es war diesmal durch eine ihm nicht eben angenehme Persnlichkeit, mit
der er bis jetzt auch noch keinen Verkehr gehalten hatte: ein noch
sehr junger, ungemein geschniegelter, nach Parfm duftender Herr, mit
kleinem, stark gewichstem, pechschwarzem Schnurrbart, gebogener Nase
und sehr lebendigen, rasch umherschweifenden schwarzen Augen, zwei groe
auslndische Ordenskreuze auf der Brust, mit einem Worte, der Sohn eines
erst vor kurzer Zeit baronisierten, sehr reichen Bankiers, dessen Vater
mit dem Hofe in fortwhrender Verbindung stand.

Herr Graf, sagte der junge Mann, sich selbstgefllig dem Rittmeister
vorstellend, Sie mssen mich entschuldigen, wenn ich mir die Freiheit
nehme, mich selber bei Ihnen einzufhren. Ich bin Baron Hugo von
Silberglanz und habe schon lange nach dem Vergngen und der Ehre
getrachtet, Ihre persnliche Bekanntschaft zu machen.

Herr Baron, sagte der Graf, es war mir sehr angenehm, Ihre
Bekanntschaft gemacht zu haben, und sich leicht und kalthflich vor ihm
neigend, schritt er an ihm vorber den Saal entlang.

Baron Hugo von Silberglanz blieb, etwas verdutzt ber diesen Empfang,
noch einige Sekunden an derselben Stelle stehen, als er den Blick des
Staatsrats von Zdnitz mit innigem und boshaftem Vergngen auf sich
haften sah. Er fhlte, wie er rot wurde, und sich rasch und mit einem
vollstndig gleichgltigen Blick emporraffend, warf er den Kopf zurck
und schritt einem der Seitengemcher zu. Graf Geyerstein indessen,
der schon gar nicht mehr an den faden Menschen dachte, suchte noch der
Komtesse Melanie zu nahen, denn bis jetzt war er nicht imstande gewesen,
ein einziges Wort mit ihr zu wechseln -- aber es gelang ihm nicht.
Einmal glaubte er allerdings, da ihr im Saale umherschweifendes Auge
ihn wenigstens streife -- doch konnte sie ihn nicht gesehen haben, denn
schon im nchsten Moment wandte sie sich ihrem jetzigen Begleiter, dem
jungen Grafen Selikoff, zu, an dessen linker Seite Frulein von Zahbern
dahinschritt und sehr angelegentlich auf ihn einsprach.

Sehen Sie nur, wie sich die Zahbern an den Selikoff drckt, und wie
bezaubernd sie zu ihm hinberlchelt, flsterte nicht weit von ihm der
Kabinettssekretr einem neben ihm gehenden Kammerherrn des Frsten zu.

Das hilft ihr doch nichts, erwiderte dieser, er scheint nur Auge und
Ohr fr die kleine Ralphen zu haben.

Die arme Zahbern, lchelte der Sekretr, und sie gibt sich so viel
Mhe!

Und hat schon so viel bittere Erfahrungen gemacht! sagte der
Kammerherr.

Die beiden Herren schlenderten langsam der Tr zu, lieen sich drauen
von den Lakaien ihre Paletots berhngen und stiegen die Treppe
hinunter, um ihren Wagen dort zu erwarten. Auch Graf Geyerstein folgte
ihnen und sah eben noch, wie der junge Russe mit dem Kriegsminister
von Ralphen und Melanie in deren Equipage stieg und in die Stadt hinein
fuhr.

Aber, Herr Graf, Sie antworten mir ja gar nicht, sagte in diesem
Augenblick eine vorwurfsvolle Stimme an seiner Seite, und Frulein von
Zahbern schaute mit einem freundlich verweisenden Blick zu ihm auf.

Mein gndiges Frulein, ich bitte tausendmal um Entschuldigung -- das
Rasseln der Wagen -- Sie befehlen?

Gar nichts, lieber Graf; ich meinte nur, da der junge Graf Selikoff
ein hchst liebenswrdiger Mensch ist -- er war so artig; die alte
Exzellenz wei auch wohl, was sie tut.

Wer? -- Herr von Ralphen?

Frulein von Zahbern nickte.

Der junge Graf ist steinreich, ein Wort, das man ganz vorzglich
von den Russen gebrauchen kann, denn sie whlen in Diamanten, und bei
Ralphens sollen die Vermgensverhltnisse -- Sie wissen, man munkelt da
Verschiedenes.

In Kaffeegesellschaften?

Nur nicht boshaft, wenn ich bitten darf!

Aber mein gndiges Frulein...

Ich wei schon, was Sie sagen wollten -- auf uns arme Frauen wird
von diesen sogenannten Herren der Schpfung am liebsten gleich alles
gewlzt. _Das_ habe ich brigens aus ganz sicherer Quelle und nicht aus
einer Kaffeegesellschaft.

Da die sogenannten Herren der Schpfung...?

Da nicht sehen wollen, wo sie _selber_ blind sind, sagte die junge
Dame mit sehr scharfer Betonung des Selber.

Und sind sie da nicht vollkommen entschuldigt? lchelte der Graf.

Der Kriegsminister wird _alles_ daran wenden, um den Russen hier zu
fesseln, fuhr die junge Dame fort.

Glauben Sie?

Was die Augen sehen, glaubt das Herz.

Und wenn wir den Satz umdrehen?

Sie sind unausstehlich heute, Graf! rief die Dame, fr meine
freundliche Warnung htte ich andern Dank verdient.

Fr Ihre Warnung, mein gndiges Frulein? sagte Graf Geyerstein
erstaunt.

Tun Sie nur nicht so unschuldig, rief die junge Dame, und trauen Sie
der Residenz nicht zu, da sie blind ist, wenn Sie blind sein wollen.
Sie kennen doch die Fabel vom Strau?

Mit dem Kieselstein-Verschlucken?

Frulein von Zahbern wollte etwas darauf erwidern, aber sie bi sich auf
die Lippen. Wem nicht zu raten ist, lieber Graf, sagte sie endlich,
indem sie sich gegen ihn verneigte, dem ist auch nicht zu helfen -- ich
sehe, da ist mein Wagen -- au revoir!

Mein gndiges Frulein...

Apropos -- werden Sie heut abend den Zirkus besuchen?

Es ist Mesonntag.

Leider Gottes, und ich ginge so gern! Madame Bertrand soll eine
reizende Frau sein. Graf, Graf, nehmen Sie sich in acht!

Frulein von Zahbern drohte ihm dabei, als er ihr gerade den Arm bot, um
sie in den Wagen zu heben, lchelnd mit dem Finger.

Wieder eine Warnung, mein gndiges Frulein? fragte der Rittmeister.

Ich will weiter nichts gesagt haben, erwiderte die Dame, und die
weitere Unterhaltung wurde durch das Anziehen der Pferde abgebrochen.

Der Rittmeister schritt langsam seiner eigenen Wohnung zu.




5.


Am nchsten Morgen war Graf Geyerstein frh aufgestanden und hatte
einige Briefe geschrieben. Nach dem Frhstck ging er unruhig in seinem
Zimmer auf und ab, und sah wohl hundertmal nach der Uhr, deren Zeiger
ihm nie so langsam fortgeschlichen waren, wie gerade heute. Endlich
schlug es acht. Sein Bursche Karl trat herein und fragte nach den
Briefen, die ihm der Herr Rittmeister befohlen htte auf die Post zu
schaffen.

Warte noch einen Augenblick, ich bin noch nicht fertig, lautete die
Antwort. Hat noch niemand nach mir gefragt?

Noch nicht, Herr Rittmeister.

Ich werde dich rufen, wenn ich dich brauche.

Der Bursche schlo die Tr wieder, und der Rittmeister setzte mit
untergeschlagenen Armen seinen unruhigen Spaziergang fort. Es schlug
halb neun, da klingelte drauen die Vorsaaltr, und der Rittmeister
zuckte zusammen. Er blieb stehen und horchte; drauen wurden Stimmen
laut, und gleich darauf trat Karl ein und berreichte ihm eine Karte,
die den einfachen, auerordentlich fein darauf gestochenen Namen trug
Georg Bertrand.

Es ist gut, sagte der Rittmeister, la -- la den Herrn eintreten --
aber warte. Hier, nimm das gleich mit fort: diese beiden Briefe auf die
Post -- diese Bcher hier kommen zum Buchbinder, und hier die Koppel
trgst du zum Sattler und lt dir eine andere Schnalle fr die
gebrochene ansetzen. Du magst gleich darauf warten.

Zu Befehl, Herr Rittmeister.

Also bitte den Fremden, einzutreten, und halte dich nicht lnger auf,
als ntig ist.

Der Bursche verschwand wieder, gleich darauf ffnete sich aufs neue die
Tr und schlo sich hinter dem eingetretenen Fremden, der mit leiser,
aber fester Stimme und leichter Verneigung sagte: Sie haben gewnscht,
mich zu sprechen, Herr Graf.

Graf Geyerstein stand der hohen, mnnlichen Gestalt des Kunstreiters
Bertrand gegenber, aber er antwortete keine Silbe. Totenbleich sah
er dabei aus; jeder Tropfen Blut hatte seine Wangen verlassen, und nur
seine Blicke hafteten fest, ja stier auf den Zgen Bertrands.

Sie haben gewnscht, mich zu sprechen, Herr Graf, wiederholte der
Kunstreiter endlich -- aber noch leiser als vorher.

Da streckte der Graf die Arme nach ihm aus.

Georg, sagte er mit vor innerer Bewegung fast erstickter Stimme --
Bruder Georg!

Monsieur Bertrand rhrte sich nicht. Er hatte die Zhne aufeinander
gebissen und sah fest und ernst in die Zge des Grafen, aber es war
nur ein Moment, im nchsten warf er sich an seine Brust, und die beiden
Mnner hielten sich stumm und schweigend Herz an Herz in eiserner
Umarmung fest umschlossen.

Ich hatte keine Ahnung, dich hier in ***schen Diensten zu finden,
flsterte endlich Georg, als er sich langsam, die Augen von Trnen
gefllt, wieder emporrichtete.

Ich erkannte dich auf den ersten Blick, wie ich dich die Strae
niederreiten sah, erwiderte der Rittmeister, aber, Georg, um Gottes,
um unserer Ehre willen, welchen Lebensweg hast du gewhlt? Was konnte
dich in _diese_ Bahn schleudern?

Wir sind allein? sagte Georg, whrend er einen Blick nach der Tre
warf.

Vollkommen und ungestrt. Mein Bursche ist fort; auerdem wei er, da
er nicht horchen darf. Setze dich hierher zu mir.

Georg zgerte einen Augenblick, dann legte er seinen Hut ab und lie
sich still neben dem Bruder nieder, der seine Hand ergriff und bittend
sagte: Jetzt sprich, Georg -- gestehe mir alles -- alles, was geschehen
ist, schtte dein ganzes Herz in meine Brust aus, und la mich dann
Mittel und Wege finden, dir zu helfen, dich zu retten.

_Mich_ zu retten? lchelte aber Georg bitter vor sich hin, das ist
vorbei -- zu spt, und ich glaubte auch die Vergangenheit schon fest
und sicher abgebrochen, glaubte mit der Welt und meinem frheren Namen
abgeschlossen zu haben, als deine Karte gestern all' diese Hoffnungen
und Plne mit einem Schlage ber den Haufen warf.

Und so lange bist du schon nach Deutschland zurckgekehrt, ohne selbst
_mir_ ein Lebenszeichen zu geben! sagte Wolf vorwurfsvoll.

Ich wagte es nicht, flsterte Georg, finster das Antlitz zur Seite
wendend. Ich vermied sogar, die heimischen Grenzen zu betreten, denn
ich frchtete, erkannt zu werden, frchtete mich selber zu verraten,
und -- mochte den Spott derer nicht ertragen, die ich frher -- als
meinesgleichen wute.

Georg, sagte der Bruder tief bewegt, nicht um dir Vorwrfe ber
Vergangenes zu machen, hab' ich dich aufgesucht, hab' ich dich gebeten,
zu mir zu kommen. Deine eigenen Worte jetzt gestehen mir alles, was
ich dir darber zum Herzen reden knnte; denn du, der sich seinen
Lebensberuf darin gewhlt hat, dem Tod in seiner hlichsten Form
zu trotzen, schmst dich jetzt, denen unter die Augen zu treten, die
_frher_ deinesgleichen waren und aus deren Kreisen du fort -- _hinab_
gestiegen bist. Da du das aber fhlst, brgt mir auch fr die Erfllung
meiner Hoffnung, dich diesem Leben wieder zu entreien.

Es ist zu spt, sagte dster der Kunstreiter, ich -- kann nicht mehr
zurck.

Der Mensch kann alles, was er ernstlich will, und deine _Seele_ hast
du nicht verpfndet, entgegnete ernst der Graf, ja, wenn du es
deinethalben selbst nicht tun wolltest, mtest du es meinethalben --
mtest du es der Mutter wegen tun.

Georg barg das Antlitz in den Hnden, und Wolf, seine Hand freundlich
auf des Bruders Schulter legend, fuhr leise fort: Sieh, Georg, so
gut wie ich dich, selbst unter dem dichten Barte und dem Flittertande
erkannt, mit dem du dich umgeben, so gut kann einer deiner frheren
Kameraden dich ebenfalls erkennen, und da es bis jetzt noch nicht
geschehen, begreife ich sogar nicht einmal. Das Tagesgesprch
beschftigt sich sogar fast ausschlielich mit dir und -- deiner Frau,
und wunderliche Gerchte ber euch durchlaufen schon die Stadt, wenn sie
die rechte Fhrte auch noch nicht gefunden haben.

Und gerade diese tollen Gerchte sichern mir vielleicht meine
Verborgenheit.

Vielleicht -- aber auf wie lange? Und glaubst du nicht, da du das Herz
der Mutter brechen wrdest, wenn ihr die furchtbare Wahrheit je zu
Ohren kme? Sie hat dich als einen Toten beweint; o, la sie nicht den
Lebenden noch mehr beklagen, als den Toten!

Georg war aufgesprungen und mit unruhigen Schritten ma er das Zimmer
auf und ab, bis er endlich wieder neben dem ihm mit mitleidigen Blicken
folgenden Bruder Platz nahm und sagte: Du weit, Wolf, wie mein
ungezgeltes Leben in frheren Jahren langsam, aber sicher das Netz ber
mich zusammenzog, in dem ich endlich unterging, -- dem ich erlag. Dem
Trunk gab ich mich hin, und _in_ dem Trunk dem Spiel, und _mit_ dem
Spiel verlor ich alles, was ich mein nannte -- verlor mich selbst. Ich
mute flchten, mein ganzes mir zukommendes Vermgen reichte nicht hin,
die hinterlassenen Schulden zu decken -- unterbrich mich nicht -- ich
wei, da du, Wolf, ber deine Krfte beigesprungen bist, wenigstens
die Ehre unseres Namens zu retten, wenn du mich auch nicht mehr retten
konntest. Da, als ich das hrte, erfate mich die Verzweiflung; ich floh
nach Frankreich, und mein bser Stern warf mich in die Arme einer dort
umherziehenden Kunstreitertruppe. Du weit, da ich von jeher ein guter,
vielleicht zu tollkhner Reiter gewesen; die kleinen Kunstgriffe jener
Truppe lernte ich deshalb bald und fhlte dadurch einen gewissen Stolz,
mein Leben, meine Existenz dem Schicksal selber abringen zu knnen. Der
Chef unserer Truppe war zugleich ein Seiltnzer, und wie mein in eine
falsche Bahn geworfener Stolz nicht ertragen konnte und wollte, da
irgend jemand es mir in dem Berufe, den ich mir jetzt gewhlt, zuvortun
sollte, warf ich mich mit tollem Eifer dieser neuen Kunst in die Arme.
Vollkommen schwindelfrei, denn der Leidenschaft des Trunkes, wie dem
Spiel hatte ich lange entsagt, machte ich rasend schnelle Fortschritte,
und mein wertloses Dasein doch nicht achtend und keck bei jeder
Gelegenheit in die Schanze schlagend, bertraf ich bald meinen Meister.

Und hast du nie dabei an _uns_ gedacht?

Ja, flsterte Georg, nur zu oft; aber gerade der Gedanke an euch, der
mir beim Ritt die Kraft, beim Seiltanz Mut und Geistesgegenwart raubte,
wurde mein schlimmster Feind -- wenigstens hielt ich ihn dafr.

Es war dein guter Engel, der dich zurck in unsere Arme fhren wollte.

Mglich, sagte Georg, scheu den Kopf abgewandt, aber -- ich hielt ihn
fr meinen Teufel und suchte mich fr immer von ihm zu befreien.

Aber das war nicht mglich.

Doch, hauchte Georg, der Menschengeist ist erfinderisch, und -- ich
fand ein Mittel. Ich lernte damals Georginen kennen, das schnste Weib,
das ich je gesehen, und -- heiratete sie.

Es geht hier ein Gercht in der Stadt, sagte der Graf, da Georgine
die Tochter eines franzsischen Edelmannes sei, die du aus einem Kloster
auf abenteuerliche Weise entfhrt haben solltest. Ist das begrndet?

Eines franzsischen Edelmannes? erwiderte mit finster
zusammengezogenen Brauen und bitterem Lcheln der Kunstreiter. Du
hast ihren Vater gesehen -- er ist Hanswurst bei unserer Truppe, dem
niedrigsten Pbel entsprungen, in dem er schwelgt.

Also doch! seufzte Wolf aus tiefster Brust.

Du siehst, da es mir gelungen ist, mir den Rckweg fr alle Zeiten
abzuschneiden, fuhr sein Bruder fort. Ich _wute_, da ich mit dieser
Heirat mich fr immer von allem, was mich noch im alten Vaterlande
hielt, was mich dahin zurckzog, losri, und einmal _den_ Schritt getan,
und ich war _frei_. Von dem Augenblicke an war ich Kunstreiter, war ich
Seiltnzer mit ganzer Seele. Toller und rcksichtsloser aber trieb ich
es als bisher; meine Keckheit wurde zum Sprichwort, die Leute kamen
meilenweit, meine halsbrechenden Knste zu sehen und anzustaunen, und --
der Ehrgeiz, der Stolz des Edelmannes versank in dem des Luftspringers.
-- Da hast du meine Geschichte, kurz und einfach bis zur heutigen
Stunde, und nun la mich fort. Da Du mich erkannt, ist mir ein Beweis
der Gefahr, der ich mich hier in Deutschland aussetze, wieder einmal
einem der frheren Kameraden zu begegnen. Der Gefahr will ich nicht
preisgegeben sein, und weniger meinet-, als eurethalben. Ich kehre
nach Frankreich zurck, um Deutschland nicht wieder zu betreten. --
Vielleicht gehe ich nach Amerika mit meiner Truppe, denn dort bin ich
ganz sicher. _Eine_ Frage nur beantworte mir noch, Wolf, und glaube mir,
da dein Wiedersehen dabei, du treues Herz, den einzigen Lichtblick auf
meinen dunkeln Lebenspfad geworfen, an dem ich viele, viele Jahre zehren
werde -- wie geht es -- der Mutter?

Er hatte sich abgewandt und die letzten Silben so leise gesprochen, da
sie kaum zu dem Ohr des Bruders drangen.

_Denkst_ du noch an unsere Mutter, Georg? fragte Wolf, seine Hand
ergreifend und seinen ngstlichen Blick fest auf ihn geheftet.

Glaubst du, da ich sie je vergessen knnte? erwiderte der
Unglckliche, o, wenn ich sie noch einmal sehen, mein mdes Haupt noch
einmal an ihr treues Herz pressen knnte...

Armer, armer Georg! seufzte Wolf, und mit dem nagenden Wurm in der
Brust willst du wieder hinaus? -- Bleibe bei uns. _Noch_ ist es mglich,
da du die Mutter wiedersiehst, ohne ihr das Herz zu brechen. Noch ist
es mglich, da du dem Leben, der Gesellschaft zurckgegeben wrdest --
aber du mut _wollen_!

Georg sah staunend zu ihm auf. _Jetzt_ noch? sagte er, jetzt, nachdem
ich dir erzhlt, da der Hanswurst mein Schwiegervater, da Georgine,
die Kunstreiterin, die nur im Zirkus lebt und atmet, mein Weib ist?

Selbst jetzt noch, erwiderte fest der Bruder, aber du mut wollen;
du mut das alte Leben mit Gewalt von dir abschtteln, mut die deinen
zwingen, sich dem zu fgen, und glaube mir, nach einem einzigen Jahre
habe ich dich dem brgerlichen Leben, habe ich dich uns, der Mutter
wiedergewonnen.

Aus dem Kunstreiter wolltest du wieder einen Grafen machen, Wolf?
sagte Georg, traurig dazu mit dem Kopfe schttelnd; ins brgerliche
Leben einzutreten, wre mglich, was sollte mich daran hindern? denn ich
bin mir keiner schlechten, unehrenhaften Tat weiter bewut, als der, die
ich im jugendlichen Leichtsinn verbt. Aber meinen frheren Rang habe
ich verscherzt, und selbst der Brger, der vielleicht mit dem frheren
Monsieur Bertrand gern verkehren mchte, wrde er sich nicht scheu
zurckziehen, wenn er den Hanswurst mit in den Kauf nehmen mte? Nein,
Wolf, nein; es geht nun und nimmermehr. Mit nur zu sicherer Hand habe
ich mich selber ins Leben getroffen, und ich bin und bleibe fr euch
verloren. Beantworte mir jetzt noch eine Frage, und dann la mich
ziehen. Dir selber bleibe ich trotzdem ewig dankbar fr die brderlichen
Worte, die du zu mir gesprochen. Wie geht es unserer Mutter, und hat sie
aufgehrt, den toten Georg zu beweinen?

Krftig und wohl ist sie, erwiderte Wolf, und in den letzten Jahren
besonders hat sie sich wunderbar wieder erholt. Dein Verlust, Georg,
hatte sie schwer niedergebeugt, und als die wenn auch unbestimmte Kunde
deines Todes zu uns kam, da hat sie jahrelang nicht mehr gelacht,
und ging gebeugt, gebrochen still umher. Du warst von je ihr Liebling
gewesen, und dein Verlust hat sie bitter, bitter geschmerzt. Jetzt
scheint die Zeit jene Wunde in etwas vernarbt zu haben; sie ist wieder
heiter geworden, und nur die Tage, die dein Gedchtnis lebhafter als
andere wecken, wecken auch damit den Schmerz aufs neue.

Und wenn sie wte, da ich lebte -- da ich so lebte -- sie wrde mir
fluchen und sterben.

Sie wrde sterben, Georg, sagte der Bruder tief bewegt, aber nie dir
fluchen. Du weit nicht, wie viel Liebe in einem Mutterherzen Raum hat
-- und wie wenig Ha. Aber denke, Georg, wie glcklich, wie unsagbar
glcklich du sie machen knntest, wenn du zurckkehrtest.

Aber wie kann ich, Wolf? -- wie kannst du, der so genau die Sphre
kennt, in der ihr Leben, in der das deine liegt, nur an die Mglichkeit
eines solchen Rckschrittes glauben?

So hre, sagte Wolf, was ich mir ausgedacht. Ich habe gestern mit
deiner Frau, mit Georginen gesprochen, wenig nur, doch vielleicht genug,
mich einen Blick in ihren Charakter tun zu lassen, und mu dir gestehen,
da der mir nicht geeignet schien, meine Plne zu frdern. Dem festen
Willen des Mannes aber ist alles mglich, und die Frau soll und mu sich
fgen, besonders noch, wenn alles nur zu seinem, zu ihrem Heil selber
fhrt. Deshalb habe ich den Mut auch nicht verloren, und selbst dem
Vater kann Gelegenheit geboten werden, sein frheres Leben zu vergessen,
ungeschehen zu machen.

Georg schttelte seufzend mit dem Kopfe. Wolf aber, von der
Hoffnung hingerissen, den Bruder zu retten, fuhr fort: Wie unsere
Vermgensverhltnisse stehen, weit du so gut, wie ich es dir sagen
knnte. Sie sind, wenn auch nicht glnzend, doch vollstndig unserer
Stellung im Leben gengend. Deine hinterlassenen Schulden erforderten
allerdings ein nicht unbedeutendes Kapital, und es verstand sich von
selbst, da das geschafft werden mute. In den letzten Jahren hat
sich aber der Wert des Grundeigentums durch zahllose industrielle
Unternehmungen bedeutend gesteigert, und die damals erlittenen
Verluste sind schon lange mehr als gedeckt. O, wrest du damals zu uns
zurckgekehrt, alles htte noch gut und vergessen werden knnen! Doch
ich will dir keine Vorwrfe mehr machen, sondern zur Sache kommen, die
dich selbst _jetzt_ noch uns erhalten kann. Kunstreiter -- Seiltnzer
darfst du nicht bleiben, das siehst du ein; selbst ich mte mich dann
von dir lossagen, und wenn mir das Herz auch blutete, aber ich habe eine
andere Bahn fr dich. Als ich dich zuerst wiedersah, und rasch dabei die
Mglichkeit berdachte, einen andern Lebensweg fr dich zu finden,
kamen mir fremde Kriegsdienste als das Natrlichste vor -- o, httest du
selber diesen Weg schon frher gewhlt! Jetzt, nachdem ich deine _Frau_
gesprochen, nachdem ich erfahren, da du ein Kind -- eine Tochter hast,
fhle ich, da das nicht mehr geschehen kann. Georginen kannst und
darfst du nicht _mit deiner Tochter_ allein zurcklassen; sie wrden
ohne dich rettungslos zugrunde gehen, und dem zu begegnen, gibt es
noch ein anderes Mittel. Wir haben schon vor lngeren Jahren das Gut
Schildheim im Mecklenburgischen, das du ja selber kennst und welches
frher einer alten Grotante gehrte, geerbt. Es ist jetzt der Mutter
Eigentum, ich aber habe die Administration darber und bis jetzt
einen Pachter darauf gehabt. Dieser tritt nun in nchster Zeit die
Hinterlassenschaft seines gerade verstorbenen Vaters an und bernimmt
damit dessen in Preuen gelegenes Besitztum. Dort nun, in Schildheim,
rckst du indessen vorlufig ein.

Als Pachter? ich verstehe nichts von der Oekonomie, sagte Georg
finster.

Es ist das keine so schwierige Kunst zu erlernen, erwiderte aber der
Bruder, und du behltst den Verwalter, der bis jetzt auf dem Gute war,
bei dir. Da er sich mit dem vorigen Pachter nicht gut vertragen konnte,
wird er nicht mit ihm gehen und hat mich schon gebeten, bei dem nchsten
ein gut Wort fr ihn einzulegen, da er bleiben knne. Es ist ein schon
bejahrter, aber sehr tchtiger, nur etwas eigener, pedantischer Mann,
dessen Kenntnisse du benutzen, dich auch sicher bald mit ihm befreunden
und von ihm lernen wirst. Fhlst du dann, da dich das Leben freut,
fhlst du, da du bei uns dich heimisch machen kannst, dann, Georg,
darfst du getrosten Mutes der Mutter wieder ins Auge schauen, dann
finden sich auch Mittel und Wege, dir wieder, wenn auch nicht gleich in
deiner frheren Heimat selber, eine selbstndige, unabhngige Stellung
zu grnden, dann bist du wieder der Unsere, Bruder Georg, und gibst
dafr mehr, als wir dir je im Leben bieten knnen, du gibst unserer
Mutter mit dem Sohne ihr Glck, ihren Frieden wieder.

Wolf, mein treuer, wackerer Wolf, rief Georg, indem er mit trnenden
Augen gerhrt des Bruders Hand ergriff, habe ich das um dich -- um euch
alle auch verdient?

Und du willigst ein? rief Wolf rasch und erfreut.

Fr mich von Herzen gern, sagte Georg, in die dargebotene Hand des
Bruders schlagend, Gott mag dir die brderliche Liebe lohnen, ich
selber kann es nie, aber -- Georgine! Wird sie sich an das stille
Leben gewhnen, wird sie sich heimisch fhlen knnen auf dem einsamen
Landsitz, fern von dem Gerusche der Stadt, das ihr noch nicht einmal
gengt, nach dem aufregenden Leben ihres bisherigen Berufes? Ich
frchte, Wolf, da mir da schwere Kmpfe bevorstehen.

Du glaubst, da sie dich liebt?

Sie liebt mich als den besten und khnsten Reiter, den sie kennt.

Und ihr Kind?

Ihr liebster Gedanke war von je -- eine zweite Georgine aus ihr zu
ziehen. Was ihren Vater anlangt, so glaube ich, da dieser einem solchen
neuen Leben weniger Schwierigkeiten in den Weg legen wrde. Er ist in
den letzten Jahren recht alt und entsetzlich mrrisch geworden, scheint
auch an dem wsten Treiben und der Schattenseite unseres Berufes, dem
Hanswurst, dem wir des Publikums wegen aber doch nicht entsagen knnen,
kein besonderes Vergngen mehr zu finden. Wenn er nur imstande sein
wird, sich an eine geregelte Ttigkeit zu gewhnen!

Er wird es gewi, wenn er nur sieht, da eure Zukunft sich dadurch auch
sichert. Was um Gottes willen wrde aus euch, wenn ein unglcklicher
Sturz den einen oder den andern zum Krppel machte? und seid ihr diesem
Schicksal nicht jede Stunde ausgesetzt?

Denkt der Soldat an Wunden oder Tod, wenn er dem Feinde
gegenbersteht?

Aber der Soldat hat noch ein hheres Ziel als seinen Sold -- er hat die
Ehre, fr die er kmpft, sein Vaterland, das er verteidigt.

O, wre ich Soldat geworden! seufzte Georg.

Das ist zu spt, erwiderte Wolf, aber auch im brgerlichen Leben
kannst du noch deinen Platz ehrenhaft ausfllen, kannst dich zu dem
Range wieder hinaufarbeiten, der dir nach Geburt und Recht gehrt; und
ist das nicht ein ein schnes Ziel, dem entgegen zu streben? Denk' an
unsere Mutter dabei -- denke, wie unsagbar glcklich sie sich fhlen
wrde, wenn ich imstande wre, den verloren geglaubten Sohn wieder
in ihre Arme zu fhren! Du bist ohne den Segen der Mutter vom Hause
geschieden, kannst du ein schneres Ziel vor Augen haben, als einen
solchen dir zu verdienen?

Georg warf sich an des Bruders Brust, und lange hielten sich die beiden
fest und schweigend umschlungen. Endlich richtete sich Georg empor und
sagte leise: Aber wie entgehe ich den bernommenen Verpflichtungen?
Wie trenne ich mich von der Gesellschaft, selbst angenommen, da sich
Georgine willig jeder meiner Anordnungen fgen wrde?

Auf wie lange Zeit hast du deine Leute noch engagiert? fragte Wolf.

Der Kontrakt der meisten luft allerdings mit dieser Messe ab. Nur
einigen bin ich lnger verbunden, aber auch mit denen liee sich wohl
ein Abkommen treffen. -- Und meine Pferde?

Verkaufst du hier. Du findest kaum einen besseren Markt dafr. Mglich
sogar, da deine Leute dir einen Teil derselben abkaufen, um ihre
Laufbahn damit fortzusetzen.

Dazu fehlt es ihnen an Geld, sagte Georg. Es ist ein wildes,
abenteuerliches Leben, das wir fhren, und bares Geld hlt sich nicht
dabei. Pferde und Garderobe sind auch das einzige, was ich besitze, doch
steckt darin ein nicht unbedeutendes Kapital, das schon imstande wre,
mich eine Weile ber Wasser zu halten. Sauer genug ist es auerdem
verdient.

Das Kapital wird dir dann wesentlich den Anfang erleichtern, sagte
Wolf. Richte dich aber auch ein, da du jedenfalls imstande bist,
gleich _nach_ der Messe, also in acht Tagen etwa, deine Maregeln zu
treffen, dich von deiner bisherigen Gesellschaft loszusagen und den
Umzug anzutreten. Und noch eins -- deine Frau darf nicht wissen, welcher
Rang und welcher Titel dir zusteht!

Du frchtest, da sie nicht schweigen kann?

Das frchte ich nicht; ich glaube, sie kann ganz gut schweigen, wo es
ihren Zwecken entspricht, aber -- ich frchte ihren _Stolz_. Sie
wrde dich vielleicht qulen, deinen rechten Namen vor der Zeit wieder
anzunehmen, und dir wenigstens, wenn nichts weiter, doch unntigen
Kummer, nutzlose Sorge bereiten.

Aber welchen anderen Grund kann ich ihr nennen, dem sie auch nur im
entferntesten Glauben schenken wrde? -- Ja, sollte sie sich weigern,
mir zu folgen, so gbe sie mir das Kind auf keinen Fall, und von
Josefinen mich zu trennen, wre ich nicht imstande.

Das brauchtest du auch nicht, selbst das Schlimmste angenommen! rief
sein Bruder. Die Gesetze schtzen dich darin, denn das Kind gehrt vom
sechsten oder siebenten Jahre an dem _Vater_, wenn sich beide Gatten
trennen sollten.

Und wenn sie mir dann gezwungen folgt, so wird sie sich unglcklich und
elend fhlen.

Die erste Zeit vielleicht, doch drfte sie sich bald in das neue Leben
schicken. Sie wird und mu einsehen lernen, da des Weibes Beruf nicht
der Oeffentlichkeit, wenigstens nicht in solcher Weise, angehrt. Sie
wird dabei ihre Tochter zu einer ehrenvollen, gesicherten Zukunft
heranwachsen sehen und in dem Bewutsein volle Entschdigung fr die
aufgegebenen so unweiblichen Triumphe finden. Sie _mu_ sich dann auch
glcklich fhlen, oder sie wre nimmer deiner Achtung, -- deiner Liebe
wert.

Ich will es versuchen, sagte Georg, dem Bruder noch einmal die Hand
reichend und fest und herzlich schttelnd, hier hast du Handschlag
und Wort, und was in eines Menschen Krften steht, dem einmal ber ihn
hereingebrochenen Schicksal Trotz zu bieten, soll geschehen. Bist du
damit zufrieden?

Ich bin's, Georg, und strke dich Gott auf deiner neuen Bahn, der
dich so sicher schtzen wird, wie ich dir treu zur Seite stehen werde.
Beginne denn mit gutem, frischem Mut und wirf dieses Leben, das deiner
unwert ist, von dir, wie ein altes, abgetragenes Kleid.

Aber diese Woche kann ich mich ihm noch nicht entziehen. Ich _mu_ ihm
wie bisher folgen, wenn ich nicht gerade dort, wo ich es am wenigsten
mchte, Verdacht erwecken will. Ich hoffe jetzt nur, da mir der Frst
meine Bitte abschlgt, den Seiltanz zwischen den Trmen zu wagen.

Hoffe das nicht, sagte der Graf, ich war gestern zugegen, wie er
dir gnstigen Bescheid erteilte, und konnte es nicht hindern. Aber
eine Ausrede findest du leicht, ein verstauchter Fu, ein pltzliches
Unwohlsein selber kann dich leicht verhindern, von der erhaltenen
Erlaubnis Gebrauch zu machen. La selbst die Vorbereitungen dazu
treffen, wenn du willst, nur wage dein Leben nicht weiter in solch
nutzloser, frevelhafter -- ja, du darfst mir den Ausdruck nicht
belnehmen -- entehrender Kunst.

Ich will versuchen, ob es mglich ist, sagte Georg. Aber ich sehe
auch ein, da du recht hast: Georgine darf vorderhand noch nichts weiter
erfahren; ich selber mu dagegen alles vermeiden, ihren Verdacht zu
erwecken. Sie ist einmal mein Weib, die Mutter meines Kindes, und ich
bin mit ihr fr dieses Leben verbunden. Sie einen hheren Lebenszweck
kennen zu lehren, sei fortan mein Ziel, und mein Kind mag dir spter
danken, was du an ihm -- an uns getan.

Georg!

Genug, jetzt la mich fort; ich hre, wie drauen deine Tre geffnet
wird.

Mein Bursche kommt zurck. Ich habe ihm verschiedene Auftrge erteilt,
um ihn fr diese Zeit entfernt zu halten.

Und wo sehe ich dich wieder?

Hier, jeden Morgen bin ich bis zehn Uhr zu Hause. Willst du mich frher
treffen, so la mich durch ein paar Zeilen wissen, wo wir uns ungestrt
begegnen knnen.

Leb wohl!

Leb wohl, Georg, und Gott strke dich in deinem neuen Leben.




6.


Eine volle Woche war nach der gepflogenen Unterredung der beiden Brder
verflossen, und der Rittmeister hatte in der ganzen Zeit nichts weiter
von Georg gehrt. Nur die Stadt beschftigte sich indessen mehr und mehr
mit dem beabsichtigten Seiltanz zwischen den beiden Trmen, je mehr
das Ende der Messe heranrckte; wute man doch, da die Erlaubnis dazu
erteilt worden, und trotzdem spannte sich kein Seil auf jener Hhe, und
nichts verriet, da es berhaupt noch beabsichtigt werde. War es nur
Prahlerei von dem Kunstreiter gewesen, das Publikum neugierig zu machen?
Graf Geyerstein kannte den Grund und dankte Gott in seinem Herzen dafr;
aber trotzdem beunruhigte ihn dieses Schweigen, und er hatte schon
beschlossen, den Bruder heute in seiner eigenen Wohnung aufzusuchen, als
sein Bursche ihm meldete, ein junger Herr sei drauen und wnsche ihn
zu sprechen. Zugleich berreichte er dem Rittmeister die nmliche, mit
seiner Adresse beschriebene Karte, die er damals in der Wohnung Monsieur
Bertrands hinterlassen hatte.

Ein _junger_ Herr? fragte der Rittmeister erstaunt, die Karte neben
sich auf den Tisch werfend.

Blutjung, besttigte Karl, sieht auch ein wenig lustig aus, als ob er
mit zu der -- Sie wissen schon -- zu der Reiterbande gehrte.

Es ist gut -- la ihn eintreten. Du strst uns indessen nicht, hrst
du?

Zu Befehl, Herr Rittmeister, erwiderte mit militrischem Takt der
Bursche und verschwand aus der Tre, um im nchsten Augenblick den
angekndigten Besuch hereinzulassen.

Graf von Geyerstein sah einen jungen, sehr elegant gekleideten Mann
zu sich eintreten, mit vollen, schwarzen Locken und kleinem, leicht
aufgedrehtem Schnurrbart, der erst jetzt, bereits in der Tr, seinen
schwarzen, breitrndigen Filzhut abnahm. Das Gesicht desselben kam ihm
allerdings bekannt vor, er konnte sich aber doch nicht entsinnen, wo er
ihm schon begegnet wre, und der Fremde machte dabei eine mehr formelle
und tiefe Verbeugung, bis Karl die Tre wieder hinter sich ins Schlo
gedrckt hatte.

Was steht zu Ihren Diensten? fragte der Rittmeister gespannt.

Herr Graf, erwiderte der Fremde, indem er einen Blick zurck nach der
Tre warf, ich schtze mich unendlich glcklich, da Sie mir vergnnt
haben -- wir sind doch einen Augenblick ungestrt?

Und zu welchem Zwecke, wenn ich fragen darf?

Sie kennen mich nicht mehr? lachte der Fremde, und die Stimme klang
dem Rittmeister jetzt ganz anders -- viel weicher als vorher.

Ich mu in der Tat gestehen... sagte dieser.

Also ist die Verkleidung gelungen? lachte pltzlich der junge Mann,
und mit einem Griff nach dem Munde stand er _ohne_ Schnurrbart vor dem
dadurch allerdings berraschten Grafen.

Madame Bertrand! rief dieser aber auch im nchsten Augenblicke
erstaunt aus.

Bst -- nicht so laut! warnte die mutwillige junge Frau, indem sie dem
Grafen lachend mit dem Finger drohte. Ihr Bursche braucht gerade nicht
mit in das Geheimnis gezogen zu werden.

Aber was, um Gotteswillen, hat Sie bewegen knnen...

In Verkleidung zu Ihnen zu kommen? unterbrach ihn die Schne. --
In anderer Weise konnte ich Ihnen keinen Gegenbesuch abstatten, ohne
smtlichen Kaffeegesellschaften der Residenz auf wenigstens drei Wochen
Stoff zur Unterhaltung zu liefern. Die Verkleidung schlgt aber in
meinen Beruf, und da ich geschickt darin bin, hab' ich Ihnen, glaub'
ich, bewiesen. Doch Scherz beiseite, setzte sie pltzlich, ernster
werdend, hinzu, ich _mute_ Sie sprechen, und da Sie _uns_ nicht mehr
mit Ihrem Besuche beehrten, so blieb mir keine andere Wahl, als _Sie_
aufzusuchen. Das Resultat sehen Sie vor sich.

Und haben Sie nicht bedacht, welchen Mideutungen Sie sich durch einen
solchen Schritt aussetzen? sagte der Graf ernst.

Die junge, schne Frau warf den Kopf mit einem halb spttischen, halb
verdrielichen Lcheln zur Seite.

Von dem Rittmeister eines Krassierregiments hatte ich allerdings
einen anderen Empfang erwartet, lchelte sie dabei, als eine ernste
Strafpredigt und Ermahnung. Doch wie dem auch sei, mein Herr Graf,
ich bin einmal da, und Sie werden mich hoffentlich nicht wieder
fortschicken, ohne mich wenigstens zu hren.

Graf von Geyerstein war in peinlicher Verlegenheit, aber allerdings
blieb ihm hier keine andere Wahl, als die Dame eben gewhren zu lassen,
und er bat sie artig, dann wenigstens auf dem Sofa Platz zu nehmen. Er
selber rckte sich einen Stuhl zum Tisch und wollte sich eben darauf
niederlassen, als Madame Bertrand lachend sagte: Selbst das kann ich
Ihnen nicht gestatten, -- Sie mssen sich zu mir auf das Sofa setzen,
denn _was_ ich Ihnen zu sagen habe, mchte ich eben nicht laut schreien.
Frchten Sie sich vor mir?

Ihr dunkles Auge brannte ihm dabei entgegen, und der Graf sagte artig:
Ich unterschtze wenigstens die Gefahr nicht -- aber wie Sie
wollen. Und welcher Ursache verdanke ich jetzt die Ehre dieses so --
unverhofften Besuches?

Ich danke Ihnen, da Sie kein hrteres Wort dafr gebrauchten, sagte
die schne Frau, aber ein eigentmlicher Grund ist es in der Tat, der
mich zu Ihnen fhrt, und zwar kein geringerer als -- mein Mann.

Monsieur Bertrand?

Derselbe. Seit dem Besuch bei Ihnen, Herr Graf, kenne ich ihn nicht
mehr. Er ist vollstndig ein anderer Mensch geworden: trb, ineinander
gebrochen, zurckhaltend, scheu und -- das Schlimmste fr ihn und uns
alle -- verzagt. Die Zeit ber habe ich es auch ertragen und geglaubt,
er selber wrde es mir endlich gestehen, was ihn drckt, denn drcken
_mu_ ihn etwas -- etwas _mu_ ihm auf der Seele liegen, das den sonst
so krftigen, elastischen Geist mit eiserner Schwere darniederhlt; aber
er bleibt stumm, und ich bin fest berzeugt, niemand kann mir darber
Auskunft geben als Sie.

Aber welchen Einflu knnte _ich_ auf ihn ausgebt haben? sagte der
Graf, der nichts weniger wnschte, als mit des Bruders Gattin in diesem
Augenblicke den Seelenzustand desselben zu besprechen.

Das ist auch mir rtselhaft, erwiderte die Frau, indem sie ihm fest
und forschend ins Auge sah, denn ich hatte bis jetzt nicht geglaubt,
da irgend ein Mensch imstande sei, den tollkhnen, vor nichts
zurckschreckenden Bertrand zu zhmen. Aber zahm ist er geworden, seit
er Sie gesprochen.

Wir haben uns allerdings nur ber sehr zahme und alltgliche Sachen
unterhalten, lchelte der Rittmeister. Ist aber wirklich eine
Verwandlung in seinem Charakter, sich einer ruhigen Richtung zuzuwenden
eingetreten, so mag er die vielleicht schon frher gefat haben; warum
soll ich die Schuld deshalb tragen? -- wre berdies eine Schuld dabei?
Sie selber haben doch gewi auch schon manchmal an die Zukunft fr sich,
fr Ihre Tochter gedacht, und knnen doch nur wnschen, diese gesichert
zu sehen.

Allerdings habe ich das! rief Georgine, und ihre ganze Gestalt hob
sich dabei, ihr Auge blitzte. Josefine soll und mu die gefeiertste
Reiterin Europas werden.

Und Sie selber? -- wenn Sie einmal altern?

_Die_ Zeit liegt noch fern, sagte die junge schne Frau, indem ein
leichtes trotziges Lcheln ihre Lippen umspielte, und an eine Zukunft
fr mich habe ich noch nie gedacht.

Und knnten Sie sich nicht glcklich fhlen, wenn Sie Ihren Gatten in
einem ruhigen Leben glcklich wten? fragte Graf Geyerstein, mit weit
mehr Herzlichkeit im Ton, als er bisher gezeigt.

Georgine lachte laut auf. -- Der moralische Ton steht Ihnen prchtig,
rief sie dabei. Wenn Sie sich nur selber sehen knnten, Herr
Rittmeister -- aber unterbrach sie sich pltzlich und fuhr fast
erschreckt empor, liegt Ihren Worten etwa ein tieferer Sinn zugrunde?
-- Wenn ich mir alles zusammenreime, was Georg in den letzten Tagen
gesprochen, auf was er hingedeutet hat -- auch seinen unterlassenen
Seiltanz, zu dem er schon am Montag die Erlaubnis bekam...

Ich freue mich recht von Herzen, da er ihn unterlassen hat, sagte der
Rittmeister ruhig, diese halsbrechenden Knste sind so undankbar fr
den Exekutierenden, wie peinlich fr die Zuschauer, und Sie selber
sollten froh sein, Ihren Gatten von einer Gefahr abstehen zu sehen, der
er doch einmal ber kurz oder lang erliegen knnte.

Gefahr! rief das schne Weib verchtlich, wr' ich noch Georgine
Bertrand, wenn ich vor einer Gefahr zurckschrecken wollte? und glauben
Sie, da Georg etwas frchtet auf der Welt! Nein, das ist es nicht;
eine andere Ursache liegt seinem jetzigen Benehmen zugrunde, und nur bei
Ihnen, Herr Graf, kann ich die Lsung finden.

Und wenn Sie sich dennoch darin irren sollten?

Sie haben mir von einer Aehnlichkeit gesagt, die Sie zuerst zu uns
gefhrt! flsterte da Georgine, und ihre Augen bohrten sich in die
Augen des Grafen, welcher fhlte, wie ihm das verrterische Blut in die
Schlfe stieg, aber seine Zge blieben kalt und fest, und er erwiderte
ruhig: Allerdings, Madame, die Aehnlichkeit mit einem Jugendfreunde,
nicht allein im Antlitz, nein, auch selber im Namen; es war aber ein
Irrtum. Schon als ich Herrn Bertrand ganz in der Nhe sah, fand ich
das.

Sie tuschen mich nicht, Herr Graf! rief Georgine, seinen Arm
ergreifend. Georg ist ein anderer, als er sich mir gegeben, und die
Wahrheit soll jetzt selbst seinem Weibe Geheimnis bleiben.

Wenn Herr Bertrand ein Geheimnis vor Ihnen hat, Madame, sagte der
Rittmeister artig, aber ernst, so ist es nicht meine Sache, das zu
lften, selbst wenn ich darum wte.

So geben Sie mir Ihr Wort als Kavalier --

Halt, Madame, unterbrach der Graf sie kalt, Sie gehen zu weit. Ich
habe Herrn Bertrand allerdings an jenem Morgen gesehen, aber seit der
Zeit nicht wieder, wei deshalb auch nicht, was seine Plne sind. Was
wir damals miteinander gesprochen, deutete wohl darauf hin, da er
dieses wilden, wsten Lebens berdrssig sei; wenn dem aber wirklich so
wre, wrde ich nur mit Freuden die Hand dazu bieten, ihm einen solchen
Plan ausfhren zu helfen.

Sie? rief Georgine erstaunt, und welches Interesse knnten Sie, Graf
von Geyerstein, an dem Kunstreiter nehmen, wenn nicht ein besonderer
Beweggrund Sie dabei leitete? Sie verschweigen mir, was ich als Georgs
Weib erfahren mte, was ich erfahren will, und gnnen Sie mir nicht
gutwillig oder erzwungen Ihr Vertrauen, so seien Sie fest versichert,
da ich Ihre Plne kreuze.

Madame Bertrand --

Das ist mein offenes Wort, rief die Frau, und Krieg oder Friede liegt
jetzt in Ihrer Hand.

Der Graf schttelte ernst mit dem Kopfe. Sie irren sich, schne Frau,
sagte er, und wrden selbst in dem Falle, da Sie recht htten, einen
schweren, nie wieder gut zu machenden Fehler begehen.

Wie so, ich?

Da Sie einen Fremden zum Mittelsmann Ihres huslichen Friedens machen
wollen.

Huslichen Friedens? rief aber die kecke Reiterin mit spttischem
Lachen, denken Sie sich unser Leben nicht so idyllisch, Herr
Rittmeister. Nicht fr die Huslichkeit sind wir bestimmt oder darauf
angewiesen, und die Gesetze, die bei anderen Frauen vielleicht gelten
mgen, halten deshalb auch bei mir nicht Stich. Mein Mann und ich
haben uns berdies schon lange darber verstndigt, jedes von uns seine
eigene, fr sich abgeschlossene Bahn zu gehen. Vereinigen sich diese von
selber, desto besser; tun sie es nicht, so ist jedes selbstndig genug,
die eigene zu verfolgen.

Und Ihr Kind?

Josefine? die allerdings folgt der meinen, wenn ihr Vater derselben
abtrnnig werden sollte, rief Georgine, und der forschende Blick, mit
dem sie bei diesen Worten den Grafen betrachtete, sagte diesem, da sie
den Eindruck beobachten wollte, den sie machten. Graf von Geyerstein
verriet aber durch keinen Zug, welchen Anteil er an dem eben Gehrten
nahm. Wohl schien es, als ob er etwas darauf erwidern wollte; er
berlegte sich aber bald, da ein Drngen von seiner Seite die Frau
nur noch mitrauischer, ja auch neugieriger machen mte, und kurz
abbrechend sagte er nur: Es ist das ein unerquickliches Gesprch fr
uns beide, Madame, und kann zu keinem Resultat fhren. Ich stehe Ihren
Familienangelegenheiten auch zu fern, um eine Einmischung in solche
zu beanspruchen, selbst wenn sie von dem einen oder dem anderen Teile
angenommen werden sollte. Machen Sie das, falls er nicht Ihrer Meinung
sein sollte, mit Ihrem Gatten ab. Kann ich Ihnen in irgend sonst etwas
dienen, so verfgen Sie frei ber mich.

Sie sind sehr gndig, Herr Graf, lachte die junge Frau, aber so bald
und so leichten Kaufes werden Sie mich noch nicht los.

Ich habe mich selber erboten...

Ich wei es schon und bin Ihnen sehr dankbar dafr -- in allem mir
gefllig zu sein -- nur in dem nicht, was mich hierher gefhrt.

Und das ist?

Zu erfahren, in welcher Beziehung Sie zu meinem Gatten stehen, --
den Beweggrund kennen zu lernen, der Sie leiten konnte, sich fr den
Kunstreiter zu interessieren und auf ihn einzuwirken.

Wolf war aufgestanden und trat zum Fenster; er kmpfte augenscheinlich
mit einem Entschlu, und Georgine fhlte es, denn sie unterbrach ihn
nicht. Madame, sagte er endlich, zu Georginen zurckkehrend, ich sehe
eigentlich keinen Grund, Ihnen, da Sie auf diese Weise in mich dringen,
lnger zu verheimlichen, da ich mich allerdings in der Aehnlichkeit mit
Ihrem Gatten _nicht_ getuscht. Ich habe in ihm einen meiner frheren
Jugendgespielen erkannt, aber das Geheimnis ist nicht mein eigenes, es
gehrt seiner Familie, und der gegenber stehe ich nur als Mittelsmann
zwischen ihr und Herrn Bertrand.

Also doch ein Geheimnis, lachte Georgine bitter vor sich hin, ein
Geheimnis, Frau und Kind um ihre Existenz zu betrgen.

Nennen Sie das um Ihre Existenz betrgen, Madame, wenn man Ihnen
die Aussicht gibt, sich eine unabhngige und ehrenvolle Stellung im
brgerlichen Leben zu sichern? sagte der Graf.

Und ist unsere Stellung nicht unabhngig -- nicht ehrenvoll? rief
Georgine gereizt.

Lassen Sie uns abbrechen? bat Wolf von Geyerstein, dem das Gesprch
schon lange peinlich war. Das ist eine Sache, die Sie mit Ihrem Gatten
weit besser beraten knnen als mit mir, die Sie nur allein mit ihm
beraten mssen. Wenn ich Ihnen die Versicherung gbe, da ich selber den
wrmsten Anteil an Ihrem Schicksale nehme, glaubten Sie mir vielleicht
das nicht einmal.

Nein, sagte Georgine finster, nicht eher, als bis Sie mir auch den
_wahren_ Grund dafr sagen wrden. Glauben Sie mir, Herr Graf, da _wir_
da nur zu bittere Erfahrungen mit solcher Teilnahme machen. Aber ich
fhle, da Ihnen unsere Unterredung nicht lnger angenehm ist.

Madame Bertrand.

Bitte, -- keine Komplimente zwischen uns. Ich bin wahr und offen gegen
Sie gewesen -- ohne dasselbe bei Ihnen erzielt zu haben. Ich will nicht
zudringlich sein. -- Entschuldigen Sie, da ich Sie gestrt habe.

Sie war aufgestanden und wandte sich zur Tr, als sich diese in dem
nmlichen Augenblick ffnete und ein fremder Bedienter in grauer Livree
den Kopf hereinsteckte.

Was wollen Sie, und wer hat Ihnen erlaubt, hier einzutreten? rief ihm
der Graf finster entgegen.

Bitte tausendmal um Entschuldigung, Herr Rittmeister, sagte der
Bursche, den Blick dabei aber auf den Fremden geheftet, ich habe
zweimal geklopft und konnte Ihren Karl nirgends drauen finden.

Warten Sie dann drauen, bis er kommt oder bis ich Zeit habe, lautete
die eben nicht freundliche Antwort, und der Bursche verschwand mit einer
tiefen Verbeugung, wie er gekommen.

Der Rittmeister hielt den Blick auf die Tr geheftet, aber er hrte
keinen Schritt. Der Bediente stand jedenfalls noch vor der Tre
und horchte. Madame Bertrand hatte aber indessen wieder mit groer
Geschicklichkeit, den benachbarten Spiegel benutzend, den kleinen
Schnurrbart befestigt. Dann sich gegen den jungen Mann tief verneigend,
aber doch wieder mit dem vorigen Spott auf den Lippen, sagte sie laut,
indes mit weit tieferer, als ihrer natrlichen Stimme: Herr Graf von
Geyerstein, ich habe die Ehre, mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen.

Bleiben Sie noch, bat der Graf sie leise, lassen Sie mich erst
den Horcher entfernen. Dabei ffnete er rasch die Tre -- der fremde
Bediente stand aber nicht, wie er erwartet hatte, davor, sondern war
verschwunden, und nur die drauen angelehnte und nicht wieder ins Schlo
gedrckte Vorsaaltre zeigte, da er sich entfernt hatte.

Die Bahn ist frei, sagte Georgine mit ihrer natrlichen Stimme. Sich
leicht gegen den Grafen verneigend, verlie sie rasch und jede weitere
Begleitung zurckweisend, das Zimmer, und gleich darauf das Haus,
warf sich in eine Droschke und fuhr ihrer eigenen Wohnung zu. Graf von
Geyerstein aber schritt mit untergeschlagenen Armen und gesenktem Haupte
rasch in seinem Zimmer auf und ab, ungeduldig dann und wann nach der
Tre horchend, bis drauen die Vorsaaltre aufs neue geffnet wurde und
Karl gleich darauf im Zimmer seines Herrn erschien.

Herr Rittmeister, berichtete er hier in militrischer, das heit
sehr steifer Haltung, ein Bedienter Seiner Exzellenz des Herrn
Kriegsministers von Ralphen wnscht...

Wo bist du die Zeit ber gewesen? unterbrach ihn sein Herr.

Im Stalle unten, zu Befehl, Herr Rittmeister.

La den Burschen hereinkommen.

Karl machte rechtsum kehrt, und gleich darauf erschien die graue Livree
wieder auf der Schwelle.

Herr Graf, sagte der Diener mit einer tiefen Verbeugung, Se.
Exzellenz lassen mit besten Empfehlungen morgen abend um acht Uhr um die
Ehre bitten.

Der Rittmeister antwortete ihm nicht; er sah den Burschen, dessen
Errten ihm nicht entgehen konnte, forschend an und dann wieder
schweigend vor sich nieder. Endlich sagte er kalt: Es ist gut --
meine Empfehlung an Seine Exzellenz; ich werde zur bestimmten Zeit
erscheinen.

Wer war denn der junge Herr, der vorhin bei deinem Herrn Besuch gemacht
hat? sagte der mit der grauen Livree, als er neben Karl ber den
Vorsaal der Treppe zuschritt.

Wei ich nicht, antwortete, ziemlich kurz angebunden, Karl, geht mich
auch nichts an.

Der kommt wohl oft hierher? fragte der Graue, dadurch nicht im
mindesten eingeschchtert.

Das wei ich auch nicht und geht _dich_ wieder nichts an, meinte aber
Karl, guten Morgen! und ffnete dem Grauen die Tr.

Grobian! murmelte dieser, als er langsam die Treppe hinunterstieg, um
die brigen Einladungen auszufhren.




7.


Die Salons Seiner Exzellenz des Kriegsministers von Ralphen waren
festlich erleuchtet, und eine kleine, aber ausgewhlte Gesellschaft
wurde erwartet. Es war dreiviertel auf Acht, und die Wirtin revidierte,
schon in voller Toilette, noch einmal selber die befohlenen Anordnungen,
whrend geschftige Diener hin und wieder flogen, neu bestimmte
auszufhren. Auf den beiden Spieltischen hatte man noch die Whistmarken
vergessen, und der eine Bediente war hinauf zu Seiner Exzellenz gesandt
worden, sie von dessen Kammerdiener herbeizuschaffen. Aber er hielt sich
lnger unterwegs auf, als eigentlich ntig gewesen wre, denn er traf
auf der Treppe Annette, Komtesse Melanies Zofe -- allerdings in eben
solcher Eile wie er selber.

Lassen Sie mich los, Herr Franz, sagte das junge Mdchen, indem
sie einen, wenn auch schwachen Versuch machte, die Hnde des galanten
Lakaien von ihrer Taille zu entfernen, das gndige Frulein wartet auf
mich, und wenn ich so lange ausbleibe...

Nur einen einzigen Ku, teuerste Annette! bat Herr Franz in
jugendlicher Khnheit, und, vom Augenblick auerdem gedrngt, gleich zur
Sache kommend.

Sie sind nicht gescheit, sagte Annette erzrnt, und hier, auf der
Treppe!

Nur einen einzigen!

Lassen Sie mich los -- ich will nicht -- wahrhaftig, ich schreie!

Und wenn ich nun eine hchst merkwrdige und interessante Neuigkeit fr
Sie htte? sagte Herr Franz, in dem Gefhl, da ein Dienst des anderen
wert sei, ohne jedoch ihrer Drohung nachzugeben.

Ja -- _Ihre_ Neuigkeiten kenn' ich! rief die Schne, sie hat
wahrscheinlich schon in der Zeitung gestanden -- lassen Sie mich los!

Selbst erlebt -- gestern morgen -- bei Graf Geyerstein, beharrte Herr
Franz. Wenn sie nicht _zehn_ Ksse wert ist, sollen Sie mich nie wieder
ansehen.

Und die wre? fragte neugierig gemacht, die Kammerzofe, hat er seinen
Karl fortgeschickt? Mein Himmel, da klingelt die Komtesse schon --
lassen Sie mich los!

Erst den Ku!

Sie sind ein unverschmter Mensch -- und Ihre Neuigkeit -- so lassen
Sie mich doch nur los!

Und bekomme ich dann den Ku -- einen jetzt und einen anderen
spter...

Gleich zwei? -- ich schreie wahrhaftig -- ich _kann_ nicht lnger
warten!

Schn -- Graf von Geyerstein hat gestern morgen verkleideten
Damenbesuch gehabt -- ist das zwei Ksse wert?

Nicht einen halben, wenn ich nicht wei, wen!

Madame Bertrand.

Die Kunstreiterin? rief Annette schnell; es ist nicht wahr.

Auf meine Ehre -- in Mnnerkleidung. -- Oben im Zimmer hatte sie
ihr glattes Gesicht, und als sie unten aus dem Hause trat, einen
Schnurrbart. Sie kam mir gleich bekannt vor, aber ich konnte mich doch
nicht recht besinnen, wo ich das hbsche Gesicht schon gesehen hatte,
merkte mir aber die Nummer der Droschke, in die sie stieg, und als ich
heute nachmittag dieselbe Droschke wiederfand, nannte mir der Kutscher
auf meine Frage ohne weiteres das Haus, wohin er den jungen Herrn
gefahren.

Und das war?

Die Rose, wo die Kunstreiter wohnen.

Meine Gte! die Komtesse reit die Klingelschnur ab! rief in diesem
Augenblick Annette, erschreckt zusammenfahrend. Unten klingelte es
in der Tat heftig, und sie wollte sich von Franz freimachen. Ohne den
versprochenen Lohn kam sie aber nicht davon, Herr Franz nahm sie im
Nu beim Kopf, und: Sie bser Mensch! sagte die Schne, als sie sich
endlich glcklich von ihm befreit, und, ihre Frisur wieder in Ordnung
bringend, die Treppe, so rasch sie konnte, hinabeilte. Herr Franz aber
blieb noch eine Weile dort, wo sie ihn verlassen, stehen und schaute
ihr, sich vergngt dabei die Hnde reibend, nach, bis sie im Gange
unten verschwunden war. Dann stieg er selber, langsam und behaglich,
die Stufen hinauf, den ihm gegebenen Auftrag nach seiner Bequemlichkeit
auszufhren.

Es schlug acht; einzelne Equipagen fuhren vor; die Familie des
Kriegsministers war unten im Salon versammelt, die nach und nach
eintreffenden Gste zu empfangen, und die Dienerschaft kam herbei, um
den Tee, den die alte Exzellenz eigenhndig bereitete, herumzureichen.
Komtesse Melanie stand neben ihrer Mutter und unterhielt sich mit dem
eben eingetretenen Grafen Selikoff; aber sie sah bleich und angegriffen
aus, und nur einmal frbte ein leichtes Rot ihre Wangen, als ihr
Blick, neben dem jungen Manne hinstreifend, auf den eintretenden Grafen
Geyerstein traf. Aber es schwand, so rasch wie es gekommen, und kalt
und frmlich dankte sie der Verbeugung des sonst so willkommenen, ja oft
heimlich ersehnten Gastes.

Dem jungen Grafen konnte diese Vernderung in dem Benehmen des ganzen
Wesen Melanies nicht entgehen, aber die Gesellschaft selber gestattete
ihm auch nicht, sie darum zu befragen. Der alte, freundliche Herr von
Ralphen, der dem gern gesehenen jungen Manne so herzlich entgegentrat
wie frher, nahm ihn vor allen Dingen in Beschlag, um ihn mit einigen
anderen fremden Offizieren bekannt zu machen, und er kam nicht eher
wieder von ihm los, als bis der alte Herr seine Aufmerksamkeit auf
die zu arrangierenden Spieltische wenden mute. Graf Geyerstein selber
spielte nicht und hatte dadurch die beste Entschuldigung, sich von
ihm zurckzuziehen. Ehe er aber seinen Vorsatz, Melanie unter jeder
Bedingung anzureden, zur Ausfhrung bringen konnte, lief er Ihrer
Exzellenz, der Frau von Ralphen, in den Weg, die freundlich ihre
ringbedeckte Hand auf seinen Arm legte.

Aber, lieber Geyerstein, wo in aller Welt haben Sie nur die ganze Woche
gesteckt? Man sieht Sie ja gar nicht mehr und mu Sie ordentlich mit
Gewalt herbeiziehen, wenn man Sie wirklich einmal haben will.

Exzellenz sind zu gndig, mich glauben zu machen, da Sie mich vermit
haben, sagte der junge Mann leicht errtend. Sie mgen aber selber
beurteilen, wie streng in dieser Woche unser Dienst gewesen sein mu, da
ich gentigt war, die liebsten Menschen zu meiden.

Aber abends htten Sie doch gewi einmal Zeit gehabt. Sogar aus der
gewhnlichen Vorlesung sind Sie uns neulich weggeblieben, und Graf
Selikoff hat an Ihrer Stelle lesen mssen, denn unsere Racine durften
wir doch nicht im Stiche lassen.

Es wrde mir unendlich leid tun, wenn ich die Ursache einer Strung
gewesen wre.

Das ist das wenigste -- darber beruhigen Sie sich. Rosalie hat Sie
aber am meisten vermit, denn sie brennt vor Begierde, Ihnen ihre neuen
Zeichnungen vorzulegen.

Darf ich sie holen, Mama? flsterte ihr die junge Komtesse, die neben
sie getreten war, rasch ins Ohr.

Jetzt nicht, mein Kind, lchelte die Exzellenz, der Herr Graf hat
jetzt mehr zu tun, als sich mit deinen Kunstprodukten abzugeben -- aber,
Frulein, unterbrach sie sich pltzlich, mit einem strengen Blick nach
einer jungen Dame hinbersehend, die unfern von ihnen, den Blick fest
auf die Gruppe geheftet, stand, Sie vergessen Ihr Amt -- drfte ich
Sie bitten darauf zu achten, da die Herrschaften Tee bekommen? Und
mit einer heimlichen, nicht ganz leidenschaftslosen Bewegung deutete sie
dabei auf den Rittmeister, der sich indes zu Rosalien gewandt hatte
und mit freundlichem Gru zu dem jungen Mdchen sagte: Lassen Sie sich
nicht abschrecken, Komtesse, bringen Sie mir getrost ihre Studien. Die
Gesellschaft soll mich nicht abhalten, mich recht herzlich ber Ihre
Fortschritte zu freuen.

Das ist sehr freundlich von Ihnen, lieber Graf, sagte das junge
Mdchen, dessen Antlitz hohes Rot berflog und ihre lebendigen Augen
noch viel lieblicher erhellte, ich werde Sie auch nicht lange plagen,
ich habe mich aber so darauf gefreut, und mit leichten Schritten
huschte sie durch den Salon, dem nchsten Ausgange zu, um die Bltter
selber schnell herbeizuholen.

Die Exzellenz hrte diese kleine Unterredung nicht, denn ihr Blick
haftete noch, und zwar lange nicht mit der Freundlichkeit, mit der sie
vorher den Rittmeister angeredet, auf der jungen Dame, die schon bei
ihren ersten mahnenden Worten tief errtend zusammengefahren war und
sich rasch abgewandt hatte, ihre fr den Augenblick versumte Pflicht zu
erfllen.

Luise von Mechern, aus einem altadligen Geschlecht stammend, war durch
die Empfehlung des ***schen Gesandten nach *** und in das Ralphensche
Haus gekommen, wo sie die Stelle einer Gouvernante bei Rosalien und
ihrer jngsten, erst siebenjhrigen Schwester ausfllte und zugleich
mit musterhafter Ordnung die Wirtschaft der nichts weniger als
wirtschaftlichen Exzellenz fhrte. Luise von Mechern war ein liebes,
bescheidenes und dabei hchst geistreiches, gebildetes Wesen, das jede
Stellung im Leben vollkommen ausgefllt haben wrde. Aber ihr
Krper hatte mit ihrem Geiste nicht Schritt gehalten, und einer
Unvorsichtigkeit der Wrterin in frhesten Jugendjahren verdankte sie
ein Uebel, das sie jetzt durch das ganze Leben tragen mute. Ihr Gesicht
war bildschn, ein wahrhaft griechisches Profil mit groen, sprechenden
blauen Augen, dunklem vollen Haar und feinen, edlen Zgen, aber -- ihre
rechte Schulter war verwachsen und dadurch dem brigen Krper nicht die
ntige freie Entwicklung geworden. Wie bald verga man aber, sobald
man nher mit ihr bekannt wurde, diesen krperlichen Fehler in all den
geistigen Vorzgen, die ihr eigen waren, und welchen wohlttigen Einflu
bte sie dabei auf die Erziehung der ihr anvertrauten Kinder, ja durch
ihren Umgang selbst auf Melanie aus! Die Tchter des Kriegsministers
hingen auch mit treuer Liebe an dem jungen Mdchen, und Melanie
besonders fhlte, welch ein wohlttiger Geist der Ordnung in ihr ganzes
Haus gekommen sei, seit Luise von Mechern mit ihrem stillen, einfachen
Wesen die Leitung desselben bernommen hatte. Nur Frau von Ralphen
schien das nicht zu bemerken oder wenn sie es bemerkte, dies fr
der Ordnung gem zu halten. Da die angenommene Gouvernante und
Wirtschafterin ihre Pflicht tat, verstand sich von selbst; eine weitere
Anerkennung blieb deshalb berflssig. Frau von Ralphen war nicht etwa
eine bse oder bermig strenge Frau -- ihren Kindern gegenber htte
sie sogar noch bedeutend strenger sein drfen. Aber sie fhlte, da sie
in der Residenz eine sehr bedeutende Rolle spiele; sie wute und war
berzeugt, da sie zu den ersten Damen des Landes gehre, und dadurch
stolz, rcksichtslos stolz gegen alle geworden, die unter ihr standen.
Das gerade gab denn auch oft ihrem Betragen und ganzen Wesen eine
Hrte und Schroffheit, die unter anderen Umstnden ihrem sonst wirklich
weichen und guten Herzen fern geblieben wren.

Luise ertrug das aber mit einer wahren Engelsgeduld. Still und
freundlich, mit der ihr eigentmlichen sanften und immer guten Laune,
vermied sie jede Klippe, die zwischen ihr und der Exzellenz htte zu
einem Wortwechsel fhren knnen, fgte sich ihren kleinen Eigenheiten,
ohne sich selber je das geringste dabei zu vergeben, und
erwiderte zugleich von ganzer Seele die Liebe, die ihr die Kinder
entgegenbrachten. Nur in Gesellschaft, selbst bei einem einzelnen
Besuche, fhlte sie sich gedrckt. Sie wute, wie sehr sie mit ihrem
Krper, dem raschen, oberflchlichen Urteil der Welt gegenber im
Nachteil war, und suchte es soviel als mglich zu vermeiden, dem zu
begegnen. Darin untersttzte indessen die Exzellenz sie nicht; denn ob
sie nun Luisen wirklich nicht entbehren konnte oder gar heimlich fhlte,
da durch die Gegenwart der unscheinbaren Gouvernante die Erscheinung
ihrer eigenen Tchter gehoben wrde -- wer vermag im Innern eines
menschlichen Herzens zu lesen? -- aber Luise mute stets und in
jeder Gesellschaft erscheinen, und nur die dringendste Abhaltung oder
wirkliches Unwohlsein konnte sie entschuldigen. Von den gewhnlichen
Gsten wurde sie aber selten oder nie beachtet. Die Damen besonders
nahmen nie Notiz von ihr -- es war ja nur die Gouvernante, wenn auch aus
einer edlen, vielleicht edleren Familie, als sie selber, entsprossen.
Nur Graf Geyerstein hatte sich gern und viel mit ihr unterhalten,
in frheren Zeiten sogar manche Partie Schach, das sie meisterhaft
spielte, mit ihr gezogen, und an Melanies Seite stundenlang ihrem
seelenvollen Vortrage auf dem Piano gelauscht. Das alles nahm sie still
und dankbar hin, zog sich nach solchen Abenden aber immer um so viel
scheuer in sich selbst zurck. Dergleichen Abende waren aber auch in
der letzten Zeit viel seltener geworden, ja hatten sogar in der letzten
Woche ganz aufgehrt, und vielleicht dachte Luise, als ihr Auge vorhin
so ernst und fast traurig auf dem Grafen ruhte, _jener_ Zeit -- war er
ihr doch indessen fast fremd geworden.

Und Graf Geyerstein? -- er kam sich selber hier fast wie ein Fremder
vor. -- War es Melanies verndertes Betragen, ber das er sich nicht
tuschen konnte? -- war es des Bruders Schicksal, das in der letzten
Zeit seine Seele so erfllt, ihn fast die ganze brige Welt darber
vergessen zu lassen? -- war es der fremde junge Russe, der, kaum hier
eingefhrt, sich mit einer Zuversicht und Sicherheit in diesen Rumen
bewegte, als ob er selber schon seit Jahren des Hauses intimster Freund
gewesen? -- Er wute es nicht -- nur wie ein dunkler, unheimlicher
Schatten lag es auf seinem Herzen, und die hell erleuchteten,
menschenbelebten Gemcher kamen ihm tot, de und einsam vor, als ob
er hier allein gestanden htte. Da tnte pltzlich ein helles, reines
Lachen an sein Ohr. -- Das war Melanies Stimme; unter Tausenden htte
er sie ja herausgekannt. Er wandte rasch den Kopf dorthin -- der fremde
Graf mute ihr gerade etwas unendlich Komisches erzhlt haben, denn ihr
Antlitz strahlte vor Laune und Uebermut.

Herr Graf, flsterte in diesem Augenblick eine leise Stimme an seiner
Seite, und Luise von Mechern suchte ihn durch die Anrede auf den Lakaien
aufmerksam zu machen, der mit dem Teeservice auf dem silbernen Teller
bis jetzt vergebens bemht gewesen war, dem Rittmeister die Erfrischung
zu prsentieren. Der Graf sah aber nichts weiter als Melanies halb von
ihm abgedrehtes glckliches Gesicht. Nur einen flchtigen Blick warf
er herum, der Anrede zu, und wandte sich, ohne das junge Mdchen, das
schchtern neben ihm stand, auch nur zu bemerken, mit einem einfachen
Ich danke wieder ab.

Der Lakai balanzierte seinen Prsentierteller nicht ohne
Geschicklichkeit weiter, zwischen den verschiedenen beweglichen Gruppen
durch, und Luise selber schrak schchtern zurck. Rosalie aber kam jetzt
mit ihrer Mappe herbeigehpft, und den Grafen am Arm nehmend, der
sich ihr nicht entziehen durfte, fhrte sie ihn in ein kleines, etwas
abgesondertes Seitenkabinett, dort ungestrt seinen Beifall ber die
wirklich mit vielem Talent und fast nur unter der Leitung Luisens
ausgefhrten Skizzen einzuernten. Hier sollten sie aber nicht lange
ungestrt bleiben, denn Frulein von Zahbern hatte den Grafen schon
vorher nicht aus den Augen verloren und folgte ihnen bald, sich
anscheinend den ausgebreiteten Zeichnungen Rosaliens mit grtem
Interesse widmend. In der Tat aber suchte sie nur die Durchsicht
derselben zu beschleunigen, und als die Komtesse, von der Anwesenheit
der jungen Dame eben nicht erfreut, ihre Arbeiten wieder zusammenlegte
und forttrug, ergriff Frulein von Zahbern des Grafen Arm und flsterte:
Aber sagen Sie mir nur um Gottes willen, Herr Graf, wollen Sie denn den
Kampf ganz ohne Schwertstreich aufgeben?

Den Kampf, mein gndiges Frulein?

Ah, stellen Sie sich nicht, als ob Sie nicht verstnden, was ich
meine, rief die Dame rasch, wir haben hier auch keine Zeit durch
Aufklrungen zu versumen. Sie _mssen_ doch sehen, da jener Russe
Sturm auf Melanies Herz luft.

Und glauben Sie nicht, da die Festung stark genug sein wird, sich
zu halten? sagte der Rittmeister lchelnd, whrend aber doch ein ganz
eigenes Weh sein Herz durchzuckte.

Nein! rief das Frulein rasch und entschieden, wenn auch noch immer
mit unterdrckter Stimme. Sie sind entweder erschrecklich leichtsinnig
oder erschrecklich -- zuversichtlich, wenn Sie die Gefahr nicht sehen
_wollen_, die Ihnen droht.

Aber woher auf einmal diese Teilnahme fr mich, mein gndiges
Frulein? sagte der junge Mann mit viel grerer Ruhe, als Frulein von
Zahbern wohl erwartet haben mochte.

Aus Patriotismus. Ich _hasse_ die Russen, und _diesen_ Russen...

Vor allen anderen?

Nein -- rgern Sie mich nicht -- _diesen_ Russen gnne ich eben Melanie
nicht. Die ganze Stadt wei ja doch, da _Sie_ fr sie schwrmen.

Die ganze Stadt wei oft mehr von uns, als wir selber wissen, sagte
der Graf trocken.

Mehr wenigstens, als uns oft lieb ist, ergnzte das gndige Frulein
mit einem bezeichnenden Blick auf den Rittmeister selber, der jedoch an
diesem machtlos abglitt. Sie aber, Herr Graf, setzte sie dann, als sie
es bemerkte, hinzu, sind mir ein vollkommenes Rtsel und entweder der
-- durchtriebenste oder der unschuldigste Mann, dem ich in meinem ganzen
Leben begegnet bin.

Lassen Sie uns das letztere hoffen, mein gndiges Frulein, sagte der
Rittmeister, dem das Gesprch unangenehm zu werden anfing. Wir sollen
von unseren Mitmenschen immer nur das Beste denken.

Also mu ich denken, da Sie jede Bewerbung um Melanie aufgegeben
haben? sagte Frulein von Zahbern mit kaum verheimlichtem Aerger.

Mein gndiges Frulein, erwiderte der Rittmeister, durch die unzarte
Frage verletzt, meine Ansichten und Wnsche knnen hier nicht gut in
solcher Weise von uns beiden verhandelt werden. Komtesse Melanie ist
jedenfalls ihre eigene Gebieterin, und vollstndig fhig und berechtigt,
solche Bewerbungen, die ihr nicht anstehen, zurckzuweisen. Bewirbt sich
Graf Selikoff wirklich um sie, so wird sie auch entscheiden, ob sie das
gnstig oder ungnstig aufzunehmen hat. Ein drittes dabei wre, meiner
Meinung nach -- berflssig.

Und wenn der Graf _ltere_ Verpflichtungen htte? sagte die Dame
gereizt.

Graf Selikoff ist, soweit ich bis jetzt ber ihn urteilen kann,
erwiderte kalt der Rittmeister, ein Ehrenmann und deshalb einer
unedlen Tat unfhig. Wie dem aber auch sei, meine Gndige, die _lteren_
Ansprche wrden in dem Falle nichts weiter zu tun haben, als -- sich
geltend zu machen. Fast unwillkrlich hatte er sich bei diesen Worten
dem Eingange des Kabinetts zugewandt, an dem gerade zwei alte Geheimrte
eine fast leidenschaftliche Debatte ber Schnupftabak fhrten. Andere
Gruppen auf und ab wandelnder Gste waren ebenfalls in die Nhe
gekommen, und Graf Geyerstein glaubte zu hren, da sein eigener Name
genannt wrde. Er drehte sich danach um und sah unfern von sich den
alten General von Schoden mit seiner Tochter Euphrosyne und Melanie, die
mit dem Grafen Selikoff in ein eifriges Gesprch verwickelt schienen.

Ich kann Ihnen nicht helfen, Komtesse, lachte der alte General, aber
die Sache ist so, wie ich sage: Monsieur Bertrand gibt seine Truppe auf
oder verkauft wenigstens seine Pferde, denn ich wei aus ganz sicherer
Quelle, da er den Falben mit dem weien Hinterfu und den Fuchs mit der
schwarzen Mhne, die beiden Prachtpferde, dem General Beuter zum Verkauf
angeboten hat.

Und ich berufe mich nochmals auf Graf Geyerstein, erwiderte Melanie,
jetzt kaum zwei Schritt von dem Rittmeister entfernt. Der Graf ist
_sehr_ genau mit der Truppe bekannt und htte uns doch, wenn sich die
Sache wirklich so verhielte, gewi schon ein Wort davon gesagt, da er
wei, wie groen Anteil wir daran nehmen.

Es tut mir leid, Komtesse, in diesem Streite nicht auf Ihrer Seite
kmpfen zu knnen, fiel hier Graf Selikoff mit etwas gebrochenem
Deutsch ein, aber der General hat recht, den Falben wie den einen
weien arabischen Hengst habe ich sogar selber gekauft, um beide nach
Petersburg zu schicken.

Melanie schien im Anfang die Worte gar nicht zu hren, denn ihr Blick
hing fest und forschend an den Zgen des Rittmeisters; aber diesen
Moment des Selbstvergessens bezwang sie rasch und zu dem Russen gewandt,
sagte sie: In der Tat? -- das htte ich nicht geglaubt. -- Was mag den
Mann dazu bewogen haben? Herr Rittmeister, wissen _Sie_ vielleicht
etwas Nheres ber diesen berraschenden Verkauf? Will sich vielleicht
Monsieur Bertrand ganz dem Seiltanz widmen?

Ich bedauere unendlich, Komtesse, erwiderte ruhig Graf Geyerstein,
Ihnen nichts Nheres darber mitteilen zu knnen. Es ist sogar dies
das erste Wort, das ich von dem Verkauf hre, ich mu also doch nicht so
genau davon unterrichtet sein.

Komtesse Melanie schwieg und eine fliegende Rte frbte ihr fr einen
Augenblick Wangen und Nacken, um gleich darauf wieder, so rasch wie sie
gekommen, zu verschwinden. Frulein von Zahbern aber, mit dem Interesse,
das sie an _jeder_ Stadtneuigkeit nahm, rief erstaunt: Ist es denn
mglich, Monsieur Bertrand will sein Geschft aufgeben? Aber das kann ja
gar nicht sein, oder er hat sich genug verdient, um den Kunstreiter an
den Nagel zu hngen und den Rentier zu spielen. Da freue ich mich nur,
da _wir_ ihn noch zu guter Letzt gehabt und gesehen haben. Und seine
Frau reitet nun also auch nicht mehr?

Nur Vermutungen von unserer Seite, meine Gndige, sagte der alte
General von Schoden. Wir wissen selber darber nicht mehr als Sie.

Ich finde es auch so erstaunlich unweiblich, zu reiten, bemerkte
Frulein Euphrosyne von Schoden, ich mu gestehen, ich htte die
Vorstellungen um keinen Preis wieder besucht.

Larifari! lachte der alte General, wegen der kurzen Rcke? -- mit
langen Reifrcken knnen sie auf keinem Pferd herumtanzen.

Aber, Papa, ich bitte dich um Gottes willen...

Ich fragte Monsieur Bertrand, fiel hier Graf Selikoff ein, ob er
die Absicht habe, seine Reitkunst aufzugeben, erhielt von ihm aber nur
ausweichende Antworten. Die Sache kann brigens kein Geheimnis bleiben,
denn seine Truppe wird uns bald darber aufklren, wenn er es selber
nicht fr ntig finden sollte.

In der Stadt erzhlt man, nahm hier der hinzutretende Intendant
das Wort, da sich Monsieur Bertrand schon wegen des unterlassenen
Seiltanzes zwischen den beiden Trmen sehr heftig mit seiner Frau
gezankt habe, und die beiden sich wollten scheiden lassen.

In der Tat? rief Melanie schnell, und ihr Blick streifte fast
unwillkrlich den Rittmeister.

Ja, meine Gndigste, versicherte Herr von Zhbig mit wichtiger Miene,
indem sich seine Stirn in dichte Falten zog, Madame Bertrand scheint
etwas heftiger, selbstndiger Natur zu sein, wie alle diese Art Damen,
und es sollte mich gar nicht wundern, wenn sie das Geschft _ohne_ Herrn
Bertrand allein fortsetzen wrde.

Ohne Pferde? fragte der General.

Ohne Pferde? -- Pardon! nein.

Aber ihr Mann verkauft sie alle.

Ha, dann dressiert sie vielleicht andere! Es ist ein pompses Weib,
diese Madame Bertrand, ein kleiner Teufel -- wie ich mir habe sagen
lassen.

Es kann ja auch sein, nahm hier Melanie das Wort, da sie sich selber
nach Ruhe sehnt, und vielleicht in stiller Zurckgezogenheit ihr Leben
nach so vielen Gefahren und -- Aufregungen zu genieen gedenkt.

_Sehr_ leicht mglich, meine Gndigste, _sehr_ leicht mglich! rief
Herr von Zhbig mit einem lsternen Lcheln um die Lippen. Man munkelt
sogar in der Stadt von einer Liaison, die verlockend genug sein sollte,
selbst den schnen Monsieur Bertrand aufzugeben.

Sie sind boshaft, Baron, sagte Melanie, indem sie fhlte, da ihr
das Herzblut selbst zu Eis gerann. Aber sie wagte nicht in diesem
Augenblicke, zu dem Rittmeister aufzuschauen.

Die Stadt wird nie mde, sagte da Graf Geyersteins ruhige, klangvolle
Stimme, dergleichen Erzhlungen zu erfinden, und es gibt auch stets
gefllige und geschftige Menschen, die sie weiter tragen.

Ich sage nur nach, was mir erzhlt worden ist! rief von Zhbig rasch.

Natrlich, Herr Intendant, lachte Frulein von Zahbern, mehr tun wir
alle nicht. Wenn wir alle so finster und schweigsam wren, wie der Herr
Rittmeister, so hrte jede Unterhaltung auf, und man se in stiller
Selbstbeschauung nebeneinander, eine Tasse Tee mit Wrde zu trinken.
Hahahaha -- eine solche Damengesellschaft mchte ich einmal sehen!

Haben Sie keine Furcht, mein gndiges Frulein, lachte der alte
General, hier in *** passiert Ihnen das nicht, ihr Weiber mt einmal
klatschen, das ist euer Erbfehler...

Aber, bester Papa...

Und du, Euphrosyne, bist nicht um ein Haar besser als die andern! rief
der alte Haudegen.

Aber du gebrauchst solche incroyable Ausdrcke, Papa!

Larifari! Ich nenne das Kind beim rechten Namen.

Komtesse, ich habe den ganzen Abend bis zu diesem Augenblicke vergebens
eine Gelegenheit gesucht, Sie begren zu knnen, wandte sich
Graf Geyerstein an Melanie -- diesen Augenblick benutzend, wo die
Aufmerksamkeit der brigen auf den General und seine Tochter gerichtet
war.

Ich bin sehr erfreut, Sie nach so langer Zeit wieder einmal bei uns
zu sehen, erwiderte die junge Grfin mit einer artigen, aber kalten
Bewegung des Hauptes.

Wenn Sie wten...

Wie beschftigt Sie die letzte Zeit gewesen? unterbrach ihn Melanie,
und fast unwillkrlich suchte ihr scharfer, forschender Blick sein
Auge. Ruhig jedoch, nur mit einem leisen, fast schmerzlichen Ausdruck
begegnete es dem ihrigen. Sie wandte sich rasch ab und fuhr fort: Ich
kann es mir denken, und Sie sind vollkommen entschuldigt. -- Aber kommen
Sie, Herr Graf, redete sie in demselben Augenblicke den jungen Russen
an, ich versprach Ihnen vorhin die russische Volkshymne -- Luise soll
sie uns spielen -- es ist ein Genu, sie zu hren.

Es ist auch eine der schnsten Melodien, die es gibt, sagte der Graf,
die letzten Worte falsch verstehend, und Sie machen mich unendlich
glcklich, Komtesse, da Sie ein solches Interesse an unserer
Nationalhymne nehmen.

Melanie verneigte sich leicht gegen den Grafen Geyerstein, legte dann
ihre Hand in den ihr gebotenen Arm des jungen Russen und schritt an
seiner Seite dem anderen Salon zu, in dem der Flgel aufgeschlagen
stand.

Und hatte ich unrecht? flsterte Frulein von Zahbern in des
Rittmeisters Ohr, indem ihr Blick mit einer ihr sonst nicht unschnes
Gesicht fast entstellenden Mischung von Zorn und Eifersucht das Paar
verfolgte.

Lassen Sie uns die Nationalhymne mit anhren, mein gndiges Frulein,
sagte Graf Geyerstein statt aller Antwort, indem er ihr den Arm bot
und die erbitterte Schne, ohne ihr Zeit zu einer weiteren Bemerkung zu
geben, den Vorangegangenen nachfhrte.




8.


An demselben Abend, an welchem beim Kriegsminister von Ralphen die
Soiree gehalten wurde, und whrend dort in den hell erleuchteten
und wohlig durchwrmten, von Blumen duftenden, von sanften Melodien
durchstrmten Rumen frhliche Menschen gesellig beieinander saen,
bereitete sich eine andere, von dieser sehr weit verschiedene Szene in
der zweiten Etage der Rosengasse vor.

Die Vorstellung im Zirkus war beendet, und mit ihr die letzte, der
Gesellschaft fr diese Messe gestattete. Drauen auf dem Platze, als
die letzten Menschen das hohe, runde Bretterhaus kaum verlassen hatten,
arbeiteten, hmmerten und pochten schon wetterbraune Gestalten in
Hemdsrmeln und Schurzfellen, um die Bude wieder abzuschlagen und sie
so rasch als mglich von dem Platze, den sie mit ihrer bretternen Masse
entstellte, zu entfernen.

Auch oben in dem Zimmer Georg Bertrands sah es aus, als ob der
Eigentmer des Gemaches im Begriff sei, abzureisen, denn wild und
unordentlich lagen alle mglichen Kostmstcke bunt zerstreut ber
Stuhl- und Sofalehnen, ja selbst ber den Boden hin. Handschuhe, Hte,
Reitpeitschen, ja selbst andere Teile einer Damengarderobe bedeckten
zum Teil den groen, runden Tisch, der in der Mitte der Stube stand,
und waren nur zur Hlfte zurck- und zusammengeschoben, um dem durch die
Hausmagd heraufgebrachten Abendbrot fr drei Personen notdrftigen
Raum zu geben. Die Luft in dem ziemlich gerumigen, aber sehr niederen
Gemache war dabei schwl und dumpfig, und kaltgewordener Tabaksqualm,
wie der warme Fettgeruch verschiedener Fleischspeisen diente nicht dazu,
sie zu verbessern. Auf dem Sofa lag Demoiselle Josefine, Georginens
siebenjhrige Tochter. Das Kind war von der fr seine Jahre bermigen
Anstrengung erschpft eingeschlafen, und der Schein der Lampe fiel, ohne
die Schlferin zu stren, grell auf das bleiche, aber stark geschminkte,
abgespannte Gesicht des Kindes.

Georg Bertrand war noch nicht nach Hause gekommen. Er mute darauf
sehen, da vor allen Dingen seine Pferde gut gewartet, abgerieben und
gefttert wurden, ehe er selber an seine eigene Verpflegung denken
konnte. Fremden Menschen, und noch dazu solch leichtsinnigem Volke,
wie seinen Knstlern, durfte er das, wie er recht gut wute, nicht
berlassen. Georgine dagegen hatte eben das Zimmer betreten, aber ihr
leichtes, luftiges Kostm, mit dem sie in der letzten Piece als Elfe
die Zuschauer entzckt, noch nicht abgelegt. Nur ein langer, leichter,
grauer Mantel, den sie beim Nachhausegehen darber geworfen, schtzte
sie gegen die kalte Nachtluft, und selbst hier, in dem fast schwlen
Zimmer, hatte sie ihn noch nicht abgelegt, denn ihre Seele beschftigte
anderes, als die Vernderung ihrer Toilette. Unruhig und rasch schritt
sie in dem breiten, niederen Gemache auf und ab. Die nackten Arme fest
auf der unruhig wogenden Brust verschrnkt, das Haupt gesenkt, auf dem
die noch nicht abgelegten Blumen und Federn herber und hinber wehten,
ma sie den engen Raum wieder und wieder und unterbrach ihre Schritte
nicht einmal, als ihr Vater endlich, ebenfalls noch in seinem
Hanswurstkostm, ins Zimmer trat.

Ist Georg noch nicht zu Hause? fragte der Alte, indem er seine Kappe
auf dem Kopfe rckte und sich mit der Hand durch die langen, schon
dnnen und ergrauenden Haare fuhr.

Nein, lautete die kurze Antwort, und die Frau schritt, ohne nur zu ihm
aufzusehen, an ihm vorber.

Der Alte betrachtete sie eine Weile kopfschttelnd, dann ging er zu dem
Sofa, auf dem Josefine lag, und blieb davor stehen. Hm, sagte er
hier, indem er einen alten, auf der Sofalehne hangenden Rock ber die
halbentblten Glieder der Kleinen zerrte, das Kind wird sich erklten.
Hat sie denn schon zu Nacht gegessen?

Ja, sie war frher fertig als wir.

Wo hockt denn die Christel, da sie gewaschen und zu Bett gebracht
wird?

Rufe sie -- die faule Dirne ist nie da, wenn sie gebraucht werden
soll.

Der Alte ging kopfschttelnd wieder hinaus und kam bald mit einer Art
von Dienstmdchen zurck, das den Tag ber auch noch dazu verwandt
wurde, die verschiedenen Kostme in Ordnung zu halten. Das Mdchen
schien selber irgendwo eingeschlafen und eben geweckt zu sein, denn sie
konnte noch nicht in das Licht sehen. Ohne viele Umstnde ergriff sie
das schlafende Kind mit dem darber gedeckten Rock, warf es sich halb
ber die Schulter, ohne da es dadurch erwacht wre, und trug es in sein
Schlafzimmer nebenan.

Das Fleisch wird ganz kalt, sagte indes der Alte, der sich nicht
weiter um das brige bekmmerte. Wo nur Georg wieder bleibt -- setz'
dich mit her, man mu jetzt das bischen Fressen so nur immer in aller
Hast hineinhetzen.

I nur, erwiderte die Frau, ich habe keinen Hunger.

Keinen Hunger? Und nach der Anstrengung? brummte der Alte. Dabei kann
man doch wahrhaftig nicht von der Luft leben! -- Meinetwegen aber,
wenn du nicht willst -- ich habe Hunger! Und damit warf er seine alte
Filzkappe in die Ecke, holte sich einen groen Krug Bier und vom Fenster
eine Flasche Branntwein, langte dann aus den vor ihm stehenden, mit
guten, nahrhaften Speisen gefllten Schsseln wacker zu, und schien sich
bald nach Umstnden vollstndig behaglich zu fhlen. Nur das unruhige
Wesen der Frau strte ihn; er sah ihr ein paarmal auf ihrem Gange
kopfschttelnd nach, und dann wieder nach der alten Schwarzwlder Uhr,
die im Zimmer hing, hinber, rckte ungeduldig eine Weile auf seinem
Stuhle hin und her und sagte endlich: Was hast du denn nur heut' abend,
Gine, da du wie toll im Zimmer auf und ab rennst? Weshalb hast du dich
noch nicht ausgezogen? Zum Donnerwetter, setz' dich einmal, man wird
ganz wirr im Kopf.

Die Frau antwortete weder, noch unterbrach sie ihren Gang, und nur
manchmal blieb sie einen Moment pltzlich stehen, um nach der Tr
hinber zu horchen. Der Alte sah ihr kopfschttelnd zu, dann a er ruhig
weiter, bis er satt war, schob jetzt den Teller zurck, schenkte sich
ein Bierglas halb voll Branntwein, das er auf einen Zug und ohne eine
Miene zu verziehen, leerte, und nahm dann das Gesprch noch einmal auf:
Dir geht Georgs neuer Plan im Kopfe herum -- er pat dir nicht, ich
wei es -- er pat auch mir eigentlich nicht recht, aber -- bei Lichte
besehen, hat er doch am Ende nicht so ganz unrecht. Wir werden alt,
und ich fr meinen Teil htte nichts dagegen, wenn ich mich einmal --
wenigstens eine Zeitlang -- ausruhen knnte, ohne gerade am Hungertuche
zu nagen.

Georgine schleuderte ihm einen finsteren Blick zu, erwiderte aber noch
immer keine Silbe, und der Alte, noch einmal zu der Flasche greifend,
aus der er sich langsam einschenkte, fuhr, eigentlich mehr zu sich
selbst als zur Tochter redend, fort: Und es ist doch eigentlich nur
ein Hundeleben, das wir fhren, Faxen und Narrenspossen machen, da das
Lumpenvolk sich fr seine paar Groschen darber ausschtten kann und
besser danach verdaut -- Kanaillen, verdammte, die uns nachher auf der
Strae ber die Achsel ansehen oder hinter uns drein feixen -- und wegen
solcher Bande riskiert man seine Gliedmaen, bis man einmal zum Krppel
wird! Nachher kann man betteln gehen, mit Krcke oder Stelzfu und
ihretwegen auch verhungern -- was kmmert das sie!

Der alte Mann hatte den Ellbogen auf den Tisch gesttzt und schaute mit
den kleinen, tiefliegenden Augen finster und verdrossen in die dicht vor
ihm flackernde Lampe hinein. Aber wo war jetzt der tolle Humor in diesen
Zgen, der noch vor wenigen Viertelstunden das Volk da drauen hatte
aufjauchzen und jubeln machen? Wo war die Laune geblieben, mit der er
sich dem Stallmeister zwischen die Fe warf und seinen Krper verrenkte
und durcheinanderwand, nur um dem sen Pbel zu gefallen? Nichts
von alledem lie sich mehr in dem finstern, verdrossenen und doch so
entsetzlich bemalten Angesicht erkennen, auf das die Lampe jetzt ihr
volles, grelles Licht warf. Scharf und verzerrt schnitten dabei die
weigemalten Streifen desselben ein, whrend das Zinnoberrot ordentlich
leuchtete und die beiden Augen unter den tief herabgezogenen buschigen
Brauen wie ein paar Stcke rotheien Eisens funkelten. Fest hatte sich
dabei die magere, sehnige Hand in das lange, dnne Haar gekrallt, das
zwischen den Fingern in sprlichen Locken herausquoll, und ein
eigener Ausdruck von Trotz, Grimm und Ekel lag in den tiefgefurchten,
farbebestrichenen Zgen. Georgine war neben ihm stehen geblieben, und
den weien, vollen Arm auf den Tisch sttzend, sagte sie mit leiser, wie
hhnisch klingender Stimme: Und willst du ein Bauer werden?

Warum nicht? erwiderte der Mann, ohne seine Stellung auch nur um
ein Haar breit zu verndern, immer noch besser ein Bauer als ein --
Hanswurst.

So zieht ihr beiden allein zwischen eure Schafe und Khe! rief das
junge, schne Weib, in wildem Zorn emporfahrend, ich selber wei, was
ich mir und Josefinen schuldig bin, und den will ich sehen, der mich
zwingen will, drauen zwischen Kraut- und Kartoffelfeldern mein Leben zu
beschlieen!

Niemand Georgine, niemand! sagte in diesem Augenblicke die tiefe,
klangvolle Stimme Georg Bertrands, der unbemerkt von den beiden in die
Tr getreten und auf der Schwelle stehen geblieben war. Wenn du es
bers Herz bringen kannst, deinen Gatten allein ziehen zu lassen, allein
deinen Weg dir in der Welt zu bahnen, in Gottes Namen dann, ich kann und
werde dich nicht daran hindern.

Nicht? rief die Frau erstaunt, ja berrascht nach ihm herumfahrend,
du wrdest dich von mir und Josefinen trennen wollen?

Von Josefinen? -- nein, sagte der Mann ruhig, indem er seinen Hut auf
den Stuhl neben der Tre legte und langsam jetzt ins Zimmer trat.

Von Josefinen nicht? rief in schnell wieder aufloderndem Zorne die
Frau, welche Macht der Erde wird das Kind von der Mutter trennen?

Das Gesetz, erwiderte mit dem vorigen Gleichmut ihr Gatte, das Gesetz
spricht nach dem siebenten Jahre das Kind dem Vater zu.

Du darfst mir Josefinen nicht nehmen, zischte da Georgine zwischen den
zusammengebissenen Zhnen durch, du weit, da ich ohne das Kind nicht
leben kann, da ich mit mehr als Mutterliebe an ihm hange, da sie mein
ein und mein alles ist auf dieser Welt -- du kannst und darfst mich
nicht tten -- und mir das Kind nehmen, hiee mehr als mich morden.

Und will ich das? erwiderte Georg, jetzt vor sie tretend und ihre Hand
ergreifend, habe ich nicht Bitten auf Bitten an dich verschwendet, mir
und dem Kinde das Opfer zu bringen, diesem unseligen Leben zu entsagen?
Hat nicht Josefine selber dich gebeten, mich nicht zu verlassen und
drauen in der freundlichen Natur zu vergessen, was dich hier berauscht
-- den Beifall der Menge! -- Georgine, kann dir denn nicht ein
husliches Familienglck, das du noch gar nicht kennst und das nur
zu bald seinen Zauber um dich breiten wird, das Jauchzen und
Beifallklatschen fremder, gleichgltiger Menschen ersetzen? Lebst du
denn nur fr diese Masse, die dir nichts, gar nichts entgegenbringt,
als nur das Verlangen, auf angenehme Weise amsiert zu werden, und
die gleichgltig selbst an deinem Sarge vorbergehen wrde, wenn ein
unglcklicher Fall dich in der nchsten Stunde vielleicht abriefe?

Nach meinem Tode? Nicht so viel kmmere ich mich darum! rief das
schne Weib verchtlich. Ob sie mich lieben werden oder hassen, was
liegt daran! Nur dieses Leben ist mein, nur dem Leben gehre ich an. Was
schert mich die Liebe oder der Ha des Volkes nach dem Tode!

Und ich? -- und dein Kind? sagte Georg mit weicher Stimme.

Wenn ihr mich liebtet, qultet ihr mich nicht so, rief die Frau
zurck. Du weit, da ich so wenig fr das Land passe, wie dein Araber
zum Karrenziehen und Ackern; die Hand mchte ich sehen, die uns beide
dazu zwingen kann.

Du weit, sagte Georg ruhig, da ich den Araber zu allem zwang, wozu
ich ihn haben wollte.

Aber mich nicht, Georg, mich bei Gott nicht! rief die Frau, wieder
zu voller Heftigkeit ausbrechend. Versuch' es nicht, du mchtest es
bereuen.

Es ist zu spt, darber noch zu reden, sagte fest entschlossen Georg,
Heut' abend nach der Vorstellung habe ich den Handel ber mein letztes
Pferd abgeschlossen, die wenigen ausgenommen, die ich mit mir zu nehmen
gedenke, und morgen schon verlassen wir ***, um keine weitere Messe mehr
zu besuchen. Die Gesellschaft ist aufgelst, die Leute werden morgen
ausgezahlt, und ich und Josefine ziehen hinauf nach Mecklenburg, ein
neues Leben von heute an zu beginnen.

Und glaubst du, da ich das Kind dir gutwillig lassen werde? fragte
Georgine, und ihre ganze Gestalt zitterte in der furchtbaren Bewegung,
die sich ihrer bemchtigt hatte.

Du mut, Georgine, lautete die feste Antwort, die Gesetze schtzen
mich darin -- wenn ich deren Schutz anrufen mte. Ich habe mich genau
danach erkundigt, Josefine ist ber sieben Jahre alt, und das Gesetz
spricht in diesem Falle dem Vater des Kindes, falls sich die Eltern
trennen sollten, das Recht zu, ber seine Zukunft zu wachen und zu
bestimmen.

Und wer hat dich mit den Gesetzen so genau bekannt gemacht? -- glaubst
du nicht, da ich deinen Helfershelfer errate?

Wenn du den Mann meinen Helfershelfer nennst, der mir wie einem
Ertrinkenden die Hand bietet, mich aus einem Leben zu erretten, das mich
die letzten Jahre nur zwischen Verzweiflung und Selbstmord schwanken
lie, so hast du recht, sagte Georg dster.

Zwischen Verzweiflung und Selbstmord, du? rief erstaunt die Frau,
du, der nur Lust und Stolz in der Ausbung seiner Kunst fand, dem an
Khnheit und Geschicklichkeit keiner gleichkam?

Es ist gut, erwiderte der Mann, ernst mit der Hand abwehrend, die
Zeiten sind, Gott sei Dank, vorbei, denn du kennst mein frheres Leben
nicht, weit nicht, kannst nicht wissen, was ich gelitten und geduldet
habe, um es zu vergessen. Jetzt endlich ist mir Rettung geboten; jetzt
streckt sich mir eine Hand entgegen, mich zurck zu Sicherheit und Ruhe
zu fhren, und, beim ewigen Gott! ich will sie nicht undankbar von mir
stoen. -- Du kennst mich, du weit, da ich durchfhre, wozu ich einmal
fest entschlossen bin; glaube also nicht, mich durch zornige Worte oder
machtlose Drohungen schwanken zu machen. Auch dir bietet sich die Hand,
auch fr dich ist die Hilfe gemeint. Folge deshalb meinem Rat, -- folge
deinem Gatten -- deinem Kinde, und strze dich nicht wieder einem Leben
entgegen, an dem du jetzt vielleicht Freude findest, in dem du aber doch
mit der Zeit rettungslos untergehen mtest.

Er hat recht, Gine, sagte auch der Alte, der, ohne bis jetzt seine
Stellung zu verndern, aufmerksam den Worten Bertrands gelauscht und
nur manchmal langsam dazu mit dem Kopfe genickt hatte. Wir alle werden
nicht jnger, und ein solcher Schlupfwinkel fr's Alter bietet sich
nicht einem jeden von uns. Der rote Kaspar war zu meiner Zeit, wie ich
noch in Bundhosen herumlief, ein so toller Hanswurst, wie es je
einen gegeben hat: die Banden zahlten ihm damals schon sechs- bis
siebenhundert Taler jhrlich mit Kuhand, und er brauchte sich noch
nicht einmal bei ihnen zu bedanken. Auf der Messe jetzt habe ich ihn
mit einem abgeschnittenen Beine und einer Drehorgel und Mordgeschichten
getroffen, und ich mute ihm ein paar Groschen geben, da er nur endlich
einmal wieder, wie er meinte, etwas Warmes in den Leib bekme. Ich
selber habe nicht die geringste Lust, in meinen alten Tagen mit einer
Drehorgel oder mit Fleckseife im Lande herumzureisen, Winter und Sommer
drauen auf den Straen zu liegen und den Bauernlmmeln die alten,
schmierigen Rockkragen abzuseifen oder schreckliche Blutgeschichten
vorzuleiern, in denen zuletzt immer die Polizei gelobt wird. Ich und der
Karl, wir gehen mit. Der Karl soll auch Oekonom werden, da er mir nicht
den Hals bricht, wie sein Vater, was ihm der lahme Jrgen schon vor vier
Jahren prophezeit hat.

Geh mit uns, Georgine, bat da auch Bertrand, mit weit mehr
Herzlichkeit, als er bisher zu ihr gesprochen. -- Versuche es nur
einmal ein Jahr mit uns, und du wirst sehen, da du gar rasch und
freudig dich in den neuen Zustand findest. -- Du kennst das stille,
brgerliche Leben ja noch gar nicht; weit nicht, ahnst noch nicht
einmal, welche Reize und Gensse es bietet. Bleibe bei uns, bleibe bei
deinem Kinde, dem doch kein Fremder je die Mutter wird ersetzen knnen.

Soll ich Komdie in deinem Familienkreise spielen? fragte das schne
Weib hhnisch, in dem sie mit untergeschlagenen Armen vor dem Gatten
stehen blieb.

Nenne es die erste Zeit, wie du willst, sagte Bertrand ruhig, nur zu
bald wirst du doch einsehen lernen, da du nie mehr dein eigener Herr
gewesen, als gerade in jenem einfach natrlichen Leben auf dem Lande!

Und glaubst du wirklich, da du mich je zur Buerin machen
knntest, lachte Georgine, indem sie in Verachtung und Zorn die schn
geschnittenen Lippen emporwarf, ich htte gedacht, da du mich besser
kennen solltest.

Und du willst mir wenigstens gestatten, den Versuch zu machen?

Nein -- dreimal und tausendmal nein! rief Georgine mit wieder
aufloderndem Zorn, bis ich nicht sicher wei, da die Gesetze dir
wirklich erlauben, mir mein Kind zu stehlen. Ich zweifle nicht an der
Mglichkeit, denn ihr Mnner habt die Gesetze gemacht, und was gilt euch
das Herz einer Mutter? Aber selber erfragen will ich erst die Schmach,
und ist das sicher -- gut -- dann gehe ich mit euch. Von Josefinen kann,
will ich mich nicht trennen, und ber sie wachen werde ich dort, wie die
Lwin ber ihr Junges. Versucht es dann, sie mir abtrnnig zu machen.

Bah! sagte der Alte, unwillig seinen Kopf schttelnd, schwatze keinen
Unsinn; es will sie dir niemand stehlen, und Georg ist am kleinen Finger
vernnftiger, als du am ganzen Leibe. Beschlafe die Geschichte; morgen
wirst du vernnftiger darber denken. Morgen halte ich dann auch Auktion
mit dem Plunder hier oder werfe ihn am liebsten auf die Strae hinaus.
Ich wre doch wirklich neugierig, zu sehen, ob es noch solch einen
Narren hier im Neste gbe, der ihn aufhbe. Jetzt macht, da ihr zu Bett
kommt. Es ist ein Uhr vorbei und mir sind alle Knochen im Leibe schon
wie zerschlagen.

Mit diesen Worten zndete er sich einen Stummel Talglicht an, der auf
der Kommode stand, nahm seine Mtze wieder aus der Ecke hervor und
verlie langsam, ohne eine Gute Nacht weiter fr ntig zu halten, das
Zimmer.




9.


Am nchsten Morgen sa Komtesse Melanie allein in ihrem Boudoir. Rosalie
war mit Luisen ausgefahren -- sie selber hatte sie nicht begleiten
knnen oder wollen -- und Kopfschmerzen, Unwohlsein vorgeschtzt. Sie
war in der Tat nicht wohl, wenigstens ganz ungewhnlich aufgeregt und
unruhig, und nahm bald ein Buch zur Hand, ein paar Seiten desselben zu
durchblttern, bald begann sie an einer angefangenen Zeichnung, bald an
einer Stickerei und schob nach wenigen Minuten alles wieder beiseite, um
sich auf das Sofa zu werfen und ihren eigenen Gedanken nachzuhangen. So
war es zwlf Uhr geworden, als es leise an die Tre klopfte und auf ihr
Herein ein Diener eintrat, welcher meldete: der Herr Rittmeister von
Geyerstein lasse anfragen, ob er der gndigen Komtesse seine Aufwartung
machen drfe.

Graf Geyerstein? rief Melanie, fast erschreckt von dem Sofa
emporfahrend. Die Ueberraschung dauerte aber nur wenige Momente, denn
schon im nchsten Augenblicke wieder vollstndig gesammelt, sagte sie
ruhig: Es wird mir sehr angenehm sein, fhren Sie den Grafen herein!

Wenige Minuten spter hrte sie drauen den festen, klirrenden Schritt
des Offiziers, und der Graf stand in ihrem Zimmer, ehe sie selber sich
genug gefat hatte, ihn ruhig begren zu knnen.

Komtesse, sagte der Rittmeister, sich frmlicher vor ihr verneigend,
als er sonst als alter, gern gesehener Freund des Hauses getan, Ihr
Herr Vater trgt die Schuld einer Strung, wenn ich Ihnen eine solche
verursacht habe, denn mein Dienst rief mich zu ihm, und da er fr den
Augenblick noch beschftigt ist, war er so gtig, mich indes zu Ihnen
herberzuweisen -- ich wre sonst nicht so frh bei Ihnen erschienen.

Eine rasche, freundliche Entgegnung lag schon auf Melanies Lippen, aber
sie zwang sie zurck und sagte artig, aber lange nicht mit der gewohnten
Zrtlichkeit im Ton und Ausdruck: Mein Vater wei recht gut, da Sie
uns immer willkommen sind, auch ohne die Entschuldigung, Herr Graf.

Aber auch ohne die Veranlassung htte ich Sie heute noch aufgesucht,
Komtesse, nahm der Graf nach einer leisen Verbeugung wieder das Wort,
indem er sich, einer einladenden Handbewegung Melanies folgend, auf
einen Stuhl ihr gegenber niederlie, denn ich wollte mich auf einige
Zeit von Ihnen verabschieden.

Sie wollen fort von hier? rief Melanie schneller und mit weit mehr
Teilnahme, als sie vielleicht zu verraten willens war.

Nur auf kurze Zeit; auf eine, vielleicht auf einige Wochen; und zwar
in Angelegenheiten, die meine Anwesenheit auf einer meiner Besitzungen
dringend ntig machen. Ich habe dazu den Urlaub vom Frsten erbeten und
erhalten.

Melanie sah zu ihm auf und vermochte keine Silbe als Antwort zu finden.
Allerlei wunderliche, wirre Gedanken kreuzten ihr Hirn. Jetzt gerade
wollte er fort? -- jetzt, wo -- sie durfte dem nicht weiter folgen --
und so kalt, so frmlich nahm er jetzt Abschied, er mute bemerkt haben,
wie sie Graf Selikoff bevorzugte. -- Und weshalb nicht? War sie nicht
frei, zu tun, zu lassen, was sie wollte, war sie nicht von ihm, der
so kalt und eisern vor ihr sa, schndlich, schmhlich betrogen und
verraten worden? -- und wenn nicht? -- -- Auch der Graf schwieg; das
Herz war ihm voll und schwer, und dem kalten, frmlichen Empfang des
Wesens gegenber, das er mehr als sein eigenes Leben liebte, hatte er
sich bezwungen, hatte er ebenso kalt und ruhig von ihr scheiden wollen
-- scheiden vielleicht fr ein ganzes Leben, indem sie sich von nun
an nur als Fremde wieder begegnen sollten. Als er aber die Bewegung
in Melanies Zgen sah, als ihm nicht verborgen bleiben konnte, da die
Jungfrau, so kalt und abgemessen sie sich auch gezeigt, doch vielleicht
mehr, ja innigeren Anteil an ihm nehme, da raffte er sich selber auch
empor, und mit bewegter Stimme sagte er: Komtesse -- Melanie -- es ist
in letzter Zeit etwas zwischen uns gewesen -- was, wei nur Gott -- was
aber nicht sein sollte.

Zwischen uns, Herr Graf? unterbrach ihn, wie erstaunt, Melanie, die
durch die Worte rasch zu sich selbst gerufen wurde.

Stoen Sie mich nicht so ungehrt zurck, fuhr der Rittmeister, der
jetzt einmal das Eis gebrochen hatte, fort. Womit ich Sie beleidigt
oder gekrnkt haben mag, ich wei es nicht -- wissentlich nicht, beim
ewigen Gott, und nur ein Miverstndnis kann es deshalb sein, was Sie
in diesen Tagen mir entfremdet hat. Sehen Sie mich nicht so stolz an,
Melanie, Sie waren sonst so offen, so ehrlich gegen mich -- o, lassen
Sie die Zeit, die liebe, liebe Zeit, nicht so mit einem Schlage
abgebrochen sein. Sagen Sie mir, was ich getan, was ich verbrochen habe,
gestatten Sie mir dann, da ich mich verteidige.

Was Sie getan, Herr Graf, erwiderte Melanie, der bei der Erinnerung
alles dessen, ber das sie Ursache zu haben glaubte -- gerechte Ursache
-- zu zrnen, das Blut mit voller Macht in Wange und Schlfe strmte,
ich glaube nicht, da es mir zusteht, Sie ber irgend etwas, was
Sie getan haben knnten, zur Rede zu stellen. Htten Sie es fr gut
gefunden, mich irgend eines Schrittes wegen, den Sie zu tun gedachten,
um Rat zu fragen, wre es vielleicht etwas anderes, doch so...

O, weichen Sie mir nicht aus, bat Geyerstein in herzlichem Tone und
von der Gewalt des Augenblicks hingerissen, Melanie Sie mssen wissen,
wie mein Herz...

Herr Graf -- nicht weiter, wenn ich bitten darf, unterbrach ihn
pltzlich mit ernstem, strengem Tone die junge Grfin, indem sie sich zu
ihrer vollen Hhe stolz, ja fast zrnend emporrichtete. -- Ersparen
Sie sich und mir ein Thema, das nur fr beide Teile -- schmerzlich enden
kann.

Melanie! rief Geyerstein entsetzt, was, um aller Heiligen willen...

Sie vergaen wohl in dem Augenblick, fuhr die Komtesse fort, und ihre
Zge glichen jetzt denen einer Marmorbste, das Verhltnis, in dem Sie
zu der Seiltnzergruppe jenes Bertrand stehen? -- Sie vergaen...

Groer Gott! sthnte der Rittmeister, und bleich, wie das ihm
gegenberstehende schne Weib, fuhr er von seinem Sitz empor.

Wie das Geheimnis zu meinen Ohren kam, fuhr Melanie kalt und ruhig
fort, bleibt sich gleich, Sie selber besttigen alles durch Ihr
Schweigen. -- Jetzt aber werden Sie doch auch wohl fhlen, da zwischen
uns nicht mehr von den Empfindungen des Herzens die Rede sein kann. Die
Tochter des Grafen von Ralphen dnkt sich zu gut...

Halten Sie ein, Komtesse! rief der Graf mit ausgestreckter Hand
und fast tonloser Stimme, sagen Sie nichts weiter! Es ist genug --
bergenug -- und das wenige selbst -- htte sich vielleicht auf weniger
harter Weise sagen lassen -- aber es ist geschehen. Sie haben nicht zu
frchten, da ich Ihnen je wieder mit Wort oder Blick nur nahen werde --
dennoch bitte ich Sie, in den Augen der Welt...

Frchten Sie nicht, da ich Ihr Geheimnis mibrauchen werde,
unterbrach ihn Melanie, wie immer die Welt auch wohl dergleichen
beurteilen mchte. Was ich gesprochen, sprach ich nur fr mich, und wie
ich glaube, war ich das mir und meiner Stellung in der Welt schuldig.
Aber ich hre meinen Vater -- er wird kommen, um Sie abzurufen.

Der Graf neigte sich ehrerbietig, aber kalt vor ihr, er hatte seine
ganze Fassung und Mnnlichkeit wiedergewonnen, und in demselben
Augenblick auch fast ffnete sich die Tr, in welcher der
Kriegsminister, schon in Uniform, um gleich nachher zum Frsten zu
fahren, erschien.

So, mein lieber Geyerstein, sagte er freundlich, als er dem jungen
Manne die Hand entgegenstreckte, jetzt bin ich mit allem fertig
und stehe Ihnen noch auf eine halbe Stunde zu Diensten. Er will uns
davonlaufen, Melanie, will hinauf nach Mecklenburg und Hirsche
schieen, Gter einrichten, und Gott wei was alles. Wir werden Sie hier
vermissen, Geyerstein, und Rosalie besonders wird untrstlich darber
sein. Wo steckt denn das Mdchen berhaupt heute morgen -- wohl wieder
ausgefahren? Aber du siehst so bla heute aus, Melanie; fehlt dir was,
mein Kind?

Nichts, lieber Vater -- nur ein wenig Kopfschmerz hatte ich heute, und
habe deshalb Rosalie auch nicht begleitet. Es wird bald vorbergehen.

Exzellenz gestatten mir dann vielleicht, Ihnen oben in Ihrem Zimmer die
Papiere vorzulegen, sagte Graf Geyerstein.

Schn; wenn Sie alles bei der Hand haben, desto besser. -- Apropos, Sie
sind auf heute mittag schon versagt? Ich mchte Sie gern noch so lange
als mglich bei uns haben.

Ich mu unendlich bedauern...

Machen Sie um Gottes willen keine Umstnde; Sie sollen nicht im
mindesten geniert sein. Also kommen Sie. -- Adieu, mein liebes Kind;
lies nicht zu viel, das nimmt dir den Kopf nur noch mehr ein.

Graf Geyerstein verabschiedete sich bei der Komtesse mit einer tiefen
Verbeugung, und ebenso frmlich dankte ihm die Dame. Der alte Herr
bemerkte das aber nicht; er bersah schon flchtig die Papiere, die ihm
der Rittmeister eben bergeben hatte, und mit freundlichem Kopfnicken
nur von seiner Tochter Abschied nehmend, verlie er gleich darauf, von
dem Grafen gefolgt, das Zimmer.

Melanie blieb, als die beiden Mnner die Tr hinter sich geschlossen
hatten, noch eine ganze Weile stumm und regungslos stehen. Hatte aber
auch ihr stolzer Geist in dem entscheidenden Moment den Sieg ber das
nur zu schwache Herz davongetragen, jetzt -- jetzt vermochte sie nicht
mehr. Ein leises Frsteln flog ber ihren Krper, sie schwankte zum
Sofa, barg das bleiche Antlitz in den Hnden und weinte -- weinte, als
ob ihr Herz vor unendlichem Weh zerbrechen msse in der Brust.




10.


Oben, inmitten des schnen Mecklenburger Landes, an einem der kleinen
reizenden Seen, lag das nicht unbetrchtliche Rittergut Schildheim, seit
undenklichen Zeiten schon einem alten Mecklenburger Geschlecht erb- und
eigentmlich. Der letzte desselben heiratete eine Komtesse Geyerstein
aus einer Nebenlinie im nordstlichen Preuen, und um sie die Heimat
nicht so sehr vermissen zu lassen, wurde damals das alte, durchaus neu
restaurierte Gut ganz nach preuischer Art eingerichtet; ja sogar einen
preuischen Verwalter und eine Wirtschafterin brachte die junge Frau
mit dorthin, sowie Leute von ihren eigenen Gtern, und Schildheim hie
demnach und von der Zeit an in der Umgegend nur das preuische
Gut. Der Besitzer starb, aber seine Witwe, eine Grotante Wolfs von
Geyerstein, berlebte ihn noch viele Jahre, und als auch sie in der
Familiengruft beigesetzt wurde, ging das Gut durch Erbschaft an Wolfs
Mutter ber.

Mit den Jahren hatte sich jetzt dort vieles verndert. Die
Wirtschafterin war gestorben und eine andere aus dem Lande selber
angenommen worden. Dann hatte ein Pchter das Ganze bernommen, und die
preuischen, dazu gehrigen Familien verdingten sich teils auf anderen
Gtern, teils hatten sie sich selber etwas erspart und einen eigenen
kleinen Grundbesitz gekauft. Nur die Gebude waren noch die alten und
der Name das preuische Gut ebenfalls auf dem alten Herrensitze haften
geblieben. Die Leute in der Nachbarschaft kannten es fast unter keiner
andern Benennung, und doch verdiente sie das Gut schon lange nicht mehr.
Von den eigentlichen, dort hinbergezogenen Preuen lebte in der Tat nur
noch einer, der alte Verwalter, ein Mann hoch in die Sechzig aber mit
noch rstigen Krften, der samt den Dienstleuten der seligen Besitzerin,
und zwar als Ochsenjunge, herbergekommen war und sich durch Flei und
ehrliches Betragen zu solchem Ehrenposten aufgeschwungen hatte. Das
eigentliche Inventar aus ltester Zeit blieb aber eine andere, hchst
eigentmliche Persnlichkeit, und das war der alte Forstwart, wie er
dort berall hie. Dieser, ein origineller Kauz, aber ein durchaus
braver und rechtlicher Mann, hatte seine Karriere auf dem preuischen
Gute von der Pike auf gemacht, das heit vom Holzdieb bis zum Forstwart,
wo er halten blieb, und jetzt, in seinem hohen Alter, eigentlich mehr
das Gnadenbrot a, als noch wirklichen Nutzen leistete. Dabei hing er
an dem alten Platz, besonders an seinem Walde -- denn um die Menschen
bekmmerte er sich wenig oder gar nicht -- mit einer Zuneigung, die man
in dem sonst so abgeschlossenen und selbst scheuen Gesellen gar nicht
gesucht haben wrde.

Der Frster war allerdings sein Vorgesetzter, aber bekmmerte sich wenig
um ihn und tat seine Pflicht, ohne ihn viel damit zu belstigen. Jener
war auch gern damit zufrieden, wenn er nur den Holzfrevlern ein wenig
auf die Finger sah und im Winter dem Raubzeug Fallen stellte, und zu
beiden Beschftigungen lie sich niemand besser verwenden als der alte,
fr seine Jahre aber noch auerordentlich rstige Forstwart Barthold.
Die Frevler frchteten nmlich den alten Mann weit mehr und gingen ihm
weit sorgfltiger aus dem Wege, als wenn er der jngste und krftigste
Forstgehilfe gewesen wre, denn sie glaubten: er knne mehr als Brot
essen, das heit, er stnde mit verschiedenen ber- und unterirdischen
Mchten im Bunde, was sich mit dem Seelenheil eines gewhnlichen
Christen nicht vertrug. Ging er doch auch in keine Kirche, und man
erzhlte sich von ihm im Dorfe die tollsten und abenteuerlichsten
Geschichten -- und doch gab es kaum ein harmloseres Wesen in der weiten
Umgegend, als eben diesen braven alten Forstwart. Nur dem Raubzeug im
Walde, den Fchsen, Mardern, Wieseln, Iltissen und wilden Katzen war
er ein grimmer und schlauer Feind, weil sie Sicherheit und Leben seiner
lieben Waldsnger, der Vgel, bedrohten.

Etwa zehn Minuten Weges -- oder eine halbe Pfeife Tabak, wie die Bauern
manchmal ihre Wege messen -- von dem Rittergut Schildheim entfernt
und dicht am Ufer des kleinen schilfbewachsenen Sees, lag ein sehr
freundliches Dorf gleichen Namens mit einigen wohlhabenden Bauern, wie
auch von den Arbeitern bewohnt, die auf dem Gute ihre Nahrung fanden.
Dort war eben Kirchweih abgehalten worden, und die Bauern und Insassen
feierten jetzt noch -- gewissermaen zur Erholung von den berstandenen
Festlichkeiten -- die Nachkirchweihe in einer Art von verlngertem
blauen Montag. Die Kpfe wst von vielem Tanzen und Trinken und den
verschiedenen durchschwrmten Nchten, hatten sie noch keine rechte
Lust, wieder zu ihrer regelmigen, steten Arbeit zurckzukehren und
glaubten die Zeit denn natrlich nicht besser anwenden zu knnen, als
wenn sie das frher begonnene Zechen ein klein wenig lnger fortsetzten.
Der arbeitsame Bauer ist schwer aus seiner altgewohnten, tglichen
Beschftigung herauszubringen; wenn aber einmal drauen, bekommt er
sich selber auch nur uerst schwer wieder hinein. -- Er wei das selber
recht gut und lt sich deshalb eben Zeit dazu.

Im Dorfe war ein ziemlich groes Wirtshaus: Zum Stern; denn die Chaussee
fhrte um den See herum und wurde besonders stark von Fuhrleuten
befahren, welche die Landesprodukte frher bis an die See nach Wismar,
seit Einrichtung der Eisenbahn aber, mit noch viel lebendigerem Verkehr,
nach der nchsten, etwa sechs Meilen entfernten Eisenbahnstation
schafften. Der Stern bildete denn auch jetzt den Mittelpunkt, in
welchem die Honoratioren des Ortes zusammenkamen, bei Wein oder Bier die
Nachwehen der berstandenen frohen Tage zu vertreiben, und selbst der
alte Verwalter vom Schlo, eigentlich kein Wirtshausgnger, war heute
unter ihnen und sa mit einem Glase Wein vor sich am runden Tisch in der
unteren Stube, denn kaltes, unfreundliches Wetter hatte die Gste in
das Innere des Hauses getrieben. Der alte Verwalter war aber eigentlich
nicht blo um zu trinken hergekommen, sondern er brauchte Leute aus dem
Dorfe zur Arbeit, und wute, wie schwer es hielt, sie selbst von der
Nachkirchweihe fortzulocken. So willig sie sich auch sonst finden
lieen, heute wichen sie ihm aus, und der alte Mann, der nicht hinter
ihnen herlaufen konnte, hatte sich deshalb wie die Spinne hier mitten
in das Netz gesetzt, wo sie ihm, wie er recht gut wute, doch zuletzt
anlaufen muten. Neben ihm, ineinandergedrckt und schlfrig, sa ein
anderer alter Gesell, der faule Tobias, wie sie ihn im Dorfe nannten.
Er sah fast wie ein Mller aus, mit seinem hellblauen, wei bestaubten
Rock, war auch frher ein Mller, und noch dazu ein ganz tchtiger,
gewesen, und wohnte in der unteren Mhle, aber nur zum Auszug. Er hatte
vor lngeren Jahren Mhle wie Anwesen an seinen Schwiegersohn verkauft
und sich nur, wie das hufig Sitte ist, seinen Auszug, das heit Wohnung
und Verpflegung bis zum Tode, vorbehalten, dann das Geld genommen und
lustig damit gelebt, und jetzt hie es allgemein, da er wohl bald mit
der erhaltenen Summe fertig sein msse. Das aber kmmerte ihn gar wenig.
Ohne die geringste Beschftigung, war er den Vor- wie Nachmittag sicher
im Stern zu treffen. Nur an warmen Tagen ging er manchmal mit der Angel
an den Bach, aber er war selbst zu faul, Wrmer zu suchen, besteckte
seine Angel deshalb nur, legte sie ins Wasser und sich daneben in den
Schatten irgend eines Baumes, und schlief so lange, bis er durstig
wurde. Dann stand er auf, packte sein Angelzeug zusammen und ging wieder
in den Stern, und die Leute im Dorfe nannten ihn so mit Recht den faulen
Tobias.

Da der Bursche nicht zum Arbeiten zu bringen war, selbst wenn er noch
htte arbeiten knnen, wute der Verwalter recht gut, richtete deshalb
auch kein Wort an ihn, und die beiden saen eine Weile schweigend neben
einander, wobei Tobias manchmal mit den rotgernderten und feuchten
Augen nach ihm hinberblickte, und sich nur bewegte, wenn er sein Glas
hob oder es von frischem fllen lie.

Na, nahm da endlich Tobias das Gesprch auf, denn es verdro ihn,
da ihn der Verwalter keines Wortes wrdigte, wird ja jetzt bald ein
anderes Leben in dem alten Schlosse werden, he? -- Kommt heute ein neuer
Pachter hinein, der wahrscheinlich einmal ein bischen reine Bahn macht.

Mglich, sagte Schnle, der Verwalter, trocken. Euch wird er aber
doch wohl nicht ndern knnen.

Mich? -- ne -- wre auch schade, lachte Tobias stillvergngt vor sich
hin, denn er wute jetzt, da er den Verwalter gergert hatte, bin so
hbsch genug und mu nun auch so bis an mein Ende -- das Gott der
Herr mir und meinem Schwiegersohn zuliebe wohl noch ein paar Jhrchen
hinausschieben wird, -- aufgebraucht werden; hehehe!

Der Verwalter antwortete ihm nichts darauf, trank einen Schluck aus
seinem Glas und sah ungeduldig nach der Tr. Die Gesellschaft gefiel ihm
nicht, und er wre gern aufgestanden, htte er nur irgendwo anders einen
passenden Platz gehabt. Der Alte merkte dies recht wohl, aber noch viel
zudringlicher fuhr er fort: Es hie ja einmal eine Weile im Ort, der
Herr Verwalter wrden den Pacht selber bernehmen, he? Der gndige Herr
da drauen hat aber wohl nichts davon wissen wollen? Ja -- ist eine alte
Geschichte: der Prophet gilt nichts im eigenen Lande, hehehe!

Damit hatte er brigens, wie er recht gut wute, des Verwalters
wundesten Fleck getroffen; der alte Mann stand auch auf, trank sein Glas
aus und sagte: Ihr seid ein unverbesserlicher Schwtzer, Tobias, und
ein so nutzloses Subjekt, wie je auf zwei Beinen herumgetaumelt ist.
Wenn Ihr einmal nchtern seid, will ich weiter mit Euch reden. Und
damit wollte er sich von dem hhnisch zu ihm aufschauenden Alten
abdrehen, als die Tre aufgerissen wurde, und einer der Gutsknechte
atemlos hereingestrzt kam.

Sie sind da -- sie sind da! schrie der Bursche, ohne nur zu gren,
den Verwalter an, eben fahren sie die Allee hinauf -- zwei Wagen
hintereinander.

Alle Wetter! rief der Verwalter erschreckt, und ich sitze hier und
verschwatze die Zeit mit dem -- Lump da! Und ohne weiter einen
Blick zurckzuwerfen, fuhr er aus der Tre, sprang auf sein drauen
angebundenes Pferd, das der Knecht rasch von dem eisernen Ringe lste,
und sprengte, was dieses laufen konnte, den breiten Fahrweg hin, der
nach dem Schlosse hinauffhrte. Der alte Tobias sah ihm tckisch nach.

Lump? brummte er leise und grimmig vor sich hin, na, warte, Alter,
den Lump werde ich Dir gedenken, preuischer Dickkopf, der sich
immer aus was besserem gemacht denkt! -- Verwalterhacke, auf eine
Ochsenjungenpeitsche gepfropft -- wenn ich die Zeit nur noch erlebe,
da sie dich vom Hofe jagen. -- Lump! -- selber einer! -- und mit den
giftig hervorgestoenen Worten go er den letzten Rest seines Kruges
hinunter.

Oben im Schlosse ging es indessen lebhaft zu, denn mit Blitzesschnelle
hatte sich die Nachricht von dem Eintreffen des Gutsherrn, wie des neuen
Pachters, die eigentlich erst auf morgen angesagt waren, verbreitet.
Die Leute sammelten sich rasch im Schlohofe, und als die Wagen ber die
etwas morsche Brcke des sogenannten Teichgrabens rasselten, sprengte
auch schon der Verwalter von der anderen Seite vor das Herrenhaus und
behielt gerade noch Zeit, sein Pferd einem der Knechte zu bergeben und
sich selber dem Pachter anzuschlieen, um die Herrschaft zu empfangen.
Die Wirtschafterin war allein nicht fertig geworden und in ihre Kammer
hinaufgesprungen, wo sie in aller Hast und Eile den Schlssel suchte,
den sie schon von Anfang an in der Hand hielt, um eine reine Schrze
vorzubinden und eine frische Haube aufzusetzen.

Die beiden Wagen hielten jetzt vor dem Herrenhause, der alte Verwalter
sah aber kaum die beiden Herren und die elegant gekleidete Dame, die aus
dem ersten stiegen und von dem Pachter auf das ehrfurchtsvollste begrt
wurden. Sein Auge hing vielmehr an dem zweiten, in dem ein ltlicher
Mann mit zwei Kindern sa. Hatte der neue Pachter sich seinen Verwalter
gleich mitgebracht, und konnte er jetzt gehen, um sich auf seine alten
Tage sein Brot wo anders in der Welt zu suchen? Den alten Mann berlief
es siedendhei; ein eigenes Zittern berkam ihn, und die fremden
Gestalten flimmerten und zuckten ihm vor den Augen, da er kaum imstande
war, sie voneinander zu unterscheiden. Nur einen von ihnen allen kannte
er schon, den Herrn Rittmeister von Geyerstein, der zuerst aus dem Wagen
gesprungen war und der Dame jetzt die Hand bot, um ihr beim Aussteigen
behilflich zu sein. Wie behend aber gerade die Dame von dem ziemlich
hohen Wagentritt, nur leise die ihr gebotene Hand berhrend,
niedersprang! Der Pachter kam dadurch mit der Anrede ganz aus seinem
Konzept, und der Rittmeister hatte seine Hand genommen und geschttelt,
ehe er imstande gewesen war, ihn zu begren.

Auch die Insassen des zweiten Wagens stiegen jetzt aus, und das
kleine Mdchen hatte zum Entsetzen der Mgde ebenfalls von oben
herunterspringen wollen, aber der ltliche Mann, der bei ihnen sa,
verhinderte sie daran, lie erst den Wagenschlag ffnen und stieg dann
langsam mit den Kindern aus.

Da sind wir denn an Ort und Stelle, sagte jetzt Graf Geyerstein, sich
freundlich zu seinem Begleiter wendend, und ich hoffe, da es Ihnen
hier recht gut gefallen wird. Die Gegend ist fruchtbar und nicht ohne
landschaftliche Reize, der hier wohnende Menschenstamm einfach und
bieder, und einzelne der Nachbarn sind vortreffliche Leute, so da es
sich hier im Notfalle schon leben lt. Unser alter Pachter hat sich
hier, so viel ich wei, ganz wohl befunden.

Und wrde den Platz im Leben nicht verlassen haben, Herr Graf, sagte
der Mann, wenn nicht auergewhnliche Umstnde, wie Sie recht gut
wissen, mich dazu gentigt htten. Ich habe hier eine frohe und
glckliche Zeit verlebt und viel Gutes genossen, und mte ein
schmhlich undankbarer Mensch sein, wenn ich das leugnen oder auch nur
verheimlichen wollte.

Der Platz sieht nicht bel und das Gut reinlich und freundlich aus,
bemerkte jetzt die Dame, die ein dunkles Reisekleid trug, nur die
Nachbarn scheinen mir ein etwas weitlufiger Begriff.

Wir haben es vorderhand auch nicht mit den Nachbarn, sondern mit uns
selber zu tun, bemerkte rasch der Fremde, und werden Flei darauf zu
wenden haben, uns tchtig einzuarbeiten.

Und darin wird Sie hoffentlich mein alter Verwalter hier nach Krften
untersttzen. Wie geht's, Schnle? mit diesen Worten wandte sich der
Graf pltzlich an den alten Mann und reichte ihm die Hand. Noch immer
frisch und krftig bei der Arbeit? Ich bringe Euch hier den neuen
Pachter vom Gute, und bitte Euch, nachher einmal auf mein Zimmer
zu kommen. Ich habe manches mit Euch ber die neue Einrichtung zu
besprechen.

Gndigster Herr Graf, Erlaucht -- stammelte der alte Mann, und die
freundliche Anrede hatte ihm eine Zentnerlast von der Brust gewlzt,
Sie knnen gar nicht glauben -- schon lange darauf gefreut --
heidenglcklich.

Schon gut, Alter, schon gut, nickte ihm der Rittmeister freundlich
zu, und fuhr dann, zu seinem Begleiter gewandt, fort: Das ist ein altes
Inventar des Gutes, das wir in Ehren halten mssen. Der Mann kennt jeden
Stein und Baum umher, versteht seine Sache und ist brav und ehrlich.
Ich hoffe, ihr sollt gute Freunde mitsammen werden. Gott gr' euch, ihr
Leute, ich denke, wir gehen hinauf. Die gndige Frau wird sich
umziehen wollen, um zum Diner bereit zu sein. Schnle, fhren Sie die
Herrschaften in die fr sie bestimmten Zimmer. Es ist doch alles in
Ordnung gebracht?

Alles, Herr Graf, versicherte der Pachter, obgleich wir Sie
eigentlich auf morgen erwarteten. -- Vogt, sorgt Ihr dafr, da die
Sachen augenblicklich hinaufgebracht werden.

Die Leute hatten sich bei dem an sie gerichteten freundlichen Grue des
Herrn herzugedrngt und warfen sich jetzt in einem wahren Feuereifer
auf die verschiedenen Koffer und Hutschachteln, da jedes von ihnen
wenigstens einen Teil des Gepckes tragen und sich dabei diensteifrig
beweisen wollte. War doch ihr junger Herr von allen recht von Herzen
geliebt, und der Tag immer ein Freudenfest, wo er einmal -- was freilich
selten genug geschah -- unter ihnen erschien. Wie die Fremden aber im
Schlosse verschwanden, und das Gepck an Ort und Stelle abgeliefert war,
blieben sie auch den Blicken der Dienstleute fr diesen Tag entzogen,
und die Knechte und Mgde hatten nun Raum, abends in der Gesindestube
ihre Ansichten ber den neuen Pachter und seine Begleitung
auszutauschen. Das geschah denn auch ohne Rckhalt, und der gemeine Mann
hat da oft, was das erste Urteil ber eine neue Erscheinung betrifft,
einen weit schrferen Blick und gesnderen Takt, als man ihm gewhnlich
zutraut.

Selbst der Vogt, eine Art Unterverwalter auf dem Gute, eigentlich aber
nur der erste Knecht mit dem Titel Vogt, schien heute das Bedrfnis
gefhlt zu haben, dem brigen Gesinde, von dem er sich sonst gern
etwas abgesondert hielt, seine Meinung ber die neue Pachterfamilie
mitzuteilen. Er stand an dem Ofen, neben dem die Milchmagd eben einige
ausgewaschene Gefe zum Trocknen aufgestellt hatte, indem er an
seiner Pfeife arbeitete, um sie wieder in Gang zu bringen. Er wartete
augenscheinlich, von den brigen als Autoritt zuerst angeredet zu
werden, und hatte sich darin denn auch nicht getuscht.

Na, Vogt, sagte der erste Schafknecht oder Schfer, der oben am
Tische sa und, whrend die Mgde die abgegessenen Schsseln wieder
hinaustrugen, sein Rauchzeug ebenfalls hervorholte, da haben wir ja den
neuen Pachter warm aus der Stadt heraus. Wie gefllt er Euch?

Gut, sagte der Vogt, einen langen Spanfidibus an die kurze Pfeife
haltend, er hat etwas Respektierliches im Aussehen; beinahe so, wie
unser gndiger Herr selber, wenn er auch mit dem groen Bart ein bischen
wild drein schaut.

Uns auch, meinte der andere Knecht, und Donnerwetter, wie die Madame,
die neue Pachterin, springen konnte! Die mcht' ich einmal auf dem
Tanzboden sehen; die mu nicht schlecht fliegen knnen.

Wer war nur der Alte, der in dem zweiten Wagen bei den Kindern sa?
meinte der Schfer, das ist ein wunderlicher Kauz. Ueber das Gesicht
zuckt es ihm immer, wie tausend Falten, als ob's ihn an der Nase juckte
und er sich nicht kratzen drfte.

Hm, meinte der Vogt, ich denke mir, das wird wohl der Lehrer von den
beiden Kindern sein, den sie sich mitgebracht haben. Erst hielt ich ihn
fr einen neuen Verwalter, aber wie ein Oekonom sieht er mir doch nicht
aus, und der Alte bleibt ja auch, das hat ihm der gndige Herr gleich
versichert.

Aber der gndige Herr sieht recht bleich und abgemagert aus, sagte
die Gromagd, er mu gewi krank gewesen sein. Er war auch so ernst und
still; gar nicht so frhlich, wie das letzte Mal, wo er hier war.

Das macht die Stadtluft, meinte der Vogt, in dem vielen
Steinkohlenqualm und Dampf knnen die Menschen natrlich nicht so gesund
sein, wie hier drauen bei uns in der frischen Luft. Wo soll's denn
herkommen?

Ach was! sagte die Magd, das ist kein Steinkohlendampf, was dem
gndigen Herrn auf dem Gesichte liegt, das ist was anderes, viel
schwereres, und ich will ihm zu Gott wnschen, da er kein geheimes
Herzeleid zu tragen hat.

Herzeleid, lachte der Pferdejunge, der sich hinter den Ofen auf die
Bank gedrckt hatte, und erst vor ein paar Monaten hier angezogen
war, berhaupt ein etwas naseweiser Gesell, wo soll derlei Herzeleid
herkriegen! Das hat Geld genug, und mit dem Geld kauf' ich dem Teufel
sein Ohr ab in der Welt.

Du Gelbschnabel, weit wohl auch schon, wie es in der Welt aussieht,
sagte die Gromagd, ihn verchtlich ber die Achsel ansehend, da
solche -- Nasen, die noch nicht einmal hinter den Ohren trocken sind,
auch schon mitreden wollen!

Nun, nu, sagte der Pferdejunge, bei mich nur nicht, Kathrine! Das
Mdchen aber antwortete ihm gar nicht mehr, und der Vogt meinte: Die
kleine Deren ist ein fixes Ding, drall und nett, und hlt sich wie ein
Grenadier -- der Junge scheint mir's aber hinter den Ohren zu haben. Wie
er den Jahn mit seinen weiten Hosen sah, stie er heimlich den Alten an,
und der, wenn er auch keine Miene verzog, sah doch aus, als ob er sich
innerlich ausschttete -- der Junge aber lachte laut heraus.

Na, ich mchte wissen, was sie an mir zu lachen fnden, brummte Jahn,
der Schafknecht.

Die Madame sieht aber nicht aus, als ob sie Butter und Kse machen
knnte, meinte die Mittelmagd, ein junges, dralles Ding, sie trug auch
so neumodische Handschuhe an den Hnden, und mit der weien Haut wird
sie wohl noch keine Garben mit gebunden haben. Das scheinen vornehme
Leut' zu sein, die neuen Pachters.

Ja, meinte der Vogt, jetzt wird alles in den Schulen und Instituten
aus lauter Bchern gelehrt: das Melken und Ksemachen, und das Ackern
und Eggen, mit dem Pferdeputzen in den Kauf, und das haben sie denn
alles da drin mit Bildern hbsch aufgezeichnet und knnen es nur so am
Schnrchen hersagen. Den Mist lassen sie ja sogar aus Amerika kommen.
Wie's aber nachher um die Wirtschaft aussieht, das ist eine andere
Sache, und da verexperimentieren sie denn gewhnlich die ganze Blase,
und unsereiner mu nachher mit den Fusten wieder dreinspringen und gut
machen, was die klugen Leute alles verdorben haben.

Wo war denn der Schafmeister heute, als die Herrschaft kam? fragte
jetzt der eine Knecht, der fehlt doch sonst gewhnlich nicht bei
solcher Gelegenheit.

Ich wei nicht, meinte der Schafknecht, drunten im Ort vielleicht...

Der wird wieder schn um die neue Herrschaft herumscherwenzeln, meinte
der Vogt, aber ich passe ihm diesmal auf die Finger, darauf kann er
sich verlassen.

Wenn Ihr nur immer was auf den Schafmeister zu hacken habt, brummte
Jahn, der ist lange gut.

Aber wozu? fragte der Vogt, und die anderen lachten. Wo es was zu
horchen und zu spionieren gibt, ja, fuhr der Vogt fort, irgend was der
Herrschaft zu rapportieren, oder anderen Menschen...

Jahn, sagte in dem Augenblick der Schafmeister, der seinen Kopf zur
Tre hereinsteckte, sieh nach den Schafen, ehe es dunkel wird -- und
Ihr, Vogt, habt wohl auch weiter nichts zu tun, als hier zu schwatzen?
Und damit schlo sich die Tre wieder, hinter welcher der Schafmeister
wie eine Erscheinung verschwand.

Im ersten Moment herrschte in der Gesindestube Totenstille, nur der
Pferdejunge hinter dem Ofen kicherte leise vor sich hin, dann aber fuhr
der in seiner Wrde gekrnkte Vogt empor und rief, aber doch noch immer
mit etwas gedmpfter Stimme: So? -- ich denke wohl, ich werde selber
wissen, was ich zu tun habe, ohne da ich einen Schafmeister brauche,
der es mir erzhlt. Gewisse Leute mgen berhaupt nur denken, da ihre
Herrschaft jetzt aus und vorbei ist, und die Kriecherei jetzt nichts
mehr hilft, wie vormalen. Damit aber, als ob er jetzt alles getan
htte, um die Achtung vor seiner Stellung aufrecht zu erhalten, schob
er seine Pfeife in die Brusttasche, griff seinen Hut auf, und sich zum
Gehen wendend, fuhr er noch einmal die Knechte an: Und Ihr braucht
auch nicht hier bei hellem, lichtem Tage schon dazusitzen und Maulaffen
feilzuhalten. Der Verwalter wird gleich wieder unten sein, und wer dann
die ewigen Nasen kriegt, das bin ich! Und mit den Worten fuhr er zur
Tre hinaus, um seinen Aerger womglich drauen an den Dreschern und
Tagelhnern auszulassen.




11.


An diesem Abend lie sich die Herrschaft nicht mehr blicken; das Diner
wurde oben gemeinschaftlich genommen, und dann hatte Graf Geyerstein den
ganzen Abend mit seinem Pachter zu rechnen und zu revidieren, um nur die
ntigsten Vorarbeiten fr die auf die nchsten Tage festgesetzte
Uebergabe des Inventars usw. zu beseitigen. Es war zwlf Uhr vorbei, ehe
die beiden Mnner zu Bett kamen.

Am nchsten Morgen, frh um acht Uhr, standen schon zwei Pferde
gesattelt vor dem Schlosse, und Graf Geyerstein ritt gleich darauf mit
dem neuen Pachter ber die Brcke hinber und schlug den Weg nach dem
Walde ein. Die Mgde, die drauen Runkelrben ausmachten, richteten
sich auf und schauten ihnen nach, so weit sie konnten; die beiden Mnner
saen gar zu fest und herrlich im Sattel, und die Tiere schienen zu
wissen, was fr tchtige Reiter sie trugen, denn sie wieherten frhlich
der frischen Morgenluft entgegen und flogen mit den krftigen Gliedern
nur so hin ber den weichen Rasen. Die Reiter hatten in der Tat ihren
Pferden im Anfang die Zgel gelassen, da sie nach Gefallen eine Strecke
ausholen konnten. Aber vom Gute weiter entfernt, und als sie jetzt vom
See ab, dem etwa eine Viertelstunde entfernten Holze zu bogen, zgelte
Graf Geyerstein zuerst sein Tier ein, ritt dann dicht bis an die
Holzung, deren mchtige Eichen ihre Riesenarme ber sie ausspannten,
und wandte hier den Kopf seines Pferdes der Richtung zu, von der sie
hergekommen waren. Einen besseren Fleck zu einem Ueberblick der ganzen
Nachbarschaft htte er auch nicht whlen knnen, und ein reizendes,
landschaftliches Bild lag vor ihnen ausgebreitet. Rechts hob sich,
von einer Masse Fruchtbume dicht umdrngt, und von einer Reihe hoher,
italienischer Pappeln berragt, das Gut empor, dessen rote Dcher gar
freundlich aus dem dunkeln Grn der Bume hervorschauten. Gerade voraus
spannte sich die in der Morgensonne blitzende und funkelnde Flche des
Sees, und zur Linken, lngs dem schilfigen Ufer desselben hingebaut, lag
das kleine, freundliche Drfchen Schildheim, von gelben Stoppelfeldern
und braunen Sturzckern dicht und reich umgeben. Berge konnte das
Land freilich nicht aufweisen, einzelne wellenfrmige Erhhungen und
Hgelketten ausgenommen, aber heute hatten die Wolken einen Hintergrund
geliefert, und im Sdosten hoben sich, wie khne Alpenjoche, hohe,
milchweie Massen jach empor, die ganze Landschaft wie in einen Rahmen
schlieend.

Siehst du, Georg, sagte der Rittmeister, seine Hand hinber auf des
Bruders Arm legend, es ist ein schnes, freundliches Land, in das ich
dich gefhrt, und geht deine Erinnerung weit genug zurck, so mut du
sogar in dieser noch einen Anhalt finden. Als Kinder haben wir die alte
Grotante hier einmal besucht, bald nachher, als der Onkel gestorben
war, und sind auf dem See dort gefahren, wie wir durch den Wald hier mit
demselben alten Forstwart gezogen, der selbst jetzt noch am Leben ist,
und den wir wahrscheinlich heute morgen sehen werden.

Und wie soll ich dir je danken, Wolf, da du mich eben hierher
gefhrt? rief Georg, whrend eine Trne in seinem mnnlichen Auge
zitterte, wie soll ich je...

La das, Georg, unterbrach ihn freundlich der Bruder, glaube mir,
dieser Augenblick wiegt -- alles andere auf, was mich je betroffen haben
knnte, so glcklich, so selig macht er mich selber. Ich wei dich
aus einem Leben gerettet, das deiner unwrdig war, in dem du httest
untergehen mssen; ich sehe fr unsere Mutter einen unverhofften und
deshalb so viel reicheren Segen an Glck herniedertauen, ich wei dich
froh und fr deine Zukunft gesichert, und wenn das wenige, was ich
getan, wirklich einen Lohn verdient, so finde ich ihn tausendfach in
diesem Gefhl.

Mein guter, braver Wolf! sagte Georg, des Bruders Hand fassend und
herzlich drckend.

Komm jetzt, rief Wolf frhlich, la uns absteigen und zu Fu in den
Wald gehen. Dort drben sehe ich einen der Holzmacher, dem wir unsere
Tiere bergeben knnen. Ich selber gehe dann mit dir den Fupfad durch
das Holz.

Ohne eine Antwort abzuwarten, sprengte er auch, von dem Bruder gefolgt,
am Holzrande hin, auf einen einzelnen, dort mit Anzeichnen von Bumen
beschftigten Arbeiter zu. Diesem wurden die Pferde mit dem Befehl
bergeben, sie zum Frsterhause zu fhren, und die beiden Brder
verschwanden gleich darauf in dem Schatten des wunderschnen Waldes.

Kaum aber im Dickicht drin, als Wolf auch den Arm des Bruders in den
seinen zog und mit herzlicher Stimme sagte: O, Georg, wie habe ich mich
nach diesem Augenblicke gesehnt, wieder so einmal Arm in Arm mit dir
durch den Wald zu ziehen, wieder einmal der alten Zeiten gedenken zu
knnen, und Mensch -- Kind zu sein! Ach, es war doch eine schne, liebe
Zeit, da wir noch als Knaben hier zusammen spielten, den alten Forstwart
neckten und in die Bume hinaufkletterten, um dem Sperber ins Nest zu
schauen!

Und sehnst auch du dich nach der alten Zeit zurck, Wolf? fragte der
Bruder. Du knntest doch jetzt glcklich sein; aber mir selber ist es
schon so vorgekommen, als ob ein geheimer Schmerz an deiner Seele nage.
Darf ich ihn wissen? -- kann ich vielleicht mit meinem Rat dir helfen?
denn wenn weiter nichts in der Welt, Erfahrung habe ich in reichem,
vollem Mae gesammelt. -- Oder drckt nur die Sorge um mich dich so
schwer zu Boden? Dann sei guten Mutes, ich werde dir beweisen, was der
feste Wille eines Mannes vermag.

Wirst du das in der Tat, Georg? rief Wolf bewegt, dann machst du mich
wirklich glcklich -- und dich zugleich mit. Wie es scheint, hast du
aber harte Kmpfe mit deiner Frau gehabt. Wir waren noch nicht einmal
imstande, darber zu sprechen.

Allerdings, seufzte Georg, und eigentlich bewog ich sie nur dadurch,
mir zu folgen, da ich darauf bestand, wie du mir geraten, mein Recht
auf das Kind geltend zu machen. Sie wollte sich nicht von Josefinen
trennen. Ich frchte auch, es wird sehr schwer halten, sie hier heimisch
zu machen.

Glaube das nicht, sagte Wolf, die Hauptsache war, sie jenem
aufregenden, wilden Reiterleben erst einmal zu entrcken, und aus dessen
Bereich, wird sie es bald vergessen lernen.

Ich frchte, das wird nicht der Fall sein.

Georgine ist eine durchaus gescheite Frau, sagte der Rittmeister, und
ich zweifle gar nicht, da sie bald selber begreifen und einsehen wird,
wie ihre Stellung im gesellschaftlichen Leben doch hier eine ganz
andere ist, als frher, da sie sich fr Geld im Zirkus zeigte. Schon der
genauere Umgang mit der besseren Gesellschaft, von dem sie ja bis jetzt
ausgeschlossen war, wird sie erst ber ihre frhere Stellung im Leben
aufklren, und einmal das gewonnen, kann sie nicht daran denken, je zu
einem solchen Dasein zurckzukehren.

Aber das Kind, auf das sie ihre ganze Hoffnung, ihren ganzen Stolz
setzt!

Gerade das Kind wird zuletzt das Band werden, versicherte der Bruder,
das sie zuletzt nur fester und inniger an das neue Leben kettet. Sie
wird einsehen lernen, da sie fr ihre Tochter ein glcklicheres Los
erwarten darf, als sie bis dahin fr mglich hielt, und gerade ihr jetzt
in eine falsche Bahn geworfener Stolz wird und mu sie dem richtigen
Wege entgegenlenken. Das aber, mein Georg, berlasse der Zeit, die wird
dabei das meiste wirken, und arbeite du selber dich nur wacker in den
neuen Stand hinein. Die Frau macht mir, da wir sie einmal so weit haben,
keine Sorgen mehr. Eins nur, was mich eher beunruhigt, ist, wie sich
der Vater deiner Frau und -- der Knabe in dieses geregelte, ja steif
brgerliche Leben finden werden. Die beiden mut du streng berwachen
und darfst sie nicht aus den Augen lassen.

Fr den Alten ist nichts zu besorgen, sagte Georg, er hat sogar der
Tochter von Anfang an zugeredet, sich meinem Wunsche zu fgen, und,
ziemlich bei Jahren schon, fhlt er sich sehr zufrieden und glcklich,
seine Zukunft gesichert zu sehen. Das Beispiel, das er an vielen seines
Standes im Alter vor Augen gehabt, mag ihn gewitzigt haben, und ich kann
mich, wie ich glaube, fest auf ihn verlassen. Nicht so sicher ist mir
der junge Bursche, der Sohn seines einst verunglckten Bruders, von dem
er sich aber unter keiner Bedingung trennen wollte. Es ist das der
einzige weiche Zug in seinem sonst ziemlich schroffen Charakter: die
Anhnglichkeit an den Knaben, und wenn ich selber im Anfang auch dagegen
war, da er uns begleiten sollte, sah ich mich endlich doch gentigt,
nachzugeben. Auerdem hat der Alte mir fest versprochen, ihn im Zaume
zu halten, und einmal mit dem frheren Leben gebrochen, wollte ich die,
welche doch nun einmal meine Verwandten sind, auch nicht lnger dabei
wissen. Ich selber htte sonst nie Ruhe gehabt und immer frchten
mssen, da sie mir -- selbst in spterer Zeit -- noch einmal Schimpf
und Schande gebracht.

Du hast recht, sagte Wolf, es ist besser, viel besser so, und fr
den Knaben wird sich, wenn er etwas Ordentliches gelernt hat, auch wohl
schon eine Stellung finden lassen. Wir mssen aber vorsichtig mit ihm
zu Werke gehen, da er das alte Leben erst vergit und selber Freude am
Lernen findet. In Schildheim ist brigens ein tchtiger Lehrer, und es
wird deine Sorge sein, ihn nach und nach heranzubilden und zu ziehen,
damit das wilde Leben nicht wieder zum Ausbruch kommt, das doch wohl
noch in ihm steckt. -- Aber dort liegt das Forsthaus, Georg; erinnerst
du dich noch des alten, mit Hirschgeweihen reich geschmckten Hauses,
mit seinem spitzen Giebel und den Sprchen ber der Tr?

Jetzt, da es vor mir liegt, sagte Georg, taucht es, wie aus alten
Zeiten, vor meiner innern Seele auf, und mir ist, als ob mich ein Mann
mit einem krausen Bart und einem grnen Rocke dort ber den Plan trge
und mich auf seinem Rcken unter jene Linde reiten liee.

Das war der Forstwart! rief Wolf, derselbe Bursche, der dort
mit eisgrauem Haare jetzt, unter dem nmlichen Baume sitzt und den
Schwanenhals scheuert, im Winter Fchse oder anderes Raubzeug damit zu
fangen. Der Alte wird dich aber nicht mehr wiedererkennen, und das ist
auch ganz gut so, denn unter deinem rechten Namen darfst und willst du
ja noch nicht erscheinen. Betrachte ihn fr jetzt deshalb nur als eine
Reliquie aus der Jugendzeit, denn nur als solche ist er noch auf dem
Posten, dem er, seines Alters und seiner wunderlichen Grillen wegen,
kaum mehr vorstehen kann. Auch der alte Verwalter stammt noch aus
unserer Zeit -- alle anderen sind neu, der Frster ist sogar erst seit
drei Jahren auf dem Gute, so viel ich aber von dem Pachter gehrt
habe, ein treuer und zuverlssiger Mann. Dich, Georg, verweise ich nun
hauptschlich an den alten Verwalter. Der Mann hat vielleicht manche
kleine Eigenheiten und hngt ein wenig an seinem altpreuischen
System, -- ein Hauptgrund, weshalb er mit dem letzten Pachter nicht
sympathisieren konnte -- sonst aber ist er treu wie Gold und aufrichtig
und ehrlich, ohne sich je vorzudrngen. Den halte dir warm; er ist dabei
ein durchaus praktischer Oekonom, der den Boden und seine Behandlungsart
hier aus dem Grunde kennt, und du kannst dich also in jeder Hinsicht auf
ihn verlassen. Aber wir sind gemeldet, die Hunde schlagen an, ich werde
dich dem Frster als den neuen Pachter, Herrn von Geyfeln, vorstellen.
Und seinen Arm aus dem des Bruders nehmend, schritt er mit ihm dem
Frsterhause zu.

Frster Alwart war eben vom Revier hereingekommen, und als die Hunde
laut wurden, trat er, seine Bchse noch in der Hand, in die Tr, um zu
sehen, was es gbe. Als er die Herren erkannte, kam er ihnen, die Mtze
abziehend, entgegen, und auch der alte Forstwart hatte seine Arbeit
ruhen lassen, ohne jedoch von seinem Sitze aufzustehen. Erst als sich
die Mnner der Stelle, wo er sich befand, nherten, erhob er sich
langsam, um seinen jungen Herrn zu begren.

Nun, lieber Frster, sagte indessen der Graf zu dem Weidmann, hier
bringe ich Ihnen den neuen Pachter, Baron von Geyfeln, der das Gut
bernehmen wird, und ich hoffe, da Sie gut mitsammen auskommen werden.
Der Baron versteht brigens noch nicht viel von der Forstwirtschaft, wie
er mir selbst gesagt hat, und bittet Sie durch mich, ihm da mit Rat und
Tat an die Hand zu gehen, um das Ntige kennen zu lernen. Ich glaube,
da ich mich dabei auf Sie verlassen kann.

Herr Graf, sagte der Jger, es wird mir eine Ehre sein, dem Herrn
Baron in allem Auskunft zu geben, was ich selber wei, und da ich mein
Bestes tun werde...

Davon bin ich berzeugt -- ah, unser alter Forstwart! -- Nun, Barthold,
wie geht's? Noch immer munter und rstig, seit wir uns nicht gesehen?

Zu Befehl, Herr Graf, erwiderte der Forstwart, der aufgestanden war
und seine Mtze abgenommen hatte, jetzt aber, whrend er mit dem Grafen
sprach, den Blick fest auf seinem Begleiter haften lie und nur manchmal
von ihm hinber zu dem Grafen sah, es geht noch immer, so wie's eben
geht. Besser natrlich nicht, mit den Jahren, und man mu nur Gott
danken, wenn's eben nicht schlechter wird. Nur der Wald bleibt jung --
ich kenn' ihn seit meiner Jugendzeit, und er ist seitdem wohl fester und
stmmiger geworden, aber lter -- beileibe nicht.

Ja, ja, mein guter, alter Barthold, sagte der Graf, jnger werden wir
alle nicht -- wie alt seid Ihr?

Fnfundsiebzig, im letzten Wonnemond.

Ein schnes Alter.

Halten zu Gnaden, Herr Graf, ein hohes Alter ist's wohl, aber kein
schnes. Fnfundzwanzig, denk' ich, war doch mein schnstes, vielleicht
ist's noch lnger her, aber ich habe die Zeit nun auch bald vergessen.

Und wie steht's mit den Wilderern und Holzfrevlern, Barthold?

I nun, Herr Graf, lchelte der Alte schlau vor sich hin, so viel ich
wei, befinden die sich wohl.

So? lachte der Rittmeister, also es geht ihnen gut hier?

Das wollte ich doch nicht damit sagen, meinte der Alte, und aus seinen
kleinen grauen Augen blitzte ein eigenes Feuer. Wir haben auch lange
nichts von ihnen gesehen, aber auf den Nachbargtern kehren sie manchmal
ein, und ist mir nie zu Ohren gekommen, da dort einem ein Schaden
geschehen wre. Den Holzlesern tun wir natrlich nichts. Die armen Leute
brauchen im Winter auch das bichen Holz, und drauen verfault's doch.

Das ist auch nicht mein Wille, sagte freundlich der Graf. Und wie
ist's mit dem Wildstand, Frster, schreien die Hirsche noch?

Brav, erwiderte der Weidmann, da wir wuten, da der Herr Graf selber
herkme, ist auch noch keiner das Jahr geschossen worden.

Vortrefflich; wenn wir Zeit haben, werden wir da nchstens einmal
hinausgehen. Geyfeln, Sie sind doch Jger?

Leidenschaftlich, aber ein besserer Jger wohl als Schtze.

Das lernt sich alles, und das vielleicht am leichtesten; unsere Jagd
ist hier nicht schlecht. Aber da seh' ich unsere Pferde. Adieu, Frster,
adieu, Barthold; ich werde es euch sagen lassen, wenn wir herauskommen;
aber noch besser, kommt morgen einmal hinauf auf's Schlo -- ich habe so
noch manches mit euch zu bereden.

Und mit den Worten grte er die beiden Forstleute, und wieder zu
Pferde, sprengten die Reiter auf das Gut zurck.

Der Forstwart war neben dem Frster stehen geblieben und sah ihnen nach,
solange er sie zwischen den stattlichen Eichenstmmen mit den Augen
verfolgen konnte. Erst als sie hinter den Bschen des Unterholzes
verschwunden waren, wandte er sich kopfschttelnd ab und wollte eben
wieder an seine vorher verlassene Arbeit gehen.

Nun, Forstwart, Ihr schttelt mit dem Kopfe, meinte da der Frster,
gefllt Euch der fremde Pachter nicht?

Doch, Frster, erwiderte der Alte, sehr gefllt er mir, aber es kommt
mir fast so vor, als ob es kein ganz Fremder wre.

Nicht? -- Kennt Ihr ihn von frher her?

Nein, Frster -- ich habe sein Gesicht wohl nie gesehen, und doch kommt
es mir so wunderbar bekannt und freundlich vor. Wenn ich nicht wte,
da...

Was?

O, nichts -- ist so eine alte Idee von mir. Man bekommt auch so viele
Leute im Leben zu sehen, bis einem die verschiedenen Gesichter zuletzt
im Gedchtnis durcheinander laufen. Nachher kann man sie nicht wieder
auseinander herausfinden. Ich werde schon recht alt, Frster.

Na, Ihr knnt noch immer eine Weile mit herumlaufen, lachte der
Frster gutmtig. Mein Vater ist neunzig alt und noch so frisch auf den
Beinen, als ob er kaum sechzig zhlte.

Wie Gott will, seufzte der alte Mann, ging zu seinem Sitz unter der
Linde und nahm den Schwanenhals wieder auf, an dem er fortscheuerte, um
das Eisen blank und rostfrei zu bekommen. Leise vor sich hin summte er
dazu ein altes Lied, und manchmal sprach er auch mit sich selber, aber
immer nur halblaut, da es kein anderer verstehen konnte, und dazu
nickte er zuweilen mit dem Kopfe.

Endlich war er fertig, ging in ein kleines Seitengebude, in dem sein
Zimmer lag, hing dort sein Schwanenhals auf, nahm dafr seine alte
einfache Flinte von der Wand, und schlenderte dann langsam, ohne sich um
das fr ihn bereitgehaltene Frhstck zu bekmmern, in den Wald hinein.




12.


Auf Schlo Schildheim wurde jetzt ein Doppelleben gefhrt. Aeuerlich
schien es, als ob nicht das geringste Auergewhnliche vorginge. Was
an Feldfrchten noch drauen war, wurde nach und nach eingefahren.
Die Knechte ritten morgens zum Ackern hinaus und kamen zum Mittagessen
wieder heim -- auf zwei Tennen wurde sogar schon gedroschen, um das
junge Korn, das heuer noch einen guten Preis hatte, bald auf den Markt
zu bringen. Wie die Welt drauen keinen Stillstand kennt, welchem
Wechsel auch ihre einzelnen Teile unterworfen sein mgen, so ging
das Wesen hier auch ruhig und ununterbrochen fort, welche wichtige
Vernderung auch in der innern Verwaltung vorgehen mochte.

Das Dienstpersonal berhrte das alles nicht; das schaffte und arbeitete
unverdrossen weiter, denn der Lohn ging fort, die Arbeit mute getan
werden, unter wessen Leitung das Ganze auch stand, wer auch die Zgel
in die Hnde nahm. Der Knig ist tot! es lebe der Knig! Das alte
Machtwort, wie dort im groen, so hier im kleinen, bte seine alte Kraft
und Eigenschaft, und als am Abend des zweiten Tages der frhere Pachter
sich in seinen Wagen setzte, die Leute grte und zum Tor hinausfuhr,
hrten die Drescher einen Augenblick mit Dreschen auf und sahen ihm
nach; als aber der Wagen um die Biegung verschwand, fielen die Flegel
wieder klappernd im Takt ein, und der ganze Epilog, der ihm auf der
Tenne gehalten wurde, war: Glckliche Reise, Herr Pachter -- bin jetzt
nur neugierig, wie der neue einschlgt.

Die ersten Tage vergingen so in dem Einrichten des neuen Pachters, und
selbst Frau von Geyfeln -- wie sich Georgine gar nicht ungern nennen
hrte, war es doch nur eine neue Rolle, die sie spielte -- fand
Unterhaltung darin, sich von der alten Wirtschafterin, die gar
geschftig in den weitlufigen Gebuden hin und her fuhr, in die
Geheimnisse einer lndlichen Haushaltung einweihen zu lassen. Sie war
dabei klug genug, der Frau zu verheimlichen, da sie noch gar nichts von
solchem Wirtschaftswesen verstand, und bei ihr vollkommen fremden Sachen
fragte sie erst auf weiten Umwegen vorsichtig herum, bis sie zum Ziele
kam und erfuhr, was sie eben wissen wollte. Frau Sibylle fhlte sich
dabei auerordentlich geschmeichelt ber das herablassende Benehmen der
gndigen Frau, die sich natrlich nur informieren wollte, wie die Sachen
hier in ihrer Gegend gemacht und vorgenommen wrden; denn jedenfalls
hatten sie es bei ihr zu Hause ganz anders, nur lange nicht so gut
und zweckmig betrieben. Die Wirtschafterin wollte sie auch berhaupt
sehen, die so gute Kse machte wie sie, die solch fette Butter lieferte,
deren Khe so fette Milch gben, und was das Trocknen von Obst, das
Ruchern von Fleisch, das Einmachen von Kraut und Gurken betraf, da
suchte sie ihren Meister. -- Und wie vornehm sah die neue Frau Pachterin
dabei aus! was fr feine Hnde hatte sie, und wie lief sie mit den
blankgewichsten, papierdnnen Schuhchen so keck mit durch alle Stlle
und in Milch- und Ksekammern, auf Rauch- und Trockenbden! Und kannte
sie nicht schon am ersten Abend fast alle Khe beim Namen nach der
Reihe her? Selbst in dem Pferdestall, obgleich sie da eigentlich nicht
hingehrte, war sie gleich am ersten Morgen gegangen und hatte gefragt,
wie die Tiere behandelt wrden und wie viel Futter sie bekmen -- und
vor den Pferden frchtete sie sich nicht so viel! Georg indessen, der,
wenn auch mit stiller, doch inniger Freude dem wirtschaftlichen Leben
seiner Frau aus der Ferne zusah, hatte selber alle Hnde voll zu tun, um
die kurze Zeit zu benutzen, die sein Bruder noch bei ihnen auf dem Gute
zubringen konnte, um soviel wie mglich von dem Verwaltungswesen eines
solchen Gutes zu lernen. Die Zeit war doch so kurz und gar so mancherlei
dabei zu erfragen, was sich durch Erfahrung gewhnlich nur mit Schaden
lernen lt. Aber er hatte den festen, mnnlichen Willen, sich in dieses
neue Leben einzuarbeiten, und Wolf war unermdlich, ihm, was er selber
wute, darber mitzuteilen.

Der einzige, der, wenn auch nicht teilnahmlos, doch vollkommen
unttig dem ganzen Treiben und Schaffen zusah und alles ruhig an sich
vorbergleiten lie, war der Alte, Georginens Vater, der unter
seinem wirklichen Namen Mhler eingefhrt war, und auch keine weitere
Auszeichnung beanspruchte, als da man ihn eben zufrieden lie. Er glich
dabei einem Manne der nach harter Anstrengung und Arbeit lngere Ferien
angetreten und vorderhand auch weiter keinen Zweck hatte, als sich recht
ordentlich und grndlich auszuruhen. Er schlief gewhnlich bis morgens
acht oder neun Uhr, frhstckte dann mit den Kindern auf seinem Zimmer,
machte einen Spaziergang mit ihnen nach dem Walde zu, kam mittags wieder
nach Hause, a sehr stark und vertrumte dann seinen Nachmittag in
hnlicher Weise, wie er den Vormittag durchgebracht hatte. Georg sah nun
wohl ein, da dieses Nichtstun auf die Lnge der Zeit nicht ausfhrbar
sein wrde und einer, wenn auch geringen, doch festen Ttigkeit weichen
msse. Fr jetzt lie er den Alten aber gewhren, einesteils, weil er
zu viel zu tun hatte, um sich mit ihm abzugeben, andernteils, weil er
hoffte, da sein Schwiegervater endlich selber zu ihm kommen wrde, ihn
um irgend eine Beschftigung zu bitten. Selber an Ttigkeit gewhnt,
hielt er es nicht fr mglich, da sich irgend ein Mensch an einem
solchen Leben lange freuen knne.

Die Kinder befanden sich jedenfalls am wohlsten; denn ganz ungewohnt, so
wie hier in der freien, schnen Natur zu schwelgen, mit dem grnen Rasen
unter, den breitstigen Bumen ber sich, sangen und hpften sie mit
den Vgeln drauen um die Wette und schienen am raschesten das frher
gefhrte Leben vergessen zu wollen. Nur die eine Angst hatte Georg,
da sie auch am leichtesten und unbefangensten ihren frhern Stand
ausplaudern wrden, und obgleich ihnen, selbst von der Mutter, auf das
strengste eingeschrft war, mit niemandem, wer es auch sei, darber zu
sprechen, erhielt der alte Mhler noch besonders den Auftrag, darber
zu wachen, da dieses Verbot nicht bertreten wrde -- und da es ein
notwendiges sei, wute er am besten.

Wolf von Geyerstein, mit dem Charakter von Georgs Frau jetzt genau
bekannt, fhlte da ihr, besonders in der ersten Zeit, in diesem
einfrmigen Leben auch etwas geboten werden mute, um sie zu
unterhalten, und beschlo, ehe er wieder in die Residenz zurckkehrte,
sie bei einigen der Nachbarn, mit denen er selber befreundet war,
einzufhren. Da sie diesen gefallen wrde, daran zweifelte er keinen
Augenblick, und einmal in bessere Gesellschaft gebracht, als sie
bisher gekannt hatte, lie es sich auch denken, da ihr Stolz darin
Befriedigung und sie sich selber, wenn auch nicht glcklich, doch
zufrieden fhlen wrde. Damit verging wieder eine Woche, und Georg und
Georgine wurden berall, schon in Rcksicht auf den allgemein
beliebten Grafen, mit offenen Armen empfangen, ja fr den Winter die
verschiedensten Plne entworfen, wie man hufiger zusammenkommen,
geselliger leben wolle. Graf von Geyerstein fhlte damit eine groe Last
von seiner Seele genommen, denn er hatte jetzt die feste Hoffnung, da
der Bruder von seiten seiner Frau keinen so harten Widerstand mehr wrde
zu bekmpfen haben -- und erst einmal ein halbes Jahr nur hinter sich,
und das Schwierigste war berwunden. Ein besonders drckendes Gefhl
blieb es ihm nur in dieser ganzen Zeit, und zwar weniger in Gegenwart
von Fremden als der Georginens, gegen den Bruder klter zu scheinen, als
sein Herz sprach, ja, ihn als einen Fremden zu behandeln. Der durch ihr
Mitrauen scharfsichtigen Frau war dabei der Zwang nicht entgangen, den
er sich augenscheinlich antat. Vergebens hatte sie aber bis jetzt durch
Anspielungen versucht, ihn zum Reden zu bringen. Sie fhlte, da die
beiden Mnner ein Geheimnis vor ihr hatten, und tat, wenn auch ohne
Erfolg, ihr mglichstes, dieses zu lften.

Graf Geyerstein mute nach Schwerin, um die Papiere des jetzigen Barons
von Geyfeln, die er durch seinen Einflu in *** erhalten hatte, dort
vorzulegen. Dadurch entzog er ihn allen weiteren Umstnden und beugte
mglicherweise daraus entstehenden Schwierigkeiten vor. Es gibt nun
einmal in unserm gar knstlich eingerichteten Staate eine Menge von
Formalitten, die beachtet sein wollen, die sich aber, wo ihnen irgend
ein Einflu entgegentritt, auch immer sehr leicht als bloe Formalitten
behandeln lassen -- man mu nur eben wissen, wie man es anzugreifen
hat. Graf Geyerstein war auch dazu der richtige Mann; er hatte in der
Residenz Verbindungen genug, um sich das zu erleichtern, und wute,
da nur eben seine Gegenwart dort ntig war, die Sache rasch und mit
gnstigem Erfolg zu beseitigen. Er kannte aber auch den Zeitverlust, der
bei allen mit den Gerichten zu verhandelnden Gegenstnden unausbleiblich
war, und durfte deshalb nicht zu lange sumen, um seinen Urlaub nicht
zu berschreiten. Von Schwerin aus wollte er dann direkt nach Hause
zurckkehren.

Es war der letzte Abend, den er bei ihnen in der breiten, gerumigen
Stube sa, in deren Ofen schon, der vorgerckten Jahreszeit wegen,
ein lustiges Feuer knisterte. Das Wetter drauen hatte sich kalt und
unfreundlich gestaltet, der Regen schlug an die Fenster, und der Wind
heulte drauen durch die Wipfel der alten Linden und warf die schwanken
Pappeln in einem tollen Spiele herber und hinber. An dem heutigen Tage
war eine von dem Grafen verschriebene Erzieherin -- eine junge
Franzsin aus guter Familie -- eingetroffen, die von jetzt an Josefinens
Ausbildung bernehmen sollte. Georgine hatte vorher nichts davon gewut
und war damit, aber nicht unangenehm, berrascht worden, denn an dem
Kinde hing ihr ganzes Herz. Klug genug, dabei einzusehen, da Josefine
nicht zu viel lernen knne, frchtete sie aber doch auch wieder, da
dies am Ende ein neues Band werden knne, sie an dieses ruhige Leben zu
fesseln und ihren eigenen Hoffnungen und Plnen zu entziehen. Aber ein
Kind des Augenblicks, wie sie es ihr ganzes Leben gewesen, trstete sie
sich auch hierin mit der Gegenwart. Sie selber wollte erst sehen und
prfen, und das andere fand sich von selber frh genug. Josefine war mit
ihrer neuen Erzieherin in das ihnen angewiesene Zimmer, der alte Mhler
mit dem Knaben auf seine Stube gegangen, doch hatte der Rittmeister auch
fr diesen schon gesorgt und mit seinem Bruder Rcksprache genommen, da
er in nchster Zeit der ausschlielichen und fr ihn nicht wohlttigen
Gesellschaft des alten Mannes entzogen werden solle. Nur allmhlich
durfte das geschehen, um Georginen in ihrem Vater nicht zu sehr zu
krnken.

Das Essen war abgerumt, die beiden Mnner arbeiteten noch mit dem
Verwalter zusammen, das Ntigste fr die nchste Zeit zu besprechen
und festzustellen, und Georgine lehnte auf dem Sofa und las -- hatte
wenigstens ein Buch in der Hand, denn ihre Augen flogen immer und immer
wieder nach der Gestalt des Grafen hinber, der in einem einfach grauen,
aber militrisch zugeschnittenen Rocke neben ihrem Gatten sa und mit
ihm die Wirtschaftsbcher durchging. Endlich war alles besorgt, der
Verwalter empfahl sich, die Bcher wurden weggelegt -- es mute schon
elf Uhr sein -- und Graf Geyerstein erhob sich ebenfalls, um sein Lager
aufzusuchen.

Unser trockenes Gesprch und Geschft wird Sie gelangweilt haben,
sagte er, als er zu Georginen trat, ihr gute Nacht zu bieten, aber
morgen sind Sie dessen enthoben, und Ihr Gatte wird schon alles tun,
was in seinen Krften steht, Ihnen das Leben hier angenehm und lieb zu
machen.

Herr Graf, sagte das schne Weib, indem sie aufstand und ihm
entgegentrat, ich bin schon einmal von Ihnen mit einer Bitte abgewiesen
worden, aber jetzt weichen Sie mir nicht mehr aus. Fremde Ohren hren
uns nicht, also beantworten Sie mir wahr und offen nur die eine Frage:
wem verdanken wir den Anteil, den Sie uns gezeigt?

Madame...

Halten Sie es nicht fr leere Neugierde, fuhr die Frau fast bewegt
fort, es ist mehr als das. Sie haben sich uns mit einer Aufopferung
gewidmet, die fr einen Fremden unerklrlich ist. Sie sorgen fr unser
Wohl, wie kaum ein Bruder fr uns sorgen knnte -- Sie denken auf das
Kleinste wie auf das Grte, Sie mssen sogar Bertrand mit Geldmitteln
untersttzt haben, er wre sonst nicht imstande, trotz dem, was uns noch
von dem Verkauf der Pferde geblieben, und was ich genau taxieren kann,
ein solches Anwesen, wie dieses, auf dem wir uns jetzt befinden, zu
bernehmen, und so dabei zu leben, wie Sie es fr uns in Absicht zu
haben scheinen. Da dem allen ein Geheimnis zugrunde liegt, haben Sie
mir schon dadurch gestanden -- da Georg ein anderer ist, als er sich
mir gezeigt. Sie muten mir so viel eingestehen, denn Sie fhlten, da
es zu unwahrscheinlich bleiben wrde, den Grafen als einfachen Freund
und Protektor des Kunstreiters hinzustellen -- auch unser Namenswechsel
zeigt das an. Aber selbst dieser ist noch darauf berechnet, mich irre
zu fhren. Vollenden Sie deshalb -- behandeln Sie mich nicht lnger
als eine Fremde -- lassen Sie mich wissen, wem wir diese Aufopferung
verdanken -- welches der wahre Name und Rang meines Mannes ist, und ich
werde dann alles, was in meinen Krften steht, tun, Sie zu untersttzen.
Verweigern Sie mir aber meine Bitte -- wollen Sie mich als eine Fremde
betrachtet wissen, so -- knnte ich mich an nichts gebunden halten.

Georgine, sagte Georg mit leisem Vorwurf im Ton, ist es recht, da du
in den Mann, den du selber unsern Wohltter nennst, mit solchen Fragen
dringst?

Wohltter? rief das schne Weib, sich stolz emporrichtend, den Namen
leugne ich. Der Wohltaten waren wir nie bedrftig, sind es noch nicht,
denn frei wie der Vogel in der Luft zogen wir unsere Strae, erwarben,
was wir gebrauchten, ja, mehr als das, und durften niemandem dafr
danken, als unserer eigenen Kraft. Das auch ist es allein, was mir jetzt
am Leben zehrt, da ich nicht mehr mein eigen Brot verdienen soll, da
ich dem Manne -- da ich einem Fremden dafr danken mu.

Nicht doch, gndige Frau, sagte der Graf ernst, so viel wie je
werden Sie jetzt dazu beitragen mssen, Ihr Brot, wie Sie es nennen, zu
verdienen. Bei einer solchen Wirtschaft ist nicht allein der Mann, der
drauen die Felder baut, der Ernhrer und Erhalter, sondern ebensoviel
die Frau, die daheim den Viehstand berwacht, das ganze innere Hauswesen
besorgt und in Ordnung hlt. Glauben Sie mir, da bei einem solchen Gute
fast mehr von der Tchtigkeit der Frau als von der des Mannes abhngt,
und haben Sie auch noch in diesem Augenblick nicht alle dazu ntigen
Kenntnisse, so wird es Ihnen, mit nur einigem guten Willen, nicht schwer
fallen, sich die anzueignen.

Und weshalb nennen Sie mich gndige Frau? Wir sind hier unter uns, und
Sie wissen, da mir der Titel nicht gebhrt.

Graf Geyerstein hatte mit sich geschwankt. Auf die erste, fast herzliche
Anrede der Frau war er -- uneinig mit sich, ob es zum Guten oder Bsen
fhren knne -- schon fast geneigt gewesen, Georginen, gegen seine
frhere Absicht, in sein Geheimnis einzuweihen. Ihre letzte, halb
versteckte Drohung, ihr zorniges Auffahren jedoch zerstrte den guten
Eindruck wieder, den ihre ersten Worte gemacht. Wer brgte ihm dafr,
da die Frau nicht doch ber kurz oder lang -- und wenn sie wute, wer
ihr Gatte war -- zu dem alten liebgewonnenen Leben zurckkehren knne,
und dann war ihrem leichtfertigen Gutdnken das Geheimnis eines edlen
Hauses unwiderruflich anvertraut. So viel aber fhlte er, etwas mute
ihr jetzt geboten werden, sie wenigstens vorderhand zufrieden zu
stellen, denn sie durfte nicht gereizt und zum Aeuersten getrieben
werden. Mit ruhiger Stimme sagte er deshalb: Im Gegenteil, gndige
Frau, ich wei, da er Ihnen gebhrt, Sie haben recht; ich kenne Ihren
Gatten von frheren Zeiten her. Wir waren, wie ich Ihnen schon gesagt,
Jugendfreunde, ich kenne seine Familie und wei, wie unglcklich sich
diese fhlen wrde, ihn in eine Laufbahn geworfen zu sehen, die --
Sie mgen dafr noch so sehr eingenommen sein -- seinem Stande nicht
entspricht. Ich selber versichere Ihnen aber jetzt, ich handle in dem,
was ich scheinbar fr Sie tue, nicht in meinem Namen allein, sondern in
dem seiner Familie, in die Sie selber einst aufgenommen werden knnen --
wenn Sie Ihr frheres Leben eben vergessen wollen. Denken Sie dabei an
Ihr Kind -- denken Sie, welchen verschiedenen Rang Josefine einst im
Leben einnehmen wird, als Baronesse und als Kunstreiterin. Denken Sie
daran, da Sie jetzt noch imstande sind, durch Flei und Sparsamkeit ihr
auch die Mittel dazu zu verschaffen, und ich bin berzeugt, Sie werden
Ihre neuen Verhltnisse im Leben nicht allein mit anderen Augen ansehen,
sondern Ihrem Gatten auch danken, der Mut und Selbstbeherrschung genug
hatte, einem augenblicklichen und doch nur sehr zweifelhaften Ruhme
zu entsagen, um in stiller Zurckgezogenheit fr Sie und sein Kind zu
wirken, und sich spter mit seiner Familie wieder auszushnen.

Und seine Familie heit in der Tat Geyfeln? fragte Georgine gespannt.

Ihr Gatte heit Georg von Geyfeln, erwiderte ernst der Graf, und ich
bin fest berzeugt, da es Ihnen gengen wird, wenn Sie wissen, da er
Titel und Namen mit Recht fhrt.

Und wenn es mir nicht gengte? sagte Georgine.

Es wird dir gengen, erwiderte hier, an des Grafen Stelle, Georg mit
finsterem Blick. Herr Graf, verzeihen Sie der tollen Neugierde einer
Frau, die bis jetzt nur zu sehr gewohnt war, ihren eigenen Launen und
Neigungen zu folgen. Aber ihr Herz ist gut und ihr Verstand klar; sie
wird in kurzer Zeit einsehen lernen, wie tricht sie gehandelt hat, auf
so kindische Weise in Sie zu dringen. Es ist spt, lassen Sie uns zur
Ruhe gehen, denn Sie mssen morgen frh aufbrechen, um den Ort Ihrer
Bestimmung zu erreichen. Da ich Ihnen dann bald recht gute und
erfreuliche Nachrichten ber uns alle geben kann, ist mein heier
Wunsch, meine feste Hoffnung.

Und hoffen Sie das auch, gndige Frau?

Ja, sagte Georgine, ihre Rechte in die dargebotene Hand des Grafen
legend, es war das erste Mal, da er sie ihr bot, ich will sehen,
ob ich mich, wie mein Mann hofft, bessern kann; sonst verspreche ich
vorderhand noch nichts.

Auf gute Besserung denn! lchelte der Graf, hob die Hand Georginens
leise an seine Lippen und verlie, nach einem herzlichen Hndedruck
Georgs, rasch das Zimmer.




13.


Es waren nicht ganz drei Monate seit dem Einzuge der neuen Pachtersleute
auf Schildheim vergangen, und dieser Zeit hatte es auch bedurft, um
die volle Einrichtung der Uebersiedelten, das volle Eingewhnen in
ihr neues, ihnen vollkommen fremdes Leben zu regeln und festzustellen
-- und vieles hatte sich in der Zeit gendert. Georg arbeitete in der
Zeit mit dem alten Verwalter aus allen Krften, sich die fr ihn
unumgnglich ntigen Kenntnisse zu erwerben, und da sich der Platz als
vollkommen geeignet dazu erwies, legte er sogar den Grund zu einer
Rassenverbesserung der Pferde und Stuterei -- und besser verstand
niemand mit Pferden umzugehen als er. Fr Karl waren zu gleicher Zeit
die ntigen Einrichtungen getroffen, da er die Schule in Schildheim
regelmig besuchte und zugleich Privatstunden bekam; denn der groe
Bursche war in allem, was Lernen betraf, noch hinter den kleinsten
Knaben weit zurck! Ein junger Mann wurde dazu, trotzdem da sich
Georgine im Anfange dagegen strubte, ins Haus genommen und ihm die
Aufsicht ber den Knaben besonders bergeben. Die Erzieherin, die Wolf
von Geyerstein fr Josefine besorgte, erwies sich ebenfalls
vortrefflich, und in einigen Jahren hoffte Georg die Kinder so weit
gebracht zu haben, da sie sich, ihren Altersgenossen gegenber, nicht
mehr zu schmen brauchten.

Selbst Georgine schien sich in das neue Leben zu finden, und besonders
waren es in der ersten Zeit die neuen Bekanntschaften, die sie
fesselten. Auf zwei Nachbargtern in der Nhe lebten nmlich zwei sehr
liebe Familien, ein ganz jung verheiratetes Paar aus dem Preuischen,
und ein alter mecklenburgischer Major, der hier sehr bedeutende
Besitzungen mit besonders herrlichen Waldungen liegen hatte. Dieser
brachte den grten Teil des Jahres auf seinem Gute zu, sah sehr viel
Besuch bei sich und machte ein groes Haus, in dem die landesbliche
Gastfreundschaft im reichsten Mae herrschte -- da ihm die lebendige,
bildschne Nachbarin dabei nur willkommen war, lt sich denken.
Natrlich wurde sie dort bald von einer Schar miger junger Herren
umschwrmt, und so gleichgltig Georg das in frherer Zeit und unter
anderen Verhltnissen liegend, geduldet hatte, so berkam ihn jetzt
dabei ein unbehagliches, demtigendes Gefhl -- ein Mittelding
zwischen erwachendem Stolz und Eifersucht, das er nicht niederzukmpfen
vermochte. Er machte Georginen deshalb freundliche, indes leere
Vorstellungen, denn sie lachte ihn aus und fragte ihn, ob er glaube,
da sie hier zwischen den Bauern ebenfalls verbauern solle. Da sie sich
amsiere, wo ihr die Gelegenheit dazu berhaupt nur so sprlich geboten
werde, drfe er ihr nicht verdenken, und auerdem sei sie es sich selber
und ihrem Rang schuldig, den Ton, der nun einmal in der vornehmen Welt
herrsche, anzunehmen.

Eine andere Sorge machte dem Manne der Alte, der, jetzt mit gar keiner
Beschftigung, da er sich durchaus nicht zu einer geregelten Arbeit
entschlieen wollte, der Flasche zusprach, wo er dazu gelangen konnte --
und leider fand er dafr nur zu hufig Gelegenheit. Allerdings hielt er
sich dabei stets auf seinem Zimmer, aber Georg frchtete mit Recht, da
er sich einmal wirklich betrinken und dann den Dienstleuten nicht allein
ein Aergernis geben, sondern auch verraten knne, zu welcher Klasse des
Volkes er eigentlich gehre. War es ihm doch nicht entgangen, da der
alte Verwalter, wenn er sich unbemerkt glaubte, schon manchmal heimlich
den Kopf ber das etwas wunderliche und rohe Benehmen des Mannes
geschttelt hatte, und welches Licht mute eine solche Entdeckung dann
auf seine Frau, auf ihn selber zurckwerfen! Die einzige Beschftigung,
zu der sich Mhler verstehen wollte, war die, da er sich einen aus
dem Dorfe gehalten Spitz abrichtete, und stundenlang sa er mit diesem
zusammen eingeschlossen, ihm allerlei tolle Kunststcke beizubringen.
Den Hund nannte er Hanswurst, und er kam nicht mehr von seiner Seite.

Georg sah das alles, ohne irgend eine Aenderung herbeifhren zu knnen,
und fhlte jetzt erst in seiner ganzen Schwere den Fluch seines frheren
tollen Lebens, das ihn, den Edelmann, unter die Hefe des Volkes geworfen
hatte. Jetzt verdammte es ihn dazu, nicht allein mit solch rohem
Menschen, wie dieser Mhler, zusammen zu leben und auszuhalten, nein, es
zwang ihn sogar, ihn als Verwandten anzuerkennen und in seiner eigenen
Familie zu halten. Das war freilich nicht mehr zu ndern -- es mute
ertragen werden und erforderte nur all seine Klugheit und Wachsamkeit,
um den fatalen Folgen, die es mglicherweise fr seine und der Seinigen
Zukunft haben knne, vorzubeugen.

Allerdings sprach er offen mit seiner Frau darber, und machte ihr
einmal sogar den Vorschlag, dem Alten irgend eine Heimat entfernt von
ihnen zu grnden, und ihm -- wenn auch mit groen Opfern -- dasselbe,
was er frher als Gehalt bezogen, als Pension zu sichern. Aber Georgine
wollte nichts davon hren -- frchtete sie vielleicht, da sie durch
ein Fortschicken des Vaters die Partei schwchen knne, mit der sie noch
immer dem Gatten gegenberstand?

Der alte Mhler untersttzte sie allerdings nicht in ihren noch
schlummernden Plnen: dem migen Leben wieder zu entsagen und zu ihrer
Kunst zurckzukehren; denn er selber hatte von dieser Kunst nur eine
sehr geringe Meinung und fhlte sich keineswegs geneigt, das ruhige
Schlaraffenleben, das er jetzt fhrte, mit der alten unbequemen
Narrenjacke so bald wieder zu vertauschen. Aber er war doch da -- und
bildete dadurch den Anknpfungspunkt, durch den sie an ihre frhere
frhliche Zeit zurckdenken, sich wieder hineinversetzen konnte, und
sie mochte sich deshalb nicht von ihm trennen. Nicht kindliche Liebe
fesselte sie an den alten Mann, sondern die Erinnerung ihrer Triumphe,
und die konnte und wollte sie nicht vergessen.

Und wenn sie dann so manchmal allein in ihrer Stube sa, wenn die
gefhrliche Dmmerstunde kam und sie im Geiste nun wieder an den mit
Menschen gefllten Zirkus dachte, der in Ungeduld sie, ihr Erscheinen
erwartete -- wenn sie sich dann wieder und wieder sagte, jetzt --
jetzt galt das Zeichen dir, da drauen im Lichterglanz, von Tausenden
umjubelt, auf flchtigem Rosse dahinzufliegen -- wenn sie den
Beifall, das Jauchzen der Menge hrte, und dann pltzlich, zu dsterer
Wirklichkeit erwachend, die trbe Lampe neben sich brennen, die kalten,
engen Rume um sich sah, da ballte sich die kleine, weie Faust oft
ungeduldig zusammen, der zarte Fu stampfte den Boden, und ihr trotziger
Sinn grbelte und sann, wie er sich dem unwillig getragenen Zwange
entziehen sollte.

Und was machten sie hier aus ihrem Kinde -- aus ihrer Josefine?
eine Modedame vielleicht, mit leerem Titel, ohne Vermgen -- eine
Pachterstochter auf dem Lande, die sich in Sieg und Jubel ihre Bahn im
Leben selbst erkmpfen konnte. Und sie mute es dulden, mute zusehen,
wie hier Tag fr Tag in tatenloser Ruhe langsam, zh verstrich -- es war
zum Verzweifeln -- aber niemand kmmerte sich mehr um ihren Schmerz, um
ihre Ungeduld. Wo sie vergttert war, wurde sie jetzt schon vergessen,
und wenige Jahre nur vielleicht, und die Leute drauen, das schwankende,
Vernderung liebende Publikum kannte sie nicht einmal mehr, und doch nur
dieses schwankenden, nach Vernderung haschenden Publikums wegen sehnte
sie sich fort aus ihrer stillen Huslichkeit, die Millionen anderer
Frauen gesegnet und gehegt haben wrden als ihr teuerstes Kleinod.

Georg hatte in dieser Zeit viel auf dem Felde und im Walde zu tun, und
fand dabei auch in der Jagd eine angenehme und seinem Krper zusagende,
seinem Geist entsprechende Erholung -- Georgine dagegen war viel allein
und deshalb launischer als je, so da ihr selbst ihr Vater aus dem Wege
ging. Da sich brigens im Schlosse niemand um ihn kmmerte, und Karl,
sehr gegen seine Wnsche, den ganzen Tag mit Lernen beschftigt
gehalten wurde, schlenderte der alte Mhler einmal in solcher Zeit zur
Abwechselung nach Schildheim hinaus, weniger freilich, um die Gegend
kennen zu lernen, als im Stern einzukehren und ein Glas zu trinken.

Hier fand er den unvermeidlichen Stammgast, den faulen Tobias,
der behaglich hinter dem Ofen kauerte, an einem alten, entsetzlich
schmutzigen und verbrannten Maserkopf sog, und seinen Krug Bier neben
sich auf der Bank stehen hatte.

Holla! sagte Tobias, als der Alte zur Tr hereinkam und sich unfern
von ihm, nach kurzem Gru, an einen der um diese Zeit leeren Tische
setzte, ich dchte gar, das wre der Schwiegervater vom preuischen
Gute oben. Schn willkommen, das ist gescheit, da Ihr auch einmal zu
unsereinem heruntersteigt -- und er hielt ihm sein Glas zum Anstoen
hin.

Ist ein verdammt langweiliges Leben da oben, brummte der Alte, indem
er mit ihm anstie, mu doch auch einmal heraus und frische Luft
schpfen.

Gescheit, lachte Tobias stillvergngt, Gesellschaft gefunden zu haben,
und das kann man meiner Meinung nach am allerbesten im Wirtshause.
Nirgends ist man so ungestrt und daheim, wie an so einem Orte, und wenn
ich mein Glas Bier bezahle, gehrt die ganze Bescherung mir.

Hrt einmal, Kamerad, sagte der Alte zutraulich, Ihr seid der erste
vernnftige Mensch, den ich hier im ganzen Neste finde, und ich denke,
ich werde fter hier herunterkommen. Hol' die da oben der Henker! denn
mein Bier will ich im Frieden trinken und mich nicht damit verstecken.

Verstecken? oho! halten sie Euch so knapp? lachte Tobias.

Knapp? -- verdamm' es, murmelte der Alte, ich bin alt genug, mich
selber zu halten, wie ich es gerade fr ntig finde.

Na, nichts fr ungut -- meinte nur so, entschuldigte sich Tobias, der
mit dem Schwiegervater, wie der Alte, ohne da er es wute, in der
Nachbarschaft hie, keinen Wortwechsel haben wollte.

Ihr seid ein Mller, wie? fragte Mhler nach einer kleinen Pause, in
der er sein Bier ausgetrunken und jetzt mit dem Deckel klappte, sich den
Krug wieder fllen zu lassen. Er sah dabei den faulen Tobias von oben
bis unten an.

Gewesen, meinte Tobias, habe das Geschft aber aufgegeben und es den
Kindern berlassen -- lebe so behaglicher. Was ist Euer Geschft, wenn
man fragen darf?

Meins? wiederholte der Alte, durch die Frage doch in Verlegenheit
gebracht, hm, ich -- revidiere die Rechnungen und -- und besorge die
Schreibereien.

Aber Ihr seht mir nicht aus wie ein Oekonom.

Nicht? lachte jener verschmitzt vor sich hin, bin auch mein ganzes
Leben nichts weniger als das gewesen. Habe studiert, in meinen jungen
Jahren versteht sich -- sage Euch, habe ein verteufeltes Studium
durchgemacht und knnte manchem Professor was zu raten aufgeben, aber --
wenn man alt wird, versteht Ihr, macht man eben nicht mehr viel Gebrauch
davon.

So? -- studiert? sagte Tobias, nur mit einem unbestimmten Begriff von
der Bedeutung des Wortes, des Schulmeisters Fritze hat auch studiert,
ist aber nie was Rechtes aus ihm geworden. -- Konnte das Sitzen nicht
vertragen, wie er meinte. -- Mu nicht hbsch sein, das Studieren!

Und was treibt Ihr nun so hier das ganze Leben durch?

Wir? verteufelt wenig. -- So lange man jung ist und das Leben genieen
knnte, hat man Plackerei und Schinderei genug -- und wird man alt --
ja, dann ist's eben vorbei, und man kann weiter nichts tun, als sich
ausruhen -- und das gnnen sie einem nicht einmal.

Guten Tag mitsammen, sagte in dem Augenblick eine tiefe Stimme, und
der alte Forstwart Barthold trat in die Stube.

Guten Tag, alter Waldlufer, lachte Tobias, whrend sich Mhler nach
dem neu Eintretenden umschaute, na, wo hast du wieder gesteckt?

Ich habe ein paar Eisen fr Fischottern gelegt, sagte der Forstwart,
nimm dich in acht, Tobias, wenn du unter dem Wehr etwa herumkriechen
solltest -- in der Mhle hab' ich es auch schon gesagt -- du knntest
sonst einmal einen von deinen alten Hinterlufen unversehens in einen
Schwanenhals hinein bekommen, und die Dinger spaen eben nicht.

Ich habe nichts unten am Wehr zu suchen, sagte Tobias, die Fischerei
ist vorbei, und bei dem Wetter gehe ich auerdem nicht raus. Du wirst
aber auch was Rechtes fangen. Da du's nur nicht satt kriegst, die Eisen
aufzustellen und in dem kalten Wasser herumzupatschen; es geht dir doch
keine Otter hinein.

Kann man nicht wissen, meinte der Forstwart, und gearbeitet mu doch
sein. So bequem wie du knnen wir's nicht alle haben. Herr Wirt, einen
Bittern!

Hol's der Teufel, mir auch einen! sagte Mhler, mit dem kalten Bier
verschwemmt man sich nur den Magen.

Ich habe auch nichts dagegen, stimmte Tobias ein, bei der Klte
drauen kann man schon was Warmes im Leibe vertragen. Ich begreife nur
nicht, wie du Winter und Sommer Freude daran finden kannst, drauen im
Walde herumzukriechen. Aus den Wasserstiefeln kommst du im Leben nicht
heraus -- ich glaube, du schlfst drin.

Manchmal nachmittags, ja, lchelte der alte Mann, aber ich will dir
etwas sagen, Tobias: wem's nicht gegeben ist, der kann auch im Walde
keine Freude finden, so wie du und deinesgleichen, die eben nur Bsche
und Bume drin sehen.

Na, siehst du was anderes drin? lachte Tobias.

Allerdings tu' ich das, erwiderte der alte Mann und wurde auf einmal
dabei ganz ernst, ja, fast feierlich, und wenn ich dir auch das jetzt
sage, Tobias, wirst du mich doch nicht verstehen. Aber das schadet
auch nichts -- gute Lehren und Wahrheiten werden oft weggeworfen, aber
manchmal bleibt doch ein Korn davon hngen und fllt auf guten Boden,
wie der Baum auch seinen Samen ber das drrste Land hinstreut. Irgend
ein Krnchen wurzelt doch vielleicht und treibt dann wieder einen jungen
Baum.


Ende des ersten Bandes.




[ Hinweise zur Transkription


Gegenber der Erstausgabe aus dem Jahr 1861 wurde die vorliegende
Ausgabe im Jahr 1914 berarbeitet, ohne dem Werk gerecht zu werden:
Modernisierung der Rechtschreibung, groenteils Verzicht auf
Texthervorhebungen in gesperrter Schrift, Verzicht auf Textmarkierungen
in Antiqua-Schrift, teilweise Zusammenlegen von Abstzen, teilweise
nderung von Textpassagen, Neuaufteilung der drei Bnde des Buches.

       *       *       *       *       *

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext
beibehalten. nderungen in der Schreibweise sind in der nachstehenden
Liste ausgewiesen, nderungen in der Zeichensetzung nicht.


nderungen:

  Seitenangabe
  originaler Text
  genderter Text

  Seite 5
  [Satz an das Ende der Seite 6 verschoben]
  Und nicht wahr, Komtesse, die fehlt Ihnen? lchelte der Graf.

  Seite 7
  rief die Komtesse Rosalie, Meladies jngere Schwecher
  rief die Komtesse Rosalie, Melanies jngere Schwester

  Seite 9
  in dem ihm das geringste Auergewhnliche schon strte
  in dem ihn das geringste Auergewhnliche schon strte

  Er soll in seiner Kust ganz Ausgezeichnetes leisten
  Er soll in seiner Kunst ganz Ausgezeichnetes leisten

  Seite 11
  Barett auf dem Kopfe mit wallenden schneeweien Stauenfedern
  Barett auf dem Kopfe mit wallenden schneeweien Strauenfedern

  Seite 13
  das Gesichcht auf die grellste Weise bemalt
  das Gesicht auf die grellste Weise bemalt

  Seite 15
  Zeit wenigstens bis nuen Uhr in Anspruch nimmt
  Zeit wenigstens bis neun Uhr in Anspruch nimmt

  Seite 16
  zu Diensten -- wenn Exellenz es gestatten
  zu Diensten -- wenn Exzellenz es gestatten

  [Zeile 23 verschoben nach Seite 17, Zeile 10]
  riesengroen, farbigen Anschlagzetteln Auer-

  Seite 18
  In der Reitbhn selber, die durch einen
  In der Reitbahn selber, die durch einen

  sich fnf- oder sechmal dabei berschlagend
  sich fnf- oder sechsmal dabei berschlagend

  Seite 20
  dem kleinen Wesen, das in jeder seiner Bewegung
  dem kleinen Wesen, das in jeder seiner Bewegungen

  Seite 25
  sprengte das wundeschne Weib des Kunstreiters
  sprengte das wunderschne Weib des Kunstreiters

  Seite 32
  zum Seilltnzer erzogen ist, denn mit seiner Erscheinung
  zum Seiltnzer erzogen ist, denn mit seiner Erscheinung

  Seite 39
  der Bajazzo mit seinen gliederverenkenden Knsten
  der Bajazzo mit seinen gliederverrenkenden Knsten

  Seite 43
  die mit feiner, zierlicher Schrift gestochenenen Worte
  die mit feiner, zierlicher Schrift gestochenen Worte

  tnte ihm schon ein lauets Herein!
  tnte ihm schon ein lautes Herein!

  Seite 53
  Sie sind schon lngere Zeit versheiratet, Madame?
  Sie sind schon lngere Zeit verheiratet, Madame?

  Seite 59
  ohne die beiden aber nur im mindesten zu beachten
  ohne die beiden aber nur im Mindesten zu beachten

  Seite 60
  die den Tollkopf auch noch zuredete
  die dem Tollkopf auch noch zuredete

  Seite 67
  Ueber den Landgrafenplatz welzte sich
  Ueber den Landgrafenplatz wlzte sich

  Seite 70
  heimlich, aber deshlab nicht weniger gut gemeint
  heimlich, aber deshalb nicht weniger gut gemeint

  Seite 77
  Also befehlen Kniglliche Hoheit?
  Also befehlen Knigliche Hoheit?

  Seite 81
  werden sich berdies bald wieder zurckziehn
  werden sich berdies bald wieder zurckziehen

  Seite 87
  sagte in diesem Augenblick eine vorwurfvolle Stimme
  sagte in diesem Augenblick eine vorwurfsvolle Stimme

  Seite 88
  die alte Exellenz wei auch wohl
  die alte Exzellenz wei auch wohl

  Seite 89
  Sie sind unausstehlig heute, Graf!
  Sie sind unausstehlich heute, Graf!

  Frlein von Zahbern wollte etwas darauf erwidern
  Frulein von Zahbern wollte etwas darauf erwidern

  Seite 101
  jetzt, dachdem ich dir erzhlt, da der Hanswurst
  jetzt, nachdem ich dir erzhlt, da der Hanswurst

  Seite 105
  Doch ich will der keine Vorwrfe mehr machen
  Doch ich will dir keine Vorwrfe mehr machen

  Jetzt, nachdem ich deine Frau gegesprochen
  Jetzt, nachdem ich deine Frau gesprochen

  Seite 106
  und du behlst den Verwalter, der bis jetzt
  und du behltst den Verwalter, der bis jetzt

  Seite 107
  fhlst du, dast du bei uns dich heimisch machen
  fhlst du, da du bei uns dich heimisch machen

  Seite 108
  Sie liebt mich als den besten und khsten Reiter
  Sie liebt mich als den besten und khnsten Reiter

  Seite 109
  und seit ihr diesem Schicksal nicht jede Stunde ausgesetzt?
  und seid ihr diesem Schicksal nicht jede Stunde ausgesetzt?

  Denkt der Soldat an Wunden oder Tod, wenne er dem Feinde
  Denkt der Soldat an Wunden oder Tod, wenn er dem Feinde

  Seite 126
  tun sie es nicht, so ist jedes selststndig genug
  tun sie es nicht, so ist jedes selbstndig genug

  Seite 137
  [Zeile 8 gelscht weil doppelt]
  Frisur wieder in Ordnung bringend, die Treppe,

  Komtesse Melnaie stand neben ihrer Mutter
  Komtesse Melanie stand neben ihrer Mutter

  Seite 139
  wo in aller Welt haben Sie nur den ganze Woche
  wo in aller Welt haben Sie nur die ganze Woche

  sagte sagte der junge Mann leicht errtend
  sagte der junge Mann leicht errtend

  Seite 140
  Gesellschaft soll mich nicht abhaltten, mich recht
  Gesellschaft soll mich nicht abhalten, mich recht

  Seite 141
  Luise von Merchern, aus einem altadligen Geschlecht stammend
  Luise von Mechern, aus einem altadligen Geschlecht stammend

  Seite 142
  an dem jungen Mdchen, und Meanie besonders fhlte
  an dem jungen Mdchen, und Melanie besonders fhlte

  Seite 146
  auf dem silbernen Teller bis jetzt vergebenst bemht
  auf dem silbernen Teller bis jetzt vergebens bemht

  Seite 147
  folgte ihnen bald, sie anscheinend den ausgebreiteten
  folgte ihnen bald, sich anscheinend den ausgebreiteten

  Seite 151
  sah unfern von sich den alten General von von Schoden
  sah unfern von sich den alten General von Schoden

  Seite 156
  eine solche Damengegesellschaft mchte ich einmal sehen
  eine solche Damengesellschaft mchte ich einmal sehen

  Seite 158
  Es ist auch eine der schnsten Melodieen
  Es ist auch eine der schnsten Melodien

  in des Rittmeisters Ohr, Zindem ihr Blick mit einer
  in des Rittmeisters Ohr, indem ihr Blick mit einer

  Seite 162
  die verschiedenen Kostms in Ordnung zu halten
  die verschiedenen Kostme in Ordnung zu halten

  Seite 169
  Was schiert mich die Liebe oder der Ha
  Was schert mich die Liebe oder der Ha

  Seite 174
  Versuche es nur einmal ein Jahre mit uns
  Versuche es nur einmal ein Jahr mit uns

  Seite 175
  wirklich erlauben, mir mein Kind zu zu stehlen
  wirklich erlauben, mir mein Kind zu stehlen

  Seite 189
  zur Erholung von den berstandenen Festliten
  zur Erholung von den berstandenen Festlichkeiten

  Seite 198
  eine frohe und glckliche Zeit Zeit verlebt
  eine frohe und glckliche Zeit verlebt

  Seite 199
  immer frisch und und krftig bei der Arbeit
  immer frisch und krftig bei der Arbeit

  Seite 204
  Wie er den Jan mit seinen weiten Hosen sah
  Wie er den Jahn mit seinen weiten Hosen sah

  Seite 210
  hohe, milchweise Massen jach empor
  hohe, milchweie Massen jach empor

  Seite 214
  da sie sich fr Geld im Zirkuns zeigte
  da sie sich fr Geld im Zirkus zeigte

  Seite 215
  mir fest versprochen, ihn im Zaune zu halten
  mir fest versprochen, ihn im Zaume zu halten

  Seite 218
  noch in der Hand, in die die Tr, um zu sehen
  noch in der Hand, in die Tr, um zu sehen

  Seite 220
  Gott danken, wenn's eber nicht schlechter wird
  Gott danken, wenn's eben nicht schlechter wird

  vielleicht ist'n noch lnger her, aber ich habe
  vielleicht ist's noch lnger her, aber ich habe

  Seite 231
  nach Schwerin, um die Papieren des jetzigen Barons
  nach Schwerin, um die Papiere des jetzigen Barons

  Seite 247
  Nicht kinderliche Liebe fesselte sie an den alten Mann
  Nicht kindliche Liebe fesselte sie an den alten Mann

  Seite 249
  entsetzlich schmutzigen und verbrannten Masekopf sog
  entsetzlich schmutzigen und verbrannten Maserkopf sog

  Hallo! sagte Tobias, als der Alte zur Tr hereinkam
  Holla! sagte Tobias, als der Alte zur Tr hereinkam]






End of Project Gutenberg's Der Kunstreiter, 1. Band, by Friedrich Gerstcker

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electronic work or group of works on different terms than are set
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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
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law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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