The Project Gutenberg EBook of Inferno Legenden, by August Strindberg

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Inferno Legenden

Author: August Strindberg

Translator: Emil Schering

Release Date: June 8, 2014 [EBook #45916]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK INFERNO LEGENDEN ***




Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org
(Images generously made available by the Internet Archive.)





INFERNO

LEGENDEN


AUGUST STRINDBERG


VERDEUTSCHT VON EMIL SCHERING

FNFTE AUFLAGE

MNCHEN UND LEIPZIG

BEI GEORG MLLER

1914


Die grosse Krisis mit fnfzig Jahren Revolutionen im
Seelenleben, Wsten-Wandrungen, Verdung, Swedenborgs
Hllen und Himmel.


Deutsche Original-Ausgabe gleichzeitig mit der
schwedischen Ausgabe unter Mitwirkung von Emil
Schering als bersetzer vom Dichter selbst
veranstaltet.





CORAM POPULO!

DE CREATIONE ET SENTENTIA VERA

MUNDI

MYSTERIUM




Personen:

DER EWIGE, unsichtbar.
GOTT, der bse Geist, der Usurpator, der Frst dieser Welt.
LUCIFER, der Lichtbringer, entthront.
Erzengel.
Engel.
Adam und Eva.



Erster Akt

DER HIMMEL


Gott und Lucifer, jeder auf seinem Thron. Sie sind von Engeln umgeben.
Gott ist ein Greis, dessen Gesichtsausdruck streng, fast bse ist;
er hat einen langen weissen Bart und kleine Hrner, wie der Moses
Michelangelos.

Lucifer ist jung und schn, hat etwas von Prometheus, Apollo, Christus;
die Farbe des Gesichts ist weiss, leuchtend, die Augen blitzen, die
Zhne glnzen; hat einen Heiligenschein ber dem Kopf.

GOTT:

Es sei Bewegung, denn die Ruhe hat uns verdorben! Ich will noch eine
Offenbarung wagen, auf die Gefahr hin, mich zu zerteilen und in der
rohen Menge zu verlieren.

Seht, dort unten zwischen Mars und Venus sind noch einige Myriameter
frei in meinem Sonnensystem. Dort will ich eine neue Welt schaffen: aus
Nichts soll sie geboren werden, und ins Nichts soll sie einst wieder
zurckkehren. Die Geschpfe, die dort leben werden, sollen sich fr
Gtter halten wie wir, und unsere Freude soll sein, sie kmpfen und
prahlen zu sehen. Die Welt der Torheit soll sie darum auch heissen.
Was sagt mein Bruder Lucifer, der mit mir die Macht ber diese Reiche
sdlich der Milchstrasse teilt?

LUCIFER:

Herr und Bruder, dein bser Wille heischt Leid und Verderben; ich liebe
deinen Gedanken nicht.

GOTT:

Was sagen die Engel zu meinem Vorschlag?

DIE ENGEL:

Der Wille des Herrn geschehe!

GOTT:

Es werde, wie ich gesagt! Und wehe denen, welche die Trpfe in der Welt
der Torheit ber ihren Ursprung und ihre Aufgabe aufklren.

LUCIFER:

Wehe denen, die bse gut und gut bse nennen, die aus Finsternis Licht
und aus Licht Finsternis machen, die aus bitter sss und aus sss
bitter machen! Ich lade dich vor das Gericht des Ewigen!

GOTT:

Das warte ich ab! Denn begegnest du dem Ewigen fter als alle zehn mal
zehntausend Jahre, wenn er diese Gebiete besucht?

LUCIFER:

Ich werde den Menschen die Wahrheit sagen, auf dass deine Anschlge zu
nichte werden.

GOTT:

Verflucht seist du Lucifer! Und dein Platz sei in der Welt der Torheit,
damit du ihre Qualen siehst; und die Toren sollen dich den Bsen nennen!

LUCIFER:

Du wirst siegen, weil du stark bist wie das Bse! Fr die Menschen
wirst du Gott sein, Du, der Verleumder, der Satan!

GOTT:

Hinunter mit dem Emprer! Vorwrts, Michael, Raphael, Gabriel, Uriel!
Stosst: Samael, Azarl, Mehazal! Blast: Oriens, Paymon, Egyn, Amaimon!
(Lucifer wird von einem Wirbelwind erfasst und in die Abgrnde
gestrzt.)




Zweiter Akt

AUF ERDEN

Adam und Eva unter dem Baum der Erkenntnis. Dann Lucifer in der Gestalt
einer Schlange.

EVA:

Diesen Baum habe ich noch nie gesehen.

ADAM:

Diesen Baum drfen wir nicht berhren.

EVA:

Wer hat das gesagt?

ADAM:

Gott.

LUCIFER: (erscheint). Welcher Gott? Es gibt mehrere!

ADAM:

Wer spricht da?

LUCIFER:

Ich, Lucifer, der Lichtbringer, der euer Glck wnscht, der unter euren
Leiden leidet. Seht den neuen Morgenstern, der die Rckkehr der Sonne
verkndet! Das ist mein Stern, und darber befindet sich ein Spiegel,
der das Licht der Wahrheit zurckstrahlt. Wenn die Zeit erfllt ist,
wird der Stern aus einer Wste Hirten an eine Krippe fhren, in der
mein Sohn geboren werden wird, der Erlser der Welt.

Sobald ihr von diesem Baum esset, werdet ihr wissen, was gut und was
bse ist. Ihr werdet wissen, dass das Leben ein bel ist, dass ihr
keine Gtter seit, dass der Bse euch mit Blindheit geschlagen hat,
dass euer Dasein sich nur abrollt, um die Gtter zum Lachen zu bringen.
Esset davon und ihr werdet die Befreiung von den Schmerzen, die Freude
des Todes, besitzen!

EVA:

Ich mchte wissen und befreit werden! Iss auch, Adam. (Sie essen die
verbotene Frucht.)




Dritter Akt


DER HIMMEL

Gott und Uriel.

URIEL:

Wehe uns, unsere Freude ist aus.

GOTT:

Was ist geschehen?

URIEL:

Lucifer hat den Bewohnern der Erde unsere Handlungsweise enthllt; sie
wissen alles und sind glcklich.

GOTT:

Glcklich! Wehe uns!

URIEL:

Noch mehr, er hat ihnen das Geschenk der Befreiung gegeben: sie knnen
also ins Nichts zurckkehren.

GOTT:

Sterben!... Gut! Dann sollen sie sich vermehren, ehe sie sterben. Es
werde die Liebe!




Vierter Akt


IN DER HLLE

LUCIFER:

(gebunden). Seit die Liebe in die Welt gekommen ist, ist meine Macht
tot. Abel wurde durch Kain befreit, aber erst, nachdem er sich mit
seiner Schwester fortgepflanzt hatte. Ich will euch alle befreien!
Wasser, Meere, Quellen, Flsse, ihr wisst die Flamme des Lebens zu
erlschen, steigt! vernichtet!




Fnfter Akt


DER HIMMEL

Gott und Uriel.

URIEL:

Wehe uns, unsere Freude ist aus.

GOTT:

Was ist geschehen?

URIEL:

Lucifer hat auf das Wasser geblasen: es steigt und befreit die
Sterblichen!

GOTT:

Ich weiss! Aber ich habe ein Paar von den am wenigsten Aufgeklrten
gerettet, das niemals das Wort des Rtsels erfahren wird. Die Arche der
beiden ist schon auf dem Berg zwischen den drei Wassern gelandet, und
sie haben Dankopfer dargebracht.

URIEL:

Aber Lucifer hat ihnen eine Pflanze gegeben, die sie Weinrebe nennen
und deren Sfte die Torheit heilt. Ein Trunk Wein, und sie werden
sehend.

GOTT:

Die Vorwitzigen! Sie wissen nicht, dass ich ihre Pflanze mit seltsamen
Tugenden begabt habe: Wahnsinn, Schlaf, Vergessen. Sie werden nicht
mehr wissen, was ihre Augen gesehen haben.

URIEL:

Wehe uns! Was machen sie dort unten, die trichten Bewohner der Erde?

Sie bauen einen Turm. Sie wollen den Himmel strmen. Lucifer hat sie
fragen gelehrt. Gut! Ich werde ihre Zungen berhren, dass sie Fragen
fragen, ohne Antwort zu erhalten; und mein Bruder Lucifer verstumme.




Sechster Akt


DER HIMMEL

Gott und Uriel.

URIEL:

Wehe uns, Lucifer hat seinen Sohn gesandt, der den Menschen die
Wahrheit lehrt....

GOTT:

Was sagt er?

URIEL:

Geboren von einer Jungfrau, will dieser Sohn gekommen sein, um die
Menschen zu befreien, und durch seinen eigenen Tod will er den
Schrecken des Todes aufheben.

GOTT:

Was sagen die Menschen?

URIEL:

Die einen sagen, der Sohn sei Gott, die andern, er sein der Teufel.

GOTT:

Was verstehen sie unter dem Teufel?

URIEL:

Lucifer!

GOTT:

(zornig). Mich reut, den Menschen auf Erden geschaffen zu haben; er
ist strker geworden als ich, und ich weiss nicht mehr, wie ich diese
Menge von Toren und Dummen lenken soll. Amaimon, Egyn, Paymon, Oriens,
nehmt mir diese Last ab; strzt den Ball in die Abgrnde. Fluch auf das
Haupt der Rebellen! Pflanzt auf der Stirn des verwnschten Planeten den
Galgen auf, das Zeichen des Verbrechens, der Zchtigung und des Leidens.

(Egyn und Amaimon erscheinen.)

EGYN:

Herr! Euer grausamer Wille und das ausgesprochene Wort haben ihre
Wirkung getan! Die Erde strmt auf ihrer Bahn dahin; die Berge strzen
ein, die Wasser berschwemmen das Land; die Achse zielt nach Norden;
Klte und Finsternis, Pest und Hunger verheeren die Vlker; die Liebe
ist in tdlichen Hass verwandelt, die kindliche Ehrerbietung in
Elternmord. Die Menschen glauben in der Hlle zu sein, und Ihr, Herr,
Ihr seid entthront!

GOTT:

Zu Hilfe! Ich bereue meine Reue!

AMAIMON:

Zu spt! Alles geht seinen Gang, seit Ihr die Krfte entfesselt habt....

GOTT:

Ich bereue! Ich habe Funken meiner Seele in unreine Geschpfe gelegt,
deren Hurerei mich erniedrigt, wie die Gattin ihren Gatten besudelt,
wenn sie ihren Krper besudelt.

EGYN (zu Amaimon):

Der Alte redet irre!

GOTT:

Meine Tatkraft erschpft sich, wenn sie sich von mir entfernen; ihre
Verderbnis ergreift mich; die Torheit meiner Nachkommenschaft steckt
mich an. Was habe ich begangen, Ewiger? Habe Erbarmen mit mir! Weil er
den Fluch geliebt hat, falle der Fluch auf ihn zurck; und weil er kein
Wohlgefallen am Segen gehabt hat, weiche der Segen von ihm.

EGYN:

Welcher Wahnsinn!

GOTT:

(wirft sich nieder). Herr, Ewiger, es gibt unter den Gttern keinen,
der dir hnlich ist! Deine Werke sind unvergleichlich. Denn du bist
gross und du tust Wunder; und du allein bist Gott, du allein!

AMAIMON:

Wahnsinn!

EGYN:

Das ist der Lauf der Welt: wenn die Gtter sich vergngen, die
Sterblichen sie drum betrgen!...





INFERNO

1894--1897



Motto

Beuge dein Haupt, stolzer Recke
Bete an, was du verbrannt hast;
Verbrenne, was du angebetet hast!

Und will mein Angesicht wider ihn setzen
und ihn mit Schauder schlagen,
dass er zum Zeichen und Sprichwort wird.
                              Hesekiel 14,8.

Unter welchen ist Hymenus und Alexander,
welche ich habe dem Satan bergeben,
dass sie gezchtigt werden, nicht mehr zu lstern.
                            1. Timotheus I,20.





1.

Die Hand des Unsichtbaren.


Mit einem Gefhl wilder Freude kehrte ich vom Nordbahnhof zurck, wo
ich meine liebe Frau verlassen hatte; sie fuhr zu unserm Kind, das in
fernem Land erkrankt war. Vollbracht war also das Opfer meines Herzens!
Die letzten Worte: "Wann sehen wir uns wieder?--Bald!" klangen mir
noch im Ohr, wie Lgen, die man sich nicht eingestehen will; eine
Ahnung sagte mir: "Niemals!" Und wirklich, diese Abschiedsworte, die
wir in November 1894 wechselten, waren unsere letzten, denn bis zu
diesem Augenblick, im Mai 1897, habe ich meine geliebte Gattin nicht
wiedergesehen.

Als ich ins Caf de la Rgence kam, setzte ich mich an den Tisch,
an dem ich mit meiner Frau zu sitzen pflegte, meiner schnen
Gefangenenwrterin, die Tag und Nacht meine Seele belauerte, meine
geheimen Gedanken ahnte, den Flug meiner Ideen bewachte, auf mein
Forschen im Unbekannten eiferschtig war....

Durch die wiedergewonnene Freiheit dehnt sich mein Ich aus und ich
werde hinausgehoben ber die kleinen Sorgen der grossen Stadt.
Auf diesem Schauplatz geistiger Kmpfe hatte ich eben einen Sieg
davongetragen, der an sich wertlos, fr mich aber ber die Massen gross
war, da er die Erfllung meines Jugendtraumes ausmachte, von allen
meinen Landsleuten getrumt, aber allein von mir verwirklicht: auf
einer Pariser Bhne gespielt zu sein. Das Theater stiess mich ab, wie
alles, was man erreicht hat, und die Wissenschaft zog mich an. Zwischen
Liebe und Wissen whlen mssend, hatte ich mich dafr entschieden,
nach der hchsten Erkenntnis zu streben; und da ich selber meine Liebe
opferte, vergass ich das unschuldige Opfer, das ich meinem Ehrgeiz oder
meinem Beruf brachte.


Sobald ich in mein schlechtes Studentenzimmer im lateinischen Viertel
zurckkehre, durchsuche ich meinen Koffer und ziehe aus ihrem Versteck
sechs Tiegel aus feinem Porzellan hervor; die habe ich lngst gekauft,
obwohl sie mir fr meine Verhltnisse zu teuer waren. Eine Zange und
ein Paket reinen Schwefels vollenden die Einrichtung des Laboratoriums.

Ein Schmelzofenfeuer ist im Kamin angezndet, die Tr geschlossen und
die Vorhnge heruntergelassen; denn drei Monate nach der Hinrichtung
Caserios ist es nicht klug, in Paris chemische Werkzeuge in die Hand zu
nehmen.

Die Nacht sinkt herab, der Schwefel brennt wie hllische Flammen,
und gegen Morgen habe ich Kohlenstoff in diesem fr ein Element
gehaltenen Krper festgestellt. Damit glaube ich das grosse Problem
gelst, die herrschende Chemie gestrzt und die Sterblichen vergnnte
Unsterblichkeit erworben zu haben.

Aber die Haut meiner Hnde, die von dem starken Feuer fast gebraten
ist, schlt sich in Schuppen ab, und der Schmerz, den ich beim
Auskleiden an den Hnden leide, zeigt mir, welchen Preis ich fr meinen
Sieg gezahlt habe. Doch als ich allein im Bette liege, das noch nach
der Frau duftet, fhle ich mich selig. Ein Gefhl seelischer Reinheit,
mnnlicher Jungfrulichkeit empfindet das vergangene Eheleben als etwas
Unreines; und ich bedaure nur, niemand zu haben, dem ich fr meine
Befreiung aus seinen schmutzigen, nun ohne viel Worte zerrissenen
Fesseln danken knnte. Ich bin nmlich im Lauf der Jahre Atheist
geworden, da die unbekannten Mchte die Welt sich selber berlassen
haben, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben.

Jemand, dem ich danken knnte! Es ist niemand da, und meine mir
aufgedrngte Undankbarkeit bedrckt mich!


Auf meine Entdeckung eiferschtig, tue ich keine Schritte, um sie
bekannt zu machen. In meiner Schchternheit wende ich mich weder
an Autoritten noch an Akademien. Whrend ich meine Experimente
fortsetze, verschlimmern sich meine aufgesprungenen Hnde, die
Schrunden brechen auf und fllen sich mit Kohlenstaub; das Blut sickert
hervor und die Schmerzen werden so unertrglich, dass ich nichts mehr
anfassen kann. Diese Qualen, die mich rasend machen, mchte ich den
unbekannten Mchten zuschreiben, die mich seit Jahren verfolgen und
meine Anstrengungen vereiteln. Ich meide die Menschen, versume die
Gesellschaften, lehne Einladungen ab, entfremde mich den Freunden.
Schweigen und Einsamkeit breiten sich um mich. Es ist die feierliche
und furchtbare Stille der Wste, in der ich aus Trotz den Unbekannte
herausfordere, um mit ihm zu ringen Leib an Leib, Seele an Seele.

Dass der Schwefel Kohlenstoff enthlt, habe ich nachgewiesen; jetzt
will ich Wasserstoff und Sauerstoff entdecken, denn die mssen
ebenfalls darin vorhanden sein. Doch meine Apparate reichen dazu nicht,
mir fehlt Geld, meine Hnde sind schwarz und blutend, schwarz wie das
Elend, blutig wie mein Herz. Denn whrend dieser Zeit stand ich im
Briefwechsel mit meiner Frau. Ich erzhlte ihr von meinen Erfolgen in
der Chemie; sie antwortet mit Berichten ber die Krankheit unseres
Kindes, in die sie hier und dort einstreut, dass meine Wissenschaft
eitel sei, und dass es tricht sei, dafr Geld fortzuwerfen.

In einer Anwandlung gerechten Stolzes, in dem leidenschaftliches
Verlangen, mir selber ein Leid anzutun, begehe ich den Selbstmord, in
einem nichtswrdigen, unverzeihlichen Briefe Weib und Kind von mir zu
stossen, indem ich zu verstehen gebe, dass ein neues Liebesverhltnis
meine Gedanken beschftige.

Der Hieb sitzt. Meine Frau antwortet mit einer Klage auf Scheidung.

Allein, des Selbstmordes und Meuchelmordes schuldig, vergesse ich das
Verbrechen ber den Kummer und die Sorgen. Niemand besucht mich, und
ich kann niemand sehen, da ich alle gekrnkt habe.

ber die Flche eines Meeres treibe ich allein dahin; den Anker habe
ich gelichtet, doch ich habe keine Segel.

Aber die Not, in der Form einer unbezahlten Rechnung, unterbricht meine
wissenschaftlichen Arbeiten und meine metaphysischen Spekulationen und
ruft mich auf die Erde zurck.

Weihnachten nhert sich. Die Einladung einer skandinavischen Familie,
deren Atmosphre mir wegen ihrer peinlichen Unregelmssigkeiten
missfllt, habe ich schroff abgelehnt. Als aber der Abend da ist und
ich allein bin, reut es mich und ich gehe doch hin.

Man setzt sich zu Tisch, und das Nachtmahl beginnt mit grossem Lrm und
ausgelassener Freude, denn die jungen Knstler fhlen sich hier wie zu
Hause. Eine mich abstossende Vertraulichkeit der Gebrden und Mienen,
ein Ton, der nicht nach Familie klingt, drckt mich in einer Weise
nieder, wie ich sie nicht beschreiben kann. Mitten in den Saturnalien
lsst meine Traurigkeit vor meinem Innern das friedliche Haus meiner
Frau erscheinen. Der Salon ruft eine pltzliche Vision in mir hervor:
der Weihnachtsbaum, die Mistel, mein Tchterchen, ihre verlassene
Mutter.... Gewissensqual packt mich; ich stehe auf, schtze ein
Unwohlsein vor und gehe.

Ich gehe die schreckliche Rue de la Gaiet hinunter, auf der die
geknstelte Frhlichkeit der Menge mich verletzt; dann die dstere und
stille Rue Delambre, die mehr als eine andere Strasse des Viertels
einen zur Verzweiflung bringen kann. Ich biege in den Boulevard
Montparnasse ein und lasse mich auf der Terrasse der Brasserie de Lilas
auf einen Stuhl fallen.

Ein guter Absinth trstet mich einige Minuten lang. Dann berfllt
mich eine Bande Kokotten und Studenten, die mich mit Ruten ins Gesicht
schlagen. Wie von Furien gejagt, lasse ich meinen Absinth stehen und
beeile mich einen andern zu suchen, im Caf Franois Premier, auf dem
Boulevard Saint-Michel.

Von der Asche ins Feuer! Ein zweiter Trupp schreit mich an: Heda,
der Einsiedler! Von den Eumeniden gepeitscht, fliehe ich nach Haus,
geleitet von den entnervenden Fanfaren der Zwiebelflten.


Der Gedanke, dass es eine Zchtigung sein knne, die Folge eines
Verbrechens, kommt mir nicht. Vor mir selber fhle ich mich unschuldig,
halte mich fr den Gegenstand einer ungerechten Verfolgung.
Die unbekannten Mchte haben mich gehindert, mein grosses Werk
fortzusetzen; die Hindernisse mussten durchbrochen werden, ehe ich die
Krone des Siegers davontragen konnte.

Ich habe unrecht gehabt, und zugleich habe ich recht und werde recht
behalten!

Diese Weihnacht schlief ich schlecht. Ein kalter Luftzug schnitt
mehrere Male mein Gesicht, und von Zeit zu Zeit weckte mich der Ton
einer Maultrommel.


Eine zunehmende Hinflligkeit kommt ber mich. Meine schwarzen und
blutenden Hnde hindern mich daran mich anzukleiden und mein usseres
zu pflegen. Die Furcht vor der Hotelrechnung lsst mir keine Ruhe mehr,
und ich gehe in meinem Zimmer hin und her, wie ein wildes Tier in
seinem Kfig.

Ich esse nicht mehr, und der Wirt rt mir, ins Krankenhaus zu gehen.
Damit ist mir nicht geholfen, denn es ist teuer, auch muss man vorher
bezahlen.

Da macht sich eine Anschwellung der Armadern bemerkbar, das ist das
Zeichen fr eine Blutvergiftung. Das ist der Gnadenstoss.

Die Neuigkeit verbreitet sich unter meinen Landsleuten und eines Abends
kommt die barmherzige Frau, von deren Weihnachtsessen ich so brsk
aufgebrochen, die mir antipathisch war, die ich beinahe verachtete,
sucht mich auf, erkundigt sich nach meinem Befinden, erfhrt mein Elend
und bezeichnet mir unter Trnen das Krankenhaus als einzige Rettung.

Man wird begreifen, wie hilflos und zerknirscht ich dastehe, als
mein beredtes Schweigen ihr klar macht, dass ich ohne Mittel bin.
Als sie mich so gefallen sieht, wird sie von Mitleid erfasst. Selber
arm und von der Sorge ums tgliche Leben bedrckt, will sie in der
skandinavischen Kolonie Almosen sammeln und zum Geistlichen der
Gemeinde gehen.

Die sndige Frau hat Erbarmen mit dem Mann, der eben sein rechtmssiges
Weib verlassen hat.

Noch einmal Bettler, durch die Vermittlung einer Frau um Barmherzigkeit
bittend, beginne ich zu ahnen, dass es eine unsichtbare Hand gibt,
welche die unwiderstehliche Logik der Ereignisse lenkt. Ich beuge mich
unter dem Sturm, entschlossen, mich bei der ersten Gelegenheit wieder
zu erheben.


Der Wagen bringt mich nach dem Krankenhaus des heiligen Ludwig.
Unterwegs, in der Rue de Rennes, steige ich aus, um zwei weisse Hemden
zu kaufen.

--Das Totenhemd fr die letzte Stunde.

Ich denke wirklich an den nahen Tod, ohne dass ich sagen kann, warum.

Im Krankenhaus wird mir verboten, ohne Erlaubnis auszugehen; dazu sind
meine Hnde so umwickelt, dass mir jede Beschftigung unmglich wird;
ich fhle mich daher als Gefangener.


Mein Zimmer ist abstrakt, nackt, enthlt nur das Ntigste, zeigt keine
Spur von Schnheit; es liegt neben dem Gesellschaftssaal, wo man vom
Morgen bis zum Abend raucht und Karten spielt.

Es lutet zum Frhstck. Als ich mich zu Tisch setze, finde ich mich in
einer furchtbaren Gesellschaft. Kpfe von Toten und Sterbenden: hier
fehlt die Nase, dort ein Auge; dort hngt die Lippe herab, hier ist
die Wange angefault. Zwei sehen nicht krank aus, zeigen dafr aber in
ihrem Gesicht Gram und Verzweiflung. Das sind grosse Diebe der feinen
Gesellschaft, die infolge mchtiger Verbindungen als "Kranke" dem
Gefngnis entronnen sind.

Ein widerwrtiger Geruch nach Jodoform nimmt mir den Appetit. Und da
meine Hnde gebunden sind, muss ich beim Brotschneiden und Einschenken
die Hilfe meiner Nachbarn in Anspruch nehmen. Um dieses Gastmahl der
Verbrecher und zum Tode Verurteilten geht die grosse Mutter, die
Vorsteherin, mit ihrer ernsten Tracht in schwarz und weiss und gibt
einem jeden von uns seine giftige Arznei. Mit einem Arsenikbecher
trinke ich einem Totenkopf zu, der mir mit Digitalin nachkommt. Das ist
grausig, und dabei muss man noch dankbar sein: das macht mich rasend!
Fr etwas so Geringes und Unangenehmes auch noch dankbar sein zu mssen!

Man kleidet mich an, man kleidet mich aus, man pflegt mich wie ein
Kind, die barmherzige Schwester fasst Zuneigung zu mir, behandelt mich
wie ein Baby, nennt mich "mein Kind", whrend ich "meine Mutter" zu ihr
sage.

Wie wohl tut es, dieses Wort Mutter aussprechen zu knnen, das seit
dreissig Jahren nicht mehr ber meine Lippen gekommen ist! Die Alte,
eine Augustinerin, die das Kleid der Toten trgt, weil sie nie das
Leben gelebt hat, ist sanft wie die Resignation und lehrt uns, ber
unsere Leiden wie ber ebenso viele Freuden lcheln, denn sie kennt die
Wohltaten des Schmerzes. Nicht ein Wort des Vorwurfs, weder Ermahnungen
noch Predigten.

Sie kennt die Bestimmungen der weltlich gemachten Krankenhuser so
gut, dass sie den Kranken, nicht sich selber, kleine Freiheiten
gewhren kann. So erlaubt sie mir, in meinem Zimmer zu rauchen, und
erbietet sich, selber mir Zigaretten zu drehen; das lehne ich jedoch
ab. Sie verschafft mir die Erlaubnis, ausser den gewhnlichen Stunden
auszugehen. Als sie entdeckt, dass ich mich mit Chemie beschftige,
fhrt sie mich bei dem gelehrten Apotheker des Krankenhauses ein.
Der leiht mir Bcher und fordert mich, als ich ihm meine Lehre von
der Zusammensetzung der einfachen Krper darlege, auf, in seinem
Laboratorium zu arbeiten. Diese Nonne hat eine Rolle in meinem Leben
gespielt. Ich fange an, mich mit meinem Los wieder auszushnen und
preise das gute Unglck, das mich unter dieses gesegnete Dach gefhrt
hat.

Das erste Buch, das ich mir aus der Bibliothek des Apothekers hole,
ffnet sich von selbst, und mein Blick schiesst wie ein Falke auf eine
Zeile des Kapitels: Phosphor.

In zwei Worten erzhlt der Autor, der Chemiker Lockyer habe durch die
Spektralanalyse gezeigt, dass der Phosphor kein einfacher Krper ist;
Lockyers Bericht ber seine Versuche sei der Pariser Akademie der
Wissenschaften vorgelegt worden, die den Tatbestand nicht habe leugnen
knnen.

Durch diesen unerwarteten Beistand gestrkt, nehme ich meine Tiegel mit
den Rckstanden des nicht vllig verbrannten Schwefels und bergebe
sie einem Bureau fr chemische Analysen, das mir den Schein fr den
nchsten Morgen verspricht.

Es war mein Geburtstag. Als ich ins Krankenhaus zurckkehre, finde ich
einen Brief von meiner Frau. Sie beweint mein Unglck, will sich wieder
mit mir vereinigen, mich pflegen, mich lieben.

Das Glck, trotz allem geliebt zu sein, erzeugt in mir das Bedrfnis zu
danken. Aber wem! Dem Unbekannten, der sich so viele Jahre verborgen
hatte?

Das Herz schlgt mir, ich bekenne die nichtswrdige Lge ber meine
angebliche Untreue, ich bitte um Verzeihung, und ehe ich mich dessen
versehe, schreibe ich wieder einen Liebesbrief an meine Ehegattin.
Doch verschiebe ich unsere Wiedervereinigung auf einen gnstigeren
Zeitpunkt.


Am nchsten Morgen eile ich zu meinem Chemiker nach dem Boulevard
Magenta.

Im geschlossenen Umschlag bringe ich den Schein der Analyse ins
Krankenhaus. Als ich auf dem innern Hof am Standbild des heiligen
Ludwig vorbeigehe, erinnere ich mich an die drei Werke des Heiligen:
die Blindenanstalt, die Universitt, die Kapelle; die kann man
bersetzen: "Vom Leiden durch Wissen zur Busse."

In meinem Zimmer eingeschlossen, ffne ich den Umschlag, der meine
Zukunft entscheiden soll. Ich lese:

"Das uns zur Untersuchung bergebene Pulver zeigt diese Eigenschaften.
Farbe: grauschwarz; hinterlsst Spuren auf Papier. Dichtigkeit: sehr
gross, grsser als die mittlere Dichtigkeit des Graphit; es scheint ein
harter Graphit zu sein. Chemische Untersuchung: dieses Pulver brennt
leicht und entwickelt dabei Kohlenoxyd und Kohlensure; es enthlt also
Kohle."

Reiner Schwefel enthlt Kohle!

Ich bin gerettet. Ich kann in Zukunft meinen Freunden und Verwandten
beweisen, dass ich kein Tor bin. Besttigt sind die Lehren, die
ich in meiner Arbeit "Antibarbarus" aussprach. Als ich die vor
einem Jahr verffentlichte, behandelte die Presse sie wie das Werk
eines Charlatans oder Toren, und meine Familie jagte mich davon als
Taugenichts, als ein Cagliostro.

Jetzt, meine Gegner, seid ihr zu Boden geschlagen! Mein Ich schwillt
von gerechtem Stolz, ich will das Krankenhaus verlassen, auf den
Strassen schreien, vor dem Institut brllen, die Universitt
niederreissen ... aber meine Hnde sind mir gebunden, und als ich auf
den Hof hinauskomme, rt mir die hohe Einfriedung: Geduld.

Als ich dem Apotheker das Ergebnis der Analyse mitteile, schlgt er mir
vor, eine Kommission zusammenzubringen, vor der ich meine Behauptung
durch versuche beweise.

Da ich aber nicht warten will und meine Scheu vor ffentlichen
Auftritten kenne, schreibe ich einen Aufsatz ber den Gegenstand und
schicke den an die Temps.

Nach zwei Tagen erscheint der Artikel.

Die Losung ist gegeben. Man antwortet mir von verschiedenen Seiten,
ohne die Tatsache zu leugnen. Ich habe Anhnger gefunden, ich bin
Mitarbeiter einer chemischen Zeitschrift geworden, beginne einen
Briefwechsel, der meine weiteren Untersuchungen frdert.

An einem Sonntag, dem letzten, den ich im Fegefeuer des heiligen Ludwig
verbringe, sitze ich am Fenster und beobachte, was auf dem Hof vorgeht.
Die beiden Diebe gehen mit ihren Frauen und ihren Kindern spazieren,
kssen sie von Zeit zu Zeit und sehen glcklich aus, wie sie sich an
der Liebe wrmen, die das Unglck schrt.

Meine Einsamkeit bedrckt mich, und ich verwnsche mein Schicksal, das
ich ungerecht finde, indem ich vergesse, dass mein Verbrechen ihre an
Nichtswrdigkeit bertrifft.

Der Brieftrger bringt einen Brief von meiner Frau. Der Brief ist von
eisiger Klte. Mein Erfolg hat sie verletzt, und sie gibt vor, ihr
Zweifel sttze sich auf die Ansicht eines Chemikers von Fach. Dann fgt
sie hinzu, Illusionen seien gefhrlich und knnten zu Gehirnkrisen
fhren. brigens, was erreichte ich mit all dem? Knnte ich mit der
Chemie eine Familie ernhren?...

Noch einmal die Alternative: Liebe oder Wissenschaft! Ohne zu zgern,
schlage ich sie mit einem letzten Abschiedsbrief zu Boden, mit mir
zufrieden, wie ein Mrder, der seinen Anschlag ausgefhrt hat.

Am Abend gehe ich in dem dsteren Viertel spazieren. Ich berschreite
den St. Martins-Kanal, der schwarz wie ein Grab ist und eigens dazu
gemacht zu sein scheint, damit man sich darin ertrnkt. Ich bleibe
an der Ecke der Rue Alibert stehen. Warum Alibert? Wer ist das?
Hiess nicht der Graphit, den der Chemiker in meinem Schwefel fand,
Alibert-Graphit? Was folgt daraus? Es ist eine Grille, aber der
Eindruck von etwas unerklrlichem bleibt mir. Dann Rue Dieu. Warum
Gott, wenn er von der Republik abgeschafft ist? Hat sie doch das
Pantheon seiner ursprnglichen Bestimmung entzogen!--Rue Beaurepaire.
Ein "schner Aufenthalt" fr Missetter ... Rue de Bondy. Fhrt mich
der Dmon? ... Ich lese die Strassennamen nicht mehr, gehe irre, kehre
um auf meinen Spuren, ohne jedoch den Weg wiederzufinden. Ich fahre vor
einem ungeheuren Schuppen zurck, der nach rohem Fleisch und verfaultem
Gemse, besonders nach Sauerkraut, stinkt.... Verdchtige Gestalten
streifen an mir vorbei und lassen grobe Worte fallen.... Ich habe
Furcht vor dem Unbekannten; wende mich rechts, dann links und gerate in
eine schmutzige Sackgasse, wo Unrat, Laster und Verbrechen zu hausen
scheinen. Dirnen versperren mir den Weg, Strassenjungen lachen mich
aus.... Die Szene der Weihnacht wiederholt sich: Vae soli!

Wer legt mir diesen Hinterhalt, sobald ich mich von der Welt und
Menschen trenne? Irgendjemand hat mich in diese Falle gehen lassen! Wo
ist er? Dass ich mit ihm kmpfe!...

Ein mit schmutzigem Schnee gemischter Regen fllt, gerade wie ich zu
laufen anfange.... Im Hintergrund einer kleinen Strasse zeichnet sich
vom Himmelsgewlbe in Russschwarz ein ungeheures Tor ab, ein Werk von
Cyklopen, ein Tor ohne Palast dahinter, das sich auf ein Meer von Licht
ffnet....

Ich frage einen Polizisten, wo ich bin.

--Am St. Martins-Tor, mein Herr.

Zwei Schritte fhren mich auf die grossen Boulevards, die ich
hinuntergehe. Die Uhr des Theaters zeigt sechs ein Viertel. Es
ist gerade die Absinthstunde, und meine Freunde erwarten mich aus
Gewohnheit im Caf Napolitain. Ich gehe eilig weiter und vergesse
Krankenhaus, Kummer und Armut. Als ich aber am Caf du Cardinal
vorbeikomme stosse ich an einen Tisch, hinter dem ein Herr sitzt. Ich
kenne ihn nur dem Namen nach, aber er kennt mich, und in einer Sekunde
sagen mir seine Augen:

--Sie hier? Sie sind also nicht im Krankenhaus? Schwindel das
Liebeswerk!

Ich fhle, dass dieser Mann einer meiner unbekannten Wohltter ist,
dass er mir Almosen gegeben hat, dass ich fr ihn ein Bettler bin, der
nicht das Recht hat, ins Caf zu gehen.

Bettler! Das ist das rechte Wort, das mir in den Ohren klingt und mir
die brennende Rte der Scham, der Demtigung, der Wut in die Wangen
treibt.

Vor sechs Wochen sass ich hier; mein Theaterdirektor liess sich von
mir einladen und nannte mich "lieber Meister", die Journalisten baten
mich um Interviews; der Photograph bat mich um die Ehre, meine Bilder
verkaufen zu drfen.... Und jetzt: Bettler, gebrandmarkt, aus der
Gesellschaft verbannt!

Gestupt, gehetzt, zum ussersten getrieben, streife ich den
Boulevard hinunter wie ein Nachtschwrmer und ziehe mich zurck in
meinen Zufluchtsort bei den Pestkranken. Dort, im meinem Zimmer
eingeschlossen, bin ich zu Hause.

Wenn ich ber mein Schicksal nachdenke, erkenne ich wieder die
unsichtbare Hand, die mich straft und mich auf ein Ziel hintreibt, das
ich noch nicht ahne. Sie gibt mir den Ruhm, whrend sie mir zugleich
die Ehren der Welt verweigert; sie demtigt mich, indem sie mich
erhht; sie erniedrigt mich, um mich zu erheben.

Wieder kommt mir der Gedanke, die Vorsehung habe mich zu einer Mission
bestimmt, und dies sei der Anfang meiner Erziehung.

Im Februar verlasse ich das Krankenhaus, nicht geheilt, aber genesen
von den Versuchungen dieser Welt. Als ich ging, habe ich die Hand der
guten Mutter, die mir, ohne zu predigen, den Weg des Kreuzes gezeigt
hat, kssen wollen, aber ein Gefhl der Ehrfurcht, wie vor etwas
Heiligem hat mich zurckgehalten.

Mge sie nun im Geist diese Danksagung eines verirrten Fremdlings
empfangen, der sich jetzt in einem fernen Lande verborgen hat.





2.

Der heilige Ludwig fhrt mich bei dem seligen Herrn Orfila ein.


In einem bescheidenen mblierten Zimmer, das ich mir gemietet habe,
setze ich den ganzen Winter hindurch meine chemischen Arbeiten fort.
Bis gegen Abend bleibe ich zu Hause, dann gehe ich aus, um in einer
Cremerie, wo Knstler aus verschiedenen Lnder einen Kreis gebildet
haben, zu Mittag zu essen. Nach dem Essen besuche ich die Familie, die
ich in einem Augenblick der Sittenstrenge verlassen hatte. Die ganze
Gesellschaft von anarchistischen Knstlern ist dort, und ich bin zu
ertragen verurteilt, was ich hatte vermeiden wollen: leichte Sitten,
lockere Moral, absichtliche Gottlosigkeit. Aber sie haben viel Talent
und sehr viel Geist; ein einziger hat Genie, ein wildes Genie, das sich
einen Namen gemacht hat.

Jedenfalls ist es eine Familie, in der man mich liebt, und ich bin
ihnen Dank schuldig; daher mache ich mich blind und taub gegen alles,
was zu ihren kleinen Angelegenheiten gehrt und mich nichts angeht.

Wenn ich diese Leute aus einem nicht gerechtfertigten Stolz geflohen
htte, so wre die Strafe logisch gewesen; da aber der Grund meiner
Flucht die Sehnsucht war, meine Persnlichkeit zu lutern und meine
Seele zu bebauen, indem ich mich in der Einsamkeit sammelte, begreife
ich in diesem Fall die Methode der Vorsehung nicht; ich bin nmlich von
so weichem Charakter, dass ich mich aus reiner Umgnglichkeit und aus
Furcht, undankbar zu sein, der Umgebung anpasse.

Durch meine klgliche und anstssige Armut aus der Gesellschaft
verbannt, war ich glcklich, fr die langen Winterabende eine Zuflucht
zu finden, wenn ich auch unter der schlpfrigen Unterhaltung sehr litt.


Nachdem ich entdeckt habe, dass die unsichtbare Hand meine Schritte auf
dem holperigen Wege lenkt, fhle ich mich nicht mehr einsam, und ich
beobachte mich streng in Handlungen und Worten, wenn es mir auch nicht
immer gelingt. Sobald ich aber gesndigt habe, ertappt mich jemand
auf frischer Tat, und die Strafe stellt sich mit einer Pnktlichkeit
und einer Spitzfindigkeit ein, die keine Zweifel lassen, dass hier
eine Macht eingreift, die verbessern will. Der Unbekannte ist mir eine
persnliche Bekanntschaft geworden: ich spreche zu ihm, ich danke ihm,
ich frage ihn um Rat. Manchmal stelle ich mir ihn als meinen Diener
vor, dem Daimon des Sokrates hnlich, und das Bewusstsein, durch den
Unbekannten untersttzt zu werden, gibt mir eine Energie und eine
Sicherheit, dass ich eine Kraft zeige, die ich mir nie zugetraut htte.

Mit den Menschen zerfallen, werde ich in einer anderen Welt
wiedergeboren, in die mir niemand folgen kann. Nichtssagende
Geschehnisse ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich; die Trume der Nacht
kleiden sich in die Form von Vorahnungen; ich denke, ich bin gestorben
und mein Leben verluft in einer anderen Sphre.


Nachdem ich nachgewiesen habe, dass Schwefel Kohlenstoff enthlt, habe
ich noch Wasserstoff und Sauerstoff zu entdecken, auf die aus Analogie
geschlossen werden kann.

Zwei Monate vergehen unter Berechnungen und Grbeleien, aber ich
habe nicht die ntigen Werkzeuge, um Versuche zu machen. Ein Freund
rt mir, in das Laboratorium der Sorbonne zu gehen, das auch Fremden
offen steht. Da ich scheu bin und die Menge frchte, wage ich nicht,
mich dazu zu entschliessen. So stehen meine Arbeiten still, und ein
Augenblick der Abspannung tritt ein.

An einem schnen Frhlingsmorgen erhebe ich mich bei guter Laune,
gehe die Rue de la Grande Chaumire hinunter und komme in die Rue de
Fleurus, die sich auf den Luxemburg-Garten ffnet. Die hbsche kleine
Strasse ist ruhig, die grosse Kastanienallee ist grn, leuchtend,
breit und gerade wie eine Rennbahn, und ganz im Hintergrund erhebt
sich wie ein Grenzstein die David-Sule, und in der Ferne, ber allem,
die Kuppel des Pantheon, dessen goldenes Kreuz sich fast in den Wolken
verliert.

ber das symbolische Schauspiel entzckt, bleibe ich stehen. Als
ich aber die Augen abwende, bemerke ich zu meiner Rechten in der
Fleurusstrasse das Schild eines Frbers. Ah! eine Vision von
unleugbarer Wirklichkeit. Auf das Schaufenster des Ladens sind die
Anfangsbuchstaben meines Namens gemalt: A. S. Sie schweben auf einer
silberweissen Wolke, und ber ihnen wlbt sich ein Regenbogen.

Ich nehme das Omen an, indem ich mich an die Genesis erinnere: "Meinen
Bogen habe ich in die Wolke gesetzt, und er soll das Zeichen sein des
Bundes zwischen mir und er Erde."

Ich berhre den Boden nicht mehr, mit beflgeltem Schritt trete ich in
den Garen ein, in dem sich niemand aufhlt. Zu dieser frhen Stunde
gehrt der Park mir, gehrt mir der Rosengarten, und ich besuche alle
meine Blumen auf den langen, schmalen Beeten, die Chrysanthemen, die
Verbenen, die Begonien.

Ich komme ber die Rennbahn, erreiche den Grenzstein, gehe durch
das Gittertor der Rue Soufflot und wende mich nach dem Boulevard
Saint-Michel. Vor der Auslage der Buchhandlung von Blanchard bleibe ich
stehen, nehme, ohne erst zu berlegen, einen alten Band der Chemie von
Orfila in die Hand, ffne ihn auf gut Glck und lese: "Den Schwefel
hat man unter die einfachen Krper eingereiht. Die scharfsinnigen
Untersuchungen von H. Davy und dem jngeren Berthollet gehen jedoch
darauf aus zu beweisen, dass er Wasserstoff, Sauerstoff und eine
besondere Base enthlt, deren Ausscheidung bisher nicht mglich gewesen
ist."

Man wird sich meine, ich mchte sagen religise, Ekstase vorstellen,
als mir diese an ein Wunder grenzende Offenbarung wird. Davy
und Berthollet hatten Wasserstoff und Sauerstoff nachgewiesen,
ich Kohlenstoff. Mir kommt es also zu, die Formel des Schwefels
aufzustellen.

Zwei Tage spter liess ich mich in die naturwissenschaftliche Fakultt
der Sorbonne (des heiligen Ludwig!) einschreiben, mit dem Recht, im
Laboratorium Untersuchungen anzustellen.


Der Morgen, an dem ich mich nach der Sorbonne begab, war fr mich
ein feierliches Fest. Wenn ich mir auch keine Illusion machte, die
Professoren, die mich mit der kalten Hflichkeit, die man dem Fremden,
dem Eindringling zeigt, empfangen hatten, berzeugen zu knnen, so gab
mir doch eine milde und ruhige Freude den Mut des Mrtyrers, der eine
Schar von Feinden angreift. Denn fr mich ist bei meinem Alter die
Jugend der natrliche Feind.

Als ich auf den Platz komme, wo die kleine Kirche der Sorbonne liegt,
finde ich die Tr offen und trete ein, ohne eigentlich zu wissen,
warum. Die jungfruliche Mutter und das Kind grssen mich mit einem
milden Lcheln; der Gekreuzigte lsst mich kalt, erscheint mir wie
immer unbegreiflich. Der heilige Ludwig, meine neue Bekanntschaft,
der Freund der Elenden und Ausstzigen, lsst sich junge Theologen
vorstellen. Ist der heilige Ludwig mein Schutzheiliger, mein guter
Engel, der mich ins Krankenhaus getrieben, damit ich das Feuer der
hchsten Not durchmache, bevor ich den Ruhm wiedererlange, der zu
Unehre und Verachtung fhrt? Hat er mich nach der Buchhandlung von
Blanchard geschickt? Hat er mich hierher gezogen?

Vom Atheismus bin ich in den vollstndigen Aberglauben gefallen.

Als ich die Votivbilder betrachte, die vom glcklichen Ausgang der
Prfungen Zeugnis ablegen, tue ich das Gelbde, niemals die weltlichen
Zeichen des Verdienstes anzunehmen, falls ich Erfolg habe.

Die Stunde hat geschlagen. Ich laufe Spiessruten durch die
unbarmherzige Jugend; sie weiss, welche chimrische Aufgabe ich mir
gestellt habe, und verhhnt mich.

Als zwei Wochen vergangen sind, habe ich unbestreitbare Beweise
erhalten, dass der Schwefel eine dreistoffige Verbindung von
Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff ist.

Ich danke dem Leiter des Laboratorium, der sich stellt, als
interessiere er sich nicht fr meine Angelegenheiten, und verlasse
dieses neue Fegefeuer mit einer unsagbaren inneren Freude.

Ich gehe morgens auf dem Friedhof Montparnasse spazieren, wenn ich
nicht den Luxemburggarten besuche. Einige Tage nach meinem Auszug aus
der Sorbonne entdecke ich bei dem Stern des Friedhofs eine Grabdenkmal
von klassischer Schnheit. Ein Medaillon aus weissem Marmor zeigt die
edlen Zge eines alten Weisen, den die Inschrift des Sockels mir als
den Chemiker und Toxikologen Orfila verstellt. Es ist mein Freund
und Beschtzer, der mich spter so manchesmal durch das Labyrinth
chemischer Versuche gefhrt hat.

Eine Woche spter, als ich die Rue d'Assas hinuntergehe, mache ich vor
einem Haus von klsterlichem Aussehen Halt. Ein grosses Schild klrt
mich ber die Bestimmung des Gebudes auf: Hotel Orfila.

Immer Orfila!

In den folgenden Kapiteln werde ich alles erzhlen, was sich in diesem
alten Haus zugetragen hat; in das mich die unsichtbare Hand getrieben,
damit ich dort gezchtigt, belehrt und, warum nicht, erleuchtet werde!





3.

Die Versuchungen des Teufels.


Der Scheidungsprozess wickelt sich sehr langsam ab, wurde von Zeit
zu Zeit durch einen Liebesbrief, einen Aufschrei der Sehnsucht,
Versprechungen der Vershnung unterbrochen. Und schliesslich ein
schroffes Lebewohl auf immer.

Ich liebe sie, sie liebt mich, und wir hassen einander mit dem wilden
Hass der Liebe, die sich durch die Trennung steigert.

Um das unglckliche Band zu zerreissen, suche ich nach einer
Gelegenheit, diese Leidenschaft durch eine andere zu ersetzen, und bald
werden meine unredlichen Wnsche erhrt.

Beim Mittagessen der Cremerie erscheint eine englische Dame, die sich
der Bildhauerkunst widmet. Sie redet mich zuerst and und gefllt mir
auf der Stelle. Sie ist schn, reizend, vornehm, gut gekleidet, und
verfhrt durch eine knstlerische Ungezwungenheit. Mit einem Wort, eine
Luxusausgabe meiner Frau, deren Bild sie verfeinert und vergrssert
wiedergibt.

Um sich mir angenehm zu machen, ladet der angesehene Knstler, der
Doyen der Cremerie, diese Dame zu den Donnerstagabenden ein, die er auf
seinem Atelier gibt. Ich gehe hin, halte mich aber abseits, weil ich
nur widerwillig einem Publikum, das sich ber einen lustig macht, meine
Gefhle zeige.

Gegen elf Uhr erhebt sich die Dame und gibt mir ein Zeichen geheimen
Einverstndnisses. Ziemlich linkisch stehe ich auf, verabschiede mich,
biete dem jungen Weibe meine Begleitung an und fhre sie hinaus,
whrend die schamlosen jungen Leute lachen.

Vor einander lcherlich gemacht, gehen wir davon, ohne ein Wort sagen
zu knnen; wir verachten uns, als htten wir uns vor der spottenden
Menge nackt ausgezogen.

Nun mssen wir auch noch durch die Rue de la Gaiet, wo Zuhlter und
Dirnen uns mit ihren gemeinen Schimpfworten ohrfeigen, als seien wir
Eindringlinge in ihr Gewerbe.

Man ist nicht liebeswrdig, wenn man ingrimmig am Pranger steht; und
unter Geisselschlgen gebeugt, kann ich mich nicht wieder aufrichten.
Als wir den Boulevard de Raspail erreichen, werden wir von einem feinem
Regen berfallen, der uns wie mit Ruten peitscht. Da wir keinen Schirm
haben, ist es das Verstndigste, in einem warmen und erleuchteten Caf
Schutz zu suchen; mir der Gebrde eines Grandseigneurs zeige ich auf
das reichste Restaurant von allen. Leichten Fusses berschreiten wir
den Boulevard ... pardauz, pardauz! Der Gedanke, dass ich keinen Sou
bei mir habe, trifft mich wie ein Hammerschlag vor den Schdel.

Ich habe vergessen, wie ich mich aus der Verlegenheit gezogen, aber
ich werde niemals die Empfindungen vergessen, die mich diese Nacht
berfielen, als ich die Dame an ihrer Haustr verliess.

Diese Strafe, obwohl streng und unmittelbar, und erteilt von einer
geschickten Hand, die ich nicht verkennen konnte, gengte mir noch
nicht. Ein Bettler, der die Verpflichtungen gegen seine Familie nicht
erfllt, hatte eine Verbindung knpfen wollen, die ein anstndiges
Mdchen blossstellen musste. Das war ganz einfach ein Verbrechen,
und ich legte mir die regelrechte Busse auf. Ich verzichte auf die
Gesellschaft der Cremerie, ich faste, ich vermeide alles, was die
verhngnisvolle Leidenschaft hervorrufen kann.

Aber der Versucher wacht. An einem Atelierabend finde ich die Schne
wieder, und zwar in einer morgenlndischen Tracht, die ihre Schnheit
so hebt, dass sie mich betrt. Ihr gegenber aber weiss ich nichts zu
sagen, benehme mich linkisch; obwohl ich entdecke, dass dieses Weib nur
eine ehrliche und aufrichtige Erklrung verdient: "ich begehre Sie,"
gehe ich meiner Wege, bis auf die Knochen von einer unreinen Flamme
verzehrt.

Am nchsten Tage komme ich wieder in die Cremerie. Sie sitzt da, ist
reizend, liebkost mich mit ihrer einschmeichelnden Stimme, kitzelt mich
mit ihren Katzenaugen. Das Gesprch kommt in Gang, alles geht aufs
beste, als im kritischen Augenblick die junge Minna lrmend eintritt.
Das war ein Knstlerkind, halb Modell, halb Geliebte, das sich fr die
Literatur interessierte, eine gutes Wesen hatte und berall willkommen
war. Ich kannte sie auch, und eines Abends waren wir gute Freunde
geworden, jedoch ohne die Grenzen des Erlaubten zu berschreiten.
Genug, sie tritt ein, wirft sich mir in die Arme, denn sie war etwas
berauscht, ksst mich auf die Wangen, duzt mich.

Die englische Dame erhebt sich, bezahlt und geht.

Damit ist es aus. Sie ist nicht wiedergekommen! Dank sei Minna, die
mich brigens vor dieser Dame gewarnt hatte, aus Grnden, die ich auf
sich beruhen lasse.

Keine Liebe mehr! das ist die Losung, welche die Mchte mir gegeben
haben, und ich bescheide mich, in der Gewissheit, dass ein hherer
Zweck sich auch dahinter verbirgt.


Durch den Erfolg, den ich mit Schwefel gehabt habe, ermutigt, mache
ich die Fortsetzung mit Jod. Nachdem ich im Temps einen Aufsatz ber
eine der Synthesen des Jod habe erscheinen lassen, sucht mich ein
unbekannter Herr im Hotel auf. Er stellt sich als Vertreter aller
europischen Jodfabriken vor und sagt mir, er habe soeben meinen
Artikel gelesen; in dem Augenblick, in dem die Sache sich besttige,
knnten wir einen Brsenkrach herbeifhren, der uns Millionen
einbringen wrde, falls wir nur ein Patent in Hnden htten.

Ich antworte ihm, ich htte keine industrielle Erfindung gemacht,
sondern eine wissenschaftliche Entdeckung, die noch nicht einmal reif
sei; und die geschftliche Seite interessiere mich nicht genug, um sie
weiter zu verfolgen.

Er ging. Die Wirtin des Hotels, die einmal mit dem unbekannten Herrn in
Verbindung gestanden hatte, erfuhr von ihm die grosse Neuigkeit, und
zwei Tage lang wurde ich fr einen zuknftigen Millionr gehalten.

Der Kaufmann kam wieder, diese Mal noch mehr begeistert. Er hatte
Erkundigungen eingezogen und, berzeugt, dass mit der Entdeckung etwas
zu verdienen sei, lud er mich ein, unverzglich mit ihm nach Berlin zu
fahren, um die ntigen Schritte zu tun.

Ich dankte ihm und riet ihm, erst die notwendigen Analysen vornehmen zu
lassen, ehe er sich weiter engagiere.

Er bot mir hunderttausend Francs, vor Abend zahlbar, wenn ich ihm
folgen wolle....

Ich hiess ihn gehen, da ich irgendeinen Schwindler witterte.

Bei der Wirtin unten nannte er mich einen Toren.

Die nchsten Tage waren ruhig, und ich hatte Zeit, um nachzudenken.
Drohende Not, unbezahlte Schulden, eine unsichere Zukunft auf der
einen Seite; auf der andern Unabhngigkeit, Freiheit, meine Studien
fortzusetzen, ein sorgenfreies Leben. Und ausserdem, eine gute Idee ist
ihren Preis wert.

Reue ergriff mich, aber ich hatte nicht den Mut, die Verbindung wieder
anzuknpfen. Da teilte mir eine Depesche des Kaufmanns mit, das ein
Chemiker, Assistent an der Ecole de mdicine, und ein Abgeordneter, der
damals schon bekannt war und jetzt nur zu bekannt ist, sich fr das
Jodproblem interessierten.


Ich beginne also eine Reihe regelmssiger Versuche, die alle dasselbe
Ergebnis haben: zu beweisen, dass Jod von Benzin abgeleitet werden kann.

Mittlerweile habe ich eine Unterredung mit dem Chemiker, und ein Tag
wird bestimmt fr eine Zusammenkunft, bei der die entscheidenden
Versuche gemacht werden sollen.

An dem Morgen, der diese Sache entscheiden soll, nehme ich einen Wagen
und bringe meine Retorten und Reagentien zu dem Kaufmann, der im
Quartier du Marais wohnt. Der gute Mann war da; aber der Chemiker, der
entdeckt hatte, dass es ein Feiertag war, hatte sich entschuldigt und
die Sitzung auf den folgenden Tag verschoben.

Es war Pfingsten, was ich nicht gewusst hatte. Das schmutzige Kontor,
das auf die finstere und unsaubere Strasse sah, bedrckte mir das Herz.
Erinnerungen an die Kindheit erwachten: Pfingsten, das selige Fest,
an dem die kleine Kirche mit grnen Zweigen, mit Tulpen, Lilien und
Maiblumen geschmckt, sich fr die Abendmahlskinder auftat; die jungen
Mdchen weissgekleidet wie die Engel ... die Orgel ... die Glocken....

Ein Gefhl der Scham bemchtigte sich meiner Seele, und ich kehrte
tief bewegt nach Hause zurck, fest entschlossen, jeder Versuchung,
aus meiner Wissenschaft ein Geschft zu machen, zu widerstehen. Ich
suberte mein Zimmer von den herumstehenden Apparaten und Reagentien;
ich kehrte es aus; staubte ab, rumte auf; ich liess Blumen holen,
besonders Narzissen. Nachdem ich dann ein Bad genommen und das Hemd
gewechselt hatte, glaubte ich von dem Schmutz gereinigt zu sein. Darauf
ging ich aus, um auf dem Kirchhof Montparnasse spazieren zu gehen; dort
fhrte eine Heiterkeit der Seele mich zu milden Gedanken und einer
ungewhnlichen Zerknirschung.

O crux ave spes unica: so weissagten die Grabhgel mir mein Schicksal.
Nichts mehr von Liebe! Nichts mehr von Geld! Nichts mehr von Ehre! Der
Weg des Kreuzes, der einzige, der zur Weisheit fhrt.




4.

Das wiedergewonnene Paradies.


Den Sommer und den Herbst des Jahres 1895 zhle ich, trotz allem, zu
den glcklichsten Etappen meines so bewegten Lebens. Alles, was ich
angreife, gelingt mir; unbekannte Freunde bringen mir die Nahrung
wie die Raben dem Elias; Geld fliegt mir zu: ich kann Bcher kaufen,
naturwissenschaftliche Gegenstnde, darunter ein Mikroskop, das mir die
Geheimnisse des Lebens entschleiert.

Tot fr die Welt, da ich auf die eitlen Freuden von Paris verzichte,
bleibe ich in meinem Viertel, wo ich jeden Morgen die Toten des
Kirchhofs Montparnasse besuche, um dann in den Luxemburggarten
hinabzusteigen und meine Blumen zu begrssen. Zuweilen besucht mich ein
durchreitender Landsmann, um mich einzuladen, auf der andern Seite des
Wassers zu frhstcken und ins Theater zu gehen. Ich versage es mir,
weil das rechte Ufer mir verboten ist: das ist die sogenannte "Welt",
die Welt der Lebenden und der Eitelkeit.

Obwohl ich sie nicht formulieren kann, hat sich eine Art Religion in
mir gebildet. Eher ein Zustand der Seele als eine auf Lehren gegrndete
Ansicht; ein Wirrwarr von Empfindungen, die sich mehr oder weniger zu
Gedanken verdichten.

Ich habe mir ein rmisches Gebetbuch gekauft und lese es mit Sammlung;
das Alte Testament trstet und zchtigt mich in einer etwas dunklen
Weise, whrend das Neue mich kalt lsst. Das hindert mich nicht, dass
ein buddhistisches Buch auf mich einen strkeren Einfluss als alle
andern heiligen Bcher bt, weil es das positive Leiden ber die
Enthaltsamkeit stellt. Buddha zeigt den Mut, im vollen Besitz seiner
Lebenskraft und im Genuss seines ehelichen Glcks auf Weib und Kind
zu verzichten, whrend Christus jede Gemeinschaft mit den erlaubten
Freunde dieser Welt vermeidet.

brigens grble ich nicht ber die Empfindungen, die in mir auftauchen;
ich halte mich indifferent, lasse sie gewhren, indem ich mir dieselbe
Freiheit bewillige, die ich andern schulde.

Das grosse Ereignis der Pariser Saison war Brunetires Feldgeschrei
ber den Bankerott der Wissenschaft. Seit meiner Kindheit in die
Naturwissenschaften eingeweiht, spter Anhnger Darwins, hatte ich
entdeckt, wie ungengend diese wissenschaftliche Methode ist, die den
Mechanismus des Weltalls bekennt, ohne einen Mechanismus anzunehmen.
Die Schwche des Systems zeigte sich in einer allgemeinen Entartung
der Wissenschaft: die hatte eine Grenze abgesteckt, ber die man
nicht hinausgehen sollte. Wir haben alle Probleme gelst: die Welt
hat keine Rtsel mehr. Diese dnkelhafte Lge hatte mich schon um
1880 gereizt, und whrend der folgenden fnfzehn Jahre hatte ich
eine Revision der Naturwissenschaften vorgenommen. So hatte ich
1884 die Zusammensetzung der Atmosphre in Zweifel gezogen: der
Stickstoff der Luft ist nicht identisch mit dem Stickstoff, der
durch Zerlegung eines stickstoffhaltigen Salzes gewonnen wird. 1891
besuchte ich das physikalische Institut in Lund, um die Spektren dieser
beiden Stickstoffarten, deren Verschiedenheit ich entdeckt hatte,
zu vergleichen. Brauche ich den Empfang zu schildern, den mir die
gelehrten Mechanisten bereiteten?

Nun, in diesem Jahr 1895 hat die Entdeckung des Argon frhere
Vermutungen besttigt und meinen durch eine unbesonnene Heirat
unterbrochenen Untersuchungen einen neuen Aufschwung gegeben.


Nicht die Wissenschaft hat Bankerott gemacht, sondern nur die
veraltete, entartete Wissenschaft, und Brunetire hatte recht, obwohl
er unrecht hatte.

Whrend alle die Einheit der Materie anerkannten und sich Monisten
nannten, ohne es zu sein, ging ich weiter und zog die letzten
Konsequenzen der Lehre, indem ich die Grenzen aufhob, die Materie und
sogenannten Geist zu trennen. So hatte ich 1894 im "Antibarbarus" die
Psychologie des Schwefels behandelt, indem ich sie durch die Ontologie,
das heisst die embryonale Entwicklung des Schwefels, erklrte.

Wer sich dafr interessiert, sei auf meine im Sommer und Herbst 1895
niedergeschriebene Arbeit "Sylva Sylvarum" verwiesen, in der ich im
stolzen Gefhl hellseherischer Kraft die Geheimnisse der Schpfung
besonders im Pflanzen- und Tierreich durchschaut zu haben glaubte;
ferner auf meine "Kirchhofstudien", die zeigen, wie ich in Einsamkeit
und Leiden zu einem schwankenden Begriff von Gott und Unsterblichkeit
zurckgefhrt wurde.



5.

Der Fall und das verlorene Paradies.


In diese neue Welt eingefhrt, in die niemand mir folgen kann, fasse
ich einen Widerwillen gegen die andern und habe einen unbesiegbaren
Wunsch, mich von meiner Umgebung freizumachen. Ich benachrichtige
also meine Freunde, dass ich nach Meudon gehen wolle, um ein Buch zu
schreiben, das Einsamkeit und Stille verlange.

Zur selben Zeit fhrten unbedeutende Zwistigkeiten zu einem Bruch
mit dem Kreis der Cremerie, so dass ich mich eines Tages recht rauh
vereinsamt fand. Die erste Folge war eine unerhrte Ausdehnung meiner
inneren Sinne: eine seelische Kraft, die sich zu bettigen verlangte.
Ich glaubte mich im Besitz grenzenloser Krfte, und der Hochmut flsste
mir die tolle Idee ein, zu versuchen, ob ich ein Wunder tun knne.

In einer frheren Epoche, in der grossen Krisis meines Lebens, hatte
ich bemerkt, dass ich eine Fernwirkung auf abwesende Freunde auszuben
vermochte. In den Volkssagen hat man sich mit der Frage der Telepathie
und der Behexung beschftigt. Ich mchte mir nun weder unrecht tun,
noch mich von einer verbrecherischen Handlung ganz weiss waschen, aber
ich glaube zu wissen, dass mein bser Wille nicht so bse war wie
der Rckschlag, den ich davon empfing. Eine ungesunde Neugier, ein
Ausbruch verkehrter Liebe, veranlasst durch die furchtbare Einsamkeit,
flsst mir eine bermssige Sehnsucht ein, wieder mit meiner Frau
und meinem Kind anzuknpfen, da ich sie alle beide liebte. Aber wie,
da der Scheidungsprozess schon im Gang war? Ein ausserordentliches
Ereignis, ein gemeinsames Unglck, ein Blitzschlag, eine Feuersbrunst,
eine berschwemmung ... kurz eine Katastrophe, die zwei Herzen wieder
vereinigt, wie sich in den Romanen feindliche Hnde am Bette eines
Kranken treffen. Da habe ich es! Eines Kranken! Die Kinder sind immer
etwas krank; die Empfindlichkeit einer Mutter bertreibt die Gefahr;
ein Telegramm, und alles ist gesagt.

Ich kannte nicht die einfachsten Begriffe der Magie, aber ein
unheilvoller Instinkt flsterte mir ins Ohr, was ich mit dem Portrt
meines geliebten Tchterchens vornehmen msse, meines geliebten
Tchterchens, das spter mein einziger Trost in einem verfluchten
Dasein werden sollte.

Ich werde die Folgen einer Handlung erzhlen; wie die bse Absicht
durch die Vermittlung des symbolischen Verfahrens zu wirken schien.

Indessen liessen die Konsequenzen auf sie warten, und ich setzte meine
Arbeiten fort, hatte aber das Gefhl eines unerklrlichen Unbehagens,
das von der Ahnung neuen Unglcks begleitet war.


Als ich abends allein vor dem Mikroskop sass, begegnete mir ein
Zwischenfall, den ich damals nicht verstand, der aber doch einen
starken Eindruck auf mich machte.

Ich hatte seit vier Tagen eine Walnuss keimen lassen und lste jetzt
den Keim der, herzfrmig und nicht grsser als ein Birnenkern,
zwischen zwei Samenblttchen eingepflanzt ist, deren Aussehen an das
menschliche Gehirn erinnert. Man stelle sich meine Erregung vor, als
ich auf der Platte des Mikroskops zwei Hndchen erblickte, weiss wie
Alabaster, erhoben und gefaltet wie zum Gebet. Ist es eine Vision? eine
Halluzination? Oh nein! Eine niederschmetternde Wirklichkeit, die mir
Schrecken einflsst! Unbeweglich sind sie gegen mich wie in Beschwrung
ausgestreckt, ich kann ihr fnf Finger zhlen, der Daumen ist krzer,
richtige Frauen- oder Kinderhnde.

Ein Freund, der mich vor diesem mich bestrzenden Schauspiel
berraschte, wurde aufgefordert, die Erscheinung zu besttigen; und er
brauchte kein Hellseher zu sein, um zwei gefaltete Hnde zu sehen, die
den Beobachter um Barmherzigkeit anrufen.

Was war das? Die beiden ersten unausgebildeten Bltter eines
Walnussbaumes, der Juglans regia, der Eichel des Jupiter. Weiter
nichts! Und dennoch die unleugbare Tatsache, dass sich zehn Finger von
menschlicher Form zu einer Gebrde des Flehens falteten: de profundis
clamavi ad te!

Noch zu kleinglubig und durch eine empirische Erziehung verdummt, gehe
ich darber hinweg.


Der Fall ist getan! Ich fhle die Ungnade der unbekannten Mchte schwer
auf mir ruhen. Die Hand des Unsichtbaren ist erhoben, und die Schlge
fallen dicht auf mein Haupt.

Zuerst zieht sich mein anonymer Freund, der mich bisher untersttzt
hat, zurck, von einem anmassenden Brief verletzt; und ich stehe ohne
Hilfsmittel da.

Und als ich die Korrekturbogen von "Sylva Sylvarum" erhalte, entdecke
ich, dass der Text wie ein gut gemischtes Spiel Karten umgebrochen ist.
Nicht nur die Seiten sind umgestellt und falsch numeriert, auch die
verschiedenen Abteilungen sind so durcheinandergeworfen, dass sie auf
ironische Weise die Lehre von der "grossen Unordnung", die in der Natur
herrscht, symbolisieren.

Nach endlosen Verzgerungen und Verschiebungen ist die Broschre
gedruckt; da aber prsentiert mir der Drucker eine Rechnung, deren
Belauf die vereinbarte Summe ums Doppelte bersteigt. Mit Bedauern
trage ich mein Mikroskop, den schwarzen Anzug und die wenigen
Kostbarkeiten, die mir geblieben sind, zum Leihamt, aber ich bin
schliesslich gedruckt, und zum erstenmal in meinem Leben bin ich
sicher, etwas Neues, Grosses und Schnes gesagt zu haben.

Der bermut, mit dem ich die Exemplare zur Post trage, ist leicht zu
verstehen. Mit einer hhnisch-stolzen Gebrde werfe ich die Drucksachen
in den Kasten, und trotzig gegen die feindlichen Mchte denke ich:

--Hrst du, Sphinx, ich habe dein Rtsel gelst, und ich fordere dich
heraus!

Als ich ins Hotel zurckkehre, wurde ich von der Rechnung berfallen,
die von einem Brief begleitet war.

Gereizt von diesem Schlag, der mir unerwartet kam, weil ich seit einem
Jahr der Gast des Hauses war, achte ich von jetzt an auf Kleinigkeiten,
die ich bisher bersehen habe. So werden in den benachbarten Zimmern
drei Klaviere auf einmal gespielt.

Ich sage mir, das ist ein Komplott dieser skandinavischen Damen, von
deren Verkehr ich mich zurckgezogen habe.

Drei Klaviere! Und ich kann das Hotel nicht wechseln, weil ich kein
Geld habe.

Ich schlafe ein, zornig auf diese Damen und das Schicksal, den Himmel
verwnschend.

Am nchsten Morgen werde ich durch einen unerwarteten Lrm geweckt.
Man hmmert im Nebenzimmer einen Nagel ein, gerade dort, wo mein Bett
steht. Dann hmmert es auf der andern Seite.

Eine Kabale, ebenso dumm wie diese Knstlerinnen; ich lasse sie
vorbergehen, ohne mich daran zu kehren.

Als ich mir aber nach dem Essen wie gewhnlich ein Schlfchen auf
meinem Bett leisten will, ist ein solcher Lrm ber meinem Alkoven zu
hren, dass mir der Gips der Decke auf den Kopf fllt.

Ich gehe zur Wirtin hinunter und beklage mich ber das Betragen der
Gste. Sie behauptet, brigens sehr hflich, nichts gehrt zu haben,
und verspricht mir, jeden, der es wagen wrde, mich zu beunruhigen,
fortzujagen. Es lag ihr nmlich viel daran, mich in ihrem Hotel, das
nicht besonders ging, zu behalten.

Ohne den Worten einer Frau ganz zu glauben, verliess ich mich doch auf
ihr Interesse, das sie zwang, mich gut zu behandeln.

Doch hrt der Lrm nicht auf, und ich verstehe, dass diese Damen mich
glauben machen wollen, es seien Klopfgeister. Wie einfltig!

Gleichzeitig ndern auch die Kameraden der Cremerie ihr Benehmen gegen
mich, und eine geheime Feindseligkeit ussert sich in versteckten
Blicken und tckischen Worten.

Des Haders mde, verlasse ich Hotel und Cremerie, ausgeplndert, Bcher
und Bibelots zurcklassend, nackt wie ein kleiner Johannes. Und ziehe
am 21. Februar 1896 ins Hotel Orfila ein.




6.

Das Fegefeuer.


Hotel Orfila, das wie ein Kloster aussieht, ist ein Pensionat fr die
Studierenden der katholischen Gesellschaft. Ein liebenswrdiger und
milder Abbe hat die Aufsicht. Ruhe, Ordnung und gute Sitten herrschen
hier. Was mich aber besonders nach so vielen Verdriesslichkeiten
trstet, ist, dass Frauen hier nicht zugelassen werden.

Das Haus ist alt; die Zimmer niedrig, die Korridore dunkel, und die
hlzernen Treppen schlngeln sich wie in einem Labyrinth. In diesem
Gebude ist eine Atmosphre von Mystik, die mich lange angezogen hat.
Mein Zimmer geht auf eine Sackgasse hinaus; von der Mitte aus sieht man
nur eine moosbewachsene Mauer mit zwei runden Fensterchen; sitze ich
aber an meinem Tisch vorm Fenster, so blicke ich auf eine entzckende
Landschaft, die ich nicht erwartet htte.

Hinter einer Ringmauer, die mit Efeu bedeckt ist, liegt der Hof eines
Klosters fr junge Mdchen unter Platanen, Paulownien, Robinien. Eine
kstliche Kapelle im Spitzbogenstil. Etwas weiter sind hohe Mauern
mit unzhligen vergitterten Fensterchen zu sehen, die mich an ein
Kloster denken lassen; dahinter im Tal ein Wald von Schornsteinen, die
halbverborgene alte Huser krnen; und in der Ferne der Turm der Kirche
Notre-Dame-des-Champs, mit dem Kreuz und, ganz oben, dem Hahn.

In meinem Zimmer hngt ein Kupferstich mit dem heiligen Vincenz de
Paul, ein zweiter, mit Sankt Peter, hngt im Alkoven ber dem Bett. Der
Pfrtner des Himmels! Welche beissende Ironie fr mich, der vor einigen
Jahren den Apostel in einem phantastischen Drama lcherlich gemacht hat.

Mit meinem Zimmer sehr zufrieden, schlafe ich die erste Nacht gut.

Am nchsten Morgen entdecke ich, dass der Abtritt in dem Gsschen unter
meinem Fenster liegt, und zwar so nahe, dass man das Auf- und Zuklappen
des eisernen Deckels hrt. Weiter erfahre ich, dass die beiden runden
Fensterchen gegenber ebenfalls zu Abtritten gehren. Schliesslich
vergewissere ich mich, dass die hundert Fensterchen im Hintergrund des
Tals zu ebenso viel Abtritten gehren, die auf der Hofseite einer Reihe
Huser liegen.

Ich wte zuerst, da ich aber nicht die Mittel habe, mich zu rhren,
beruhige ich mich, indem ich das Schicksal verwnsche.

Gegen ein Uhr bringt mir der Diener das Frhstck, und da ich meinen
Arbeitstisch nicht in Unordnung bringen will, stellt er das Tablett auf
den Nachttisch, in dem das Nachtgeschirr steht.

Ich machte ihn darauf aufmerksam, und der Diener entschuldigte sich
damit, dass er keinen andern Tisch zur Verfgung habe. Er sah ehrlich
und nicht boshaft aus, so dass ich ihm verzieh; und das Nachtgeschirr
wurde fortgenommen.

Wenn ich zu dieser Zeit schon Swedenborg gekannt htte, wrde ich
begriffen haben, dass ich von den Mchten zur Kothlle verurteilt
sei. Jetzt aber tobte ich gegen das fortwhrende Unglck, das mich
seit so vielen Jahren verfolgte; dann beruhigte ich mich mit dsterer
Resignation, die sich vor dem Schicksal beugt. Ich erbaute mich,
indem ich das Buch Hiob las, berzeugt, der Ewige habe mich dem Satan
berliefert, um mich zu prfen. Dieser Gedanke trstete mich, und
das Leiden erfreute mich als Zeichen des Vertrauens von seiten des
Allmchtigen.

Nun beginnt eine Reihe von Offenbarungen, die ich nicht erklren kann,
ohne die Mitwirkung der unbekannten Mchte anzunehmen; und von diesem
Augenblick an mache ich Aufzeichnungen, die sich allmhlich anhufen
und ein Tagebuch bilden, aus dem ich hier Auszge gebe.


Eine unangenehme Stille hat sich um meine chemische Untersuchungen
gelegt. Um mich wieder aufzurichten und einen entscheidenden Schlag
zu fhren, nehme ich das Problem Gold zu machen, vor. Ich ging von
der Frage aus: warum fllt schwefelsaures Eisen in einer Lsung von
Goldsalz metallisches Gold? Antwort: weil Eisen und Schwefel in
der Konstitution des Goldes auftreten. In der Tat enthalten alle
Schwefeleisen der Natur mehr oder weniger Gold. Ich begann also mit
Lsungen von schwefelsaurem Eisen zu bearbeiten.

Eines Morgens erwachte ich mit der unbestimmten Lust, einen Ausflug
aufs Land zu machen, obwohl das gegen meinen Geschmack und meine
Gewohnheiten war. Ohne dahin zu wollen, kam ich nach dem Bahnhof
Montparnasse und bestieg den Zug nach Meudon. Ich gehe ins Dorf
hinunter, das ich zum ersten Mal besuche. Gehe die grosse Strasse
hinauf und biege rechts ab in eine Gasse, die zwischen zwei Mauern
luft. Zwanzig Schritte vor mir, zur Hlfte in der Erde vergraben,
erhebt sich ein rmischer Ritter in eisengrauer Rstung aus dem Boden.
Obwohl recht sauber modelliert, wenn auch im kleinen, tuscht mich die
Figur nicht darber, dass sie nur aus rohem Stein ist. Tritt man nher,
sieht man, dass es eine Augentuschung ist, und ich bleibe stehen, mir
geflissentlich die Illusion erhaltend, die mir Vergngen macht. Der
Ritter betrachtet die nahe Mauer, ich folge seinen Augen und bemerke
auf dem Kalk eine Kohlenschrift. Die verschlungenen Buchstaben F und
S lassen mich an die Initialen des Namens meiner Frau denken. Sie
liebt mich noch immer!--In der nchsten Sekunde erscheinen mir, die
chemischen Zeichen des Eisens und Schwefels, Fe und S, die sich trennen
und meinen Augen das Geheimnis des Goldes zeigen.

Ich untersuche den Boden und finde zwei Bleistempel, die durch
Bindfaden vereinigt sind. Der eine trgt die Buchstaben V. P., der
andere eine Knigskrone.

Ohne dieses Abenteuer nher deuten zu wollen, kehre ich nach Paris
zurck, unter dem lebhaften Eindruck, etwas Wunderbares erlebt zu haben.


In meinem Kamin brenne ich Kohlen, die man wegen ihrer runden und
gleichartigen Form Spatzenkpfe nennt. Als eines Tages das Feuer
erlosch, ehe es ausgebrannt war, nehme ich ein Kohlenkonglomerat
heraus, das die Zge einer phantastischen Gestalt zeigt. Ein Hahnenkopf
mit prchtigem Kamm, der Rumpf eher menschlich und die Glieder
gewunden. Man htte sagen knnen, es sei ein Teufel, wie man sie auf
den Hexensabbathen des Mittelalters darstellte.

Am andern Tage nehme ich wieder eine prchtige Gruppe zweier berauchter
Gnomen oder Kobolde heraus, die sich umarmen, whrend die Kleider
flattern. Es ist ein Meisterwerk primitiver Skulptur.

Am dritten Tag ist es eine Madonna mit dem Kinde, in byzantinischem
Stil, von einer unvergleichlichen Linie.

Ich lasse alle drei auf meinem Tisch liegen, nachdem ich sie mit
schwarzer Kreide abgezeichnet habe.

Ein befreundeter Maler besucht mich; er betrachtet die drei Statuetten
mit wachsender Neugier und fragt mich:

--Wer hat das gemacht?

--Gemacht?

Um ihn auf die Probe zu stellen, nenne ich den Namen eines norwegischen
Bildhauers.

--Wirklich? Ich htte sie Kittelsen, dem berhmten Illustrator der
skandinavischen Sagen, zugeschrieben.

Ich glaube nicht an die Existenz von Teufeln, aber ich bin begierig,
zu sehen, welchen Eindruck meine Statuetten auf die Spatzen machen,
die gewohnt sind, vor meinem Fenster Brot zu bekommen; ich stelle die
Figuren also aufs Dach.

Die Spatzen erschrecken und halten sich fern. Es ist also eine
hnlichkeit vorhanden, welche selbst die Tiere wahrnehmen knnen; es
liegt eine Wirklichkeit hinter diesem Spiel der trgen Materie und des
Feuers.

Die Sonne wrmt meine Figuren so, dass der Teufel mit dem Hahnenkamm
platzt; das erinnert mich an die Volkssage, dass die Kobolde sterben,
wenn sie warten, bis die Sonne aufgeht.


Es geschehen Dinge im Hotel, die mich beunruhigen.

Am Tage nach meiner Ankunft finde ich an der Tafel im Flur, an der
die Zimmerschlssel hngen, einen Brief, der an einen Herrn X., einen
Studenten adressiert ist, der denselben Namen wie die Familie meiner
Frau trgt. Der Poststempel ist Dornach, der Name des sterreichischen
Dorfes, wo meine Frau und mein Kind wohnen. Da ich aber sicher bin,
dass es kein Postamt in Dornach gibt, bleibt die Sache rtselhaft.

Diesem Brief, der in so herausfordernder Art dahin gelegt ist, als habe
man die Absicht, ihn zu zeigen, folgen andere.

Der zweite ist an Herrn Dr. Bitter adressiert und Wien abgestempelt;
ein dritter trgt das polnische Pseudonym Schmulachowsky.

Jetzt mischt sich der Teufel ein. Denn dieser Name ist verstellt, und
ich verstehe, an wen er erinnern will: es ist ein Todfeind von mir, der
in Berlin wohnt.

Ein anderes Mal ist es ein schwedischer Name, der mich an einen Feind
in meiner Heimat erinnert.

Schliesslich trgt ein in Wien abgestempelter Brief den Aufdruck:
Bureau fr Chemische Analyse von Dr. Eder. Das heisst, man spioniert
nach meiner Goldsynthese.

Kein Zweifel mehr, hier wird eine Intrige gesponnen; aber der Teufel
hat diesen Falschspielern die Karten gemischt. Meinen Argwohn nach vier
Richtungen der Welt irren zu lassen, das ist zu erfinderisch fr die
einfltigen Sterblichen.

Als ich mich beim Diener nach diesem Herrn X. erkundige, gibt er mir
die dumme Antwort, es sei ein Elssser. Das ist alles.

Als ich eines Morgens von meinem Spaziergang zurckkehre, finde ich
eine Postkarte in dem Fach neben meinem Schlssel. Einen Augenblick
ergreift mich die Versuchung, das Rtsel durch einen Blick auf die
Karte zu lsen, aber mein Schutzengel lhmte meine Hand gerade in der
Sekunde, in welcher der junge Mann aus seinem Versteck hinter der Tr
hervortritt.

Ich sehe ihm ins Gesicht: er gleicht meiner Frau. Schweigend grssen
wir uns, und jeder geht seines Weges.

Ich habe die Intrige niemals erklren knnen, deren Personen ich noch
nicht kenne, da meine Frau weder einen Bruder noch einen Vetter hat.

Die Ungewissheit, die bestndige Drohung einer Rache waren mir sechs
Monate lang gengende Tortur. Ich ertrug sie wie das andere als eine
Strafe fr bekannte und unbekannte Snden.


Mit dem neuen Jahr gesellte sich ein neuer Mann dem Kreis der Cremerie.
Maler und Amerikaner, kam er zur rechten Zeit, um unsere schlfrige
Gesellschaft zu beleben. Ein lebhafter Geist, ein Kosmopolit, ein
khner Mensch, guter Kamerad, flsste er mir doch ein unbestimmtes
Misstrauen ein. Trotz seinem sichern Auftreten witterte ich, dass seine
Lage durchaus nicht gesichert sei.

Der Krach brach schneller aus, als man erwartet htte. Eines Abends
trat der Unglckliche in mein Zimmer und bat um die Erlaubnis, einen
Augenblick bleiben zu drfen. Er sah aus wie ein verlorener Mann, und
er war es.

Der Hauswirt hatte ihn aus seinem Atelier gejagt, seine Geliebte
hatte ihn verlassen, seine Glubiger bedrngten ihn; auf der Strasse
beschimpften ihn die Zuhlter seiner nicht bezahlten Modelle; was
ihn aber vollstndig vernichtete, war die Grausamkeit des Hauswirts,
sein fr die Ausstellung bestimmtes Gemlde mit Beschlag zu belegen;
er hatte nmlich auf einen Erfolg gerechnet, weil er das Sujet fr
originell und stark hielt. Es war eine schwangere Emanzipierte, die von
der Menge ans Kreuz geschlagen und ausgepfiffen wird.

Da er auch in der Cremerie berschuldet war, stand er mit leerem Magen
auf der Strasse.

Nach der ersten Beichte vervollstndigte er seine Aussage, indem er
eingestand, er habe eine doppelte Dosis Morphium genommen, aber der Tod
wolle ihn noch nicht.

Nachdem wir ernst und reiflich berlegt hatten, kamen wir schliesslich
dahin, dass er das Viertel verlassen msse. Ich wollte mit ihm in einer
andern unbekannten Garkche zu Mittag essen, damit nicht der Mangel
an Freunden ihm den Mut nhme, ein anderes Bild fr den Salon der
Unabhngigen fertig zu machen.


Das Unglck dieses Mannes, der mein einziger Kamerad geworden ist,
vergrssert mein Leiden, weil ich auch noch seine Pein auf mich nehme.
Es ist eine Herausforderung von mir, die mir eine Erfahrung von
grossem Wert einbringt. Er enthllt mir seine ganze Vergangenheit:
Deutscher von Geburt, hat er sieben Jahre in Amerika gelebt, infolge
eines Unglcks, das ber seine Familie hereinbrach, und wegen eines
Jugendstreiches: er hatte eine gottlose Schmhschrift herausgegeben,
die von der Polizei beschlagnahme wurde.

Ich entdecke eine ungewhnliche Intelligenz, ein melancholisches
Temperament, eine zgellose Sinnlichkeit. Aber hinter dieser
menschlichen Maske, die durch eine kosmopolitische Erziehung erweitert
ist, ahne ich ein Geheimnis, das mich neugierig macht und das ich eines
Tages aufdecken werde.

Ich warte zwei Monate, whrend deren ich mein Dasein mit dem dieses
Freundes vereinige. All das Elend eines Knstlers, der nicht
durchgedrungen ist, mache ich durch, indem ich vergesse, dass ich meine
Laufbahn schon hinter mir habe, dass mein Name etwas im Tout-Paris und
in der Gesellschaft der Dramatiker zu bedeuten hat, wenn das mich als
Chemiker auch nicht mehr interessiert. brigens liebt mich mein Kamerad
nur, solange ich meine wirklichen Erfolge verberge; muss ich sie aber
im Vorbergehen erwhnen, ist er verletzt, macht sich so unglcklich,
so unbedeutend, dass ich aus Barmherzigkeit mich selber wie einen alten
Lumpen behandele. Dadurch erniedrige ich mich allmhlich, whrend er,
der seine Zukunft noch vor sich hat, sich auf meine Kosten erhebt.
Ich mache mich zu einem Leichnam, der an den Wurzeln eines Baumes
begraben ist, whrend der Baum, der seine Nahrung aus dem in Zersetzung
begriffenen Leben zieht, hoch in die Luft wchst.

Da ich zu dieser Zeit buddhistische Bcher studiere, bewundere ich die
Verleugnung, mit der ich mich fr einen andern opfere. Einer guten Tat
wird ihr Lohn, und dies gewann ich dabei.

Eines Tages liefert mir die Revue des Revues ein Bildnis des
amerikanischen Propheten und Arztes Francis Schlatter, der 1895
fnftausend Kranke heilte und dann fr immer von dieser Erde verschwand.

Nun, die Zge dieses Mannes glichen in wunderbarer Weise denen meines
Kameraden. Um die Probe zu machen, nehme ich die Zeitschrift ins Caf
de Versailles, wo mich ein schwedischer Bildhauer erwartete. Er bemerkt
die hnlichkeit und erinnert mich an ein seltsames Zusammentreffen:
dass alle beide von deutscher Herkunft waren und in Amerika wirkten.
Noch mehr, Schlatter verschwand zur selben Zeit, als unser Freund
in Paris auftauchte. Da ich jetzt schon etwas in den Ausdrcken des
Okkultismus bewandert bin, ussere ich die Ansicht, dieser Francis
Schlatter sei der "Doppelgnger" unseres Mannes, der, ohne es zu
wissen, ein unabhngiges Dasein fhre.

Als ich das Wort Doppelgnger aussprach, machte mein Bildhauer grosse
Augen und lenkte meine Aufmerksamkeit darauf, dass unser Mann immer
zwei Wohnungen habe, die eine auf dem rechten Ufer, die andere auf
dem linken. Ausserdem erfahre ich, dass mein geheimnisvoller Freund
ein doppeltes Dasein in dem Sinn fhrt, dass er den Abend mit mir in
philosophischen und religisen Betrachtungen verbringt, whrend man ihn
in der Nacht immer noch auf dem Ball Bullier trifft.

Es gab ein sicheres Mittel, die Identitt dieser beiden Doppelgnger zu
bewiesen, da Francis Schlatter letzter Brief im Faksimile von der Revue
gedruckt war.

--Kommen Sie heute abend zum Essen, schlug ich vor; ich werde ihm
Schlatters Brief diktieren. Wenn sich die beiden Handschriften, und
besonders die Unterschriften, gleichen, ist das ein Beweis.

Des Abends beim Essen besttigt sich alles: die Handschrift ist
dieselbe, die Unterschrift, der Schnrkel, alles ist da. Etwas
berrascht, unterwirft sich der Maler unserm Examen; schliesslich fragt
er:

--Und was wollen Sie damit?

--Kennen Sie Francis Schlatter?

--Ich habe nie von ihm sprechen hren.

--Erinnern Sie sich nicht an jenen Arzt in Amerika, voriges Jahr?

--Ach ja, der Scharlatan!

Er erinnert sich: ich zeige ihm Bildnis und Faksimile.

Er lchelt skeptisch, ruhig, gleichgltig.


Einige Tage darauf sitzen mein geheimnisvoller Freund und ich auf der
Terrasse des Caf de Versailles vor einem Absinth, als ein Mann, der
wie ein Arbeiter gekleidet ist und bsartig aussieht, vor dem Tisch
stehen bleibt und, ohne "Achtung" zu rufen, sich mitten unter den
Gsten wie ein Wahnsinniger gebrdet. Gegen meinen Kameraden gewandt,
schreit er aus vollem Hals:

--Da hab ich Sie doch gefasst, Sie Gauner, der Sie mich geprellt
haben! Was soll denn das bedeuten? Sie bestellen bei mir ein Kreuz
fr dreissig Francs, ich bringe es Ihnen, und dann kneifen Sie aus!
Potztausend, glauben Sie etwa, so ein Kreuz macht sich von allein?...

Er fuhr fort, ohne aufzuhren, und als die Kellner ihn entfernen
wollten, drohte er, die Polizei zu holen. Whrenddessen sass der arme
Verschuldete stumm und unbeweglich da, vernichtet wie ein Verurteilter,
vor einem Publikum von Knstlern, die ihn mehr oder weniger kannten.

Als der Auftritt vorber war, frage ich ihn, verwirrt wie von einer
Szene aus der Hlle:

--Das Kreuz? Welches Kreuz fr dreissig Francs? Ich begreife diese
Geschichte nicht....

--Es war das Modell des Kreuzes der Jeanne d'Arc, wissen Sie, diese
Maschine fr mein Gemlde "Das gekreuzigte Weib".

--Aber das war ja der Teufel selbst, dieser Arbeiter! Und nach einer
Pause des Schweigens fuhr ich fort:

--Seltsam ist es, aber man spielt nicht mit dem Kreuz noch mit der
Jeanne d'Arc.

--Glauben Sie daran?

--Ich weiss nicht! Ich weiss nichts mehr! Aber die dreissig Silberlinge!

--Genug! genug! rief er gekrnkt.


Als ich am Stillfreitag in die Garkche kam, fand ich meinen
Leidensgenossen am Tisch eingeschlafen.

In einer Anwandlung von Heiterkeit weckte ich ihn mit dem Anruf:

--Sie hier?

--Wieso?

-Ich glaubte, am Stillfreitag blieben Sie wenigstens bis sechs Uhr am
Kreuz.

--Bis sechs Uhr? Ich habe wirklich den ganzen Tag bis sechs Uhr abends
geschlafen, ohne sagen zu knnen warum.

--Ich knnte es.

--Natrlich: der Astralleib geht spazieren, nicht wahr, in Amerika ...
und so weiter.

Seit diesem Abend legt sich eine gewisse Klte zwischen uns. Unser
Verkehr hat jetzt vier schreckliche Monate gedauert. Mein Kamerad hat
seine Erziehung noch einmal durchgemacht und Zeit gehabt, die Methode
der Malerei zu wechseln, so dass er jetzt sein gekreuzigtes Weib als
altes Spiel verwirft. Er hat das Leiden als die einzige Lebensfreude,
die einem frommt, auf sich genommen, und die Resignation ergab sich
daraus. Ein Held im Elend! Ich bewunderte ihn, wenn er an einem
Tage den Weg von Montrouge nach den Hallen hin und zurck ging, mit
abgetretenen Stiefeln, ohne etwas zu sich genommen zu haben. Nachdem
er den Redaktionen illustrierter Bltter siebzehn Besuche gemacht,
hatte er drei Zeichnungen untergebracht, ohne jedoch gleich bar bezahlt
worden zu sein; dann ass er abends fr zwei Sous Brot und ging dann zu
Bullier.

Schliesslich lsten wir in stillschweigender bereinstimmung diese zu
gegenseitiger Hilfe eingegangene Verbindung. Ein eigentmliches Gefhl
sagte uns beiden, es sei genug, unsere Schicksale mssten sich getrennt
erfllen. Als die Lebewohls gewechselt waren, wusste ich, dass es die
letzten waren.

Ich habe diesen Mann nicht wieder gesehen, auch nichts von seinem
Schicksal erfahren.


Im Frhling, als ich von meinem eigenen widrigen Geschick und dem
meines Kameraden bedrckt wurde, empfing ich von meinen Kindern aus
erster Ehe einen Brief, in dem sie mir erzhlten, sie seien so krank
gewesen, dass man sie ins Krankenhaus habe bringen mssen. Als ich den
Zeitpunkt dieses Ereignisses mit dem meines verhngnisvollen Versuchs
verglich, erschrak ich. Leichtfertig hatte ich mit den geheimen Krften
gespielt, und der schlimme Wille hatte seinen Weg gemacht, um aber, von
der unsichtbaren Hand geleitet, mich selber in die Brust zu treffen.

Ich entschuldige mich nicht, ich bitte nur den Leser, diese Tatsache zu
behalten, falls es ihm einfallen, sollte, Magie auszuben, besonders
die Wirkung, die Bezauberung oder Behexung in eigentlichem Sinn
heisst und deren Existenz de Rochas in seiner "Extriorisation de la
sensibilit" festgestellt hat.


Ich erwachte an einem Sonntag vor Ostern, gehe in den Luxemburggarten,
durchwandere ihn und berschreite die Strasse. Als ich unter die
Arkaden des Odeon komme, bleibe ich unbeweglich vor den blauen
Balzacbnden stehen, und durch einen Zufall greife ich "Seraphita"
heraus. Warum gerade diesen Band?

Vielleicht eine halbbewusste Erinnerung, welche die Lektre, der
Zeitschrift "l'Initiation" hinterlassen hat, der Besprechung von "Sylva
Sylvarum" mich einen Landmann Swedenborgs nannte.

Sobald ich nach Hause kam ffnete ich das Buch, das mir beinahe
unbekannt war, so viele Jahre lagen zwischen der ersten Lektre und
dieser zweiten.

Es war vllig neu fr mich, und jetzt, da mein Geist bereitet war,
verschlang ich den Inhalt dieses ausserordentlichen Buches. Ich hatte
noch nie etwas von Swedenborg gelesen, der in seinem und meinem Lande
fr einen Scharlatan, einen Narren, fr unzchtig galt, und wurde von
Bewunderung und Entzcken ergriffen, als ich diesen himmlischen Riesen
des vorigen Jahrhunderts durch den Mund des tiefsten der franzsischen
Geister sprechen hrte.

Indem ich mit religiser Andacht lese, komme ich zu Seite 16, wo der
29. Mrz als Swedenborgs Todestag angegeben ist. Ich halte inne, denke
nach und schlage den Kalender auf. Heute ist gerade der 29. Mrz, und
ausserdem ist es Palmsonntag.

So offenbarte sich Swedenborg als Zuchtgeist in meinem Leben, in dem er
eine grosse Rolle spielen sollte, und brachte mir am Jahrestage seines
Todes die Palmen des Siegers oder des Mrtyrers!

"Seraphita" wird mein Evangelium und bringt mich wieder in so nahe
Verbindung mit dem Jenseits, dass das Leben mich anekelt und ein
unwiderstehliches Heimweh mich zum Himmel zieht. Kein Zweifel, ich
werde fr ein hheres Dasein vorbereitet! Ich verachte die Erde, diese
weltliche Welt, diese Menschen und ihre Werke. Ich sehe in mir den
Gerechten ohne Schuld, den der Ewige auf die Probe gestellt hat, und
den das Fegefeuer dieser Welt einer baldigen Erlsung wrdig machen
wird.

Dieser Hochmut, den die vertrauliche Stellung zu den Mchten
hervorruft, wchst immer dann, wenn meine wissenschaftlichen
Untersuchungen gut fortschreiten. So gelingt es mir, Gold zu machen,
nach meinen Berechnungen und den Beobachtungen der Metallurgen, und ich
glaube es beweisen zu knnen. Ich sende Proben an einen befreundeten
Chemiker nach Rouen.

Er beweist mir das Gegenteil meiner Versicherungen, und ich kann eine
Woche nichts darauf antworten. Da blttere ich in der Chemie meines
Schutzpatrons Orfila und finde das Geheimnis der Frage.

Diese alte vergessene und verachtete Chemie von 1830 ist das Orakel
geworden, das mir im kritischen Augenblick Hilfe bringt. Meine Freunde
Orfila und Swedenborg beschtzen mich, ermutigen mich, bestrafen mich.
Ich sehe sie nicht, aber ich fhle ihre Gegenwart; sie zeigen sich
nicht meinem Geist, weder durch Visionen noch durch Halluzinationen,
aber die kleinen Ereignisse des Tages, die ich sammle, zeigen, dass sie
in die Wechselflle meines Daseins eingreifen.

Die Geister sind positivistisch geworden wie die gegenwrtige Epoche
und begngen sich nicht mit Visionen. Als Beispiel fhre ich dieses
Zusammentreffen an, das durch das Wort Koinzidenz nicht zu erklren ist.

Nachdem es mir gelungen war, Goldflecke auf Papier hervorzubringen,
suchte ich das Ergebnis im grossen auf trockenem Wege und durch
das Feuer zu erzielen. Zweihundert Versuche fhrten zu nichts, und
verzweifelt lege ich das Ltrohr nieder.

Mein Morgenspaziergang fhrte mich in die Strasse der Sternwarte, wo
ich oft die vier Weltteile bewundere, aus dem heimlichen Grunde, weil
die lieblichste der Carpeauxschen Frauen meiner Frau gleicht. Sie steht
auf der Hhe des Zeichens der Fische unter der Ringkugel, und Sperlinge
haben hinter ihrem Rcken ihr Nest gebaut.

Zu Fssen des Denkmals finde ich zwei oval geschnittene Pappstcke:
das eine trgt die gedruckte Zahl 207, das andere die Nummer 28. Das
bedeutet Blei (Atomgewicht 207) und Silizium (Atomgewicht 28). Ich hebe
den glcklichen Fund auf, um ihn fr meine chemischen Aufzeichnungen zu
bewahren.

Zu Hause beginne ich eine Reihe Versuche mit Blei, indem ich Silizium
vorlufig lasse. Da ich aus der Metallurige weiss, dass Blei, in
einem mit Knochenasche geftterten Tiegel, immer etwas Silber gibt,
und dieses Silber bestndig etwas Gold enthlt, sage ich mir, dass
der phosphorsaure Kalk, der Hauptbestandteil der Knochenasche, in der
Gewinnung des Goldes aus Blei den wesentlichen Faktor ausmachen msse.

In der Tat frbte sich das Blei, auf einem Bett von phosphorsaurem Kalk
geschmolzen, immer goldgelb auf seiner unteren Flche. Aber der bse
Wille der Mchte unterbrach die Vollendung des Versuchs.

Ein Jahr spter, als ich zu Lund in Schweden weilte, gab mir ein
Bildhauer, der in feineren Tpferwaren arbeitete, eine aus Blei und
Silizium zusammengesetzte Glasur, mit deren Hilfe ich zum ersten Mal
ein vererztes Gold von vollkommener Schnheit erhalte.

Als ich ihm dankte, zeige ich ihm die beiden Pappstcke mit den Zahlen
207 und 28.

Zufall oder Zusammentreffen in dieser Begebenheit, die sich durch eine
unerschtterliche Logik auszeichnet?


Ich wiederhole, von Visionen wurde ich niemals heimgesucht, wohl aber
erschienen mir wirkliche Gegenstnde unter menschlichen Formen und
hatten eine Wirkung, die oft grossartig war.

So fand ich mein Kopfkissen, das durch den Mittagschlaf aus der Form
gekommen war, wie ein Marmorkopf im Stil des Michaelangelo modelliert.

Eines Abends, als ich mit dem Doppelgnger des amerikanischen Arztes
nach Hause komme, entdecke ich im Halbschatten des Alkoven einen
riesenhaften Zeus, der auf meinem Bett ruht. Vor diesem unerwarteten
Schauspiel bleibt mein Kamerad stehen, von einem fast religisen
Schrecken erfasst. Als Knstler begreift er sofort die Schnheit der
Linien:

--Da ist ja die grosse verschwundene Kunst wiedergeboren! Das ist eine
plastische Darstellung zum Zeichen.

Je mehr man sie betrachtet, desto mehr verkrpert sich die lebendige
und furchtbare Erscheinung.

Es ist entschieden kein Zufall, da an gewissen Tagen das Kopfkissen
hssliche Ungeheuer, gotische Drachen zeigt; eines Nachts, als ich
von einem Gelage heimkehre, begrsst mich der Dmon, der wahrhafte
Teufel im Stil des Mittelalters, mit dem Bockskopf. Nie ergriff mich
Furcht, es war zu natrlich, aber der Eindruck von etwas Regelwidrigem,
gleichsam bernatrlichem blieb in meiner Seele haften.

Mein Freund, der Bildhauer, den ich als Zeuge herbeirief, zeigte keine
berraschung, sondern lud mich ein, in sein Atelier zu kommen. Dort
setzte mich eine Bleistiftzeichnung, die an der Wand hing, durch die
Schnheit ihrer Linien in Erstaunen.

--Wo haben Sie das gefunden? Eine Madonna, nicht wahr?

--Eine Madonna von Versailles, nach den Gewchsen gezeichnet, die dort
im See der Schweizer schwimmen.

Die Offenbarung einer neuen Kunst nach der Natur! Natrliche Hellsicht!
Warum den Naturalismus anspeien, wenn er eine neue Kunst einweiht,
die reich an Jugend und Hoffnung ist? Die Gtter kehren zurck, und
der Alarmruf "Zum Pan!", den Schriftsteller und Knstler ausgestossen
haben, hat ein so starkes Echo gefunden, dass die Natur nach einem
Schlaf von mehreren Jahrhunderten erwacht ist! Nichts geschieht hier
auf Erden, ohne dass die Mchte zustimmen: wenn der Naturalismus war,
so sei der Naturalismus und gebre wieder die Harmonie von Stoff und
Geist.

Mein Bildhauer ist ein Seher. Er erzhlt mir, dass er Orpheus und
Christus in einem Felsen der Bretagne zusammen modelliert gesehen habe,
und er fgt hinzu, er beabsichtige dorthin zurckzukehren, um sie als
Modelle zu einer Gruppe fr den Salon zu benutzen.

Als ich eines Abends die Rue de Rennes hinunterging, mit demselben
Seher, blieb er vor dem Schaufenster einer Buchhandlung stehen, in
dem kolorierte Lithographien ausgestellt waren. Es waren eine Reihe
von Szenen, in denen menschliche Figuren eine Rolle spielten, deren
Kpfe durch Stiefmtterchen ersetzt waren. Obwohl Beobachter der
Pflanzenwelt, hatte ich noch nie bemerkt, dass das Stiefmtterchen dem
Gesicht des Menschen hnlich ist. Mein Kamerad kann sich von seinem
doppelten Erstaunen kaum erholen.

--Stellen Sie sich vor; als ich gestern abend nach Hause komme,
blickten mich die Stiefmtterchen in meinem Fenster auf eine Art an,
die mich entnervte, und pltzlich sah ich ebenso viel menschliche
Gesichter. Ich hielt es fr eine Illusion, die von meiner Nervositt
kam. Und heute finde ich dasselbe im Druck auf einem alten Stich
wieder: es ist also keine Illusion, sondern eine Wirklichkeit, da ein
unbekannter Knstler dieselbe Entdeckung vor mir gemacht hat.

Wir machen Fortschritte in unserm Sehen, und nun sehe ich Napoleon und
seine Marschlle auf der Kuppel des Invalidendoms.

Wenn man von Montparnasse in den Boulevard des Invalides kommt,
erscheint ber der Rue Oudinot die Kuppel, beim Untergang der Sonne
in ihrem ganzen Glanz, und die Konsolen und andern Ausladungen des
Treppenhauses, der den Dom trgt, nehmen die Form menschlicher Figuren
an, die wechseln, je nachdem der Gesichtspunkt nher oder entfernter
ist. Napoleon ist dort, Bernadotte, Berthier, und mein Freund zeichnet
sie "nach der Natur".

--Wie wollen Sie diese Erscheinung erklren?

--Erklren? Hat man jemals etwas anders erklrt, als indem man eine
Menge Worte durch eine andere Menge Worte umschreibt?

--Sie glauben als nicht, dass der Baumeister nach einer halbbewussten
Leitung seines Geistes gearbeitet hat?

--Hren Sie, lieber Freund: Jules Mansard, der den Dom 1706 baute,
konnte doch unmglich die Silhouette des Napoleon voraussehen, der 1769
geboren wurde.... Gengt das?


Zuweilen habe ich in der Nacht Trume, die mir die Zukunft voraussagen,
mich gegen Gefahren sichern, mir Geheimnisse enthllen. So erscheint
mir ein lngst verstorbener Freund im Traum und bringt ein Geldstck
von ungewhnlicher Grsse. Ich frage ihn nach dem Ursprung dieses
ausserordentlichen Geldstcks; er antwortet: Amerika, und verschwindet
mit dem Schatz.

Am nchsten Tage erhalte ich einen Brief mit amerikanischer Marke; er
ist von einem Freund, den ich seit zwanzig Jahren nicht gesehen habe,
und teilt mir mit, der Auftrag, eine Schrift fr die Ausstellung von
Chikago zu verfassen, habe mich vergeblich in ganz Europa gesucht. Es
handelt sich um ein Honorar von 12 000 Francs, eine ungeheure Summe fr
meine damalige verzweifelte Lage, das mir entgangen war. Dies 12 000
Francs htten meine Zukunft gesichert! Aber kein anderer als ich hat
gewusst, dass der Verlust dieses Geldes mir als Zchtigung auferlegt
war fr eine schlechte Handlung, die ich im Zorn ber die Treulosigkeit
eines literarischen Mitbewerbers begangen hatte.


Ein anderer Traum von weiterer Tragweite liess mich Jonas Lie sehen,
wie er eine Pendeluhr aus vergoldeter Bronze mit ungewhnlichen
Verziehrungen trgt.

Als ich einige Tage spter den Boulevard Saint-Michel hinunterging, zog
das Schaufenster eines Uhrmachers meine Aufmerksamkeit auf sich.

--Da ist die Uhr des Jonas Lie, rief ich aus. Wahrhaftig, es war
dieselbe. Von einer Himmelskugel, an die sich zwei Frauen lehnen,
gekrnt, ruht das Rderwerk auf vier Sulen. In der Kugel war ein
Datumzeiger angebracht, der den dreizehnten August anzeigte.

In einem nchsten Kapitel werde ich erzhlen, wie verhngnisvoll dieses
Datum des dreizehnten August fr mich wurde.

Diese kleinen Vorflle und viele andere ereigneten sich whrend meines
Aufenthaltes im Hotel Orfila zwischen dem 6. Februar und dem 19. Juli
1896.

Parallel mit diesen Vorfllen und mitten in ihnen rollte sich in
Abstnden das folgende Abenteuer ab, das auf meine Austreibung aus dem
Hotel hinauslief und eine neue Epoche meines Lebens einleitete.

Der Frhling ist gekommen; das Tal der Trnen, das sich unter meinem
Fenster ausbreitet, grnt und blht. Der grne Rasen bedeckt den Boden
und verbirgt den Schmutz: die Gehenna hat sich in das Tal von Saron
verwandelt, wo ausser den Lilien, Flieder, Robinien, Paulownien blhen.

Ich bin betrbt, bis zum Tode, aber das heitere Lachen der jungen
Mdchen, die dort unten unsichtbar unter den Bumen spielen, trifft
mich ins Herz und erweckt mich wieder zum Leben. Das Leben verrinnt
und das Alter naht: Weib, Kinder, Huslichkeit, alles verheert; Herbst
innen, Frhling draussen.

Das Buch Hiob und die Klagelieder Jeremiae trsten mich, weil eine
bereinstimmung zwischen dem Lose Hiobs und meinem vorhanden ist. Bin
ich nicht mit bsen Schwren geschlagen; drckt mich die Armut nicht
zu Boden; haben meine Freunde mich nicht verlassen?

"Ich gehe schwarz einher, und brennet mich doch keine Sonne nicht, ich
bin ein Bruder der Schakale und ein Geselle der Strausse. Meine Haut
ber mir ist schwarz geworden, und meine Gebeine sind verdorret vor
Hitze. Meine Harfe ist eine Klage geworden, und meine Flte ein Weinen."

So Hiob. Und Jeremias drckt in zwei Worten den Abgrund meiner
Traurigkeit aus: "Ich habe fast vergessen, was Glck ist."

In dieser Gemtsverfassung sitze ich an einem drckenden Nachmittag
bei meiner Arbeit, als ich unter meinem Fenster hinter den Laubbumen
des Tales die Tne eines Klaviers hre. Ich spitze die Ohren, wie das
Streitross beim Klang der Trompete; ich richte mich auf und sammle
mich; ich atme tief. Das ist der "Aufschwung" von Schumann. Und noch
mehr, er spielt! Es ist mein Freund, der Russe, mein Schler, der mich
"Vater" nannte, weil er alles von mir gelernt hatte; mein Famulus, der
mich Meister nannte und mir die Hnde ksste, weil sein Leben begann,
wo das meine endete. Er ist von Berlin nach Paris gekommen, um mich
zu tten, wie er mich in Berlin gettet hat. Und warum?... Weil das
Schicksal gewollt hat, dass seine jetzige Gattin, bevor er sie kennen
lernte, meine Geliebte gewesen ist. War es meine Schuld, dass es sich
so gefgt hatte? Sicher nicht, und dennoch fasste er einen tdlichen
Hass auf mich, verleumdete mich, verhinderte die Annahme meiner Dramen,
zettelte Intrigen an, die mir die fr meine Existenz notwendigen
Einknfte raubten. In einem Anfall von Wut traf ich ihn damals mitten
in die Brust, freilich auf eine so rohe und feige Art, dass ich
darunter litt, als htte ich einen Meuchelmord begangen. Dass er jetzt
gekommen ist, um mich zu tten, trstet mich, denn der Tod allein kann
mich von der Gewissenqual befreien.

Es war wohl auch er, der mich durch die falsch adressierten Briefe
beunruhigte, die ich dort unten beim Portier sah. Er schlage zu! Ich
wird mich nicht verteidigen, wie er recht hat und mir das Leben nichts
mehr gilt.

Er spielt immer den "Aufschwung", wie nur er ihn zu spielen versteht,
unsichtbar hinter der Mauer aus Grn. Er sendet die magischen
Harmonien ber blhende Firste empor, dass ich sie zu sehen glaube wie
Schmetterlinge, die in der Sonne flattern.

Warum spielt er? Um mir seine Ankunft zu melden, um ich zu erschrecken
und mich in die Flucht zu jagen!

Vielleicht erfahre ich es in der Cremerie, wo die andern Russen schon
lange die Ankunft ihres Landsmannes angekndigt haben. Ich begebe
mich am Abend dorthin, um zu essen, und schon in der Tr zerkratzen
mir feindliche Blicke das Gesicht. Von meinem Streit mit dem Russen
unterrichtet, haben alle Tischgenossen sich gegen mich verbunden. Um
sie zu entwaffnen erffne ich selbst das Feuer:

--Popoffsky ist in Paris? sage ich fragend.

--Nein, noch nicht! Antwortet mir einer.

--Doch, besttigt ein andrer, man hat ihn beim Mercure de France
gesehen.

Einer widerspricht dem Andern, und ich bin schliesslich ebenso klug
wie vorher, stelle mich jedoch so, als glaube ich alles, was man mir
erzhlt. Die allzu deutliche Feindseligkeit liess mich den Schwur tun,
die Cremerie zu meiden; zu meinem Bedauern, denn einige Menschen waren
mir wirklich sympathisch geworden. Von neuem durch diesen verwnschten
Feind in die Einsamkeit getrieben, werde ich gegen ihn eingenommen und
der Hass setzt mir zu und macht mich bse. Ich verzichte auf den Tod!
Ich will nicht von der Hand des Mannes fallen, der meiner nicht wert
ist: die Demtigung wre zu tief fr mich, die Ehre zu gross fr ihn.
Ich will kmpfen, mich verteidigen.

Um mir die Sache vom Herzen zu schaffen, begebe ich mich in die Rue de
la Sant hinter Val-de-Grce, um einen dnischen Maler, einen intimen
Freund Popoffskys, zu besuchen. Dieser Mann, einst mein Freund, war
vor sechs Wochen nach Paris gekommen und hatte mich, als ich ihn auf
der Strasse traf, wie einen Fremden, fast wie einen Feind begrsst.
Am nchsten Tage dagegen machte er mir einen Besuch, lud mich in sein
Atelier ein und sagte mir zu viele Artigkeiten, um nicht den Eindruck
eines falschen Freundes auf mich zu machen. Als ich ihn fragte, ob
er etwas Neues von Popoffsky gehrt habe, verschanzte er sich hinter
Ausflchten, besttigte aber die Neuigkeit, dass er bald nach Paris
kommen werde.

--Um mich zu ermorden! ergnzte ich.

--Gewiss! Nehmen Sie sich in acht!

Als ich eines Morgens die Tr zu dem Hause meines Dnen ffnete, um
seinen Besuch zu erwidern, lag--welcher Zufall!--eine dnische Dogge
von riesiger Grsse und ungeheuerlichem Aussehen auf dem Pflaster
des Hofes und versperrte mir den Weg. Mit einer instinktiven, aber
entschiedenen Bewegung ging ich augenblicklich wieder auf die Strasse
hinaus und kehrte auf meinen Spuren um, den Mchten dankend, dass sie
mich gewarnt hatte; so berzeugt war ich, dass ich einer unbekannten
Gefahr entronnen sei.

Als ich einige Tage spter meinen Besuch wiederholen wollte, sass auf
der Schwelle der offenen Tr ein Kind, das eine Spielkarte in der Hand
hatte. Mit hellseherischem Aberglauben warf ich einen Blick auf die
Karte. Es war die Pik zehn!

--Man treib ein hssliches Spiel in diesem Hause. Und ich zog mich
zurck, ohne einzutreten.

Aber heute abend nach der Szene in der Cremerie war ich fest
entschlossen, Cerberus und Pik zu trotzen; doch das Schicksal
widersetzte sich dem: ich traf meinen Mann in der Brasserie des Lilas.
Er war entzckt mich zu sehen, und wir setzten uns auf der Terrasse an
einen Tisch.

Indem er unsere gemeinsame Berliner Erinnerungen durchging, fiel er in
seine alte Rolle des guten Kameraden zurck, begeisterte sich an seinen
eigenen Erzhlungen, vergass die kleinen Uneinigkeiten und gestand
Tatsachen ein, die er ffentlich geleugnet htte.

Pltzlich schien er sich an seine Pflicht oder an gegebene
Versprechungen zu erinnern: er wird stumm, kalt, feindlich, als rgere
er sich, dass er sich habe aushorchen lassen.

Als ich direkt frage, ob Popoffsky in Paris sei, antwortete er ein so
schroffes Nein, dass die Lge mir offenbar erschien, und wir trennten
uns.

Hier ist zu beachten, dass dieser Dne vor mir der Geliebte der
Frau Popoffsky gewesen war und mir noch immer grollte, dass seine
Geliebte ihn fr mich verlassen hatte. Jetzt spiele er die Rolle eines
Hausfreundes, obwohl Popoffsky genau wusste, in welchen Beziehungen
seine Frau zu dem schnen Heinrich gestanden hatte.


Der "Aufschwung" von Schumann klingt ber die dicht belaubten Bume,
aber der Musiker bleibt unsichtbar, und ich weiss nicht, wo er sich
befindet. Einen ganzen Monat dauert die Musik, jeden Abend von vier bis
fnf Uhr.

Als ich eines Morgens die Rue de Fleurus hinuntergehe, um mich am
Anblick meines Regenbogens beim Frber zu strken, trete ich in den
Luxemburggarten ein, der jetzt in voller Blte steht und schn wie ein
Feenmrchen ist, und finde auf der Erde zwei trockene Zweige, die der
Wind abgebrochen hat. Sie bilden zwei griechische Buchstaben P und y.
Ich hob sie auf und die Verbindung P--y, die Abkrzung von Popoffsky,
entstand in meinem Hirn. Er verfolgte mich also, und die Mchte wollten
mich gegen die Gefahr sichern. Unruhe erfasste mich, trotzdem der
Unsichtbar mir dieses gnstige Zeichen gab. Ich rufe den Schutz der
Vorsehung an, ich lese die Psalmen Davids gegen seine Feinde; ich hasse
meinen Feind mit dem religisen Hass des Alten Testaments, habe aber
zugleich nicht mehr den Mut, mich der Mittel der schwarzen Magie zu
bedienen, die ich eben studiert habe.

"Ewiger, mach dich auf, mir zu helfen! Sprich zu meiner Seele: ich
bin deine Hilfe. Es mssen sich schmen und gehhnet werden, die nach
meiner Seele stehen; es mssen zurckkehren und zu Schanden werden,
die mir bel wollen.... Sie mssen sich schmen und zu Schanden werden
alle, die sich meines bels freuen."

Dieses Gebet schien mir damals gerecht zu sein, und die Barmherzigkeit
des Neuen Testaments kam mir wie eine Feigheit vor.

Zu welchem Unbekannten nahm meine ruchlose Anrufung ihren Flug? Ich
wsste es nicht zu sagen; aber der Verlauf dieses Abenteuers wird
wenigstens zeigen, dass der Wunsch erfllt wurde.




7.

Auszug aus meinem Tagebuch 1896.


13. Mai.--Ein Brief von meiner Frau. Durch die Zeitungen hat sie
erfahren, dass ein Herr S. im Ballon zum Nordpol fahren will: sie
stsst einen Schrei der Angst aus, gesteht mir ihre unvernderliche
Liebe und fleht mich an, auf einen Plan zu verzichten, der Selbstmord
bedeute.

Ich klre sie ber ihren Irrtum auf: es ist der Sohn eines Vetters von
mir, der sein Leben fr eine grosse wissenschaftliche Entdeckung wagt.

14. Mai.--In der letzten Nacht habe ich einen Traum gehabt. Ein
abgehauener Kopf war dem Rumpf eines Menschen angepasst, der wie ein
durch Trunksucht heruntergekommener Schauspieler aussah. Der Kopf fing
an zu sprechen: ich hatte Furcht und stiess meinen Bettschirm um, einen
Russen vor mir herschiebend, um mich gegen den Angriff des rasenden
Mannes zu schtzen.

In dieser selben Nacht sticht eine Mcke mich, und ich tte sie. Am
Morgen ist die Flche der rechten Hand mit Blut bespritzt.

Als ich auf dem Boulevard Port-Royal spazieren gehe, sehe ich eine
Blutlache auf dem Trottoir.

Sperlinge haben ihr Nest im Rauchfang gebaut. Sie zwitschern artig, als
bewohnten sie mein Zimmer.

17. Mai und folgende Tage.--Der Absinth um sechs Uhr auf der Terrasse
der Brasserie des Lilas, hinter dem Marschall Ney, ist mein einziges
Laster, meine letzte Freude geworden. Wenn die Arbeit des Tages beendet
ist, wenn Seele und Krper erschpft sind, erhole ich mich am Busen des
grnen Getrnks, mit einer Zigarette, dem Temps und den Debats.

Wie lieblich ist das Leben, wenn der Nebel eines gelinden Rausches
seinen Schleier ber das Elend des Daseins zieht. Wahrscheinlich neiden
mir die Mchte diese Stunde eingebildeter Seligkeit zwischen sechs und
sieben Uhr, denn von diesem Abend an wird das Glck von einer Reihe
Verdriesslichkeiten gestrt, die ich nicht dem Zufall zuschreiben kann.

Am 17. Mai also ist mein Platz, den ich seit zwei Jahren einnehme,
besetzt; und alle andern ebenfalls. Ich muss in ein anderes Caf gehen,
was mich mehr betrbt, als ich sagen kann.

18. Mai.--Meine schne Ecke in den Lilas ist frei; ich bin zufrieden,
selbst glcklich, unter meiner Kastanie hinter dem Marschall Ney.
Der Absinth ist da, richtig mit Wasser gemischt, die Zigarette ist
angesteckt, der Temps entfaltet....

Da geht ein Betrunkener vorbei, dessen widriges und hssliches Aussehen
mich qult, da er mich mit einem tckischen und verchtlichen Blick
ausforscht. Das Gesicht ist weinrot, die Nase preussischblau, die Augen
boshaft. Ich will meinen Absinth kosten, glcklich, dass ich nicht so
aussehe wie dieser Trinker ... aber, ich weiss noch heute nicht wie,
mein Glas ist umgekehrt und leer. Da ich wenig Geld habe, kann ich
keinen andern bestellen; ich zahle, stehe auf und verlasse das Caf,
berzeugt, dass der bse Geist mich behext hat.

19. Mai.--Ich wage es nicht ins Caf zu gehen.

20. Mai.--Wie ich das Caf umschleiche, finde ich meine Ecke frei.
Man muss gegen den bsen Geist kmpfen, und ich nehme den Kampf auf.
Der Absinth ist bereitet, die Zigarette hat Zug, der Temps berichtet
grosse Neuigkeiten. In diesem Augenblick--glaube mir, Leser, es ist
wahr--bricht im Hause des Cafs, ber mir ein Schornsteinbrand aus.
Allgemeine Panik. Ich bleibe sitzen, aber ein Wille, der strker ist
als ich, lsst eine Wolke Russ fallen und lenkt sie so gut, dass zwei
Flocken sich in mein Glas legen. Aus der Fassung gebracht, gehe ich,
immer aber noch unglubig und zweifelnd.

1. Juni.--Nach einer langen Enthaltsamkeit werde ich von neuem durch
den Wunsch erfasst, mich unter der Kastanie zu trsten. Mein Tisch
ist besetzt, und ich nehme einen andern, der allein steht und ruhig
ist. Man muss gegen den bsen Geist kmpfen.... Da kommt eine Familie
Kleinbrger und setzt sich an den Nebentisch; die Mitglieder dieser
Familie sind nicht zu zhlen, und immer neue Verstrkungen langen
an. Frauen stossen an meinen Stuhl, Kinder verrichten ihre kleinen
Geschfte vor meinen Augen, junge Leute nehmen mir die Streichhlzchen,
ohne um Entschuldigung zu bitten. Umringt von dieser lrmenden,
unverschmten Menge, will ich doch nicht vom Platze weichen. Da folgt
ein Auftritt, der ohne Zweifel durch geschickte und unsichtbare Hnde
in Szene gesetzt ist, denn er gelang zu gut, als dass ich ihn einer
Intrige dieser Leute zuschreiben knnte, die mich gar nicht kennen.

Ein junger Mann legt mit einer Gebrde, die ich nicht begreife, einen
Sou auf meinen Tisch, Fremd und allein unter so vielen Leuten, wage ich
mich nicht zu struben. Aber von Zorn geblendet, suche ich mir klar zu
machen, was sich zugetragen hat.

--Er gibt mir einen Sou wie einem Bettler. Bettler! Das ist der Dolch,
den ich mir in die Brust stosse. Bettler! Ja, denn du verdienst nichts
und du....

Der Kellner kommt und bietet mir einen bequemeren Platz an. Den Sou
lasse ich auf dem Tisch liegen. Der Kellner bringt ihn mir nach--welche
Beschimpfung!--und sagt mir hflich, der junge Mann habe ihn unter
meinem Tisch gefunden und glaube, er gehrt mir.

Ich schmte mich und um meinen Zorn zu dmpfen, bestelle ich einen
zweiten Absinth.

Der Absinth ist serviert, und alles ist gut, als ein ekelhafter Geruch
nach Schwefelammonium mich erstickt.

Was war das wieder? Etwas ganz Natrliches, durchaus kein Wunder, nicht
die Spur einer bsen Absicht ... die ffnung einer Kloake klafft am
Rande des Trottoirs, wo mein Stuhl steht.

Jetzt erst fange ich an zu begreifen, dass gute Geister mich von einem
Laster befreien wollen, das mich ins Irrenhaus bringen kann! Gesegnet
sei die Vorsehung, dass sie mich gerettet hat.


25. Mai.--Trotz der Hausordnung des Hotels, die Frauen ausschliesst,
ist eine Familie auf der Seite meines Zimmers eingezogen. Ein Sugling,
der Tag und Nacht schreit, macht mir wirklich Vergngen, denn er
erinnert mich an die gute alte Zeit, an das blhende Leben zwischen
dreissig und vierzig.

26. Mai.--Die Familie zankt sich! Das Kind heult! Wie sich doch alles
gleich ist! Und wie sss dies--jetzt--fr mich ist.

Heute abend habe ich die englische Dame wieder gesehen. Sie war reizend
und lchelte mich mit einem guten mtterlichen Lcheln an. Sie hat eine
Serpentinentnzerin gemalt, die einer Nuss oder einem Gehirn gleicht.
Das Bild hngt, ziemlich versteckt, hinter dem Bffet der Madame
Charlotte in der Cremerie.

29. Mai.--Ein Brief meiner Kinder aus erster Ehe meldet mir, eine
Depesche habe sie eingeladen, nach Stockholm zu kommen, um dort dem
Abschiedsfest beizuwohnen, das mir gegeben werde, bevor ich im Ballon
zum Nordpol aufsteige. Sie knnen das nicht begreifen, und ich auch
nicht. Welch unseliger Irrtum!

Die Zeitungen berichten das Unglck von Saint-Louis (Saint-Louis!) in
Amerika, wo ein Zyklon tausend Menschen gettet hat.

2. Juni.--In der Strasse der Sternwarte fand ich zwei Kieselsteine,
die genau die Form von Herzen haben. Abends fand ich im Garten eines
russischen Malers den dritten, von derselben Grsse wie die andern und
ihnen ganz gleich.

Der "Aufschwung" von Schumann hat aufgehrt, und ich bin wieder ruhig.

7. Juni.--Ich besuche den dnischen Maler in der Rue de la Sant. Der
grosse Hund ist verschwunden, der Eintritt ist frei. Wir speisen auf
einer Terrasse des Boulevard Port-Royal. Mein Freund friert und fhlt
sich nicht wohl; da er seinen berzieher vergessen hat, lege ich ihm
meinen ber die Schultern. Zuerst beruhigt ihn das: er fgt sich mir
und ich beherrsche ihn. Er wagt sich nicht mehr zu empren: wir sind
in allen Punkten einig; er gesteht mir, dass Popoffsky ein beltter
sei, und das ich ihm mein Unglck zu verdanken habe. Auf einmal wird
er nervs, zittert wie ein Medium unter dem Einfluss des Hypnotiseurs:
wird aufgeregt, schttelt den berzieher ab; hrt auf zu essen, wirft
seine Gabel hin, erhebt sich gibt mir meinen berzieher wieder und sagt
mir adieu.

Was war das? Das Nessusgewand! Hat sich mein Nervenfluidum in dem
Mantel aufgespeichert und durch seine fremdartige Polaritt ihn
unterjocht? Das muss es sein, was Hesekiel Kapitel 13 Vers 18 sagen
will:

"So spricht der Herr, HErr: Weh euch, die ihr Kissen machet den Leuten
unter die Arme und Pfhle zu den Huptern, beide, Jungen und Alten, die
Seelen zu fahen ... ich will die Kissen von euern Armen wegreissen, und
die Seelen, so ihr fahet und vertrstet, losmachen."

Bin ich ein Zauberer geworden, ohne dass ich es weiss?

9. Juni.--Ich besuchte meinen dnischen Freund, um mir seine Bilder
anzusehen. Als ich kam, war er gesund und munter, nach einer halben
Stunde aber bekam er einen solchen Nervenanfall, dass er sich ausziehen
und zu Bett legen musste.

Was hatte er? War es das schlechte Gewissen?

14. Juni. Sonntag.--Ich finde einen vierten Kiesel in Herzform, dieses
Mal im Luxemburggarten, aber von derselben Art wie die frheren. Am
Stein klebt etwas goldgelber Flitter. Ich begreife das Rtsel nicht,
ahne aber eine Voraussage. Ich vergleiche die vier Kiesel vor dem
offenen Fenster, als die Glocken von Saint-Sulpice zu luten beginnen;
dann kommt der grobe Brummbass von Notre-Dame, und durch dieses
gewhnliche Luten dringt ein dumpfes feierliches Rollen, als komme es
aus den Eingeweiden der Erde.

Den Diener, der mir die Post bringt, frage ich, was das bedeutet.

--Das ist die grosse Savoyade von Sacre Coeur de Montmartre.

--Es ist also das Fest des heiligen Herzens?

Und ich betrachte meine vier Herzen aus hartem Stein, ein wenig gepackt
von diesem auffallenden Zusammentreffen.

Ich hre dem Kuckuck aus der Richtung der Kirche Notre-Dame-des-Champs,
und das ist doch unmglich; meine Ohren mssten denn so berempfindlich
geworden sein, dass sie Tne aus dem Wald von Medon wahrnehmen.

15. Juni.--Ich steige nach Paris hinab, um einen Scheck in Papier und
Gold zu verwandeln. Der Quai Voltaire schwankt unter meinen Fssen;
das setzt mich in Erstaunen, obwohl ich sehr wohl weiss, dass die
Brcke du Caroussel unter dem Gewicht der Wagen erzittert. Aber heute
morgen setzt sich die Bewegung bis in den Hof der Tuilerien und in die
Opernstrasse fort. Eine Stadt zittert wohl immer, um es aber zu fhlen,
muss man geschrfte Nerven haben.

Die andere Seite des Flusses ist fr uns andere vom Montparnasse ein
fremdes Land. Ein Jahr fast ist vergangen, seit ich dem Credit Lyonnais
oder dem Caf de la Rgence meinen letzten Besuch machte. Auf dem
Boulevard des Italiens erfasst mich Heimweh, und ich eile zum andern
Ufer zurck, wo der Anblick der Rue des Saint-Pres mich trstet.

In der Nhe der Kirche Saint-Germain-des-Pres treffe ich einen
Leichenwagen, dann zwei kolossale Madonnen, die auf einem Wagen
fortgeschafft werden. Die eine von ihnen, die auf den Knien liegt, die
Hnde faltet und die Blicke zum Himmel erhebt, macht einen starken
Eindruck auf mich.

16. Juni.--Auf dem Boulevard Saint-Michel kaufe ich einen
Briefbeschwerer aus Marmor; er ist mit einer Glaskugel geschmckt,
welche die Madonna von Lourdes enthlt, im Rahmen ihrer berhmten
Grotte; vor ihr liegt eine verschleierte Dame auf den Knien. Ich stelle
das Bild in die Sonne, und die wirft wunderbare Schatten auf die Wand.
Auf der Rckseite der Grotte hat der Gips durch einen Zufall, den der
Knstler nicht vorausgesehen hat, einen Christuskopf geformt.

18. Juni.--Der dnische Freund tritt bestrzt und am ganzen Krper
zitternd in mein Zimmer. Popoffsky ist unter dem Verdacht, eine
Frau und zwei Kinder, seine Geliebte und seine beiden ehelichen
Kinder, ermordet zu haben, in Berlin verhaftet worden. Als die erste
berraschung vergangen ist und das aufrichtige Mitleid mit einem
Freund, der mir, trotz allem, soviel Eifer erwiesen hat, sich legt,
breitet sich eine tiefe Ruhe ber meinen Geist, den seit mehreren
Monaten bevorstehende Drohungen gefoltert haben.

Unfhig, meinen gerechten Egoismus zu verheimlichen, lasse ich meinen
Gefhlen freien Lauf:

--Es ist schrecklich, und doch erleichtert es mich, wenn ich an die
Gefahr denke, der ich eben entgangen bin.

--Was hat ihn zu dem Verbrechen getrieben?

--Vielleicht war die legitime Gattin auf die illegitime Geliebte
eiferschtig; auch die Kosten, die diese verursachte, knnen mitgewirkt
haben. Vielleicht auch....

--Was?

--Vielleicht haben seine blutdrstigen Triebe, die neulich hier
in Paris keine Befriedigung fanden, einen andern Ausweg gesucht,
gleichviel welchen.

In mir selber frage ich: ist es mglich, dass meine glhenden Gebete
den Dolch abgelenkt haben, der nun durch meinen Gegenstoss den Mrder
mitten ins Herz getroffen hat?

Ich forsche nicht weiter, sondern schlage, edelmtig wie ein Sieger vor:

--Retten wir unsern Freund wenigstens literarisch. Ich werde einen
Aufsatz ber seine schriftstellerischen Verdienste schreiben: Sie
zeichnen ein sympathisches Portrt, und beides bieten wir der "Revue
blanche" an.

Im Atelier des Dnen--der Hund bewacht es nicht mehr!--betrachten
wir ein Portrt Popoffskys, das vor mehr als zwei Jahren gemalt ist.
Es ist nur der Kopf, durch eine Wolke abgeschnitten, und darunter
Totenknochen, wie man sie auf Grabtafeln sieht. Der abgeschnittene Kopf
macht uns schaudern, und mein Traum vom dreizehnten Mai bedrckt mich
wie ein Gespenst.

--Wie sind sie auf den Gedanken dieser Enthauptung gekommen?

--Schwer zu sagen, aber es ruhte ein Verhngnis auf diesem feinen
Geist: er besass Spuren von entschiedenem Genie und trachtete nach dem
hchsten Ruhm, ohne aber den Preis dafr zahlen zu wollen. Das Leben
lsst uns nur die Wahl: entweder der Lorbeer oder die Sinnenlust.

--Sie haben das endlich auch entdeckt?


23. Juni.--Ich habe eine Nadel aus unechtem Gold mit einer falschen
Perle gefunden. Aus dem Bad der Goldsynthese habe ich ein Herz aus Gold
gefischt.

Als ich am Abend durch die Rue du Luxembourg gehe, sehe ich im
Hintergrund der ersten Allee rechts, ber den Bumen, eine Hirschkuh
am Himmel gezeichnet. Ich bewundere sie, so schn ist sie in der Form
wie in der Farbe, und sie gibt mir ein Zeichen mit dem Kopf, in der
Richtung nach Sdost (Donau)!

Diese letzten Tage nach der Katastrophe des Russen hat mich eine neue
Unruhe ergriffen. Es kommt mir vor, als beschftige man sich irgendwo
mit mir, und ich vertraue dem dnischen Maler an, dass der Hass des
gefangenen Russen mich wie unter dem Fluidum einer Elektrisiermaschine
leiden lsst.

Es gibt Augenblicke, in denen ich ahne, dass mein Aufenthalt in Paris
bald ein Ende nehmen wird und eine neue Peripetie mich erwartet.

Der Hahn auf dem Kreuz von Notre-Dame-des-Champs scheint mir mit den
Flgeln zu schlagen, als wolle er in nrdlicher Richtung davonfliegen.

Im Vorgefhl meiner bevorstehenden Abreise beeile ich mich meine
Studien im Jardin des Plantes zu vollenden.

Eine Zinkwanne, in der ich Goldsynthesen auf feuchtem Wege vornehme,
zeigt an den innern Seiten eine Landschaft, die durch die verdunsteten
Eisensalze gebildet ist. Ich deute sie als ein Vorzeichen, aber ich
bemhe mich vergeblich zu ahnen wo diese ausserordentliche Landschaft
liegen wird. Mit Nadelbumen, vor allem mit Fichten, bewaldete Hgel;
zwischen den Hhen Ebenen mit Obstbumen, Kornfeldern; alles weist
auf die Nachbarschaft eines Flusses. Ein Hgel, mit Abgrnden von
schlichtenfrmiger Formation, ist mit den Ruinen einer starken Burg
gekrnt.

Ich finde mich noch nicht zurecht, aber ich werde es ber ein Kleines
tun.

25. Juni.--Bei dem Haupt des wissenschaftlichen Okkultismus, dem
Herausgeber der "Initiation", eingeladen. Als wir, der Doktor und
ich, in Marcolles en Brie ankommen, werden wir von drei schlechten
Neuigkeiten empfangen. Ein Wiesel hat die Enten gettet, ein
Kindermdchen ist erkrankt, die dritte ist mir entfallen.

Als ich am Abend nach Paris zurckkehre, lese ich in einer Zeitung die
so berhmt gewordene Geschichte von dem Gespensterhaus in Valence en
Brie.

Brie? Sehr argwhnisch frchte ich, dass bei den Bewohnern des Hotels
mein Ausflug nach Brie Verdacht erregt; dass man mich beschuldigt,
diesen Schwindel oder besser diese Hexerei durch meine alchemistischen
Kenntnisse vorbereitet zu haben.

Ich habe mir einen Rosenkranz gekauft. Warum? Er ist schn und der
bse Geist frchtet das Kreuz. brigens erklre ich mir nicht mehr
die Grnde meiner Handlungen. Ich handle, wie es kommt: das Leben ist
lustiger auf diese Weise!

In der Sache Popoffsky zeigt sich ein Umschwung. Sein Freund, der Dne,
beginnt die Wahrscheinlichkeit des Verbrechens zu widerlegen, unter dem
Vorwand, die Untersuchung habe den Verdacht als falsch erwiesen. Auch
unser Artikel ist aufgeschoben, und die alte Klte tritt wieder ein.
Gleichzeitig erscheint auch das Untier von Hund wieder: ein Wink fr
mich, auf meiner Hut zu sein.

Als ich am Nachmittag an meinem Tisch, der vor dem Fenster steht,
schreibe, bricht ein Gewitter aus. Die ersten Regentropfen fallen
auf mein Manuskript und besudeln es so, dass die Buchstaben, die das
Wort "Alp" bilden, auslaufen und einen Tintenklecks zeichnen, der dem
Gesicht eines Riesen gleicht. Ich hebe diese Zeichnung auf; sie ist dem
Donnergott der Japaner hnlich, wie er in Flammarions "Athmosphre"
abgebildet ist.

28. Juni.--Ich habe meine Frau im Traum gesehen; es fehlten ihr die
Vorderzhne; sie gab mir eine Guitarre, die den Donaubooten glich.

Derselbe Traum drohte mir mit Gefngnis.

Heute morgen fand ich in der Rue d'Assas ein Stck Papier in den Farben
des Regenbogens.

Heute nachmittag zerrieb ich Quecksilber, Zinn, Schwefel, Chlorammonium
auf einer Pappe. Als ich die Masse ablste, behielt die Pappe den
Abdruck eines Gesichts, das dem meiner Frau gleich war, wie ich es in
der vergangenen Nacht im Traum gesehen hatte.

1. Juli.--Ich erwarte einen Ausbruch, ein Erdbeben, einen Blitzschlag,
ohne zu wissen, von welcher Seite. Nervs wie ein Pferd beim Nahen der
Wlfe, wittere ich die Gefahr, packe meine Koffer fr die Flucht, ohne
mich indessen rhren zu knnen.

Der Russe ist aus Mangel an Beweisen aus dem Gefngnis entlassen:
sein Freund, der Dne, ist mein Feind geworden. Die Gesellschaft der
Cremerie plagt mich. Das letzte Mittagessen wurde wegen der Hitze
im Hof aufgetragen: der Tisch war zwischen dem Mllkasten und den
Abtritten aufgestellt. ber dem Mllkasten ist das Bild meines alten
Freundes, des Amerikaners, aufgehngt, aus Rache, weil der Knstler
auf und davon gegangen ist, ohne zu bezahlen, was er schuldig war.
Neben dem Tisch haben die Russen eine Statuette aufgestellt: einen
Krieger, der mit der traditionellen Sense bewaffnet ist. Um mir Furcht
zu machen! Ein junger Bursche des Hauses geht hinter meinem Rcken
in der deutlichen Absicht mich zu rgern, auf den Abtritt. Der Hof,
eng wie ein Schacht, erlaubt der Sonne nicht, die hohen Wnde zu
berschreiten. Die fast in allen Etagen wohnenden Kokotten haben ihre
Fenster geffnet und lassen einen Hagel von Zoten auf unsere Kpfe
niederprasseln; die Hausmdchen kommen mit den Mlleimern und leeren
sie in den Mllkasten.--Das ist die Hlle! Und meine beiden Nachbarn,
notorische Pderasten, unterhalten ein widerwrtiges Gesprch, um mit
mir Hndel zu suchen.

Warum bin ich hier? Die Einsamkeit zwingt mich, menschliche Wesen
aufzusuchen, menschliche Stimmen zu hren.

Da, als meine seelischen Qualen den hchsten Grad erreichen, entdecke
ich einige Stiefmtterchen, die auf einer schmalen Rabatte blhen.
Sie schtteln die Kpfchen, als wollten sie mir eine Gefahr anzeigen,
und eins von ihnen, mit einem Kindergesicht mit grossen, tiefen,
leuchtenden Augen, gibt mir ein Zeichen:

--Geh fort!

Ich erhebe mich und zahle; als ich hinausgehe, grsst mich der Bursche
mit versteckten Beschimpfungen, die mein Herz in Wallung bringen, ohne
meinen Zorn zu erregen.

Ich empfinde Mitleid mit mir selber und schme mich fr die andern.

Ich verzeihe den Schuldigen, indem ich sie als Dmonen betrachte, die
nur ihre Pflicht erfllen.

Doch ist die Ungnade der Vorsehung gar zu deutlich, und, sobald
ich ins Hotel zurckgekehrt bin, beginne ich mein Kredit und Debet
aufzustellen. Bisher, und das war meine Strke, habe ich mich nicht
beugen knnen, den andern recht zu geben, jetzt aber, durch die Hand
des Unsichtbaren zu Boden geschlagen, versuche ich, mir unrecht zu
geben, und wie ich mein Betragen whrend der letzten Wochen grndlich
untersuche, ergreift mich Furcht. Mein Gewissen sagt mir die Wahrheit,
rckhaltlos und unerbittlich.

Ich habe aus Hochmut, Hybris, gesndigt, dem einzigen Laster, das die
Gtter nicht verzeihen. Durch die Freundschaft des Doktor Papus, der
meine Forschungen gelobt hatte, ermutigt, bildete ich mir ein, das
Rtsel der Sphinx gelst zu haben. Ein Nacheiferer des Orpheus, hielt
ich es fr meine Aufgabe, die Natur, die unter den Hnden der Gelehrten
gestorben war, wieder zu beleben.

In dem Bewusstsein, dass die Mchte mich beschtzen, schmeichelte ich
mir, durch meine Feinde nicht besiegt werden zu knnen; das ging so
weit, dass ich die einfachsten Begriffe der Bescheidenheit verachtete.


Hier ist der rechte Augenblick, die Geschichte meines geheimnisvollen
Freundes einzuschalten, der eine entscheidende Rolle in meinem Leben
spielte: als Fhrer, Ratgeber, Trster, Strafer und ausserdem als
Helfer, der mich in zuweilen eintretenden Zeiten der Not mit neuen
Mitteln versorgte. Schon 1890 schrieb er mir einen Brief auf ein Buch
das ich damals erscheinen liess. Er hatte zwischen meinen Gedanken
und denen der Theosophen Berhrungspunkte gefunden und wollte meine
Ansichten ber den Okkultismus und ber die Priesterin der Isis, Frau
Blawatsky, wissen. Der anmassende Ton seiner Epistel missfiel mir,
und ich verhehlte ihm das in meiner Antwort nicht. Vier Jahre spter
verffentliche ich den "Antibarbarus" und empfange im kritischesten
Augenblick meines Lebens von diesem Unbekannten einen zweiten Brief, in
dem er mir in gehobenem, fast prophetischen Ton, eine schmerzensreiche
und glorreiche Zukunft vorhersagt. In gleicher Weise legt er dar, aus
welchen Grnden er den Briefwechsel wieder aufgenommen habe; ihm habe
dazu eine Ahnung bestimmt, dass ich augenblicklich eine seelische
Krise durchmache und vielleicht ein Wort des Trostes ntig habe.
Schliesslich bietet er mir seine Untersttzung an, die ich jedoch
ablehne, da ich auf meine elende Unabhngigkeit eiferschtig bin.

Im Herbst 1895 bin ich es, der den Briefwechsel wieder erffnet, indem
ich ihn bitte, mir bei der Herausgabe meiner naturwissenschaftlichen
Schriften behilflich zu sein. Von diesem Tage an unterhalten wir durch
die Post sehr freundschaftliche, selbst vertrauliche Beziehungen, wenn
ich einen kurzen Bruch ausnehme, den er durch seine verletzende Sprache
verursacht, als er mich ber alltgliche Dinge unterrichten will und
mir in hochmtigen Ausdrcken meinen Mangel an Bescheidenheit vorwirft.

Nachdem wir uns jedoch wieder vershnt hatten, teilte ich ihm alle
meine Beobachtungen mit, lieferte ihm meine Geheimnisse aus; was
vielleicht nicht ganz klug war. Ich beichtete diesem Mann, den ich
nie gesehen hatte, und ich ertrug von seiner Seite die strengsten
Ermahnungen, weil ich ihn eher als eine Idee, denn als eine Person
betrachtete: er war fr mich ein Bote der Vorsehung, ein Paraklet.

In zwei Dingen aber waren wir so grundverschiedener Ansicht, dass wir
zu lebhaften Auseinandersetzungen kamen, ohne jedoch in beleidigende
Streitigkeiten zu geraten. Als Theosoph predigte er Karma, das
heisst die abstrakte Summe der menschlichen Schicksale, die einander
ausgleichen, um eine Art Nemesis zu ergeben. Er war also Mechanist
und ein Epigone der sogenannten materialistischen Schule. Ich
dagegen sah in den Mchten eine oder mehrere konkrete, lebendige,
individualistische Personen, die den Lauf der Welt und die Bahnen der
Menschen bewusst lenken; hypostatisch, wie die Theosophen sagen.

Die zweite Meinungsverschiedenheit bezog sich auf die Verleugnung
und Abttung des Ichs, die mir als eine Torheit erschien und noch
erscheint. Alles, was ich weiss, wenn es auch noch so wenig ist, kommt
vom Ich als dem Mittelpunkt her. Die Kultur, nicht der Kultus, dieses
Ichs erweist sich also als der hchste und letzte Zweck des Daseins.
Meine bestimmte und bestndige Antwort auf seine Einwendungen lautete
also: die Abttung des Ichs ist Selbstmord.

brigens, vor wem soll ich mich beugen? Vor den Theosophen? Niemals!
Vor dem Ewigen, den Mchten, der Vorsehung unterdrcke ich meine bsen
Instinkte, stets und stndig, so weit es mglich ist. Kmpfen fr die
Erhaltung meines Ichs gegen alle Einflsse, die der Ehrgeiz einer Sekte
oder einer Partei auf mich ausben will, das ist meine Pflicht; wie
sie mir das Bewusstsein diktiert, das mir die Gnade meiner gttlichen
Beschtzer gegeben hat.

Wenn ich jedoch an die Eigenschaften dieses unsichtbaren Mannes denke,
den ich liebe und bewundere, so dulde ich seine Anmassung, wenn er mich
als inferior behandelt. Ich antworte ihm immer und verhehle ihm nicht,
dass die Theosphie mir widerstrebt.

Schliesslich aber, mitten in dem Abenteuer Popoffsky, spricht er eine
so hochmtige Sprache, wird seine Tyrannei so unertrglich, dass ich
frchten muss, er hlt mich fr verrckt. Er nennt mich Simon Magus,
Schwarzmagier und empfiehlt mir Frau Blawatski. Ich antworte sofort,
ich habe Frau B. durchaus nicht ntig und _niemand habe mir etwas zu
lehren_. Und womit droht er mir darauf? Er sagt, erwerde mich mit
Hilfe von Mchten, die strker als meine seien, auf den rechten Weg
zurckzufhren wissen. Da bitte ich ihn, nicht an mein Schicksal zu
rhren; das sei gut behtet von der Hand der Vorsehung, die mich immer
geleitet habe. Und, um meinen Gedanken durch ein Beispiel zu erlutern,
erzhle ich ihm folgende Geschichte, eine Einzelheit aus meinem an
providentiellen Zwischenfllen so reichen Leben, indem ich jedoch
vorausschicke, dass ich frchte, durch Auslieferung meines Geheimnisses
mir die Rache der Nemesis selber zuzuziehen.


Es war vor zehn Jahren, mitten in meiner geruschvollsten literarischen
Epoche, als ich gegen die Frauenbewegung auftrat, die ausser mir jeder
in Skandinavien untersttzte. In der Hitze des Kampfes liess ich mich
hinreissen und berschritt die Grenzen der Schicklichkeit so weit, dass
meine Landsleute mich fr verrckt erklrten.

Ich wohnte in Bayern, mit meiner ersten Frau und meinen Kindern, als
ein Jugendfreund mich brieflich einlud, mit meinen Kindern ein Jahr bei
ihm zu verbringen; von meiner Frau war nicht die Rede.

Der Charakter dieses Briefes machte mich misstrauisch: der Stil war
geschraubt, Streichungen und nderungen zeigten, dass der Schreiber
gezgert hatte, was fr Grnde er anfhren solle. Ich witterte eine
Falle und lehnte das Anerbieten in unbestimmten und freundlichen
Ausdrcken ab.

Zwei Jahre spter, als meine erste Scheidung vollzogen ist, lade ich
mich allein bei meinem Freund ein, der im Stockholmer Inselmeer als
Zollinspektor lebt.

Der Empfang ist herzlich, aber die Luft ist voll von Unwahrheiten
und Doppelsinnigkeiten, die Unterhaltung gleicht einem polizeilichen
Verhr. Nachdem ich eine Nacht ber die Sache nachgedacht habe, wird
sie mir klar. Dieser Mann, dessen Eigenliebe ich in einem meiner Romane
verletzt habe, grollt mir, obwohl er Sympathie fr mich hat. Ein Despot
ohnegleichen, will er mein Schicksal beeinflussen, meinen Geist zhmen
und seine berlegenheit zeigen, indem er mich unterwirft.

Nicht sehr gewissenhaft in der Wahl seiner Mittel, peinigt er mich eine
Woche, vergiftet mich mit Verleumdungen, mit eigens erfundenen Fabeln,
benimmt sich aber so ungeschickt, dass ich in meiner berzeugung
bestrkt werde, die Falle, die er mir frher gestellt hatte, habe
keinen andern Zweck gehabt, als mich als Geisteskranken einzusperren.

Ich lasse ihn gewhren, ohne Widerstand zu leisten, indem ich auf
meinen guten Stern vertraute, um mich zu befreien, wenn die Zeit
gekommen ist.

Meine scheinbare Unterwerfung verschafft mir das Wohlwollen meines
Henkers: mitten im Meer allein hausend, von seinen Nachbarn und
Untergebenen verwnscht, gibt er dem Bedrfnis, sich anzuvertrauen,
nach. Mit einer Naivitt, die bei einem Mann von fnfzig Jahren
unbegreiflich ist, erzhlt er mir, seine Schwester sei im letzten
Winter verrckt geworden und habe in einen Anfall von Wahnsinn ihre
Ersparnisse verbrannt.

Am nchsten Tag neue vertrauliche Mitteilungen: ich erfahre, dass sein
Bruder als geisteskrank auf dem Lande interniert ist.

Ich frage mich: ist es aus diesem Grunde, um sich am Schicksal zu
rchen, dass er mich einzusperren wnscht?

Ich beklage sein Unglck und gewinne mir seine Zuneigung so
vollstndig, dass ich die Insel verlassen kann um mir auf einer
benachbarten Insel, wo ich meine Familie wiederfinde, eine Wohnung zu
mieten.

Einen Monat spter ruft mich ein Brief zu meinem "Freund": er ist vor
Schmerz gebrochen, weil sein Bruder sich in einem Anfall von Tobsucht
den Schdel zerschmettert hat. Ich trste ihn, meinen Henker, und um
das Unglck voll zu machen, vertraut mir seine Frau unter Trnen, sie
befrchte schon lange, dass ihr Gatte das Schicksal der andern teilen
werde.

Ein Jahr vergeht, da berichten die Zeitungen, dass der ltere Bruder
meines Freundes sich unter Umstnden, die auf geistige Strung deuten,
gettet hat.

Drei Blitzschlge auf das Haupt dieses Mannes, der mit dem Donner hatte
spielen wollen.

"Welches Zusammentreffen," wird man sagen. Und was noch mehr ist:
welches unglckliche Zusammentreffen, jedes Mal, wenn ich diese
Geschichte erzhlt habe, bin ich dafr bestraft worden.


Die grosse Julihitze ist gekommen; das Leben ist unertrglich: alles
stinkt, und die hundert Aborte nicht am wenigsten. Ich erwarte eine
Katastrophe, ohne sagen zu knnen, was fr eine.

Auf einer Strasse finde ich ein Stck Papier auf dem das Wort "Marder"
steht. Auf einer andern Strasse ein hnliches Stck Papier, das, von
derselben Hand geschrieben, das Wort "Geier" trgt. Popoffsky gleicht
vollkommen einem Marder und seine Frau einem Geier. Sollten sie nach
Paris gekommen sein, um mich zu tten? Er, der Mrder ohne Scham, ist
zu allem fhig, nachdem er Weib und Kind ermordet hat.

Ich lese eine kstliche Arbeit, "Die Freude zu sterben", und der Wunsch
wird in mir wach, diese Welt zu verlassen. Um die Grenze zwischen
Leben und Tod kennen zu lernen, lege ich mich aufs Bett, entkorke das
Flschchen mit Zyankalium und es verbreitet seinen tdlichen Duft. Er
nhert sich, der Mann mit der Sense: ein mildes Gefhl, eine Wollust
berkommt mich; aber, im letzten Augenblick, tritt immer jemand oder
etwas unvermutet dazwischen: der Diener kommt unter irgendeinem
Vorwand, eine Wespe fliegt zum Fenster herein.

Die Mchte weigern mir die einzige Freude, und ich beuge mich ihrem
Willen.

Anfang Juli gehen die Studenten in die Ferien und lassen das Hotel leer.

Darum erregt ein Fremder, der in das Zimmer neben meinem Arbeitstisch
einzieht, meine Neugier. Der Unbekannte spricht niemals; erscheint sich
hinter der Wand, die uns trennt, mit schreiben zu beschftigen. Seltsam
ist jedenfalls, dass er seinen Stuhl zurckschiebt, wenn ich meinen
bewege; dass er meine Bewegungen wiederholt, als wolle er mich durch
seine Nachahmung necken.

Das dauert drei Tage. Am vierten mache ich diese Beobachtung: wenn ich
schlafen gehe, legt sich der andere in dem Zimmer neben meinem Zimmer
nieder; bin ich im Bett, so hre ich, wie er sich in das andere Zimmer
begibt und das Bett neben meinem Bett einnimmt. Ich hre ihn, wie er
sich parallel mit mir ausstreckt: er blttert in einem Buch, lscht
dann die Lampe, holt tief Atem, dreht sich auf die Seite und schlft
ein.

Eine vollstndige Stille herrscht in dem Zimmer neben meinem Tisch. Er
bewohnt also beide Zimmer. Es ist unangenehm, von zwei Seiten belagert
zu werden.


Allein, ganz allein nehme ich das Mittagessen auf einem Tablett auf
meinem Zimmer ein, und ich esse so wenig, dass der teilnehmende Diener
Mitleid mit mir hat. Seit einer Woche habe ich meine Stimme nicht mehr
gehrt, und aus Mangel an bung beginnt der Laut zu verschwinden. Ich
habe keinen Sou mehr: Tabak und Briefmarken fehlen mir.

Da mache ich eine letzte Anstrengung und sammle meinen Willen. Ich
_will_ Gold machen, auf trocknem Wege durch Feuer. Das Geld findet
sich, fen, Tiegel, Lschkohlen, Blasebalg, Zangen.

Die Hitze ist bermssig; nackt bis zum Grtel wie ein Grobschmied,
schwitze ich vor dem offenen Feuer. Aber die Sperlinge haben ihr Nest
in den Schornstein gebaut, und der Kohlendunst schlgt ins Zimmer.
Nach dem ersten Versuch mchte ich aus der Haut fahren, weil ich
Kopfschmerzen habe und meine Experimente eitel sind, da alles verkehrt
geht. Nachdem ich die Masse drei Male im Schmiedefeuer geschmolzen
habe, betrachte ich das Innere des Tiegels. Der Borax hat einen
Totenkopf gebildet, dessen leuchtende Augen meine Seele wie eine
bernatrliche Ironie durchbohren.

Wieder kein Metallkorn! Und ich verzichte auf einen neuen Versuch.

Im Lehnstuhl sitzend, lese ich in der Bibel, wie der Zufall sie mir
aufschlgt: "Niemand geht in sich und hat weder die Kenntnis noch den
Witz, zu sagen: ich habe die Hlfte hiervon im Feuer verbrannt, und
doch habe ich Brot gebacken auf den Kohlen; ich habe Fleisch gerstet
und davon gegessen; und brigens sollte ich daraus ein Greuel machen?
sollte ich einen Baumzweig anbeten? Er nhrt sich von Asche, und
sein getuschtes Herz leitet ihn irre; und er wird seine Seele nicht
befreien, und wird nicht sagen, was in meiner rechten Hand ist, ist das
keine Falschheit?... So hat der Ewige, dein Erlser, gesprochen, der
dich vom Mutterleib bereitet hat, ich bin der Ewige, der alle Dinge
geschaffen hat, der allein die Himmel entworfen, der allein die Erde
geebnet hat; _der die Versicherungen der Lgner zerstreut, der die
Wahrsager zum Unsinn macht, der den Geist der Weisen verkehrt, der ihr
Wissen eine Torheit werden lsst_."

Zum ersten Male zweifle ich an meinen wissenschaftlichen
Untersuchungen! Wenn es eine Torheit ist, ach! dann habe ich das
Glck meines Lebens und das meiner Frau und meiner Kinder fr ein
Hirngespinst geopfert!

Wehe mir Toren! Der Abgrund ffnet sich zwischen meiner Familie und
diesem Augenblick! Ein und ein halbes Jahr, so viele Tage und so viele
Nchte, so viele Schmerzen fr nichts!

Nein, das kann nicht sein! Das ist nicht so!

Habe ich mich in einem dunklen Walde verirrt? Nein, der Lichtbringer
hat mich auf den rechten Weg gefhrt, nach der Insel der Seligen, und
es ist der Teufel, der mich versucht! oder mich straft!

Ich sinke auf den Lehnstuhl nieder; eine ungewohnte Schwere bedrckt
meinen Geist, ein magnetisches Fluidum scheint von der Wand
auszustrmen, der Schlaf bermannt meine Glieder. Ich sammle meine
Krfte und stehe auf, um auszugehen. Als ich durch den Korridor komme,
hre ich Stimmen, die in dem Zimmer neben meinem Tisch flstern.

Warum flstern sie? In der Absicht, sich vor mir versteckt zu halten.

Ich gehe die Rue d'Assas hinunter und trete in den Luxemburggarten. Ich
schleppe meine Beine, ich bin von den Hften bis zu den Fssen gelhmt,
ich sinke hinter dem Adam mit seiner Familie auf eine Bank.

Ich bin vergiftet! Das ist der erste Gedanke, der mir kommt! Und
Popoffsky, der Weib und Kind mit giftigen Gasen gettet hat, ist
hierhergekommen. Er ist es, der nach dem berhmten Experiment von
Pettenkofer einen Gasstrom durch die Wand geleitet hat.

Was ist zu machen? Zur Polizei gehen? Nein! Wenn ich keine Beweise
habe, wird man mich als einen Narren einsperren.

Vae soli! Wehe dem einsamen Menschen, dem Sperling auf dem Dache!
Niemals war das Elend meines Daseins grsser, und ich weine wie ein
verlassenes Kind, das sich im Dunkeln frchtet.

Abends wage ich aus Furcht vor einem neuen Attentat nicht mehr an
meinem Tisch zu bleiben. Ich lege mich zu Bett, ohne dass ich mich
getraue einzuschlafen. Es ist Nacht, und die Lampe ist angesteckt.
Auf der Mauer, meinem Fenster gegenber, sehe ich den Schatten einer
menschlichen Gestalt sich abzeichnen. Ob Mann oder Weib, ich wsste es
nicht zu sagen, aber der Eindruck, der mir geblieben ist, war der eines
Weibes.

Als ich aufstehe, um nachzusehen, wird die Gardine mit einem kurzen
Gerusch herabgelassen. Dann hre ich den Unbekannten in das Zimmer
eintreten, das neben meinem Alkoven liegt, und Stille tritt ein.

Drei Stunden liege ich wach da, ohne den Schlaf zu finden, der sonst
nicht auf sich warten lsst.

Da schleicht sich ein beunruhigendes Gefhl durch meinen Krper: ich
bin das Opfer eines elektrischen Stroms, der zwischen den beiden
benachbarten Zimmern luft. Die Spannung wchst, und trotzdem ich
Widerstand leiste, verlasse ich das Bett, von diesem Gedanken besessen:

--Man ttet mich! Ich will mich nicht tten lassen!

Ich gehe hinaus, um den Diener in seiner Zelle am Ende des Korridors
zu suchen. Aber, ach, er ist nicht da. Also entfernt, fortgeschickt,
geheimer Mitschuldiger, gekauft.

Ich steige die Treppe hinab und durchschreite den Korridor, um den
Pensionsvorsteher zu wecken.

Mit einer Geistesgegenwart, deren ich mich nicht fr fhig gehalten,
schtze ich ein Unwohlsein vor, das von den Ausdnstungen der
Chemikalien komme, und bitte um ein anderes Zimmer fr die Nacht.

Infolge eines Zufalls, den die zornige Vorsehung herbeigefhrt hat,
liegt das einzige verfgbare Zimmer unter dem meines Feindes.

Sobald ich allein bin, ffne ich das Fenster und atme die frische Luft
einer sternklaren Nacht ein. ber den Dchern der Rue d'Assas und der
Rue Madame leuchten der grosse Br und der Polarstern.

--Gegen Norden also! Omen accipio!

Als ich die Vorhnge des Alkovens zurckziehe, hre ich ber mir
meinen Feind, wie er aus dem Bett steigt und einen schweren Gegenstand
in einen Koffer fallen lsst, dessen Deckel er mit einem Schlssel
abschliesst.

Er verbirgt also etwas; vielleicht die Elektrisiermaschine.


Am nchsten Tage, es ist ein Sonntag, packe ich meine Sachen unter dem
Vorwand, ich wolle einen Ausflug an die Kste des Meeres machen.

Dem Kutscher rufe ich Bahnhof Saint-Lazare zu. Als ich aber am Odeon
vorbeikomme, lasse ich mich von ihm nach der Rue de la Clef fhren, in
die Nhe des Jardin des Plantes. Dort will ich bleiben, inkognito, um
meine Studien zu vollenden, bevor ich nach Schweden reise.




8.

Die Hlle.


Endlich tritt eine Pause in meinen Strafen ein. Auf dem Treppenabsatz
des Gartenhauses in einem Sessel sitzend, verbringe ich Stunden damit,
die Blumen des Gartens zu betrachten und ber die Vergangenheit
nachzudenken. Die Ruhe, die nach meiner Flucht eingetreten ist, beweist
mir, dass mich keine Krankheit befallen, sondern dass mich Feinde
verfolgt haben. Am Tage arbeite ich, und in der Nacht schlafe ich ruhig.

Von der Unsauberkeit befreit, fhle ich mich wieder jung werden, wenn
ich die Stockrosen, die Blumen meiner Jugend, betrachte.

Der Jardin des Plantes, dieses den Parisern unbekannte Wunder von
Paris, ist mein Park geworden. Die ganze Schpfung, in einer Ringmauer
gesammelt, die Arche Noahs, das wiedergefundene Paradies, in dem ich
ohne Gefahr zwischen wilden Tieren lustwandle, es ist zu viel Glck.
Von den Gesteinen ausgehend, komme ich durch das Reich der Pflanzen
und Tiere, um zum Menschen zu gelangen, hinter dem ich den Schpfer
entdecke. Der Schpfer, dieser grosse Knstler, der sich entwickelt,
indem er schafft, Skizzen macht, die er wieder verwirft, unreife
Gedanken wieder aufnimmt, einfache Formen vollendet und vervielfacht.
Alles ist das Werk seiner Hand. Oft macht er ungeheuere Fortschritte,
indem er die Arten erfindet, und dann kommt die Wissenschaft, stellt
Lcken, fehlende Glieder fest und bildet sich ein, die Zwischenarten
seien verschwunden.


Da ich nun vor meinen Verfolgern in Sicherheit zu sein glaube, sende
ich meine Adresse ans Hotel Orfila, um wieder in Verbindung mit der
Aussenwelt zu treten, indem ich meine durch die Flucht unterbrochene
Korrespondenz wieder aufnehme.

Kaum aber habe ich mein Inkognito gelftet, ist der Friede aus. Es
geschehen wieder Dinge, die mich beunruhigen, und das frhere Unbehagen
bedrckt mich. Zunchst werden in dem Zimmer des Erdgeschosses, das
neben meinem liegt und bisher frei war, auch keine Mbel hatte,
Gegenstnde aufgestapelt, deren Gebrauch mir unerklrlich bleibt.
Ein alter Herr mit grauen und boshaften Brenaugen trgt leere
Warenbchsen, Blechplatten und andere Gegenstnde hinein, aus denen man
nicht klug wird.

Zur selben Zeit beginnen wieder die Gerusche von der Rue de la
Grande-Chaumire ber meinem Kopfe: man zieht Stricke, schlgt mit
Hmmern, ganz als montiere und aufstelle man eine Hllenmaschine, wie
die Nihilisten sie anwenden.

Dann ndert die Wirtin, die zu Anfang meines Aufenthaltes freundlich
war, ihr Benehmen gegen mich, sucht mich auszukundschaften, grsst mich
auf herausfordernde Art.

Ferner wechselt die erste Etage ber mir den Mieter. Der alte stille
Herr, dessen schwere Schritte mir bekannt waren, ist nicht mehr da. Ein
zurckgezogen lebender Rentier, bewohnt er das Haus seit Jahren, und er
ist nicht verreist sondern hat nur das Zimmer gewechselt. Warum?

Das Mdchen, das mein Zimmer aufrumt und mir die Mahlzeiten bringt,
ist ernst geworden und wirft mir verstohlen mitleidige Blicke zu.

Jetzt ist ber mir ein Rad, das sich den ganzen Tag dreht und dreht.

Zum Tode verurteilt! Das ist mein bestimmter Eindruck. Durch wen?
Durch die Russen, die Pietisten, die Katholiken, die Jesuiten, die
Theosophen! Weshalb? Als Zauberer oder Schwarzmagier?

Oder von der Polizei! Als Anarchist? Das ist ja eine sehr gebruchliche
Anklage, um persnliche Feinde zu beseitigen.

In dem Augenblick, wo ich dieses schreibe, weiss ich nicht, was sich in
jener Julinacht, als sich der Tod auf mich strzte, ereignet hat, aber
ich weiss wohl und werde nie vergessen, welche Lektion ich fr mein
Leben bekam.

Selbst wenn die, welche das Geheimnis kennen, zugeben und eingestehen,
dass es eine Intrige war, die Menschenhnde eingefdelt hatten, grolle
ich ihnen nicht, da ich jetzt berzeugt bin, dass eine andere strkere
Hand ihre in Bewegung setzte, ohne dass sie es wussten, ohne dass sie
es wollten.

Nimmt man andererseits an, es sei keine Intrige gewesen, so htte
ich selber durch meine Einbildung diese Zuchtgeister geschaffen, um
mich zu strafen. Wir werden im folgenden sehen, wieweit diese Annahme
wahrscheinlich sein mag.


Am Morgen des letzten Tages stehe ich mit einer Resignation auf, die
ich religis nennen mchte; nichts bindet mich mehr ans Leben. Ich
habe meine Papiere geordnet, die notwendigsten Briefe geschrieben,
verbrannt, was zu vernichten war.

Dann gehe ich in den Jardin des Plantes, um der Schpfung Lebewohl zu
sagen.

Die schwedischen Magneteisenblcke, die vor dem mineralogischen Museum
aufgestellt sind, grssen mich von meinem Vaterland. Die Akazie des
Robin, die Zeder des Libanon, die Denkmler der grossen Epochen der
noch lebenden Wissenschaft, ich grsse sie.

Ich kaufe Brot und Kirschen. Mein alter Freund Martin kennt mich
persnlich, weil ich der einzige bin, der ihm beim Aufstehen und
Schlafengehen Kirschen gibt. Das Brot bringe ich dem jungen Elefanten,
der mir ins Gesicht spuckt, nachdem er alles gefressen hat, die
undankbare und treulose Jugend.

Lebt wohl, Geier, Himmelsbewohner, nun in einem schmutzigen Kfig
eingeschlossen; leb wohl, Bison, Behemoth, gefesselter Dmon; leb
wohl, Robbenprchen, das die eheliche Liebe ber den Verlust des
Ozeans und der grossen Horizonte trstet. Lebt wohl, Steine, Pflanzen,
Blumen, Bume, Schmetterlinge, Vgel, Schlangen, ihr alle geschaffen
von der Hand eines guten Gottes! Und ihr, grosse Mnner, Bernardin
de Saint-Pierre, Linne, Geoffroy, Saint-Hilaire, Hay, deren Namen
in goldenen Buchstaben am Giebel des Tempels stehen--lebt wohl! oder
vielmehr: auf Wiedersehen!

Ich verlasse das irdische Paradies in dem ich an Seraphites erhabene
Worte denke: "Leb wohl, arme Erde! Leb wohl!"

Als ich den Garten des Hotels wieder betrete, wittere ich die Gegenwart
eines Menschen, der, whrend ich fort war, gekommen ist. Ich sehe ihn
nicht, aber ich fhle ihn.

Was meine Unruhe noch vermehrt, ist die augenscheinliche Vernderung,
die mit dem benachbarten Zimmer vorgegangen ist. Zunchst ist
eine Decke ber einen Strick gehngt, augenscheinlich um etwas zu
verbergen. Auf dem Mantels des Kamins sind in Stapeln Metallplatten
aufgehuft, die durch Querhlzer voneinander getrennt sind. Auf jedem
Stapel liegt ein Photographiealbum oder irgendein Buch, offenbar, um
diesen Hllenmaschinen, die ich fr Akkumulatoren halten mchte, ein
unschuldiges Aussehen zu geben.

Dazu kommt, dass ich auf einem Dach der Rue Censier, gerade dem
Pavillon, in dem ich wohne gegenber, zwei Arbeiter bemerke. Was sie
dort oben machen, kann ich nicht unterscheiden, aber sie zielen nach
meiner Glastr, whrend sie mit Gegenstnden hantieren, die ich nicht
erkennen kann.

Warum entschliesse ich mich nicht zum Fliehen? Weil ich zu stolz bin
und das Unvermeidbare ertragen muss.

Ich bereite mich also auf die Nacht vor. Ich nehme ein Bad und achte
sorgfltig darauf, dass meine Fsse weiss werden, denn meine Mutter
hatte mir als Kind eingeprgt, dass schwarze Fsse ein Zeichen der
Schande sind. Ich rasiere mich und parfmiere mein Hochzeitshemd,
das ich vor drei Jahren in Wein kaufte.... Die Toilette des zum Tode
Verurteilten.

Ich lese in der Bibel die Psalmen, in denen David die Rache des Ewigen
auf seine Feinde herabruft.

Aber die Busspsalmen? Nein, ich habe nicht das Recht, zu bereuen,
denn nicht ich habe mein Schicksal gelenkt; ich habe niemals das Bse
um des Bsen willen getan, ich habe es nur getan, um meine Person zu
verteidigen. Bereuen, das heisst, die Vorsehung kritisieren, die uns
die Snde als ein Leiden auferlegt, um uns durch den Ekel, den die
schlechte Handlung einflsst, zu lutern.

Meine Rechnung mit dem Leben schliesst so ab: die Posten heben sich
auf! Wenn ich gesndigt habe, auf mein Wort, ich habe genug Strafe
dafr gelitten; ganz sicher! Die Hlle frchten? Ich habe, ohne zu
straucheln, hier auf Erden tausend Hllen durchwandert, und das hat den
brennenden Wunsch in mir entfacht, die Eitelkeiten und falschen Freuden
dieser Welt, die ich immer verabscheut habe, zu verlassen. Mit Heimweh
nach dem Himmel geboren, weinte ich schon als Kind ber den Schmutz des
Daseins, fhlte mich fremd und heimatlos unter meinen Verwandten und in
der Gesellschaft.

Seit meiner Kindheit habe ich Gott gesucht, und ich habe den Teufel
gefunden. In meiner Kindheit habe ich das Kreuz Christi getragen, und
ich habe einen Gott verleugnet, der sich begngt, ber Sklaven, die
ihren Peinigern dienen, zu herrschen.


Als ich die Vorhnge meiner Glastr niederlasse, bemerkt ich im
Privatsalon eine Gesellschaft von Damen und Herren, die Champagner
trinken. Offenbar Fremde, die heute abend angekommen sind. Aber es ist
keine Lustpartie, denn sie sehen alle ernst aus, diskutieren, machen
Plne, sprechen mit leiser Stimme wie Verschwrer. Um meine Marter
vollstndig zu machen, drehen sie sich auf ihren Sthlen um und zeigen
mit den Fingern nach meinem Zimmer.

Um zehn Uhr ist meine Lampe gelscht, und ich schlafe ruhig ein,
resigniert wie ein Sterbender.


Ich erwache; eine Uhr schlgt zwei, eine Tr wird zugemacht, und ...
ich bin aus dem Bett wie gehoben durch eine Saugpumpe, die mir das Herz
aussaugt. Als ich auf den Fssen bin, trifft eine elektrische Dusche
meinen Nacken und drckt mich zu Boden.

Ich erhebe mich wieder, fasse meine Kleider und strze in den Garten
hinaus, ein Raub des furchtbarsten Herzklopfens.

Als ich mich angekleidet habe, ist mein erster klarer Gedanke, die
Polizei zu rufen, um eine Haussuchung vornehmen zu lassen.

Aber die Haustr ist verschlossen, ebenso die Portierloge; ich tappe
mich im Finstern vorwrts, ffne eine Tr rechts und trete in die
Kche, wo ein Nachtlicht brennt. Ich stosse es um und stehe in tiefster
Dunkelheit.

Die Furcht bringt mich wieder zur Besinnung, und von dem Gedanken, wenn
ich mich tusche, bin ich verloren, geleitet, kehre ich in mein Zimmer
zurck.

Ich schleppe einen Sessel in den Garten und, unter dem Sterngewlbe
sitzend, denke ich an das, was sich zugetragen hat.

Eine Krankheit? Unmglich, da es mir gut ging, bis ich mein Inkognito
lftete. Ein Attentat! Offenbar, da ich selber die Vorbereitungen
gesehen habe. brigens, hier in diesem Garten, ausser Bereich meiner
Feinde, bin ich wieder hergestellt, und mein Herz funktioniert
vollkommen normal.

Whrend ich diese berlegungen anstelle, hre ich in dem Zimmer, das an
meines stsst, jemand husten. Kurz darauf antwortet ein leises Husten
im Zimmer, das darber liegt.

Wahrscheinlich sind es Zeichen, und sie gleichen genau denen, die ich
der letzten Nacht im Hotel Orfila gehrt hatte.

Ich mache mich an die Glastr des Zimmers im Erdgeschoss, um das
Schloss aufzubrechen, aber es ist vergebens.

Vom nutzlosen Kampf gegen die Unsichtbaren ermdet, sinke ich in den
Sessel nieder; der Schlaf erbarmt sich meiner, ich schlummere ein,
unter den Sternen einer schnen Sommernacht, whrend die Stockrosen
sich im lauen Juliwind wiegen.


Die Sonne weckt mich. Ich danke der Vorsehung, dass sie mich vom Tode
errettet hat, und packe meine wenigen Sachen, um nach Dieppe zu fahren.
Dort werde ich Schutz bei Freunden finden, die ich zwar wie alle
andern vernachlssigt habe, die aber nachsichtig und grossmtig gegen
Unglckliche und Schiffbrchige sind.

Als ich das Hotel verlasse, schleudere ich einen Fluch auf das Haupt
der beltter und rufe das Feuer des Himmels auf diese Ruberhhle
herab; ob mit Recht oder Unrecht, wer kann es wissen?


Meine guten Freunde in Dieppe erschrecken als sie mich mit meiner
von Manuskripten beschwerten Reisetasche den kleinen Hgel der
Orchideenstadt hinaufsteigen sehen.

--Woher kommen Sie, Unglcklicher?

--Ich komme vom Tode.

--Ich ahnte es, denn Sie sehen aus wie eine Leiche.

Die gute und reizende Dame des Hauses fasst mich bei der Hand und
fhrt mich vor einen Spiegel, in dem ich mich betrachten kann. Das
Gesicht von Rauch des Zuges geschwrzt, die Backen hohl, die Haare voll
Schweiss und angegraut, die Augen verstrt, die Wsche schmutzig: es
war ein Anblick zum Erbarmen.

Als die liebenswrdige Dame, die mich wie ein krankes und verlassenes
Kind behandelte, mich vor der Toilette allein liess, musterte ich
mein Gesicht genauer. Es war ein Ausdruck in den Zgen, der mich
erschreckte. Das war weder der Tod, noch das Laster, das war etwas
anderes. Und wenn ich Swedenborg gekannt htte, htte ich die vom bsen
Geist hinterlassene Spur mich ber den Zustand meiner Seele und die
Begebenheiten der letzten Wochen aufgeklrt.

Jetzt dagegen schmte ich mich und entsetzte ich mich vor mir selber,
und ich bereute es, gegen diese Familie undankbar gewesen zu sein, die
mir einst diesen rettenden Hafen angeboten hatte, mir und so vielen
andern Schiffbrchigen.

Zur Busse bin ich von den Furien hierher gejagt worden. Es ist ein
schnes Knstlerheim, ein guter Haushalt, eheliches Glck, reizende
Kinder, Luxus und Sauberkeit, eine Gastfreundschaft ohne Grenzen,
Hochherzigkeit im Urteil, eine Atmosphre der Schnheit und Gte,
die mir in die Seele brennt. Und unter all diesem fhle ich mich
nicht glcklich, wie im Paradies ein Verdammter. Hier beginne ich zu
entdecken, dass ich verdammt bin.

Vor meinen Augen breitete sich alles aus, was das Leben an Glck bieten
kann, alles, was ich verloren habe.

Ich bewohne eine Dachstube, von der ich den Gipfel des Hgels sehe, wo
ein Hospiz fr alte Leute liegt. Am Abend entdecke ich zwei Mnner,
die sich gegen die Ringmauer lehnen, nach unserer Villa sphen und mit
Gebrden die Stelle meines Fensters bezeichnen. Die Idee, durch Feinde,
die Elektriker sind, verfolgt zu sein, nimmt mich von neuem in Besitz.

Es ist die Nacht vom 25. auf den 26. Juli 1896. Meine Freunde habe
ihr Mglichstes getan, um mich zu beruhigen; wir haben zusammen
alle Dachkammern, die neben meinem Zimmer liegen, sogar den Boden
untersucht, damit ich sicher sei, dass sich niemand in strafbarer
Absicht dort versteckt habe. Als man aber die Tr einer Rumpelkammer
ffnet, macht ein an sich gleichgltiger Gegenstand einen entmutigenden
Eindruck auf mich. Es ist ein Eisbr, der als Teppich dient; aber der
ghnende Rachen, die drohenden Eckzhne, die funkelnden Augen reizen
mich. Warum muss dieses Tier gerade in diesem Augenblick dort liegen?

Ohne mich auszuziehen, lege ich mich aufs Bett, entschlossen, den
verhngnisvollen Glockenschlag der zweiten Stunde abzuwarten.

Ich warte bis Mitternacht, mit Lesen beschftigt.

Ein Uhr ist vorbei, und das ganze Haus schlft ruhig.

Endlich schlgt es zwei Uhr! Nichts geschieht! Da, in einem Anfall von
Anmassung, und um die Unsichtbaren herauszufordern, vielleicht auch in
der Absicht, ein physikalisches Experiment zu machen, stehe ich auf,
ffne die beiden Fenster, stecke zwei Kerzen an. Ich setze mich an den
Tisch hinter die Leuchter und biete mich mit unbedeckter Brust als
Zielscheibe dar und fordere die Unbekannten heraus.

--Hier bin ich, ihr Einfltigen!

Da macht sich ein Fluidum, wie ein elektrisches, fhlbar, zuerst
schwach. Ich blicke auf meine Magnetnadel, die ich als Zeuge
aufgestellt habe; aber keine Spur der Abweichung: also keine
Elektrizitt.

Aber die Spannung nimmt zu, mein Herz schlgt krftig; ich wiederstehe,
aber schnell wie ein Blitz erfllt ein Fluidum meinen Krper, erstickt
mich und saugt an meinem Herzen....

Ich strze die Treppe hinunter, um den Salon im Erdgeschoss zu
erreichen, wo man mir, fr den Fall der Not ein provisorisches Bett
bereitet hat. Da liege ich fnf Minuten und denke nach. Ist es
strahlende Elektrizitt? Nein, da die Magnetnadel nichts angezeigt hat.
Eine Krankheit, veranlasst durch die Furcht vor der zweiten Stunde?
Auch nicht, da mir nicht der Mut fehlt, den Angriffen zu trotzen. Warum
musste ich denn die Kerzen anstecken, die das unbekannte Fluidum,
dessen Opfer ich war, anzogen?

Ohne Antwort zu erhalten, in einem endlosen Labyrinth verirrt, zwinge
ich mich, einzuschlafen; da aber greift mich eine neue Entladung an,
die Jagd beginnt wieder. Ich ducke mich hinter der Wand, ich lege mich
unter das Gesims der Tren, vor die Kamine. berall, berall finden
mich die Furien. Die Seelenangst nimmt berhand, der panische Schrecken
vor allem und nichts ergreift mich so, dass ich von Zimmer zu Zimmer
fliehe; schliesslich flchte ich mich auf den Balkon, wo ich mich
zusammenkauere.

Der Morgen ist graugelb, und die sepiafarbigen Wolken zeigen seltsame,
ungeheuerliche Formen, die meine Verzweiflung vermehren. Ich suche das
Atelier meines Freundes, des Malers, auf, lege mich auf den Teppich und
schliesse die Augen. Fnf Minuten spter werde ich von einem strenden
Gerusch geweckt. Eine Maus ugt nach mir, mit der deutlichen Absicht,
sich zu nhern. Ich verjage sie: sie kommt mit einer zweiten zurck.
Mein Gott, habe ich das Delirium? Ich habe doch diese letzten drei
Jahre den Wein nicht missbraucht! (Am nchsten Tag berzeugte ich mich,
dass es wirklich Muse im Atelier gab, aber durch wen vorbereitet, und
zu welchem Zweck?)

Ich wechsle den Platz und lege mich auf den Teppich des Flurs. Der
barmherzige Schlaf senkt sich auf meinen gefolterten Geist, und ich
verliere das Bewusstsein des Schmerzes, vielleicht eine halbe Stunde
lang.

Ein deutlich artikulierter Schrei "Alp!" lsst mich pltzlich auffahren.

Alp! das ist der deutsche Name fr einen qulenden, bedrckenden Traum.
Alp! das ist das Wort, das die Tropfen des Gewitterregens im Hotel
Orfila auf mein Papier zeichneten.

Wer hat es ausgerufen? Niemand, da alle Bewohner des Hauses schlafen.
Ein Spiel von Dmonen. Ein poetisches Bild, das vielleicht die ganze
Wahrheit enthlt.

Ich steige die Treppe hinauf und trete in meine Dachstube: die Lichter
sind niedergebrannt, tiefes Schweigen herrscht.

Da lutet das Angelus: es ist der Tag des Herrn.

Ich nehme das rmische Gebetbuch und ich lese: De profundis clamavi ad
te, Domine! Getrstet, sinke ich auf das Bett wie ein Toter.

Sonntag, den 26. Juli 1896. Ein Zyklon verwstet den Jardin des
Plantes. Die Zeitungen bringen die Einzelheiten, die mich seltsam
interessieren; warum, kann ich nicht sagen. Heute soll Andres
Ballon zu seiner Nordpolfahrt aufsteigen; aber die Vorzeichen
verknden Unheil. Der Zyklon hat mehrere Ballons, die an verschiedenen
Stellen aufgestiegen sind, zu Boden geschleudert, und mehrere
Luftschiffer sind dabei umgekommen. Elise Reclus hat sich das Bein
gebrochen. Gleichzeitig hat sich in Berlin ein Mann namens Pieska auf
ungewhnliche Weise gettet; er schlitzte sich nach Art der Japaner den
Bauch auf. Ein blutiges Drama.

Am nchsten Morgen verlasse ich Dieppe. Dieses Mal segne ich das Haus,
dessen berechtigte Freuden ich durch meine Qualen verdstert habe.

Da ich den Gedanken, dass bersinnliche Mchte in mein Schicksal
eingreifen, noch immer zurckweise, bilde ich mir ein, eine
Nervenkrankheit zu haben. Darum will ich nach Schweden fahren, um einen
befreundeten Arzt aufzusuchen.

Als Andenken an Dieppe nehme ich einen Stein mit, der eine Art Eisenerz
ist, die Form eines Dreiblatts hat, einem Spitzbogenfenster gleich, und
das Zeichen des Malteserkreuzes trgt. Ich habe den Stein von einem
Kind erhalten, das ihn am Strande gefunden hat. Es erzhlte mir auch,
diese Art Steine fielen vom Himmel, und wrden dann von den Wellen ans
Land geworfen.

Ich mchte gern an seine Deutung glauben und behalte das Geschenk als
einen Talisman, dessen Bedeutung mir noch verborgen ist.

(An der Kste der Bretagne sammeln die Strandbewohner nach einem Sturme
Steine in der Form eines Kreuzes, die wie Gold aussehen. Das ist ein
Erz, das Staurolith heisst.)


Ganz im Sden Schwedens, an der Kste des Meeres, liegt die kleine
Stadt: ein altes Seeruber- und Schmugglernest, in dem Weltumsegler
exotische Spuren aus vier Weltteilen hinterlassen haben.

So sieht die Wohnung meines Arztes wie ein buddhistisches Kloster aus.
Die vier Flgel des einstckigen Gebudes schliessen einen viereckigen
Hof ein, in dessen Mitte ein kuppelfrmiger Bau an das Grabmal des
Tamerlan zu Samarkand erinnert. Die Struktur und die Bekleidung des
Dachstuhls mit chinesischen Ziegeln erinnern an den ussersten Orient.
Eine apathische Schildkrte kriecht ber das Pflaster und versinkt
mitten im Gras in ein Nirvana der Betrachtung, das sich bis in
Unendlichkeit ausdehnt.

Ein dichtes Gestruch bengalischer Rosen schmckt die ussere Mauer des
westlichen Flgels, wo ich allein wohne. Zwischen diesem Hof und den
beiden Grten liegt ein Wirtschaftshof, auf dem eine Kastanie steht und
schwarze Hhner zanken; es ist eine Art Gang, dunkel und feucht.

Im Lustgarten steht ein Pavillon im Stil der Pagode, von Pfeifenstrauch
berwachsen.

Dieses Kloster, das unzhlige Zimmer hat, wird von einem einzigen
Menschen bewohnt, dem Leiter des Kreiskrankenhauses. Witwer,
Einsiedler, unabhngig, hat er die harte Schule des Lebens und der
Menschen durchgemacht und verachtet die Menschen mit dieser starken und
edlen Verachtung, die zur tiefen Erkenntnis der relativen Nichtigkeit
aller Dinge fhrt, das eigene Ich einbegriffen.

Dieser Mann trat so unerwartet auf die Bhne meines Lebens, dass ich
sein Auftreten zu den Theatercoups ex machina zhlen mchte.

Als ich jetzt, von Dieppe kommend, im gegenberstehe, sieht er mich
fest und prfend an und ruft aus:

--Was fehlt dir? Nervenkrank! Gut! Aber da ist auch noch etwas anderes.
Du hast bse Augen, und das habe ich noch nicht bei dir gesehen.
Was hast du gemacht? Ausschweifungen, Laser, verlorenen Illusionen,
Religion? Erzhle mir, alter Junge!

Aber ich erzhle nichts, da der erste Gedanke, der meinem argwhnischen
Geist kommt, der ist, dass er gegen mich voreingenommen sei, dass er
Erkundigungen eingezogen habe, dass ich interniert bin.

Ich schtze Nervositt, Schlaflosigkeit, Alpdrcken vor, und dann
sprechen wir von anderen Dingen.

Als ich mich in meiner kleinen Wohnung einrichte, bemerke ich alsbald
das amerikanische eiserne Bett, dessen vier in Messingkugeln endende
Pfeiler den Leitern einer Elektrisiermaschine gleichen. Fgt man dazu
die elastische Matratze, deren kupferne Sprungfedern wie die Spiralen
der Rhmkorffschen Induktionsrolle aussehen, so kann man sich denken,
wie wtend ich ber diesen teuflischen Zufall bin. Unmglich kann ich
bitten, das Bett zu wechseln, weil dann der Verdacht aufkommen knnte,
ich sei wahnsinnig.

Ich will mich vergewissern, dass nichts ber meinem Bett verborgen
ist, und steige auf den Boden hinauf. Um das Unglck voll zu machen,
liegt dort oben nur ein einziger Gegenstand, und zwar ein ungeheures,
zusammengerolltes Netz aus Eisendraht, gerade ber meinem Bett. Das ist
ein Akkumulator, sage ich mir. Wenn ein Gewitter, das hier sehr hufig
ist, ausbricht, wird das Eisennetz den Blitz anziehen, und ich werde
auf dem Konduktor liegen. Aber ich wage nichts zu sagen.

Zugleich beunruhigt mich der Lrm, den eine Maschine macht. Ein
Ohrensausen verfolgt mich, seit ich das Hotel Orfila verlassen habe,
wie das Stampfen eines Wasserrades. Da ich zweifle, ob dieses Gerusch
tatschlich vorhanden ist, frage ich, was es ist.

--Die Presse der Druckerei nebenan.

Alles erklrt sich wunderschn und doch macht mich diese Einfachheit
der Mittel verrckt, erschreckt mich.

Die gefrchtete Nacht kommt. Der Himmel ist bedeckt, die Luft ist
schwer; man erwartet ein Gewitter. Ich wage nicht, zu Bett zu gehen,
und bringe zwei Stunden damit zu, dass ich Briefe schreibe. Von
Mdigkeit berwltigt, entkleide ich mich und schlpfe zwischen die
Laken. Ein furchtbares Schweigen herrscht im Haus, als ich die Lampe
lsche. Ich fhle, dass jemand im Dunkeln auf mich lauert, mich
berhrt, nach meinem Herzen tastet, saugt.

Ohne zu warten, springe ich aus dem Bett, ffne das Fenster uns
strze mich auf den Hof; aber die Rosenstrucher stehen dort, und
mein Hemd schtzt mich nicht im geringsten gegen das Geisseln der
Dornen. Zerrissen, blutend berschreite ich den Hof. Meine nackten
Fsse werden von Kieselsteinen geschunden, von Disteln zerstochen, von
Nesseln verbrannt; ber unbekannt Gegenstnde strauchelnd, erreiche
ich die Kchentr, die zur Wohnung des Arztes fhrt. Ich klopfe. Keine
Antwort!--Da erst entdecke ich, dass es regnet. Oh, Elend ber Elend!
Was habe ich getan, um diese Qualen zu verdienen? Sicher ist das die
Hlle! Miserere! Miserere!

Ich klopfe immerzu!

Es ist seltsam, dass nie jemand da ist, wenn man mich angreift. Immer
diese Alibis: es ist also ein Komplott, an dem alle teilnehmen! Endlich
die Stimme des Arztes:

--Wer da?

--Ich bin es! Ich bin krank! ffne, oder ich sterbe! Er ffnet.

--Was ist dir geschehen?

Ich beginne meine Erzhlung mit dem Attentat in der Rue de la Clef, das
ich feindlichen Elektrikern zuschreibe....

--Schweig, Unglcklicher! Du leidest an einer Geisteskrankheit.

--Verflucht! Untersuche doch meinen Verstand; lies, was ich tglich
schreibe und was man druckt....

--Schweig! Kein Wort zu irgendwem! Die Bcher der Irrenhuser kennen
diese elektrischen Geschichten aus dem Grunde.

--Das wre noch schner! Ich kehre mich so wenig an eure
Irrenhausbcher, dass ich, um mir Klarheit zu verschaffen, morgen nach
Lund fahren werde, um mich im dortigen Irrenhaus untersuchen zu lassen!


--Dann bist du verloren! Kein Wort mehr davon, und leg dich hier im
Nebenzimmer schlafen!

Ich gebe nicht nach und verlange, dass er mich anhrt. Er lehnt es ab
und will nichts hren.

Wieder allein, frage ich mich: ist es mglich, dass ein Freund,
ein Ehrenmann, der sich von schmutzigen Hndeln rein erhalten hat,
seine ehrenwerte Laufbahn damit beschliesst, dass er der Versuchung
unterliegt? Wessen Versuchung? Die Antwort fehlt mir; aber die
Vermutungen fliessen ber.

Every man his price, jeder Mann hat seinen Preis! Hier war allerdings
eine bedeutende Summe notwendig, im Verhltnis zu seiner Tugend.--Aber
zu welchem Zweck? Eine gewhnliche Rache bezahlt man nicht bermssig!
Es muss sich um ein ausserordentliches Interesse handeln! Halt, ich
habe es! Ich habe Gold gemacht, der Doktor hat es halb erkannt, aber
heute hat er es abgeleugnet, dass er meine Versuche, die ich ihm
brieflich mitgeteilt hatte, wiederholt habe. Er hat es abgeleugnet, und
doch habe ich heute abend Proben von seiner Hand gefunden; sie lagen
auf dem Pflaster des Hofes. Also hat er gelogen!

brigens hat er sich am selben Abend darber ausgesprochen, was fr
traurige Folgen es fr die Menschheit haben wrde, wenn die Herstellung
des Goldes sich besttigte. Allgemeiner Zusammenbruch, berall
Verwirrung, Anarchie, Ende der Welt.

Man msste den Erfinder tten! das war sein letztes Wort.

Ferner, als wir ber die wirtschaftliche Lage meines Freundes sprechen,
die recht bescheiden ist, war ich erstaunt, ihn sagen zu hren, dass er
den Hof, den er bewohnt, demnchst kaufen werde. Er hat Schulden, ist
beinahe in Verlegenheit, und trumt davon Grundbesitzer zu werden.

Alles vereinigt sich, um mir meinen guten Freund verdchtig zu machen.

Verfolgungswahn! Mag sein; aber der Knstler, der die Glieder dieser
hllischen Syllogismen schmiedet, wo ist er?

--Man msste ihn tten! Das ist der letzte Gedanke, den ich in meiner
Qual festhalten kann, bevor ich gegen Sonnenaufgang einschlafe.


Wir haben eine Kaltwasserkur begonnen, und ich habe das Zimmer fr die
Nchte gewechselt, die jetzt ziemlich ruhig sind, wenn auch einige
Rckflle eintreten.

Eines Abends bemerkt der Doktor das Gebetbuch auf meinem Nachttisch und
gebrdet sich wie ein Rasender.

--Immer noch diese Religion! Das ist ein Symptom begreifst du das?

--Oder ein Bedrfnis wie andere!

--Ich bin kein Atheist; aber ich denke, dass der Allmchtige die
frhere Vertraulichkeit nicht mehr will. Man macht dem Ewigen nicht
mehr den Hof, damit ist es aus! Ich halte mich an den Grundsatz des
Mohammedaners, der um nichts als Gelassenheit bittet, damit er die Last
des Daseins ertragen kann.

Grosse Worte, aus denen ich mir eigene Goldkrner heraushole. Er nimmt
mir Gebetbuch und Bibel fort.

--Lies gleichgltige Sachen, von sekundrem Interesse, Weltgeschichte,
Mythologie, und lass die Grbeleien. Vor allem: hte dich vor dem
Okkultismus, dieser Pseudowissenschaft. Es ist uns verboten, die
Geheimnisse des Schpfers zu ersphen, und wehe denen, die sie sich
erlisten.

Als ich einwende, dass sich in Paris eine ganze Schule von Okkultisten
gebildet habe, heult er:

--Wehe ihnen!

Am Abend bringt er mir Viktor Rydbergs "Germanische Mythologie", und
zwar ohne Hintergedanken; ich bin wenigstens davon berzeugt.

--Hier sind Geschichten, bei denen man im Stehen einschlafen kann. Das
wirkt besser als Sulfonal.

Wenn mein guter Freund gewusst htte, welchen Zndfaden er da
anzndete, er htte lieber....

Die Mythologie in zwei Bnden, von zusammen tausend Seiten, ffnet sich
unter meinen Hnden wie von selber und meine Blicke heften sich alsbald
auf diese Reihen, die sich meinem Gedchtnis in Feuerschrift einprgen:

"Nach der Legende blhte sich der durch seinen Vater unterrichtete
Bhrigu vor Hochmut und bildete sich ein, seinen Meister zu bertreffen.
Der sandte ihn in die Unterwelt, wo er zu seiner Demtigung tausend
Schrecken beiwohnen muss, von denen er nie etwas geahnt hatte."

Das hiess also: der Hochmut, die Anmassung, die Hybris, bestraft durch
meinen Vater und Meister. Und ich befand mich in der Hlle, von den
Mchten dahingejagt. Wer war denn mein Meister? Swedenborg?

Ich bltterte in dem wunderbaren Buch weiter.

?Man vergleiche mit dieser Fabel die germanische Mythe von den
_Dornenfeldern_, welche die Fsse der Ungerechten _geisseln_....

Genug! Genug! Die Dornen auch! Das ist zu viel!

Kein Zweifel, ich bin in der Hlle! Und wirklich besttigt die
Wirklichkeit diese Phantasie in einer so plausiblen Weise, dass ich ihr
schliesslich glauben muss.

Der Docktor scheint zwischen den verschiedensten Gefhlen zu schwanken.
Bald ist er gegen mich eingenommen, sieht mich ber die Achsel an,
behandelt mich mit einer demtigenden Brutalitt; bald ist er selbst
ganz unglcklich und pflegt und trstet mich wie ein krankes Kind. Ein
anderes Mal freut er sich, einen Mann von Verdienst, den er frher
geschtzt hat, unter die Fsse treten zu knnen. Dann macht er den
Henker und predigt mir vor.

--Man muss arbeiten, man muss einen bertriebenen Ehrgeiz unterdrcken,
man muss seine Pflicht gegen Vaterland und Familie erfllen. Lass
die Chemie; es ist eine Chimre, es gibt so viel Spezialisten, die
Autoritten sind, Gelehrte von Beruf, die ihre Sache verstehen....

Eines Tages schlgt er mir vor, fr die letzte Stockholmer Zeitung zu
schreiben.

--Die zahlt!

Ich antworte ihm, ich habe es nicht ntig, Artikel fr die letzte
Stockholmer Zeitung zu schreiben, da das erste Blatt von Paris und der
Welt mein Manuskript angenommen habe.

Da stellt er sich zweifelnd und behandelt mich als Aufschneider, obwohl
er meine Artikel im Figaro gelesen und meinen Leitartikel im Gil Blas
selbst bersetzt hat.

Ich bin ihm nicht bse: er spielt nur die Rolle, die ihm die Vorsehung
auferlegt hat.

Ich tue mir Gewalt an, den Hass, der gegen diesen unvermuteten Dmon
wchst, zu unterdrcken, und ich verwnsche das Schicksal, das
meine Gefhle der Dankbarkeit gegen einen hochherzigen Freund in
Undankbarkeit zu kehren sucht.


Kleinigkeiten erneuern unaufhrlich den Argwohn, den ich ber die
bswilligen Absichten des Doktors hege.

Heute hat er auf der Veranda, die auf den Garten hinaus geht, xte,
Sgen, Hmmer gelegt, ganz neue, die zu nichts dienen. Zwei Gewehre und
ein Revolver in seinem Schlafzimmer, und in einem Korridor noch eine
Sammlung xte, die zu gross sind, um im Haushalt verwendet zu werden.
Welcher teuflische Zufall, dass dieser Folterapparat meinen Blicken
ausgesetzt ist! Der beunruhigt mich, weil er keinen Zweck hat und
ungewhnlich ist.

Die Nchte sind ziemlich ruhig fr mich geworden, whrend der Doktor
beunruhigende Wanderungen zu machen beginnt. So werde ich mitten in der
dunkelsten Nacht durch einen Flintenschuss geweckt. Taktvoll, tue ich,
als habe ich nichts gehrt. Am Morgen erklrt er mir die Sache: ein
Volk Elstern sei in den Garten gekommen und habe seinen Schlaf gestrt.


In einer anderen Nacht stsst die Haushlterin um zwei Uhr morgens
heisere Schreie aus.

In einer dritten Nacht seufzt der Doktor, indem er den "Herrn Zebaoth"
anruft.

Bin ich in einem Spukhaus, und wer hat mich hierher geschickt?

Ich kann ein Lcheln nicht unterdrcken, wenn ich beobachte, wie der
Alp, der mich besessen hat, sich meiner Gefangenenwchter bemchtigt.
Aber die ruchlose Freude wird bald bestraft. Ein furchtbarer Anfall
berrascht mich; ich erwache davon, dass mein Herzschlag stockt, und
hre Worte, die ich in meinem Tagebuch notiert habe. Eine unbekannte
Stimme ruft: "Drogist Luthardt"!

Drogist! Vergiftet man mich langsam mit Alkaloiden, die Wahnsinn
hervorrufen, wie Bilsenkraut, Haschisch, Digitalin, Stechapfel?

Ich weiss es nicht; aber seitdem verdoppelt sich mein Argwohn.

Man wagt mich nicht zu tten, man will mich nur verrckt machen, durch
List, um mich dann in einem Irrenhaus verschwinden zu lassen. Der
Schein spricht mehr und mehr gegen den Doktor. Ich entdecke, dass er
meine Goldsynthese entwickelt hat, so entwickelt hat, dass er weiter
gekommen ist als ich. brigens alles, was er sagt, widerspricht sich im
nchsten Augenblick, und seine Lgen gegenber nimmt meine Phantasie
den Zaum zwischen die Zhne und fliegt ber die Grenzen der Vernunft.

Am 8. August mache ich meinen Morgenspaziergang vor der Stadt. An der
Chausse singt eine Telegraphenstange; ich trete nher, lege mein Ohr
daran und lausche wie bezaubert. Am Fuss der Stange liegt zufllig ein
Hufeisen. Ich hebe es auf als ein gutes Zeichen und nehme es mit nach
Haus.

10 August.--Am Abend wnsche ich dem Doktor, dessen Benehmen mich in
den letzten Tagen mehr als je beunruhigt hat, eine gute Nacht. In
geheimnisvoller Weise hat er mit sich selbst gekmpft; sein Gesicht ist
fahl geworden, seine Augen sind erloschen. Den ganzen Tag ber singt
oder pfeift er; ein Brief, den er empfing, hat einen starken Eindruck
auf ihn gemacht.

Am Nachmittag kommt er von einer Operation nach Haus, seine Hnde sind
mit Blut befleckt, er bringt einen zwei Monate alten Ftus mit. Er sah
wie ein Schlchter aus und sprach in einer unangenehmen Weise ber die
Befreiung der Mutter.

--Die Schwachen tten und die Starken beschtzen! Fort mit dem Mitleid,
es bringt die Menschheit herunter!

Ein Schrecken hat mich vor ihm erfasst. Nachdem wir uns an der Tr, die
unsere beiden Zimmer trennt, gute Nacht gesagt haben, sphe ich nach
ihm. Zuerst geht er in den Garten, ohne dass ich hren kann, was er
dort macht. Dann tritt er in die Veranda, die neben meinem Schlafzimmer
liegt, und bleibt dort. Er hantiert mit einem ziemlich schweren
Gegenstand und zieht eine Feder auf, die nicht zu einer Uhr gehrt.
Alles geht leise vor sich, was auf Geheimniskrmerei oder verdchtige
Arbeit deutet.

Halb entkleidet, erwarte ich stehend und unbeweglich, meinen Atem
anhaltend, die Wirkung dieser geheimnisvollen Vorbereitungen.

Da, durch die Wand, die mein Bett berhrt, strahlt das gewhnliche und
wohlbekannte Fluidum, betastet meine Brust und sucht das Herz. Die
Spannung wchst ... ich nehme meine Kleider, schlpfe durchs Fenster
und kleide mich erst an, als ich die Pforte hinter mir habe.

Wiederum auf der Strasse, auf dem Pflaster, die letzte Zuflucht, den
einzigen Freund verlassend. Ich gehe und gehe, ohne ein Ziel zu haben.
Als ich zu mir komme, gehe ich geradeswegs zum Arzt der Stadt. Ich muss
luten, ich muss warten, und ich bereite mich auf meine Aussage vor, da
ich meinen Freund nicht anklagen will.

Endlich erscheint der Doktor. Ich entschuldige mich wegen meines
nchtlichen Besuches: aber Schlaflosigkeit und Herzklopfen bei einem
Kranken, der das Vertrauen zu seinem Arzt verloren hat usw.... Mein
guter Freund, dessen Gastfreundschaft ich angenommen habe, behandle
mich als eingebildet Kranken und wolle mich nicht anhren.

Als habe er meinen Besuch erwartet, ladet der Doktor mich ein, auf
einem Stuhl Platz zu nehmen, und bietet mir eine Zigarette und ein Glas
Wein an.

Es ist eine Befreiung fr mich, wie ein wohlerzogener Mensch empfangen
zu werden, nachdem man mich wie einen elenden Idioten behandelt hat.
Wir plaudern zwei Stunden, und der Arzt enthllt sich als Theosoph, dem
ich alles mitteilen kann, ohne mich blosszustellen.

Schliesslich, etwas nach Mitternacht, erhebe ich mich, um ein Hotel
aufzusuchen. Der Doktor rt mir, nach Haus zurckzukehren.

--Niemals! Er wre fhig, mich zu tten!

--Wenn ich Sie begleite?

--Dann haben wir zusammen das Feuer des Feindes auszuhalten. Aber er
wird mir nie verzeihen.

--Gehen wir jedenfalls!

So kehre ich auf meinen Spuren zurck. Da ich die Tr geschlossen
finde, klopfe ich.

Als nach einer Minute mein Freund ffnet, da, bin ich es, der
von Mitleid ergriffen wird. Er, der Chirurg, gewohnt, Leiden zu
verursachen, ohne Mitleid zu empfinden, der Verknder des berlegten
Mordes, er sieht klglich aus, ist blass wie eine Leiche; er zittert
und stammelt; als er den Doktor, der hinter mir steht, erblickt, sinkt
er zusammen, von einem Schrecken ergriffen, der mich mehr entsetzt, als
alle vorhergehenden Schauder.

Ist es mglich, dass dieser Mann einen Mord beabsichtigt hat und dass
er die Entdeckung frchtete? Nein, das ist unmglich, ich weise diesen
Gedanken zurck: er ist ruchlos.

Nachdem wir nichtssagende Worte ausgetauscht haben, die von meiner
Seite fast lppisch sind, trennen wir uns, um schlafen zu gehen.

Es gibt im Leben so schreckliche Zwischenflle, dass die Seele sich in
dem Augenblick weigert, die Spur zu bewahren; aber der Eindruck bleibt
und tritt bald mit unwiderstehlicher Kraft wieder zum Vorschein.

So kommt mir, als ich nach Hause zurckkehre, pltzlich eine Szene
wieder, die sich im Salon des Doktors zutrug, als ich ihn in der Nacht
aufsuchte.

Der Doktor verlsst mich um Wein zu holen; allein im Zimmer, betrachte
ich einen Schrank mit Fllungen, deren Getfel aus Nussbaum oder Erle
gearbeitet ist, ich weiss es nicht mehr genau. Wie gewhnlich bilden
die Holzfasern Figuren. Hier zeigt sich ein Bockskopf in meisterhafter
Ausfhrung. Ich kehre ihm gleich den Rcken. Pan selbst, nach den
berlieferungen der Alten; Pan, den das Mittelalter spter in Satan
verwandelte: der war es wohl!

Ich beschrnke mich hier darauf, die Tatsache zu erzhlen; der Arzt,
der Besitzer des Schrankes, wrde der Geheimwissenschaft einen Dienst
leisten, wenn er die Fllung photographieren liesse. Dr. Mac Haven
hat sich in der "Initiation" (November 1896) mit diesen Erscheinungen
beschftigt, die in allen Naturreichen so gewhnlich sind. Ich empfehle
dem Leser, das Gesicht, das auf dem Rckenschild der Krabbe gezeichnet
ist, genau zu betrachten.


Nach diesem Abenteuer zeigt sich eine offenbare Feindseligkeit zwischen
meinem Freund und mir. Er gibt mir zu verstehen, dass ich faulenze und
dass meine Anwesenheit berflssig sei. Ich antworte ihm, dass ich
bereit sei, in ein Hotel zu gehen, um wichtige Briefe abzuwarten. Da
spielt er den Beleidigten.

In Wirklichkeit kann ich mich vor Geldmangel nicht rhren. brigens
ahne ich, dass in meinem Schicksal eine nderung bevorsteht.

Meine Gesundheit ist wiederhergestellt: ich schlafe nachts ruhig und
arbeite am Tage.

Der Zorn der Vorsehung scheint vertagt zu sein, und meine Versuche
gelingen in allem. Wenn ich zufllig ein Buch aus der Bibliothek des
Doktors hole, enthlt es immer die gesuchte Erklrung. So finde ich in
einer alten Chemie das Geheimnis meiner Art, Gold zu machen; nun kann
ich durch die Metallurgie, mit Berechnungen und Analogien, beweisen,
dass ich Gold gemacht habe, und das man immer Gold gemacht hat, wenn
man es aus Erzen zu gewinnen geglaubt hat. man es aus Erzen zu gewinnen
geglaubt hat.

Ein Aufsatz, den ich ber das Thema ausgearbeitet habe, wird an eine
franzsische Zeitschrift gesandt, die ihn sofort druckt. Ich beeile
mich, den Artikel dem Doktor zu zeigen; er kann die Tatsache nicht
leugnen, ist aber gegen mich eingenommen.

Da muss ich mir sagen, dass er nicht mehr mein Freund ist, da meine
Erfolge ihm unangenehm sind.


12. August.--Ich kaufe beim Buchhndler ein Album. Es ist eine Art
Notizbuch, in bearbeitetes und vergoldetes Leder prchtig gebunden.
Die Zeichnung erregt meine Aufmerksamkeit und--seltsam!--bildet ein
Vorzeichen, dessen Deutung in der Folge gegeben werden wird. Die
knstlerisch ausgefhrte Komposition stellt dar: links den zunehmenden
Mond im ersten Viertel, von einem blhenden Zweig umgeben; drei
Pferdekpfe (trijugum) gehen vom Monde aus; darber ein Lorbeerzweig;
unten drei Streifen (drei mal drei); rechts eine Glocke, aus der Blumen
hervorquellen, ein Rad in der Form einer Sonne usw....

13. August.--Der Tag, den die Uhr auf dem Boulevard Saint-Michel
angekndigt hat, ist da. Ich erwarte irgendein Ergebnis, aber
vergebens. Doch bin ich sicher, dass irgendwo etwas geschehen ist,
dessen Ergebnisse mir binnen kurzem mitgeteilt werden.

14. August.--Auf der Strasse finde ich ein Blatt, das aus einem alten
Kontorkalender gerissen ist; es trgt in grossen Buchstaben: 13.
August. (Das Datum der Uhr.) Darunter in kleinen Buchstaben: "Tue
niemals heimlich, was du nicht ffentlich tun wrdest." (Die schwarze
Magie!)

15. August.--Ein Brief von meiner Frau. Sie beweint mein Schicksal; sie
liebt mich noch immer und sie hofft unseres Kindes wegen, dass sich
die Verhltnisse bessern werden. Ihre Eltern, die mich frher gehasst
haben, sind nicht gefhllos gegen meine Leiden: ich bin eingeladen,
mein Tchterchen, diesen Engel, der auf dem Lande bei den Grosseltern
wohnt, zu sehen.

Das ruft mich ins Leben zurck! Mein Kind, meine Tochter nimmt fr mich
die erste Stelle ein, selbst vor der Gattin. Das arme unschuldige Kind,
dem ich Bses habe tun wollen, umarmen, es um Verzeihung bitten, ihm
das Dasein durch die kleinen Aufmerksamkeiten des Vaters erheitern,
der seine seit Jahren aufgesparte Zrtlichkeit verschwenden mchte!
Ich fange wieder an zu leben, ich erwache endlich aus einem bsen
Traum, und ich begreife den wohlwollenden Willen des gestrengen Herrn,
der mich mit harter und weiser Hand bestraft hat. Jetzt begreife ich
die dunkeln und erhabenen Worte Hiobs: "Glcklich der Mann, den Gott
zchtigt!"

Glcklich; denn um die "andern" kmmert er sich nicht.

Ich weiss nicht, ob ich dort unten an der Donau meine Frau treffen
werde; das ist mir beinahe gleichgltig geworden, weil unsere
Charaktere sich doch nicht vertragen. Ich rste mich zu meiner
Pilgerfahrt, denn ich weiss wohl, dass es eine Bsserreise ist und dass
mir neue Golgathas bestimmt sind.


Dreissig Tage der Marter, dann ffnen sich die Tren der Folterkammer.
Ich scheide ohne Bitterkeit von meinem Freund und meinem Henker. Er ist
nur die Geissel der Vorsehung fr mich gewesen.

Glcklich der Mensch, den Gott zchtigt!...




9.

Beatrice.


In Berlin bringt mich eine Droschke vom Stettiner zum Anhalter Bahnhof.
Auf der halbstndigen Durchfahrt ist es mir, als fhre ich durch eine
Dornenhecke, soviel leibhaftige Erinnerungen bedrngen mein Herz.
Zuerst fahre ich durch die Strasse, in der mein Freund Popoffsky mit
seiner ersten Frau wohnte, unbekannt oder vielmehr verkannt, mit dem
Elend und den Leidenschaften kmpfend. Jetzt ist die Frau tot, sein
Kind ist tot, in diesem Haus linkst war es; und unsere Freundschaft hat
sich in wilden Hass verwandelt.

Hier rechts die Bierstube der Knstler und Schriftsteller, der
Schauplatz so vieler Geistes-und Liebesorgien.

Dort die Cantina Italiana, wo ich vor drei Jahren meine damalige Braut
zu treffen pflegte; dort haben wir das erste Honorar, das ich aus
Italien erhielt, in Chianti verwandelt.

Dort der Schiffbauerdamm mit der Pension Fulda, wo wir als junges
Ehepaar wohnten. Hier mein Theater, mein Buchhndler, mein Schneider,
mein Apotheker.

Welch unseliger Instinkt treibt den Kutscher mich durch diese via
dolorosa, die mit begrabenen Erinnerungen gepflastert ist, zu fahren?
Zu dieser nchtlichen Stunde werden die Erinnerungen wieder lebendig
wie Gespenster. Ich kann nicht erklren, warum er gerade diese Gasse
fhrt, in der unsere Weinstube "Das schwarze Ferkel" liegt, einst
berhmt als Lieblingslokal von Heine und E. T. A. Hoffmann. Der Wirt
steht selber auf der Treppe unter dem Ungetm, das als Firmenschild in
der Luft hngt. Er sieht mich ohne mich zu erkennen! Eine Sekunde lang
wirft der Kronleuchter von drinnen seine durch die hundert Flaschen der
Auslage gefrbten Strahlen und lsst mich ein Jahr meines Lebens, das
reichste an Kummer und Freude, Freundschaft und Liebe, wieder erleben.
Zugleich aber fhle ich lebhaft, dass dies alles zu Ende ist und
begraben bleiben muss, um Neuem Platz zu machen.


Ich schlafe diese Nacht in Berlin. Als ich am nchsten Tag erwache,
grsst mich ber den Dchern vom stlichen Himmel ein rosiger,
hochrosenroter Schein. Da erinnere ich mich, diese Rosenfarbe in Malm,
am Abend meiner Abreise gesehen zu haben. Ich verlasse dieses Berlin,
das meine zweite Heimat geworden ist, wo ich meine seconda primavera
und zugleich den letzten Frhling erlebt habe. Auf dem Anhalter Bahnhuf
lasse ich mit diesen Erinnerungen jede Hoffnung auf einen neuen
Frhling und eine neue Liebe, die niemals, niemals wiederkehren werden.


Nachdem ich eine Nacht in Tabor, wohin mir der rosige Schein gefolgt
ist, verbracht habe, steige ich durch den Bhmerwald nach der Donau
hinab. Dort hrt die Bahn auf, und im Wagen dringe ich in diese
Tiefebene ein, welche die Donau bis nach Grein begleitet; zwischen
Apfel- und Birnbumen, Getreidefeldern und grnen Wiesen fahre ich
dahin. DA entdecke ich in der Ferne, auf einem Hgel jenseits des
Flusses, die kleine Kirche, die ich nie besucht habe, die aber den
hchsten Punkt der Landschaft bildet; diese Landschaft breitet sich
vor dem Huschen aus, in dem mein Tchterchen geboren wurde, in jenem
unvergesslichen Mai vor zwei Jahren.

Ich fahre durch Drfer, komme durch Marktflecken und Klster. Den
Weg begleiten unzhlige Shnkapellen, Kalvarienberge, Weihbilder;
Denksteine ber Unglcksflle, Blitzschlge, pltzlichen Tod. Und
am Ende dieser Pilgerfahrt, dort unten in der Ferne, erwarten mich
sicherlich die zwlf Stationen von Golgatha.

Der Gekreuzigte mit der Dornenkrone grsst mich jede hundert Schritte,
ermutigt mich und fordert mich auf, Kreuz und Leiden auf mich zu nehmen.

Jetzt tte ich mein Fleisch ab, indem ich mir von vornherein sage, dass
sie, wie ich schon wusste nicht da sein wird.

Da meine Frau das Familiengewitter nicht mehr abwendet, muss ich mir
von den alten Eltern, die ich tief verletzt habe, weil ich nicht einmal
Abschied von ihnen hatte nehmen wollen, Gleiches mit Gleichem vergelten
lassen. Ich lange also an, in dem ich mich darein finde, dass ich
bestraft werde, um Frieden zu gewinnen; als ich das letzte Dorf und das
letzte Kruzifix hinter mir gelassen habe, ahne ich die Todesqualen es
Verurteilten.


Einen Sugling von sechs Wochen hatte ich verlassen, und ein
kleines Mdchen von zweieinhalb Jahren finde ich wieder. Bei der
ersten Begegnung prft sie mich bis auf den Grund der Seele, mit
einer ernsten, aber nicht strengen Miene, deutlich um zu sehen, ob
ich ihretwegen oder um ihre Mutter gekommen sei. Nachdem sie sich
vergewissert hat, lsst sie sich kssen und schlingt ihre rmchen um
meinen Hals.

Das ist Fausts Erwachen zum irdischen Leben, aber lieblicher und
reiner: ich nehme die Kleine immer wieder in meine Arme und fhle ihr
Herzchen gegen meines schlagen. Ein Kind lieben, heisst fr den Mann
zum Weibe werden, das Mnnliche ablegen, die geschlechtslose Liebe der
Himmlischen empfinden, wie Swedenborg sie nennt. Dadurch beginnt meine
Erziehung fr den Himmel. Aber zuerst die Shne!

Die Situation ist in wenigen Worten diese: meine Frau wohnt bei ihrer
verheirateten Schwester, weil die Grossmutter, die im Besitz der
Erbschaft ist, geschworen hat, unsere Ehe auflsen zu lassen; so hasst
sie mich wegen meiner Undankbarkeit und noch anderer Dinge. Ich bin
willkommen bei dem Kinde, das niemals aufhren wird, mein zu sein,
und ich bin der Gast meiner Schweigermutter fr unbestimmte Zeit. Ich
nehme die Situation hin, wie sie ist, und zwar mit Vergngen. Meine
Schwiegermutter hat mir mit dem vershnlichen und ergebenen Geist einer
tief religisen Frau alles verziehen.


1. September 1896.--Ich bewohne das Zimmer, in dem meine Frau diese
beiden Jahre der Trennung zugebracht hat. Hier hat sie gelitten,
whrend ich meine Qualen in Paris durchmachte. Arme, arme Frau! Ist es
die Strafe fr das Verbrechen, das wir begingen, als wir mit der Liebe
spielten?

Am Abend fllt beim Essen dies vor. Um meinem Tchterchen, das sich
nicht ganz allein bedienen kann, zu helfen, nehme ich ihre Hand, ganz
sanft und in der freundlichsten Absicht. Sie stsst einen Schrei aus,
zieht ihre Hand zurck und wirft mir einen Blick voll Schrecken zu. Als
die Grossmutter fragt, was sie hat, antwortet sie:

--Er tut mir weh!

Ich bin bestrzt und kann kein Wort hervorbringen. Wie oft habe ich mit
Willen weg getan: sollte ich jetzt weh tun, ohne es zu wollen?

In der Nacht trume ich von einem Adler, der mir die Hand zerreisst,
zur Zchtigung fr ein unbekanntes Vergehen.

Am Morgen besucht mich mein Tchterchen; sie ist zrtlich, liebevoll,
freundlich. Sie nimmt den Kaffee mit mir und macht es sich an meinem
Schreibtisch bequem, wo ich ihr Bilderbcher zeige.

Wir sind schon gute Freunde, und meine Schwiegermutter ist entzckt,
dass ihr jemand die Kleine erziehen hilft.

Am Abend muss ich dem Schlafengehen meines Engels beiwohnen und ihm
seine Gebete sprechen hren. Sie ist katholisch, und wenn sie mich
auffordert, zu beten und das Zeichen des Kreuzes zu machen, kann ich
nicht antworten, denn ich bin Protestant.

2. September.--Allgemeine Aufregung. Die Mutter meiner Schwiegermutter,
die einige Kilometer weit am Ufer des Flusses wohnt, will einen
Ausweisungsbefehl gegen mich erlassen. Sie verlangt, dass ich sofort
abreise, und droht ihre Tochter zu enterben, falls ich nicht gehorche.
Die Schwester meiner Schwiegermutter, eine gute Frau, die auch getrennt
von ihrem Manne lebt, ladet mich ein, bei ihr im benachbarten Dorf zu
wohnen, bis der Sturm sich gelegt habe. Zu diesem Zweck kommt sie, um
mich abzuholen.

Wir steigen auf einen zwei Kilometer langen Hgel; als wir auf dem
Gipfel angekommen sind, entdecken wir unten einen runden Talkessel,
aus dem sich unzhlige mit Fichten bestandene Hgel wie Krater eines
Vulkans erheben. In der Mitte dieses Trichters liegt das Dorf mit
seiner Kirche, und auf der Hhe des steilen Berges das Schloss mit dem
Stiel einer mittelalterlichen Burg; eingeschlossen sind hier und dort
Felder und Wiesen, und ein Bach bewssert sie, der sich unterhalb der
Burg in eine Schlucht strzt.

Der Anblick dieser seltsamen, einzigartigen Landschaft berrascht mich,
und der Gedanke kommt mir: ich habe sie schon gesehen; aber wo? wo?

Auf der Zinkschale im Hotel Orfila! In Eisenoxid gezeichnet. Es ist
dieselbe Landschaft, ohne Zweifel!

Meine Tante steigt mit mir ins Dorf hinunter, wo sie ber eine
Wohnung von drei Zimmer verfgt, in einem grossen Gebude, das eine
Bckerei, eine Schlchterei, eine Schenke enthlt. Das Haus ist mit
einem Blitzableiter versehen, weil der Blitz vor einem Jahr den Boden
eingeschert hat.

Als meine gute Tante, die ebenso aufrichtig fromm wie ihre Schwester
ist, mich in das fr mich bestimmte Zimmer fhrt, bleibe ich, wie
von einer Vision erregt, auf der Schwelle stehen. Die Wnde sind
rosa gestrichen, rosa wie die Morgenrte, die mich auf meiner Reise
nicht verliess. Die Vorhnge sind rosa, und die mit Blumen besetzten
Fenster lassen das Tageslicht gefrbt ins Zimmer fallen. Eine peinliche
Sauberkeit waltet hier, und das altertmliche Bett mit seinem von
vier Sulen getragenen Himmel ist das Lager einer Jungfrau. Das ganze
Zimmer, mit der Art seiner Einrichtung, ist ein Gedicht, die Eingebung
einer Seele, die nur halb auf dieser Erde lebt. Das Kruzifix ist nicht
da; aber die Jungfrau Maria; und der Weihkessel behtet den Eingang
gegen die bsen Geister.

Ein Gefhl von Scham erfasst mich, ich frchte diese Phantasie eines
reinen Herzens zu besudeln, das diesen Tempel der jungfrulichen Mutter
auf dem Grabe ihrer einzigen, seit mehr als zehn Jahren begrabenen
Liebe errichtet hat. Und ich versuche in schlecht gesetzten Worten das
hochherzige Angebot abzulehnen.

Aber die gute Alte gibt nicht nach:

--Es wird dir gut tun, deine irdische Liebe der Liebe zu Gott zu
opfern und der Zrtlichkeit, die du fr dein Kind hegst. Glaube meinem
Wort: diese Liebe ohne Dornen wird dir den Frieden des Herzens, die
Heiterkeit des Gemts wiedergeben, und unter dem Schutz der Jungfrau
wirst du nachts ruhig schlafen.

Ich ksse ihr die Hand, zum Zeichen der Dankbarkeit fr das Opfer, das
sie mir bringt, und mit einer Zerknirschung, der ich mich nicht fr
fhig gehalten htte, nehme ich im Ernst an. Ich bin berzeugt, dass
ich von den Mchten begnadigt werde, da sie die zu meiner Bestrafung
bestimmten Zchtigungen eingestellt haben.

Doch unter irgendeinem Vorwand behalte ich mir das Recht vor, eine
letzte Nacht in Saxen zu schlafen und die bersiedlung auf den nchsten
Tag zu verschieben. Ich kehre also, von meiner Tante begleitet,
zu meinem Kinde zurck. Auf der Dorfstrasse bemerke ich, dass der
Blitzableiter und sein Leitungsdraht gerade ber meinem Bett befestigt
sind.

Welcher teuflische Zufall, der wie persnliche Verfolgung auf mich
wirkt!

Zugleich bemerke ich, dass die Aussicht, die sich vor meinen Fenstern
ausbreitet, keine andere ist als das Armenhaus mit seiner Bevlkerung
alter entlassener Verbrecher, Kranker, Sterbender. Eine traurige
Gesellschaft, eine dstere Zukunft habe ich da vor Augen.


Wieder in Saxen angelangt, sammle ich meine Sachen fr die Abreise.
Mit Bedauern verlasse ich den Wohnsitz meines Kindes, das mir so teuer
geworden ist. Die Grausamkeit der alten Dame, mich von Weib und Kind zu
trennen, erregt meinen ungerechten Unwillen; in einem Anfall von Zorn
erhebe ich die Hand gegen ihr in l gemaltes Portrt, das ber meinem
Bett hngt. Eine dumpfe Verwnschung begleitet die Gebrde.

Zwei Stunden spter bricht ein furchtbares Gewitter ber dem Dorf aus;
die Blitze kreuzen einander, der Regen giesst in Strmen, der Himmel
ist schwarz.

Als ich am nchsten Morgen in Klam anlange, wo das rosa Zimmer mich
erwartet, sehe ich eine Wolke in Drachenform ber dem Haus meiner
Tante schweben. Dann erzhlt man mir, der Blitz habe ein nahes Dorf in
Brand gesteckt und der Platzregen habe unsere Gemeinde verwstet, die
Heuschober verheert, die Brcken fortgefhrt.

Am 10. September hat ein Zyklon Paris verwstet, und unter welch
seltsamen Umstnden! Zuerst, bei vlliger Stille, beginnt er hinter
Saint-Sulpice im Luxemburggarten, besucht das Theater du Chtelet und
die Polizeiprfektur und lst sich beim St. Ludwigs-Krankenhaus auf,
nachdem er fnfzig Meter Eisengitter niedergebrochen hat.

Wegen des Zyklons und des frheren im Jardin des Plantes fragt mich
mein Freund der Theosoph:

--Was ist ein Zyklon? Wallungen des Hasses, Schwingungen einer
Leidenschaft, Ausstrmungen eines Geistes?

Dann fgt er hinzu:

-Sind die um Papus sich ihrer Offenbarungen bewusst?

Ein Zufall, der mehr ist als ein Zufall: in einem Brief, der den meines
Freundes kreuzt, richte ich an ihn, der in die Mysterien der Hindus
eingeweiht ist, die direkte und bestimmte Frage:

--Knnen die weisen Hindus _Zyklone hervorrufen_?

Damals fing ich an, die in der Magie Eingeweihten in Verdacht zu haben,
dass sie mich verfolgten, entweder weil ich Gold machen wollte, oder
weil ich mich hartnckig weigerte, mit unter irgend einer Form ihren
Gesellschaften anzuschliessen. Die Lektre von Rydbergs germanischer
Mythologie und Hylten-Cavallius' "Wrend und Wirdarne" hatte mich
belehrt, dass die Hexen in einem Sturme oder in einem kurzen und
heftigen Windstoss zu erscheinen liebten.

Ich erwhne dies, um meinen Seelenzustand zu beleuchten, wie er zu
dieser Zeit war, als ich noch nicht die Lehren Swedenborgs kennen
gelernt hatte.



Das Heiligtum bereitet, weiss und rosa, und der Heilige wird bei seinem
Schler hausen, der es seinem Landsmann schuldig ist, die Erinnerung
an den begabtesten Mann wiederzubeleben, der in der Neuzeit vom Weibe
geboren ist.

Frankreich hat Ansgar ausgesandt, um Schweden zu taufen; tausend Jahre
spter hat Schweden Swedenborg gesandt, um Frankreich durch Vermittlung
St. Martins, seines Schlers, wieder zu taufen. Der Martinistenorden,
der seine Rolle bei der Grndung des neuen Frankreichs kennt, wird die
Tragweite dieser Worte nicht verkennen, noch weniger die Bedeutung
dieses Jahrtausends herabsetzen.




10.

Swedenborg.


Meine Schwiegermutter und meine Tante sind zwei Zwillingsschwestern
von vollkommener hnlichkeit; sie haben denselben Charakter, denselben
Geschmack, dieselben Abneigungen; das geht so weit, dass die eine
wie die Doppelgngerin der anderen aussieht. Wenn ich zu der einen
in Abwesenheit der andern spreche, ist die Abwesende bald auf dem
Laufenden; ich kann meine vertraulichen Mitteilungen gegen eine von
beiden fortsetzen, ohne eine Einleitung ntig zu haben. Darum werfe ich
sie in dieser Erzhlung zusammen, die kein Roman ist mit stilistischen
Ansprchen und literarischer Komposition.

Am ersten Abend erzhle ich ihnen aufrichtig meine unerklrlichen
Abenteuer, meine Zweifel, meine Qualen. Da rufen sie, mit einer
gewissen Genugtuung in den Zgen, wie mit einem Mund aus:

--Du bist an einem Punkt angelangt, den wir schon passiert haben.

Von derselben Gleichgltigkeit gegen die Religion ausgehend, hatten sie
den Okkultismus studiert. Von diesem Augenblick an schlaflose Nchte,
geheimnisvolle, von Todesngsten begleitete Vorflle, schliesslich
nchtliche Krisen, Wahnsinnsanflle. Die unsichtbaren Furien verfolgen
die Jagd bis zum rettenden Hafen: das ist die Religion. Ehe sie aber so
weit kommen, offenbart sich der Schutzengel, und das ist niemand anders
als Swedenborg. Man nimmt mit Unrecht an, dass ich meinen Landsmann
grndlich kenne; und, berrascht von meiner Unkenntnis, geben mir die
guten Damen, jedoch nicht ohne Zgern, ein altes deutsches Buch.

--Nimm, lies und frchte dich nicht!

--Frchten? Was?

Als ich in meinem rosa Zimmer allein bin, ffne ich den alten Band aufs
Geradewohl und lese. Ich berlasse es dem Leser, sich meine Gefhle
vorzustellen, als meine Blicke auf eine Beschreibung der Hlle fallen,
in der ich die Landschaft von Klam, die Landschaft meiner Zinkschale,
wie nach der Natur gezeichnet, wiederfinde. Das kesselfrmige Tal, die
mit Fichten bestandenen Hgel, die dsteren Wlder, die Schlucht mit
dem Bach, das Dorf, die Kirche, das Armenhaus, der Dngerhaufen, die
Mistjauche, der Schweinestall, alles ist da.

Die Hlle? Aber ich bin in der tiefsten Verachtung gegen die Hlle
erzogen; ich habe sie als eine Phantasie betrachten gelernt, die man
wie andere Vorurteile verworfen hat. Und doch kann ich die Tatsache
nicht leugnen, nur mit dem Unterschied, und das ist das Neue in der
Auslegung der sogenannten ewigen Strafen: wir sind schon in der Hlle.
Die Erde, das ist die Hlle, das von einer hheren Vernunft gebaute
Gefngnis. Ich kann ja nicht einen Schritt gehen ohne das Glck der
andern zu verletzen; und die andern knnen nicht glcklich bleiben,
ohne mir Leiden zuzufgen.

So malt Swedenborg, vielleicht ohne es zu wissen, das irdische Leben,
indem er die Hlle darstellen will.

Das Feuer der Hlle, das ist der Wunsch emporzukommen; die Mchte
erwecken den Wunsch und erlauben den Verdammten, das zu erreichen, nach
dem sie trachten. Sobald aber das Ziel erreicht und die Wnsche erfllt
sind erscheint alles wertlos, und der Sieg ist nichtig! Eitelkeit der
Eitelkeiten, alles ist nur Eitelkeit. Nach der ersten Enttuschung
blasen die Mchte das Feuer der Begierde und des Ehrgeizes an, und
nicht der ungestillte Hunger foltert am meisten, die gesttigte Begier
flsst den Ekel an allem ein. So erleidet der Dmon eine endlose
Strafe, weil er augenblicklich alles, was er wnscht, erhlt, also sich
nicht mehr darber freuen kann.

Wenn ich Swedenborgs Beschreibung der Hlle mit den Qualen der
germanischen Mythologie vergleiche, so finde ich eine augenscheinliche
bereinstimmung; aber fr mich persnlich bildet allein die Tatsache,
dass die beiden Bcher mich im selben Augenblick in Beschlag nehmen,
das Wesentliche. Ich bin in der Hlle, und die Verdammnis lastet auf
mir. Wenn ich meine Vergangenheit untersuche, sehe ich, dass schon
meine Kindheit als Gefngnis und Folterkammer eingerichtet war. Und
um die Martern zu erklren, die einem unschuldigen Kind auferlegt
wurden, bleibt einem nichts anderes brig, als ein frheres Dasein
anzunehmen, aus dem wir wieder auf die Erde geworfen sind, um die
Folgen vergessener Snden zu shnen.

Infolge einer Geschmeidigkeit des Geistes, die bei mir nur allzu hufig
ist, drnge ich die Eindrcke, welche die Lektre Swedenborgs in mir
hervorgerufen hat, in die Tiefen meiner Seele zurck. Aber die Mchte
geben mir keine Frist mehr.

Bei einem Spaziergang, den ich in die Umgebung des Dorfes mache, fhrt
mich der Bach zu dem Hohlweg, der zwischen den beiden Bergen luft und
"Schluchtweg" heisst. Der Eingang, dem eingestrzte Felsen ein wahrhaft
erhabenes Aussehen geben, zieht mich in ganz seltsamer Weise an. Der
Berg, der die verlassene Burg trgt, strzt senkrecht herab, um das
Tor der Schlucht zu bilden, in dem der Bach in den Mhlfall bergeht.
Durch ein Spiel der Natur hat der Felsen die Form eines Trkenkopfes
angenommen; niemand der Bevlkerung bestreitet die hnlichkeit.

Weiter unten lehnt sich der Schuppen des Mllers an die Felswand des
Berges. Am Trschloss hngt ein Bockshorn, das Wagenschmiere enthlt:
dicht daneben lehnt der Besen.

Obwohl dies alles natrlich und gewhnlich ist, frage ich mich, welcher
Teufel diese beiden Attribute der Hexen gerade dorthin gestellt hat und
gerade diesen Morgen auf meinen Weg.

Niedergeschlagen gehe ich weiter auf dem feuchten und finstern Wege.
Ein Holzhaus hlt mich durch sein ungewhnliches Aussehen auf. Es ist
ein langer, niedriger Kasten mit sechs Ofentren; Ofentren!

--Um Gotteswillen, wo bin ich denn?

Das Bild der Danteschen Hlle spukt vor mir, mit den Srgen, in denen
die Snder rot geglht werden ... und die sechs Ofentren!!

Ein Alp? Nein, niedrige Wirklichkeit, die sich durch einen furchtbaren
Gestank, einen Strom von Kot, einen Chor grunzender Schweine verrt.

Der Weg verengert sich, wird zu einem Gang zusammengedrngt, zwischen
dem Berg und dem Haus des Mllers, gerade unter dem Trkenkopf.

Ich gehe weiter, aber im Hintergrund sehe ich eine mchtige dnische
Dogge mit dem Fell eines Wolfes liegen, ganz hnlich jenem Ungeheuer,
welches das Atelier in der Rue de la Sante zu Paris bewachte.

Ich weiche zwei Schritte zurck; erinnere mich aber an den Wahlspruch
des Jacques Coeur, "Einem tapferen Herzen ist nichts unmglich",
und dringe in die Schlucht ein. Der Cerberus tut, als sehe er mich
nicht, und ich gehe weiter, jetzt zwischen zwei Reihen niedriger und
dsterer Huser. Da ist ein schwarzes Huhn ohne Schwanz und mit einem
Hahnenkamm; dann eine Frau, die von weitem schn zu sein scheint und
auf der Stirn einen blutroten Halbmond trgt; aus der Nhe gesehen, hat
sie keine Zhne mehr und ist hsslich.

Wasserfall und Mhle machen einen Lrm, der dem Ohrensausen gleicht,
das mich seit den ersten Pariser Unruhen verfolgt. Die Mllergesellen,
weiss wie falsche Engel, bedienen das Rderwerk der Maschine wie
Henker, und das grosse Schaufelrad tut seine Sisyphusarbeit, indem es
das Wasser rinnen und rinnen lsst.

Dann kommt die Schmiede mit ihren nackten und schwarzen Schmieden, die
mit Zangen, Haken, Kluppen, Hmmern bewaffnet sind, unter Feuer und
Funken, glhendem Eisen und geschmolzenem Blei arbeiten: es ist ein
Lrm, der das Gehirn in seinem Schdel erschttert und das Herz im
Brustkasten springen lsst.

Dann das Sgewerk und die grosse Sge, die mit den Zhnen knirscht,
wenn sie auf der Folgerbank die riesigen Baumstmme martert, deren
durchsichtiges Blut auf den klebrigen Boden rinnt.

Der Hohlweg luft weiter am Bach entlang, durch den Wolkenbruch
und Wirbelsturm verwsten; die berschwemmung hat die scharfen
Kieselsteine, auf denen die Fsse ausgleiten, mit einer Schicht
graugrnen Schlammes berzogen. Ich mchte das Wasser berschreiten,
aber der Steg ist fortgerissen, und ich bleibe unter einem Abhang
stehen; der berhngende Fels bedroht mit seinem Fall eine Jungfrau
Maria, die mit ihren schwachen und gttlichen Schultern allein den
unterwaschenen Berg hlt.

Ich kehre auf meinen Spuren um, in tiefem Nachdenken ber diese
Verbindung von Zufllen, die zusammen ein grosses Ganzes bilden, das
wunderbar ist, ohne bernatrlich zu sein.


Acht Tage und acht Nchte verlaufen ruhig in der Rosenkammer. Der
Friede des Herzens kehrt wieder bei dem tglichen Besuch meines
Tchterchens, das mich liebt, das geliebt wird und liebenswrdig ist;
und meine Verwandten pflegen mich wie ein armes, verlorenes Kind.

Die Lektre Swedenborgs beschftigt mich am Tage. Der Realismus seiner
Schilderungen zermalmt mich. Alles findet sich darin wieder, alle meine
Beobachtungen, meine Eindrcke, meine Gedanken; seine Visionen scheinen
mir erlebt zu sein, wie wahrhafte menschliche Dokumente. Es handelt
sich nicht darum, blind zu glauben, es gengt, das Gelesene mit seinen
eigenen erlebten Erfahrungen zu vergleichen.

Doch der Band, ber den ich verfge, enthlt nur einen Auszug, und die
Hauptrtsel des geistigen Lebens werden mir erst spter gelst, als das
Werk selber, "Arcana Coelestia", mir in die Hnde fllt.

Whrend der Gewissenszweifel, die durch die berzeugung, dass es
einen Gott und Strafen gibt, erwacht sind, trsten mich einige Zeilen
Swedenborgs, und alsbald bin ich bereit, mich zu entschuldigen und
wieder hochmtig zu werden.

Am Abend also, als ich meiner Schwiegermutter beichte, sage ich zu ihr:

--Du hltst mich fr einen Verdammten?

--Nein, obgleich ich noch nie ein Menschenschicksal wie deines gesehen
habe. Aber du hast noch nicht den rechten Weg gefunden, der dich zum
Herrn fhren wird.

--Erinnerst du dich Swedenborgs und seiner Grundstze des Himmels?
Zuerst: die Herrschsucht, mit einem hheren Ziel. Das ist mein
Herrschergeist, der nie nach weltlichen Ehren noch nach einer
von der Gesellschaft verliehenen Macht getrachtet hat. Dann: die
Liebe zu Glcksgtern und Geld, um das allgemeine Wohl frdern zu
knnen. Du weisst, dass ich den Erwerb vernachlssigt und das Geld
verachtet habe. Wenn ich Gold mache oder es machen sollte, so habe
ich den Mchten geschworen, dass der Gewinn, wenn sich einer ergibt,
menschenfreundlichen, wissenschaftlichen, religisen Zwecken dienen
wird. Schliesslich: eheliche Liebe. Muss ich noch sagen, dass sich
seit meiner Jugend meine Gefhle fr das Wie um die Idee der Ehe,
der Gattin, der Familie gedreht haben? Dass das Leben mir das Los
vorbehalten hat, die Witwe eines lebenden Mannes zu heiraten, ist
eine Ironie, die ich nicht erklren kann; den Unregelmssigkeiten des
Junggesellenlebens gegenber kommt es nicht in Frage.

Nachdem sie einen Augenblick berlegt hatte, sagte die Alte:

--Was du sagst, kann ich nicht in Abrede stellen, und die Lektre
deiner Schriften hat mir einen Geist von hohem Streben gezeigt, der
immer trotz seiner Anstrengung gescheitert ist. Sicher shnst du
Snden, die vor deiner Geburt in einer andern Welt begangen sind. Du
musst in einem frheren Leben ein grosser Menschentter gewesen sein;
darum wirst du tausend Male die Angst des Todes leiden, ohne jedoch zu
sterben, bevor die Shne vollendet ist. Jetzt bist du fromm, also ans
Werk!

--Du meinst, ich soll die katholische Religion annehmen?

--Ohne Zweifel!

--Swedenborg sagt, es sei nicht erlaubt, die Religion seiner Vter zu
verlassen, weil jeder zu dem geistigen Gebiet seines Volkes gehre.

--Die katholische Religion ist eine hhere Gnade, die jedem, der sie
sucht, bewilligt wird.

--Ich bin mit einem niedrigeren Grade zufrieden, und im schlimmsten
Fall stelle ich mich vor den Thron hinter Juden und Mohammedaner, die
auch zugelassen sind. Ich bleibe bescheiden!

--Die Gnade wird dir angeboten, und du ziehst das Linsengericht dem
Erstgeburtsrecht vor!

--Die Erstgeburt fr den Sohn der Magd? Das ist zu viel! viel zu viel!


Durch Swedenborg wieder aufgerichtet, bilde ich mir noch einmal ein,
Hiob zu sein, der rechtschaffende und sittenreine Mann, der von dem
Ewigen auf die Probe gestellt wird, um den Bsen zu zeigen, wie der
redliche Mensch die unbilligen Leiden ertragen kann.

Dieser Gedanke erfllt meinen Geist so, dass er sich von frommer
Eitelkeit blht. Ich rhme mich meiner widrigen Geschicke, die zu Ende
gehen, und hre nicht auf, zu wiederholen: Seht, wie ich gelitten
habe! Und ich beklage mich ber den Wohlstand, den ich hier bei meinen
Verwandten finde; die Rosenkammer ist ein bitterer Spott. Man macht
sich lustig ber meine aufrichtige Reue, indem man mich mit Wohltaten
und kleinen Genssen des Lebens berhuft. In Summa: ich bin ein
Auserwhlter, Swedenborg hat es gesagt, und des Schutzes des Ewigen
sicher, fordere ich die Dmonen heraus....


Acht Tage bin ich in dem rosa Zimmer, als die Nachricht ankommt, die
Grossmutter, die am Ufer der Donau wohnt, sei krank geworden. Ein
Leberleiden hat sie befallen, das von Erbrechen, Schlaflosigkeit
und nchtlichen Herzkrisen begleitet ist. Meine Tante, deren Gast
ich bin, wird zu ihr gerufen, und ich werde eingeladen, zu meiner
Schwiegermutter nach Saxen zurckzukehren.

Ich wende ein, die Alte habe es verboten: aber sie scheint ihren
Ausweisungsbefehl zurckgezogen zu haben, und es steht mir frei, zu
weilen, wo ich will.

Dass die Grollende ihren Entschluss so pltzlich ndert, setzt mich
in Erstaunen, und ich wage diesen glcklichen Umschwung nicht der ihr
zugestossenen Krankheit zuzuschreiben.

Am nchsten Tag erzhlt man, der Zustand der Kranken habe sich
verschlimmert. Meine Schwiegermutter bringt mir als Zeichen der
Vershnung einen Blumenstrauss von ihrer Mutter, und sie vertraut mir
an, die Alte bilde sich ein, eine Schlange im Magen zu tragen, habe
auch andere Phantasien hnlicher Art.

Dann erzhlt man, der Kranken seien zweitausend Kronen gestohlen
worden, und sie habe ihre vertraute Dienerin in Verdacht. Die ist
entrstet ber den ungerechten Verdacht und will ihre Herrin wegen
Verleumdung verklagen. Der husliche Friede herrscht nicht mehr in dem
Haus einer gebrechlichen Frau, die sich von der Welt zurckgezogen hat,
um in Frieden zu sterben.

Jeder Bote bringt uns entweder Blumen oder Frchte oder Wildbret,
Fasanen, Kcken, Hechte.

Ist es die gttliche Gerechtigkeit, die straft, und hat die Kranke eine
Vorstellung davon? Erinnert sie sich, dass sie mich einmal auf die
Landstrasse gestossen hat, die mich ins Krankenhaus fhrte?

Oder ist sie aberglubisch? Hlt sie mich fr fhig, sie behext zu
haben? Sollten die angebotenen Geschenke nur Opfer sein, um den
Rachedurst des Zauberers zu stillen?

Unglcklicherweise kommt gerade in diesem Augenblick ein Buch ber
Magie von Paris und gibt mir Auskunft ber die Kunstgriffe, die man
Behexung nennt. Der Autor rt dem Leser, sich nicht fr unschuldig zu
halten, weil er die magischen Kunstgriffe, die darauf hinauslaufen,
jemand zu schaden, meide; man muss auch den bsen Willen berwachen,
denn der gengt, um auf einen Menschen, auch wenn er abwesend ist,
einen Einfluss auszuben.

Diese Lehre hat fr mich eine doppelte Folge: zuerst empfinde ich
Gewissensskrupel, da ich in einer zornigen Regung die Hand gegen das
Bild der Alten erhoben und eine Verwnschung ausgestossen hatte; dann
erwacht wieder mein alter Argwohn, ich knnte selber der Gegenstand
geheimer Freveltaten sein, nmlich von seiten der Okkultisten oder
Theosophen.

Gewissensqual auf der einen Seite, Furcht auf der andern, und die
beiden Mhlsteine beginnen mich feinzumahlen.


So schildert Swedenborg die Hlle. Der Verdammte bewohnt einen
entzckenden Palast, findet das Leben lieblich und glaubt zu den
Auserwhlten zu gehren. Nach und nach lsen sich die Herrlichkeiten
in nichts auf und verschwinden, und der Unglckliche bemerkt, dass er
in einer elenden Baracke eingeschlossen ist, die Exkremente umgeben.
(Siehe das Folgende.)

Dem rosa Zimmer habe ich Lebewohl gesagt, und als ich in ein grosses
Zimmer einziehe, das neben dem meiner Schwiegermutter liegt, ahne ich,
dass der Aufenthalt nicht von langer Dauer sein wird.

Tausend Kleinigkeiten, die das Leben unertrglich machen, vereinigen
sich in der Tat, um mir die fr meine Arbeit notwendige Ruhe zu rauben.

Die Bretter des Fussbodens schwanken unter meinen Schritten, der Tisch
steht nicht fest, der Stuhl zittert, die Toilette wackelt, das Bett
knarrt, und die andern Mbel bewegen sich, wenn ich durchs Zimmer gehe.

Die Lampe raucht, das Tintenfass ist so eng, dass der Federhalter
sich beschmutzt. Es ist ein Landhaus, das Dnger, Jauche,
Schwefelwasserstoffammoniak, Schwefelkohlenstoff ausdnstet. Den ganzen
Tag hrt man Khe, Schweine, Klber, Hhner, Puter, Tauben. Fliegen und
Wespen stren mich am Tage, und nachts sind es die Mcken.

Beim Kaufmann des Dorfes ist fast nichts zu bekommen. Da ich keine
bessere habe, muss ich ihre Tinte nehmen, die hochrosenrot ist!
Seltsam: ein Pckchen Zigarettenpapier enthlt zwischen hundert weissen
Blttern ein rosenrotes Blatt (rosenrotes!).

Es ist die Hlle bei kleinem Feuer; gewohnt, die grossen Leiden zu
ertragen, leide ich sehr unter diesen kleinlichen Stichen, um so mehr
als meine Schwiegermutter mich trotz ihrer sorgsamen Pflege unzufrieden
glaubt.


17. September.--Ich erwache in der Nacht davon, dass ich die Dorfkirche
dreizehn Male schlagen hre. Sofort fhle ich die elektrische
Einwirkung, und auf dem Boden ber meinem Kopfe wird ein Gerusch
hervorgebracht.

19. September.--Als ich den Boden durchsuche, entdecke ich ein Dutzend
Spinnrocken, deren Rder mich an Elektrisiermaschinen erinnern. Ich
ffne einen grossen Koffer: er ist beinahe leer und enthlt nur fnf
schwarz gestrichene Stbe, deren Gebrauch mir unbekannt ist; in der
Form eines Pentagramms liegen sie auf dem Boden. Wer hat mir diesen
Streich gespielt, und was hat das zu bedeuten? Ich wage nicht danach zu
fragen, und die Sache bleibt rtselhaft.

In der Nacht wtet ein furchtbares Gewitter zwischen Mitternacht und
zwei Uhr. Gewhnlich erschpft sich ein Gewitter in kurzer Zeit und
zieht davon; dieses bleibt zwei Stunden ber dem Dorfe stehen. Ich
empfinde das wie einen persnlichen Angriff: jeder Blitz zielt auf
mich, ohne mich zu treffen.

An den Abenden erzhlt mir meine Schwiegermutter die gegenwrtige
Chronik der Gegend. Welche ungeheure Sammlung Tragdien, huslicher
und anderer! Ehebruch, Scheidung, Familienprozesse, Mord, Diebstahl,
Vergewaltigung, Blutschande, Verleumdung. Die Schlsser, die Villen,
die Htten bergen Unglckliche aller Art, und ich kann nicht auf
den Strassen spazieren gehen, ohne an die Hlle Swedenborgs zu
denken. Bettler, Irre, Kranke, Krppel halten die Grben der grossen
Landstrasse besetzt, zu Fssen eines Gekreuzigten, einer Madonna, eines
Mrtyrers kniend.

In der Nacht irren diese Unglcklichen, die unter Schlaflosigkeit
und Alpdrcken leiden, auf den Wiesen und in den Wldern umher, um
die Mdigkeit zu finden, die ihnen Schlaf geben wird. Unter diesen
Heimgesuchten sind Leute aus der guten Gesellschaft, wohlerzogene
Damen, sogar ein Pfarrer.

Ganz in unserer Nhe liegt ein Kloster, das als Strafanstalt fr
gefallene Mdchen dient. Es ist ein wahres Gefngnis und hat die
strengste Zucht. Im Winter, bei zwanzig Grad Klte, mssen die
Bsserinnen in ihren Zellen auf den eisigen Steinfliesen schlafen;
und da das Heizen verboten ist, haben sich ihre Fsse und Hnde mit
aufgesprungenen Frostbeulen bedeckt.

Unter andern ist dort eine Frau, die mit einem Mnch gesndigt hat, und
das ist eine Todsnde. Von Gewissensqual gepeinigt, zur Verzweiflung
getrieben, luft sie zum Beichtvater; der verweigert ihr aber die
Beichte und Abendmahl. Fr ihre Todsnde sei sie verdammt! Da verliert
die Unglckliche den Verstand, bildet sich ein tot zu sein, irrt von
Dorf zu Dorf, das Mitleid der Geistlichen anrufend, um in geweihter
Erde bestattet zu werden. Verbannt, verjagt, geht und kommt sie, wie
ein wildes Tier heulend; und das Volk das ihr begegnet, ruft: "Da ist
die Verdammte!" Niemand zweifelt, dass ihre Seele schon im ewigen Feuer
ist, whrend ihr Schatten hier umherstreift, eine wandernde Leiche, um
als abschreckendes Beispiel zu dienen.

Man erzhlt mir auch, dass ein Mann derart vom Teufel besessen war,
dass der Unglckliche seine Persnlichkeit nderte: er war durch den
bsen Geist gezwungen, Gotteslsterungen auszustossen, trotzdem ihm das
den grssten Widerwillen einflsste. Nachdem man lange einen Beschwrer
gesucht hat, entdeckt man einen jungen Franziskaner, jungfrulich und
von anerkannter Herzensreinheit. Dieser bereitet sich durch Fasten
und Bussbungen vor. Als der grosse Tag gekommen ist, fhrt man den
Besessenen in die Kirche, und er beichtet vor allem Volk, coram populo.
Dann macht sich der junge Mnch ans Werk. Indem er vom Morgen bis zum
Abend betet und beschwrt, gelingt es ihm, den Teufel auszutreiben.
Unter welchen Umstnden der Teufel geflohen ist, haben die entsetzten
Zuschauer nicht zu erzhlen gewagt. Ein Jahr darauf starb der
Franziskaner.

Solche und noch schlimmere Geschichten bestrken mich in meiner
berzeugung, dass diese Gegend ein zum Bssen vorherbestimmter Ort ist,
und dass es eine geheimnisvolle Beziehung zwischen diesem Lande und den
Sttten gibt, die Swedenborg als Hlle malt. Hat er diesen Teil von
Niedersterreich besucht und, gleichwie Dante die Gegend sdlich von
Neapel schildert, seine Hlle nach der Natur gezeichnet?

Nachdem ich vierzehn Tage gearbeitet und studiert habe werde ich noch
einmal aus meinem Lager aufgestrt. Da der Herbst sich nhert, wollen
meine Tante und meine Schwiegermutter in Klam zusammenziehen. Wir
brechen das Lager also ab. Um meine Unabhngigkeit zu wahren, miete ich
ein Huschen, das aus zwei Zimmern nebst einer Kche besteht, ganz in
der Nhe meines Tchterchens.

Am ersten Abend, nachdem ich meine Wohnung in Besitz genommen habe,
empfinde ich eine Angst, als sei die Luft vergiftet. Ich gehe zu meiner
Mutter hinunter.

--Wenn ich dort oben schlafen gehe, werdet ihr mich morgen tot im Bett
finden. Beherberge einen Obdachlosen fr die Nacht, gute Mutter!

Sogleich wird mir das rosa Zimmer zur Verfgung gestellt; aber
wie hat es sich seit der Abreise meiner Tante verndert! Schwarze
Mbel; ein Bchergestell mit leeren Fchern, die mich wie ebensoviel
Rachen anghnen; aus den Fenstern sind die Blumen verschwunden; ein
gusseisener Ofen, hoch, drr, schwarz wie ein Gespenst, mit den
Ornamenten einer hsslichen Phantasie, Salamandern und Drachen. Es ist
eine Disharmonie, die mich krank macht.

brigens fllt mir alles auf die Nerven, weil ich ein Mann von
geregelten Gewohnheiten bin, der alles zu seiner Stunde tut. Trotzdem
ich mir alle Mhe gebe, meinen Verdruss zu verbergen, weiss meine
Mutter meine Geheimnisse zu lesen:

--Immer unzufrieden, mein Kind!

Sie tut ihr Mglichstes und mehr, um mich zufrieden zu stellen,
aber die Geister der Zwietracht mengen sich ein, und nichts hilft.
Sie erinnert sich meiner kleinen Liebhabereien, aber immer geht es
verkehrt. So gibt es wenige Gerichte, die mir so zuwider sind, wie
Bregen in brauner Butter.

-Heute habe ich etwas Gutes, besonders fr dich, sagt sie.

Und sie legt mir Bregen in brauner Butter vor. Ich verstehe, dass
es ein Missverstndnis ist, und ich esse, aber mit einem schlecht
verborgenem Widerwillen und einem erknstelten Appetit.

--Du isst ja nichts!

Und sie fllt meinen Teller noch einmal ...

Das ist zu viel! Frher schrieb ich alle diese Plagen der weiblichen
Bosheit zu; jetzt erkenne ich ihre Unschuld an und sage mir: es ist der
Teufel!


Seit meiner Jugend widme ich meinen Morgenspaziergang Betrachtungen,
mit denen ich mich auf die Arbeit des Tages vorbereite. Ich habe
niemals jemand erlaubt, mich zu begleiten, nicht einmal meiner Frau.

Tatschlich erfreut sich mein Geist des Morgens einer Harmonie und
einer Expansion, die an Ekstase streift. Ich gehe nicht, ich fliege;
der Krper hat alle Schwere verloren, alle Traurigkeit ist verdunstet:
ich bin ganz Seele. Das ist meine Sammlung, meine Gebetstunde, mein
Gottesdienst.

Jetzt, da ich alles opfern, mich selbst und meine billigsten Neigungen
verleugnen muss, zwingen die Mchte mich, auf dieses Vergngen, das
letzte und hchste von allen, zu verzichten.

Es ist mein Tchterchen, das den Wunsch ausdrckt, mich zu begleiten.
Ich lehne ihr Anerbieten ab, indem ich sie sehr zrtlich ksse, aber
sie begreift nicht, warum ich mit meinen Gedanken allein sein mchte.
Sie weint. Da kann ich ihr nicht mehr widerstehen und nehme sie mit
auf den Spaziergang, aber entschlossen, diesen Missbrauch ihrer Rechte
nicht wieder zu erlauben.

Ein Kind ist reizend, entzckend durch seine Ursprnglichkeit, seine
Mutwilligkeit, seine Dankbarkeit fr ein Nichts, wohl verstanden,
wenn man nichts anderes zu tun hat. Wenn man aber mit seinen Gedanken
beschftigt ist, wenn man geistesabwesend ist, wie kann das kleine Ding
uns mit seinen endlosen Fragen, seinen unvermuteten Launen die Seele
zerreissen. Mein Tchterchen ist wie eine Geliebte auf meine Gedanken
eiferschtig; sie passt den Augenblick ab, da ihr Geplauder ein gut
gesponnenes Gedankennetz zerreissen kann.... Doch nein, das ist nicht
ihre Absicht, aber man unterliegt der Illusion, ein Raub der berlegten
Anschlge einer armen unschuldigen Kleinen zu sein.

Ich gehe mit langsamen Schritten, ich fliege nicht mehr; meine Seele
ist gefangen, mein Gehirn leer, wie ich mich anstrengen muss, um mich
auf das Niveau des Kindes herabzulassen.

Was mich bis zur Marter leiden lsst, das sind die tiefen,
vorwurfsvollen Blicke, die sie mir zuwirft, wenn sie sich einbildet,
mir zur Last zu fallen und meine Abneigung zu erregen. Dann verfinstert
sich das offene, freimtige, strahlende Gesichtchen, ihre Blicke ziehen
sich zurck, ihr Herz schliesst sich, und ich fhle mich des Lichts
beraubt, das dieses Kind in meine dstere Seele wirft. Ich ksse sie,
ich trage sie auf meinen Armen, ich suche ihr Blumen und Kiesel; ich
schneide eine Rute ab und spiele die Kuh, die sie auf die Weide treiben
soll.

Sie ist glcklich, zufrieden, und das Leben lchelt mir. Ich habe meine
Stunde der Sammlung geopfert! So shne ich das Bse, das ich in einem
wahnsinnigen Augenblick auf das Haupt dieses Engels herabziehen wollte.

Geliebt werden: die Shne fr ein Verbrechen! Wahrhaftig, die Mchte
sind nicht so grausam wie wir!




11.

Auszge aus dem Tagebuch eines Verdammten.


Oktober, November 1896. Der Brahmane erfllt seine Pflicht gegen das
Leben, indem er ein Kind erzeugt. Dann geht er in die Wste, um sich
der Einsamkeit und der Entsagung zu weihen.

MEINE MUTTER.--was hast du, Unglcklicher, in deiner frheren
Inkarnation getan, dass das Schicksal dich so schlecht behandelt?

ICH.--Rate! Erinnere dich eines Mannes, der zuerst mit der Frau eines
andern verheiratet war, wie ich es gewesen bin; der sich dann von ihr
trennt, um eine sterreicherin zu heiraten, wie ich es getan habe!
Und dann entreisst man ihm seine liebe sterreicherin, wie man mir
die meine geraubt hat, und beider einziges Kind wird am Abhang des
Bhmerwaldes gefangen gehalten, wie mein Kind es wird. Erinnerst du
dich an den Helden meines Romans "Am offenen Meer", der auf einer Insel
mitten im Meer elend umkommt....

MEINE MUTTER.--Genug! Genug!

ICH.--Du weisst nicht, dass die Mutter meines Vaters Neipperg hiess....

MEINE MUTTER.--Schweig, Unglcklicher!

ICH.--... und dass meine kleine Christine dem grssten
Menschenschlchter des Jahrhunderts auf ein Haar gleicht; sieh sie
nur an, die Despotin, die mit ihren zweieinhalb Jahren schon Mnner
bndigt....

MEINE MUTTER.--Du bist toll!

ICH.--Ja! Und ihr Frauen, wie habt ihr frher gesndigt, da euer Los
noch grausamer ist als unseres? Wie recht ich hatte, das Weib unsern
bsen Dmon zu nennen. Jedem nach seinem Verdienst!

MEINE MUTTER.--Ja, es ist doppelte Hlle, Weib sein!

ICH.--Und doppelter Dmon ist das Weib. brigens ist die Reinkarnation
eine christliche Lehre, die nur von der Geistlichkeit beiseite
geschoben ist. Jesus Christus behauptet, Johannes der Tufer sei eine
Reinkarnation von Elias. Ist das eine Autoritt oder nicht?

MEINE MUTTER.--Allerdings; aber die rmische Kirche verbietet das
Forschen in dem Verborgenen!

ICH.--Und der Okkultismus erlaubt es, da die Wissenschaften erlaubt
sind!


Die Geister der Zwietracht wten. Trotzdem wir ihr Spiel genau kennen
und von unserer gegenseitigen Unschuld berzeugt sind, hinterlassen die
sich wiederholenden Missverstndnisse einen bitteren Nachgeschmack.

Obendrein argwhnen die beiden Schwestern, bei der Krankheit ihrer
Mutter sei mein bser Wille im Spiel; weil ich kein Interesse daran
habe, dass das Hindernis, das mich von meiner Frau trennt, fortgerumt
wird, knnen sie den ganz natrlichen Gedanken nicht unterdrcken, der
Tod der Alten wrde mir Freude machen. Dass dieser Wunsch berhaupt
vorhanden ist, macht mich verhasst, und ich wage mich nicht mehr nach
der Grossmutter zu erkundigen, aus Furcht, als Heuchler behandelt zu
werden.

Die Situation ist gespannt, und meine alten Freundinnen erschpfen sich
in endlosen Errterungen ber meine Person, meinen Charakter, meine
Gefhle, darber, ob meine Liebe zu meinem Kind aufrichtig ist.

An einem Tage hlt man mich fr einen Heiligen, und die Narben in
meinen Hnden sind Wundmale. Tatschlich gleichen die Zeichen in der
Handflche Lchern grober Ngel. Um aber jeden Anspruch auf Heiligkeit
zurckzuweisen, sage ich, ich sei der gute Schcher, der vom Kreuz
gestiegen sei und sich auf der Wallfahrt befinde, um das Paradies zu
erringen.

An einem anderen Tage hat man ber das Rtsel, das ich bin, gegrbelt
und hlt mich fr Robert den Teufel. Ein Vorfall flsst mir die
Furcht ein, die Bevlkerung werde mich steinigen. Hier der einfache
Sachverhalt:

Meine kleine Christine hat eine bertriebene Furcht vor dem
Schornsteinfeger. Eines Abends beginnt sie beim Essen pltzlich zu
weinen, zeigt mit dem Finger auf einen Unsichtbaren hinter meinem Stuhl
und schreit:

--Der Schornsteinfeger!

Meine Mutter, die an das Hellsehen von Kindern und Tieren glaubt, wird
bleich; und ich, ich habe Furcht, besonders da ich bemerke, dass meine
Mutter das Zeichen des Kreuzes ber dem Haupt des Kindes macht.

Ein Todesschweigen folgt auf diesen Vorfall, der mir das Herz bedrckt.

Der Herbst mit seinem Sturm, Regen und Dunkel ist gekommen. Im Dorf und
im Armenhaus verdoppeln sich die Kranken, die Sterbenden und die Toten.
In der Nacht hrt man das Glckchen des Chorknaben, welcher der Hostie
vorangeht. Am Tage luten die Glocken der Kirche die Toten ein, und die
Leichenzge folgen dicht aufeinander. Zum Sterben traurig und dster
ist das Leben. Und meine nchtlichen Anflle beginnen wieder.

Man spricht Gebete fr mich, man betet den Rosenkranz, und in meinem
Schlafzimmer ist der Weihkessel mit Weihwasser gefllt, das der Pfarrer
gesegnet hat.

--Die Hand des Herrn ruht schwer auf dir!

Es ist meine Mutter, die mich mit dieser Anrede zermalmt.

Ich beuge mich, und ich richte mich wieder auf. Kraft einer
eingewurzelten Zweifelsucht und eines geschmeidigen Geistes befreie
ich meine Seele von diesen dsteren Vorstellungen. Nachdem ich
gewisse okkultistische Schriften gelesen habe, bilde ich mir ein, von
Elementargeistern, von Inkuben, Lamien verfolgt zu sein, die mich
verhindern wollen, mein grosses alchimistisches Werk zu vollenden.
Durch die Eingeweihten unterrichtet, verschaffe ich mir einen Dolch aus
Dalmatien, und glaube nun gegen die bsen Geister gut bewaffnet zu sein.

Ein Schuhmacher des Dorfes, Atheist, Gotteslsterer, ist eben
gestorben. Eine Dohle, die er besass, ist sich jetzt selbst berlassen
und haust auf dem Dach eines Nachbarn. Whrend der Totenwache entdeckt
man die Dohle im Zimmer, ohne dass die Anwesenden ihre Gegenwart
erklren knnen. Am Tage der Beerdigung begleitet der schwarze
Vogel den Leichenzug und auf dem Kirchhof setzt er sich whrend der
Totenfeier auf den Deckel des Sarges.

Morgen folgt mir dieses Tier lngs der Wege, was mich beunruhigt,
da die Bevlkerung, aberglubisch ist. Eines Tages--es war ihr
letzter--begleitet mich die Dohle durch die Strassen des Dorfes,
indem sie hssliche Schreie ausstsst; dann und wann wirft sie grobe
Worte dazwischen, die ihr der Gotteslsterer beigebracht hat. Da
erscheinen zwei kleine Vgel, ein Rotkehlchen und eine Bachstelze, und
verfolgen die Dohle von Dach zu Dach. Die Dohle rettet sich aus dem
Dorf hinaus und flchtet sich auf einen Schornstein einer Htte. Im
selben Augenblick springt ein schwarzes Kaninchen vor dem Hause auf und
verschwindet im Grase.


Einige Tage spter stellt man fest, dass die Dohle tot ist. Sie ist von
den Gassenjungen gettet worden, die sie nicht leiden konnten, weil sie
diebisch war.


Den ganzen Tag arbeite ich in meinem Huschen, aber es scheint, dass
die Mchte mir seit einiger Zeit ihre Gunst entzogen haben. Oft wenn
ich eintrete, finde ich die Luft dick, wie vergiftet, und dann muss
ich bei offener Tr und offenen Fenstern arbeiten. Mit einem warmen
Mantel und einer Pelzmtze bekleidet, sitze ich am Tisch und schreibe,
indem ich gegen die sogenannten elektrischen Anflle kmpfe, die mir
die Brust zusammendrcken und mir in den Rcken stechen. Oft ist mir,
als stehe jemand hinter meinem Stuhl. Dann richte ich Dolchstsse nach
hinten, indem ich mir einbilde, einen Feind zu bekmpfen. Das dauert
bis fnf Uhr abends. Wenn ich ber diese Stunde sitzen bleibe, wird
der Kampf furchtbar; meine Krfte sind erschpft, und ich znde meine
Laterne an und steige zu meiner Mutter und meinem Kind hinunter.

Ein einziges Mal verlngere ich den Kampf bis sechs Uhr, um einen
Artikel ber Chemie zu vollenden, whrend ich wegen der dicken und
erstickenden Luft meines Zimmers im Zuge sitze. Ein Marienkfer,
schwarz mit gelben Flecken, klettert auf einem Blumenstrauss herum,
tastet, sucht einen Ausweg. Schliesslich lsst er sich auf mein
Papier fallen und schlgt mit den Flgeln, ganz wie der Hahn, der auf
der Kirche Notre-Dame-des-Camps in Paris steht. Dann kriecht er das
Manuskript entlang, entert meine rechte Hand und klettert hinauf. Er
blickt mich an und fliegt dann dem Fenster zu. An dem Kompass, der auf
dem Tisch steht, sehe ich, dass er nach Norden fliegt.

--Gut sage ich mir, nach Norden also! Aber wenn ich will und wann es
mir gefllt. Bist zu einer neuen Aufforderung bleibe ich, wo ich bin.

Als es sechs Uhr wird, ist es mir nicht mehr mglich, in diesem
Spukhaus zu bleiben. Unbekannte Krfte heben mich vom Stuhl, und ich
muss das Haus rumen.


Es ist Allerseelen, gegen drei Uhr nachmittags; die Sonne scheint, die
Luft ist ruhig. Die Prozession der Einwohner, voran die Geistlichkeit,
die Fahnen und die Musik, bewegt sich nach dem Friedhof, um die Toten
zu begrssen. Die Glocken der Kirche fangen an zu luten. Da bricht,
ohne Vorzeichen, ohne dass sich eine Wolke an dem blassblauen Himmel
gezeigt htte, ein Sturm los. Das Fahnentuch klatscht gegen die
Stangen, die Gewnder der in der Prozession gehenden Mnner und Frauen
sind ein Spiel des Windes, Staubwolken erheben sich in Wirbeln, die
Bume biegen sich....

Es ist ein wahres Wunder.


Ich frchte mich vor der nchsten Nacht, und meine Mutter ist
vorbereitet. Sie hat mir ein Amulett gegeben, damit ich es um den Hals
trage. Es ist eine Madonna und ein Kreuz aus heiligem Holz, das zu dem
Balken einer mehr als tausendjhrigen Kirche gehrt hat. Ich nehme es
als ein kostbares Geschenk an, das aus gutem Herzen angeboten ist, aber
ein Rest der Religion meiner Vter verbietet es mir, es um meinen Hals
zu hngen.

Beim Abendessen, es ist gegen acht Uhr und die Lampe ist angesteckt,
herrscht eine unglcksverheissende Stille in unserem kleinen Kreise.
Draussen ist es dunkel, die Bume schweigen. Ruhe berall.

Da dringt ein Windstoss, ein einziger, durch die Ritzen der Fenster und
stsst ein Gebrll aus, das dem Laut der Maultrommel hnlich ist. Dann
ist es zu Ende.

Meine Mutter wirft mir einen entsetzten Blick zu und drckt das Kind in
ihre Arme.

In einer Sekunde begreife ich, was dieser Blick mir sagt: Weiche von
uns, Verdammter, und ziehe nicht die rchenden Dmonen auf Unschuldige
herab.

Alles strzt ein; das einzige Glck, das mir geblieben ist, bei
meinem Tchterchen zu weilen, wird mir genommen, und in dem traurigen
Schweigen nehme ich in Gedanken Abschied vom Leben.


Nach dem Abendessen ziehe ich mich in das rosa Zimmer zurck, das jetzt
schwarz ist, und bereite mich auf einen nchtlichen Kampf vor, denn ich
fhle mich bedroht Durch wen? Ich weiss es nicht; aber ich fordere den
Unsichtbaren heraus, wer es auch sei, der Teufel oder der Ewige, und
ich werde mir ihm ringen, wie Jakob mit Gott.

Man klopft an die Tr: das ist meine Mutter, die eine schlechte Nacht
fr mich ahnt und mich einldt, auf dem Sofa im Salon zu schlafen.

--Des Kindes Gegenwart wird dich retten!

Ich danke ihr, versichere aber, dass keine Gefahr ist und dass nichts
mir Furcht einflsst, da mein Gewissen rein ist. Mit einem Lcheln
wnscht sie mir eine gute Nacht.

Ich kleide mich wieder in Schlachtmantel, Mtze und Stiefel, fest
entschlossen, in Kleidern zu schlafen, bereit, als tapferer Krieger,
der dem Tod trotzt, nachdem er das Leben verachtet hat, zu sterben.

Gegen elf Uhr beginnt die Luft im Zimmer dick zu werden, und eine
tdliche Angst bemchtigt sich meines Mutes. Ich ffne das Fenster: ein
Luftzug droht die Lampe auszulschen; ich schliesse es wieder.

Die Lampe beginnt zu singen, zu seufzen, zu wimmern. Dann Schweigen.

Da stsst ein Dorfhund klagende Laute aus; das bedeutet nach dem
Volksglauben eine Totenklage.

Ich sehe zum Fenster hinaus: der grosse Br ist allein sichtbar. Unten
im Armenhaus brennt ein Licht, und eine alte Frau wartet, ber ihre
Handarbeit gebckt, auf die Befreiung; vielleicht frchtet sie den
Schlaf und die Trume.

Da ich mde bin, lege ich mich wieder auf mein Bett und versuche
einzuschlafen. Bald wiederholt sich das alte Spiel. Ein elektrischer
Strom sucht mein Herz, die Lungen hren auf zu arbeiten, ich muss
aufstehen, wenn ich dem Tode entgehen will. Ich setze mich auf einen
Stuhl, bin aber zu erschpft, um lesen zu knnen; so sitze ich eine
halbe Stunde starr da.

Dann entschliesse ich mich, bis der Morgen anbricht, spazieren zu
gehen. Ich gehe hinunter. Die Nacht ist dunkel und das Dorf schlft;
aber die Hunde schlafen nicht, und als einer von ihnen anschlgt,
umringt mich die ganze Bande; ihre ghnenden Rachen und ihre funkelnden
Augen zwingen mich zum Rckzug.

Als ich wieder die Tr meines Zimmers ffne, ist es mir, als sei die
Stube von lebendigen und feindlichen Wesen bewohnt. Das Zimmer ist
davon erfllt, und ich glaube durch eine Menge zu dringen, als ich mein
Bett zu erreichen suche; resigniert und zum Sterben entschlossen, falle
ich darauf nieder.

Aber im letzten Augenblick, wenn der unsichtbare Geier mich unter
seinen Schwingen ersticken will, reisst mich jemand vom Bett, und
die Jagd der Furien beginnt wieder. Besiegt, zu Boden geschlagen, in
Unordnung gebracht, verlasse ich das Schlachtfeld und weiche in dem
ungleichen Kampf gegen die Unsichtbaren.

Ich klopfe an die Tr des Salons, der auf der anderen Seite des Flurs
liegt. Meine Mutter, die noch auf ist und betet, kommt und ffnet.

Der Ausdruck, den ihr Gesicht annimmt, als sie mich bemerkt, flsst mir
vor mir selbst ein tiefes Entsetzen ein.

--Du wnscht, mein Kind?

--Ich wnsche zu sterben, und dann verbrannt zu werden; oder vielmehr,
verbrennt mich lebendig!

Kein Wort! Sie hat mich verstanden, sie bekmpft ihr Entsetzen: Mitleid
und Barmherzigkeit der religisen Frau tragen den Sieg davon, und mit
eigener Hand macht sie das Sofa zurecht; dann zieht sie sich in ihr
Zimmer zurck, wo sie mit dem Kinde schlft.

Zufllig--immer dieser teuflische Zufall!--steht das Sofa dem Fenster
gegenber, und derselbe Zufall hat es gewollt, dass keine Vorhnge da
sind, dass also die schwarze Fensterffnung, die in die Dunkelheit
der Nacht hinausgeht, mich anghnt; und ausserdem ist es gerade dieses
Fenster, durch das der Windstoss heute abend whrend des Essens geheult
hat.

Am Ende meiner Krfte angelangt, sinke ich auf mein Lager nieder, indem
ich diesen allgegenwrtigen und unvermeidlichen Zufall verwnsche,
der mich in der offenbaren Absicht verfolgt, den Verfolgungswahn
hervorzurufen.

Ich ruhe mich fnf Minuten aus, indem ich die Augen auf das schwarze
Viereck hefte, da gleitet das unsichtbare Gespenst ber meinen Leib,
und ich erhebe mich. Mitten im Zimmer bleibe ich stehen wie eine
Statue, ich weiss nicht wie lange; in einen Sulenheiligen verwandelt,
schlafe ich auf absonderliche Art.

Wer verleiht mir Krfte, um mich leiden zu lassen? Wer versagt mir den
Tod, um mich meinen Folterqualen auszuliefern?

Ist er es, der Herr ber Leben und Tod, den ich beleidigt habe, als ich
nach der Lektre der "Freude zu sterben" Selbstmordversuche machte, da
ich mich schon reif fr das ewige Leben hielt?

Bin ich Phlegyas, der fr seinen Hochmut zur Todesstrafe der Angst
im Tartarus verurteilt wurde? Oder Prometheus, der durch den Geier
bestraft ward, weil er den Sterblichen das Geheimnis der Mchte
enthllt hatte?

(Indem ich dies schreibe, denke ich an die Szene in der Passion
Christi; die Soldaten speien ihm ins Gesicht; die einen geben ihm
Backenstreiche, die andern schlagen ihn mit Ruten, indem sie sagen:
Christus, weissage uns, wer hat dich getroffen!--Mgen sich meine
Jugendgenossen an die Stockholmer Orgie erinnern, auf welcher der
Schreiber dieses Buches die Rolle des Soldaten spielte....)

Wer hat ihn getroffen? Die Frage ohne Antwort, der Zweifel, die
Ungewissheit, das Geheimnis: das ist meine Hlle.

Mge er sich enthllen, auf das ich mit ihm kmpfe, ihm Trotz biete!

Aber gerade davor htet er sich, um mich mit Wahnsinn zu schlagen,
mich mit dem schlechten Gewissen, das mich berall Feinde suchen
lsst, zu geisseln. Feinde, das sind die, welche durch meinen bsen
Willen verletzt worden sind. Und jedesmal, wenn ich einen neuen Feind
aufspre, wird mein Gewissen getroffen.


Als mich am andern Morgen, nachdem ich einige Stunden geschlafen habe,
das Geplauder meiner kleinen Christine weckt, ist alles vergessen, und
ich widme mich meinen gewhnlichen Arbeiten, die auf dem rechten Wege
sind. Alles, was ich schreibe, wird alsbald gedruckt; das beruhigt mich
ber meinen gesunden Menschenverstand und meine Intelligenz.

Die Zeitungen verbreiten das Gercht, dass ein amerikanischer Gelehrter
eine Methode, Silber in Gold zu verwandeln, gefunden habe. Das befreit
mich von dem Verdacht, ein Schwarzknstler, ein Verrckter, ein
Scharlatan zu sein.

In diesem Augenblick bietet mir mein Freund, der Theosoph, der mich
bisher untersttzt hat, die Hand, um mich fr seine Sekte zu gewinne.

Er schickt mir die "Geheimlehre" der Frau Blawatsky, indem er schlecht
seine Unruhe verbirgt, dass er meine Ansicht kennen lernen mchte; auch
ich bin unruhig, weil ich argwhne, dass unsere freundschaftlichen
Beziehungen von meiner Antwort abhngen.

Diese "Geheimlehre", ein Sammelsurium aller sogenannten okkulten
Lehren, ein Ragout aller wissenschaftlichen Ketzereien neuer und alter
Zeit, nichtig und wertlos, wenn die Dame ihre eigenen Ansichten, die
albern sind, vorbringt, ist interessant durch die Zitate aus wenig
bekannten Schriftstellern und verabscheuungswert durch die bewussten
oder unbewussten Betrgereien und durch die Fabeln ber die Existenz
der Mahatmas. Es ist die Arbeit eines Mannweibes, das den Rekord des
Mannes hat schlagen wollen und sich einbildet, Wissenschaft, Religion,
Philosophie gestrzt und eine Isispriesterin auf den Altar des
Gekreuzigten erhoben zu haben.

Mit aller Zurckhaltung und Schonung, die man einem Freunde schuldig
ist, teile ich ihm meine Meinung mit. Ich erklre ihm, dass der
Kollektivgott Karma mir missfllt, dass ich aus diesem Grunde
nicht einer Sekte beitreten knne, die den persnlichen Gott,
der allein meine religisen Bedrfnisse befriedigt, leugnet. Ein
Glaubensbekenntnis verlangt man von mir, und obgleich ich berzeugt
bin, dass mein Wort einen Bruch veranlassen und damit die Untersttzung
aufheben wird, spreche ich aus, was ich denke.

Da verwandelt sich der aufrichtige, hochherzige Freund in einen
Rachegeist, schleudert den Bannstahl gegen mich, droht mir mit okkulten
Mchten, schchtert mich durch Andeutung einer Strafe ein, weissagt wie
ein heidnischer Opferpriester. Er schliesst damit, dass er mich vor
ein okkultistisches Gericht ladet und mir schwrt, dass ich den 13.
November nicht vergessen werde.

Meine Lage ist schlimm: ich habe einen Freund verloren, und ich bin
in Not gebracht. Durch einen teuflischen Zufall ereignet sich whrend
unseres brieflichen Krieges noch dies:

Die Zeitung "Initiation" verffentlicht einen Aufsatz von mir, in dem
ich das heutige astronomische System kritisiere. Einige Tage darauf
stirbt Tisserand, der Direktor der Pariser Sternwarte. In einer
Anwandlung von Ausgelassenheit stelle ich diese beiden Tatsachen
zusammen und erinnere daran, dass Pasteur am Tage nach dem Erscheinen
von "Sylva Sylvarum" starb. Mein Freund, der Theosoph, versteht keinen
Scherz; leichtglubig wie kein anderer, vielleicht auch mehr als ich
in die Schwarzkunst eingeweiht, hat er mich im Verdacht, dass ich die
Knste des Verhexens be.

Man stelle sich meinen Schreck vor, als nach dem letzten Schreiben
unseres Briefwechsels der berhmteste Astronom Schwedens am
Schlaganfall stirbt. Ich werde ngstlich, und mit gutem Recht. Der
Ausbung von Zauberknsten verdchtig zu sein, ist eine schlimme Sache,
und "wenn der Zauberer selbst dabei stirbt, so ist es nicht schade um
ihn."

Um das Unglck voll zu machen, verscheiden im Lauf des Monats
nacheinander fnf mehr oder weniger bekannte Astronomen.

Ich frchte einen Fanatiker, dem ich die Grausamkeit eines Druiden und
der hindostanischen Zauberer angebliche Macht, aus der Ferne zu tten,
zuschreibe.

Eine neue Hlle von ngsten! Und von diesem Tag vergesse ich die
Dmonen und richte alle meine Gedanken auf die unheilvollen Anschlge
der Theosophen und ihrer mit unerhrten Krften begabten Magier, die
fr Hindus ausgegeben werden.

Ich fhle mich zum Tode verurteilt; fr den Fall eines pltzlichen
Todes schreibe ich die Namen meiner Mrder auf und versiegle das
Papier. Dann warte ich ab.


Zehn Kilometer weiter stlich, an der Donau, liegt das Stdtchen Grein,
der Hauptort des Kreises. Dort soll sich, wie man mir erzhlt, jetzt
gegen Ende November, mitten im Winter, ein Fremder aus Zanzibar als
Tourist aufhalten. Das gengt um alle Zweifel und schwarzen Gedanken
eines Kranken zu wecken. Ich lasse Erkundigungen ber diesen Fremden
einziehen, um zu erfahren, ob er wirklich Afrikaner ist, was er fr
Plne hat, woher er kommt.

Man erfhrt nichts, und ein geheimnisvoller Schleier umhllt den
Unbekannten, der Tag und Nacht vor mir spukt. In meiner tiefsten Not
rufe ich, immer im Geist des Alten Testaments, des Ewigen Schutz und
Rache gegen meine Feinde an.

Die Psalmen Davids drcken am besten mein Trachten und Sehnen aus, und
der alte Javeh ist mein Gott. Der 86. Psalm besonders prgt sich meinem
Geist ein, und ich zgere nicht, ihn zu wiederholen:

"Gott, es setzen sich die Stolzen wider mich, und der Haufe der
Gewaltttigen stehet mir nach meiner Seele, und haben dich nicht vor
Augen....

"Tu ein Zeichen an mir, das mirs wohlergehe, dass es sehen, die mich
hassen, und sich schmen mssen, dass du mir beistehest, Herr, und
trstest mich."

Nach einem Zeichen rufe ich, und man wird sehen, wie bald mein Gebet
erhrt werden wird.




12.

Der Ewige hat gesprochen.


Der Winter mit seinem graugelben Himmel ist gekommen; die Sonne
hat seit mehreren Wochen nicht geschienen; die schmutzigen Wege
widersetzten sich den Spaziergngen; die Bltter der Bume modern, die
ganze Natur lst sich unter pestartiger Fulnis auf.

Das Schlachten des Winters hat angefangen; den ganzen Tag ber erheben
sich die Klagen der Opfer gegen das dunkle Himmelsgewlbe; man tritt in
Blut und unter Leichen.

Es ist zum Sterben traurig, und meine Traurigkeit teilt sich den
beiden guten barmherzigen Schwestern mit, die mich wie ihr krankes
Kind pflegen. Was mich vollends niederdrckt, ist die Armut, die ich
verbergen muss, und die vergeblichen Versuche, das nahende Elend
abzuwenden.

Man wnscht brigens, dass ich abreise, weil dieses einsame Leben fr
einen Mann zu nichts fhre; auch sind sie einig, dass ich einen Arzt
ntig habe.

Vergebens erwarte ich aus meiner Heimat das ntige Geld, und ich gehe
auf die grosse Landstrasse hinaus, um eine Flucht zu Fuss vorzubereiten.

"Ich bin gleich dem Pelikane in der Wste geworden; ich bin wie die
Eule in ihrem Zufluchtsort."

Meine Anwesenheit peinigt meine Verwandten; man htte mich schon
fortgejagt, wenn sie das Kind nicht geliebt htten. Jetzt, da Schmutz
oder Schnee das Spazierengehen unmglich machen, trage ich die Kleine
auf meinen Armen weite Wege, erklimme Hgel, entere die Felsen. Da
sagen die beiden Alten:

--Du schwchst deine Gesundheit, du wirst schwindschtig werden, du
wirst dich tten!

--Das wre ein schner Tod!


Wir sind beim Mittagessen, es ist er 20. November, ein grauer, trber,
hsslicher Tag. Durch eine ruhelose Nacht, in der ich fortwhrend mit
den Unsichtbaren gekmpft habe, bis zur Fieberglut erhitzt, verwnsche
ich das Leben und beklage mich, dass die Sonne fort ist.

Meine Mutter hat mir vorhergesagt, dass ich vor der Lichtmess, wenn die
Sonne wiederkehrt, geheilt werden wrde.

--Das ist mein einziger Sonnenstrahl, sage ich zu ihr, indem ich mit
dem Finger auf meine kleine Christine zeige, die mir gegenbersitzt.

Im selben Augenblick spalten sich die seit Wochen angehuften Wolken,
und ein Lichtbndel dringt in den Saal, erleuchtet mein Gesicht, das
Tischtuch, das Geschirr....

--Da ist die Sonne! Papa, da ist die Sonne! ruft das Kind und
faltet seine Hndchen. Verwirrt erhebe ich mich, ein Raub der
verschiedenartigsten Gefhle. Ein Zufall? Nein, sage ich mir.

Das Wunder, das Zeichen? Aber das ist zu viel fr einen, der wie ich
in Ungnade gefallen ist! Der Ewige mischt sich nicht in die kleinen
Angelegenheiten der Erdenwrmer!

Und doch bleibt mir dieser Sonnenstrahl im Herzen wie ein grosses
Lcheln, mit dem ich Unzufriedener angelchelt bin....

Whrend der zwei Minuten, die ich brauche, um mein Huschen zu
erreichen, hufen sich die Wolken zu Gruppen, welche die seltsamsten
Formen annehmen; und im Osten, wo sich der Schleier gehoben hat, ist
der Himmel grn, wie ein Smaragd, eine Wiese mitten im Sommer.

Ich bleibe in meinem Zimmer stehen und erwarte etwas, das ich nicht
erklren kann, in einer stillen Zerknirschung versunken, die frei von
Furcht ist.

Da rollt, ohne dass ein Blitz ihm vorangegangen wre, ein Donner, ein
einziger, ber meinem Kopfe.

Zuerst empfinde ich Furcht, und ich erwarte den Regen und das Gewitter,
wie es natrlich ist. Aber nichts geschieht; eine vollstndige Ruhe
herrscht und alles ist zu Ende.

Warum, frage ich mich, bin ich nicht vor der Stimme des Ewigen demtig
in den Staub gesunken?

Wenn der Allmchtige mit einer majesttischen Inszenierung zu einem
Insekt zu sprechen geruht, fhlt sich das Insekt von einer solchen Ehre
erhoben und aufgeblht, und der Hochmut flstert ihm zu, dass es ein
besonders wrdiges Wesen sein msse. In aller Freimtigkeit: ich fhle
mich mit dem Herrn auf gleichem Niveau, als ein Bestandteil seiner
Persnlichkeit, als eine Ausstrmung seines Wesens, als ein Organ
seines Organismus. Er brauchte mich, um sich zu offenbaren, sonst htte
er mich auf der Stelle durch seinen Blitz erschlagen.

Woher dieser ungeheuere Hochmut eines Sterblichen? Stamme ich vom
Beginn der Jahrhunderte her, als sich die aufstndischen Engel in
Emprung gegen einen Herrn vereinigten, der zufrieden war, ber ein
Volk von Sklaven zu herrschen? Ist darum meine Wallfahrt ber die Erde
zu einem Spiessrutenlaufen geworden, bei dem die Letzten der Letzten
sich die Freude gemacht haben, mich zu schlagen, zu beleidigen, zu
besudeln?

Keine denkbare Demtigung, die ich nicht zu ertragen gehabt htte;
und doch wchst mein Hochmut immer im selben Masse, wie sich meine
Erniedrigung vertieft! Was ist das? Jakob, der mit dem Ewigen ringt
und, zwar etwas gelhmt, aber mit Ehren aus dem Kampf hervorgeht?
Hiob, der auf die Probe gestellt wird und darauf besteht, sich Strafen
gegenber, die ihm mit Unrecht auferlegt sind, zu rechtfertigen?

Von so viel unzusammenhngenden Gedanken bestrmt, zwingt mich die
Mdigkeit, den Griff loszulassen; und mein aufgeblasenes Ich fllt
zusammen, wird so klein, dass sich das, was sich eben zugetragen hat,
auf ein Nichts reduziert: ein Donnerschlag Ende November!

Das Rollen des Donners hallt von neuem wider und, noch einmal von
Ekstase ergriffen, ffne ich die Bibel, indem ich den Herrn bitte,
lauter zu sprechen, damit ich ihn verstehe.

Meine Blicke fallen alsbald auf diesen Vers Hiobs:

"Willst du meinen Urteilsspruch aufheben? Willst du mich verdammen,
um dich zu rechtfertigen? Hast du einen Arm wie der mchtige Gott?
Donnerst du mit der Stimme wie er?"

Kein Zweifel mehr: der Ewige hat gesprochen!

--Ewiger, was willst du von mir? Sprich dein Diener hrt. Keine Antwort?

--Gut, ich demtige mich vor dem Ewigen, der geruht hat, sich vor
seinem Diener zu demtigen. Aber die Kniee vor Volk und Mchtigen
beugen? Niemals!


Am Abend empfngt mich meine gute Mutter auf eine Weise, die ich noch
nicht begreife. Sie betrachtet mich mit einem prfenden Blick von
der Seite, als wolle sie sehen, welchen Eindruck das majesttische
Schauspiel auf mich gemacht habe.

--Du hast es gehrt?

--Ja, es ist eigentmlich, ein Donnerschlag im Winter.

Wenigstens hlt sie mich nicht mehr fr einen Verdammten.




13.

Die entfesselte Hlle.


Um die richtigen Ideen ber die Natur der geheimnisvollen Krankheit,
die mich betroffen hat, zu verwirren, verbreitet eine Nummer des
"Evenement" diese Nachricht:

"Der unglckliche Strindberg, der mit seinem Frauenhass nach Paris kam,
war bald zur Flucht gezwungen. Und seitdem schweigen seinesgleichen
vor dem Banner der Weiblichkeit. Sie mchten nicht das Los des Orpheus
erleiden, dem die thracischen Bacchantinnen den Kopf abrissen...."

Es war also wahr, dass man mir in der Rue de la Clef eine Falle
gestellt hatte! Es war also wahr, dieser Mordversuch, der die
Krnklichkeit zur Folge gehabt hat, deren Symptome sich noch zeigen! Oh
diese Frauen! Jedenfalls wegen meines Aufsatzes ber die feministischen
Bilder meines dnischen Freundes, des Frauenverehrers.

Endlich eine Tatsache, eine greifbare Wirklichkeit, die mich von den
furchtbaren Zweifeln, ich knnte geisteskrank sein, befreit.

Ich eile mit der guten Nachricht zu meiner Mutter.

--Da sieh, dass ich nicht verrckt bin.

--Nein, du bist nicht verrckt, du bist nur krank, und der Arzt rt dir
krperliche bungen an, zum Beispiel Holz hacken....

--Ist das auch gut gegen die Frauen oder nicht?

Diese unberlegte Antwort trennt uns. Ich habe vergessen, dass eine
Heilige doch immer eine Frau bleibt, das heisst die Feindin des Mannes.


Alles ist vergessen, die Russen, die Rotschilde, die Schwarzknstler,
die Theosophen, selbst der Ewige. Ich bin das Opfer, Hiob ohne
Schuld, und die Frauen haben Orpheus, den Autor von "Sylva Sylvarum",
den Erwecker der toten Naturwissenschaften, tten wollen. In
Unschlssigkeit aller Art befangen, schiebe ich den neugeborenen
Gedanken, dass die Mchte zu hherem Zweck in bernatrlicher Weise
eingreifen, beiseite und vergesse, die einfache Kenntnis, die ich von
einem Attentat habe, dadurch zu vervollstndigen, dass ich nach dem
suche, der es angestiftet hat.

Brennend vor Begierde, mich zu rchen, setze ich einen Brief auf, in
dem ich der Pariser Polizeiprfektur Anzeige erstatte; dann einen
zweiten, den ich an die Pariser Zeitungen richte; da macht ein
gutgefhrter Umschwung diesem langweiligen Drama, das in eine Farce
auszulaufen drohte, eine Ende.


An einem graugelben Tage, gegen ein Uhr nach dem Mittagessen, ussert
meine kleine Christine den dringenden Wunsch, mich in das Huschen zu
begleiten, wo ich mein Mittagsschlfchen zu halten pflege.

Es ist unmglich, ihr zu widerstehen, und ich gebe ihren Bitten nach.

Als wir oben sind, befiehlt meine Christine Federn und Papier. Dann
will sie illustrierte Bcher haben. Und ich muss dabei sein, muss
erklren, muss zeichnen.

--Nicht schlafen, Papa!

Mde, erschpft, begreife ich nicht, warum ich diesem Kinde gehorche;
aber in ihrer Stimme ist ein Tonfall, dem ich nicht widerstehen kann.

Da beginnt draussen vor der Tr ein Drehorgelspieler einen Walzer. Ich
schlage der Kleinen vor, mit dem Kindermdchen, das sie begleitet hat,
zu tanzen.

Durch die Musik angelockt, kommen die Kinder des Nachbarn herbei; in
meinem Flur wird ein Ball improvisiert, nachdem man den Spielmann in
die Kche hat kommen lassen.

Das dauert eine Stunde, und meine Traurigkeit schwindet.

Um mich zu zerstreuen und meine Schlaflust zu besnftigen, greife ich
zur Bibel, die mir als Orakel dient, und ffne sie aufs Geradewohl; und
ich lese:

"Der Geist aber des Herrn wich von Saul, und ein bser Geist vom Herrn
machte ihn sehr unruhig. Da sprachen die Knechte Sauls zu ihm: Siehe,
ein bser Geist von Gott macht dich sehr unruhig; unser Herr sage
seinen Knechten, die vor ihm stehen, dass sie einen Mann suchen, der
auf der Harfe wohl spielen knne, auf dass, wenn der bse Geist Gottes
ber dich kommt, er mit seiner Hand spiele, das es besser mit dir
werde."

Der bse Geist, das ist es eben, was ich argwhnte.

Whrend die Kinder sich so belustigen, kommt meine Mutter, um die
Kleine zu suchen; als sie den Ball sieht, bleibt sie erstaunt stehen.

Sie erzhlt mir, dass gerade zu dieser Stunde unten im Dorfe eine Dame
aus bester Familie einen Anfall von Wahnsinn gehabt hat.

--Was ist ihr denn?

--Sie tanzt, diese alte Frau, sie tanzt, ohne zu ermden im Brautkleid,
und sie bildet sich ein, Brgers Leonore zu sein.

--Sie tanzt? Und dann?

--Weint sie, aus Furcht vor dem Tod, der sie holen will.

Was die Sache noch furchtbarer macht, ist, dass die Dame das Huschen,
in dem ich jetzt hause, bewohnt hat und dass ihr Gatte dort gestorben
ist, wo der Ball der Kinder vor sich geht.

Erklrt mir das Mediziner, Psychiater, Psychologen, oder rumt ein,
dass die Wissenschaft bankrott ist!

Mein Tchterchen hat den Bsen beschworen, und der von der Unschuld in
die Flucht gejagte Geist ist ber die alte Frau hergefallen, die sich
rhmte, eine Freidenkerin zu sein.

Der Totentanz dauert die ganze Nacht, und die Dame wird von Freundinnen
gehtet, die sie gegen die Angriffe des Todes schtzen. Sie nennt es
Tod, weil sie das Dasein von Dmonen leugnet. Zuweilen behauptet sie,
ihr verstorbener Mann qule sie.


Meine Abreise ist aufgeschoben; um aber nach so vielen schlaflosen
Nchten wieder zu Krften zu kommen, gehe ich zum Schlafen in die
Wohnung meiner Tante, die auf der andern Seite der Strasse liegt.

Ich verlasse also das rosa Zimmer. (Welches eigentmliche
Zusammentreffen, dass die Marterkammer in Stockholm in der guten alten
Zeit auch "Rosenkammer" hiess.)

Die erste Nacht vergeht in einem ruhigen Zimmer, dessen weissgekalkte
Wnde voll Heiligenbilder hngen. ber meinem Bett ist ein Kruzifix.

Aber in der zweiten Nacht beginnen die Geister ihr Spiel wieder.
Ich znde die Kerzen an, um die Zeit mit Lesen hinzubringen. Ein
unheilvolles Schweigen herrscht, und ich hre mein Herz klopfen. Da
trifft mich ein schwaches Gerusch wie ein elektrischer Funke.

Was ist das?

Ein grosses Stck Stearin ist von der Kerze auf die Erde gefallen.
Weiter nichts; aber das verkndet bei uns den Tod! Meinetwegen denn der
Tod!

Nachdem ich eine Viertelstunde gelesen habe, will ich nach meinem
Taschentuch greifen, das ich unter das Kopfkissen gesteckt habe. Es ist
nicht da, und, als ich es suche, finde ich es auf dem Fussboden. Ich
bcke mich, um es aufzuheben. Dabei fllt mir etwas auf den Kopf, und
als ich mit den Fingern durch die Haare fahre, finde ich ein zweites
Stck Stearin.

Statt zu erschrecken, kann ich ein Lcheln nicht unterdrcken, so
spasshaft kommt mir das Abenteuer vor.

Lcheln beim Tode! Wie wre das mglich, wenn das Leben nicht an und
fr sich lcherlich wre? So viel Lrm um so wenig! Vielleicht verbirgt
sich sogar auf dem Grunde der Seele ein unbestimmter Argwohn, dass
alles hier unten nur Verstellung, Heuchelei, Trugbild ist, und dass
sich die Gtter ber unsere Leiden lustig machen.


Hoch ber den Gipfel des Berges, auf dem das Schloss gebaut ist, erhebt
sich ein zweiter Berg, der alle andern beherrscht: von dem kann man
die ganze Hllenlandschaft bersehen. Man gelangt dahin durch einen
Hain von vielleicht tausendjhrigen Eichen, der einst ein Druidenhain
gewesen sein soll, weil die Mistel in der Gegend viel auf Linden und
Apfelbumen vorkommt. Oberhalb dieses Waldes steigt der Weg steil durch
niedrige Fichten empor.

Mehrere Male habe ich bis zum Gipfel zu kommen versucht, immer aber
trieben mich unvorhergesehene Dinge zurck. Bald war es ein Rehbock,
der die Stille durch einen unerwarteten Sprung unterbrach; bald ein
Hase, der ungewhnlich aussah; bald ein Hher mit seinem entnervenden
Geschrei.

Am letzten Morgen, dem Tag vor meiner Abreise, trotzte ich allen
Hindernissen, drang durch den dunklen, grausigen Fichtenwald und
kletterte bis zum Gipfel hinauf. Von dort hatte ich eine prachtvolle
Aussicht ber das Donautal und die steirischen Alpen. Ich habe die
dsteren Trichter dort unten verlassen und ich atme zum erstenmal auf.
Die Sonne erleuchtet die Gegend unter unendlichen Aussichten, und die
weissen Kmme der Alpen vereinigen sich mit den Wolken. Es ist schn
wie der Himmel!

Umfasst die Erde den Himmel und die Hlle? Gibt es keine anderen
Sttten fr Strafe und Belohnung?

Vielleicht! Und sicher ist, wenn ich mich an die schnsten Augenblicke
meines Lebens erinnere, erscheinen sie mir himmlisch, ebenso wie mir
die schlimmsten als hllisch vorkommen.

Behlt mir die Zukunft noch Stunden oder Minuten dieses Glckes vor,
das sich nur durch Sorgen und ein ziemlich reines Gewissen erkaufen
lsst?

Ich bleibe hier oben, da ich es nicht eilig habe, wieder in das Tal
der Schmerzen hinabzusteigen, und gehe auf dem Plateau spazieren,
um die Schnheit der Erde zu bewundern. Da bemerke ich, dass der
abgesonderte Felsen, der die eigentliche Spitze bildet, durch die Natur
wie eine gyptische Sphinx geformt ist. Auf dem Riesenkopfe liegt ein
Steinhaufen, aus dem ein kleiner Stock mit einer Fahne aus weisser
Leinwand aufragt.

Ich ergrnde nicht, was diese Zurstung zu bedeuten hat, aber ein
einziger Gedanke packt mich so, dass ich nicht widerstehen kann: die
Fahne entfhren!

Ich achte der Gefahr nicht, erstrme den steilen Abhang und raube
die Fahne. Da ertnt, ganz unerwartet, vom Ufer der Donau ein
Hochzeitsmarsch, der von Triumphgesngen begleitet wird. Es ist
ein Hochzeitszug, den ich nicht sehen kann, aber an den blichen
Flintenschssen erkenne.

Kind genug und gengend unglcklich, um aus den alltglichsten und
natrlichsten Vorfllen die Poesie zu ziehen, nehme ich dies als ein
gnstige Vorbedeutung an.

Und mit Bedauern, langsamen Schrittes, steige ich wieder in das Tal der
Schmerzen und des Todes, der Schlaflosigkeit und der Dmonen hinab;
denn meine kleine Beatrice erwartet mich dort unten, und ich bringe
ihr die Mistel, die ich ihr versprochen habe, den Zweig, der im Schnee
grnt, den man mit einer goldenen Sichel pflcken msste.


Schon lange hatte die Grossmutter den Wunsch ausgedrckt, mich zu
sehen, sei es, um eine Vershnung herbeizufhren, sei es aus Grnden,
die vielleicht okkult sind, denn sie ist eine  Hellseherin und
eine Visionrin. Unter verschiedenen Vorwnden hatte ich den Besuch
aufgeschoben, da aber meine Abreise entschieden ist, ntigt mich
meine Mutter, die Grossmutter zu besuchen und ihr Lebewohl zu sagen,
wahrscheinlich zum letzten Mal diesseits des Grabes.

Am 26. November einem kalten und klaren Tagen, machen meine Mutter, das
Kind und ich uns auf den Weg nach der Donau, an welcher der Stammsitz
der Familie liegt.

Wir steigen im Gasthaus ab, und meine Mutter begibt sich zur
Grossmutter, um meinen Besuch anzumelden. Whrend ich auf ihrer
Rckkehr warte, durchwandere ich die Wiesen und Wlder, die ich seit
zwei Jahren nicht gesehen habe. Die Erinnerungen berwltigen mich,
und das Bild meiner Frau taucht berall auf. Alles ist verwstet durch
den Frost des Winters; keine Blume blht mehr, keine Grashalm grnt
mehr, wo wir beide alle Blumen des Frhlings, des Sommers, des Herbstes
gepflckt haben.

Am Nachmittag werde ich zu der Grossmutter gefhrt, die den Pavillon
der Villa bewohnt, das Huschen, in dem mein Kind geboren ist. Die
Begegnung ist konventionell und kalt; man scheint eine Wiederholung des
Szene vom verlorenen Sohn zu erwarten, aber derartiges ist mir zuwider.

Ich begnge mich damit, die Erinnerungen an ein verlorenes Paradies
wieder lebendig zu machen. Meine Frau und ich haben das Getfel der
Tren und Fenster gestrichen, um die Geburt der kleinen Christine zu
feiern. Die Rosen und die Clematis, welche die Fassade zieren, sind von
meiner Hand gepflanzt. Der Gang, der den Garten durchluft, ist von mir
geharkt worden. Aber der Nussbaum, den ich am Morgen nach der Geburt
Christinens gepflanzt habe, ist verschwunden. "Der Baum des Lebens",
wie er genannt wurde, ist tot.

Zwei Jahre, zwei Ewigkeiten, sind vergangen, seit die Abschiedsworte
zwischen uns gewechselt wurden. Sie war am Ufer, und ich stand auf dem
Dampfer, der mich auf meinen Weg nach Paris bis Linz bringen sollte.

Wer hat den Bruch durchfhrt! Ich, ich habe meine Liebe und ihre
gettet. Ade, weisses Haus von Dornach, Flur der Dornen und Rosen!
Ade, Donau! Ich trste mich, indem ich denke: ihr waret nur ein Traum,
kurz wie der Sommer und lieblicher als die Wirklichkeit, die ich nicht
vermisse.


Die Nacht verbringe ich im Gasthaus, wo auch meine Mutter und mein Kind
auf meine Bitte schlafen, um mich gegen die Schrecken des Todes zu
schtzen, die ich ahne, dank meinem sechsten Sinn, der sich unter dem
Einfluss sechsmonatiger Marter entwickelt hat.

Um zehn Uhr abends beginnt ein Windstoss meine Tr, die sich auf den
Flur ffnet, zu rtteln. Ich befestige sie mit hlzernen Keilen. Es
hilft nichts: sie zittert weiter.

Dann klirren die Fenster, der Ofen heult wie ein Hund, das ganze Haus
schwankt wie ein Schiff.

Ich kann nicht schlafen. Bald seufzt meine Mutter, bald weint mein Kind.

Am andern Morgen ist meine Mutter durch Schlaflosigkeit und andere
Dinge, die sie mir verbirgt, erschpft und sagt zu mir:

--Reise, mein Kind! Ich habe genug von diesem Hllengeruch!

Und ich reise gen Norden, um auf meiner Pilgerfahrt das feindliche
Feuer einer andern Shnestation zu empfangen.




14.

Wallfahrt und Shne.


Es gibt neunzig Stdte in Schweden, und zu der, die ich am meisten
verabscheue, haben die Mchte mich verdammt.

Ich beginne damit, dass ich die rzte besuche.

Der erste nennt es Nervenschwche, der zweite Brustklemme, der dritte
Verrcktheit, der vierte Luftgeschwulst.... Das gengt mir, um sicher
zu sein, dass man mich nicht in ein Irrenhaus sperrt.

Um mich zu versorgen, bin ich gezwungen, fr eine Zeitung Artikel zu
schreiben. Aber jedes Mal, wenn ich mich zum Schreiben hinsetze, wird
die Hlle losgelassen. Jetzt hat man etwas Neues erfunden, um mich
verrckt zu machen. Sobald ich in ein Hotel eingezogen bin, bricht
ein Lrm los, hnlich dem in der Rue de la Grande-Chaumire in Paris:
Schritte schleppen und Mbel werden gerckt. Ich wechsle das Zimmer,
ich wechsle das Hotel: der Lrm ist da, ber meinem Kopfe. Ich gehe
in die Restaurants: sobald ich mich im Speisesaal an den Tisch setze
beginnt das Gepolter.

Wohlgemerkt: ich frage die Anwesenden ob sie dasselbe Gerusch hre,
und man bejaht es stets und gibt dieselbe Beschreibung. Also ist es
keine Halluzination des Gehrs, sondern einer Intrige, sage ich mir.

Als ich aber eines Tages unversehens in einen Schuhmacherladen trete,
beginnt im selben Augenblick der Lrm. Also doch keine Intrige. Es ist
der Teufel!

Von Hotel zu Hotel gejagt, berall von elektrischen Drhten belstigt,
die bis an den Rand des Bettes laufen; berall von Strmen angegriffen,
die mich vom Stuhl oder aus dem Bett reissen, bereite ich in aller Form
den Selbstmord vor.

Es ist das schlechteste Wetter, und ich suche mich in meiner
Traurigkeit zu zerstreuen, indem ich mit Freunden zeche.

An einem Tage der Verzweiflung, am Morgen nach einem Gelage, beende ich
auf meinem Zimmer mein erstes Frhstck. Das Brett mit dem Geschirr
bleibt auf dem Tisch stehen, und ich drehe den Resten des Mahles den
Rcken. Ein Gerusch erregt meine Aufmerksamkeit, und ich bemerke,
dass das Messer zu Boden gefallen ist. Ich hebe es auf und lege es
vorsichtig so hin, dass der Fall sich nicht wiederholen kann. Das
Messer erhebt sich und fllt.

Also Elektrizitt!

Am selben Morgen schreibe ich einen Brief an meine Mutter, indem ich
mich ber das schlechte Wetter und ber das Leben im allgemeinen
beklage. Bei diesem Satz: "Die Erde ist schmutzig, das Meer ist
schmutzig, und der Himmel lsst Dreck regnen...." fllt zu meiner
grossen berraschung ein Tropfen klaren Wassers auf das Papier!

Keine Elektrizitt! Ein Wunder!

Am Abend, als ich noch am Tisch sitze, erschreckt mich ein Gerusch,
das von der Waschtoilette zu hren ist. Ich sehe hin und merke dass
ein Wachstuch, das ich bei meinen morgendlichen Waschungen benutze,
herabgefallen ist. Um die Sache nachzuprfen, hnge ich das Wachstuch
so auf, dass es nicht fallen kann.

Es fllt noch einmal!

Was ist das?

Jetzt richten sich meine Gedanken wieder auf die Okkultisten und ihre
geheime Macht.

Ich setze eine Anzeige auf und verlasse mit diesem Brief die Stadt, um
mich nach Lund zu begeben, wo alte Freunde wohnen, rzte, Psychiater,
Theosophen selbst, auf deren Hilfe ich fr mein zeitliches Heil rechne.


Warum und wie werde ich dazu getrieben, mich in dieser kleinen
Universittsstadt niederzulassen, diesem Verbannungs- und Bussort fr
die Studenten von Upsala, wenn sie zu toll auf Kosten ihres Beutels und
ihrer Gesundheit gelebt haben?

Ist es ein Canossa, wo ich meine bertriebenen Ansichten abschwren
muss, vor derselben Jugend, die mich einst zwischen 1880 und 1890 zu
ihrem Bannertrger ernannten? Ich kenne die Lage sehr gut, und ich
weiss wohl, dass ich von der Mehrzahl der Professoren als Verfhrer der
Jugend in den Bann getan bin, und dass die Eltern mich wie den Bsen
selbst frchten.

Obendrein habe ich mir noch persnliche Feinde hier zugezogen; ich habe
hier unter Umstnden Schulden gemacht, die ein schlechtes Licht auf
meinen Charakter werfen; hier wohnt die Schwgerin Popoffskys mit ihrem
Gatten und beide sind durch die Stellung, die sie in der Gesellschaft
einnehmen, imstande, mir grosse Schwierigkeiten zu bereiten. Hier
legen sogar Verwandte, die mich verleugnet; Freunde, die mich im
Stich gelassen haben, um ebenso viele Feinde zu werden. Kurz, es ist
der schlechtestgewhlte Platz fr einen ruhigen Aufenthalt, es ist
die Hlle, aber mit meisterhafter Logik, mit gttlichem Scharfsinn
ausgesucht. Hier muss ich den Kelch leeren, hier muss ich die Jugend
mit den erzrnten Mchten wieder vereinigen.

Durch einen brigens sehr pittoresken Zufall habe ich eben einen
modernen Mantel mit Pelerine und Kapuze gekauft, von flohbrauner Farbe,
der Kutte der Franziskaner hnlich. In Bssertracht also kehre ich nach
Schweden zurck, nachdem ich sechs Jahre verbannt gewesen bin.

Gegen 1885 bildete sich in Lund eine Studentenverbindung, "Die alten
Jungen" genannt, deren literarische, wissenschaftliche und soziale
Tendenzen sich mit der Losung "Radikalismus" bersetzen liessen.
Ihr Programm, das sich den modernen Ideen anschloss, war zuerst
sozialistisch, dann nihilistisch, um auf ein Ideal allgemeiner
Auflsung und des fin de sicle mit einem Anstrich von Satanismus und
Dekadenz hinauszulaufen.

Das Haupt der Partei, der Tapferste der Paladine, der seit mehreren
Jahren mein Freund ist und den ich seit drei Jahren nicht gesehen habe,
besucht mich.

Wie ich in eine Kutte gekleidet, aber in eine graue Franziskanerkutte,
gealtert, abgemagert, von klglichem Aussehen erzhlt er mir seine
Geschichte allein durch seinen Gesichtsausdruck.

--Du auch?

--Ja, es ist aus!

Als ich ihm ein Glas Wein anbiete, lehnt er ab, da er so mssig
geworden ist, dass er keinen Wein mehr trinkt!

--Und die alten Jungen?

--Gestorben, zusammengebrochen, Spiessbrger, aufgenommen in die
verwnschte Gesellschaft.

--Canossa?

--Canossa auf der ganzen Linie!

--Dann hat die Vorsehung mich hierher gefhrt!

--Vorsehung! Das ist das rechte Wort.

--Werden die Mchte in Lund wieder anerkannt?

--Die Mchte bereiten ihre Rckkehr vor.

--Schlft man nachts in Schonen?

--Nicht viel! Alle Menschen klagen ber Alpdrcken, Brustbeklemmungen,
Herzbeschwerden.

--Wie bin ich da am Platze, denn das ist gerade mein Fall!

Wir haben einige Stunden ber die Wunderdinge gesprochen, die sich
jetzt ereignen, und mein Freund hat mir ausserordentliche Tatsachen
erzhlt, die hier und dort vorgekommen sind. Zum Schluss drckt er die
Ansicht der heutigen Jugend aus, die etwas Neues erwartet.

Man wnscht eine Religion, eine Vershnung mit den Mchten (das
ist das Wort), eine Wiederannherung an die unsichtbare Welt. Die
naturalistische Epoche, die krftig und fruchtbar war, hat ihre
Zeit gehabt. Man braucht sie nicht zu tadeln und nicht zu bedauern:
die Mchte haben gewollt, dass wir sie durchmachen. Es war eine
experimentelle Epoche, deren Versuche durch ihre negativen Ergebnisse
gezeigt haben, wie eitel gewisse Lehren sind. Ein Gott, bis auf
weiteres unbekannt, entwickelt sich und wchst, offenbart sich mit
Zwischenrumen, in denen er die Welt sich selber zu berlassen scheint,
wie der Bauer Unkraut und Weizen wachsen lsst, bis die Ernte kommt.
Jedesmal, wenn er sich enthllt, hat er seine Gedanken gendert und
beginnt seine Regierung wieder, indem er Verbesserungen einfhrt, die
er aus der Praxis gewonnen hat.

Die Religion wird also wiederkehren, aber unter andern Formen, und ein
Kompromiss mit den alten Religionen erscheint unmglich. Nicht eine
Epoche der Reaktion erwartet uns, nicht eine Rckkehr zu dem, was sich
ausgelebt hat, sondern ein Fortschritt zu etwas Neuem.

Was fr Neues? Warten wir ab!

Als unser Gesprch zu Ende ist, werfe ich eine Frage auf, wie man einen
Pfeil gegen die Wolken schiesst.

--Kennst du Swedenborg?

--Nein, aber meine Mutter besitzt seine Werke, und es sind ihr sogar
wunderbare Dinge begegnet.

Vom Atheismus zu Swedenborg ist nur ein Schritt!

Ich bitte meinen Freund, mir Swedenborgs Werke zu leihen. Und der Saul
der jungen Propheten bringt mir die "Arcana coelestia".

Zur selben Zeit stellt er mir einen jungen Mann vor, der von den
Mchten begnadet ist, ein verlorener Sohn. Der erzhlt mir ein
Abenteuer seines Lebens, das den meinen ganz hnlich ist; und als wir
unsere Leiden vergleichen, wird es hell in uns und wir werden mit
Swedenborgs Hilfe befreit.

Ich danke der Vorsehung, die mich in die kleine verachtete Stadt
gesandt hat, um dort Busse zu tun und mein Heil zu finden.




15.

Der Erlser.


Als Balzac mir in seiner "Seraphita" meinen erhabenen Landsmann Emanuel
Swedenborg, den "Buddha des Nordens", vorstellte, hat er mich die
evangelische Seite des Propheten kennen gelehrt. Jetzt ist es das
Gesetz, das mich trifft, zermalmt und befreit.

Durch ein Wort, ein einziges, wird es Licht in meiner Seele, und
verschwunden sind die Zweifel, die fruchtlosen Grbeleien ber
eingebildete Feinde, Elektriker, Schwarzmagier. Dieses kleine Wort
ist: devastatio (delggelse, Verdung). Alles, was mir geschehen ist,
finde ich bei Swedenborg wieder: die Angstgefhle (angor pectoris),
die Brustbeklemmung, das Herzklopfen, der Grtel, den ich elektrisch
nannte, alles ist da; und die Summe dieser Erscheinungen bildet die
geistige Reinigung, die schon dem Apostel Paulus bekannt war und von
ihm in den Briefen an die Korinther und an Timotheus erwhnt wird: "Ich
habe beschlossen, ber den, der solches getan hat, ihn zu bergeben
dem Satan zum Verderben des Fleisches, auf dass der Geist selig werde
am Tage des Herrn Jesu".--"Unter welchen ist Hymenus und Alexander,
welche ich habe dem Satan bergeben, dass sie gezchtigt werden, nicht
mehr zu lstern."

Als ich Swedenborgs Trume von 1744 lese, dem Jahr, das seinen
Verbindungen mit der unsichtbaren Welt vorausgeht, entdecke ich, dass
der Prophet dieselben nchtlichen Martern wie ich erduldet hat. Was
mich aber besonders packt: die Symptome gleichen einander so, dass ich
ber die Natur meiner Krankheit nicht mehr im Zweifel bin.

In "Arcana coelestia" erklren sich die Rtsel der beiden letzten
Jahre mit einer so berwltigenden Genauigkeit, dass ich, das Kind des
berhmten neunzehnten Jahrhunderts, die unerschtterliche berzeugung
bekomme, dass es die Hlle gibt, aber hier, auf der Erde, und dass ich
sie eben durchgemacht habe.

Swedenborg erklrt mir, warum ich im Krankenhaus des heiligen Ludwig
geweilt habe: Die Alchemisten werden vom Aussatz befallen und reissen
sich den Schorf ab, der Fischschuppen gleicht. Es ist eine unheilbare
Krankheit der Haut.

Swedenborg sagt mir, was die hundert Abtritte des Hotel Orfila
bedeuten: Das ist die Kothlle. Der Schornsteinfeger, den mein
Tchterchen in sterreich gesehen hat, findet sich auch wieder: "Unter
den Geistern gibt es solche, die man unter dem Namen Schornsteinfeger
kennt, weil ihr Gesicht wirklich von Rauch geschwrzt ist und sie
in einem Gewand von brauner Russfarbe erscheinen.... Einer dieser
Schornsteinfegermeister kam zu mir und ersuchte mich dringend, darum
zu beten, dass er in den Himmel aufgenommen werde. Ich glaube nicht,
sagte er, etwas begangen zu haben, was mich davon ausschliessen knnte;
ich habe die Bewohner der Erde zurechtgewiesen, aber ich habe immer dem
Verweis und der Zchtigung die Belehrung folgen lassen....

"Die richtenden, bessernden und belehrenden Geister des Menschen heften
sich an seine linke Seite, indem sie sich gegen den Rcken neigen und
das Buch seines Gedchtnisses nachschlagen und seine Handlungen, ja
sogar seine Gedanken darin lesen; denn wenn ein Geist beim Menschen
eindringt, bemchtigt er sich des Gedchtnisses. Wenn sie eine
schlechte Handlung oder die Absicht, Bses zu tun, sehen, strafen
sie ihn durch einen Schmerz im Fuss, in der Hand (!) oder um die
Magengegend; und sie tun das mit einer beispiellosen Fertigkeit. Ein
Beben kndigt ihr Kommen an.

"Ausser dem Schmerz der Glieder wenden sie noch einen schmerzhaften
Druck um den Nabel an, als drcke einem ein stachliger Grtel; von Zeit
zu Zeit Zusammenschnren der Brust, das bist zur Angst getrieben wird;
Ekel vor jeder Nahrung, ausser Brot, und zwar Tage lang.

"Andere Geister bemhen sich vom Gegenteil dessen zu berzeugen, was
die belehrenden Geister gesagt haben. Die Geister des Widerspruchs
sind auf der Erde aus der Gesellschaft der Menschen wegen ihrer
Ruchlosigkeit verbannt gewesen. Man erkennt ihr Nahen an einem
fliegenden Feuer, das vor dem Gesicht sich herabzulassen scheint; sie
stellen sich unter den Rcken des Menschen, von wo sie sich nach den
Teilen bemerkbar machen".

(Diese fliegenden Feuer oder Funken habe ich zweimal gesehen, und immer
in Augenblicken der Emprung, als ich alle Vorstellungen als leere
Trume verwarf.)

"Sie predigen, dem, was die belehrenden Geister den Engeln
nachsprechen, keinen Glauben zu schenken, seinen Wandeln nicht den
Lehren anzupassen, die man von ihnen empfangen hat, sondern in aller
Freiheit und Ausgelassenheit zu leben. Gewhnlich kommen sie, sobald
die andern sich entfernt haben. Die Menschen kennen sie und beunruhigen
sich kaum ber sie; aber sie lernen dadurch, was gut und was bse ist.
Denn man lernt die Eigenschaft des Guten durch sein Gegenteil kennen;
jeder Begriff von einer Sache bildet sich, indem man berlegt, wie sie
sich von ihrem Gegenteil unterscheidet, und zwar von verschiedenen
Gesichtspunkten aus und auf verschiedene Arten".

Der Leser erinnert sich an die antiken Marmorskulpturen hnlichen
menschlichen Gesichter, die sich aus dem weissen Bezug meines
Kopfkissens im Hotel Orfila formten. Darber sagt Swedenborg:

"Zwei Zeichen lassen erkennen, dass sie (die Geister) bei einem
Menschen sind; das eine ist ein alter Mann mit weissem Gesicht;
dieses Zeichen verkndet ihnen, dass sie immer die Wahrheit sagen
und nur gerecht handeln sollen.... Ich habe selber ein greisenhaftes
menschliches Gesicht dieser Art gesehen.... Gesichter von grosser
Weisse und grosser Schnheit, aus denen zugleich Aufrichtigkeit und
Bescheidenheit leuchten".

(Um den Leser nicht zu erschrecken, habe ich mit Absicht verschwiegen,
dass sich alles, was ich hier oben zitiert habe, auf die Bewohner des
Jupiters bezieht. Man denke sich nun meine berraschung, als man mir
eines Tages im Frhling eine Revue bringt, die Swedenborgs Haus auf
dem Planeten Jupiter, von Viktorien Sardou gezeichnet, wiedergibt.
Zunchst, warum Jupiter? Welche seltsame Zusammentreffen! Und hat der
Meister der franzsischen Komdie beachtet, dass die linke Fassade, aus
gengender Entfernung betrachtet, ein greisenhaftes Menschengesicht
bildet? Dieses Antlitz gleicht dem meines Kopfkissens! Aber in der
Zeichnung Sardous gibt es noch mehr solche menschlichen Silhouetten,
die durch die Umrisse geschaffen werden. Ist die Hand des Meisters von
einer andern Hand gefhrt worden, so dass er mehr gegeben hat, als er
wusste?)


Wo hat Swedenborg diese Hllen und Himmel gesehen? Sind es Visionen,
Intuitionen, Inspirationen? Ich wsste es nicht zu sagen, aber die
hnlichkeit, die seine Hlle mit der Dantes und der griechischen,
rmischen, germanischen Mythologie hat, lsst mich glauben, dass die
Mchte sich immer fast der gleichen Mittel bedient haben, um ihre Plne
zu verwirklichen.

Und diese Plne? Den menschlichen Typs zu vervollkommnen, den hheren
Menschen zu erzeugen, den "bermenschen", wie ihn Nietzsche, die vor
der Zeit verbrauchte und ins Feuer geworfene Zuchtrute, verkndigte.

So erscheint das Problem des Bsen wieder, und die sittliche
Gleichgltigkeit Taines fllt vor neuen Forderungen zu Boden. Die
Dmonen sind eine notwendige Konsequenz.

Was sind Dmonen? Sobald wir die Unsterblichkeit der Seele zugeben,
sind die Toten nichts anderes als berlebende, die ihre Beziehungen
zu den Lebenden fortsetzen. Die bsen Geister sind also nicht bse,
weil ihr Zweck ein guter ist, und man msste sich eher des Wortes
Swedenborgs bedienen, Zuchtgeister, um den Menschen Furcht und
Verzweiflung zu nehmen.

Den Teufel als selbstndige, Gott gleiche Macht braucht es nicht zu
geben, und des Bsen unleugbare Erscheinungen unter der traditionellen
Form brauchen nur ein Schreckbild zu sein, das die einzige und gute
Vorsehung hervorgerufen hat. Diese Vorsehung, die mittels einer aus den
Verstorbenen zusammengesetzten ungeheuren Verwaltung herrscht.

Trstet euch also und seit stolz auf die Gnade, die euch allen
bewilligt ist, die ihr von Schlaflosigkeit, Alpdrcken, Erscheinungen,
Angstzustnden, Herzklopfen heimgesucht und gemartert werdet! Numen
adest. Gott verlangt nach euch!




16.

Trbsal.


In der kleinen Musenstadt eingeschlossen, ohne eine Hoffnung,
herauszukommen, liefere ich die furchtbare Schlacht gegen den Feind,
mich selbst.

Jeden Morgen, wenn ich auf dem von Platanen beschatteten Wall spazieren
gehe, erinnert mich das grosse rote Irrenhaus an die Gefahr, der ich
entgangen bin, und an die Zukunft, falls ich einen Rckfall erleide.
Swedenborg hat mich, indem er mich ber die Natur der Schrecken
aufgeklrt, die ich whrend des letzten Jahres durchgemacht habe,
von den Elektrikern, Schwarzknstlern, Zauberern, den Neidern des
Goldmachers, dem Wahnsinn befreit. Er hat mir den einzigen Weg gezeigt,
der zum Heil fhrt: die Dmonen in ihrem Zufluchtsort, in mir selber,
aufzusuchen und sie zu tten durch.... Reue. Balzac, der Adjutant des
Propheten, hat mir in "Seraphita" gezeigt, dass "Gewissensqual eine
Ohnmacht dessen ist, der seinen Fehltritt wiederholen wird. Die Reue
allein ist eine Strke und beendigt alles".

Also die Reue! Aber heisst das nicht die Vorsehung missbilligen, die
mich zu ihrer Geissel ausgewhlt hat? Heisst das nicht den Mchten
sagen: ihr habt mein Schicksal schlecht geleitet; ihr habt mich geboren
werden lassen mit dem Beruf zu strafen, die Gtzenbilder zu strzen,
mich zu empren, und dann zieht ihr euren Schutz zurck und liefert
mich einem lcherlichen Widerruf aus? Zu Kreuze kriechen und Busse tun!

Seltsamer Circulus vitiosus, den ich mit zwanzig Jahren voraussah,
als ich mein Drama "Meister Olof" dichtete, das die Tragdie meines
Lebens geworden ist. Wozu dreissig Jahre lang ein elendes Leben
fhren, um durch Erahnung das zu erreichen, was man vorausgeahnt hat?
Jung, war ich aufrichtig fromm, und ihr habt einen Freidenker aus mir
gemacht. Aus dem Freidenker habt ihr einen Atheisten gemacht, aus dem
Atheisten einen Religisen. Fr die Menschheit begeistert, habe ich
den Sozialismus verkndet: fnf Jahre spter habt ihr mir gezeigt, wie
sinnlos der Sozialismus ist. Alles, was mich begeistert hat, habt ihr
fr nichtig erklrt. Und wenn ich mich der Religion weihe, so bin ich
sicher, in zehn Jahren werdet ihr sie widerlegen.

Sieht es nicht so aus, als trieben die Gtter ihren Scherz mit uns
Sterblichen? Und darum knnen wir bewussten Sptter in den schlimmsten
Augenblicken unseres Lebens lachen!

Wie knnt ihr verlangen, dass man ernst nimmt, was sich als ein
ungeheurer Scherz erweist?


Jesus Christus, der Erlser, wen hat er erlst? Seht die christlichen
aller Christen, unsere skandinavischen Frommen, diese blassen, elenden,
eingeschchterten Menschen, die nicht lcheln knnen: sie haben das
Aussehen von Besessenen! Sie scheinen den Dmon in ihrem Herzen zu
tragen. Und beachtet, wie alle ihre Fhrer als Missetter im Gefngnis
geendet haben. Warum hat ihr Herr sie dem Feind berliefert?

Ist die Religion eine Zchtigung und Christus ein Rachegeist?

Alle alten Gtter werden in der folgenden Epoche Dmonen: Die Bewohner
des Olymp sind Dmonen geworden; Odin, Thor, der Teufel in Person.
Prometheus-Lucifer, zum Satan entartet. Ist etwa--Gott verzeihe
mir!--Christus auch in einen Dmon verwandelt? Er ttet ja Vernunft,
Fleisch, Schnheit, Freude, die reinsten Leidenschaften der Menschheit.
Ttet die Tugenden: Freimut, Tapferkeit, Ruhm; Liebe, Barmherzigkeit!


Die Sonne scheint, das tgliche Leben geht seinen Gang, der Lrm der
Arbeit ermuntert die Lebensgeister. Da bumt sich der Mut der Emprung
auf, da schleudert man seine Zweifel herausfordernd gegen den Himmel.

Dann aber sinken Nacht, Stille, Einsamkeit herab, und der Hochmut
vergeht, das Herz klopft, die Brust zieht sich zusammen! Dann springt
man zum Fenster hinaus, kniet in der Dornenhecke nieder, sucht den Arzt
auf und bittet einen Kameraden, im selben Zimmer zu schlafen!

Tretet nachts wieder in euer Zimmer, und ihr werdet dort jemand finden;
ihr seht ihn nicht, aber ihr fhlt deutlich dessen Anwesenheit.
Geht in die Irrenanstalt und fragt den Irrenarzt, und er wird von
Nervenschwche, Verrcktheit, Brustbeklemmung und dergleichen sprechen,
aber er wird euch niemals heilen!

Wohin knnt ihr also gehen, ihr alle, die ihr an Schlaflosigkeit leidet
und die Strassen durchwandert, bis die Sonne wieder aufgeht?

Weltmhle, Gottes Mhle sind sprchwrtlich geworden. Habt ihr dieses
Sausen in den Ohren gehrt, das dem Gerusch einer Wassermhle
gleicht? Habt ihr in der Einsamkeit, bei Nacht oder selbst am hellen
Tage, beobachtet, wie die Erinnerungen des vergangenen Lebens wieder
auferstehen, eine nach der andern? Alle Verstsse, alle Vergehen, alle
Dummheiten treiben euch das Blut bis in die Ohren, pressen euch den
Schweiss bis in die Haare, jagen euch den Schauder bis in den Rcken.
Ihr lebt das gelebte Leben noch einmal, von der Geburt bist auf den
heutigen Tag, ihr leidet noch einmal alle erlittenen Leiden, ihr leert
noch einmal all die bitteren Kelche, die ihr so oft geleert habt;
ihr kreuzigt euer Skelett, weil kein Fleisch mehr zu tten ist; ihr
verbrennt die Seele, weil euer Herz schon verbraucht ist.

Ihr kennt das!

Das ist die Mhle des Herrn, die langsam mahlt, aber fein und schwarz.
Ihr seid in Staub aufgelst, und ihr glaubt, es sei aus mit euch.
Aber nein, es beginnt von neuem und ihr msst die Mhe noch einmal
durchgehen! Das ist die Hlle hier auf Erden; die ist von Luther
erkannt worden, der es als eine besondere Gnade schtzt, auf dieser
Seite der Feuerhimmel zermahlen zu werden.

Seid glcklich und dankbar!


Was ist zu machen? Sich demtigen?

Aber wenn ihr euch vor den Menschen demtigt, so weckt ihr deren
Hochmut, weil sie glauben werden, sie seien besser als ihr, wie gross
auch ihre Ruchlosigkeit ist.

Also vor Gott sich demtigen! Aber es ist eine Beleidigung, den
Hchsten zu einem Plantagenbesitzer zu erniedrigen, der ber Sklaven
herrscht!


Beten! Wie? Sich das Recht anmassen, Wille und Urteil des Ewigen durch
Schmeichelei und Kriecherei zu beeinflussen!

Gott suchen und den Teufel finden! Das ist mir geschehen.

Ich habe Busse getan, ich habe mich gebessert, und sobald ich meine
Seele wieder besohlen will, muss ich einen neuen Rster haben; setz
neue Hacken an, und das Oberleder platzt. Zu Ende kommt man nicht.

Ich hre auf zu trinken und komme gegen neun Uhr abends nchtern nach
Haus, um ein Glas Milch zu nehmen. Das Zimmer ist von Dmonen erfllt,
die mich aus dem Bett reissen und unter der Decke ersticken. Wenn ich
aber gegen Mitternacht berauscht nach Haus komme, schlafe ich ein
wie ein Engel und erwache stark wie ein junger Gott, bereit wie ein
Galeerenstrfling zu arbeiten.

Ich meide Frauen, und ungesunde Trume beunruhigen meine Nchte.

Ich gewhne mich, nur Gutes von meinen Freunden zu denken, ich vertraue
ihnen meine Geheimnisse und mein Geld an: Alsbald werde ich verraten.
Lehne ich mich gegen eine Treulosigkeit auf, so bin ich es immer, der
bestraft wird.

Ich versuche die Menschen im allgemeinen zu lieben; ich mache mich
blind gegen ihre Fehler, und mit einer Langmut ohne Grenzen lasse ich
ihre Gemeinheiten und Verleumdungen durchgehen; eines Tages finde ich,
dass ich ihr Mitschuldiger werde. Wenn ich mich von einer Gesellschaft,
die ich fr schlecht halte, zurckziehe werde ich alsbald von den
Dmonen der Einsamkeit angefallen, und suche ich bessere Freunde, finde
ich die schlimmsten.

Wenn ich die bsen Leidenschaften besiegt habe und durch Enthaltsamkeit
zu einem gewissen Frieden des Herzens gelangt bin, empfinde ich eine
Selbstzufriedenheit, die mich ber meinen Nchsten erhebt; und das ist
eine Todsnde, die Eigenliebe, die auf der Stelle bestraft wird.

Wie die Tatsache erklren, dass jede Lehrzeit in der Tugend ein neues
Laster zur Folge hat.

Swedenborg lst die Frage, indem er sagt die Laster seien Strafen, die
den Menschen fr Snden hherer Art auferlegt werden. So werden zum
Beispiel die Ehrgeizigen zur sodomitischen Hlle verdammt. Geben wir
zu, dass diese Lehre die Wahrheit enthlt, so mssen wir unsere Laster
ertragen und uns ber die Gewissensqual, die sie begleitet, freuen, als
bezahlten wir unsere Schulden am Schalter der grossen Kasse. Die Tugend
suchen, bedeutet also, aus dem Gefngnis der Strafen zu entrinnen
suchen.

Das hat Luther im Artikel 39 seiner Schrift gegen die rmische Bulle
sagen wollen, in dem er verkndigt: "Die Seelen des Fegefeuers sndigen
unaufhrlich, weil sie den Frieden suchen und den Qualen ausweichen."

Ebenso in Artikel 34: "Die Trken bekmpfen, ist nichts anderes, als
sich gegen Gott, der uns durch die Trken fr unsere Snden zchtigt,
auflehnen."

Es ist also klar, dass "alle unsere guten Werke Todsnden sind", und
dass "die Welt vor Gott schuldig sein muss, und dass niemand gerecht
werden kann ohne die Gnade".

Leiden wir also, meine Brder, ohne von dem Leben eine einzige
wirkliche Freude zu erhoffen, denn wir sind in der Hlle.

Und klagen wir nicht den Herrn an, wenn wir die kleinen unschuldigen
Kinder leiden sehen. Niemand wird wissen, warum sie leiden, aber die
gttliche Gerechtigkeit lsst uns ahnen, dass sie Verbrechen shnen,
die begangen sind, bevor sie zur Welt kamen.

Freuen wir uns ber die Qualen, die ebenso viele bezahlte Schulden
sind, und glauben wir, dass wir aus Barmherzigkeit nicht erfahren,
welche Ursachen ursprnglich unsere Strafen haben.




17.

Wohin gehen wir?


Sechs Monate sind vergangen, und ich gehe noch immer auf dem Stadtwall
spazieren, von wo ich meine Blicke nach dem Irrenhaus schweifen lasse
und nach dem blauen Streifen des fernen Meeres sphe. Von dort wird die
neue Zeit, die neue Religion kommen, von der die Welt trumt.

Der dstere Winter ist begraben, die Felder grnen, die Bume blhen,
die Nachtigall schlgt im Garten der Sternwarte; aber die Traurigkeit
des Winters lastet auf unseren Seelen, denn so viel unheilvolle
Ereignisse, so viel unerklrliche Vorflle haben wir erlebt, dass
selbst die Unglubigsten unruhig geworden sind. Die Schlaflosigkeit
nimmt zu, die Nervenkrisen vermehren sich, die Visionen sind hufig
geworden, wahre Wunder erfllen sich. Man erwartet etwas.

Ein junger Mensch besucht mich.

--Was muss man tun, um nachts ruhig zu schlafen?

--Was ist geschehen?

--Ich weiss es wahrhaftig nicht zu sagen, aber ich habe einen Schrecken
vor meinem Schlafzimmer bekommen, und ich ziehe morgen aus.

--Junger Mann, Atheist und Realist, was ist geschehen?

--Als ich heute Nacht die Tr ffnete, um einzutreten, fasste mich
jemand beim Arm und schttelte mich.

--Es ist also jemand in Ihrem Zimmer?

--Aber nein! Ich habe die Kerzen angezndet und ich habe niemand
gesehen.

--Junger Mann, es gibt jemand, den man bei Kerzenlicht nicht sieht.

--Wer ist das?

--Das ist der Unsichtbare, junger Mann. Haben sie Sulfonal, Bromkalium,
Morphium, Chloral genommen?

--Ich habe alles versucht!

--Und der Unsichtbare rumt nicht das Feld. Sie wollen nachts ruhig
schlafen und Sie verlangen von mir das Mittel. Hren Sie, junger Mann,
ich bin weder ein Arzt noch ein Prophet; ich bin ein alter Snder, der
Busse tut. Verlangen Sie weder Predigten noch Prophezeiungen von einem
Schcher, der kaum Zeit genug hat, sich selber zu predigen. Ich habe an
Schlaflosigkeit und Niedergeschlagenheit gelitten, ich habe Krper an
Krper mit dem Unsichtbaren gerungen, und ich habe endlich Schlaf und
Gesundheit wiedergewonnen. Wissen Sie, wie? Raten Sie!

Der junge Mann errt mich und schlgt die Augen nieder.

--Sie erraten es! Dann gehen Sie in Frieden und schlafen Sie gut!

Ich muss schweigen und mich erraten lassen, denn in dem Augenblick, in
dem ich mir einfallen liesse, den Prediger zu spielen, wrde man sich
von mir wenden.

Ein Freund fragt mich:

--Wohin gehen wir?

--Ich wsste es nicht zu sagen; mich persnlich scheint der Weg des
Kreuzes zum _Glauben meiner Vter_ zurckzufhren.

--Zum Katholizismus?

--Es scheint mir so! Der Okkultismus hat seine Rolle gespielt, indem
er die Wunder und die Dmonologie wissenschaftlich erklrte. Die
Theosophie, die der Religion den Weg bahnte, hat ausgelebt, nachdem
sie die Weltordnung, die straft und belohnt, wiederhergestellt hat.
Karma wird sich in Gott verwandeln, und die Mahatmas werden sich als
die neugeborenen Mchte, als Zuchtgeister (Dmonen) und als Lehrgeister
(Eingeber) enthllen. Der Buddhismus, den das junge Frankreich pries,
hat die Resignation und den Kultus des Leidens eingefhrt, die geraden
Weges nach Golgatha leiten.

Was das Heimweh betrifft, das ich nach der Mutterkirche empfinde, so
ist das eine lange Geschichte, die ich in Krze erzhlen mchte.

Als Swedenborg mich lehrte, dass es verboten sei, die Religion seiner
Vter zu verlassen, hat er dem Protestantismus, der ein Verrat an der
Mutterkirche ist, das Urteil gesprochen.

Vielmehr, der Protestantismus ist eine den Barbaren des Nordens
auferlegte Strafe; der Protestantismus, das ist das Exil, die
babylonische Gefangenschaft. Aber die Rckkehr in das gelobte Land
scheint nahe zu sein. Die grossen Fortschritte, die der Katholizismus
in Amerika, England, Skandinavien macht, verknden die allgemeine
Vershnung: zur selben Zeit hat die griechische Kirche dem Abendland
die Hand gereicht.

Das ist der Traum der Sozialisten, die Vereinigten Staaten des
Abendlandes wiederherzustellen, aber in geistigem Sinn verbessert. Doch
bitte ich euch, nicht zu glauben, dass politische berlegungen mich
zur rmischen Kirche zurckfhren. Nicht ich habe den Katholizismus
gesucht, er hat sich mir aufgedrngt, nachdem er mich jahrelang
verfolgt hat. Mein Kind, das gegen meinen Willen katholisch wurde,
hat mich die Schnheit eines Kultes gelehrt, der sich seit seinem
Ursprung unberhrt erhalten hat, und ich habe immer das Original der
Kopie vorgezogen. Der lange Aufenthalt im Lande meines Tchterchens
liess mich die hohe Aufrichtigkeit des religisen Lebens bewundern.
Von hnlicher Wirkung war mein Aufenthalt im Krankenhaus des heiligen
Ludwig und schliesslich meine Abenteuer der letzten Monate.

Nachdem ich mein Leben, das mich wie gewisse Verdammte in Dantes Hlle
dem Wirbelwind berlieferte, untersucht und dabei erkannt hatte,
dass mein Dasein im ganzen keinen anderen Zweck gehabt habe, als
mich zu demtigen und zu besudeln, entschloss ich mit, den Henkern
zuvorzukommen und selbst die Folterungen an mir zu vollziehen. Ich
wollte mitten in den Leiden, Unsauberkeiten und Todesngsten leben und
bereitete mich vor, eine Stelle als Krankenpfleger zu suchen und zwar
im Hospital der Frres Saint-Jean-de-Dieu zu Paris. Dieser Gedanke kam
mir am Morgen des 29. April, nachdem ich einer alten Frau mit einem
Totenkopf begegnet war. Als ich nach Hause kam, fand ich auf meinen
Tisch "Seraphita" aufgeschlagen; auf der rechten Seite zeigte ein
Holzsplitter auf diesen Satz:

"Tut fr Gott, was ihr fr eure ehrgeizigen Plne tun wrdet; was ihr
tut, wenn ihr euch einer Kunst widmet; was ihr getan habt, als ihr ein
Wesen mehr als ihn liebtet; oder als ihr ein Geheimnis der menschlichen
Wissenschaften verfolgtet! Ist Gott nicht die Wissenschaft selbst...."

Am Nachmittag erhielt ich die Zeitung "L'Eclair", und--welcher
Zufall!--das Hospital der Frres Saint-Jean-de-Dieu wird zweimal im
Text genannt.


Am 1. Mai las ich zum erstenmal in meinem Leben, "Wie man Magier wird"
von Peladan.

Peladan, mir bis heute ein Unbekannter, erscheint wie ein Gewitter,
eine Offenbarung des hheren Menschen, des Nietzscheschen bermenschen,
und mit ihm hlt der Katholizismus seinen feierlichen und sieghaften
Einzug in mein Leben.

Ist "der da kommen soll", in der Person Peladans gekommen? Der
Dichter-Denker-Seher, ist er es, oder sollen wir noch eines andern
warten?

Ich weiss es nicht; aber nachdem ich diese Vorhallen zu einem neuen
Leben berschritten habe, beginne ich am 3. Mai dieses Buch zu
schreiben.

Am 5. Mai besucht mich ein katholischer Priester, ein Konvertit.

Am 9. Mai sehe ich Gustav Adolf in der Asche des Kamins.

Am 14. Mai las ich in Peladan: "An Zaubereien zu glauben, war gut
gegen das Jahr tausend; beim Nahen des Jahres zweitausend stellt ein
Beobachter fest, das mancher Mensch die verhngnisvolle Eigenschaft
besitzt, dem, der ihn verletzt, Unglck zu bringen. Du verweigerst ihm
eine Bitte, und deine Geliebte betrgt dich; du machst ihn schlecht,
und du musst das Bett hten; alles Bse, was du ihm antun willst,
wendet sich in verstrktem Masse gegen dich.--Tut nichts, der Zufall
wird dieses unerklrliche Zusammentreffen erklren; der Zufall gengt
dem Determinismus des Modernen".

17. Mai.--Ich las von dem Dnen Jrgensen, der sich zum Katholizismus
bekehrt hat, eine Schrift ber das Kloster Beuron.

18. Mai.--Ein Freund, den ich seit sechs Jahren nicht gesehen habe,
ist soeben nach Lund gekommen und zieht in das Haus, in dem ich wohne.
Man denke sich meine Bewegung, als ich erfahre, dass er sich soeben
zum Katholizismus bekehrt hat. Er leiht mir das rmische Gebetbuch,
da ich meins vor einem Jahr verloren habe; als ich die lateinischen
Kirchenlieder wieder lese, fhle ich mich zu Hause.

27. Mai.--Nachdem wir mehrere Male ber die Mutterkirche gesprochen
haben, hat mein Freund an das belgische Kloster, in dem er getauft
worden ist, einen Brief geschrieben und um einen Ruhesitz fr den
Verfasser dieses Buches gebeten.

28. Mai.--Ein Gercht luft um, Annie Besant sei katholisch geworden;
aber es wird nicht besttigt.


Ich warte noch auf die Antwort des belgischen Klosters.

Wenn dieses Buch gedruckt sein wird, werde ich die Antwort empfangen
haben. Und dann? Darauf?--Ein neuer Spass der Gtter, die laut
auflachen, wenn wir heisse Trnen weinen?

Lund, 3. Mai bis 25. Juni 1897




Epilog.


Ich hatte dieses Buch zuerst mit dem Ausruf beendet: "Welcher
Schwindel, welcher traurige Schwindel ist das Leben!"

Nachdem ich aber etwas nachgedacht hatte, fand ich den Satz unwrdig
und strich ihn.

Aber die Unschlssigkeit hrte nicht auf, und ich nahm meine Zuflucht
zur Bibel, um die ersehnte Aufklrung zu erhalten.

Dies hat es mir geantwortet, das heilige Buch, das mehr als jedes
andere mit wunderbaren prophetischen Eigenschaften ausgestattet ist:

"Ich will mein Angesicht wider ihn setzen, dass er zum Zeichen und
Sprichwort werden soll, und ich will ihn aus meinem Volk roden, dass
ihr erfahren sollt, Ich sei der Herr.

"Wo aber ein Prophet sich betren lsst, etwas zu reden, den habe Ich,
der Herr, betrtet, und will meine Hand ber ihn ausstrecken, und ihn
aus meinem Volk Israel roden." (Hesekiel 14, 8/9.)

Das also ist die Gleichung meines Lebens: ein Zeichen, ein Beispiel, um
andern zur Besserung zu dienen; ein Sprichwort, um zu zeigen, wie eitel
Ruhm und Ehre sind; ein Sprichwort, um die Jugend aufzuklren, wie man
nicht leben darf, ein Sprichwort, ich, der ein Prophet zu sein glaubte,
und sich als Betrger entlarvt sieht.

Nun, der Ewige hat diesen Betrger-Propheten verleitet, aufzutreten und
zu sprechen, und der falsche Prophet fhlt sich unverantwortlich, da er
die Rolle gespielt hat, die ihm auferlegt wurde.

Hier ist, meine Brder, ein Menschenschicksal unter so vielen andern;
gebt zu, dass das Leben eines Menschen ein Schwindel scheinen kann!


Warum ist der Verfasser dieses Buches auf eine so ausserordentliche Art
bestraft worden? Man lese das Mysterium, das dem Text vorangeht. Es ist
vor dreissig Jahren geschrieben worden, bevor der Verfasser etwas von
den Ketzern, die "Stedinger" heissen, wusste. Papst Gregor IX. tat sie
1232 in den Bann, wegen ihrer satanistischen Lehre: "Lucifer, der gute
Gott, von "dem andern" verjagt und abgesetzt, wird zurckkehren, wenn
sich der Usurpator, Gott genannt, durch seine elende Regierung, seine
Grausamkeit und Ungerechtigkeit bei den Menschen verchtlich gemacht
und von seiner eigenen Unfhigkeit berzeugt haben wird".

Der Frst dieser Welt, der die Sterblichen zu Lastern verurteilt
und die Tugend durch das Kreuz und den Scheiterhaufen, durch
Schlaflosigkeit und Alpdrcken zchtigt, wer ist er? Der Henker, dem
wir berliefert sind, fr unbekannte oder vergessene Verbrechen, die
wir in einer andern Welt begangen haben!

Und die Zuchtgeister Swedenborgs? Schutzengel, die uns vor geistigen
beln bewahren!

Welche babylonische Verwirrung!

Augustinus hat es fr unklug erklrt, am Dasein von Dmonen zu zweifeln.

Thomas von Aquino hat verkndet, Dmonen riefen Gewitter und
Blitzschlge hervor, und diese Geister knnten ihre Macht den Hnden
der Sterblichen anvertrauen.

Papst Johannes XXII. Beklagt sich ber unerlaubte Kunstgriffe
seiner Feinde: die qulten ihn, indem sie seine Portrts mit Nadeln
zerstachen. (Behexung.)

Luther ist der Ansicht, dass alle Unflle, Knochenbrche, Einstrze,
Feuersbrnste, die meisten Krankheiten von Teufeln herrhren, die ihr
Spiel treiben.

Luther geht noch weiter und spricht die Ansicht aus, gewisse Menschen
htten ihre Hlle schon in diesem Leben gefunden.

Habe ich also mit gutem Vorbedacht mein Buch "Inferno" getauft?

Wenn der Leser meine Ansicht als zu pessimistisch in Zweifel zieht,
lese er meine Lebensgeschichte: "Der Sohn einer Magd, Die Entwicklung
einer Seele, Die Beichte eines Toren".

Wer dieses Buch fr eine Dichtung halten sollte, mge mein Tagebuch
vergleichen, das ich seit 1895 Tag fr Tag gefhrt habe und von dem
dieses Buch nur eine ausgefhrte und geordnete Bearbeitung ist.





Legenden 1897--1898



eigne ich dieses Buch zu, indem ich mir zu gleicher Zeit ihre Nachsicht
fr die Snden der Indiskretion erbitte, die ich darin aus ehrlicher
Absicht und zu lobenswertem Zweck begangen habe. Es wird ihre Sache
sein, mich freizusprechen oder zu verurteilen, und mir kommt nur zu,
sie um Verzeihung zu bitten, falls ich wehgetan habe.

Der Verfasser. #/



Erster Teil




1.

Der besessene Teufelsbeschwrer.


Gejagt von den Erinnyen, wurde ich schliesslich im Dezember 1896 in
der kleinen Universittsstadt Lund in Schweden festgehalten. Eine
Anhufung kleinbrgerlicher Huser um eine Domkirche, ein palastartiges
Universittsgebude und eine Bibliothek, bildet die Stadt eine
Zivilisations-Oase in der grossen sdschwedischen Ebene.

Ich muss den raffinierten Scharfsinn bewundern der mir diesen Ort zum
Gefngnis ausersehen hat. Von den "Eingeborenen" in Schonen wird die
Universitt Lund sehr geschtzt, aber fr einen Mann vom Norden, wie
ich es bin, ist der Umstand, dass man hier lebt, ein Zeichen, dass man
heruntergekommen ist.

Ferner fr mich, der ich hoch in den Vierzigern stehen, zwanzig Jahre
lang verheiratet gewesen bin, mich an ein regelmssiges Familienleben
gewhnt habe, ist es eine Demtigung, eine Relegation, auf den
Umgang mit Studenten angewiesen zu sein; Junggesellen, die einem
ausschweifenden Kneipenleben ergeben und wegen ihrer oppositionellen
Denkart bei den vterlichen Autoritten der Akademie mehr oder weniger
schlecht angeschrieben sind.

Gleichaltrig und einst Kamerad der Professoren, die mich jetzt nicht
mehr kennen, werde ich gezwungen, meine Gesellschaft bei den Studenten
zu suchen, also die Rolle eines Feindes der Alten und der angesehenen
Gesellschaftskreise zu bernehmen.

Heruntergekommen, das ist das rechte Wort. Und warum? Weil ich es
verschmhte, mich den Gesetzen des Gesellschaftslebens und der
Familiensklaverei zu unterwerfen. Aus eine heilige Pflicht habe ich den
Kampf fr die Aufrechterhaltung meiner Persnlichkeit betrachtet, ob
diese nun gut oder schlecht sein mag.

In Acht erklrt, scheel angesehen, von Vtern und Mttern als ein
Verfhrer der Jugend verflucht, bin ich in eine Lage versetzt, die an
die der Schlange im Ameisenhaufen erinnert, um so mehr als ich infolge
von Geldverlegenheit die Stadt nicht verlassen kann.

Geldverlegenheit! Das ist nun mein Schicksal seit drei Jahren, und ich
kann es nicht erklren, wie es kommt, dass alle Quellen versiegt sind,
nachdem aller Vorrat erschpft war. Vierundzwanzig Theaterstcke von
meiner Hand, jetzt aufgelegt im Winkel, und kein einziges wird mehr
gespielt; ebenso viele Romane und Erzhlungen und kein Band ist in
neuer Auflage herausgekommen. Alle Versuche, eine Anleihe aufzunehmen,
sind gescheitert und scheitern noch immer. Nachdem ich alles verkauft
hatte, was ich besass, zwang die Not mich schliesslich, die Briefe zu
verkaufen, die ich Laufe der Jahre empfangen habe, das heisst fremdes
Eigentum!

Diese unvernderliche Armut scheint mir so deutlich auf einer
besonderen Absicht zu beruhen, dass ich sie schliesslich gutwillig
hinnehme, als einen Bestandteil meiner Sndenbusse, und nicht mehr
Widerstand zu leisten suche.

Was mich selbst betrifft, fr mich als freien Schriftsteller hat die
Mittellosigkeit nichts zu bedeuten, aber nicht fr den Unterhalt meiner
Kinder sorgen zu knnen, das ist die reine Schande.

Nur zu denn mit der Schande! Nur zu mit der Schmach! Nur zu mit dieser
Hlle! Ich gebe der Versuchung nicht nach, die falsche Ehre mit meinem
Leben zu bezahlen!

Gefasst auf alles, leere ich entschlossen bis auf den Grund die
usserste der ausserordentlichen Demtigungen; und man gebe acht, wie
meine Shneleiden anfangen.

Wohlerzogene Jnglinge aus wohlhabenden Familien bringen mir eines
Nachts eine Katzenmusik im Korridor. Ich nehme sie entgegen wie etwas
Wohlverdientes und ohne mich zu rhren.

Ich will eine mblierte Wohnung mieten. Die Vermieter sagen nein unter
durchsichtigen Vorwnden, und die abschlgige Antwort wird mir ins
Gesicht geworfen. Ich mache Besuche und werde nicht angenommen. Nur
Kleinigkeiten!

Was dagegen meine Seele geisselt, ist die erhabene Ironie, die sich
in dem unbewussten Benehmen meiner jungen Freunde offenbart, wenn sie
mir Mut einflssen wollen, indem sie Lobreden auf meine literarische
Laufbahn halten: "so fruchtbar an befreienden Ideen" usw.! Und ich
habe eben diese sogenannten Ideen auf den Kehrrichthaufen geworfen;
die Trger dieser Ansichten sind also meine Gegner geworden! Ich fhre
Krieg mit meinem alten Ich; indem ich meine Freunde und meine frheren
Gesinnungsgenossen bekmpfe, schlage ich mich selbst zu Boden.

Das ist gut arrangiert; und als Dramatiker muss ich die prchtige
Komposition in dieser Tragikomdie bewundern. Wahrhaftig, eine gut
gemachte Szene.

Da sich aber die alten und neuen Ansichten whrend dieser Epoche des
bergangs so kreuzen, dass sie sich verstricken, nimmt man es nicht so
genau mit einem Alten, wie ich es bin, lauscht nicht so ernsthaft auf
meine Argumente, sondern fragt mich lieber nach Neuigkeiten in der Welt
der Ideen.

Ich schliesse ihnen den Vorhof zum Isistempel auf und sage voraus, dass
der Okkultismus im Anzuge ist. Da tobt man und sbelt mich nieder,
indem man die Waffen benutzt, die ich selbst whrend zwanzig Jahre
gegen Aberglauben und Mystizismus geschmiedet habe.

Da diese Debatte immer in Kneipen bei unmssigem Verbrauch vom Saft
der Traube gehalten werden, vermeidet man in heftigen Wortwechsel
zu geraten, und ich gewhne mich daran, nur Tatsachen und wirkliche
Flle zu erzhlen, indem ich die Maske eines aufgeklrten Skeptikers
anlege. Es kann gewiss nicht gesagt werden, dass man Widerwillen gegen
alles Neue hat, im Gegenteil; aber man ist konservativ geworden, das
es das Ideal gilt, das man sich durch Streit erkmpft hat; man ist
nicht geneigt zu desertieren, noch weniger einen Glauben abzuschwren,
der durch Bluttaufe teuer bezahlt worden ist. Es kommt also mir zu,
zwischen dem Naturalismus und dem Supernaturalismus eine Brcke zu
schlagen, indem ich verkndige, dass der letzte nur eine Entwicklung
des ersten ist.

Zu diesem Zweck stelle ich das Problem auf, eine, wie eben angedeutet,
natrliche und wissenschaftliche Lsung fr alle unerklrlichen
Erscheinungen zu geben, die uns auf den Leib gerckt sind. Ich
zerspalte meine Persnlichkeit und zeige der Welt den naturalistischen
Okkultisten, erhalte aber aufrecht in meinem Innern und pflege den Keim
zu einer konfessionslosen Religion. Oft gewinnt die exoterische Rolle
die Oberhand; ich mische meine beiden Naturen so durcheinander, dass
ich ber meinen neuerworbenen Glauben lachen kann; das trgt dazu bei,
dass meine Theorien sich bei den widerspenstigen Gemtern einschleichen
knnen.

Der Dezember vergeht trge und furchtbar dster unter einem
dunkelgrauen rauchigen Himmel. Obgleich ich bei Swedenborg Aufklrung
ber die Art meiner Leiden gewonnen habe, kann ich mich nicht dazu
bringen, mich auf einmal unter die Hand der Mchte zu beugen. Mein
Hang, Einwendungen zu machen, erhebt sich, und ich will immer noch die
eigentliche Ursache nach aussen verlegen und sie in der Bosheit der
Menschen suchen. Tag und Nacht von "elektrischen Strmen" angegriffen,
welche die Brust zusammenklemmen und ins Herz stechen, verzichte ich
auf meine Folterkammer und besuche das Wirtshaus, wo ich Freunde
treffe. Aus Furcht, nchtern zu werden, trinke ich; das ist das einzige
Mittel, um nachts schlafen zu knnen. Aber Ekel und Schamgefhl, im
Verein mit der friedlosen Unruhe, ntigen mich damit aufzuhren, und
einige Abende gehe ich in das Caf der Tempernzler, das den Namen
"Das blaue Band" trgt. Doch, ich werde ngstlich vor der Gesellschaft,
die man dort trifft. Blulichblasse und abgequlte Gesichter,
unheimliche und bse Augen, und ein Schweigen, das nicht der Friede von
Gott ist.

Wenn alles zusammen kommt, ist der Wein eine Wohltat und die
Enthaltsamkeit eine Zchtigung. Und ich kehre nach dem halbnchternen
Wirtshaus zurck, ohne dort die Grenzen zu berschreiten, nachdem ich
mich selbst mit Teeabenden gestraft habe.

Weihnachten steht vor der Tr und ich sehe dem Fest der Kinder
mit einer khlen Bitterkeit entgegen, die ich kaum mit dem Namen
Resignation ehren will. Seit sechs Jahren habe ich alles leiden mssen
und bin nun gefasst auf alles.

Einsam und in einem Hotel! Nun, das ist ja lange mein Alp gewesen,
und ich habe mich daran gewhnt. Es sieht aus, als ob alles, was ich
verabscheue, mir vorbehalten wre.

Inzwischen ist die Vertraulichkeit zwischen mir und dem Freundeskreise
so gross geworden, dass man anfngt mir sein Herz auszuschtten.
Die Sache ist die: Whrend der letzten Monaten sind so manche Dinge
geschehen.... So?

So manche ungewhnliche, unerwartete Dinge....

--Lass hren!

Man erzhlt mir: das Haupt des revoltierenden Jugendschwarms, der
freieste Freidenker, der neulich aus einer Kuranstalt fr Alkoholisten
gekommen ist und das Gelbde der Nchternheit abgelegt hat, sei jetzt
bekehrt worden, so dass er geradezu....

--Nun, was?

--Busspsalmen singt.

--Unglaublich!

In der Tat hatte der junge Mann, der mit einer nicht gewhnlichen
Intelligenz ausgerstet war, gegenwrtig seine Aussichten dadurch
verdorben, dass er die an der Universitt herrschenden Ansichten heftig
angegriffen hatte, eingeschlossen den Missbrauch starker Getrnke. Bei
meiner Ankunft hielt er sich etwas abseits auf Grund seiner Mssigkeit,
doch war er es, der mir Swedenborgs "Arcana coelestia" lieh, die er aus
der Bcherei seines Elternhauses nahm. Und ich erinnere mich jetzt:
nachdem ich angefangen hatte die Arbeit zu lesen, setzte ich ihm
Swedenborgs Theorien auseinander und schlug ihm vor, den Propheten zu
lesen, um Licht zu erhalten; er aber unterbrach mich mit einer Gebrde
des Entsetzens.

--Nein! Ich will nicht! Nicht jetzt! Spter!

--Ist dir bange?

--Ja, fr den Augenblick!

--Aber nur als literarische Kuriositt?

--Nein!

Ich glaubte anfangs, er scherze, spter aber wurde mir klar, dass es
voller Ernst gewesen war.

Also scheint es eine allgemeine Erweckung zu sein, die durch die Welt
geht, und ich brauche nicht zu verbergen, wie es mir geht.

--Sag mir, alter Junge, kannst du nachts schlafen?

-Nicht gerade viel! Siehst du, wenn ich wach liege, kommt mein ganzes
verflossenes Leben und passiert Revue; alle Dummheiten, die ich
begangen habe, alle Leiden und alles Unglck zieht vorbei, aber vor
allem die Dummheiten. Und wenn die Reihe zu Ende ist, beginnt sie
wieder von neuem!

--Auch du also!

--Auch?

--Ja! Das ist die Krankheit der Zeit! Man nennt das Gottes Mhle!

Bei dem Worte Gott grinst er und erwidert:

--Ja, es ist eine komische Zeit, in der wir leben; die verkehrte Welt.

--Oder der Wiedereintritt der Mchte!


Die Weihnachtstage sind zu Ende. Meine Tischgesellschaft hat sich
infolge der Ferien in die Umgebung von Lund zerstreut. Da kommt eines
Morgens mein Freund, der Arzt, mein Psychiater, und zeigt mir ein
Schreiben, in dem uns unser Freund der Dichter in sein Elternhaus, ein
Gut wenige Meilen von der Stadt, einladet.

Ich weigere mich mit hinauszufahren, da ich Reisen verabscheue.

--Aber er fhlt sich unglcklich.

--Was ist ihm denn?

--Schlaflosigkeit; du weisst, er hat wieder gekneipt....

Ich schtze eine dringende Arbeit vor, und die Frage bleibt
unentschieden. Am Nachmittag berichtet ein neues Schreiben, dass der
Dichter krank ist und um den rztlichen Rat seines Freundes bittet.

--Wie ist es jetzt mit ihm?

--Er ist nervs, Neurastheniker, und glaubt sich verfolgt....

--Von Dmonen?

--Nicht gerade, aber jedenfalls....

In einem Anfall von Galgenhumor, hervorgerufen, durch das Gefhl,
Genossen im Unglck zu haben, lasse ich mich bestimmen, mitzufahren.

--Nun, dann machen wir uns auf den Weg; du besorgst die Medizin und ich
treibe den Teufel aus.

brigens denke ich diese Lustfahrt mit meinen Ausflgen zu kombinieren,
die ich mache, um Schonen zu studieren.

Als die Sache abgemacht ist, packe ich meine Reisetasche; wie ich
die Hoteltreppe hinuntergehe, werde ich unvermutet von einer Frau
angesprochen.

--Verzeihen Sie, sind Sie Doktor Norberg?

--Nein, das bin ich nicht, antworte ich nicht gerade zu hflich, da ich
glaubte es mit einer Dirne zu tun zu haben.

--Knnen Sie mir sagen, wieviel die Uhr ist? Fuhr sie fort.

--Nein!

Und ich rume das Feld.

Wie wenig merkwrdig diese Szene auch war, die hinterliess doch einen
beunruhigenden Eindruck bei mir.

Am Abend bleiben wir in einem Dorf, um dort die Nacht zuzubringen. Ich
war gerade in mein Zimmer gekommen, eine Treppe hoch, und hatte mich
etwas subern knnen, als das gewhnliche Gerusch sich ber mir hren
liess; man schleppt Mbel und macht Tanzschritte.

Dieses Mal begnge ich mich nicht mit Verdacht, sondern klettre in
Gesellschaft meines Kameraden die Bodentreppe hinaus, um mir Gewissheit
zu verschaffen. Aber dort oben ist nichts Verdchtiges zu finden, da
niemand ber meinem Zimmer unter den Dachpfannen wohnt.

Nachdem wir die Nacht schlecht geschlafen haben, setzen wir die Fahrt
fort und befinden uns einige Stunden spter im Elternhaus des Dichters,
der hier beinahe als ein verlorener Sohn religiser Eltern, guter und
redlicher Mensch, erscheint. Der Tag vergeht unter Spaziergngen in
einer schnen Landschaft und unschuldigen Gesprchen. Der Abend senkt
sich herab und bringt einen unbeschreiblichen Frieden in eine husliche
Umgebung, in der der Arzt und ich uns gnzlich verloren vorkommen, er
noch mehr als ich, da er Atheist ist.

Spt am Abend ziehen wir uns in das Zimmer zurck, das dem Doktor und
mir angewiesen ist. Als ich etwas zu lesen suche, bekomme ich die
"Magie des Mittelalters" von Viktor Rydberg in die Hand. Immer dieser
Schriftsteller, dem ich ausgewichen bin, so lange er lebte, und der
mich nach seinem Tod verfolgt!

Ich blttere in dem Buche, und der Blick heftet sich auf die Stelle
ber Incubi und Succubi. Der Verfasser glaubt an so etwas nicht und
zieht den Teufelsglauben ins Lcherliche.

Aber ich kann nicht lachen; die Lektre erregt bei mir Anstoss, und ich
beruhige mich bei dem Gedanken, das der Verfasser jetzt seine Ansicht
gendert haben drfte!

Indessen ist das Lesen solcher unheimlichen und magischen Dinge nicht
geeignet, Schlaf hervorzurufen, und eine gewisse Unruhe in den Nerven
macht sich vernehmbar. Deshalb wird der Vorschlag, zusammen nach
dem Bequemlichkeitshuschen zu gehen, angenommen als eine heilsame
Zerstreuung und eine hygienische Einleitung fr die Nacht, vor der ich
Furcht habe.

Mit einer Laterne versehen, streben wir ber den Hof, wo bei einem
wolkigen Himmel die Skelette der bereiften Bume unter der neckischen
und launenhaften Windsbraut krachen.

--Ich glaube, ihr frchtet euch vor eurem eigenen Schatten, lacht der
Arzt verchtlich.

Keiner antwortet, denn die Windstsse versuchen uns auf eine ganz
persnliche Weise umzuwerfen, stellen uns ein Bein, reissen uns am
Haar, heben den Rockschoss auf.

Angekommen an Ort und Stelle, die neben dem Stall und unter dem
Heuboden lag, werden wir von einem Lrm ber unsern Kpfen begrsst
und--seltsam--es ist genau das Gerusch, das mich seit einem halben
Jahr verfolgt.

--Horch! Hrt ihr etwas?

--Ja, es sind Leute oben, die dem Vieh Futter geben! antwortet der
Dichter.

Ich will die Tatsache nicht leugnen, warum aber gerade in dem
Augenblick, da ich eintrete? Und wie kommt es, dass das Unwesen berall
dieselben akustischen Formen annimmt? Es muss unbedingt jemand sein,
ein Unsichtbarer, der diese Katzenmusik fr mich anstellt; es ist keine
Gehrshalluzination, da die anderen dieselbe physische Wahrnehmung
haben wie ich.

Als wir ins Schlafzimmer zurckgekommen sind, wird dennoch nichts aus
der Ruhe. Der Dichter, der sich den ganzen Tag ruhig verhalten hat, dem
die Eltern ein Bodenzimmer zum Schlafen angewiesen haben, macht den
Anfang damit, unruhig auszusehen, und gesteht schliesslich ein, dass er
sich nicht getraut allein zu schlafen, weil der Alp ihn reite.

Ich trete ihm mein Lager ab und darf statt dessen ber einen grossen
Saal nebenan verfgen, der mit einem ungeheuren Bett versehen ist.

Der ungeheizte Saal, ohne Rouleaux und fast unmbliert, lastet auf
meinem Gemt mit einem Unbehagen, das bestndig durch die Feuchtkhle
vermehrt wird.

Um mich zu zerstreuen, suche ich nach Bchern und finde auf einem
kleinen Tisch die Bibel mit Gustae Dores Illustrationen sowie eine
Sammlung Andachtsbcher. Da erinnere ich mich, dass ich in ein
religises Haus eingedrungen bin, dass ich der Freund des verlorenen
Sohnes und ein Verfhrer der Jugend bin. Welche demtigende Rolle fr
einen achtundvierzigjhrigen Mann. Wie erniedrigend!

Und ich verstehe das Leiden des jungen Mannes, der zwischen tugendhafte
und fromme Menschen eingesperrt ist. Das muss dieselbe Pein sein wie
fr den Teufel, die Messe zu besuchen. Und um den Dmon mit dem Dmon
zu vertreiben, bin ich hierher eingeladen; ich bin gekommen, um durch
Befleckung diese reine Luft zum Einatmen mglich zu machen, da der
junge Mann sie nicht ertragen kann.

Unter derartigen Gedanken bin ich zu Bett gegangen. Der heilige Schlaf
war frher meine letzte und treueste Zuflucht, deren Erbarmen mir
niemals mangelte. Jetzt hat der Trster in der Nacht mich im Stich
gelassen und das Dunkel erschreckt mich.

Die Lampe ist angezndet, und Stille herrscht nach dem Sturm. Da weckt
ein unbekannter surrender Laut meine Aufmerksamkeit und reisst mich
aus dem Halbschlaf. Und ich werde gewahr, wie oben im Saale ein Insekt
hin und her fliegt. Was mich aber wundert, ist, dass ich die Art
nicht kenne, obgleich ich in der Insektenkunde zu Hause bin und mir
schmeichle, alle Zweiflgler in Schweden auswendig zu knnen. Und dies
ist kein Schmetterling, kein Seidenspinner und auch keine Motte, es ist
eine Fliege, schwarz, lnglich, aber mit einem Tonfall ausgerstet,
der dem einer Gallwespe oder eines Nachtfalters gleicht. Ich stehe auf,
um Jagd darauf zu machen; Fliegenjagd zu Ende Dezember! Sie macht sich
unsichtbar.

Ich will wieder unters Laken kriechen und mich in meine Betrachtungen
versenken.

Aber das fliegt das verdammte Tier unter dem Kopfkissenbezug hervor;
nachdem es nun meinen Bett Ruhe und Wrme entlehnt hat, lenkt es seinen
Flug kreuz und quer. Ich lasse das Geschpf gewhren, sicher, dass ich
es bald an der Lampe fange, wohin die Flamme es schon locken wird.

Dieser Augenblick lsst nicht auf sich warten, und sobald die Fliege
innerhalb des Lampenschirmes gekommen ist, versengt ein Streichholz
ihre Flgel so, dass der Friedensstrer seinen Totentanz auffhrt und
sich leblos auf den Rcken legt. Durch den Augenschein berzeuge ich
mich davon, dass es ein unbekanntes zweiflgliges Insekt ist, keine
zwei Zentimeter lang, schwarz mit zwei feuerroten Punkten auf den
Flgeln.

Was war das? Ich weiss es nicht, aber am nchsten Tage gebe ich den
andern Gelegenheit das Dasein der toten Fliege zu besttigen.

-Eine Hexe! Wirft der Doktor hin.

-Die lebendig verbrannt worden ist!

Indessen, nach bewerkstelligtem Autodaf schlafe ich ein.

Mitten in der Nacht werde ich von Wimmern und Zhneklappern geweckt,
das aus dem Zimmer nebenan tnt. Ich znde ein Licht an und gehe
hinein. Mein Freund, der Arzt, hat sich mit dem halben Krper aus dem
Bett geworfen und windet sich, ein Raub schrecklicher Konvulsionen, den
Mund weit geffnet; er zeigt mit einem Wort alle Symptome der grossen
Hysterie, wie sie in Charcots Abhandlung beschrieben sind, und zwar in
einem Grade, dass er ein Bild von dem Stadium gibt, das Besessenheit
genannt wird. Und er, ein Mann von hervorragender Intelligenz und gutem
Herzen, nicht lasterhafter als andere, gut gewachsen, mit regelmssigen
und angenehmen Gesichtszgen, ist nun so entstellt, dass er dem Bilde
eines Teufels des Mittelalters gleicht.

Entsetzt wecke ich ihn auf.

--Hast du getrumt, alter Junge?

--Nein! Es war nur ein Anfall von Alpdrcken!

--Incubus!

--Ja, wahrhaftig! Es war jemand, der drckte mir die Lungen zusammen.
Etwas im selben Stil wie ... "angina pectoris".

Ich reiche ihm ein Glas Milch; er zndet eine Zigarre an, und ich gehe
in meinen Saal zurck.

Aber nun ist es fr mich mit dem Schlafen vorbei. Was ich gesehen
hatte, war zu furchtbar, und bis zum Morgen setzen meine Kameraden
ihren Strauss mit dem Unsichtbaren fort.

Man trifft sich beim Frhstck, und die Geschehnisse der Nacht werden
ins Lcherliche gezogen. Aber unser Wirt lacht nicht; welchen Umstand
ich der religisen Denkart zuschreibe, die ihm Achtung vor den
verborgenen Mchten lehrt.

Die schiefe Stellung, in der ich mich befinde, zwischen den Alten, die
ich billige, und den Jungen, die zu tadeln ich kein Recht habe, lsst
mich auf die Abreise dringen.

Als wir vom Tisch aufstehen, bittet der Herr des Hauses, den Arzt um
eine besondere Konsultation, und sie ziehen sich fr eine halbe Stunde
zurck.

--Was fehlt dem Alten?

--Er kann nicht schlafen! Nchtliche Herzaffektionen....

--Also er auch! Der gerechte und fromme Mann! Das ist also eine
Epidemie, die keinen verschont.

Ich will nicht verhehlen, dass dieser Umstand mich aufrichtete, und
gleich nahmen der Aufruhrgeist und die Zweifelsucht meine Seele wieder
in Besitz. Die Dmonen herausfordern, den Unsichtbaren trotzen und
zuletzt unterjochen! Das war die Losung, die ich mir gab, als ich diese
gastfreie Familie verliess, um meine beabsichtigten Ausflge in Schonen
zu machen.


Am selben Abend in der Stadt Hgans angelangt, nehme ich mein
Abendessen im grossen Speisesaal des Hotels ein; dabei habe ich einen
Zeitungsmann zur Gesellschaft. Sowie wir uns zu Tisch gesetzt haben,
lsst sich das bliche Poltern ber meinem Kopfe hren; und um mich
gegen die Mangelhaftigkeit meiner eigenen Wahrnehmung zu sichern, lasse
ich die Erscheinung von dem Zeitungsmann beschreiben; der bezeugt deren
Wirklichkeit.

Als wir nach beendeter Mahlzeit hinausgingen, stand die unbekannte
Frau, die mich vor der Abreise von Lund angesprochen hatte, ganz
unbeweglich draussen vor dem Portal und liess mich und meinen Begleiter
vorbeidefilieren.

Da vergesse ich die Dmonen und die Unsichtbaren und verfalle von
neuem auf die Vermutung, dass ich von sichtbaren Feinden verfolgt
bin. Aber im nchsten Augenblick widerlege ich diese Annahme, indem
ich mich an meinen unvorhergesehenen Besuch beim Schuhmacher in Malm
erinnere; auch in jener Nacht, als wir nach dem Stallgebude gingen,
war unmglich eine berlegte Intrige anzunehmen.

Die schrecklichen Zweifel sitzen fest und hhlen mir das Gehirn aus,
erhitzen mein Blut und flssen mir Ekel vor dem Leben ein.

Doch die Nacht hat mir eine berraschung vorbehalten, die mich mehr
erschreckt als die letzten Tage zusammengenommen.

Ermdet von der Reise gehe ich um elf Uhr zu Bett. Alles ist still im
Hotel und kein Poltern vernehmbar. Mein Mut wchst, und ich falle in
einen tiefen Schlaf, um nach einer halben Stunde von einem Lrm und
Gepolter, das im Zimmer ber dem meinen ist, geweckt zu werden. Es
scheint mindestens eine Stiege junger Leute zu sein, die singen, auf
den Boden stampfen, Sthle hin und her schieben.

Dies wilde Leben whrt bis zum Morgen!

Warum ich nicht beim Wirt Klage fhre? Weil es mir im Laufe meines
Lebens nie gelungen ist, recht zu bekommen. Dazu geboren und
vorherbestimmt, unrecht zu bekommen, habe ich aufgehrt, mich zu
beklagen.

Am Morgen setze ich meine Reise fort, um die Steinkohlegruben, bei
Hgans zu besehen. Im selben Augenblick, wie ich ins Wirtshaus
eintrete, um ein Fuhrwerk zu bestellen, beginnt der gewhnliche
Hexensabbath oben. Unter einem Vorwand, ich erinnere mich jetzt nicht,
welcher, steige ich eine Treppe hinauf. Ein grosser Saal, der leer ist,
ist alles, was ich dort finde.

Da die Gruben nicht vor zwlf Uhr besehen werden drfen, lasse ich
mich nach einem Fischerort einige Meilen nrdlich fahren, von wo die
Aussicht ber den Sund sehr berhmt ist.

Als der Wagen durch den Schlagbaum vor dem Dorfe fhrt, fhle ich
auf einmal meinen Brustkorb von hinten zusammengeklemmt, ganz als ob
jemand mir seine Knie in den Rcken stemme, und die Illusion ist so
vollstndig, dass ich mich umwende, um den Feind, der hinten aufsitzt,
in Augenschein zu nehmen.

Da erhebt ein Schock Krhen ein entsetzliches Geschrei und fliegt
ber den Kopf des Pferdes; das scheut, bumt sich, spitzt die Ohren
und schwitzt grosse Tropfen. Es kaut am Zaum, und der Fuhrmann muss
abspringen, um das Tier zu beruhigen.

Ich frage, warum das Pferd so unvernnftig bange wrde, aber die
Antwort steht in dem Blick zu lesen, den der Fuhrmann auf die Krhen
richtet, die gleich einer Wolke uns noch einige Minuten folgen. Es ist
eine ganz natrliche Begebenheit, aber von schlimmer Art und nach dem
Volksglauben ein schlechter Vorbote!

Nach zwei Stunden Wegs ohne Nutzen fr meine Studien, weil ein Nebel
die Aussicht ber den Sund verschliesst, fahren wir in das Dorf Mlle
hinein. Entschlossen, die Bergspitze von Kullen zu Fuss zu besteigen,
verabschiede ich den Kutscher und lasse ihn im Wirtshaus meine Rckkehr
abwarten.

Als ich die Bergwanderung beendigt habe, komme ich in das Dorf zurck
und lenke meine Schritte nach der Gastwirtschaft. Aber mir fehlt die
Ortskenntnis und ich suchen einen Einwohner, um mich hin zu fragen.
Nicht ein lebendes Wesen ist zu sehen, weder auf den Strassen noch
anderswo. Ich klopfe an die Tren; keine Antwort. Am Vormittag um elf
Uhr in einem Dorf von zweihundert Einwohnern nicht ein Mann, nicht
eine Frau, nicht ein Kind, nicht einmal ein Hund! Und der Kutscher,
das Pferd, der Wagen wie weggeblasen. Ich irre in den Gassen umher
und finde nach einer halben Stunde die Gastwirtschaft. Sicher, meinen
Fuhrmann dort zu haben, bestelle ich Frhstck; nachdem ich gegessen
habe, bitte ich es dem Kutscher anzusagen.

--Welchem Kutscher?

--Meinem!

--Ich habe keinen gesehen!

--Haben Sie nicht einen Wagen bemerkt, von einem rotbraunen Pferde
gezogen und von einem dunklen Kutscher gefahren?

--Nein, das habe ich nicht.

--Und ich habe ihn doch hierher ins Wirtshaus bestellt.

--Dann sitzt er wohl im Ausspann nebenan.

Das Mdchen bezeichnet den Weg, und ich setze mich in Gang.

Doch, ich bin nicht imstande, den Krug zu finden, und ich gehe irre,
so dass ich nicht wieder zurck nach meinem Wirtshaus finde. Und kein
Mensch zu sehen! Da werde ich bange! Bange am hellen Tage! Dieses Dorf
ist verhext!

Ich vermag mich nicht mehr zu rhren, sondern stehe, wo ich stehe, wie
festgekettet. Was ntzt das Suchen, da der Teufel einen Finger im Spiel
hat?

Nach sieben Sorgen und acht Betrbnissen kommt endlich der Kutscher,
und ich schme mich, ihm meine Verdriesslichkeiten zu offenbaren oder
ihm Erklrungen abzufordern, die nichts erklren.

Wir sind nach Hgands zurckgefahren. Vor der Hoteltreppe fllt das
Pferd pltzlich zur Erde, als habe jemand vor der Tr gestanden und es
erschreckt.

Jetzt lasse ich mich ber den Weg nach den Steinkohlengruben
unterrichten; dieses Mal gewiss, mein Ziel nicht zu verfehlen, gehe ich
zu Fuss die fnf Minuten Wegs, die man mir angewiesen hat. Ich gehe und
gehe zehn Minuten, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, geradeaus
aufs ebene Land, ohne eine Spur von Gebuden oder Schornsteinen zu
erblicken, die auf eine Grube hinweisen knnen. Die angebaute Ebene
streckt sich in Unendlichkeit aus; nicht eine Htte, niemand zum Fragen.

Das ist der Bse, der mir diesen boshaften Schabernack spielt! Und ich
bleibe stehen wie festgeleimt, erblindet, ohne einen Schritt vorwrts
oder rckwrts machen zu knnen.

Schliesslich kehre ich ins Dorf zurck, nehme ein Zimmer und ruhe mich
auf einem Sofa aus.

Nach einer Viertelstunde werde ich aus meinen traurigen Gedanken
durch ein Unwesen geweckt. Diesmal klopft man mit einem Hammer Ngel
ein. Kleinglubig, was die Klopfgeister anbetrifft, schreibe ich
die Erscheinung auf Rechnung bswilliger Leute oder eines mehr als
gewhnlich grossen Pechs. Ich klingele, bezahle was ich schuldig bin
und begebe mich auf den Bahnhof.

Drei Stunden warten! Das ist viel, wenn man ungeduldig ist, aber es
gibt keine Wahl. Als ich zwei Stunden auf einer Bank hingebracht habe,
geht eine gutgekleidete und hbsche Frauensperson an mir vorbei, um in
den Wartesaal erster Klasse einzutreten. In der Art dieser Dame sich zu
bewegen und in ihrem ganzen Wesen lag etwas, das bei mir unbestimmte
Erinnerungen weckte; neugierig, wie sie von vorn aussieht, bewache
ich die Tr, um mir die Dame anzusehen, wenn sie wieder vorbeikommt.
Nachdem ich lange gewartet habe, gehe ich in den Wartesaal hinein.

Niemand ist drinnen zu sehen; und keine andere Tr ist da; kein
Toilettenzimmer. Und Doppelfenster setzen der Mglichkeit, auf andere
Weise zu entkommen, ihr Halt entgegen.

Bin ich geblendet? Gibt es Menschen, die mit der Fhigkeit ausgerstet
sind, einem das Gesicht zu verkehren? Kann man sich unsichtbar machen?
Das sind ungelste Fragen, die mich zur Verzweiflung bringen. Bin ich
verrckt? Nein, die rzte sagen, es sei nicht der Fall. Da kann man an
Wunder glauben. Ich bin ein Verdammter, ich befinde mich in der Hlle,
wenn man Swedenborg glauben darf, und die Mchte strafen mich, rastlos,
unbarmherzig. Die Geister, die ich heraufbeschwre, haben keine Lust,
wieder in die Flasche zu kriechen, von der ich das Insiegel genommen
habe.

Der Abend desselben Tages, in einem guten Hotel erster Klasse der
Stadt Malm. Ich gehe um zehn Uhr zu Bett. Um halb elf fngt man an
im Korridor Holz zu spleissen, ohne dass jemand seine Unzufriedenheit
darber ussert; und zwar in einem kontinentalen Hotel voller
Reisender. Danach wird getanzt! Spter dreht man an einer Maschine mit
Rderwerk ... Ich stehe auf, bezahle die Rechnung und beschliesse meine
Reise die ganze Nacht fortzusetzen.

Mutterseelenallein draussen in der kalten Januarnacht, gehe ich
und schleppe meine Reisetasche, ermdet und erschpft, unter einem
pechschwarzen Himmel. Einen Augenblick halte ich es fr das Beste, mich
in den Schnee zu legen und zu sterben. Aber im nchsten Moment sammle
ich meine Krfte und biege in eine de Hinterstrasse ein, wo ich ein
anspruchsloses Hotel antreffe. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass
niemand mich auskundschaftet, schleiche ich durch das Tor hinein.

Ohne mich auszukleiden, strecke ich mich auf dem Bett aus, fest
entschlossen, mich lieber tten als zum Aufstehen bringen zu lassen.

Totenstille herrscht im Hause und der liebliche Schlaf nhert sich. Da
hre ich pltzlich, wie eine unsichtbare Tatze an der Papierbekleidung
der Decke gerade ber meinem Kopfe kratzt. Es kann keine Maus sein, da
das lose gespannte Papier sich nicht bewegt; und brigens ist es eine
ziemlich grosse Tatze, wie von einem Hasen, einem Hund!

Bis zum Tagesgrauen erwarte ich, in Schweiss gebadet, die Klauen in
meiner Haut zu fhlen, aber vergebens, denn selbst die Angst ist
qulender als der Tod.

Warum ich nicht krank werde nach solchen Peinigungen?

Weil ich das Leiden bis auf die Hefe leeren muss, um das Gleichgewicht
zwischen den begangenen Missetaten und der auferlegten Strafe wieder
herzustellen. Und es ist wirklich merkwrdig, wie ich die Qualen
auszuhalten vermag; ich verschlinge sie mit grimmiger Freude, um
endlich ein Ende mit ihnen zu machen.




2.

Die Trostlosigkeit breitet sich aus.


Als Neujahr und die unzhligen Feiertage berstanden sind, finde ich
mich eines Tages allein. Es ist, als ob ein Orkan dahergezogen wre:
alle sind zerstreut, fortgeblasen, schiffbrchig. Mein Freund der
Arzt ist als krank ins Lazarett aufgenommen. Tatschlich hat er, von
Trunksucht geschwcht, von Geldmangel bedrngt, von Schlaflosigkeit
aufgerieben, schliesslich "Neurasthenie" bekommen. Das ist
herzzerreissend; und statt ins Wirtshaus zu gehen, lenke ich nun meine
Schritte ins Lazarett, um fr eine Stunde Zwiegesprch und Gesellschaft
zu suchen.

Im Caf bin ich der einzige, der ein Glas trinkt, da drei von den
Kameraden das Gelbde der Nchternheit abgelegt haben. Der Dichter
ist fortgereist. Der junge sthetiker, der Sohn des Professors der
Ethik, ist ins Ausland geschickt, um von dem schlechten Umgang mit dem
Verfhrer der Jugend (das bin ich!) loszukommen.

Ein Doktor der Philosophie hat sich das Bein gebrochen und liegt zu
Bett. Gleichzeitig wird der junge Chemiker, der Bannertrger der
Fortschrittsmnner, krank und muss auf Neurasthenie behandelt werden.
Es ist Schlaflosigkeit, ein Anfall von Alpdrcken und Schwindel gewesen.

Alle diesen traurigen Umstnde und andere haspeln sich im Laufe von
anderthalb Monaten ab. Und was meine Lage unertrglich macht, ist, dass
man mehr oder weniger direkt die Schuld auf mich schiebt. Ich bin der
Bse selbst, ich habe den bsen Blick! Es ist nur gut, dass man ber
die Macht des bsen Willens und die heimlichen Finten des Okkultismus
nichts weiss und den Gedanken daran verwirft, denn sonst wrde man mich
totschlagen.

Eine flache und trbe Stille hat sich ber das geistige Leben an
der Universitt gebreitet. Nicht eine neue zeugungskrftige Idee,
keine Grung und Bewegung! Die Naturwissenschaften haben die
transformistische Methode, die Fortschritt versprach, abgenutzt, und
sie drohen nun an allgemeiner Schwche zu sterben. Man diskutiert
nicht mehr, weil man einig ist, dass die reformatorischen Bestrebungen
eitel sind. Man hat so viele Illusionen strzen sehen, und die grosse
Befreiungsaktion ist jetzt in eine allgemeine Auflsung oder vielmehr
Zersetzung bergegangen.

Die Jugend wartet auf etwas Neues, ohne sich noch klar gemacht zu
haben, was sie ersehnt. Neues um jeden Preis, ausgenommen Abbitte
und Rckzug. Vorwrts zu dem Unbekannten, was es auch sei, wenn es
nur nicht etwas Altes ist. Man will freilich eine Vershnung mit
den Gttern, aber es sollen umgeschaffene sein, besser entwickelte
Gtter, die auf gleicher Hhe mit der Gegenwart stehen, Gtter von
weitherziger Auffassung, frei von kleinlichen Vorurteilen, berauscht
von Lebensglck. Leider aber sind die Unsichtbaren krittlig geworden,
neidisch auf die Freiheiten, welche die Sterblichen sich erworben
haben. Der Wein ist vergiftet worden und verursacht wilde Verrcktheit,
statt liebliche Visionen hervorzurufen. Die durch Gesellschaftsbande
geregelte Liebe erweist sich als ein Zweikampf auf Leben und Tod; die
freie Liebe fhrt im Schlepptau unnennbare und endlose Krankheiten,
bringt Elend ber die Heimsttten, stsst ihre Opfer schimpfbeladen vom
Verkehr aus.

Die Epoche eines Experimentiergeistes ist abgelaufen und die
Experimente haben lauter negative Resultate ergeben. Um so besser fr
die Menschen der Zukunft: die werden Nutzen ziehen aus den heilsamen
Lehren, die sie aus der Niederlage der Vorhut holen knnen, welche in
der Wste irre gegangen und in einem hoffnungslosen Kampf gegen die
bermacht gefallen ist.

Einsam, wie ich bin, schiffbrchig, ein Wrack, das auf eine Schre
im Ozean geworfen worden ist, habe ich Augenblicke, in denen ich von
Schwindel vor dem blauenden Nichts ergriffen werde. Ist es der Himmel,
der einen Widerschein von dem ausgebreiteten Tuche des Meeres trgt,
oder das Meer, das den Himmel spiegelt?

Ich habe die Menschen geflohen, und die Menschen fliehen mich.
In meiner ersehnten Einsamkeit werde ich von einer ganzen Schar
Dmonen heimgesucht, und wenn alles zusammen kommt, fange ich doch
an den geringsten unter den Sterblichen den interessantesten Schemen
vorzuziehen. Aber wenn ich einen Menschen suche, whrend der langen
Abende, durch die ganze Stadt, treffe ich keinen, weder bei sich zu
Hause noch in den Cafs.

Da, mitten in meiner schicksalbestimmten, unvermeidlichen Armut sendet
die Vorsehung einen Mann auf meinen Weg, ja einen Mann, dessen Vater
ich frher missachtet hatte, sowohl wegen seiner mangelhaften Erziehung
wie wegen seiner radikalen Ansichten, die ihn von den besseren
Gesellschaftskreisen ausschlossen .... Jetzt kam die Vergeltung: ich
hatte den Vater geschmht, trotzdem er ein reicher Mann war, und ich
werde geradezu gezwungen, mit dem Sohn frlieb zu nehmen. Hier muss
hinzugefgt werden, dass der junge Mann in der Stadt ebenso schlecht
angeschrieben ist, wie ich, ebenso isoliert, weil er die Rolle eines
Verfhrers der Jugend spielt. Und das Unglck bringt uns dazu, eine
wahrhaftige Freundschaft zu knpfen.

Er ladet mich ein, bei sich zu wohnen, er streckt mir Existenzmittel
vor, er wacht ber mich wie ber einen Kranken; und in der Tat hat
die Verfolgung mich verleitet, in einem Hotel Skandal zu erregen: ich
wollte in ein Zimmer neben dem meinen eindringen, berzeugt, dort
Feinde zu finden, die mich beunruhigten. Wenn ich noch einen Tag in
diesem Hotel gewohnt htte, wrde die Polizei sich eingemischt haben,
und eine Zukunft im Irrenhause wre mir sicher gewesen.

Zur selben Zeit bringt das Auftreten eines andern jungen Mannes mich zu
der berzeugung, dass die Gtter nicht unvershnlichen Groll gegen mich
nhren.

Ein richtiges Wunderkind, geboren mit frhreifer Einsicht in alle
Zweige des menschlichen Wissens, wohl erzogen von einem gelehrten und
sittlich hoch stehenden Vater, wurde der junge Mann vor zwei Jahren von
einer ganz geheimnisvollen Krankheit ergriffen, deren Einzelheiten er
mir zu dem Zweck offenbarte, meine Meinung zu erfahren oder vielmehr
die Besttigung seines eigenen Argwohns zu hren.

Genug, der junge Mann, der ein reines Jnglingsleben gelebt und
die strengsten Grundstze eingesogen hat, tritt unter gnstigen
Verhltnissen hinaus ins Leben, von seinen Altersgenossen beschtzt
und beliebt wohin er kommt. Aber eines Tages begeht er eine Handlung,
die ihm sein Gewissen bestimmt verbietet. Nichts ist seitdem imstande
ihn zu beruhigen. Nach langer Zeit geistiger Tortur unterliegt
auch sein Krper. Gleichzeitig erreicht seine Seelenkrise eine
erschreckende Hhe. Jeden Tag konstatiert er einen neuen Fortschritt
eines eingebildeten bels, und schliesslich macht er die Qual
der Agonie durch. Darauf glaubt er tot zu sein; er hrt in allen
Wohnungen des Hauses Srge zunageln. Wenn er die Zeitung liest--sein
Verstand ist nmlich dauernd klar--erwartet er die Anzeige seines
eigenen Begrbnisses zu sehen. Gleichzeitig erleidet sein Krper eine
Scheinauflsung mit Leichengeruch, der seine Umgebung von seinem Bett
schreckt und ihn selbst zum Schaudern bringt. Eine Vernderung in
der Persnlichkeit selbst scheint vor sich gegangen zu sein, da der
junge Mann, der auf seine Weise religis gesinnt war, nun von Zweifeln
angefochten wird.


Eine Wahrnehmung, die er im Gedchtnis behielt, war, dass seine
Umgebung stets wachsbleiche oder blaue Gesichter hatte. Und wenn er
aufgestanden war, um die Leute auf der Strasse zu betrachten, schienen
ihm alle Passanten blau im Gesicht zu sein. Was ihm ferner Entsetzen
einflsste, war, dass sich unten auf der Strasse eine unendliche Reihe
von Bettlern, zerlumpten Kerlen, gebrechlichen beinlosen Krppeln
auf Krcken an seinem Fenster vorbei schleppten, als seien sie
zusammengerufen worden, um Revue zu passieren. Whrend der ganzen Zeit
behielt der Kranke den Eindruck, dass die Wirklichkeit von dem, was er
sah, ber jeden Zweifel erhaben war; daneben aber wurde er gezwungen,
eine symbolische Bedeutung hineinzulegen. Jedes Buch, das er ffnete,
enthielt direkte Mahnungen an ihn.

Nachdem er seine Erzhlung beendet hatte, frage er, was ich von der
Sache denke.

--Etwas Halbwirkliches, eine Reihe Visionen, von jemand
heraufbeschworen, zu bewusstem Zweck. Eine lebende Scharade, aus der
die Nutzanwendung zu ziehen Ihnen zukommt. Nun, wie wurden Sie geheilt?

--Es ist recht lcherlich, aber ich will es Ihnen gestehen. Frher
hatte ich immer in Opposition zu meinen Eltern gestanden, die mich mit
unermdlicher Frsorge fr Leib und Seele umgaben; jetzt aber beuge ich
schliesslich den Nacken unter das Joch, das mir lieblich und wohltuend
geworden, da es von ungeheuchelter Liebe abgemessen war. So wurde ich
geheilt.

--Und haben Sie nie einen Rckfall gehabt?

--Doch! Ein einziges Mal! Aber von der gelindesten Art. Eine Zeitlang
unbedeutende Nervositt und Schlaflosigkeit, die vor den einfachsten
medizinischen Verhaltensmassregeln wich. Aber dieses Mal hatte ich mir
auch nichts vorzuwerfen.

--Und was hat Ihnen der Arzt verordnet?

-Ordentlich zu leben, nachts zu schlafen und Ausschweifungen zu
vermeiden.

--Das ist ja ganz der Weg des Kreuzes!


Nun bin ich also nicht mehr einsam und verlassen; der junge Gelehrte
scheint mir als ein Bote von den Mchten gekommen zu sein, ich kann ihm
alles anvertrauen; und indem wir vergleichen, was wir erlebt haben,
sttzen wir einander gegenseitig auf dem schmalen Pfad im Tal der
Schmerzen.

Auch er getroffen in jungen Jahren!

Alle Menschen gewaltsam aus dem Schlaf gerissen!

Es ist also eine allgemeine Erweckung, und was bezweckt sie?




3.

Erziehung.


Swedenborg, mein Wegweiser in der Finsternis, hat sich nur als
Bestrafer offenbart. Die "Arcana Coelestia" sprechen nur von der
Hlle und von Strafen, die vollzogen werden von bsen Geistern, das
heisst Teufeln. Nicht ein Wort des Trostes, keine Gnade. Und doch
ward ja der Teufel in meiner Jugend abgeschafft, alle lachten ber
ihn; und durch die Ironie des Zufalls bereitet man sich gerade jetzt
dazu, das Jubilum des Philosophen Bostrm zu begehen, der die Hlle
niederriss und den Teufel vernichtete. Zu diesem Denker sah man in
meiner Jugend wie zu einem Reformator auf, und jetzt rstet sich
der Teufel zu einer Renaissance fr sich. Er ist in die Erzeugnisse
der sogenannten satanischen Literatur geschlpft, in die schnen
Knste an die Seite von Christus, ja sogar in die Industrie. Letzte
Weihnacht habe ich bemerkt, dass die Geschenke meist kleine Teufel und
Gespenster vorstellten, sowohl die Spielsachen der Kinder wie komische
Gegenstnde, welche die lteren fr einander kaufen, Zuckerwerk,
Kontorkalender. Gibt es ihn noch, oder ist er nur ein halb wirkliches
Schreckbild, das von den Unsichtbaren projiziert wird, um einen starken
Eindruck auf uns zu machen? Uns zum Kreuze hinzustossen? Eine Antwort
darauf zu finden, war mir noch nicht gelungen, als man mich an einem
trben Abend zu einem Bildhauer fhrt, der Freidenker und Atheist ist,
wie die theosophische Gesellschaft, deren Anhnger er ist. Bei ihm kann
man eine Privatsammlung von Gegenstnden in Ton sehen, die fr die
Stockholmer Ausstellung bestimmt sind.

Mit abstossendem Realismus und Cynismus ist da der Teufel in
verschiedenen Situationen dargestellt, immer in Verbindung mit einem
Priester, dem vor ihm bange ist.

Das ist ein Lachen! Aber ich, ich kann nicht lachen und denke: warte,
wir werden sehen!

Nach Verlauf von vier Monaten begegne ich dem Bildhauer auf der Strasse.

Er sieht betrbt aus, als sei ihm etwas Unangenehmes widerfahren.

--Knnen Sie sich solch ein verdammtes Pech denken: man hat drei meiner
besten Figuren zerschlagen, als man sie auf der Ausstellung auspackte.

Das ist etwas, was mich ausserordentlich interessiert, und in demselben
Augenblick, in dem ich das Unglck beklage, frage ich mit einer fast
schmhlichen Neugier:

--Und welche von Ihren Statuetten waren es?

--Die drei mit dem Teufel, so viel ich weiss. Ich lache nicht, aber
antworte lchelnd:

--Da sehen Sie, Lucifer kann Karikaturen nicht leiden!

Einige Wochen spter hat der Bildhauer ein neues Schreiben erhalten,
in dem man ihm mitteilt, dass die anderen Figuren von ihrem Sockel
gefallen und in Stcke zerschlagen sind, ohne dass die Verwaltung
erklren kann, wie es zugegangen ist. Mithin hat der arme Knstler ein
Jahr verloren, die Herstellungskosten nicht gerechnet, und er sieht
sich aus dem Verzeichnis der Aussteller gestrichen.

In seiner Untrstlichkeit trstet er sich mit dem Zufall, der nichts
besagt; zugleich rettet der jedoch den menschlichen Stolz, welcher vor
dem blinden Ungefhr die Knie beugt. Man senkt den Kopf vor dem Stein,
der von der Schleuder geflogen kommt: aber der Schleuderer selbst?
Einen solchen hat man nicht gesehen.


Inzwischen bekomme ich nach und nach Swedenborgs Arbeiten in die
Hnde, eine nach der anderen, und immer in einem gnstigen Augenblick.
So treffe ich in seinen "Trumen" alle Symptome der "Krankheit" an,
die mich heimsucht, die nchtlichen Anflle, die Atemnot. Und die
Tatsachen, die in diesen seinen Aufzeichnungen erzhlt werden, gehren
in die Zeit vor den Offenbarungen. Das war fr Swedenborg die Periode
der "Verwstung", als er dem Satan berliefert wurde, damit das Fleisch
gettet werde.

Das gibt mir Klarheit ber die wohlwollenden Absichten des
Unsichtbaren, ohne mir jedoch Trost bringen zu knnen. Erst nachdem ich
"Himmel und Hlle" gelesen habe, fange ich an mich erbaut zu fhlen.
Es gibt einen Zweck in diesen unerklrlichen Leiden: die Verbesserung
und Entwicklung meines Ichs zu etwas Grsserem, Nietzsches ertrumtem
Ideal, wiewohl anders aufgefasst.

Den Teufel gibt es nicht als ein selbstndiges Wesen, das Gott gleich
und sein Widersacher ist. Der Unsichtbare, der uns plagt, ist der
Zuchtgeist. Viel ist schon gewonnen mit der Einsicht, dass das Bse
um des Bsen willen nicht existiert; und von neuem wird die Hoffnung
geboren, dass man durch Reue und gewissenhafte berwachung der eigenen
Gedanken und Handlungen zum Frieden des Herzens kommen kann.

Und da ich beobachte, was sich im tglichen Leben zutrgt, wird eine
neue Erziehung wirksam, und ich lerne nach und nach die konventionellen
Zeichen deuten, die von den Unsichtbaren benutzt werden. Doch sind die
Schwierigkeiten gross infolge meines Alters und der eingewurzelten
schlechten Gewohnheiten; auch bin ich durch eine gewisse Nachgiebigkeit
zu sehr geneigt, mich meiner Umgebung anzupassen. Es hlt so schwer,
zuerst von einem frhlichen Gelage aufzubrechen; ich bin ein
"schlechter Kamerad", wenn ich meinen Willen Freunden, denen ich
verpflichtet bin, aufzwingen will. Aber man muss auf dieser Welt alles
lernen.

So hatte ich mir angewhnt, nach dem Mittagessen, das ich um zwei
einnehme, beim Kaffee sitzen zu bleiben; und eines Tages Anfang Februar
sitze ich da, mit dem Rcken gegen die Aussenwand. Man hat begonnen,
die Frage zu errtern: sollen wir uns eine halbe Flasche Punsch leisten?

Im selben Augenblick kommt eine unmittelbare Antwort in Form eines
Lrms, der hinter meinem Rcken so stark ausbricht, dass die
Kaffeetassen auf dem Tablett hpfen.

Man kann sich denken, was ich fr ein Gesicht machte! Einer von den
Freunden steht auf, um nachzusehen, was los ist. Es ist etwas ganz
Einfaches: ein Arbeiter bessert den Mauerputz draussen aus.

Wir setzen uns in ein besonderes Zimmer. Sofort bricht ein neues
Poltern ber meinem Kopfe aus, oben auf dem Boden. Ich erhebe mich und
fliehe vom Schlachtfeld. Von dieser Stunde bleibe ich niemals nach dem
Mittagessen beim Kaffee sitzen, ausgenommen an Feiertagen.

Am Abend dagegen kann ich ein Glas mit den Freunden trinken, da es sich
nicht so sehr ums Trinken handelt, als um Gedanken austauschen mit
kenntnisreichen Leuten, die alle Zweige der Wissenschaft vertreten.
Aber manchmal geschieht es, dass die reine Trunksucht berhand nimmt
und eine zgellose Frhlichkeit sowie Vorschlge in cynischer Richtung
zur Folge hat; dann bricht die schlimmere Natur in einem durch, die
brutalen Instinkte nehmen sich freien Spielraum. Es ist so bequem, eine
Weile Tier zu sein, und brigens ist das Leben nicht immer lustig ...
und so weiter im selben Sinne.

Eines Tages, nachdem ich einige Zeit an strmischen Trinkgelagen
teilgenommen habe, bin ich auf dem Wege zu meinem Mittagstisch. Ich
gehe an einem Beerdigungsinstitut vorbei, wo ein Sarg ausgestellt ist.
Die Strasse ist mit Fichtenzweigen bestreut und die grosse Glocke des
Doms lutet Totengelut. Als ich ins Restaurant komme, finde ich meinen
Tischkameraden in Betrbnis: er ist gerade vom Krankenhaus gekommen,
wo er von einem Sterbenden Abschied genommen hat.

Als ich nach dem Mittagessen durch Hinterstrassen, in denen ich noch
nicht gewesen bin, nach Hause gehe, begegne ich zwei Leichenzgen.

Wie alles heute nach Tod riecht! Und der Kirchturm fngt wieder an mit
Totengelut.

Als ich am Abend durch den Torweg in die Kneipe zu gehen beabsichtige,
sehe ich einen alten Mann an der Mauer stehen, der sichtlich betrunken
und krank ist. Um nicht mit ihm zusammenzustossen, mache ich einen
Umweg und begebe mich in den Speisesaal. Mein Katzenjammer von gestern
und die Begrbniseindrcke im Laufe des Tages flssen mir eine
heimliche Furcht vor Spirituosen ein, so dass ich Milch zum Abendessen
bestelle.

Whrend der Mahlzeit erschallt im Hause ein Lrm, der mit ngstlichen
Rufen gemischt ist, und nach einer kleinen Weile trgt man den Alten
vom Torweg in Prozession herein, der Sohn des Verschiedenen an der
Spitze. Der Vater ist gestorben. Ein gib acht fr den Trinker!

In der folgenden Nacht bekam ich einen schrecklichen Anfall von
Alpdrcken. Jemand klammerte sich fest an meinem Rcken an und
schttelte mich an den Schultern.

Dies gengte mir, um mich im nchtlichen Trinken vorsichtig zu machen,
ohne dass ich jedoch ganz davon abstand.

Ende Januar bin ich in eine Privatwohnung umgezogen und sehe immer
meinem Geschick ins Auge, ohne meine Zuflucht zu der Zerstreuung
nehmen zu knnen, die in der Gegenwart eines Freundes liegt. Es ist
ein Zweikampf, und zu entschlpfen ist nicht mglich! Wenn ich abends
nach Haus komme, erfahre ich sofort, wie es um mein Gewissen steht.
Eine erstickende Atmosphre auch wenn die Fenster aufgemacht werden,
verkndet eine schwere Nacht. Es gibt Abende, da ich berzeugt bin,
dass ich jemand in meinem Zimmer befindet. Dann bekomme ich infolge der
furchtbaren Angst Fieber mit kaltem Schweiss und wenn ich mein Gewissen
untersuche, finde ich augenblicklich, wo der Schuh drckt. Aber ich
fliehe nicht mehr, weil es nichts ntzt.


Unter den Lektionen, welche die Zuchtgeister mir geben, wage ich eine
nicht zu vergessen, nmlich das Verbot, in verborgenen Dingen zu
forschen; denn diese sollen verborgen bleiben.

So hatte ich auf meinen Ausflgen in Schonen eine Art an
verschiedenen Stellen befindlicher Steine von eigentmlicher und sehr
charakteristischer Form bemerkt. Sie gaben nmlich entweder Tiertypen
wieder, besonders Vgel, oder Hte, Helme. Es fanden sich auch andere,
mit Rillen, welche die Widmannstttenschen Figuren auf Meteorsteinen
nachahmten.

Ohne mir ganz klar darber zu sein, woher deren Ursprung herzuleiten
wre, erhielt ich den Eindruck, dass es nicht "ein Spiel der
Natur" sei. Ihre Gestalt gab an, dass sie Kunsterzeugnisse seien,
hervorgegangen und bearbeitet von Menschenhand.

Zwei Jahre lang setzte ich die Jagd nach ihnen fort; nachdem ich einen
Freund fr die Sache interessiert habe, sage ich ihm einen Fundort,
damit er einen Photographen dorthin schickt.

Die Expedition missglckte, und ein Jahr spter entdeckte ich, dass die
Adresse unrichtig war.

Jedesmal, wenn ich seitdem eigensinnig diese Untersuchung fortsetzen
will, stellen sich Hindernisse ein, die zu merkwrdig sind, als dass
ich sie dem Zufall auf Rechnung setzen knnte.

So, um nur ein Beispiel anzufhren, habe ich eines Morgens beschlossen,
mit einem Altertumsforscher einen Ausflug zu machen, um die Frage mit
einem einzigen lange vorbereiteten Schlag zu entscheiden. Da passiert
es mir, dass auf der Strasse vor meiner Tr eine Zwecke in meinem
Stiefel losgeht und mich in den Fuss sticht. Anfangs kmmere ich mich
nicht darum, als ich aber an die Wohnung des Begleiters gekommen bin,
wird der Schmerz so heftig, dass ich stehen bleiben muss. Unmglich,
weiter zu gehen; kein Ausweg, umzukehren! Wtend ziehe ich in meinem
Verdruss den Stiefel aus und mache die Zwecke mit einem Messer
glatt. Eine dunkle Erinnerung an meine Swedenborg-Lektre ruft mir
in einem Augenblick folgende Stelle zurck: "Wenn die Zuchtgeister
eine schlechte Handlung sehen oder _die Absicht, etwas Unrechtes zu
tun, so strafen sie durch einen Schmerz im Fuss_, in der Hand oder
in der Gegend des Zwerchfells." Aber aufgestachelt wie ich war von
Wissbegierde, die ich fr zulssig und lobenswert hielt, setzte ich den
unterbrochenen Weg fort und schloss mich alsbald meinem Kameraden an.

Die Exkursion soll in einer Grotte, die im Park liegt, anfangen. Aber
der Eingang ist durch Schmutzhafen scheusslichster Art versperrt;
auf eine so herausfordernde oder vielmehr ironische Weise sind sie
dahingelegt, dass ich lcheln muss.

Die andere Fundstelle, die ich gut kenne, ist in einem Garten, wo
Steinblcke um einen Baum gruppiert sind, an die man leicht heran gehen
kann. Aber diesen Morgen hat der Grtner den Baum und die Altertmer
durch einen Ring von Blumentpfen so abgesperrt, dass ich meinem
gelehrten Begleiter nichts zeigen kann. Ein schnes Fiasko!

Doch durch die Hindernisse gereizt, schleppe ich meinen Mann, der
anfngt, sich zweifelnd zu stellen, quer durch die Stadt nach einem
Hof, wo ein ganzes Museum zusammengebracht ist. Dort wird wohl der
Ausschlag gegeben werden, und ich erwarte ein Resultat, das geeignet
ist, verblfft zu machen. Wir werden sogleich von einem der schlimmsten
Kter begrsst; als wir ihn anschnauzen, werden die Einwohner des
Hauses auf den Hof gelockt; wir mssen unser Anliegen hervorbrllen, um
den bellenden Hofhund berschreien zu knnen. Es ist ein geschlossenes
Gitter rings herum angebracht, und man kann den Schlssel nicht finden!

--Gibt es noch mehr Stellen? Fragt mich der Altertumsforscher, der mich
bereits verachtet.

--Ja, die gibt es, aber ausserhalb der Stadt!

Ich will den Leser nicht mit Lappereien ermden; genug, nach mehr oder
minder rgerlichen Irrfahrten kommen wir endlich zu einem solchen
Haufen Steine. Aber welche Hexerei: ich konnte dem gelehrten Manne
nichts zeigen, weil er nichts sah; auch ich selbst, wie mit Verblendung
geschlagen, vermochte nicht mehr in ihrer Gestalt etwas wie Abbildung
organischer Wesen zu unterscheiden.

Am folgenden Tage dagegen, als ich mich wieder an die Stelle begeben
hatte, dieses Mal allein, sah ich eine ganze Menagerie.

Die Erzhlung dieses Abenteuers mag geschlossen werden, indem ich
auf die Beschaffenheit dieser berreste einer pradamitischen
Skulptur hinweise. Die Okkultisten leiten nmlich deren Ursprung vom
Menschengeschlecht der Atlaszeiten ab und stellen sie auf dieselbe
Linie wie die Kolossalsteinbilder der Osterinseln und der Wste Gobi.
Olaus Magnus erwhnt sie auch und hat sie in grosser Menge an der
Kste von Broviken in Ostergtland gefunden. Swedenborg legt ihnen
eine symbolische Bedeutung unter und hlt sie fr Kunsterzeugnisse
des Geschlechts des silbernen Zeitalters. (Vergleiche "Delitiae
sapientiae".)


Nach dem zu urteilen, was sich in dem begrenzten Kreise, in dem ich
lebe, zeigt, erlauben die Mchte mir nicht, meine Bekanntschaften zu
whlen; noch weniger, jemand zu verschmhen, wer es auch sein mag. Wie
alle anderen werde ich von Sympathien und Vorliebe fr gewisse Arten
von Naturen beherrscht. Gegenwrtig suche ich ernst angelegte Menschen,
denen ich meine Gedanken mitteilen kann, ohne mich unpassendem und
verletzendem Scherz auszusetzen. Die Vorsehung hat mir einen Freund
geschickt, den ich wegen seiner reinen Atmosphre hochachte. Gleich
einem verzogenen Kind fange ich an die andern, ungeknstelte Seelen
ohne Schwung, die zuweilen Vergngen an Grobkrnigkeiten finden, zu
missachten.

Aber im selben Augenblick, da ich mich zurckziehe, ist mein Freund
aus der Stadt gereist; die andern kann ich nirgends treffen, und in
meiner Isolierung werde ich gentigt, mich so zu demtigen, dass ich
die Gesellschaft von unbedeutenden Menschen erbettle, mit denen mein
gewhnlicher Freundeskreis nicht verkehrt. Doch nachdem ich einige
Erfahrungen in dieser Richtung gemacht habe, erneuert sich schliesslich
meine alte Entdeckung, dass der Unterschied zwischen Mensch und Mensch
nicht so gross ist, wie man sich vorgestellt hat; tatschlich habe ich
unter dem niederen Volk wirkliche Gentlemen getroffen, und wie manchen
Heiligen und Helden habe ich nicht ahnend in der Schar der Verachteten
unterschieden?

Andererseits behauptet man ja: "Schlechte Gesellschaft verdirbt gute
Sitten". Wo gibt es denn die schlechte Gesellschaft? Und wo wre die
gute?

Angenommen, wie ich getan habe, eine Mission sei mir auferlegt worden,
als ich mich in einer fremden Stadt niederliess, ohne selbst zu wissen
warum, was habe ich hier zu tun? Gute Sitten zu predigen? Mein Gewissen
antwortet mir: durch dein Vorbild. Aber nun nimmt mich niemand zum
Vorbild! Und was wrde es ntzen, suchte ich junge Mnner, die nicht so
viel gesndigt haben wie ich, zu moralisieren?

brigens scheint das Zeitalter der Propheten zu Ende zu sein; die
Mchte wollen nichts mehr von Priestern wissen, sonder haben selber die
Regierung ber die Seelen wieder aufgenommen; man braucht nicht lange
zu suchen, um Beispiele dafr zu finden.

Einer unserer Dichter ist neulich vor Gericht beschieden worden infolge
einer Sammlung Gedichte, in der man unsittliche Stellen gefunden hat.
Von der Jury freigesprochen, findet er doch keine Ruhe.

In einem der Gedichte hat er den Ewigen zum Ringkampf herausgefordert,
auch wenn der Streit in der Hlle abgemacht werden msse. Es sieht aus,
als sei die Herausforderung angenommen worden und der junge Mann wie
ein gebrochenes Rohr gezwungen, um Gnade zu bitten.

Eines Abends, als er in der frhlichen Gesellschaft der Freunde sitzt,
geschieht es, dass eine den exakten Wissenschaften unbekannte Kraft ihm
die Zigarre entreisst, so dass sie zu Boden fllt.

Ein wenig berrascht, nimmt er die Zigarre wieder auf und tut so, als
begreife er nichts. Aber derselbe Streich wiederholte sich drei Male
hintereinander. Da wird der Kleinglubige bleich wie der Tod; ohne
ein Wort zu sagen, rumt er das Feld, whrend seine Freunde verblfft
dasitzen.

Bei der Heimkunft wurde der Verwegene von einer neuen berraschung
erwartet. Ohne sichtbare Ursache begannen seine beiden Hnde auf
Art des Masseurs den ganzen Krper, der durch zu fleissiges Trinken
wirklich unntig beleibt worden war, zu reiben oder richtiger zu
kneten. Diese unfreiwillige Massage wurde ohne Unterbrechung ganze
vierzehn Tage fortgesetzt.

Doch nach Verlauf dieser Zeit hlt sich der Ringer fr vollstndig
erstarkt, um wieder auf der Arena aufzutreten. Er mietet ein Hotel
und ladet seine Freunde zu einem Balthasarfest ein, das drei ganze
Tage dauern soll. Er will nmlich der Welt zeigen, wie der bermensch
(Nietzsche!) die Dmonen des Weines bezwingen kann. Man hat den ganzen
ersten Tag getrunken, und die Nacht fllt herab, und mit ihr fllt
der Kmpe. Aber ehe er es verloren gibt, nehmen die Dmonen des Weins
diese berlegene Seele in Besitz und flssen ihm eine solch unbndige
Tollheit ein, dass er seine Gste durch Tren und Fenster hinauswirft.
So endigt das Fest. Worauf der Wirt nach einer Pflegeanstalt gebracht
wird!

So hat man mir das Abenteuer erzhlt, und es tut mir leid, es
wiedergegeben zu haben ohne die Trnen, die man dem Unglck schuldig
ist.

Doch der Angeklagte hat einen Verteidiger fr seine Sache gewonnen,
einen jungen Doktor, der ihm seinen Beistand im Kampf gegen den Ewigen
anbietet.

Ist es vermessen diese beiden Tatsachen zusammenzuwerfen: der Doktor
pldiert fr den Lsterer, und der Doktor bricht sich ein Bein. Hat
der Zufall sein Pferd erschreckt, dass es scheu wurde und den Wagen
umwarf? Ich frage nur. Und wie ging es zu, dass der Doktor, nachdem
er mehrere Monate zu Bett gelegen hatte, "mit zerrissener Hftsehne"
wieder aufstand; dass sein vorher klarer und fester Blick einen wilden
und sonderbaren Ausdruck angenommen hatte, wie bei einem Menschen, der
seiner selbst nicht mehr mchtig ist?

Brauche ich darauf zu antworten? Wenn man mit einem Ja antwortet, werde
ich die Erzhlung bis zum Ende fortsetzen.

Dieser Doktor, ein guter Kerl, einsichtig und ehrlich, kam eines
Tages gegen Ende des Sommers und vertraute mir an, er werde von
Schlaflosigkeit geplagt, und ein seltsames Kitzeln wecke ihn des Nachts
und lasse ihm nicht eher Ruhe, bis er aufstehe. Wenn er eigensinnig
liegen bleibe, stelle sich Herzklopfen ein.

--Nun? Schloss er und erwartete meine Antwort mit einer allzu
deutlichen Unruhe.

--Ganz ebenso war es mit mir! Erwiderte ich.

--Und wie haben Sie Heilung gefunden?

War es Feigheit, oder gehorchte ich einer Stimme in meinem Innern, als
ich antwortete:

--Ich nahm Sufonal.

Sein Gesicht bekam einen Ausdruck der Enttuschung, aber ich konnte
nichts bei der Sache tun.




4.

Wunder.


Nach drei Monaten sehr strengen Winters machen sich die ersten
Frhlingszeichen bemerkbar. Die erstarrten Menschensinne tauen auf, und
die ausgesten Samen unter dem Schnee beginnen zu keimen. Es ist so
vieles geschehen, und, statt die unleugbaren Tatsachen als Zuflle und
zuflliges Zusammentreffen von sich zu schieben, beobachtet man sie,
sammelt sie und zieht daraus seine Reflexionen. Anfangs tat man es, um
ber seinen eigenen Aberglauben lachen zu knnen, spter erlischt das
Lcheln, und man weiss nicht mehr, was man glauben soll. Es geschehen
Wunder, und zwar alle Tage, aber man tut nicht Wunder nach Belieben.

Eines Tages zur Mittagsstunde gehe ich ber den Markt, der fr den
Augenblick gerumt ist. Seit langen an Platzfurcht leidend, frchte ich
mich vor leeren Rumen, und mit einer schlecht verhehlten ngstlichkeit
gehe ich ber offene Pltze. Dieses Mal, da ich mde von der Arbeit
und usserst nervs bin, macht der Anblick des den Marktes einen so
qulenden Eindruck auf mich, dass ich eine Verlangen empfinde, "mich
unsichtbar zu machen", um mich neugierigen Augen zu entziehen; ich
senke den Kopf, hefte den Blick auf das Steinpflaster und habe ein
Gefhl, als ob ich mich in mich selbst zusammenrolle, die usseren
Sinne zuschliesse und die Berhrung mit der Aussenwelt abschneide; als
ob ich aufhre, den Einfluss des umgebenden Milieus zu vernehmen. Und
ohne davon zu wissen, bin ich ber den Markt gekommen.

Im nchsten Augenblick werde ich aus einer Gasse hinter mir von zwei
bekannten Stimmen angerufen. Ich bleibe stehen.

--Welchen Weg kamst du?

--ber den Markt!

--Nein! Wie wre das zugegangen? Wir standen hier ja Posten, um dich zu
treffen und zusammen Mittag zu essen!

--Ich versichere euch....

--Dann hast du dich unsichtbar gemacht?

--Nichts ist unmglich!

--Fr dich wenigstens nicht. Und man erzhlt die unglaublichsten
Sachen, die mit dir geschehen sein sollen.

--Ich argwhne so etwas, da man mich an der Donau gesehen hat, als ich
in Paris war.

Das war wirklich der Fall, aber zu dieser Zeit glaubte ich, es gebe
Visionen ohne eine wirkliche Grundlage.

Und ich warf die usserung mehr als einen lustigen Einfall hin.

Am selben Tage nahm ich mein Abendessen allein im kleinen Speisesaal
der Kneipe ein. Ein Mann, den ich nicht kannte, trat herein,
augenscheinlich, um jemand zu suchen. Er bemerkt mich nicht, obgleich
er an allen Tischen nachguckt; und berzeugt, dass er allein im Zimmer
ist, fngt er laut an zu fluchen und laut mit sich selbst zu sprechen.
Um ihn auf die Gegenwart eines Gastes aufmerksam zu machen, klopfe ich
mit der Gabel an ein Glas. Der Fremde macht sofort eine Bewegung und
ist berrascht, jemand im Zimmer zu sehen; er schweigt pltzlich und
hat Eile, sich fort zu begeben.

Von Stund an beginne ich, ber die Frage der Dematerialisation zu
grbeln, welche die Okkultisten anerkennen. Und die Beweise folgen
Schlag auf Schlag.

Eine Woche spter wird meine Aufmerksamkeit von einem neuen,
sonderbaren Ereignis geweckt. Es war ein Mittwoch, wo der Speisesaal
infolge des Wochenmarktes mit Landleuten vollgepfropft ist. Um dem
Gedrnge und der Unbehaglichkeit auszuweichen, hat mein gewhnlicher
Tischkamerad ein besonderes Zimmer bestellt; da er frher als ich
gekommen ist, erwartet er mich im Vestibl und bittet mich hinauf zu
gehen. Um aber Zeit zu gewinnen, kommen wir berein, den allgemeinen
Butterbrottisch im Saale in Anspruch zu nehmen. Widerwillig marschiere
ich hinter meinem Freund hinein, weil ich die betrunkenen Bauern und
deren Verunglimpfungen scheue. Wir kamen durch den Haufen an den
Butterbrottisch heran, wo sich nur ein, brigens sehr friedliches,
Individuum befand.

Nachdem wir dort etwas zu uns genommen hatten, wobei ich kein Wort mit
meinem Freunde wechselte, zogen wir uns in unser Zimmer zurck, ich
hinter ihm. An der Tr zeigt sich mein Freund sehr erstaunt, mich zu
sehen.

--Was? Wo kommst du her?

--Vom Butterbrottisch natrlich.

--Ich habe dich dort nicht gesehen; darum glaubte ich, du seist hier
geblieben!

--Hast du mich nicht gesehen? Wir haben ja die Hnde ber den Schsseln
gekreuzt.... Kann ich mich denn unsichtbar machen?

--Komisch ist es jedenfalls!

Wenn ich in meiner Erinnerung grabe, bringe ich jetzt geheime Fonds an
den Tag, die bisher ohne Wert fr einen Zweifler waren, dessen Gemt
unter der Beschftigung mit den exakten Wissenschaften steril geworden
ist. So erinnere ich mich des Morgens meines ersten Hochzeitstages.
Es war ein Wintersonntag, eigentmlich still und unangenehm feierlich
fr mich, der sich bereitete, das unreine Junggesellenleben zu
verlassen und sich mit der Frau, die ich liebte, am ehelichen Herd
niederzulassen. Ich fhlte eine Lust, mein Frhstck, das letzte in
meinem Junggesellenleben, ganz allein einzunehmen; zu diesem Zweck ging
ich in ein unterirdisches Caf, das in einer unansehnlichen Gasse lag.
Es war ein Kellerraum, mit Gas erleuchtet. Als ich Kaffee-Frhstck
bestellt habe, bemerke ich, dass ich den Blicken einer Gesellschaft
Mnner ausgesetzt bin, die augenscheinlich seit dem Abend um die
Flaschen sitzen, gespensterhaft bleich, unmanierlich, nachlssig
gekleidet, heiser und garstig, wie sie nach einer in Ausschweifungen
zugebrachten Nacht sind. Unter der Gesellschaft erkannte ich zwei
Jugendfreunde wieder, die so heruntergekommen waren, dass sie jetzt
weder Haus noch Heim noch eine Beschftigung besassen, notorische
Taugenichtse, die vielleicht sogar ans Verbrechen streiften.

Es war nicht Hochmut, der mir Ekel davor einflsste, die Bekanntschaft
wieder anzuknpfen; es war die Furcht, in den Schmutz zurckzufallen;
ich wollte mich nicht in meine Vergangenheit versetzen lassen, denn
ich hatte in hnliches Stadium durchgemacht. Schliesslich, als der
verhltnismssig Nchternste von ihnen, zum Abgesandten erwhlt,
aufstand, um sich meinem Tisch zu nhern, wurde ich von Entsetzen
ergriffen; fest entschlossen, meine Identitt zu verleugnen, wenn es
ntig wre, messe ich meinen Angreifer mit den Augen; ohne dass ich
weiss, wie es zuging, bleibt er ein kleines Stck vor meinem Tisch
stehen; mit einem albernen Gesichtsausdruck, den ich nie vergessen
kann, bittet er um Entschuldigung und zieht sich auf seinen Platz
zurck. Er wrde sicher darauf geschworen haben, dass ich es war, und
doch erkannte er mich nicht wieder.

Dann fngt man an mein Alibi zu errtern:

--Er ist es, ganz sicher!

--Nein, hol mich der Teufel, er ist es!

Ich rume das Feld, voll Scham ber mich selbst, voll Mitleid mit den
Unglcksvgeln, aber in der Tiefe meines Herzens glcklich, einem solch
abscheulichen Dasein entronnen zu sein. Entronnen?!

Abgesehen von der moralischen Seite der Sache bleibt noch das
Wunderbare bestehen, dass man seinen Gesichtsausdruck so verndern
kann, dass man fr einen alten Bekannte unerkenntlich wird, dem man das
Jahr ber auf der Strasse begegnet und zunickt.


Vor fnf Jahren hatte mir in Berlin ein junges Mdchen aus guter
Familie das Versprechen abgenommen, ihr eines Abends im Theater
Gesellschaft zu leisten. Der Vorschlag gefiel mir nicht, weil ich
vermeiden wollte, die junge Dame zu kompromittieren, und ausserdem
lange Theaterabende mich ermden. Da es indessen nicht mglich
war, davon loszukommen, begab ich mich zur Zusammenkunft auf ein
verabredetes Trottoir. Ich muss jedoch gestehen, dass ich die hundert
Schritte hin und zurck auf der anderen Seite der Strasse ging, die
indessen ganz schmal war. Ich ging dort eine halbe Stunde, ohne jemand
anzusehen, und fest entschlossen, die Begegnung zu verfehlen. Der
Streich gelang, und ich schlich mich davon.

Am Tage darauf war ich es, der einen Brief mit Vorwrfen absandte. Das
Frulein antwortete mir verwundert und beteuerte, es sei gekommen und
habe gewartet. Die Sache wurde nicht aufgeklrt.


Frher pflegte ich oft allein auf Jagd zu gehen, ohne einen Hund
mitzunehmen und oft ohne Flinte. Ich wanderte aufs Geradewohl dahin,
es war in Dnemark; als ich auf einer Waldblsse stehen bleibe, taucht
ein Fuchs ganz nah bei mir auf. Er sieht mir ins Gesicht, bei klarem
Sonnenschein, auf zwanzig Schritt Entfernung. Ich stehe unbeweglich
und der Fuchs fhrt fort den Boden zu durchschnffeln, auf Jagd nach
Musen. Ich bcke mich, um einen Stein aufzunehmen. Da ist er an der
Reihe, sich unsichtbar zu machen, denn im Nu, ist er verschwunden, ohne
so zu verschwinden, dass ich es sah. Als ich den Boden untersuche,
fand ich keine Spur eines Schlupfloches, auch keinen Busch, der ihn
verbergen konnte. Er war verschwunden, ohne die Lufe zu Hilfe zu
nehmen!

Hier und dort auf den sumpfigen Wiesengrnden am Ufer der Donau bauen
oft Reiher ihre Nester, und die Reiher sind usserst scheue Vgel.
Trotzdem geschah es oft, dass ich sie berraschen konnte, ohne mich
zu verstecken. Und so lange ich mich unbeweglich verhielt, konnte
ich dastehen und sie ansehen. Es kam sogar vor, dass sie ber meinen
Kopf flogen. Niemand wollte mir glauben, wenn ich dies erzhlte, am
allerwenigsten die Jger. Daraus schloss ich, dass die Sache ein wenig
bernatrlich sei.

Als ich schliesslich diese Abenteuer meinem Freund, dem Theosophen in
Lund, erzhlte, erinnerte er sich einer Begebenheit, zu der er nie den
Schlssel finden konnte. Ein Arbeiter, den er kannte, besucht ihn und
behauptet, ein antiker Kunstgegenstand sei irgendwo zu verkaufen, und
bittet um einen Vorschuss von fnf Kronen. Nachdem der Mann den Betrag
bekommen hat, ist er wie verschwunden und lsst sich whrend dreier
Monate nicht wieder treffen.

Eines Sonntagabends ging der Theosoph mit seiner Frau durch eine
Hinterstrasse, als er den Mann ein Stck vor sich auf demselben
Trottoir erblickte. Da habe ich den Burschen endlich!

Der Theosoph lsst den Arm seiner Frau los und beeilt seine Schritte,
als pltzlich der andere verschwunden, verdunstet ist. Da war keine
Tr, kein Fenster, keine Kellerluke, um hineinzuschlpfen und sich
zu verbergen. Wie gewhnlich, glaubte der Theosoph das Opfer einer
Hallucination gewesen zu sein, zumal sich keine lebende Seele auf der
Strasse befand; ein Irrtum der Person war also ausgeschlossen.

Dies ist die nackte Tatsache. Eine Erklrung fr das Unerklrliche zu
verlangen, ist ein Widerspruch. Wenn man bei einem lebenden Wesen die
Fhigkeit anerkennt, die sichtbaren Lichtstrahlen dazu zu bringen, von
ihrer Richtung abzuweichen, das heisst, die Amplitude der Refraktion
zu verndern, ist etwa in diesem Haufen Worte eine Lsung des Problems
zu finden, dessen Hauptpunkt sich in einem Warum und einem Wie verbirgt?

Bleibt nur brig, dass es ein Wunder war! Mag es denn fr ein Wunder
gelten, bis man besseren Bescheid erhlt; und whrend wir warten, lasst
uns Tatsachen sammeln, ohne sie zu widerlegen zu suchen.




5.

Meines kleinglubigen Freundes Drangsale.


Grosse Verlegenheit empfinde ich, da ich daran soll, meines Freundes
Abenteuer darzustellen, aber ich habe ihn im voraus um Verzeihung
gebeten, und er weiss, wie uneigenntzig meine Zwecke sind. brigens,
da er selbst seine Verdriesslichkeiten jedem, der sie hren wollte,
erzhlt hat, ohne sie als ein Geheimnis unter Siegel zu legen, habe ich
nur den unparteiischen Chronisten zu spielen; wenn man mich deshalb
scheel ansieht, so bin ich es, der darunter zu leiden hat.

Mein Freund ist Atheist und Materialist, aber liebt das Leben, das er
verachtet, und ist bange vor dem Tode, den er nicht kennt.

Er ist toll nach Frauen, und als Freischtze nimmt er sein Wildbret
sowohl auf verbotenen Jagdgrnden wie auf Gemeindeland.

Im Anfang unserer Bekanntschaft, als er mir eine Zuflucht in seiner
Wohnung anbot, behandelte er mich mit brderlicher Freundschaft und
pflegte mich wie einen Kranken, das heisst, mit dem rcksichtsvollen
Mitleid eines seelenfrischen Freidenkers, der sich auf die
Gemtskrankheiten versteht und die Nachsicht bt, die sie fordern.

Nun kann aber auch ein Freidenker seine dunklen Stunden der Traurigkeit
haben, fr die er keine Ursache weiss, und eines Abend, ganz spt, als
die Dmmerung sich im Zimmer ausgebreitet hatte und die angezndeten
Lampen nicht gengten, um die Ecken zu erhellen, wo die Schatten ihr
Spiel treiben, anvertraute mir mein Freund, zur Antwort auf meinen
Dank, dass die Verpflichtung ganz auf seiner Seite sei. Er habe nmlich
ganz krzlich ein Leid erlebt, da ihm sein bester Freund vom Tod
entrissen sei. Seitdem werde er von unruhigen Trumen verfolgt, in die
sich stets sein abgeschiedener Freund mische.

--Auch du?

--Auch?--Du verstehst doch, dass ich von Trumen spreche, die man
nachts trumt....

--Ja, gewiss!

--Schlaflosigkeit, Alpdrcken und so etwas.... Du weisst wie es ist,
vom Alp geritten zu werden; das kommt ja von deiner Affektion der
Brust, die eine durch Exzesse gestrte Verdauung verursacht. Hast du
nie Alpdrcken gehabt?

--Ja, gewiss! Man isst Krebse am Abend, und dann ist es fertig! Hast du
es mit Sulfonal versucht?

--Ja, freilich! Aber sich auf die rzte verlassen. Du weisst vielleicht
selbst....

--Ich kenne sie aus dem Grunde.... Aber lass uns mehr von deinem
Kameraden sprechen, der gestorben ist. Offenbart er sich also auf eine
beunruhigende Weise, ich meine im Traum?

--Er ist es nicht, der vor mir spukt, das brauche ich dir wohl nicht
erst zu sagen. Es ist seine Leiche, und es betrbt mich, sagen zu
mssen, dass er unter aufregenden Umstnden starb. Denke dir, ein
junger talentvoller Mann, der ein vielversprechendes Debut in der
Literatur gemacht hat, muss an einer Krankheit sterben, die sehr wenig
bekannt ist, Tuberkulosis miliaris; durch die sein Krper eine solche
Auflsung durchmachte, dass nichts anderes von ihm brig bleibt, als
ein Hirsesack.

--Und nun spukt seine Leiche vor dir?

--Du willst nicht begreifen, was ich meine; lassen wir die Sache----


Mit schwankender Gesundheit und einer Natur, die ebenso launenhaft
wie das Aprilwetter ist, scheint mein Freund an weitvorgeschrittener
Nervositt zu leiden; und als ich im Februar von ihm wegziehe, will er
nach Sonnenuntergang niemals allein nach Haus gehen.

Da trifft ihn ein Missgeschick von wesentlich konomischer Art; ein
Prozess soll angestrengt werden, und wir frchten, dass er sich das
Leben nehmen wird, nach gewissen usserungen zu urteilen, die er von
Zeit zu Zeit fallen lsst!

Neuverlobt, wie er ist, sieht er der Zukunft mit recht dsteren
Aussichten entgegen. Aber satt gegen die Widerwrtigkeiten zu
reagieren, unternimmt er eine Erholungsreise, um die Sorgen zu
betuben; und nach seiner Rckkehr versammelt er die Kameraden um sich
und gibt Festessen. Mitten im Feiern gert sein Krper in Unordnung,
ihm wird verordnet, sich zu Bett zu legen, und er kann nicht darin
bleiben infolge einer Diarrhe, die zwei ganze Tage dauert.

Erst am zweiten Tag davon unterrichtet, begebe ich mich zu ihm. Ein
Leichengeruch erfllt das Haus; der Kranke ist schwarz im Gesicht
geworden, so dass man ihn kaum wiedererkennt. Er liegt ausgestreckt auf
dem Bett und wird von einem Freund und einer Krankenwrterin gepflegt,
deren Hnde er nicht einen Augenblick los lsst. Er ist aufgeschreckt,
da er von den anhaltenden Plagen geschwcht ist.

Spter, als er wieder gesund war, erzhlte er mir, er habe eine Vision
gehabt von fnf Teufeln in Gestalt roter Affen mit schwarzen Augen,
die aufgekrochen auf dem Bettrand sassen und den Schwanz auf und ab
bewegten.

Als er seine Krfte wiedergewonnen hat und es ihm gelungen ist, die
Geldsachen zu ordnen, erzhlt er seinen Traum jedem, der ihn anhren
will, und man amsiert sich sehr darber!

Von Zeit zu Zeit drckt er seine Verwunderung darber aus, dass
das Schicksal, das ihn bisher begnstigt hat, nun anfngt, ihn zu
verfolgen: nichts will mehr gelingen, alles geht schief.

Mitten in diesen Betrachtungen, die von frhlichem Leben unterbrochen
werden, bekommt der Unglckliche, der bei den Mchten in Ungunst
geraten zu sein scheint, einen neuen Stoss, der zu fhlen ist. Ein
Kaufmann, der zu seinem Kreis gehrt, hat sich ertrnkt, Schulden
hinterlassend; mein Freund hat fr ihn auf eine ansehnliche Summe
gebrgt und ist in grosser Verlegenheit.

Die Verdriesslichkeiten beginnen nun, und zwar gehrig. Der Krper
des Toten spukt in der Kche meines Freundes, und dieser beredet
einen jungen Doktor, die Nchte in seiner Wohnung zuzubringen, um das
Gespenst zu verscheuchen. Aber die Unsichtbaren nehmen auf nichts
Rcksicht, und eines Nachts erwacht mein Freund, um das ganze Zimmer
voller Muse zu sehen. Von deren Wirklichkeit berzeugt, nimmt er einen
Stock und schlgt nach ihnen, bis sie verschwinden.

Das war ein Anfall von Fieberphantasie, aber einer zu zweien, denn am
nchsten Morgen erzhlt der Kamerad, der im Zimmer nebenan lag, er habe
in dem Zimmer, wo der andere schlief, Muse piepen _gehrt_.

Wie soll man eine Hallucination erklren, die der eine durch den
Gesichtssinn und der andere mit dem Gehr wahrgenommen hat?

Als man indessen am hellen Tage und bei Sonnenschein dieses Abenteuer
erzhlt, wird es in Lcheln gewendet. Und darauf unterfngt sich mein
Freund, die Erscheinung, die er von dem Kaufmann, dem Selbstmrder,
gehabt hat, im einzelnen zu erlutern, und er begleitet seine
Darstellung mir ausgesucht cynischen Bemerkungen.

--Knnt ihr euch denken, er war ganz schwarz und die weissen Maden
wimmelten aus dem Rumpfe hervor.... Als Augenzeuge kann ich berichten,
dass er im selben Augenblick, als er diese Worte ausgesprochen hatte,
erbleichte, vom Tisch aufstand und mit einer Gebrde des Ekels auf
etwas deutete, das auf seinem Teller lag. Es war eine weisse Made, die
an einer Sardine entlang kroch!


Am folgenden Tage wird mein Freund gentigt, seine Abendmahlzeit
abzubrechen, weil er weisse Maden an einem Stck Kken findet.

Er vermag nichts zu essen, obgleich er sehr hungrig ist, und wird
ngstlich, aber nur fr einen Augenblick.

--Was bedeutet das? Was bedeutet das?

--Man soll nicht schlecht von den Toten sprechen. Denn sie rchen sich.

--Die Toten? Aber die sind ja tot!

--Gerade deshalb sind sie lebendiger als die Lebendigen.

Mein Freund hat sich wirklich angewhnt, offen von den Schwchen des
Verstorbenen zu sprechen, der ihm trotz allem ein guter Freund gewesen
war.

Einige Tage spter, als wir auf der Gartenveranda des Restaurants bei
Tische sitzen, ruft einer von den Tischgsten aus:

--Seht, die Maus, so eine grosse Maus!

Keiner hat sie gesehen, und man macht sich lustig ber den Visionr.

--Wartet nur, ihr werdet sie schon sehen, sie ist dort unter den
Brettern! Eine Minute vergeht und eine Katze kommt unter den Brettern
hervor.

--Ich glaube, wir haben bald genug von Musen! ruft mein Freund aus,
augenscheinlich peinlich berhrt.


Nach Verlauf einiger Zeit kommt eines Abends jemand und klopft an meine
Tr, nachdem ich zu Bett gegangen bin. Ich ffne und befinde mich von
Angesicht zu Angesicht mit meinem Freunde, der entstellt aussieht und
erregt ist. Er bittet, bei mir auf einem Sofa bleiben zu drfen, weil
... eine Frau die ganze Nacht hindurch schreit in dem Hause, wo er
wohnt.

--Ist es eine richtige Frau oder ein Gespenst?

--Oh, es ist eine Frau, die den Krebs hat und nichts besseres verlangt,
als sterben zu drfen.--Man kann verrckt werden von dem all dem! Und
wenn ich meine Tage nicht im Irrenhaus beschliesse, wre es wunderbar!

Es ist nur ein sehr kurzes Sofa da, und als ich den hochgewachsenen
Mann auf einem solchen Ding und zwei daneben gestellten Sthlen
ausgestreckt sehe, ist mir, als she ich einen Galeerenstrfling auf
der Folterbank.

Aus seiner hbschen Wohnung und seinem bequemen Bett verjagt, des
einfachen Genusses, sich auskleiden zu drfen, beraubt, flsst er mir
Mitleid ein, und ich biete ihm als Zeichen meiner Dankbarkeit mein Bett
an. Aber er sagt nein dazu.

Die Lampe muss angezndet sein, er will es, und der Schein fllt dem
Unglcklichen gerade ins Angesicht. Ihm ist bange vor dem Dunkel, und
ich verspreche ihm, als Nachtwache aufzubleiben.

--Es leidet keinen Zweifel! Es ist eine kranke Frau, aber merkwrdig
ist es jedenfalls.

So liegt er und murmelt, bis der Schlaf sich seiner erbarmt!


Ganze zwei Wochen lang musste er nachts auf fremden Sofas Ruhe suchen.

--Das ist ja die Hlle selbst! ruft er aus.

--Ganz mein Gedanke! gebe ich zur Antwort.

Und ein anderes Mal, als sich die "weisse Frau" in der Nacht gezeigt
hat, stellt er selbst die Mglichkeit auf, es knne eine Strafe sein.
Meiner Rolle getreu, beschrnke ich mich auf ein skeptisches Schweigen.
Ich will bergehen die Begebenheiten mit dem schreienden Mdchen, die
Dazwischenkunft des Polizeiagenten, der als alter Mitschuldiger in
einer berchtigten Sache erkannt wurde; ich verweile auch nicht bei
dem Auftreten des Butterhndlers und seiner Tochter, sondern setze
ein mit der Erzhlung von der Madonna und der Vision, die man auf
telepatischem Wege von einer Person in dem Augenblick hatte, als sie
starb. Sie ist ganz kurz.

Bei einem Ausflug ins Grne befindet mein Freund sich in einer kleinen
Gesellschaft, die am Ufer eines Sees versammelt ist. In einem Ausbruch
guter Laune vergisst er die angstvollen Stunden, die er auszustehen
gehabt hat, und wirft folgenden Einfall hin:

--Hier msste man eine Offenbarung der heiligen Jungfrau in Szene
setzen! Es wrde ein gutes Geschft sein, einen Wallfahrtsort anzulegen.

Im selben Augenblick erbleichte er, und zur grossen Verwunderung seiner
Begleiter rief er fast in Ekstase aus:

--Jetzt starb er!

--Wer?

--Leutnant X. Ich sah ihn im Todeskampf liegen, das Zimmer, die
Anwesenden darin, alles!

Man amsierte sich!

Als man aber in die Stadt zurckkehrt, begegnet man der Nachricht von
Leutnant X's Hinscheiden. Und der Tod war pltzlich eingetroffen,
genau um halb acht Uhr, im selben Augenblick, als der Visionr davon
Botschaft bekam.

Die Spottvgel wurden von dem Eindruck berwltigt, so dass sie
unwillkrlich Trnen vergossen, nicht aus Trauer, da der Tode ihnen
ganz gleichgltig war, sondern aus Gemtsbewegung ber das Wunder.

Die Zeitungen machen ein Wesen aus dem Geschehnis; die ehrlichen unter
ihnen leugnen die Tatsache nicht, die unehrlichen lassen durchblicken,
die Zeugen seien Betrger. Die Folge ist ein Protest meines Freundes,
des Ketzers, der den Sachverhalt anerkennt, ihn aber als zuflliges
Zusammentreffen auslegt.


Ich gebe zu, dass sich eine gewisse Bescheidenheit in dieser Art
verrt, der Mchte Eingreifen in unsere kleinlichen Angelegenheit
auszuscheiden, aber dahinter verbirgt sich auch "der Unbussfertigen
Verhinderung"; was aus folgender Stelle bei Claude de Saint-Martin
hervorgeht:

"Vielleicht hat diese unrichtige Ideenverbindung (dass die Erde nur
ein Punkt im Weltall ist) den Menschen zu der noch unrichtigeren
Vorstellung gefhrt, dass er der Blicke seines Schpfers nicht wrdig
sei; er hat geglaubt, nur den Mahnungen der Demut zu gehorchen, wenn er
sich zuzugeben weigert, dass diese Erde und alles, was das Universum
enthlt, nur seinetwegen entstanden sei; er hat sich gestellt,
als frchte er zu sehr seinem Hochmut zu gehorchen, wenn er sich
diesem Gedanken hingbe. Aber er hat nicht die Trgheit und Feigheit
gefrchtet, die von dieser erheuchelten Bescheidenheit unvermeidlich
erzeugt werden; und wenn der Mensch sich heute nicht mehr fr den
Knig des Universums halten will, ist die Ursache die, dass er nicht
den Mut hat zu arbeiten, um sich _die rechtmssigen Ansprche_ darauf
zu erwerben; dass die Pflichten dabei ihm zu mhsam erscheinen, dass
er nicht so sehr frchtet, auf seine Stellung und alle ihre Rechte
verzichten, als sich daran machen zu mssen, um sie in ihrer geltenden
Kraft wiederherzustellen."

Zwischen den beiden blinden Klippen, Hochmut und falscher Demut, wer
kann wohl das Kanoe finden, das zum Hafen fhrt?

Indessen habe ich alle Schwchen meines Freundes so vollstndig
kennen gelernt, dass ich seine nchtlichen oder tglichen Drangsale
voraussagen kann, indem ich nur sein Betragen beobachte; was mich
zu dem Schlusssatz geneigt macht, dass alle Krankheiten, die ihn
treffen, von der Moral herrhren. Aber Moral ist ein Wort, das jetzt
herabgesetzt und in den Bann getan ist, und ich bin nicht der rechte
Mann, es auszusprechen.

Bei einer einzigen Gelegenheit, als der Unglckliche gar zu sehr
bedrckt war, usserte ich zu ihm, aus Mitleid und um einen Wegweiser
aufzustellen:

--Wenn du vor deinem letzten nchtlichen Anfall Swedenborg gelesen
httest, wrdest du in die Heilsarmee gegangen oder Krankenpfleger
geworden sein!

--Wieso? Was sagt denn dieser Swedenborg?

--Er sagt so viel, und er ist es, der mich davor gerettet hat, verrckt
zu werden. Er hat mir den Schlaf wieder geschenkt durch einen einzigen
Satz in vier Worten!

--Sag den, ich bitte dich darum!

Der Mut entsank mir, und er hat mir jedes Mal gefehlt, wenn der
Besessene mich gebeten hat, diese Losung mitzuteilen.

Hier schreibe ich die vier Worte nieder, die gegen alle Verordnungen
der rzte aufgekommen sind:

"Tue dieses nicht mehr!"

Es steht einem jeden frei, nach bestem Wissen und Gewissen das kleine
Wort dieses auszulegen.

Ich Unterzeichneter erklre hiermit, dass ich durch Befolgung des
obigen Rezeptes Gesundheit und ruhigen Schlaf wiedergewonnen habe.

                                  Der Verfasser.

Das ist ein Bekenntnis! Keine Ermahnung!




6.

Allerlei.


Keiner ist vom Schicksal so geprft worden, wie der Doktor, von dem
ich im ersten Kapitel als dem Haupt des revoltierenden Jugendschwarmes
gesprochen habe. Nachdem er unzhlige Male umgesattelt hat, ist er
Freund der Mssigkeit geworden, mit fast religisen Grillen. Er gibt
zu, vollstndig bankerott zu sein, glaubt an nichts und misstraut den
Menschen, entblsst wie er ist von den Sinnen, die uns in Stand setzen
zu geniessen und zu leiden, gleichgltig gegen alles. Denn er begann
damit, dass er sich fr die Freiheit des Individuums, fr die Befreiung
des Volkes und der Frau begeisterte; und er hat die Konsequenzen davon
gesehen, die seine Illusionen vollstndig zu Fall gebracht haben. Er,
der besonders das Ideal vom freien Weibe verwirklichen wollte, hat
seine Braut, die er selbst hochachtete, als literarische Mtresse eines
jeden Mannes enden sehen, als eine Art prostituierten Bohme-Weibes.

Er ist nun dreissig Jahre alt. Whrend seines jahrelangen Aufenthaltes
im Ausland hat er alle Leiden eines Einsiedlers durchgemacht: Armut,
Hunger und Klte, schbige Kleider; die Verdriesslichkeiten, die ein
schuldenbeladener Mann auszustehen hat. Er hat nachts in Wldern und
offenen Parks geschlafen, aus Mangel an fester Wohnsttte; er hat sich
mit Strke und Gelatine ernhrt, die dazu bestimmt waren, in dem Labor
gebraucht zu werden, an dem er angestellt war.

Der Hunger aber hat mangelnde Widerstandskraft gegen Alkohol zur Folge,
und obwohl nicht Alkoholiker, erlag er den Wirkungen der geringen Menge
starker Getrnke, die er in der Lage war sich zu verschaffen.

Von seinen Verwandten Wind und Wellen berlassen, kann er sich in einer
Heilanstalt fr Nervenkrankheiten in Pension geben, dank einem Manne,
der ihm so gut wie unbekannt ist und welcher der Swedenborgischen Sekte
angehrt. (!)

Nach einigen Monaten wurde er als geheilt entlassen und kehrte nach
der Universitt in Schweden zurck, jedoch weiter zu Enthaltsamkeit
verurteilt.

Er war es, der mir Swedenborgs "Arcana Coelestia" lieh, und spter
"Apocalypsis revelata", Arbeiten, die er selbst nicht kannte, die sich
aber in der Bchersammlung seiner Mutter befanden; sie war nmlich
Swedenborgianerin. (!)

Noch etwas ist berraschend fr mich, der ich bis zu meinem
achtundvierzigsten Jahr nie auf Arbeiten von Swedenborg gestossen bin,
fr die man in den gebildeten Klassen Schwedens offene Verachtung
zeigt--dass er jetzt berall auftaucht: in Paris, an der Donau, in
Schweden, und zwar im Laufe nur eines halben Jahres.

Mein desillusionierter Freund verhlt sich indessen indifferent, trotz
den Streichen, die ihm das Schicksal zu wiederholten Malen spielt.
Er kann sich nicht beugen und glaubt, es sein eines Mannes unwrdig,
vor unbekannten Mchten zu knien; die knnten sich eines Tages als
Versucher enthllen, deren Versuchungen nur Prfungen sind, denen man
bis zum ussersten widerstehen muss.

Ich verberge ihm nicht meine neuen religisen Ansichten, jedoch ohne
auf ihn einwirken zu wollen.

--Siehst du, die Religion ist etwas, das man auf sich selbst anwenden
muss; die ist nichts zum Predigen!

Oft lauscht er meinen Worten mit scheinbarer Aufmerksamkeit, und oft
lchelt er. Zwei Wochen lsst er sich nicht sehen, als sei er gergert
worden, dann aber kommt er wieder und sieht aus, als habe er ber einen
Gedanken gebrtet.

In der Absicht, ihm zu Hilfe zu kommen, werfe ich von ungefhr ein Wort
hin mit einem Fragezeichen dahinter:

--Es geschieht sicher etwas?

--Ich weiss nicht; aber es ist wirklich zu ungereimt, um mit rechten
Dingen zugehen zu knnen.

--Was ist es denn?

--Jeden einzigen Morgen, wenn ich ins Laboratorium komme, sind meine
Sachen in Unordnung gebracht--du kannst nicht glauben, wie es da
aussieht!--und der Tisch ist besudelt. Und zwar obgleich ich auf das
sorgfltigste dort Sauberkeit zu halten suche.

--Ein belgesinnter?

--Unmglich; denn ich bin der letzte, der den Saal verlsst und der
Schuldige wrde sogleich entdeckt werden.

--Dann ist es?

--Ja, wer?

--Die Unsichtbaren!

--Nicht dass ich es behaupten will, aber jetzt in letzter Zeit scheint
es, als ob mich jemand berwache und meine geheimsten Gedanken zu lesen
verstehe. Und im selben Augenblick, wenn ich auf irgend eine Weise ber
die Strnge geschlagen habe, fasst man mich auf frischer Tat.

--Bist du jemals frher Vorfllen von ungewhnlicher Beschaffenheit
ausgesetzt gewesen?

--Nicht ich, aber meine Mutter und meine Schwester, die Swedenborgianer
sind.--Doch warte, ich auch, ein Mal in Berlin vor genau zwei Jahren.

--Erzhle!

--Es war so: ich ging eines Abends in der Nhe von Linden in eine
Bedrfnisanstalt; da erblickte ich an meiner Seite einen barhuptigen
Mann von unbestimmten und sonderbarem Aussehen; er hatte einen
Knoten hinten im Nacken, und zu meiner Verwunderung jodelte er wie
ein Tiroler. Den unangenehmen Eindruck, den dieser Mensch mit seiner
Leichenbitterphysiognomie auf mich machte, konnte ich nicht loswerden;
um ihn von mir abzuschtteln, verlngerte ich meinen Spaziergang
und ging aus der Stadt heraus; schliesslich befand ich mich auf
dem Lande. Mde und hungrig trat ich in ein Wirtshaus, wo ich am
Ladentisch ein Frankfurter Wrstchen und ein Seidel Bier bestellte.
"Ein Frankfurterwrstchen und ein Seidel Bier", wiederholt jemand an
meiner Seite; und als ich mich umwende, erblicke ich den Mann mit dem
Nackenknoten. Vollstndig verwirrt, und unfhig zu sagen, warum, ging
ich meines Weges, ohne auf das zu warten, was ich bestellt hatte. Ich
habe nie nher an diesen bedeutungslosen Vorfall gedacht, aber ich
besitze noch einen lebendigen Eindruck davon, und er kommt gerade jetzt
in meine Erinnerung zurck.

Als er geendet hatte, bedeckte er die Augen mit beiden Hnden, als
wolle er das Bild auswischen, indem er den Augapfel rieb, der noch das
Portrt der Gestalt festhielt.


An dieser Stelle, whrend der Leser sich noch des oben Erzhlten im
Detail erinnert, will ich ein anderes Abendteuer einschalten, das
dadurch, dass es mit dem Vorhergehenden in Verbindung gesetzt wird, uns
vielleicht dem guten Hafen einen Schritt nher fhren wird.

Am ersten Mai ging ich recht zeitig nach dem Park, um zu Mittag zu
essen, zusammen mit einem Gymnasiallehrer. Als wir uns an einem Tisch
niedergelassen hatten, auf dem grossen offenen Balkon, wo kein Mensch
war, empfand ich pltzlich ein Gefhl des Unbehagens, und als ich mich
auf dem Stuhle umdrehte, bemerkte ich einen Mann von recht unbestimmten
Aussehen, der einen unstten, unschlssigen Ausdruck im Blick hatte.

--Wer ist das? Fragte mich mein Begleiter, der alter Lundenser war und
die ganze Bevlkerung kannte.

--Ein Fremder, ganz sicher!

Der Fremde, barhuptig und schweigsam, kam nher, indem er gerade vor
mir stehen blieb, betrachtete er mich auf eine so durchdringende Art,
dass ich einen brennenden Schmerz in der Brust fhlte.

Wir nahmen einen andern Platz ein. Der Mann folgte uns, ohne
sein Schweigen zu brechen. Seine Blicke waren weder bse noch
scharf, vielmehr usserst wehmtig, und ausdruckslos wie die eines
Nachtwandlers. Da wurde ich von einer Erinnerung ergriffen, die allzu
entfernt war, um bewusst zu sein, und stellte an meinen Tischkameraden
die Frage:

--Der Mann gleicht einem unserer Freunde, aber welchem?

--Ja, wahrhaftig es ist ganz offenbar unser Freund Martin mit
fnfundvierzig Jahren.

In diesem Augenblick taucht aus dem Chaos meines Innern: die Gestalt
von der Bedrfnisanstalt in Berlin und Freund Martin (so hiess der
unglckliche Doktor, der mir Swedenborgs Arbeiten geliehen hatte)
verfolgt von einem Unbekannten.

Nun hatte der Mann neben uns Platz genommen, aber so, dass er uns den
Rcken zukehrte.

Wie gross war meine Verwunderung, als ich einen Knoten im Nacken dieses
Menschen bemerkte. Um aber ganz sicher zu sein, fragte ich meinen
Kameraden:

--Kannst du den Auswuchs am Hinterkopf dieses Mannes sehen?

--Ganz recht! Ich sehe ihn deutlich. Nun und?

Ich antwortete nicht, weil die Erzhlung zu lang geworden wre, auch
war der Lehrer ein erbitterter Gegner des Okkultismus.

Am selben Abend erblicket ich Freund Martin mitten in einem Schwarm
Studenten. Ohne Umschweife stellte ich diese Frage an ihn:

--Wo hast du dich mittags zwischen eins und halb zwei aufgehalten?

--Wieso? Warum fragst du das?

Und er sieht verlegen aus, als er das sagt.

--Antworte nur auf die Frage!

--Ich lag und schlief! Und das pflege ich sonst nicht mitten am Tage zu
tun, deswegen bin ich verlegen.

--Und du gehst whrend des Schlafes fort?

--Das sieht so aus, da ich vor einigen Tagen, whrend ich schlief, das
Feuer sah, das im Museum ausgebrochen war. Das ist die reine Wahrheit!

Nach diesem Bekenntnis schilderte ich ihm die Erscheinung im Park und
verglich sie mit der Offenbarung in Berlin.

Aber er war zu aufgerumt, und obwohl dieser Knoten im Nacken ihm
schaudern machte, rief er aus:

--Es stimmt, er ist mein Doppelgnger!

Das war ein Gelchter!


Ich halte mich hier einen Augenblick auf, um die blichen Theorien
darzulegen von der Erscheinung, die unter der Benennung _Doppelgnger_
bekannt ist.

Die Theosophen nehmen sie als eine Tatsache an, indem sie zugeben,
dass die Seele, oder der Astralleib, das Vermgen besitzt, den Krper
zu verlassen und sich in eine quasi-materielle Gestalt zu kleiden, die
unter gnstigen Umstnden fr manche sichtbar wird. Alle sogenannten
telepathischen Erscheinungen werden dadurch erklrt. Die Schpfungen
der Einbildungskraft haben keine Realitt, aber die Visionen, die
Hallucinationen besitzen eine Art Materialitt. In derselben Weise
unterscheidet man in der Optik zwischen virtuellen und wirklichen
Bildern, von denen die letzten auf einen Schirm projiziert oder auf
einer empfindlichen photographischen Platte fixiert werden knnen.

Angenommen, ein Abwesender erinnert sich meiner, indem er sich meine
Persnlichkeit in seinem Gedchtnis hervorruft: dem Hervorrufenden
gelingt es nur, ein virtuelles Bild von mir zustande zu bringen, und
zwar durch eine freiwillige und bewusste Anstrengung. Angenommen, eine
alte Tante von mir im fremden Lande sitzt am Piano, ohne an mich zu
denken, und sieht mich dann persnlich hinter dem Instrument stehen:
die Alte hat ein virtuelles Bild von mir _gesehen_. Und dies hat
sich tatschlich zugetragen, im Herbst 1895. Ich erinnere mich, dass
ich damals in der franzsischen Hauptstadt eine furchtbare Krisis
durchmachte, als meine Sehnsucht, im Schosse meiner Familie zu sein,
bis zu dem Grad acht ber mich bekam, dass ich das Innere des Hauses
sah und fr einen Augenblick meine Umgebung vergass, indem ich das
Bewusstsein, wo ich mich befand verlor. Ich war dort, hinter dem
Pianino, in welcher Gestalt es nun geschah, und die Einbildung der
alten Frau spielte keine Rolle dabei.

Da sie brigens in diese Art Erscheinung eingeweiht war und deren
Tragweite kannte, sah sie darin einen Vorboten des Todes und schrieb,
um zu erfahren, ob ich krank geworden sei!

Um dieses Problem besser zu beleuchten, will ich hier einen Aufsatz von
mir einrcken, der 1896 in der "Initiation" stand und Berhrungspunkte
mit oben angefhrten Vorfall hat.





Strahlung und Ausdehnung der Seele.

Beobachtungen nach der Natur.


"Ausser sich sein" und "sich sammeln" sind zwei allgemein bliche
Wendungen, die gut die Fhigkeit der Seele ausdrcken, sich auszudehnen
und sich wieder zurckzuziehen.

Die Seele schrumpft zusammen vor Furcht und schwillt auf vor Freude,
Glck, Erfolg.

Steig allein in einen vollbesetzten Eisenbahnwagen. Keiner kennt den
andern, alle sitzen still da. Alle empfinden je nach dem Grad ihrer
Empfindlichkeit ein grosses Unbehagen. Da geht ein mannigfaltige
Kreuzung verschiedener Bestrahlungen vor sich, die allgemeine
Beklemmung erzeugt. Es ist nicht warm, aber man glaubt zu ersticken:
die Geister, die zum bermass mit magnetischen Fluida geladen sind,
fhlen ein Bedrfnis zu explodieren; die Intensitt der Strme,
verstrkt die _Influenz_ und _Condensation_, vielleicht sogar von
_Induktion_, hat ihr Maximum, erreicht.

Da nimmt einer das Wort: Die Entladung hat stattgefunden, und die
Neutralisation ist eingetreten, wenn sich alle in ein Gesprch ohne
Inhalt eingelassen haben, um ein kurz gesagt physisches Bedrfnis zu
befriedigen.

Der Einsiedler zieht sich in seine Ecke zurck, schliesse sein inneres
Auge und Ohr und vertieft sich in sich selbst, um sich gegen eine neue
_Influenz_ zu wehren.

Oder er betrachtet auch die Landschaft durch das Fenster und lsst
seine Gedanken _umher irren_, indem er _heraustritt_ aus dem magischen
Kreis fr ihn gleichgltiger Menschen, die mit ihm eingeschlossen sind.


Das Geheimnis des grossen Schauspielers liegt in der angeborenen
Eigenschaft, seine Seele ausstrahlen zu lassen; dadurch tritt er in
Verbindung mit dem Publikum.

Es leuchtet, strahlt um den geistigen Redner in grossen Augenblicken,
und sein Antlitz verbreitet einen Schein, der sogar fr die sichtbar
ist, die nicht glubig sind.

Der Schauspieler von trumerischer Natur, der eine tiefe Intelligenz
besitzt, der viel studiert, aber nicht die Fhigkeit hat, aus sich
selbst herauszugehen, wird sich niemals auf der Bhne geltend machen
knnen. In sich selbst verschlossen, wird sein Geist nicht in die
Gemter der Zuschauer eindringen.

Bei den grossen Krisen im Leben, wenn das Dasein selbst bedroht ist,
erwirbt die Seele bersinnliche Eigenschaften. Es scheint, als ob
die Furcht vor dem Elend die gemarterte Seele treibt, zu entfliehen,
um anderswo ein Leben zu suchen, das leichter zu leben ist. Nicht
umsonst bt der Selbstmord seine Anziehung auf den Unglcklichen, da er
verspricht, die Pforten des Gefngnisses zu ffnen.

Folgendes ist mir passiert vor einigen Jahren.

Ich sass eines Herbstmorgens an meinem Schreibtisch vor dem Fenster,
das auf die dstere Strasse einer kleinen Industriestadt Mhrens
blickte.

Im angrenzenden Zimmer, zu dem die Tr angelehnt war, ruhte meine Frau
in krnklichem Zustande, ihr Erstgeborenes erwartend.

Indem ich schrieb, trumte ich mich fort in eine Landschaft, die mehr
als tausend Kilometer nrdlich lag und die ich wohl kannte.

Whrend es Herbst war, und hier beinahe Winter, befand ich mich
mitten im Sommer unter einer grnen Eiche, von der Sonne beschienen;
der kleine Garten, den ich in meiner Jugend selbst bebaut hatte, war
dort; die Rosen--ich konnte sie beim Namen nennen--die Syringen, die
Jasmine atmeten wahrnehmbar ihre besonderen Dfte aus; ich las Raupen
von meinen Kirschbumen ab, ich beschnitt die Johannisbeerbsche....
Pltzlich hre ich einen heiseren Schrei, ich finde mich auf dem
Fussboden stehen, ein Krampf dreht schraubenfrmig mein Rckgrad um,
und bewusstlos falle ich auf einen Stuhl nieder, einen unertrglichen
Schmerz im Rcken.

Ich erwache zum Bewusstsein und es wird mir klar, dass meine Frau von
hinten gekommen war, um mir guten Morgen zu sagen, und ganz leise ihre
Hand auf meine Achsel gelegt hatte.

--Wo bin ich?

Das war meine erste Frage, und ich sprach sie aus in der Sprache meiner
Heimat, die meine Frau als Auslnderin nicht verstand.

Der Eindruck, den ich von diesem Vorfall bewahrte, war der, dass
sich mein Geist ausgedehnt und den Krper verlassen hatte, ohne die
Verbindung der unsichtbaren Fden abzubrechen; ich bedurfte einer
gewissen, wenn auch noch so kurzen Zeit, um mich einigermassen zu
erinnern, dass ich mich bewusst und unversehrt in dem Zimmer aufhielt,
wo ich soeben sass und arbeitete.

Wenn nach den alten Erklrungen meine Seele in sich selbst versunken
gewesen, noch in den Grenzen des Krpers geblieben wre, htte sie sich
mit grsster Leichtigkeit und Schnelligkeit wieder entfalten knnen,
und dies Gefhl der berraschung whrend meiner Abwesenheit htte mich
nicht in so hohem Grade geqult.

Nein, ich war _abwesend_, und die Rckkehr meiner Seele ging auf so
pltzliche Weise vor sich, dass ich darunter litt. Aber die Schmerzen
waren in der Rckengegend zu merken und durchaus nicht in den
Gehirnhalbkugeln: das erinnert mich an die berwiegende Rolle, die man
dem plexus solaris zulegte, als ich in meiner Jugend Medizin studierte.


Ein anderes Abenteuer, das mir vor drei Jahren in Berlin passierte, ist
fr mich ein Beweis, dass die Exteriorisation oder Auswanderung der
Seele unter aussergewhnlichen Umstnden stattfinden kann.

Nach erschtternden Krisen, Sorgen und unregelmssigem Leben sitze
ich eines Nachts zwischen eins und halb zwei bei einem Weinhndler an
einem Tisch, der jederzeit fr meinen Kreis bereit stand. Man hatte
seit sechs Uhr gegessen und getrunken und ich hatte die ganze Zeit so
gut wie allein das Gesprch fhren mssen. Es handelte sich fr mich
darum, einen jungen Offizier, der im Begriff stand, die militrische
Laufbahn gegen die des Knstlers zu vertauschen, einen verstndigen Rat
zu geben. Da er sich zu gleicher Zeit in ein junges Mdchen verliebt
hatte, befand er sich in einem usserst berspannten Zustand; und
nachdem er im Lauf des Tages von seinem Vater einen Brief mit Vorwrfen
erhalten hatte, war er geradezu ausser sich. Ich vergass meine eignen
Wunden, whrend ich die eines andern pflegte. Es war eine schwere
Arbeit, bei der mein Geist sich infolge einer Reflexbewegung erhitzte.
Nach endlosen Beweisfhrungen und Berufungen wollte ich ihn an ein
vergangenes Begebnis erinnern, das auf seinen Entschluss einwirken
konnte.

Er hatte den fraglichen Auftritt vergessen, und, um sein Gedchtnis zu
untersttzen, fange ich an, ihn zu schildern.

--Sie erinnern sich doch jenes Abends im Augustiner-Bru....

Und ich fahre fort, in dem ich den Tisch bezeichne, wo wir unser Kuvert
verzehrt hatten; beschreibe den Schenktisch, die Tr, durch die man
herein kam, die Mbel, die Bilder....

Auf einmal schwieg ich ... hatte halb das Bewusstsein verloren,
ohne ohnmchtig zu sein, und sass noch auf dem Stuhle. Ich war im
Augustiner-Bru und hatte vergessen, zu wem ich sprach, als ich so
wieder anfing:

--Warten Sie! Ich bin im Augustiner, aber ich weiss sehr wohl, dass ich
an einem andern Ort bin; sagen Sie nichts ... ich erkenne Sie nicht,
aber ich weiss, dass ich Sie kenne. Wo bin ich?--Sagen Sie nichts, das
ist usserst interessant....

Ich mache eine Anstrengung, um die Augen zu erheben--weiss nicht, ob
sie geschlossen waren--und ich sah einen Nebel, einen Hintergrund von
unbestimmtem Farbenton, und oben an der Decke herab senkte es sich wie
ein Theatervorhang: das war die Scheidewand, besetzt von Regalen und
Flaschen.

--So! usserte ich erleichtert, wie nach einem berstandenen Schmerz,
ich bin ja bei Herrn F. (so hiess der Weinhndler).

Das Gesicht des Offiziers hatte sich vor Schreck zusammengezogen und er
weinte.

--Was, Sie weinen? sagte ich zu ihm.

--Das war unheimlich, antwortete er.

--Was denn?...

Wenn ich diese Geschichte andern Personen erzhlt habe, hat man
eingewendet, es sei eine Ohnmacht oder ein Rausch gewesen, zwei Worte,
die nicht viel sagen und nichts erklren.

Erstens und vor allem wird eine Ohnmacht von dem Verlust des
Bewusstseins begleitet, ebenso der Rausch; zweitens von einer
Muskellhmung; was hier nicht der Fall war, da ich auf meinem Stuhl
sitzen blieb und bewusst ber meine partielle Unbewusstheit sprach.

Zu diesem Zeitpunkt kannte ich weder die Erscheinung noch den
Ausdruck: Exteriorisation des Empfindungsvermgens. (A. de Rochas,
l'Extriorisation de la sensibilit. Paris, Chamuel.) Jetzt da ich
sie kenne, bin ich berzeugt, dass die Seele die Fhigkeit besitzt,
sich auszudehnen; dass sie sich whrend des gewhnlichen Schlafes sehr
ausdehnt, um zum Schluss, im Tode, den Krper zu verlassen, keineswegs
ausgelscht zu werden.

Vor einigen Tagen, als ich ein Trottoir hinunterging, sah ich, wie ein
Gastwirt vor seiner Tr mit einem Scherenschleifer, der auf der Strasse
hielt, laute und bse Worte wechselte. Es war mir unangenehm, die Linie
zu durchschneiden, die diese beiden Individuen verband, aber es war
nicht zu vermeiden; und ich versichere, dass ich ein starkes Unbehagen
empfand, als ich den Raum zwischen den beiden zankenden Mnnern
berschritt. Es war, als zerrisse ich ein zwischen ihnen ausgespanntes
Seil, oder vielmehr ginge ber eine Strasse, die man von beiden Seiten
mit Wasser bespritzt.

Das _Band_, das Freunde, Verwandte und in hchstem Grad Gatten
aneinander bindet, ist ein wirkliches Band, und zwar von einer
greifbaren Wirklichkeit.

Wir beginnen ein Weib zu lieben, indem wir bei ihr Stck fr Stck
unserer Seele niederlegen. Wir verdoppeln unsere Persnlichkeit, und
die Geliebte, die bisher gleichgltig, neutral war, beginnt sich in
unser anderes Ich zu kleiden, und sie wird unser Doppelgnger. Wenn es
ihr einfllt, mit unserer Seele fortzugehen, ist der Schmerz darber
vielleicht der heftigste, den es gibt, nur vergleichbar mit dem der
Mutter, die ihr Kind verloren hat. Ein leerer Raum entsteht, und wehe
dem Mann, der nicht ber die Kraft verfgt, seine Zweiteilung wieder zu
beginnen und ein anderes Gefss zum Fllen zu finden.

Die Liebe ist ein Akt, durch den der Mann sich selbst befruchtet, weil
es der Mann ist, der liebt; es ist eine ssse Illusion, das er von
seiner Frau geliebt wird, seinem zweiten Ich, seiner eigenen Schpfung.

Zwischen liebenden Gatten offenbart sich oft das unsichtbare Band auf
eine mediumartige Weise: man kann einander aus der Ferne rufen, die
Gedanken des andern lesen, Suggestion auf einander ausben. Man fhlt
nicht mehr das Bedrfnis, mit einander zu sprechen; man freut sich
ber die blosse Gegenwart des geliebten Wesens; man wrmt sich an der
Strahlung, die von der Seele des andern ausgeht. Wenn man getrennt
ist, dehnt sich das Band: das Vermissen, die Sehnsucht wchst mit der
Entfernung, kann das Band zerreissen und damit den Tod bringen.


Seit mehreren Jahren habe ich Aufzeichnungen ber alle meine Trume
gemacht, und ich bin zu der berzeugung gekommen: dass der Mensch
ein doppeltes Leben lebt, dass die Einbildungen, die Phantasien, die
Trume eine Wirklichkeit besitzen. Wir sind alle geistige Schlafwandler
und begehen im Traume Handlungen, die uns im wachen Zustande je nach
ihrer Natur mit dem Gefhl der Befriedigung, dem bsen Gewissen, der
Furcht vor den Folgen erfllen. Und aus Grnden, die ich ein ander Mal
darlegen will, glaube ich dass die sogenannte Verfolgungsmanie oft
einen guten Grund hat, nmlich in der Gewissensqual nach schlechten
Handlungen, die man im "Schlaf" begangen hat und von denen neblige
Erinnerungen bei uns spuken.

Die Phantasien des Dichters, die beschrnkte Seelen so verachten, sind
Wirklichkeiten.

Und der Tod? fragt ihr.

Dem Mutigen, der nicht zu grossen Wert auf das Leben legt, htte ich
frher folgendes Experiment empfohlen, das ich mehrere Male wiederholt
habe, nicht ohne unangenehme, aber jedenfalls ohne schwer heilbare
Folgen.

Nachdem Tren, Fenster und Ofenklappen geschlossen sind, stelle ich
eine geffnete Flasche mit Cyankalium auf den Nachttisch und lege mich
aufs Bett.

Die Kohlensure der Luft macht in kurzem die Blausure frei, und die
bekannten physiologischen Erscheinungen geben sich zu erkennen. Ein
gelindes Zusammenschnren der Kehle, ein unbeschreiblicher Geschmack,
den ich aus Analogie "blau" nennen mchte, Lhmung der Armmuskeln,
Schmerzen im Magen.

Die tdliche Wirkung der Blausure ist noch immer ein Geheimnis.
Verschiedene Autoritten geben verschiedene Wirkungsarten dieses Giftes
an. Einer sagt: Gehirnlhmung; ein anderer: Herzlhmung; ein dritter:
Erstickung als sekundre Wirkung davon, dass das verlngerte Mark
angegriffen wird, usw.

Da sich indessen die Wirkung augenblicklich zeigen kann, ehe ein
Verzehren stattgefunden hat, muss sie vielmehr als ... seelisch
betrachtet werden; wird doch die Blausure in der Medizin als
beruhigendes Mittel in _sogenannten_ nervsen Krankheiten gebraucht.

Alles, was ich von dem Seelenzustand, der sich nun zeigt, sagen mchte,
ist dies:

Es ist nicht ein langsames Erlschen, es ist vielmehr eine Auflsung,
in der das Angenehme die unbedeutenden Schmerzen berwiegt.

Der innere Sinn gewinnt an Klarheit, im Gegensatz zum Herannahen des
Schlafes, der Wille herrscht, und ich kann das Experiment abbrechen,
indem ich den Kork in die Flasche stecke, das Fenster ffne, Chlor oder
Ammoniak einatme.

Nicht dass ich darauf bestehe, wenn aber der temporre Todeszustand der
Fakire durch einen Beweis besttigt werden soll, wrde das Experiment
ohne Gefahr fortgesetzt werden knnen. Und im Fall eines Unglcks
msste man die verschiedenen Arten versuchen, mit denen man einen
Scheintoten zum Leben zurckruft. Die Fakire wenden warme Umschlge auf
den Gehirnhalbkugeln an; die Chinesen wrmen die Magengrube und rufen
ein Niesen hervor. In seinem ausgezeichneten Buche "Le Positif et le
Ngatif" (Paris, Lemerre, 1890) erzhlt Vial nach Trousseau und Pidoux:
"Carrero erstickte und ertrnkte 1825 eine grosse Anzahl Tiere, die er
nachher ins Leben zurckrief, _sogar lange nach ihrem Tode_, indem er
ihnen ganz einfach Nadeln ins Herz steckte." (Akupunktur.)

A. E. Badaire zitiert in "La Joie de mourir" (Paris, Chamuel. 194)
mehrere bekannte Todesflle, wie den des berhmten Richet, 1892,
und den Hallers, bei welchen der Augenblick vor Eintritt des Todes
unmglich zu bestimmen war.

Chisac; ein Arzt in Montpellier, verdoppelt sich vor dem Tode,
betrachtet sich als einen andern, stellt sich die Diagnose, fhlt sich
den Puls und gibt Befehle. Darauf schliesst er die Augen, "um sie nicht
mehr zu ffnen".


In "Inferno" habe ich von meinem Unglcksbruder, dem
deutsch-amerikanischen Maler, erzhlt, dessen Doppelgnger, der
deutsch-amerikanische Arzt Francis Schlatter sein sollte. Jetzt
ist der Augenblick gekommen, da ich gentigt bin, meinen Freund
blosszustellen, in der einzigen Absicht, zur Erforschung des wahren
Sachverhalts beizutragen.

Mein Freund hiess H.; gleichviel ob es sein wirklicher Name war oder ob
er den angenommen hatte.

Nachdem ich im August 1897 nach Paris zurckgekehrt war, bltterte ich
eines Tages in der Revue spirite von 1859. Da stiess ich auf einen
Aufsatz mit der berschrift: Mein Freund H.

Unter demselben Titel hatte ein Herr H. Lugner im Feuilleton
des Journal des Debats vom 26. November 1858 eine Geschichte
verffentlicht, die er als tatschlich hinstellt und der er selbst
persnlich beigewohnt haben will, da er, wie er ussert, dem Helden
dieses Abenteuers in Freundschaft verbunden war. Der Held war ein
fnfundzwanzigjhriger junger Mann von untadeligen Sitten und
unerschtterlicher Herzensgte.

H. konnte nicht wach bleiben, sobald die Sonne untergegangen war. Eine
unberwindliche Mattigkeit beschlich ihn und er sank allmhlich in
einen festen Schlaf, den nichts abwenden konnte.

Kurz: H. lebte ein doppeltes Dasein; nachts war er in Melbourne als
Verbrecher unter dem Namen William Parker ttig, der auch seiner Zeit
hingerichtet wurde. Gleichzeitig fand man H. in Deutschland tot in
seinem Bett.

Mag sie nun wahr oder nur eine Ausgeburt der Einbildung sein, diese
Geschichte interessiert mich, weil der Name H. darin vorkommt und die
Umstnde auf eine offenbare Weise zusammenfallen.

Die Literatur der Gegenwart hat sich bereits mit der Erscheinung des
Doppelgngers befasst: in dem bekannten Roman "Trilby" und in einem
Stck von Pauls Lindau. Es wre interessant zu wissen, ob die Verfasser
nach der Natur gearbeitet haben oder nicht.


Wir kehren zu unserm Freund Martin zurck.

Nach einem langen Winter nherte sich der Frhling mit fehlgeschlagenen
Hoffnungen. Der arme Doktor, der sich auf das Versprechen seiner
Vorgesetzten verliess, das man ihn zum Dozenten berufen werde, erhielt
einen schweren Stoss, als die Ernennung aufgeschoben wurde. Er musste
bis zum Herbst warten, obwohl er wissenschaftliche Verdienste genug
besass. Das war eine Schmach die ihn zur Verzweiflung brachte; indem er
sein Pech verfluchte, strzte er sich in Ausschweifungen, ohne jedoch
sein Nchternheitsgelbde zu brechen.

Genug, er ist Junggeselle, und eines Abends sucht er ein Mdchen, das
einen Burschen sucht. Und er verlsst sie. Die Dirne war ihm unbekannt
und wohnte in einem zweideutigen Viertel am Aussenrand der Stadt. Die
Sache war durchaus nicht verwickelt, und er erwartete keine weiteren
Folgen davon.

In der Dmmerung des nchsten Abends ist er in seinem Elternhaus
mit seinen Arbeiten beschftigt, als ein Lrm von draussen seine
Aufmerksamkeit erregt.

Er ffnet das Fenster und gewahrt unten in seinem Garten eine Stiege
Jungen zwischen fnfzehn und achtzehn Jahren. Da nichts zum Stehlen da
ist, kann er sich die Anwesenheit einer Menge Leute in diesem Ort und
zu so ungeeigneter Stunde nicht erklren. Die Schlingel trampeln dort
unten herum, ohne dass die Veranlassung zu erkennen wre. Er glaubt
einem Blendwerk ausgesetzt zu sein, aber da ruft ihn seine Mutter. Als
er herunterkommt, wird er von seiner Mutter gebeten, hinauszugehen und
sich nach den Absichten der Eindringlinge zu erkundigen.

Als er auf den Hof tritt, erblickt er ein junges Weib, das wie ein
Spalier an der Wand steht. Er geht nher, um den Zusammenhang zu
ermitteln, der nach der schlimmen Seite zu neigen scheint. Vor dem
Weibe angelangt, erkennt er das Mdchen von gestern; da er das Opfer
eines Erpressungsversuchs zu sein glaubt, ruft er wtend:

--Was haben Sie hier zu tun? Gehen sie Ihrer Wege!

Ohne ein Wort zu sagen, begibt sich das Mdchen zur Pforte, und ohne
irgendwie zu zeigen, dass sie den erkannt hat, der mit ihr gesprochen
hat. Sie war offenbar nicht gekommen, um ihn zu schikanieren.

Aber im selben Augenblick und in Gegenwart seiner Mutter strzen
die zwanzig Strassenjungen aus dem hinteren Teile des Hofes hervor,
umringen den Doktor und das Mdchen und zeigen mit den Fingern auf
die beiden Unglcklichen, berhufen sie mit groben Schimpfworten und
lassen verstehen, dass sie die beiden in einer gewissen Situation
berrascht haben.

Der Doktor, vernichtet vor Scham, sich in Gegenwart seiner Mutter
skandalisiert zu sehen, beteuert ihr, dass er unschuldig sie, obgleich
er auf frischer Tat ergriffen zu sein scheint.

Welche peinliche Szene fr einen Sohn!

Als er mir dies Abenteuer erzhlte, das mir wie ein bser Traum vorkam,
unwahrscheinlich in seiner ungerechten Grausamkeit, sah der arme Doktor
erbrmlich aus.

--Das ist ja der Teufel selbst, nicht wahr! Unschuldig an einer Sache
sein, die brigens keinen etwas angeht, und dann ffentlich auf diese
Weise hingerichtet werden!

--Ja, der Vorfall erscheint mir dunkel. Das ist ja unglaublich! Zwanzig
Jungen, die auf einen Hof kommen, ein liederliches Weib, dem nichts
an der Ehre gelegen sein kann und das sich nicht zu rchen sucht!
Was bedeutet das? Eine Lektion! Es ist deutlich, dass die Mchte in
der Sittlichkeit strenger werden. Und wie modern sie geworden sind!
Keine Trume, keine Geschichte, da die Leute sich an so etwas nicht
mehr kehren. Nein, statt dessen ganze Inszenierungen von vollendeten
Realismus, Dinge zum Anschauen ausgebreitet, bei denen man mit
Rsonnement nicht weit kommt.

--Du glaubst also, dass es ein Verweis war. Aber, wenn ich dir sage,
dass ich ohne Schuld war, wirklich unschuldig.

--Unschuldig gestern, ja, aber nicht am Tage vorher!

--Jedenfalls war es kein Komplott, da das Mdchen mich ja nicht
erkannte. Ein teuflischer Zufall....

--Ja, aber ein Zufall, dessen Fden von einer Meisterhand geflochten
waren!


Um sich etwas Zerstreuung zu verschaffen, unternahm mein Freund Martin
eine Rundreise nach Norrland und Norwegen; er erwartete davon ein
wirkliches Gefhl von Freiheit und viel Vergngen.

Nach einigen Wochen begegnete ich Freund Martin auf einer Strasse in
Lund.

--Hast du eine schne Reise gehabt?

--Eine teuflische Reise! Jetzt weiss ich nicht mehr, was man glauben
soll. Es gibt ganz gewiss jemand, der mich herausfordert, und der
Streit ist ungleich. Hre nur! Ich kam nach Stockholm, um mich auf der
grossen Ausstellung zu amsieren, und obgleich ich in der Stadt fast
hundert Freunde habe, traf ich nicht einen einzigen. Alle waren auf dem
Lande! Allein!--Ich wohne einen Tag in meinem Zimmer und werde dann von
einem andern hinausgeworfen, dem mein Bruder aus Versehen ein lteres
Versprechen gegeben hat. Das Pech macht mich so stumpfsinnig, dass
ich nicht in die Ausstellung gehe, und als ich mich--auf den Strassen
herumtreibe, schliesse ich mich einem Mdchen an. In diesem Augenblick
fllt eine schwere Hand auf meine Schulter nieder, und ein Onkel, sehr
ernst angelegt, den ich nicht mehr als zweimal in meinem Leben gesehen
habe, dem ich zuletzt von allen htte begegnen mgen, ladet mich ein,
den ganzen Abend mit ihm--und seiner Frau zusammen zu sein!

Alles, vor dem mir ekelt, muss ich schlucken! Das ist verhext!--Weiter,
tausend Kilometer--allein!--in einem Eisenbahnwagen durch eine tdlich
langweilige Landschaft.

Am Oreskutan, dem hauptschlichen Ziel meiner Exkursion, gab es nur ein
einziges Hotel, und in diesem Hotel hatten alle meine Antipathien sich
zusammengefunden. Der Chef der Freikirchlichen weidete die Herde, und
man sang Psalmen morgens, mittags und abends. Man htte wtend werden
knnen, aber es ging ganz natrlich zu. Nur eine Sache erscheint mir
immer noch etwas wunderbar--hm! okkult! Nmlich dass man in diesem
ruhigen und geordneten Hotel des Nachts Warenkisten zunagelte!

--ber deinem Kopf?

--Ja! Und sonderbar war, dass dieses Nageln mich nach Norwegen
verfolgte. Wenn ich eine Erklrung vom Hotelwirt verlangte, behauptete
er nichts gehrt zu haben.

--Das ist ja ganz wie mit mir!

--Ja, es ist wie mit dir! Was mir aber in Christiania passierte,
bertrifft alles, was meine schlimmsten Feinde htten ausfindig machen
knnen. Ich kenne viele Leute in Christiania, sie waren noch in der
Stadt und ich konnte doch nicht einen einzigen treffen! Allein, immer
allein!

Wie ich im Caf des Grand Hotel so allein sitze, werde ich von einem
jungen Mann angesprochen, der an einem Nebentisch sitzt. Glcklich,
eine Gelegenheit zu finden, meine eigene Stimme wieder hren zu
knnen, antworte ich, gegen meine Gewohnheit in solchen Fllen. Da er
wohlerzogen aussah und es sich mit ihm sprechen liess, lud ich ihn
schliesslich ein, mir Gesellschaft zu leisten.

Wir bringen den Abend zusammen zu. Ich muss zugeben, dass mir der junge
Mann nach einigen Stunden den unbestimmten Argwohn einflsste, er sei
nicht der, fr den er sich ausgab. Er widersprach sich selbst und
redete ohne Zusammenhang, und ich wusste nicht, wo ich ihn unterbringen
sollte.

Schliesslich gegen Nacht, blieb ein norwegischer Freund, den ich drei
Jahre nicht gesehen hatte, vor unserm Tisch stehen; er begrsst mich
mit einer pfiffigen Miene, die diesem ernsten Charakter ganz fremd war,
und schielt nach meinem Begleiter. Darauf lacht er und schleudert mir
eine Beschimpfung ins Gesicht, indem er sich stellt, als glaube er,
mein Kamerad stehe in einem Verhltnis unnatrlicher Intimitt zu mir.
Auf meine Proteste antwortet er nur, indem er wiederholt:

--Genieren Sie sich nicht! genieren Sie sich nicht! Hier ist man wie
bei sich zu Hause und braucht sich nicht zu genieren.

Was sollte ich sagen? Was sollte ich tun?

Der junge Mann wurde nicht bse, und da warf der norwegische Freund,
der wohl ein Glas zu viel im Kopfe hatte, folgenden Einfall hin,
vielleicht ganz ohne Hintergedanken:

--brigens ist nichts Bses dabei; das ist ein verkleidetes Weib.

Da steht der junge Mann auf und macht, mitten im Caf, das
vollgepfropft von Leuten war, eine Gebrde, wie um das Gegenteil zu
beweisen.

--Das geht ber alle Grenzen!

--Es ist ungeheuerlich, und es ist Wahrheit! Und niemand erhebt dagegen
Protest; man lacht nur! Aber es ist noch nicht zu Ende! Im selben
Augenblick, wie ich aufbrechen will, bittet der unbekannte Jngling
mich, ihm Geld zu leihen. Beschimpft, kochend vor Entrstung, kann ich
jedoch nicht nein sagen, da ich aber kein Wechselgeld habe, gehe ich
ans Bffet, von dem Fremden begleitet. Stelle dir die Szene vor, wie
ich diesem verdchtigen Schlingel, der aussieht, als bekomme er seine
Bezahlung, Geld gebe. Ein alter Lehrer aus Lund, der hinter uns beiden
stehen geblieben ist, fixiert mich mit einem Blick, der Gewissheit ber
den abscheulichen Argwohn ausdrckt. Das ist schn!

--Weisst du was: Ich muss bei dem, was du eben erzhlt hast, an gewisse
Mrchen von Hoffmann denken. Und als ich neulich wieder einmal die
"Elixiere des Teufels" las, kam es mir vor, als beruhten die Phantasien
des deutschen Dichters auf erlebten Begebenheiten.

--Bald kann man alles Mgliche glauben!--Aber nun die moralische Seite
der Sache? Ist eine Vernunft darin, mich vor einem Freund, vor einem
ganzen Publikum in falsches Licht zu stellen! Was sollte denn bestraft
werden?

--Man darf nicht auf die Mchte bse werden, weil sie sich solcher
Massregeln bedienen. Glaubst du, ich tat Schritte, die falschen
Gerchten zu dementieren, die von einem deutschen Schriftsteller
verbreitet wurden, als er mich unnatrlicher Instinkte beschuldigte:
Nein! Ich verfluchte ihn damals, aber seitdem berwache ich meine
Sinnlichkeit. brigens hat Swedenborg mich gelehrt, dass solche
Bestrafungen, die ohne Unterschied zugefgt werden zu dem Zweck
auferlegt werden, uns die Mrtyrerschaft schmecken zu lassen, die
wir selbst unschuldigen Menschen durch schndliche Verleumdungen und
leichtsinnige usserungen verursacht haben.

--Mag sein, aber ich werde in den Gedanken meines Freundes immer mit
dem Stempel des Lasters gezeichnet sein, und ich werde niemals diese
seine Ansicht ausroden knnen.

--Das ist unangenehm, aber es ist nun einmal so!


Diese banalen und an sich widerwrtigen Geschichten htte ich
wahrhaftig nicht erzhlt, wenn sie nicht durch ihre Ungereimtheit den
Gedanken auf das Dasein einer Realitt leiteten, die nicht reell ist
und nicht Vision, sondern eine Phantasmagorie, hervorgerufen von den
Unsichtbaren in dem bestimmten Zweck, zu warnen, zu lehren, zu strafen.

Dieser Zustand, von den Theosophen die Astralebene genannt, wird von
Swedenborg, Arcana, letzter Teil, also geschildert:

"Visiones und Visa."

"Es gibt zwei Arten Gesichte, die ausserordentlich sind, in welche ich
versetzt worden bin, bloss um zu wissen, wie es sich mit ihnen verhlt,
und was darunter zu verstehen ist, was man im WORT liest: dass sie vom
Krper entzckt wurden und dass sie vom Geist fortgefhrt wurden nach
einem anderen Ort.

1. Der Mensch wird in einen Zustand versetzt, der mitten zwischen
Schlaf und Wachen ist; und wenn er in diesem Zustand ist, kann er nicht
anders wissen, als dass er vollkommen wach sei. Das ist der Zustand,
von dem gesagt wird: entzckt werden vom Krper, und in dem man nicht
weiss, ob man im Krper ist oder ausserhalb des Krpers.

2. Durch die Strassen einer Stadt und ber Feld wandernd, auch da in
Gesprch mit Geistern, wusste ich nicht anders, als dass ich so wach
und sehend war, wie bei andern Gelegenheiten; so wanderte ich, ohne
vom Wege abzuweichen, und inzwischen war ich in einem Gesicht und sah
Haine, Flsse und Palste, Huser, Menschen und anderes; nachdem ich
aber so einige Stunden gewandert, war ich pltzlich in dem Gesicht
des Krpers, und wurde gewahr, dass ich mich hchlich wunderte, und
ich merkte, dass ich in einem solchen Zustand gewesen war wie die,
von denen gesagt wird, dass sie vom Geist fortgefhrt wurden an einen
andern Ort."


Freund Martin wohnt nach der Rckkehr von seiner Vergngungsreise
allein im Elternhaus, weil die Familie sich nach verschiedenen Seiten
zur Sommerfrische zerstreut hat. Ich will nicht behaupten, dass er
ngstlich ist, aber er fhlt sich unbehaglich. Zuweilen hrt er
Schritte und andere Laute von dem Zimmer seiner abwesenden Schwester,
bisweilen Niesen.

Vor einigen Tagen hrte er mitten in der Nacht einen knirschenden Laut,
wie von einer Sense, die geschrft wird.

--Alles in allem, schloss er, es gehen sonderbare Dinge vor, aber im
selben Augenblick, in dem ich mich mit den Mchten in Unterhandlungen
einlassen wrde, wre ich verloren.

Das war sein letztes Wort, und da nherte sich der Herbst mit grossen
Schritten.




8.

Studien in Swedenborg.


Whrend sich dieses im tglichen Leben zutrug, setzte ich meine
Schwedenborgstudien fort. Seine Arbeiten, deren schwer habhaft zu
werden ist, fielen mir in die Hnde, eine nach der andern, in recht
grossen Zwischenrumen.

In den "Arcana Coelestia" ist es die Hlle fr ewige Zeit, ohne
Hoffnung auf ein Ende, von jedem Wort des Trostes entblsst.
"Apocalypsis revelata" fhrt die Bussordnung aus, und zwar mit der
Wirkung, dass ich bis zum Frhling unter ihrem Banne lebte. Bisweilen
schttelte ich ihn ab, indem ich mir eine Hoffnung einrede, dass
der Prophet sich in den Einzelheiten getuscht hat, und dass der
Herr des Lebens und des Todes sich barmherziger erweisen wird. Was
sich aber nicht verhehlen lsst, ist die in die Augen fallende
bereinstimmung zwischen Swedenborgs Visionen und allen grossen oder
kleinen Begebenheiten, die mich und meine Freunde whrend dieses
Schreckensjahres betroffen haben.

Erst im Mrz finde ich bei einem Antiquar die "Wunder des Himmels und
der Hlle" und nachher "Von der ehelichen Liebe". Erst dann werde
ich von dem Alp befreit, der mich seit der ersten Offenbarung der
Unsichtbaren heimgesucht hat.

Gott ist die Liebe; er regiert nicht ber Sklaven, und deshalb hat er
die Sterblichen sich eines freien Willens erfreuen lassen. Es gibt
keine Mchte der Bosheit, sondern ein Diener des Guten versieht das Amt
eines Zuchtgeistes. Die Strafen sind nicht ewige, es steht einem jeden
frei, geduldig zu shnen, was er verbrochen hat.

Die Leiden, die uns auferlegt werden, haben die Besserung des Ichs zum
Zweck.

Die Verfahren, welche die Vorbereitung zu einem geistlichen Leben
bilden, beginnen mit Verwstung (vestatio) und bestehen aus
Brustbeklemmungen, Atemnot, Erstickungssymptomen, Herzstrungen,
Angstanfllen, Schlaflosigkeit, Alpdrcken. Diese Prozedur, der
Swedenborg in den Jahren 1744 und 45 ausgesetzt war, wird in den
"Trumen" geschildert.

Und die Diagnose dieses Krankheitszustandes entspricht in jedem Punkt
den jetzt blichen Affektionen, so dass ich nicht vor dem Schlusssatz
zurckschrecke: wir befinden uns vor einer neuen ra, in der "die
Geister erwachen und es eine Lust ist zu leben". Diese angina pectoris,
der Fall der Schlaflosigkeit, all die nchtlichen Schauder, die den
Gemtern Schrecken einjagen und welche die rzte gern als Epidemien
bezeichnen wollen, sind weiter nichts als die Arbeit der Unsichtbaren.
Wie kann man das fr eine epidemische Krankheit erklren wollen, dass
gesunde Menschen systematisch von unvorhergesehenen, sonderbaren
Begebenheiten, von Unruhe und Verdriesslichkeiten verfolgt werden? Eine
Epidemie zusammentreffender Umstnde? Das ist ja ein Unsinn!

Swedenborg ist mein Vergil geworden, der mich durch die Hlle geleitet,
und ich folge ihm blind. Wohl ist er ein furchtbarer Strafer, aber er
versteht auch ebenso gut zu trsten, und er kommt mir weniger streng
vor als die protestantischen Pietisten.

"Ein Mann kann Reichtmer hufen, wenn er es nur auf ehrliche Weise
tut und ebensolchen Gebrauch von ihnen macht; er kann sich kleiden
und wohnen nach seinen Verhltnissen; mit Leuten von gleicher
gesellschaftlicher Stellung verkehren, des Lebens unschuldige Freuden
geniessen, froh und zufrieden aussehen und nicht wie ein mrrischer
Mensch mit blassem Gesicht; er kann mit einem Wort leben und auftreten
wie ein reicher Mann in dieser Welt und nach seinem Tode gerade hinein
in den Himmel gehen, wenn er nur in seinem Innern Glauben an Gott und
Liebe zu ihm besitzt und sich seinem Nchsten gegenber so benimmt, wie
es seine Pflicht ist."

"Ich habe mich mit mehreren von denen unterhalten, die, ehe sie
starben, der Welt entsagt und sich in die Einsamkeit zurckgezogen
hatten, um dort ein Leben zu leben, das der Betrachtung der himmlischen
Dinge gewidmet war, und so sich einen sicheren Weg zum Himmel zu
bahnen; beinahe alle hatten ein dsteres und schwermtiges Aussehen,
schienen verdriesslich darber zu sein, dass die anderen ihnen nicht
glichen und dass sie selbst nicht mit grsserer Ehre und einem
glcklicheren Los belohnt worden waren; sie wohnen an verborgenen Orten
und leben dort als Einsiedler beinahe auf gleiche Weise, wie sie in
unserer Welt gelebt hatten. Der Mensch ist geschaffen, in Geselligkeit
zu leben; in der Gemeinschaft und nicht in der Einsamkeit findet er
zahlreiche Gelegenheiten, Christenmilde gegen den Nchsten zu ben...."

"Im einsamen Leben sieht man nur sich selbst, man vergisst alle
anderen; daher kommt es, dass man bloss an sich selbst denkt, an die
Welt nur, um sie zu fliehen oder sie zu vermissen, was das Gegenteil
von christlicher Liebe ist."

Was die sogenannten ewigen Strafen betrifft, so tritt der Seher im
letzten Augenblick als Erlser auf, indem er uns einen Strahl von
Hoffnung aufschimmern lsst.

"Die unter ihnen, fr die man auf Erlsung hoffen kann, werden an
verwsteten Stellen ausgesetzt, die nur ein Bild von Trostlosigkeit
bieten; und man lsst sie dort zurckbleiben, bis ihre Trauer darber,
sich dort zu befinden, sie auf die Hhe der Verzweiflung gebracht
hat, weil das die einzige Art ein drfte, das Bse und Falsche, das
sie beherrscht, zu meistern. So weit gelangt, schreien sie, dass sie
nicht besser sind als Tiere, dass sie voll sind von Hass und allerhand
Greuel und dass sie Verdammte sind; man verzeiht ihnen das als Schreie
der Verzweiflung, und Gott mildert ihren Sinn, damit sie sich nicht
in Vorwrfen und Schmhungen ergiessen ber die Grenzen hinaus, die
festgestellt sind. Wenn sie alles gelitten haben, was gelitten werden
kann, so dass ihr Krper gleichsam tot ist, bekmmern sie sich nicht
darum, und man bereitet sie zur Erlsung. Ich habe einige von ihnen zum
Himmel fortfhren sehen, nachdem sie mit all den Leiden, von denen ich
gesprochen habe, geprft worden waren. Als sie dort eingelassen wurden,
legten sie eine grosse Freude an den Tag, dass ich davon bis zu Trnen
gerhrt wurde."

Was die Katholiken conscientia scrupulosa, Gewissenszartheit, nennen,
leitet seine Herkunft von bswilligen Geistern her, welche die
Gewissensqual um nichts und wieder nichts erwecken. Es macht ihnen
Freude, so eine Last auf das Gewissen zu legen, und dieses Verhalten
hat nichts mit der Besserung des Snders zu tun.

Ebenso gibt es ungesunde Versuchungen. Bswillige Geister rufen in
der Tiefe der Seele all das Bse hervor, das sie seit der Kindheit
begangen hat, und zwar so, dass es nach der schlimmen Seite verdreht
wird. Aber die Engel entschleiern, was sich von Gutem und Wahrem bei
dem Gemarterten findet. Das ist der Streit, der sich unter dem Namen
Gewissensqual offenbart.

Ich bleibe hier stehen, weil ich meinem Meister unrecht tun wrde, wenn
ich das zerrisse, was er so gut zusammengewebt hat, und die Fetzen als
Probestcke vorzeigte.

Swedenborgs Werk ist unermesslich umfassend, und er hat mir auf alle
meine Fragen geantwortet, wie pochend sie auch gewesen sein mgen.

Unruherfllte Seele, leidendes Herz, nimm und lies!




9.

Canossa.


Von den geheimnisvollen Verfolgungen ermattet, habe ich schon lngst
eine sorgfltige Prfung meines Gewissens vorgenommen; getreu meinem
neuen Programm, mir selbst dem Nchsten gegenber unrecht zu geben,
finde ich mein verflossenes Leben abscheulich, und Ekel erfasst mich
vor meiner eigenen Persnlichkeit. "Es ist Wahrheit, dass ich die
Jugend in Harnisch gebracht habe gegen das Bestehende, gegen Religion,
Gesetze, Obrigkeit, Sittlichkeit. Es ist meine Gottlosigkeit, die jetzt
bestraft worden ist, und ich nehme zurck."

Nach einer Pause im Gedankengang kehre ich dann die Frage um, indem
ich das Gegenteil aufstelle, und ich frage: "Und die anderen, die
Gegner meiner umstrzenden Ansichten, die frommen Verteidiger der
Sittlichkeit, des Staates, der Religion, knnen die denn nachts
schlafen, haben die Mchte denn ihnen Erfolg in ihren weltlichen
Angelegenheiten geschenkt?"

Wenn ich einer Musterung der Sttzen der Gesellschaft und ihrer
Geschicke anstelle, bin ich gentigt zu antworten: nein!

Der tapfere Vorkmpfer fr das Ideale in Poesie und Leben, ein Dichter
fr die zuverlssigen und guten Mitbrger, er kann des Nachts nicht
schlafen, weil er von der grossen Hysterie betroffen ist; die weckt ihn
mit Anfllen, die man Clownssprung und Schwibbogen nennt und in der
Salptrire bekannt sind. Auch liess ihn sein Schutzgeist im Stich,
und der Dichter geriet in Schwierigkeiten, als er sich vor einigen
Jahren auf geschftliche Spekulationen einliess; die htten ihn beinahe
in eine entblsste Lage gebracht. Es ist mir keine Freude, daran zu
erinnern, denn es vergrssert nur meinen Kummer, wenn ich sehe, wie die
erhabenen Bestrebungen nur um Zusammenbruch fhren.

Und meine Gegner in der Religion? Der mich einmal ins Gefngnis
bringen wollte fr Lsterungen, ist selbst in Haft genommen wegen
betrgerischen Bankerotts. Glaube nun nicht, mein Leser, dass ich meine
Lsterungen mit seinem Verbrechen entschuldige! Ich bin betrbt, nicht
mehr an die reinigende Aufgabe des Christentums glauben zu knnen,
angesichts eines so niederschlagenden Beispiels.

Und dann diese Frau, welche die Sittlichkeit unter den Schatten ihrer
Flgel nahm, die Freundin der unterdrckten Frauen, die Prophetin, die
in feurigen und aufrichtigen Vortrgen den jungen Mnnern das Clibat
predigte?

Wo ist sie geblieben? Niemand weiss es, aber auf ihrem Haupte lastet
eine Anklage, die auf schauderhafte Dinge hinausluft. Erbaulich, nicht
wahr?

Was die anderen Sttzen der moralischen und religisen Ordnung
betrifft, so bergehe ich sie, sei es, dass sie sich eine Kugel vor die
Stirn geschossen oder aus Furcht vor unglcksbringendem Verhr das Feld
gerumt haben.

Kurz, das Gericht scheint die Gerechten wie die Ungerechten zu treffen,
ohne Unterschied, und der eine mag ebenso gut sein wie der andere!

Was ist es denn, was sich heute in der Welt zutrgt?

Ist es das Gericht, das unerbittlich ber Sodom ausgesprochen wurde?

Mssen alle vergehen: gibt es keinen Gerechten? Nicht einen!

Mgen wir dann Freunde sein und gemeinsam leiden, als Mitschuldige und
ohne uns ber einander zu erheben.


Ich habe Abbitte getan fr meine tadelnswerten Handlungen, und
ich verleugne meine Vergangenheit. Lasst mich nun ein Wort zur
Selbstverteidigung sagen.

Die Jugend ist zu jeder Zeit aufrhrerisch, leichtfertig, ausschweifend
gewesen; bin ich es da, der die Emprung, das Laster erfunden hat?
Vorher war ich der Junge, der Verfhrte, das Kind meiner Zeit, der
Schler meiner Lehrmeister, das Opfer der Verfhrungen. Wer hat die
Schuld, und warum hat man mich zum Sndenbock gemacht? Angenommen, es
war eine Lge, und ich bin nicht der, fr den die Menschen mich halten.

Da legt die schwarze Magie sich in die Wagschale!

Aber es geschah aus Unwissenheit, dass ich sie versuchte.

Dann aber die Erhebung gegen die Unsichtbaren?

Jawohl, die Erhebung! Doch die andern, die ihr Leben auf den Knien
zubrachten, unter Anbetung und Selbstverleugnung, und die alle
desavouiert worden sind!

Geben wir zu, dass die Lage verzweifelt ist! Und dass wir alle dem
Weltfrsten berliefert sind, um in den Staub gebeugt und erniedrigt
zu werden, auf dass wir uns vor uns selber ekeln, auf dass wir Heimweh
nach dem Himmel empfinden! Selbstverachtung, Entsetzen vor der eigenen
Persnlichkeit, gewonnen durch die vergeblichen Anstrengungen, sich zu
bessern: das ist der Weg zu einem hheren Dasein.

Und behalte noch eine Sache im Gedchtnis: der Weg nach Rom, der
Kaiserweg, fhrte durch Canossa!




10.

Der Geist des Widerspruchs.


Trotz aller Marter, die ich ausgestanden habe, hlt sich der Geist des
Aufruhrs aufrecht und redet mir Zweifel ein, ob die Absichten meines
unsichtbaren Wegfhrers wohlwollend sind.

Ein Zufall (?) hat mir die "Zauberflte", Schikaneders Operntext, in
die Hand gegeben. Die Prfungen und Versuchungen des jungen Paares
flssen mir den Gedanken ein, dass ich mich von den verleitenden
Stimmen habe tuschen lassen; da ich die Mhen und Leiden nicht habe
aushalten knnen, habe ich mich gekrmmt und sei unterlegen.

Sogleich erinnere ich mich an Prometheus, der immer die Gtter
anspeit, whrend der Geier seine Leber zerfleischt. Und zuletzt wird
der Aufrhrer, ohne ffentliche Abbitte zu leisten, in den Kreis der
Olympischen aufgenommen.

Das Feuer ist jetzt angezndet, und sogleich tragen die bsen Geister
Nahrung herbei.

Eine okkultistische Zeitschrift, die mit der Post gekommen ist, muntert
meinen kleinmtigen Sinn auf, indem sie mir nur Umsturz-Lehren wie
diese vorlegt.

"Wie man weiss, wird in den alten Vedabchern die Schpfung als eine
einzige grosse Opferhandlung betrachtet, wo Gott, Priester und Opfer,
sich selbst opfert, indem er sich teilt."

(Da haben wir ja meine Idee, die ich in dem Mysterium ausgedrckt habe,
das ich "Inferno" voranstellte.)

"Alle Elemente, die zusammen das Weltall bilden, sind nichts anders als
gefallene Gottheitspersonen, die durch das Stein-, Pflanzen-, Tier-,
Menschen- und Engelreich wieder zu den Himmeln aufsteigen, um aufs neue
herabzufallen."

Diese Idee, welche der berhmte Alexander von Humboldt wie der
Historiker Cant als erhaben bezeichneten....

(Ja, sie ist erhaben!)

"Wie man weiss, waren die Gtter von Griechenland und Rom Menschen
gewesen. Jupiter selbst, der grsste von allen, war auf Kreta geboren,
wo er von der Ziege Amalthea gesugt wurde. Er stiess seinen Vater vom
Thron und traf alle Vorsichtsmassregeln, um nicht selbst entthront
zu werden. Beim Angriff der Giganten, als die meisten der Gtter
ihn feige im Stich liessen und sich in gypten verbargen, indem
sie Pflanzengestalten annahmen, hatte er das Glck, mit Hilfe der
Tapfersten Sieger zu bleiben. Aber es war auch mit genauer Not."

"Bei Homer kmpfen die Gtter gegen die Menschen und werden bisweilen
verwundet. Unsere gallischen Vorvter stritten auch gegen den Himmel
und schossen Pfeile gegen ihn ab, wenn sie sich von dort bedroht
glaubten."

"Die Juden wurden von denselben Gefhlen belebt wie die Heiden. Wie sie
ihren Jehova (Gott) hatten, so hatten sie auch Elohim (die Gtter). Die
Bibel beginnt also:

"Und er der ist, der war und der sein wird
              Die Gtter Die
          Einheit in der Mehrzahl."

"Als Adam diese ewig gesegnete Snde begangen hatte, die, weit entfernt
ein Fall zu sein, ein erhabener Schritt nach der Hhe war, wie die
Schlange vorausgesagt hatte, sagte Gott: "Siehe Adam ist geworden
wie _einer von uns_ und weiss, was gut und bse ist." Und er fgte
sogleich hinzu: "Nun aber, auf dass er nicht seine Hand ausstrecke und
nehme desgleichen vom Baum des Lebens, und esse, und lebe ewiglich...."

"Die Alten sahen also in den Gttern Menschen, die sich zu hchsten
Machthabern aufgeschwungen hatten und durch einen Staatsstreich den
Besitz der Macht zu behalten suchten, indem sie andere hinderten,
sich ihrerseits aufzuschwingen. Daher kam der Streit von seiten der
Menschen, um die Usurpatoren fortzujagen, und deren Widerstand, um sich
die unrechtmssig angeeignete Macht zu bewahren."

Und da haben wir die Schleuse geffnet.

--Denkt, wir sind Gtter!

"Und die Shne der Gtter stiegen zur Erde nieder und ehelichten
die Tchter der Sterblichen, und die gebaren Kinder. Und aus dieser
Mischung stammten die Riesen her und alle berhmten Mnner, Krieger,
Staatsmnner, Schriftsteller, Knstler."

Das war eine gute Aussaat in ein aufsssiges Gemt, und das Ich blst
sich von neuem auf: denkt, wir sind Gtter.

Am selben Abend, als die Stimmung im Wirtshaus hoch ging, bildet man
einen Kreis um einen Doktor der Musik.

Mein Freund, der Philosoph, dem ich die Entdeckung unserer
Verwandtschaft mit den Gttern mitgeteilt habe, bittet Mozarts "Don
Juan" hren zu drfen, vor allem das Finale des letzten Aktes.

--Wovon handelt das? fragt einer, der nicht im klassischen Repertoire
zu Hause ist.

--Der Teufel kommt und holt den Wstling!

Und die hllischen Qualen, die Mozart so gut schildert, da er
Gewissensbisse dieser Art gekannt haben drfte, denn der Mann einer
Frau, die er verfhrt hatte, beging seinetwegen Selbstmord,--die
hllischen Qualen werden aufgerollt in jammererfllten Tonfolgen wie
eine schneidende Neuralgie. Das Lachen verstummt, die Sptteleien hren
auf, und als das Stck zu Ende ist, herrscht ein ngstliches Schweigen.

--Nein, Prosit!

Man stsst an! Aber die Munterkeit ist fort, die olympische Stimmung
ist erloschen, denn die Nacht ist im Anzuge, und die grauenhaften
chromatischen Tonfolgen hallen wider gleich unermesslichen Wogen, die
steigen und fallen

    la--la--la--la--la--la--la--la
la--la--la--la--la--la--la--la--la--la
           -la--la--la--la-

und das Menschenwrack hinauf in die Luft schleudern, um es im nchsten
Augenblick zu ertrnken.

Whrend die Abkmmlinge der Gtter vergebliche Anstrengungen machen,
eine ihrer hohen Geburt entsprechende Art anzunehmen, ist die Nacht
hereingebrochen und das Restaurant wird geschlossen. Man muss
aufbrechen und gehen ein jeder nach seinem einsamen Bett. Als man an
der Domkirche vorbeiging, die in die Schatten der Nacht eingehllt war,
brach ein Blitz hervor und warf einen weissen Schein au die Fassade, wo
Heilige und Verdammte vor dem Throne des Lammes knien.

--Was war das?

Denn es war kein Gewitter!

Man schauerte zusammen und blieb stehen.

Es war der Momentphotograph, der in seinem Laden bei Magnesiumblitzen
arbeitete.

Man wird rgerlich ber seine Furchtsamkeit, und ich fr meinen Teil
kann eine Erinnerung an die Theaterblitze bei der Fortfhrung Don Juans
nicht unterdrcken.

Als ich in mein Zimmer trat, bekam eine zugleich eisige und erhitzende
Angst Macht ber mich. Und als ich den berrock ausgezogen habe, hre
ich, wie sich die Garderobentr von selbst ffnet.

--Ist jemand da?

Keine Antwort! Der Mut sinkt mir, und einen Augenblick fhle ich Lust,
wieder hinaus zu gehen und die Nacht auf den schmutzigen dunklen
Strassen zuzubringen. Aber Mdigkeit und Verzweiflung drcken mich
nieder, und ich ziehe vor, in einem schnen Bett zu sterben.

Whrend des Auskleidens sehe ich einer schweren Nacht entgegen, und
glcklich im Bett, nehme ich ein Buch, um mich zu zerstreuen.

Da fllt meine Zahnbrste vom Waschtisch auf den Boden herab! Ohne
sichtbare Ursache. Weiter und unmittelbar danach hebt sich der Deckel
von meinem Eimer und fllt mit einem Knall wieder zu. Und zwar vor
meinen Augen, ohne dass eine Erschtterung stattgefunden haben knnte,
so vollkommen still war die Nacht.

Das Weltall hat keine Geheimnisse mehr fr Riesen und Genies, und doch
kommt die Vernunft zu kurz vor einem Deckel, der den Gesetzen der
Schwerkraft trotzt.

Und die Furcht vor dem Unbekannten lsst einen Mann zittern, der das
Rtsel der Sphinx gelst zu haben glaubte!

Ich war bange, schrecklich bange, aber ich wollte den Walplatz nicht
verlassen, sondern fuhr fort zu lesen. Da fllt ein Funke oder ein
kleines Irrlicht wie eine Schneeflocke von der Decke herab und erlischt
ber meinem Buch.

Und ich wurde nicht toll, Leser!

Der Schlaf, der heilige Schlaft, nimmt die Form des Hinterhalts an, in
dem Mrder sich verbergen.

Ich wage nicht mehr zu schlafen und habe keine Kraft brig, mich wach
zu halten. Das _ist_ ja die Hlle! Als ich die Schlummerbetubung mich
berschleichen lasse, trifft mich ein galvanischer Stoss gleich einem
Donnerschlag, ohne mich jedoch zu tten.

Schleudere deine Pfeile, stolzer Gallier, gegen den Himmel, der Himmel
ruht nie!


Da aller Widerstand vergeblich ist, strecke ich die Waffen, jedoch nach
Rckfllen in die Widersetzlichkeit. Whrend dieses letzten ungleichen
Kampfes geschieht es oft, dass ich Irrlichter sogar am hellen Tage
sehe, aber ich schreibe die Erscheinung einer Augenkrankheit zu.

Da erhalte ich von Swedenborg eine Aufklrung ber die Bedeutung dieser
Flackerflammen, die ich seitdem nie mehr gesehen habe.

"Andere Geister suchen mir das Gegenteil von dem einzureden, was
die Lehrgeister mit gesagt haben. Diese _Widerspruchsgeister_ sind
auf Erden Menschen gewesen, die infolge ihrer Frevelhaftigkeit aus
der Gesellschaft verwiesen sind. Man erkennt ihr Nahen an einer
_flackernden Flamme_, die sich einem vor das Gesicht zu senken scheint;
sie nehmen auf dem Rcken des Menschen Platz, von wo sie sich bis in
die Glieder vernehmen lassen. Sie predigen, man solle nicht glauben,
was die Lehrgeister in bereinstimmung mit den Engeln gesagt haben;
man solle seinen Wandel nicht der Unterweisung anpassen, die man von
ihnen genossen hat, sondern in Ungebundenheit und Freiheit leben, nach
eigenem Behagen. Gewhnlich finden sie sich ein, wenn die anderen
verschwunden sind; die Menschen wissen, was sie gelten, und kmmern
sich wenig um sie; lernen aber doch durch sie, was gut und bse ist,
denn man erwirbt Kenntnis von der Beschaffenheit des Guten durch dessen
Gegenteil."




11.

Auszug aus meinem Tagebuch.


1897.

7. Februar.

Ein Schlagregen von Steinen gegen die Fenster in meiner neuen Wohnung
die ganze erste Nacht. Am nchsten Tage klrt man mich darber auf,
dass es Eissplitter gewesen sind.

12. Februar.

Aus dem Bett gezerrt, nachdem ich eine Frauenstimme gehrt habe. Der
heilige Chrysostomus, der Weiberhasse, gibt mir zu verstehen:

"Was ist das Weib? Der Feind der Freundschaft, die unvermeidliche
Strafe, das notwendige bel, die natrliche Versuchung, das ersehnte
Unglck, die Quelle unversieglicher Trnen, das schlechte Meisterstck
der Schpfung in blendend weisser Ausstattung."

"Da schon das erste Weib einen Vertrag mit dem Teufel einging, warum
sollten seine Tchter es nicht genau so machen? Geschaffen wie es ward
aus einer krummen Rippe, ist seine ganze Sinnesrichtung krumm und
schief geworden, geneigt nach dem Bsen!"

Gut gesagt, Sankt Chrysostomus, Goldmund!

28. Februar.

Der Buchfink zwitschert, der blaue Streifen des Meeres in der Ferne
lockt und zieht mich an, aber sobald ich nach der Reisetasche greife,
werde ich von den Unsichtbaren angefallen. In der Tat ist die Flucht
fr mich abgeschnitten; ich bin hier interniert.

Um mich zu zerstreuen, will ich anfangen an dem Buch "Inferno" zu
schreiben; aber das wird mir nicht gestattet. So wie ich die Feder
anfasse, ist das Gedchtnis wie ausgelscht, und ich kann mich an
nichts mehr erinnern; oder alles erscheint als Begebenheiten ohne eine
Spur von Bedeutung.

2. April.

Ein deutscher Schriftsteller bittet mich um meine Meinung ber Frst
Bismarck, fr Rechnung einer Zeitschrift, in welcher der Kanzler
allgemeiner Abstimmung unterzogen wird.

"Ich muss einen Mann bewundern, der es verstanden hat, seine
Zeitgenossen so anzufhren wie Bismarck. Sein Werk soll die Einheit
Deutschlands sein, und doch hat er das grosse Reich in zwei geteilt,
mit einem Kaiser in Berlin und einem in Wien."

Am Abend verbreitet sich ein Duft von Jasminblten in meinem Zimmer,
ein lieblicher Friede bemchtigt sich meines Gemts, und ich schlafe
ruhig diese Nacht. (Swedenborg sagt, dass die Gegenwart eines guten
Geistes, eines Engels, sich durch balsamischen Duft verrt. Die
Theosophen behaupten dasselbe, aber bersetzen Engel mit Mahatma.)

5. April.

Man erzhlt mir, dass ein grosses Skulpturwerk von Ebbe, ein
gekreuzigtes Weib darstellend, whrend des Transportes nach der
Stockholmer Ausstellung zerschlagen worden ist. Ein Gegenstck: meines
Freundes H. Gemlde mit dem gekreuzigten Weib, das fr Schulden in
Beschlag genommen und in einem Hof ber dem Kehrrichtkasten aufgehngt
wurde. (Siehe "Inferno".)

10. April

Las allerlei. Chateaubriands "Mmoires d'outretombe". Las Cases'
Tagebuch von St. Helena. Wer war Napoleon? Von wem war er eine
Renkarnation?

Geboren in Ajaccio, einer griechischen Kolonie, die ihren Namen von
Ajax herleitet. 1. Ajax, Telamons Sohn, wurde von Odysseus besiegt;
wahnsinnig vor Gram, machte er die Viehherden der Griechen nieder, im
Glauben, Tod unter den Feinden zu verbreiten. Eines Tages, als einer
von Trojas Schutzgttern beide Heere in eine Wolke gehllt hatte, um
die Flucht der Trojaner zu begnstigen, rief er: Hoher Gott, schenk uns
das Tageslicht wieder und kmpfe gegen uns. 2. Ajax, Sohn des Oleus,
litt Schiffbruch auf der Heimfahrt von der Belagerung Trojas, rettete
sich auf eine Klippe, wo er trotzig gegen die Gtter schalt; zur Strafe
wurde er in die Tiefe des Meeres versenkt. Ajax, den Gttern trotzend,
ist eine feststehende Wendung geworden.

Napoleon kam unvermutet zur Welt auf einem Teppich, der mit
Darstellungen aus der Ilias geschmckt war.

Paola a Porta sagte eines Tages zu dem jungen Napoleon: Es ist nichts
von neuer Zeit bei dir; du bist ein Mann aus Plutarch.

Rousseau hatte vor Napoleons Geburt sich mit Korsika beschftigt,
dessen Einwohner ihn zum Gesetzgeber haben wollten. "Es gibt noch ein
Land in Europa, in dem es mglich ist, Gesetze zu geben: das ist die
Insel Korsika ... Ich habe ein Vorgefhl davon, dass einmal _diese
kleine Insel Europa mit Verwunderung schlagen wird_."

Nordille Bonaparte hatte 1266 seine Ehre zum Pfande gesetzt fr
Konradin von Schwaben, den Karl von Anjou hinrichten liess.

Der Zweig Franchini Bonaparte trug in seinem Wappen drei goldene Lilien
wie die Bourbonen.

Napoleon war verwandt mit Orsini. Orsini war der Name des Mrders, der
ein Attentat gegen das Leben Napoleons III. unternahm. Auf drei Inseln
hatte Napoleon seine schweren Tage: Korsika, Elba und St. Helena. In
einer Geographie, die er in seiner Jugend niederschrieb, erwhnt er die
letzte mit den beiden Worten: "kleine Insel!" (Allzu klein, leider!)
Whrend des Krieges mit den Englndern sandte er ohne ersichtliche
Veranlassung einen Kreuzer in das Fahrwasser von St. Helena.

Napoleons Tod gibt der Einbildungskraft eines Okkultisten reichen Stoff.

"Es war ein schreckliches Wetter, der Regen fiel ununterbrochen,
und der Wind drohte alles wegzufegen. Der Weidenbaum, unter dem
Napoleon frische Luft zu holen pflegte, war umgebrochen worden; unsere
Baumpflanzungen waren mit den Wurzeln ausgerissen, umhergestreut; ein
einziger Gummibaum hielt noch stand, als ein Wirbelwind ihn ergriff,
ihn aufhob und in den Schmutz legte. Nichts von dem, was der Kaiser
liebte, durfte ihn berleben."

Der Kranke konnte das Licht nicht vertragen; man musste ihn in einem
dunklen Zimmer pflegen. Er sprang, schon sterbend, aus dem Bett, um in
den Garten zu gehen.

"Krampfhafte Zuckungen ber dem Nabel und im Bauche, tiefe Seufzer,
Klageschreie, konvulsivische Bewegungen, die beim Todeskampfe in ein
lautes und schmerzvolles Schluchzen endigen."

Noverrez, der krank geworden war, fiel in Fieberphantasie: "Er bildet
sich ein, dass der Kaiser bedroht sei, und ruft nach Hilfe."

Nachdem Napoleon den Geist aufgegeben hat, breitet sich ein friedvolles
Lcheln um seine Lippen, und die Leiche behlt noch nach neunzehn
Jahren in der Gruft diesen Ausdruck der Ruhe bei. Als man im Jahre 1840
das Grab ffnete, war der Krper vollstndig erhalten. Die Fusssohlen
waren weiss. (Weisse plantae pedis bedeuten nach Swedenborg: Deine
Snden sind vergeben.)

Gut erhalten waren die Hnde (die linke jedoch nicht weiss), waren
weich geblieben und hatten ihre schne Form bewahrt. Der ganze Krper
mattweiss: "als she man ihn durch einen dichten Tll." Im Oberkiefer
fanden sich bloss drei Zhne. (Ein merkwrdiges Zusammentreffen: der
Herzog von Enghien hatte nur noch drei Zhne, als er fsiliert worden
war. Und in Parenthese sei hinzugefgt: der Herzog von Enghien kam zur
Welt nach 48stndigen Wehen. Er war _schwarzblau_ und ohne ein Zeichen
von Leben. In eine spiritusgetrnkte Binde gewickelt, wird er zu nahe
an ein brennendes Licht gehalten und fngt Feuer. Da erst beginnt er zu
leben!)

Napoleon war im Sarge in seine grne Uniform gekleidet. (Zauberer
kennzeichnen sich durch ihre grngefrbten Kleider.)

Chateaubriand schreibt: Napoleons Kapitnsvollmacht ist unterzeichnet
von Ludwig XVI. am 30. August 1792, und der Knig entsagte der Krone am
10. August.

"Erklre das wer kann. Welcher Beschtzer frderte die Unternehmungen
dieses Korsikaners? Dieser Beschtzer war der Herr der Ewigkeit."

18. April. Ostertag.

Auf einem Feuerbrand im Kachelofen sah ich die Buchstaben J. N. R. J.
(Jesus Nazarenus Rex Judaeorum.)

2. Mai.

Ich sah den Neumond und wurde froh davon.

3. Mai.

Mithin fange ich an "Inferno" zu schreiben.

Man erzhlt mir, dass eine sehr bekannter Zeitungsmann pltzlich
attackiert worden ist durch nchtliche Anflle des jetzt blichen
Schlages. Und die Okkultisten setzen das in Zusammenhang mit einem
rcksichtslosen Nachruf ber einen verdienten Mann, der neulich
verstorben ist.

Als ich Wagners "Rheingold" lese, entdecke ich einen grossen
Dichter und begreife nun, warum ich das Grosse an diesem Musiker
nicht verstanden habe: dessen Musik ist allein Begleitung zu seinen
Textworten. brigens ist "Rheingold" fr meine Rechnung geschrieben:

         Wellgunde.
Weisst du denn nicht,
Wem nur allein
Das Gold zu schmieden vergnnt?

         Woglinde.
Nur wer der Minne
Macht versagt.
Nur wer der Liebe
Lust verjagt,
Nur der erzielt sich den Zauber
Zum Reif zu zwingen das Gold.

         Wellgunde.
Wohl sicher sind wir
Und sorgenfrei:
Denn was nur lebt will lieben,
Meiden will keiner die Minne.

         Woglinde.
Am wenigsten er,
Der lsterne Alp:

       *       *       *       *       *

         Alberich.

(Die Hand nach dem Golde ausstreckend.)

Das Gold entreiss' ich dem Riff,
Schmiede den rchenden Ring:
Denn hr' es die Flut--So
verfluch' ich die Liebe!

12. Mai.

Mit dumpfer Resignation habe ich fnf Monate lang Cichorienkaffee
getrunken, ohne mich zu beklagen. Ich wollte sehen, ob es eine Grenze
gebe fr die Khnheit einer unehrlichen Frau (die meinem Morgenkaffee
kocht). Ganze fnf Monate habe ich gelitten, jetzt will ich mich des
Gttertrankes mit dem berauschenden Duft erfreuen. Zu diesem Zweck
kaufe ich ein Pfund der teuersten Kaffeesorte. Das war zur Mittagszeit.

Am Abend lese ich in Peladan, L'Androgyne, Seite 107: "Er erinnert sich
folgender Anekdote eins alten Missionars. Am Ende seiner Missionsreise,
whrend einer Anfangspredigt von grosser Wichtigkeit wurde ich von
Unfhigkeit getroffen, sobald ich das Wort "meine Brder" ausgesprochen
hatte; kein Gedanke in meinem Gehirn, nicht ein Wort, auf meinen
Lippen. Heilige Jungfrau--bat ich in mir--ich habe nur eine Schwche
beibehalten, meine Tasse Kaffee, ich opfere sie dir; und sofort kam
die Spannkraft meiner Seele wieder, ich bertraf mich selbst und tat
manchen Seelen viel Gutes."

Welche Rolle als Hausfriedensstrer hat nicht der Kaffe in meiner
Familie gespielt! Ich schme mich daran zu denken, umsomehr da ein
glckliches Resultat nicht vom guten Willen und Geschicklichkeit
abhngt, sondern von unberechenbaren Umstnden.

Morgen also der grsste Genuss oder der grsste Schmerz!

13. Mai.

Die Aufwrterin hat den elendesten Kaffee gekocht, den man sich denken
kann.

Ich bringe ihn als Opfer den Mchten dar, und von diesem Tage an trinke
ich Schokolade, ohne zu murren!

26. Mai.

Ausflug nach Buchenwald. Einige hundert Leute haben sich dort
versammelt. Die singen Lieder aus der Zeit, da ich jung war, vor
dreissig Jahren; sie spielen Spiele meiner Jugend und tanzen deren
Tnze.

Die Traurigkeit bekommt Macht ber mich, und mit einem Schlag rollt
sich mein vergangenes Leben vor den Augen der Seele auf, ich kann die
durchlaufende Bahn messen und werde wie erblindet. Ja, es ist bald zu
Ende; ich bin alt, und der Weg geht abwrts, dem Grabe zu. Ich kann
meine Trnen nicht zurckhalten--ich bin alt.

1. Juni.

Ein junger Arzt von weicher Natur und so empfindlicher Seelenanlage,
dass er schon dadurch zu leiden scheint, dass er existiert, leistet mir
abends Gesellschaft. Auch er ist bedrngt von Gewissensskrupeln; er
bereut die Vergangenheit, die sich nicht bessern lsst, wenn sie auch
nicht schlimmer ist als die aller anderen. Er legt mir das Mysterium
von Christus aus.

--Man kann nicht ndern, was man einmal getan hat; man kann keine
einzige schlechte Tat streichen: daher unsere Verzweiflung. Dann
offenbart sich Christus. Er allein vermag die Schuld, die nicht bezahlt
werden kann zu tilgen, das Wunder zustande zu bringen und die Last des
Gewissens und der Selbstvorwrfe abzunehmen. Credo quia absurdum, und
ich bin gerettet.

--Aber das kann ich nicht; und ich ziehe vor, meine Schulden selbst
durch Leiden zu bezahlen. Es gibt Augenblicke, da ich mich nach
einem grausamen Tod sehne, auf dem Scheiterhaufen lebendig verbrannt
werden mchte, um die Schadenfreude zu empfinden, meinem eigenen
Krper, diesem Gefngnis der Seele, die zu den Hhen strebt, wehe zu
tun. Und das Himmelreich ist fr mich, von materiellen Bedrfnissen
befreit zu werden; Feinde wiederzusehen, um ihnen zu verzeihen und
ihre Hnde zu drcken. Keine Feinde mehr! Kein Groll! Das ist mein
Himmelreich!--Weist du, was das Leben ertrglich fr mich macht? Dass
ich mir zuweilen einbilde, es sei nur eine Halbwirklichkeit, ein bser
Traum, der uns als Strafe auferlegt ist; und dass man im Augenblick
des Todes zu der wirklichen Wirklichkeit aufwacht, indem man zum
Bewusstsein kommt, das es bloss ein Traum war; alles Bse, das man
getan hat, nur ein Traum. So werden die Gewissensbisse ausgetilgt in
und mit der Handlung, die nicht begangen worden ist! Das ist Erlsung,
Errettung!

25. Juni.

"Inferno" ist jetzt fertig geschrieben. Ein Marienkfer hat sich auf
meine Hand gesetzt. Ich warte ein Wahrzeichen ab fr die Reise, die ich
vorbereite. Der Marienkfer fliegt auf und nimmt den Kurs nach Sden!
Sdwrts also.


Von diesem Augenblick setzte ich meine Abreise nach Paris fest. Aber
es scheint mir zweifelhaft, ob die Mchte mir ihre Zustimmung geben.
Ein Raub innerer Kmpfe lasse ich den Juli verfliessen, und mit dem
Eintritt des August erwarte ich ein Zeichen, um mich zu bestimmen.
Zuweilen fllt mir ein, dass die Lenker meines Schicksals nicht unter
sich einig sind, und dass ich der Gegenstand einer lngeren Errterung
bin. Einer treibt mich an, und ein anderer hlt mich zurck.

Schliesslich am Morgen des 24. August steige ich aus dem Bett, ziehe
die Fenstergardine auf und erblicke eine Krhe, die auf dem Schornstein
eines sehr hohen Hauses sitzt. Sie nimmt sich ganz so aus wie der Hahn
auf dem Turm der Kirche Notre-Dame-des-Champs (siehe "Inferno"), stellt
sich, als fliege sie ihres Weges, mit den Flgeln schlagend und nach
Sden gewandt.

Ich ffne das Fenster. Da erhebt sich der Vogel, laviert, fliegt gerade
auf mich zu und verschwindet.

Ich nehme das Wahrzeichen an und packe meine Sachen.




12.

In Paris.


Noch ein Mal--ob es das letzte ist?--steige ich auf dem Nordbahnhof
aus. Ich frage jetzt nicht: was habe ich hier zu tun, da ich mich
zu Hause fhle in der Hauptstadt Europas. In mir ist allmhlich
der Entschluss gereift, nicht ganz klar, das gestehe ich ein, im
Benediktinerkloster zu Solesmes eine Zuflucht zu suchen.

Aber erst gehe ich und besuche die alten Stellen mit ihren
schmerzlichen und doch so lieben Erinnerungen. So sehe ich wieder den
Luxemburg-Garten, Hotel Orfila, den Kirchhof von Montparnasse, den
Jardin des Plantes. In der Rue Censier bleibe ich einen Augenblick
stehen, um einen verstohlenen Blick in das Grtchen meines Hotels an
der Rue de la Clef zu werfen. Gross ist meine Gemtsbewegung, als ich
den Pavillon mit meinem Zimmer sehe, wo ich dem Tode entging in jener
schrecklichen Nacht, als ich mit dem Unsichtbaren rang, ohne es zu
wissen. Man kann sich meine Gefhle denken, als ich meine Schritte nach
dem Jardin des Plantes lenke und die Spuren der Wasserhose sehe, die
gerade meine Allee verheert hat, die vor den Bren und Bisonochsen.

Auf dem Rckweg die Strasse Saint-Jacques hinuntergehend, entdeckte ich
die Buchhandlung der Spiritisten und kaufe das "Buch der Geister" von
Allan Kardec, das mir bisher unbekannt war.

Ich nehme und lese. Das ist ja Swedenborg und vor allem die Blavatzky,
und als ich berall meinen eigenen "Casus" wiederfinde, kann ich mir
nicht verhehlen, dass ich Spiritist bin. Ich Spiritist! Htte ich
gewusst, dass ich als Spiritist enden wrde, als ich mich ber meinen
frheren Chef an der Knigl. Bibliothek in Stockholm lustig machte,
weil er Anhnger des Spiritismus war! Man weiss nie, in welchen Hafen
man schliesslich einluft!


Whrend ich meine Studien in Allan Kardec fortsetze, bemerke ich ein
stufenweise geschehendes Wiederauftreten der beunruhigenden Symptome
von frher. Das Gepolter ber meinem Kopfe beginnt, ich werde von
Beklemmung angefochten, eine Furcht vor allem zeigt sich. Aber
ich lasse mir nicht beikommen und fahre fort, die spiritistischen
Zeitschriften zu lesen, whrend ich genau meine Gedanken und Handlungen
berwache.

Da werde ich nach ganz unzweideutigen Warnungen eines Nachts genau um
zwei Uhr von einer Herzaffektion geweckt.

Ich habe den Wink verstanden: Es ist verboten, in den Geheimnissen der
Mchte zu forschen. Ich schleudere die unerlaubten Bcher weg, und
sogleich kommt der Friede zurck; ein hinreichender Beweis fr mich,
das der hhere Wille befolgt worden ist.

Am folgenden Sonntag gehe ich in Notre-Dame und wohne der Vesper bei.
Von der Ceremonie ergriffen, obwohl ich kein Wort davon verstehe,
zerfliesse ich in Trnen und gehe mit der berzeugung fort, dass sich
hier in der Mutterkirche der erlsende Hafen befindet.

Doch nein, es war nicht so! Denn am Tage danach lese ich in La Presse,
dass der Abt des Solesmes-Klosters soeben wegen Sittlichkeitsvergehens
abgesetzt ist.

Bin ich denn immer ein Spielball, ein Gelchter fr die Unsichtbaren!
rief ich aus, von einem so gut gerichteten Stoss getroffen. Danach
schweige ich und unterdrcke die ungebhrliche Kritik, fest
entschlossen, abzuwarten!

Das nchste Buch, das mir zufllig in die Hand fllt, lsst mich die
Absichten meines Lenkers hervorschimmern sehen. Es ist die "Versuchung
des heiligen Antonius" von Flaubert. "Alle diejenigen, die von
Sehnsucht nach Gott gemartert werden, habe ich verschlungen", sagt die
Sphinx.

Dieses Buch macht mich krank, und ich werde bange, wenn ich darin die
Gedanken erkenne, die ich in meinem Mysterienspiel ausgedrckt habe:
das Einsetzen des bsen in die Rechte des guten Gottes. Und ich werfe
es nach dem Durchlesen von mir als eine Versuchung des Teufels, der
es verfasst hat. "Antonius macht das Zeichen des Kreuzes und versinkt
wieder in Gebet." So schliesst der Verfasser sein Buch, und ich folge
seinem Beispiel.

Danach und zu rechter Stunde bekomme ich "En Route" von Huysmans. Warum
ist dieses Bekenntnis eines Okkultisten mir nicht frher in die Hnde
gefallen? Weil es notwendig war, dass zwei analoge Geschicke sich
parallel entwickelten, damit das eine mittelst des andern gestrkt
werden knnte.

Ein Neugieriger, der die Sphinx herausfordert und von dieser
verschlungen wird, damit seine Seele am Fusse des Kreuzes erlst werde.

So, nun mag meinetwegen ein Katholik zu den Trappisten gehen und vor
dem Priester beichten, fr mein Teil aber drfte es gengen, dass ich
mea culpa schriftlich coram populo bekannt habe. brigens knnen die
acht Wochen, die ich in Paris zugebracht habe, whrend ich dieses Buch
schrieb, gegen den Eintritt in das Kloster und mehr noch aufgehen, weil
ich vollstndig wie ein Eremit gelebt habe.

Eine kleine Kammer, nicht grsser als eine Klosterzelle, mit
Gitterfenstern oben unter der Decke, hat mir zu Wohnung gedient. Durch
das Gitter in der Fensterffnung, die nach einem tiefen Hof zu geht,
kann ich ein Stck vom Himmel sehen und eine graue Wand mit Efeu, der
hinaufklettert dem Lichte zu.

Die Einsamkeit, die an und fr sich schrecklich ist, wird noch dsterer
im Restaurant unter einer lrmenden Schar Leute, zwei Male am Tage.
Dazu die Klte, ein bestndiger Zug quer durchs Zimmer, von dem ich
eine fressende Neuralgie bekommen habe; Sorgen, binnen kurzem ohne
Hilfsmittel dazustehen, die Rechnung, die bestndig wchst. Mchte
glauben, dass das verschlgt!

Und dann die Gewissensbisse! Frher, als ich mich selbst fr
verantwortlich ansah, war es nur die Erinnerung an begangene
Dummheiten, die mich peinigte. Jetzt ist es das Bse selbst, meine
schlechten Handlungen, die meine Geissel ausmachen. Und zum berfluss
erscheint mir mein vergangenes Leben als ein einziges Gewebe von
Verbrechen, wie ein Gewirr von Gottlosigkeiten, Bosheiten, Missgriffen,
Grobheiten in Wort und Handlung. Ganze Szenen aus meiner Vergangenheit
rollen sich vor meiner Anschauung auf. Ich sehe mich in der einen
und der andern Situation, und immer ist es eine abgeschmackte. Ich
wundere mich, dass jemand mich hat lieben knnen. Ich klage mich alles
Mglichen an; keine Niedrigkeit, keine widrige Handlung, die nicht
mit schwarzer Kreide auf dem weissen Schleier steht. Ich werde von
Entsetzen vor mir selbst erfllt und mchte sterben.

Es gibt Augenblicke, da die Schamrte das Blut in meine Wangen jagt,
bis in meine Ohrlppchen. Selbstsucht, Undankbarkeit, Groll, Neid,
Hochmut, all die Todsnden fhren ihren Gespenstertanz vor meinem
erwachten Gewissen aus.

Und whrend mein Gemt sich martert, verschlechtert sich mein
Gesundheitszustand, vermindern sich die Krfte, und mit dem
Hinschwinden des Krpers beginnt die Seele ein Vorgefhl von ihrer
Befreiung aus dem Schmutz zu bekommen.

Ich lese gegenwrtig Tpffers "Presbytere" und Dickens'
Weihnachtserzhlungen, und die schenken mir eine unsgliche innere
Ruhe und Freude. Ich kehre zu den Idealen meiner besten Jugendzeit
zurck und nehme von neuem die Kapitale, die ich im Spiel des Lebens
verloren habe, in Besitz. Der Glaube kommt zurck, das Vertrauen zu
der natrlichen Gte der Menschen, der Glaube an die Unschuld, die
Uneigenntzigkeit, die Tugend!

Die Tugend! dieses Wort ist verschwunden aus den modernen Sprachen, es
ist verworfen worden als durch und durch lgenhaft!

(In diesem Augenblick ersehe ich aus den Zeitungen, dass mein
Schauspiel "Frau Margit" in Kopenhagen aufgefhrt worden ist. In diesem
Stck siegen Liebe und Tugend, ganz wie im "Geheimnis der Gilde".
Das Schauspiel hat nicht gefallen, ebenso wenig jetzt wie bei der
ersten Auffhrung im Jahre 1882. Warum nicht? Weil man findet, es sei
veraltetes Geschwtz, diese Geschichte von der Tugend!)

Ich habe soeben wieder Maupassants "Horla" gelesen. Das ist ja das
Finale aus dem "Don Juan", nicht wahr? Jemand kommt, unsichtbar, mitten
in der Nacht ins Schlafzimmer hinein. Er trinkt Wasser und Milch und
schliesst damit, Blut aus dem armen Don Juan zu saugen, der, zu Tode
gejagt, gezwungen wird, Hand an sich selbst zu legen.

Dies ist etwas wirklich Erlebtes: ich kenne mich darin wieder, und ich
leugne nicht, dass eine Geistesstrung vorhanden ist, aber ich sehe
jemand dahinter.


Meine Gesundheit verschlechtert sich immer mehr, da Risse in den Wnden
sind, so dass Rauch und Kohlendunst in mein Zimmer eindringen. Als ich
heute auf der Strasse ging, bewegte sich das Pflaster unter den Fssen
gleich einem Schiffsdeck in langen Schwankungen. Nur mit merkbarer
Schwierigkeit kann ich die Hhe zum Luxemburggarten hinaufgehen. Der
Appetit wird immer geringer, und ich esse nur, um die Schmerzen im
Magen zu stillen.

Eine Erscheinung, die sich oft wiederholt nach meiner Ankunft in Paris,
hat mir verschiedenes zu denken gegeben. Im Innern meines Rockes, auf
der linken Seite, gerade da wo das Herz sitzt, hrt man nmlich ein
regelmssiges Klopfen; es erinnert an den Tick-tack-Laut, der in Wnden
von dem Kfer hervorgebracht wird, der in Schweden "Zimmermann" genannt
wird, aber auch "Totenuhr"; es soll jemandes Tod ankndigen. Ich glaube
erst, es sei meine Taschenuhr, aber das hielt nicht Stich, da das
Klopfen fortfuhr, nachdem ich die Uhr weggelegt hatte. Es sind auch
nicht die Federn meiner Tragbnder oder das Futter der Weste. Ich nehme
die Deutung der Totenuhr an, weil die mir am meisten behagt.

Vor einigen Nchten hatte ich einen Traum, der aufs neue meine
Sehnsucht weckte, sterben zu drfen, indem er mir die Hoffnung auf ein
besseres Dasein wiedergab, wo man keine Gefahr luft, einen Rckfall in
die Qual des Lebens zu tun.

Als ich auf einem Vorsprung, der von einer jhen in Dunkel gehllten
Tiefe begrenzt wurde, zu weit vorgetreten war, fiel ich mit dem Kopf
voran in einen Abgrund. Aber ich fiel eigentmlicher Weise hinauf statt
hinunter. Und unmittelbar umgeben wurde ich von einem blendendweissen
Lichtschimmer, und ich sah----

Was ich sah, flsste mir zwei gleichzeitige Vorstellungen ein: ich
bin tot, und ich bin erlst! Und ein Gefhl der hchsten Seeligkeit
umhllte mich bei dem Bewusstsein, dass das andere nun zu Ende sei.
Licht, Reinheit, Freiheit erfllten mein Gemt, und indem ich ausrief:
Gott!, empfand ich die Gewissheit, dass ich Vergebung bekommen habe,
dass die Hlle hinter mir liege, dass sich der Himmel ffne.

Seit dieser Nacht fhle ich mich noch heimatloser als vorher hier in
der Welt, und gleich einem mden, schlfrigen Kinde verlange ich, "heim
gehen" zu drfen, den schweren Kopf an einen mtterlichen Busen zu
legen, im Schoss einer Mutter zu schlafen, der keuschen Gattin eines
unermesslich grossen Gottes, der sich mein Vater nennt und dem ich
nicht zu nahen wage.

Aber dieser Wunsch verbindet sich mit einem andern: nmlich die Alpen
zu schauen und genauer bestimmt die Dent du Midi im Kanton Wallis. Ich
liebe diesen Berg mehr als die andern Alpen, ohne erklren zu knnen
weshalb. Vielleicht dass es die Erinnerung an meinen Aufenthalt am
Genfersee ist, wo ich die "Utopien in der Wirklichkeit" (Schweizer
Novellen) schrieb, und an die Landschaft dort, die mich an den Himmel
"erinnerte".

Dort habe ich die schnsten Stunden meines Lebens gelebt, dort habe
ich geliebt! Geliebt Frau, Kinder, die Menschheit, das Weltall, Gott!

"Ich hebe meine Hnde auf zu Gottes Berg und Haus!"

Paris, Oktober 1897.





Zweiter Teil


Jakob ringt

(Ein Fragment)


Als ich Ende August 1897 nach Paris zurckkehrte, fand ich mich
pltzlich isoliert. Mein Freund der Philosoph, dessen tgliche
Gesellschaft fr mich eine moralische Sttze geworden war, und der
versprochen hatte, mir nach Paris zu folgen, um dort den Winter
zuzubringen, hat sich in Berlin verzgert. Er ist nicht imstande, zu
erklren, was ihn in Berlin zurckhlt, da Paris das Ziel seiner Reise
ist und er vor Verlangen brennt, die Lichtstadt zu schauen.

Ich habe nun drei Monate auf ihn gewartet und bekomme den Eindruck,
dass die Vorsehung unter vier Augen mit mir hat sein wollen, um mich
von der Welt los zu machen, mich in die Wste zu treiben, auf dass
die Zuchtgeister dort meine Seele recht schtteln und sieben knnten.
Und darin hat die Vorsehung recht getan, denn die Einsamkeit hat mich
erzogen, indem sie mich zwang, auf die mssig zugenommenen Freuden
des Verkehrs zu verzichten, und mich jeder Sttze eines Freundes
beraubte. Ich habe mich gewhnt, zum Herrn zu sprechen, mich nur ihm
anzuvertrauen, und habe so gut wie aufgehrt, Bedrfnis nach Menschen
zu empfinden; was mir stets vorgeschwebt hat als das Ideal von
Unabhngigkeit und Freiheit.

Selbst dem Kloster, in dem ich den Schutz der Religion und der
Geselligkeit fr mich erwartete, muss ich entsagen. Das Leben des
Eremiten war mir auferlegt, und ich habe es hingenommen als eine
Strafe und eine Erziehung, trotzdem es einem hart ankommt, im Alter
von achtundvierzig Jahren seine eingewurzelten Gewohnheiten gegen neue
vertauschen zu mssen.

Ich wohne in einer kleinen Kamme, eng wie eine Klosterzelle, mit einem
vergitterten Fensterloch oben unter der Decke, das auf einen Hof und
eine Steinwand mit ungeheurem Efeu geht.

Dort sitze ich nach meinem Morgenspaziergang, bis halb sieben Uhr
abends; das Frhstck lasse ich auf einem Tablett herauftragen.

Abends gehe ich aus, um zu Mittag zu speisen, und gehe direkt, ohne mir
erst einen Appetit-Likr zu verschaffen, der mir jetzt zuwider ist.
Warum ich das kleine Restaurant am Boulevard St. Germain ausgewhlt
habe, wrde mir schwer fallen zu erklren. Vielleicht ist es eine
Erinnerung an die beiden schrecklichen Abende, die ich im vorigen Jahre
mit meinem okkulten Freund, dem Deutsch-Amerikaner, dort verbrachte,
die mich dort fest hext, bis zu dem Grad, dass jeder Versuch, nach
einem andern Ort zu gehen, mit einem Unbehagen schliesst, das ich
tendenzis nennen mchte und das mich zurck nach dieser Kneipe treibt,
die ich verabscheue. Und die Grnde dafr: mein frherer Freund hat
hier Schulden hinterlassen, und man hat mich als seinen Begleiter
erkannt. Aus dieser Ursache und weil man uns hat deutsch sprechen
hren, werde ich als Preusse behandelt, das heisst, sehr schlecht
bedient. Es hilft nicht, dass ich stille Proteste einlege, indem ich
meine Visitenkarte zurcklasse oder mit Absicht Briefumschlge, die
in Schweden abgestempelt sind, vergesse. Ich sehe mich gentigt, fr
den Schuldigen zu leiden und zu bezahlen. Kein anderer als ich sieht
die Logik in diesem Sachverhalt ein, dass es eine Shne ist fr ein
Vergehen.... Es ist ganz einfach eine Rechtsbung in untadeliger Form,
und zwei Monate lang kaue ich das entsetzlich schlechte Essen, das nach
der Anatomie riecht.

Die Wirtin, die bleich wie eine Leiche an der Kasse thront, grsst mich
mit einer triumphierenden Miene, und ich be mich in mir zu sagen:

Arme Alte, sie hat wohl 1871 whrend der Belagerung von Paris Ratten
essen mssen!

Aber es scheint, als ob sie Mitleid mit mir empfinde, als sie meine
dumpfe Ergebenheit und meine Ausdauer wahrnimmt. Es gibt Augenblicke,
da sie mir noch bleicher zu werden scheint, wenn sie mich so allein
kommen sieht, immer allein, und immer magerer. Es ist nur die nackte
Wahrheit: als ich mir nach zwei auf diese Weise verlaufenen Monaten
neue Halskragen anschaffte, musste ich an Stelle der Kragen von 47
Zentimeter solche von 43 kaufen, was 4 Zentimeter Unterschied macht.
Die Wangen sind hohl geworden und die Kleider hngen in Falten.

Da zeigt man sich auf einmal bemht, mir besseres Essen vorzusetzen,
und die Wirtin lchelt mich an. Im selben Augenblick hrte die
Verhexung auf, und ich ging meiner Wege, ohne Groll und wie von einer
Last befreit, mit der Gewissheit, dass die Sndenbusse fr meinen Teil
erfllt sei und vielleicht auch fr den meines abwesenden Freundes.
Falls es eine Einbildung von mir war, dass ich schlecht behandelt
worden sei, und falls die Wirtin ohne Schuld daran war, bitte ich sie
um Verzeihung; dann war ich es, der sich selbst gestraft hat, indem er
sich eine wohlverdiente Zchtigung gab.

"Die Zuchtgeister nehmen die Einbildungskraft des Strafwrdigen in
Besitz und wirken durch dieses Mittel zu seiner Besserung von der
Schlechtigkeit, indem sie ihn alles in entstellter Form wahrnehmen
lassen." (Swedenborg.)

Wie oft ist es mir nicht passiert, wenn ich mir eine wirklich feine
Mahlzeit hatte leisten wollen, dass alle Gerichte mir Ekel einflssten,
als ob sie faul wren, whrend meine Tischkameraden sich einstimmig in
Lobreden ber das gute Essen ergossen!

Der "bestndig Unzufriedene" ist ein Unglcklicher unter der Geissel
der Unsichtbaren, und mit allem Grund weicht man ihm aus, denn er ist
dazu verurteilt, ein Freudenstrer zu sein, der, zur Einsamkeit und
deren leiden verurteilt, verborgene Versehen shnt.

So bleibe ich denn mit mir allein, und als ich, nachdem ich ganze
Wochen lang nicht Gelegenheit gehabt habe, meine eigene Stimme zu
hren, jemand aufsuche, berhufe ich diesen Unglcklichen so mit
meinem Redefluss, dass er sich ermdet aus dem Spiele zieht und, ohne
es zu wollen, zu verstehen gibt, dass er das Zusammensein nicht zu
erneuern wnscht.

Es gibt andere Augenblicke, wo die Verlockung, ein menschliches Wesen
zu sehen, mich dazu treibt, schlechte Gesellschaft aufzusuchen. Dann
geschieht es, dass mitten im Gesprch ein Gefhl des Unbehagens, das
von Kopfschmerzen begleitet wird, mich ergreift; ich werde stumm, bin
unfhig, ein Wort hervorzubringen. Und ich sehe mich gentigt, den
Kreis zu verlassen, der nie zu zeigen versumt, wie zufrieden man ist,
eine unertrgliche Figur, die nichts dort zu tun hatte, los zu werden.

Zur Isolierung verurteilt, unter den Menschen in Acht erklrt, nehme
ich meine Zuflucht zu dem Herrn, der fr mich ein persnlicher Freund
geworden ist; oft ist er zornig auf mich, und dann leide ich; oft
scheint er abwesend zu sein, von anderer Seite in Anspruch genommen,
und dann ist es noch viel schlimmer. Aber wenn er gndig ist, wird mir
das Leben sss, besonders in der Einsamkeit.

Ein eigentmlicher Zufall hat es gefgt, dass ich mich in der Rue
Bonaparte, der katholischen Strasse, niedergelassen habe. Ich wohne
gerade der Ecole des beaux-arts gegenber, und wenn ich ausgehe,
wandre ich durch eine Allee von Schaufenstern, wo Puvis de Chavannes'
Legenden, Botticellis Madonnen, Raffaels Jungfrauen mich zum oberen
Teil der Rue Jacob begleiten; von dort folgen mir die katholischen
Buchhandlungen mit ihren Gebetbchern und Missalen bis zur Kirche St.
Germain des Pres. Die Lden mit ihren Andachtsgegenstnden bilden
von dort ein Spalier von Erlsern, Madonnen, Erzengeln, Engeln,
Dmonen und Heiligen, all den vierzehn Stationen in Christi Leiden,
der Weihnachtskrippe; dies alles zur Rechten; und linker Hand fromme
Bilderbcher, Rosenkrnze, Gottesdienstgewnder und Altargefsse, bis
zum Saint-Sulpice-Markt, wo die vier Lwen der Kirche, mit Bossuet an
der Spitze, den gttlichsten Tempel in Paris bewachen.

Nachdem ich dieses Repertorium der Heiligen Geschichte musternd
durchgangen bin, trete ich oft in die Kirche, um mich an Eugne
Delacroix' Gemlde "Jakob ringt mit dem Engel" zu strken. Die Sache
ist die, dass diese Szene mir stets etwas zu denken gibt, indem
sie gottlose Vorstellungen bei mir weckt, trotz dem Orthodoxen im
Gegenstande. Und wenn ich durch die Knienden wieder hinausgehe, bewahre
ich die Erinnerung an den Ringer, der sich aufrecht hlt, obgleich
seine Hftsehne gelhmt worden ist.

Danach gehe ich am Jesuitenseminar vorbei, einer Art furchtbaren
Vatikan, das unermessliche Fluten seelischer Kraft ausdnstet;
deren Wirkungen machen sich von weitem fhlbar, wenn man den
Theosophen glauben darf. Ich bin nun an meinem Ziel angekommen, dem
Luxemburg-Garten.

Schon seit meinem ersten Besuch in Paris 1876 hat dieser Park eine
geheimnisvolle Anziehungskraft auf mich ausgebt. Es war mein Traum, in
seiner Nhe wohnen zu drfen. Dieser Einfall wurde 1883 Wirklichkeit.
Von der Zeit an, jedoch mit Unterbrechungen, ist dieser Garten meinen
Erinnerungen einverleibt worden, in meine Persnlichkeit bergegangen.
Obgleich in Wirklichkeit nur mssig ausgedehnt, ist er in meiner
Einbildung unermesslich gross. Ganz wie die heilige Stadt im Buch der
Offenbarung hat er zwlf Tore, und, um die hnlichkeit voll zu machen,
"nach Osten drei Tore, nach Norden drei Tore, nach Sden drei Tore,
nach Westen drei Tore" (Offenbarung, 21, 13). Und jeder Eingang schenkt
mir einen verschiedenen Eindruck, der auf Anordnung der Pflanzungen,
der Gebude, der Statuen beruht, oder, auch auf persnlichen
Erinnerungen, die damit verknpft sind.

So fhle ich mich herzensfroh, wenn ich durch das erste Tor von der
Rue de Luxembourg eintrete, wo man vom Saint-Sulpice kommt: die
efeubewachsene Htte des Wrters erzhlt mir ein nicht herausgegebenes
Idyll mit Ententeich und Paulownien. Weiterhin liegt das Museum fr die
Gemlde lebender Knstler in klaren, sonnigen Farben. Der Gedanke, dass
meine Jugendfreunde Carl Larsson, der Bildhauer Ville Vallgren, Fritz
Thaulow dort Stcke ihrer Seele niedergelegt haben, strkt und verjngt
mich; ich fhle die Strahlung ihres Geistes durch die Mauern dringen
und mich einladen, Mut zu fassen, da ich Freunde ganz nahe habe.

Weiter hin haben wir Eugne Delacroix, dessen Lorbeeren von Zeit und
Nachwelt in Frage gestellt werden.

Das zweite Tor von denen, die nach der Rue des Fleurus gehen, fhrt
mich auf die Rennbahn, die breit wie ein Hippodrom ist und mit einer
Blumen-Terrasse endet, wo der Sieg in Marmor als Malpfeiler steht und
von wo in der Ferne das Pantheon mit dem Kreuz zu sehen ist.

Das dritte Tor bildet die Fortsetzung der Rue Vanneau und fhrt mich
in eine dmmerige Allee, die sich links in eine Art elysisches Feld
verliert. Dort haben die Kinder ihre Spielpltze und erfreuen sich an
den Holzpferden, die mit Lwen, Elefanten und Kamelen zusammengehen,
ganz wie im Paradies; weiter hin das Ballspiel und das Kindertheater
zwischen Blumenquadraten, das goldene Zeitalter, Noahs Arche: der
Frhling des Lebens begegnet mir dort im Herbste meines Lebenslaufes.

Auf der Sdseite, nach der Rue d'Assas, geben mir der Obstgarten und
die Baumschule ein Bild des Hochsommers; die Bltezeit ist aus! Es ist
die Jahreszeit der Frchte; und die Bienenstcke daneben mit ihren
brgerlich angelegten Einwohnern, die Goldstaub fr den Winter sammeln,
verstrken den Eindruck des reifen Alters.

Das zweite Tor gerade gegenber dem Lyzeum Louis le Grand tut
eine paradiesische Landschaft auf. Sammetgleiche Grasmatten mit
bestndig jungem Grn; hier und dort ein Rosenbusch und ein einziger
Pfirsichbaum; ich werde nie vergessen, wie dieser eines Frhlings, mit
seinen Blten in der Farbe der Morgenrte geschmckt, mich verlockte,
eine ganze halbe Stunde im Anschauen oder richtiger in Anbetung vor
seiner kleinen schmchtigen, jugendlichen, jungfrulichen Gestalt zu
verweilen.

Die Avenue de l'Observatoire schliesst am Tor des Haupteingangs, das
mit seinen vergoldeten Fasces wirklich kniglich ist. Da dieses zu
majesttisch fr mich ist, bleibe ich gewhnlich draussen stehen:
morgens bewundere ich den Palast, abends betrachte ich die Lichtlinien
des Montmartre ber den Dachstuben und bei klarem Wetter den Grossen
Bren und den Polarstern; die kreisen ber dem grossen Gittertor, das
mir bei meinen astrologischen Betrachtungen zum Mauerquadranten dient.

Die stliche Seite versucht mich nur mit dem Tor von der Rue Soufflot.
Von dort habe ich meinen Garten entdeckt, dieses Meer von Grn mit den
entzckend feinen Linien der Riesenplatanen und in blauender Ferne voll
von Geheimnissen; damals kannte ich die Rue de Fleurus noch nicht, die
mir spter als Propyle zu einem neuen Leben so lieb wurde. Dort pflege
ich einen Rckblick ber die zu Ende gelaufene Bahn zu werfen, die vom
Teich unterbrochen wird und auf dieser Seite von dem kleinen David mit
dem zerbrochenen Schwert.

Eines Morgens im vorigen Herbst zeigte die Wasserkunst das Schauspiel
eines Regenbogens. Das brachte mir den Frbereiladen der Rue de Fleurus
wieder in Erinnerung, wo mein Regenbogen ausgespannt war als ein
Zeichen meines Bundes mit dem Herrn der Ewigkeit. (Siehe "Inferno".)
Wenn ich an den Abhang der Terrasse trete, habe ich an der Statuenreihe
von Frauen vorbeizugehen, die mehr oder minder Kniginnen oder
Missetterinnen gewesen sind; und ich bleibe an der grossen Treppe
stehen, die zur Frhlingszeit von blhenden Rotdorn gekrnt ist, einer
Einrahmung zu diesem ausgedehnten Blumenzirkus. Im Herbst bekomme ich
von den Granatbumen und den Rosenlorbeeren (Nerium), hundertjhrigen,
fast historischen Exemplaren, wie den Fcherpalmen, welche die
ungeheuren Chrysanthemum-Rabatten einfassen, um die sich Schmetterlinge
tummeln, Turteltauben girren, Kinder lachen, Illustrationen zu den
Feenmrchen.

Und oben ber den Sykomoren und den Spitzen Klein-Luxemburgs die
Zwillingstrme von Saint-Sulpice, die keinen andern gleichen und nicht
einmal sich gegenseitig.

Die Nordseite gibt Zutritt durch drei Tore, aber ich mache nur
von zweien Gebrauch, weil das dritte von einem Soldaten bewacht
wird. Das Tor vom Odeon bildet eine Opernouvertre: das antike und
einzigdastehende Haus, in dem sich alle Gttinnen des Gesanges unter
den Arkaden zusammengefunden haben, stimmt zu der soliden Freude des
Herzens, das nach Schnheit und Wissen begehrlich ist. Die Ecke der
Jugenddichter Murger und de Banville ladet unmittelbar zu jugendlichen
Schwrmereien ein, den Trumen des zwanzigjhrigen Studenten.

Die Medici-Fontaine, ein ovidianisches Gedicht in weissem Marmor,
befindet sich in einer neuen Auflage am Teiche; da bleiben die Raben
stumm stehen angesichts der jungen Liebe, die sich ohne Scham vor den
Augen des schwarzen Zyklopen (er hat zwei) entfaltet, whrend das
Ganze von jungem Weinlaub umkrnzt und von den schnsten Platanen in
Frankreich berschattet ist.

Das ist schn! Das ist ein Fest! Ein heidnisches! Orpheisch! Und
trauervoll zugleich, wehmtig wie die Elegie von einer Liebe, die eine
unglckliche Wendung fr Galatea nehmen wird, denn deren Akis wird
durch einen Felsblock, den ein Polyphem schleudert, zermalmt werden.

Das letzte Tor, das beim Museum, behlt den gemischten Eindruck
von dem Geier, der ohne sichtbaren Grund auf das Haupt der Sphinx
herabgestossen ist, und von Heros Kuss auf Leanders Stirn, als er
von vorzeitigem Tod geerntet wird, infolge eines Unglcksfalls,
der leicht vorherzusagen gewesen wre. Danach nehme ich noch ein
wenig Landkennung, indem ich am Museum fr zeitgenssische Meister
vorbeistreife, und vertiefe mich in die Rosengartenallee mit ihren
Zehntausenden von Rosen.

Das ist mein Morgenspaziergang; und indem ich das Eingangstor whle,
stimme ich meinem Gemtszustand nach der Tonweite, die ich wnsche.
Fr den Rckweg benutzte ich den Boulevard Saint-Michel und fasse die
Turmspitze der Sainte-Chapelle ins Auge; die leitet mich zwischen
den Blindschren der Eitelkeit hindurch, die in den Ladenfenstern
ausgebreitet und den Trottoiren in Form von Freudenmdchen und Kindern
der Welt ausgestellt ist. Wenn ich am Saint-Michel-Markt ankomme,
fhle ich mich beschtzt von dem erhabenen Erzengel, der die Schlange
ttet. Nicht der Eidechsenschwanz macht, dass man in diesem Kunstwerk
den bsen Geist offen zutage hat; auch nicht die Widderhrner oder die
erhobenen Augenbrauen, sondern der Mund, der in den Mundwinkeln nicht
schliesst, whrend die Lippen vorn zusammengekniffen werden, um die
vier Vorderzhne zu verbergen. Die Eckzhne knnen nicht versteckt
werden, und das grausame Lcheln, das sich gleichsam abseits Luft
macht, enthllt das unsterbliche Bse, das mit der Speerspitze im
Herzen noch hhnisch grinst.

Drei Male in meinem Leben bin ich diesem Munde begegnet: bei einem
Schauspieler, einer Malerin und noch einer Frau, und ich habe mich nie
darin betrogen.

Der Augustiner-Quai fhrt mich, nachdem ich einen Blick auf Notre-Dame
geworfen habe, durch eine Allee von Bchern und Platanen zur Mndung
der Rue Dauphine bei deren Zusammenfluss mit dem Pont-neuf.

Das ist der farbenreichste offene Platz, und er macht mich so froh,
dass ich die Lust fhle, mich auf der Terrasse des Weinhndlers
niederzulassen und dort das Ende meiner Tage zu erwarten. Eine
Landschaftsecke mit den schnsten Platanen; Heinrich IV., diese
Inkarnation von Frankreich; und die Naturalienhndler, die hier
den Platz der Antiquare mit ihren Ksten einnehmen, in denen man
Schmetterlinge, Schnecken, edle oder wenigstens funkelnde Steine sieht;
ferner all diese Schilder in lebhaften Farben, Weinflaschen, Gemse;
und vor allem der Gedanke, dass dies der Pont-neuf ist, die schnste
Brcke von Europa mit ihren Masken von Waldgttern, Dryaden, Satyrn,
zaubert mich an diesem Platz fest. Oder vielleicht, weil verschiedene
frohe Begebenheiten in der Zeit, die vergangen ist, diesen Kreuzweg zum
Treffpunkt gewhlt haben und weil das Lachen noch in der Luft weht,
abgeprallt vom Boden und den Mauern, die seine Wellenbewegungen bewahrt
haben.

Das Mnzhaus, vornehm, feierlich und schweigsam, ein Palast so gut wie
einer, verschlossen, gibt einem keine Ahnung von dem kleinlichen Gold,
das in den Kellern angehuft liegt.

Das Institut, das die Arme dem Louvre zustreckt, gleicht dem
Sonnenlustschloss eines Riesen, so hoch sind die Fenster. Und der
Palast auf der anderen Seite des Flusses, das ist nicht ein Gebude,
das ist eine ganze Bergkette, wo ein Riese wohnt, ein Nachkomme der
Atlantiden, der noch im Schlaf versenkt ist, auf dass er seine Krfte
fr den Tag der Auferstehung sammle. Vor einigen Abenden, als ich
am Palais Mazerin vorbeiging, war die Sonne hinter den Hhen von
Passy untergegangen, aber ihre letzten Strahlen spiegelten sich in
den Fensterscheiben des Louvre wieder; und als ich ein Stck weiter
gekommen war, sah ich die Fenster der Tuilerien aufglnzen, eins nach
dem andern, bis zum Pavillon der Flora. Die magische Wirkung liess mich
daran denken, dass Frankreichs Barbarossa erwacht sei, dass Ludwig der
Heilige seinen Krnungstag mit einem Galafeste feiere, zu dem alle
Monarchen der Erde in Bsserkuttte eingeladen seien, kniend bei der
Tafel zu bedienen.

Ich habe nun die mchtige Flutmndung der Rue Bonaparte erreicht.
Dieser Hohlweg bildet einen Abfluss fr die Viertel Montparnasse,
Luxembourg und teilweise Faubourg Saint-Germain. Man muss geschickt
manvrieren, um in den Ausfluss hinein zu dringen, versperrt wie er
ist von Fussgngern und Fuhrwerken, wo der feste Boden aus einem
meterbreiten Trottoir besteht. Indessen bin ich vor nichts so bange,
wie vor diesen Omnibussen, die mit drei weissen Pferden bespannt
sind, weil ich sie in Trumen gesehen habe; brigens erinnern diese
weissen Pferde vielleicht an ein gewisses Pferd, von dem im Buch der
Offenbarung erzhlt wird. Besonders abends, wenn sie aufeinander
folgen, je drei mit der roten Laterne darber, bilde ich mir ein, dass
sie die Kpfe mir zuwenden, mich mit boshaften Augen ansehen und mir
zurufen: Warte nur, wir werden dich schon fassen.

Mit einem Wort, das ist mein Circulus vitiosus, den ich zweimal am
Tage durchlaufe. Mein Leben ist in den Rahmen dieser Umlaufbahn so
vollstndig eingefasst, dass, nehme ich mir einmal die Freiheit,
einen andern Weg einzuschlagen, ich in die Irre gerate, als habe ich
Stcke meines Ichs, meine Erinnerungen, meine Gedanken, sogar meine
Ergebenheitsgefhle verloren.


Eines Sonntagnachmittags im November begab ich mich nach dem
Restaurant, um zu essen, allein. Zwei kleine Tische sind auf das
Trottoir am Boulevard St. Germain gestellt, zu ihren Seiten stehen zwei
grne Tpfe mit Oleandern und zwei Bastmatten, die Schutzwnde bilden,
beschatten sie. Die Luft ist weich und still, die angezndeten Laternen
beleuchten das lebensvollste kinematographische Bild, da Omnibusse,
Kaleschen, Droschken von den Waldparks festlich gekleidete lustige
Menschen heimfahren, die singen, Horn blasen und die Fussgnger anrufen.

Als ich mit der Suppe beginne, kommen meine beiden Freunde, zwei
Katzen, und nehmen ihre gewhnlichen Pltze zu beiden Seiten von mir
ein, auf das Fleischgericht wartend. Da ich meine eigne Stimme mehrere
Wochen lang nicht gehrt habe, halte ich eine kleine Rede an sie, ohne
Antwort zu bekommen. Zu dieser stummen und hungrigen Gesellschaft
verurteilt, wie ich schlechter Gesellschaft ausgewichen bin, in der
mein Ohr von gottloser und plumper Rede verletzt wurde, fhle ich eine
Emprung in mir gegen eine solche Ungerechtigkeit. Ich verabscheue
nmlich Tiere, Katzen wie Hunde, wie es mein Recht ist, das Tier in
meinem Innern zu hassen.

Wie kommt es, dass die Vorsehung, die sich Umstnde mit meiner
Erziehung macht, mich immer an schlechte Gesellschaft verweist, whrend
eine gute eher geeignet sein wrde, mich durch die Macht des Vorbildes
zu bessern?

Im selben Augenblick kommt ein schwarzer Pudel mit rotem Halsband und
jagt meine Freunde vom Katzengeschlecht fort; nachdem er ihre Bissen
verschlungen hat, zeigt er seine Erkenntlichkeit, indem er meinen
Stuhlfuss nsst; dann nimmt der undankbare Cyniker eine sitzende
Stellung auf dem Asphalt ein und dreht mir den Rcken. Aus der Asche
ins Feuer! Sich zu beklagen, lohnt nicht, denn es knnte ja geschehen,
dass statt dessen Schweine kmen und mir Gesellschaft leisteten, wie
sie mit Robert dem Teufel oder Franz von Assisi taten. Man darf so
wenig vom Leben verlangen. So wenig! Und doch ist es zu viel fr mich.

Eine Blumenverkuferin bietet mir Nelken an. Warum gerade Nelken, die
ich verachte, weil sie rohem Fleisch gleichen und nach der Apotheke
riechen! Schliesslich nehme ich, um ihr zu Willen zu sein, ein Bschel,
das nach Belieben zu bezahlen ist; da ich die Entschdigung reichlich
zumesse, belohnt die Alte mich mit einem: Gott segne den Herrn, der
mir so hbsches Handgeld heute abend gegeben hat! Obwohl ich den Kniff
kenne, klingt der Segen lange und angenehm nach, denn ich habe ein
grosses Bedrfnis danach nach so vielen Flchen.

Um halb acht machten die Zeitungsverkufer mit Notrufen La Presse
bekannt, und das ist fr mich ein Signal aufzubrechen. Wenn ich sitzen
bleibe, um noch ein Dessert zu schmausen und ein extra Glas Wein zu
trinken, bin ich gewiss, auf die eine oder andere Weise gepeinigt
zu werden, sei es von einem Trupp Kokotten, die sich mir gegenber
niederlassen, oder von herumstreichenden Strassenjungen, die mich
beschimpfen. Ganz gewiss bin ich auf Dit gesetzt, und wenn ich drei
Gerichte und eine halbe Flasche Wein berschreite, findet sich die
Strafe ein. Nachdem die ersten Versuche, bei den Mahlzeiten unmssig zu
sein, auf diese Weise abgeschnitten sind, wage ich keine Ausschweifung
mehr und befinde mich zuletzt wohl dabei, auf halben Sold gesetzt zu
sein.

Ich stehe also vom Tisch auf, um mich nach der Rue Bonaparte zu begeben
und von dort hinauf nach dem Luxemburg-Garten.

An der Ecke der Rue Gozlin kaufe ich Zigaretten; gehe am Restaurant
"Goldfasan" vorbei. An der Ecke der Rue du Four halte ich mich bei
einem Christusbild von schlagendem Naturalismus auf. Die Kunst
der geistlich Gesinnten hat sich whrend ihrer Feldzge gegen die
Zola-Literatur der Geister des Realismus nicht erwehren knnen, und mit
Hilfe dieses Beelzebub soll der andere aus getrieben werden. Unmglich,
an diesen Bildern vorbei zu gehen, ohne sie zu betrachten, gemacht wie
sie sind nach lebenden Modellen und versehen mit den schreienden Farben
des Impressionisten.

Der Laden ist geschlossen, in Schatten gehllt, und der Erlser steht
da in seiner kaiserlichen Tunika, von den Gaslaternen beleuchtet, sein
blutendes Herz zeigend und die Dornenkrone ums Haupt. Seit mehr als
einem Jahre werde ich von dem Erlser verfolgt, den ich nicht verstehe
und dessen Hilfe ich berflssig machen mchte, indem ich mein Kreuz
selber trage, wenn es mglich ist. Das ist der Rest eines mnnlichen
Stolzes, der etwas Widriges in der Feigheit findet, seine Vergehen auf
die Schultern eines Unschuldigen zu werfen.

Ich habe den Gekreuzigten berall gesehen: in den Spielsachenlden,
bei den Bilderhndlern, in den Buchhandlungen, besonders auf den
Kunstausstellungen, im Theater, in der Literatur. Ich habe ihn auf
meinem Kissenbezug gesehen, auf den Feuerbrnden im Kachelofen, im
Schnee oben in Schweden und auf den Klippen an der Kste der Normandie.
Bereitet er seine Wiederkunft vor oder ist er schon angelangt? Was will
er?

Hier im Fenster in der Rue Bonaparte ist er nicht mehr der Gekreuzigte;
er kommt von seinem Himmel als Siegesherr, von Gold und Edelsteinen
glnzend. Ist er Aristokrat geworden wie das niedere Volk? Ist er es,
der "gute Tyrann", den die Jugend sich trumt, ein friedenstiftender,
erleuchteter Heros?

Er hat sein Kreuz weggeworfen und das Zepter wieder genommen; zur
selben Stunde, wie sein Tempel auf dem Mont de Mars (frher Mont des
Martyres genannt) fertig ist, wird er kommen und selbst die Welt
regieren; wird vom Thron stossen den ungetreuen Stellvertreter, der es
zu eng findet in den elftausend Zimmern, die man in "infamia Vaticani
loca" gezhlt hat; der sich ber seine luxusgefllte Gefangenschaft
beklagt und die Zeit mit kleinen Ausschweifungen auf das Feld der
Poesie ttet.

Den Erlser verlassend, wundere ich mich, als ich zum
Saint-Sulpice-Markt komme, dass die Kirche so sehr entfernt zu liegen
scheint. Sie hat sich mindestens ein Kilometer zurckgezogen, und
die Fontne im Verhltnis dazu. Habe ich den Sinn fr Distanzmessen
verloren? An den Mauern des Seminars entlang gehend, meine ich, es
nimmt nie ein Ende, so unermesslich kommt es mir diesen Abend vor. Ich
wende eine halbe Stunde an, um dieses Stckchen der Rue Bonaparte zu
gehen, das sonst nur fnf Minuten erfordert. Und vor mir her schreitet
eine Figur, deren Gang und Art mich an jemand erinnern, den ich kenne.
Ich beschleunige meine Schritte, ich laufe, aber der Unbekannte setzt
seinen Weg mit so genau bereinstimmender Schnelligkeit fort, dass es
mir nicht gelingt, den Abstand, der uns trennt, zu verkrzen.

Schliesslich habe ich das Gittertor des Luxemburg erreicht. Der
Garten, der bei Sonnenuntergang geschlossen wird, liegt in Ruhe und
Einsamkeit, die Bume sind nackt und die Rabatten von Frost und Strmen
des Herbstes verwstet. Aber er riecht gut, er dunstet einen Duft von
trocknen Blttern und frischem Humus aus.

Der Einhegung folgend, gehe ich die Rue de Luxembourg hinauf und sehe
immer vor mir den Unbekannten, der mich zu interessieren beginnt. In
eine Pilgerkutte gekleidet, die meiner gleicht, aber von opalweisser
Farbe, und schlanker und grsser als ich, geht er vorwrts, wenn ich
es tue, bleibt stehen, wenn ich stehen bleibe; er scheint von meinen
Bewegungen abzuhngen, und es sieht aus, als sei ich sein Wegweiser.
Aber ein Umstand zieht ihm ganz besonders meine Aufmerksamkeit zu,
nmlich, dass sein Mantel in einem heftigen Wind flattert, von dem ich
nichts merke. Um darber ins klare zu kommen, znde ich eine Zigarette
an; da ich wahrnehme, wie der Rauch gerade aufsteigt, ohne nach der
Seite abzuweichen, wird meine berzeugung, dass es nicht windig ist,
besttigt. brigens rhren sich die Bume und Bsche drinnen im Garten
nicht.

Nachdem wir zur Rue Vavin gekommen sind, biege ich rechts ab und im
selben Augenblick finde ich mich vom Trottoir mitten in den Garten
versetzt, ohne zu verstehen, wie es zugegangen ist, da die Pforten
geschlossen waren.

Vor mir, zwanzig Schritte entfernt, steht mein Begleiter, mir
zugewendet, und sein bartloses, blendendweisses Gesicht breitet einen
leuchtenden Dunstkreis in Form einer Ellipse, deren Mittelpunkt von
dem Unbekannten eingenommen wird. Nachdem er mir ein Zeichen gegeben
hat, ihm zu folgen, geht er weiter und fhrt seinen Strahlenkranz mit
sich, so dass der dstere, kalte und schmutzige Garten hell wird, wo
er geht. Und noch mehr, die Bume, die Bsche, die Kruter grnen und
kleiden sich in Blten, und zwar in einer Ausdehnung, die mit dem
Bereich seiner Strahlenglorie bereinstimmt, erlschen aber wieder,
wenn er vorbei ist. Ich kenne die grossen Cannagewchse mit Blttern
wie Elefantenohren oberhalb der Statuengruppe Adam und seine Familie
wohl wieder, wie das Beet von Salvia fulgens, der feuerroten Salbei,
den Pfirsichbaum, die Rosen, die Bananenpflanze, die Aloen, alle meine
alten Bekannten und jeder auf seinem Platz. Das einzige ist, dass die
Jahreszeiten durcheinander gemischt zu sein scheinen, so dass die
Frhlingsblumen gleichzeitig sind mit den Herbstblumen.

Was mich aber am allermeisten verwundert, ist, dass nichts von all
dem mich verwundert, sondern dass alles erscheint, als sei es ganz
natrlich und wie es sein soll. So, als ich am Bienengarten vorbeigehe,
schwrmt ein Bienenschwarm um die Stcke und nimmt die Blumen daneben
in Angriff, aber auf einem so genau abgesteckten Umkreis, dass die
Insekten im selben Augenblick, wie sie in den Schatten hineinfliegen,
verschwinden, und dass der beleuchtete Teil einer Salbei mit Blttern
und Blten bedeckt ist, whrend der beschattete Teil welk und vom Reif
schwarzgebrannt bleibt.

Unter den Kastanienbumen wird das Schauspiel hinreissend schn, als
unter dem Laubwerk ein leeres Waldtaubennest auf einmal von girrenden
Gatten eingenommen ist.

Schliesslich sind wir am Fleurus-Tor angelangt, wo mein Wegweiser mir
ein Zeichen gibt, stehen zu bleiben, und in einer Sekunde ist er an das
andere Ende des Gartens, ans Gay-Lussac-Tor, versetzt; eine Entfernung,
die mir unermesslich erscheint, obgleich sie nur ein halbes Kilometer
umfasst; und trotz der Entfernung kann ich den Unbekannten von seinem
ovalen Lichtrand umgeben sehen. Ohne ein Wort hervorzubringen, befiehlt
er mir mit kleinen Bewegungen der Mundmuskeln, mich zu nhern. Ich
glaube seine Ansicht zu begreifen, in dem ich die endlose Allee
zurcklege, den Hippodrom, den ich seit Jahren wohl kenne; in der Ferne
begrenzt ihn das Kreuz des Pantheon, das sich in blutroter Farbe auf
dem schwarzen Himmel abzeichnet.

Der Weg des Kreuzes, und vielleicht die vierzehn Stationen! wenn ich
nicht irre. Ehe ich beginne mache ich Zeichen, dass ich sprechen,
fragen, Aufklrung erhalten will; und mein Wegweiser antwortet mit
einer Neigung des Hauptes, dass er bereit sei, zu hren, was ich
vorzubringen habe.

Im selben Augenblick ndert der Unbekannte den Platz, ohne die kleinste
Bewegung oder das geringste Rascheln vernehmen zu lassen; das einzige,
was ich merke, ist, dass er, als er mir nher kommt, einen balsamischen
Duft verbreitet, der mein Herz und meine Lungen schwellen lsst und mir
Mut einflsst, den Strauss zu wagen.

Und ich beginne mein Verhr.

--Du bist es, der mich seit zwei Jahren verfolgt; was wnschest du von
mir?

Ohne den Mund zu ffnen, antwortet mir der Unbekannte mit einer Art
Lcheln voll bermenschlicher Gte, Nachsicht und Bildung:

--Warum fragst du mich, da du die Antwort selbst kennst? Und wie in
meinem Innern hre ich eine Stimme widerklingen:

--Ich wnsche dich zu einem hheren Leben zu erheben? Dich aus dem
Schmutz zu ziehen.

--Geboren aus dem Schmutz, geschaffen fr das Niedrige, mich vom
Moder nhrend, wie soll ich anders von der Grobheit befreit werden
als durch den Tod? Nimm denn mein Leben!--Du willst nicht! Die
auferlegten Strafen sollen also die Mittel zur Erziehung ausmachen.
Aber ich versichere dir, die Demtigungen machen mich hochmtig,
der Verzicht auf die kleinen Gensse des Lebens erzeugt Verlangen,
Fasten ruft Schwelgerei hervor, was nicht meine Haussnde ist; die
Keuschheit verschrft die Begierde des Fleisches, die aufgezwungene
Einsamkeit erzeugt Liebe zur Welt und ihren ungesunden Vergngungen,
Armut gebiert Geiz; und die schlechte Gesellschaft, auf die ich
angewiesen bin, flsst mir Menschenverachtung ein und erregt in mir
den Argwohn, dass die Gerechtigkeit schlecht gehandhabt wird. Ja, in
gewissen Augenblicken scheint es, als sei die Vorsehung ungengend
unterrichtet von ihren Satrapen, denen sie die Regierung ber die
Menschenwelt anvertraut hat; dass ihre Prfekten und Unterprfekten
sich Unterschleife, Flschungen, unbegrndete Anzeigen zu schulden
kommen lassen. So ist es mir geschehen, dass ich bestraft worden
bin, wo andere gesndigt haben; Prozesse gehalten worden sind, bei
denen ich nicht nur unschuldig war, sondern noch dazu Verteidiger der
Billigkeit und Anklger des Verbrechens; und gleichwohl hat die Strafe
mich getroffen, whrend der Schuldige triumphierte. Gestatte eine
offene Frage: sind etwa Frauen zu Mitregentinnen angenommen worden?
Die gegenwrtige Regierungsart scheint mir so reizbar, so kleinlich zu
sein, so ungerecht, ja ungerecht! Jedes Mal, wenn ich eine gerechte und
gesetzliche Sache gegen eine Frau gefhrt habe, ist sie, wie gemein sie
auch gewesen sein mag, freigesprochen und ich bin verurteilt worden!
Du willst nicht antworten! Und da forderst du von mir, dass ich die
Verbrecherischen lieben soll, die Seelenmrder, die das Gemt vergiften
und die Wahrheit verflschen, die Meineidigen! Nein, tausendmal nein!
"Ewiger, sollte ich nicht die hassen, die dich hassen? Sollte mir nicht
grauen vor denen, die sich gegen dich erheben? Ich hasse sie aus dem
Grunde: ich halte sie fr meine Feinde." So spricht der Psalmist, und
ich fge hinzu: ich hasse die Bsen, so wie ich mich selbst hasse!
Und mein Gebet ist dieses: Strafe, o Herr, die mich verfolgen mit
Lgen und Bosheiten, wie du mich gestraft hast, wenn ich boshaft und
lgnerisch gewesen war! Habe ich nun gelstert, habe ich nun den
Ewigen beschimpft, Jesu Christi Vater, den Gott des Alten und Neuen
Testamentes? Ehemals hrte er auf die Einwrfe der Sterblichen und
erlaubte den Angeklagten, sich zu verteidigen. Hre nur, wie Moses
seine Verteidigungsrede vor dem Herrn formte, als die Israeliten Ekel
vor dem Manna bekommen hatten: "Warum bekmmerst du deinen Diener? Und
warum finde ich nicht Gnade vor deinen Augen, dass du so die ganze Last
des Volkes auf mich legst? Habe ich nun alles dieses Volk empfangen und
geboren, dass du zu mir sagst: Trage sie auf deinen Armen, wie eine
Amme einen Sugling trgt, in das Land, das du ihren Vter zugeschworen
hast? Woher soll ich nun Fleisch nehmen, das ich allen diesem Volk
gebe? Denn sie weinen vor mir und sprechen: Gib uns Fleisch, dass wir
essen. Ich vermag nicht allein zu tragen alles dieses Volk, denn es ist
mir zu schwer." Ist das nicht Freimtigkeit von einem Sterblichen? Ist
sie ganz gebhrlich, diese Rede eines zornigen Dieners? Und sein Herr
erschlgt den Aufrhrerischen nicht mit dem Donnerkeil, sondern lsst
sich belehren und nimmt ihm seine Last ab, indem er siebzig Anfhrer
auswhlt, die mit Moses die Brde des Volkes teilen. Des Ewigen Art,
das Volk zu erhren, da es ihm um Fleisch zum Essen anruft, ist nur
ein bisschen verchtlich, wie die eines gutmtigen Vaters, der sich
den Wnschen seiner unverstndigen Kinder fgt: "Darum wird euch der
Herr Fleisch geben, auf dass ihr esset: Nicht einen Tag, nicht zwei,
nicht fnf, nicht zehn, nicht zwanzig Tage lang; sondern einen Monat
lang, bis dass es euch zur Nase ausgehe und euch ein Ekel werde." Das
ist ein Gott nach meinem Ideal, und er ist derselbe, den Hiob anruft:
"O, dass es dem Menschen erlaubt wre, mit Gott zu rechten, so wie
ein Mann tut mit seinem vertrauten Freund!" Aber ohne diesen Zustand
abzuwarten, nimmt der mit Unglck Geschlagene sich die Freiheit,
Erklrungen von dem Herrn zu verlangen ber die schlechte Behandlung,
der er ausgesetzt worden ist. "Ich werde zu Gott sagen: Verdamme mich
nicht; zeige mir, warum du gegen mich ins Gericht gegangen bist. Kann
es dir gefallen, mich niederzudrcken, deiner Hnde Werk zu verwerfen
und die Absichten der Boshaften zu frdern?" Das sind doch Vorwrfe
und Beschuldigungen, die der gute Gott ohne Groll hinnimmt, und auf
die er antwortet, ohne sich des Donners zu bedienen. Wo ist er, der
himmlische Vater, der zu den Torheiten der Kinder gutmtig lcheln und
verzeihen konnte, nachdem er gestraft hatte? Wo verbirgt er sich,
der Hausherr, der das Haus in guter Ordnung hielt und die Aufseher
berwachte, um Ungerechtigkeiten zu hindern? Ist er vom Sohn abgesetzt
worden, dem Idealisten, der sich nicht mit weltlichen Dingen befasst?
Oder berlieferte er uns dem Frsten dieser Welt, der Satan genannt
wird, als er nach dem Fall der ersten Menschen seinen Fluch ber die
Erde schleuderte?

Whrend dieser meiner unzusammenhngenden Verteidigungsrede betrachtete
der Unbekannte mich mit demselben nachsichtigen Lcheln, ohne Ungeduld
zu verraten; als ich aber zu Ende gekommen war, war er verschwunden,
eine erstickende Atmosphre von Kohlenoxyd um mich zurcklassend,
und ich fand mich einsam stehend auf der dsteren, schmutzigen,
herbstschauerlichen Rue Medicis.

Whrend ich den Boulevard St. Michel hinunterging, war ich auf mich
selbst rgerlich, dass ich die Gelegenheit versumt hatte, alles rund
heraus zu sagen. Ich hatte noch viele Pfeile im Kcher, wenn nur der
Unbekannte geruht htte, zu antworten oder eine Anklage gegen mich zu
richten.

Aber im selben Augenblick, wie sich jetzt die Menschenmenge um mich
drngt, im starken Schein der Gaslaternen, und alle Realitten der
ausgestellten Handelswaren mich wieder an das Leben in seiner ganzen
Kleinlichkeit erinnern, erscheint mir die Szene im Garten wie ein
Wunder, und ich eile erschreckt nach meiner Wohnung, wo Meditationen
mich in einen Abgrund von Zweifel und Angst versenken.

Etwas trgt sich zu in der Welt, und die Menschen warten auf etwas
Neues, das sich in Schimmern hat wahrnehmen lassen. Es ist das
Mittelalter, die Zeit des Glaubens und der Glaubenslehre, das in
Frankreich wieder im Anzuge ist, nachdem es durch den Sturz eines
Kaisertums und eines Miniatur-Augustus eingeleitet worden, ganz wie
beim Verfall der Rmermacht und den Einfllen der Barbaren; und man hat
Paris-Rom in Flammen stehen und die Goten sich im Kapitol-Versailles
krnen sehen. Die grossen Heiden Taine und Renan sind zur Vernichtung
hinabgestiegen und haben ihren Skeptizismus mit sich genommen; aber
Jeanne d'Arc ist wieder zum Leben erwacht. Die Christen werden
verfolgt, ihre Prozessionen von Gendarmen auseinander getrieben,
whrend an den Karnevalstagen Saturnalien gefeiert werden und ihre
Schndlichkeiten auf offener Strasse ausbreiten, unter dem Schutz
der Polizei und mit dem Gelde der Regierung, die den Unzufriedenen
zum Trost Circenses bietet, mit oder ohne durch Gladiatoren gefllte
wilde Tiere. Panem et circenses, (teures) Brot und Zirkusspiel! Alles
ist feil fr Geld; Ehre, Gewissen, Vaterland, Liebe, Rechtsprechung:
wahrhaftig beweisende und regelrechte Symptome des Auflsungsprozesses
einer Gesellschaft, bei der das Wort und die Sache Tugend seit dreissig
Jahren in den Bann getan ist.

Das ist doch Mittelalter, Tracht und Haar des Primitiv-Weibes. Die
jungen Mnner kleiden sich in Mnchskutten, schneiden das Haar mit
Tonsur und trumen von Klosterleben; schreiben Legenden und fhren
Mirakelspiele auf, malen Madonnen und schnitzen Christusbilder,
Eingebung aus der Mystik des Magiers holend, der sie mit Tristan und
Isolde, Parcifal und Gral verzaubert hat. Die Kreuzzge beginnen
von neuem, gegen Trken und gegen Juden; die Antisemiten und
Philhellenen sorgen fr die Sache. Die Magie und Alchemie haben
sich schon eingenistet, und man wartet auf den ersten beweisbaren
Fall von Verhexung, um den Scheiterhaufen zu errichten als Folge
der Hexenprozesse. Mittelalter! Die Wallfahrten nach Lourdes,
Tilli-sur-Seine, Rue Jean Goujon! Und selbst der Himmel gibt der dumpf
und stumpf gewordenen Welt Zeichen, sich bereit zu halten; der Herr
spricht durch Wasserhosen, Cyklone, berschwemmungen, Donnerschlge.

Mittelalter ist der Aussatz, der von neuem auftritt und gegen den die
rzte von Paris und Berlin soeben ein Bndnis geschlossen haben.

Das schne Mittelalter, als die Menschen zu geniessen und zu leiden
verstanden, als die Kraft und die Liebe, die Schnheit in Farbe,
Linienspiel und Harmonie sich zum letzten Mal offenbarten, ehe sie
durch die Renaissance des Heidentums, die man Protestantismus nennt,
ertrnkt und niedergesbelt wurden.


Der Abend ist da, und ich brenne vor Sehnsucht, die Begegnung mit dem
Unbekannten zu erneuern, wohl vorbereitet, wie ich jetzt bin, alles zu
gestehen, und mich zu verteidigen, ehe ich verurteilt werde.

Nachdem ich mein tristes Mittagessen eingenommen habe, gehe ich also
den Calvarienweg die Rue Bonaparte hinauf. Niemals ist mir diese
Strasse so gross vorgekommen, wie jetzt am Abend, und die Ladenfenster
ghnen wie Abgrnde, in denen Christus in vielfacher Gestalt auftritt,
bald gemartert, bald triumphierend. Und ich gehe und gehe, whrend mir
der Schweiss in grossen Tropfen rinnt und die Stiefelsohlen gegen die
Fsse brennen, ohne dass ich doch einen Schritt vorwrts komme. Bin ich
Ahasver, der dem Erlser einen Trunk Wasser verweigert hat, und bin ich
jetzt, da ich ihm zu folgen und ihm nachzueifern wnsche, unfhig, mich
ihm zu nhern?

Schliesslich und ohne selbst zu wissen wie, befinde ich mich vor dem
Fleurus-Tor und im nchsten Augenblick im Garten, der dunkel, feucht
und still da liegt. Sofort setzt ein Windstoss das Gerippe der Bume
in Zittern, und der Unbekannte nimmt eher Stellung, als dass er sich
nhert, in seiner Hlle von Licht und Sommer.

Mit demselben Lcheln wie das vorige Mal, ladet er mich mit einem
Zeichen ein, zu sprechen.

Und ich spreche!

--Was verlangst du von mir, und warum plagst du mich mit deinem
Christus? Vor einigen Tagen legtest du mir auf unverkennbare Weise
"Christi Nachfolge" in die Hand, und ich las das Buch wie in meiner
Jugend, als ich die Welt verachten lernte. Wie kann ich recht haben,
des Ewigen Schpfung und die schne Erde zu verachten? Und wohin hat
deine Weisheit mich gefhrt? Dazu meine Angelegenheiten zu versumen,
dass ich fr meine Mitmenschen eine Last geworden bin, dass ich als
Bettler geendet habe. Dieses Buch, das Freundschaft verbietet, das den
Verkehr mit der Welt in den Bann tut, das Einsamkeit und Entsagung
fordert, ist fr einen Mnch geschrieben und ich habe nicht das Recht,
Mnch zu werden und mich der Gefahr auszusetzen, dass meine Kinder aus
Mangel umkommen. Sieh, wohin die Liebe zu einsamen Leben mich gefhrt
hat! Auf der einen Seite befiehlst du ein Eremitenleben, und sobald
ich mich von der Welt zurckziehe, werde ich von den Dmonen der
Verrcktheit angegriffen, meine Angelegenheiten geraten in Unordnung,
und in meiner Isolierung besitze ich keinen Freund mehr, von dem ich
Hilfe begehren knnte. Auf der anderen Seite, sobald ich Menschen
aufsuche, treffe ich die Schlimmsten, die mich mit ihrem Hochmut
qulen, und zwar nach dem Mass meiner Demut; denn ich bin demtig
und behandle alle als gleiche, bis sie mich unter ihre Fsse treten;
dann benehme ich mich wie der Wurm, der den Kopf erhebt aber nicht zu
beissen vermag. Was verlangst du denn von mir? Mich um jeden Preis
martern zu knnen, ob ich deinen Willen tue oder ihn verachte! Willst
du mich zum Propheten machen? Das ist zu grosse Ehre fr mich, und ich
ermangele der Berufung. brigens kann ich die Haltung eines solchen
nicht anlegen, weil alle Propheten, die ich gekannt habe, schliesslich
entlarvt worden sind, halb als Charlatane, halb als verrckte Gesellen,
und ihre Prophezeiungen sind nie eingetroffen. Und noch mehr, wenn
du mir eine Berufung vorbehalten hast, msste ich mit der Gnade der
Auserwhlung beschenkt worden ein; msste befreit sein von allen
verderblichen Leidenschaften, die erniedrigend fr einen Prediger
sind; meine Lebensbahn msste von Anfang an untersttzt worden sein,
statt dass ich jetzt von der Armut beschmutzt worden bin, die den
Charakter verdirbt und einem die Hnde bindet. Es ist wohl wahr, und
ich gebe es zu, dass die Weltverachtung mich dazu gefhrt hat, mich
selbst zu verachten und meinen Ruf durch Geringschtzung der Ehre zu
schdigen; und ich gestehe ein, dass ich mich meiner Person schlecht
angenommen habe, aber das ist infolge der berlegenheit meines besseren
Ichs geschehen, das sich aus dem unreinen Futteral erhob, in das du
meine unsterbliche Seele gesteckt hast. Schon von den Kinderjahren
an habe ich Reinheit und Tugend geliebt, ja das habe ich. Und doch
hat mein Leben sich durch Unsauberkeit und Laster geschleppt, so dass
ich oft glaube, die Snden seien als Strafen auferlegt worden, und in
der Absicht, dauernden Ekel vor dem Leben selbst zu erzeugen. Warum
hast du mich zur Undankbarkeit verurteilt, die ich am meisten von
allen Lastern verabscheue? Mir, der von Natur erkenntlich ist, hast
du Schlingen gelegt, um mich zu zwingen, in Verbindlichkeit zu dem
ersten Besten zu geraten. So bin ich in Abhngigkeit und Sklaverei
verwickelt worden. Da die Wohltter als Entgelt die Gedanken, Wnsche,
Neigungen und Ergebenheitsgefhle verlangen, mit einem Wort die ganze
Seele, bin ich immer gezwungen worden, mich schuldbeladen und undankbar
zurckzuziehen, um meine Persnlichkeit und meine menschliche Wrde
zu retten; gezwungen worden, die Bande zu zerreissen, die meine
unsterbliche Seele zu erwrgen drohten. Und zwar mit der Seelenqual und
den Gewissensbissen eines Diebes, der mit fremdem Eigentum seiner Wege
geht.

Und jetzt, da ich anfange meine Seele zu pflegen nach den Geboten in
"Christi Nachfolge", ist es billig, von einem Menschen zu fordern,
dass er sich Gott selbst zum Muster nehmen und sich einbilden soll,
imstande zu sein, sich die Vollkommenheit des Vollkommenen zu
erwerben? Das heisst ihm Grssenwahn einblasen. Aber wenn er nun
durch die Unmglichkeit, dem Erlser nachzueifern, zur Einsicht ber
das Unsinnige seiner Absichten kommt, versinkt er in Verzweiflung
und endet damit, in der Erfllung seiner weltlichen Pflichten und in
geistigen Genssen Trost zu suchen. Wenn die Weisheit dieser Welt der
Verachtung wert ist, warum lsst du uns in Schulden erziehen, in denen
man Prgel bekommt, um die grossen Gelehrten verehren, die Heroen der
Literatur, Knste, Wissenschaft lobpreisen zu lernen? Nein, dem Ewigen
nachzueifern ist gottlos, und wehe dem, der sich die Fhigkeit zutraut.
Da ist es bescheidener Mensch zu bleiben und sich nach den Besten unter
den sndigen Sterblichen zu formen suchen, als davon zu trumen, den
Gttern gleich zu werden. In diesem Fall sndigt man wenigstens nicht
durch Hochmut, der die Todsnde ist. Jesu Christi Nachfolge macht mich
zu einem Heuchler. Indem ich meinen Hass gegen die Bsen unterdrcke,
lerne ich Nachsicht gegen die Bosheit und damit gegen mich selbst,
whrend ich in der Tiefe meines Herzens meinen gerechten Unwillen
bewahre. Bses mit Gutem vergelten, heisst das Laster, den Hochmut
ermuntern; und die Apostel haben mich gelehrt, dass man gegenseitig die
Fehler berichtigen soll, und ich versichere, dass meine Mitmenschen
mich nie geschont haben.

Genau genommen, habe ich dadurch, dass ich den Knigsweg des Kreuzes
whlte, mich in die Dornenhecken der Theologie verstrickt, so dass
Zweifel, schrecklicher als je, sich meines Geistes bemchtigt und
geradezu in mein Ohr geflstert haben, dass alles Unglck, alle
Ungerechtigkeit, das ganze Erlsungswerk nur eine ungeheure Prfung
sei, der man tapfer standhalten msse. In manchen Augenblicken glaube
ich, dass Swedenborg mit seinen grauenhaften Hllen nichts anders
ist als eine Feuer-und Wasserprobe, die man durchmachen muss; und
obgleich ich in einer Dankbarkeitsschuld, die nie bezahlt werden kann,
zu diesem Propheten stehe, der mich vom Wahnsinn gerettet hat, fhle
ich in meinem Herzen immer wieder ein brennendes Verlangen, ihn zu
verwerfen, ihm zu trotzen, als dem Geist einer Bosheit, der darauf
erpicht ist, meine Seele zu verschlingen, um mich zu seinem Sklaven zu
machen, nachdem er mich zu Verzweiflung und Selbstmord getrieben hat.
Ja, er hat sich zwischen mich und meinen Gott geschlichen, dessen Platz
er hat einnehmen wollen. Er ist es, der mich durch die Schrecken der
Nacht bezwingt, und mir mit Wahnsinn droht. Mag sein, dass er sein Amt
vollbracht hat, mich zum Herrn zurckzufhren, auf dass ich mich vor
dem Ewigen beuge! Mag sein, dass seine Hllen nur eine Vogelscheuche
sind, ich nehme sie hin als solche, aber ich glaube nicht mehr an sie,
und ich habe kein Recht, an sie zu glauben, ohne den guten Gott zu
verunglimpfen, der fordert, dass wir vergeben sollen, weil er selbst
vergeben kann. Wenn Unglck und Trbsale, die mich treffen, nicht
Strafen sind, so sind sie Aufnahmeprfungen. Ich bin geneigt sie auf
diese Weise auszulegen, und Christus mag das Muster sein, da er viel
gelitten hat, obwohl ich nicht begreife, wozu so viel Leiden dient,
wenn es nicht einen Vordergrund bilden soll, um die Wirkung der
zuknftigen Seeligkeit zu erhhen. Ich habe gesprochen! Gib mir jetzt
Antwort!

Aber der Unbekannte, der mit bewundernswerter Geduld zugehrt hatte,
antwortete nur mit einer Miene milden Spottes und verschwand, mich in
einer Atmosphre zurcklassend, die nach Phenol stank.

Hinaus auf die Strasse versetzt, werde ich nach meiner Gewohnheit
wtend, dass ich meine besten Argumente vergessen habe, die immer
auftauchen, wenn es zu spt ist; und nun rollt sich eine ganze lange
Rede auf, whrend mir das Herz schwillt und der Mut sich aufs neue
hebt. Der furchtbare und teilnehmende Unbekannte hatte mir ja auf
jeden Fall zugehrt, ohne mich zu zermalmen. Er hat also geruht, auf
Grnde zu hren, und er wird jetzt die Ungerechtigkeit erwgen, deren
Opfer ich gewesen bin. Vielleicht ist es mir geradezu gelungen, ihn zu
berzeugen, da er ja stehen blieb und keine Antwort gab.

Und die alte Einbildung, dass ich Hiob sei, schleicht sich in mein
Gemt. Ich habe ja wirklich mein Eigentum verloren, man hat meine
bewegliche Habe, Bcher, Existenzmittel, Frau und Kinder genommen;
gejagt von einem Lande zum andern, bin ich zu einsamen Leben in der
Wste verurteilt worden. Habe ich diese Klagelieder geschrieben oder
ist es Hiob? "Meine Nchsten haben mich verlassen, und meine Freunde
haben mich vergessen. Mein Weib stellt sich fremde meinem Geist, und
meine Bitten erreichen nicht die Shne meiner Mutter. Verachten mich
auch die kleinen Kinder. Er hat mich zum Sprichwort gemacht unter den
Leuten, und ich bin ein Saitenspiel fr sie geworden. Ich treffe nur
Verleumder, und mein Auge steht wach die ganze Nacht, whrend sie meine
Seele stechen. _Meine Haut bricht_ und lst sich auf. Wenn ich sage:
Das Bett soll mir Trost geben und fortnehmen etwas von er Plage, so
erschreckst du mich _mit Trumen_ und _beunruhigst mich mit Gesichten._"

Das trifft entschieden bei mir zu: die Risse in der Haut, die Trume
und die Visionen, alles stimmt. Aber dazu kommt ein berschuss auf
meine Rechnung: ich habe die ussersten Qualen ertragen, als zwingende
Umstnde, die von den Mchten gelenkt wurden, mich ntigten, die
einfachsten Pflichten eines Mannes unerfllt zu lassen: seine Kinder
zu unterhalten. Hiob zog sich aus dem Spiele mit rein erhaltener Ehre,
fr mich ging alles verloren, sogar die Ehre, und doch berwand ich die
Versuchung, mich selbst zu tten: ich besass den Mut, entehrt zu leben.

Alles in allem, ich bin jedoch nicht so verwerflich, und wenn ich
der Gnade nicht wrdig bin, kann ich Gutes von der Barmherzigkeit
geniessen. Fnfundzwanzig Jahre lang habe ich Dienst getan als Henker
und mich schliesslich als ein tchtiger erwiesen, indem ich mich selbst
hinrichtete, ffentlich vor den Menschen, die diesen meinen Akt von
Selbsterkenntnis mit einstimmigen Beifall begrsst haben.

Wenn ich in den Missgeschicken und Schiffbrchen, die mich wahllos
getroffen haben, nicht Gte habe finden knnen, sondern belwollen,
bin ich schlechter als der untadelige Diener des Ewigen? Die Liebe,
die Gte zeigt sich bei uns Sterblichen durch ergebene herzenswarme
Handlungen und Worte, und ein guter Vater erzieht seine Kinder mit
Zrtlichkeit und nicht mit den raffiniertesten Grausamkeiten!

Wie unbeholfen ich war, dass ich vergass, das alles dem Unbekannten zu
sagen. Aber das nchste Mal werde ich den Schaden wieder gut machen.


Drei Monate lang suchte ich vergebens persnliche Verbindungen mit
der Swedenborg-Gesellschaft in Paris einzuleiten. Eine ganze Woche
gehe ich jeden Morgen nach dem Pantheon hinauf, um die Rue Thouin zu
erreichen, wo Kapelle und Bibliothek des schwedischen Propheten liegen.
Schliesslich treffe ich jemand, der mir sagt, dass der Bibliothekar
nur nachmittags empfngt, gerade zu der Zeit, wo ich allein mit
meinen Gedanken sein will und zu mde bin, um Spaziergnge zu machen.
Gleichwohl mache ich immer wieder den Versuch, nach der Rue Thouin
zu kommen. Das erste Mal fhle ich mich beim Fortgehen unbehaglich
niedergedrckt, und am Ende der Saint-Michel-Brcke artete dieses
Gefhl zu einer Angst aus, die mich zwang, nach Hause zurckzukehren.
Ein ander Mal ist es Sonntag, und man will Gottesdienst halten. Ich
komme eine Stunde zu frh, und meine Krfte reichen nicht aus, eine
Stunde auf der Strasse zuzubringen. Das dritte Mal finde ich auf der
Rue Thouin das Pflaster aufgerissen, und Arbeiter versperren den Weg
mit ihren Gestellen und Gertschaften. Da denke ich, dass es nicht
Swedenborg sein darf, der mich auf den guten Weg fhren soll, und unter
dem Eindruck dieser Ahnung kehre ich um. Bei der Heimkehr fllt mir
ein, dass ich mich von Swedenborgs unsichtbaren Feinden habe betrgen
lassen, und dass ich sie bekmpfen muss. Der letzte Versuch wird im
Wagen vorgenommen. Dieses Mal ist die Strasse barrikadiert, wie um
ausdrcklich meine Absichten zu hindern. Ich steige aus dem Wagen,
klettere ber Hindernisse; als ich aber an der Tr des Swedenborghauses
anlange, sind Trottoir und Treppe fortgenommen. Trotz allem schlage ich
mich nach dem Eingang durch, ziehe am Glockenstrang und ... erfahre von
einem Unbekannten, dass der Bibliothekar krank ist.

Mit einer Art Linderung in der Seele kehre ich der dsteren und
drftigen Kapelle mit ihren dunklen Fensterscheiben, die von Regen und
Staub beschmutzt sind, den Rcken. Es hatte mich immer abgestossen,
dieses Haus in strengem, barbarischem, schwermtigem Methodistenstil,
dessen Mangel an Schnheit mich an den Protestantismus des Nordens
erinnerte, und erst nach ernsten Kmpfen gegen meinen Hochmut verstand
ich mich dazu, dort Eintritt zu suchen. Eine Frmmigkeitspflicht gegen
Swedenborg, weiter nichts. Als ich mit leichtem Herzen umkehrte,
gewahre ich auf dem Trottoir ein verzinntes Eisenstckchen, wie
ein Kleeblatt geformt, und aus Aberglauben nehme ich es auf. Und
sogleich wird eine Erinnerung zum Leben erweckt. Als ich nmlich das
Jahr vorher, den 2. November in dem schrecklichen Jahr 1896, eines
Morgens in Klam in sterreich promenierte, ging die Sonne hinter einer
Wolkenwand in Form eines Bogens mit kleefrmigen Aussenlinien auf, der
von blauen und weissen Strahlen umgeben war. Und diese Wolke glich
meinem verzinnten Eisenblech wie zwei Wassertropfen einander gleichen;
mein Tagebuch, in dem noch die Zeichnung zu finden ist, kann diese
Tatsache besttigen.

Was soll dies bedeuten? Die Dreieinigkeit, das ist klar. Und weiter?--

Ich verlasse die Rue Thouin, froh wie ein Schuljunge, der einer
schweren Aufgabe entronnen ist, weil der Lehrer krank geworden. Und
als ich am Pantheon vorbeigehe, finde ich den Tempel geffnet, das
grosse Tor sperrweit auf, und zwar auf eine herausfordernde Weise, die
mir zurief: tritt nur ein. Tatschlich habe ich trotz meinem langen
Aufenthalt in Paris niemals diese Kirche besucht, hauptschlich weil
man mir ber die Wandgemlde Lgen erzhlt und versichert hat, sie
behandeln Stoffe aus der Geschichte der Gegenwart, vor der ich Abscheu
empfinde. Man denke sich mein Entzcken, als ich eintrete und eine
Lichtdusche empfange, die vom Mittelgewlbe fllt, und mich mitten
in einer goldenen Legende befinde, Frankreichs heiliger Geschichte,
die unmittelbar vor dem Protestantismus schliesst. Die mehrdeutige
Inschrift draussen "Aux grands hommes" hatte mich also betrogen. Wenig
Knige, noch weniger Generle und nicht ein Abgeordneter; ich atme
wieder. Dagegen St. Denis, die heilige Genoveva, Ludwig der Heilige,
St. Jeanne (d'Arc). Nie htte ich geglaubt, dass die Republik in
dem Grad katholisch wre. Fehlt nur der Altar, das Tabernakel, und
an Stelle des Gekreuzigten und der Himmelsmutter ist das Bild einer
weltlichen Frau hier von Frauenverehrung errichtet; doch ich trste
mich mit dem Gedanken, dass diese Berhmtheit schliesslich unten in den
Kloaken landen wird, wie so viele andere und ehrenvollere. Es ist schn
und lieblich, in diesem Tempel, welcher der Heiligkeit geweiht ist,
umher zu gehen, aber zugleich betrbt es, wenn man sieht, wie man die
Tugendhaften und Wohlttigen enthauptet.

Muss man sich nicht um der Ehre des guten Gottes willen vorstellen,
dass alle diese Flle von schlechter Behandlung, die den Gerechten und
Barmherzigen zuteil geworden, nur scheinbare Massregeln sind; und dass,
wie wenig ermunternde sich auch der Weg der Tugend zeigen mag, der doch
zu einem guten Endpunkt fhrt, der unserer Auffassung verborgen ist?
Sonst mssten die Hllen dieser Schaffots und Scheiterhaufen, die den
Heiligen angesichts triumphierender Henker vorbehalten sind, uns auf
lsterliche Gedanken bringen ber die Gte des hchsten Richters, der
die Heiligkeit im Erdenleben zu hassen und zu verfolgen scheint, um sie
in einer hheren Welt zu belohnen: "die mit Trnen sen, werden mit
Freuden ernten."

Indessen werfe ich, als ich aus der Kirche trete, einen Blick nach
der Rue Thouin und wundere mich, dass der Weg zu Swedenborg mich
in den Tempel der heiligen Genoveva gefhrt hat. Swedenborg, mein
Wegweiser und Prophet, hat mich gehindert nach seiner bescheidenen
Kapelle zu gehen: hat er sich denn selbst verworfen und ist jetzt
besser unterrichtet worden, so dass er sich zum Katholiken bekehrt hat?
Whrend ich die Arbeiten des schwedischen Sehers studierte, hat es
mich betroffen, wie er sich als Gegner Luther gegenberstellt, der den
Glauben allein pries; und in der Tat ist Swedenborg katholischer als
er sich den Anschein hat geben wollen, da er den Glauben und die Werke
gepredigt hat, ganz wie die rmische Kirche.

Wenn es sich so verhlt, dann bekmpft er sich selbst, und ich, sein
Adept, werde zwischen Amboss und Hammer zermahlen werden.


Eines Abends nach einem von Gewissenbissen und Zweifeln erfllten Tag,
begab ich mich, nachdem ich mein einsames Mittagsmahl eingenommen
hatte, nach dem Garten, der mich an sich lockt wie ein Gethsemane, wo
unbekannte Leiden meiner warten. Ich habe ein Vorgefhl der Qualen und
kann nicht entfliehen. Ich ersehne sie fast, wie der Verwundete sich
einer grausamen Operation zu unterziehen wnscht, die ihm Genesung oder
den Tod bringen wird.

Am Fleurus-Tor angelangt, befinde ich mich sogleich drinnen auf der
Rennbahn, die in der Ferne vom Pantheon und dem Kreuz begrenzt wird.
Vor zwei Jahren bezeichnete dieser Tempel fr meinen weltlichen Sinn
die Ehre, die "grossen Mnnern" gewidmet wird; jetzt lege ich das aus:
den Mrtyrern und den Leiden, die sie ausgestanden haben; so hat sich
mein Gesichtspunkt verndert.

Die Abwesenheit des Unbekannten macht mich unruhig und ich empfinde
eine Beklemmung der Brust. Einsam und zur Fehde bereit, fhle ich mich
aus Mangel an einem sichtbaren Gegner matt werden. Gegen Schemen,
Schatten zu kmpfen, das ist schlimmer als gegen Drachen und Lwen!
Schrecken ergreift mich, und von dem Mut des Furchtsamen getrieben,
gehe ich auf dem schlpfrigen Boden zwischen den Platanen mit festen
Schritten weiter. Ein eingeschlossener Geruch von schmutzigem Kabeljau,
mit Teer und Talg gemischt, erstickt mich; ich hre das Schwappen
der Wogen gegen Schiffsrmpfe und einen Kai; ich werde in den Hof
eines gelben Ziegelgebudes gefhrt, ich steige Treppen hinauf und
gehe, durch unermesslich grosse Sle und zahllose Galerien, zwischen
Schauksten und Glasschrnken voller ausgestopfter oder in Gefssen
konservierter Tiere. Schliesslich ladet mich eine offene Tr in
einen Saal von seltsamen Aussehen ein; er ist dmmrig und schwach
von Lichtflecken erleuchtet, die von einer Menge in wohlgeordneten
Schauksten ausgestellter Mnzen und Medaillen reflektiert werden.
Ich bleibe vor einem mit Glas bedeckten Kasten in der Nhe eines
Fensters stehen, und unter den Gold-und Silbermedaillen wird mein
Blick von einer aus anderm Metall, das dunkel wie Blei ist angezogen.
Es ist mein Bild, der Typus eines Frevlers und Ehrgeizigen mit
hohlen Wangen, zu Berge stehendem Haar und hasserflltem Mund. Und
die Kehrseite der Medaille trgt die Devise: "Die Wahrheit ist immer
rcksichtslos." O, die Wahrheit, die den Sterblichen so verborgen ist
und die entschleiert zu haben ich bermtig genug war zu glauben, als
ich das heilige Abendmahl verhhnte, dessen Wunder ich jetzt bekenne.
Ein gottloses Erinnerungszeichen, zur Unehre der Gottlosigkeit von
lsterlichen Freunden errichtet! Es ist wahr, ich habe mich immer wegen
dieser Verherrlichung der Brutalitt geschmt und mich nicht darum
gekmmert, dieses Erinnerungszeichen zu bewahren; ich habe es den
Kindern zum Spielen hingeworfen, und es ist fortgekommen, ohne dass
ich es vermisst htte. In gleicher Weise wollte ein schicksalsschweres
"Zusammentreffen", dass der Knstler der die Medaille machte, gleich
danach geistesgestrt wurde, nachdem er seinen Verleger betrogen und
Flschungen begangen hatte. O, diese Schmach! die nicht ausgetilgt
werden kann, sondern immer im Gedchtnis bewahrt wird, da das Gesetz
gebietet, dass dieses Anklage-Dokument in den Museen des Staates
verwahrt wird. Da sieht man die Ehre.

Worber habe ich mich zu beklagen, da die Vorsehung einer schimpflichen
Bitte Erfllung gewhrt hat, die ich in meiner Jugend an sie richtete.
Es war um mein fnfzehntes Jahr; mde der nutzlosen Kmpfe gegen
das junge Fleisch, das auf Befriedigung der Leidenschaften pochte;
erschpft von den religisen Konflikten, die meine Seele verheerten,
welche lstern war, das Rtsel des Daseins zu erfahren; in einer
Umgebung frmmelnder Menschen, die mich unter dem Vorwand peinigten,
meine Seele der Liebe zum Gttlichen zuneigen zu wollen, usserte ich
unumwunden folgende Worte zu einer alten Freundin, die mich zu Tode
moralisiert hatte: Ich lasse die Moral fallen, wenn ich nur ein grosses
Talent werden kann, das allgemein bewundert wird!--Spter wurde ich in
meiner Ansicht von Thomas Henry Buckle bestrkt, der uns lehrte, dass
die Moral ein Nichts sei, das sie sich nicht entwickle, und dass die
Intelligenz alles sei. Und mit zwanzig Jahren lernte ich von Taine,
dass bse und gut zwei indifferente Sachen seien, denen unbewusste
und verantwortungslose Eigenschaften innewohnten, wie die Aciditt
der Sure und Alkalitt bei einem Alkali. Und diese Phrase, die von
Georg Brandes im Fluge ergriffen und ausgearbeitet wurde, drckt ihr
Geprge von Immoralitt auf die skandinavische Literatur. Ein Sophisma,
das heisst, ein schwacher Vernunftschluss, der fehl geschossen hat,
verfhrt eine Generation von freidenkenden Menschen! Eine solche
Schwche! Denn beim Analysieren von Buckels Epigramm: "Die Moral
entwickelt sich nicht, also ist sie indifferent", entdeckt man leicht,
dass der Schlusssatz besser so gezogen werden knnte: Die Moral, die
unerschtterlich dieselbe bleibt, beweiset dadurch ihren gttlichen und
ewigen Ursprung.

Als mein Wunsch endlich erhrt wurde, war ich das anerkannte,
bewunderte Talent und der verachtetste aller Menschen, die in diesem
Jahrhundert in meinem Lande geboren sind. In den Bann getan von den
besseren Kreisen, missachtet von dem Geringsten unter den Geringen,
verleugnet von meinen Freunden, den Besuch meiner Bewunderer in der
Nacht oder im geheimen empfangend! Ja, alle beugen sich vor der
Moral, und eine Minderheit verbeugt sich vor dem Talent: das gibt uns
manches zu denken ber das Wesen der Moral! Und noch schlimmer ist
die Kehrseite der Medaille! Die Wahrheit! Als ob ich mich nie der
Lge ergeben htte, trotzdem ich in dem Ansehen stand wahrhaftiger,
aufrichtiger als andere zu sein. Ich verweile nicht bei den kleinen
Lgen der Kindheit, weil die so wenig bedeuten, hervorgegangen, wie
sie meist waren, aus Furcht oder der Unfhigkeit, die Wirklichkeit
von den Einbildungen zu trennen; und weil sie aufgewogen wurden von
ungerechten Strafen, die auf falsche Anklagen der Kameraden erfolgten.
Aber es sind andere Lgen, ernster wegen der verderblichen Folgen,
die das schlechte Beispiel und das Entschuldigen einer schweren
Versndigung hervorbringen. Es ist die unwahre Darstellung, die meine
Selbstbiographie "Der Sohn einer Magd" ber die Krisis der Pubertt
gibt. Als ich dieses Jugendbekenntnis schrieb, scheint mich der
liberalistische Geist der damaligen Zeit verfhrt zu haben, mit zu
hellen Farben zu malen, in der verzeihlichen Absicht, junge Mnner, die
einem frhreifen Laster anheimgefallen sind, von der Furcht zu befreien.

Als ich zum Schluss dieser bitteren Reflexionen gekommen bin, schrumpft
das Mnzkabinett zusammen, die Medaille zieht sich in die Ferne zurck
und verkleinert sich zur Grsse eines Bleiknopfes. Und ich sehe mich
in einer Bodenkammer auf dem Lande, am Strande des Mlar, in einem
Pensionat fr Knaben bei einem Knstler, im Jahre 1861. Kinder in
ungesetzlichen Verbindungen geboren, Kinder von Eltern, die aus dem
Land geflohen sind, schlecht erzogene Kinder, die in zu zahlreichen
Familien im Wege stehen, leben hier zusammen, in einen Bodenraum
zusammengepfercht, ohne Aufsicht, zu zweien das Bett teilend, einander
tyrannisierend und einander misshandelnd, um sich am Leben zu rchen,
das so grausam ist. Eine hungrige Herde kleiner Missetter, schlecht
gekleidet und schlecht genhrt, ein Schrecken fr die Bauern und
besonders fr die Grtner. Genug, der lteste in der Bande spielt die
Rolle des Verfhrers, und das Laster nistet sich ein in die junge
Schar....

Dem Fall, jawohl dem Fall, folgt unmittelbar die Gewissensqual, und
ich sehe mich bei dem schwachen Schein des grauenden Sommertages im
Nachthemd am Tisch sitzen, das Gebetbuch vor mir. Schamgefhl und
Gewissensqual, trotzdem mir die Natur der Snde vollstndig unbekannt
war. Unschuldig, weil ich unbewusst war, und doch verbrecherisch.
Verfhrt und nachher Verfhrer, Reue und Rckfall, Zweifel an der
Wahrhaftigkeit des anklagenden Gewissens! Zweifel, dass ein Gott
gndig ist, der die schrecklichsten Versuchungen fr einen Unwissenden
auslegt. Fr ein Kind, das als einen von der Natur herzlich gern
gebotenen Genuss hinnimmt, was das gttliche Gesetz mit dem Tode
bestraft. Ohne Schuld vor sich selbst und doch von Gewissensbedenken
gepeinigt, die den Unglcklichen der Religion zu jagen; die aber
vergibt oder trstet nicht, sondern verurteilt zu Wahnwitz und
Hlle--den unschuldigen Wicht, das Opfer, dem die Kraft fehlt, im
ungleichen Kampf mit der allmchtigen Natur stand zu halten.

Das hllische Kohlenfeuer ist angezndet, um bis ans Grab zu brennen,
sei es, dass es in der Einsamkeit unter der Asche glht oder Nahrung
von den brennbaren Stoffen eines Weibes holt. Versucht man dieses Feuer
durch Enthaltsamkeit zu lschen, so wird die Leidenschaft perverse
Wege einschlagen und die Tugend auf unerwartete Weise bestraft werden.
Begiesse den angezndeten Scheiterhaufen mit Petroleum, so bekommst du
eine Vorstellung von der erlaubten Liebe!

Wahrhaftig, kommt ein Knabe und fragt mich jetzt, den Fnfzigjhrigen:
was soll man tun? so habe ich nur eine Antwort, nach so vielen
Erfahrungen und so vielen Errterungen und die ist:

--Ich weiss es nicht!

Und suchte mich ein junger Mann auf, um mich zu fragen, was vorzuziehen
sei, unverheiratet zu bleiben oder die Ehe einzugehen, wrde ich
antworten: Das beruht auf Neigung und Geschmack; wenn Sie die Hlle des
Junggesellen vorziehen, so whlen Sie die; gefllt Ihnen die eheliche
Hlle besser, so treten Sie in diese ein. Fr meine Person ziehe ich
Gehenna an der Seite einer Gattin vor, weil das ein Paradies zur
Folge hat, das allerdings knstlich ist aber entzckend und in dem es
Erinnerungen an das goldene Zeitalter gibt: nmlich das Kind.

Ich mchte mich als Verfhrer der Jugend anklagen, aber kann es nicht,
da der Zweck meines Bekenntnisses war, die Jnglinge von der Furcht
zu befreien. Befreiung, das war die Losung fr die skandinavische
Literatur die ganzen achtziger Jahre. Ich befreite die Frauen, mit dem
Erfolg, dass die Familienfrauen den Prostituierten gleich wurden und
sich gegen ihren Befreier wandten, um ihn mit ihren zerbrochenen Ketten
zu schlagen. Ich habe die Elenden und die Unterdrckten so befreit,
dass die Gesellschaft von den schlimmsten Unterdrckern regiert wird,
die zur Macht gekommen sind. Ich habe die Jugend von Gewissensqual
und Verkehrtheit befreien wollen, und die Jugend, die in Laster und
Verbrechen versunken ist, klagt mich an, ein Catilina zu sein, und
Vter und Mtter haben mich auf den Index gesetzt! Also soll man das
Befreien lassen, da das Leben ein Gefngnis ist; was ich nicht wusste;
und das entschuldigt mich vor mir selbst, da ich in gutem Glauben und
in guter Absicht gehandelt habe, um dem Vorbild des Erlsers zu folgen,
der die Ehebrecherin und den Ruber frei sprach. Das einzige ist
darin liegt der Hauptpunkt, dass ich die furchtbaren Gewissensqualen
verleugnet habe, die den Fall eines Knaben begleiteten, und das ist mea
culpa; das lsst mich errten angesichts der Inschrift der Medaille,
die ich nicht selbst besorgt habe.

Zu meinem Sohn mchte ich sagen: Versuch keusch zu bleiben, und auf
alle Flle weiche schlechten Weibern aus, denn die vergiften dich
fr das ganze Leben und sind _besessene_ Unglckswesen, deren bse
Geister auf eine reine Seele bergehen; das ist die Ursache, warum
diese Weiber, denen man zu existieren erlaubt, weil es die tatschlich
gibt, Versuchungen ausmachen, denen widerstehen zu knnen sich ein
junger Mann zur Ehre anrechnen muss. Und noch eins, mein Sohn, erliege
nicht den Versuchungen einer verheirateten Frau, wenn sie auch deine
mnnliche Eitelkeit reizt, indem sie dich Joseph nennt! Die Ehre
gebhrt nicht Potiphars Frau, sondern Joseph, dessen Ehrentitel auf den
Mann bergeht, der den Mut hatte, dem Erlser Pflegevater zu bleiben,
ohne ber seine fr einen Mann zweideutige Stellung Unwille zu verraten.

Und an meine Tchter ein Wort, ein einziges: der Altar oder das Gelbde
der Keuschheit! Das ist alles! Die freie Liebe und Rechnung der Frau
hat es immer gegeben, und die freien Frauen sind Kokotten und Huren,
und sie werden es bleiben, so lange die Welt steht; wie auch die
ungetreue Gattin ihresgleichen werden wird, oder, richtiger, schlimmer
als sie, weil sie einen Mann mordet und die Zukunft ihrer Kinder trbt.

Ich brenne vor Begierde, mich anzuklagen und mich zugleich zu
verteidigen, aber es gibt kein Gericht, keine Richter, und ich verzehre
mich hier in der Einsamkeit!

Als ich meine Verzweiflung nach allen Himmelsstrichen ausrief, wurde
ich in ein Dunkel gehllt, und als ich deutlicher zu sehen begann, fand
ich mich mit dem Kopf gegen einen Kastanienbaum in der Fleurus-Allee
lehnend. Es war der dritte Baum vom Eingang gerechnet, und die Allee
hat siebenundvierzig auf jeder Seite und neun Bnke sind zwischen die
Bume als Haltepunkte gestellt. Bleiben also vierundvierzig Raststellen
fr mich, ehe ich die erste Station erreiche.

Einen Augenblick bleibe ich angesichts des ausgedehnten Trnenpfades
ganz niedergeschlagen stehen, als sich unter den entlaubten Bumen eine
Lichtkugel nhert, die von zwei Vogelflgeln getragen wird.

Sie macht vor mir in gleicher Hhe mit meinen Augen Halt, und in
dem klaren Schein, der sich um die Kugel breitet, sehe ich ein
weisses Blatt Papier, das gleich einer Speisekarte verziert ist.
Oben steht in rauchgefrbten Buchstaben: Iss! Und unten rollt sich
in einer Sekunde mein ganzes verflossenes Leben auf, wie eine
mikrographische Reproduktion auf einem ungeheuer grossen Plakat.
Alles ist da zu finden! Alle Schrecken, die heimlichsten Snden, die
widerlichsten Szenen, in denen ich die Hauptrolle spiele.... Wehe,
ich mchte vor Scham sterben, als ich im Bilde die Szenen sehe,
die mein vergrsserndes Auge auf einmal auffasst, ohne lesen und
verdolmetschen zu brauchen! Aber ich sterbe nicht, im Gegenteil,
whrend einer Minute, die so lang ist wie achtundvierzig Jahre, sehe
ich aufs neue mein ganzes Leben von der grnen Kindheit an bis auf
diesen Tag. Mein Gebein verdorrt bis aufs Mark, mein Blut stockt,
und vom Feuer der Gewissensqual verzehrt, falle ich mit dem Ausruf
zu Boden: Gnade! Gnade! Und ich werde davon abstehen, mich vor dem
Ewigen zu rechtfertigen, und ich werde davon abstehen, meinen Nchsten
anzuklagen....

Als das Bewusstsein wiederkam, befand ich mich auf der Rue de
Luxembourg, und bei einem Blick durch das Gittertor sah ich den Garten
grnen, whrend ein Chor von kleinen lebhaften Spottvgeln mich hinter
Buschen und Bumen grsst!


Die Rue Bonaparte hinuntergehend, fhle ich mich gegeisselt, und
die Schmach weckt den Zorn, und die Widerspenstigkeit beginnt sich
zu rhren.--Ich habe gesndigt, zugegeben, und ich bin bestraft
worden. Das msste doch genug sein, um die Zeichen auf der weissen
Schiefertafel auszukratzen. Ein guter Vater kann verzeihen, nachdem er
gestraft hat, und ich kenne welche, die begnadigen knnen, ohne Auge
fr Auge, Zahn fr Zahn zu fordern; ich kenne welche, die nie anders
strafen als durch milde Worte und nicht weiter davon sprechen, nachdem
die Sache einmal ausgetragen ist. Aber ich habe nie einen gesehen, der
ber die Fehltritte und Versndigungen seiner Kinder Buch gefhrt htte.

Der Geist des Aufruhrs erhebt sich wieder, das Gefhl
menschlich-gttlicher Wrde sagt: "Schwacher, du bist gefallen, du hast
dich erniedrigt, als du die Selbstberechtigung deines Ichs gegenber
der der anderen verleugnet hast. Das ist gerade der Kampf des Lebens,
der Versuchung sich vor den andern zu beugen zu widerstehen, denn im
selben Augenblick, in dem du das tust, hast du dich richtend ber
den Herrn deines Schicksals gestellt und kriechend unter die andern".
Wre ich Herrscher, wrde ich den Aufrhrer hassen, aber ich msste
ihm grssere Achtung bezeigen als dem Gehorsamen. Seelenstrke ist
schn, und das Schne ist gttlich. Vor einem Gott, dem weisesten,
schnsten und gtigsten, werde ich mich beugen, aber vor schlechten
elenden Menschen, die mir gleichen, habe ich nicht das Recht die Knie
zu beugen. Fr grosse Geister habe ich immer Verehrung gehegt, und es
ist eine Lge, das mir die Fhigkeit zu bewundern gefehlt hat, wenn
ich mich auch nicht habe zwingen knnen, das Kleine zu bewundern.
Offen habe ich meine Verehrung ausgesprochen fr Mnner wie Linne,
der Gott gesehen hat, fr Bernardin de Saint-Pierre, fr Balzac, fr
Swedenborg, fr Nietzsche, dem die Hftsehne und das Gehirn gelhmt
wurden im Titanenkampf.... Aber ich weiss wohl, dass die Gtter
der Zeit mich vor allem Kleinen auf die Knie haben zwingen wollen,
besonders vor allem Minderwertigen, krperlich, sittlich, geistig
Schwachen. Aber ich bin nicht Tyrann gewesen, im Gegenteil, ich war
mit dabei und fhrte die Sache der Enterbten, ich war mit dabei und
kmpfte im Befreiungskrieg fr die Unterdrckten, weil ich nicht
verstand, dass sie sich auf dem Platz befanden, auf den sie von der
Vorsehung gestellt waren. Ob es geschah, um mir die Folgen dieses
Sklavenkrieges zu zeigen, weiss ich nicht, aber immer gab das Schicksal
mich einer Sklavenseele in die Hand, die mein Herr wurde, die mich
unter ihre Holzschuhe oder ihre Knopfstiefel trat; immer musste ich
Stroh und Ziegel tragen fr einen rohen gyptischen Mann, oder fr
ein Weib, das von meinem Blute lebte und mir das, was brig blieb, zu
meiner Nahrung gab. Schliesslich, weise durch die Lehren geworden,
machte ich mich frei aus den Gefngnissen, und da blieb mir nur die
Freiheit der Wste, wo mir wahrhaftig kein Manna und keine Wachteln
geboten wurden. Zur Einsamkeit wurde ich verurteilt, und jedesmal
wenn ich einen Menschen suchte, um mit ihm zu sprechen, wurde ein
gyptischer Mann gesandt, um mich anzuspucken; ein Unwissender, um
mich darber aufzuklren, wie viel kenntnisreicher der Ignorant sei;
ein hoffrtiger Unfhiger, um mir zu sagen, dass ich der Hoffrtigste
sei; ein Liederlicher, um mir Tugend zu predigen!--Wer verfolgt mich,
wer demtigt mich mehr, als die andern gedemtigt werden? Ist es
der Weise, so weiss er, dass ich nicht hochmtig war, und dass ich
im Namen dessen stolz war, dessen Sprachrohr ich zu sein glaubte;
und er kennt wohl die Bosheit der Menschen, die, wie ich mich auch
drehe und wende, bereit sind, etwas gegen mich zu haben. Sage ich,
das ich aus mir selbst spreche, so bin ich des Hochmuts schuldig;
sage ich, dass ich das Meine von Gott habe, so bin ich der Lsterung
schuldig.--Sind alle Menschen gleich, warum hat dann die Vorsehung
Gesellschaftsklassen mit einer Rangordnung eingerichtet, wo der eine
es besser hat als der andere und Untergebenen befehlen darf, die
menschlicher Obrigkeit untertnig sein mssen? Warum werden einige zu
Macht-und Ehrenstellen berufen, whrend andere verurteilt werden, sich
andchtig, bewundernd, gehorchend unten zu halten? Ist das Gleichheit,
und deutet das darauf, dass alle gleich geschaffen sind? Nein, ich kann
weder in der Ordnung der Natur, wo das Rassepferd Namen und Titel,
Stammbaum und Bedienung hat, aus Marmorkrippen frist und Alpaka trgt,
whrend der elende Gaul den Strassenkehricht ziehen muss, ein Gesetz
des Gleichgewichts sehen, noch in der Gesellschaftsordnung, wo selbst
der Geselle seinen Lehrjungen zum Hundsfottieren unter sich hat. Und
doch soll ich gezwungen werden, ganz gegen gttliche und menschliche
Ordnung, eine Tatsache anzuerkennen, die jeden Augenblick am Tage
widerlegt wird, eine Tatsache, die berhaupt nicht existiert! Ist Gott
mit sich selbst entzweit oder sind seine Satrapen in Streit geraten?
Ist jede Zeitperiode hier eine Anspielung von dem, was da oben vor
sich geht? Ist dort auch Parteibildung mit Demokraten-Agitoren und
Herrschlsternen? So will es zuweilen scheinen, denn viele Stimmen
sprechen auf einmal: Der Volksfhrer hrt ein Gottesgebot aus den
Wolken und er fhrt die Massen mit heiligem Eifer zu Mord und Brand,
und es ist glckt ihm zuweilen, als stehe er unter einem mchtigen
Schutz. Ein andermal fhrt der Volksvergeuder und-bezwinger seine
geweihten Scharen unter Anrufung des himmlischen Schutzes gegen die
Massen, und sein Vorhaben wird mit Erfolg gekrnt, als ob andere
Mchte ihn zum Sieg geleitet htten! Wehe den Menschenkindern, wenn
die Herrscher und Gewalten uneinig geworden sind! Da gilt es, fein
zu hren, wenn die Stimmen der Unsichtbaren Gehorsam gebieten, und
den richtigen Weg zu wissen, denn der Sieger hat immer recht. Ist
es Ragnark, das bevorsteht oder schon da ist? Kmpfen nicht alle
erwachten Gttermchte ber den Wolken um die Herrschaft? Pan war ja
eine Zeit oben und schien zu herrschen; Jehova hat ja sein auserwhltes
Volk beschtzt, und Christus hat seine Getreuen nicht verlassen; Allah
hat krzlich die Olympischen bei den Termopylen schlagen knnen; Buddha
drngt sich vor mit einer Gewalt, die den Nazarener einen Augenblick
ernstlich bedrohte! Wehe den Menschenkindern, wenn die Mchte kmpfen!
Alle rufen sie zu dem Einzigen und Wahren Gott, aber keiner sagt mir,
wer er ist! Ist er es, der mit dem Donner und dem Wirbelwind spielt?
Aber die bewegten Zeus und Tor auch, und die Theosophen schwren,
dass die Unsichtbaren in Hochasien mit diesen Naturmchten zu spielen
verstehen, wie Jehova, Osirispriester und Zauberer es vermocht haben
sollen. Alle verlangen Zeichen und Wunder, und es geschehen Zeichen
und Wunder, aber niemand weiss, wer sie zustande bringt, denn die
schwarzen Mchte sind ebenso zauberkundig wie die weissen. Wer ist der
Herr, der so mchtig zu den Vlkern spricht in diesen Zeiten? Oder wer
ist mein Herr? Hat eine Menschenameise nicht das Recht, zu erfahren,
wem sie dienen und gehorchen soll, und wie, ehe sie verworfen wird
als ungehorsam? Wie oft habe ich nicht den Unbekannten angerufen,
deutlicher zu sprechen, und als er schliesslich antwortete, geschah es
mit einem Sonnenstrahl, einem Donnerschlag, einem Wassertropfen. Der
Herr der Naturkrfte! Gut, ich erkenne ihn an, aber er war es nicht,
der mit einen neuen Sinn geben und mich von Begierden, Hass und Hochmut
reinigen sollte....

       *       *       *       *       *

So mahlt und mahlt die ewige Sndenmhle; dieselben Anklagen, dieselben
Verteidigungen. Sisyphus, der seinen Stein rollt, die Danaden, die mit
ihrem Sieb schpfen: wahrhaftig, scheinen nicht die Strafen ewige zu
sein!

Als ich in meine Zelle zurckkehre, finde ich, dass die Uhr erst
neun ist, und ffne die Bibel, um Aufklrung und Ruhe zu finden. Als
ich aber in den Psalmen Davids zu den grauenhaften Flchen komme,
die er mit Gebeten auf seine Feinde herabruft, kann ich nicht lnger
dabei sein: ich habe nur einen Feind, das bin ich; die andern, die
mich qulen, haben ein Recht dazu, und es ist immer zu meinem Besten
gewesen, und ich habe eben gelernt, das man seinen Feinden verzeihen
soll: die Theosophen haben mir sogar gesagt, dass das Gebet schwarze
Magie ist, dass Bses ber Feinde erbitten envotment ist d. h.
Verhexungen, die mit dem Scheiterhaufen bestraft wurden! Mein alter
Freund Hiob trstet mich nicht mehr, denn ich bin teils kein gerechter
Mann, wie bekannt, teils finde ich seine Kritik ber des Ewigen
Handlungsweise ebenso gottlos wie meine aufrhrerischen Reden und
Gedanken.

Da werfe ich mich auf das Neue Testament und stosse auf Paulus, der
gleich mir ein Saulus gewesen ist und mir deshalb viel zu sagen haben
msste. Gewisse meiner Fehler finde ich bei ihm wieder, aber nicht
darum habe ich ihn aufgesucht; und ich verstehe noch nicht, wie
man den Mut haben kann, Strafpredigten zu halten und zum Satan zu
verurteilen, wenn man mit beiden Beinen im Sndenpfuhl steht. Sein
Eifer macht ihn kindlich und deshalb momentan sympathisch, so, wenn
er einen Korintherbrief mit dem Bekenntnis beginnt: "Ich, Paul, der
Euch verchtlich scheint, wenn ich Euch nahe bin, aber der voll von
Khnheit ist, wenn ich weit von Euch bin." Ich kann auf die Worte
dieses Mannes nicht lauschen, als seien sie von Gott gekommen, da er
alle meine Schwchen hat, die ich mit seiner Hilfe fortarbeiten wollte.
Wie soll ich die Demut bewahren, wenn mein Lehrer zwei lange Briefe
voll Prahlerei ber sich schreibt. "Ich erachte, dass ich in nichts
den ausgezeichnetsten Aposteln unterlegen gewesen bin." Oder: "Niemand
betrachte mich als einen Trichten; wenn doch, so habe Geduld mit
meinem Unverstand, dass ich mich auch ein wenig rhme." Und dann zhlt
er seine Leiden auf (ganz wie ich, obwohl ich schliesslich eingesehen
habe, dass meine Leiden wohl verdient waren). "Ich habe mehr des
Tages Last getragen als die andern, mehr Wunden, mehr Gefngnis. Von
den Juden habe ich fnfmal empfangen vierzig Streiche weniger eins;
gestupt dreimal; gesteinigt wurde ich einmal usw."

Da finde ich meine Schosssnden wieder und, was schlimmer ist, deren
Verteidigung. "Ich bin tricht gewesen, da ich mich rhmte, aber Ihr
habt mich dazu gezwungen, denn es stand Euch an, Gutes von mir zu
reden, da ich, wie bekannt, in keinem Punkt den hchsten Aposteln
unterlegen gewesen bin, wiewohl ich nichts bin." Die letzten Worte
offenbaren das unsinnig Falsche in dieser gepriesenen Demut, mit
welcher der Hochmut prahlt; und das entzndete in mir von neuem den
Unwillen, den ich schon in meiner Jugend gegen diesen Propheten der
Reiseprediger hegte, dessen Stil sie so gut nachzuahmen verstanden.
Und ich verliess den Schler, um vom Meister selbst Worte der Weisheit
zu hren. Aber ich weiss nicht, welcher Dmon an diesem Abend, da ich
allein und zerknirscht bin, die Bltter wendet, vielleicht das Gesicht
verkehrt, so dass das Buch, das Antwort auf alles und Heilung fr alles
hat, mich nur tuscht und mir ins Angesicht schlgt. Als ich lese,
wie Christus die Ehebrecherin freispricht, fhle ich die bodenlosen
Zweifel wieder aufsteigen von den Toten. Es war 1872, als ich in
meinem Jugenddrama "Meister Olof" den Reformator die Hure, Magdalena,
mit ungefhr denselben Worten freisprechen liess. Was folgte darauf?
Dieser Katarakt von Freisprechungen, und zwar von allen moralischen
Verpflichtungen, der durch die Literatur ber die Gesellschaft strmte
und alles aufgelst hat, Familie, Sitte, Ehre, Glauben. Und diese
Befreiung, die auf edler Humanitt fusste und Christi Gebot "richte
nicht" gehorchte, die wird nun von "den Mchten" desavouiert, indem
sie die Befreier mit Schrecken und neuen Plagen schlagen! Christi
Nachfolger! Nein, nicht einmal die Bibel, nicht Christus, nicht
Humanitt----nichts.

Ich bin jetzt vollstndig bankerott! Des Umgangs mit der Menschen
beraubt, ohne zu wissen, warum; des Interesses fr die Wissenschaften
verlustig, die mich frher am Leben hielten durch das Grosse, das
darin liegt, die Rtsel zu erfahren; dem Trost der Religion entzogen,
weil sie Bses und Falsches lehrt, habe ich nur die leere Schale
eines inhaltslosen Ichs vor mir. In meinem Stuhl sitzend, den
Sternenhimmel durch das Gitter meiner Fensterluke betrachtend, denke
ich an nichts, empfinde nichts, trume nichts. Fange schliesslich an
neugierig zu werden, wie meine Stimme klingen wird, wenn ich sie wieder
nach dreiwochenlangem Schweigen hren werde. Verlange so nach der
Gesellschaft eines Menschen, dass ich die antipathischesten aufsuche
knnte, die nur den Mund zu ffnen brauchen, um mich zu verletzen.
Erwge, ob diese Isolierung den Zweck haben soll, mich zu lehren, dass
alle Menschen einander ntig haben, obwohl ich weiss, dass schlechte
Gesellschaft zu meiden ist und dass manche Menschen eher meiner bedurft
htten, als ich ihrer. Als ich auf die Uhr sehe, ist es nicht weiter
als halb zehn, und vor zehn wage ich nicht zu Bett zu gehen, weil die
Nacht unruhig wird. Ich, der mein ganzes Leben darauf gewartet habe,
dass das Gewnschte kommen werde, warte jetzt darauf, dass eine halbe
Stunde verfliessen soll. Lesen kann ich nicht, denn wenn ich ein Buch
ffne, glaube ich alles vorher zu wissen. Nichts interessiert mich,
nichts erfreut mich, nichts schmerzt mich. Ich habe mehr als tausend
Francs in der Tasche, aber sie sind ohne Wert, denn ich wnsche nichts.
Frher und immer, wenn mir Geld fehlte, hatte ich vollauf an Wnschen:
Bcher, Instrumente, Bezahlung von Schulden; und dieses Verlangen gab
dem Leben Interesse, richtete den Willen auf die Zukunft, verankerte
ohne zu vertuen.

Schliesslich wird die Uhr zehn. Nach meiner gewhnlichen Waschung gehe
ich zu Bett und falle bald in Schlaf, mde bis zum Tod von lauter
Beschftigungslosigkeit und Langeweile.


Der folgende Tag ist gleich dem vorhergehenden bis sechs Uhr
nachmittags. Da klopft es an meine Tr, und herein tritt der
amerikanische Maler, den ich in meinem Buch "Inferno" mit Francis
Schlatter identisch gemacht habe. Da wir ganz indifferent ohne
Feindschaft oder Freundschaft geschieden sind, ist das Wiedersehen
recht herzlich. Der Mann ist etwas verndert, merke ich. Er scheint
mir krperlich kleiner zu sein, als ich ihn im Gedchtnis hatte; sein
Ausdruck ist ernster, und ich kann ihn nicht dazu bringen, wie frher
ber die Plackereien des Lebens und ber die ausgestandenen Leiden zu
lcheln, die man so leicht trgt, wenn sie glcklich vorber sind. Aber
er behandelt mich auch mit einer auffallenden Achtung, die gegen die
frhere Kameradschaftlichkeit absticht. Das Wiedersehen fr mich wird
eine Aufrttelung, denn teils kann ich mit einem Menschen sprechen, der
jedes Wort versteht, das ich sage, teils knpfe ich an eine Periode
meines Lebens an, in der ich mich auf das strkste entwickelte,
intensiv lebte, glaubte und wuchs. Ich fhle mich bald zwei Jahre
jnger und bekomme Lust, eine halbe Nacht auf den Trottoiren beim Glas
und gutem Gesprch zuzubringen. Als wir berein gekommen sind, in
Montmartre zu Mittag zu essen, treten wird die Wanderung an. Der Lrm
der Strasse dmpft etwas den Gang des Gesprches, und ich bemerke bei
mir eine ungewhnliche Schwierigkeit zu hren und aufzufassen.

Am Einlauf in die Avenue de l'Opra ist der Volksstrom so stark, dass
wir unaufhrlich von Begegnenden getrennt werden. Da trifft es sich
auch, dass ein Mann, der eine Partie Watte trgt, meinen Kameraden
so anstsst, dass er ganz weiss wird. Den Kopf voll von Swedenborgs
Symbolik, suche ich im Gedchtnis, was das "bedeuten" soll, kann mich
aber nur von der Grabffnung auf St. Helena erinnern, dass Napoleon
aussah, als ob sein Krper von weissem Flaum umlaufen sei.

Auf der Rue de la Chausse d'Antin bin ich schon so mde, dass wir
beschliessen, eine Droschke zu nehmen. Da es Dinerzeit ist, ist die
Strasse usserst belebt, und als wir einige Minuten gefahren sind,
steht der Wagen pltzlich still. Zugleich bekomme ich einen solchen
Stoss in den Rcken, dass ich mich erhebe, fhle ein warmes feuchtes
Schnaufen ber meinem Nacken, und als ich mich umwende, habe ich die
drei weissen Pferdekpfe, einen Omnibus mit einem schreienden Kutscher
vor mir. Das verstimmt mich, und ich frage mich, ob das eine Warnung
sein soll.

Wir steigen an der Place Pigalle aus und dinieren. Hier finde ich
Erinnerungen an meinen ersten Pariser Aufenthalt wieder, der in den
siebziger Jahren stattfand; aber sie machen mich wehmtig, denn die
Vernderungen sind gross. Mein Hotel an der Rou Douai ist nicht mehr.
Der "Chat noir", der damals entstand, ist geschlossen, und Rudolphe
Salis ist in diesem Jahr begraben. Das Caf de l'Ermitage ist bloss
eine Erinnerung, und das "Tambourin" hat Namen und Titel gendert. Die
Freunde von damals sind tot, verheiratet, zerstreut, und die Schweden
sind nach Montparnasse bergesiedelt. Da merke ich, dass ich alt
geworden bin.

Das Diner wird nicht so lebhaft, wie ich erwartet habe. Der Wein ist
von dieser schlechten Sorte, die verstimmt. Da ich nicht mehr daran
gewhnt bin, zu hren und zu sprechen, wird das Gesprch stockend und
ermdend. Die Hoffnung, die alte Stimmung beim Kaffee auf dem Trottoir
wieder zu finden, verwirklicht sich nicht, und bald stellt sich dieses
furchtbare Schweigen ein, das verkndet, dass man sich trennen mchte.

Lange kmpfen wir gegen die wachsende Verlegenheit, aber vergebens.
Bereits um neun Uhr brechen wir auf, und meine Gemtsverfassung ahnend,
geht der Kamerad seinen eigenen Weg, in dem er eine Zusammenkunft
vorschtzt. Allein, empfinde ich sofort eine unbeschreibliche
Erleichterung; die Unlust hrt auf, der Kopfschmerz verschwindet und
es ist, als ob die Windungen im Gehirn und das Flechtwerk der Nerven
mit denen eines andern verwickelt gewesen wren, aber jetzt anfingen
sich zu entwirren. Wahrhaftig, die Einsamkeit hat mein Persnlichkeit
so empfindsam gemacht, dass ich nicht den Kontakt des Fluidums eines
Fremden ertrage. Ruhig, aber mit einer Illusion weniger, kehre ich nach
Hause zurck, froh, wieder in meiner Zelle zu sein; aber glcklich
darin, merke ich, dass das Zimmer sich unhnlich ist, nicht mehr
dasselbe, dass eine Unlust sich dort huslich niedergelassen hat. Mbel
und Kleinigkeiten haben ihre Pltze behalten, machen aber einen fremden
Eindruck: es ist jemand da gewesen und hat etwas hinterlassen. Ich
fhle mich nicht wohl.

Am nchsten Tage merke ich bereits die Vernderung, und ich muss
hinaus, um Gesellschaft zu suchen, finde aber keine. Am dritten Tage
gehe ich nach bereinkunft zu meinem Freund, dem Knstler, um seine
Radierungen zu besehen. Er wohnt in Marais. Ich frage den Torhter, ob
er zu Hause ist. Ja, aber er sitzt unten im Caf mit seiner Dame. Da
ich seiner Dame nichts zu sagen hatte, gehe ich wieder.

Am folgenden Tage lenke ich die Schritte wieder nach Marais, und da
der Mann zu Hause ist, beginne ich die sechs Treppen zu steigen.
Als ich drei berwunden habe, die sich eng wie Turmtreppen in einer
Rhre schlngeln, erwacht eine Erinnerung an einen Traum und eine
Wirklichkeit. Der Traum, der oft wiederkehrt, handelt von einer solchen
schraubenden, drngenden Treppe, in der ich krieche, bis ich ersticke,
da sie immer enger wird. Das erste Mal kam mir mein Traum wieder im
Turm zu Putbus, und ich kehrte sogleich nach unten zurck. Jetzt stehe
ich hier, beklommen, keuchend, mit klopfendem Herzen, doch beschliesse
ich zu steigen. Und ich schraube mich hinauf, komme ins Atelier und
treffe den Freund mit seiner Dame. Als ich aber fnf Minuten gesessen
habe, habe ich einen Schmerz tief im Kopfe und sage:

--Mein guter Freund, es sieht aus, als ob ich nicht mit Ihnen verkehren
drfte, denn Ihre Treppen tten mich. Ich habe jetzt den bestimmten
Eindruck: steige ich noch einmal hier herauf, so sterbe ich.

--Aber Sie sind ja neulich den Montmartre und die Treppen zu
Sacr-Coeur hinaufgestiegen.

--Ja, es ist wunderbar.

--Nun, wandte er ein, dann komme ich zu Ihnen, und wir essen abends
zusammen.

Am Tage darauf essen wir wirklich zusammen und kommen in eine gute
Stimmung, die man bei Tische sucht. Man behandelt einander mit Achtung,
vermeidet es, Unannehmlichkeiten zu sagen, entdeckt Sympathien,
stellt sich auf des andern Standpunkt und hat die Illusion, in allen
Fragen einig zu sein. Nach dem Essen, da der Abend mild ist, setzen
wir das Gesprch fort und ziehen ber den Fluss auf die Boulevards,
Trottoir und Tisch wechselnd, bis wir schliesslich die Hhe am Caf
du Cardinal erreicht haben. Da ist es Mitternacht, aber wir sind noch
lange nicht mde, und nun beginnen diese wunderbaren Stunden, da die
Seele sich aus ihrer Hlle lst und die Seelenkrfte, die zu Trumen
gewandt werden sollten, in wachen und klaren Konzeptionen, geschrften
Blicken in Vergangenheit und Zukunft verbraucht werden. Whrend dieser
Nachtstunden ist es, als halte sich mein Geist ber und ausserhalb
meines Krpers, der wie ein fr mich fremde Person dasitzt. Das Trinken
ist Nebensache und nur dazu da, den Schlaf fern zu halten, vielleicht
die Schleussen des Gedchtnisses zu ffnen, die mein ganzes grosses
Lebensmaterial herauslassen, so dass ich in jedem Augenblick Tatsachen,
Jahreszahlen, Szenen, Rede und Gegenrede daraus schpfen kann. Das
ist die Freude und das Machtgefhl des Rausches fr mich, aber ein
Okkultist, ein religiser, hat mir auch gesagt, dass es Snde sei,
denn man nehme einen Vorschuss auf die Seligkeit, die gerade in der
Befreiung der Seele von der Materie bestehe; deshalb werde auch dieser
bergriff mit den schrecklichen Qualen bestraft, die am andern Tage
folgen und an die Unseligkeit erinnern sollen.

Man fngt an, uns mit Symptomen der Schliessung zu beunruhigen, und da
ich noch nicht schliessen will, nenne ich das Wort Baratte, und mein
Freund ist sofort bereit.

Caf Baratte bei den Hallen hat fr mich immer eine wunderbare
Anziehungskraft gehabt, ohne dass ich weiss warum. Es kann die Nhe
der Hallen sein, die zieht. Wenn es auf dem Boulevard Nacht ist,
ist es bei den Hallen Morgen, wo es brigens die ganze Nacht Morgen
ist. Die triste Nacht mit ihrer erzwungenen Beschftigungslosigkeit
und ihren dunklen Trumen gibt es dort nicht. Der Geist, der sich an
unmateriellen Welten berauscht hat, verlangt nach Essen und Schmutz,
Laster und Lrm hinab. Auf mich wirkt dieser Geruch von Fisch, Fleisch,
Gemse, in deren Abfall man tritt, als ein herrlicher Kontrast gegen
die hohen Themata, die man soeben behandelt hat. Das ist der Moder,
aus dem wir geschaffen sind und tglich dreimal neugeschaffen werden;
und wenn man von Halbdunkel, Schmutz und schbigen Gestalten in das
gemtliche Caf tritt, wird man von Licht, Wrme, Gesang, Mandolinen
und Gitarren begrsst. Da sitzen Huren und ihresgleichen, doch zu
dieser Stunde ist jeder Klassenunterschied ausgetilgt. Und hier sitzen
Knstler, Studenten, Schriftsteller durcheinander, kneipen an langen
Tischen und trumen wachend; oder haben sie den traurigen Schlaf
geflohen, der vielleicht aufgehrt hat sie zu besuchen? Es ist keine
sprhende Freude, sondern eine stille Narkose ruht ber dem ganzen;
und fr mich ist es, als trete ich in das Reich der Schatten, wo das
gespensterhafte Leben nur halbe Wirklichkeit hat. Ich kenne einen
Schriftsteller, der nachts dort zu sitzen und zu schreiben pflegte.
Ich habe Fremde dort gesehen, die gekleidet waren, als kmen sie
von einem glnzenden Souper aus dem Parc Monceau. Habe einen Mann
aus dem Publikum mit dem Aussehen eines fremden Gesandten aufstehen
und ein Solo singen sehen. Habe Leute, die verkleideten Prinzen und
Prinzessinnen glichen, Champagner trinken sehen. Ich weiss jetzt nicht
mehr, ob es wirkliche Sterbliche sind, alle diese Schatten, oder ob
es "Astralleiber" Schlafender sind, die sich draussen befinden und
die Schlaftrunkenen, die da sitzen, halluzinieren. Das Merkwrdige
ist, dass kein grober Ton die Gesellschaft beherrscht, die in das enge
Lokal gepfercht ist: die Schwermut der Schlaflosigkeit dmpft und gibt
allem, was geschieht, eine gewisse melancholische Farbe. Die Lieder der
Snger sind meist sentimental, und die melancholische Gitarre heilt
die Nadelstiche, mit denen die scharfe stahlsaitige Mandoline die
Gehirnmuskeln sticht....

Gerade jetzt erinnere ich mich einer Nacht vor zwei Jahren, als ich mit
demselben Freunde hier im Caf war. Wir hatten ber die verborgenen
Fhigkeiten der Seele gesprochen, und ich leugnete aus manchen Grnden
die Rolle des Grosshirns als Gedankenmaschine. "Es ist ja ein Darm oder
eine Drse, das knnen Sie doch sehen!"--"Glauben Sie das nicht! Kommen
Sie, wir wollen vor die Tr gehen und uns eins kaufen!"--Wir gingen
in die Hallen hinunter und verlangten ein Gehirn. Man wies uns durch
Korridore und Gewlbe in einen Keller. Schliesslich befanden wir uns
in einem Saal, der mit blutigen Krpern und Eingeweiden dekoriert war.
Wir wateten durch Blut und gelangten an den Raum fr Gehirne. Blutige
Mnner mit blutigen Keulen und Stemmeisen schlugen abgehauene Tierkpfe
so, dass der Schdel brach und das Gehirn herausflog. Wir kauften eins
und gingen hinauf ans Licht, aber die grausige Szenerie folgte uns bis
zum Tisch des Cafs, wo die vermeintliche Gedankenmaschine demonstriert
wurde.

Jetzt in der Nacht, nach meiner langen Einsamkeitskur, fhle ich mich
wohl unter der Menschenmenge, es strmt Wrme und Sympathie von ihr
aus. Zum ersten Mal seit langem werde ich von einem sentimentalen
Mitleid mit diesen unglcklichen Weibern der Nacht er fasst. Und neben
unserm Tisch sitzen ein halbes Dutzend allein, niedergeschlagen, ohne
etwas Bestelltes vor sich zu haben. Sie sind fast alle hsslich,
verschmht, und wahrscheinlich ausser stande, sich etwas zu bestellen.
Ich schlage meinem Freund, der ebenso uninteressierte Absichten hat wie
ich, vor, zwei einzuladen, von den hsslichsten, die neben uns sitzen.
Angenommen! Und ich lade zwei ein, indem ich frage, ob sie etwas
trinken wollen, und, hinzufge: aber ohne irgend welche Illusionen
sonst, und vor allem anstndig.

Sie scheinen ihre Rolle zu verstehen und bitten zuerst um Essen. Der
Freund und ich setzen unser philosophisches Gesprch auf Deutsch
fort, dann und wann ein Wort an unsere Damen richtend, die nicht
anspruchsvoll sind und mehr auf Essen erpicht scheinen als auf
Aufwartung.

Einen Augenblick trifft mich der Gedanke: Wenn ein Bekannter dich jetzt
she? Ja, dann weiss ich, was er sagen wrde, und ich weiss auch, was
ich antworten wrde.--Ihr habt mich aus der Gesellschaft verstossen,
mich zur Einsamkeit verurteilt, und ich bin gentigt, die Gesellschaft
von Menschen zu kaufen, von Parias, hinausgeworfen wie ich, hungrig wie
ich gewesen bin. Meine einfache Freude ist, diese Verschmhten prahlen
zu sehen mit einer Eroberung, die keine ist, sie essen und trinken zu
sehen, ihre Stimmen zu hren, die doch die von Frauen gewesen sind....
Und die ich in keiner Form bezahlt habe, nicht einmal damit, dass ich
als Zugabe Moral gebe.

Ich empfinde nur ein Wohlbehagen, mit menschlichen Wesen zusammen
zu sitzen und vom berfluss des Augenblicks geben zu knnen, des
Augenblicks, denn in einem Monat kann ich so arm sein wie sie....

Es ist Morgen geworden; die Uhr zeigt fnf, und wir gehen; aber da
fordert meine Dame fnfzehn Francs dafr, dass sie mir Gesellschaft
geleistet hat; was ich von ihrem Gesichtspunkt aus erklrlich finde;
denn meine Gesellschaft ist wertlos ebenso wie mein Schutz ihrer
Polizei gegenber. Dass das meine Selbstachtung erhhen wird, glaube
ich nicht, eher das Gegenteil.

Doch wandere ich nach Haus mit gutem Gewissen, nach einer
wohlverbrachten Nacht, schlafe bis zehn Uhr, erwache ausgeruht und
verbringe den Tag mit Arbeit und Betrachtungen. Aber die Nacht darauf
bekam ich einen Anfall der schrecklichen Art, wie sie Swedenborg in
seinen "Trumen" schildert. Das war also die Strafe. Wofr? "Dass er
isst und trinkt mit Huren und Zllnern, whrend Johannes in die Wste
ging...." Mit Huren weil er keine andere Gesellschaft findet.... Ich
verstehe nichts mehr; hatte geglaubt, es sei eine neue Lektion in der
Lebensart, ich solle lernen, dass alle Menschen gleich gut seien;
und hatte mir wirklich einen Augenblick eingebildet, meine Rolle im
Nachtcaf sei mehr die des Menschenfreundes als des Ausschweifers
gewesen, mindestens aber moralisch indifferent.

Die folgenden Tage bin ich sehr beklommen, und eines Abends sah ich
einer Schreckensnacht entgegen. Um neun Uhr hatte ich Ciceros "Natura
Deorum" vor mir und wurde so eingenommen von Aristoteles' Ansicht,
die Gtter kennten unsere Welt nicht und wrden sich verunreinigen,
wenn sie sich mit diesem Schmutz befassten, dass ich sie abzuschreiben
beschloss. Dabei merke ich, dass Blut auf der oberen Seite der rechten
Hand ausgebrochen ist, ohne irgend welche Ursache. Und als ich das Blut
abtrocknete, fand sich kein Zeichen einer Schramme. Doch ich entschlug
mich des Gedankens und ging zu Bett. Um halb eins erwachte ich mit dem
voll ausgebildeten Symptom, das ich den elektrischen Grtel genannt
habe. Ungeachtet ich dessen Natur und innere Bedeutung kenne, werde
ich sogleich gezwungen, die Ursache ausser mir zu suchen; denke, nun
sind sie hier! Sie! Wer? Nahm mich dann zusammen und zndete die Lampe
an. Da die Bibel daneben lag, beschloss ich sie um Rat zu fragen, und
siehe, sie antwortete:

"Ich werde dich verstehend machen, und ich werde dir den Weg zeigen,
den du gehen musst, und mein Auge wird dir folgen. Sie nicht wie ein
Pferd oder Maultier, das da mit Zaum und Trense gerissen werden muss,
um zu Gehorsam gebracht zu werden!"

Das war Bescheid und ich schlafe wieder, ruhig, dass es nicht bse
Menschen sind, sondern eine wohlwollende Macht, die zu mir spricht,
wenn auch etwas undeutlich.

Nachdem ich mich mit einigen Tagen Einsamkeit beruhigt hatte, ging ich
eines Abends wieder aus, mit dem Amerikaner und einem jungen Franzosen,
der meine Manuskripte berichtigt. Es wurde etwas langwierig, und ich
kam kurz vor Mitternacht nach Haus, mit schlechtem Gewissen, weil
ich, in eine hitzige Konversation hineingezogen, gentigt gewesen
war, von einem Abwesenden Bses zu sagen. Was ich sagte, war eine
Selbstverteidigung gegen einen Lgner und zwar volle Wahrheit. Um zwei
Uhr erwachte ich und hrte einen Menschen im Zimmer ber mir poltern;
dann, wie er die Treppen hinunter in das Zimmer, das neben meinem
liegt hineinging. Also dasselbe Manver wie im Hotel Orfila. Bin ich
denn bewacht? Denn wer besetzt sonst zwei Zimmer in dem Hotel, wo ich
wohne, eins ber mir, eins an meiner Seite? Dieselbe Geschichte hatte
sich ja im September hier im Hotel wiederholt, als ich drei Treppen
hoch wohnte. Es kann kein Zufall sein. Wenn nun, was wahrscheinlich
ist, mein unsichtbarer Mentor mich strafen will, wie raffiniert ist es,
mich in Ungewissheit zu halten, ob es Menschen sind, die mich verfolgen
oder nicht. Obwohl ich volle Gewissheit gehabt habe, dass niemand mich
verfolgt, so muss ich gleichwohl in den alten Gedankenkreis, dass es
jemand tut, gepeinigt werden. Und als die Frage, wer ist es, aufsteigt,
beginnt der Reigen von Vermutungen, bis mein Gewissen ihn aufhlt.
Das klagt mich an auch da, wo ich nur in reiner Selbstverteidigung
gehandelt habe, indem ich ungerechte Beschuldigungen von mir
abschttele. Ich glaube mit dem Rcken an einen Pfahl gebunden zu sein,
alle Vorbeigehenden haben das Recht, mich ungestraft anzuspucken,
wenn ich aber wieder sie spucke, werde ich gestupt, erstickt, von
Furien gejagt. Die ganze Welt, auch der geringste Elende, hat mir
gegenber recht! Wenn ich nur wsste warum! Die ganze Taktik erinnert
so an Frauen, dass ich meinen Argwohn nicht lassen kann. Wenn nmlich
eine Frau jahrelang einem Manne Schaden und Unrecht getan hat,
ohne dass er aus angeborenem Edelmut die Hand zur Gegenwehr erhob,
und er schliesslich um sich schlgt, wie man eine Fliege wegjagt,
das macht sie ein Geschrei, ruft die Polizei und lamentiert: "Er
verteidigt sich!" Oder wenn in der Schule ein unvernnftiger Lehrer
einen unschuldig angeklagten Schler berfllt, und dieser sich aus
gekrnktem Rechtsgefhl zu verteidigen sucht, was tut das der Lehrer?
Er geht zur Krperstrafe ber, indem er ausruft: "So, du antwortest."

Ich habe geantwortet und darum werde ich gepeinigt! Und die Pein geht
nun acht Tage lang jede Nacht vor sich. Die Folgen davon sind, dass
ich meine gute Laune verliere, und dass der Verkehr mit mir eine Plage
wird. Mein Freund der Amerikaner ermdet, zieht sich langsam zurck,
und als er einen Haushalt zu Hause etabliert hat, befinde ich mich
wieder allein. Aber es ist nicht ausschliesslich ein gegenseitiger
berdruss, der uns zum zweiten Mal getrennt hat; wir haben nmlich
beide bemerkt, dass whrend unsers letzten Zusammenseins wunderliche
Dinge geschehen sind; die knnen nur dem Einschreiten bewusster Mchte
zugeschrieben werden, welche die Absicht gehabt haben, unsern berdruss
zu wecken. Dieser Mann, der fast nichts von meinem frheren Leben
weiss, schien das letzte Mal die Absicht gehabt zu haben, mich an allen
empfindlichen Punkten zu verletzen; es war, als habe er die geheimsten
meiner Gedanken und Absichten gekannt, die doch nur ich kenne. Und als
ich ihm diese meine Beobachtung sagte, ging ihm ein Licht auf.

--Ist das nicht der Bse! rief er aus. Ich ahnte, dass es etwas war,
denn Sie konnten an dem Abend nicht den Mund ffnen, ohne mich auf
das tiefste zu krnken, aber ich sah in Ihrem ruhigen Gesicht und dem
freundlichen Ausdruck, dass Sie nichts Bses im Sinn hatten.

Wir versuchten zu trotzen. Aber drei Tage hinter einander ging er den
langen Weg zu mir vergebens. Ich war nicht da, und auch nicht in meinem
gewhnlichen Restaurant, nirgends!

Und so schliess sich die Einsamkeit wieder um mich wie ein dichtes
Dunkel. Es geht auf Weihnachten und das Entbehren von Heim und Familie
bedrckt mich. Das ganze Leben wird widrig und ich beginne wieder ganz
folgerichtig nach dem zu blicken, was von oben ist. Kaufe "Christi
Nachfolge" und lese.

Es ist nicht das erste Mal, dass dieses wunderbare Buch mich trifft,
aber dieses mal findet es den Boden bereitet. Lebend zu sterben von
der Welt der verchtlichen, langweiligen, schmutzigen, das ist das
Thema. Und der unbekannte Verfasser hat die ungewhnliche Eigenschaft,
nicht zu predigen oder zu strafen, sondern er spricht freundlich,
berzeugend, logisch bindend und lockend. Er gibt unsern Leiden die
Farbe, als seien sie nicht Strafen, sondern Prfungen, und damit weckt
er den Ehrgeiz, sie gut bestehen zu knnen.

Nun habe ich Jesus wieder, dieses Mal nicht Christus, und er schleicht
sich bei mir ein, langsam aber sicher, als ob er auf Sammetsandalen
komme. Und die Weihnachtsausstellungen auf der Rue Bonaparte helfen
dazu. Da ist das Christuskind in der Krippe, das Jesuskind mit
Knigsmantel und Krone, das Kind auf dem Arm der Jungfrau, das Kind
spielend, liegend, am Kreuz! Gut das Kind! Das verstehe ich. Der Gott,
der so lange die Klagen der Menschen ber das Elend des Erdenlebens
gehrt hat, dass er schliesslich beschloss niederzusteigen, sich
geboren werden zu lassen und zu leben, um zu prfen wie schwer es ist,
sich mit einem Menschenleben zu schleppen. Den begreife ich.

Am Morgen eines Sonnabends ging ich an der Kirche St-Germain
L'Auxerrois vorbei. Dieses Gebude hat immer eine starke Ausstrahlung
auf mich ausgebt, weil es so intim aussieht; die Vorhalle mit ihren
Malereien ladet ein, und die Masse sind so klein, dass man nicht
erdrckt wird oder verschwindet. In der Tr begegne ich Halbdmmerung
und Orgelspiel, farbigen Bildern und Kerzen. Immer wenn ich in eine
katholische Kirche trete, bleibe ich an der Tr stehen und fhle mich
verlegen, unruhig, ausgestossen. Wenn der riesengrosse Schweizer sich
mit seiner Hellebarde nhert, bekomme ich ein schlechtes Gewissen und
meine, er will mich als Ketzer hinaus treiben. Hier in Saint-Germain
L'Auxerrois fhle ich eine Angst, denn das Gedchtnis sagt mir, dass
es in diesem Turm war, wo in der Bartholomusnacht die Glocke ohne
bekannte Ursache um zwei Uhr zu luten anfing. (Um zwei Uhr nachts!)
Heute beunruhigt mich meine Stellung als Hugenotte mehr als sonst, denn
vor einigen Monaten las ich im Osservatore Romano einen Glckwunsch,
den die katholische Priesterschaft an die Judenverfolger in Russland
und Ungarn richtete, und einen hochgestimmten Vergleich mit den grossen
Tagen, die auf die Bartholomusnacht folgten und die der Verfasser bald
zurckwnschte.

Die Orgel, unsichtbar, spielt Tne, Harmonien, die ich noch nie
gehrt habe, die mir aber vorkommen wie Erinnerungen; Erinnerungen an
die Zeiten der Vorfahren oder an noch entferntere Tage. Wo hat der
Komponist die her bekommen? frage ich mich immer, wenn ich grosse
Musik hre. Aus der Natur und dem Leben nicht, denn hier gibt es keine
Vorbilder, wie in den andern Knsten. Da habe ich keinen andern Ausweg,
als mir seine Musik wie eine Erinnerung an einen Zustand zu denken,
nach dem sich jeder Mensch in seinen besten Augenblicken zurcksehnt;
und im Gefhl des Vermissens selbst muss ja ein dunkles Bewusstsein von
etwas Vermissten liegen, das man frher besessen hat.

Sechs Lichter sind am Altar angezndet: der Priester in Weiss, Rot
und Gold spricht nicht, aber seine Hand flattert, mit den grazisen
Bewegungen eines Schmetterlings ber einem Buch. Hinten treten zwei
weissgekleidete Kinder vor und beugen die Knie. Es lutet eine kleine
Glocke. Der Priester wscht sich die Hnde und bereitet eine Handlung,
die mir unbekannt ist. Es geschieht etwas Seltsames, Schnes, Hohes
da vorn in der Ferne zwischen Gold, Rauch und Licht ... ich verstehe
nichts, aber fhle eine unerklrliche Ehrfurcht und ein unerklrliches
Beben, und ein Gefhl schlgt in mich nieder; das hast du schon erlebt
und mitgelebt....

Dann aber kommt das Schamgefhl des Heiden, des Ausgestossenen, der
hier nicht zum Hause gehrt. Und dann steht die ganze Wahrheit klar
da: der Protestant hat keine Religion, denn der Protestantismus ist
Freidenkertum, Emprung, Sonderung, Dogmatik, Theologie, Ketzerei.
Und der Protestant ist in den Bann getan. Es ist der Bann, der Fluch,
der ber uns ruht und uns unbefriedigt, trist, irrend macht. Und in
diesem Augenblick fhle ich den Bann, und ich verstehe warum der Sieger
bei Ltzen "in seinem Werke fiel" und warum seine eigene Tochter ihn
dementierte; verstehe warum das protestantische Deutschland verheert
wurde, whrend sterreich unberhrt blieb. Und was wurde fr uns
gewonnen? Die Freiheit, ausgestossen zu sein, die Freiheit, uns zu
sondern und abzusondern, um als konfessionslos zu enden.

Wogend bewegt sich die Gemeinde zu den Tren hinaus, und einsam bleibe
ich zurck, indem ich, wie ich glaube, deren missbilligende Blicke
ertrage. Es ist dunkel an der Tr, wo ich stehe, aber ich sehe, wie
alle das Wasser im Weihkessel berhren und sich bekreuzigen, ehe sie
hinausgehen; und da ich gerade davorstehe, sieht es aus, als ob sich
alle vor mir bekreuzigen, und ich weiss, was das bedeutet, seit ich in
sterreich Leute, die mir auf der Landstrasse entgegenkamen, das Kreuz
vor dem Protestanten, der ich war, schlugen.

Als ich schliesslich allein bleibe, nhere ich mich dem
Weihwasserbecken aus Neugier oder einem andern Grunde. Es ist aus
gelbem Marmor in Form einer Muschelschale, und darber ist ein
Kinderkopf ... mit Flgeln hinten. Und das Gesicht des Kindes ist
lebend, von einem Ausdruck verklrt, den man nur bei guten, schnen,
wohlerzogenen Dreijhrigen sieht. Der Mund steht offen, und die
Mundwinkel halten ein Lcheln zurck. Die grossen herrlichen Augen
sind niedergeschlagen, und man sieht, wie sich der kleine Schelm im
Wasser spiegelt, aber unter dem Schutz der Augenlider, als sei er sich
bewusst, etwas Ungesetzliches zu tun, ohne jedoch vor dem Strafer bange
zu sein, den er, wie er weiss, mit einem einzigen Blick entwaffnen
kann. Das ist das Kind, das noch das Geprge von unserm fernen Ursprung
trgt, einen Schimmer vom bermenschen, das dem Himmel angehrt. Man
kann also im Himmel lcheln, und nicht nur das Kreuz tragen! Wie oft
in den Augenblicken meiner Selbstanklage, wenn die ewigen Strafen wie
objektive Wirklichkeiten vor mir stehen, habe ich nicht diese Frage
aufgestellt, die mancher unehrerbietig finden wird: Kann Gott lcheln?
lcheln zu der Torheit und dem bermut der Menschenameisen? Kann er
das, dann kann er auch verzeihen.

Das Kindergesicht lchelt mir zu und sieht mich durch das Augenlid an,
und der geffnete Mund sagt neckend: Versuch es, das Wasser ist nicht
gefhrlich!

Und ich berhre mit zwei Fingern das geweihte Wasser, es geht
ein Kruseln ber die Flche wie--ich glaube, es war im Teiche
Bethseda--und nun fhre ich den Finger von der Stirn nach dem Herzen
und dann von links nach rechts, wie ich es meine Tochter habe tun
sehen. Aber im nchsten Augenblick bin ich heraus aus der Kirche--denn
der Kleine lachte, und ich--schmte mich, will ich nicht sagen, aber
ich wnschte am liebsten, niemand htte es gesehen.

Draussen an der Kirchentr steht ein Anschlag ber etwas, und daraus
werde ich belehrt, dass heute Advent ist! Draussen vor der Kirche sitzt
in der schrecklichen Klte eine Alte und schlft. Ich lege leise eine
Silbermnze in ihren Schoss, ohne dass sie es merkt, und obwohl ich
gern ihr Erwachen gesehen htte, gehe ich. Welche billige und solide
Freude, die Zwischenhand der Vorsehung bei der Erhhung einer Bitte zu
spielen, und einmal geben zu drfen, wenn man so lange empfangen hat.


Jetzt lese ich "L'Imitation" und Chateaubriand, "Le Gnie du
Christianisme". Ich habe das Kreuz auf mich genommen und trage eine
Medaille, die ich auf Sacre-Coeur in Montmartre bekommen habe. Aber das
Kreuz fr mich ist das Symbol der geduldig ertragenen Leiden, nicht das
Wahrzeichen, dass Christus an meiner Stelle gelitten hat, denn das muss
ich schon selbst besorgen. Ich habe sogar eine Theorie aufgestellt:
da wir Unglubigen nicht mehr von Christus sprechen hren wollten,
berliess er uns uns selbst, eine satisfactio vicaria hrte auf,
und wir mussten uns allein mit unserm Elend und unserm Schuldgefhl
schleppen. Swedenborg sagt ausdrcklich, dass Christi Leiden am Kreuz
nicht sein Vershnungswerk war, sondern eine Prfung, die der Gott sich
auferlegt hatte, weniger die eines Schmerzes als die einer Schmach.

Gleichzeitig mit "Christi Nachfolge" bekomme ich Schwedenborgs "Vera
Religio Christiana" in die Hand, in zwei starken Bnden. Mit seiner
Allmacht, die jedem Widerstand trotzt, schleppt er mich in seine
Riesenmhle und fngt an mich zu mahlen. Zuerst lege ich das Buch fort
und sage: Das ist nicht fr mich. Aber ich nehme es wieder, denn es
ist so viel darin, was mit meinen Beobachtungen und Erlebnissen stimmt
und so viel weltliche Weisheit, die mich interessiert. Zum zweiten
Mal werfe ich es weg; bekomme aber keine Ruhe, ehe ich es wieder
vorgenommen habe, und das Schreckliche der Situation ist, wenn ich lese
erhalte ich den bestimmten Eindruck: das ist die Wahrheit, aber ich
kann nie dahin kommen! Nie! denn ich will nicht.--Dann fange ich an,
mich zu empren und sage mir: er hat sich getuscht, und dies ist der
Geist der Lge. Dann aber kommt die Furcht, dass ich mich geirrt habe.

Was finde ich denn hier, das das lebendige Wort sein soll? Ich
finde die ganze Ordnung der Gnade und die ewige Hlle: die
Kindheitserinnerungen an die Hlle der Kindheit mit ihrem ewigen
Unfrieden! Aber nun habe ich den Kopf in die Schlinge eingesteckt,
und ich bin gefangen. Den ganzen Tag, die halbe Nacht spielen meine
Gedanken um dieses eine: ich bin verdammt, denn ich kann unter anderm
das Wort Jesu nicht aussprechen, ohne Christus hinzuzufgen, der nach
Swedenborg das Schibboleth sein soll, das die Teufel verrt.

Nun habe ich den ganzen Abgrund in mir, und der milde Christus in
"L'Imitation" ist der Dmon geworden, der Peiniger! Ich fhle lebhaft,
wenn dieses sich weiter entwickelt, werde ich Pietist, aber das will
ich nicht! Will nicht!

Drei Tage sind vergangen, seit ich Swedenborg fortgelegt habe, aber
eines Abends, als ich mich mit Pflanzenphysiologie beschftige,
erinnere ich mich, etwas besonders Sinnreiches ber die Stellung der
Pflanze in der Schpfungskette gerade in "Vera Religio Christiana"
gesehen zu haben. Vorsichtig beginne ich nach der berhmten Stelle zu
suchen, finde sie aber nicht; dagegen finde ich alles andere: Die
Berufung, die Erleuchtung, die Heiligung, die Bekehrung, und wie ich
die Bltter wende und die Seiten zu berfliegen suche, bleibt das Auge
auf den grausigsten Stellen haften, die stechen und brennen. Zweimal
suche ich die beiden Bnde durch, aber das Gesuchte ist verschwunden.
Es ist ein verzaubertes Buch, und ich mchte es verbrennen, wage es
aber nicht, weil die Nacht bevorsteht und die Uhr zwei werden kann....
Ich fhle, wie ich Heuchler werde, und ich habe in mir beschlossen,
morgen, wenn ich nur diese Nacht in Frieden schlafen darf, einen Kampf
gegen diesen Seelenverderber aufzunehmen; ich werde seine eigenen
Schwchen mit dem Mikroskop besichtigen, ich werde seine Stacheln aus
dem Herzen ausreissen, wenn es auch dabei zerrissen werden sollte,
und ich will vergessen, dass er mich von dem einen Irrenhaus gerettet
hat--um mich in das andere zu bringen!


Nachdem ich die Nacht geschlafen habe, obwohl ich erwartet habe,
erschlagen zu werden, ging ich am folgenden Morgen ans Werk, nicht
ohne Skrupel, denn die Waffen zu ergreifen gegen einen Freund, ist
die betrbendste von allen Unternehmungen. Aber es muss geschehen; es
handelt sich um meine unsterbliche Seele, ob sie vernichtet werden soll
oder nicht.

So lange Swedenborg in "Arcana" und der "Apokalypse" sich an
Offenbarungen, Prophezeiungen, Auslegungen hielt, da machte er mich
religis, aber wenn er in "Vera Religio" anfngt ber die Dogmen zu
rsonieren, dann ist er Freidenker, Protestant, und zieht er blank mit
der Vernunft, dann hat er die Waffen selbst gewhlt, und schlechte
Waffen. Ich will die Religion haben als eine stille Begleitung zu der
eintnigen Alltagsmelodie des Lebens, aber hier handelt es sich um
Berufsreligion, Kathederdisputation, also um Machtkampf.

Ich hatte schon beim Lesen von "Apokalypsis revelata" eine Stelle
gefunden, die mich abstiess, weil sie eine menschliche Eitelkeit
verriet, die ich bei einem Gottesmann nicht sehen mchte. Aber ich
ging aus Rcksicht daran vorbei, jedoch nicht ohne sie zu notieren. Im
Himmel trifft Swedenborg einen englischen Knig und beklagt sich ihm
gegenber, dass englische Zeitschriften es nicht geruht htten, seine
Schriften anzukndigen. Swedenborg drckte seinen Verdruss besonders
ber einige Bischfe und Lords aus, die seine Schriften angenommen,
aber ihnen keine Aufmerksamkeit geschenkt htten. Der Knig (Georg II.)
war erstaunt und wandte sich zu den Unwrdigen, indem er sagte: "Gehet
eure Wege! Wehe dem, der so gefhllos bleiben kann, wenn er etwas vom
Himmel und dem ewigen Leben hrt." Hier will ich als mir unsympathisch
anmerken, dass sowohl Dante wie Swedenborg ihre Feinde und Freunde in
die Hlle schicken, whrend sie selbst die Hhen besteigen. Darf ich
mir wie Paulus ein kleines Selbstlob erlauben, so ist der Augenblick
gekommen, daran zu erinnern, dass ich mich im Gegensatz zu den hohen
Meistern allein mitten in die Gluthaufen des Inferno gesetzt habe und
die andern wenigstens ber mich ins Fegefeuer.

In "Vera Religio" ist die Sache noch unangenehmer, denn dort trifft
man Calvin in einem Bordell, weil er gelehrt hat, dass der Glaube
alles ist und die Werke nichts (vgl. den Ruber am Kreuz!). Luther und
Melanchthon, ungeachtet ihres Protestantismus, sind rohem Hohn und
albernen Possen ausgesetzt.... Nein, es regt mich auf, diese Flecke
in dem Bilde eines erhabenen Geistes aufzusuchen. Und ich hoffe, es
ist Swedenborg in seiner geistigen Entwicklung ergangen, wie es nach
seinen Worten Luther ergangen sein soll: "Als dieser in die Geisterwelt
eintrat, machte er starke Propaganda fr seine Dogmen, aber weil diese
nicht im innersten Wesen seines Geistes eingewurzelt, sondern nur von
Kindheit an eingesogen waren, ging ihm bald eine grssere Klarheit auf,
so dass er schliesslich des neuen Himmelsglaubens teilhaftig wurde."

Ist mein Lehrer zornig, dass ich dies geschrieben habe? Ich kann es
nicht glauben; vielleicht teilt er meine Meinungen jetzt, und hat
erfahren, dass dort oben nicht Theologie disputiert wird. So wie er das
Leben in der Geisterwelt geschildert hat, mit Kathedern und Auditorien,
Opponenten und Respondenten, hat er mich zu der lsterlichen Frage
verleitet: Ist Gott Theolog?


Ich hatte nun Swedenborg eingeschlossen, von ihm Abschied genommen,
mit Dankbarkeit, als von dem, der mich, wenn auch mit Schreckbildern,
wie ein Kind zu Gott zurck gescheucht hat. Und siehe, der Schwarze
Christus plagt mich nicht mehr mit Unseligkeit, sondern der Weisse, das
Kind das lcheln und spielen kann, nhert sich mit dem Advent; damit
findet sich ein gewisser froherer Blick aufs Leben ein, so lange ich
nmlich wache ber meine Handlungen, Worte und sogar Gedanken, die, wie
es scheint, nicht geheim gehalten werden knnen vor dem unbekannten
Schutzengel und Strafengel, der mir berall folgt.

Rtselhafte Begebenheiten treffen immer noch ein, aber nicht mehr
so drohend wie frher. Swedenborgs Christentum habe ich verlassen,
wie es hasserfllt, rachgierig, kleinlich, sklavisch war, aber ich
behalte "L'Imitation" mit gewissen Vorbehalten, und eine stille
Kompromissreligion ist auf diesen unseligen Zustand gefolgt, der das
Suchen nach Jesus begleitet. Ich sitze eines Abends und diniere mit
einem jungen franzsischen Poeten, der soeben "Inferno" gelesen hat und
vom okkultistischen Gesichtspunkt aus Erklrungen suchen will fr die
ausgestandenen Attacken, denen ich ausgesetzt war.

--Haben Sie keinen Talisman? fragte er. Sie mssen einen Talisman haben.

--Ich habe "L'Imitation"! antwortete ich. Er sah mich an, und ich nahm,
etwas verlegen, da ich eben desertiert war meine Uhr hervor, um mich
mit etwas zu beschftigen zu knnen. Im selben Augenblick fiel die
Medaille von Sacr-Coeur mit dem Christusbild von der Kette. Ich wurde
noch verlegener, sagte aber nichts.

Wir standen bald auf und gingen nach einem Caf beim Chtelet, um ein
Glas Bier zu trinken. Der Saal ist gerumig, und wir nahmen an einem
Tisch, der Tr gegenber, Platz. Dort sassen wir eine Weile, und das
Gesprch drehte sich um Christus und seine Bedeutung.

--Er hat sicher nicht fr uns gelitten, sagte ich, denn htte er das,
wrden sich unsere Leiden ja vermindert haben. Aber das haben sie nicht
getan, sondern sind noch ebenso intensiv.

Jetzt macht ein Kellner Lrm, und mit einem Besen und Sgespnen fngt
er an den Boden zwischen uns und der Tr zu fegen, wo kein Mensch
hingetreten hat, seit wir gekommen sind. Auf dem weissen Parkettboden
sieht man einen Kranz von roten Tropfen; und whrend der Kellner kehrt,
murmelt er und betrachtet uns mit scheelen Augen als die Schuldigen.
Ich frage meinen Begleiter, was es ist.

--Es ist etwas Rotes.

--Dann haben wir es getan, denn niemand hat den Platz nach uns
betreten, und als wir eintraten, war er rein.

--Nein, antwortete der Kamerad, wir haben es nicht getan, denn es ist
keine Fussspur, sondern als habe jemand geblutet; und wir bluten ja
nicht.

Das war unheimlich, und auch unangenehm, weil unsere Personen sich die
Aufmerksamkeit der andern Gste auf unangenehme strende Weise zuzogen.

Der Poet las meine Gedanken, doch er hatte nicht das Abenteuer mit der
Medaille gesehen. Deshalb, und um mein Herz zu erleichtern, schloss ich:

--Christus verfolgt mich.

Er antwortete nicht, obwohl er gerne eine natrliche Erklrung gesucht
htte, die er nicht finden konnte.


Ehe ich meinen Freund, den Amerikaner verlasse, den ich zum Versuch
mit dem Therapeuten Francis Schlatter identifiziert habe, muss ich
einige Zge erzhlen, die den Argwohn bestrken, dass dieser Mann einen
"double" hatte.

Als ich die Bekanntschaft mit ihm jetzt wieder anknpfte, sagte ich
ihm alle meine Meinungen rund heraus, und zeigte ihm das Heft der
Revue Spirite, in dem der Artikel "mein Freund H--" stand. Er schien
unschlssig, aber mehr skeptisch.

Nach einigen Tagen, als er zum Diner kam, war er ganz verwirrt, und er
erzhlte mit einer gewissen Bewegung, seine Geliebte sei verschwunden,
ohne Abschied genommen zu haben und ohne eine Nachricht zu hinterlassen.

Sie blieb einige Tage fort und kam dann wieder. Als er ein Verhr
anstellte, bekannte sie schliesslich, sie frchte sich vor ihrem Herrn,
dem sie den Haushalt fhrte. Nach weiteren Fragen erfuhr er: als sie in
der Nacht aufwachte, whrend er schlief, war sein Gesicht kalkweiss und
unkennlich; was sie auf unbeschreibliche Weise erschreckte.

brigens wagte er sich nie vor Mitternacht zu legen, denn dann wurde er
geplagt, als sei er auf einen Bratspiess aufgespiesst, der ihn drehte
und drehte, bis er das Bett verlassen musste.

Als er "Inferno" gelesen hatte, sagte er:

--Sie haben nicht Verfolgungsmanie gehabt, sondern Sie sind verfolgt
worden, jedoch nicht von Menschen.

Von meinen erzhlten Erfahrungen geweckt, begann er in seiner
Erinnerung zu suchen und brachte unerklrliche Begebenheiten aus
seinem Leben der letzten Jahre hervor. So gab es einen gewissen Fleck
auf dem Pont Saint-Michel; auf dem wurde er durch ein Ziehen in einem
Bein zurckgehalten, und das zwang ihn, stehen zu bleiben. Das kehrte
regelmssig wieder, und er hatte die Sache von Freunden bezeugen
lassen. Er hatte auch einige andere Eigentmlichkeiten bemerkt und
hatte "bestraft" zu sagen gelernt.

--Wenn ich raucht, werde ich bestraft, und wenn ich Absinth trinke,
werde ich bestraft. Eines Abends, als wir uns getroffen hatten, aber
die Mittagsstunde noch nicht gekommen war, gingen wir in das Caf de la
Fregate an der Rue du Bac. In lebhaftem Gesprch nahmen wir den ersten
besten Platz und verlangten Absinth. Das Gesprch ging weiter, aber
mitten darin stockte mein Kamerad, sah sich um und rief aus:

--Haben Sie eine solche Sammlung Banditen gesehen? Das sind ja alles
Verbrechertypen. Und als ich mich umsah, wurde ich bestrzt, denn
es war nicht das gewhnliche Publikum des Ortes, sondern eine Schar
zusammengerafften Gesindels, von denen die meisten verkleidet aussahen
und Grimassen schnitten. Aus Mangel an Platz hatte mein Kamerad als
Lehne eine Eisensule bekommen, die wie aus seinem Rcken aufstieg und
in der Hhe seines Halses einen Wulst wie ein Halsband bildete.

--Und Sie sitzen am Schandpfahl! rief ich aus.

Alle schienen uns jetzt zu betrachten; wir wurden unlustig, beklommen
und standen auf, ohne auszutrinken.

Das war das letzte Mal, dass ich mit dem Kameraden Absinth trank. Doch
ich machte einen spteren Versuch allein, aber ich erneuerte ihn nicht.
Meinen Genossen zum Diner erwartend, setzte ich mich auf das Trottoir
am Boulevard Saint-Germain Cluny gegenber und bestellte einen Absinth.
Sofort langten drei Figuren an, ich weiss nicht von wo, und stellten
sich vor mich. Zwei Kerle mit zerrissenen Kleidern und mit Schmutz
bespritzt, als ob sie aus den Kloaken gezogen wren, und neben ihnen
ein Weib, barhuptig mit struppigem Haar, mit Spuren von Schnheit,
berauscht, schmutzig; und alle betrachteten mich mit hhnischen
Blicken, frech, cynisch, als ob sie mich kennten und erwarteten, an
meinen Tisch geladen zu werden. Ich habe nie solche Typen in Paris
oder Berlin gesehen, vielleicht nur an der Mndung von London Bridge,
wo das Publikum wirklich ein okkultes Aussehen hat. Ich denke meine
Zuschauer zu ermden und znde Zigaretten an, aber es gelingt nicht. Da
trifft mich der Gedanke: das sind nicht "richtige" Menschen, das sind
Halbvisionen; ich erinnere mich an meine frheren Abenteuer von der
Brasserie des Lilas und stehe auf--seitdem habe ich nicht mehr gewagt
Absinth anzurhren.

Eins scheint mir sicher zu sein unter all meinem Schwanken, und das
ist, dass ein Unsichtbarer Hand an meine Erziehung gelegt hat, denn es
ist nicht die Logik der Begebenheiten, die hier spielt. Es ist nmlich
nicht logisch, dass Schornsteinbrand ausbricht, oder sonst nicht
vorhandene Gestalten vortreten, wen ich Absinth trinke; gewhnliche
Schicksalslogik wre ja, dass ich krank wrde. Logisch ist auch
nicht, dass ich in der Nacht aus dem Bett genommen werden, wenn ich
am Tage von einem Menschen etwas Bses gesagt habe. Aber es verrt
sich in allen diesen Handlungen eine bewusste, denkende, allwissende
Absicht mit gutem Endzweck, der zu gehorchen mir gleichwohl so schwer
wird, hauptschlich weil ich so schlechte Erfahrungen ber Gte und
Uneigenntzigkeit von Absichten gemacht habe. Es hat sich indessen ein
ganzes Signalsystem ausgebildet, das ich zu verstehen anfange, und
dessen Richtigkeit ich geprft habe.

So habe ich mich sechs Wochen lang nicht mit Chemie beschftigt, und
das Zimmer war nicht durch Hausrauch belstigt. Eines Morgens nahm
ich zur Probe meine Goldapparate hervor und richtete die Bder an.
Sofort fllte sich das Zimmer mit Rauch; er stieg vom Boden auf,
hinter dem Kaminspiegel, berall. Als ich den Wirt rief, erklrte er
das unbegreiflich, weil es Steinkohlenrauch sei und man Steinkohlen im
ganzen Hause nicht benutze. Also soll ich mich nicht mit Goldmacherei
beschftigen!

Die Holzharmonika, die ich oben erwhnt habe, bedeutet Frieden, das
habe ich gemerkt, denn wenn sie fort ist, entsteht Unruhe.

Eine wimmernde Kinderstimme, die man oft im Schornsteinrohr hrt, und
die nicht natrlich erklrt werden kann, bedeutet: Du sollst fleissig
sein; und daneben: Du sollst dieses Buch schreiben und dich nicht mit
anderen Dingen beschftigen.

Wenn ich in Gedanken, Worten oder Schrift aufrhrerisch bin oder mich
ungebhrlichen Stoffen nhere, hre ich einen groben Basston wie aus
einer Orgel oder aus dem Rssel eines Elefanten, wenn er trompetet und
bse ist.

Zwei Beweise, dass dieses nicht subjektive Wahrnehmungen bei mir sind,
will ich anfhren.

Wir dinierten am Bastilleplatz, der Amerikaner, der franzsische Poet
und ich. Das Gesprch hatte sich einige Stunden um Kunst und Literatur
gedreht, als beim Dessert der Amerikaner in das Junggesellenbereich
hinber glitt. Sofort hrte man in der Wand das Trompeten des
Elefanten. Ich tat so, als hre ich nichts, aber meine Begleiter
gaben darauf acht und wechselten unter einer gewissen Verstimmung den
Gesprchsstoff.

Ein anderes Mal frhstckte ich mit einem Schweden, und in einem
ganz andern Lokal. Er sprach gleichfalls gegen Ende des Desserts,
ber Huysmans "L bas" und wollte die schwarze Messe schildern. Im
selben Augenblick trompetet es, aber dieses Mal mitten im Saale, der
menschenleer war.

--Was war das? unterbrach er sich.

Ich antwortete nicht; und er setzte die unheimliche Schilderung fort.

Es trompetet noch einmal, und zwar so heftig, dass der Erzhler stecken
blieb, erst ein Weinglas umgoss und dann die ganze Sahnenkanne ber
seine Kleider leerte. Jetzt liess er das Thema fallen, das mich qulte.




Nachschrift.


Wie der Leser wahrscheinlich durchschaut hat, ist diese zweite
Abteilung "Jacob Ringt" ein Versuch, in sinnbildlicher Schilderung
den religisen Kampf des Verfassers zu zeichnen, und als solcher
misslungen. Deshalb ist er ein Fragment geblieben und hat sich
wie alle religisen Krisen in ein Chaos aufgelst. Daraus scheint
hervorzugehen, dass das Forschen in den Geheimnissen der Vorsehung wie
alles Himmelstrmende mit Verwirrung getroffen wird, und dass jeder
Versuch, auf dem Weg des Rsonnements sich der Religion zu nhern,
zu Absurditten fhrt. Die Ursache ist wohl, dass die Religion wie
die Wissenschaften mit Axiomen beginnt, welche die Eigenschaft haben,
nicht bewiesen werden zu brauchen, und nicht bewiesen werden _knnen_;
wenn man doch die selbstverstndlichen notwendigen Voraussetzungen zu
beweisen sucht, gert man ins Sinnlose hinein.

Als der Verfasser 1894 prinzipiell seine Skepsis verliess, die
alles intellektuelle Leben zu verwsten gedroht hatte, und sich
experimentierend auf den Standpunkt eines Glubigen zustellen begann,
erschloss sich ihm das neue Seelenleben, das in "Inferno" und diesen
"Legenden" geschildert ist. Im Lauf der Sache, als der Verfasser allen
Widerstand eingestellt hatte, sah er sich von Einflssen, Krften
berfallen, die ihn in Stcke zu zerreisen drohten; und auf dem Weg zu
ertrinken, griff er schliesslich nach einigen leichteren Gegenstnden,
die ihn schwimmend erhalten konnten; aber auch diese begannen zu
weichen, und es war nur eine Frage der Zeit, wann er zu grunde gehen
wrde. In solchen Augenblicken wird der Strohhalm fr das Auge des
Erschreckten zu einem Baumstamm, und dann hebt der hervorgezwungene
Glaube den Gesunkenen aus der Woge, so dass er auf dem Wasser gehen
kann. Credo quia absurdum, ich glaube, weil das Ungereimte, das aus dem
Rsonnement hervorgegangen ist, mich aufklrt, dass ich dabei war, eine
Axiom zu beweisen. Und damit ist die Anknpfung zu dem obigen gemacht.

Ein franzsischer Schriftsteller schrieb in den 80er Jahren ein Buch
gegen die Jesuiten, und in diesem Buch fand ich neulich diesen Satz:
"Im Jahr 1867 sagte ich in einem Revueartikel "Der providentielle
Atheismus" voraus, dass Gott sich jetzt verbergen werde, um die
Menschen zu zwingen, ihn desto eifriger aufzusuchen."

Im Jahr 1867! Das ist wie zu Haus bei uns, wo um dieses Jahr alle
religise Errterung unter den Gebildeten aufhrte und Gott aus der
Literatur verschwand. Wenn er nun wieder kommt, sind wir nicht sicher,
dass er derselbe ist wie frher, wenn er wie alles andere wchst und
sich entwickelt. Ist er auch strenger geworden, muss er doch den
Agnostikern und den Forschern in dem Verborgenen verzeihen, dass sie
ihn nicht fanden, weil er fort war oder nicht empfing.

_Lund_, 23. April 1898.

_Der Verfasser._



Inferno.

1. Die Hand des Unsichtbaren
2. Der heilige Ludwig
3. Die Versuchungen des Teufels
4. Das wiedergefundene Paradies
5. Der Fall und das verlorene Paradies
6. Das Fegefeuer
7. Auszug aus meinem Tagebuch, 1896
8. Die Hlle
9. Beatrice
10. Swedenborg
11. Tagebuch eines Verdammten
12. Der Ewige hat gesprochen
13. Die entfesselte Hlle
14. Wallfahrt und Shne
15. Der Erlser
16. Trbsal
17. Wohin gehen wir?


Legenden.


Erster Teil

1. Der besessene Teufelsbeschwrer
2. Die Trostlosigkeit breitet sich aus
3. Erziehung
4. Wunder
5. Meines kleinglubigen Freundes Drangsale
6. Allerlei
7. Strahlung und Ausdehnung der Seele
8. Studien in Swedenborg
9. Canossa
10. Der Geist des Widerspruchs
11. Auszug aus meinem Tagebuch, 1897
12. In Paris

Zweiter Teil

JAKOB RINGT





End of the Project Gutenberg EBook of Inferno Legenden, by August Strindberg

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK INFERNO LEGENDEN ***

***** This file should be named 45916-8.txt or 45916-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/4/5/9/1/45916/

Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org
(Images generously made available by the Internet Archive.)


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License available with this file or online at
  www.gutenberg.org/license.


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
