The Project Gutenberg eBook, Die Liebesbriefe der Marquise, by Lily Braun


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Title: Die Liebesbriefe der Marquise


Author: Lily Braun



Release Date: April 29, 2013  [eBook #42617]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LIEBESBRIEFE DER MARQUISE***


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    _Die ersten einhundert Exemplare dieses Werkes wurden auf
    Zanders-Btten abgezogen und handschriftlich numeriert. Der Preis
    eines Exemplars dieser Liebhaberausgabe mit Titel in Kupferstich und
    in kostbarem, handgearbeiteten Lederband von E.A. Enders nach
    Entwurf von W. Tiemann betrgt 30 M._



DIE LIEBESBRIEFE DER MARQUISE


LILY BRAUN

DIE LIEBESBRIEFE DER MARQUISE







[Illustration]

Albert Langen/Mnchen

Copyright 1912 by Albert Langen/Mnchen




INHALT


                                  Seite

  Einleitung                      XI

  Mdchenzeit                     1

  Die Schlofrau von Froberg      37

  Eine deutsche Tragdie          103

  Schferspiele                   149

  Das Kind                        193

  Cagliostro                      249

  Der Prinz                       301

  Der letzte Akt                  379

  Ausklang                        463




EINLEITUNG




Wenn die alte Grfin Laval, in ihrem tiefen Lehnstuhl behaglich
zurckgelehnt, ein heiter sinnendes Lcheln um die feinen Lippen, von
Delphine Montjoie zu sprechen begann, so pflegte ihre strenge Tochter,
mit einem vielsagendem Blick auf die Jugend im Zimmer, ein aber
Mamachen! warnend dazwischen zu werfen. Sie unterbrach sich dann stets,
eine zarte Rte berzog ihre Elfenbeinhaut, -- ob aus rger, ob aus
Verlegenheit? --, und fr den Rest des Abends blieb sie schweigsam.

Kam eine ihrer Enkeltchter allein zu ihr, so bedurfte es keiner langen
Bitten und sie erzhlte der gespannt Aufhorchenden von der Ahnfrau, die
das Zaubermittel besessen hatte, alle Herzen an sich zu fesseln. Der
lachende Geist des Rokoko -- halb Liebesgott, halb Faun -- hatte seine
Schferlieder an ihrer Wiege gesungen, das Heldenepos Napoleon hatte ihr
Alter umbraust; um ihr duftendes Lockenkpfchen hatte der Sturm von 89
getobt, und von dem Gewitter der Julirevolution war ihr eisgraues Haupt
noch berhrt worden. Schleifende Menuettschritte, rauschende Kleider,
klappernde Stckelschuhe, Sturmluten, Kanonendonner, dazwischen ein
Flstern, ein leises Lachen, ein verhaltenes Schluchzen, -- das war ihre
Geschichte.

Als eines Winters der tiefe weiche Schnee um ihr Schlo zu Fen der
Vogesen jeden Laut erstickte, da verklang ihr Leben.

Kurz vor ihrem Tode, -- so erzhlte die Grfin Laval --, hatte sie
noch sorgfltig Toilette gemacht. Mir schien, als htte sie sogar ein
wenig Rot auf ihre Wangen gelegt, und ihre immer noch schnen schwarzen
Augen ganz, ganz zart unterstrichen. 'Mein letzter Gast', sagte sie
lchelnd, 'soll sich ber einen Mangel guter Lebensart nicht zu beklagen
haben.'

Ihre Enkelkinder erbten das alte Schlo, aus dem alles Leben gewichen
schien, und die langen Schnre von Perlen, die aus Sehnsucht nach dem
blendenden Nacken und den weien Armen der Herrin all ihren Glanz
verloren hatten. Die Grfin Laval, ihre Nichte, nahm nur ein Pckchen
vergilbter Briefe mit nach Haus. Sie waren mehr wert, als ihre toten
Schtze, denn in ihnen klopfte das Herz der Marquise.




MDCHENZEIT




Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Schlo Etupes, am 16. Juni 1771._

Reizende Delphine, holdseligste aller Nymphen! Seit gestern habe ich
kein Auge zugetan. Wie Sie mir, dem verliebtesten aller Schfer, durch
die Laubengnge entschlpften, hinter den Wasserfllen zu verschwinden
und in den Teichen unterzutauchen schienen --, das alles sah ich immer
wieder vor mir. Den Augenblick aber, wo die Schar der Genien vor den
Verfolgern fliehend im Tempel der Venus Schutz suchte und ich Sie hier,
-- gerade hier! --, im Kampf gegen meinen Rivalen, den kleinen Baron
Wurmser, mir gewann, diesen kstlichen Augenblick wagte ich kaum in der
Erinnerung heraufzubeschwren. Das Klopfen meines Herzens, das Fliegen
meiner Pulse, die glhende Rte meiner Wangen deuteten das Fieber zu
heftig an, von dem ich befallen bin.

Mein Oheim, der Herzog, wollte nicht glauben, da wir Kinder dies Fest
ihm zu Ehren improvisiert hatten, und er begreift ganz und gar nicht,
da Delphine Laval, die graziseste der Tnzerinnen, erst dreizehn Jahre
alt ist. Versailles wrde sich glcklich schtzen ihr seine Tore zu
ffnen, und der Knig wre der erste ihrer Bewunderer sagte er. Ich
hrte, wie er meiner Mutter zuredete, sie mge dafr sorgen, da die
schne Delphine im Gefolge meiner Schwester dem Stuttgarter Hof
vorgestellt werde.

Nun: wenn man mich auch noch zu den Kindern rechnet und Herr von Altenau
mich zuweilen am liebsten taub und blind machen mchte, -- (brigens
ahne ich noch nicht, wie dieser Brief seinem Argusauge entrinnen wird!)
--, so wei ich Eins gewi: meine reizende Freundin wre am Hof von
Versailles, dessen Oberhaupt ein Greis ist, besser aufgehoben, als an
dem von Stuttgart.

Ich wrde Sie zwar mit dem Degen in der Hand gegen alle zudringlichen
Bewunderer, und wren es die hchsten, zu verteidigen wissen, aber das
Recht dafr habe ich erst von Ihnen zu empfangen. Ich fhle es: seit
gestern sind wir keine Kinder mehr. Die harmlosen Spielereien
vergangener Jahre lsen sere Spiele ab.

Ich habe mir Franz, meinen jngsten Reitknecht, verpflichtet. Er hat mir
geschworen, diesen Brief nur Ihnen persnlich abzugeben und von Ihnen
allein eine Antwort entgegen zu nehmen. Lassen Sie mich nicht vergebens
hoffen! Ihre Augen leuchteten mir schon einmal Gewhrung, als ich, der
arme Schfer, der Gttin zu Fen sank. Lassen Sie mich nicht glauben,
da es nur der Abglanz der Feuergarben war, die rings um den Tempel gen
Himmel stiegen.

Sie werden am Sonntag von meiner Schwester erwartet. Habe ich erst ein
paar Worte von Ihnen, in denen ein Echo, wenn auch ein noch so leises,
der meinen wieder klingt, so werde ich es mglich machen, da wir uns
allein begegnen.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Schlo Montbliard, am 12. Dezember 1771._

Teure Delphine, Sie haben ein Herz voll Liebe auf das tiefste verwundet.
Alles Unglck der Welt htte ich mir eher trumen lassen, als da der
Himmel meines Glcks sich so verfinstern knnte. Haben Sie so rasch
vergessen, was Sie mir versprachen, als ich Ihnen in der Poseidongrotte
das rosenrote Band mit eigenen Hnden vom Halse lsen durfte --, einem
Halse um deswillen die Schwne sich jedesmal, wenn unser Boot den Teich
durchstrich, flgelschlagend, neiderfllt gegen Sie erhoben. Es war am
zwanzigsten Juni. O, ich vergesse den Tag und die Stunde nicht und werde
Sie stets daran zu erinnern wissen!

Seitdem wir nach Montbliard zurckgekehrt waren, und die schne
Freiheit wieder dem hfischen Zwang weichen mute, vernderte sich Ihr
Benehmen gegen mich.

Aber ich war blind dafr; ich sah in Ihrer Gemessenheit nur die Folge
des Zeremoniells, in Ihrer Scheu, mir allein zu begegnen, nur die Angst
vor den Augen meines Hofmeisters und Ihrer Gouvernante, in Ihrem
Bemhen, stets in Gesellschaft meiner Schwester zu sein, nur ein
listiges Mittel, unser Zusammentreffen harmlos erscheinen zu lassen.

Und nun, wo das Glck, oder sagen wir besser: der entzckende Leichtsinn
meines Oheims uns die Gelegenheit zum Alleinsein fast aufzwang, waren
Sie es, die ihr aus dem Wege ging, um -- mit meinem Hofmeister, mit
Herrn von Altenau zusammen zu sein. Er las Ihnen vor dem Kamin Gedichte,
noch dazu deutsche Gedichte vor!

Als ich von meiner Fahrt zurckkam, die ich auf dem Schlitten meines
Oheims bis in die sinkende Nacht ausgedehnt hatte --, Gott, wie
wundervoll wre es gewesen unter der weien Fuchsdecke, zwischen den
schneeigen Flgeln des Riesenschwans meine reizende Freundin zu
entfhren! --, hoffte ich wenigstens, einen Ausdruck der Angst um mich
in Ihren Zgen zu finden. Statt dessen ein erstauntes: Schon zurck?,
ein Hndedruck fr Herrn von Altenau von einem trnenschimmernden Blick
begleitet!

Ich bin tricht genug gewesen, Herrn von Altenau fr meinen Freund zu
halten, und mein Vertrauen, meine kindliche Begeisterung fr den
Reichtum seines Wissens waren so unbegrenzt, da ich keinen greren
Wunsch kannte, als meine reizende Delphine ihm zuzufhren, damit sie
genieen knne, was ich geno.

Und nun diese Enttuschung: der Freund, der sich als Verrter entpuppt,
die Geliebte, die mich um seinetwillen verlt!

Aber hoffen Sie nicht, da ich Ihr flatterhaftes Herz so leicht
freigebe. Eifersucht und Ha sollen mich lehren, meinen Rivalen
empfindlich zu treffen.


Johann von Altenau an Delphine.

_Schlo Etupes, am 16. Januar 1772._

Gndigste Grfin, Frau von Laroche teilte mir soeben mit, da Sie
leidend seien und wir Sie in den nchsten Wochen in Montbliard nicht
erwarten drften. Das betrbt mich auf das tiefste. Die Stunden mit
Ihnen, in denen es mir vergnnt war, die unbekannten Schtze der
deutschen Dichtkunst vor Ihrer empfnglichen Seele auszubreiten,
bildeten den Lichtpunkt in meinem verdsterten Dasein.

Gestatten Sie mir, Ihnen heute ein franzsisches Werk zuzusenden, das zu
dem schnsten und erhabensten gehrt, was die franzsische Literatur
hervorgebracht hat: Die Neue Helose von Jean Jacques Rousseau, jenem
vielverkannten Dichter, von dem ich Ihnen schon oft erzhlt habe. Seine
Lektre stellt an Ihr Gefhl und an Ihren Verstand gleich hohe
Anforderungen, aber ich glaube, Sie werden ihnen gewachsen sein.

Ich mchte nicht verfehlen, Ihnen mitzuteilen, da Prinz
Friedrich-Eugen in letzter Zeit den Studien noch ernstere Neigungen als
bisher entgegenbringt, was ich Ihrem Beispiel und Einflu glaube
zuschreiben zu knnen. Er hlt sich mehr in meinen Zimmern als in seinem
Jagdgebiet auf, beschftigt sich eifriger mit seinen Bchern als mit
seinen Pferden und Hunden. Hatte sein leicht entzndliches Herz sich
bisher nur an allem Schnen und Hohen begeistert, das ich ihm zu
vermitteln imstande war, so scheint er jetzt den groen Fragen der Zeit
mit berlegendem Verstande nahe zu treten. Hoffen wir, da diese
Richtung seines Geistes sich als eine dauernde erweisen mge. Nach dem
Beispiel des Knigs von Preuen sollten gerade die Frsten, deren Denken
und Tun allen sichtbar auf der Bhne des Welttheaters sich abspielt, die
Genien der Kunst und der Wissenschaft zu ihren Begleitern whlen. Statt
dessen versuchen sie, an nichts anderes als an devote Untertanen
gewhnt, auch diese Wesen gttlichen Ursprungs zu bloen Handlangern
ihres Vergngens zu machen.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Schlo Montbliard, den 19. Juni 1772._

Angebetete Delphine. Nach Monaten der Aufregung und der Selbstvorwrfe
finde ich endlich eine Mglichkeit, mich Ihnen zu Fen zu werfen. Die
Grfin von Chevreuse ist mit ihrem Sohn Guy bei uns zu Gast. Mir stand
das Herz still, als er mir von der reizenden Grfin Laval erzhlte,
mit der dieser Glckliche auf dem Kinderball bei der Marquise Mortemart
tanzen durfte. Ich versuchte khl zu bleiben, ich hrte mit
gelangweilter Miene zu, wie er mir Ihre Frisur  l'amoureuse, Ihr
golddurchwirktes blaues Brokatkleid schilderte, die Grazie pries, mit
der Sie sich im Menuett bewegten; als er aber ber die Grbchen in Ihren
Wangen, ber den lachenden Mund, in dessen rechtem Winkel ein
Schnpflsterchen sa, -- als ob es noch ntig wre, seine Rosenfarbe
besonders hervorzuheben, -- selbst in der Erinnerung in Entzcken
geriet, da verlies mich meine Selbstbeherrschung. Ich vertraute mich ihm
an. Er gab mir sein Wort, Ihnen diesen Brief bei nchster Gelegenheit zu
berreichen.

Ja, Delphine, ich bin schuldig, aber meine Schuld ist durch Ihre
Abwesenheit so schrecklich gestraft, da Sie mich wenigstens anhren
mssen.

Als ich mit Hilfe meines Reitknechts, der Herrn von Altenaus Diener
bestach, Ihren Briefwechsel mit meinem Hofmeister entdeckte, kannte
meine Wut keine Grenzen mehr; kein Mittel erschien mir niedrig genug, um
sie zu khlen. Ich schmeichelte mich so sehr in Herrn von Altenaus
Vertrauen, da mir sogar seine geheimen Beziehungen zu den Pariser
Philosophen nicht mehr verborgen blieben. Ich fand in seiner Bibliothek
lauter Bcher, die das Pariser Parlament ffentlich verbrannte, und
deren Verfasser durch knigliche Order in der Bastille, in Vincennes, in
Fort-l'Evque fr ihre aufrhrerischen Reden ben muten. Ich las darin
und entdeckte, da es diese Bcher waren, aus denen Herr von Altenau all
die Gedanken, all das Wissen geschpft hatte, das er uns in seinem
Unterricht bertrug.

O Delphine, ich kmpfte einen schweren Kampf mit mir selbst, aber der
brennende Wunsch, Herrn von Altenau aus Ihrer Nhe zu entfernen, lie
die Stimme des Gewissens verstummen. Ich verriet dem Herzog meine
Entdeckungen und mein Herr Hofmeister war noch am selben Tage entlassen.
Er wrdigte mich keines Blickes mehr und beschmt und zerschlagen wagte
ich mein Zimmer nicht zu verlassen, solange ich ihn noch anwesend wute.
Nicht ich war Sieger geblieben --, das empfand ich tief, noch ehe ich
wute, da Sie um meiner Tat willen leiden mssen. Mein halbes Leben
gbe ich darum, knnte ich sie ungeschehen machen!

Die fromme Atmosphre des Klosters wird den Hllenodem rasch verbannen,
den unsere liebe Komtesse geatmet hat, sagte salbungsvoll Ihre
Gouvernante, die alte Schlange, als sie uns von Ihrer Abreise nach
L'Abbaye aux Bois Mitteilung machte. Als Guy uns aber das Leben in
diesem Kloster schilderte, als er erzhlte, da Dauberval, der erste
Tnzer der Oper, auch dort den Reigen anfhrt, da Sie, schne Delphine,
von allen, selbst von Guy's Schwester, die den ersten Preis in
Geschichte erhielt, um den ersten Preis im Tanze beneidet wurden, und
die Herzogin von Lavallire Ihnen vor Entzcken den Fcher schenkte, den
sie in der Hand trug, -- obwohl er nicht mit Heiligenbildern, sondern
mit denen der Grazien und Musen geschmckt war --, da bekreuzigte sich
Frau von Laroche und klagte ber die Verderbtheit von Paris.

Wir saen an jenem Abend zum ersten Mal in diesem Jahr auf der groen
Terrasse von Etupes. Alle Wasserknste spielten. Hinter den letzten
Bosketts klang melodischer Gesang hervor; es waren die Schnitter und
Schnitterinnen, die die Wiese mhten. Unser neuer Haushofmeister hat
ihnen whrend des Winters die anmutigen Weisen gelehrt, um uns und
unsere Gste zu entzcken. Es soll nicht leicht gewesen sein, die sonst
so gefgigen Leute fr die Kunst zu gewinnen. Einige gar zu aufsssige,
die neulich die Frechheit hatten, zu erklren, da dem Herzog zwar ihre
Hnde, nicht aber ihre Stimmen gehrten, kamen nach Montbliard ins
Verlie. Seitdem ist der Chor stets vollzhlig geblieben.

Die Schar unserer Gste ist grer als sonst; aber sie fllen die
ungeheure Lcke nicht aus, die ich dauernd empfinde. Und doch: so gro
sie ist, -- ein kleines Stck Papier, drei Worte darauf: Ich vergebe
Ihnen, wrde sie in diesem Augenblick, wo alle bermtigen Wnsche
schweigen mssen, auszufllen vermgen. Werde ich vergebens darauf
warten?


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, den 3. Juli 1772._

Gndigste Grfin!

Die dicksten Klosterwnde werden dnn wie Seidenpapier, wenn sie sich in
Paris befinden und junge Damen von Rang dahinter erzogen werden. Alle
Bcher, um derentwillen ich Montbliard verlassen mute, wrde ich mich
anheischig machen, bei Ihnen einzuschmuggeln, ohne da ein zweiter
Friedrich-Eugen mein Vertrauen mibrauchen, eine zweite Frau von Laroche
Sie dafr strafen wrde. Aber ich will Sie heute nicht beunruhigen.
Lebte ich noch in der Luft von Montbliard, die so sehr die des
siebzehnten Jahrhunderts ist, da das achtzehnte einen Gewittersturm
entladen mte, um sie zu verteilen, so wrde ich Sie mit Handku und
tiefer Verbeugung um Verzeihung bitten, weil ich der unschuldig
Schuldige auch an Ihrer Verbannung war. Aber ich bin, wie Sie, in der
Hauptstadt und wei, da selbst ein Kloster in Paris einem alten Schlo
im Elsa vorzuziehen ist.

Mit meinen verbotenen Bchern kam ich hierher und fand, da ich mit
ihnen mein Reisegepck nicht htte beschweren brauchen: ihre Ideen
erfllen Paris, soda ein jeder sie einatmet. Sie dringen selbst in die
Salons der groen Welt, denn die schnen Damen, in deren weien Hnden
jede Waffe zu einem kuriosen Spielzeug, in deren Mund jeder Gedanke zu
einem Bonmot wird, sind der Schferspiele endlich mde geworden und
jonglieren jetzt mit den Leuchtkugeln des Geistes, ohne zu ahnen, da
sie Sprengpulver enthalten.

Frchten Sie sich daher nicht, liebe kleine Grfin, wenn Sie in Ihrem
Kpfchen noch Reste der Neuen Helose und in Ihrem Herzchen Gefhle
entdecken, ber die ein Klosterfrulein errten mte, -- es ist in
Paris die groe Mode. Und auch vor einem Wiedersehen mit mir, dem armen
deutschen Baron, der den Contrat social nicht nur in der Tasche trgt,
brauchen Sie keine Angst zu haben. Wie in der Haute-Finance die
Aristokraten, so sind in der Hofgesellschaft die Literaten en vogue. Sie
sind an Stelle der Narren getreten und drfen sich daher Alles erlauben,
sofern sie nur die hchsten und allerhchsten Nerven zu kitzeln
verstehen.

Doch das, meine kleine Grfin, ist im Grunde noch nichts fr Sie. Ich
sehe, wie sich Ihre Augen ebenso erstaunt weiten, wie damals, als ich
Ihnen erzhlte, da ich dicht hinter den Rosenhecken und Lorbeerbumen
von Etupes Kinder gefunden habe, die sich mit den Hunden um eine alte
Brotrinde rauften. brigens, -- was ich Ihnen bei dieser Gelegenheit
sagte, habe ich auch den Eltern dieser Kinder gesagt: um trockne
Brotrinden mit Hunden zu raufen, ist kein gottgewolltes Schicksal der
Bauern. Nun wird sich wahrscheinlich der Herr Herzog wundern, wie Bcher
zu wirken vermgen, auch wenn er dafr gesorgt hat, da seine Leute
nicht lesen knnen.


Graf Guy Chevreuse an Clarisse.

_Paris, am 8. August 1772._

Meine liebe Schwester, ich schicke Ihnen die versprochene Bonbonnire.
Hoffentlich wird die mre Sainte-Bathilde in ihrer gttlichen Einfalt
die Amoretten darauf fr Engel des Himmels halten, und die Drages fr
ihren einzigen sen Inhalt. Sie wissen, unter welchen Bedingungen ich
Ihnen versprach, die Antwort des Chevaliers in Ihre Hnde zu spielen.
Heute ist es an Ihnen, diese Bedingung zu erfllen. bergeben Sie der
kleinen Laval den Brief, den Sie auf dem Grunde des Kstchens finden
werden, und benutzen Sie, als die ltere Freundin, Ihren Einflu, meine
inneren und ueren Vorzge so glnzend zu schildern, da meine Gestalt
die Trume Delphines beherrscht. Friedrich-Eugen ist ein hbscher Junge,
aber allzu deutsch, als da ich ihn nicht auszustechen vermchte, wenn
nicht jene gewisse moderne Sentimentalitt, die neuerdings das Wort
Liebe au ton tragique auszusprechen befiehlt, von Ihrer Freundin Besitz
ergriffen htte. Es ist an Ihnen, ihr zu lehren, da jene holde
Anziehungskraft zwischen den Geschlechtern dazu da ist, das Leben
leicht, nicht schwer zu machen. Amor hat Flgel. Nur Gefangene mit
Bleigewichten an den Fen drehen sich immer im traurigen Zirkel
desselben Raums -- -- --


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Paris, am 8. August 1772._

Reizende Delphine, der bloe Gedanke an Sie knnte mich des grten
Verbrechens schuldig machen: mein Wort als Kavalier nicht zu halten.
Oder gibt es fr einen jungen Mann etwas schwereres, als bei der
Angebeteten seines eigenen Herzens den Liebesboten zu spielen?!

Ich unterwerfe mich, wie Sie sehen, meiner Pflicht und sende Ihnen den
Brief des Prinzen. Darf ich doch hoffen, da Sie sich meiner dann
wenigstens mit einem Gefhle des Dankes erinnern, das nicht ohne Wrme
ist.

Wir werden uns auf dem Ball der Herzogin von Luxemburg wiedersehen.
Selbst wenn Sie mich zeihen, Friedrich-Eugens Freundesrechte dadurch zu
verletzen, ich mu Ihnen gestehen, da mein Herz schon jetzt vor Freuden
klopft. Sollte es wahr sein, da Sie sich an dem Theaterspiel bei Madame
de Rochechouart beteiligen, so werde ich alles daran setzen, die Rolle
des Liebhabers bernehmen zu drfen. Verbietet mir die Freundestreue,
Ihnen so zu huldigen, wie meine Bewunderung fr Sie es verlangt, so wird
der Befehl des Dichters mich wenigstens auf der Bhne dieser meiner
schweren Pflicht entbinden.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Schlo Montbliard, den 29. September 1772._

Teuerste Delphine, Ihr Briefchen hat mich in einen Rausch des Entzckens
versetzt: Sie verzeihen mir! Freilich --, wenn ich es wieder und wieder
lese, so verlieren die fnf Worte: Ich bin nicht mehr bse durch den
Nachsatz: denn es ist hier wunderschn den sen Klang, den ich ihnen
so gern, ach so gern geben mchte! Aber ich will nicht grbeln, will den
Gedanken nicht aufkommen lassen, da Ihr Verzeihen nicht der Wrme Ihres
Gefhls, sondern der Khle des Vergessens entspringt. Was ist Etupes
gegen die Grten von Versailles, was Montbliard gegen Paris! schreiben
Sie und lassen an mir Blle und Maskenfeste, Oper und Ballet in tollem
Wirbel vorbergaukeln. Ich wre grausam genug, Sie lieber in einem
Kloster zu wissen, wie Frau von Laroche es sich fr Sie trumte, wenn
ich nicht, -- kaum wage ich auszusprechen, woran ich noch nicht zu
glauben vermag! --, in wenigen Monden selbst zu den Glcklichen gehren
wrde, die der schnen Delphine huldigen drfen.

Entsinnen Sie sich des Marquis Montjoie, den wir seiner steifen Wrde
wegen Ludwig XIV. zu nennen pflegten? Er ist mit Ihrem Herrn Vater unser
Gast, und ich habe ihm im Stillen die Spe abgebeten, die wir ber ihn
machten, denn er ist es, der den Herzog bestimmte, mich mitzunehmen,
wenn er in Versailles seine Aufwartung macht. Die Reprsentanten des
alten franzsischen Adels sollten sich, -- so meinte der Marquis --,
beizeiten um die Person des Dauphin scharen, dessen Einfachheit und
Frmmigkeit er nicht wenig zu rhmen wute, und die jngeren Shne der
mit dem Knigshaus liierten Frsten sollten sich in seine Dienste
stellen.

Brauche ich es Ihnen, angebetete Delphine, erst zu sagen, da es nicht
mein Interesse fr den Dauphin und seine Tugenden ist, was mich nach
Paris zieht! Aber auch alle lockenden Freuden der Stadt, die mein Freund
Guy nicht mde ward, zu schildern, verblassen vor einem einzigen Blick
in Ihre Augen, auf den ich endlich wieder hoffen darf.

Doch ich frchte, diese schwarzen Sterne berfliegen ungeduldig meine
von Sehnsucht und Liebe diktierten Worte. Wei ich doch nie: sind sie
Menschenaugen, Spiegel eines fhlenden Herzens, oder Brillanten, die
zwar das Licht der ganzen Welt widerstrahlen, aber doch eben nur --
Steine sind!

Sie verlangen aus der Heimat Neues zu hren. Von dem letzten lngeren
Aufenthalt des Herzogs von Wrttemberg in der Eremitage hat Ihnen meine
Schwester wohl schon geschrieben. Er lebte sehr zurckgezogen, um sich
von den Regierungsgeschften zu erholen. Zu seiner Unterhaltung hatten
wir Tnzerinnen aus Wien kommen lassen. Sie fhrten das Ballett Medea
von Noverre auf, das alle Zuschauer entzckte. Der Herzog verteilte
eigenhndig kostbare Andenken unter die Mdchen.

Ihm und den zahlreichen anderen Gsten zu Ehren wurde dann eine groe
lndliche Hochzeit geplant. Mein Vater hatte durch den Kaplan von Etupes
verknden lassen, da er zehn jungen Mdchen je ein Schwein schenken
wolle, wenn sie heiraten wrden, und meine Mutter hatte unseren Gsten
schon das idyllische Fest in Aussicht gestellt. Statt dessen --, was
meinen Sie wohl, was geschah?! Einer der Vorschnitter erklrte unserem
auf baldige Entschlieung drngenden Haushofmeister, -- die Gste waren
schon beraus ungeduldig, -- da die heiratsfhigen Mdchen und Burschen
sich angesichts der groen Nahrungsnot entschlossen htten, ledig zu
bleiben. Das Schwein wrde von den Steuern gefressen, und unsere Kinder
knnten verhungern, fgte der freche Mensch hinzu.

Unsere Gste sind durch eine Treibjagd fr den peinlichen Ausfall des
lndlichen Festes entschdigt worden. Die Strecke war enorm, und sogar
der alte Prinz Cond, dessen zitternde Hnde das Gewehr kaum mehr halten
knnen, machte keinen Fehlschu. Die Tiere wurden ihm freilich auch
dicht vor den Lauf getrieben. Man soupierte sodann unter Zelten im
Freien. Groes Aufsehen machte dabei der riesenhafte Neger, den der
Marquis Montjoie von seiner letzten afrikanischen Expedition mitgebracht
hatte. Allein der Schmuck, den er an Gold und Edelsteinen an sich trug,
soll Hunderttausende wert sein und doch nur einen winzigen Bruchteil
dessen bilden, was der Marquis an Vermgen besitzt. Er wird zu gleicher
Zeit mit uns in Paris eintreffen und ich will Ihnen verraten, da er
Ihnen, der Tochter seines alten Freundes, eine kostbare Perlenschnur
zugedacht hat, die er von einem indischen Frsten erwarb.

Meine Schwester zeigte ihm Ihre Miniatur, die ich ihr immer noch
vergebens abzubetteln versuche. Eine unschuldsvolle Schnheit! sagte
der Marquis bewundernd. Ich schwieg, htte ich ihm sagen sollen, da das
Bild wenig hnlich ist, da Sie viel tausendmal reizender sind?!

Sie sehen, teuerste Delphine, ich mag noch so ernsthaft versuchen, von
etwas anderem zu sprechen, als von Ihnen, meine Feder, die noch nicht
gelernt hat, hfische Phrasen zu formen, von denen das Herz nichts
wei, kehrt immer wieder mit meinen Gedanken zu Ihnen zurck. Aber so
treu sie mir ist --, ich kann die Zeit nicht erwarten, wo das lebendige
Wort sie berflssig machen wird.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Paris, am 28. Dezember 1772._

Wegen eines Madrigals, um dessen beziehungsvolle Zartheit der Chevalier
Boufflers mich beneiden mte, soll ich, holde Delphine, Ihrer Gegenwart
beraubt sein?! O, mre Sainte-Bathilde, wir werden ihnen beweisen, da
sie keine Nnnchen zu kommandieren haben! Koste es, was es wolle --,
meine Angebetete wird den Maskenball im Hotl du Chatelet besuchen.
Trben Sie darum den Glanz Ihrer Augen durch keine Trne.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Paris, am 30. Dezember 1772._

Alles in Ordnung. Ein paar Louisd'or berstrahlen jeden Heiligenschein
und sprengen jede Klosterpforte. Die Schwester, die Ihnen diesen Zettel
zusteckt, wird Ihnen alles Notwendige sagen. An der kleinen Gartenpforte
erwartet Sie die Snfte, die kurz vorher Clarisse zum Balle trug. Fr
die ungefhrdete Rckkehr brgt mre Sainte-Bathilde's Gespensterfurcht.
Und der Preis fr meinen Ritterdienst?!


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 31. Dezember 1772._

Meine liebe kleine Grfin, da ich mich doch nur in Gegenwart einer Ihrer
Gestrengen steif und zeremonis nach Ihrem Befinden erkundigen kann, und
Ihnen nach dem Ereignis der gestrigen Nacht manches zu sagen habe, was
Ihnen sonst Niemand sagt, so schmuggle ich diesen Brief bei Ihnen ein.

Das war ein Zusammentreffen, wert von La Harpe in leichten Reimen, von
Boufflers in einer zierlichen Erzhlung geschildert zu werden:

Dunkle Nacht; groe weie Flocken schweben leise zu Boden, um sich hier
allmhlich in klebrigen Schmutz zu verwandeln. Da biegt in der Rue de
Sve ein Mann um die Ecke, die Laterne unter dem Mantel halb verborgen.
Er sieht sich scheu rings um, dann hebt er die Laterne, nun folgt ihm
ein zweiter, ein dritter, und danach eine Snfte, die dicht verhangen
zwischen den Trgern schwankt. Sie gehen rasch, als wren sie auf der
Flucht. Irgend ein unklarer Gedanke zwingt mich, der ich ihnen begegne,
umzukehren und desselben Wegs mit ihnen zurckzugehen. Pltzlich erhellt
sich der Himmel vor uns, er frbt sich glutrot; die Snftentrger
erschrecken und stellen ihre Last zu Boden. Sekundenlang erscheint ein
gepudertes Kpfchen zwischen den Gardinen, zwei dunkle Augen starren
entsetzt hinaus. Mit einem Aufblitzen jhen Erkennens streifen sie
mich. Die Diener treiben mit rohen Worten die Trger zu ihrer Pflicht
zurck. Es geht vorwrts; ich bleibe von nun an gebannt dicht hinter der
Snfte. Da --, welch tosender Lrm schlgt uns entgegen: ein
Glockenluten, das aus allen Himmelsgegenden hundertfaches Echo zu
finden scheint, dazwischen Trompetensignale, und, stndig anschwellend,
Menschengeschrei. Wir haben den Pont Neuf erreicht, schon ist die Seine
rot berhaucht wie bei Sonnenaufgang, und von rechts her schlagen
Flammen gen Himmel, als ob sie seine dunkle Wlbung sprengen wollten.

Das Hotel de Ville brennt!, kreischt ein altes Weib neben uns. Mein
Kind, mein Kind! schreit verzweifelt eine andere und strzt sich der
Glut entgegen. Zu Sartine! ruft ein Mann und reit einem der Diener
die Laterne aus der Hand.

Niemand kann ins Haus -- die Kranken verbrennen -- vierhundert Kranke!
Wir stehen erstarrt.

Und die kleine Snfte ffnet sich und mitten in der grauenvollen Nacht
erscheint eine Lichtgestalt, von weier Seide umflossen, einen
Rosenkranz auf dem gepuderten Kpfchen, goldene Schuhe an den zarten
Fen. Ihre nackten Arme, ihr kindlicher Hals leuchten im Dunkel.

In demselben Augenblick kommt es ber die Brcke uns entgegen, langsam
-- leise, nur von Sthnen und Wimmern begleitet; ein Zug Armseliger,
Zerlumpter, halb Nackter, mit stieren Augen, fieberglhenden Wangen.
Ihre Fe tragen sie kaum. Einer sttzt sich am anderen --, dort die
blasse Kleine an den Greis, dem der Tod schon aus den geisterhaften
Zgen leuchtet, und das unselige Weib, deren Antlitz eine schwrende
Wunde ist, an den Jngling, dessen erloschene Augen die Glut nicht mehr
sehen. Manche, die nicht gehen knnen, werden von den Leidensgenossen
halb getragen, halb gezerrt. Zwei Mnner, denen selbst die Kniee
zittern, halten ein Mdchen unter den Armen und schleifen sie hinter
sich her.

Eben will ich den Arm schtzend um die schwankende Lichtgestalt neben
mir legen, -- da reit sie sich los und steht schon mitten unter den
Fliehenden. Man schaart sich um sie, -- rohe Worte fallen --, man greift
nach der Kette an ihrem Hals --, aber sie zittert pltzlich nicht mehr.

Nehmt meine Snfte fr das Mdchen! ruft sie, Trger, hierher! fgt
sie herrisch hinzu, nach l'Abbaye aux Bois!

Alles gehorcht, niemand rhrt sie an, jedes Wort verstummt. Und mit den
Goldschuhen und dem weiseidenen Kleid geht die Grfin Delphine durch
den klebrigen Straenschmutz zum Kloster zurck. Sie hngt immer
schwerer an meinem Arm, sie schweigt, und schttelt nur den Kopf auf all
meine Fragen. Erst vor der Pforte steht sie still, schaut mich an mit
weiten angsterfllten Blicken: Gibt es so etwas?! Wirklich?! -- War es
kein Traum?! -- -- --

Ihre Strafe wird gelinde sein, kleine Grfin, weil das Werk der
Barmherzigkeit Sie in den Augen der Frommen entshnte. Trotzdem bleibt
Ihnen viel Zeit, nachzudenken. Sie haben zum ersten Mal der Wahrheit ins
Gesicht gesehen, die man Ihnen hinter hohen Taxushecken und
Klostermauern verbarg, vor die man seidene Vorhnge an die Fenster,
dichte Schleier ber die Augen zog. Es ist wirklich, Grfin Delphine,
und kein Traum! Von jenen Elenden, die Sie sahen, sind hunderte in den
Flammen umgekommen, aber trotz dieses grlichen Endes sind sie, die zu
vieren und fnfen in einem Bette lagen, noch nicht die Aermsten. Es gibt
Hunderttausende, die der Hunger langsam zu Tode martert, die kein ander
Bett besitzen, als die Steine der Strae.

Wenn sie erwachen!! O, Grfin Delphine, dann ntzt auch Ihre
Barmherzigkeit nichts. --

Darf ich Ihnen nun noch den Rat eines Freundes geben? Hten Sie sich vor
dem Grafen Chevreuse. Trotz seiner achtzehn Jahre ist er ein vollendeter
Vaurien, und seine Lehrmeisterin in der Liebe ist eine der berhmtesten
Kurtisanen von Paris, die Tnzerin Guimard. Als Gefhrtin seiner
Streiche sind Sie zu schade.

Eine Antwort von Ihnen darf ich unter den jetzigen Umstnden nicht
erwarten, so sehr sie mich auch beglcken wrde. Aber ich hoffe, Ihnen
bei der Herzogin von Lavallire, in deren Kreis ich mir Eingang
verschaffte, -- deutsche Denker sind, seit dem Baron Holbach, zu einem
notwendigen Requisit jedes wohlassortierten Salons geworden --, zu
begegnen, sobald Ihre Klausur zu Ende ist.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Paris, am 30. Januar 1773._

Schnste! Beste! Sie sehen einen Verzweifelten vor sich. Zu allem Leid,
das mich traf, als Sie in jener unglckseligen Nacht das Fest nicht
erreichten, fr dessen Glanz meine Augen blind waren, da Sie fehlten,
kommt nun ein anderes, weit tieferes: man hat mich bei Ihnen verleumdet.
Wenn nicht die Strke Ihrer Emprung ber meine vermeintlichen Snden,
-- Clarisse sagte: sie sprht vor Zorn --, mich hoffen liee, da Ihnen
meine Person nicht ganz gleichgltig ist, ich wrde Asche auf mein Haupt
streuen und die Geiel ber mich schwingen wie der bufertigste unter
den Wstenheiligen. Aber ich wei: die reizendste aller
Klosterschlerinnen wrde mich vollends entrstet abweisen, erschiene
ich im hrenen Gewand des Asketen vor ihr.

Und so wage ich zu erscheinen, wie ich bin: als Kavalier der Knigin,
gepudert, parfmiert, im gelbseidenen Surtout --, gerade so wie ich den
schnen Frauen gefalle. Vielen Frauen, holdselige Grfin, die weniger
streng sind als Sie, die es mir nicht verargen, wenn ich die
Gesellschaft der Maitresse meines Bruders, -- hren Sie: meines Bruders!
--, nicht meide, eine Gesellschaft, die sogar Damen des Hofes mit
Vergngen teilen, weil alle guten Genien des Geistes und des Witzes, der
Grazie und Laune in ihr herrschen.

Sie sehen Paris nur durch das Schlsselloch der Klosterpforte. Tritt ein
lahmer Bettler, ein schmieriger Strolch, ein zerlumptes Weib in Ihren
Gesichtskreis, so meinen Sie: das ist Paris, whrend Sie nur ein paar
Typen jenes in aller Welt verbreiteten Gesindels gesehen haben, das
durch Vllerei, Arbeitsscheu und Verbrechen geworden ist, was es ist.
Hier ist Verachtung, nicht Mitleid am Platz, denn jede Berhrung mit
solchen Elementen kann uns nur beschmutzen.

Bleiben Sie, reizende Delphine, auf den Hhen der Menschheit, fr die
Sie geboren sind! Traurig genug, da Sie dem eigentlichen Leben so lange
entzogen bleiben und damit auch dem treusten und ergebensten Ihrer
Verehrer.

Die Pariser Geselligkeit ist glnzender denn je. Sie wissen gewi, da
unser gemeinsamer Freund Friedrich-Eugen sich in ihren Strudel gestrzt
hat. Ich hatte gerade Dienst bei der Dauphine, als er ihr vorgestellt
wurde. Er gefiel nicht bel, der gute Junge, nur lchelt man ein wenig
ber sein unverhohlenes Staunen, das die Provinz verrt. brigens hat
er Talent zum Pariser: Als ich ihn bei Mademoiselle Guimard einfhrte,
ri er zwar zunchst angesichts all der durchsichtigen Gewnder
reizender Frauen die ach so deutschen blauen Augen auf, um dann um so
feuriger bei den kleinen Tnzerinnen den Seladon zu spielen.

Um die Zeit Ihrer Haft, an der ich leider nicht vllig unschuldig bin,
verkrzen zu helfen, sende ich Ihnen M. Dorats reizenden Roman
Sacrifices de l'amour, der viel von sich reden macht, und den
Begeisterte teils mit Rousseaus Nouvelle Hloise, teils mit Crbillons
Sopha vergleichen. Das Werk gibt Rtsel auf und es ist zum
Gesellschaftsspiel geworden, sie zu erraten. Um fr Sie, die sich daran
nicht beteiligen knnen, seinen Reiz zu erhhen, will ich Ihnen die
richtige Lsung nicht vorenthalten: Die Vicomtesse de Senanges ist die
schne Grfin Beauharnais. Sie wird viel umschwrmt, obwohl sie nicht
die Jngste ist, und ihre Gefhle nicht nur durch den sen Druck der
Lippen, der Hnde, der Arme, -- den einzigen, der fr unsere Vter
berzeugend war --, zu zeigen versteht, sondern auch durch
Druckerschwrze. Fr uns, ich wills nicht leugnen, bilden diese
offenherzigen Bekenntnisse eines Weibes nur einen Reiz mehr: sie
enthllen ihre Fhigkeit zur Leidenschaft, ohne da wir uns mit dem
langwierigen Forschen danach bemhen mssen. Freilich, wenn Lebrun
recht hat, der die dichtende Grfin mit folgenden Strophen besang:

    Chlo, belle et pote, a deux petit travers:
    Elle fait son visage, et ne fait pas ses vers,

so drfte sie ihre Verehrer aufs Glatteis fhren. In unserm Roman tut
sie es nicht. Der Chevalier de Versenay, ihr Liebhaber, ist mehr zu
beneiden, als sein lebendes Vorbild, der Herr von Pezay. Auch er
dichtet, er schreibt sogar seine Liebesbriefe gleich mit Rcksicht auf
ihre Druckreife. Obwohl seine Mutter noch der meinen die Hemden wusch,
nennt er sich Marquis, denn er kennt seinen Vorteil: der schlechteste
Possenreier ist seines Erfolges sicher, wenn er sich mindestens Baron
tituliert. Hoffen wir fr die Grfin, da ihr Anbeter seiner Herkunft
wenigstens die Tadellosigkeit seiner Wsche verdankt.

Ich sehe Sie errten und unmutig das Kpfchen schtteln, wie damals als
ich Sie auf dem Ball der Herzogin von der Last kindlichen Respekts
befreite, die Sie vor jeder glnzenden Erscheinung frmlich zu Boden
zwang. Damals, holdselige Delphine, blitzten in Ihren Augen, noch
whrend Ihre Wangen glhten, schon die neckischen Geister des Spottes
auf und Ihr kleiner Mund zuckte vor verhaltener Neugierde. Ich sehe mich
als den eigentlichen Vollender der mehr als unzureichenden
Klostererziehung an, wenn ich dafr sorge, da Sie nicht unwissend wie
ein gefangenes Vgelchen in Freiheit gesetzt werden.

In Freiheit! Horchen Sie auf, schnste Blume der Vogesen: man erzhlt
sich schon von einem, der Sie in seinen Garten versetzen mchte, das
heit, Sie der Sonne, der Luft, dem Leben erobern, und --, khn wage ich
es auszusprechen, -- meinem von keiner Klosterregel mehr gestrtem
Ritterdienst.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Paris, am 3. Mrz 1773._

Nun bin ich zwei Monate in Paris, ohne Sie, teuerste Freundin, gesehen
zu haben! Ich wei nicht, welches Gefhl in mir strker ist: das
unbefriedigter und darum tglich heierer Sehnsucht, oder das des Zorns
ber Ihren Leichtsinn, der mich Ihrer Nhe beraubt. Frchten Sie nicht,
da ich ihn mit der Miene des Sittenrichters verurteile. Ich wrde Ihren
kstlichen Streich gesegnet, ihn gttlich genannt haben, wenn er nicht
nur gelungen, sondern vor allem, wenn die kleine Nonne um meinetwillen
bei Nacht dem Kloster entschlpft wre. Aber ich wei ja nicht einmal,
ob es wirklich nur die lockenden Geigen des Balls der Herzogin waren,
die Sie verfhrten?! Guy zuckt schweigend die Achseln, wenn ich ihn
auszuforschen versuche. Zuweilen jedoch hat er ein Lcheln --, ein
Lcheln, bei dem mir das Blut in die Wangen steigt!

In der Hoffnung, des Glcks, Sie einmal zu sehen, teilhaftig zu werden,
schmeichele ich mich bei Ihrem Vater ein. Aber es scheint, als ob der
Marquis Montjoie der einzige Bevorzugte bleiben soll. Und ich bin in
meinen Wnschen schon so bescheiden geworden, da ich mich ihm
aufdrnge, um nur von Ihnen erzhlen zu hren, und mich doch wieder
rgere, wenn der alte Rou vor Entzcken ber das reizende Kind die
Augen verdreht. Er hat recht, tausendmal recht: alle Sterne von
Versailles wrden vor der sen Unschuld ihrer Augen verbleichen, aber
ich wollte, da es nur mir allein zustnde, das auszusprechen.

Clarisse Chevreuse sagte mir, Sie wnschten zu wissen, wie mir Paris
gefllt. Lachen Sie nicht ber meine Antwort, teuerste Freundin. Ich
wei nicht, ob es mir gefllt, ich wei nur, da es mich berauscht! Was
in Montbliard seltene Feste waren, das ist hier das Leben; und der
Frhling, der uns in Etupes whrend einiger kurzer Wochen beglckte, den
zwingt Paris Jahr aus, Jahr ein in seinen Dienst. Da es drauen auch
einmal strmt und schneit, wer sprt es, wenn er im weichen Wagen von
einem blumendurchdufteten Salon zum andern fhrt; -- da es so etwas
giebt, wie Entsagung, wie Alter, wer wagt es zu behaupten angesichts all
dieser lchelnden Gesichter, dieser rosigen Wangen, dieser glnzenden
Augen. Ich mu an meine Mutter denken, um mich zu entsinnen, da es
Frauen gibt, die nicht jung sind. Mit den weigepuderten Haaren scheinen
sie sogar keck des Alters zu spotten, das sie nicht mehr berwltigen
kann, und sein ueres Wahrzeichen zu bentzen, um den Reiz ihrer ewigen
Jugend zu erhhen. Was fr die Herzogin von Lavallire gedichtet wurde,
das gilt fr alle:

    La nature prudente et sage
    Force le temps de respecter
    Les charmes de ce beau visage,
    Qu'elle n' aurait pu rpter.

Ach, und ihr Tanz! Wissen Sie noch, wie der Wind in Etupes ber die
Tulpenbeete strich? Solch ein Neigen und Wiegen, solch ein Aufglhen und
Verlschen leuchtender Farben ist er! Das Schnste schien er mir zu
sein, was ich bisher gesehen hatte, bis ich noch Schneres sah. Als sich
vor mir zum erstenmal die Vorhnge der Oper teilten, und ich die
entzckendste aller Sylphiden, Frulein Guimard, aus dem weien
Wolkenbett zur Erde schweben sah, wo der groe Vestris sich ihr
entgegenhob, als gbe es keine Schwere fr ihn, da erkannte ich erst,
da die Tulpen noch an der Erde kleben, und die Schmetterlinge, die ber
Rosenhecken gaukeln, die wirklich Lebendigen sind.

An Pracht, so glaubte ich, knnte dieses Schauspiel von keinem anderen
bertroffen werden. Dann kam ich nach Versailles zum Ordensfest Ludwigs
des Heiligen. Frankreichs Frsten und sein Adel waren versammelt. All
die Namen schlugen an mein Ohr, von denen jeder einen Quaderstein im
Tempel seines Ruhmes bildet. Und die goldstarrenden Mntel, die schweren
Kronen der Mnner, die schimmernden Juwelen auf den Huptern und um die
Nacken der Frauen erschienen mir wie ein einziges Symbol seines
unerschpflichen Reichtums. Alle Glocken luteten. Durch die
Spiegelgallerie flutete ein Meer von Glanz, als strme der Regenbogen
selbst durch die offenen Tren. Es war ein Brausen in der Luft. Ich
wute nicht, rauschte es mir nur in den Ohren, oder waren es Stimmen,
oder ferner Gesang. Der Knig erschien; von einem Himmel von Purpur
berdacht, aus dem Tropfen von Gold und Perlen niederflossen. Auf seinem
blauen Mantel strahlten die goldenen Lilien, jeden Schritt, den er
vorwrts tat, begleitete das Funkeln der Diamanten an seinen Fen.

Mein Vater liebt den Knig nicht. Selten sind die Ersten des Hofs
beisammen, ohne da Bses ber ihn geflstert wrde. Wie oft hab ich
selbst seines groen Ahnherrn Heldenzeit herbeigewnscht, weil ich
meinte, keinem anderen dienen zu knnen. Das war jetzt vergessen. Eine
hhere Gewalt zwang alle Nacken, sich ehrfurchtsvoll zu neigen, nicht
weil es der fnfzehnte Ludwig war, der vorberging, sondern Frankreichs
Majestt. Ich habe mich ihr nun angelobt, wie meine Vter es taten.

Noch viele Bogen knnte ich fllen, wollte ich erzhlen, was ich sah.
Alles ist fr mich ein Erleben gewesen. Nur wei ich nicht, ob Sie, mit
der ich meine Kindheit teilte, mir auch jetzt noch zuhren mgen. Kein
Nichtwissen schmerzt mich so tief wie dieses. Darum bitte ich Sie,
antworten Sie mir, aber, wenn es sein kann, ohne Guy Chevreuse damit zu
bemhen. Ich vertrage nun einmal sein Lcheln nicht.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Paris, den 15. Mrz 1773._

Liebste Delphine, solch einen Brief mir! Womit verdiente ich ihn?
Leichtsinn, ja Treulosigkeit werfen Sie mir vor. Schon wollte ich die
Zeilen die von Ihnen kamen, zrtlich an mein Herz drcken, als Ihre
stacheligen Worte mich blutig rissen. Ich wre trostloser, wenn ich
nicht glaubte, da die Langeweile Ihrer Gefangenschaft Sie so reizbar
und der leidende Zustand Ihres Vaters Sie so trbsinnig macht. Die Zeit
wird vorbergehen, Delphine; Ihr Vater wird sich erholen und Ihre
schnen Augen werden mir wieder lachen, wenn Sie erfahren, da selbst
Ihre ungerechte Hrte meine Gefhle fr Sie nicht ndern kann.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris 1773. Am Tage der Verkndigung Mari._

Der kurzen Unterredung im Beisein unsers teuren Kranken lasse ich diesen
Brief folgen, dessen Inhalt Ihnen die Hoffnungen meines Herzens, die
zugleich die Wnsche Ihres Vaters, meines treuen Freundes sind, nher
bringen sollen. Als gehorsame Tochter haben Sie der durch den Mund Ihres
Vaters Ihnen bermittelten Werbung zustimmend geantwortet, Sie haben
dann als Zeichen des Vertrauens Ihre kleine Hand wortlos in die meine
gelegt. Seien Sie versichert, da ich die hohe Auszeichnung, die darin
liegt, zu schtzen wei und mich bemhen werde, ihrer wrdig zu sein.

Ihr Herr Vater ist ber das Schicksal seiner geliebten einzigen Tochter
nunmehr etwas beruhigt und auf seinen Zustand hat die Tatsache, da er
Sie in gutem Schutze wei, auf das gnstigste eingewirkt. Mchten Sie,
teure Komtesse, mit hnlichen Empfindungen einer Zukunft entgegensehen,
die, soweit es an mir liegt, eine heitere fr Sie sein soll. Ein junges
Mdchen, -- das ist mir nicht unbekannt --, trumt gern von jener Liebe,
die seichte Romane so reizend zu schildern wissen. Aber auf solchen,
meist flchtigen Gefhlen sollte keine Ehe gegrndet werden. Vertrauen,
ruhige Zuneigung, und vor allem die bereinstimmung der
Familieninteressen, die Gleichheit der Lebensgewohnheiten, sind vielmehr
ihre einzig sichere Grundlage. Darum frchten Sie nicht, verehrte
Komtesse, da ich, der berdies an Jahren so viel reichere Mann, von
Ihnen die leidenschaftlichen Empfindungen einer Julie wnsche oder
erwarte. Unser Zusammenleben wird ohne sie ein wrdigeres, der
Vornehmheit unserer Gesinnung entsprechenderes sein.

Wie Sie wissen, sehnt Ihr Herr Vater eine baldige Trauung herbei, und da
die rzte uns ber den Ernst seines Zustandes keinen Zweifel lassen, --
so sehr unsere Liebe sich gegen die schlimmste Mglichkeit strubt, --
so vereinige ich nochmals meine Bitte mit der seinigen, die Zeremonie
nicht hinauszuschieben, wie es anscheinend Ihren Wnschen zunchst
entsprach. Ich begreife, da Ihre groe Jugend vor dem Ernst der
vollzogenen Tatsache erschrickt, aber ich gebe Ihnen demgegenber zu
bedenken, da der Name einer Marquise Montjoie Ihnen sofort neben der
Freiheit eine neue Sicherheit und eine anerkannte Position in der
Gesellschaft gewhren wird. Ich habe die Absicht, meine Gemahlin nach
der Trauung dem Schutze meiner Mutter anzuvertrauen. Sie werden auf
Schlo Montjoie als Herrin einziehen und dabei doch der liebevollen
Erziehung und Leitung einer Frau unterstehen, die Ihnen in allen Dingen
Vorbild sein kann. L'Abbaye aux Bois erscheint mir nicht geignet, Sie
lnger zu beherbergen; ich wnsche, da Sie Paris in Zukunft mit
gefestigterem Charakter gegenbertreten.

Darf ich hoffen, da die Ruhe der berlegung Sie unseren Wnschen
geneigter gemacht hat? Mein Kammerdiener wird morgen Ihre Antwort
entgegennehmen.

Ihre Freude ber das Diamantenkollier, das ich mir erlaubte, Ihnen als
erstes kleines Angebinde zusenden zu lassen, war ein so willkommenes
Geschenk fr mich, da ich es in der Hoffnung auf seine Wiederholung
wage, Ihnen heute diese Perlenschnur zu Fen zu legen. Mchte sie nicht
nur ein Zeichen dafr sein, da Sie sich mir verbinden, sondern Ihnen
auch die Zuversicht einflen, da die Fesseln der Ehe Sie niemals
strker drcken werden, als diese Kette.




DIE SCHLOSSFRAU VON FROBERG




Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, im Juli 1773._

Meine liebe Delphine. Ihr kleiner Brief, den ich als Beilage eines
lngeren Schreibens meiner Mutter hier vorfand, war mir sehr erfreulich,
geht doch aus ihm hervor, da Sie den Vorsatz gefat haben, die
ngstliche Scheu mir gegenber allmhlich abzustreifen.

Ich brauche Ihnen nicht noch einmal zu versichern, da ich sie weder
durch mein von aller schuldigen Rcksicht getragenes Benehmen verdient
habe, noch da ich sie erwarten konnte, nachdem Sie mir als eine
frhliche, ja fast allzu kecke, junge Dame bekannt geworden waren. Ihre
hufigen, trben Stimmungen, Ihre Art, sich stundenlang in Ihren
Gemchern einzuschlieen, durch die Sie die Wrde Ihrer Stellung
gegenber den Domestiken in unstatthafter Weise gefhrden, weil Sie zu
allerlei Vermutungen und Geklatsch den Anla gaben, habe ich bisher zu
bersehen versucht, da ich ihre Ursache in der Trauer um Ihren verehrten
Vater zu finden glaubte. Die Marquise Montjoie, die Herrin meines
Hauses, darf sich jedoch auf die Dauer solchen Empfindungen eines
kleinen Mdchens nicht hingeben. Ich wnschte, da Sie darauf bedacht
sein mgen, in Ihrem Benehmen mehr Haltung zu zeigen.

Durch eine Bemerkung in dem Briefe meiner Mutter, sehe ich mich
gentigt, diesem Wunsch besonderen Nachdruck zu verleihen. Sie schreibt
wrtlich: 'Meine gute Schwiegertochter scheint an der Unterhaltung mit
Monsieur Gaillard viel Gefallen zu finden'. Daraus schliee ich, da Sie
vergessen haben, was ich Ihnen ber die Stellung Gaillards in unserem
Hause gesagt habe. Mein verstorbener Bruder, dessen Sorge um diesen
seinen illegitimen Sohn eine um so grere war, als dessen
unglcklicher, krperlicher Zustand ihn fr alle bemitleidenswert
machte, sprach in seinem Testament den Wunsch aus, da ich ihm auf
Froberg eine gute Erziehung und eine dauernde Unterkunft gewhren
mchte. Selbstverstndlich ist es ihm dabei nicht eingefallen, irgend
welche Art von Familienzugehrigkeit fr Gaillard zu verlangen; meine
Mutter und ich sind stets bemht gewesen, die scharf gezogenen Grenzen
des Respekts aufrecht zu erhalten, was oft nicht leicht war. So wurde
Gaillard ein nicht unbrauchbarer Haushofmeister, also nichts anderes als
der erste unter den Bedienten.

Nun scheint er die unerfahrene Jugend meiner Gemahlin in seinem
Interesse ausnutzen zu wollen, und ich mu Ihnen demgegenber die grte
Khle und Zurckhaltung zur Pflicht machen. Nach Abschlu des
Trauerjahres wird es Ihnen an Unterhaltung nicht fehlen; bis dahin
sollten Sie die Zeit benutzen, um sich unter der Leitung einer so
vollendeten Dame wie meiner Mutter zu einer ihr hnlichen Persnlichkeit
heranzubilden.

Damit Sie sehen, da ich in meiner Sorge um Sie bemht bin, Ihnen auch
eine Freude zu bereiten, die Sie zugleich auf das angenehmste
beschftigen wird, teile ich Ihnen mit, da ich beschlossen habe, an der
Stelle unseres Parks, an der Sie sich einen Gartenpavillon wnschten,
ein greres Gebude modernen Stils errichten zu lassen. Sie hatten
nicht Unrecht: Das alte Schlo mit seinen dicken Mauern und kleinen
Fenstern entspricht unserem Geschmack nicht mehr, und, wenn es auch
Einbildung ist, da Sie sich darin zu frchten behaupten, so wre ein
Palais im Stil von Trianon ein weitaus gnstigerer Rahmen fr Sie.

Ich habe meine freien Stunden benutzt, um mir die neuesten und
berhmtesten Pariser Privat-Hotels anzusehen. Am meisten gefiel mir das
der Tnzerin Frulein Guimard, die ich brigens nicht aufgesucht haben
wrde, wenn ich nicht in der Angelegenheit unseres Abb Morelli ihre
Intervention bei Monseigneur de Jarente, ber den sie alles vermag,
htte beanspruchen mssen. Sie war ungemein liebenswrdig und zeigte mir
ihr eben vollendetes Palais in allen Details. Es ist ein Bijou und bis
auf jeden Stuhl, ja jeden Teller von erlesenem Geschmack. Die ersten
Knstler haben daran mitgeschaffen, und ich betrachte es als ein
Zeichen der Hhe unserer Kultur, da sie ihre Begabungen auf diese Weise
in den Dienst des tglichen Lebens stellen. Auf Empfehlung der Guimard
habe ich mit den Architekten Bellisard und Ledoux Rcksprache genommen;
sie drften mit mir zusammen auf Froberg eintreffen, um an Ort und
Stelle die Plne zu entwerfen.

Leider verzgert sich meine Rckkehr noch etwas. Den Ausgang des
Prozesses Morangis, der hier alles beschftigt und die ffentliche
Meinung in jene zwei Lager teilt, die es zwar immer gibt, die sich aber
leider nur zu oft verwischen: die von Hof und Adel auf der einen, von
Bourgeois und Parvens auf der anderen Seite, mchte ich noch abwarten.
Nicht nur, weil der Marquis mein Freund ist, sondern weil die ganze
Angelegenheit mir fr unsere Verhltnisse typisch erscheint: Eine
Gesellschaft von Krmern, die einen Kavalier von ltestem Adel ehrloser
Handlungen bezichtigt, ein Haufe von Schriftstellern und sogenannten
Philosophen, der diesen Jgern als Meute dient, der Pbel von Paris, der
schadenfroh zuschaut, bereit, sich als erster ber das Wild zu strzen,
wenn es erlegt ist.

Angesichts solcher Zustnde ist es doppelt widerlich zu sehen, wie nicht
nur Aristokraten mit brgerlichen Emporkmmlingen fraternisieren,
sondern wie leider der Hof mit dem bsen Beispiel vorangeht.
Traditionen werden ber Bord geworfen, sobald es gilt fr irgendeinen
Financier dunkelster Herkunft Platz zu machen; die bewhrte Etiquette
des groen Knigs wird durchbrochen, wenn irgendeine Auslnderin, die
sich mit Hilfe ihres Geldes einen armen Marquis gekauft hat, hoffhig zu
sein beansprucht. Und dabei mu ich befrchten, da der junge Hof, auf
den ich so groe Hoffnungen setzte, nach dieser Richtung wenig ndern
wird. Die Dauphine whlt ihren Umgang nur nach den Beweggrnden ihres
Amsements und ihr Gemahl huldigt allerhand brgerlichen Passionen, die
zwar schlieen lassen, da der knftige Knig einige Millionen weniger
verbrauchen, zugleich aber auch, da der reprsentative Glanz des
Knigtums weiter verbleichen wird. Und dieser Glanz, der es umgeben
soll, wie die goldene, juwelenbesetzte Hlle das Allerheiligste, ist
notwendig, um das Volk, gewissermaen im Schiff der Kirche, ehrfrchtig
vom Hochaltar, auf dem der Herrscher thront, entfernt zu halten. Je mehr
der Pbel bemerkt, da die da oben auch nur Menschen sind, desto mehr
wird er sie als seinesgleichen behandeln wollen.

Verzeihen Sie, meine Teure, da ich Sie schlielich mit Gedanken
langweile, die weniger fr Ihr kindliches Gemt, als fr das reife
Verstndnis meiner Mutter bestimmt waren: Lassen Sie sich von ihr des
weiteren darber belehren.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Am 20. Juli 1773._

Vergebens suche ich, schnste Frau Marquise, in Ihrem Briefe an Clarisse
nach einem noch so leisen Zeichen, das ich als eine Erinnerung an mich
htte deuten knnen. Bin ich Ihnen wirklich so ganz gleichgltig? Oder
sah das Gespenst Ihrer einstigen Gouvernante Ihnen ber die Schulter,
als Sie ein Schreiben verfaten, dessen wrdevoller Trockenheit sich die
reizende Klosterschlerin von l'Abbaye aux Bois geschmt htte? Ich
wrde der selbstschtigen Sehnsucht, mich Ihnen zu Fen zu legen,
widerstanden haben, aber der ritterlichen Verpflichtung, die Dame meines
Herzens von dem Einflu der bsen Geister Ihres alten Bergschlosses zu
befreien, kann ich mich nicht entziehen. Nur Ihr ausdrckliches Verbot
wird mich davon zurckhalten, meine Schwester auf der Reise zu Ihnen,
die sie unmglich ohne meinen Schutz machen kann, zu begleiten. Seien
Sie gewi: mit dem ersten Lcheln, das ich um Ihre roten Lippen
hervorzaubere, wird die Erinnerung an mich, als an Ihren getreusten
Bewunderer, zurckgekehrt sein. Und Sie mssen und Sie werden lcheln,
wenn erst ein Hauch Pariser Luft Ihre Rosenwangen streichelt.

Sie vibriert von Leichtsinn, Erregung, Leidenschaft! sie ist wie
verflchtigter Champagner und wer sie stndig atmet, ist immer trunken.
Es gibt Salons, die so sehr von ihr erfllt sind, da die Pulse
schneller klopfen, sobald man ihre Schwelle berschreitet. Darf ich
Ihnen heute zu einer Promenade  deux den Arm reichen, die einen der
entzckendsten dieser Salons zum Ziele hat?

Wir wandern durch die Allee dunkler Taxushecken bis zu dem stillen
Wasserspiegel, in dem die ppigen Leiber steinerner Nymphen baden. Ein
Schlchen, nein: ein Traum in Gold und Wei, steigt dahinter empor.
Schlanke Sulen tragen die Sternendecke der Vorhalle; jubelnde
Bacchanten schwingen den Thyrsosstab auf dem Fries ber den Tren. Sie
stehen weit offen. Licht und Lachen, ser Duft und rauschende Musik
dringen heraus. Die Wnde des Saals, den wir betreten, sind aus weiem
Marmor, goldene Pilaster unterbrechen sie, und vor den hohen Spiegeln in
den acht Ecken des Raums, stehen auf Sockeln von Malachit lebensgroe
Bronzegestalten lichtertragender Frauen. Strahlende Helle strmt von
ihnen aus und vereint sich mit dem Kerzenglanz kristallener Lster. Auf
die Decke zauberte Drouais den ganzen Olymp, aber die Grazien und Musen,
ja Venus selbst werden von der Schnheit der sterblichen Frauen unter
ihm berstrahlt. Von der Galerie herab singt ein Chor von Knaben --,
Adonis und Ganymed konnten nicht reizender sein --, Grtrys seste
Lieder, rings um ihn lehnen tiefdekolletierte, fcherschlagende Damen
an der vergoldeten Balustrade; und unten um die runde, mit Spitzen und
Blumen, mit schwerem Silber und rosenberstem Porzellan geschmckte
Tafel schart sich eine illustre Gesellschaft von Grfinnen und Marquis,
Prinzen und Herzoginnen. Ihre Augen, ihre Diamanten, ihre Wangen, ihre
seidenen Kleider und goldenen Parren wetteifern an Glanz miteinander,
und schwellende Busen beschmen das schimmernde Wei der Perlen, die
zrtlich auf ihnen ruhen. Angesichts dieser chaotischen Flle von
Schnheit und Reichtum mte sich das Auge ermdet schlieen, wenn sie
nicht in einer Erscheinung, wie in einem Brennpunkt, zusammenflssen. In
der Mitte der Tafel thront sie, Venus selbst, die eine gtige Woge aus
unbekannter Tiefe an das Gestade der Irdischen warf.

Wage ich es, vor Ihren keuschen Ohren den Namen zu nennen, den sie fr
ihre Wiedergeburt in Frankreich gewhlt hat? Es ist die Grfin Dubarry!

Sie erschrecken! Drfen Sie das als loyale Franzsin?! Wissen Sie nicht,
da Ihr Knig sie zu sich erhob, da der Kanzler, da der
Finanzminister, da die ersten Damen des Landes zu ihrem Hofstaat
gehren? Und sind nicht auch Sie ihr Dank schuldig, weil sie Choiseul,
den Minister der Philosophen und der Freigeister zu Falle brachte und
den gefhrdeten Einflu der Kirche wieder gefestigt hat?!

Sie lcheln -- endlich! Das Pathos der hohen Politik steht Guy
Chevreuse so schlecht, wie Ihnen die steife Wrde einer elsssischen
Schlofrau. Ich frage nach den Verdiensten und den Snden der Grfin
ebensowenig, wie der Knig nach der Herkunft seiner Gttin gefragt hat.
Da sie uns amsiert, ist ein ausreichender Grund ihrer Existenz. Es
scheint, wir brauchen von Zeit zu Zeit solch eine frische Quelle aus der
Tiefe des Volkes, damit wir Armen, seit Urzeiten im gleichen Boden
Wurzelnden, nicht verdorren.

Also struben Sie sich nicht lnger, reizende Frau Marquise! Dort in dem
runden Salon, dessen Spiegelwnde Fragonards Liebesszenen, die sein
Pinsel auf die gewlbte Decke malte, hundertfach zurckwerfen, schwingt
sich die Volkstnzerin Courtille in ihren grotesken Vorstadttnzen, und
nicht lange, so stampfen Prinzessinnenfchen mit ihr um die Wette die
Fricase. Das ist kein Menuett mehr mit Fingerspitzenreichen und
ehrfurchtsvoller Verneigung, das ist ein Haschen und Greifen, ein Wiegen
und Schmiegen voll heier Lust.

Sie errten? Kommen Sie weiter, holde Delphine, durch die chinesische
Galerie mit ihren Vasen und Vgeln und Drachen, bis in den Theatersaal.
Vor seiner Bhne verstecken selbst die Pariserinnen das Antlitz zuweilen
verschmt hinter dem Fcher. Man spielt nmlich nicht mehr Racine und
Molire und holt sich nicht mehr die Schauspieler der kniglichen
Theater. Colls Vrit dans le vin lt uns pltzlich erinnern, da
wir, aller Etikette zum Trotz, noch herzhaft lachen knnen, und
Larrine, der Straensnger, bringt uns mit seinen Kuplets dazu, uns
selbst zu verhhnen, whrend Audinot, der Gott der Crapule, uns mit
seinen Verbrecherromanzen Schauer des Entsetzens ber den Rcken jagt,
-- ein Gefhl das wir bisher nicht kannten.

Sie atmen rascher --, Sie klammern sich an mich. Jetzt sind Sie es, die
nach mehr -- noch mehr verlangen! Aber wir mssen gehen. Fr die schwere
Bronzetr dort hat, -- wenigstens im Augenblick --, nur der Knig den
Schlssel!

Und nun ist es Abend geworden und das Feenreich von Louveciennes
versinkt im Dunkel der Nacht.

Wie denken Sie jetzt ber die wohltuende Einsamkeit von Froberg, ber
die beste Gesellschaft der vornehmen, frommen Mutter?! Schwarze
Dominos stehen Ihnen nicht, Frau Marquise!

Ich mchte auch Ihre Seele in Sonnenfarben gekleidet wissen. Darum wird
es mir schwer, den einzigen Wunsch zu erfllen, den Sie meiner Schwester
geuert haben: den nach neuen Romanen. Unsere Schriftsteller sind heute
nichts als Lumpensammler; sie whlen im Schmutz des Leids und des
Elends; und finden sie wirklich einmal einen Fetzen der Vergangenheit,
so ist auch er schwarz und zerrissen. Allen Schmerz der Welt versuchen
sie in den engen Rahmen einer Erzhlung zu spannen. Sie bilden sich ein,
tiefsinnig zu erscheinen, und sind nur langweilig, schwchlich, nervs.
Sie schneiden ein langes Gesicht, schlagen die Augen nieder und ziehen
die Mundwinkel herab; und meinen dann den Philosophen oder den
Englndern hnlich zu sehen, die heute beinahe noch mehr gelten als
jene.

Bis ich nach Froberg komme, werde ich irgend etwas finden, was
franzsisch und daher heiter ist, aber da schne Frauen Bcher nur
lieben, wenn es Ihnen an Anbetern fehlt, so werden Sie mich gewi des
Auftrags entheben.

Verzeihen Sie die Lnge dieses Briefes. Es ist so s, wenigstens in
Gedanken in Ihrer Nhe zu sein, da man versucht wird, die Trennung so
weit als mglich hinauszuschieben.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Am 26. Juli 1773._

Ihr rosenrotes Briefchen, schnste Frau Marquise, hat mich in einen
Rausch des Entzckens versetzt. Der Schneiderin meiner Schwester werde
ich Tag und Nacht keine Ruhe lassen, damit sie die Ausstattung der
lndlichen Toiletten beschleunigt und unsere Ankunft in Froberg so rasch
als mglich erfolgen kann. Seitdem ich wei, das Sie uns mit Freuden
erwarten, -- (warum, ach warum sprechen Sie immer nur von uns, statt
ein einziges Mal von mir allein?!) --, habe ich keine Ruhe mehr. Meine
Koffer sind gepackt; die schnsten Liebesgeschichten, die ich finden
konnte, -- denn wer vermchte in Ihrer Nhe etwas anderes zu lesen? --
die neuesten Chansons, die witzigsten Kuplets befinden sich schon wohl
verwahrt in der Reisekalesche; die schnellsten Pferde suchte ich aus.
Aber selbst wenn sie fliegen knnten, wrde meine Sehnsucht ihnen immer
weit voraus sein.

Noch eine Bitte, die ich fr eine andere wage, weil sie zu schchtern
ist, sie auszusprechen, -- fr Clarisse: Sie wissen, der Chevalier de
Motteville bewirbt sich um sie und das Herz meiner Schwester ist durch
seine treuen Huldigungen so ganz gewonnen worden, da sie behauptet,
sterben zu mssen, wenn der Widerstand meiner Mutter sich nicht besiegen
lt. Wrden Sie Clarisse den Freundschaftsdienst erweisen wollen, den
Chevalier zu gleicher Zeit mit uns nach Froberg einzuladen, und ihr
dadurch die Mglichkeit einer Begegnung zu gewhren, nach der ihr Herz
strmisch verlangt? Sie brauchten nicht zu besorgen, da Herr von
Motteville lstig fiele; er wrde selbst die Gttin der Liebe nicht
beachten, wenn seine Geliebte neben ihm stnde.

Seien Sie gewrtig, schnste Marquise, Ihre Gste diesen Zeilen auf dem
Fue folgen zu sehen.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 5. August 1773._

Meine liebe Delphine! Wie konnten Sie meinen wohlgemeinten Brief nur so
miverstehen?! Nichts liegt mir ferner, als Ihren Augen Trnen erpressen
zu wollen. Seien Sie versichert, ich will weder Ihre Freiheit
beschrnken, noch statt eines Gemahls ein Schulmeister sein. Ich will
Sie nur leiten -- so unmerklich wie mglich -- und auch meine Mutter hat
gewi keine andere Absicht. Htten Sie ein wenig mehr Vertrauen gehabt,
ein wenig mehr kindliche Liebe, statt Hochmut und Heftigkeit gezeigt, so
wre es zu der peinlichen Auseinandersetzung mit ihr nicht gekommen. Da
meine Mutter den Besuch des Grafen Chevreuse ablehnte, ist vielleicht
etwas rigoros, aber in Anbetracht Ihrer Familientrauer und meiner
Abwesenheit gewi verstndlich. Es hat mich fast amsiert, da Sie sich
daraufhin pltzlich Ihrer Stellung als Herrin des Hauses erinnerten und
den Befehl gaben, die Zimmer fr die Gste bereitzuhalten. Meine Mutter
schreibt sehr verletzt, aber ich denke, mein heutiger Brief, in dem ich
ihr auseinandersetzte, da meine Gemahlin eine gewisse Selbstndigkeit
auch ihr gegenber zu beanspruchen das Recht hat, wird sie beruhigen.

Ihren Zorn aber, meine Teure, hoffe ich durch den Inhalt des kleinen
Koffers ein wenig zu besnftigen, den mein Kurier Ihnen bergeben wird.

Ich war selbst bei Madame Bertin, die in ihrem Schneideratelier
empfngt wie eine Herzogin. Die hbschesten Mdchen muten mir die
neuesten Kleider vorfhren. Merkwrdig, wie auch hier die Mode das
Leichte, Weiche dem Schweren und Steifen mehr und mehr vorzieht. Man
trgt sich auf der Strae wie unsere Gromtter sich geschmt haben
wrden, im Hause zu erscheinen. Ich wre fast versucht gewesen, diese
Mode nicht zu akzeptieren, wenn ich mir nicht vorgestellt htte, wie
entzckend diese schmiegsamen Neglige-Gewnder die zarte Gestalt meiner
Delphine zur Geltung bringen, wie verlockend diese Mullfichus, diese
Seidenschals sich um ihren weien Nacken schmiegen werden. Auch bei
Monsieur Bourbon, dem Schuhmacher der Dauphine, war ich und bergab ihm
Ihren Probeschuh. Sie htten seine Begeisterung, nicht ber den Schuh,
den er fr mesquin erklrte, sondern ber das Fchen, fr das er
bestimmt war, sehen sollen. Noch kleiner als das der Prinzessin
Gumne, und der Spann noch hher als der der Marschallin Mirefoix!
sagte er einmal ber das andere, wir werden dies Fchen mit Juwelen
bedecken mssen, fgte er hinzu, und ich habe mich von ihm bestimmen
lassen, auf seine zarten Kunstwerke all die bunten Steine zu streuen.
Von Madame Martin habe ich ein Svrestpfchen Rouge des Indes besorgt,
von Beaulard, dessen Coiffren die des alten Beloux an Geschmak und
Grazie bei weitem bertreffen, den neuen Puder d'or.

Werde ich immer noch der gefrchtete Hofmeister sein, oder darf ich auf
ein gndiges Lcheln hoffen?!

Leider werde ich mir die Antwort auf diese Frage erst in einigen Wochen
holen knnen. Meine Geschfte sind noch nicht erledigt.

Ich sprach Ihnen seinerzeit von Monsieur Beaujon, dem Bankier des Hofs.
Mnner, wie der Prinz Rohan schenken ihm unbegrenztes Vertrauen, soda
ich meine wohl etwas altmodische Auffassung, da Edelleute keine
Geldgeschfte machen sollten, berwunden und mit ihm wiederholt
konferiert habe. Sein Benehmen war ein tadelloses, und ich wre
wahrscheinlich schon zu einem gewissen Abschlu mit ihm gekommen, wenn
ich nicht gestern seiner Einladung in sein luxurises Haus in den
Champs-lyses gefolgt wre, wo der Eindruck, den ich empfing, ein
uerst peinlicher war. Kein kniglicher Prinz hat ein Palais, wie
dieser Emporkmmling; alle Knstler scheinen sich in seinen Dienst
gestellt zu haben; die Gesellschaft, die er empfngt, ist in bezug auf
Vornehmheit und geistige Bedeutung die erste von Paris, und die Art, mit
der jeder einzelne in ihr dem Hausherrn begegnet, hat einen Anstrich von
Devotion, der mir das Blut sieden machte. Um die jungen Damen seiner
Familie bemhen sich Offiziere und Kammerherrn mit den ltesten Namen;
sie brauchen sichtlich nur die Hnde auszustrecken, um irgendeine
Grafen- oder Herzogskrone in Empfang zu nehmen. Wir sind also bereits
soweit, diese Finanziers nicht nur zu ertragen, sie gesellschaftlich uns
gleich zu setzen, sondern wir sind in unserer aristokratischen Gesinnung
heruntergekommen genug, um ihren Hofstaat abzugeben. Und das Traurige
ist, da Versailles fr eine streng aristokratische Auffassung, wie ich
sie noch vertrete, keinen Rckhalt bietet.

Am Tage nach dem Souper bei Beaujon habe ich die Verhandlungen mit ihm
abgebrochen und eine Verbindung mit seinem Rivalen Herrn von Saint-James
angeknpft, der den Finanzier mit dem Edelmann verbindet, mir daher mehr
zusagt. Er steht berdies der Regierung sehr nahe und machte mir
Konfidenzen, die meine pessimistische Auffassung ber unsere innere Lage
nur besttigten.

Ich war daher in keiner rosigen Stimmung, als ich am gleichen Tage nach
Compigne befohlen wurde, wo der Hof sich im Augenblick aufhlt.
Nebenbei bemerkt: Diese unaufhrlichen Reisen des Knigs, die mit seinem
Alter, mit seiner wachsenden Unruhe und der krankhaften Jagd nach
Abwechslung an Zahl zunehmen, sind der Schrecken des Generalauditeurs
der kniglichen Finanzen. Das Gefolge ist stets enorm, die
Gastfreundschaft, die den persnlichen Gsten Seiner Majestt gewhrt
wird, ist unbegrenzt; die groen Finanziers, die, bei den hufigen
Verlegenheiten des Hofs, ihm Gelder bereitwilligst vorstrecken, sind oft
die gefeiertesten unter ihnen.

Im Augenblick meiner Ankunft in Compigne erfuhr ich erst, da die unter
dem Einflu der Dauphine wiederholt hinausgeschobene Vorstellung der
jungen Vikomtesse Dubarry durch die Grfin Dubarry heute erwartet wrde.
Ich htte eine Entschuldigung gefunden, wenn ich frher davon gewut
htte, denn dem neuen Sieg dieser Aventurire zu assistieren widerstand
mir aufs uerste. Jetzt mute ich bleiben und tat es nicht ohne starke
Selbstberwindung. Der Schlohof und die Gallerien waren berfllt, und
ich glaube nicht irre zu gehen, wenn ich behaupte, da heute niemand
eine von Neid und Bewunderung getragene Neugierde mehr reizt als die
Kurtisanen. Ein Beweis dafr ist die Eile, mit der die Damen des Hofs
jede neue Bizarrerie ihrer Toilette und ihres Benehmens nachahmen.

Nun kann ich nicht leugnen: die Grfin berraschte mich, und zwar
weniger durch ihre Schnheit, als durch die Tadellosigkeit ihres
Auftretens, durch die vollendete Form, mit der sie selbst der
abweisenden Khle des Dauphins und der Dauphine begegnete. Sie verriet
auch dem Knig gegenber mit keiner Miene die nahen Beziehungen, die
zwischen ihnen bestehen. Manche Damen von Rang, die heute etwas darin
suchen, sich ber gute Formen hinwegzusetzen, knnten sich an ihr ein
Beispiel nehmen.

Abends war groe Soire im Schlo. Ich hatte die Freude, den Marschall
Morangis zu treffen, der seiner eben erfolgten Freisprechung wegen ein
Gegenstand allgemeiner Beglckwnschung war. Seine Geschichte stand im
Mittelpunkt der Diskussion, und man war sich einig ber die
ausschlaggebende Rolle, die Monsieur Linguet und Herr von Voltaire dabei
gespielt haben. Linguet scheint ein Advokat und Schriftsteller ersten
Ranges, dabei freilich ein skrupelloser Mensch zu sein. Er hat die
Marotte, sich stets dem allgemeinen Urteil des Volks entgegenzusetzen
und ist auf diese Weise aus einem Republikaner und Freigeist der
Verteidiger aristokratischer und klerikaler Interessen geworden. Da
Herr von Voltaire ihn im Fall Morangis untersttzte, hat jeden, der
seine Vergangenheit kennt, berrascht. Es wirkt eigentmlich, diesen
berhmten Mann obskurer Herkunft in seiner Verteidigungsschrift
pltzlich als Wortfhrer des franzsischen Adels auftreten zu sehen, und
zu erfahren, wie er mit der nirgends zu berhrenden Stimme eines
Herolds fr den Schutz unserer gefhrdeten Ehre zu den Waffen rief. Er
hat es tatschlich erreicht, da alle ehrgeizigen Krmer glaubten, es
genge, sich ffentlich zur Partei Morangis zu erklren, um fr einen
Edelmann gehalten zu werden. Was mich betrifft, so hat die
Stellungnahme der beiden Schriftsteller, obwohl ich sie billigen mu,
meine Miachtung fr diese Art Leute nur verstrkt. Ich bin berzeugt:
htte man smtliche Philosophen und Volksfreunde Frankreichs in die
Intimitt der Hofgesellschaft gezogen, statt ihre Bcher zu verbrennen,
wir brauchten sie heute nicht mehr zu frchten.

Wie sehr das Volk von Paris durch die Hetzereien dieser skrupellosen
Vielschreiber schon beeinflut wird, ging mir aus einer turbulenten
Szene hervor, die ich wenige Tage nach der Prozeentscheidung in der
Comdie franaise erlebte. Man gab La Rconciliation normande und bei
der Stelle: Dans une cause obscure des juges bien pays verraient plus
clair que nous hallte der Saal von einem so ohrenbetubenden Lrm
wieder, da man glaubte, das Spiel abbrechen zu mssen. Man tobte,
trampelte und pfiff, dazwischen fielen die beleidigendsten Ausdrcke
gegen Morangis, gegen das Parlament, gegen Linguet und Voltaire. Ich
verstand nur das eine nicht: warum die Polizei nicht einschritt.

Freuen wir uns, teure Delphine, unserer ruhigen Elssser Bauern, bei
denen die Autoritt von Staat und Kirche noch nicht erschttert ist.
Hier ist das feste Bollwerk gegen den Ansturm des verdorbenen Pbels der
Grostadt.

Ich werde glcklich sein, den Frieden von Froberg wieder genieen und
seine schne Herrin an mein Herz drcken zu drfen....

P. S. In Compigne sah ich den Prinzen Friedrich-Eugen. Er ging mir
jedoch so sichtlich aus dem Wege, und seine Erwiderung meines Grues war
so steif und frmlich, da ich nicht in der Lage war, mit ihm zu
sprechen. Ich bedauerte es sehr. Htte ich doch die Freude genossen,
mich mit Ihrem einstigen Spielgefhrten ber Sie, teure Delphine,
unterhalten zu knnen.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Abtei Rmiremont, im September 1773._

Schnste Frau Marquise. Selbst das unangenehmste Abenteuer wrde ich
freudig begren wenn es mir die Gelegenheit verschaffte, Ihnen frher
schreiben zu drfen, als es sonst geschehen wre. Um wieviel mehr ein so
reizendes. Kurz vor Rmiremont brach die Achse unseres Wagens. Wir
schickten einen unserer Diener bis zur Abtei und wurden in krzester
Frist von einem Vierspnner der Prinzessin Christine aus unserer
unangenehmen Lage befreit und in den eleganten Rumen dieses im
weitesten Sinne des Worts weltlichen Damenstifts von einem Flor
reizender Frauen willkommen geheien. ber ihre bunten Quesacos trugen
sie das breite blaue Band des Ordens vom heiligen Romaric und den
schwarzen hermelinverbrmten Mantel. Sie waren alle sehr erhitzt, und
da ich mir leider nicht schmeicheln durfte, die roten Wangen und
glnzenden Augen auf meine Ankunft zurckfhren zu knnen, so vermutete
ich in ihnen die Wirkung einer allzu ppigen Tafel, die ich beschlo
durch Witz und Galanterie zu steigern und auszuntzen. Aber schon bei
Tisch wurde ich eines Besseren belehrt: meine Nachbarin, eine se
kleine Blondine, erzhlte mir, da die jungen Stiftsfruleins schon seit
Wochen um eine Umnderung der Satzungen kmpften, die ihnen das --
Wahlrecht im Stiftskonzil vorenthielten. Je scherzhafter ich die Sache
nahm, desto mehr berschlug sich ihr Vogelstimmchen. Clarisse, die mir
gegenbersa, wurde von einer anderen streitbaren jungen Dame in
demselben Sinne aufgeklrt, und als wir uns am Abend im Garten ergingen,
erfuhr ich zu meinem Erstaunen, da die Prinzessin, trotz ihres Alters
und ihres Ranges als btissin, auf der Seite der Jugend steht.

Wir sehen es lieber, sagte sie, die Fruleins wrden das Recht haben,
innerhalb des Sitzungssaals zu streiten, als da sie sich das Recht
nehmen, vor geschlossener Tre zu intriguieren. Das erzieht zu jener
Hintertreppenpolitik der Frauen, die das Verhngnis Frankreichs ist.

Und nun entspann sich hinter den Klostermauern von Rmiremont eine
politische Debatte, wie in den Grten des Palais-Royal in Paris, nur
da sich hier Damen des ltesten Adels ber Fragen echauffierten, die
dort nur zwischen Advokaten, Bummlern und Philosophen Rededuelle
hervorrufen. Ich wre mir mehr als berflssig vorgekommen, wenn es mich
nicht gereizt htte, die jungen Amazonen mit allen Zaubermitteln der
Galanterie der Waffen zu entkleiden und ihnen Rosen in die Hnde zu
spielen. Meine Bescheidenheit verbietet mir, das Resultat zu schildern.
Ihnen, reizende Delphine, berlasse ich, es sich auszumalen. Kmpft doch
auch in Ihnen die streitbare Kriegerin mit der hingebenden Nymphe.

Wie haben Sie mich mihandelt! Und wie wenig haben Sie die Wunden, die
Sie schlugen, zu heilen gewut! In den hohen Rumen ihres schrecklichen
alten Schlosses, zwischen seinen steifen Sthlen und dunklen Schrnken
erschienen Sie unnahbar, feierlich. Ihre Lippen waren bleich, Ihre
Blicke abweisend, Ihre Hnde eiskalt. Schlo sich die eisenbeschlagene
Pforte hinter Ihnen und Clarisse und mir und waren wir erst weit drauen
im sonnendurchglhten Park, -- unerreichbar fr das Auge der alten
Marquise, fr die Stimme des Herrn Marquis! --, dann kehrte wohl das
Leben in Ihre Marmorglieder zurck, -- aber nicht ich durfte mich einen
Prometheus preisen, der es einhauchte --, dann lachte Ihr Auge wieder,
aber es lachte nicht mir! Trotzdem ist mir jeder Augenblick
unvergelich, den ich mit dieser Delphine zusammen war, aber am
unvergelichsten die, ach so seltenen, die ich allein mit Ihnen verleben
durfte!

Warum haben Sie meine Bitte nicht erfllt, den Herrn von Motteville
einzuladen? Warum, vor allem, haben Sie sie nicht verstanden?! Die
Lektre von Boufflers, von Prvost, von Marivaux wre dann nicht ntig
gewesen, um Clarisse zu verscheuchen!

All meine Ritterdienste haben nicht erreicht, was die Leidenschaft, was
das beklagenswerte Schicksal der Romanheldinnen erreicht hat: Ihnen
wenigstens die Liebe Ihres Anbeters verstndlich zu machen. O, Aline,
Manon und Marianne, auf eure Grber wrde ich, wenn ich sie finden
knnte, Floras schnste Kinder streuen! Euch verdanke ich, da Delphines
rosige Ohren sich nicht abwandten, als ich ihr von meiner Liebe sprach,
da sie nach langem, langem Flehen die einzige Gunst gewhrte und meinen
heien Lippen den schneeigen Arm nicht entri!

Zrnen Sie mir nicht, weil die Erinnerung mich fortreit. Die schnen
Pariserinnen werden Mhe haben, ihre schmerzhaften Spuren zu verwischen,
aber ihre Sigkeit und -- die Hoffnung, die sie erwecken, werden sie
nicht verscheuchen knnen. Sollte der heie Atem von Paris das Eis um
das Herz der reizenden Marquise nicht zu schmelzen vermgen?!

Darf ich erwarten, da Sie mich mit einer Zeile von Ihrer schnen Hand
beglcken werden, damit der Faden zwischen uns, der heute noch so
spinnwebfeine, nicht ganz zerreit? Als ein Bittender ksse ich diese
Hand und hoffe, sie bald als ein Dankbarer kssen zu drfen.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Paris, am 21. Februar 1774._

Endlich, schnste Marquise, ein Brief von Ihnen! Ich hatte schon
aufgehrt, darauf zu hoffen; ich kmpfte mit mir, ob ich Sie noch einmal
an mich erinnern drfe, ich frchtete, als ein Zudringlicher von Ihnen
abgewiesen zu werden. Nun ist es zwar nicht gerade schmeichelhaft, da
Sie mir nur aus Langerweile schreiben und ich wei nicht, ob es mir
gelingen wird, diese Langeweile zu verscheuchen, um so mehr, als sie
jetzt in Paris ein allgemeines Leiden ist.

Die Krankheit des Knigs liegt wie ein Alp auf dem Hof von Versailles.
Priester, wie der Abb Beauvais, Nonnen wie Madame Louise gewinnen
wechselnden Einflu; allerlei dunkle Gestalten werden durch
Hinterpforten eingelassen, denn Seine Majestt ist aberglubisch
geworden und lt sich weissagen. Nur auf Stunden, hchstens Tage,
vermag die schne Bacchantin Dubarry ihn seiner Melancholie zu
entreissen. Alles um ihn zittert --, teils aus Angst, teils aus Hoffnung
--, und bei manchen Leuten habe ich immer den Eindruck, als htten sie
schon heimlich ihre Koffer gepackt. Nur in den inneren Gemchern der
Dauphine und im kleinsten Kreise wird noch gelacht, gespielt, getanzt.
Sonst hat sich die Frhlichkeit in die kleinen Hotels der Duth, der
Guimard, der Raucourt geflchtet und mit ihr manche lebenslustige Dame
der Gesellschaft, -- nicht zu ihrem Schaden, denn erst hier lernt sie,
was Vergngen und was -- Liebe ist.

Ich erinnere mich noch Ihres Erstaunens darber, da die Romanheldinnen,
die ich Sie kennen lehrte, lauter Kurtisanen sind. Wenn Sie nicht wie
eine Eingekerkerte in Ihrem alten Schlosse lebten, -- die Vollendung des
neuen Palais wird doch wohl noch lange auf sich warten lassen und die
des Pavillons, den ich Ihnen riet fr sich allein errichten zu lassen,
gewi noch lnger! -- so wrden Sie rascher als viele andere die
Ursachen begreifen lernen. Diese Mdchen sind frei; keine Scheere der
Rcksichten und der Etikette beschneidet ihre Gefhle, damit sie hbsch
artig in Reih und Glied stehen wie die Kugelakazien; kein Ehemann macht
sie zu seinem Privatbesitz, hnlich seinem Hunde, den er darauf
dressiert, selbst wenn ihn hungert, von einem anderen kein Stck Brot zu
nehmen.

In den Hotels der Raucourt, -- einer unvergleichlichen Schauspielerin,
die der Herzog von Argenson lanciert hat, und der im Augenblick halb
Paris zu Fen liegt, -- und der Guimard, die infolge der gefhrlichen
Rivalin alle ihre Knste spielen lt, all ihren Liebreiz entfaltet,
traf ich wiederholt unseren gemeinsamen Freund, Friedrich-Eugen. Erfllt
wie ich von Ihnen, schnste Marquise, bin, wurde ich nicht mde, von
Ihnen zu sprechen; die wortkarge Ruhe, um nicht zu sagen
Gleichgltigkeit, mit der er mir zuhrte, htte mich fast auf eine
ernstere Differenz zwischen Ihnen und dem Prinzen schlieen lassen, wenn
er nicht mit einer mir in diesem Mae freilich auch unverstndlichen
Gereiztheit eine harmlose Bemerkung meinerseits, -- da die reizende
Marquise das alte deutsche grmliche Froberg demnchst in einen
blhenden franzsischen Mont de joie verwandeln wrde --, als eine
Beleidigung Ihrer Person betrachtet htte. Er warf sich dabei zu Ihrem
Verteidiger auf, und spielte die Rolle eines alten, einzig dazu
berechtigten Freundes so tuschend, da ich nicht wute, was ich davon
halten sollte und die kleine Guimard vielsagend lchelte.

Nur ein paar Tage lang wnschte ich Ihnen brigens den Verkehr mit der
himmlischen Tnzerin. Sie erinnert mich oft an Sie in der Art, wie sie
langsam die schweren Lider von den dunklen Augen hebt und in den weichen
Bewegungen ihres zarten Krpers. Nur da er fessellos ist, der neuesten
Mode Englands entsprechend, -- fessellos wie ihre Hingabe, ihre
Zrtlichkeit.

Wer in der Liebe nicht verschwenden kann, ist selbst ein Bettler,
sagte sie mir neulich, und einer kleinen Grfin, die ihr klagend von der
Wankelmtigkeit ihres Liebhabers erzhlte, rief sie hhnend zu: Fttern
sie ihn nur weiter mit den Almosen heimlicher Blicke und Hndedrcke,
dann wird er ihr rgster Feind, ein Revolutionr, wie das frierende und
hungernde Volk von Paris angesichts der brennenden Holzste, die die
groen Herren ihnen zuliebe vor ihren Palais entznden, und der
Brosamen, die sie ihnen zuwerfen.

Mein Brief wird Sie enttuschen, denn ich frchte, da er Sie nicht
einmal fr eine Stunde von Ihrer Schwermut befreit, ja, da er sie
vielleicht noch vertieft. Ich bin so grausam, schnste Frau, diese Folge
sogar zu wnschen, denn Sie sind so starrkpfig, -- oder so sanftmtig?!
-- da Sie sich erst sehr unglcklich fhlen mssen, um sich vom Unglck
zu befreien.


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, Mrz 1774._

Hochzuverehrende Frau Marquise. Zwei Pferde ritt ich zu Schanden. Ob
infolge der Schwere meines Buckels oder der Schrfe meiner Sporen will
ich dahingestellt sein lassen. Ich habe mich weder vom Staub gereinigt,
noch gegessen und getrunken. Ich bin mit der Tr ins Haus gefallen. Der
Kammerdiener des Prinzen Friedrich-Eugen hat erst durch ein paar
Louisd'or an meine Ehrlichkeit geglaubt.

Euer Gnaden knnen ohne Sorgen sein. Die Schreiberseele des Mercure de
France hat natrlich die Provinz schaudern machen wollen. Es bestand
keinerlei Lebensgefahr. Der Degen des Grafen Guy Chevreuse hat nur die
Wange Seiner Erlaucht ein wenig zerschlitzt und ihm einige Unzen Blut
abgezogen. Das drfte nicht ungnstig sein, sondern die allzu groe
Hitze des Prinzen khlen.

ber die Ursachen des Duells wei selbst der Kammerdiener, dessen
hingebendste Freundschaft ich mit einigen weiteren Louisd'or gewann,
nichts Bestimmtes. Das eine nur scheint gewi: Der Streit entstand im
Hotel der Demoiselle Guimard, derselben schnen Dame, die der Prinz
gestern empfing. Es scheint darnach in Paris Mode geworden zu sein, da
auch der mnnliche Teil der vornehmen Welt im Bett Audienz erteilt.

Ich selbst bin, da Euer Gnaden mir nicht gestatteten, den Namen
derjenigen, die mich sandte, einem anderen als dem Prinzen selbst zu
nennen, natrlich nicht empfangen worden. Es war nur die Folge meiner
eigenen Dummheit. Morgen werde ich den simplen Gaillard mit irgendeinem
sieben- oder neunzackig gekrnten Namen vertauschen und man wird nicht
die Hinterpforte, sondern die Flgeltren weit vor mir aufreien.

Ich lasse dann sofort einen zweiten Kurier dem heutigen folgen.

Gestatten mir Euer Gnaden, meiner unvergnglichen Dankbarkeit und
Ergebenheit Ausdruck zu verleihen. Ich bedaure, der Frau Marquise nicht
mehr opfern zu knnen, als ein paar Pferdebeine.


Lucien Gaillard an Delphine.

_Am 22. Mrz 1774._

Hochzuverehrende Frau Marquise. Soeben verlasse ich den Prinzen. Meine
Erffnung lie ihn vom Bett emporschnellen. Ich konnte mich von der
gesunden Menge von Blut berzeugen, das seine Adern noch fllt, denn es
lie sein Gesicht wie ein Feuer glhen, als ich zuerst Ihren Namen
nannte.

Schreiben Sie Ihrer Gebieterin, sagte er, da ich jetzt nichts
sehnlicher wnschte, als wirklich todkrank zu sein, um von ihr und ihrer
rhrenden Sorge um mich dem Leben zurckgewonnen zu werden.

Fast drei Stunden hielt er mich fest. Er hrte nicht auf, mich
auszufragen, mir zuzuhren. Ich durfte mich glcklich schtzen, da Euer
Gnaden Erscheinung sich mir so unauslschlich eingeprgt hat, und ich
imstande war, jeden Blick, jedes Lcheln, jede Bewegung zu schildern, so
da Seine Erlaucht mir versicherte, die Farben Bouchers knnten nicht
lebensvoller malen, als meine Worte. Eine Demoiselle Raucourt, die sich
whrend meines Besuchs melden lie, hat er mit einem so verchtlichen
Stirnrunzeln abweisen lassen, da sie nicht wiederkommen wrde, wenn sie
es gesehen htte.

Meine kranke Mutter habe ich heute besucht. Ich brauche dem Herrn
Marquis sonach kein Mrchen aufzubinden. Ihre Sehnsucht war brigens
so gro wie die meine. Erst als sie sich berzeugte, da ich nichts zu
fordern kam, erwachte ihre mtterliche Zrtlichkeit gegenber ihrer
Migeburt. Es geht ihr brigens vortrefflich. Von dem Gelde ihres
Liebhabers, dem ich infolge eines unglcklichen Zufalls mein Leben
verdanke, -- da ich ihm wirklich dafr Dank schuldig bin, wei ich
erst, seit ich Euer Gnaden dienen darf --, hat sie im Garten des
Palais-Royal ein Caf-Restaurant gepachtet. Die grten Rsonneure von
Paris verkehren bei ihr. Ich habe in einer Stunde mehr gehrt, als ich
in meinem ganzen Leben gedacht habe, obwohl, wie Euer Gnaden wissen, das
nicht wenig ist, da man mir ja reichlich Zeit dazu gelassen hat. War ich
doch ein Bastard, also gemieden von den Herren wie von den Dienern. Aber
wessen ich mich schmte, dessen werde ich mich auf Grund meiner neuen
Einsicht noch rhmen knnen. Als Bastarde im Geist, bezeichnete einer
der Gste Madame Gaillards, in dem ich den einstigen Hofmeister des
Prinzen Friedrich-Eugen, den Herrn von Altenau, wieder erkannte, all
jene Aufklrer, Schriftsteller und Philosophen, die zwischen dem Volk
und dem Adel stehen, nicht etwa als ein verbindendes, sondern als ein
zersetzendes Element. Was die groen Denker, die Herren Voltaire,
Rousseau, Diderot und wie sie alle heien, -- ich hrte die Namen zum
erstenmal --, in ihren Werken niedergelegt haben, das verbreiten jene
anderen durch die Zeitungen, durch Flugschriften und Reden jetzt im
Volk. In jeder kleinen Wirtschaft, zwischen Krmern und Handwerkern,
hrt man infolgedessen politisieren und philosophieren. Vom Knig redet
man, als wenn er schon tot wre. Man errtert eifrig das Fr und Wider
der Mnner, die der Dauphin berufen wird. Es gibt Hoffnungsvolle, die
eine glorreiche Zeit und ein Ende aller Not erwarten. Die meisten
lcheln zweifelnd dazu, oder zucken nur stumm die Achseln. Fr einen,
der, wie ich, aus lebenslanger Einsamkeit hierher verschlagen wurde, ist
das alles wie ein Fiebertraum. Wenn ich im Frhling durch die Froberger
Grten ging, hatte ich zuweilen solch ein Gefhl in den Gliedern, als
stnde etwas Ungeheures bevor. Aber dann fiel mir stets rechtzeitig ein,
da das nur die Gradegewachsenen erwarten drfte. Hier habe ich die
unbestimmte Empfindung, als bedrfe es nur eines graden Geistes, um das
Groe, das wird, mit zu empfangen.

Euer Gnaden haben mich, den immer Schweigsamen, zuerst sprechen gelehrt,
und mssen mir daher gtigst verzeihen, wenn ich nun schwatzhaft werde.

Ich erwarte, der Verabredung gem, Euer Gnaden weitere Befehle.


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 30. Mrz 1774._

Verehrte Frau Marquise! Als die kleine Grfin Laval sich in eine
Marquise Montjoie verwandelte, war sie mir, offen gestanden,
entschwunden, wie ein schner Traum. Einmal, so dachte ich, wrde ich
wohl der Frau Marquise begegnen, aber sie wre dann eine Fremde fr
mich, eine der vielen schnen Frauen, mit demselben Rouge auf den
Wangen, das alle Spuren von Leid und Liebe verwischt, demselben Lcheln
um die Lippen, das Freund und Feind gleichmig grt, demselben Geist,
dem Himmel und Erde nichts anderes bedeutet, als einen Gegenstand der
Konversation.

Und nun lie mich ein Zufall, der sich in der dicken Wirtin des Caf de
la Regence verkrpert hatte, einen buckligen Menschen kennen lernen, von
dem ich noch nicht wei, ist er Ihr Hofnarr oder Ihr Kavalier, und
dieser seltsame Kauz machte mich mit der Marquise Montjoie bekannt. Die
Grfin Laval ist sie nicht, -- darin ging mein Vorgefhl nicht fehl --,
aber sie ist auch nicht eine von den Vielen. Ich glaube fast, sie ist
ein Mensch, denn sie fhlt die Qualen des Lebens.

Zrnen Sie mir darum nicht, wenn ich Ihnen mitteile, da sich in Paris
ein Mann befindet, der sich Ihnen ganz zur Verfgung stellt. Vielleicht
findet er, wenn Sie nur gtigst eine Verbindung mit ihm herstellen
wollen, irgend ein Mittel, das Ihre Schmerzen, wenn nicht in Freuden
verwandelt, so doch betubt.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Paris, den 3. April 1774._

Teuerste Delphine, unvergeliche Freundin! Meinen heien Dank fr die
Wohltat, die Sie mir erwiesen haben, mu ich Ihnen persnlich, nicht nur
durch Ihren treuen Boten, auszudrcken versuchen. Sie knnen in Ihrer
Reinheit nicht ermessen, was Sie fr mich getan haben; Sie retteten mir
vielleicht mehr als das Leben, nachdem Sie mich in einen schlimmeren
Abgrund als den des Todes gestrzt hatten. Ich war auf dem Wege, mich
selbst zu verlieren --, ach, ich mchte Ihnen das Alles beichten drfen,
und von Ihnen eine Absolution empfangen, die mich sicherer von allen
meinen Snden freisprechen wrde, als wenn der Papst in eigener
heiliger Person es tte!

Mir ist Paris verleidet; ich kann seine schwere stickige Luft nicht mehr
atmen; mich verlangt nach dem krftigen Vorfrhlingsbrodem, den die
heimatliche Erde ausstrahlt. Sobald meine Verwundung die Reise mglich
macht, will ich nach Montbliard zurckkehren, und dort bleiben, bis die
tiefere Verwundung meines Herzens es mir erlaubt, nach Etupes -- unserem
schnen Etupes! -- berzusiedeln. Noch wei ich nicht, wie sie zu heilen
ist: die Vergngungen von Paris haben sich nur als der Verband eines
ungeschickten Chirurgen erwiesen, denn die Trennung von Ihnen war wie
fressendes Pfeilgift, das die Vernarbung verhindert. Wird ein
Wiedersehen sie schlieen machen?! Einerlei! Und wenn ich im Voraus
wte, da ich daran verblute, ich wrde keine Minute zgern, es
herbeizufhren. Nur Ihre Ablehnung, meine Freundin, wrde wirken, wie
Knigsbann. Aber ich wei, Sie vermgen nicht, sie auszusprechen.
Monsieur Gaillard wute nicht, was hher zu preisen sei: Ihre Schnheit
oder Ihre Gte! Der arme Kerl, der sich wie ein Nachtfalter am Licht
Ihrer Augen die grauen Flgel verbrannte!

Ich werde Sie wiedersehen, und werde versuchen, zu vergessen, da es die
Marquise Montjoie ist, die ich begre.

Verzeihen Sie die zitternde Greisenschrift dieses Briefes. Sie drfen
sich darum nicht sorgen, liebste Delphine, -- so sehr mich auch diese
Sorge beglckt --, denn es ist weniger die Schwche, die sie verursacht,
als die Erregung. Ich wei jetzt, wie einem Wstenwanderer zu Mute ist,
der mit ausgedrrter Kehle und zerrissener Haut, dem Tode nahe, die
schattende Khle hoher Palmen, die klaren Wellen sprudelnden Quells vor
sich sieht.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Montbliard, 30. April 1774._

Delphine, liebste Delphine, warum antworten Sie mir nicht?! Ich wartete
in Paris vergebens darauf und hoffte, hier ein Lebenszeichen von Ihnen
vorzufinden. Vergebens! War ich zu vorschnell, als ich aus Ihrer Sorge
um mich auf einen Rest alter Neigung schlo? Als der Graf Chevreuse vor
Dirnen und Rous von dem Mont de joie erzhlte, auf dem er den Palast
der Venus gefunden hat, glaubte ich die ganze Frechheit seines
Wortspiels zu verstehen. Da ich es tat, war eine Beleidigung gegen Sie,
-- und Sie htten ein Recht, mich deshalb keines Wortes mehr zu
wrdigen.

Aber um unserer Kindheit willen, Delphine, die mir hier aus jedem Busch,
jedem Wasserspiegel entgegenlacht, verzeihen Sie mir! Und um meiner
Liebe willen schenken Sie mir ein einziges gutes Wort. Nur Ihr Mitleid
und Ihr Zorn sind mir unertrglich.

Sollte aber Krankheit die Ursache Ihres Schweigens sein, -- ich wage es
nicht zu denken, da Sie leiden --, so beauftragen Sie Gaillard mit
Ihrer Antwort. Ich klammere mich zu sehr an jeden Strohhalm der
Hoffnung, ich frchte mich zu sehr, da Sie selbst ihn mir entreien
knnten, als da ich es wagte, ein Begegnen mit Ihnen zu erzwingen.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, am 8. Mai 1774._

Meine Liebe, die Nachricht vom Tode des Knigs wird meinem Briefe
vorangegangen sein. Als ich am Donnerstag frh in Versailles eintraf,
war die Aufregung bereits eine allgemeine. Sowohl die Partei Dubarry mit
dem Herzog von Aiguillon an der Spitze, hatte sich versammelt, als die
Partei Choiseul, die mit der zur hchsten Emprung des Knigs aus dem
Exil zurckberufenen Herzogin von Gramont bei der Dauphine zusammentraf.
Ein Uneingeweihter htte aus der unverhohlenen Angst in den Zgen der
Einen, dem nicht mehr zu unterdrckenden Triumphgefhl in denen der
Anderen, auf den Stand der Dinge schlieen knnen.

Gegen Abend wurde der Knig aus Trianon, wohin die alles vermgende
Favorite ihn entfhrt hatte, um ihn womglich bis zuletzt in ihrer
Gewalt zu behalten, zurckgefhrt. Der Eindruck dieser Heimkehr mute
auch einen khlen Beobachter erschttern: es regnete in Strmen, als die
goldberladenen Karossen des Knigs sich langsam wie ein Leichenzug
durch den Schlamm der Strae, dem Schlosse entgegen bewegten. Die
Federbsche der Pferde hingen schwer vom Wasser an ihren Kpfen
hernieder. Man hob den Knig aus den Kissen; sein Kopf sank vorn ber,
der Schwei perlte auf seiner wachsgelben Stirn, zwischen den
aufeinandergepreten Lippen drangen hie und da gurgelnde Laute hervor,
als er an seinem Hofstaat vorbergetragen wurde. Sobald er auf sein
Lager gebettet war, beschwor er seine Umgebung ngstlich, ihm den Stand
seiner Krankheit mitzuteilen. Wenn er auch von seinem Heldenmut viel zu
reden pflegt, so frchtete er sich doch von jeher vor nichts so sehr,
als sterben zu mssen, und umgab sich auf Schritt mit einer offenen und
geheimen Schutzgarde, ohne daran zu denken, da der Tod sich von ihr
nicht wrde zurckhalten lassen.

Im Verlaufe der nchsten Tage wurde der Knig zweimal zur Ader gelassen.
Als die rzte von der Mglichkeit eines dritten Males sprachen, wurde
ihm und seiner Umgebung der Ernst der Lage erst vllig klar. Die
Herzge von Richelieu und von Aumont traten den rzten in meiner
Gegenwart mit geballten Fusten entgegen, um die Operation zu
verhindern, und da diese ihre Stellung bedroht sahen, gaben sie nach. Am
Sonnabend den 30. April bedeckte sich pltzlich der Krper des Knigs
mit demselben Ausschlag, unter dem er schon in seiner Jugend gelitten
hatte. Die rzte bezeichneten ihn auch jetzt offiziell als Blattern.
Whrend der Knig in einen Zustand von Apathie verfiel, gelang es der
Partei Choiseul, den Zutritt von Mesdames Adlaide, Sophie und Victoire
zu ihrem kniglichen Vater zu erzwingen. Der Erzbischof hielt sich
erwartungsvoll im Vorzimmer auf; man rechnete bestimmt darauf, durch
seinen Einflu die Ausweisung der Dubarry und ihres Anhangs
durchzusetzen. Aber sobald der Kranke zu sich kam, wies er seine Tchter
hinaus und verlangte heftig nach der Grfin. Die Prinzessinnen htten
brigens die pestilenzialische Atmosphre im Zimmer des Knigs nicht
lnger ertragen knnen, whrend die Grfin ohne schwindelig zu werden,
in seiner nchsten Nhe aushielt.

Kein Wunder, wenn man selbst aus der Gosse stammt!

Wie erzhlt wird, soll sie die Khnheit gehabt haben, ein
Diamantenhalsband von mrchenhaftem Wert, das der Juwelier Boehmer ihr
zum Kauf angeboten hatte, dem sterbenden Knig vorzulegen und zum
Geschenk zu erbitten. Er verstand kaum noch etwas davon, aber er zog das
Schmuckstck immer wieder durch seine fieberheien, von Schwren
bedeckten Hnde, die die kalten Steine wohlttig khlten.

Durch Scherze und Zrtlichkeiten suchte die Grfin den Lebensglauben des
Sterbenden aufs neue anzufachen, worin der Herzog von Richelieu sie
insofern untersttzte, als er den Erzbischof, der nicht von der Stelle
weichen wollte, um dem Knig rechtzeitig die Beichte abzunehmen, fern zu
halten vermochte.

Wenn es Ihnen, Monseigneur, durchaus nach groen Snden gelstet,
sagte der alte Rou mit seinem ganzen Zynismus, so nehmen Sie die
meinen dafr. Ich garantiere Ihnen, Sie haben in den zwanzig Jahren
Ihres Pariser Erzbistums nichts hnliches gehrt.

Der Kampf der Parteien um den sterbenden Knig wurde schlielich so
heftig, da sein Lrm bis in sein Zimmer drang. Vergebens bemhte ich
mich, Ruhe zu stiften, denn so feindlich ich auch der Partei Dubarry
gegenberstehe, der Knig ist immerhin des groen Ludwig Nachfolger
gewesen, und verdient als ein Sterbender zum mindesten den stillen
Respekt, der allen gewhrt wird, die dem ewigen Richter nahen. Erst von
dem schon halb Besinnungslosen erreichten die Priester die Entfernung
der Grfin.

Wenige Stunden nach dem Tode des Knigs kam ich nach Paris. berall
begegnete ich jubelnden Volksmassen und das Es lebe Ludwig XVI.! klang
in allen Gassen wieder. So antipathisch mir sonst jeder ffentliche
Auflauf ist, in diesem Falle fhlte ich mich durch die Gesinnung mit dem
Pbel eins.

Die erschtternden Ereignisse, die die Geschicke Frankreichs umgestalten
werden, haben die persnlichen Differenzen zwischen Ihnen und mir, wie
sie kurz vor meiner beschleunigten Abreise von Froberg in Erscheinung
traten, in den Hintergrund gedrngt. Ich denke jetzt ruhiger darber, da
ich annehme, da Ihr Verhalten nur eine Folge der Beschwerden ist, die
Ihr Zustand Ihnen verursacht. Ich will mich bemhen, Sie wie eine Kranke
zu behandeln, mchte Sie jedoch nur daran erinnern, da es bei Frauen
von guter Erziehung bisher selbstverstndlich war, sich auch in der
peinlichsten Lebenslage zu beherrschen. Ich verstehe noch heute nicht,
wie die liebenswrdige Einladung der Frstin Montbliard, und mein
Wunsch, durch Ihre Zusage die freundnachbarlichen Beziehungen aufrecht
zu erhalten, Ihre Aufregung verursachen konnte. Die Frstin ist Ihnen,
nach Ihrer eigenen Versicherung eine zweite Mutter gewesen, sie sprach
in ihrem Brief ausdrcklich von einem stillen Landaufenthalt in
Etupes, der Ihnen geboten wrde; Ihr Einwand, da Sie sich mit Ihrer
deformierten Gestalt nicht sehen lassen knnten, ist also in diesem
Fall nichts als ein leerer Vorwand. Sie wrden zu gesellschaftlichen
Triumphen gar keine Gelegenheit haben, die Beeintrchtigung Ihrer
Schnheit htte also keinerlei Konsequenzen. Da Ihnen Froberg berdies
so unbehaglich ist, wrde Ihnen das sonnige Etupes gerade jetzt doppelt
wohlttig sein, und die Frstin wrde es in ihrer Gte an hingebendster
Pflege nicht fehlen lassen.

Aber die Auseinandersetzung ber die Frage der Einladung war ja nur das
Vorspiel der Szene, die Sie mit einem unleugbaren Talent fr die Rolle
einer tragischen Heldin mir dann vorzufhren die Gte hatten. Ich
glaubte, Sie damit zu besnftigen, da ich Sie an die notwendige
Rcksicht auf das Kind erinnerte, aber ich warf damit nur neue Nahrung
in das Feuer ihres Zorns. Rcksicht auf das Kind?! schrieen Sie, ohne
bemerken zu wollen, da Gaillard sich in unverhohlener Neugierde vor
Ihren offenen Fenstern zu schaffen machte, ich will -- ich will kein
Kind von Ihnen! Ich schme mich dieses Kindes!

Ich hoffe, Sie schmen sich jetzt Ihres eigenen Benehmens, das ich in
ihre Erinnerung zurckgerufen habe, um es Ihnen wie einen Spiegel
vorzuhalten.

Wie gesagt: ich nehme an, Sie waren von Sinnen, wie es bei jungen Frauen
in gewissen Zustnden vorkommen soll, und ich verzeihe Ihnen den
Affront, den ich durch Sie erleben mute. Auch auf den Besuch in Etupes
will ich nicht bestehen. Soll es doch vorkommen, da schwangere Frauen
gerade ihren Lieblingsspeisen gegenber einen unberwindlichen Ekel
empfinden.

Ich schreibe Ihnen das Alles, weil ich wnsche, da nunmehr von der
ganzen Sache zwischen uns keine Rede mehr ist.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Montbliard, am 10. Mai 1774._

Angebetete Delphine! Je lnger Ihre Antwort ausblieb, desto fieberhafter
arbeitete meine Phantasie; Himmel und Hlle sah ich vor mir, und
glaubte, alles ertragen zu knnen. Und doch wrde mich die Wirklichkeit
vernichtet haben, wenn ich nicht zwischen den Zeilen Ihres Briefes das
Klopfen Ihres Herzens gesprt, die Trnen in Ihren Augen gesehen htte.

Sie lehnen meinen Besuch ab; Sie frchten sich vor ihm; Sie wnschen,
da ich Delphine Laval nicht vergesse, und darum Delphine Montjoie nicht
wiedersehe. Sie lassen mir nur die leise Hoffnung auf eine Zeit, wo
irgend eine groe Wendung des Schicksals die Jugendfreundin aus dem
Starrkrampf erweckt. Sie sind unglcklich, Delphine, unglcklich wie
ich, und Sie gestatten mir nicht, Ihnen zu helfen! Ich beneide den
Grafen Chevreuse, ja ich will mich sogar bemhen, seine leichtfertigen
Reden zu vergessen, weil er imstande gewesen ist, Ihnen Stunden des
Frohsinns zu schaffen.

Es gab seit dem Empfang Ihres Briefes Augenblicke, in denen der Wunsch,
Ihnen helfen zu knnen, jedes eigenntzige Gefhl erstickte. Ein solcher
war es, als ich meine Mutter bat, Sie zu sich zu laden; ich htte, Ihrem
Wunsch unter allen Umstnden gehorchend, Etupes helles Schlchen ebenso
wenig betreten, wie Ihre dunkle Burg.

Noch Vieles mchte ich Ihnen sagen, denn mein Herz ist bervoll, aber
ich wrde kein Ende finden, wie der Strom um so weniger versiegt, je
tiefer er aus dem Innern der Erde kommt.


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, im September 1774._

Verehrte Frau Marquise! Die Hoffnung auf Nachricht von Ihnen, hatte ich
schon aufgegeben, und ich respektierte Ihre Zurckhaltung, die bei
vielen Menschen, wie bei zu Tode getroffenen Tieren, die Folge der
tiefsten Schmerzen ist.

Und nun lese ich Ihren Brief wieder und wieder, und versuche mir aus
seinen leisen Untertnen, aus den Erzhlungen des Herrn Gaillard und aus
den Buchstaben Ihrer Schrift, die frher wie lauter kleine Kobolde
lustig durcheinander tanzten, und jetzt brav und ernsthaft in
gleichmiger Reihe vor mir stehen wie ngstliche Kinder vor dem
strengen Schulmeister, ein Bild der Frau zu machen, an die ich schreibe.

Ich bin schon viele Wochen krank, sagen Sie, und liege in einem
schrecklich groen Bett, das nie ganz warm wird, mitten in einem hohen,
dunklen Zimmer, wie eine Tote in der Kirche. Da es drauen Sommer ist,
merke ich nicht. Ich glaube, man hat in diesem Schlo die Fenster
absichtlich so gebaut, da nur die Wintersonne hineinkann. Und dann
erzhlen Sie von den Slen, die immer leer aussehen, auch wenn man noch
so viel Mbel, hineinstellt, und von dem Leben, das eben so ist, weil
man es auch nur mit totem altem Kram erfllt; -- ist das die kleine
Delphine, die ich kannte, oder die Marquise, die ich zu begegnen
erwartete?!

Ich soll Ihnen Lebendiges bringen, damit wenigstens ein Echo von all
dem Lrm und Lachen bei mir wiederklingt. Ich werde Sie enttuschen,
Frau Marquise, denn das Paris, das ich kenne, lrmt zwar, aber es lacht
nicht. Zu der Stunde, wo die groen Kurtisanen, die Duth, die Clophile
auf der Promenade von Longchamps ihre sechsspnnigen Karossen von
Svres-Porzellan, ihre Quesacos von Damast, ihre hochgetrmten Locken,
und ihr verfhrerisches Lcheln zur Schau stellen, begafft vom Pbel,
gefolgt von der Jeunesse dore, versammelt sich eine tglich wachsende
Zahl von Mnnern in den Kaffeehusern des Palais-Royal, um die neuesten
Zeitungsberichte, die neuesten Flugschriften zu lesen, den neuesten
politischen oder gesellschaftlichen Skandal zu besprechen,
philosophische und literarische Fragen zu diskutieren. Fr viele treten
diese ffentlichen Zusammenkunftsorte allmhlich an Stelle der berhmten
Salons, nicht nur, weil diese sich mehr und mehr auf ihre gewohnten
Kreise beschrnken und die alten Celebritten den jungen Unbekannten
vorziehen, sondern weil man in der Ungezwungenheit der Kleidung und der
Konversation einen Reiz entdeckte, der den Salons fehlt. Bei vielen der
sehaftesten Kaffeehausbesucher ist noch ein anderer Umstand fr ihre
Flucht aus den Salons ausschlaggebend gewesen: ihre Einsicht in die
traurige Wirkung, den der Einflu, den man den Frauen in diesem
Jahrhundert in wachsendem Mae einrumte, auf Frankreichs innere und
uere Lage ausgebt hat.

Von einer mnnlichen Kultur erwarten viele die Rettung vor dem Abgrund,
dem wir zusteuern. Amsant ist dabei, da man sich um so mehr mit der
Frau beschftigt, je mehr man sich von ihr emanzipiert; statt der
Liebeslieder an sie, schreibt man gelehrte Abhandlungen ber sie, in
denen ihre Krfte und Fhigkeiten eingehender Prfung unterzogen
werden. Herr Thomas von der franzsischen Akademie verffentlichte
zuerst einen Essay ber den Charakter, die Sitten und den Geist der
Frauen.

Mir fiel bei der Lektre folgende Anekdote ein: Sophie Arnaud, die wegen
ihrer Bonmots berhmter ist als wegen ihres asthmatischen Gesangs, bat
einmal Herrn Thomas, der damals Administrator eines Pariser Departements
war, um den Umbau des Schornsteins an ihrem Hause. Ich habe mit dem
Minister, so gab er ihr schlielich Bescheid, Ihre Angelegenheit als
Brger und als Philosoph besprochen. Aber mein Herr, unterbrach sie
ihn, was ntzt mich das! Als Schornsteinfeger htten Sie davon sprechen
mssen! Ich frchte, es ging ihm mit den Frauen wie mit den Kaminen:
nicht als Brger und Philosoph htte er von ihnen sprechen drfen,
sondern als empfindsamer Mensch --, kurz so wie es Denis Diderot in
seiner Besprechung der Schrift des Akademikers getan hat. Ich kann mir
nicht versagen, Ihnen einige seiner Stze, auch wenn ich sie aus dem
Zusammenhange reien mu, wiederzugeben. Er erzhlt: Ich sah eine
anstndige Frau bei der Annherung ihres Gatten vor Entsetzen zittern;
ich sah, wie sie im Bade untertauchte und doch glaubte, sich von der
Erfllung ihrer ehelichen Pflicht nie reinigen zu knnen. Solch ein
Gefhl krperlicher Scham ist uns so gut wie unbekannt. Das hchste
Glck flieht die Frauen nur zu oft sogar im Arm des Mannes, den sie
lieben; whrend wir es an der Seite eines geflligen Weibes finden
knnen, das uns gleichgltig ist... Und an andrer Stelle, wo er die
Gesetze und Gebruche schildert, die den Frauen auferlegt wurden, heit
es: In allen Lndern hat sich die Grausamkeit der brgerlichen
Gesetzgebung mit der Grausamkeit der Natur gegen die Frauen verbunden.
Wie Kinder und Bldsinnige werden sie behandelt. Es gibt, selbst bei
kultivierten Vlkern, keine Art von Qulerei, die sich der Mann nicht
gegenber der Frau erlauben drfte. Wagt sie, sich zu empren, so wird
ihre Handlungsweise durch allgemeine Miachtung gestraft.

Selbst der Patriarch von Ferney, der es nicht vertrgt, da die
ffentlichkeit sich auch nur vier Wochen lang nicht mit ihm beschftigt,
hat sich in die Diskussionen ber das Thema Frau eingemischt,
wenigstens nimmt man an, da ein krzlich erschienenes geistvolles
Pamphlet seiner Feder entstammt. Es fordert nichts weniger als die
grtmgliche Erleichterung der Ehescheidung, die eine Sache des Staats
im Interesse des Familienglcks und nicht eine Sache der Kirche sei.

Da der Mann sich durch Maitressen, die Frau durch Liebhaber schadlos
zu halten suchen, schreibt er, ist jedenfalls keine Lsung des
Problems.

Der Verfasser einer anderen anonymen Broschre verlangt gar als
Heilmittel der totkranken Ehe, die Abschaffung der Mitgift. Danach wre
jedoch, wie mir scheint, die Korruption nur halb beseitigt: die Mnner
zwar wrden nur aus Liebe whlen, die dann vllig besitzlosen Frauen
dagegen noch mehr als bisher aus Berechnung.

Ich habe all diese kuriosen Dinge vor Ihnen ausgebreitet, weil ich
glaube, da sie mindestens Ihre Neugier, vielleicht auch nur Ihr Lcheln
hervorrufen werden. Und das wre schon ein Fortschritt! Dabei verlor ich
den Faden meines Briefes, und kann mich ber meine Stilverletzung nur
durch die Zuversicht trsten, da meine Korrespondenz niemals die
Bekanntschaft eines Setzers machen wird. Ich knpfe also wieder am
Anfang an, um Ihnen zunchst einmal den Rahmen des Bildes zu geben, da
ich Ihnen spter, wenn Sie mich nicht etwa schweigen heien, im
einzelnen schildern werde.

Wir befanden uns zuletzt im Kaffeehaus. Ist das Wetter schn, so ergeht
sich die Menge in den spten Nachmittagsstunden in den Alleen davor.
Hier zeigen sich dann auch Frauen in hbschen Polonaisen, mit
Riesenmuffs oder langen Spazierstcken. Ihre Zahl nimmt Jahr um Jahr zu;
es ist Mode geworden, sich in freier Luft zu ergehen, und die rzte
untersttzen sie nach Krften. Die Vapeurs, die man fr eine Einbildung
mondainer Damen hielt, haben sich nmlich als eine ernste Erkrankung
herausgestellt, und unsere Mediziner fhren sie auf die Zimmerluft, die
sitzende Lebensweise, den Mangel an Bewegung, ja selbst auf das viele
Teetrinken und den Gebrauch des Schnrleibs zurck. Man kann daher
neuerdings vor den Toren von Paris sogar Herzoginnen zu Fu begegnen,
die der leichteren Bewegung zuliebe, den Umfang ihrer Rcke
einschrnkten; und im Garten des Palais-Royal erschienen krzlich junge,
hbsche Frauen, die ihren Busen, statt ihn in ein Mieder einzuzwngen,
nur mit einem Mullfichu verhllten.

Sie sehen, meine liebe Marquise, der Stil meines Briefs ist
hoffnungslos; der Gedanke an meine schne Adressatin wirft alle Stze
aus ihrer Bahn, und ich rede, da ich nicht von Ihnen allein reden darf,
wenigstens immer von Ihrem Geschlecht. Gestatten Sie mir noch einen
letzten schchternen Versuch, den Flu meiner Rede in das alte Bett
zurckzuleiten!

Schlieen sich abends die Pforten des Palais-Royal, so ffnen sich die
der Klubs. Es sind das Vereinigungen mit literarischen, philosophischen
und politischen Zwecken, die wir in dieser Form aus England bernommen
haben. Sie vermehren sich wie Unkraut. Fast jeder kleine Krmer sucht
nach dem Essen seinen Klub auf, wo er nach Herzenslust das Vergngen
geniet, ber alles rsonnieren zu drfen. Jener Volksauflauf im vorigen
Monat, als die Nachricht vom Sturz des Kanzlers sich verbreitete, wre
ohne die Klubs und ihre Aufklrungsarbeit nicht mglich gewesen. Die
Pariser pflegten bisher nur zusammen zu strmen, wenn eine alte
knigliche Maitresse ins Exil geschickt wurde, oder eine junge in die
petites appartements einzog. Sie hatten gewissermaen ein vterliches
Interesse daran; sie waren stolz darauf, die Hauptlieferanten der
Liebesgensse groer Herren zu sein; sie zogen tief den Hut vor der
eignen Tochter, wenn irgend ein Prinzlein sie mit Brillanten behngte
--, heute spucken sie vor ihr aus. Etwas wie Selbstbewutsein erwacht in
diesen armen kleinen Hirnen, nur da es niemand von den Herrschenden
wahr haben will.

Whrend die Mnner in den Klubs sich Abend fr Abend ber Fragen des
Freihandels oder der Zlle die Kpfe zerbrechen, Fragen, die seit
Turgot, der Anhnger der Physiokraten, am Ruder ist, zu wahrhaft
brennenden wurden, sitzt der Sultan der Oper, der Prinz von Soubise,
nach wie vor in seinem Serail, der Loge, um die von ihm pensionierten
Tnzerinnen neben den jngsten Eleven huldvollst zu empfangen, und die
gute Gesellschaft strmt nach Pantin zur Guimard, um Komdien zu
sehen, von denen eine die andere an Laszivitt bertrifft, oder sie
fllt das Hotel der Madame de Montesson, die, trotz ihres Alters, noch
immer als jugendliche Liebhaberin auf ihrer Bhne auftritt, und noch
immer die Egeria des Herzogs von Orlans ist.

Ich aber, teuerste Marquise, bringe meine Abende am liebsten in einer
Gesellschaft zu, die nicht durch Namen und Titel, wohl aber durch Geist
und Witz die erste von Paris genannt werden darf. Sie versammelt sich im
Hause Madame Geoffrins.

Wie wnschte ich Ihnen die Bekanntschaft dieser wundervollen Frau, die
es verstanden hat, ohne jung und ohne schn zu sein, die besten Kpfe
Frankreichs an sich zu fesseln. Hier sind d'Alembert, Turgot, Diderot
fast tgliche Gste, hier wird freimtig ausgesprochen, was auerhalb
dieses Salons noch in die Bastille fhrt, und die Wahrheit und die
Religion des kommenden Jahrhunderts ist.

Sie werden finden, da ich unbescheiden bin, indem ich Ihre gtige
Erlaubnis, Ihnen schreiben zu drfen, in dieser Weise ausnutze. Aber mir
ist, als wre es wieder Nacht um Sie, die ein fernes Feuer rot
durchglht und als stnden Sie vor mir, die kleine Grfin Laval mit den
groen brennenden Augen und der stockend hervorgestoenen Frage: Ist es
wirklich, kann es wirklich sein?!

Ob ich sie weiter beantworten darf, das haben Sie zu entscheiden.


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 3. Oktober 1774._

Verehrteste Frau Marquise, Ihre rasche Antwort wrde mich entzckt
haben, wenn ich sie der Wirkung meines Briefes zuschreiben drfte. Aber
selbst Ihr Dank, dessen Wrme so gar nicht im Verhltnis zu meiner
Leistung steht, zeigt mir nur das Eine: da Sie verschmachten, und somit
auch den kleinsten Tropfen Wasser als Labung empfinden. Dabei
berschtten Sie mich mit einer bunten Vielheit von Fragen, die zu
beantworten ich eine wahre Encyklopdie schreiben mte. Sie erwarten
wohl auch dergleichen gefhrlich Freidenkerisches, sonst wrden Sie mich
nicht bitten, als Deckadresse die Ihres Hofnarren zu benutzen, ein
Vorgehen, das vielleicht gefhrlicher ist, als wenn ein Unberufener
meine Briefe liest. Sind Sie des Mannes so sicher, in dessen Hand Sie
sich begeben? Ich erfuhr jetzt erst, da er der Sohn unserer robusten
Kaffeehaus-Wirtin ist, einer skrupellosen Person, die den eintrglichen
Weg vom Straenmdchen zur Kupplerin hinter sich hat, und sicher fr ein
paar Louisdor ihre intimsten Freunde an den Galgen brchte.

Doch genug davon. Ich will versuchen, Ihre Fragen zu beantworten und
zwar mglichst der Reihe nach, weil ich gewi zu sein glaube, da
diejenigen, die Ihnen am meisten am Herzen lagen, auch an erster Stelle
stehen. Dabei mu ich meine Fragen nach dem Warum der seltsamen
Reihenfolge in den Hintergrund schieben.

Also zuerst: Marie-Madeleine Guimard. Ich wundere mich nicht, da Sie so
viel von ihr gehrt haben; mir scheint ein Teil des Geistes unserer
Epoche in ihr verkrpert, wie denn berhaupt die Frauen, sei es infolge
ihrer greren Sensibilitt, sei es, weil sie den geheimnisvoll
wirkenden Krften der Natur nher verwandt sein drften als wir, in
besonderem Mae die Produkte ihrer Zeit und ihrer Umgebung sind.

Von majesttischem Wuchs und ppigen Formen, mit unbewegt regelmigen
Zgen, waren die Frauen unter dem Zepter des Roi soleil; ihre Schnheit
war eine rein krperliche, zu der das steife, prunkvolle Hofkostm
ebenso pate, wie die antikisierenden Gewnder des Schauspiels und des
Balletts; graziser, lebhafter erschienen die Zeitgenossinnen der
Marquise Pompadour; der Geist fing an, auch das unregelmige Gesicht
von innen zu verklren; heute hat er sich den ganzen Krper unterworfen.
Ein seelenvolles Auge, ein kaprizises Nschen, ein Mund, der, selbst
wenn er stumm bleibt, jeden Gedanken, jedes Gefhl wiedergibt; feine,
schlanke Glieder, die nicht mehr um ihrer selbst willen da zu sein
scheinen, sondern nur neue Ausdrucksmittel der Empfindungen sind --, das
ist die Frau fin de sicle, das ist Madeleine Guimard. Sie ist nicht
mehr jung, sie ist keine Schnheit, und doch ruiniert sich der Prinz von
Soubise fr sie, und der Herr von Laborde, ihr amant de coeur aus der
Vergangenheit, bewahrt ihr die Treue eines Hundes, obwohl er stets neue
Rivalen hat. Sie ist aus der Hefe des Volks emporgestiegen, wie alle
ihresgleichen, und wrde am Hofe von Versailles keiner Prinzessin von
Geblt nachstehen, denn sie besitzt in hchstem Mae jene
Anpassungsfhigkeit der Frauen, die in wenigen Jahren aus einem kleinen
Vorstadtmdchen eine Dame macht, whrend ein Bauer immer ein Bauer
bleibt, auch wenn er Jahrzehnte lang Titel, Degen und seidene Strmpfe
trgt.

Wenn sie tanzt, so knnte man ihr Antlitz verhllen und wrde doch jedes
ihrer Gefhle verstehen. Man sieht, wie Himmel und Hlle um ihre Seele
streiten. Ihre Luxusbedrfnisse sind ohne Grenzen, und doch kann man ihr
in den Elendsquartieren der Butte St. Roche begegnen, wo sie, dicht in
den Kapchon gehllt, Geld, Kleider, Lebensmittel unter die Armen
verteilt. Kaltbltig hat sie schon Dutzende von Mnnern zu Bettlern
gemacht, daneben rettet sie im Stillen junge Offiziere und arme Kollegen
vor dem Elend. Die Orgien in ihrem Hotel bilden den Skandal der
Nachbarschaft; dabei ist sie imstande, am nchsten Tage mit vollendeter
Decenz Damen des Hofs, Mnner der Kunst und der Wissenschaft zu
empfangen, fr die einen ein Beispiel in der Toilette wie im Haushalt,
fr die anderen eine sprudelnde Quelle der Anregung.

Und nun die Raucourt. Ihre Schnheit ist eine vllig jnglinghafte, ihr
Geist hat in seiner khlen Schrfe etwas Mnnliches. Man erzhlt sich
nur eine weibliche Schwche von ihr: als vor Jahr und Tag der Patriarch
von Ferney, in dessen Tragdie les Lois de Minos sie sich weigerte,
aufzutreten, ihre Tugend angriff, fiel sie in Ohnmacht. Seitdem ist sie
unempfindlicher geworden. In den Rollen tragischer Heldinnen ist sie
unvergleichlich, dagegen fehlt es ihr fr die Rollen der Liebhaberin,
die sie im Leben zu spielen versucht, an Grazie. Daher sind wohl auch
ihre Verehrer meist sehr junge Leute, die mehr bewundern als lieben,
mehr Schler als Herren sind. Sie gehrt zu den stndigen Besucherinnen
der Grten des Palais-Royal, wo sie weit mehr Frauen als Mnner um sich
versammelt. Eine der Pariser Sensationen war es, als sie krzlich in
einem der berhmten Privatzimmer der Madame Gaillard einen Frauenklub
grndete, von dem die Lsterzungen der Kaffeehuser, die viel giftiger
sind als die der Salons, weil sie jeder guten Form entraten, allerhand
Bses zu sagen wissen. Im brigen glaube ich nicht, da Mademoiselle
Raucourt mehr als irgend eine andere der neuen Frauentypen ein
Gegenstand Ihres Interesses zu sein verdient.

Sie fragen sodann, verehrte Frau Marquise, nach neuen Romanen, nach dem
Befinden der Knigin, nach den Aussichten des Ministeriums, nach einer
Adresse zum Bezug der Parfilage, jener grlichen neuen Beschftigung
fr nervse Frauenfinger, nach den Ideen Diderots; -- ich stehe vor
dieser bunten Vielheit wie ein Kind vor der Jahrmarktsbude und wei
nicht, wohin ich zuerst greifen soll, auch sind leider zu wenig
Geistespfennige in meinem Besitz, um fr all das mit der richtigen Mnze
zu zahlen.

Neue Romane? Frauen schreiben sie mit derselben Fingerfertigkeit, wie
sie Goldfden zupfen. Es sind Herzensergsse auf dem Papier, weil die
Liebhaber sich aus dem Staube machten, die sonst zuhrten. Ich schicke
Ihnen einige Proben und wei, da Ihr guter Geschmack Sie vor weiterem
Bezug warnen wird. Die Zeit der Dichter ging vorber, sobald die
Wirklichkeit an den khlen Verstand zu groe Anforderungen stellte. Erst
wenn wir das prosaische Problem des Sattwerdens gelst haben, knnen wir
uns wieder an der Tafel Anakreons mit Rosen krnzen.

Das Befinden der Knigin? Sie baut in Trianon Sennhtten und
interessiert sich fr das Melken der behbig blkenden Khe und die
Aufzucht friedvoller Lmmer.

Die Aussichten des Ministeriums? Sie werden unter diesem Knig, dem
seine Rte tglich in ein anderes Jagdrevier nachreisen mssen, dem die
Zahl der erlegten Rehbcke wichtiger ist, als die Zahlen des
Staatsdefizits, der mit vielem Schwei Schlsser konstruiert, die seine
Garderobenschrnke, nicht aber sein Reich vor Dieben sichern, -- niemals
zu berechnen sein.

Die Adresse fr die Parfilage? Ich verschweige sie, weil Strmpfe
stricken und Hemden nhen immer noch geistvoller ist als dieser
Zeittotschlger.

Die Ideen Diderots? Sie unterwhlen wie eine Herde hungriger Ratten den
Boden, auf dem unsere Welt gebaut ist, obwohl in Frankreich nicht
hundert Menschen den Namen dessen kennen, der sie, ein umgekehrter
Rattenfnger, hervorgezaubert hat. Sie sind wie vergiftete Pfeile, an
denen der, den sie trafen, langsam hinsiecht. Rousseau hat die Rckkehr
zur Natur wie ein neuer Religionsstifter gepredigt; Voltaire, der
Hofnarr Seiner Majestt des achtzehnten Jahrhunderts, hat alles, was der
Menschheit heilig erschien, mit der scharfen Lauge seines Spottes
bergossen; Diderot aber ist der Held, der mit blanker Waffe, ein offner
Feind der Gesellschaft, ihr gegenbertritt. Von ihr, so sagt er, stammen
alle Leiden, alle Laster; von ihr, die die Religion und den Reichtum,
das heit Unterdrckung der Einen durch die Anderen, die vor allem die
Moral erfunden hat. Die Religion ist die Quelle von Verfolgungen und
Verbrechen, von Kriegen und Ketzergerichten; die Moral die Quelle der
Heuchelei, des Seelenselbstmords, der Versklavung aller natrlichen
Triebe; ihre berwindung ist Wiedergeburt.

Sie erschrecken, Frau Marquise?! Ach, ich dachte nicht daran, da Sie
sich in Ihren angstvollsten Stunden noch betend auf die Kniee werfen,
da Sie Ergebenheit in das Geschick, Unterdrckung der aufrhrerischen
Stimmen Ihres Inneren fr Tugenden halten. Oder irre ich mich? Die
kleine Grfin Laval ist gegen den Befehl der btissin bei Nacht und
Nebel dem Kloster entflohen, die kleine Grfin Laval ist, trotz der
sicheren Strafe, freiwillig zurckgekehrt, um einer Sterbenden die
letzten Stunden zu erleichtern.

Verzeihen Sie! Das Bild dieses reizenden, tapferen Kindes hat sich
meinem Herzen so unauslschlich eingeprgt, da ich darber die Marquise
Montjoie verga!


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 20. Oktober 1774._

Verehrte Frau Marquise! Einen Augenblick lang war ich wie vor den Kopf
geschlagen, da mein Mitrauen in Ihre Willensstrke, in Ihr
Selbstbewutsein Sie dermaen hat empren knnen. Jetzt freue ich mich
der -- ich gestehe -- nicht ganz unabsichtlichen Wirkung, denn sie hat
Ihre Kraft gesthlt.

Die kleine Abhandlung Du droit au divorce lege ich bei; von Diderots
Dialog Est-il bon? Est-il mchant?, der in knapper Form das
Wesentliche dessen enthlt, was Sie wnschen, hoffe ich Ihnen eine
Abschrift verschaffen zu knnen.

Da Sie die Mglichkeit eines Pariser Aufenthalts in Aussicht stellen,
wenn alles vorber ist, -- Sie meinen doch wohl die Geburt Ihres
Kindes? --, hat mich entzckt. Ich habe am letzten Mittwoch schon mit
Madame Geoffrin gesprochen, die auer Frulein de Lespinasse Damen nicht
zu empfangen pflegt, weil sie, wie sie sagt, doch nur aus Neid oder
Neugierde kommen, und zum Klatschen und Keifen weggehn, aber bei Ihnen
eine Ausnahme machen will. Ihre Briefe fand sie bezaubernd; eine Frau
von Geist und Herz ist heute, wo der Verstand wie ein Prinz erzogen,
gepflegt und gehtschelt, das Herz dagegen als Aschenbrdel behandelt
wird, eine solche Ausnahme, da ich sie liebe, ohne sie zu kennen. Ein
Urteil wie dieses aus dem Munde der Madame Geoffrin ist in den Kreisen
des geistigen Frankreich, was der Nachweis von zweiunddreiig Ahnen fr
das Knigshaus ist.

Darf ich Sie noch bitten, Herrn Gaillard daran zu erinnern, da er mir
von Ihrem Befinden Nachricht geben mchte, sobald Sie selbst, teuerste
Marquise, mir nicht mehr zu schreiben imstande sind.


Lucien Gaillard an Delphine.

_Froberg, den 20. November._

Hochverehrte Frau Marquise, Euer Gnaden werden mir diesen ungewhnlichen
Schritt verzeihen. Ich kann nicht anders, da es mir unmglich gemacht
wird, bis in Ihr Zimmer vorzudringen.

Ehe die Frau Marquise auf Froberg einzogen, hat mich niemand in diesem
Hause wie ein Mensch behandelt. Alles was an Empfindung in mir lebte,
hatte sich darum nur zu einem Gefhl verdichtet: dem Ha. Euer Gnaden
Gte und Teilnahme haben mich erst bemerken lassen, da ich ein Herz in
der Brust habe wie die gerade Gewachsenen. Jeder Schlag dieses Herzens
gehrt der Frau Marquise.

Da ich einen Menschen leben sehen mu, der Euer Gnaden Leiden und
Schmerzen verursacht, ist schon grlich genug. Aber da dieser Mensch
sich nicht scheut, Euer Gnaden im eigenen Hause zu demtigen und, -- es
mu gesagt werden --, zu betrgen, das ertrage ich nicht.

Madame Paumille, die fr den jungen Herrn engagierte Amme, ist die
Geliebte des Herrn Marquis, ihre Tochter die seine. Zum Beweis diene
beiliegender Brief, den ich aus ihrem Schubfach entwendet habe.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Froberg, den 22. November 1774._

Meine Liebe! Sie verweigern mir den Zutritt, und nur, um einen noch
greren Skandal zu vermeiden, der unsere Differenzen in die Muler
aller Untergebenen trgt, fge ich mich zunchst. Auch glaube ich, da
es tatschlich frderlicher ist, wenn wir eine mndliche
Auseinandersetzung, wie die gestrige, bis zu Ihrer vlligen
Wiederherstellung vermeiden. Nur, weil ich befrchte, Sie haben in Ihrer
Erregung nicht alles gehrt, was ich gesagt habe, will ich versuchen,
mich schriftlich verstndlich zu machen, wobei ich nochmals ausdrcklich
betone, da ich mich weder gestern noch heute veranlat fhle, etwa wie
ein Schuldbewuter vor Ihnen zu erscheinen.

Ich wiederhole: Madame Paumille ist nicht meine Geliebte, was Ihre
Kenntnis meines Geschmacks Ihnen ohne meine Versicherung htte sagen
mssen. Ich bin nicht zu tugendhaft, aber zu sthetisch veranlagt, als
da ich die Absurditt begehen knnte, meine Maitresse in mein Haus zu
nehmen. Der freche Brief meines Reitknechts, der Ihnen in die Hnde
gespielt wurde, bezeugt nichts anderes, als da ich auf der Jagd in den
Wldern von Soultz eine Nacht bei dem Weibe zubrachte. Es wre auch das
nicht geschehen, wenn Sie, meine Teure, mir nicht gerade damals
Gelegenheit gegeben htten, Sie von Ihrer unliebenswrdigsten Seite
kennen zu lernen.

Ob die Tochter der Paumille die meine ist, kann ich nicht wissen. Ich
halte es aber fr eine einfache Anstandspflicht, auch auf die bloe
Mglichkeit hin der Mutter des Kindes die ntige Untersttzung zukommen
zu lassen.

Was ihre Wahl als Amme meines Sohnes betrifft, so hat sie sich, wie Sie
wissen, selbst gemeldet, und ist von unserem Arzt unter allen
Bewerberinnen als die geeignetste bezeichnet worden. Da mir die
Gesundheit meines Sohnes jetzt in erster Linie am Herzen liegt, -- ganz
abgesehen von der notwendigen Rcksicht auf das Gerede der Leute, --
wnsche ich, da keine nderung eintritt. Ich werde dafr Sorge tragen,
da Madame Paumilles Haus in einen Stand gesetzt wird, der dem Range
ihres Pflegebefohlenen entspricht. Sie wird Ihnen dann aus den Augen
sein, und in wenigen Monaten werden Sie sich Ihrer Aufregung ber die
ganze Sache nur noch lchelnd erinnern.

Nun zu dem Brief, den Sie mir bergeben lieen. Sie fordern nichts mehr
und nichts weniger als eine Trennung unserer Ehe, und begrnden diesen
Wunsch mit einer berflle an tnenden Worten, wie Wahrhaftigkeit,
Selbstachtung, persnliche Freiheit. Sie sind wirklich noch ein Kind,
sonst mten Sie wissen, da es berhaupt keine Ehe mehr geben wrde,
wenn die Scheidung jedesmal die Folge solch einer Untreue wre; sonst
wrden Sie sich auch sagen knnen, da die Marquise Montjoie sich
niemals zum Gegenstand eines allgemeinen Hohngelchters machen darf.

Ich frchte nach allem Geschehenen, da Sie, meine Liebe, noch sehr viel
werden lernen mssen, ehe ich wagen kann, mit Ihnen nach Versailles zu
gehen. Ich habe daher Auftrag gegeben, unser seit Jahren leerstehendes
Palais in Straburg in stand zu setzen, damit ich Sie zunchst der
dortigen Gesellschaft vorstellen kann.

Noch eins: Lucien Gaillard, dieser Schurke, der die Wohltaten, die meine
Mutter und ich ihm seit seiner Geburt erwiesen haben, in so schndlicher
Weise lohnte, ist von mir entlassen worden. Ich darf von der Vornehmheit
Ihrer Gesinnung doch wohl so viel erwarten, da Sie jeden Versuch dieses
Menschen, sich mit Ihnen in Verbindung zu setzen, gebhrend zurckweisen
werden.




EINE DEUTSCHE TRAGOEDIE




Prinz Louis Rohan an Delphine.

_Straburg, den 21. Februar 1775._

Schnste Frau! Meine Umgebung schliet aus meiner blen Laune bereits
auf die schwersten politischen Komplikationen. Sie ist so deutsch, so
grenzenlos deutsch, da sie die Gre meines Schmerzes, eine Einladung
zu Ihnen ablehnen zu mssen, ebensowenig versteht, wie sie von der Gre
der Wirkung eine Ahnung haben kann, die Ihr Erscheinen in Straburg auf
mich ausben mute. Seit Erffnung des Hotels Montjoie verwandelt sich
der Ort der Verbannung in eine Insel der Seligen.

Mein Pariser Kurier hat die kleinen Pasteten, die ich Ihnen fr das
Souper versprochen hatte, mitgebracht. Der Neid auf Ihre glcklichen
Gste knnte mich fast verfhren, sie vergiften zu lassen! Was er sonst
mitbrachte -- Briefe und Journale -- ist kaum der Rede wert. Hier haben
Sie im Zeitungsstil unserer jngsten Literatur ein Ragout von Allem. Ihr
Geist wird verstehen, es Ihren Gsten als das Neueste aus Paris
geschmackvoll vorzusetzen:

Aus den Zeichen am Himmel Frankreichs verknden unsere weisen
Sterndeuter das Nahen starker Gewitter. So hat die kleine Lucy vom
Vaudeville jngst in der Komdie zwei Verse bedeutungsvoll betont: Il
est des sages de vingt ans et des tourdis de soixante und ist wegen
Majesttsbeleidigung auf zwlf Tage eingesperrt worden. Ich berlasse
es Ihrem Scharfsinn, zu entrtseln, ob es der tote oder der lebendige
Knig war, den sie beleidigte.

Sodann ist in Voltaires neuester Tragdie der Satz: sous les dbris du
trne crasent les sujets wtend applaudiert worden, wobei das Parterre
an den Trmmern des Throns, die Logen an den niedergeworfenen Untertanen
ihren Enthusiasmus entzndeten.

Ferner hat Herr von Malesherbes seinen feierlichen Einzug in die
Akademie gehalten, Herr von Malesherbes so schreibt mein
Korrespondent, der das Erscheinen der Encyklopdie ermglichte. Er
begleitet diesen Satz mit drei schreckhaften Ausrufungszeichen; er ist
nmlich noch nicht alt genug, um wissen zu knnen, da nur Tote unter
die Unsterblichen gehen.

Und schlielich hat der Marquis Mirabeau sich der ffentlichkeit als
Plato eines neuen Sokrates vorgestellt, indem er einen gewissen Dr.
Quesnay, der jngst das Zeitliche segnete, als den Erlser von allen
beln, an denen wir kranken, pries. Das ist meines Erachtens das einzige
Ereignis, das einen Augenblick lang nachdenklich stimmen knnte. Nicht
wegen des Herrn Quesnay, der den gloriosen Gedanken, den Degen mit der
Mistgabel, den Fcher mit dem Milchkbel zu vertauschen, im Boudoir der
Marquise Pompadour konzipierte und nun der Heilige der konomisten
geworden ist, von dessen Wundertaten sie die Rckkehr zur Natur
erwarten, sondern wegen der Persnlichkeit seines Propheten.
Schiffbrchige Aristokraten, die sich mit Volksbeglckung befassen, sind
gefhrlich, denn das aufreizende Gift der Unzufriedenheit brennt denen,
die Alles verloren haben, strker im Blut als armen Hungerleidern, die
nichts besaen und sich mit einem Stck Brot den schon zum Schreien
aufgerissenen Mund wieder stopfen lassen.

Im brigen, schnste Frau, seien Sie gewi: Sie wrden in Paris so
sicher tanzen knnen, wie in Straburg, denn die einzige Revolution, die
wirklich die Gemter erhitzt, spielt sich nicht auf der Strae, sondern
in der Oper ab, wo die Piccinisten mit den Gluckisten in wtendem Kampfe
stehen; selbst dem Frieden der Familien droht Zerstrung, wenn der eine
Teil fr die Melodien des Italieners, der andere fr die Trommeln und
Trompeten des Deutschen schwrmt.

Ich werde mir gestatten, mich nach Ihrem Fest persnlich um Ihr Befinden
zu erkundigen und hoffe, mir dadurch fr die verlorenen Stunden in Ihrer
Nhe reichlichen Ersatz zu schaffen.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Froberg, am 25. Februar 1775._

Meine Liebe! Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, da die Erkrankung
meiner Mutter eine leichtere ist, als ich glaubte, frchten zu mssen,
die Vorbereitungen zu Ihrem Fest daher nicht unterbrochen werden sollen.
Die Blumen aus unseren Warmhusern gehen zu gleicher Zeit ab. Meine
Leibjger drften bereits heute in Straburg eintreffen. Die Fracht aus
Paris mit der Bhnendekoration begegnete mir unterwegs. Sie wird also
rechtzeitig zur Stelle sein.

Sie werden anerkennen mssen, da ich keinen Ihrer extravagantesten
Wnsche unerfllt lie, obwohl, wie Sie wissen, das System Herrn
Turgots, der es darauf abgesehen zu haben scheint, den Knig der
festesten Sttze des Throns, der Aristokratie, zu berauben, sich auch
bei dem hchsten Einkommen schon peinlich bemerkbar macht. Ich habe mich
trotzdem zu Opfern entschlossen, weil ich Ihnen in dem Bestreben, mit
einem Schlage die erste Position in der Straburger Gesellschaft zu
erobern, nur beipflichten kann. Nun darf ich aber auch von Ihrer Seite
einiges Entgegenkommen erwarten, um so mehr als Ihr Eigensinn alles
vernichten knnte, was Sie mit Ihrem Fest bezwecken.

Da wir Mademoiselle Guimard bewogen haben, bei uns zu tanzen, wird
nicht nur in Straburg, sondern auch in Paris, -- was erheblich
wichtiger ist --, das Gesprch der Gesellschaft bilden; das Frulein
jedoch, wie Sie es wnschten, als Gast in unserem Hause zu beherbergen,
wrde uns lcherlich machen. Ich ersuche Sie daher, es bei meinen
Arrangements mit dem Hotel de France zu belassen.

Da ich in Bezug auf unsere zweite Differenz Ihrer schlielichen
Geneigtheit weniger sicher zu sein glaubte, habe ich Ihrer Entscheidung
vorgegriffen und den Grafen Chevreuse auch in Ihrem Namen eingeladen. Es
wre ein nicht wieder gut zu machender faux-pas, einem Protg der
Knigin, der sich noch dazu in ihrem Dienste in Straburg aufhlt, unser
Haus zu verschlieen. Ihre Grnde kenne ich nicht, habe auch nicht die
Absicht, mich in ihr Vertrauen einzudrngen; ich wei nur das Eine, da
sie unmglich gewichtig genug sein knnen, um uns zu einer Brskierung
des Grafen zu zwingen.

Ich habe im Interesse Frankreichs den lebhaften Wunsch, zu dem Gelingen
seiner Mission beizutragen. Es handelt sich, -- das sei Ihnen im
tiefsten Vertrauen mitgeteilt --, um die Anbahnung einer Vershnung der
Knigin mit dem Prinzen Rohan. Die Kaiserin von sterreich hat ihre
Tochter sehr zu seinen Ungunsten beeinflut, indem sie ihr einerseits
mitteilte, in welcher Weise er sich erlaubte, kurz nach seiner
Abberufung aus Wien, ber sie zu sprechen, und ihr andererseits
darstellte, welch ein Leben er als Gesandter und Priester zu fhren sich
gestattete. Beides sind zweifellos grobe Unvorsichtigkeiten, aber nicht
ausreichend, um einen Mann von so erprobter Gesinnung und so
einflureichen Familienverbindungen kalt zu stellen.

Graf Chevreuse erhielt vom Knig direkt den geheimen Auftrag, die
Angelegenheit zu untersuchen und, wenn irgend mglich, beizulegen.

Ich hoffe, der Juwelier hat Ihnen die Smaragden zur Auswahl vorgelegt,
wenn nicht, so lassen Sie ihn rechtzeitig daran erinnern. Es wird sehr
darauf ankommen, die Nance der Steine zu der Rosenfarbe Ihrer Toilette
richtig abzustimmen. Ich empfehle Ihnen, Herrn Duplessis, der fr Ihr
Portrt gerade diese Farben whlte, dabei zu Rate zu ziehen.


Prinz Louis Rohan an Delphine.

_Straburg, am 27. Februar._

Alles ist berauscht von dem Fest im Hotel Montjoie und bezaubert von
Ihnen, schnste Frau. Wollen Sie selbst beurteilen, ob man mir gut
berichtet hat: Sie haben die Natur Ihrem Willen unterworfen, indem Sie
den Sommer zwangen, mitten im Winter Ihre Sle zu schmcken, und Lukull
von den Toten erweckten, damit er die Gensse Ihrer Tafel bereite; eine
neue, liebenswrdigere Circe, haben Sie die schwerflligen Damen
Straburgs in eine Schar bermtiger Grazien verwandelt, und haben
Terpsichore zu sich berufen, deren Hexenknste die steifsten Glieder
gelenkig machte, so da sie sich bis zum grauenden Morgen unermdlich im
Reigen schwangen. Ihre Augen haben Herzen gebrochen; Ihr Lcheln hat
Freunde entzweit, den Frieden der Ehen erschttert. Wollten Sie
beweisen, da eine einzige schne Frau grere Revolutionen verursachen
kann, als alle Pariser Skribenten zusammengenommen?!

Da Sie mitten in Ihren Triumphen meiner gedachten und mir, dem
einsamen Kranken, kstliche Proben Ihres berflusses zukommen lieen,
betrachte ich als eine Auszeichnung, deren ich mich erst wrdig erweisen
mu. Befehlen Sie ber mich! In wenigen Tagen hoffe ich, das Zimmer
verlassen zu knnen; mein erster Weg wird mich zu Ihnen fhren.


Marschall Maxim von Contades an Delphine.

_Straburg, am 28. Februar._

Verehrte Frau Marquise, darf ich Sie an ein Versprechen erinnern, das
Sie vielleicht schon vergessen haben, auf dessen Erfllung ich aber
bestehen mu, weil es mir die Mglichkeit gewhrt, Sie wenigstens auf
ein paar Stunden nicht mit der Schar Ihrer Bewunderer teilen zu mssen?!
Sie wollten meine Schimmelstute unter meinem Schutz zu reiten versuchen;
das Pferd steht zu Ihrer Verfgung wie sein Herr, und das Wetter ist
milde. Mein Reitknecht erwartet Ihre Bestimmung ber Tag und Stunde.


Karl von Pirch an Delphine.

_Straburg, den 30. Februar._

Gndigste Frau Marquise, hier ist das Bchlein, von dem ich mit Ihnen
sprach. Keiner Anderen htte ich das mir so teure Werk anzuvertrauen
vermocht, aber als Sie mitten im Gewirr franzsischer Konversation
gtig lchelnd die ersten deutschen Worte an mich richteten, da stand
ich nicht nur ganz in Ihrem Bann, sondern ich wute auch, da Sie den
Dichter verstehen, mit seinem Werther weinen wrden.

Ich wage nicht, es Ihnen selbst zu berbringen. Ich frchte, zudringlich
zu erscheinen. Ich frchte noch mehr, mich in ein Gefhl zu verstricken,
das dem Franzosen ein Spiel, dem Deutschen aber ein Schicksal ist.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Straburg, 2. Mrz 1775._

Zrnende Gttin -- darf ein armer Sterblicher voller Zerknirschung Ihrem
Throne nahen? Sie waren verschwenderisch in Ihren Gnaden, wie es einer
Olympierin zukommt; vom Marschall bis zum kleinen deutschen Offizier
rhmt sich ein jeder, Sie anbeten zu drfen. Ich allein stehe vor
verschlossenen Tempeltren. Sie verweigerten mir sogar im Menuett Ihre
Hand, auf der ich eben noch die Lippen des Herrn von Contades
selbstvergessen hatte ruhen sehen.

Ich vermutete in Ihrem Benehmen zunchst nichts anderes, als das
Raffinement einer Frau, der die Langeweile der Ehe zur Schule der
Koketterie geworden ist, und ich fhlte mich fast geschmeichelt.

Nun bin ich aufgeklrt: die kleine Guimard, die Sie unvorsichtig genug
waren, nach Straburg kommen zu lassen, weil Sie offenbar ihre
Kenntnisse in der Wissenschaft der Galanterie unterschtzten, ist
mittels einiger Flaschen Champagner sehr gesprchig geworden.

Die Marquise war gndig, auerordentlich gndig, erzhlte sie und lie
den Brillanten in der Sonne funkeln, den Sie ihr schenkten, -- fr
meinen Tanz, natrlich nur fr meinen Tanz, wie sie mit listigem
Augenzwinkern versicherte. Ich mute ihr von Paris erzhlen, plauderte
sie dann weiter, von meinem Hotel, meinen Soupers, -- soweit man sie
einer elsssischen Marquise schildern kann! --, von meinen Gsten vor
allem. Von Ihren Gsten?! machte ich erstaunt. Sie blinzelte mich von
der Seite schelmisch an: Aha, ich merke, Sie mchten wissen, fr wen
sich die schne Frau so lebhaft interessiert, um eine Guimard in ihr
Vertrauen zu ziehen, aber ich sage nichts, gar nichts! Ich kann diskret
sein wie eine groe Dame.

Ich wechselte das Thema des Gesprchs und lie eine Flasche Burgunder
entkorken, -- sie liebt diesen dunkelroten Wein besonders, seitdem der
Prinz von Soubise sie damit taufte und seine Feuerfarbe die Weie ihrer
Haut so leuchtend erscheinen lie, da er auf immer geblendet wurde --;
ich spielte den schmachtenden Anbeter mit all der Virtuositt, die ich
noch der Schule Dubarry verdanke. Und sie wurde weich, wurde
schwrmerisch, sie erinnerte sich, Manon Lescaut und die Neue Helose
gelesen zu haben. Jetzt warf ich Ihren Namen ins Gesprch. Die arme
Frau, seufzte sie trnenschimmernden Blicks, sie liebt, liebt
unglcklich --

Nach diesem Gestndnis, schne Marquise, bedurfte es nun keiner Bitten
mehr!

Zwar wei ich, meine stolze Feindin hat die kleine Balletteuse nicht zu
ihrer Vertrauten gemacht, aber fr eine Liebesknstlerin wie diese war
Ihre vornehme Reserve nichts als ein durchsichtiger Schleier.

Also darum bin ich in Ungnade gefallen?! Und doch ritzte ich nur die
glatte Haut des Prinzen und verlieh ihm einen Reiz mehr --, den des
Helden!

Wren Sie brigens huldvoller gewesen, Sie htten sich nicht zu einer
Guimard herabzulassen brauchen, um von dem Gegenstand Ihres Interresses
Nheres zu hren. Ich bin sehr gut orientiert, denn seit seiner Rckkehr
nach Paris tut der Prinz Dienst bei der Knigin.

Er ist der Liebling der Damen; sie vermuten hinter seiner Melancholie
einen erschtternden Roman, und da die groe Leidenschaft Mode zu werden
beginnt, fehlt es ihm nicht an Anbeterinnen, die jederzeit bereit sein
wrden, ihn zu trsten. Die Grfin Diane de Polignac hat sich seiner, --
sagen wir hflich als Kavalier: mtterlich --, angenommen. Er seufzt ihr
zu Fen, wenn auch vielleicht noch nicht um sie. Sammle ich nicht
feurige Kohlen auf Ihr Haupt? Werde ich endlich hoffen, von Ihnen
beachtet zu werden? Oder wird nur der Mann im Tte--Tte empfangen, der
den Namen eines Rohan mit der Aussicht auf einen Kardinalshut
verbindet?! Ich wei von ihm, wie gern Sie, reizende Delphine, Straburg
mit Versailles vertauschten. Aber leider ist ein Rohan immer noch der
ungeeignetste Fhrer dorthin.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Straburg, den 3. Mrz 1775._

In jedem Buchstaben Ihrer Antwort, verehrteste Marquise, bebt die
Entrstung: Weil ich eine trunkene Tnzerin herausforderte, von Ihnen
Mrchen zu erzhlen, weil ich so tief gesunken bin, zu glauben, die
Marquise Montjoie knnte mit einer Guimard auch nur einen Gedanken
teilen. Ich fhle mich geschlagen, vernichtet, gndigste Marquise; ich
bin bereit, fr meine Snden kniefllig um Verzeihung zu bitten, -- wenn
Sie mir gestatten wollten, es nicht nur auf dem Papier zu tun!

Fordern Sie, was Sie wollen, -- nichts wird mir zu erfllen unmglich
sein, ist Ihre Gunst der Preis dafr. Ich fhle mich schon als Ihren
Beauftragten gelegentlich meines heutigen Gesprchs mit dem Herrn
Marquis.

Nur des Knigs ausdrcklicher Wunsch wrde mich bewegen knnen, in
Versailles zu erscheinen, sagte er; die Berufung Turgots ist ein
Schlag ins Gesicht fr den Edelmann; der Knig mu wenigstens durch
unser Fernbleiben empfinden, was die Loyalitt uns auszusprechen
verbietet. Meinen Einwand, da die Knigin dem gesamten Ministerium
feindlich gegenbersteht und nichts sehnlicher wnscht, als durch die
Heranziehung Gleichgesinnter ihre Position zu strken, beantwortete er
mit einem: So mag Ihre Majestt uns rufen!

Auf Grund dieser Bemerkung drfen wir hoffen, Frau Marquise. Wie dieses
wir mich entzckt! Sie mgen sich struben, wie Sie wollen, schne
Delphine: ein Gefhl und ein Geheimnis haben Sie gemeinsam mit mir --,
das sind die ersten Glieder einer Kette, die ich fester zu knpfen mich
rastlos bemhen werde.

Wann empfangen Sie mich? Ihrer gndigen Antwort sehe ich entgegen.


Karl von Pirch an Delphine.

_Straburg, am 9. Mrz 1775._

In der sternhellen Frhlingsnacht, angebetete Frau, bin ich stundenlang
ber die Wlle gegangen, habe vom feuchtwarmen Wind meine Haare
durchwhlen lassen, und, von Zeit zu Zeit erschpft mich auf die Erde
werfend, meine glhenden Wangen an ihrer Brust gekhlt.

Und nun sitze ich auf hartem Stuhl in meinem unwirtlichen Gemach, und
es dnkt mir, ein seliger Traum gewesen zu sein, da ich in einem
blauen, fliederdurchdufteten Boudoir, vor dem sprhenden Feuer eines
Alabasterkamins geweilt habe, das vollendetste Geschpf, das aus Gottes
Hand je hervorging, mir gegenber!

Ich bin ein zufriedener Mensch gewesen; mein brennender Ehrgeiz lie
mich vergessen, da ich ihm Vaterland und Heimat geopfert habe, er
verschlo mir die Augen vor meinem eigenen Elend. Seit ich Sie kenne --
ach, erst seit gestern kenne ich Sie ganz! -- fhle ich meine
schreckliche Armut, meine grenzenlose Verlassenheit.

O, warum weckten Sie mit Ihrer weichen Stimme, die so verstndnisvoll
von Werthers Leiden sprach, den Menschen in mir auf? Nun mchte ich
Ihnen die Wunden des eigenen Herzens enthllen, um Ihre Stimme um
meinetwillen zittern zu hren!

Und warum streichelte Ihre weie Hand das kleine Buch; -- wenn ich es in
der meinen halte, spre ich Ihren Zauber, wenn ich die Lippen darauf
presse, wird meine Sehnsucht zu einer Furie, vor deren Streichen ich nur
eine Zuflucht wei: Sie!

Haben Sie Erbarmen mit einem Rasenden! Bettelarm stehe ich vor Ihnen,
und doch knnen Sie den Reichtum nicht ermessen, den ich Ihnen zu Fen
lege: die Menschen verschenken ihr Herz stckweise, -- den Freunden, den
Geschwistern, der Mutter, -- ich aber gebe es Ihnen ungeteilt! Die
Menschen spielen mit ihrem Gefhl, und verkaufen es gegen bare Bezahlung
wie eine Ware, -- ich aber flehe nur um die Gunst, da Sie es nicht von
sich stoen mgen! --

Erschrecken Sie nicht vor der Gre meiner Leidenschaft. Sie ist ein
Atlas, der die ganze Welt zu tragen vermag, und ist vor Ihnen doch ein
kleines Kind, das kein Haar Ihres Hauptes zu krmmen imstande wre. Den
Saum Ihres Kleides an meine Lippen pressen zu drfen, wie gestern, ist
das Hchste, was ich begehre.


Marschall Maxim von Contades an Delphine.

_Straburg, am 16. Mrz 1775._

Verehrteste Marquise! O, ber die Launen schner Frauen! Sollte man es
glauben, da die khnste aller Reiterinnen, die einen alten Soldaten,
den noch keiner ungestraft schief ansehen durfte, zu einem wehrlosen
Feigling macht, -- sie schlug ihm Wunden, die er nicht rchte!! --, da
dieselbe grausame Schne eines kleinen Kapitns mitleidsvolle
Wohltterin werden will?! -- Sie haben recht: Herr von Pirch ist
blutarm, aber er trgt bereits die Anwartschaft auf ein Vermgen in der
Tasche. Er steht unter persnlicher Protektion des Herzogs von
Aiguillon, die er sich durch seine genauen Kenntnisse der Kriegskunst
des Knigs von Preuen erworben hat. Wir wrden diesen deutschen Baron
nicht angestellt haben, wenn wir uns nicht groe Vorteile davon
versprchen. Sie haben es in der Hand, reizende Samariterin, Ihrem
Schtzling eine glnzende Situation zu bereiten: bestimmen Sie ihn zu
rckhaltloser Preisgabe seiner Geheimnisse. Sie leisten damit zu
gleicher Zeit Ihrem Vaterlande einen wichtigen Dienst.

Meine Stute erwartet ungeduldig ihre Gebieterin. Ich verzeihe es ihr,
da Sie mich nicht mehr im Sattel dulden will. Wer vermchte die rauhe
Faust noch zu ertragen, der von der zarten Fhrung Ihres Hndchens
verwhnt worden ist?!


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Straburg, Freitag._

Schnste Marquise, der Knig hat befohlen, da ich den Prinzen Rohan
nach Versailles begleiten soll, und die letzten eiligen Geschfte, die
ich vorher noch abzuwickeln habe, zwingen mir das Opfer auf, Sie nicht
mehr sehen zu knnen. Es wrde mein Herz noch heftiger bluten machen,
wenn ich nicht in letzter Zeit unter dem merkwrdigen Zufall, Sie bei
meinen Besuchen stets in Gesellschaft des Herrn von Pirch zu treffen, so
sehr gelitten htte. Oder sollten diese Begegnungen einem Plan Ihres
entzckenden Kpfchens entsprechen, das in seiner Klugheit sicher ebenso
unergrndlich ist, wie Ihr Herz in seinen Gefhlen? War es Ihre
Absicht, mich den Stachel der Eifersucht immer heftiger empfinden zu
lassen, damit ich alle Kraft daran setze, mich von ihm zu befreien, und
helfe, Sie mglichst weit aus dem Gesichtskreis des kleinen Barons zu
entfernen?!

Seien Sie versichert, ich werde intriguieren, wie Mademoiselle de
Lespinasse, die Minister und Akademiker kreiert, und pldieren wie
Monsieur Linguet, der die Grfin Bethune sogar dann noch rettete, als er
bereits gestrzt war.

In Paris sehen wir uns wieder -- in diesem gttlichen Paris, wo alle
Pulse schneller schlagen, wo das Leben ein spannendes Glcksspiel, die
Liebe ein Champagnerrausch ist. Die Atmosphre von Straburg wrde mich
schwermtig gemacht haben, wenn die Luft, die Sie umgibt, nicht
gesttigt gewesen wre von diesem Paris.

Aber zuweilen entdecke ich, da die feuchten Nebel des Rheins Ihre Augen
zu verschleiern beginnen, da die erschreckende Nhe deutschen
Barbarentums einen fremden Zug von Ernst um Ihre schwellenden Lippen
legt; -- Paris allein kann Sie entzaubern! Auf Wiedersehen in Paris!
Soll ich den Prinzen Friedrich-Eugen von Ihnen gren? Darf ich ihm auch
vom Baron von Pirch erzhlen?!

Mit deutscher Andacht ksse ich Ihnen die Hand und denke dabei mit
franzsischer Verwegenheit des rosigen Grbchens auf Ihrem Ellenbogen.


Karl von Pirch an Delphine.

_Straburg, am 29. Mrz 1775._

Angebetete Frau Marquise! Wie lange noch soll ich es ertragen, da Sie
mir so khl gegenberstehen, mich wie einen Fremden betrachten, der ich
Ihnen mein ganzes Wesen preisgab?! Ich wei gar wohl: ich spiele eine
schlechte Figur zwischen Ihren glnzenden Gsten; zhneknirschend
empfand ich den hohnvollen Blick, mit dem der Graf Chevreuse meine
schlichte Uniform zu streifen pflegte; der Zorn schnrte mir die Kehle
zusammen, wenn ich, Sie erwartend, vor der Porte du Roi auf- und
niederging, und der Marschall Contades an Ihrer Seite vorbeigalloppierte,
so da der arme Fugnger im Staub, den die Pferdehufe aufwirbelten,
verschwand; und der Neid jagte mir kalte Schauer ber den Rcken, sobald
der Prinz Rohan sich Ihnen nahte, der nie ohne kostbare Blumen Ihre
Schwelle berschritt, whrend ich daneben stand mit leeren Hnden!

Aber heit es nicht, Sie beleidigen, wenn ich solche Grnde fr Ihre
Ungnade annehme? Habe ich berhaupt ein Recht, mich zu beklagen --, ich,
der ich versprach, wunschlos Ihre Nhe zu suchen?! Ach, Engel meines
Lebens, ich bin nur ein Sterblicher, und bin jung, und habe noch nie
geliebt! Vermessene Gedanken, die ich niemals wagen wrde, vor Ihrer
Reinheit auszusprechen, lassen mich das Licht des Tages schamvoll
fliehen, und das Dunkel der Nacht frchten wie hllische Finsternis.

Knnen Sie mir nicht lcheln, wie einst? Mu ich die Qual erdulden,
immer hinter den anderen zurckzustehen? Darf ich nie mehr allein den
Raum betreten, der voll Ihres Atems ist, nie mehr meinen heien Kopf in
die Falten Ihres Kleides vergraben? Ich bin jedes Verbrechens fhig um
den Preis eines Blicks voll Gte!


Marschall Maxim von Contades an Delphine.

_Straburg, am 16. April._

Verehrte Frau Marquise, noch habe ich mich von meinem Erstaunen nicht
erholt, da Sie den Baron von Pirch nicht beeinflut haben wollten, und
meine Vermutung entrstet von sich wiesen! Wozu dies Versteckenspiel,
schnste Frau? Meinen Sie, vor Ihrem grauhaarigen Verehrer Ihr warmes
Interesse fr den jungen Mann verstecken zu mssen? Was ich bei meinem
letzten Gesprch mit Ihnen aus der vernderten Lage des Kapitns, seinen
englischen Pferden und Pariser Westen, nur schlieen zu mssen glaubte,
ist mir inzwischen zur Gewiheit geworden: der Herzog von Aiguillon
erhielt die gewnschten Papiere, sie sind mit besonderem Kurier an den
Kriegsminister, Herrn Marschall de Muy abgesandt worden, und Herr von
Pirch hat durch den Herzog bereits den ersten klingenden Lohn empfangen.

Warum weisen Sie das Verdienst einer Tat von sich, die Ihrem
Patriotismus wie Ihrer -- christlichen Nchstenliebe in gleicher Weise
Ehre macht? Vielleicht, weil Sie mich nicht verletzen wollen?! Ist
solche zarte Rcksicht noch ntig, nachdem Sie mir neulich deutlich
genug zu verstehen gaben, da ein grauer Bart zu stachlich ist fr eine
zarte Haut wie die Ihre?

Zuverlssige Gewhrsmnner erzhlten mir, da eine gewisse kleine Grfin
Laval als Klosterschlerin nachts in den Straen von Paris mit einem
jungen Manne gesehen wurde, und da um die Gunst einer reizenden
Marquise, -- deren Name Ihnen nicht fremd sein drfte --, der Prinz von
Montbliard mit dem Grafen Chevreuse ein blutiges Renkontre hatte. Ist
es demnach so verwunderlich, wenn der Marschall Contades auf ein kleines
Douceur fr seine Ritterdienste glaubte rechnen zu drfen?

Ich ksse Ihnen die Hand --, das Einzige, was Sie mir nicht verweigerten
--, und verharre in der Hoffnung auf kommende Geneigtheit.


Karl von Pirch an Delphine.

_Dienstag._

Teuerste Marquise! Mit fliegender Feder beantworte ich Ihre Zeilen.
Knieflligen Dank dafr, da ich Ihnen dienen darf! Ich werde zur
angegebenen Stunde bei Ihnen sein. So habe ich nicht umsonst gelitten,
gehofft und -- gesndigt!


Karl von Pirch an Delphine.

_Straburg, den 17. April 1775._

Teuerste Marquise. Meine Forderung an den Marschall ist abgesandt und
ich erwarte seine Antwort mit jener Ruhe, die nur der Mensch empfinden
kann, dem selbst der Tod gleichgltig ist. Ach, wie flog ich zu Ihnen,
von khnster Hoffnung beschwingt, wie liebeglhend warf ich mich nieder
vor Ihnen, als ich ihre Trnen sah und sie zu meinen Gunsten deutete!
Sie aber sprangen auf und stieen mich zurck, und wilder Zorn, nichts
als Zorn, brannte in Ihrem Antlitz, als sie mir des Marschalls Brief vor
die Fe warfen.

Rchen Sie mich --, ich erkannte Ihre Stimme nicht wieder, als Sie
mir, heiser vor Erregung, diese Worte zuriefen. Und ich Betrter fhlte,
whrend ich las, nur das Eine: da Sie mich gerufen hatten, da ich
Ihnen dienen durfte, da ich des kstlichsten Lohnes dafr sicher sei!
Bis ich aus dem Traum grlich erwachte, bis ich endlich verstand, --
verstehen mute, da ich nicht einmal besa, wessen der letzte Ihrer
Diener sich rhmen durfte: Ihre Achtung.

Ein Vaterlandsverrter! Darum also haben Sie sich von mir gewandt,
whrend ich glaubte, Sie mit Prunk und Glanz gewinnen zu knnen! O, da
ich Sie nicht frher kannte, da meine Liebe nicht hellsehend genug war,
um mich Ihre Gre erkennen zu lassen!

Ich ging von Ihnen, ein Vernichteter, dem nur eines bleibt, zu sterben.
Jetzt aber kehre ich zurck, teuerste Frau, um Ihnen aus tiefster Seele
dafr zu danken, da Sie mich dieses Sterbens wrdigten. Nach Stunden,
in denen die ganze Hlle sich meiner Seele bemchtigte, ist es still in
mir geworden und ich sehe klar: der Weg, den Sie mich zu gehen heien,
ist der einzige, der mich zu Ihnen zurckfhrt. Ich werde fallen, und
entshnt werde ich nur noch in Ihrer Erinnerung weiter leben. Was
verlange ich mehr?

Bis in den Tod nannte ich mich einst den Ihren, bis ber den Tod hinaus
bin ich es jetzt erst.


Karl von Pirch an Delphine.

_Straburg, am 17. April 1775._

Herr von Contades hat meine Forderung abgelehnt. Er schlgt sich nicht
mit Ehrlosen. Wenn Sie diese Zeilen erhalten, wird er trotzdem gerichtet
sein, wie ich.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 29. April 1875._

Teuerste Marquise. Kaum haben wir Straburg verlassen, und glauben, dem
Zentrum aller groen Ereignisse nher zu kommen, als es sich mit einer
cause clbre an uns Provinzverchtern rcht. Ganz Paris spricht von
der Ohrfeige, die der Straburger Marschall empfing und von der Kugel,
die der deutsche Baron sich darnach in die Schlfe jagte. Empfindsame
Seelen lassen ein paar Trnentropfen ber die Wangen flieen und
flstern einander in schauernder Bewunderung Ihren Namen zu. Unsere
schne Polignac hat, -- ob aus Mitleid mit dem Opfertod des jungen
Mannes, oder aus Neid ber Ihren Ruhm?! --, einen Weinkrampf bekommen
und qult seitdem den Prinzen Montbliard mit unermdlichen Fragen nach
der Marquise Delphine, in der sie bereits die kommende Rivalin frchtet.
Ich selbst habe mich nicht ohne Erfolg bemht, die Geschichte zu unserem
Vorteil -- unserem, schne Frau! -- auszunutzen; die Gelegenheit dazu
ist so gnstig, wie der kleine Roman selbst.

Sie wissen: die Natur beginnt der Kunst den Rang abzulaufen; ihr Kredit
ist im Wachsen, seitdem sie Rousseau nicht mehr kompromittiert, die
rzte fhren die famose Damenkrankheit der Langenweile, die sie in ihrer
Weisheit als ein bedenkliches Nervenleiden erkannt haben wollen, auf die
-- Kunst zurck: auf das Korsett, das Sylphidentaillen vortuscht, wo in
Wahrheit die vierschrtige Figur einer Bauernmagd vorhanden ist, auf den
Puder, der gelbes Leder in weie Lilienbltter umwandelt, auf die
Schminke, die bleichschtigen Lippen und Wangen blhende Rosenfarbe
verleiht, auf Likre und Zuckerwerk, die an Stelle von Wasser und Brot
getreten sind, auf das Leben bei Nacht im Glanze des neuen Gaslichts,
das uns die Sonne vergessen machte. Und sie verordnen keine bitteren
Mixturen mehr, sondern -- Natur: kaltes Wasser, frische Luft, schwarzes
Landbrot, saures Obst, Leibesbungen, Morgenspaziergnge. Die Knigin
und ihre Damen zeigten sich zuerst als willfhrige Patienten; ganz Paris
folgt ihrem Beispiel. Die Kavaliere werden nicht mehr zum Lever im
parfmierten Boudoir empfangen, sondern zum Spaziergang im taufrischen
Garten. Und bei den Wanderungen zwischen den knospenden Alleen Trianons,
ber den smaragdgrnen Rasen, den bunte Krokus und gelbe Narzissen mit
ihren leuchtenden Farben durchziehen, liebt es die Knigin Geschichten 
la Marmontel zu hren. Es mssen aber, wie wir als Kinder zu sagen
pflegten, wirkliche Geschichten sein. Welche htte den Wnschen der
hohen Frau besser entsprechen knnen, als die Ihre?

Unter den eben aufblhenden Syringen erzhlte ich von der kleinen sen
Klosterschlerin; vor den rosa Tulpenbeeten schilderte ich die ach so
stolze Schlofrau von Froberg; auf der weien Bank zwischen den
Oleanderbumen sprach ich von der geistvollen Knigin der Straburger
Feste; und als wir an der Schferhtte unter den hellgrnen Schleiern
zarter Birken saen, schwrmte ich von der wunderschnen Frau, um
derentwillen ein deutscher Trumer sterben mute und ein franzsischer
Kavalier nichts heier begehrt, als zu leben!

Der Knigin blaue Augen schwammen in Trnen; unter den duftigen
Mullfichus, die die Damen des Hofes am Morgen um die Schultern legen, --
natrlich nur, weil der Arzt verordnet, da Luft und Licht den Krper
berhren! --, bebten rosige Busen.

Schreiben Sie der Marquise Montjoie, da ich mit ihr leide, sagte die
Knigin; fgen Sie auch hinzu, da es mir eine besondere Freude sein
wrde, sie zu empfangen. Und mit jener rhrenden Einigkeit, die, wie
Sie ahnen werden, die erste Tugend der Hofdamen ist, machten sie alle
den Wunsch der Gebieterin zu dem ihren. Nur die Grfin Polignac schwieg
zerstreut. Der Prinz Montbliard war kurz vorher im Boskett
verschwunden.

Knnen, nein, drfen Sie jetzt noch zgern? Versailles erwartet Sie im
schnsten Frhlingsschmuck, und Paris mit einer Flle amsanter
Attraktionen. Der Barbier von Sevilla fllt tglich das Theater und der
glckliche Verfasser, Herr von Beaumarchais, -- ein Emporkmmling
dunkelster Herkunft, ein verkrachter Advokat, ein skrupelloser
Geschftsmann, -- ist dermaen in Mode, da Prinzessinnen sich um ihn
reien. Die drollige Komdie: Die Kurtisanen, versorgt die Salons mit
Bonmots, die die Gesellschaft um so herzhafter belacht, je mehr sie
sich getroffen fhlt. Mit dem Besten lassen Sie mich diesen langen Brief
beschlieen, damit sein Effekt wenigstens zuletzt der ist, ein Lcheln
bei Ihnen hervorzuzaubern --, jenes verfhrerische Lcheln, das
Perlenzhne zwischen glutroten Lippen hervorblitzen, und zwei tiefe
Grbchen in zarten Pfirsichwangen sich eingraben lt. Ein junger,
vornehmer Mann, der wahrscheinlich allzuviel moderne Romane gelesen hat,
deren Heldinnen tugendhafte Kurtisanen zu sein pflegen, verliebt sich in
eine der Art. In ihrem Boudoir, dessen sich eine Grfin nicht zu schmen
brauchte, zu ihren Fchen, die in der Hhe des Spanns und der
Schmalheit der Fesseln der blaubltigsten Aristokratin gehren knnten,
macht er ihr einen Heiratsantrag, den sie mit vollendeter Form
akzeptiert. Er fhlt sich im siebenten Himmel. Da ffnet sich die Tr,
herein tritt der Bruder der Schnen, -- Schmierstiefeln an den klobigen
Fen, schmutzige Ngel an den breiten Hnden, im roten Gesicht eine
noch rtere Nase --, ein echter Pariser Droschkenkutscher. An dem
verblfften Biedermann, der den Schwager gerhrt in die Arme schlieen
will, strzt im selben Augenblick der verliebte Jngling vorber, zur
Tr hinaus. Der Anblick gengte, ihn von seiner Liebe und die kleine
Dame von einem Brutigam zu befreien!

Und die zweite Geschichte, die nichts ist als ein kurzer Dialog Wissen
Sie schon, Alcest hat die kleine Herzogin verlassen. -- Nicht
mglich! Und warum? -- Wegen der niedlichen Tnzerin Clone. --
Gewinnt er denn bei diesem Tausch? -- Vom Standpunkt der guten Sitten
-- gewi! --

Von nun an erwarte ich Sie tglich!


Prinz Louis Rohan an Delphine.

_Paris, am 7. Mai 1775._

Meine liebe Frau Marquise. Zugleich mit meinem lngeren, ich mchte
beinahe sagen: geschftlichen Schreiben an den Herrn Marquis, mache ich
mir das besondere Vergngen, diese freundschaftlichen Zeilen an Sie zu
richten. Der Eindruck meines letzten Besuchs bei Ihnen ist ein so
nachhaltiger gewesen, da ich, offen gestanden, das meiste Gewicht auf
Ihre Bundesgenossenschaft lege. Wer htte hinter der Marmorstirn dieser
reizenden Frau so kluge und so -- khle Gedanken vermutet; wer htte je
geglaubt, da Ihre groe Jugend der Erkenntnis so ernster politischer
Fragen fhig wre!

Und nun ist, dank eines glcklichen Zwischenfalls, der groe Moment
gekommen, wo es gilt, die bisher -- unter uns gesagt -- noch
spielerische Stellungnahme der Knigin zu strken und damit der
Herrschaft dieses unseligen Ministeriums ein rasches Ende zu bereiten.

Wir hatten vor drei Tagen so etwas wie eine Revolution, die die selbst
in unseren Reihen so sehr gefrchteten Theorien der Philosophen und
Physiokraten ber den Haufen stie, denn sie entstand nicht als Folge
der von diesen als so grlich geschilderten Mistnde, sondern
entsprang dem Reformversuch Herrn Turgots, durch Freigabe des Mehl- und
Getreidehandels jene Mistnde zu beseitigen. Ich kam gerade aus
Versailles, wo ich den Knig zwar nicht traf -- sein ganzes Interesse
gehrte in diesem kritischen politischen Augenblick der Schnepfenjagd!
-- und stie in der Rue St. Honor mit einem Haufen aufgeregten Volks
zusammen, der mich ntigte, meinen Wagen zu verlassen. Junge Vagabunden,
kreischende Weiber, alte Trunkenbolde, Dirnen und verwahrloste Kinder
sperrten unter Fhrung einiger behbiger Mehlhndler die Strae
vollstndig ab und brachen mit dem Gebrll nieder Turgot! Tren und
Fenster ein. Whrend des ganzen Tages hrte der Lrm nicht auf, so da
ich vorzog, mein endlich erreichtes Quartier nicht mehr zu verlassen.

Inzwischen hat der Knig von den Ereignissen erfahren; seine Haltung,
als er Turgot gestern empfing, soll schon eine merklich khle gewesen
sein.

Zur rechten Zeit ist eine Broschre Herrn Neckers erschienen, die sich
gegen die Theorien der konomisten wendet und die Folgen Turgotscher
Reformplne so voraussieht, wie sie bereits anfangen, einzutreten. So
wenig ich nun auch diesen Mann goutiere, der nicht nur ein Brgerlicher
im tiefsten Sinne des Worts, sondern berdies noch ein Schweizer mit
all seiner Steifheit ist, so halte ich ihn in diesem Augenblick so sehr
fr unsern Freund, da ich mich entschlo, Madame Necker meinen Besuch
zu machen. Ich habe es nicht bereut, selbst wenn ich dabei nichts
anderes gewonnen htte, als den Einblick in eine neue Welt. Wir mgen
sie ignorieren, aber sie besteht, sie entwickelt sich, sie nimmt die
Allren der unseren an, und wir selbst haben sie ins Leben gerufen,
indem wir all diesen Leuten, die noch vor zwanzig Jahren kleine Krmer
waren und sich nicht tief genug vor uns beugen konnten, die Ausnutzung
der finanziellen Krfte des Landes berlieen. Heute sind sie Bankiers
und Generalpchter, haben Schlsser auf dem Land, Hotels in der Stadt,
spielen die Mzene aller unruhigen Geister und uns, den Privilegierten
bis zum Knig hinauf, sind zu dem im Grunde gebotenen Kampf gegen diese
neuen Mchte die Hnde gebunden, weil wir ihren Einflu und -- noch mehr
-- ihr Geld gebrauchen.

Sie htten mit mir beobachten sollen, wie Madame Necker, die ihre
mangelhafte Grazie durch khle Klugheit zu ersetzen sucht, in ihrem
eleganten Salon empfngt, wie sich Politiker, Philosophen und Poeten um
ihre Tafel drngen. Wohl dachte ich dabei an die Glanzzeit Madame de
Tencins und ihrer eleganten Besucher, deren Esprit alle Tagesinteressen
grazis zu umflattern pflegte wie Schmetterlinge die Blumen, whrend der
schwerfllige Geist der Gste des Neckerschen Hauses an jeder
Einzelheit kleben bleibt wie Raupen, die sich einspinnen wollen. Hat man
es selbst im Salon der Marquise Dudeffant je gehrt, da Frauen sich
ber die Fragen der Getreideausfuhr, der Prefreiheit, der ostindischen
Bank, der amerikanischen Vermittelungen echauffieren?! Es nimmt mich
nicht wunder, da im Kreise der Madame Necker der Plan auftauchen
konnte, Herrn von Voltaire ein Denkmal zu setzen, obwohl er vom Poeten
so weit entfernt ist, wie der berchtigte Abb Galiani vom Priester.

Trotz alledem, meine schne Marquise, mssen wir klug genug sein, diese
Situation zu benutzen, und ich wrde auch Ihnen raten, bei Ihrem
hoffentlich nunmehr gesicherten Hiersein den Salon Necker zu
frequentieren, denn er ist der Herd der Feindschaft gegen das
Ministerium Maurepas und mindestens so einflureich als die Knigin, auf
die wir uns natrlich in erster Linie sttzen mssen.

Sie hatte leider nicht die Gnade, mich in privater Audienz zu empfangen.
Ich sah sie nur bei Gelegenheit einer offiziellen Festlichkeit in
Versailles, ihre unbeschreibliche Lieblichkeit wrde mich ganz bezaubert
haben, wenn ich nicht inzwischen von der Schnheit einer Ihnen nicht
unbekanten Dame selbst fr den Reiz der Kniginnen unempfindlich
geworden wre! Graf Chevreuse, ihr getreuester Kavalier, -- er gehrt zu
den wenigen Hofherren, die, als sie jngst an den Masern erkrankt zu
Bette lag, ihre Anhnglichkeit so weit trieben, da sie nur nachts zu
bewegen waren, das Schlafzimmer der hohen Frau zu verlassen, -- zeigte
mir die entzckenden neuen Grten von Trianon, die Herr von Caraman im
englischen Stile anlegt. Der Knigin ganzes Interesse gehrt dieser
neuen Schpfung und ihr ganzer Zorn denen, die sie ihr durch grmliche
Sparsamkeitsrcksichten vergllen wollen. Herr Turgot ist der erste
unter den Spielverderbern. Als ob man einer Knigin versagen drfte, was
jeder Parven heute schon besitzt! Die Rcksicht auf ihre
Trianon-Phantasie vermag, was der Hinweis auf die politischen Interessen
Frankreichs nicht vermocht haben wrde: Marie Antoinette fr unsere
Intrigue zu gewinnen, vorausgesetzt, da einer von uns sie beeinflussen
kann.

Sollte mein Brief an den Herrn Marquis, der noch ein wenig trockner ist
als dieser, -- ich frchte fast, der Neckersche Salon hat seine Spuren
bei mir hinterlassen und Sie werden sich beeilen mssen, sie zu
verwischen! --, ihn noch nicht zu einem festen Entschlu gefhrt haben,
so rechne ich, teure Marquise, auf Ihre ausschlaggebende Untersttzung.

Darf ich Ihrer gtigen Verzeihung sicher sein, wenn ich eine andere, Sie
persnlich betreffende Sache dem Herrn Marquis gegenber zu meinen
Zwecken auszunutzen versuchte? Ich schrieb ihm, da die Affre des
kleinen Kapitns viel Staub aufgewirbelt habe und da es im Interesse
Ihrer gesellschaftlichen Stellung wnschenswert sei, Straburg mit Paris
zu vertauschen. So kann die voreilige Tat des jungen Mannes, -- htte er
nicht fr die Unnahbarkeit der schnen Delphine gefllige Trsterinnen
gefunden?! -- den Interessen des Vaterlandes doch noch zugute kommen.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, am 1. Juni 1775_.

Meine Liebe. Nach einer ziemlich beschwerlichen Reise bin ich vor acht
Tagen hier angekommen. Die Unsicherheit der Wege ist gro; lichtscheues
Gesindel wagt sich mit frecher Miene und einer Art Bettelei, die fast
eine Drohung ist, bis dicht an die Wagen, so da wir bei Ihrer
bersiedelung nach Paris fr eine grere Eskorte Sorge tragen mssen,
als ich sie hatte. Sie sehen aus dieser Bemerkung, da mein Entschlu
nunmehr feststeht, und ich bitte, die Vorbereitungen fr die Reise
treffen zu wollen.

Es geschieht nicht leichten Herzens, da ich mich der klar erkannten
Pflicht, dem Beispiel meiner erlauchten Ahnen folgend, unterwerfe, in
gefhrlicher Zeit das Herrscherhaus nicht zu verlassen. Die Tage, die
ich hier in fast stndiger Gesellschaft der Minister und des Hofes
verlebe, gengten, um mir die Lage der Dinge sehr schwarz erscheinen zu
lassen. Wir drfen uns vor allem Eins nicht verhehlen: der Knig folgt
in seinen Handlungen keinerlei festem Plan, sondern teils seiner Laune,
teils den Ratgebern, die ihm im Moment das Meiste versprechen. Diese
Tatsache bietet uns freilich die Gewhr, da auch Turgot sich ber kurz
oder lang beseitigen lt, aber -- dessen frchte ich sicher zu sein --
nur um durch neue vorbergehende Experimente ersetzt zu werden.
Vorlufig sucht der Knig sein Heil noch darin, den Freidenkern und
konomisten Konzessionen zu machen. Man spricht sogar davon, da Herr
von Malesherbes in das Ministerium berufen werden soll, der der offene
Beschtzer und Parteignger der Leute vom Schlage der Herren d'Alembert,
Diderot e tutti quanti ist. Die einzige Sttze fr uns ist der ehemalige
Polizeileutnant Sartine, der aber leider auch durch Frau von Maurepas'
Boudoir den Weg zu seinem Posten als Marineminister gefunden hat. Sein
augenblickliches Verdienst ist die geschickte Inszenierung der
Brotrevolten, die Turgots Ansehen nicht wenig erschttert haben.

Die schwankende Haltung des Knigs ist jedoch nicht das einzige, was zu
schweren Befrchtungen Anla gibt. Die Konflikte mit England nahmen
leider in Verbindung mit den amerikanischen Unruhen eine drohende
Gestalt an, umsomehr, als der Knig gewissenlosen Einblsern ein
geneigtes Ohr leiht, die ihn glauben machen wollen, da ein Krieg der
allgemeinen Erregung eine andere Richtung geben, und sein glcklicher
Ausgang die seit der Schmach des Siebenjhrigen Krieges rapid wachsende
Mistimmung beseitigen wrde. Schwrmer, die in einem freien Amerika die
Trume der Philosophen glauben verwirklichen zu knnen, schlaue
Geschftsleute, die berall im Trben fischen und, wie ich von
zuverlssiger Seite hrte, schon jetzt den Bostonianern heimlich Waffen
liefern, haben sich zusammengetan und schren die Flammen. Wie weit es
ihnen gelingt, geht schon daraus hervor, da ein so khl-reservierter
Edelmann, wie der Prinz von Montbliard, mir gegenber die Absicht
aussprach, sich dem Unabhngigkeitskampf der amerikanischen Kolonien
anzuschlieen, auch wenn Frankreich neutral bleiben sollte, und da Herr
von St. James mir ernstlich zumutete, mich mit einigen tausend  an dem
geschftlichen Unternehmen zu beteiligen. brigens bat mich der Prinz,
Sie als seine Jugendfreundin von seiner Absicht in Kenntnis zu setzen.
Man msse sich der Treibhausschwle des unttigen Lebens entziehen,
sagte er, um nicht zu enden wie Herr von Pirch.

Da, wo er sich aufhlt, -- in der nchsten Umgebung der Knigin, -- ist
allerdings diese Schwle am fhlbarsten, und von hier aus drohen uns,
wie ich glaube, die schwersten Gefahren. Ich darf von Ihrem Charakter
erwarten, da Sie, meine Liebe, sich der Aufgabe, die sich Ihnen hier
bietet, gewachsen zeigen werden. Sie besteht weniger darin, die Knigin
in ihrem Kampf gegen das Ministerium zu untersttzen. Das ist die
Absicht des Prinzen Rohan, der nicht nur den Wnschen der Knigin
schmeicheln, sondern seine eigenen Interessen frdern will. Sein Ehrgeiz
hat die Abberufung von dem Wiener Gesandtenposten nicht verwunden; der
Kardinalshut ist das mindeste, durch das er befriedigt werden kann, und
die Rcksicht auf seine einflureiche und vermgende Familie wird den
Knig schlielich zur Zustimmung bewegen, whrend die Knigin den
Prinzen nach wie vor zu empfangen sich weigert. Als Erklrung ihrer
Stellungnahme, -- denn Rohans Wiener Ungeschicklichkeiten scheinen mir
fr ihre Schroffheit doch keine ausreichende zu sein, -- kam mir das
Gercht zu Ohren, da er die kleine Erzherzogin mit deutlichen
Liebesantrgen verfolgt haben soll. Ich halte es daher fr ratsam, ihn
etwas fern zu halten, um so mehr als sein Ruf auch hier in Paris der
denkbar schlechteste ist. Er hat, wie er mir selbst erzhlte, seit
seiner Ankunft tglich im Hotel irgendeiner Kurtisane soupiert. Mnner
wie er wrden die verderblichen Neigungen der Knigin nur noch
untersttzen, und den Kreis leichtfertiger Damen und Herren vergrern,
mit dem sie sich umgeben hat.

Sie wissen, wie wir uns beglckwnschten, als die Maitressenwirtschaft
mit der Thronbesteigung des Knigs aufhrte. Ich scheue mich nicht zu
erklren, da wir bei dem Changement eher verloren als gewonnen haben.
Marie Antoinette lebt nur dem Vergngen und geht darin so weit, da sie
ohne Rcksicht auf die Wrde ihrer Stellung in den gewagtesten Komdien
vor einem Parterre applaudierender Kavaliere auftritt und ihre
Gnstlinge auf Grund ihrer schauspielerischen Talente auswhlt. Ist es
doch bereits so weit gekommen, da hohe Herren, wie der Graf von Artois,
sich in Versailles als Seiltnzer produzieren, und die Grfin Polignac
Unterricht im Ballettanzen nimmt! Kein Wunder, da die Ehrfurcht vor dem
Herrscherhaus mehr und mehr schwindet und Couplets gesungen werden, die
die Neigung der Frsten, sich in dieser Weise zu encanaillieren, in
bitterster Weise verspotten.

Ich habe Ihnen nur noch mitzuteilen, da wir das liebenswrdige
Anerbieten Ihres Herrn Onkels, des Grafen Waldner, zunchst in seinem
Hause Wohnung zu nehmen, akzeptieren mssen, da es nicht leicht ist, ein
passendes Hotel zu finden und unser Bleiben in Paris immerhin noch von
der Gestaltung der Dinge abhngt.

Teilen Sie mir beizeiten Ihre Reisedispositionen mit.


Lucien Gaillard an Delphine.

Sehr verehrte Frau Marquise, Ihr Auftrag ist ausgefhrt. Ich fate den
Prinzen Montbliard ab, als er von einem Spazierritt mit der Grfin
Polignac nach Hause kam. Seine heitere Miene verfinsterte sich schon bei
meinem Anblick. Als ich Ihren Brief bergab, frbte sich sein blasses
Gesicht dunkelrot. Er entlie mich sehr ungndig. Oder sollte mir Paris
den Star gestochen haben, so da ich die gewohnte schlechte Behandlung
hoher Herrn erst jetzt als solche erkenne?!

Euer Gnaden sind gtig genug, sich nach meinem Ergehen zu erkundigen.
Ich mte Mmoires schreiben wie Herr von Beaumarchais, um darber
gehrige Auskunft zu geben. Ich erlebte in ein paar Monaten mehr, als in
den fnfundzwanzig Jahren, die ihnen vorangingen. In aller Krze will
ich Bericht erstatten. Nicht, weil ich an das Interesse glaube, das Sie
fr mich haben wollen. Es gehrt, wie ich nachgerade wei, zur vornehmen
Erziehung, Interesse zu zeigen, um harmlose Seelen dadurch zu gewinnen.
Aber ich mchte es Euer Gnaden ersparen, mich wiederzusehen, wenn die
neue Ausgabe eines gewissen Gaillard Ihrer Zensur verfallen sollte.

Ich reiste zu Fu; der Notgroschen, den der Herr Marquis mir mitgab und
den die Frau Marquise so erheblich vermehrte, sollte durch keine
berflssige Ausgabe verringert werden. Diese Sparsamkeit hat mich
reich gemacht. Ich sammelte Erfahrungen, deren Menge oft erdrckend war.

Kaum hatte ich das Gebirge hinter mir, als sich auch schon Lndereien
vor mir ausbreiteten, die eben von plnderndem Kriegsvolk verlassen
schienen: Einden, Heide und Brachland, von schlammigen Wegen
durchzogen, meilenweit kein Mensch. Nur hier und da tauchte ein lebendes
Wesen auf mit strhnigen Haaren ber schmutzstarrenden Zgen, das mich
aus roten Augen erschrocken anglotzte.

Vor dem Einbruch der ersten Nacht klopfte ich in der Gegend von Noroy an
eine ruige Htte. Mit einem Geheul, das an die Wlfe der Vogesen
erinnerte, strzte mir ein Mensch entgegen.

Ich habe nichts, gar nichts, schrie er, selbst das Schlo an der Tr
hat der Steuereinnehmer schon genommen.

Im Mondlicht sah ich erst, wen ich vor mir hatte. Es konnte nur eine
Hexe sein: ein paar schmutzigweie Haare standen um ihren gelben
Schdel, ber die bloen Knochen ihres nackten Oberkrpers spannte sich
die braune Haut, ihre Brste hingen, leere Schluche, ber den
gedunsenen Leib. Ich bekreuzigte mich. Da hrte ich ein Wimmern aus dem
Dunkel der Htte. Ich vermutete ein Verbrechen und sprang der Hexe
nach, die hineinlief. Aber schon hatte sie ein Etwas vom nackten Boden
aufgerissen, ein Bndel Lumpen, wie mir schien. Sie wiegte es in den
Knochenarmen, sie prete es an die welke Brust, und Trnen, die aus
ihren Augen flossen, fielen darauf. Ich sah ein greisenhaftes Gesicht,
nicht grer als meine Faust, sich aus den Lumpen heben. Sie kte es.

Nun wute ich, da sie ein Weib war.

Allmhlich im Weiterwandern hrte ich auf, mich zu entsetzen. Ich sah
immer dasselbe: Huser ohne Fenster und ohne Dielen, nichts darin als
schmutziges Stroh. Die Mbel hatten im letzten Winter das Kaminfeuer
nhren mssen, ebenso wie die letzten Obstbume vor den Tren. Alles
andere Besitztum hatten Steuererheber und Grundherren aufgefressen. Die
Winzer in Lafert lieen den Wein ins Wasser flieen, weil sie zu arm
waren, die Abgaben dafr aufzubringen.

Als ich bei Chatillon die Seine erreichte, kamen mir Banden von Bauern
entgegen, die ihre cker im Stiche gelassen hatten, um in die Fremde zu
wandern. Andere drngten sich in der Stadt, wo jedes Haus einer Ruine
glich, und bettelten um Arbeit bei dem Schweizer Tuchhndler, der
krzlich gekommen war, um die Weiber fr billiges Geld an seine
Websthle zu spannen. Viele priesen ihn, als wre er der Herrgott
selbst. Es waren Leute darunter, die wie das liebe Vieh schon Gras
gefressen hatten. Da sie jetzt schwarzes Brot bekamen, schien ihnen
eine Erlsung, fr die sie willig Tag und Nacht hinter dem Webstuhl
schanzten.

Ich nherte mich Paris mit leeren Taschen. Angesichts all des Elends
brannte jeder Sous mir in der Hand, bis ich ihn weggab. An ppigen
Schlssern und wundervoll blhenden Grten kam ich vorbei. Aber ob sich
mir selbst jetzt vor Hunger der Magen zusammenzog, lieber htte ich die
Hand ausgestreckt, um eine Brandfackel in all die Pracht zu werfen, als
um zu betteln!

Die Not trieb mich hin zu der Frau, bei der ich zu Beginn meiner
Existenz schon neun Monate zu Gast war. An ihren Kaffeetischen, die von
frh bis spt von aufgeregten Weltverbesserern besetzt sind, lernte ich
Mnner der Feder kennen, bei denen ich Schreiberdienste tat. Jetzt
arbeite ich bei Herrn Linguet, einem Mann, dessen Eitelkeit noch grer
ist als sein Geist. Weil einige Kaffeehausbummler sich ber seine
Prozesse und seine Artikel erhitzen, glaubt er die Augen von ganz Europa
auf sich gerichtet.

Ich drnge mich auch in die Klubs und lese viel. Alle Augenblicke bilde
ich mir ein, bei den Philosophen oder den konomisten die richtigen
Rezepte fr die Volksseuche, die ich aus nchster Nhe kennen lernte,
gefunden zu haben. Aber ich sehe immer wieder, da selbst die
berhmtesten rzte die Krankheit, die sie heilen wollen, gar nicht
erforscht haben. Herr Necker schrieb neulich in einem Libell gegen die
konomisten: die konomische Freiheit, die Ihr propagiert, ist die
Tyrannei der Grundbesitzer, und der Abb Baudeau antwortete ihm: Ihr
Angriff auf den Grundbesitz ist der Kommunismus der Bankiers. Ich
frchte, sie haben alle beide recht.

Verzeihen mir Euer Gnaden diesen langen Brief. Ich denke zu viel und
spreche zu wenig, darum strmt mein Inneres in die Feder.

An Froberg denke ich zurck, wie an einen anderen Stern. Dort war alles
satt und sauber. Euer Gnaden Brief ri die dunklen Vorhnge meiner
Erfahrungen von dem Fenster meiner Erdenwohnung, soda ich pltzlich
wieder in das ferne Licht hinbersehen mute. Trotzdem mchte ich nicht
zurck; kmpfen ist besser als leben. Nur da sich die Herrin dieses
Sterns mir wieder vor Augen rckte, war grausam. Ich knnte ber ihr die
Hexe von Noroy vergessen! Darf ich hoffen, da Euer Gnaden sich in Paris
meiner erinnern werden?


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Paris, am 2. Juli 1775._

Verehrte Frau Marquise. Ihr Schreiben hat mich berrascht, da ich mich
der Ehre, Anspruch auf Ihr Vertrauen zu haben, nicht mehr rhmen darf.
Ich glaubte einmal die Triebkraft erkannt zu haben, die Sie bestimmte,
ein Wiedersehen mit mir zu verhindern, und mein Herz war so tief
beglckt, da es die gebotene Trennung ertragen konnte. Seit einiger
Zeit wei ich, da es eine Tuschung war.

Der Prinz Rohan und der Graf Chevreuse wuten, begeistert von Ihrer
seduisanten Persnlichkeit, die alle in ihren Bann zu ziehen versteht,
viel von Ihnen zu erzhlen. Noch mehr als durch ihr Reden erfuhr ich
jedoch durch das Schweigen eines anderen, der um Ihretwillen auf ewig
verstummte.

Sie verteidigen sich, Frau Marquise, wegen dieses Toten, als ob ich mir
erlaubte, mich zu Ihrem Richter aufzuspielen. Da ich mich aber leider
nicht taub und blind stellen kann, so gestatten Sie mir, Ihnen einige
Tatsachen ins Gedchtnis zurckzurufen: Der Marschall von Contades
hatte, als er zum Zweck seiner Rehabilitierung in Versailles erschien,
ein Portefeuille des Herrn von Pirch in seinem Besitz. Es enthielt unter
anderem ein Billett von Ihrer Hand mit der unverblmten Aufforderung zu
einem auf das strengste geheim zu haltenden Rendez-vous, und einige
Verse des Herrn von Pirch an die Geliebte, worin er den Duft Ihrer
Haare, die Weichheit Ihrer Arme, die Wrme Ihres blhenden Busens in so
strmischen Strophen besingt, wie sie nur der Genu all dieser
Herrlichkeit, nicht aber die Sehnsucht darnach zu diktieren vermag.

Sie sind weiterhin so gndig, an meinen Interessen und Plnen insoweit
Anteil zu nehmen, als sie Ihnen gefhrlich und abenteuerlich
erscheinen. Zu Ihrer Beruhigung sei Ihnen von vornherein versichert, da
es nicht Herzensenttuschungen sind, die den Wunsch in mir entstehen
lieen, Frankreich den Rcken zu kehren. Es mag die Art der Frauen sein,
ihre berzeugungen und Interessen nach der Wetterfahne ihrer Gefhle zu
drehen, die der Mnner ist es nicht.

Meine Abneigung gegen die Hohlheit des Hoflebens, gegen meine eigene
tatenlose Existenz wren schon Grund genug, eine andere Lebenssphre
sehnschtig zu suchen. Viel ausschlaggebender aber ist fr mich der
Einblick in die Tatsache geworden, da alle Systeme und Ideen unserer
Denker und Dichter, fr die ich mich einst begeisterte, -- ich wrde an
dieser Stelle gern wir gesagt haben, Frau Marquise, wenn ich nicht
wte, da Sie jene Stunden in Etupes lngst vergessen haben, -- nichts
als Phrasen blieben, hohlere noch, als die der Priester, deren
Versprechungen sich nur auf den Himmel beziehen, also vllig
unkontrollierbar sind.

In Amerika sehe ich ein Volk, das um seine Freiheit kmpft, statt nur
ber sie zu reden. Dort wrde ich also erfahren knnen, ob sie ein Gut
ist, fr das es sich lohnt, Kraft und Leben einzusetzen.

Ich gedenke demnchst zur Vermhlung meiner Schwester mit dem
Grofrsten Paul von Ruland nach Petersburg abzureisen, um darnach
Europa zu verlassen.

Vielleicht vermgen Sie diesen kurzen Zeilen wenigstens das Eine zu
entnehmen, da ich nicht gewillt bin, in Hofintriguen und Liebesgetndel
mich zu verlieren, auch keine Anlage habe, den tragischen Helden zu
spielen.

Damit, Frau Marquise, drften wir wohl das letzte Wort miteinander
gewechselt haben.

Ich hoffe, Paris wird Ihre Ansprche und Erwartungen ganz befriedigen.




SCHFERSPIELE




Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Paris, am 1. August 1775._

Hiermit sende Ich Ihnen, schnste Marquise, Ihre Rolle als Daphnis. Die
Knigin ist entzckt in dem Gedanken an Ihre Mitwirkung, und ich -- oh,
es gibt keinen Ausdruck fr meine Empfindung!

Delphine lacht ber Guys Liebesschwre -- Daphnis wird sogar Philidors
Zrtlichkeit dulden mssen!


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 15. August 1775._

Holdseligste! Noch fhle ich Ihren Atem auf meiner Wange, Ihren
schwellenden Krper in meinen Armen, und Ihre Lippen, khl und weich wie
Rosenbltter auf meinem glhenden Mund. War es nur Daphnis, war es
Delphine?!

Ach, als ich noch trunken vor Seligkeit im Schatten der Kulissen Ihnen
zu Fen sank, bereit, fr ein zrtliches Wort mein Blut tropfenweise zu
verspritzen, rissen Sie mich mit Ihrer Frage: War Friedrich-Eugen unter
den Zuschauern? aus allen Himmeln. Als ich durch stummes Nicken
bejahte, tief verletzt durch Ihr dauerndes Interesse an einem
unliebenswrdigen Sonderling, und meine Leidenschaft die qulende Frage
laut werden lie: Lieben Sie den Prinzen? Da erfllte mich Ihre rasche
Antwort: Ich hasse ihn! mit neuer seliger Hoffnung. Und als Sie, an
mich geschmiegt, strahlend von Schnheit, leuchtend von bermut, vor dem
entzckten Hof erschienen, und ein leiser Druck Ihres Arms mir die
Erlaubnis gab, neben Ihnen bleiben zu drfen, fhlte ich mich dem
schwindelnden Glck Ihres Besitzes nahe.

Ihr khler Abschied im Morgengrauen strzte mich wieder in ein Meer von
Zweifeln. Retten Sie einen Schiffbrchigen, und wenn Ihnen das nicht der
Mhe wert erscheint, die Hand auszustrecken, so retten Sie Ihre eigene
blhende Jugend! Erinnern Sie Sich, se Delphine, da Ihre Schnheit
zwar gttlich, Sie aber trotzdem nicht unsterblich sind! Soll der
Frhling ihrer Jugend welken, noch ehe die Sonne der Liebe den Sommer
entfaltete?

Sie leiden; ich wei es; denn ich kenne alle Qualen wie alle Wonnen des
Herzens. Die Sehnsucht glnzt aus Ihren Augen, glht aus Ihren
Fingerspitzen.

Wenn ich die Rosen, die ich Ihnen sende, heute abend an Ihrem Busen
wiedersehe, soll mir das ein Zeichen sester Hoffnung sein. Mag dann
immerhin Guiberts Trauerspiel, dem der ganze Hof mit Spannung
entgegensieht, so langweilig sein, wie seine Kriegskunst, ich werde es
unterhaltend finden; Sie werden also, reizende Daphnis, nicht nur fr
Ihres Schfers Glck, sondern auch fr des Dichters Ruhm verantwortlich
sein.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, den 20. August 1775._

Seit jenem Abend, wo ich die dunkelroten Rosen meiner Leidenschaft an
der weien Seide Ihres Kleides glhen sah und, hingerissen, mitten im
Spiegelsaal von Versailles das Knie vor Ihnen beugte, bin ich im
Zweifel, ob das Leben vorher mein Leben war, ob all die Liebe, die ich
frher geno, Liebe gewesen ist.

Wie im Traum hre ich noch Grtrys schmelzende Weisen, an deren Tnen
das Licht in Ihren Augensternen sich entzndete, sehe in Ihren Hnden
das Glas mit dem perlenden Wein, dessen Feuer sich langsam in Ihre Adern
ergo, und fhle den heien Atem all der schnen Frauen, all der
glnzenden Kavaliere, der allmhlich die duftenden Kerzen flackern, die
schwle Luft vibrieren lie, und Sie hineinzog in sein Fieber. War es
nur die Pracht dieses kniglichen Festes, die Sie berauschte, war es der
Duft meiner Rosen?

Ich will keine Antwort auf diese Frage, ich will sie nicht! Nur dem
gttlichen Augenblick will ich leben, se Frau, gleichgltig, welch
einem Wunder ich ihn verdanke.

Was in Paris an Blumen aufzutreiben war, sende ich Ihnen heute. In
Lilienbltter will ich das Kpfchen der Geliebten betten, wenn ich
komme, roten Mohn will ich ber ihre weissen Glieder streuen, und Amor
selbst erflle mich mit seiner Kraft, da ich die schnste der Frauen
zum Leben der Liebe erwecke.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 10. September 1775._

Holde! Se! Da ich Sie gestern nicht sehen durfte! Und doch empfingen
Sie den Grafen Guibert! Die wtendste Eifersucht wrde mich plagen, wenn
ich nicht wte, da der berhmte Poet und Kriegsmann ebenso berhmt als
der Liebhaber der Lespinasse ist. Aber ich gnne es ihm nicht, auch nur
den Geist meiner Geliebten anbeten zu drfen.

Selbst die Knigin bemerkte meinen Unmut. Wo ist Daphnis, armer
Philidor?! neckte sie. Wo ist Daphnis? wiederholt mein Herz jede
Stunde, die ich fern von ihr bin.

Und auch heute wollen Sie mich nicht empfangen, weil Ihre Majestt die
Schneiderin Bertin Ihnen Audienz erteilt?! Grausame, bedarf es wirklich
noch neuer Spitzen, Gaze und Seidenstoffe, ist es ntig, die zarte
Tllwolke um den Busen, den schweren Brokat um die Hften immer
raffinierter zu falten und zu raffen? Sind Sie nicht verfhrerisch genug
fr mich, oder haben Sie die Absicht, mich durch die Liebestollheit
anderer Mnner rasend zu machen oder durch ihre neidischen Blicke zu
spieen?

Unten im Hof pfeift ein Schweizer sein Liedchen, drben aus den Zimmern
der Polignac klingen schwrmerische Harfentne, aus den Hecken trillert
ein Vogel, der vom Frhling trumt --, ich hre nur ein Wort aus allen
Tnen: Delphine, Delphine! Und seine Melodie begleitet meines Herzens
sehnsuchtsvoll-strmisches Pochen: Denn in wenigen Tagen wird meine
Geliebte mit mir in den Zaubergrten Armidens sein!

Keinen preise ich heute mehr, als den Prinzen Cond, der Chantilly zum
Sitz der Musen und Grazien schuf. Herr von Beaumarchais, der diesmal bei
ihm den Zeremonienmeister spielt, machte mir mit seinem
beziehungsvollsten Figarolcheln allerlei Andeutungen ber die Wunder,
die sich begeben werden.

Fr Liebhaber der Einsamkeit, sagte er, finden sich im meilenweiten
Park stille Einsiedeleien, fr philosophische Gesprche, die ungestrt
bleiben mssen, gibt es im riesigen Schlo hinter unsichtbaren
Tapetentren sichere Verstecke. Alles, was jung ist und schn, hat der
Prinz geladen: damit weder die bsen Zungen alter Weiber, noch die
lsternen Blicke verlebter Gecken die Liebe hindern, sich selbst zu
leben.

Darum, geliebteste aller Frauen, werden Sie nicht um unser Geheimnis zu
zittern brauchen, werden nicht erbleichen, wenn meine Hand die Ihre
sucht und fremde Blicke uns streifen, und nicht im Augenblick sesten
Taumels die schnsten Augen der Welt angstgeweitet auf mich richten. Sie
werden endlich rckhaltlos mein sein.

Schon sehe ich uns in den verschwiegenen Tempeln der Grten zu Eros, dem
reizenden Gott, die verschlungenen Hnde erheben und im stillen Dunkel
der Htte leise verschwinden, um die graue Buchenstmme als eherne
Wchter stehen, und deren kleine Fenster Epheuranken schamhaft
verhllen.


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, am 20. September 1775._

Verehrte Frau Marquise. Euer Gnaden gtige Erlaubnis, mich Ihnen bei
Ihrer Anwesenheit in Paris wieder persnlich vorstellen zu drfen, habe
ich bisher nicht in Anspruch genommen. In den Ernst meines Lebens und
meiner Gedanken sollte kein Strahl jener Welt fallen, der ich endgltig
den Rcken kehrte. Ich, selbst ein Enterbter, will ganz meinen Brdern
gehren. Ich verzeihe es mir nicht einmal, wenn hier und da noch ein
Gefhl der Sehnsucht in mir rege wird.

Um nicht zu wecken, was leider nicht tot ist, sondern nur eingeschlfert
von dem Liede der Not, komme ich auch heute mit meinem Anliegen nicht in
Person. Es handelt sich nicht um mich. Selbst wenn ich am Verhungern
wre, wrde ich eher rauben als betteln. Ein paar arme Kinder sind es,
fr die ich Euer Gnaden Gte in Anspruch nehmen mchte.

Ich fand sie auf meinen Streifereien im Norden von Paris, der gewohnten
Beschftigung meiner Muestunden. Wer immer ber das Pflaster zwischen
dicht gereihten Husern trottet, vergit allmhlich, da man auch auf
weichem Rasen zwischen grnen Bumen gehen kann. Und das ist gut.

Die Kinder bettelten. Eins von ihnen, ein Mdchen, suchte im Kehricht
nach etwas Ebarem. Ich folgte ihnen, als sie abends heimgingen. Das
eine Mal stieg ich bis unters Dach. In eine Kammer, die weder Schlo
noch Riegel hatte, blickte ich durch die fingerbreiten Spalten der
Holzwand. Ich sah eine Schar von Kindern, die sich, von Hunger
gepeinigt, ber die eklen Speisereste strzten, die das Mdchen aus der
Gosse gefischt hatte und ihnen zuwarf. Ein andermal folgte ich einem
Kinde in ein feuchtes Kellerloch tief unter dem Boden der Strae. Ein
triefugiges Weib ri ihm die Lumpen von den mageren Gliedern, ein
anderes betrachtete die armselige Gestalt mit gierigen Blicken, als wre
es ein Stck raren Fleisches. Um fnf Sous kaufte sie schlielich die
Kleine.

Seitdem ist es meine Leidenschaft, Kinder zu suchen. Ich habe mir schon
eine lange Liste von denen angelegt, die ich fand. Es sind in sechs
Gassen schon dreiundsiebzig, Mdchen und Knaben. Am liebsten htte ich
sie heimlich entfhrt. Aber in meiner Kammer hat nur mein eignes Bett
Platz, weil ich ein Krppel bin und nie gerade liege, und das Weib, das
mich geboren hat, wrde mit meinen Schtzlingen auch nur ein Geschft
machen wollen. Abnehmer hat sie immer fr Menschenware.

Nun hrte ich, da es bei den vornehmen Damen neuerdings Mode ist, arme
Leute mit dem Abfall ihrer Kche und abgetragenen Kleidern dankbar zu
machen. Einige grnden auch Hospitler, weil sie fr ihre glatte Haut
die ansteckenden Krankheiten derer frchten, die frei herumlaufen.

Wre es nun nicht mglich, nachdem durch Herrn Rousseau sogar die Liebe
zu den Kindern Mode wurde, einen Zufluchtsort fr sie zu schaffen? Sie
fnden wenigstens Schutz vor den wilden Bestien, die sie verfolgen: dem
Menschen und dem Hunger. Auch wrde es weniger kosten, als ein neues
Kleid, wenn die Damen des Hofs sich alle daran beteiligen wrden.

Ich frchte, ich kann fr andere nicht betteln. Nichts macht so
inbrnstig hassen, als bitten zu mssen.

Verzeihen mir Euer Gnaden gtigst all die Worte, die wie Steinwrfe
sind, und wie Schneeflocken sein sollten. Wenn Sie all die Gte, die Sie
an mich verschwendeten, den armen Kindern zuwenden wollten, so wren sie
gerettet.

Meine Liste steht Ihnen zur Verfgung.


Prinz Rohan an Delphine.

_Chantilly, am 25. September 1775._

Reizende Marquise. Sie weichen mir aus. Kaum glaube ich, Ihnen im Garten
nahe zu sein, so glitzern die Goldschuhe an den kleinen Fchen schon
wieder fern zwischen den Hecken; sehe ich Sie im Salon, so umgibt Sie
die Schar Ihrer Bewunderer wie eine Mauer; wage ich es, Ihnen abends zu
folgen, so verscheucht mich gar bald die Kavalierpflicht der Diskretion.
So whle ich diesen Weg, der es mir zugleich erleichtert, vor Ihnen der
zrnende Priester, statt der bewundernde Mann zu sein.

Sie vergessen ber Ihrem Schferspiel unser Intriguenstck, schne
Marquise, vielleicht weil der liebenswrdige Graf Chevreuse Ihr Partner
ist? Da der Weg zum Kopf der Frau immer durch das Herz geht!

Aber auch dort, wo ich den Einflu des Liebhabers nicht zu entdecken
vermag, hat Ihr Gemt Ihren Verstand unterjocht.

Hren Sie, was mir jemand erzhlte: Jngst ging die Knigin, nur von
wenigen ihrer Damen begleitet, durch die neuen Grten von Trianon. Im
Schatten der Weiden, vor dem Fischerhaus, begann sie, Geschichten zu
erzhlen, wie die Umgebung sie ihr eingab. Jede der Frauen folgte unter
Lachen und Scherzen ihrem Beispiel. Nur die Marquise Montjoie, sonst
die heiterste von allen, blieb schweigsam. 'Sollte unsere reizende
Freundin sich angesichts dieser Htte keiner Idylle erinnern,' mahnte
die Knigin; die Marquise entgegnete: 'Einer Idylle?! Nein! Wohl aber
eines Trauerspiels!' und mit einer Beredsamkeit, bei der jedes Wort sich
am Wort entzndete, sprach sie von den Bauern der Champagne, ihren
Htten ohne Fenster und ohne Bett, ihren verdeten Feldern und leeren
Scheuern, ihren Weibern, deren Jugend die Not zerfrit, an deren
ausgedrrten Brsten die Kinder verhungern. Die Damen hrten staunend zu
und die Knigin weinte...

Was ich fast nicht glauben wollte, hrte ich heute mit eigenen Ohren.
Als mitten im Pfnderspiel die Reihe an Sie kam, mit einer kleinen
Erzhlung Ihr Perlenhalsband einzulsen, sprachen Sie mit jener Wrme,
die der nchternen Wahrheit stets fern bleibt, von dem Elend der Kinder
von Paris. Sie erwhnten Dinge, die Ihr kultivierter Geschmack nicht
wissen, Ihr weicher Mund nicht aussprechen drfte. Aber je hinreiender
Sie im Feuer Ihres Mitgefhls waren, um so gefhrlicher war der Einflu,
der von Ihnen ausging. Heit das, teure Marquise, die Stellung Turgots
erschttern, der nicht mde wird, dem Volke goldene Berge zu
versprechen, wenn er seine Reformen durchfhren kann?

Ich mu Ihnen den ganzen Ernst der Lage ins Gedchtnis zurckrufen, um
Ihnen daran den Ernst unserer Aufgabe klar zu machen. Die Situation ist
auf die Spitze getrieben, und nicht nur das Vaterland, sondern auch
unsere heilige Kirche sind in hchster Gefahr, besonders seitdem der
Herzog von Choiseul aus der Verbannung zurckberufen wurde, derselbe
Choiseul, der -- ein Pompadourminister -- die frommen Vter des Ordens
Jesu auswies und zu gleicher Zeit die Philosophen und Gottesleugner
beschtzte. Der Unglaube, die Verhhnung menschlicher und gttlicher
Autoritt breiten sich aus wie eine Seuche; ein verworfener Mensch wie
Voltaire wurde zum Orakel Frankreichs, die Enzyklopdie erscheint
ungehindert und trgt die Ideen der sogenannten Aufklrer, die bisher
nur in kleinem Kreise Unheil stifteten, in die Welt. Unsere Journale und
Pamphlete, ja selbst unsere Konversationen bis in die Kreise des Hofs
hinein sind erfllt mit ihren Redensarten von der rechtlichen Gleichheit
und der politischen Freiheit, und der Name der Vernunft wird hufiger
angerufen als der Name Gottes.

Verzeihen Sie, da meine Vaterlandsliebe und meine Pflicht als Diener
der Kirche mich so weit treibt und in diese wolkenlosen Tage Ihres
Vergngens seine Schatten wirft. Aber gerade hier ist mir deutlich
geworden, wie wertvoll Sie, verehrte Frau Marquise, unserer Sache werden
knnen, denn alles, von unserem edlen Gastwirt und dem Herzog von
Bourbon angefangen, huldigt Ihrer Schnheit, bewundert Ihren Geist. Ich
appelliere an Ihren Ehrgeiz, den Sie leicht befriedigen knnten, wenn
Sie Ihrer Pflicht als Tochter Frankreichs und der Kirche eingedenk
wren. Sie knnen der Knigin beweisen, da Frankreich weiter reicht,
als die Grten von Trianon, da sie berufen ist, ihre Rolle in der Welt
zu spielen, nicht nur auf der Bhne.

Wenn Sie daneben im stillen als heilige Elisabeth wirken wollen, -- ohne
die leicht erregten Gemter berflssig zu erhitzen --, so bin ich der
Erste, der Sie untersttzen wird. Hundert Louis aus meiner Schatulle
sende ich Ihnen noch morgen fr Ihre armen Kinder und bin gewi, da Sie
berall eben so offene Hnde finden werden. Um Trnen zu trocknen,
bedarf es, wei Gott, keiner Reformgesetze. Das war von je die schnste
Aufgabe guter Christen.

Darf ich Sie an dieser Stelle noch an eins erinnern, schne Frau? Der
Herr Marquis von Contades ist bereit, sein Wort als Edelmann dafr zu
verpfnden, da Sie -- eine Franzsin! -- Herrn von Pirchs Handlungsweise
als Vaterlandsverrat verurteilt haben. Er versprach mir zwar, weil es
meinem Einflu gelang, ihn von der erhaltenen Ohrfeige rein zu waschen,
von seiner Kenntnis keinen Gebrauch zu machen; aber es liegt natrlich
in meinem Belieben, ihn dieses Versprechens zu entbinden. Wird die
Marquise Delphine noch in der Lage sein, der Knigin Geschichten zu
erzhlen, wenn die hohe Frau erfhrt, da ihre jngste Freundin --
preuisch fhlt?! Sie haben jetzt die reichste Gelegenheit, den kleinen
Fehler, den Ihre Jugend gewi entschuldigt, wieder gut zu machen.

Jedenfalls sind Ihnen die Unvorsichtigkeiten Ihres warmen Herzchens
leichter zu verzeihen, als die Ihres Kopfes. Der gute Marquis ist
wirklich kein geeigneter Partner fr die holden Freuden der Liebe. Darum
drckte ich als Ihr ergebener Freund beide Augen zu, als ich diese Nacht
an einer gewissen versteckten Htte vorberkam, und bemerkte, wie
entzckend natrlich Daphnis und Philidor ihre Rolle weiter spielen, --
obwohl ich als Priester htte zrnen und strafen mssen. Erschrecken Sie
nicht, reizende Snderin. Nur wenn das Vaterland es befiehlt, verrt ein
Rohan eine Frau, die er anbetet.

Trben Sie auch nicht den Glanz Ihrer Augen durch Trnen falschen
Mitgefhls. Seien Sie gewi: soweit der Arm der Kirche reicht, hungert
kein Mensch auf dem ppigen Boden Frankreichs!

Ich kehre noch heute nach Straburg zurck. Sie werden mich gtigst bei
der Knigin in Erinnerung bringen.

Zum Abschied werde ich Sie morgen frh --, falls die Tre zu Ihrem
Boudoir sich mehr als einem Kavalier ffnet --, nur um die eine Gnade
bitten, den rosigen Arm kssen zu drfen, der sich so zrtlich um den
Hals des beneidenswerten Geliebten zu schlingen wei.


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 6. Oktober 1775._

Als ich mich Ihnen, verehrte Frau Marquise, fr das Werk Ihrer
Menschenliebe zur Verfgung stellte, htte ich nicht geglaubt, da wir
so rasch das Ziel erreichen wrden. Aber Schnheit und Gte vereint
wirken Wunder! Die sechzig Kinder, die das Kloster zum Herzen Jesu
aufnahm, sind ein lebendiger Beweis dafr.

Was mich aber noch tiefer ergriff als Ihr Eifer, eine Not lindern zu
wollen, welche leider nur ein Symptom der groen Krankheit ist, die
Frankreichs Leben bedroht, ist Ihr Unverstndnis fr die Medikamente,
die die Wurzeln des bels ausbrennen sollen.

Seien Sie versichert: Reformen, und wren Sie noch so gut gemeint, sind
nichts als Betubungsmittel. Neue Quellen des Reichtums gilt es zu
erschlieen. Und dafr, -- ich wiederhole, was Herr von Beaumarchais und
ich Ihnen schon auseinanderzusetzen versuchten --, bietet sich jetzt
eine willkommene Mglichkeit. Untersttzen wir Amerikas Freiheitskampf,
so wird Amerika uns fr den Kampf gegen die Not die einzig siegreichen
Waffen -- die pekuniren Mittel -- zur Verfgung stellen.

Ihre Schnheit, Frau Marquise, preist ganz Versailles; von Ihrer Gte
spricht halb Paris; Ihrem Geist aber winkt erst ein fruchtbares Feld des
Wirkens. Ihr Salon sollte der Mittelpunkt der besten Kpfe Frankreichs
sein! Meine Vaterlandsliebe lt mich freilich aussprechen, was mein
Gefhl fr Sie unterdrcken sollte. Oder drfte ich hoffen, in Ihrem
Salon auch unter vielen immer noch Einer zu sein?


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Paris, am 10. Januar 1776._

Ist meine Gttin so wankelmtig wie die Sonne, die sich mehr und mehr
hinter grauen Winterschleiern versteckt?

Als ich gestern die sonst so freudig empfangenen Konfitren brachte,
sagten Sie wegwerfend: Die immer gleichen Sigkeiten! sie widern mich
an!

Zum Abschied nach einem gequlten Zusammensein hielten Sie mir die Wange
hin, als wren wir ein Ehepaar. Und als ich heute des kommenden Festes
bei der Prinzessin Lamballe Erwhnung tat, riefen Sie aus, die Lippen
unmutig schrzend: Bietet Paris denn nichts anderes, als Komdien und
Feste, Feste und Komdien?! Die neuesten Anekdoten, die ich erzhlte,
die pikantesten Chansons, die ich vortrug, ntigten Ihnen kaum ein
Lcheln ab.

Da meldete Ihr Diener Herrn von Beaumarchais. Ihr Gesichtchen erhellte
sich, und Sie, die Sie bisher unser Tte--Tte durch niemanden
unterbrechen lieen, empfingen den Gast mit einem Aufatmen der
Erleichterung.

Jetzt verstehe ich, reizende Delphine: auch bei Ihnen blhen Liebe und
Treue nicht auf demselben Stamm. Ihre rasche Jugend, -- an deren
Existenz ich Sie zuerst erinnerte! --, Ihr strmisches Temperament, --
dessen Fesseln erst an meiner Glut zerschmolzen! --, Ihr sprhender
Geist, -- dessen Funken freilich erst der Dichter Beaumarchais
herauszuschlagen vermochte, -- verlangen nach Abwechslung.

Der groe Dramatiker Beaumarchais lie das ganze Welttheater an Ihnen
vorberziehen; die Kmpfe der Amerikaner, die Parlamentsreden der
Englnder, die Finanzen Frankreichs --, und Ihre Begeisterung fr die
Menschenrechte der Bewohner der neuen Welt flammte so hoch auf, da
die arme kleine Liebe daneben erlosch, wie der Morgenstern vor der
Sonne. Wei Gott, ich, Guy Chevreuse gestehe ein, meine Rolle als
Liebhaber noch nicht ausgelernt zu haben: Neben der Kleinigkeit des
Herzens verlangt die kaprizise Frau von heute auch noch Geist, auch
noch Kenntnisse, am Ende gar Taten von uns!

Se Delphine, um einen Ku von Ihren Lippen, -- aber einen, der der
Sehnsucht, nicht der Gewohnheit entspringt, -- knnte ich Riesen
bezwingen und Drachen erlegen. Fordern Sie jedoch nicht, da ich mich
wegen so gemeiner Dinge, wie der Znkereien unserer unsympathischen
Nachbarn mit ihren langweiligen Kolonialbrdern echauffieren soll.
Freilich, wenn ich mich erinnere, was uns alles Bses von England kommt:
die Grundstze der Moral, die demokratischen Ideen, die geschlossenen
Kleider, die hohen Stiefel --, ich knnte doch am Ende noch rasend
werden!

Darf ich morgen kommen? Zur gewhnlichen Stunde? durch das
Gartenpfrtchen? Allein?! Ich bringe, da meine Zrtlichkeit mit den
Konfitren auf einer Stufe der Ungnade zu stehen scheint, ein ganzes
Vergngungsprogramm mit: Mademoiselle Duth spielt in ihrem
Privattheater ein von der Zensur verbotnes Stck, -- der Graf von Artois
ist seit acht Tagen bei ihr der glckliche Nachfolger des Herrn Larive;
-- eine vergitterte Loge steht Ihnen -- mit mir?! -- zur Verfgung.

Der Graf von Chartres arrangiert eine Schlittenfahrt, die in einem
nchtlichen Fest im Schlo von Monceau enden soll.

Der junge Vestries wird bei seiner neuesten Gnnerin, der Grfin
Miramont, tanzen. Die weiblichen Gste werden gebeten, die Belohnung des
Tnzers fr seine Sprnge wenigstens an diesem Abend der Grfin allein
zu berlassen!


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 30. Januar 1776._

Hochverehrte Frau Marquise. Weil Sie es wnschten, bin ich im Kloster
zum Herzen Jesu gewesen. Ich erkannte meine Kinder nicht wieder. Buben,
die mich angespuckt hatten, kten mir die Hnde und nannten mich
gndiger Herr! Alle sind sauber und satt und lernten beten. Ich wei
nicht, warum mich die Lust ergriff, sie in die Hhlen ihres Elends
zurckzubringen. Bleibt armen Leuten immer nur die Wahl zwischen der
Knechtschaft der Seele und der des Krpers?

Sie mssen Nachsicht haben mit mir. Es ist mein Unglck, da ich
ebensowenig danken kann als bitten.

Meine Spaziergnge, nach denen Sie fragen, setze ich fort. Doch ich
mache keine Listen mehr. Es lohnt sich nicht. Man mte einen Strom von
Gold durch die Huser und Gassen leiten, um sie von Schmutz und Jammer
rein zu waschen. Aber die groen Herren frchten so sehr, zu verdursten,
da sie mit ihren Eimern und Flaschen schon an seinen Quellen stehn, um
ihn abzufangen.

Gestern Nachts fand ich einen armen Jungen, einen Hessen, der ber die
Grenze gelaufen war, weil der Markgraf seine Untertanen gegen bare
Mnze verschachert. Englische Menschenhndler, so sagt er, kaufen
Soldaten fr den Krieg gegen die Amerikaner. So ist's recht: Whrend die
Knige Europas den Philosophen Beifall klatschen, die von den
Menschenrechten deklamieren; -- die Kaiserin von Ruland bezahlt sie
sogar dafr, da sie ihr auf so amsante Art die Langeweile vertreiben,
-- bauen die Frsten aus Menschenleibern einen Damm gegen die Freiheit.

Es sieht fast aus, als sehnte ich mich nach der Bastille. Aber leider
wei ich: Sie sind sehr gut, oder nicht gut genug, um mich
hineinzubringen. Ich denke es mir nmlich wundervoll, einmal nichts zu
sehen, als Kerkerwnde.


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 3. Februar 1776._

Verehrte Frau Marquise! Erst heute, bei Gelegenheit eines meiner kurzen
Aufenthalte in Paris komme ich dazu, Ihnen fr Ihren Empfang und -- was
mehr bedeutet -- fr die Art Ihres Empfangs meinen Dank auszusprechen.
Sie sind die erste Frau unter den vielen geistreichen Frauen
Frankreichs, die fr meine umfassenden politischen Plne Verstndnis und
Interesse gezeigt hat.

Selbst die Mnner begegnen mir mit Mitrauen. Weil man ber meine
Komdien lacht, hlt man auch meinen Ernst fr Witz; da Staatsmnner
Komdianten sind, wundert niemanden, aber da Komdianten Staatsmnner
sein knnen, erscheint abstrus. Nichts ist heute fr einen Mann von
Geist kompromittierender, als wenn er sich mit Politik beschftigt. Und
unsere Minister vor allem wollen sich nicht kompromittieren!

Herr von Vergennes war fr die groen Aussichten blind, die der Konflikt
zwischen England und Amerika Frankreich bietet. Ich ffnete ihm
wenigstens ein Auge. Trotzdem bleibt er Philosoph aus Bequemlichkeit und
beruft sich auf Grundstze der Moral, weil das am wenigsten kostet.
Heimlich gegen England zu konspirieren, das beleidigt seine Grundstze.
Wie kommt es nur, da soviel Edelmut die Teilung Polens, die
Kolonialkriege, den Sklavenhandel dulden konnte?!

Auch Turgot ist gegen alle Feindseligkeiten; er will nicht einsehen, da
es hufig sparsamer ist, Millionen zu verschwenden, als mit einem Sous
zu geizen. Wenn Frankreich Partei ergreift, wird es die Scharte von 1762
wieder auswetzen und durch ein Bndnis mit Amerika alle die Vorteile
genieen, durch die England sich seit einem Jahrhundert bereichert. Wir
brauchen nichts als Schiffe, Munition, Waffen. Die Menschen sind da. In
fieberhafter Ungeduld warten der Marquis Lafayette, der Prinz von
Montbliard und ihre Freunde darauf, den Namen Frankreichs wieder
leuchten zu lassen, wie unter dem groen Knig, wo die Welt ihr ganzes
Licht von ihm empfing.

Verzeihen Sie mir die Khnheit meiner Sprache; gedenke ich der schnen
Frau, an die sie gerichtet ist, so mte ich mich schmen, wenn sie
nicht so klug wre, nicht nur durch Schnheit herrschen zu wollen! Ich
wage zu hoffen, da Ihr Enthusiasmus diesen Wunsch untersttzt; macht
der Ku der Muse mir das Komdieschreiben zur Spielerei, so wrde ich
meine schwere verantwortungsreiche Arbeit unter den Strahlen Ihrer Gunst
auszufhren vermgen, als tanzte ich Menuett mit Ihnen.

Wollen Sie die Gnade haben, meinem Diener wissen zu lassen, wenn Sie
mich empfangen wollen? Ich bleibe bis nchsten Mittwoch hier und stehe
ganz zu Ihrer Verfgung.


Prinz Louis Rohan an Delphine.

_Straburg, am 10. Mrz 1776._

Schnste Frau! Vergebens wartete ich auf eine Antwort von Ihnen und
frchte schon, meine reizende Gnnerin durch ein paar harmlose
Bemerkungen verletzt zu haben, als ich von Ihren Leistungen unterrichtet
wurde: Sie erffneten den Salon der Kriegspartei! Vortrefflich, ganz
vortrefflich, Frau Marquise! Sollte die Gicht, die das gesamte
Ministerium zu plagen scheint, weniger auf die guten Diners im Hause
Geoffrin, als auf die Enthaltsamkeit, die Sie ihm auferlegen,
zurckzufhren sein? Les ministres s'envont goutte  goutte, schrieb
mir neulich der Herzog von Chartres. Sie wissen, er hat fr seine
Bonmots seit einiger Zeit den Geist der Frau von Genlis zu freier
Verfgung, -- womit ich natrlich nichts Bses angedeutet haben will,
denn Frau von Genlis spielt die Harfe und schreibt moralische Stcke fr
die Jugend.

Derselbe Korrespondent berichtet mir, da Sie der Knigin neuerdings von
gefesselten Indianermdchen und liebenden Farmern rhrende Geschichten
erzhlen. Ausgezeichnet, Frau Marquise! Man trgt sogar schon Federn 
l'Amriquaine, und die Mode ist bei uns nicht nur Vorkmpfer, sondern
Gradmesser der Gesinnung.

Auch Ihre Trabanten haben Sie gewechselt. Der kleine Chevreuse ist wohl
jetzt vieux jeu? Ich wre auch damit zufrieden, wenn ich nicht erfahren
htte, da der Graf Guibert sich nicht ohne Erfolg um seine Stellung in
Ihrem Boudoir bemht. Er ist zwar im Augenblick sehr  la mode -- ein
Hofdichter, ein Kriegsgelehrter, ein Herzensbrecher -- aber sein Ruf als
Freidenker, seine Freundschaft mit Frulein von Lespinasse
prdestinieren ihn zum Spion, nicht aber zum Mitglied unseres Kreises.

Sie haben die Wahl zwischen so vielen, warum mu es dieser sein?

So habe ich mir sagen lassen, da der Prinz von Montbliard sich nur
darum grollend auf sein Schlo zurckzog, weil eine gewisse reizende
Dame ihm ihre Gunst versagt. Er ist mit fast allen Hfen Europas
verschwgert, also eine sehr beachtenswerte Potenz. brigens ist er
hbsch und jung und erstaunlich tugendhaft. Er htte sich gewi nicht,
wie der Graf Chevreuse, -- den vielleicht nur die Verzweiflung ber Ihre
Untreue dazu getrieben hat! --, an dem berchtigten Fest der Kavaliere
beteiligt, das unter Leitung des Grafen Artois in Gesellschaft der
bekanntesten Kurtisanen und im Hotel der Guimard stattfinden sollte.
Gott sei dank, da der Erzbischof rechtzeitig Einspruch erhob! Eine
reizende Geschichte brigens: Hundert der vornehmsten Mnner Frankreichs
vereinigen sich. Um dem Vaterlande zu dienen? Nein! Der Religion? Noch
weniger! All diese Gottheiten der Vergangenheit sind heute veraltet!

Lassen Sie bald von sich hren, teuerste Frau! Der Herr Marquis ist zwar
im Augenblick in Straburg, -- erfolgreich beschftigt mit der Sammlung
des einheimischen Adels zu einem letzten Coup gegen Turgot; (die
Stimmung ist eine aufs uerste gereizte) --, er drfte aber kaum zu
Ihrer Intimitt gehren.


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, am 15. Mrz 1776._

Ihr Wunsch, liebenswrdigste aller Marquisen, ist mir Befehl, um so
mehr, als ich begreife, da eine Frau wie Sie im Hofleben kein Genge
findet und das geistige Leben von Paris gerade dort kennen lernen will,
wo es am strksten pulsiert. Frulein von Lespinasse wird sich freuen,
Sie zu empfangen. Sie finden in ihr zwar eine schwer Kranke, aber um so
bewundernswrdiger wird Ihnen ihre geistige Kraft, ihre immer gleiche
Gte erscheinen. Wenn Sie den morgigen Tag zu ihrem Besuch whlen
wollten, so wrden Sie unter anderem auch den Erzbischof von Toulouse,
Lomnie de Brienne, bei ihr treffen, dessen Persnlichkeit insofern von
grerem Interesse ist, als man ihn in eingeweihten Kreisen als den
Nachfolger Turgots bezeichnet.

Leider hatte ich heute in der Akademie keine Gelegenheit, Ihre
Eindrcke, teuerste Marquise, ber die Aufnahme des Herrn von Boisgelin
unter die Unsterblichen zu erfahren. Ist die ganze Feierlichkeit nicht
mehr und mehr eine Farce?! Der Enzyklopdist d'Alembert, der einen
konservativen Priester preisen mute, und der konservative Priester, der
der Nachfolger eines Voisenon, des typischen Abb libertin, geworden
ist! Die franzsische Akademie wird mehr und mehr aus einer Gesellschaft
von Gelehrten zu einem Konzil der Ekklesiastiker und der Prinzen.

Werden Sie mir die Gunst gewhren, Sie morgen nach dem Besuch bei
Frulein von Lespinasse in die Comdie franaise zu geleiten? Ich nehme
das Stck meines Rivalen gern in den Kauf, wenn es mir zum Vorwand
dient, einige Stunden lnger dieselbe Luft mit Ihnen zu atmen.


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 1. April 1776._

Verehrte Frau Marquise! Ich kann nicht anders, als meinem Erstaunen,
meiner berraschung, Worte zu verleihen. Nie htte ich mir trumen
lassen, eine verwhnte femme du monde, wie Sie, in dem schlichten Salon
unsrer guten Julie wiederzusehen! Alles, was man mir von Ihnen erzhlt
hatte, -- Ihrer Stellung in Versailles, der Schar Ihrer Verehrer, mit
denen man Sie spielen sieht wie mit Billardkugeln, -- lie mich, offen
gestanden, frchten, da das Leben der groen Welt Sie die Existenz
anderer Welten, die sich frher um Ihre Seele stritten, vllig vergessen
lie. Als Sie eintraten, -- die schmale Tr schien viel zu eng fr die
starrende Seide Ihrer Polonaise, viel zu niedrig fr die nickenden
Federn auf Ihrem hochfrisierten Haupt --, und Frulein von Lespinasse
Ihnen entgegenkam, diese berschlanke Leidensgestalt in dem nonnenhaften
Gewand, -- und Ihnen die bleiche, blaugederte Hand entgegenstreckte,
ein gtiges Lcheln um die blutleeren Lippen, richteten sich die Blicke
Aller fast erschrocken auf Sie, so fremd wirkte Ihre Erscheinung in
diesem Kreise. Sie fhlten es selbst, Sie saen, der einzige weibliche
Gast, in all Ihrer Pracht neben der zusammengesunkenen Julie, eine
stumme Zuhrerin! Sie lauschten staunend, als Bernardin de St. Pierre,
der jngste Dichter unter den Protgs dieses Salons, die schwrmerische
Ode zum ewigen Frieden vorlas und d'Alembert ber die Verbrderung der
Menschheit sprach. In Ihren Augen sah ich eine Flamme leuchten, -- deren
pltzliches Aufglhen mir an der kleinen Delphine Laval so vertraut war
--, als der Chevalier von Chastellux Voltaires Eloge de la raison
vorlas, jene herrlichen Stze, durch die der Patriarch wieder einmal
alles vergessen lt, was er Falsches getan hat. Se auf Frankreichs
Thron ein Friedrich von Preuen, des groen Weisen Hoffnungen auf seine
Regierung wrden erfllt, seine Ratschlge befolgt werden. Aber es gibt
nur einen Friedrich. Ludwig XVI. tafelt, jagt und zeichnet dazwischen
Allegorien; Marie-Antoinette spielt die Harfe. O du glckseliges
Frankreich, wo es fr die Knige nichts weiter zu tun gibt!

Sie vernahmen dann verwundert das ungeteilte Lob Rtif de la Bretonne's,
dessen Paysan perverti natrlich vom Hof, -- dessen Sittenstrenge ja
ber allen Zweifel erhaben ist! -- als unmoralisch verurteilt wird. Ich
schicke Ihnen, wie ich versprach, das Buch, urteilen Sie selbst! Man
reit sich bei den Hndlern darum, aber weniger weil man hinter seiner
Schlpfrigkeit das Medusenhaupt der Wahrheit sucht, als weil man auch
die Wahrheit fr Schlpfrigkeit hlt. Lassen Sie sich von all dem Unrat,
den der Dichter aufrhrt, nicht abschrecken. Die Schferspiele der guten
Gesellschaft, die den Schmutz unter Blumen verstecken, sind
lasterhafter.

Rousseau schilderte die Tugend und Glckseligkeit einer kommenden Welt;
-- seine Predigt von der Rckkehr zur Natur wurde nur zum Vorwand neuer
Moden. Es mssen andere kommen, um dem von grausen Gebrechen entstellten
Gesicht der Gesellschaft einen mitleidslosen Spiegel vorzuhalten, damit
das Entsetzen sie an den Arzt erinnert --, sagte Frulein von
Lespinasse.

Nicht wahr, hier spricht man anders, als in Versailles, das von dem
geistigen Leben der Gegenwart weiter entfernt ist, als der Mond von der
Erde, oder gar in Trianon, wo man zwischen Stllen mit Marmorkrippen und
Htten mit Damastmbeln vom natrlichen Leben schwrmt.

Erst als Sie gingen, waren Sie wieder die Marquise Montjoie, so sehr
hatte ich inzwischen die holde Grfin Laval wiedergefunden. Graf
Guibert, dessen schnheitsdurstiger Blick keinen Augenblick von Ihnen
gewichen war, folgte Ihnen. Sie sahen nicht mehr, wie Julies bleiches
Gesicht sich dunkel rtete, wie ihre Augen fiebrigen Glanz bekamen. Wir
alle verabschiedeten uns rasch. Nur der treue d'Alembert wird den
Trnenstrom der Unglcklichen noch gesehen haben. Guibert ist Julies
letzte, groe Leidenschaft. Und obwohl er ihr fast alles verdankt, --
sie bahnte ihm den Weg zum Ohre des verstorbenen Kriegsministers, sie
interessierte den Grafen St. Germain so sehr fr ihn, da er ihn zu
seinem Adjutanten ernannte, sie korrigierte seinen Connetable von
Bourbon, so da er auf der Bhne auffhrbar wurde, -- vernachlssigt er
die Arme und gnnt ihr nicht einmal den frommen Betrug seiner Liebe.

Sie waren so gtig, mich zu Ihren Empfangstagen einzuladen; werden Sie
auch so gtig sein, meine Ablehnung zu entschuldigen? Ich mchte
Delphine Laval wiederfinden; die Sehnsucht danach ist nie erloschen.
Unter den vielen Gsten der Marquise Montjoie, wo ein Abenteurer wie
Beaumarchais zu den geehrtesten gehren soll, frchte ich, Sie nur noch
mehr zu verlieren.

Aber vielleicht gestatten Sie mir, Sie an einem der nchsten Tage zu
Madame Geoffrin zu geleiten. In der Atmosphre dieses Salons mssen all
die verborgenen Knospen Ihres Wesens aufspringen, die weder die
Treibhaushitze noch die Schneeluft Ihrer Welt zum Blhen zu bringen
vermag. Meine alte Gnnerin wird Sie, wie ich Ihnen schon einmal
schrieb, gern empfangen, obwohl Sie nur selten Frauen bei sich sieht.
Alles, was sie in ihrem langen Leben an Bitternissen erfahren, ist
nmlich, wie sie sagt, von weiblichem Neid und weiblicher Eifersucht
ausgegangen.


Prinz Louis Rohan an Delphine.

_Straburg, am 20. April 1776._

Eine Antwort, die an Deutlichkeit nichts zu wnschen brig lt, Frau
Marquise:

Ich bin weder eine Puppe, die Sie dirigieren, noch Ihre Dienerin, der
Sie befehlen knnen. Teuerste, warum so heftig? Habe ich je etwas
anderes gewollt, als da Sie im Einverstndnis mit mir handeln mchten?
Bin ich Ihnen nicht dankbar ergeben fr die Klugheit, mit der Sie
vorgehen, und wenn Ihre Handlungsweise, wie Sie so scharf betonen, nur
von Ihrem Willen geleitet wird, mu ich Ihnen dann nicht fr diesen
Willen doppelt dankbar sein?

Einen Hofmeister brauche ich nicht, schreiben Sie weiter. Wann htte
ich mir angemat, es zu sein? Aber einen Freund werden Sie doch hier und
da brauchen, holde Delphine, wenn Sie den Priester auch glauben
entbehren zu knnen!

Ihre Drohungen frchte ich nicht --. Drohungen?! Ein Rohan gegenber
einer Frau?! Wenn ich nicht wte, da Sie scherzen, wrde ich glauben,
da Sie -- ein schlechtes Gewissen haben! Sie mten wissen, da ich in
dieser Zeit sanfter Sitten trotz meiner religisen Strenge aufgeklrt
genug bin, um einer reizenden Frau jedes Vergngen zu gnnen,
wenigstens insoweit, als mein Neid es zult.

Aber selbst fr meine vermeintlichen Snden will ich, weil Sie mich
ihrer zeihen, Bue tun: Graf Guibert sei Ihnen verziehen. Sie reiten mit
ihm, wie ich hre. Hoffentlich strt Sie die Erinnerung an den Marschall
Contades nicht in Ihrem Vergngen!

Von Straburg wird Ihnen der Marquis erzhlt haben. Es ist zum Sterben
langweilig; reichten die Fluten der Erregung nicht von Paris hierher,
wir wrden nicht wissen, da wir leben. Ach, die Pariser Freuden, die
Frauen, die Nchte! Knnen Sie sich vorstellen, da wir hier nicht nur
bei Tage schlafen?!


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, 10. Mai 1776._

Teuerste Marquise! Noch klingt jedes Wort in mir nach, das wir auf dem
Heimweg von Madame Geoffrin miteinander wechselten. Einen tiefen Blick
lieen Sie mich in Ihre Seele tun. Werden Sie mir je verzeihen, da ich
Sie so sehr verkannte, da ich die Maske, mit der Sie selbst die
bezaubernde Schnheit Ihres Innern deckten, nicht durchschaut habe? Ich
war tagelang verzweifelt, weil ich Delphine nicht wiederfand. Oder
konnte Delphine es sein, die die Liebe lsterte? Da eine Julie
Lespinasse ihr Herz ebenso wegwerfen kann, wie andere Frauen! riefen
Sie aus. Delphine htte gewut, da ein Herz nur hat, wer es wegwirft,
dachte ich!

Und nun hat die milde Hand einer alten Frau die Maske von Ihrem Antlitz
genommen. Fast klang es brutal, als sie Ihnen, kaum da Sie neben ihr
saen, die Frage stellte: Womit beschftigen Sie sich? Und rasch griff
ich ein, um Ihnen aus der Verlegenheit zu helfen, und erzhlte von den
armen Pariser Kindern, denen Sie helfen konnten. Madame Geoffrin
streichelte Ihnen freundlich die Hand. Das ist hbsch, sehr hbsch,
Frau Marquise, sagte sie lobend, um Ihnen gleich darauf mit der neuen
Frage: Haben Sie selbst kein Kind? das Blut abermals siedendhei in
die Wangen zu treiben.

Sie waren tief erschttert von dem, was Ihnen begegnete, und es ist doch
nichts gewesen als eine alte Frau im Kreise ernster Mnner. Sie fhlten
pltzlich: Ihre Welt hat alles, was schimmert und funkelt -- Reichtum,
Schnheit, Esprit -- aber nur Kurzsichtigen tuscht dieser Glanz Feuer
vor, kein Frierender kann sich daran wrmen; die Flamme der
Begeisterung, die leuchtet und glht, brennt auf unseren Altren.
Frulein von Lespinasse ist eine Sterbende, Madame Geoffrin eine alte,
einfache Frau, Madame Dudeffant eine blinde Greisin, Frau von Epinay
eine Schwerkranke --, und doch strmen bei ihnen all die Mnner
zusammen, die die Knige Himmels und der Erde entthronten, so da, wer
jetzt vor ihnen kniet, nur zu Phantomen noch betet.

Woher kommt das? fragen Sie. Weil diese Frauen zuerst bei sich die
Tyrannei des Herkommens, der Gesellschaft, der Kche und -- der Ehe
zertrmmert haben. Weil sie in diesem Kampf ihre Menschlichkeit
zurckeroberten, und nun erst Freundinnen, Beraterinnen, Trsterinnen
sein konnten.

Herr von Condorcet hat Ihnen seine Ideen ber die Befreiung der Frauen
von einem Jahrtausende alten Joch entwickelt. Innerhalb der ungeheuren
Umwlzung, die sich vorbereitet, wird dieser Kampf eine magebende Rolle
spielen. Sie drfen damit nicht verwechseln, was man Ihnen von dem
Frauenklub, den Frulein Raucourt gegrndet hat, erzhlte. Der Loge von
Lesbos gehren Weiber an, die, entweder von Liebe bersttigt, neue
Reizmittel suchen, oder an unbefriedigter Liebessehnsucht kranken. Sie
bemnteln ihre Wnsche nur mit den tnenden Phrasen von der
Gleichstellung der Geschlechter und glauben ihre Freiheit dadurch zu
dokumentieren, da sie Mnnerkleider tragen und in den Kaffeehusern mit
den Mnnern faullenzend umhersitzen, alle Probleme der Welt
beschwatzend.

Herrn von Condorcets Bestrebungen haben damit nichts zu tun; er wnscht
nicht die Freiheit von der Sitte, sondern die sittliche Freiheit. Ist
es nicht eine innere Notwendigkeit, da Sie zu uns gehren?

Ich schicke Ihnen Rousseaus Emil, den Madame Geoffrin Ihnen so
dringend zu lesen empfahl. Ob seine Probleme Ihnen nicht noch allzu fern
liegen?


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 30. Mai 1776._

Die Nachricht vom Tode unserer teuren Julie, der fr sie eine Erlsung
ist, fr all ihre Freunde aber ein unersetzlicher Verlust, ging mir
zugleich mit Ihrem inhaltsreichen Briefe zu.

Sie miverstehen mich; schreiben Sie. Wenn mich die stille Gre all
dieser Menschen so sehr ergriff, so vielleicht gerade darum, weil ich
nur der Zuschauer dieses Schauspiels sein kann. Ich habe eingesehen, da
ich viel zu klein bin, um mich neben sie stellen zu drfen. Madame
Geoffrins Fragen fhle ich wie ein Brandmal. Ich mchte nicht eher zu
ihr gehen, als bis ich ihr antworten und ohne Schamrte ins Auge sehen
kann. Rousseaus wundervolles Buch ist eine Offenbarung fr mich.

Mir ist, als finge ich an, Sie zu verstehen. Sie erzhlten mir von Ihrem
Sohn, und klagten sich an, ein Gefhl der Mutterliebe niemals empfunden
zu haben. Hier sprach die Natur deutlich genug: in einem Ueberschwang
der Empfindung sollten Sie nicht daran denken, sie bekmpfen zu wollen.
Ihrem eigenen Kinde nur drfen Sie leben, dem Kinde, das ein Pfand
freier Liebeshingabe ist. O, da Sie dieses Augenblickes noch warten
wollten!


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, am 3. Juni 1776._

Sie haben warme Worte der Teilnahme an mich gerichtet, teuerste Frau;
Sie fhlten die ganze Zerrissenheit meines Herzens angesichts dieses
Todes: Ich habe meiner wunderbaren Freundin nicht sein knnen, was sie
mir sein wollte; ihre blasse Leidensgestalt ergriff mein Herz, ihr
Verstand entzckte meinen Geist, aber fr meine Sinne blieb sie nur
meine Schwester. Als ich Ihnen begegnete, schnste Zauberin, war alles
was in mir lebte, hingerissen, entflammt, und ich Unglckseliger besa
nicht genug Strke, um vor der armen Julie heucheln zu knnen. Das ist
meine Schuld, von der kein Beichtiger mich freizusprechen vermchte,
auch wenn ich an die Macht der Sndenvergebung zu glauben imstande wre.
Da aber Sie sich mit Vorwrfen qulen, Sie, die Sie grausam genug sind,
meine Anbetung nur zu empfangen, wie ein Gtze die Opfer -- khl,
unnahbar --, das schmerzt mich tief. Mu sich die Sonne schmen, weil
sie leuchtet und arme Sterbliche ihre Strahlen suchen?!

An einen warmen Blick Ihrer Augen, an einen leisen Druck Ihrer Hand
hoffte ich oft mehr glauben zu drfen, als an die Zurckhaltung Ihres
Wesens. O Delphine, war sie vielleicht nur der Ausflu Ihrer Gte, Ihres
Mitleids fr Julie?! Ich mu aussprechen, was meine grte Snde ist: am
Sarge der Unglcklichen schlgt meine selig-unselige Hoffnung die
sehnsuchtsgroen Augen auf. Werde ich Vergebung finden?


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 12. Juni 1776._

Meine verehrte Frau Marquise, Ihnen zuerst, der ich so viel verdanke,
sei die Nachricht mitgeteilt: das Unternehmen ist gesichert. Herr von
Vergennes hat mir vorgestern die Summe angewiesen, die es mir ermglicht
zusammen mit den Geldern, die in Ihrem Salon gesammelt wurden, die
ersten Schiffe anszursten! Ist es auch nur ein schchterner Anfang, so
fhle ich mich doch der Sache sicher, denn die Regierung, die den ersten
Schritt getan hat, wird weiter gehen mssen, wenn sie sich nicht selbst
desavouieren will.

Der Herr Kriegsminister hat mich, wohl infolge der Empfehlung durch den
Grafen Guibert, -- deren Wrme nur eine Frau entznden konnte! -- auf
das liebeswrdigste empfangen. Glauben Sie mir nun, da Venus eine
Kriegsgttin ist?

Ich habe jetzt die Arbeit von hundert Kpfen zu verrichten, was mein
Herz nicht hindert, immer fr Sie frei zu sein. Wenn Rodrigue Hortalez
--, Sie erinnern sich, da der Deckname unsrer Reederei schon feststand,
als wir noch keinen Sou im Vermgen hatten! --, in Bordeaux und
Marseille Waren kauft und Schiffe verfrachtet, wird Beaumarchais am Hofe
von Versailles, dessen Tore die schnsten Hnde der Welt ihm geffnet
haben, den Schngeist spielen. Wenn Hortalez den jungen Helden
Frankreichs, -- Lafayette und der Prinz Montbliard werden unter den
ersten sein --, die Wege ber den Ozean bahnt, wird Beaumarchais der
Knigin von Frankreich die Rolle der Rosine einstudieren, und whrend
gekrnte Hupter nach Figaros Pfeife tanzen, wird er selbst als
gefesselter Sklave seiner Herzensknigin dienen.

Ich sehe Sie schelmisch lcheln, wie damals, als Sie mich schwarz auf
wei lesen lieen, da Herr von Beaumarchais ein Verschwender und ein
Geldschneider ist, da er -- fi donc! -- Mdchen aushlt.

Wer tte dergleichen sonst in diesem tugendhaften Lande?! Etwa der Graf
Artois, der Herzog von Bouillon, der Graf von Chartres, der Prinz Rohan
-- Ihr Freund!! --, der fr seine Verdienste Erzbischof von Straburg
geworden ist und demnchst Herrn von Malesherbes ersetzen drfte, um die
franzsische Literatur seiner sittlichen Empfindung anzupassen?!
Verleumdung -- nichts als Verleumdung, nicht wahr, schne Frau? Werft
den Beaumarchais in die Bastille!

Zur Strafe fr Ihr Mitrauen verrate ich Ihnen die bsen Dinge, die ich
von Ihnen wei.

Sie waren bei Madame Geoffrin. Mais, voil ce qui est bon! Mit diesen
sechs Worten regiert sie, so sagt man, alle Philosophen. Ich wrde dem
Knig von Frankreich diesen Zauberspruch verraten, aber ich frchte, er
wirkt nicht. Im Salon der Rue St.-Honor werden nmlich den Schreihlsen
heimlich die Muler gestopft, ehe der Spruch ihnen den Mund verbietet.
In Versailles fehlt es zu diesem Zweck an berflssigem Kuchen. Sie
sehen, Baron Holbach hat recht: nur das Materielle existiert!

Sie waren auch in der Kirche, aber nicht um den lieben Gott zu suchen,
dem man es brigens nicht verdenken knnte, wenn er vor den Herrn
Philosophen in die dunkelste Kapelle flchten wrde. Sie hrten unsere
modernsten Priester, die nur noch  la grecque von Moral und Tugend
reden, weil das Wort Religion sie gar zu lcherlich machen wrde.

Und man munkelt sogar, Sie htten im Caf de la Regence Linguets Journal
gelesen, jenes Chamleons, der nur Eins in der Welt frchtet: man knne
ihn in irgendeine Sekte oder Partei einreihen. Darum wechselt er rasch
die Farben, sobald er merkt, da ein anderer dieselben trgt. Vor zehn
Jahren erklrte er emphatisch: Der Arbeiter hat keinen Anteil an dem
berflu, dessen einzige Quelle seine Arbeit ist und von der Aufhebung
der Sklaverei hat er nichts gewonnen, als die Freiheit, zu verhungern,
und heute beschimpft er Philosophen und Minister, so da sein Blatt zum
Leibblatt des Adels geworden ist; denken und regieren kann seiner
Ansicht nach in Frankreich nur Einer: Monsieur Linguet selbst.

Ich mu Atem holen. Das war ein zu langer Satz fr mich. Nur der Ha
konnte mich dieser Anstrengung fhig machen. Herr Linguet war nmlich
mein bester Freund.

Mein Vorzimmer steht voll Wartender. Wei Gott, fast vergesse ich ber
der reizenden Marquise die Befreiung Amerikas!


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 21. Juni 1776._

Sie empfangen mich nicht, teuerste Frau? Verletzte Sie mein Gestndnis?
Nur um ein Wort, meinetwegen einen Gru durch Ihre Zofe, bitte ich Sie!


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 30. Juni 1776._

Verehrte Frau Marquise. Der Diener wies mich ab, weil Sie krank seien,
und doch sah ich Sie gestern erst in Ihrem Wagen. Was bedeutet das?
Unsere gemeinsame Arbeit ist noch nicht zu Ende. Wir bedrfen grade
jetzt Ihres ganzen Einflusses, schne Frau.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, den 6. Juli 1776._

Turgot ist gestrzt, Malesherbes geht, hinter ihnen blht wieder die
Lust, der Leichtsinn, das Leben. Ich zrnte Ihnen, holde Delphine, weil
die Amazonen-Rstung, in der Sie Sich gefielen, auch Ihr Herz grausam
umhllte. Nun sehe ich erst: die reizende Streiterin im Kampfe der
Mnner war nur die Windsbraut, die den Winter vertreiben half.

Jetzt schttet Flora wieder ihr ganzes Fllhorn ber unsere Grten und
in einem Regen von Rosen kehrt Delphine uns zurck. Sie warfen den
Panzer von sich; endlich sah ich wieder, da der Atem den schnsten
Busen leise bewegt; Sie legten das Schwert aus der weien Hand; endlich
war sie wieder frei fr meine Ksse.

Warum zgerten Sie, als die Knigin Sie bat, in dem neuen Singspiel
unseres Hofdichters mitzuwirken? Weil Herr von Laharpe nicht Herr von
Beaumarchais ist, oder der Graf Chevreuse nicht -- der Graf Guibert? Ich
wrde trostlos sein, wenn Sie nicht verraten htten, da der Rivale von
Ihrem Herzen noch nicht vollstndig Besitz ergriff.

War es amsant in den Bdern am Barrge? frugen Sie mich; Sie waren,
wie ich hre, in lustiger Gesellschaft! Dabei zuckte es um Ihren Mund,
und der Ton Ihrer Stimme war ein Dolch, der mich armen Snder
durchbohren sollte. Sie versuchten sogar mir Ihre Hand zu entziehen, die
ich in berstrmender Dankbarkeit fr dies Zeichen Ihrer Eifersucht, an
meine Lippen prete.

Ja, se Delphine, es war sehr amsant, und Mademoiselle Duth eine
reizende Trsterin fr Ihre Untreue!

Meinen Sie, Guy Chevreuse knne ehrerbietig wartend im Vorsimmer stehen,
bis seine Gebieterin die Gnade hat, ihn wieder zu empfangen? Jeder
vertreibt sich die Zeit nach seinem Geschmack: Die Marquise, indem sie
mit dem Grafen Guibert -- philosophiert, und mit Herrn von Beaumarchais
intriguiert, der Graf, indem er in den Bergen mit einer kleinen Freundin
-- die Natur bewundert.

Mssen wir einander nun mit Vorwrfen qulen? Die Liebe, schnste Frau,
hat weder Vergangenheit, noch Zukunft, nur Gegenwart. Sie ist wie der
farbenleuchtende Schmetterling, den wir gestern ber den Oleanderblten
gaukeln sahen: wer denkt daran, da er eine hliche Raupe war, wer
wte nicht, da man ihn spieen mu, um ihn zu erhalten?...

Wollen mir morgen unsere Rollen zusammen lesen, verehrte Marquise? In
Ihrem blauen Boudoir, dessen Blumenteppich die Wiese vorstellen kann,
auf der wir tanzen, dessen Nische mit den schwellenden Kissen auf dem
Diwan und den goldenen Amoretten, die darber die Vorhnge lchelnd
heben, die Laube sein soll, in der wir uns finden?


Marquis Montjoie an Delphine.

_Froberg, am 8. Juli 1776._

Meine Liebe! Ihr rascher Entschlu, nach Froberg zurckzukehren, ist ein
erfreuliches Zeichen Ihrer Einsicht. Ich ersehe daraus, da wir uns die
peinlichen Auseinandersetzungen ber Ihre Untersttzung der Kriegspartei
htten ersparen knnen. Es war, wie ich von vornherein annahm, eine
Laune, die nur ein wenig zu weit ging. Sie haben den Sturz des
Ministeriums beschleunigen helfen, und erwarben sich dadurch nicht nur
meine Anerkennung, sondern auch ein Recht auf meine Nachsicht fr Ihre
brigen Eskapaden.

Zu ihrer Ankunft ist alles bereit. Ich werde auch Ihren Wunsch, unseren
Sohn zu Ihrem Empfang kommen zu lassen, gern erfllen, obwohl ich diese
berraschende Anwandlung von Sentimentalitt nicht verstehe.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 12. Juli 1776._

Seltsam: auf einmal ist mir, als wre meine Liebe eine Blume mit tiefen,
starken Wurzeln. Htte ich Sie bisher nicht geliebt, ich mte Sie um
des Abschieds willen lieben, den Sie mir geben.

Meine Zunge und meine Feder sind um Worte nie verlegen gewesen, heute
versagen sie den Dienst. Ich kann nur ein Echo Ihrer Stimme sein, und
antworte Ihnen darum mit Ihren eigenen Worten:

Noch sah ich berall: auch das seste Liebesglck hinterlt
schlielich nichts als Wunden. Ich aber mchte mich seiner erinnern
knnen, wie man im Winter an einen sonnigen Sommertag denkt. Ich mchte
nicht, da Eitelkeit, Mitleid, Respekt vor der Tugend der Treue die
Existenz eines Gefhls vorzutuschen versuchen, das schon entschwand.
Wir wollen darum den Schmetterling, statt ihn zu spieen, in der blauen
Luft davonflattern lassen.

Folgen Sie ihm nicht mit den Blicken, holde Delphine; mir gingen im
Nachschauen die Augen ber, denn der helle Himmel blendet so sehr. Ich
mchte Ihnen auch diesen Schmerz ersparen.




DAS KIND




Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 30. September 1777._

Endlich! Sie hatten mich, teuerste Marquise, durch Ihr monatelanges
Schweigen auf die Folter gespannt. Stellten Sie Ihre Freunde schon durch
Ihre fluchtartige Abreise vor ein Rtsel, wie viel mehr durch Ihr
vlliges Verstummen. Die abenteuerlichsten Gerchte trug man einander
zu: da Sie mit einem Liebhaber entflohen seien; da Sie sich in ein
Kloster zurckgezogen htten. Schlielich verschwand Ihr Name aus der
Chronique scandaleuse; die sturmbewegten Wellen unserer raschlebigen
Zeit peitschten darber hinweg; nur wer sich selbst noch nicht ganz
verliert, dem blieben auch Sie unverloren.

Haben Sie Dank, wrmsten Dank, da Sie in Ihrem Kummer meiner gedachten.
Sie gaben mir damit den kostbarsten Beweis Ihrer Freundschaft. Nur da
Sie ber ein Jahr stumm gelitten haben, mache ich Ihnen zum Vorwurf,
nicht, weil ich Ihr Vertrauen teile, der Einzige zu sein, der zu helfen
vermag, sondern weil die Aussprache an sich schon Erleichterung
bedeutet. Es ist eine der wertvollsten Errungenschaften unsrer Epoche,
da wir unsere eigenen Gedanken denken, unsere eigene Sprache sprechen
lernten.

Sie haben sich, wie Sie schreiben, ganz Ihrem Sohn gewidmet, nachdem Sie
ihn durch einen wahren Feldzug von Kmpfen und Intriguen, sich erst
erobern muten; und mit einer Ehrlichkeit, die zu der Sentimentalitt
der meisten Frauen, die sich heute ihrer Mutterschaft erinnern, in
erfreulichem Gegensatz steht, fgen Sie hinzu: mich trieb nicht die
Liebe, sondern nur das Gefhl einer heiligen Pflicht, deren Erfllung
meinem Leben Inhalt und Ziel geben sollte.

Ich habe den Satz zehnmal gelesen, ehe ich mir vorzustellen vermochte,
da von den Rosenlippen der Marquise Delphine so schwere Worte fallen
konnten, und erst als ich weiter las, sah ich Sie wieder lebendig vor
mir: aber die Aufgabe erhebt mich nicht, sie drckt mich nieder,
schreiben Sie. Ein Tempel der Mutterliebe sollte das Schlchen sein,
das sich im Park von Froberg am Ufer des Sees wei und leuchtend erhebt.
A L'Enfant lieen Sie in goldnen Lettern ber die Tre meieln, wo
kurz vorher Mont de ma joie gestanden hatte. Die schnsten Blumen
lieen Sie pflanzen, mit Tieren aller Art bevlkerten Sie den Park --
die Natur selbst sollte meines Sohnes Erzieherin sein. Und dann kam
das Kind; es zerpflckte und zertrat die Blumen, es schlug nach dem
sanften Reh und dem kleinen Ktzchen, es warf mit Steinen nach den
Tauben, und seine Hlichkeit zwang Sie, alle Spiegel aus den Zimmern
entfernen zu lassen, um sie nicht verzehnfacht um sich zu sehen.

Was soll ich tun? fragen Sie mich verzweifelt; alle Mittel, das Kind zu
beeinflussen, sind erschpft; seine Neigungen bleiben roh, wie die
Umgebung, aus der es seine ersten Eindrcke empfing. Vielleicht waren
Sie zu gut fr diesen kleinen Wilden; vielleicht bedarf es nur eines
Mittels, seine unbndige Tatkraft in richtige Wege zu leiten; vielleicht
fehlt ihm der Ernst und die Strenge eines mnnlichen Erziehers.

Sie erwhnen Ihres Herrn Gemahls nicht, und ich darf wohl annehmen, da
er sich selten in Froberg aufhlt, da ich ihm in Paris hufig begegne
und man sogar von der Mglichkeit seines Eintritts in das Ministerium
schon gesprochen hat. Er scheint sich also wenig um seinen Sohn zu
kmmern.

Werden Sie mich recht verstehen, wenn ich Sie darum bitte, mir zu
gestatten, zu Ihnen zu kommen? Nur als ein Gast zunchst und als ein
Freund, dem nichts mehr am Herzen liegt, als Ihnen helfen zu knnen, der
aber mit einem bloen Rat nicht zu helfen vermag, solange er sich nicht
durch eigenen Augenschein ein klares Bild von der Lage der Dinge hat
machen knnen.

Ihrer Antwort sehe ich klopfenden Herzens entgegen. Ein Ja wrde den
dsteren Nebel, der seit Monaten mein Leben verschleiert, wie mit einem
ersten Sonnenstrahl durchbrechen.

Seit dem Tode der Lespinasse und der Geoffrin bin ich, wie viele mit
mir, heimatlos geworden. Niemand und nichts hat fr das Verlorene einen
Ersatz schaffen knnen. Mit dem fehlenden geistigen Mittelpunkt, um den
sich die ersten Mnner Frankreichs versammelten, lockert sich auch mehr
und mehr ihr geistiger Zusammenhang. Mssen wir es doch jetzt erleben,
da der aufs neue wtend entfachte Kampf zwischen den Anhngern Glucks
und denen Piccinis auch die Reihen der Encyklopdisten in zwei
feindliche Lager teilt.

Mehr denn je gehen die Mnner in ihre Klubs und Kaffeehuser; die Frauen
dagegen haben in den berhandnehmenden Teevisiten ein Mittel des
Zusammenseins gefunden. In der Vergrberung der Sitten meine ich jetzt
schon den Fortfall des zugleich anregenden und mildernden weiblichen
Einflusses im Leben der Mnner zu spren; treffen sich die beiden
Geschlechter bei festlichen Gelegenheiten, so herrscht zwischen ihnen,
die geistig nicht mehr miteinander leben, nur die Atmosphre schwler
Sinnlichkeit.

Sie sehen, es wre fr mich eine Erlsung, die Mauern von Paris hinter
mir zu haben; Sie mssen aber auch wissen, teuerste Marquise, da ich
das Glck, bei Ihnen zu sein, selbst seinen grten Genssen vorziehen
wrde.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 3. Oktober 1777._

Meine Liebe, die Nachricht, da der Kaiser von sterreich noch diesen
Monat nach Straburg kommt, veranlat mich, schleunigst dorthin
abzureisen, ohne Froberg zu berhren. Er befindet sich auf dem Wege nach
Paris und es ist von grter Wichtigkeit, den Monarchen vor der
Begegnung mit seiner erlauchten Schwester, der Knigin von Frankreich,
zu sprechen und, wenn irgend mglich, zu beeinflussen. Er reist zwar,
ein moderner Harun al Raschid, als einfacher Edelmann, sollte aber
trotzdem vom elsssischen Adel kaiserlich empfangen werden. Ich mu
daher in diesem Falle darauf bestehen, da meine Gemahlin in unserem
Hotel die Honneurs macht, wobei ich nicht unterlassen will, zu bemerken,
da ich es endlich mde bin, nach Monaten der Nachsicht, die Marquise
Montjoie die Rolle einer Kinderfrau spielen zu sehen. Engagieren Sie so
viel Personal, als Sie es fr ntig finden, aber schtzen Sie unser Haus
vor den wahnwitzigen, alle gute Tradition umstrzenden Ideen der Pariser
Philosophen; sie fhren unser Vaterland dem Verderben entgegen;
wenigstens die Familie will ich vor ihnen gerettet wissen.

Wie wenig besonders Herr Rousseau, auf den Sie sich zu berufen pflegen,
das Vertrauen verdient, das Sie in seine Erziehungsprinzipien setzen,
habe ich jetzt erst erfahren. Ganz abgesehen davon, da er durch seine
Undankbarkeit jeden seiner Gnner vor den Kopf stie, hat er es --,
nachdem er schon fast vergessen war --, fr ntig befunden, seine
Memoiren zu schreiben, die, was Mangel an Diskretion, an Takt und
Schamgefhl betrifft, aller Beschreibung spotten sollen. Er liest sie
gegenwrtig in Pariser Salons vor und hat erreicht, was offenbar seine
einzige Absicht war: wieder von sich reden zu machen. Intimste
Erlebnisse, die Menschen von guter Lebensart ebenso sorgfltig dem
Anblick Fremder entziehen, wie ihre krperlichen Mngel und Gebrechen,
schildert er mit derselben Behaglichkeit, mit der sich die Schweine in
ihrem eigenen Schmutze wlzen, und bis in die Kreise des Hofes hinein
gibt es Leute, die vor diesen Bekenntnissen der Wahrheit und
Natrlichkeit bewundernd in die Kniee sinken; die Marquise Girardin ist
sogar soweit gegangen, dem Verfasser ihr Schlo Ermenonville als
Zufluchtsort anzubieten.

Auch sonst mehren sich die Zeichen der gesellschaftlichen Auflsung.
Hatte man bisher nur ganz im stillen gewagt, die Handlungsweise des
Marquis Lafayette und seiner Freunde, -- zu denen ja leider auch der
Prinz Montbliard gehrt --, zu entschuldigen, whrend die
einflureichen Kreise der Gesellschaft in der Verurteilung der
franzsischen Offiziere und Aristokraten einig waren, die ihren Degen in
den Dienst von Insurgenten, und damit gegen das Knigtum zu stellen
wagten, so beginnt man jetzt, sich in aller ffentlichkeit fr sie und
damit fr die Sache, der sie dienen, zu begeistern. In einigen
Journalen wird bereits dem offenen Kriege gegen England das Wort geredet
und wir knnen uns im Augenblick glcklich schtzen, da wenigstens Herr
Necker, in Rcksicht auf die Finanzen, hirnverbrannten Plnen wie diesen
abgeneigt ist. England bekmpfen, hiee die amerikanische Republik
untersttzen und die Berechtigung der republikanischen Ideen auch bei
uns anerkennen. Ich hatte krzlich eine ernste Aussprache mit Herrn von
Vergennes, aber so sehr mir der Minister prinzipiell recht gab, so sehr
scheint er praktisch durch seine unvorsichtige geheime Untersttzung von
Herrn von Beaumarchais' amerikanischen Unternehmungen bereits engagiert
zu sein.

Wir haben also zunchst nur an Herrn Necker einen Rckhalt. Dieser
bourgeoise Genfer Bankier, dem man die Ordnung der Finanzen Frankreichs
anvertraute, aspiriert jedoch leider den Ministerposten und damit eine
Hofstellung, und der Knig, in unbegreiflicher Nachgiebigkeit gegenber
der nivellierenden Zeitstrmung, zieht ihn bereits ganz in sein
Vertrauen.

So sehr man sich diesen Herrn als ein notwendiges bel gefallen lassen
mu, so gehrt er doch ebensowenig in unsere Intimitt, wie ein
Haushofmeister, dem man seinen Weinkeller anvertraut.

Hofften wir bisher, auf die Knigin rechnen zu knnen, -- ich glaube
sogar, da Ihr Einflu, meine Liebe, nicht zu unterschtzen gewesen
ist, und der Fall Turgots, der klger und darum weit gefhrlicher war
als Necker, auf das vorbergehende politische Interesse der Knigin
zurckgefhrt werden kann, -- so ist jetzt, wo die Grfin Polignac und
die Prinzessin Lamballe nichts als ihre teils sentimentalen, teils
luxurisen Neigungen untersttzen, und die vergebliche Hoffnung auf
einen Thronerben den Knig ihr entfremdet, keine Rede mehr davon. Sie
spielt Komdie, sie tanzt, sie erteilt Schneiderinnen, Knstlern und
Poeten Audienzen, -- das ist die harmlosere Seite ihres Lebens --, sie
erlaubt nicht nur dem Prinzen Artois, sondern auch den Kavalieren des
Hofs, ihr zu huldigen, als wre sie keine Knigin.

Alle dem gegenber werden Sie begreifen, da der Besuch des Kaisers von
sterreich von grter Bedeutung ist.

Ich erwarte, da Sie bereits Ende dieses Monats alle Anstalten zu
unserem Straburger Aufenthalt getroffen haben werden.


Kardinal Prinz Rohan an Delphine.

_Straburg, am 18. Oktober 1777._

Es bedurfte also eines gekrnten Hauptes, um unsere schne Marquise aus
der selbstgewhlten Verbannung zurckzurufen! Ich war entzckt, als ich
auf meiner gestrigen Ausfahrt ber den Platz St. Pierre le Jeune, die
Pforten Ihres Hotels offen fand, und ich beeile mich, mit diesen Blumen
und Konfitren an die mir hoffentlich nicht immer verschlossene Pforte
Ihres Herzens anzupochen. Sie haben fr Ihre reizenden Snden genug
gebt; ich spreche Sie los und ledig, Frau Marquise!

S. M. der Kaiser wird mir die Ehre erweisen, morgen nach der Parade das
Frhstck bei mir einzunehmen. Der Herr Marquis hat seine Teilnahme
zugesagt; darf ich auch auf die Ihre rechnen? Ein Fest ohne Sie wre
keins, auch wenn alle Monarchen der Welt zusammen kmen.

Fr den Barbier von Sevilla, -- durch dessen Auffhrung wir dem
gekrnten Puritaner wohl beweisen wollen, wie wenig wir uns durch die
Satire des Stcks getroffen fhlen! --, stelle ich Ihnen meine kleine
Loge zur Verfgung. Herr von Beaumarchais, dessen Anwesenheit in
Straburg mich schlieen lt, da eine politische Intrigue in der Luft
liegt, wird Sie dort ungestrt begren knnen, nachdem Ihr Herr Gemahl,
wie er mir soeben mitteilte, ihn zu empfangen nicht geneigt ist. Sie
sehen, schnste Frau, wie ich mich bemhe, Ihre unausgesprochenen
Wnsche zu erfllen. Darf ich dafr hoffen, endlich zu dem Ku
zugelassen zu werden, den Sie mir seit Chantilly schuldig sind?!


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Straburg, am 25. Oktober 1777._

Verehrteste Frau Marquise, Sie haben es mir nicht glauben wollen, da
die Aussicht auf ein Wiedersehen mit Ihnen mir Straburg anziehender
machte als die auf eine mgliche Begegnung mit dem Sohne Maria
Theresias? Wir, denen die Politik noch eine Kunst ist, bedrfen der
Frauen mehr, als die gekrnten Handelsreisenden, die sie als ein
Geschft betreiben.

Nun haben Sie mich zwar mit grter Liebenswrdigkeit begrt, -- vor
dem ganzen Theater, in Ihrer groen Loge, ohne diskrete Vorhnge --,
aber ich bin ein zu guter Kenner aller Nancen des Frauenlchelns, um
nicht empfunden zu haben, da es weniger meinen Handku, als das
Stirnrunzeln des Herrn Marquis, das sarkastische Lippenkruseln des
Herrn Kardinals hervorzurufen bestimmt war. Ich wei darum nicht, ob ich
die reizende Marquise Montjoie noch als meine Aliierte betrachten darf.

Frauen sind wie Kinder: sie spielen jedes ihrer Spiele mit vollkommener
Hingabe aber ohne die geringste Ausdauer. Wenn es keine Knige gbe,
wrde ihr Wankelmut durch nichts bertroffen werden.

In diesem Fall wre ich fast geneigt, ihn zu entschuldigen. Nicht, weil
Sie augenblicklich Mutter spielen und damit mehr tun als Rousseau, der
wie alle Priester sich auf bloes Predigen seiner Lehre beschrnkt hat,
sondern weil ich selbst hufig genug das Bndnis mit mir brechen mchte.

Sie wissen: seit der Unabhngigkeitserklrung der Vereinigten Staaten
ist unseren Philosophen ein Stein von der Seele gefallen, denn sie sehen
ihre Ideen verwirklicht, ohne selbst dabei sein zu mssen. Man brstet
sich vor Stolz, da der Abb Mably von der jungen Regierung beauftragt
wurde, seine Prinzipien der Gesetzgebung zu einem Verfassungsentwurf
auszuarbeiten und man schwrmt begeistert fr die kommunistische
Demokratie in -- Amerika. Ich, der Erste, der Frankreich fr Amerika
engagierte, mte mitschwrmen, aber seitdem Herr Franklin die Freiheit
und die Gleichheit reprsentiert, bin ich geneigt, die Despotie zu
vertreten.

Das Feuer der Begeisterung scheint auch bei den franzsischen Kmpfern
jenseits des Meeres, nach denen Sie, verehrteste Frau Marquise, sich mit
solchem Interesse erkundigen, um so niedriger zu brennen, je mehr sie
einsehen, da die Gttin der Freiheit fr die biederen Farmer und
kleinen Krmer doch nur ein Marktweib ist, das ihre Waren mglichst
teuer an den Mann bringen soll. Die Nachrichten ber die kriegerischen
Erfolge lauten momentan nicht erhebend.

Ich wollte durch eine Politik, die eines Alexander wrdig war, die Welt
reformieren, aber ich sehe ein, unsere Reformen schdigen uns heute noch
mehr als unsere Laster. Darum vertausche ich zu meiner Erholung das
Schwert, das sich in dem Riesenviehstall Frankreichs als Ersatz fr eine
Mistgabel als unzureichend erweist, wieder einmal mit der Feder, die
wenigstens spitz genug ist, um einzelne Stcke allgemeinen Unrats
aufzuspieen.

Die guten Straburger htten es freilich lieber gesehen, wenn der
andalusische Barbier aus Sevilla sich ber spanische Sitten lustig
machen wrde, als franzsische Zustnde zu kritisieren; ich habe ihnen
zu ihrer Beruhigung versichert, da ich mein Stck gewi spanisch
geschrieben haben wrde, wenn Voltaire seine Lettres anglaises englisch
und Montesquieu seine Lettres persanes persisch geschrieben htten. Da
Sie mir brigens zum Beifall des Kaisers gratulierten, beweist, wie
lange -- eine Ewigkeit von anderthalb Jahren! -- und wie weit Sie von
Paris entfernt sind. Nichts kompromittiert heute mehr als der Applaus
der Frsten, und ich wrde gestern an meinem Talent irre geworden sein,
wenn ich nicht zwischen dem Herrscher sterreichs in der grnen Uniform
und Herrn Benjamin Franklin in dem erdbraunen Qukerrock eine
hnlichkeit entdeckt htte: Beide freuen sich ber meine Komdie nur
darum so sehr, weil sich ihre eigene Tugendhaftigkeit so strahlend von
dem dunklen Hintergrunde abhebt.

Darum wird mir auch die Ehre einer Audienz zuteil. Joseph II. ist ein
aufgeklrter Monarch, der Dichter und Denker zu schtzen wei. Ich
verstehe: wie bisher in der Garkche der Welt alle Gerichte nur deshalb
hergestellt wurden, um den Gaumen hoher Herrn zu kitzeln, so sind heute
Gedanken und Gedichte fr sie nichts weiter als Reizmittel fr ihren
erschlafften geistigen Magen.

Erzhlen Sie dem Herrn Marquis von der Ehre dieses Empfangs, dann wird
er nicht daran zweifeln, da ich nur ein ffentlicher Spamacher bin,
und die Stirn nicht mehr in Falten ziehen, wenn die Lippen eines
Aventurier die schne Hand seiner Gattin berhren. Bedrfen Sie jedoch
eines Funkens, um das Pulverfa eheherrlichen Zorns zum Explodieren zu
bringen -- wie ich fast vermute! -- so sehen Sie mich mit Freuden auch
zu dieser Rolle bereit. Sie drften ja von vornherein der Gefahr sich
bewut sein, da in Ihrer Nhe jeder Funken zur Flamme wird.


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Straburg, den 30. Oktober 1777._

Teuerste Marquise -- Welch eine Nacht liegt hinter mir! Angesichts der
Nachrichten aus Paris sah ich alle Trume meiner Jugend vor mir
auferstehen: Helden in Silberrstung schlugen mit feurigem Schwert die
bsen Geister meines skeptischen Alters in die Flucht!

Saratoga gefallen -- die Englnder vernichtet -- Amerika befreit! Das
ist der Anfang einer neuen Epoche der Weltgeschichte! Wre ich in Paris,
ich wrde sogar Benjamin Franklin in meine Arme schlieen!

Wir mssen die Stunden, die wir durchlebten, festhalten, damit sie unser
Leben noch erleuchten, wenn jede Erinnerung sich uns verdunkelte!

Wissen Sie noch, wie ich Ihnen nach der Tafel in der ppigen Bibliothek
des Prinzen Rohan, wo es mehr schwellende Sophas und tiefe Polstersthle
als Bcher gibt, die Provinzkomdie schilderte, die Straburg aus der
Tiefe meines Tintenfasses grinsend hatte auftauchen lassen. Ich
zeichnete Ihnen gerade die Portrts ihrer Helden: des Kardinals Rohan
als des Hauptes aller Glubigen, wie er in der roten seidenen Soutane,
von Spitzen berrieselt, die an Wert seine Dizese aufwiegen, an der
weien Hand einen Brillanten, den die ganze Krone Frankreichs nicht
ersetzen knnte, morgens an dem mit Rubinen und Smaragden besetzten
Missale die Messe zelebriert und sein Apage Satanas gegen alle
Aufklrer schleudert; des Prinzen Rohan sodann als den matre de plaisir
der besten Gesellschaft, wie er im goldgestickten Surtout mit gemalter
Weste, an der jeder Knopf eine kostbare Perle ist, abends vor der
beladenen Tafel kleinen Tnzerinnen mitleidig Durst und Hunger stillt
und sein Evo allen Puritanern entgegenjubelt.

Ich hre noch Ihr helles Lachen, -- das ich schon ganz verstummt glaubte
--, als ich Ihnen auseinandersetzte, da die beiden Helden notwendig von
einem Schauspieler gespielt werden mten! Und ich sehe noch das Zucken
um Ihre Mundwinkel, -- war es unterdrckte Freude oder niedergezwungene
Emprung?! --, als ich Ihnen verriet, da meine Bekanntschaft mit diesem
Kardinal und Prinzen mir das Rtsel, warum die Theologen sich neuerdings
so sehr bemhen, die Gttlichkeit Christi weg zu disputieren, gelst
hat: welch ein Triumph wre es fr die Kirchenfrsten, die Autoritt
dessen, der die Armut predigte, so erschttert zu sehen!

Im Augenblick dieser blasphemischen uerung hrten wir Tren schlagen,
Sthle rcken, lautes Stimmengewirr, -- wir traten neugierig in den
groen Saal --, es war ein unvergelicher Anblick fr den
Physiognomiker: alle Gemtsbewegungen malten sich auf den Gesichtern,
Zorn und Freude, Enttuschung und Befriedigung, Ha und Liebe.

Saratoga ist gefallen!

Die jungen Offiziere lieen die Sporen klirren, das Gefolge des Kaisers
von sterreich verbarg hinter blassen festgeschlossenen Lippen seine Wut
und affichierte durch sein Schweigen seine monarchische Gesinnung,
whrend franzsische Aristokraten, ihren Jubel schwer unterdrckend,
mich umringten, um mir verstndnisvoll die Hand zu schtteln.

Den Grafen von Falkenstein, -- wie der Kaiser von sterreich sich zu
nennen beliebt, um seines Menschseins ein wenig froh zu werden --, sahen
wir in ernstem Gesprch mit dem Kardinal Rohan und dem Marquis Montjoie.

Sie konspirieren gegen die Freiheit, sagte ich. Da fhlte ich Ihre
Hand auf meinem Arm, sah in ein glhendes Antlitz, in trnenfeuchte
Augen und hrte eine se Stimme flstern: Ich bin noch Ihre Aliierte!

War diese Nacht Fortuna selbst, die ihres Fllhorns ganzen Reichtum ber
mich auszuschtten im Begriffe stand?! Ich zog Ihre Hand an meinen Mund,
der sekundenlang auf der weien duftenden Haut zu ruhen wagte --, ich
sah auf, -- noch zitternd wie vom pltzlichen Fieber, da traf mich Ihr
Blick --

O, Frau Marquise, ich hatte wahrhaftig vergessen, da ich Figaro bin --
nichts als Figaro!

Wenigstens will ich mich jetzt dieser Rolle wrdig erweisen.

Die Ereignisse fordern meine schleunige Anwesenheit in Paris. Dieser
Brief, zwischen Nacht und Morgen geschrieben, ist mein schriftlicher
Abschied.

Leider mu ich erwarten, da diese Eile Ihren Beifall findet: Figaro
sollte ja Erkundigungen einziehen nach dem Jugendfreunde, dem Prinzen
Montbliard. Er wird es tun, und sollte er zu diesem Zwecke den Ozean
durchkreuzen mssen! Nur da er lchelte, als Sie mit dem ernstesten
Gesichtchen von dem Freunde sprachen, drfen Sie seiner
Menschenkenntnis nicht verargen. Glauben Sie wirklich an eine
Freundschaft zwischen Mann und Weib?! Sie ist entweder ein Deckmantel
fr die Asche ausgebrannter Flammen, oder fr die Glut entstehender!
Trotz alledem: Figaro hlt Wort!


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 5. November 1777._

Meine Liebe! Sie werden inzwischen eingesehen haben, wie sehr ich recht
hatte, als ich die Nachricht von unseres Sohnes Erkrankung nicht so
tragisch nahm wie Sie und Ihre Abreise von Straburg zu verhindern
suchte. Der Anfall wre auch ohne Ihre Anwesenheit vorbergegangen. Herr
Dr. Tronchin wird Sie gewi inzwischen ber den Zustand des Kindes
beruhigt haben.

Erwarten Sie brigens nicht, da ich ber die eigentliche Ursache Ihrer
Abreise und Ihrer Weigerung mich zu begleiten, im Zweifel wre. An Ihre
berschwengliche Mutterliebe werden Sie mich kaum glauben lassen,
nachdem Sie sich bis vor anderthalb Jahren um das Kind gar nicht
gekmmert haben, und ich seitdem oft genug beobachten mute, wie Ihr
allzu sprechender Blick eher mit einem Ausdruck des Erschreckens als der
Zrtlichkeit auf dem Kleinen ruhte. Sie suchen vielmehr jeden Vorwand,
um sich von mir fern zu halten. Ihre Auseinandersetzungen ber die
Gegenstze der Ansichten zwischen uns, die jede Annherung verhinderten,
ist auch nur ein solcher.

Die Ehe ist kein Ministerium, sonst mten ihre Teile ebenso hufig
wechseln, wie ein solches; sie ist aber auch kein Liebesverhltnis,
sonst wrde sie vollends von krzester Dauer sein. Sie ist vielmehr ein
Bndnis zum Zweck der Frderung gemeinsamer Familieninteressen. Von
diesem Standpunkt ausgehend, habe ich ein Recht, Ihre Teilnahme an
meinen Bestrebungen, die das Ansehen, den Reichtum, die Macht meiner
Familie zum Ziele haben, zu frdern. Da dazu in erster Linie die
Sicherung unserer Erbfolge gehrt, ist selbstverstndlich. Unser Sohn
ist, -- ich bin, wie Sie sehen, ebensowenig blind wie Sie --, kein
erfreulicher Spro unseres Hauses. Es ist nicht unmglich, da er nicht
alt wird. Ich, als der letzte meines Stammes, habe die Verpflichtung,
fr die Erhaltung meines Geschlechts zu sorgen. Nur deshalb whlte ich
ein junges, blhendes Mdchen zu meiner Frau, ohne mich darum zu
kmmern, da sie nichts weniger als eine gute Partie gewesen ist.

Ich denke, Sie verstehen mich jetzt, meine Liebe, und werden, sobald
ich zurckkehre, Ihr Benehmen darnach einrichten.

Mein Aufenthalt hier ist leider nicht so befriedigend, als ich gehofft
hatte. Zwar haben unsere Ratschlge den Kaiser von sterreich nicht
unbeeinflut gelassen; seine groe Einfachheit wirkt auf den Hof
sichtlich beschmend; auch das Volk begeisterte sich vorbergehend fr
seinen schlichten Soldatenrock.

Eine Fischhndlerin, -- vermutlich die Geliebte irgend eines Philosophen
--, hatte sogar die Keckheit, ihm einen Blumenstrau mit den Worten zu
berreichen: Wie glcklich mu das Volk sein, das Ihre Tressen zu
bezahlen hat.

Aber im allgemeinen finde ich meine Ansicht besttigt, da ein Monarch,
wenn er die Loyalitt erhalten will, sich der Menge ebenso fern halten
soll, wie Gott den Glubigen, den sie auch aufhren wrden anzubeten,
wenn er ihresgleichen wre. Der Kaiser von sterreich ging ohne Gefolge
spazieren, besuchte die Philosophen, lie sich von Herr von Vaucanson
seine neue Spinnmaschine, von Buffon die geologischen Perioden erklren,
sah in den verschiedensten physikalischen Kabinetten den elektrischen
Experimenten zu, und schien diesen Dingen eine grere Bedeutung
beizulegen als den Fragen der Politik. Nach drei Tagen war er fr Paris
kein Kaiser mehr.

Ob er gegenber seinen erlauchten Verwandten seinen Einflu im Sinne
des Friedens geltend gemacht hat, lt sich heute noch nicht
feststellen. Der allgemeinen Stimmung sich zu widersetzen, dazu bedrfte
der Knig eines energischen Ratgebers. Alle Anstrengungen, die von mir
und meinen Freunden ausgehen, werden in ihren Folgen von vornherein in
Frage gestellt, wenn wir nicht einmal unser eigenes Haus von Leuten wie
Herrn von Beaumarchais frei halten knnen.


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, 5. November 1777._

Meine teuerste Marquise! Schon frchtete ich aus Ihrem Schweigen
schlieen zu mssen, da ich Sie in irgendeiner Weise verletzt haben
knnte. Und nun begegnet mir das groe, unaussprechliche Glck, dessen
Fehlen wohl die Einsamkeit der Einsamen so frchterlich macht: einem
Menschen notwendig zu sein!

Sobald ich hier die ntigsten Geschfte erledigt habe, werde ich auf dem
raschesten Wege in Froberg eintreffen. Meine Freude wrde mein Mitleid
berflgeln, wren Sie nicht sein Gegenstand. Arme Delphine! kaum
glaubten Sie sich dem Bann, der auf Ihnen lag, durch den Straburger
Aufenthalt ein wenig entrissen zu haben, als er Sie durch die
schreckenerregenden Krmpfe des Kindes wieder in seine Gewalt bekam; und
nicht genug, da die Angst Sie peinigt, Sie berlassen sich auch in
grausamer Selbstqulerei den Vorwrfen eines allzu zarten Gewissens.

Ist es Ihre Schuld, da Sie, wie Herr Dr. Tronchin Ihnen sagte, zu frh
Mutter wurden? Ist es nicht Schuld der Gesellschaft, die es zur Sitte
werden lie, da die Tchter vornehmer Familien so frh als mglich --
verkauft werden? Ist es Ihre Schuld, da Sie nicht warten durften, bis
Ihr Herz und Ihre Sinne den Vater Ihres Kindes whlten? Oder ist es
nicht abermals die unshnbare Schuld einer bis ins innerste Mark hinein
verdorbenen Gesellschaft, da sie die Ehe zu einem Geschft erniedrigte
und damit die Liebe zu einem Laster werden lie? Ist es wirklich Ihre
Schuld, da der zarte Knabe einer derben Buerin zur Pflege anvertraut
wurde? Kein Grtner ist in seinem Fach so ungebildet, da er eine blasse
Treibhausrose in einen Kchengarten der Vogesen verpflanzen wrde, aber
die Gesellschaft rhmt sich, ihre Glieder dann am besten erzogen zu
haben, wenn sie sich am weitesten von den Gesetzen der Natur entfernen.

Ich mchte Ihre Seele heilen, Frau Marquise, damit Sie die Dolchklingen
des Gewissens nicht mehr selbstmrderisch gegen sich selber zckt,
sondern gegen die groen Verbrecher wider die Natur: Staat und
Gesellschaft. Die Zeit kann nicht mehr fern sein, wo sich alle seine
unschuldigen Opfer wider ihn erheben. Wie Sturmzeichen wirkte schon der
Fall von Saratoga auf die Pariser: arme Handwerker und kleine
Staatsbeamte, die bis vor kurzem zu denken sich nicht erlaubten, sah ich
mit erhitzten Kpfen und aufgeregten Gebrden im Garten des Palais-Royal
zusammenstrmen, als die Botschaft vom Siege der Freiheitskmpfer sich
verbreitete; einer von ihnen, ein stubenblasser Schneider, sprang auf
einen Stuhl und rief mit einer Stimme, die seine schmale Brust zu
sprengen schien: Nun, Europa, folge nach! Eine Stunde spter war sein
Aufruf zum Refrain eines Liedes geworden, das heute schon die Kinder in
den Hfen singen.

Sie schrieben von dem einsamen Winter in Froberg, als ob Sie sich darum
bei mir entschuldigen mten. Unsere hoffnungsvollen Trume sollen ihn
bevlkern!


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 16. April 1778._

Verehrte Frau Marquise. Seit meinem Abschied von Straburg ist fast ein
halbes Jahr verflossen.

Mit den Farben der schnsten Frau geschmckt, vertraute ich mich, ein
zweiter Bayard, den Meereswogen an und lenkte mein Schiff durch wilde
Strme und drohende Klippen dem fernen Ziele zu, das sie mir bestimmt
hatte. An unwirtlicher Kste warf mich ein rasender Orkan ans Land.
Mein Schwert hieb mir Bahn durch dunkle Urwlder, streckte grliche
Ungeheuer vor mir nieder, verteidigte mein Leben gegen Horden
feindlicher Rothute und fhrte mich schlielich, sieggekrnt, in die
Stadt der weien Marmorpalste und goldenen Bildsulen. Vor dem Tempel
der Freiheit, der wie die Sonne leuchtet, von Rosenbumen, die hoch und
stark sind wie unsere Eichen, dicht umgeben, fand ich die Helden
Frankreichs auf purpurnem Pfhle von ihren Taten ruhen; die holdesten
Tchter des Landes wuschen den Staub von ihren Fen und boten ihnen
lchelnd die Blte ihrer Jugend dar.

Sie schtteln den Kopf, Frau Marquise, Sie glauben mir nicht? Sie
behaupten, Beaumarchais habe Frankreich nicht verlassen? Wissen Sie
vielleicht ebenso genau, wo Figaro inzwischen gewesen ist?! Mit Eiden,
so heilig, wie das Keuschheitsgelbde der Priester und der Treueschwur
der Gatten, bezeuge ich Ihnen, da er vor dem Tempel der Freiheit seine
Andacht verrichtete und den Prinzen Montbliard, den tapferen Kmpen,
begrte.

Sie glauben mir noch nicht, Frau Marquise?! Wehe, wenn sogar bei Ihnen
die verderbte Zeit den Glauben an die unverbrchliche Heiligkeit des
Eides zerstrte!!

Kurz und gut: der Prinz ist gesund, hat sich geschlagen wie ein
Franzose, wird angebetet wie Apoll, und ist keusch wie Joseph.

Nicht wahr, nun blttern Sie gergert die nchsten Seiten meines
Briefes um: Habe ich ihm erlaubt, mir mehr zu schreiben?! sagen Sie.
Und doch mssen Sie mir zuhren, denn durch mich kommt in diesem
Augenblick nicht nur Paris, sondern die Welt zu Ihnen, nachdem
Jean-Jacques Sie dem Einen entzog, der Anderen entfremdete.

Voltaire ist in Paris! Das Pariser Parlament verbrannte seine Bcher,
die franzsische Regierung trieb ihn aus seinem Vaterlande, aber seine
Ideen stiegen, die Welt erleuchtend, aus dem Scheiterhaufen bloen
Papiers, und jedes Jahr seiner Verbannung bahnte ihm mit Feuer und
Schwert den Weg nach Frankreich.

Das Erscheinen eines Propheten und Apostels htte in Paris keine grere
Begeisterung entfachen knnen, als das seine. Alle anderen Interessen
traten zurck: die Kriegsgerchte, die Hofintriguen, selbst der groe
Kampf zwischen den Piccinisten und den Gluckisten. Das Parlament
verstummte, die Sorbonne zitterte, die Enzyklopdisten, die sich sonst
als Riesen gebrdeten, erschienen wie Zwerge. Und der Knig, eben
gewillt, sich daran zu erinnern, da der Ausweisungsbefehl gegen
Voltaire noch nicht aufgehoben ist, fhlte pltzlich, da es grere
Mchte gibt, als die der Majestt von Frankreich.

Nach Voltaires Ankunft drngte sich ganz Paris zu seiner Huldigung und
mit jenem Esprit, jener Grazie und Hflichkeit, die nur er aus der
Vergangenheit in die rauhe Gegenwart hinbergerettet hat, antwortete er
jedem einzelnen.

Dann kam der Tag, der die Erfllung seines Lebens war. Mittags empfing
ihn die Akademie; smtliche ihrer Mitglieder, mit Ausnahme der Bischfe,
die sich hatten entschuldigen lassen, gingen ihm bis zum Portal
entgegen, -- eine Ehre, die noch keinem, selbst dem Knig nicht, zuteil
geworden ist. Er stieg aus der Kalesche: klein und schmal mit der grauen
Percke, wie er sie schon vor vierzig Jahren trug, ber der blassen
Stirn, dem roten pelzverbrmten Samtrock um die fleischlosen Glieder,
und den breiten Spitzenmanschetten ber den schmalen gelben Hnden,
deren lange Finger an die Krallen seines Geistes gemahnten, die er, ein
blutdrstiges Raubtier, allem niedrigen Gezcht in die Flanken schlug,
-- da neigten sich jene Unsterblichen, die ohne ihn sehr sterblich
geblieben wren, vor einem einzigen blitzartig aufzuckenden Blick seiner
Augen.

Doch die Huldigungen der Akademie waren nur das Prludium dessen, was
ihn im Theater der Nation erwartete. Der Einzug eines Triumphators war
schon sein Weg vom alten Louvre bis zu den Tuilerien: Tausende sumten
die Strae, alle Rangunterschiede vergessend; die roten Hacken der
Kavaliere berhrten sich mit den Holzschuhen der Handwerker, die
seidenen Polonaisen der Damen mit den blauen Schrzen der Mgde. Im
Theater empfing ihn frenetischer Jubel. Alles erhob sich, als er
eintrat; von der ungeheuren Bewegung zitterten die Kerzen, das Rauschen
der Kleider war wie fernes Wellenbrausen, und als eine reizende Schne
das greise Haupt des groen Mannes mit Lorbeer krnte und alle Blumen,
die eben noch Haar und Busen der Frauen geschmckt hatten, ihm zuflogen,
da schien der Augenblick gekommen, wo Intoleranz und Fanatismus,
gefesselte Giganten, der Gttin Vernunft zu Fen gezwungen wurden.

Dunkle Nacht empfing den Gefeierten, als das Theater sich hinter ihm
schlo; aber kaum erschien er auf der Freitreppe, so flammten schon
ringsumher Fackeln auf, unter denen sich eine unabsehbare schwarze
Menschenflut auf und ab bewegte. War sein Antlitz bisher fast unbewegt
geblieben, so sah ich ihn jetzt erbleichen, sah seine Augen sich weiten,
sah wie die Arme, die eben noch schwer auf den Schultern seiner
Begleiter gelegen hatten, sich aufwrts bewegten, wie die wchsernen
Hnde sich streckten.

Der Priester der zuknftigen Religion segnete die Menge. Ihr feierliches
Schweigen bewies, da sie ihn verstand.

Im Augenblick aber, da er, wieder ein mder Greis, auf die Freunde
gesttzt, die Stufen hinabzuschreiten begann, rief einer von unten, den
niemand sah, der aber die Stimme aller zu sein schien, mit dem
getragenen Tonfall des psalmierenden Kirchenchors:

    Je suis fils de Brutus et je porte dans mon coeur
    La libert grave et les rois en horreur.

Im Takt seiner eigenen Verse, die, ein unendliches Echo, von der
Menschenmauer zu beiden Seiten der Strae widerklangen, fuhr Voltaire
durch die Straen. Erst die Ehrfurcht vor dem Schlaf des Erschpften
brachte sie vor seinem Hause zum Verstummen.

Da uns unser gefhrlicher Konkurrent, die Weltgeschichte, mit ihren
groen Tragdien und kostbaren Lustspielen immer wieder als jmmerliche
Stmper erscheinen lt, sind wir nachgerade gewhnt, da sie uns aber
auch mit der Auffhrung der ergreifendsten Pantomime zuvorkam, ist
beschmend. Herr Cochin, der Sekretr der Kunstakademie, der nicht
aufhrt zu verknden, die Zukunft der Bhne gehre der Pantomime, darf
heute neben Voltaire den Triumphator spielen.

Nur in der Moral knnte die Weltgeschichte von uns Komdienschreibern
lernen: wir entlassen unser Publikum im Augenblick der hchsten Gefhle:
in seinem Schnupftuch trgt es seine Rhrung, seine Erschtterung und
Begeisterung nach Hause, wenn das Stck zu Ende ist.

Aber die Weltgeschichte! -- hren Sie selbst:

Herr von Voltaire fhlte sich leidend --, sei es, da er zu viel vom
Champagner der Huldigungen getrunken hatte oder zu wenig, denn die
Flasche aus den kniglichen Kellern fehlte noch! -- Man schickte ihm den
Arzt, aber er verlangte nach -- dem Priester. Der Abb Gauthier kam in
fliegender Eile; es galt einen fetten Bissen fr die Kirche! In einem
Schlafgemach, das mehr dem Tempel der Wollust als dem Heiligtum der
Musen glich, -- Herr von Villette, Voltaires Freund und Gastgeber,
huldigt wie die Weisen Griechenlands dem Kultus jener Liebe, die unsere
christliche Moral zwar verdammt, unsere antike Bildung aber grozchtet
--, nahm er die Beichte des Ketzers entgegen. Wre der Kranke gleich
danach gestorben, sein letztes Wort wrde nicht, wie wir groen Dichter
es auf der Bhne wirkungsvoll arrangiert haben wrden, crasez
l'infme gewesen sein, sondern: ich sterbe in der heiligen
katholischen Religion...

Da der Knig ihn trotz dieses reumtigen Bekenntnisses nicht empfing,
als er wieder genesen war, hat Herrn von Voltaire sehr gekrnkt!

Aber unsere groe Pantomime hatte noch mehr Mitwirkende, denken Sie. Das
Alter hinderte den Patriarchen, die Rolle des Helden bis zu Ende zu
spielen, das Schwert wurde ihm zu schwer. Die, die ihm zujubelten,
nahmen es auf.

Es scheint mir nachgerade, da es trichter ist, den Glauben an die
Menschen zu bewahren, als den an Gott und alle Heiligen. Denn trotz
aller Beweise der Atheisten und der tausendneunundneunzig Paragraphen
des Baron Holbach gibt es schlagendere gegen den Menschen-, als gegen
den Gottesglauben.

Zwei Tage nach dem Triumph Voltaires fhrte mich die Neugierde zu einem
gewissen Herrn Mesmer, dem als Helfer in allen Leibesnten ein
geheimnisvoller Ruf vorangeht. Um einen Tisch fand ich dicht gedrngt
eine Menge Menschen sitzen. Mit dem Ausdruck inbrnstiger Andacht
drckte ein jeder das Ende eines Stahlrohrs, das aus dem Tisch
hervorragte, an irgend einen, auch den unbeschreiblichsten Krperteil.
Dazu spielte ein schwarzgekleideter Mann Harmonika, und ein anderer ging
feierlichen Schrittes hin und her, die Fingerspitzen seiner Hnde
sekundenlang auf die Kpfe der Sitzenden pressend. Es waren Leute mit
klingendem Namen darunter, -- die Herzogin von Granville, der Graf von
Artois, und sogar einer Ihrer Freunde, der Graf Chevreuse --, manche
von ihnen hatten vorgestern erst Voltaires Hand an die Lippen gezogen.
Und heute glauben sie an die magnetische Zauberei Herrn Mesmers, und
wrden ihm am liebsten die unheilbarste aller Kranken anvertrauen:
Madame la France, -- schon um Herrn Necker endlich wieder los zu werden!

Finden Sie nun nicht auch, schnste Frau, da die Wirklichkeit ein
miserables Stck ist?! Wo bleibt die Einheit der Handlung, die
Steigerung des Konflikts, die erhebende Lsung?!

Wenn ich nicht wte, da Sie in der Wste leben, -- gibt es auerhalb
von Paris etwas anderes? --, ich wrde mich dieses Briefes wegen
entschuldigen, der mehr fr die schwarzen Setzerfinger des Mercure de
France, als fr die weien Hnde der reizenden Marquise bestimmt
scheint.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Paris, 19. Juli 1778._

Ein Brief aus dem Jenseits, meine liebe Marquise, htte mich nicht mehr
berraschen knnen, als der Ihre! Sie waren verschollen, wohl auf irgend
eine selige Insel entfhrt, in Gesellschaft eines deutschen Philosophen,
-- kann man deutlicher zeigen, fr uns eine Verstorbene sein zu wollen?

Sie fragen nach der neuesten Attraktion von Paris, Herrn Mesmer, bei dem
mich Ihr geheimer Berichterstatter beobachtet haben will. Natrlich hat
er richtig gesehen. Ich versume grundstzlich keine Sensation, weder
die Menschenrechte, noch den Magnetismus. Es ist so wundervoll, sich auf
die Freiheit berufen zu knnen, wenn man nichts anderes tun mchte, als
was einem gefllt, und auf die Gleichheit, wenn man ein kleines
Vorstadtmdchen verfhren will! Da ich nun, wie Sie wissen, seit zwei
Jahren am Herzen leide, ging ich zu Doktor Mesmer. Er heilte mich nicht,
-- seinem Magnetismus wirkt offenbar ein strkerer entgegen! -- aber
sonst heilt er alles, selbst chronischen Bldsinn. Wir sind
infolgedessen in Versailles erstaunlich geistreich geworden. Wollen Sie
ernstere Beweise fr seine Zauberknste? Fragen Sie die Grfin Polignac,
die ihre Vapeurs, den Herrn von Champcenetz, der seine bse Zunge
verloren hat, die Prinzessin Gumne, die einen ppigen Busen bekam,
und den Herzog von Orleans, dem die Haare wieder gewachsen sind. Am
besten tun Sie aber, wenn Sie selber kommen! Mesmer heilt Ihren Sohn von
seiner Krankheit, und Paris heilt Sie von der Philosophie.

Seit der Deklaration unseres offenen Bndnisses mit Amerika sind wir der
Reden satt geworden und drsten nach Taten: Der Herzog von Chartres, der
im Gefecht von Quessant das erste Pulver gerochen hatte, wurde in der
Oper gefeiert wie ein zweiter Turenne. Kriegshelden mit Lorbeeren zu
schmcken ist etwas Neues fr die Pariser und sich freuen zu knnen,
ist, nachdem sie seit Wochen keine Zeit mehr hatten, lustig zu sein, ein
so erfrischender Zustand, da sie Siegeshymnen singen, wenn ein Franzose
einem Englnder auch nur einen Nasenstber versetzt.

Voltaire und Rousseau zu betrauern war notwendig, in Rcksicht auf unser
Ansehen in Europa, aber im Grunde sind Berhmtheiten unbequem. Auch die
Kinder amsieren sich besser, wenn die Alten nicht daneben sitzen.
brigens hat Jean-Jacques noch seinen letzten Atemzug benutzt, um seinen
Rivalen Voltaire, den der Ruhm und der Tod ihm vorgezogen haben, einen
Denkzettel auf den letzten Weg zu geben:

    Plus bel esprit que beau gnie,
    Sans foi, sans honneur, sans vertu,
    Il mourut comme il a vcu
    Couvert de gloire et d'infamie.

Eine Freundin der Philosophen, der es wohl darum zu tun war, im Himmel
ihren Salon rasch zu erffnen, ehe Voltaire und Rousseau sich von der
Geoffrin oder der Lespinasse einfangen lieen, die Marquise du Chatelet,
ist vor ihnen gestorben. Infolge einer Frhgeburt --, mte man nicht
bei ihren Jahren eher von einer Sptgeburt sprechen?! Ihr Mann, der
Marquis, war sehr verzweifelt und versicherte jedem Kondolierenden, da
er an ihrem Tode vollstndig unschuldig sei. Als ob irgend jemand daran
zweifeln knnte!

Wenn Sie sich entschlieen, rasch zu kommen, teuerste Delphine, so wrde
die Knigin sich freuen, Sie auf ihrem Sommerfest in Trianon, das
diesmal dem Andenken griechischer Gtter geweiht ist, begren zu
knnen. Seit Herr Laharpe Sophokles bersetzt, sind wir sehr klassisch
geworden, und ich wrde fr die Antike schwrmen, wenn die reizende
Marquise Delphine im Gewande olympischer Gttinnen an unseren Spielen
teilnehmen wollte.


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 30. Juli 1778._

Teuerste Frau Marquise. Sie fhlten, da ich schweren Herzens von Ihnen
ging; kein Opfer wrde mir zu gro sein, wenn ich Ihnen damit nur eine
frohe Stunde zu bereiten vermchte. Was Sie jetzt von mir verlangen, ist
aber nicht nur darum so schwer, weil ich meiner berzeugung und meiner
Erkenntnis zuwider handlen mu, indem ich einen Charlatan, wie diesen
Herrn Mesmer, ernst nehme, sondern mehr noch deshalb, weil ich keine
Hilfe von ihm erwarte.

Ich bin gleich nach meiner Ankunft zu ihm gegangen, habe ihm, -- an dem
nur die hellen, fast vllig farblosen Augen, die einem Wassertropfen
gleichen, in dem sich ein Sonnenstrahl bricht, merkwrdig sind --, den
Zustand Ihres Kindes geschildert: seine Apathie, seine Wutanflle, seine
grundlosen Trnenstrme, seine Neigung zur Grausamkeit, sein Sprechen,
das mehr dem Sthnen eines wilden Tieres gleicht.

Er unterbrach mich mit keiner Silbe und frug danach nur nach Ihnen, nach
der Amme und nach dem Vater des Kindes. Ich will es versuchen, sagte
er dann; nichts weiter. Dutzende Wartender lsten mich ab. Die
Erkundigungen, die ich ber den Mann einzog, lauten sehr widersprechend:
Die einen lachen und erklren ihn fr einen Schwindler, den andern gilt
er als Wundertter. Da dieselben Enthusiasten mir aber zu gleicher Zeit
von den Wundern des Herrn Sage, der Gold zu machen versteht, und des
Herrn Dufour, der Wahnsinnige heilen soll, erzhlten, so habe ich den
Berichten von den Erfolgen des Mesmerschen Magnetismus wenig Glauben zu
schenken vermocht. Aber den Versuch zu unterlassen, wrde Sie
wahrscheinlich noch mehr qulen, als wenn er sich schlielich als ein
vergeblicher erweist, darum wage ich nicht, Sie zu beeinflussen.

Was ich empfinde, seit ich Froberg verlie, ist unsagbar. Die
vergangenen Monate sehen mich an, wie Freunde, die wir um so zrtlicher
lieben, je mehr ihr Antlitz von Leid durchfurcht ist. Jeder Tag war ein
Kampf mit dem kleinen wilden Tier, das seiner eigenen, wundervollen
Mutter das Herz zerreist, und ber nichts kreischender lacht, als ber
ihre Trnen.

Aber dann kamen die Abende mit Ihnen, Delphine! Im Dunkel der
Fensternische hrte ich Ihrem Harfenspiel zu; am Tisch unter dem rosigen
Lichte der Lampe lauschten Sie mir, wenn ich Rousseau, Voltaire, Diderot
und dazwischen die herrlichen Verse junger deutscher Dichter, eines
Brger, eines Goethe las. Und oft schwiegen wir zusammen, wie nur sehr
Vertraute miteinander schweigen knnen. Die Stunden verflogen; mit mden
Augen starrten Sie mich an; ich war vermessen genug, zu whnen, da Sie
von mir sich nicht zu trennen vermchten.

Bis ich eines Nachts hrte --, ich sprach niemals davon; Sie sollten
sich vor mir nicht schmen mssen. -- Aber von da an stand ich
allnchtlich vor Ihrer Tre, bereit, sie einzustoen und den Mann von
Ihrer Seite zu reien, der, weil er Sie zwang, seinen Namen zu tragen,
ein Recht ber Sie zu haben glaubt. Wute er von dem Wachtposten?
Frchtete er die Wiederholung des auch fr sein abgestumpftes Gefhl
nicht gerade ehrenvollen Ringkampfs mit einer Frau? Oder klang ihm noch
der Schrei in den Ohren, mit dem die Verzweifelte ihn von sich stie:
Ich will keine zweite Migeburt von dir!

Zrnen Sie mir nicht, da ich an das schreckliche Geheimnis rhre. Ich
konnte nicht anders. Sie sollen sicher sein, da ein Mensch lebt, der
noch als Leiche den Weg zu Ihnen versperren wrde, da Sie einen Freund
besitzen, den die ungeheuerlichste Tat nicht zu schrecken vermchte,
wenn sie der Preis Ihres Glckes wre.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 8. August 1778._

Holdseligste! Ist es mglich, da die entzckende Frau in dem rhrenden
weien Leinenkleide, mit der breiten Bergre auf den offenen Locken,
den Namen derer trgt, die ich einst anbetete?

Sie war eine stolze Marquise; herrisch klapperten ihre Stckelschuhe
ber das Parkett von Versailles; in ihren Augen lachte der Leichtsinn,
ihre Lippen waren leuchtend rot. Aber diese Delphine, der ich gestern
begegnete, schwebt auf weichen Sohlen ber den Rasenteppich, ihre Augen
sind tief und von Geheimnissen voll, wie das Meer in der Mondnacht, ihre
Lippen sind bla, wie ungekte Mdchenlippen.

Ich bin untreu aus Grundsatz; wer Treue glaubt fordern zu mssen, hat
Liebe schon verraten. Und Sie, schnste Delphine, liebte ich viel zu
hei, als da ich Ihnen htte treu sein knnen. Gibt es einen strkeren
Beweis fr meine Untreue, als da ich mich Ihnen heute zu Fen werfe?
Mit der ganzen wundervollen Wandlungsfhigkeit des Weibes, die sich der
Natur anpat, wie die Blume dem Frhling, dem Sommer, der Nacht, dem
Morgen, dem Regen und dem Sonnenschein, -- immer dieselbe und doch immer
eine andere, -- sind Sie eine neue Delphine geworden. Diese, nur diese
liebe ich --, und werde sie hoffnungslos lieben mssen. Denn an meinem
Gesicht ging das Schicksal, der groe formende Knstler, achtlos vorber
und nur der Stmper, die Zeit, pinselte zum Ersatz ein paar winzige
Fltchen hinein.

Ich will Sie nicht tuschen, Delphine: wenn ich philosophiere wie
jetzt, bin ich darum noch kein Philosoph; nur eine Wissenschaft habe ich
studiert: die Liebe. Und so gewi, wie einst, als ich so glcklich war,
Daphnis in ihre sesten Mysterien einzuweihen, wei ich heute, da
Delphine nach ihr verschmachtet.

Herr von Altenau erzhlte neulich mit einem Stolz, als wre es sein
Werk, von den Bchern, die Sie gelesen, von den wohlttigen Anstalten,
die Sie in Froberg gegrndet haben. Ich sah indessen zu Ihnen hinber,
in Ihr schmales Gesicht, Ihre trauernden Augen und mich frstelte.
Wissen Sie, warum unsere Knigin unersttlich von einem Fest zum andern
hetzt und nicht genug khle Edelsteine haben kann, um die heie Haut zu
bedecken? Wissen Sie, warum die Marquise de Nesle und die Grfin de Pons
sich fr die chemischen Experimente des Herrn Rouelle begeistern, und
warum die kleine Coigny gelernt hat, Leichen zu sezieren?! Weil die
Liebe an ihnen vorberging, weil sie sie -- aus Feigheit oder
Sittsamkeit?! -- vorbergehen lieen! Sie haben einen Gatten --,
bedeutet das Liebe haben? Sie hatten wohl auch einen Geliebten --, heit
das die Liebe erschpfen? Sie ist tief wie das Meer, reich wie das Herz
der Erde, mannigfaltig wie ihr Kleid. Ihr Gegenstand mag wechseln, wie
die Generationen auf Erden; sie selber bleibt. Aber brchte die Erde
keine Menschen hervor, existierte sie dann? Wer she, wer fhlte, wer
besnge ihre Pracht!

Frauen altern rascher als Mnner, sagt man. Weil Mnner lnger lieben.
Ninon de l'Enclos war ewig jung, weil sie immer liebte.

Wird Daphnis gestatten, da ich Delphine in meine Schule nehme?


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, den 25. August 1778._

Sie beriefen sich auf meinen letzten Brief, teure Marquise, und
verlangten von mir, da ich Ihr Haus verlasse, Ihre Nhe meide, weil
Herr Mesmer die Wirkung seiner Kur durch meinen dem seinen
widerstehenden Magnetismus gefhrdet glaubt! Obwohl ich genau wei, da
Herr Mesmer nicht meinen Magnetismus, sondern meinen klaren Blick und
meine Zweifel frchtet, die ihm einen so wertvollen Patienten entziehen
knnten, habe ich gehorcht. Ich bin ohne Abschied bei Nacht und Nebel
wie ein Verbrecher von Ihnen gegangen. Ich htte mich sonst vielleicht
nicht beherrschen knnen.

Whrend eines unserer letzten langen Gesprche sagten Sie: Wie viel
glcklicher sind Homers Zeitgenossen gewesen als wir! Jeder Baum und
jede Quelle war von Dryaden und Nymphen bewohnt; fr uns ist sogar der
Himmel leer geworden! Ersetzt nicht aber unser Wissen den verlorenen
Glauben, ist es notwendig, die Leere wieder mit Phantomen zu fllen,
auf Hexenmeister und Zaubersprche zu vertrauen, wie im dunkelsten
Mittelalter? Sie sind mde, teuerste Delphine, von schlaflosen Nchten,
erschpft von selbstqulerischen Gedanken; sonst wrden Sie nicht an all
der Erkenntnis irre werden, die Sie vor kurzem noch reich und stark
gemacht hat. Sie arbeiten an dem grlichen Werk der Selbstzerstrung,
und das alles um eines Geschpfes willen, das schlimmer ist als ein
Tier. Noch einmal flehe ich Sie an: bringen Sie diesem Kinde, das kein
Lebensrecht besitzt und in einer Anstalt fr Unheilbare am besten
untergebracht wre, nicht sich selbst zum Opfer. Ich wei, Sie antworten
wie so oft: Was habe ich dann noch vom Leben? Das Leben, Delphine! Als
Ihr Freund, der seinen khnsten Traum, Ihr Fhrer in eine neue Welt sein
zu drfen, begraben hat, spreche ich zu Ihnen.

Sie klagen um die entgtterte Welt. Und doch gibt es eine Macht, die
alle Gtter Himmels und der Erde zu ersetzen vermag. Sie sieht tiefer in
die Herzen der Menschen, als sie selber sehen, sie gewhrt sichereren
Schutz, als je ein Gott hat gewhren knnen, und verleiht strkere Kraft
als der Glaube, der Berge versetzte. Weil ich mich ihr ergab, von dem
Augenblick an, da Delphine Laval in mein Leben trat, habe ich in Ihrem
Innern lesen knnen, wie in einem aufgeschlagenen Buch. Ich fand ein
verschttetes Gefhl, eine schlafende Hoffnung; die Glut meiner Sinne
malte mir ein leuchtendes Bild eigenen Glckes, so da ich nicht sehen
wollte, was ich sah. Jetzt, da ich wei, da ich die Frau, die ich mit
der ganzen Kraft meines Herzens liebe, nie mein eigen nennen kann, will
ich sie wenigstens vor ihrem grten Feinde, sich selber, retten.

Sie lieben. Ihr Stolz verbietet Ihnen nur, es sich einzugestehen. Sie
hoffen. Ihr krankes Gewissen hindert Sie nur, diese Hoffnung zu Ihrer
Lebenskraft werden zu lassen. Haben Sie den Mut zu sich selbst. Erhalten
Sie sich dem Manne, der in die Fremde ging, weil er sich von Ihnen
verlassen glaubte.

Jedes Wort, das ich schreibe, stt mir den Stahl tiefer ins Herz.
Einerlei. Meine erste Aufgabe im Leben ist Ihr Glck.


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 18. September 1778._

Wie soll ich Ihnen danken fr die Wohltat Ihrer Zeilen, teuerste
Delphine, die am deutlichsten durch das sprechen, was sie verschweigen.
Sie nennen mich Ihren einzigen Freund, denn nur Freundschaft, sagen Sie,
vermag selbstlos zu sein. Sie wollen mir dadurch beweisen, da ich mich
ber meine eigenen Gefhle tusche --! Ich soll Ihnen weiter ein Freund
sein, soll Ihnen sagen, wie es mir geht.

Ich mchte darauf nicht mit banalen Phrasen antworten, sondern lieber
versuchen, unsere Gesprche von einst fortzusetzen, also mglichst
unpersnlich zu sein. Die Eindrcke, die ich bei der Rckkehr in meine
alten Kreise empfing, sind bedeutungsvoll genug, um Ihnen dargestellt
werden zu mssen.

Seit dem Tode unserer groen Vorkmpfer herrscht eine tiefe Depression
der Geister. Wir sehen uns einer neuen Generation gegenber, finden eine
beunruhigte, fiebernde, auch oft sentimentale Menge, in der das Vulgre
dominiert. Die wenigen Alten, die blieben, haben an Kraft und Einflu
verloren, sind in Cliquen zerrissen. Sollte die Zeit der Enzyklopdisten
vorber sein, ohne da aus ihrem Samen die Frucht erwchst, fr die wir
allein gearbeitet haben?

Die Verfolgungen frherer Tage haben sie gro und stark gemacht. Um sich
vor ihnen zu schtzen, galt es alle Krfte anzuspannen, galt es, sich
fest zusammenzuschlieen und mit dem Feuer ernster berzeugung die
geistige Welt zu erobern. So nur konnte im brandenden Meer des
ffentlichen Lebens der Leuchtturm der Enzyklopdie errichtet werden,
von dessen Spitze seine Erbauer das ganze Universum bersahen und allen
Schiffen Richtung gaben. Ist nicht schon das Eine bezeichnend genug, da
die Mnner, die dieses Werk geschaffen haben, heute fr den Mercure de
France Tagesartikel schreiben?!

Dann kam die Zeit, wo Europa die Verfolgten zu ihren Helden machte, wo
der Ruhm eines Voltaire, eines Montesquieu, eines Rousseau ber die
Scheiterhaufen, auf denen ihre Bcher immer noch verbrannten,
triumphierte, wo unterdrckte Menschlichkeit, vergewaltigte Unschuld bei
dem Patriarchen von Ferney Zuflucht fand, und in seinem Namen Vernunft
und Gerechtigkeit oft genug ber alle Gewalthaber der Welt den Sieg
errang.

Die Verfolgungen lieen nach; einige Prinzipien der Philosophen
gelangten zu allgemeiner Anerkennung, ihre Ideen hatten sich, wie die
Samenfden von Bumen und Blumen, von ihnen losgelst und erfllten die
Luft. Aber indessen lockerte sich die Einheit der Menschen; Rousseaus
Trennung von den Enzyklopdisten machte die innere Zerrissenheit zu
einem ffentlichen Skandal. Seine Opposition gegen den Materialismus
Holbachs und seiner Anhnger zeigte deutlich, da auch die mit solcher
Sicherheit verkndeten berzeugungen und Erkenntnisse auf schwankendem
Boden stehen.

Die Vertreter der Kirche und der Regierung, ja der Hof von Versailles
selbst hrten auf, die Philosophen zu frchten. Voltaires Triumphtag in
Paris war seine Niederlage.

Als ich mich gestern, in meine pessimistischen Gedanken verloren, im
Caf de la Rgence befand, traf ich Herrn Gaillard, mit dem ich mich
lange unterhielt. Er lachte ber meine Niedergeschlagenheit -- kein
freudiges, sondern ein hartes Lachen. Was tut's, da Rousseau ein
Schwchling, Voltaire ein Verrter seiner eigenen Lehre war, sagte er,
die Ideen der Denker zeugen erst die Mnner der Tat. Ich glaubte, er
spiele auf Necker an, dessen Ttigkeit im Volk eine so laute Anerkennung
findet. Er lachte noch einmal. Necker?! rief er hhnend, ein Mensch,
der in seinen Schriften und ffentlichen Reden dem Volke schmeichelt,
und im geheimen mit dem Knig die Waffen des Despotismus schleift!

Am Abend fhrte er mich in seinen Klub, wo ich Zeuge leidenschaftlicher
Diskussionen war. Junge Leute aus dem Brgerstande berboten sich in
wstem Geschimpf auf alles Bestehende. Religion, Monarchie, Kunst,
Frauen, selbst der sonst so verherrlichte amerikanische Freiheitskrieg,
-- nichts blieb von ihrem bitteren Spott verschont. Mimutig wandte ich
mich zum Gehen; Gaillard begleitete mich. Sind das Ihre Mnner der
Tat? frug ich ihn. Gewi, antwortete er; um bauen zu knnen, mu man
erst einreien.

Vor dem Palais-Royal begegneten wir brigens dem Marquis, der sich zu
spt in seinen weiten Mantel hllte, um nicht erkannt zu werden. Er ist
ein hufiger Gast in den Hinterzimmern meiner Mutter, sagte Herr
Gaillard. Mir scheint, teuerste Delphine, da eine solche Entdeckung
Sie vollends jeder Rcksicht entbindet. Ich werde natrlich nicht
versumen, seiner Spur zu folgen, um Ihnen eine sichere Handhabe gegen
ihn liefern zu knnen.

In vier Wochen also entscheidet sich das Geschick des Kindes; ich nehme
an, Herr Mesmer wird klug genug sein, diese Entscheidung um abermals
vier Wochen hinauszuschieben!


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 25. September 1778._

Ihre Rckkehr, verehrteste Marquise, hat mich mit den schnsten
Hoffnungen erfllt. Paris ist sehr de geworden in den Jahren, die Sie
fortgewesen sind. Der Salon Necker konnte, das brauche ich Ihnen kaum
noch zu versichern, Menschen wie mir kein geistiges Obdach bieten. Sie
selbst fhlten sich, wie ich bemerkte, recht unbehaglich im Kreise des
Hauses, neben dem sentenzenreichen, tugendstolzen Minister, der
nchternen klugen Frau, dem frhreifen Tchterchen, dessen
schriftstellerische Leistungen die Gste zu bewundern gentigt wurden.
Die Luft des achtzehnten Jahrhunderts weht hier nicht, und wenn es die
des neunzehnten sein sollte, so mchte ich es nicht erleben.

brigens ist der Salon Necker typisch fr alle jene vielen anderen, die
heute, dank ihres Reichtums, den Ton angeben, Knstler protegieren und
Kunstwerke sammeln. Wie ihre Frauen sich nur fr die anderen anziehen,
in der Intimitt der Familie aber den ganzen Tag im Neglig bleiben, so
schmcken sie ihre Zimmer mit berhmten Namen nicht zur Bereicherung
ihres eigenen Lebens, sondern fr den Eindruck nach auen. Sie knnen
nicht anders, daher verzeihe man ihnen. Da aber Knstler und
Schriftsteller von Ruf sich dazu hergeben, ist ein trauriges Zeichen
geistiger Dekadenz.

Das Theater besttigt diesen Zustand, wie Sie gestern gesehen haben. Wir
besitzen keine Schauspiele und keine Schauspieler mehr. Kleine Talente
mit etwas Esprit aber ohne Geist. Raffinierte Dekorationen und reizende
entblte Glieder sollen uns darber trsten, da die Stcke nichts als
Mittel zu diesen Zwecken sind.

Ich schlage Ihnen vor, schnste Frau, all diese migen Vergngungen
aufzugeben und unsere jhlings unterbrochenen Ritte in die freie Natur
wieder aufzunehmen. Wenn wir auch gut tun, uns nicht allzu weit von
Paris zu entfernen, -- seit dem trockenen Sommer dieses Jahres, der
Mensch und Vieh mit der berechtigten Angst vor einer Hungersnot dem
Winter entgegengehen sieht, -- mu man sich von den erregten Landleuten
fern halten. Obwohl Grundbesitzer und Finanziers einander berbieten,
durch Verteilung von Geld und Nahrungsmitteln, Grndung von Hospitlern
und Asylen der Not abzuhelfen, lt die Hast, mit der es geschieht, so
viel mehr auf Angst als auf Menschenliebe schlieen, da die Emprung
der Geister dadurch eher geschrt, als unterdrckt wird. Auch werden
jene frommen Seelen immer seltener, die sich mit Wohltaten abspeisen
lassen, whrend die Ideen der Menschenrechte schon ihre Kpfe erhellen.

In meiner Begleitung werden Sie trotzdem nichts zu frchten haben, und
ich darf hoffen, in der frischen Luft Ihre Wangen sich wieder rten zu
sehen, -- ein um so holderer Anblick, als er uns Mnnern durch das
stereotype Rouge, mit dem die Frauen die natrliche Farbe ihrer Haut
versteckten, ein so vollkommen neuer ist.


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, am 30. Oktober 1778._

Meine verehrte Frau Marquise! Endlich darf ich aufatmen! Wenn Sie mich
auch noch nicht sehen wollen, so waren Sie doch gtig genug, mir durch
ein paar Zeilen Ihrer eigenen Hand zu beweisen, da ich nicht mehr um
Sie zu zittern brauche.

Es waren entsetzliche Wochen seit unserem unglckseligen Ritt. Ich
glaubte Sie schon verloren, als ich im Rasen neben Ihnen kniete und das
rieselnde Blut aus Ihrer weien Stirn vergebens zu stillen suchte;
obwohl Sie die schnen Augen wieder aufzuschlagen vermochten, verging
seitdem kein Tag, keine Nacht, ohne da die Angst um Sie mir jede Ruhe
benahm. In meiner ersten Verzweiflung erscho ich den Rappen, der Sie
trug; er starb unschuldig, aber ich htte ihn nicht mehr sehen knnen.

Wie es mglich war, da das ruhige Tier ohne jeden ueren Anla ber
Stock und Stein mit Ihnen davonflog, um sich schlielich beim Sprung
ber die hohe Hecke zu berschlagen, ist mir noch heute ein Rtsel.

Sie waren seit langem nicht so heiter gewesen. Die mgliche Heilung
Ihres Sohnes, von der Sie erzhlten, machte mich mit Ihnen froh. Und der
Herbsttag, der uns so sonnig umgab, schien nur ein Widerschein Ihrer
Freude. Ich konnte an diesem Tage nur ber Dinge sprechen, bei denen
sich's lcheln lt. Noch ganz erfllt von der Neuigkeit, teilte ich
Ihnen mit, da unser tapferer Lafayette mit seinen Freunden sich in
Amerika einzuschiffen im Begriffe wre, um ihre Krfte fr den
franzsisch-englischen Krieg dem Vaterland zur Verfgung zu stellen. In
diesem Augenblicke sah ich Sie erblassen, sah Ihre Augen auf mich
gerichtet, als wre ich ein Gespenst, und fort ging's in wilder Jagd,
als ob Sie strzen wollten!

Mit bezaubernder Grazie haben Sie verstanden, whrend unserer Ritte das
Gesprch von dem Thema abzulenken, auf das ich es zu richten suchte.
Heute, holde Frau, wo die Freude ber das Glck Ihrer Genesung mir jede
Zurckhaltung unmglich macht, knnen Sie mich nicht hindern, Ihnen zu
sagen: wren Sie gestorben, auch ich lebte nicht mehr.


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, den 3. November 1778._

Den grauen Novembernebel, der heute noch schwer auf meinem Herzen lag,
hat Ihr Atem weggeweht, teuerste Marquise. Ein Blick in Ihr Antlitz
zeigte mir, was ich Ihren Versicherungen nicht glauben wollte: nicht nur
die Wunde auf Ihrer Stirne heilt, sondern auch die Ihres Innern. Ich
vermag Sie mit meinen Zweifeln nicht mehr zu qulen, seit ich Sie
wiedersah --, so wiedersah: schlank und bla, zwei Augen wie glhende
Kohlen unter der weien Stirn mit der schmalen roten Narbe, um die
sehnschtig geffneten Lippen ein ses Lcheln, der Krper, der noch
matt in der Causeuse lag, in weie Seide gehllt, und die ganze Gestalt
vom Feuer des Kamins bergossen. Er sagt, der Knabe wird gesund,
flsterten Sie und streckten mir beide Hnde entgegen, dann werde ich
frei sein, ganz frei -- fr ein neues Leben!

Sie sind wie ein glubiges Kind. Wer htte den grausamen Mut, ihm zu
sagen: Der Gott, zu dem du betest, existiert nicht! Ich will von nun an
mit Ihnen glauben. Am Tage der Entscheidung -- Sie sprachen vom 21.
Dezember? -- werde ich vor Ihrem Hause die Nachricht erwarten. Bis dahin
ergebe ich mich wieder in meine Verbannung.

Was ich ber den Herrn Marquis erfuhr, wollen Sie jetzt nicht wissen.
Es ist mir jetzt so gleichgltig, meinten Sie. Aber wenn einmal Ihre
Freiheit von der Kenntnis dieser Dinge abhngt, dann vergessen Sie
nicht, da ich zu Ihrer Verfgung stehe.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Paris, den 20. Dezember 1778._

Sie lieen mich zu sich bitten, schnste Delphine, Sie lachten ber all
die Geschichten, die ich vor Ihnen auskramte und an denen die Welt nicht
arm wird, obwohl die Menschen vor lauter Eifer, Gott und die Knige zu
entthronen, fr den Unsinn keine Zeit mehr zu haben behaupten.

Hat der famose Dr. Mesmer Ihr gelhmtes Herzchen wieder zum Schlagen
gebracht oder war es die Erschtterung des Sturzes, die es aus der
Lethargie aufrttelte? Jede einzelne Ihrer rosigen Fingerspitzen lieen
Sie mich kssen; aber nicht als Liebhaber! drohten Sie. Fast wre ich
darber schwermtig geworden, wenn ich nicht inzwischen fr meinen
schrecklichen Kummer um Sie eine Trsterin mir htte suchen mssen.
Besinnen Sie sich? Sie sahen die kleine Thvenin kurz vor Ihrem
unseligen Ritt in der Oper; sie war die jngste der Nymphen im Ballett
La rose, hatte nichts als ein rosa Wlkchen um die Hften, die schnsten
goldenen Haare auf dem Kopf und ebenholzschwarze an anderer Stelle.

Bitte: bedecken Sie den Mund nicht mit der Hand, ich wei trotz Ihrer
entrsteten Blicke, da Sie lachen!

Ich bin der Marquise Delphine sprechender Papagei, dem alles zu sagen
erlaubt ist, vorausgesetzt, da es die Herrin amsiert! Und Sie sind ja
im Augenblick allein, ohne den schrecklich ernsthaften Hausphilosophen,
und ganz gewi ohne den Herrn Marquis. Soll ich weitere Proben meiner
Knste zeigen?

Herr von Genlis berraschte neulich Mademoiselle Justine, seine
niedliche Mtresse, im zrtlichen Tte--Tte mit dem Marquis
Lwenstein. Was wollen Sie, mein Herr, sagte sie, als er ihr Vorwrfe
machen wollte; ich gebe mir die grte Mhe, den Herrn Marquis fr Ihre
Tochter zu interessieren -- Und schon am nchsten Tage war die kleine
Genlis glckliche Braut. Haben Sie ihr nicht auch eine innige
Gratulation zukommen lassen?!

Madame Chamans fand ihre siebzehnjhrige Tochter vertieft in die Lektre
der Lettres du chevalier de Saint-Ilme. Sie ri ihr entrstet das Buch
aus der Hand. Retif de la Bretonne, sagte sie, hat keine schlimmeren
Bcher geschrieben. Die Tochter starb fast vor Lachen. Der Roman ist
nmlich von ihr!

Die Herzogin d'Anville wollte ihren Liebhaber, der an Leidenschaft
manches zu wnschen brig lie, mit ihren Beziehungen zu Herrn
d'Alembert eiferschtig machen. Er ist ein Gott! schwrmte sie. Ach,
Madame, wenn er ein Gott wre, antwortete der Liebhaber gelassen, so
wrde er damit angefangen haben, sich zu einem Manne zu machen.

Und nun noch ein hbscher Spa, der Paris whrend Ihres Krankseins
tagelang amsierte: Ein paar polnischen Edelleuten mit besten
Empfehlungen erteilte der Graf Artois die Erlaubnis, seinen Pavillon de
Bagatelle besichtigen zu drfen. Vor einer Marmorbste brachen sie in
Trnen aus: Wie gleicht sie unserer verstorbenen Schwester!
Zuvorkommend, wie er ist, machte der Graf die Bste noch am selben
Nachmittag den Herren zum Geschenk. Sie wiederholten das gelungene
Manver bei einer Reihe unserer Mzene und waren, ehe man den Schwindel
entdeckte, mit ihrer reichhaltigen Kunstsammlung verschwunden.

Wenn Sie wieder lachen wollen, reizende Marquise, erinnern Sie sich
meiner, der Vorrat ist unerschpflich und mein Bestreben, mich Ihnen
unentbehrlich zu machen, um so eifriger, als ich in der Ferne bereits
die Rstungen unserer heimkehrenden Kriegshelden klirren hre und leider
wei, wie oberflchlich alle Frauen sind: sie schwrmen fr
blutbespritzte Rcke und bersehen dabei die im stillen blutenden
Herzen.

brigens bringen sie einen Harem bronzefarbener Indianerinnen mit, und
ich sehe es kommen, da ihre Toilette, -- drei Federn auf dem Kopf und
zwanzig Ringe durch die Ohren --, die groe Mode der nchsten Saison
sein wird. Sie wrde Ihnen, Holdseligste, zum Entzcken stehen!

Vergessen Sie Ihr Versprechen nicht: bermorgen treffen wir uns auf dem
Maskenball!


Johann von Altenau an Delphine.

_Den 21. Dezember._

Kniefllig bitte ich Sie: lassen Sie mich ein! Nach dieser Nachricht
drfen Sie nicht allein bleiben.

Alles ist vorbei. Ich fahre morgen mit dem Kinde nach Hause, um mich
mit ihm zu vergraben. Dieser grliche Zettel kommt mir in die Hand.
Sie drfen nicht fort. Sie mssen dem Schicksal trotzen, nicht sich ihm
ergeben. Ich weiche nicht von Ihrer Schwelle, und werde mich den Pferden
in die Zgel werfen; hren Sie denjenigen, den Sie selbst Ihren einzigen
Freund nannten.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Am 21. Dezember._

Sie halten sich allzulange mit der Toilette auf, Sie wollen zu schn
sein, reizende Frau; nur darum, nicht wahr, lassen Sie mich warten?
Bekomme ich keine Antwort durch meinen Jger, so bin ich in einer Stunde
bei Ihnen und entfhre meine Schne mit Gewalt.


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 22. Dezember 1778._

Es ist geschehen. Ich war es. Sie, die einzige, die es wissen, knnen
mich als den Mrder Ihres Kindes verfolgen lassen und noch unter dem
Galgen wrde ich schwren, da es die beste Tat meines Lebens war. Ich
habe, barmherziger als die Mutter, einem armen Idioten eine Kugel in die
Schlfe gejagt, und eine Frau, die sich selbst zum Tode verurteilen
wollte, dem Leben zurckgegeben.

Da ich in der Nacht, als ich zum Zimmer des Kindes schlich, dem Grafen
Chevreuse begegnete, hat meine Freude gedmpft. Sie lieen ihn zwar
abweisen, aber er schien zu seinem Kommen ein Recht zu haben. Ich
bedauere Ihre voreilige Wahl, aber ich habe mich durch meine Tat aller
Ansprche der Freundschaft, also auch der, zu warnen, begeben.

Leben Sie wohl, Delphine. Werden Sie glcklich!




CAGLIOSTRO




Baron Ferdinand Wurmser an Delphine.

_Petersburg, am 2. Juli 1779._

Verehrte Cousine! Sie werden sich des blassen Jnglings kaum mehr
entsinnen, der vor Jahren in Etupes die reizendste Nymphe dem khnsten
Schfer vergeblich zu entreien versuchte. Prinz Friedrich-Eugen blieb
Sieger, und auf seine Stirn neigte sie sich zum Weiheku, whrend ich im
stillen Boskett meine Niederlage beweinte und tagelang den dsteren
Gedanken erwog, nchtlicherweile im schwarzen Schwanenteich zu
verschwinden.

Der pltzliche Tod meines lteren Bruders zwingt mich, meine Stellung am
Hofe des Grofrsten Paul aufzugeben, um mich der Verwaltung unserer
Gter zu widmen. Ich reise in diesen Tagen ab, und wenn der Schmerz,
meine gtige Herrin, die Grofrstin, verlassen zu mssen, durch die
Freude auf die Rckkehr in die Heimat gemildert wird, so trgt der
Gedanke an Sie, deren Schnheit und liebenswrdige Gastfreundschaft ich
oft genug rhmen hrte, viel dazu bei.

Aber ich wre vielleicht nicht so unbescheiden, meine Ankunft in
Straburg jetzt schon anzukndigen, wenn nicht die Grofrstin mich
beauftragt htte, Ihnen in Erinnerung an die schne Zeit gemeinsamer
Jugendtage in Montbliard und Etupes die herzlichsten Gre zu
bermitteln. Sagen Sie der Marquise, da Sie meinen scheidenden
Kammerherrn als meinen Freund empfangen mchte, war sie gtig genug,
mir aufzutragen. Sie hofft, in nicht zu ferner Zeit whrend des lange
geplanten Besuchs in Frankreich die Beziehungen zu Ihnen wieder
anzuknpfen. Mit aufrichtigem Bedauern hrte sie von dem
Schicksalsschlag, der Sie, teure Cousine, betroffen hat.

Mir war es besonders schmerzlich, erst nach dem entsetzlichen Ende Ihres
Kindes von seinem Leiden erfahren zu haben. Wre ich doch imstande
gewesen, Ihnen den richtigen Arzt zu empfehlen. Vielleicht haben Sie
schon von der auerordentlichen Erscheinung gehrt, die pltzlich hier
auftauchte, ohne da jemand zu sagen vermocht htte, woher sie kam,
welches ihr Ursprung war. Ich spreche vom Grafen Cagliostro. Er geht
umher und heilt Kranke, wie Christus; verteilt Geld unter die Armen, wie
Harun-al-Raschid, und zwingt Verstorbene, aus der Tiefe ihres dunklen
Grabes an das Licht seiner mystischen Lampe.

Sie werden ihm sicherlich noch begegnen, denn er ist berall.

In fnf bis sechs Wochen hoffe ich im Elsa zu sein, um Ihnen meine
Aufwartung machen zu knnen. Empfehlen Sie mich, bitte, unbekannterweise
dem Herrn Marquis, den mein Bruder mir als das Vorbild des Edelmannes
der alten Schule geschildert hat.


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, am 25. August 1779._

Die Begegnung mit Ihnen, teuerste Marquise, hat mich wie ein
erschtternder Traum, der uns auch am Tage nicht los lt, von Spa
hierher verfolgt.

Keiner der Eindrcke der Reise, -- und sie waren stark genug --,
vermochte das rhrende Bild der zarten, von schwarzen Schleiern
verhllten Gestalt zu verwischen, aus deren marmorweiem Antlitz der
Blick dunkelglhender Augen mich bis ins Innerste traf. Sie waren
gekommen, um in dem berhmten Bade Heilung zu suchen.

Der Marquis hat es gewnscht, sagten Sie mit einem
bitter-schmerzlichen Lcheln. Der Marquis?! wiederholte ich im Stillen
erstaunt; wute ich doch, was alle wuten. Sollte die Tragdie Ihres
Kindes mit ihrem rtselhaft schauerlichen Schlu zwei Getrennte wieder
zusammengefhrt haben? -- aber noch ehe ich zu Ende gedacht hatte, bekam
ich die Antwort: der Marquis trat herzu, -- ein alter Mann mit gebeugtem
Rcken und eingefallenen Zgen, -- ich htte ihn fast nicht erkannt!
Einen Augenblick lang erinnerte ich mich erschrocken der dunklen
Gerchte, die mir von den groen miglckten Spekulationen des Herrn von
Saint-James, an denen der Marquis ebenso wie der Kardinal Rohan stark
beteiligt sein sollen, vor kurzem zu Ohren gekommen waren. Aber bald
sah ich, welch andere Sorgen ihn bedrckten. Sorgfltig wie ein Vater
hllte er Sie in den Mantel und begrte mich mit einer Herzlichkeit,
die ich nicht begriff, -- hatten wir uns doch mehr als fern gestanden.

Wie freue ich mich Ihrer Anwesenheit, versicherte er mir immer wieder.
Als ich dann mit ihm allein war, kannte ich ihn vollends nicht mehr: Die
Angst um Sie lie ihn jede Form vergessen; ich sah pltzlich einen
Menschen, wo ich bisher nur einen vollendeten Aristokraten gesehen
hatte. Er bat mich, Ihnen Gesellschaft zu leisten, Sie zu zerstreuen,
Sie den Interessen des Pariser Lebens wieder zuzufhren.

Htte es eine schnere Aufgabe fr mich geben knnen? Sie wissen, mit
welchem Feuereifer ich sie auf mich nahm, aber Sie ahnen nicht, wie sich
an jedem Blutstropfen, der langsam in Ihre Wangen stieg, wenn ich meine
Redekunst, meinen Witz, meine Phantasie anpeitschte wie der Reiter das
Rennpferd, die Glut meines Herzens neu entzndete, wie jeder Schatten
eines Lchelns, der Ihre Lippen teilte, alte, unerfllte Wnsche
strmisch in mir aufsteigen lie.

Eine Order des Kriegsministers, so sagte ich Ihnen, verlange meine
Rckkehr nach Paris. Ich habe gelogen; ich wollte sogar die Lge
aufrecht erhalten. Erst jetzt, wo ich fern von Ihnen bin, fhle ich,
da ich die Wahrheit sagen mu.

Vor zwei Jahren warb ich um Ihre Gunst; Ihr Besitz wre mir im Kranz
meines Ruhmes als eins der kostbarsten, goldenen Lorbeerbltter
erschienen. Keinen Augenblick strte mich der Gedanke an den
rechtmigen Besitzer dieser entzckenden Frau; der Marquis Montjoie, an
dessen Existenz in Ihrem Hause kaum etwas erinnerte; der Marquis
Montjoie, der mit berlegen-ruhiger Khle der reizenden Delphine
gegenberstand; der Marquis Montjoie, der die Hinterzimmer der Madame
Gaillard dem Schlafgemach seiner Gemahlin vorzog, -- die er freilich
auch nur, als erflle er eine peinliche Pflicht, mit ernst-gelangweiltem
Gesicht zu verlassen pflegte --, dieser Marquis Montjoie war das
geringste Hindernis auf dem Wege zu Ihnen. Aber selbst wenn ich gewut
htte, da er mehr fr Sie fhlte, als fr irgend ein besonders
wertvolles Stck seines Haushalts, ich htte die Hoffnung nicht fahren
lassen. Solange ein Mann im Kampf um ein Weib einen ebenbrtigen
Rivalen, -- und wre es der eigene Gatte seiner Schnen --, vor sich
hat, so lange gab die Natur selbst ihm das Recht, um ihren Besitz mit
ihm zu ringen. Nicht Strke -- nein, nur Schwche entwaffnet vor dem
Angriff.

Darum mute ich jetzt von Ihnen fliehen. Ich htte nicht wunschlos neben
Ihnen leben und nicht als Mann von Ehre um Sie ringen knnen. Der alte
kranke Marquis ist kein Rivale mehr.

Und doch: Wenn Ihr Herz einmal freiwillig entschiede!! Schnste
Delphine, ich fange an, zu begreifen, da Sie nicht nur ein goldenes
Blatt in der Siegeskrone, sondern der Rosenkranz selber sind, mit dem
das Leben seine Lieblinge krnt.

Darf ich nun zum Lohn fr meine Entsagung, die ich mir nicht zum zweiten
Male aufzulegen imstande wre, nachdem die Kraft, sie zu tragen, schon
jetzt nicht ausreicht, den Faden unseres letzten Gesprchs
weiterspinnen? Darf ich hoffen, da Sie ihn aufgreifen und er allmhlich
zu einem starken Bande zwischen uns wird?

Mit jener genialen weiblichen Gte, die uns sogar sachliches Interesse
vorzutuschen vermag, haben Sie an dem Schicksal meiner
kriegswissenschaftlichen Arbeit Anteil genommen. Sie hat inzwischen die
ffentliche Aufmerksamkeit in hherem Mae erregt, als ich es erwarten
durfte. Seit dem groen Erfolg von Glucks Iphigenia schienen unsere
groen Geister, -- ich wre fast geneigt, das gro߫ in
Anfhrungsstrichen zu schreiben --, wieder im musikalischen Krieg ihre
Krfte zu erschpfen; eine Erscheinung, die nur in einem Lande mglich
sein kann, wo man den Brger als ein unmndiges Kind behandelt und seine
ttige Teilnahme am politischen Leben mit der Bastille belohnt.

In der Verteidigung meiner Ideen war ich mit Herrn von Mesnil-Durand in
eine sehr lebhafte Diskussion geraten, und ich war gezwungen, nicht nur
gegen ihn, sondern auch gegen den Herzog von Broglie, meinen alten
Freund und Wohltter, kritisch vorzugehen.

Beide verteidigten sich persnlich, wo ich sachlich angegriffen hatte;
ganz Paris wurde zu ihrem Echo, das mich der grbsten Undankbarkeit
zieh. Der Herzog von Broglie verschlo mir sein Haus. Ein trauriges
Zeichen fr die Gesinnungslosigkeit der Brger Frankreichs, die im
Grunde von mir verlangten, die Tugend der Vaterlandsliebe der Tugend
persnlicher Dankbarkeit unterzuordnen. Ich teilte in diesem Fall das
Schicksal meines Freundes Condorcet, der wegen seiner Kritik der
Finanzpolitik des Herrn Necker auf das schrfste getadelt wurde. Wie
kommen sie dazu, sich zum Richter des Ministers aufzuwerfen? frug man
ihn entrstet. Soll ich mich auch noch verteidigen mssen, weil ich
mich mit ffentlichen Angelegenheiten beschftige? antwortete er. Das
ist das Recht, ja die Pflicht jedes Brgers, der keiner besonderen
Mission bedarf, um Rechte des Volks zu verteidigen oder Manahmen zu
bekmpfen, die ihm entgegenstehen.

Der korrumpierten Gesellschaft von Versailles, die keine anderen Gesetze
kennt, als die der Hofetikette, die von der Vortrefflichkeit aller
Einrichtungen berzeugt ist, wenn die Hofschranzen ihre Pensionen, die
Bankiers ihre guten Kche haben, erscheinen Auffassungen, wie die
unseren, nur als eine Lcherlichkeit. Als ob es keine anderen Leiden
gbe, als die, die uns persnlich verletzen! Als ob die Natur selbst,
die uns den Mut gab und ein fhlendes Herz, uns nicht zu Htern des
ffentlichen Wohles berufen htte!

Wir haben es erleben mssen, da der Aufruhr der Ballettnzer der Oper
das ffentliche Interesse mehr in Anspruch nahm, als die Verluste des
franzsischen Handels, die Einnahme von Pondchery, die unglckliche
Expedition der Sainte-Lucie. Htte ich nicht kurz vorher den
frenetischen Jubel mit erlebt, mit dem die Pariser die heimkehrenden
Helden des amerikanischen Freiheitskrieges begrten, ich wrde an all
meinen Hoffnungen irre geworden sein. Es war ein momentaner Ausbruch
tiefgewurzelten Hasses gegen den Feudalstaat; eines Hasses jedoch, der
nicht mehr ist, als ein Gefhl, denn als der Marquis Lafayette und der
Prinz Montbliard, ohne sich einen Augenblick Ruhe zu gnnen und des
Triumphes zu genieen, der ihnen berall bereitet wurde, der
franzsischen Marine fr den Kampf gegen England ihre erprobten Waffen
zur Verfgung stellten, verstand sie niemand.

Kurz vor seiner Einschiffung hatte ich brigens noch Gelegenheit, den
Prinzen zu sprechen. Ich freute mich, auch in ihm einen jener seltenen
Patrioten kennen zu lernen, die sich selbst nicht als Einzelnen, sondern
als Teil des Ganzen fhlen. Er war sehr niedergeschlagen ber das, was
er vorgefunden hatte. Amerika hat mir die Augen fr Frankreich
geffnet, sagte er. Dort ein Volk, das mit Hingabe aller Mittel und
Krfte fr die Freiheit kmpft, hier eines, dessen einzelne Glieder den
Boden ihres Vaterlandes betrachten wie erobertes Gebiet, das jeder nach
besten Krften fr eignen Vorteil zu plndern sich berechtigt glaubt.
Dort Mnner, von denen jeder sich als Vaterlandsverteidiger fhlt, hier
Offiziere, deren Schlafzimmer den Boudoiren der Kurtisanen gleichen und
die einander durch nichts eifriger zu bertreffen begehren, als durch
die Kostspieligkeit ihrer Mtressen.

Im Laufe unserer langen Unterhaltung war ich versucht, auch Ihrer,
teuerste Marquise, zu erwhnen und des merkwrdigen Zusammenhangs
zwischen dem Namen des Prinzen und Ihrem gefhrlichen Sturz, aber meine
Diskretion siegte ber meine Neugierde. Oder frchtete ich am Ende im
geheimen, einem ebenbrtigen Rivalen gegenberzustehen?


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, am 21. Juli 1780._

Kaum htte ich noch auf einen Brief von Ihnen, teuerste Marquise, zu
hoffen gewagt, und ich wei nicht einmal, ob ich mich freuen darf, da
ich ihn endlich doch erhielt. Er ist kurz und khl; ich wrde darnach
glauben, da nur die Hflichkeit ihn diktiert hat, wenn er nicht so viel
Fragen als Stze enthielte, -- Fragen, die sichtlich nicht bloer
Neugierde entstammen, sondern hinter denen eine Empfindung lauert, wie
geheime Angst.

Kein Zweifel, die Zeiten sind ernst, Frau Marquise. Aber meine Reise von
Spa nach Paris, die mich ber die Kohlengruben von Anzin und Fresnes
gefhrt hat, lie mich schaudernd erkennen, fr wen sie wahrhaft ernst
sind: ich sah Kinder, sah werdende Mtter in den schwarzen Erdhhlen,
und das im Zeitalter Rousseaus! Ich sah Aufseher mit der Peitsche hinter
ihnen, und das im Zeitalter der Befreiung Amerikas! Wer diesen Eindruck
mit sich nimmt, lchelt geringschtzig ber die Klagen jener
Notleidenden, die heute in seidenen Westen mit Diamantboutons in den
Vorzimmern der Minister ber die schlechten Zeiten jammern. Sind sie
nicht selbst daran Schuld, da die Landarbeiter dem Frondienst auf ihren
Gtern sogar die Arbeit unter der Erde vorziehen?

Wenn man Ihnen die Finanzpolitik Herrn Neckers als Ursache der
allgemeinen Bedrngnis angab, so hat man Sie falsch berichtet. Er ist
unschuldig -- im Guten, wie im Bsen. Seine Einschrnkungen des
kniglichen Haushalts treffen natrlich den Hof empfindlich, -- so sind
eine Reihe Schlooffiziere, deren ganze Aufgabe darin bestand, den
Kchendienst zu berwachen und dafr zu sorgen, da die Braten
rechtzeitig aufgetragen wurden, zur Marine kommandiert, wo man
wahrscheinlich, dank ihrer Vorkenntnisse im Kommandieren toter Gnse und
Schweine, Wunder an Tapferkeit von ihnen erwartet; -- aber diese
klglichen Manahmen sind nur ein verzweifelter Versuch, die ffentliche
Meinung zu beruhigen, sie ntzen so wenig, wie es etwas ntzen wrde,
einen Urwald mittels eines Bratenmessers in fruchtbares Land verwandeln
zu wollen. Die Steuern, die Necker sonst noch teils aufhebt, teils
ausschreibt, sind ebensolche Sisyphus-Arbeit: sie stopfen ein Loch zu
und reien daneben ein anderes auf. Ich wiederhole: er ist unschuldig,
und die ungeheure Schuld der Vergangenheit wird auch kein grerer als
er zu tilgen vermgen.

Sie sagen: Ich frchte mich nicht, aber der Marquis ist krank und die
Sorgen um finanzielle Katastrophen bedrcken ihn, darum mchte ich klar
sehen. Ich wute, da Ihr Stolz keine Furcht aufkommen lt, aber ich
wei auch, da das Riesenvermgen des Herrn Marquis selbst durch die
gewagten Spekulationen des Herrn von Saint-James nicht in dauernde
Gefahr geraten kann. ngstlich ist im Augenblick alles, denn vom
Ausgang des Krieges hngt auerordentlich viel ab. Vorlufig knnen wir
von wesentlichen Erfolgen Frankreichs nicht sprechen, und der
Lorbeerkranz, den der Admiral d'Estaing in der Oper entgegennahm, war
dem Ort entsprechend nur Theater fr das Volk. Wir haben uns, seit dem
Zeitalter des groen Knigs, der Siege so entwhnt, da wir geneigt
sind, jeden kleinen Erfolg zu einer Heldentat aufzubauschen. Der Knig
ist besonders berschwenglich bei solcher Gelegenheit, aber Orden und
Titel, die er freudig ausstreut, vermgen den Epigonen nicht die Gre
ihrer Ahnen zu verleihen.

Sie fragen nach der Stimmung des Hofs. Ich habe mich so viel als mglich
zurckgezogen, kann also aus eigener Anschauung nur wenig berichten.
Wenn man nach der Menge der Feste und Empfnge urteilen knnte, mte
sie sehr rosig sein, aber da Feste um so weniger ein Ausdruck des
Vergngens sind, je mehr sie zur alltglichen Gewohnheit werden, so sind
sie kein Gradmesser fr die Laune der Frsten.

Ich traf die Knigin im Juni in Ermenonville, wohin ich der Einladung
der liebenswrdigen Madame de Girardin gefolgt war. Ein gttlicher
Landsitz! Rousseau selbst htte sich fr seine ewige Ruhe keinen
schneren Ort aussuchen knnen. An seinem Grabe auf der Pappelinsel, wo
die hohen Bume in lichtem Hoffnungsgrn prophetisch gen Himmel weisen,
wo Trauerrosen sich liebevoll wie weinende Frauengesichter um das
Denkmal schmiegen und die kleinen Wellen des Flusses nur leise
miteinander flstern, als wollten sie die Stille nicht stren, predigt
alles die Seligkeit der Rckkehr zur Natur.

Die Knigin war sehr verstimmt. Am Morgen hatte sie von der Absicht
einer neuen Einschrnkung der Zahl ihrer Dienerschaft erfahren, nachdem
sie schon kurz vorher gezwungen worden war, ihre Wnsche fr den
Theaterbau von Trianon erheblich einzuschrnken. Man mit, wie es
scheint, den Hofhalt des Knigs von Frankreich an dem bourgeoisen Budget
des Herrn Necker, sagte sie. Ihre weichen Zge, die ich bisher nur von
einem Lcheln verklrt sah, bekamen dabei den harten Ausdruck, der ihrer
kaiserlichen Mutter besonders eigentmlich ist. Wrden Sie sich von
Ihrem Hausknecht das Men Ihrer Tafel bestimmen lassen? frug sie mich.
Von meinem Hausknecht -- nein! entgegnete ich; wohl aber von meinem
Verwalter, der fr die geregelte Wirtschaftsfhrung verantwortlich ist.

Bei dem Rundgang durch den Park kamen wir am Grabe des Unsterblichen
vorber. Die Knigin streifte es durch ihre Lorgnette mit einem eisigen
Blick, und sagte dann mit hochmtig zurckgeworfenem Haupt, -- einer
Bewegung, der nur die Tochter Maria Theresias fhig ist --: die
Trauerrosen in Trianon blhen ppiger. Darauf raffte sie ihr Kleid,
als drfte es den Boden nicht berhren, und schritt vorber. Beim Souper
machte ich der Grfin Polignac mein Kompliment ber die geschmackvolle
Toilette der Damen: Sie tragen weiche Schuhe ohne Hacken, groe
Strohhte auf natrlich fallenden Locken, weie, schlichte
Musselingewnder -- nennt man dies reizende Ensemble nicht eine Kleidung
 la Rousseau?! -- Mademoiselle Bertin, die sie schuf, nennt sie Roben
 la reine, rief die Knigin ber den Tisch hinweg mir zu, und geruhte
darnach, mich nicht mehr zu bemerken.

Ein paar Wochen spter war ich beim Grafen von Provence auf Schlo
Brunoy. Wer nichts weiter kennt, als diesen Palast eines Krsus, mu
glauben, ganz Frankreich schwmme in Gold. Zu einem jener beliebten
Herrenfeste, das unsere reizendsten Priesterinnen Terpsychorens durch
pikante Tnze und noch pikantere Couplets so besonders anziehend zu
machen pflegen, wurde der Knig erwartet. In der Nacht, ehe er kam,
improvisierten die Kavaliere einen Raub der Sabinerinnen --, die
Erzhlung von dieser Posse, die in einem Bacchanal endete, amsierte den
Knig mehr als die wohlvorbereiteten Auffhrungen. Er ist, wie Sie
wissen, nur unfreiwillig tugendhaft.

Es gab dann noch eine Jagd auf wahrhaft hoffhige Hirsche: sie schienen
den Tod durch eine knigliche Kugel als eine besondere Auszeichnung
anzusehen.

Zum Schlu hatte der Knig eine Privatkonferenz mit dem Grafen. Er
schied auerordentlich befriedigt.

Ein paar Tage spter waren die Straen von Versailles voll betrunkner
Schweizer, -- ihre gestundeten Gehlter waren ihnen bar ausgezahlt
worden, -- die Marstlle voll englischer Pferde, und in Trianon wurde
der unterbrochene Theaterbau fortgesetzt. Geschfte zu machen, ist so
gemein, sagten Sie mir in Spa mit einer unvergleichlichen, wegwerfenden
Handbewegung. Aber Knige adeln alles, -- nicht wahr, Frau Marquise?

Ich lese eben Ihre Zeilen noch einmal, und pltzlich scheint mir, als ob
der leise Wunsch, nach Versailles zurckzukehren, zwischen ihnen stnde.
Ich wre trostlos, wenn ich ihn unterdrckt, statt angefacht htte. Aber
warum hllen Sie auch Ihr Innerstes immer in tausend schimmernde
Schleier? Sollten Sie wissen, da das Geheimnis, zu langweilen, darin
besteht, alles auszusprechen?


Kardinal Prinz Louis Rohan an Delphine.

_Versailles, am 30. August 1780._

Verehrteste Frau Marquise, die liebenswrdige Aufnahme, die Sie mir in
Froberg bereiteten, der sympathische Eindruck, den ich, -- Sie
gestatten einem Priester die offene Bemerkung --, von der Erneuerung
freundlicher Beziehungen zwischen Ihnen und dem Herrn Marquis gewonnen
habe, treibt mich zu diesem Brief.

Sie entsinnen sich unseres langen Gesprchs im Anschlu an die hchst
merkwrdigen Mitteilungen des Baron Wurmser ber den Grafen Cagliostro,
seine Heilungen und Prophezeiungen. In Erinnerung an die schmerzlichen
Erfahrungen, die Sie, teure Marquise, mit Herrn Dr. Mesmer gemacht
haben, erklrten Sie von vornherein alles fr Schwindel, was Wurmser zu
berichten wute. Auch ich war skeptisch, obwohl ich als glubiger Christ
die Mglichkeit neuer Wunder niemals leugnen werde und berzeugt bin,
da grade so unruhige, von Hoffnungen und Erwartungen schwangere Zeiten
besonders geeignet sind, verborgene gttliche Krfte in einzelnen
begnadeten Menschen hervorzulocken.

Sie werden sich daher denken knnen, da ich nicht zgerte, die
Bekanntschaft des mysterisen Grafen zu suchen, der sich im Augenblick
in Paris aufhlt. Er hat meine khnsten Erwartungen weit bertroffen.
Ich kam zu spter Stunde in brgerlicher Kleidung und vollkommen
maskiert zu ihm. Ohne einen Augenblick zu zgern, begrte er mich mit
tiefer Verbeugung als den Kardinal Rohan und hatte, ehe ich noch ein
Wort zu sagen vermochte, meinen Charakter, meine Wnsche und Neigungen,
ja die geheimsten Ereignisse aus meiner Vergangenheit so detailliert
beschrieben, wie ich sie mir selbst kaum je einzugestehen gewagt hatte.
Diese Beweise seiner phnomenalen Fhigkeiten htten schon gengt, meine
Zweifel zu zerstreuen; aber was ich dann noch erlebte, machte mich zu
seinem Adepten. Ich traf am nchsten Tage die Grfin Bethune bei ihm,
und ich sprach mit ihr, als wre sie niemals taub gewesen; ich sah mit
meinen eigenen Augen einen armen gelhmten Bettler, den er gehen hie
wie einen leichtfigen Jngling, und ein blindes kleines Mdchen, dem
er mit einem Hauch seines Mundes die Augen ffnete. Als ihn am Abend die
Menge der Kranken verlassen hatte, -- ihr heier Dank war der einzige
Lohn, den er annahm! --, hielt er mich noch zurck.

Im Lichte einer einzigen blulich flackernden Flamme, die ohne Lampe und
Docht mitten in seinem, von Phiolen und duftenden Essenzen gefllten
Laboratorium zu schweben schien, hatten wir ein denkwrdiges Gesprch,
das die Gegenwart und die Zukunft Frankreichs umfate. Was er sagte, mu
Geheimnis bleiben zwischen uns, es hat mich tief erschttert, und die
Rolle, die er mir in der Flut kommender Ereignisse zuwies, erfllte mich
mit einem so heien Dank gegen Gott, da ich in Gebet versunken in die
Kniee sank.

Das Gerusch knisternder Funken weckte mich erst aus der frommen
Entrcktheit. Das ganze Gemach war erfllt von Glut; ich wollte schon um
Hilfe rufend zum Fenster strzen, als eine Stimme, drhnend wie die
eines Erzengels, mich zurckhielt. Ich sah den Grafen vor mir stehen,
und doch war er es nicht, denn eben erst war er mir wie ein Mann von
kaum fnfzig Jahren erschienen, und jetzt war er ein Greis, dessen Alter
niemand htte bestimmen knnen: Die braune Haut spannte sich straff ber
die Knochen, tief in den Hhlen lagen die Augen, die mageren Hnde
griffen in die glhende Luft, die uns umgab, und wo sie hinfaten,
verdichtete sie sich zu rotem Golde, zu schimmernden Edelsteinen. ffte
mich ein Spuk der Hlle?! Ich ri das Kreuz von meiner Brust und
streckte es beschwrend dem Grafen entgegen. Mit demtiger Gebrde
drckte er die Lippen darauf! --

Glauben Sie mir, Frau Marquise: im Augenblick der hchsten Not hat Gott
selbst Frankreich den Retter gesendet!

Ich habe in der Zeit meines Aufenthalts alles versucht, um meiner
berzeugung Anhnger zu gewinnen; aber leider hat sich das Gift des
Unglaubens wie eine Seuche verbreitet, und selbst die ersten Diener des
Staates und der Kirche nicht verschont.

Wie mir Graf Chevreuse erzhlte, scheint jedoch die Knigin lebhaftes
Interesse fr die Wunder Cagliostros zu haben. Als er ihr auf meine
Veranlassung von seinen Leistungen berichtete, rief sie mit leuchtenden
Augen: Er macht Brillanten! und klatschte wie ein glckliches Kind in
die Hnde dabei. Leider ist es mir jedoch noch immer nicht gelungen,
eine persnliche Audienz durchzusetzen, von der so viel abhngen wrde.
Der Einflu der Grfin Polignac ist strker denn je; sie wei ihn mit
wahrhaft infernalischer Klugheit fr sich und ihre Familie auszunutzen,
was nichts anderes bedeutet, als da sie die Rohans und ihre Anhnger
fern hlt. Ich hatte gehofft, der Knigin bei dem Einweihungsfest des
kleinen Theaters von Trianon den Grafen im geheimen vorstellen zu
knnen, aber die Spheraugen der Partei Polignac verhinderten geschickt
jede Annherung.

Wie bedauerte ich an einem zauberhaften Abend wie diesem, Sie, schnste
Marquise, nicht unter uns zu wissen. Das kleine goldstrotzende Theater,
das von auen ganz den Charakter eines Tempels, von innen den eines
liebesschwlen Boudoirs besitzt, ist der passendste Rahmen fr das
grazise Spiel unserer reizenden Knigin. Sie war eine Soubrette, der
man es glauben kann, da der Liebhaber, den Herr von Vaudreuil mit dem
natrlichsten Feuer spielte, aus unbefriedigter Sehnsucht wahnsinnig
werden kann. Das Stck des Herrn Sedaine -- der Knig und der Bauer --
ist freilich etwas schlpfrig und nicht allzu reich an Geist, aber das
entzckende Spiel all der erlauchten Komdianten lie schlielich alles
verzeihlich erscheinen. Strahlend vor Stolz nahm die Knigin die
Huldigungen des illustren Publikums entgegen. Die neuen chinesischen
Laternen verbreiteten ein magisches Licht im nachtdunklen Park, als das
Theater sich wieder ffnete; man strmte hinaus, man suchte und fand
sich.

Und drauen auf dem Meer wird inzwischen mit Menschenleben um die
Zukunft Frankreichs gespielt, hrte ich einen Offizier neben mir sagen,
einen der vielen, die mehr und mehr vergessen haben, da es zur Treue
gegen den Monarchen gehrt, sich auch seinen unrichtigen Manahmen
kritiklos zu beugen.

Ich sollte bald darauf noch ein Beispiel fr den herrschenden Geist der
Aufsessigkeit kennen lernen: Der Herzog von Chartres gab zu Ehren seiner
geistreichen Freundin Frau von Genlis ein Nachtfest im Park von Monceau,
das mit einer Wasserfahrt auf bekrnzten Gondeln schlieen sollte. Kaum
hatte die ganze Gesellschaft Platz genommen, als sich herausstellte, da
smtliche Ruderer betrunken waren. Erschrocken drngte alles hinaus. In
diesem Augenblick sagte ein kleiner Kapitn laut zu unserem edlen
Gastgeber: Wir Franzosen machen auf dem Wasser anscheinend stets
dieselben schlechten Erfahrungen. Und trotzdem sehen Sie, welch
schnen Sieg wir erringen, entgegnete der Herzog lchelnd und wies auf
die Gruppen ngstlicher Damen, die sich zitternd in die Arme
hilfsbereiter Herren schmiegten. Laharpe, der Unvermeidliche, lie sich
die Gelegenheit zu einer poetischen Improvisation natrlich nicht
entgehen, wobei er Frau von Genlis als Venus, den Herzog als Mars
feierte und es nur, -- aus bertriebener Bescheidenheit! -- unterlie,
sich selbst als Adonis vorzustellen.

In wenigen Wochen kehre ich nach Straburg zurck. Sollte Graf
Cagliostro meinen dringenden Bitten, mitzukommen, noch Gehr schenken,
so hoffe ich nicht nur fr mich, sondern vor allem fr Sie, teuerste
Marquise, auf eine im hchsten Sinne bedeutungsvolle Zeit.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Straburg, den 15. September 1780._

Meine liebe Delphine. Rohan hat nicht zu viel gesagt. Ich bin aufs
uerste berrascht von dem Erlebten und glaube darnach zu den grten
Erwartungen berechtigt zu sein. Ich brauche Ihnen wohl kaum noch zu
versichern, da der Gedanke, meine krperlichen Krfte zurckzugewinnen,
und mein Vermgen, wenn nicht zu vergrern, so doch zu erhalten, mit
dem Wunsche, Ihnen nicht beschwerlich zu fallen, und Sie mit dem Glanz
zu umgeben, fr den sie geschaffen sind, so innig verschwistert ist,
da er fast identisch erscheint. Seit der groen Tragdie unseres
Hauses, unter der ich Sie zusammenbrechen sah, habe ich immer darnach
getrachtet, Sie wieder froh zu sehen. Nichts wrde mir grere Freude
bereiten, als Ihre Wnsche erfllen zu knnen, nichts bekmmerte mich
mehr, als da die schwierigen, finanziellen Verhltnisse mich daran zu
verhindern vermchten. Der Graf Cagliostro hat mich dieser Sorge
entrissen; es bleibt nur die eine noch drckendere, da Sie wunschlos
neben mir her gehen. Ich mu die Vergangenheit zu Rate ziehen, um zu
wissen, was wenigstens damals Ihr Interesse heraufrief. Ich habe
Gartenknstler und Architekten engagiert, um Park und Pavillon durch sie
vollenden zu lassen, und hoffe wenigstens auf ein zustimmendes
Kopfnicken.

Und nun habe ich eine Bitte an Sie. Ich legte dem Grafen die eine
schwerwiegende Frage vor, ob ich noch auf einen Erben hoffen drfte. Er
behauptet, sie beantworten zu knnen, wenn er Sie gesehen hat. Diesem
Wunsche Folge zu leisten, ist seit Jahren der erste Wunsch, den ich
Ihnen ausspreche. Sie haben mir selbst das Zeugnis ausgestellt, da ich
sie behandle wie ein vterlicher Freund. Beweisen Sie mir jetzt die
Dankbarkeit, die Sie mir so oft versichert haben.


Kardinal Prinz Louis Rohan an Delphine.

_Straburg, den 26. September 1780._

Die Sorge um Sie, teuerste Frau Marquise, verfolgte mich bis in meine
Trume. Lassen Sie mich umgehend wissen, wie Sie den frchterlichen --
leider durch Ihre eigene Schuld frchterlichen Abend berstanden haben.
Wie konnten Sie nur den Zustand der Entrcktheit, in dem der Graf sich
befand, so jh unterbrechen, so da er wie ein Toter zu Boden strzte?!
Ist der Gedanke, noch ein Kind bekommen zu knnen, Ihnen so schrecklich,
da er jenen Aufschrei uerster Verzweiflung auslsen mute? Wollen Sie
die ehelichen Pflichten nicht mehr anerkennen, Pflichten, die leider
auch unter dem korrumpierenden Einflu antichristlicher Moral auf den
Schutthaufen der Vergangenheit geworfen werden?

Mit dem hoheitsvollen Lcheln eines berlegenen ging der Graf ber den
aufregenden Moment hinweg. Als er aber dann unter dem zauberhaften Licht
der schwebenden Flamme aus Ihrem eigenen Ring Tropfen flssigen Goldes,
aus Ihrem eigenen Halsband schimmernde Edelsteine fallen lie, und der
Marquis und ich dem Wunder mit andchtigem Staunen zusahen, warum
sprangen Sie auf und griffen in die Glut, so da ihre weie Hand sich
mit roten Brandwunden bedeckte; warum warfen Sie einem Manne, der unser
aller Wohltter werden kann, Ihr Schwindler! entgegen?!

Als ich heute frh den Grafen begrte, -- sein Aussehen besttigte mir
diesmal mehr als seine Worte, da er das Alter Mose erreicht hat --,
sprach er in Ausdrcken warmer Anteilnahme von Ihnen. Wir alle wollen
Ihr Bestes, schnste Frau, und ich hoffe, Sie werden mich und den Grafen
empfangen, wenn wir uns im Laufe dieses Tages bei Ihnen melden lassen.
Vergessen Sie nicht, da Ihre Weigerung auch Ihrem Herrn Gemahl der
Hilfe eines Menschen berauben drfte, von dem er alles erwartet.


Graf Cagliostro an Delphine.

Frau Marquise! Sie wollen mich nicht empfangen. Es scheint Ihnen
unbekannt zu sein, da alles, was mich betrifft, nicht vom Willen eines
Sterblichen abhngt.

Der Marquis ist ohne mich ruiniert und Sie seine lebenslnglich
Gefangene.

Auf Schlo Froberg sehen wir uns wieder.


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, am 15. Dezember 1780._

Meine teure Frau Marquise! Ihre Mitteilung enthielt fr mich nichts
Neues. Ganz Paris ist erfllt vom Ruhm Cagliostros, den die Einen fr
einen geschickten Taschenspieler, die Andern fr einen Zauberer halten.
Da der Kardinal Rohan ihm verfallen ist, da der Marquis Montjoie in
Straburg ein Laboratorium einrichtete, um die Kunst des Goldmachens von
dem mysterisen Fremden zu erlernen, -- das ist das Tagesgesprch in den
Salons, und Cagliostro kann sicher sein, mit dem Ruhm, der ihm jetzt
vorangeht, Paris zu erobern. Eine Gesellschaft, die zu Madame Bontemps
strmt, um sich aus dem Kaffeesatz wahrsagen zu lassen, die an Stelle
geistreicher Konversation Sitzungen mit Somnambulen treten lt, ist
reif fr diesen Propheten. Wrden unsere Philosophen sich wohl die Mhe
gegeben haben, den Glauben zu vernichten, wenn sie geahnt htten, da
sie dadurch nur dem Aberglauben die Wege bereiten?! Je mehr die Furcht
vor der Wirklichkeit wchst, desto mehr flchten die Feigen in das Reich
phantastischer Trume.

Sie werden vom Mierfolg meiner Tragdie Der Tod des Cajus Gracchus
gelesen haben. Der Ernst erschreckte das Publikum; es vertrgt den Witz,
ja die Satire, es lacht ber sich selbst und ber unsere politischen
Zustnde, wenn man sie ihnen auch in Form der drastischsten Karikaturen
vorfhrt, aber es wird nie verstehen wollen, da die Komdie im Grunde
ein Trauerspiel ist.

Herr Necker scheint alle Mittel seiner Weisheit erschpft zu haben, ohne
es vor der ffentlichkeit zugeben zu wollen. Herrn Linguet, der in
seiner Zeitschrift nicht aufhrt, die Manahmen des Generalkontrolleurs
lcherlich zu machen, ist zwar in der Bastille Gelegenheit geboten
worden, fr seine literarischen Snden Bue zu tun, aber jedermann wei
--, er selbst am genauesten --, da der Hof seine gepfefferten Aufstze
mit Vergngen liest. Ich bin kein Anhnger der steifen Wrde Herrn
Neckers, noch weniger der geistreichelnden Charakterlosigkeit des Herrn
Linguet, der nur Leute zu blenden vermag, die des Tageslichts ganz und
gar entwhnt sind, aber angesichts der Mglichkeit der Verabschiedung
Neckers kann ich mir nicht verhehlen, da, wer auch sein Nachfolger sein
mag, er sicher nur noch unfhiger sein wird, Frankreich vor dem Ruin zu
retten.

Ist es nicht auch ein Zeichen bedenklichen Niedergangs, da ich an die
reizendste aller Marquisen schreibe, als wre sie ein alter Diplomat?
Wahrhaftig, der Franzose verlernt es, in seinem Klub- und
Kaffeehausleben mit schnen Frauen Konversation zu machen. An Stelle der
Kunst der Unterhaltung tritt der schlechte Stil der Journale oder der
rohe Jargon der Grisetten.

Der Dienst, schnste Frau, fhrt mich in nchster Zeit nach dem Elsa.
Sie wrden sich einer geistigen Lebensrettung rhmen knnen, wenn Sie
mir auch nur fr wenige Tage Aufnahme gewhren. Allein die Hoffnung, Sie
zu sehen, Ihre kleine Hand ehrfrchtig an die Lippen ziehen zu drfen,
entreit mich schon der morosen Stimmung. Die Gegenwart vergessen, indem
man sie geniet, ist schlielich die beste Philosophie.


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, am 20. Mrz 1781._

Teuerste Delphine. Wie ich Adam beneide! Er wurde zwar gleich mir nach
einer Zeit, die zeitlos war, darum so lang wie die Ewigkeit und so kurz
wie ein Augenaufschlag, aus dem Paradiese vertrieben --, aber er hatte
doch die verbotene Frucht genossen!

Habe ich Ihnen nicht wochenlang treu gedient? sogar das Grauen vor dem
unheimlichen Gast Ihres Hauses berwunden, um Ihnen im Kampf gegen diese
Riesenspinne beizustehen, die unsichtbar ihre Fden um Sie zieht.

Habe ich in Ihren neuen Parkanlagen nicht den Obergrtner, beim Ausbau
Ihres Pavillons nicht den Architekten gespielt, wobei ich die se
Hoffnung nhrte, da diese Grotten und Lauben, da diese rosiggoldene
Venusmuschel mir einmal mehr zu bieten htte als knstlerischen Genu?

Unser Jahrhundert ist ein mit den kstlichsten Gtern reich beladenes
Schiff, das einem fremden Erdteil zusteuert, um, vom Orkan getrieben, an
seinen Felsen zu zerschellen. Aber mag all sein Reichtum dabei zugrunde
gehen, wenn nur gerettet wird, was zur hchsten Blte sich entfaltete:
die Kunst der Liebe. Und Sie, geboren zu ihrer Hterin, wollen ihr jetzt
schon treulos sein? Heit das nicht, den Barbaren die Zukunft
berlassen? Sollten nicht gerade wir, die Kinder einer sterbenden
Epoche, noch jede Glcksmglichkeit erschpfen, damit sie im
rotglhenden Glanze des Abendrots untergeht, und nicht unter grauem
Himmel und khlen Regentrnen?

O, es ist bitter fr den Grafen Guibert, als Ersatz fr die Liebe ber
Liebe philosophieren zu mssen! Ich wrde ganz darauf verzichten, ich
wrde vor allem Ihren Wunsch, Ihnen nicht von Gefhlen, sondern von
Literatur und Politik zu erzhlen, unerfllt lassen, wenn nicht Ihre
leuchtenden Augen, Ihr roter Mund, Ihre kleinen weichen Hnde, Ihre
reizende mit holder Koketterie gekleidete Gestalt mich berzeugt htten,
da Sie mit den politisierenden Damen des Palais-Royal nichts, aber auch
gar nichts zu tun haben. Einer Delphine Montjoie werden diese Dinge
nicht zum Lebensinhalt; sie dienen ihr nur, um ihren Geist zu entfalten,
ihre Empfindung zu vertiefen, wie Blumen und Bnder, Seidengewebe und
Edelsteine ihr dienen, um ihren Reiz zu erhhen.

In diesem Sinne ergebe ich mich sogar in das Schicksal eines bloen
Chroniqueurs.

Von Neckers Rechenschaftsbericht, den schon alle Welt in Hnden hat,
brauche ich Ihnen kaum noch etwas zu sagen. Er ist das, was ich von
einem Manne, der Klugheit, aber keine Gre besitzt, erwartete: eine
geschickte Verschleierung der Tatsachen, ein Ablenken des Unwillens ber
eine allgemeine Miwirtschaft auf die Hupter von wenigen Mitschuldigen.
Das Volk, oder vielmehr diejenigen Kreise, die sich heute als Volk zu
bezeichnen lieben, -- Advokaten, Zeitungsschreiber, Krmer und
deklassierte Aristokraten --, jubelt, die Parlamentsrte, die
Intendanten und Generalpchter, denen Necker einige Wahrheiten sagt,
sind emprt. Es wird sich wahrscheinlich wieder einmal zeigen, da in
der Politik nicht die Mehrheit der Menschen, sondern die Macht des
Geldes den Ausschlag gibt, um so mehr, als die Knigin des Sparens mde
ist und Necker zu Fall bringen wird, wenn nicht der Graf Cagliostro sich
sehr beeilt, auch ihr die Kunst des Goldmachens zu lehren.

Sie sehen: meine Gedanken kehren trotz allen Strubens immer wieder zu
dem Meister zurck. Niemand konnte ihm skeptischer, ja feindseliger
gegenbertreten als ich, vor allem, seit ich sah, wie er den Marquis und
den Kardinal zu bloen Werkzeugen seines Willens gemacht hat, und wie
sehr Sie um seinetwegen litten. Trotzdem --, ich bin auerstande, ihn
kurzerhand als einen raffinierten Betrger abzutun. Er hat mir Dinge aus
meiner Vergangenheit gesagt, die nur ich wissen konnte; er hat
Prophezeihungen ausgesprochen, die nicht in die Rubrik billiger Trume
zu verweisen sind; er hat Saiten in mir zum Klingen gebracht, die mir
frher wie bloe Rudimente kindlicher Geistesbeschaffenheit erschienen
und von denen ich glaubte, da die Voltaire und die Holbach sie lngst
zerrissen htten.

Wissen Sie noch, wie ich am letzten Abend vor dem Pavillon ber den
Goldmacher zu scherzen versuchte, um Ihre Angst zu zerstreuen? Keine
Wolke trbte den strahlenden Himmel; purpurn senkte sich der Sonnenball.
Da fiel auf einmal ein langer dunkler Schatten ber den Rasen vor uns
bis zum Teich; die Schwne schlugen mit den Flgeln, Sie zogen frstelnd
das weie Tuch um die Schultern -- Cagliostro war vorbergegangen.

Ich wollte, Sie wren in Paris, teuerste Frau!


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, am 25. Mai 1781._

Meine liebe Delphine! Kaum hier angekommen, bin ich Zeuge eines
umwlzenden Ereignisses geworden, -- genau wie Cagliostro es
vorausgesagt hat. Ein neuer Beweis, der seinen Eindruck auf Sie nicht
verfehlen drfte!

Necker erhielt seine Demission, nachdem alle Welt zum Dank fr die
erstaunliche Leistung eines Plus von zehn Millionen im Staatsschatz
mindestens seine Standeserhhung und seine Ernennung zum Minister
erwartet hatte. Sie wissen, da er mich den Genfer Bankier nie vergessen
lie, da ich aber zugleich groes und, wie sich herausstellte,
berechtigtes Vertrauen in seine Geschftsklugheit gehabt habe. Leider
war er den Herren Finanziers und Generalpchtern, die immer mehr das
groe Wort fhren, je mehr sie unsere Gter, unser Vermgen, unsere
Bildung sich aneignen und sogar den Knig dadurch zu tuschen versuchen,
viel zu klug. Sie sind es in der Tat, die Necker gestrzt haben. Wie
stark mu ihr Einflu sein, da dergleichen geschehen konnte.

Ich war Sonntag inmitten der Stadt, als die Nachricht sich verbreitete.
Alles war aufs uerste konsterniert. Die Promenaden, die Cafs waren im
Augenblick berfllt, aber es herrschte berall eine fast bengstigende
Stille. Man sah sich vielsagend an, man drckte einander teilnehmend die
Hand, als stnde man vor einer allgemeinen Katastrophe. In den nchsten
Tagen entwickelte sich eine frmliche Vlkerwanderung nach Saint-Quen,
wohin Necker und seine Familie sich sofort zurckgezogen hatten. Man
bemerkte die Herzge von Orlans, von Chartres, von Choiseul und
Richelieu, sogar den Erzbischof von Paris, und sah darin eine offene
Parteinahme wider den Knig, die von neugierigen Massen vielfach lebhaft
applaudiert wurde.

Am Abend kam es in der Comdie Franaise zu turbulenten Szenen. Man gab
La partie de chasse de Henri IV. Bei den Worten des Herzogs von
Bellegarde sprechen Sie mit Respekt von einem so groen Minister!
brach das Publikum in minutenlange Bravo-Rufe aus, und bei dem Ausruf
Heinrichs IV. die Grausamen! Wie konnten sie mich um diesen Mann
betrgen! weinte alles.

In der Oper kam es am selben Abend zu einem lrmenden Auftritt, als ein
Kavalier seiner Freude ber den Rcktritt Neckers allzulauten Ausdruck
gab, und Herr von Bourboulon, dessen Broschre den Generalkontrolleur
wegen seines Rechenschaftsberichts der Flschung zieh, kann sich
ffentlich nicht sehen lassen, ohne insultiert zu werden. Nun ist
Frankreich verloren, hrte ich auf offener Strae einfache Leute
trnenden Auges zu einander sagen.

Ich kann nicht leugnen, da ich hnliches empfinden wrde, wenn ich
nicht in letzter Zeit zu neuen Hoffnungen mich berechtigt glaubte, von
denen ich nur bedauern kann, da sie nicht auch die Ihren sind. Herr von
Saint-James war nicht wenig verblfft, als ich einen Teil meines
Kapitals kndigte; er warnte mich vor Schwindlern, woraus ich entnahm,
da mein Verkehr mit Cagliostro nicht unbekannt geblieben ist, aber,
meiner Abmachung mit dem Grafen getreu, habe ich mit keiner Silbe
erwhnt, was ich nun schon Dutzende von Malen mit eigenen Augen sah: da
ein Louisd'or sich in der Glut des geheimnisvollen Feuers verdoppelte
und verdreifachte. Ich habe bei Gelegenheit des Besuches auch Ihren
Wunsch erfllt und Ihr kleines Kapital aus dem Geschft zurckgezogen.
Ich hoffe, Sie werden es in ein paar Boutons fr Ihre rosigen Ohren oder
in eine Kette um Ihren weien Hals verwandeln --, andernfalls wrde mir
diese Laune der schnen Marquise nicht ganz verstndlich sein. Fast
soviel als es ausmacht, habe ich bereits fr Sie ausgegeben: Spitzen,
Seidenstoffe, Hte und Hubchen fr Ihre reizende Person, entzckende
kleine Mbel fr den Pavillon -- Ihren goldenen Rahmen -- gehen heute
nach Froberg ab.

Werden Sie jemals wieder daran denken, sich fr mich zu schmcken, meine
liebe Delphine? Sie haben keinen Liebhaber, -- obwohl ich nur der Gatte
bin, glaube ich, es behaupten zu knnen! -- wrden Sie nicht,
versuchsweise, einmal mit mir vorlieb nehmen?! Ich heiratete Sie, weil
Sie mich entzckten, Ihre junge Schnheit meiner Eitelkeit schmeichelte.
Aber jetzt, Delphine, werbe ich um Sie, weil ich Sie liebe. Ich bin kein
schmachtender Anbeter; ich kann Sie nicht einmal mit der ergreifenden
Geschichte meiner Gattentreue rhren. Treue ist eine bourgeoise Tugend,
die nach Frondienst schmeckt. Aber ich werde vermgen, was kein anderer
vermag: Ihnen alle Herrlichkeit der Welt zu Fen zu legen.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, am 3. Juni 1781._

Meine Liebe! Die Nachricht von Ihrer Abreise nach Spa, die Mitteilung
von dem lngeren Besuch, den Sie nach dem Badeaufenthalt Ihrer Freundin
Clarisse machen wollen, -- eine Freundschaft, der Sie sich gerade jetzt
zu erinnern belieben! -- ist die deutlichste Antwort auf meinen letzten
Brief.

Ich kann warten! Der Meister sagte mir, als wir die letzte Sitzung
miteinander hatten: sie kommt wieder. Ich glaube ihm. Erholen Sie sich,
amsieren Sie sich, lassen Sie Dutzende von Mnnern zu Ihren Fen
schmachten. Mir soll es recht sein, denn -- Sie kommen wieder!


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 18. Juli 1781._

Soeben erfahre ich von meiner Schwester, da Sie, Holdseligste, endlich
einer Einladung nach Chateau Larose folgen wollen. Sie ist entzckt; ich
bin es noch mehr; und meine Neugierde kennt vollends keine Grenzen, denn
die Marquise Delphine ist ein Rtsel, das einem Mann, der das Geheimnis
Weib ganz zu ergrnden geglaubt hatte, immer aufs neue zu lsen brig
bleibt.

Die Marquise Montjoie hat den Schleier genommen, wute die kleine
Lamballe noch vor einem Jahre mit dem himmlischsten ihrer
Augenaufschlge zu berichten. Ich erschrak. Aber meine Phantasie
arbeitete bereits an der entzckendsten aller Klosterentfhrungen.

Die reizende Delphine ist des Grafen Cagliostro Adeptin, erzhlte
wenige Monate spter der Baron Wurmser bewundernd, als ob Sie es noch
ntig gehabt htten, das Zaubern zu lernen. Ich war emprt. Und mein
Entschlu stand fest, den Hexenmeister zu entlarven, um ihm sein Opfer
entreien zu knnen.

Wissen Sie, wer der Marquise Montjoie einziger Liebhaber ist? lachte
Herr von Vaudreuil, als er im vorigen Winter in Straburg gewesen war,
der Herr Marquis! Ich war verzweifelt. Denn nun erst schienen Sie mir
verloren.

Und jetzt erfahre ich von Ihrem Hofstaat in Spa, zu dem der Marquis
nicht gehrt, -- denn ich sehe ihn in Paris im Gefolge Cagliostros --,
von Ihrer bevorstehenden Ankunft in Larose -- allein!

Versailles ist tot, seitdem der Zustand der Knigin uns zur Tugend
zwingt. Aber selbst wenn es im hchsten Glanze strahlt, selbst wenn alle
Marmorgttinnen seiner Grten lebendig geworden wren, nur um mich zu
umarmen, -- Larose erschiene mir, von Delphine bewohnt, als der Himmel
auf Erden -- vorausgesetzt, da es nicht der der Heiligen und der
Erzengel, sondern der der Houris und der Grazien ist.

Ich werde kurz vor Ihnen in Larose eintreffen, um nicht nur des Vorzugs
zu genieen, die holde Delphine aus dem Wagen heben zu knnen, sondern
um auch der Erste zu sein, der Ihnen das neueste gesellschaftliche
Ereignis von Paris zu berichten vermag: die Erffnung des Hotels
Dervieux in der rue Chantereine, eines Meisterwerks von Bellanger. Die
jngste und schnste Dienerin Terpsichores wird dank der Gunst des
Prinzen von Soubise seine Herrin sein, und ich rhme mich, sie entdeckt
zu haben. Da sie schn ist, wird die Marquise Montjoie mir glauben; wer
knnte, der Sie kennt, mit einem anderen Mastab messen, als dem Ihren?
Fr den Geist der Kleinen zeugt dies Bonmot: Ein junger Mann bewarb sich
um sie. Sie wies ihn ab. Er kam immer wieder; schlielich schrieb er
flehend: Gewhren Sie mir nur als Almosen Ihre Gunst. Sie erwiderte
auf rosigem billet-doux-Papier: Ich bedaure lebhaft, mein Herr, ich
habe schon meine Armen. Sie werden mir zugeben, schnste Frau, da Guy
Chevreuse, dank der Erziehung durch Sie, auf der Hhe seines guten
Geschmacks geblieben ist.

Je mehr die Gelehrten sich ber die Entdeckungen neuer Wunder der Chemie
und der Physik den Kopf zerbrechen und ihrer Unsterblichkeit die Gensse
ihrer Sterblichkeit opfern, desto mehr fhle ich es als heilige Pflicht,
der grlich ernsthaft werdenden Menschheit Quellen der Freude zu
erschlieen, auch wenn mein Dank dafr in nichts besteht, als im jus
primae noctis. Das ist lateinisch, schnste Frau; ich lernte die drei
Worte, in denen sich meine ganze Kenntni der klassischen Sprache
erschpft, von Herrn von Beaumarchais und bitte Sie, sie sich von ihm
--, der mit uns in Larose und mein gefhrlichster Nebenbuhler sein wird!
-- erklren zu lassen.

brigens wird noch eine dritte Schlerin von L'Abbaye aux Bois unter den
Gsten sein: Die Prinzessin d'Hnin. Es wird also an Beweisen dafr
nicht fehlen, da trotz Rousseau und seiner jngsten Nachfolgerin in der
Predigt von der freien und naturgemen Kindererziehung der Madame
d'Epinay die des Klosters noch immer die beste ist, sie gab uns die
reizendsten, die vorurteilslosesten, die liebenswertesten Frauen. Mit
einer Grazie ohnegleichen hat sich die Prinzessin in das Verhltnis
ihres Gatten zu Mademoiselle Arnould gefunden. Als eine Tugendhafte aus
dem Salon Necker sie krzlich bedauern wollte, sagte sie achselzuckend:
Was wollen Sie?! Mir sind Mnner, die nichts zu tun haben,
antipathisch. Der Prinz hat doch nun wenigstens eine Beschftigung.
Hat er denn keinen andere? frug die Tugendhafte malitis. Bei mir
jedenfalls nicht! antwortete lchelnd die Prinzessin.

Ich greife schleunigst nach Siegellack und Petschaft, ich gerate ja fast
in die Gefahr, meinen Witz noch vor unsrer Begegnung zu erschpfen, und
wollte ihn doch, als Strahlenbndel verpackt, nach Larose mitnehmen, um
in blendender Gloriole vor Ihnen, Holdseligste, dazustehen.


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 11. Oktober 1781._

Wer Larose mit Paris vertauscht, ist weit mehr ein Strfling, als wer
die Freiheit der Hauptstadt mit den Ketten der Bastille vertauschte. Ich
sitze vor dem Schreibtisch, statt vor der schnsten Frau Frankreichs,
ich schaue durch trbe Scheiben auf Husermauern, statt durch grne
Bltter auf blauen Himmel, und -- Schrecken aller Schrecken! -- ich lese
Figaros Streiche einem Haufen hirnloser Komdianten vor, statt der fine
fleur der Pariser Gesellschaft. Noch klingt mir Ihr perlendes Lachen im
Ohr, -- als ein gellender Miton drngt sich die Kritik hochmgender
Kollegen dazwischen, die zwar nichts besser machen, aber alles besser
wissen wollen.

Es gibt Leute unter ihnen --  la Demoines, der der Dubarry Tugendkrnze
flocht und Ludwig XVI. so lange versichert hat, da er ein Genie ist,
bis er es selber glaubt --, die angesichts meiner Komdie um die
Sicherheit des Staats und um die guten Sitten der Pariser zittern. Ich
trste mich; denn noch haben alle, die ihre Feder zum Schwerte
schliffen, den Vorwurf ertragen mssen, da sie Zustnde schaffen,
whrend sie lediglich den Mut hatten, deren Vorhandensein aufzudecken.
Wie die ngstlichen Bedenken literarischer Streber mir besttigen, da
mein Stck gut ist, so besttigt mir der lebhafte Beifall, den seine
Vorlesung bei dem alten Kanzler Maurepas vor einer Gesellschaft
ehrwrdiger Kirchenfrsten fand, da Figaro recht hat, mit der
Narrenpeitsche auf die Almavivas einzuschlagen. Oder finden Sie nicht,
da sogar ein simpler Barbier dunkler Herkunft sich erlauben kann, die
Gesellschaft zu verachten, die den Aussatz, an dem sie leidet, blo --
komisch findet?!

Sie haben recht, klgste aller Marquisen: Beaumarchais und Figaro sind
identisch, -- Herr da und Knecht dort, wie es dem Glcke gefllt, --
und ich meine alle Maurepas, fr die Frankreich nur da ist, damit sie
Minister sein knnen, und alle Rohans, die mir die Herausgabe der Werke
Voltaires verbieten und damit Voltaire selbst glauben vernichtet zu
haben, wenn Figaro zu Almaviva sagt: weil Sie ein groer Herr sind,
meinen Sie ein groes Genie zu sein. Adel, Vermgen, Rang, Wrden, all
das macht stolz. Aber was haben Sie geleistet fr so viel
Herrlichkeiten? Sie haben sich nur die Mhe genommen, geboren zu werden!
Im brigen ein Alltagsmensch, whrend ich, im dunklen Haufen verloren,
nur um mich fortzubringen, mehr Witz und Wissen aufwenden mute, als
man in den letzten hundert Jahren verbraucht hat, um den Staat zu
regieren.

Sie haben aber unrecht, wenn Sie sagen: Figaro wird die Bhne nie
betreten. Er wird, Frau Marquise, er wird! Schon habe ich Madame Campan
eine Abschrift meiner Komdie in die Hnde gespielt und sie hat sie dem
Knig und der Knigin vorgelesen. Das ist abscheulich! Das ist
unanstndig! hat Ludwig XVI. nicht aufgehrt zu versichern. Man wird
das Stck nicht auffhren, hat er mit der ganzen Autoritt des
absoluten Monarchen hinzugefgt. Ist das nicht ein Riesenerfolg, eine
sichere Gewhr fr die Auffhrung?! Der Knig will nicht, da Figaros
Hochzeit gespielt wird; ich aber schwre, sie wird gespielt werden und
wre es auf dem Chor von Notre-Dame!

Das Antichambre will in den Salon, Frau Marquise, und Figaro reit zu
dem Zweck die Flgeltren auf.

Sie glauben mir nicht? Sie weisen mich wieder darauf hin, mit welcher
Begeisterung die Geburt des Dauphin begrt worden ist, wie das Volk
Vivat schrie, wie das Volk den Namenszug des Neugeborenen als Broschen
und Busennadeln trgt. Was ist das Volk?! Einmal ein Haufe
mrchenseliger Kinder, die in jedem Prinzlein einen Erlser verzauberter
Prinzessinnen sehen, das andere Mal eine Herde blutdrstiger Raubtiere,
die Tauben mit derselben Gier verschlingen, wie Wildkatzen.

Sie wnschen noch ein Pariser Ragout? Cagliostro macht glnzende
Geschfte. Er ist, bei Gott, ein groer Erzieher, denn er beweist, da
man nur die Frechheit haben mu, Glassplitter fr Edelsteine auszugeben,
um alle Narren -- d.h. die Mehrheit -- glauben zu machen, da sie es
wirklich sind.

Die Redoute chinoise ist im Beisein der besten Gesellschaft erffnet
worden. Ein Varit, wo man Dirnenlieder singt und Vagabundengeschichten
erzhlt, eine Bildungsanstalt also, die bestimmt ist, in den Theatern
fr das Volk Platz zu machen. Die bersttigten kehren bekanntlich
immer zum Schweinefett als zu einer Delikatesse zurck.

Die Muse Rtifs de la Bretonne ist wieder einmal klglich
niedergekommen. Fr ein Siebenmonatskind ist das Kleine recht lebhaft,
und dabei von einer Natrlichkeit --! Zeigten seine lteren Geschwister
nur den vllig feigenblattlosen Krper, so geht das jngste so weit,
auch seine primitivsten Funktionen blos zu stellen. Sein Erfolg ist
selbstverstndlich enorm. Ist das am Ende ein Beweis fr unser
Greisentum? An Exhibitionen berauschen sich immer nur Zeugungsunfhige.

brigens ist Herrn Rtif in dem Chevalier Choderlos de Laclos ein
gefhrlicher Konkurrent erstanden. Seine Liaisons dangereuses sind ein
grazises Bchlein, und wie Rtif der Rousseau der Gosse ist, so drfte
Laclos der Rtif der guten Gesellschaft werden.

Von alten Freunden hat sich der gute Laharpe mit einer Ausgabe seiner
gesammelten Werke eingestellt. Man pflegte das frher der Nachwelt zu
berlassen, und wenn es mich schon berrascht, da Laharpe den Mut
besitzt, seine ganze Karriere -- vom begeisterten Anhnger Voltaires bis
zum Freunde Marie Antoinettes -- offenherzig zu enthllen, so wundert es
mich weit mehr, da er die Selbsterkenntnis besitzt, zu tun, woran nach
seinem Tode niemand mehr denken wrde. Er ist, wie Herr von Chamfort
bissig bemerkte, eben ein Mann, der sich seiner Fehler bedient, um seine
Laster zu verstecken.

Der Herzog von Chartres hat die groe Allee vom Palais-Royal
niederschlagen lassen, um gedeckte Wege anzulegen. Seitdem die
Spekulanten wie Prinzen leben, ist es den Prinzen nicht zu verargen,
wenn sie Spekulanten werden.

Madame de Genlis hat sich nun auch entschlossen, die Reform der
Erziehung in die Hand zu nehmen --, natrlich indem sie ein Buch darber
schrieb. Ist der Eifer, die Kinder vor schlechter Erziehung zu retten,
nicht schrecklich rhrend in einer Zeit, wo die Eltern kein Brot mehr zu
essen haben!?

Sie sehen, eine berflle erstaunlicher Ereignisse; kommen Sie bald,
damit Ihnen nicht allzu viel entgeht, -- vor allem aber, damit Sie
Figaros Sieg erleben!


Baron Ferdinand Wurmser an Delphine.

_Paris, den 10. Februar 1782._

Verehrte Cousine. Wenn ich jetzt erst dazu komme, Ihnen zu schreiben, so
werden Sie das einem Manne zugute halten, der nach einem Jahrzehnt der
Abwesenheit nach Paris zurckgekehrt ist und bei jedem Schritt, den er
tut, zu trumen glaubt.

Welch eine Umwlzung! Ich bin von ihr noch dermaen benommen, da ich
nicht wei, ob ich sie freudig begren, oder vor ihr erschrecken soll.
Ein Eindruck ist es vor allem, der geradezu verblffend wirkt, und den
ich in vier Worten zusammenfassen kann: Das Volk ist da!

Sind wir frher, als wir uns fast nur zu Pferde oder zu Wagen durch die
Straen bewegten, so rasch an ihm vorbergeglitten, oder wagte es sich
wirklich nicht aus seinen Quartieren heraus, -- ich wei es nicht;
jedenfalls ist es erst jetzt vorhanden. Es geht, ohne uns Platz zu
machen, auf denselben Wegen wie wir, es schreit und lrmt auf den
ffentlichen Pltzen, es spricht mit lauter Stimme von Freiheit,
Demokratie, Republik, wo es frher nur den Mund aufzutun wagte, um vive
le roi zu rufen. Das Erstaunlichste aber erlebte ich gestern.

Das Gercht von der Ankunft Lafayettes hatte sich verbreitet. In
Versailles wute freilich niemand davon, als die Pariser Straenjungen
sich schon im vive Lafayette bten. Ich hielt mich von frh an im
Palais-Royal auf, wo die Arkaden, die der Herzog zum Ersatz der
verschwundenen groen Allee bauen lie, der Vollendung entgegengehen und
der Sammelpunkt geistigen Lebens zu werden scheinen. Man sprach voll
Begeisterung von dem erwarteten Helden, von der endgltigen Befreiung
Amerikas, von dem groen, ausschlaggebenden Sieg bei Yorktown.

Ein Fanal der Freiheit war der Brand der Stadt! schrie Einer, der
dabei gewesen sein wollte. Bald brennt es auch bei uns! rief ein
Andrer. Und mit den Feudalrechten und den Steueredikten schren wir den
Scheiterhaufen der Monarchie, frohlockte ein Dritter, -- ein buckliger
Mensch mit dem ausgemergelten Gesicht eines Savanarola. Alles
applaudierte.

Der Ruf Lafayette! der irgendwo von oben zu kommen schien, bertnte
den Lrm. Einen Augenblick tiefen Schweigens --, dann wlzte sich die
Menge einmtig dem Eingang zu, und schon in der nchsten Minute sah ich
einen Mann in Uniform, von starken Armen getragen, hoch ber ihren
Kpfen schweben. Hte flogen in die Luft, Taschentcher wehten, --
lauter weie Fahnen --; als der Marquis endlich mit den Fen wieder den
Boden berhrte, streckten sich ihm hunderte von Hnden entgegen. Und
breite, schmutzige Fuste umklammerten seine schmale Aristokratenhand.
Alles in mir emprte sich beim Anblick dieser Berhrung. Ich versuchte,
mich hinaus zu drngen. Da traf mein Blick von ungefhr einen anderen
Uniformierten, der neben Lafayette stand: dies scharfgeschnittene
Profil, diese stahlblauen Augen, diese hellen blonden Haare waren mir
bekannt, ja vertraut. Friedrich-Eugen! Das Erstaunen lste den lauten
Ruf von meinen Lippen. Er hrte mich nicht; er sprach -- fast
freundschaftlich, wie mir schien -- mit jenem Buckligen, und seine braun
gebrannten Wangen frbten sich dabei mit einem leisen Rot, seine
schmalen Lippen umspielte ein Lcheln, -- er freute sich dieser
Begegnung!!

Ich wre auer stande gewesen, den alten Freund zu begren, und bahnte
mir mit den Ellenbogen den Weg hinaus.

Als ich ziellos durch die Straen strmte, fhrte mich der Zufall --
oder das Schicksal?! -- an Cagliostros Haus vorbei. Ich zgerte
unwillkrlich und schaute hinauf. Der Meister stand am offenen Fenster.
Etwas wie ein teufliches Grinsen, das ich nie vorher an ihm gesehen
hatte, verzerrte seine Zge. Mit der groen gelben Hand winkte er mir
zu und rief mit einer Stimme, als kratze eine Stahlklinge ber eine
Schiefertafel: Die Luft weht schneidend heute, was, Herr Baron?! Machen
Sie, da Sie nach Hause kommen, fr zarte Hute ist das nichts, und,
hell auflachend, schlug er krachend das Fenster zu. Ich stand noch wie
gebannt, als ich den Marquis, Ihren Gemahl, unten aus dem Torweg treten
sah. Er ging langsam, sehr gebckt, seine Schultern zuckten, als frre
ihn unter dem dicken schwarzen Mantel. Besorgt wollte ich ihn anreden.
Aber er sah an mir vorbei ins Leere.

Es war ein bser Tag, teuerste Cousine, und ich wrde am liebsten meine
Koffer packen, und den Weg, den ich kam, mit der schnellsten Post
zurckkehren. Ruland erscheint mir jetzt wie eine stille,
felsenumschlossene Bucht, in deren dunklen Wassern sich zwar die Sonne
nicht spiegelt, die aber auch der Sturm nicht aufpeitscht.

Aber die bevorstehende Ankunft des Grofrsten fesselt mich hier, und
ich knpfe die Hoffnung daran, da sie mit vielen Festen und Empfngen
die Wirkungen schlechter Trume zerstreuen wird.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 15. Mrz 1782._

Verehrteste Frau Marquise. Im Auftrage meiner erhabenen Gebieterin,
Ihrer Majestt der Knigin, habe ich die Ehre, Ihnen dero allerhchste
Wnsche ganz ergebenst zu unterbreiten.

Ihre Kaiserlichen Hoheiten, der Grofrst Paul von Ruland und seine
Gemahlin, die Grofrstin Maria Feodorowna, geborene Prinzessin
Montbliard, gedenken im Mai den franzsischen Hof durch ihren Besuch
auszuzeichnen, und Ihre Majestt will alles daran setzen, um den
erlauchten Gsten den Aufenthalt so angenehm wie mglich zu gestalten.
Sie bittet daher die Frau Marquise Delphine Montjoie als Jugendgespielin
Ihrer Kaiserlichen Hoheit whrend der kommenden Monate die
Gastfreundschaft des franzsischen Hofes gleichfalls akzeptieren zu
wollen.

Bis hierher schreibt Ihnen, schnste Delphine, nur die von einem hheren
Willen in Bewegung gesetzte Feder, und jetzt erst tritt Guy Chevreuse
persnlich in Aktion, um seinem Vergngen darber Ausdruck zu geben, da
auch die liebenswrdigste Bitte einer Knigin selbst fr die stolzeste
Marquise einem Befehle gleichkommt, und da Ihnen im Augenblick, wie ich
vorsichtshalber schon vorher in Erfahrung brachte, jede Begrndung eines
mglichen Ungehorsams fehlt. Ich durfte mich in Larose selbst
berzeugen, da Sie nicht den Schleier zu nehmen willens sind, denn
statt mit dem Rosenkranz fr fromme Nonnenhnde, sah ich Sie mit einer
Kette aufgereihter Mnnerherzen grausam spielen. Immer, wenn ich hoffte,
Sie hielten das meine fest, lieen Sie wieder ein anderes durch die
weien Finger gleiten. Ich wei auch, da Sie in Straburg nicht so auf
der Hhe der allerneuesten Mode stehen, um sich durch eine
Turteltauben-Ehe fesseln zu lassen, und da Sie nicht zu den Getreuen
Cagliostros gehren, schon weil der Herr Marquis dazu gehrt. Ich traf
ihn erst gestern in der Loge des Gromeisters, wo die reizendsten Frauen
und die vornehmsten Kavaliere in schauerndem Entzcken der Mysterien
harren, die ihnen der wieder erstandene Priester der Isis enthllen
will.

Was mich zu ihm trieb? Die Spielleidenschaft --, sein Schmelzofen ist
wie Wrfel und Karten: er schafft und er verschlingt Vermgen. Die
Neugierde --, in der Welt, die wir bis zur Neige ausgekostet zu haben
glaubten, sind die okkulten Wissenschaften die neue, groe Sensation.
berdies: ein Priester, der Gold macht, bekehrt selbst den rgsten
Ketzer, um so mehr, wenn Seine Hochwrden, der Kardinal von Straburg
und Groalmosenier von Frankreich seinen Segen dazu gibt.

Man knnte glauben, Cagliostro wre ein heimlicher Agent der Condorcet
und Mirabeau: er betubt mit seinen Hexenknsten ihre Gegner, er
fasziniert die Geister, er schlfert alles Mitrauen ein, er lenkt die
Einbildungskraft von der Nchternheit des ffentlichen Lebens ab.
Glauben Sie, es wrde sich in Paris noch irgend jemand ber die
Belagerung von Gibraltar aufregen, wenn jeder Mann Gold machen knnte
und jedes Weib das Elixier ewiger Jugend bese?!

Wir sind in Trianon schon mitten in der Vorbereitung reizender
Auffhrungen zu Ehren der kommenden Gste. Herr von Calonne, der mit den
Finanzen Frankreichs die Griesgrmigkeit aller seiner Vorgnger erbte,
-- genau wie ein petit-matre seinen Witz verliert, wenn er anfngt,
seine Schulden nachzurechnen --, sagte neulich mit dsterem Stirnfalten
zur Knigin: Sie tanzen auf einem Vulkan, Majestt. Wenn wir nur
tanzen! lachte sie, und das Parkett glatt genug ist. Was kmmert es
mich, was sich darunter versteckt! Und Cherubins Romanze trllernd,
ging sie dem Knig entgegen, dem bei dem Ton des verbotenen Liedes
jedesmal die Zornader schwillt.

Ich dagegen dachte noch immer mit einem angenehmen Schauder an den
Vulkan. Mir scheint es weit reizvoller, mit einem Feuerwerk in die Luft
zu gehen, als ngstlich in das Tal hinabzukriechen.

Was meinen Sie dazu, schnste Frau?




DER PRINZ




Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Versailles, den 12. April 1782._

Teuerste Frau Marquise. Im Augenblick, da ich den Boden Frankreichs
wieder betrat und die Jahre zwischen damals und heute ausgewischt
erschienen, war mir, als mte ich Ihnen zuerst begegnen, als knne das
neue Leben nur beginnen, wenn der Stern ber ihm strahlte, der meiner
ersten Jugend geleuchtet hat. Erst als der brave Gaillard, der Sie zwar
nie mehr sah, aber trotzdem nie aus dem Auge verlor, mir von Ihnen und
Ihrem Kinde erzhlte, und als Sie im Schlo von Versailles zum ersten
Male wieder vor mir standen und mich nicht anders begrten wie jeden
Fremden, fhlte ich, da mehr als Jahre, da Schicksale die Gegenwart
von der Vergangenheit trennen.

Wenn Sie, an das Leben der groen Welt gewhnt, das alle Abgrnde der
Seele mit Lrm und Zerstreuung fllt, imstande sind, whrend der
kommenden Anwesenheit meiner Schwester, die uns notwendig tglich
zusammenfhren wird, gleichmig fremd neben mir herzugehen, -- ich,
Delphine, der auf den Steppen und in den Urwldern Amerikas mehr denken
lernte, als reden, und mehr empfinden, als berlegen --, ich vermag es
nicht!

Es gibt nur zwei Wege fr mich: entweder wir lschen aus, was uns
trennte, und reichen uns als gereifte Menschen, die ber kindische
Torheiten zu lcheln lernten, die Hand, oder --, ich gehe. Ich habe Sie
bitter gekrnkt -- ich wei es -- ich habe aber auch bitter um Sie
gelitten! Darum verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen Unrecht tat, und ich
will den Stachel aus meinem Herzen reien, der noch immer in ihm brennt.

Ich erwarte keine schriftliche Antwort. Sie sollen sich nicht, von
irgendeinem ueren Einflu gezwungen, an den Schreibtisch setzen, und
ich will nicht eins jener Billette von Ihnen lesen mssen, aus dem ich
nicht zu sehen vermag, ob sein Inhalt Empfindung oder Hflichkeit ist.
Wir sehen uns heute in der Akademie. Ein Blick von Ihnen wird mir mehr
sagen knnen, als viele Worte.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Versailles, den 13. April 1782._

Was ich gestern nicht auszusprechen vermochte, weil ich frchtete, der
lange zurckgedmmte Strom meiner Gefhle mchte nur zu strmisch
emporquellen, das mu ich Ihnen heute sagen: Ich danke Ihnen fr Ihren
Blick, fr Ihren Hndedruck; ich danke Ihnen dafr, da Sie leben, da
ich Sie sehen darf!

Als Condorcet zu sprechen begann, war ich noch so bewegt von Ihrer
Gte, teure Delphine, da ich dem Redner trotz all meines Interesses fr
seine Persnlichkeit, lange Zeit nicht zu folgen vermochte. Ich stand in
der Fensternische und sah nur Sie! An mein Ohr schlugen Worte, aber in
ihm klang nur Ihre weiche Stimme nach!

Erst allmhlich kam ich zu mir und horchte. Wie oft hatte ich mich
drauen darnach gesehnt, einen der fhrenden Geister Frankreichs zu
hren. Nun stand er vor mir; das 18. Jahrhundert ist das Thema seiner
Rede; die Entwicklung der Freiheit wird er rhmen, dachte ich --, der
Freiheit, fr die wir drben bluteten.

Ein junger Mann, der heute unsere Schulen verlt, hat mehr Kenntnisse,
als die grten Genies der Antike, -- sagte er. Man klatschte Beifall,
die jungen Mnner am lautesten, als mten sie sich selbst applaudieren.

Im stillen Zelt, am Lagerfeuer jenseits des Weltmeeres war unsere
einzige Lektre, die uns aufrichtete wie die Bibel die guten Christen,
der Plutarch gewesen. Sind wir wirklich an Kraft und Tugend den Helden
des Altertums berlegen, weil wir das Gesetz der Schwere kennen, oder
weil wir wissen, da die Erde sich um die Sonne dreht?! Ich hatte noch
nicht zu Ende gedacht, als ich Condorcet weitersagen hrte: Jedes Jahr,
jeder Monat, jeder Tag ist gleicherweise durch neue Entdeckungen und
Erfindungen ausgezeichnet. Aber ich habe nicht gefunden, da Frankreich
darum reicher und glcklicher geworden ist: die Spinnmaschine lockt arme
Weiber in den Frohndienst der Fabriken; die Elektrizitt dient
Nichtstuern zu amsanten Experimenten, Blanchards famose Flugmaschine
ist nichts weiter als ein neues Seiltnzerkunststck.

Und mit Emphase schlo der Redner, whrend seine Stimme melodisch
anschwoll, als stnde nicht der Gelehrte Condorcet, sondern der
tragische Mime Le Kain auf der Tribne: Als Zeugen der letzten
Anstrengungen der Unwissenheit und des Irrtums sehen wir, da die
Vernunft aus diesem langen schweren Kampf siegreich hervorgegangen ist,
und knnen endlich ausrufen: die Wahrheit hat gesiegt! Die Vernunft ist
gerettet.

Cagliostro! rief jemand und ein Degen klirrte heftig gegen die Dielen.
Sie sahen sich erschrocken um; Sie fhlten wohl, da nur ein
Verwilderter, wie ich, sich so formlos hatte benehmen knnen!

Ich versichere Sie, die Emprung schnrt mir noch jetzt die Kehle
zusammen: nach drei Jahren der Abwesenheit kehre ich wieder, finde den
Ruin vor der Tre, die Angst um die Existenz in den Mienen eines Jeden,
sehe die Einen in sinnloser Furcht fremden Gauklern in die Arme laufen,
die Anderen ihren Zorn in nichts weiter als Reden und Journalartikeln
Luft machen, und mu erleben, da einer der Ersten im Lande die
Vernunft fr gerettet, die Wahrheit fr siegreich erklrt!

Ach, Delphine, wer sich in die Einsamkeit zu flchten vermchte, fern
all den wirren Stimmen der Gegenwart! Ich denke oft des weien
Schlchens zwischen geschnittenen Laubengngen, und des Schwanenweihers
davor und des kleinen hellen Tempels auf grner Wiese!

Aber die Zeit ist zu hart, als da wir uns erlauben knnten, sentimental
zu werden. Wir drften nicht einmal frhlich sein. Ich wrde mich der
Teilnahme an den kommenden Festen schmen, wenn Ihre Anwesenheit nicht
alles entschuldigte. Nur zum Komdianten, mit anderen Worten: zum
Spamacher der Gesellschaft, vermchte ich mich nicht herzugeben; -- es
tut mir weh, da Sie dazu imstande sind! Zrnen Sie mir nicht wegen
meiner Offenherzigkeit! Das Verstecken alles wahren Gefhls hat die
allgemeine Verlogenheit so sehr zchten helfen, da ich lieber grob und
grade bin wie die Amerikaner.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 6. Mai 1782._

Ihre Absage, schnste Frau Marquise, knnen wir nicht gelten lassen; Sie
stren unser ganzes Ensemble, die knstlerische Einheit und vor allem:
das Vergngen der Gste, die reizendste der drei Grazien vor sich zu
sehen. Der Vorwand schlechten Befindens gilt im Paris Cagliostros nicht,
noch weniger der der schlechten Stimmung, die eine Marquise Montjoie
weder haben und noch weniger bei ihrer Knigin hervorrufen darf.

Ihre Majestt ist ernstlich gekrnkt und es ist nicht unmglich, da sie
nunmehr befiehlt, nachdem sie umsonst gebeten hat. Setzen Sie sich dem
nicht aus, Holdseligste; Ungnade schmeckt bitter. Ich habe mich gestern
schon von einem Sturm allerhchst schlechtester Laune bis in meine
innersten Gemcher wehen lassen. Die Ursache ist gewichtig genug: Der
Juwelier Boehmer wurde in Audienz empfangen, um ein Brillanthalsband
vorzulegen, das an Pracht alles Dagewesene bertrifft. Die Grfin
Polignac schmckte Ihre Majestt damit, -- eine Mrchenprinze, der ihre
Mutter, die Sonne, alle Sterne des Himmels um den Nacken legt, htte sie
nicht berstrahlen knnen. Nur die Freude, die ihre Augen erhellte,
schuf noch glnzendere Edelsteine.

Sie ging damit zum Knig. Eine Viertelstunde verrann nach der anderen;
auf dem Gesicht des Juweliers wechselte schon die Rte der Aufregung mit
der Blsse der Angst; da hrten wir die bekannten Vorboten kniglichen
Zorns: rasche Schritte -- Trenschlagen. Ihre Majestt erschien, -- mit
roten Augen und bebenden Lippen, das Halsband in zusammengeballter Hand.

Da haben Sie Ihren Theaterschmuck, sagte sie und warf ihn auf die
Marmorplatte des Tisches, da er klirrte. Die Steine sind falsch.

Majestt, stotterte der Mann entsetzt. Sie wies statt aller Antwort
nach der Tre.

Der Herzog von Breteuil, den ich nachher sprach, vertraute mir an, da
nur der ungeheure Preis des Halsbands, -- man forderte nicht weniger als
anderthalb Millionen --, den Knig gezwungen habe, den Ankauf zu
verweigern. Ehe ich heute abend entlassen wurde, erzhlte ich der
Knigin von der Goldmacherkunst Cagliostros; sie hrte, sichtlich
erheitert, zu und verwies der Grfin Polignac ihre spttischen
Einwendungen.

Und der Kardinal Rohan, sagen Sie, ist im Besitz des Geheimnisses?
frug sie interessiert; ich verbeugte mich stumm, sie versank in
Nachdenken. Meine Anwesenheit schien sie zu vergessen, und schlielich
entlie sie mich mit einer zerstreuten Handbewegung.

Heute frh war sie wieder in strahlender Laune, wollte aber trotzdem von
Ihrem Rcktritt nichts wissen. Der Graf von Artois schlug die alte
Herzogin ven Montpensier zum Ersatz fr Sie vor; -- frwahr ein
glnzender Witz. Sie verlor krzlich ihre letzten Goldstcke im Spiel
und kokettiert seitdem nicht bel mit Monsieur Watelet, dessen Millionen
sie sogar die Herzogskrone opfern wrde. Er scheint nicht unempfnglich;
fr einen Bourgeois ist eine Herzogin immer dreiig Jahre alt!

Sie werden, wie ich hre, schon in nchster Woche als Gast des Hofes
erwartet. Bis dahin mssen Sie sich entschieden haben!

Wir spielten schon einmal miteinander, schnste Marquise. Erinnern Sie
sich des Spiels? Es war das entzckendste meines Lebens!


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, am 18. Mai 1782._

Als ein Bettler, teuerste Frau Marquise, erscheine ich vor Ihrer Tre.
Wer, der Sie kennt, knnte anders erscheinen?!

Ich sah Sie gestern im Theater. Der Prinz Montbliard sa neben ihnen.
Auf der Bhne schwangen antike Helden ihre Riesenschwerter, rollten mit
den Augpfeln und deklamierten von ihrer Tugend. Ich war nahe daran, das
gequlte Publikum, das trotz der Verschwendung von roten und blauen und
grnen Beleuchtungseffekten nicht an die Echtheit des Griechentums vor
ihm glauben mochte, auf Ihre Loge aufmerksam zu machen: hier waren Mars
und Venus in eigner Person.

Sie lachten, whrend die Helden des Dramas einander mordeten; Sie
neigten Ihr rosiges Ohr dem Flstergesprch des Prinzen, whrend das
Liebespaar auf der Bhne ewigen Abschied nahm -- kurz, Sie waren von der
Dichtung auf das angenehmste angeregt. Ich wollte nicht stren, beeile
mich aber, die Stimmung zu benutzen, die dieser warme Maientag
sicherlich festhalten wird.

Ihre Kaiserliche Hoheit, die Grofrstin, hat auf mein untertniges
Gesuch, ihr Figaros Hochzeit vorlesen zu drfen, schon von Stuttgart
aus zustimmend antworten lassen. Da ich aber die Erfahrung gemacht habe,
da die Menschen um so hflicher sind, je hher sie auf der Stufenleiter
des Ranges stehen, -- Hflichkeit ist immer nur eine Maske oder ein
Parfm, das die gute Gesellschaft allgemein anzuwenden fr gut befand,
nachdem sie ihres natrlichen schlechten Geruches gewahr wurde --, so
glaube ich dieser Zustimmung nicht eher sicher zu sein, als bis Tag und
Stunde mir angegeben worden sind. Das wird schwer halten. Um so mehr als
die Grfin du Nord das Versprechen der Grofrstin von Ruland
vielleicht glaubt nicht erfllen zu mssen. Das Vergngungsprogramm der
nchsten Wochen lt kaum eine Stunde des Tages aus. Ich bedarf einer
Zauberin, um Figaro einschlpfen zu lassen. Wer anders knnte das sein,
als Sie?! Das Bild Pariser Lebens, das den hohen Gsten vorgefhrt
werden soll, wre wahrhaftig unvollstndig, wenn mein Barbier neben
Herrn Laharpe, der Euripides von den Toten erweckte, Madame Bertin, ber
deren Roben man die Trgerinnen vergit, Marmontel, der das Geheimnis
der schnen Verse Racines zu besitzen behauptet, und es so gut wie
keiner zu wahren versteht, den Herren Gluck und Piccini, die dafr
sorgen, da die groen Geister von Paris etwas zu tun haben, -- fehlen
wrde.

Sie wissen, ich habe geschworen, da Figaro die Bhne erobert. Sie sind
zu gute Christin, teuerste Frau Marquise, als da Sie einem armen Snder
nicht helfen wrden, seinen Schwur zu halten. Hat erst der Grofrst von
Ruland mir Beifall gespendet, wird der Knig von Frankreich mich -- aus
Hflichkeit gegen den illustren Gast! -- nicht verdammen knnen.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 20. Mai 1782._

Meine Liebe. Sie sind nach Versailles bergesiedelt, und wenn schon Ihr
Leben eine stndige Flucht vor mir bedeutete, so ist es jetzt fast ganz
unmglich geworden, Sie allein zu sprechen: In aller Frhe beginnt mit
dem Eintritt des Friseurs die Toilette, es folgen die Morgenspaziergnge
mit der Knigin, die Besuche und Diners, die Exkursionen zu Wagen und zu
Pferde, die Nachmittagstees, die Blle, das Theater, die Soupers --, wo
bliebe bei alledem fr den Gatten noch eine Zeit brig, der, durch die
vterliche Stellung, die Sie ihm anzuweisen die Gnade hatten, gewhnt
worden ist, auch die wenigen Stunden Ihrer nchtlichen Ruhe zu
respektieren?

Ich sehe mich infolgedessen zu brieflichem Verkehr gezwungen, wenn es
sich um Fragen handelt, die weder vor der Dienerschaft, noch zwischen
zwei Tnzen erledigt werden knnen.

Sie besitzen die Gunst der Knigin und haben als Franzsin in diesen
auerordentlich schweren Zeiten die Verpflichtung, sie nicht nur zu
genieen, sondern guten Zwecken nutzbar zu machen. Es drfte Ihnen bei
den Neigungen der Knigin nicht schwer fallen, einem Manne, wie dem
Grafen Cagliostro, der all ihre unbefriedigten Wnsche zu erfllen
vermchte, Zutritt zu verschaffen. Der Dienst, den Sie damit Frankreich
geleistet haben wrden, wre von unschtzbarer Bedeutung. Zwar ist der
Graf Ihnen antipathisch, -- die Furcht vor dem Unerklrbaren hlt Sie
von ihm zurck, -- aber seine Fhigkeit, Gold zu schaffen, haben Sie mit
eigenen Augen gesehen. Und nur auf diese Fhigkeit, -- die
unbedeutendste vielleicht, die er besitzt --, kme es an.

In letzter Zeit, wo er in fiebernder Erwartung der Stunde harrt, die ihn
zum Retter Frankreichs machen soll, ist sie in merkwrdigster Weise
erlahmt. Ein anderer knnte an ihm irre werden. Ich aber verstehe, da
gegenber dem Schicksal eines ganzen Landes, das Schicksal des Einzelnen
zurcktreten mu. berdies wei ich ja, da mit der Erreichung des
groen Zieles auch meine Interessen gewahrt werden.

Noch eins: Rohan setzt alle Hebel in Bewegung, um Cagliostro durch sich
und sich durch Cagliostro bei der Knigin einzufhren. Es bedarf um so
weniger dieses Umwegs, als ich an der Ehrlichkeit der Absichten Rohans
irre geworden bin. Er ersehnt, wie ich frchte, die Rehabilitierung bei
Hof und den momentan vakanten Posten des Kanzlers mehr um seine
Finanzen, als um die Frankreichs aufzubessern.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 21. Mai 1782._

Sie lehnen es ab, meine Liebe?! Gerade weil die Knigin in gefhrlicher
Weise zu diesen Dingen neigt, will ich es nicht sein, die sie ins
Unglck strzt, schreiben Sie. Verblendete! Sie verspielen vielleicht
Ihre eigene Zukunft! Aber wir sind nicht so schwach, als da mit Ihrer
Weigerung unsere Hilfsquellen erschpft wren!


Kardinal Prinz Louis Rohan an Delphine.

_Paris, am 24. Mai 1782._

Verehrteste Frau Marquise. Noch stehe ich unter dem Eindruck des
Staunens, den unser kurzes Gesprch in der Oper hervorrief. Sie wollen
fr einen alten Freund Ihres Hauses, wie ich es zu sein mir schmeicheln
darf, kein gutes Wort bei der Knigin einlegen?! Sie wnschen auch nicht
den Schein zu erwecken, als gehrten Sie in die Reihe jener
Intriguantinnen, die Frankreich als ihre melkende Kuh betrachtet haben?!
Nur auf geraden Wegen werden groe Ziele erreicht, -- ich wrde ber
diese Sentenz aus Ihrem blhenden Rosenmunde gelchelt haben, wenn nicht
ein Blick auf Ihren illustren Nachbarn, der als Fhrer amerikanischer
Rebellen gegen die geheiligte Majestt des Knigs von England gekmpft
hat, mich ber ihren Ursprung und ber ihren Sinn belehrt htte.

Er ist der Freund Ihrer Kindheit, wie ich hre? Wie rhrend ist eine
solche Treue, die selbst die -- Freundschaften mit Karl von Pirch, Guy
Chevreuse, Guibert, Beaumarchais berdauert!

Die entzckende Knigin von Golconda auf der Bhne vermochte keinen
Blick des Prinzen Montbliard auf sich zu lenken; Vestries, der Abgott
aller Damen, tanzte fr die Marquise Montjoie umsonst!

Besinnen Sie sich noch einmal, schnste Frau; ein Rohan ist ein
gefhrlicher Feind, selbst wenn er in Ungnade ist.


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, am 27. Mai 1782._

Wo gbe es eine Anrede fr Sie, die imstande wre auszudrcken, was ich
sagen mchte?! Der gestrige Abend war im wechselvollen Feldzug meines
Lebens der Einzug durch bewimpelte Siegespforten!

Die Szenerie war so unvergleichlich wie die Akteure des Stckes, das der
Rahmen meiner Komdie war: Der rote Salon im weichen Licht duftender
Kerzen; vor dem weien Kamin, dessen knisternde Flammen meine Vorlesung
begleiteten wie eine darauf abgestimmte Melodie, die stolze Gestalt der
Grofrstin im leuchtend-gelben Atlaskleide; auf dem Taburett ihr zu
Fen der kleine Gemahl mit dem hlichen Slavengesicht, das man um
seines Geistes willen lieben mu; dicht dahinter, geschmckt wie ein
Pfau, aufgeblasen wie ein Truthahn, Monsieur Laharpe, von dessen immer
gelber sich frbenden Zgen ich den Grad meines Erfolges ablas; neben
ihm, klug wie immer den Schatten suchend, der Ausdruck und Meinung
Geheimnis bleiben lt, der Baron Grimm, der Freund aller unruhigen
Geister und Korrespondent aller Potentaten. Auf der andern Seite aber
meine reizende Gnnerin, von den durchsichtigen Falten himmelblauen
Seidenmusselines weich umflossen, frische Rosen in den Haaren und ein
Gesichtchen darunter, vor dem alle Blumen der Welt beschmt erbleichen
mssen!

Wissen Sie, da ich whrend des ganzen Abends mit Ihrer Schnheit
kmpfte, wie mit dem gefhrlichsten aller Rivalen?! Lenkte sie doch die
Aufmerksamkeit von Figaro ab; der Prinz Yousoupoff richtete immer
wieder seine schwarzen runden Augen auf Ihre blendenden Schultern, es
bedurfte der drastischsten Witze um ihn loszureien. Und der Graf
Kurakin schien die geschwungenen Linien ihrer Fchen studieren zu
wollen, -- erst Cherubins Liebesseufzer lenkten ihn ab. Trotzdem
besiegte ich Sie nicht ganz, holde Zauberin, -- den Prinzen Montbliard,
dessen gebruntes Antlitz nur dann einige Bewegung verriet, wenn seine
Blicke in die Ihren tauchten, gab ich auf!

Heute frh bereits bekam ich den Auftrag, meine Komdie der Kaiserin von
Ruland einzusenden. Und das Frankreich der Encyklopdisten, das sich
rhmt, die hchste Kultur der Welt zu reprsentieren, verbietet ihre
Auffhrung! Zu gleicher Zeit erhielt ich die Nachricht, da Voltaires
Werke freigegeben wurden, -- sie scheinen darnach weniger gefhrlich als
Figaros Streiche!

Noch ein paar Jahre Kampf, -- mit Ihnen als Bundesgenossin, schnste
Marquise, noch ein paar Jahre Finanzwirtschaft des Herrn von Calonne, --
und der Barbier besiegt den Knig!


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 7. Juni 1782._

Teuerste Marquise -- verzeihen Sie die Strung im Morgengrauen. Wir sind
in schrecklicher Aufregung und frchten einen Skandal von unabsehbarer
Tragweite, wenn wir Sie nicht unbedingt zu den unseren zhlen drfen.
Die Intimen des Herzogs von Choiseul, der Herzog von Brissac und der
Marquis de la Suze haben bereits whrend der Nacht das Gercht
verbreitet, die Knigin habe whrend des gestrigen Festes in Trianon dem
Kardinal Rohan in der Fischerhtte ein Stelldichein gegeben. Vor Tau und
Tage haben sie die Nachricht dem Knig berbracht. Es gab beim Lever
Ihrer Majestt einen Auftritt, wie ich ihn noch nicht erlebte. Die
Lakaien liefen vom Lrm erschrocken, aus allen Winkeln zusammen! Die
Knigin leugnet alles. Sie beruft sich auf Sie, die Sie stets in Ihrer
Nhe gewesen seien, auf mich, auf den Grafen Vaudreuil, auf Madame
Campan, auf die Prinzessin Lamballe. Wir drfen sie nicht im Stiche
lassen, -- wir drfen nicht!

Man will den Schlokastellan, der, wie es scheint, den Kardinal heimlich
einlie, auf die Strae werfen. Er droht mit der Verffentlichung der
ganzen Affre. Geschieht das, so haben wir bei der Stimmung in Paris
noch heute die Revolution in den Straen.

Der berbringer des Billetts ist zuverlssig. bergeben Sie ihm Ihre
Antwort und teilen Sie mir mit, ob Sie mich in einer Stunde ungefhr
empfangen knnen.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Versailles, den 7. Juni 1782._

Geliebteste! So greift der Arm der Kabale bis in unser Geheimnis! Er
reit uns grausam aus dem sen Traum dieser Nacht! Um mich htte die
Welt zusammenstrzen knnen, ich sah nur Sie, die Sie die Sehnsucht
meines ganzen Lebens gewesen waren, ich hrte nur Ihre Stimme, die mir
sagte, was ich nie zu hren gehofft hatte. Im Rausche hchster Seligkeit
untergehen --, wre es nicht vielleicht das beneidenswerteste Schicksal
gewesen?!

Ich fhlte Sie pltzlich in meinen Armen erschauern; ich sah Ihre Augen,
aus denen noch eben die Glut der Liebe mir entgegengestrahlt hatte, sich
vor Entsetzen weiten, und ehe ich noch selbst um mich zu sehen
vermochte, flsterten Sie mit blassen Lippen: Der Kardinal! Ein
Feuerrad, das auf dem Rasen hinter dem Laubengang, der uns verdeckte,
Flammengarben nach allen Richtungen scho, beleuchtete grell die
schwarzvermummte Gestalt, die roten Strmpfe und Abstze darunter. Und
wenige Schritt davor die weie, schlanke Erscheinung, -- und die stille
Fischerhtte!!

Es war ein Weib und meine Ritterpflicht ist es, dieses zu schtzen. Aber
es war die Knigin, und meine Brgerpflicht gebietet mir, sie
preiszugeben. Die absolute Monarchie, an der dies arme Land langsam
verblutet, wrde einen Sto empfangen, von dem sie sich nie mehr
aufzurichten vermchte!

Wenn ich trotzdem schweige, -- nur schweige, denn ich wre auerstande,
das Gegenteil von dem zu bezeugen, was ich sah, -- so unterwerfe ich
mich damit dem einen, ungeheuren Gefhl, das wie ein Unwetter alle Dmme
niederreit, die der Verstand mhsam baute, alle Leuchtrme umwirft, die
die Pflicht aufrichtete, um irrenden Schiffen Wege zu weisen: die Liebe,
Delphine, zu Ihnen!

Sie haben die Knigin gerettet, -- durch eine Lge! Und mich,
geliebteste Frau, bitten Sie um Verzeihung deshalb?! O, da ich die
weichen Lippen um dieser Lge willen, die sie aussprachen, kssen
drfte! Fr das Weib ist rhrende Tugend, was fr den Mann eine
schimpfliche Erniedrigung wre.

Wre ich der Beichtvater, zu dem Sie mich machen wollen, ich wrde Sie
freilich zu einer Bue verpflichten. Jetzt komme ich nur mit einer Bitte
um unsrer Liebe willen -- unserer, meine Delphine!

Sie ist so rein, -- aber der giftige Atem dieser Gesellschaft droht, sie
zu beschmutzen. Sie ist so tief --, aber die sprende Lsternheit rings
um uns wird kein Mittel scheuen, sie bis auf den Grund zu erforschen.
Sie ist so heilig --, aber das ekle Gezcht der Hofschranzen wird alles
daran setzen, sie ihren schmutzigen Zwecken dienstbar zu machen. Wir
mssen sie retten --, sie ist vielleicht im Augenblick das beste auf der
Welt.

Drben, in der Nhe der Wlder, deren ppige Pracht noch keines Menschen
rohe Faust entweihte, wo die Natur den Bewohnern auf eignen Hnden ihre
Schtze entgegentrgt, wird sie frei atmen und zu wundervoller Schne
sich entfalten knnen.

Ich finde leicht ein Schiff, das uns hinbertrgt, und wei hundert
Arme, die sich uns zum Willkomm entgegenstrecken. Lassen Sie Ihr Herz
entscheiden!


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Paris, den 9. Juni 1782._

Eben erst komme ich von Ihnen, noch den Hauch Ihres Mundes auf meinen
Lippen, von dem ich nicht begreife, da ich ohne ihn, der mich erst zum
Leben erweckte, jemals habe atmen knnen! -- und schon mu ich in
Gedanken wieder bei Ihnen sein.

Selbst die Wunden, meine Delphine, die Sie schlagen, tun wohl. Ich
wiederhole mir jedes Ihrer Worte; mein inneres Auge sieht sie, als
stnden sie in Marmor gemeielt vor mir: Es kann nicht sein. Es wre
der Tod des alten Mannes, dessen Namen ich trage, sagten Sie. Ich habe
ihm viel zuleide getan und er hat schlielich Alles ertragen. Er ist mir
in der schwersten Zeit Freund und Pfleger gewesen, ohne mich daran zu
erinnern, da er auch Gatte ist. Und als er mich erinnerte, hat er
gegenber meiner Abwehr seine Rechte nicht geltend gemacht, wie er
durfte. Jetzt ist er krank und vergrmt, -- ich wrde mich ihm gern in
Freundschaft nhern, wenn ich nicht frchtete, da er es anders
auffassen knnte --; nur eins kann ich fr ihn tun: den Skandal, den er
ber alles frchtet, von ihm fern halten.

Und dann, als Sie fhlten, wie Ihr Nein mich traf, sangen Sie mir
unter Kssen und Trnen das Hohelied der Liebe, wie ein sterbliches Ohr
es noch nie vernommen haben kann.

Ich habe nie aufgehrt, mich der Ehe zu schmen, begannen Sie, das
verbriefte Recht auf Liebe ist der Liebe Tod. Liebe mu zwischen zwei
Menschen das grte Geheimnis sein, wie sie das tiefste aller Mysterien
ist. Auf den schwindelnden Hhen hoher Berge, die nur die Strksten
erreichen, in der Stille grner Wlder, zu denen nur Weltflchtige die
Wege finden, sollen ihre Tempel stehen. Und auch dort drften nur wenige
im verborgensten Heiligtum die letzte Weihe empfangen.

Zrne mir nicht, angebetete Frau, da ich Worte zu wiederholen wage,
die ohne den Klang Deiner Stimme nur stumme Vgel sind!


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Versailles, den 1. Juli 1782._

Nur noch einen Gru -- einen letzten vor Ihrer Abreise nach dem Gebirge!
Da ich mich Jahre von Ihnen zu trennen vermochte, wo vierzehn Tage mir
wie eine Ewigkeit schienen!

Ich folge Ihnen nach Barrge-les-Bains, der Verabredung gem, sobald
der Hof Versailles verlassen hat.

Als ich gestern von Ihnen ging, traf ich den Herrn Marquis. Im trben
Licht der llampe an der Tr erschien er mir sehr bla. Er grte mich
mit einem Lcheln, das mein Herz zittern machte. Ich bin darum die ganze
Nacht vor Ihren Fenstern auf- und abgegangen. Aber nichts rhrte sich
und Ihr zrtliches Billett heute morgen beruhigte mich vollends.

Ich ksse Ihre weie Stirn, damit kein Gedanke hinter ihr wach wird, der
einem anderen gehrt, als mir, und Ihre weichen Arme, da sie in Fesseln
liegen, bis ich sie lse, um sich um meinen Hals zu schlingen, und Ihre
roten Lippen, da kein Liebeswort ihnen entschlpfen mge, bis die
meinen den Zauber brechen!


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Paris, am 25. September 1782._

Geliebte Frau! Nun tobt der Lrm der Straen wieder um mich und mitten
in der Menge fhle ich mich sehr allein. Aber whrend ich noch eben
glaubte, nach Wochen seligsten Glcks im Schmerz der Trennung vergehen
zu mssen, fhle ich pltzlich, wie reich, wie stark meine Delphine mich
gemacht hat, -- so reich, da ich ihren Besitz empfinde, auch wenn sie
fern von mir ist, so stark, da ich es ertragen kann, sie nicht mehr
neben mir zu wissen.

Einer meiner ersten Wege fhrte mich nach dem Palais-Royal. Waren es die
Monate der Ruhe, die mir das Leben dort so erregt erschienen lieen,
oder ist das Fieber, das alle erfat hat, tatschlich in der
Zwischenzeit so gestiegen? Unsere klgliche Niederlage vor Gibraltar,
die Bedingungen, unter denen der Frieden mit England verhandelt wird,
bilden das Thema aller Unterhaltungen. Ich hrte Gaillard in einer eng
geschlossenen Gruppe von Zuhrern eine Rede halten, die der Ha gegen
die Regierung und die Liebe zum Vaterlande mit gleichem Feuer
durchglhten.

Warum sind wir an den Felsen Gibraltars gescheitert? rief er aus;
weil unser Heer vom Ruhm der Vergangenheit zehrt, statt den Ruhm der
Zukunft in tglicher Arbeit vorzubereiten. Hunderttausende sind
fortgeworfen worden, um die famosen schwimmenden Batterien d'Arons zu
bauen, die Englands glhende Kugeln in wenigen Stunden in Brand
geschossen haben, statt da dieselben Hunderttausende verwendet worden
wren, um aus hungernden Arbeitslosen krftige Soldaten zu machen.
Niemals werden Maschinen Mnner ersetzen!... Warum werden wir beim
Friedensschlu tatschlich die Unterlegenen sein? Weil ein Volk, das
keine Knechte mehr kennt, unser Gegner war. Weil statt verantwortlicher
Minister, statt eines Pitt und eines Fox, feile Hflinge die Regierung
in Hnden haben... Und trotzdem preise ich diesen Krieg, fr den wir uns
in seinem Beginn begeisterten, -- weil er uns im strahlenden Lichte des
Freiheitskampfes der Amerikaner erschien, -- und der uns ein so bitterer
Lehrmeister wurde. Mehr als durch alle Bcher der Philosophen ist uns
durch ihn eingeprgt worden, was uns fehlt. Und wir haben gelernt, was
wir lernen muten, wenn anders unser eignes Vaterland nicht zugrunde
gehen soll: fr Ideale zu bluten.

Der hliche kleine Mann wurde schn, whrend er sprach. Ich konnte
nicht anders, als ihm dankbar und hingerissen die Hand zu schtteln, wie
einem Kameraden, dann aber, als ich mich umsah unter denen, die ihm
Beifall klatschten und sich in der Kommentierung seiner Worte ins
Malose verloren, kam -- ich will's nicht leugnen -- etwas wie ein
Gefhl innerer Feindschaft ber mich. Diese Mnner mit den rohen
Begierden, beherrscht vom Rachedurst, mehr als vom Durst nach
politischer Freiheit, sollten je die Macht in ihren harten Fusten
haben?! Wre letzten Endes die Tyrannei der Masse nicht frchterlicher,
als die des Einzelnen?

Als ich dann am Abend einer Einladung unseres neuen Schatzmeisters der
Marine, Herrn Boutin, nach seinem herrlichen Lustschlo gefolgt war, wo
eine Gesellschaft von einigen hundert Herren auf goldenen Schsseln mit
allen Delikatessen der Welt bewirtet wurde, schmte ich mich eines
Gefhls, das zwar einem Aristokraten natrlich, fr einen Brger des
heutigen Frankreich aber nichts als ein Zeichen jmmerlicher Feigheit
ist. Selbst wenn die Masse uns erdrcken sollte, hat nur die
Gerechtigkeit gesiegt. Wir haben unser Leben verwirkt.

Verzeiht mir meine se Delphine, da es Momente gibt, in denen meine
Gedanken sich von ihr verirren? Du mut verzeihen; denn sieh: auch die
allerentferntesten lege ich schlielich Dir, meine einzig Geliebte, zu
Fen!

Werde ich bald von Dir hren und wissen, wie Du die Reise bis Straburg
berstanden hast? Und wann, Geliebteste, -- ach wann! -- werde ich Dich
wieder umarmen knnen?!


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Paris, den 8. Oktober 1782._

Wie Du mich glcklich machst! Wie jedes Deiner Worte mich berhrt! O,
da ich jetzt die Flgel htte, die Monsieur Blanchard der kommenden
Menschheit prophezeite!

Es bedurfte nicht mehr Deiner rhrenden Bitte; meine eigene brennende
Sehnsucht zieht mich unaufhaltsam zu Dir. Ich werde ber Montbliard, wo
meine Anwesenheit dringend ntig ist, -- seit dem Tode meiner guten
Mutter bin ich nicht mehr dort gewesen --, im Laufe des nchsten Monats
nach Straburg gehen. Die Geschfte, die ich dort in Verbindung mit
meinen Besitzungen im Elsa habe, rechtfertigen meine Anwesenheit.

Seit meinem letzten Brief bin ich mit den verschiedensten Menschen in
Berhrung gekommen. An der Unhaltbarkeit der gegenwrtigen Zustnde
zweifelt niemand -- auer dem Hof von Versailles! Die Knigin tanzt und
spielt Theater --, selbst die Wohlttigkeit, die sie ausbt, sieht einem
sentimentalen Rhrstck hnlich. -- Der Knig jagt, und empfngt, um
sein Verstndnis fr den Geist der Zeit zu markieren, hie und da einen
biederen Bourgeois, dem er jovial auf die Schulter klopft und -- wenn er
reich genug dazu ist -- adelt. Dann reden die Trumer wieder ein paar
Tage lang von der Leutseligkeit des Monarchen.

Die Schwche, die weder das bel zu verhindern, noch das Gute zu
frdern wei, befestigt die Tyrannei --, fr diese Sentenz ist Diderot
krzlich nur mit knapper Not der Bastille entgangen!

Ich war auch in Saint-Quen bei Herrn Necker, und kehrte enttuscht
zurck. Man mu in seinen Ansprchen sehr bescheiden geworden sein, um
ihn fr bedeutend zu halten. Er lt sich vom Strom der ffentlichen
Ereignisse hin und her werfen und ist dabei natrlich auerstande, ihn
in die richtigen Bahnen einzudmmen. Eine berraschende Erscheinung ist
seine Tochter; sie gleicht ihren Eltern nur in einem Rest nchternen
Genfertums; ihre prachtvollen Augen, ihre schne Gestalt vershnen mit
ihrer sonstigen Hlichkeit. Ihre berlegene Klugheit zwingt zur
Bewunderung. Trotzdem ist sie mir in tiefster Seele antipathisch. Nicht
ohne Mitleid mit den Mnnern der Zukunft mchte ich sie fr einen Typus
kommender Frauen halten. Wie glcklich preise ich mich, da ich die
holdseligste Inkarnation des achtzehnten Jahrhunderts noch mein nennen
darf!

Ich traf den Grafen Guibert bei ihnen. Die Art seines Verkehrs mit der
Familie Necker lie auf seine Intimitt im Hause schlieen, was mich
nach seiner bisherigen Stellung zur Neckerschen Politik nicht wenig in
Erstaunen setzte. Der Reiz Frulein Neckers besiegte alle Bedenken der
berzeugung! Mnner wie er sind zugleich die Voraussetzung und die
Konsequenz solcher Frauen.

Weit Du, Geliebteste, da ich meiner Schweigsamkeit wegen bekannt bin?!
Vor Dir werde ich zum Schwtzer: jedes kleinste Ereignis, jedes
vorberhuschende Gefhl, jeden auftauchenden Gedanken habe ich das
Bedrfnis, Dir mitzuteilen. Ich glaube, diese vollkommene geistige
Hingabe unterscheidet Liebe von Liebelei.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Etupes, den 26. Oktober 1782._

Mit den letzten, blassen Rosen aus Etupes sende ich diesen Gru, Du
Einzige, zu Dir. Ich ging allein durch die verwachsenen Laubengnge,
und, tiefer Andacht voll, sank ich vor dem Tempel der Venus in die
Kniee. Wie eine Erleuchtung kam es ber mich: seitdem ich Dich einstmals
dort fand, Delphine, habe ich Dich nie verloren!


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Straburg, den 3. Januar 1783._

Der Kurier brachte mir heute frh die erschtternde Nachricht, da der
Neffe des Kardinals, der Prinz Rohan-Gumne Bankrott gemacht hat. Ich
teile sie Dir, Geliebteste, unverzglich mit, weil auch Deine Freundin
Clarisse ihr Vermgen dabei verloren haben drfte. Zahllose arme Leute,
unter anderem seine eigene Dienerschaft, die dem Prinzen in
ehrfrchtigem Vertrauen ihr bichen Erspartes berlieen, hat sein
verbrecherischer Leichtsinn an den Bettelstab gebracht. Da die Emprung
eine allgemeine ist und, statt des Zorns gegen die Vorrechte der Stnde
den persnlichen Ha gegen den einzelnen Aristokraten zchtet, ist nur
allzu begreiflich.

Ich habe heute, zum Teil auch infolge dieses Ereignisses, sehr viel
Korrespondenz zu erledigen und mu mich daher des Glcks Deiner Nhe
berauben.

Sieh, meine Delphine, nun steht dieser Satz schwarz auf wei auf dem
Papier, damit Du selber erfahren sollst, da ich nahe daran war, Dich zu
belgen! Nein: es gibt keine Arbeit, die mir die Mglichkeit nehmen
knnte, Dich, -- und wre es nur auf Minuten --, in meine Arme zu
schlieen. Aber zuweilen ist mir, als knnte ich mich vor mir selbst
nicht mehr sehen lassen, geschweige denn vor Dir! Gestern, als der
Marquis zum ersten Male, seit ich in Straburg bin, den Abend mit uns
verbrachte und das Gesprch nur schwerfllig von der Stelle kroch, von
Pausen unterbrochen, die endlos schienen, wobei Du jedesmal von
wachsender Glut berhaucht das Kpfchen senktest, whrend er, schmal,
mde, grau, die blassen Hnde auf dem dunklen Samt der Armlehne matt
ausgestreckt, mit den tief in ihren Hhlen ruhenden Augen langsam von
Dir zu mir herberblickte, -- da fhlte ich mit nagendem
Schuldbewutsein das Entsetzliche unsrer Lage. Nicht da wir uns lieben,
Geliebte, ist Schuld, sondern da wir es vor ihm verbergen, wie ein
Verbrechen!

Ich kann nicht leben ohne Dich, und ich kann doch so nicht leben!

La mir den einen Tag, damit ich zu mir selber komme!


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Chateau Larose, am 25. Januar 1783._

Teuerste Marquise. Meine arme Schwester ist von dem schweren Schlag, der
sie getroffen hat, so erschttert, da sie noch nicht imstande ist,
Ihren liebevoll teilnehmenden Brief zu beantworten; sie bittet mich, es
an Ihrer Stelle zu tun.

Ich kann nicht leugnen, Allerschnste, da ich trotz des Unglcks, das
den Anla zu diesem Schreiben bietet, die Gelegenheit freudig ergreife,
wieder in Verbindung mit Ihnen zu treten. Zwinge ich doch auf diese
Weise Ihr Auge, wenigstens auf meiner Schrift zu ruhen!

Sie sind ungeduldig? Gemach, ich komme bereits zur Sache! Clarisse hat
fast ihr ganzes Vermgen verloren, was sie um so hrter berhrt, als
sie infolgedessen frchten mute, in Abhngigkeit von einem Gatten zu
geraten, der sie fortgesetzt betrgt. Aber kaum erfuhr unsere Knigin
von dem Unglck, als sie ihr aus freien Stcken eine Rente anbieten
lie, die den Zinsen ihres einstigen Besitztums entspricht. Wenn
irgendetwas uns an Ihre Majestt noch fester htte fesseln knnen, so
ist es diese groe Gnade, die vielleicht mehr noch um der Art, wie sie
gewhrt wurde, zu schtzen ist als um ihrer selbst willen.

Die Knigin leidet; es gibt Stunden, wo sie stumm vor sich hin brtet
und niemand von uns die Stille zu unterbrechen wagt, die gespenstisch
den Saal beherrscht. Aber sobald jemand aus dem Kreise ihrer nchsten
Umgebung Kummer hat, ist sie die erste, die hilft und trstet, und dabei
ihre alte Frhlichkeit wiedergewinnt. Sie fand sogar, was allgemein
auffiel, scharfe Worte, um die offene Schadenfreude der Partei Choiseul
angesichts des Bankrotts der Rohan zurckzuweisen.

Ein Ausspruch der Herzogin von Grammont macht die Runde in Paris: Die
Rohans, so sagte sie, beanspruchen seit langem den Titel eines
souvernen Hauses. Man darf hoffen, da ihre jetzt enthllte
Geldwirtschaft der letzte Beweis fr die Berechtigung ihrer Prtensionen
ist.

Die Familie Rohan hat brigens alles getan, um die Ehre ihres Namens zu
retten: der Kardinal hat von seinem Schlo Savenne, wo er sich mit
Cagliostro vllig einzuschlieen scheint, die Nachricht von dem
Bankerott mit der Zusicherung namhafter Summen beantwortet, -- man
akzeptiert sie nicht ohne leichtes Gruseln, da ihre Herkunft unter
Umstnden aus der Garkche Beelzebubs stammt! Die kleine Prinzessin
Gumne-Soubise hat ihre Juwelen geopfert; die Prinzessin Marsan nahm
den Schleier und opferte ihr ganzes Vermgen der Ehre der Rohan.

Aber rhrender als alle diese im Grunde selbstverstndlichen Opfer der
Nchststehenden ist folgende Geschichte:

Wir saen beim Souper im Hotel Guimard; der Champagner hatte uns in die
goldenen Tage vlliger Sorglosigkeit zurckversetzt; in griechischem
Gewande tanzte die entzckende Herrin des Hauses auf dem Parkett
zwischen den ppig gedeckten Tafeln. Zum ersten Mal fhrte sie uns vor,
womit sie demnchst das groe Publikum zu begeistern gedachte: eine
antike Schale in der Hand, wiegte sie den schlanken Krper auf den
nackten Fen, um allmhlich ihre Bewegungen, bei denen jede Linie ihrer
Gestalt plastisch hervortrat, bis zum Taumel bacchantischer Lust zu
steigern. Mit wogendem Busen, die Schale, die ich ihr fllte, in einem
Zuge leerend, stand sie schlielich still, als vor dem Sultan der Oper,
dem Prinzen Soubise, die Flgeltren sich ffneten. Der Jubel ber den
Tanz verstummte bei seinem Anblick. Er brachte die Nachricht von dem
Bankrott, der seine Tochter am schwersten treffen mute. Ohne ein Wort
zu sprechen, begab sich die Guimard an ihren Sekretr, schrieb ein paar
Zeilen, reichte sie stumm ihren Kolleginnen vom Ballett, die smtlich
ihren Namen darunter setzten. Es war der formelle Verzicht auf die
Rente, die der Prinz ihnen allen ausgesetzt hatte, zugunsten der
verarmten Dienerschaft der Prinzessin Gumne-Soubise! Sind sie nicht
zum Kssen, diese kleinen lasterhaften Mdchen?

Wann wird Versailles Sie wiedersehn, reizende Marquise? Um das
geschehene und das drohende Unheil zu vergessen, planen wir
ausgelassenere Feste denn je.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Straburg, den 11. Mrz 1783._

Trnen, Geliebte, habe ich dir erpret -- zum ersten Mal! Ich wrde mich
tten lassen, wenn ich sie dadurch trocknen knnte, aber zu handeln
vermag ich nicht anders, selbst wenn ich wei, da Du darum weiter
weinst!

Ich gebe mich Dir ohne Reue hin, sagtest Du vorwurfsvoll. Verstehst Du
denn nicht, Delphine, da eines Weibes Liebe alles heiligt, whrend ber
der Liebe des Mannes seine Ehre steht? Ich wei recht gut: Die Hofherrn
von Versailles sind stolz darauf, einen Ehemann so raffiniert als
mglich zu betrgen; ihr Ehrgefhl steht auf derselben Stufe wie das
Gefhl, das sie Liebe zu nennen sich nicht mehr schmen. Ich aber fhle
es mit wachsender Angst: die tglichen, hlichen Heimlichkeiten, die
verschlossenen Zimmer, die Furcht vor jedem Schritt, die Scheu vor den
Augen der Lakaien, sind imstande, selbst meine groe Liebe zu Dir in den
Schmutz der Auffassung jener Mnner herabzuziehen.

Ich mu fort, nicht weil ich aufhrte, Dich zu lieben, sondern weil ich
Dich zu sehr liebe. Die Rolle des galanten Kavaliers liegt mir nicht.
Erst wenn ich fern bin, werde ich wieder des ganzen Glcks unserer Liebe
froh werden. Und erst dann, dessen bin ich gewi, wirst Du mich
verstehen lernen.

ber die Zukunft nachzudenken, bin ich im Augenblick dieses
schrecklichen inneren Aufruhrs auerstande. Nur eins ist mir gewi: da
nichts, am wenigsten die uere Entfernung, uns zu trennen vermag.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Paris, den 6. April 1783._

Wie htte ich mich in Dir tuschen knnen? Mit solcher untrglichen
Sicherheit wrde Liebe nicht whlen, wenn Du nicht alles erflltest, was
ich von Dir trumte. Nur eine Liaison kann ein Ende nehmen --,
gleichgltig ob sie durch das Sakrament der Ehe geheiligt wurde oder
nicht --, wenn die Sinne sich nicht gegenseitig tglich aufpeitschen.

Meine Reise hierher war voller Abenteuer. Vielleicht wollte das
Schicksal mir helfen, meine Gedanken abzulenken. Die Wege sind
schlechter denn je, -- es gibt kaum noch einen Bauern, der fr ihre
Ausbesserung Frondienste leisten will --, zuweilen sogar in offenbarer
Absicht mit groen Steinen best. Zweimal brach infolgedessen ein Rad
meines Wagens; es erschienen im Augenblick zweifelhafte Gestalten in
zerlumpten Rcken, die mit den Hnden in den Hosentaschen zusahen, wie
meine Diener sich mhten, den Schaden wieder gutzumachen. In meiner
Herberge verweigerte man mir Futter fr die Pferde; schon gab ich Befehl
zum Aufbruch, als der Wirt nach einem kurzen Gesprch mit dem Kutscher
es mir aufdrngte, ohne eine Bezahlung annehmen zu wollen. Wie ich
erfuhr, hatte der Name meines Kriegskameraden Lafayette gengt, ihn
umzustimmen. Als ich weiterfuhr, hatte sich die ganze Bewohnerschaft des
Ortes um mich versammelt, und in der Stille der Nacht tnten mir noch
lange ihre Rufe nach: Es lebe die Freiheit! -- Es lebe die Republik!

Hier empfingen mich alarmierende Nachrichten. Die Schrift Mirabeaus
ber die Haftbriefe und die Staatsgefngnisse war trotz ihres Verbots in
aller Hnden. Sie ist eine glnzende Leistung voll Mut und Feuer, die
die persnlichen Verfehlungen des Verfassers ganz vergessen lt. Es
gibt Zeiten, in denen Tatkraft und Khnheit von so berwiegender
Bedeutung sind, da sie alle anderen Tugenden aufwiegen.

In den Cafs bilden noch immer die Ereignisse des letzten Opernballes
den Gesprchsstoff, und auf der Strae den Gegenstand derber Chansons.
Die Knigin, die vollkommen maskiert und bis zur Unkenntlichkeit
vermummt gewesen sein soll, wurde sofort -- wahrscheinlich durch den
Verrat eines Lakaien -- erkannt und mit Spen verfolgt, ber die sie
sich zunchst amsierte, was natrlich ihre Dreistigkeit nur steigern
half. Erst als eine Maske in Kardinalstracht sich ihr nherte und trotz
aller Bemhungen nicht von ihr wich, brach sie schlielich in Trnen aus
und entfernte sich rasch. Niemand hrte, was die Maske sprach; nur
Guibert behauptet gesehen zu haben, da sie ihr einen gefllten
Geldbeutel anbot. Erst widrige Szenen wie diese mssen die Monarchen
davon in Kenntnis setzen, da die auf ihren Empfang durch Hofansagen und
Polizeimanahmen nicht vorbereitete Menge eher zu Pbeleien als zu
spontanen Huldigungen bereit ist.

Meine Feder stockt. Wie unwesentlich kommt mir vor, was ich schreibe,
neben dem einen groen Gefhl, das mich beherrscht und das sich nicht in
Worte fassen lt. War es nicht doch Wahnsinn, da ich von Dir ging? Ist
nicht alles -- alles einerlei, wenn ich nur Dich habe?! Delphine, Du
geliebte Frau, was hast Du aus mir gemacht?! Das ganze Gebude meines
Lebens ist wie ein Kartenhaus vor dem Hauch Deines Mundes.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Versailles, am 3. Mai 1783._

Hast Du mich so lange auf einen Brief von Dir warten lassen,
Geliebteste, damit alle anderen Empfindungen von der Glut meiner
Sehnsucht verzehrt werden?! Und nun fragst Du mich, als wtest Du nicht
im selben Augenblick schon die Antwort: Darf ich kommen? Wenn es
zwischen uns etwas gbe, das nur im entferntesten einem Befehl oder
einem Verbot hnlich she, so wrde ich sagen: Du mut! Du mut, denn
wenn ich auch lebe, atme, spreche, so bin ich es doch nicht selbst: mein
ganzes Ich ist ja bei Dir! Nichts als ein Automat geht durch die Straen
von Paris, ber das Parkett von Versailles. Komm, komm, so rasch deine
Pferde den Weg von Froberg hierher zurckzulegen vermgen!

Die Knigin frug oft nach Dir. Der liebenswrdige Empfang, der mir zu
teil wurde, hatte mich zu der Hoffnung verleitet, sie vielleicht
beeinflussen zu knnen. Aber schon die vierzehn Tage, die ich wieder in
ihrer Umgebung bin, haben mir bewiesen, da es nicht mglich ist. Sind
es die Folgen der Monarchenerziehung, die sie zwingen, ihr eigentliches
Wesen zu verstecken; oder -- ist sie nicht anders, als sie sich zeigt?
Ich habe versucht, ernstere Interessen wachzurufen, aber nichts vermag
sie zu fesseln, was nicht eine persnliche Beziehung zu ihr selber hat:
die Kunst nur, wenn sie ihre Schlsser schmckt, ihre Langeweile
vertreibt, die Finanzen Frankreichs nur, insofern sie ihr Budget
beeinflussen. Sie ist niemals glcklicher, als nach einer
Toilettenkonferenz mit Madame Bertin oder nach einem Besuch Monsieur
Boehmers.

Schlimm genug, wenn ein Knig nichts anderes zu sein vermag, als der
Trger der Krone, schlimmer noch, wenn eine Knigin die Erde, auf der
sie steht, nur insoweit bewertet, als sie ihr Nhrboden ist!

Du schreibst mir noch, wann Du kommst. Ich wage nicht eher daran zu
glauben, als bis ich Dich sehe, bis meine Arme Dich umschlieen. Liebte
ich Dich so wenig, da ich sie jemals ffnen konnte, um Dich von mir zu
lassen?


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, am 10. Juni 1783._

Teuerste Marquise. Ihre Rckkehr nach Paris ist fr den Aberglauben
eines Glaubenslosen wie der Aufstieg weier Tauben ber dem Tempel
Apollos.

Seit drei Monaten proben die Schauspieler der Comdie franaise meine
Komdie, seit acht Wochen habe ich das Versprechen des Grafen von
Artois, da sie auf der Bhne von Versailles das Licht der Welt
erblicken wird, -- denn wo sie auch immer zur ersten Auffhrung gelangt,
und wre es im kleinsten Theater vor einem Dutzend Zuschauer: es wird
die Welt sein, die sie damit erobert!

Aber erst Ihre Ankunft, die Aussicht, Sie vor dem Vorhang zu wissen, im
Augenblick wo er sich meinem Triumphe ffnet, bietet mir die Gewhr
dafr, da er nicht schlielich doch geschlossen bleibt.

In drei Tagen ist die Auffhrung. Nachher werden Sie mir gestatten,
Ihnen die Hand zu kssen.


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Versailles, Freitag den 13. Juni._

Soeben -- fnf Stunden vor dem Beginn der Vorstellung -- berbringen die
uniformierten Boten des Marschalls Duras und des Polizeileutnants von
Paris den Schauspielern und mir den Befehl des Knigs: Figaros Hochzeit
darf nicht gespielt werden.

Ludwig von Frankreich wirft mir seinen Fehdehandschuh vor die Fe. Ich,
Caron Beaumarchais, nehme ihn auf. Jetzt ringen wir nicht mehr um die
Daseinsberechtigung eines Stckes, sondern um die eines Standes!


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 3. Juli 1783._

Verehrte Frau Marquise! Der Abend bei Ihnen war delizis! Um Ihretwillen
nehme ich das ganze achtzehnte Jahrhundert in den Kauf; ja, ich wre
geneigt, wenn der Herrgott mich zu seinem verantwortlichen Minister
ernennen wollte, es in Permanenz zu erklren.

Die Bekanntschaft mit dem Grafen Vaudreuil, die Sie vermittelten, ist
unschtzbar. Ich fahre bereits morgen nach Gennevilliers, um die Bhne
zu besichtigen, eventuell in aller Eile, -- der Graf gab mir plein
pouvoir, -- umbauen zu lassen, und dann --!!

Seitdem der aerostatische Globus in die Lfte stieg und die Brder
Montgolfier sich anschicken, in eigener Person allem, was Flgel hat --
den Adlern und den Engeln, den Amoretten und der Phantasie -- Konkurrenz
zu machen, rckt das Unmglichste in den Bereich der Mglichkeit, --
also auch die Geburt des Kindes meiner Laune.

Sie sollten nur hren, mit welch wahrhaft patriotischem Schmerz unsere
Kaffeehauspolitiker die wachsenden Ausgaben errtern, die die
unabweisliche Schaffung einer Luftflotte notwendig verursachen werden,
wie sie mit der Ausgestaltung der glcklichen Idee beschftigt sind, fr
diejenigen, die vergebens auf einen irdischen Ministerposten warten, ein
neues Departement der Lfte einzurichten, und wie ernste
Vaterlandsfreunde sich mit der brennenden Frage beschftigen, was zu
geschehen hat, um England beizeiten zu verhindern, da es das Reich des
Aeolos nicht usurpiert, wie es das des Poseidon bereits usurpierte. Was
mich in Gedanken an all die luftigen Zukunftsmglichkeiten am meisten
lockt, ist die Aussicht, ganz sacht emporzusteigen und, mit einem guten
Fernrohr bewaffnet, in aller Ruhe dort oben abzuwarten, bis unser Planet
sich soweit gedreht hat, damit sich mein Ballon eines schnen Abends auf
China herablassen kann. Fr franzsische Dichter, Philosophen und
Freiheitsschwrmer mu es ein ideales Land sein!


Marquis Montjoie an Delphine.

_Froberg, den 20. Juli 1783._

Meine Liebe! Fr Ihre freundliche Erkundigung nach meinem Befinden danke
ich Ihnen bestens. Ihr Interesse dafr htte ich nicht erwartet. Von
einer Reise nach Paris will ich in diesem Jahre absehen. Seine
Vergngungen sind mir zu anstrengend und zu kostspielig. Ich ziehe die
stille Arbeit in meinem Laboratorium vor. Da Sie vor dem Sptherbst
nicht zurckzukehren gedenken, wird es Sie nicht genieren, wenn der
Graf Cagliostro, der vor kurzem aus England wieder hier eintraf, sich
bei mir aufhlt, sobald der Kardinal ihn freilt.

Ich wnsche Ihnen so viel Amsement, als Ihre Gesundheit und Ihr
seelisches Gleichgewicht es irgend ertragen kann.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Versailles, den 1. August 1783._

Du klagst ber meine finsteren Mienen; Du grmst Dich, Geliebteste, weil
Du meinst, ich verschwiege Dir aus Schonung irgend einen geheimen
Schmerz. Ach, Du weit nur zu gut, was mich qult! Ich ertrage die
lchelnden Fratzen nicht und die vielsagenden Mienen und das heimliche
Flstern um uns her! Ich habe oft die Empfindung, als stndest Du -- Du,
mein Heiligtum! -- aller Hllen bar vor den lsternen Augen der Menge.
Unwillkrlich fat meine Hand nach dem Degen --

Wie war es gestern auf dem Champ de Mars angesichts der ungeheuren
Menschenmasse, die in atemloser Spannung den Aufstieg Mongolfiers mit
dem Marquis d'Arlandes als erstem seiner Passagiere erwartete? Die
Equipagen der Hofgesellschaft hielten nebeneinander; zu Fu und zu
Pferde umdrngten die Kavaliere die Damen darin. Als ich kam, suchte
Dich mein Blick nicht lange, denn wo der Kreis am dichtesten war, da
warst Du -- die schne Montjoie -- die se Delphine -- die Rose
der Vogesen. Wie die anderen trat ich heran und grte Dich. Und alles
wich mit verstndnisinnigem Ausdruck zur Seite, -- etwa wie zu Zeiten
Ludwigs XV. die Damen des Hofs, wenn die maitresse en titre
hineingerauscht kam. Ich verbeugte mich stumm und ging davon, ohne mich
von Deinen schnen, trnenfeuchten Augen rhren zu lassen. Ich beneidete
den Luftschiffer, der in der Lage war, auf Nimmerwiedersehn in den
Wolken zu verschwinden.

La mich Dich von nun an nur in Deinem stillen Zimmer sehen; morgens,
ehe die Nichtstuer ihren Tageslauf mit Besuchen beginnen, mittags, wenn
die von tausend Klatschgeschichten Erschpften sich zurckziehen, und
nachts, Du geliebteste Frau, wenn ein gtiges Dunkel allen neugierigen
Blicken den Zugang verwehrt.


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 26. August 1783._

Teuerste Marquise! Mein erster Weg nach meiner Rckkehr aus London war
nicht zum Grafen Vaudreuil, sondern zu Ihnen. Ermessen Sie daraus, was
ich fr Sie empfinde! Und an Ihrer Tre erfahre ich, da Sie krank sind
--, grade jetzt!

In drei Wochen mssen Sie gesund sein, und wenn ich Ihnen die
Wunderdoktoren der ganzen Welt verschreiben sollte! Haben Sie es schon
mit den neuesten Heilweisen: den Zuckerkgelchen Herrn Dillons, dem
Musefett Madame Renards, der elektrischen Behandlung Doktor Durands
versucht?! Sie sind ja nicht Madame La France, der es fr alle Kuren
durch erste Autoritten am Notwendigsten fehlt: am Gelde! Sie wird sich
darum die Behandlung eines Barbiers gefallen lassen mssen, die Arme!

Darf ich auf Nachricht hoffen, sobald Sie mich empfangen knnen?


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 12. September 1783._

Sie sind nirgends zu sehen, Ihre Fenster sind verhngt --, und doch
grbeln Sie nicht im einsamen Laboratorium ber das Geheimnis des
Goldmachens! Ihre Tre bleibt mir verschlossen und doch sah ich einen
Gast, dem sie sich ffnete.

Frchten Sie nichts: was sich laut oder leise gegen Gesetz und Herkommen
emprt, steht unter Figaros Schutz.

Wissen Sie, da ich aus diesem Grunde beginne, eine sehr hochgestellte
Dame unter meine Schtzlinge zu zhlen?! Sie denken vielleicht an die
Herzogin von Bourbon, die ihrem ungetreuen Gatten mit gleicher Mnze
zahlte, an die kleine Prinzessin Chartres, die, whrend ihr Gemahl bei
Madame Genlis die -- Harfe spielen lernte, mit seinem schnen Adjutanten
-- Duette sang, oder an die hbsche Cond, die in ser Mdchenunschuld
von irgend einem unsichtbaren Gott erobert wurde, und, -- wahrscheinlich
zur Belohnung ihrer Heiligkeit! -- doch noch einen Prinzen kniglichen
Gebltes fand, der sie zum Altar, aber nie zum -- Bett geleitete? Gehen
Sie auf diesem Gedankengang nicht weiter, meine Schne; er ist zwar fast
endlos, aber er fhrt doch nicht zu meiner Dame.

Ich wollte Ihnen erzhlen, was mir begegnete, in Ihren ausdrucksvollen
Augen Neugier, Bewegung, Erschrecken lesen, kurz --, all die Empfindung,
die Ihr Mund mir aus Diskretion verschweigen wrde. Soll ich nun
schweigen? Ich bin zu sehr Dichter, als da ich es ertragen knnte, den
spannenden Akt des Schauspiels, den ich sah, -- der zweifellos weder der
erste noch der letzte gewesen ist! -- ganz fr mich zu behalten. Hren
Sie also:

Ich gehe, wie Sie wissen, nur des Nachts spazieren. Wenn die Krper sich
ihrer Paruren entledigen, die rote Farbe von den gelben Wangen wischen,
die Lockenpercke von dem kahlen Kopfe nehmen, die schnen reinen
weiseidenen Strmpfe mit dem ppigen Wadenpolster von den schmutzigen,
drren, haarigen Beinen ziehen, dann entkleiden sich auch die Geister.
Auch ihre Nacktheit ist nicht immer erfreulich, aber stets unglaublich
interessant. Ich sah Marschlle von Frankreich als blutige
Revolutionre, Erzbischfe als Teufelspriester, und auch Possendichter
als tragische Helden, Hetren als Madonnen, Kniginnen als --. Schweigen
wir, um endlich zu meinem Abenteuer zu kommen!

Im Parke von Versailles war es. Niemand in Frankreich hat solch gesunden
Schlaf wie seine Wchter, und in jener Stunde vollends hemmte kein Ruf,
kein Sbelklirren meinen Schritt. Sptsommernacht. Der erste leise Duft
der Verwesung, -- viel sinnenverwirrender noch als die ersten
unschuldigen Frhlingsgerche, -- lag schwer ber dem Park.

Da hrte ich ein Rascheln, dann ein Knirschen im Kies, -- ich versteckte
mich rasch hinter dem nchsten Boskett, -- nicht um den Spher zu
spielen, sondern um das Liebespaar ungestrt zu lassen. Aber die Mnner
und Frauen, die in Mntel gehllt hin- und herhuschten, fhrte nicht
Liebessehnen zueinander. Zuweilen zuckte ein scharfer Strahl verborgener
Blendlaternen unter den Mnteln hervor. Schon wollte ich die Wache
alarmieren, Diebe! schreien, -- doch mein Blick fiel auf zarte
Fchen, elegante Schnallenschuhe.

Und pltzlich zogen sich die Gestalten zurck. Drei andere tauchten auf:
ein schlanker Elegant, nur eine Halbmaske vor dem Gesicht, vielleicht:
-- der Graf Chevreuse! -- ein kleinerer folgte ihm; ich sah den
seidenen Mantel des Priesters, die Tonsur auf dem unbedeckten Kopf,
vielleicht: -- Rohan, der Kardinal! -- und dann ein Weib, das Haupt von
Schleiern umweht, unkenntlich, aber von einer Haltung! -- vielleicht --:
die Knigin Marie Antoinette. Ich hielt den Atem an. Die drei sprachen
kein Wort. Irgend ein dunkles Etwas legte der Priester in zwei Hnde, so
schneewei, da sie zu leuchten schienen. Pariser Klatsch fiel mir ein:
da Rohan sich mit dem famosen Halsband Bhmers die Gunst der Knigin
erkaufen wolle --, aber ich hatte keine Zeit, nachzudenken. Wieder ein
Rascheln, ein Knirschen, -- ich rieb mir die Augen; vielleicht war alles
nur nchtlicher Spuk! Vielleicht hat es mich gerade darum so
erschttert; ich glaubte bisher nicht an Geister.

Ist der Graf Chevreuse nicht Ihr Freund? Warnen Sie doch durch ihn die
Dame mit der verrterischen Gestalt. Nicht alle unberufenen Lauscher
sind Figaro!


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 15. September 1783._

Der Gedanke, verehrteste Marquise, da ich mich bei meinem gestrigen
Besuch ungeschickt benahm, erregter zeigte, als es der Sache entsprach,
-- einer offenbaren Dienstbotenaffaire, wie ich Ihnen schon
versicherte, -- ntigt mich zu diesen Zeilen. Die Parkwchter sind
bereits aufs strengste instruiert, nchtlichen Spuck der Art nicht mehr
zuzulassen. Um alle Ihre Befrchtungen zu zerstreuen, mchte ich Ihnen
noch versichern, was ich gestern, -- emprt ber die Verdchtigung
unserer teuren Knigin, -- zu sagen verga: ich befand mich in derselben
Nacht in Paris bei der Guimard; sie und alle ihre Gste wrden meine
Anwesenheit bezeugen. Und Ihre Majestt hatte sich, wie mir die
Prinzessin Lamballe erzhlte, wegen starker Kopfschmerzen bereits um
neun Uhr zur Ruhe begeben.

Die Pariser sehen berall Gespenster, seit Cagliostro Geister erscheinen
lt.

Da Sie hartnckig dabeibleiben, nicht nach Gennevilliers fahren zu
wollen, bedaure ich nicht nur um meinetwillen. Sie warnten mich; darf
ich Ihnen meine Dankbarkeit fr Ihre gute Absicht auch durch eine
Warnung beweisen?

Es ist oft sehr unklug, krank zu sein!

Wenn ich hoffe, Ihnen bei dem versprochenen Bericht ber den groen Tag
sagen zu knnen, da man Sie -- und den Prinzen! -- nicht zu sehr
vermite, so mssen Sie fhlen, da ich nicht aus Unhflichkeit, sondern
aus Freundschaft diese Hoffnung hege.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, den 27. September 1783._

Da Sie nicht dabei gewesen sind! Es war ein Tag ohnegleichen: Die
Strae nach Gennevilliers von frh an berflutet mit Karossen und
Reitern; die Sle des Schlchens berfllt von allem, was durch
Schnheit, Geburt, Geist und Reichtum Paris zur Zentralsonne des
Erdballs macht; dabei jene fieberische Spannung auf allen Zgen, die die
Augen leuchten und jeden glauben lt, da der beschleunigte Herzschlag
nichts als das Zeichen der Kraft und Jugend ist. Man verga in der
Erwartung die neuesten Skandale und Chansons, von denen man sonst zu
leben pflegt.

Der Saal war kaum imstande, die Masse der Gste zu fassen. Noch hatte
sich der Vorhang nicht geteilt und schon lag es wie Gewitterschwle ber
allen Kpfen. Sie steigerte sich mit jeder Szene. Recht und Gesetz,
Moral und Religion, Philosophie und Politik --, all das zog in den
Gestalten des Guzmann und des Bartholo, des Basilio und der Marzeline,
des Almaviva und des Figaro auf der Bhne an uns vorber, wurde
besprochen, verhhnt, mit den Geielhieben des Witzes blutig geschlagen.
Und wir saen da, wie gebannt, zwischen Emprung und Beifall,
Zhneknirschen und Gelchter hin und hergerissen.

War es die Erregung, die hei aus allen Poren drang, war es das Feuer
der zahllosen Kerzen, -- die Sonne der Sahara kann nicht glhender sein,
als die Luft, die wir atmeten. Schon hrte ich Schreckensrufe ohnmchtig
werdender Damen, als die Scheiben der hohen Fenster in gleichmigen
Intervallen klirrend zerbrachen: Beaumarchais selbst schlug sie mit der
Krcke seines Stockes ein, um die Frische von drauen hereinzulassen.
Erst als sie mir den Kopf umwehte, wurde mir klar, da sein Stck wie
ein Sturmwind ber uns weggefegt war.

Er wurde mit Beifall berschttet. Kein Zweifel, da er nun in kurzer
Zeit die ffentliche Auffhrung seines Werkes durchsetzen wird. Ob es
uns dann noch ebenso amsiert? Ich lache gern ber mich selbst, aber es
wre das Zeichen einer gefhrlichen Gleichstellung, wenn der Pbel sich
je erlauben sollte, ber mich zu lachen.

Die meisten Gste, die Graf Vaudreuil nicht zu logieren vermochte,
fuhren in der Nacht noch zurck. Die Pariser rzte werden zu tun haben;
es regnete in Strmen, und bei den aufgeweichten Wegen und der fast
undurchdringlichen Finsternis bewegten sich die Wagenreihen mit ihren
frierenden Insassen nur ganz langsam vorwrts.

Ich fuhr mit Herrn von Wurmser. Er ist in sehr gedrckter Stimmung.
Sollte er in seinem Vertrauen zu Cagliostro zu weit gegangen sein? Ich
frchte, die Zeit der Goldmacher ist vorber und die der Barbiere
gekommen, meinte er bitter.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Schlo Froberg, den 2. Oktober 1783._

Meine Liebe. Ihre Absicht, das seit langem unbentzte Schlo Laval zu
ihrem Aufenthalt zu whlen, noch dazu jetzt, wo der Winter vor der Tre
steht, ist befremdend. Da es aber ausschlielich Ihr Besitztum ist und
Sie, wie mir scheint, nur zwischen diesem und irgendeinem andern Ort
whlen wollen, um weiter von mir getrennt zu leben, so will und kann ich
Ihre Entschlsse nicht beeinflussen. Ihre Erlaubnis vorausgesetzt, werde
ich einen Teil der Dienerschaft nach Laval senden, um wenigstens das
Notwendigste fr Sie vorzubereiten.

Mir geht es gut.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Montbliard, den 19. Oktober 1783._

Meine geliebte Delphine. Wie recht Du hattest: schon atme ich freier in
der trauten alten Umgebung; schon sehe ich, wie viel hier vernachlssigt
wurde, seitdem mein Bruder, der regierende Herzog, sich ganz auf seine
preuischen Besitzungen zurckgezogen hat, wie ich alle Krfte anspannen
mu, um die Folgen jahrelanger Miwirtschaft durch gewissenlose
Verwalter wieder gutzumachen. Da ich notwendig bin, da Arbeit meiner
wartet, macht mich schon froh.

Ich ritt heute nach Laval, -- den schnen Waldpfad, der mich tglich zu
meinem Engel fhren soll. Klopfenden Herzens sah ich die altersgrauen
Trme vor mir aufsteigen, aus deren Fenstern das se Kpfchen eines
kleinen Mdchens mir einst schelmisch entgegennickte.

Im Schlohofe fand ich reges Leben: man lud von hochbepackten Wagen
Mbel und Kisten und Kasten ab. Sonderbar: mir schnrte der Anblick, der
doch ein Zeichen Deines Nahens ist, das Herz zusammen! Ich fhlte, da
hier die Sorge dessen waltet, der Dich mir stumm berlt --, ob aus
verchtlicher Gleichgltigkeit, oder aus gromtiger Entsagung, beides
ist gleich niederdrckend.

Aber ich will Dich nicht wieder qulen, Du armes Herz, die Du mir alles
zu Liebe tust, und so grenzenlos um mich leidest!


Marquis Montjoie an Delphine.

_Schlo Froberg, am 1. November 1783._

Meine Liebe! Es bedarf nicht des Dankes. Ich habe nur meine Pflicht
getan, indem ich das Schlo Ihrer Vter, aus dem ich einst ein
unwissendes Kind entfhrte, fr seine Rckkehr empfangsbereit machen
lie. Ich wnsche nur eins: von Zeit zu Zeit, -- nach vorheriger
Ansage, -- empfangen zu werden, um mglichem Getuschel bser Zungen die
Spitze abzubrechen. Da ich Anfang nchsten Jahres in Sachen meiner
Vermgensverwaltung nach Paris zu gehen beabsichtige, werde ich mir
erlauben, mich in den Weihnachtstagen nach Ihrem Befinden zu erkundigen.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Montbliard, den 6. Januar 1784._

Heute nur einen zrtlichen Gru, Geliebteste. Ich kann nicht kommen;
Scharen von Landleuten strmen in die Stadt und sammeln sich vor dem
Schlo. Die frchterliche Klte treibt sie her, aber obwohl ich fast
allen Vorrat an Holz und Nahrungsmitteln verteilen lie und die
Erlaubnis gab, den Wald von Navire zu schlagen, nehmen vor allem die
fremden Leute eine drohende Haltung an. Ich habe die Stlle und die
Reitbahn ffnen lassen, um wenigstens den Frauen und Kindern Unterkunft
gewhren zu knnen.

Mein Bote ist beauftragt, Deine Antwort entgegenzunehmen und sich durch
eignen Augenschein zu berzeugen, ob Laval in Sicherheit ist. Im Notfall
lasse ich selbstverstndlich alles im Stich und komme zu Dir.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Montbliard, den 7. Januar 1784._

Geliebteste! Frchte dich nicht. Wie kann mir etwas geschehen, da ein
Engel wie Du mich mit seiner Liebe schtzt! Der Reitknecht erzhlte mir
alles, selbst gerhrt von dem, was er gesehen hatte: im Rittersaal von
Laval die Menschenmenge, blasse Gesichter, zerlumpte Kleider, magere,
von Frostbeulen bedeckte Glieder, von den glhenden Scheiten im Kamin
grell beleuchtet, Du selbst mitten unter ihnen, furchtlos auch
angesichts der rohesten Gesellen!

Ich schicke Dir heute ein paar handfeste Leute zum Schutz. Ein
Feuersignal auf dem Bergfried, und ich selbst bin in krzester Frist bei
Dir.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Etupes, den 9. Januar._

Landstreicher erbrachen das Schlo. Ich warf sie mit meinen Leuten
hinaus. Ein Schu traf mich in die Hfte. Ich habe nur einen Gedanken:
Dich. Mein Reitknecht jagt dem Wagen voran, der mich zu Dir bringt.
Niemand auer ihm und dem Kutscher kennt das Ziel der Fahrt.


Baron von Wurmser an Delphine.

_Straburg, den 10. Februar 1784._

Verehrteste Frau Cousine. Vergebens habe ich versucht, Sie hier und in
Froberg aufzusuchen und erfuhr erst dort, da Sie sich in Laval
befinden. Nach langem, inneren Kampf halte ich es fr meine Pflicht,
Ihnen folgende Mitteilung zu machen: der Graf Cagliostro ist ein
Betrger. Die Krfte, die er besitzt, -- und ich hrte und sah zu viel,
als da ich an ihnen zu zweifeln vermchte, -- hat er in teuflischer
Weise benutzt, um seine Opfer zu fangen. Auch ich gehre zu ihnen. Das
kleine Vermgen, das ich besa, ist in seinen Hnden. Ich dachte daran,
ihn ohne weiteres arretieren zu lassen, aber ich habe keine Beweise, und
die Zeugen, die ich nennen knnte, wrden teils aus Feigheit, teils aus
Angst, sich lcherlich zu machen, versagen; auerdem ist dem Grafen
alles Geld, das er erhielt, freiwillig gegeben worden. Mich selbst kann
ich nicht mehr retten, vielleicht aber andere.

Um klar zu sehen, habe ich mein Mitrauen noch nicht laut werden lassen
und habe vor wenigen Tagen einer Sitzung im Palais des Kardinals
beigewohnt, an der sich auer dem Hausherrn und mir nur Ihr eben aus
Paris wieder zurckgekehrter Herr Gemahl beteiligte. Man erwartete so
etwas wie ein Wunder; Haufen Goldes lagen bereit, die ja von jeher die
Voraussetzung aller Experimente waren. Je lnger die Versuche
resultatlos blieben, desto erregter wurde der Kardinal. Ich bin
verloren -- ich und sie! schrie er schlielich in fassungsloser
Verzweiflung. Und als der Graf als Antwort grell auflachte, strzte er
sich auf ihn, packte ihn mit eisernem Griff an die Kehle und brllte mit
der Stimme eines wilden Tieres: die Million oder --. Wir rissen ihn
los und whrend ich noch um den Tobenden beschftigt war, verlie
Cagliostro mit dem Marquis das Zimmer.

Rohan reiste gestern nach Paris. Der Marquis hat sich mit dem Schwindler
eingeschlossen; er vertraut ihm um so mehr, als er seine Krfte nun fr
sich allein in Anspruch nehmen zu knnen hofft.

Nur Sie, teuerste Cousine, knnen den Verblendeten retten und damit Ihre
eigene Existenz. Was Sie auch immer von ihm trennen, was Sie in Laval
festhalten mag, kommen Sie rasch! Knnten Sie den Marquis sehen, wie er
gebeugt, mit zitternden Knieen durch die Straen schleicht,
rotgernderte, des Schlafs entwhnte Augen ber den spitz
hervortretenden Backenknochen, -- das Mitleid wrde Sie zu ihm fhren,
auch wenn er Ihnen ein Fremder wre.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Straburg, den 15. Februar 1784._

Meine Liebe. Ihr Anerbieten ist gut gemeint, aber Ihre Besorgnis
unbegrndet. Ich bin gesund. Meinetwegen brauchen Sie Laval nicht zu
verlassen. Die chemischen Experimente, mit denen ich mich beschftige,
sind rein wissenschaftlicher Natur. Es kann Sie nur beruhigen, da diese
Ttigkeit mir alles ersetzt, was ich bisher als Lebensinhalt betrachtet
habe: den Hof, die Politik, die Frauen.

Ich hre, da Sie im Schlo so etwas, wie ein Hospital eingerichtet
haben. Frauen, Kinder und Greise finden bei Ihnen Schutz vor Hunger und
Klte, auch Kranke werden gepflegt. Das ist sehr lobenswert und wird
einer frommen Frau wie Ihnen die Freuden von Versailles vergessen
machen.

Der Vetter Wurmser, nachdem Sie fragen, widmet sich neuerdings eifrig in
Verbindung mit Herrn Adorn der Konstruktion eines neuen aerostatischen
Globus. So findet jeder eine Ablenkung von Gedanken und Erinnerungen,
die nicht immer belustigend sind.


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, am 30. April 1784._

Schnste Marquise. Sie lieben nur die Unterlegenen und finden greren
Genu darin, zu trsten, als zu bewundern? Denn seit Figaro
triumphiert, sind Sie ihm untreu geworden. Ich aber dachte mitten im
tobendem Theater an Sie; ich suchte Ihr reizendes Kpfchen in allen
Logen; mir fehlte die Herzensknigin, der der Sieger im Turnier das Knie
beugt, um von ihr allein den Kranz zu empfangen.

Figaro hat gesiegt, Frau Marquise! Und er hat Gedanken aus dem Gefngnis
feiger Kpfe befreit, Stummen die Sprache gegeben und Blinden das
Gesicht. Bald gibt es in Paris kein Fischweib mehr und keinen
Lasttrger, der ihn nicht jubelnd begrt htte; Hunde und Katzen ruft
man an allen Straenecken mit seinem Namen; mit Hten und Mnteln  la
Figaro schmcken sich Dirnen und Hofdamen, so da sein Name schlielich
auch denen gellend in die Ohren klingt, die ihn verdammen.

Es war eine Komdie in der Komdie: Von frh an belagerten die
Eintrittheischenden die Pforten des Theaters. Vornehme Frauen hielten,
um rasch ein Pltzchen zu erhaschen, stundenlang in den Toilettenzimmern
kleiner Schauspielerinnen aus. Herzoginnen kmpften mit Freudenmdchen
um einen Sitz. Ganz Versailles war im Theater. Der Knig mu sehr
verlassen gewesen sein!

Worin besteht das Handwerk des Hflings? frug Figaro; im Empfangen,
im Nehmen, im Fordern -- und die Herren und Damen in den Logen hrten
erblassend den brllenden Beifall des Parketts.

Wahrhaftig noch toller als mein Stck ist sein Erfolg!

Der laute Lrm erstickte tagelang alles heimliche Flstern, das immer
schrfer, immer feindlicher durch die Hintertren der Schlsser kriecht.

Sie erinnern sich des Schauspielaktes, den ich sah. Nun: die vornehmen
Akteure und Aktricen machen nicht den Eindruck als ob der Schlu, wie
der des Figaro, in Chansons bestehen wrde. Selbst der Graf Chevreuse,
-- er mu als Knabe meines Cherubin Zwillingsbruder gewesen sein, -- hat
seinen Leichtsinn so sehr verloren, da die Guimard ihm den Laufpa gab.

Warum ich Ihnen schreibe? aus Eitelkeit und aus Neugierde. In Frankreich
zieht sich eine schne Frau wie Sie nur aus drei Grnden von der Welt
zurck: entweder sie hat die Blattern, oder einen Blaubart zum Mann,
oder ihren Lakai zum Geliebten. Da keiner dieser Grnde auf Sie
zutreffen kann --, die Blattern wrden sich schmen, ein Gesicht, wie
das Ihre zu zerstren, der Marquis hat sich dem Teufel verschrieben, und
Sie haben zu viel Geschmack fr eine Liebschaft mit einem Bedienten; so
fragt sich alles, was hindert Sie, uns zu beglcken?!

Ich suche nach einem neuen Stoff fr ein Stck. Vielleicht liefern Sie
ihn mir, wenn es sich um keine Tragdie handelt.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Straburg, im Juli 1784._

Meine Liebe. Damit Sie nicht aus den Journalen davon erfahren, teile ich
Ihnen mit, da Baron Wurmser gestern beim ersten Aufstieg im Ballon
Monsieur Adorns verunglckt ist. Er brach beim Absturz aus einer Hhe
von kaum dreiig Metern beide Beine. Die rzte geben Hoffnung, ihn am
Leben zu erhalten. Ich sprach ihn heute. Er hat mir Gre an Sie
aufgetragen und mich ausdrcklich gebeten, Ihnen zu erzhlen, da er
sich nun erst tatschlich nicht auf der Hhe erhielt.

Ich habe heute noch eine Bitte an Sie. Meine Gesundheit ist nicht die
beste; ein Aufenthalt in Spa wrde mir gut tun und es wre mir
erwnscht, wenn Sie mich begleiten wollten. Alle unliebsamen Gerchte
wrden durch diese gemeinsame Reise im Keime erstickt. Falls Sie
zustimmen, werde ich sobald als mglich meine weiteren Dispositionen
treffen.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Montbliard, den 25. Juli 1784._

Das war ein bser Ritt: in der schwlen Nacht, die fern am Horizont nur
fahle Blitze hie und da erleuchteten, das Herz von Kummer schwer, die
Stirne hei von Zorn. Zorn auf Dich, meine se Delphine, die Du unser
Glck zerstrst aus lauter grausamer Gte!

Weil einem alten Manne pltzlich die Laune packte, sich mit seinem
schnen jungen Weib der Welt zu zeigen, warst Du sofort bereit, ihm zu
willfahren? Du behauptest ihm Dank schuldig zu sein. Wofr?! Weil er Dir
Freiheit lt. Tut er es vielleicht aus Gte, oder nicht vielmehr aus
Selbstsucht? Er strt Dich nicht, weil er in seinem dunklen Beginnen
nicht gestrt sein will. Und weil er unsere Beziehungen nicht sieht,
nicht sehen will, hltst Du ihn fr einen entsagenden bewundernswerten
Freund. Ich halte ihn fr einen jmmerlichen Feigling! Dir erscheint als
ein bescheidener Wunsch, worin ich die Geltendmachung verbriefter
Gattenrechte sehe. Er kmmert sich nicht um Dich, solange es ihm pat,
er fordert Dich, sobald die greisenhafte Lust ihn reizt. Und Du beugst
Dich seinem Verlangen! Mich, den die Natur selbst Dir angetraut hat, dem
Du allein gehrst im Namen ewiger Liebe, mich lieest Du von Dir gehen!

Du sagst, der Marquis sei unglcklich. -- Auch zu einem groen Unglck
gehrt ein groer Mensch; dieses Mannes Unglck ist klein, kalt,
verchtlich, und Du willst ihm unser groes, heies berreiches Glck
opfern?!

Du sagst, er ertrge es nicht, wenn Du den Mut der Wahrheit httest. Was
wre verloren, wenn er wirklich daran zugrunde ginge? Gibt es auch nur
einen einzigen Menschen, dem er unersetzlich wre? Wrde er eine Lcke
hinterlassen, die kein anderer auszufllen vermchte?

Ich liebe Dich um Deiner rhrenden Gte willen, die niemanden wehe zu
tun vermag, um Deiner sorgenden Liebe willen, die alles Schwache und
Alte schtzt und pflegt. Wo wre ich heute ohne Deine weichen zarten
Hnde?! Aber das Leben, Geliebte, ist mnnlich und hart, der morsche
Stamm kann nicht erhalten werden, wenn junge Bume zum Licht verlangen,
und den alten Staat, der schon in seinen Grundvesten zittert, drfen wir
nicht sttzen, wenn er einem neuen Geschlecht zu eng geworden ist.

Wir werden Monate getrennt sein und wollen einander auch nicht mit
brieflichen Klagen und Vorwrfen qulen. Aber prfen sollst Du,
Geliebte, Dein Herz, damit Du zu entscheiden vermagst, wenn wir uns
wiedersehen. Er oder ich --, das ist die Frage, die ich Dir stelle.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 30. September 1784._

Meine Liebe. Es freut mich zu hren, da Sie die Reise gut berstanden
haben und ich benutze die Gelegenheit Ihnen fr die Zeit zu danken, die
Sie mir widmeten. Ich hoffe, Sie werden nicht ganz ohne Befriedigung an
die vollkommen ruhigen Wochen zurckdenken, die auch Ihnen notwendig
waren.

Mein Aufenthalt hier wird hchstens zwei Monate dauern. Paris, wo der
Pbel berall das groe Wort fhrt, und Versailles, wo nichts als
Lakaiengesinnung herrscht, widern mich an.

Die Knigin spielt ihre Schferspiele jetzt nicht nur auf der Bhne,
sondern auch im Boudoir. Man erzhlt sich in allen Pariser
Kaffeehusern, da Chevreuse und Vaudreuil ihre Partner sind.

Herr von Calonne, den ich sprach, ist in schlechtester Stimmung. Er
wrde denjenigen zum hchsten Orden der Monarchie vorschlagen, der ihm
die Mglichkeit einer neuen Steuer nachweisen knnte. Die unaufhrlichen
Frstenbesuche, -- eben erst hat der Knig von Schweden Paris verlassen
--, verschlingen Unsummen, was in dieser Zeit ungewhnlicher Teuerung
sehr verbitternd wirkt. In den rmeren Stadtteilen von Paris hat die
Polizei immer hufiger Revolten zu unterdrcken, an denen sich sogar
Frauen beteiligen sollen. ber die Hilfsaktionen der kniglichen
Familie, des Adels und der Finanziers schwirren die Spottlieder durch
ganz Paris. Da der Knig von Schweden zehntausend Franken den Armen
stiftete, und fr dreimalhunderttausend allein in Svres Porzellan
kaufte, da Ihre Majestt fnfhundert Louisd'or fr Suppen hergab und
Mademoiselle Bertin zu gleicher Zeit tausend fr eine neue Toilette --
schuldig blieb, -- das alles bietet freilich, da es in die breiteste
ffentlichkeit getragen wird, Stoff genug. Man mte die halbe
Bevlkerung von Paris einsperren, wenn man wie frher jeden Witz, jede
Beleidigung der Krone und der Kirche bestrafen wollte.

Ich bin zufrieden, in die ungetrte Ruhe meines Laboratoriums
zurckkehren zu knnen. Da ich den grten Teil der Dienerschaft von
Froberg entlie, braucht Sie wirklich nicht zu beunruhigen. Es hiee
Tagediebe erziehen, wenn ich sie behalten htte.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Etupes, den 3. Oktober 1784._

Wie habe ich auf einen Brief von Dir gewartet! Je mehr meine Sehnsucht
wuchs, in je glhenderen Farben meine Erinnerung mir das Bild
vergangenen Liebesglcks vor die Augen zauberte, um so gewisser wurde
mir, da Delphine mein, ganz mein werden wrde!

Und nun diese geheimnisvollen Zeilen: Erwarte mich in Etupes. Jeder
Baum, jede Blume, jede kleine Welle im Teich werden fr mich bitten. Du
kommst zu mir und doch bedarfst Du noch irgend welcher Frsprache?! Aber
ich will nicht grbeln, will Dich mit keinem Zweifel verletzen, will nur
der seligen Erwartung leben!

Jeden Tag lasse ich die Blumen in allen Vasen durch frische ersetzen,
stelle Krbe voll Obst auf den runden Tisch im Gartensaal, flle, wenn
ich einsam vor meiner Mahlzeit sitze, immer zwei Glser mit feuerrotem
Wein. Mit dem Fernrohr sehe ich stundenlang die Strae hinab, stehe, bis
der feuchte Herbstwind mich frsteln macht, auf der Terrasse und warte,
ob nicht drben ein Kleid auftaucht, eine Stimme ruft.

Wann wirst Du kommen, Geliebte, um nie mehr weg zu gehen?! Es ist alles
bereit!


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Etupes, den 23. November 1784._

Und nun bist Du wieder fort! Ein dunkler Trauerschleier, hngt der Nebel
ber den Grten, mit geschlossenen Lden trauert das weie Schlchen.
Ich kann nicht hier sein ohne Dich. Wie auf einem Kirchhof ist es: In
jedem Raum, auf jedem Sessel, vor jedem Tisch, -- drauen unter den
Buchen und Trauerweiden, und tief unten im Teich schlummert ein totes
Glck. Die letzten spten Blumen, die Du pflcktest, welken in den
Glsern und fllen mit Modergeruch die Rume, die eben noch Deines
Duftes voll waren.

Du berschttetest mich mit unsagbarer Seligkeit, Du machtest die Tage
zu einem sen Traum der Nacht und die Nchte zu einem Fest der Gtter.
Warst Du heimlich bei Aphrodite zu Gast und lerntest von ihr den
Zaubertrank der Liebe bereiten, der Gedanken bndigt, Zweifel
verscheucht, Willen in Ketten legt?

Jetzt erst beginne ich vom Rausch zu erwachen. Sagtest Du nicht: habe
Geduld? Sprachst Du nicht von ein paar Wochen, oder waren es am Ende
gar Monate?!

Du hast also meine Frage nicht beantwortet, die ich Dir stellte, als Du
mich damals gehen hieest? Ich sa heute vor dem Tempel der Venus im
Regen gelber Bltter; das Lcheln der Gttin erschien mir pltzlich so
spttisch, so -- zweideutig.

Delphine, wre es mglich, da Du nur mit mir spielst?! Pirch,
Chevreuse, Altenau -- alle fallen mir ein, deren bloer Name mich einst
zur Verzweiflung brachte, und die ich in Deinen Armen verga. Bin ich
nur Einer mehr in der Reihe?!


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Montbliard, am 6. Dezember 1784._

Geliebteste. Da auch ich Dich qulen mute, als Du so Bses erfuhrst!
Von dem pltzlichen Verschwinden Cagliostros hrte ich. Es kamen mir
sogar Gerchte zu Ohren, da Rohan sich infolgedessen zu tten
versuchte. Er soll alles verloren und andere in den finanziellen
Zusammenbruch mit hineingerissen haben.

Was Du, Geliebte, selbst erlebtest, erschtterte mich aufs tiefste.
Entsetzlich, wie der Marquis in sinnloser Wut mit dem Hammer sein
Laboratorium zerstrte, so da das Volk, vom Lrm gelockt, vor seinen
Fenstern zusammenlief! Und wie mu Dein sanftes Herz geblutet haben, als
der Betrogene weinend vor Dir zusammenbrach!

Etwas wie Mitleid mit ihm regt sich sogar in meinem Herzen. Alle
Zweifel, alle Vorwrfe, alle Ungeduld will ich zurckdrngen, bis der
alte Mann zu sich selbst gekommen sein wird und Du klarer siehst. Fr
ihn mag es schon jetzt eine Beruhigung sein, da er nur die Hlfte
seines Besitztums verlor; fr Dich, meine se Delphine, ist all das
einerlei. Wenn Du zu mir kommst, nur vom schimmernden Seidenmantel
Deiner Haare umhllt, bringst Du mir den unerschpflichsten Reichtum der
Erde.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Montbliard, am 15. Januar 1785._

Du kehrst nach Laval zurck, so pltzlich?! Deine Schrift zittert auf
dem Papier, als htte Dein Herzschlag die Feder regiert? Ich folge dem
Boten auf dem Fue.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Straburg, den 17. Januar 1785._

Meine Liebe. Ihre Mitteilung hat mich weniger berrascht, als Sie
geglaubt haben. Schon vor drei Jahren hat mich der Kardinal auf Ihre
Beziehungen zum Prinzen Montbliard aufmerksam gemacht. Ich hielt sie
damals nur fr eine Liaison mehr und war berzeugt --, nicht nur im
Vertrauen auf den Ausspruch Cagliostros, sondern auch in Erinnerung an
die schnelle Verabschiedung Ihrer frheren Liebhaber --, da Sie um so
eher ein Ende machen wrden, je rascher ich Sie zur beneidetsten Frau
Europas zu machen imstande wre. Ich habe mich nach beiden Richtungen
getuscht und wenn trotzdem mein Glaube in die hellseherischen
Fhigkeiten des Grafen eine Strkung erfuhr, so deshalb, weil er Ihnen,
wie Sie Sich erinnern werden, noch ein Kind prophezeite, von dem ich
allerdings flschlicherweise annahm, da es auch das meine sein wrde.

ber die Sache selbst wollen wir uns nicht mehr erregen, als es ntig
ist. Sie ist bestenfalls eine -- Ungeschicklichkeit, die sich unter
Umstnden reparieren lt. Ich kenne in Paris rzte, die sich
ausschlielich mit dergleichen Operationen befassen und infolge ihrer
sehr groen Praxis den besten Ausgang gewhrleisten.

Was nachher zu geschehen hat, wird sich finden. Gewhnlich wirkt ein
solches Ereignis wie Frostwetter auf den lustigen Quell der Liebelei.
In dem Fall steht mein Haus Ihnen als Zuflucht offen.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Straburg, den 22. Januar 1785._

Meine Liebe. Ich mu gestehen, da Sie mich diesmal wirklich berrascht
haben: Sie wollen das Kind: und wenn ich mich vor der ganzen Welt zu
seiner Herkunft bekennen mte; Sie behaupten sogar, es bereits glhend
zu lieben: weil ich nie einen andern Mann geliebt habe und lieben werde
als seinen Vater. So bleibt denn nur ein Ausweg.

Mir ist im Leben Alles unter den Hnden entschlpft: Liebe, Macht,
Reichtum. Nur Eins war ich stark genug, festzuhalten: den unbefleckten
Schild meiner Ehre. Ich war nahe daran, ihn mir von Ihnen entwenden zu
lassen. Das Gefhl, das ich fr Sie besa, und das Sie immerhin Liebe
nennen knnen, machte mich schwach, so da ich es unterlie, Sie
gewaltsam an mich zu fesseln, und schuldbewut, so da es mir wie
Entshnung schien, Ihre, wie ich annahm, flchtigen Freuden nicht zu
stren, die ich nicht zu schaffen vermocht hatte.

Jetzt aber, glaube ich, gleicht sich unser gegenseitiges Schuldkonto
aus.

Behalten Sie das Kind, -- aber es wird vor der Welt mein Kind sein. Sie
kehren unverzglich in mein Haus zurck und ich brauche Ihnen wohl nicht
erst zu versichern, da Ihre Stellung genau dieselbe sein wird, wie
immer.

Mein Entschlu ist in diesem Punkt unabnderlich. Ich wrde sogar vor
ernsteren Maregeln nicht zurckschrecken, wenn Sie sich widersetzen
sollten.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Straburg, den 30. Januar 1785._

Meine geliebte Delphine! Soeben komme ich von einer stundenlangen
Unterredung mit dem Marquis. Ich verschwieg Dir meine Absicht, ihn
aufzusuchen, um Dich nicht zu erschrecken. Jetzt schreibe ich Dir, du
Einzige, selbst in zitternder Angst, denn an Dir wird es liegen, ob wir
uns wiedersehen!

Ich habe dem Marquis nahe gelegt, mich unter den schwersten Bedingungen
zum Zweikampf herauszufordern. Er lehnte es mit einem verchtlichen
Lcheln ab.

Wenn es sich um eine bloe Liaison der Marquise handeln wrde, knnte
vielleicht davon die Rede sein, sagte er; ob ich oder Sie am Platze
blieben, wrde nur ein paar Trnen mehr oder weniger kosten; ein Ersatz
fr jeden von uns wre bald gefunden. Aber es handelt sich leider um
jene unbequeme Passion, die im Roman schner ist als im Leben. Glauben
Sie, meine Ehre wre gewahrt, wenn Sie fielen? Glauben Sie, die Marquise
wrde je wieder in mein Haus zurckkehren? Und halten Sie es fr
mglich, da sie ber meinem Sarge mit Ihnen, durch dessen Hand ich
gefallen sein wrde, jemals glcklich zu werden vermchte?! Nein, die
Geschicke der Menschen und der Vlker lsen sich nicht mehr durch einen
Schwertstreich.

Ich hatte ihm stumm, gesenkten Hauptes zugehrt. Ich mute ihm recht
geben. Als ich dann versuchte, ihn zu einer Trennung von Dir zu bewegen,
blieb er unerbittlich.

Die Marquise kennt meine Antwort, sie hat die Wahl. Nur dann, wenn sie
die Folgen ihres Verhltnisses nicht sichtbar werden lt, bin ich
bereit, -- da ich auf die Ansprche des Gatten ein fr allemal verzichte
--, sie zeitweise in Laval wohnen zu lassen. Kommt das Kind zur Welt, so
ist es mein Kind und gehrt in mein Haus.

Du mut whlen zwischen mir und dem Ungeborenen, zwischen deinem
Geliebten und einer Hoffnung, die noch nicht einmal Leben ist.

Wirst du so unbarmherzig sein und gegen unsere Liebe entscheiden? Du
kannst mich nicht tten wollen, Delphine; Du kannst Dich nicht in Ketten
schmieden! Bei jeder Erinnerung, die uns gemeinsam ist, bei jedem
Glauben, bei jedem Gefhl, das wir teilen, beschwre ich Dich: bleibe
Dir treu! Opferst Du mutig die erste Frucht unserer Liebe, so bleibt uns
die se Gegenwart und die Hoffnung auf eine befreiende Zukunft, in der
Du glckliche Kinder gebren kannst. Tust Du es nicht, so ist nichts
mehr unser als der Schmerz um ewig Verlorenes.

Antworte mir nicht, Du knntest vorschnell sein, wenn Deine Augen nicht
in den meinen lesen, da Du mein Todesurteil sprichst.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Montbliard, am 5. Februar 1785._

Ich kann das Kind nicht tten, weil es Dein Kind ist. Sein Leben ist
mir die Gewhr, da nichts uns trennen kann --, ich trage den Zettel
auf dem Herzen, den der alte Grtner mir gab, als ich vor dem verdeten
Hof, vor Deiner verschlossenen Pforte stand -- ein Ausgestoener.

Ich versuche, Dir zu zrnen und liebe Dich nur immer mehr, ich versuche,
das Kind zu hassen und ein Gefhl tiefer Zrtlichkeit erfat mich.

Die Zeit, in der es unter Deinem Herzen ruht, soll mir heilig sein. Auch
mein Schmerz soll Dich nicht stren.

Lebewohl!


Marquis Montjoie an Delphine.

_Straburg, am 12. Juli 1785._

Meine Liebe. Da es mir wnschenswert erscheint, Ihnen die letzten Wochen
vor der Entbindung jede Erregung fernzuhalten, will ich Ihnen zunchst
nicht nach Froberg folgen, sondern erst in dringenden Geschften nach
Paris gehen. Habe ich bisher vergebens versucht, unser Vermgen zu
vergrern, so mu ich es jetzt erhalten, -- schon um des Erben willen,
den ich mir gewhlt habe.

Ich werde zugleich mit Herrn Dr. Douzet Rcksprache nehmen und ihn
veranlassen, zur rechten Zeit in Froberg zu sein.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 25. Juli 1785._

Meine Liebe. Ich frchte, die alarmierenden Nachrichten in den Journalen
knnten Sie erschrecken, darum beeile ich mich, ihnen zuvorzukommen. Man
spricht in Paris laut und leise von einem mrchenhaften Schmuck, den der
Kardinal im Auftrag der Knigin fr sie erwarb, und den sie zu bezahlen
offenbar -- vergessen hat. Gestern war ich zum Souper in Trianon
geladen. Als ich das Schlo betrat, hrte ich lautes Lachen und
Schwatzen fast wie auf einer Bauernkirme. Erstaunt stand ich still, da
ffneten sich die Tren zum Theatersaal, ein Schwarm von Menschen
strmte daraus hervor, mitten unter ihnen die Knigin, sehr erhitzt,
sehr ausgelassen, dicht hinter ihr mit der Miene eines Triumphators --
Herr von Beaumarchais. Ich verbeugte mich um einen Zoll weniger tiefer
als sonst.

Wir proben den Barbier von Sevilla, hrte ich laut wie ein Kommando
auf dem Paradeplatz Herrn von Beaumarchais Stimme. Aufs uerste
berrascht von dieser unerhrten Formlosigkeit, erwartete ich einen
Eklat. Aber die Knigin lachte nur noch lauter. Es war jedoch, wie mir
schien, ein falscher Ton in ihrer Stimme.

Beim Souper beobachtete ich sie: Rte und Blsse wechselten auf ihren
Zgen. Unter Auerachtlassung jeder Etikette verlie sie nach dem Schlu
des Essens die Tafel und verschwand, -- allein mit Herrn von Chevreuse
--, in den Laubengngen des Parks. Wir alle verstummten. Nur Herr von
Beaumarchais versuchte mit gewagten Spen die Stimmung aufzuheitern.

Herr von Beaumarchais als Regisseur der Knigin --, ich bin geneigt,
jetzt an die bsesten Gerchte zu glauben.

Gestern abend entschlo ich mich, die berhmten Arkaden des Palais-Royal
zu besichtigen, die der Herzog von Chartres eigens gebaut zu haben
scheint, um allerlei wstem Gesindel Obdach zu gewhren. Mit den frechen
Reden der Mnner wetteifert nur die Schamlosigkeit der weiblichen
Besucher. In diese Gesellschaft mischten sich mit sichtlichem Vergngen
Damen und Herren des Hofes, als sie aus der Oper kamen, und ich mu zu
ihrer Schande gestehen, da im Ton und Benehmen zwischen ihnen und den
anderen kaum ein Unterschied mehr zu bemerken war.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Versailles, den 16. August 1785._

Ein schreckliches Ereignis, meine Liebe, verzgert meine Abreise: Der
Kardinal, Prinz Louis Rohan, wurde gestern vor der Schlokapelle von
Versailles in vollem Ornate, angesichts aller versammelten Wrdentrger
des Hofes verhaftet!

Kaum war das Ungeheuerliche geschehen, als die ganze Familie Rohan, die
Prinzen Soubise, Gumne und Montpensier zugleich mit den Bischfen und
Kardinlen das Schlo verlieen. Der Knig und die Knigin fanden sich
bei ihrem Erscheinen einem fast leeren Saal gegenber. Marie Antoinette
schien einer Ohnmacht nahe.

Was geschehen ist, wei niemand genau. Man sagt, da Rohan sich fr die
Knigin habe opfern lassen. Und Cagliostro hatte ihm prophezeit: An
Ihren Namen wird Frankreichs Befreiung sich knpfen!


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

Die ganze Nacht stand ich wie ein Dieb unter Deinem Fenster, Geliebte.
Jeder Schrei, den ich hrte, zerri mir das Herz. Dann wurde es still --
totenstill. Die Angst schnrte mir die Kehle zusammen. Bis pltzlich ein
leises Weinen wie Vogelzwitschern durch die Finsternis zu mir drang:
Unser Kind, Du meine se Frau! Leg ihm die roten Bltter dieser Rose
aufs Herz; sein armer Vater grt es tausendmal!




DER LETZTE AKT




Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Paris, den 3. Mai 1786._

Endlich ein Lebenszeichen, Geliebte, das den Bann von uns nimmt, das mir
nicht nur auf ein Wiedersehen die Aussicht erffnet --, im Gedanken
daran schwanke ich zwischen Qual und Seligkeit, denn mit zuviel
Selbsterniedrigung mu ich es erkaufen, -- das mir vor allem die Zunge
lst, um die groe Frage unserer Zukunft mit Dir zu besprechen.
Monatelang habe ich geschwiegen; vielleicht htte ich deinen Wunsch
danach nicht zu erfllen vermocht, wenn nicht ein holdes Wunder mir
begegnet wre.

Im Oktober vorigen Jahres war es. Die Sehnsucht zehrte an mir, ich
verga Alles: Deine Wnsche, meine Versprechungen, und ritt vor
Sonnenaufgang fort, entschlossen, Dich zu sehen, und wenn ich Mauern
sprengen mte. Je nher ich dem Ziele kam, desto mehr spornte ich den
Rappen, so da er, solcher Behandlung ungewohnt, wie gehetzt
vorwrtsstrmte. Unten im Dorfwirtshaus lie ich ihn stehen und ging den
Berg hinauf zu Fu; das verschlossene Parktor gab meinem Rtteln nach;
wei leuchtete schon das Schlchen durch das Laub. Mont de joie
flsterte ich, seliger Erwartung voll, vor mich hin, -- da stockte mein
Fu.

Ich hrte ein leises Singen; so zrtlich klang es und war doch kein
Liebeslied, so viel Jubel lag darin und war doch keine Siegeshymne. Die
Stimme kannte ich; ihrem Klange wollte ich nachstrzen, aber etwas
Fremdes, Neues in ihr zgelte meine Leidenschaft. Ich schlich durch das
Dickicht.

Und da sah ich Dich: auf der weien Bank unter dem dunkelroten Dach der
Kastanien, das Knblein im Arm, dessen winziges Mndchen durstig an
deinem hllenlosen, rosigen Busen lag. Du sahst mich nicht; gebannt hing
Dein Blick an dem Kinde; Du fhltest nicht meine Nhe; all Dein
Empfinden gehrte ihm. Mein Begehren verstummte, und doch liebte ich
Dich noch nie so stark, so tief wie jetzt. Ich ging, wie ich kam, --
ungesehen, -- diesen Frieden zu stren, wre mir wie ein Sakrilegium
vorgekommen.

Nun aber, Du se Mutter meines Sohnes, darf ich Dich wiedersehen, darf
es wagen, Dich all den Aufregungen ausgesetzt zu wissen, die unserer
endlichen dauernden Vereinigung vorausgehen werden. Du schreibst kein
Wort darber, ich vermisse sogar den helleren Ton der Freude ber Deinen
Aufenthalt in Paris; Du klagst, da der Marquis Dich immer um sich haben
will, da er den Kleinen von Tag zu Tag mehr mit dem Stolz des echten
Vaters betrachtet. Ich wollte, er zeigte sich als ein noch grerer
Tyrann, damit Du die Freiheit um so rcksichtsloser erkmpfen mchtest!

Denn, nicht wahr, das eine steht fr Dich unverbrchlich fest: da Du
mir gehrst, -- mir allein?

Wenn ich in Etupes durch die menschenleeren Rume ging, hrte ich oft
pltzlich das Rauschen eines Kleides neben mir, und aus dem Gang tnte
mir helles Kinderlachen entgegen. Waren es Gespenster der Vergangenheit,
oder nicht vielmehr se Ahnungen der Zukunft?! Sind wir nur erst
vereint, Geliebteste, was knnte mich dann noch in den brodelnden
Hllenpfuhl der Hauptstadt locken?

Alles Erleben wird hier zum Fieber, jedes Geschehnis zum Ausgangspunkt
katastrophaler Ereignisse. Vor dem Parlament, das jetzt seit Wochen die
Halsbandaffre verhandelt, strmt ein tglich wachsender Haufe erregter
Massen zusammen. Erscheint Rohan auf dem Wege von oder zur Bastille, so
begren ihn lrmende Ovationen, und man wrde nicht begreifen, wie
dieselben Leute, die jeden politischen Reaktionr niederbrllen, den
Kardinal, den Feind jeden Fortschritts, fast zu ihrem Idol zu machen
vermgen, wenn man nicht zu genau wte, da er ihnen in diesem
Augenblick nur als ein Opfer monarchischer Willkr erscheint. Ihre
scheinbare Liebe fr ihn ist nichts als der deutliche Ha gegen den
Absolutismus.

Ich selbst folge mit steigender Anteilnahme den Verhandlungen, deren
traditionelle Geheimhaltung nachgerade lediglich auf dem Papiere steht,
wie so viele andere Traditionen. Rohan benimmt sich dabei wie ein
Edelmann: ruhig, wrdevoll, ohne ein Wort zuviel zu sagen.

Die Lamotte dagegen, seine Helfershelferin, gebrdet sich wie eine
Wahnsinnige und zeigt dadurch, da das Blut der Valois, dessen sie sich
rhmt, schon recht stark verdnnt in ihren Adern rollen mu. Kein
Zweifel, da der Kardinal sich von dieser geschickten Abenteuerin zu
seinen letzten unvorsichtigen Schritten verfhren lie. Aber ihre
Gestalt, die jetzt im hellen Lichte der Untersuchung steht, wirft einen
dunklen Schatten auf die einer anderen, die im Saale selbst niemand
anzugreifen wagt, die aber jene unheimlich wachsende Macht, -- die
ffentliche Meinung, -- in tragischem Ernst wie in zgellosen Witzen als
die wahrhaft Schuldige bezeichnet: die Knigin. Das Halsband, dessen
glnzende Steine der letzte Pesthauch des sterbenden Knigs trbte, hat
eine verheerendere Seuche verbreitet als die war, an der Ludwig XV.
zugrunde ging.

Das Herrscherpaar ist fast ganz isoliert. Der Klerus und der Adel
vergessen ihm nie die infamierende Art, mit der es einen seiner ersten
Wrdentrger verhaften lie, das Volk erfat mit Freuden die
Gelegenheit, um die Knigin in den Schmutz seiner Menschlichkeiten
hinabzuziehen. Seitdem berdies bekannt wurde, da der Finanzminister,
Herr von Calonne, einen Teil der Staatsanleihen benutzte, um die
Schulden des Grafen von Artois und des Herzogs von Bourbon zu bezahlen,
wird jede Art abenteuerlicher Geldbeschaffung ohne weiteres geglaubt.
Sogar ein ehrlicher Kerl, wie Lucien Gaillard, den ich allabendlich im
Palais-Royal zu sehen pflege, war berzeugt von der Existenz des
Diamantsaals und des silbernen Fubodens im Schlo von Trianon!

Um seine Popularitt knnte ihn brigens jeder Minister beneiden. Mit
jenem letzten Rest sklavischer Unterwrfigkeit des Brgers vor dem
Aristokraten pflegt sonst die ffentliche Meinung um so mehr zu
verstummen, je hher der Rang desjenigen ist, dem sie sich
gegenbersieht, um von den Mauern des Knigsschlosses nur wie ein fernes
Murren wiederzuhallen; Gaillard dagegen steht so ganz auf der Hhe
seiner Zeit, und fhlt so gar nicht mehr die hergebrachten
Standesunterschiede, da ich, -- la mich Dir lchelnd diese Schwche
gestehen, -- die Selbstverstndlichkeit seiner Gleichstellung bei aller
theoretischen Anerkennung, die ich fr sie habe, oft peinlich empfinde!
Ich dachte daran, ihn einmal als unsern Haushofmeister nach Etupes zu
nehmen, aber ich kann mich doch nicht recht an den Gedanken gewhnen,
meinem Angestellten kordial die Hand zu schtteln, seine Ansichten als
den meinen gleichberechtigt gelten zu lassen.

An der Schwierigkeit, die mir Abweichungen von den bloen Formen der
Vergangenheit bereiten, ermesse ich, wie fast unmglich es einem
absoluten Monarchen sein mu, mit ihrem Inhalt zu brechen.

Ich war krzlich zur Tafel in Versailles. Der Knig sieht schlecht aus
und ist merkwrdig ernst geworden; die Knigin ist von forcierter
Lustigkeit. Man sagt, da die Zartheit des Dauphin ihr Sorgen bereite,
die selbst der Anblick ihres blhenden zweiten Shnchens nicht zu
verscheuchen vermag. Sie hat die Farm im Park von Trianon, wo sie ihre
frhlichsten Stunden verlebte, zwlf armen Paaren zum Wohnsitz
berlassen, und seit der unheilvollen Auffhrung des Barbiers von
Sevilla, die zwei Tage nach der Verhaftung Rohans stattfand, und wo die
Knigin es erleben mute, vor einem halbleeren, beifallskargen Saal zu
spielen, das kleine Theater nicht mehr betreten.

Erscheint mir nur die Welt so dunkel, weil Du sie mir nicht erhellst,
sind es die reiferen Jahre, die sie uns nicht mehr im rosigen Licht der
eigenen Jugend malen, oder ist sie wirklich umhllt von gewitterschwler
Sommernacht? Mit dir, Geliebte, traue ich mir erst zu, der Wahrheit
nher zu kommen.

Noch einer Begegnung mu ich gedenken: ich traf Herrn von Altenau im
Klub. Er schien mich meiden zu wollen. Da er im Organ Neckers, dem
Journal de Leyde, einen einflureichen Posten bekleidet, interessiert er
mich, und ich ntigte ihm, als er ging, meine Begleitung auf. Er blieb
einsilbig. Erst auf dem Pont neuf, unter dem die Seine sich im Schein
der neuen roten Laternen wie ein Strom von Blut langsam dahinwlzt,
wurde er lebhafter. Er frug nach Dir und erzhlte berhastig, was Dir
einst an dieser Stelle begegnet ist, Als ich ihm sagte, da Du Dich
wieder eines Sohnes freutest, strzten ihm die Trnen aus den Augen.
Hast Du gewut, da er Dich so sehr liebte? Wer, der Dich kennt,
Vermchte Dich nicht zu lieben!

Ich wage noch kaum zu hoffen, da Du wirklich in vier Wochen schon hier
sein willst, -- Du und Dein Kind -- unser Kind, Delphine!

Warum nur die Vorsichtsmaregeln mit diesem Brief? Sollte der Marquis
deine Korrespondenz berwachen?! Das sieht seiner vornehmen Natur wenig
hnlich!

Ich schliee Dich an mein Herz, Du liebe, geliebte Frau; ich lebe der
Stunde, wo ich Dich nie mehr von mir lasse.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 20. Mai 1786._

Meine Liebe. Nachdem ich im Hotel des Rois ein geeignetes Quartier fr
uns gefunden habe, bitte ich Sie, so bald als mglich von Froberg
abzureisen. Ich habe bereits unserem Haushofmeister die ntigen
Anweisungen erteilt, an denen nichts gendert werden soll. Die Benutzung
der Post ist der des eigenen Wagens in dieser unruhigen Epoche unbedingt
vorzuziehen. Als mir unterwegs ein Pferd strzte und der Kutscher in
einem nahen Gehft Hilfe suchte, verweigerte sie ihm der Bauer mit der
Bemerkung: Die Zeiten sind vorber, wo der Edelmann, wenn er keine
Gule mehr hatte, uns vor seine Karosse spannte. Die Postreisenden, die
ihren Stand nicht verraten, werden weniger leicht insultiert.

Sie werden brigens whrend der Fahrt bemerken, wie recht ich hatte, als
ich Ihr bertriebenes Mitgefhl, das uns alle Bettler nach Froberg
lockte, zu bekmpfen versuchte. berall begegnet man jetzt offenbaren
Zeichen steigender Wohlhabenheit: neuen oder gut ausgebesserten Husern,
gepflegteren Feldern, behbig gekleideten Leuten.

Trotzdem ist der einmal erweckte Geist der Unzufriedenheit unausrottbar.
Je mehr man dem Pbel mit Reformen entgegenkommt, desto mehr verlangt
er. Und wie ich aus den Berichten meiner Pariser Freunde schon entnahm,
wirkt die Schwche des Knigs und die Angst des Finanzministers vor
gewaltsamem Umsturz zusammen, um uns auf diesem Wege vorwrts zu
treiben. Der Proze Rohan konnte die Lage nur verschlimmern. Nach dem
Affront dieser Verhaftung ziehen sich alle Gutgesinnten vom Hof zurck.
In diesem Fall fhle ich mich auf seiten des brllenden Pbels vor dem
Pariser Parlament, der peremptorisch die Freiheit des Kardinals fordert.

Es ist mir nicht leicht geworden, die Ruhe von Froberg mit Paris zu
vertauschen. Aber unser aller Schicksal hngt vielleicht von den
nchsten Wochen ab, und ich kann nicht unttig zusehen. Der Einflu, der
mir beim Knig noch geblieben ist, mu ausgenutzt werden. Warum ich
Ihnen die Reise zumute, und damit leider auch dem Kleinen, von dem Sie,
obwohl er auf dem Lande viel besser aufgehoben wre, zu trennen sich
weigern, mchte ich noch mit einigen Worten erklren, da ich, wie Sie
wissen, mndliche Auseinandersetzungen, die leicht in Szenen ausarten,
vermeide. Mir fehlt noch das Vertrauen zu Ihnen. Montbliard und Etupes
sind zu nah, als da ich nicht frchten mte, die Mutter meines Erben
knnte sich vergessen.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 22. Mai 1786._

Meine Liebe. Ich sehe mich gentigt, Ihnen vor Ihrer Abreise noch diese
Zeilen zukommen zu lassen, damit Sie orientiert sind, was ich von Ihnen
erwarte. Ich sah gestern den Prinzen Montbliard. Sie werden ihm also in
der Gesellschaft auch begegnen, und es ist selbstverstndlich, da wir,
um jedes Gerede unmglich zu machen, ihm nicht aus dem Wege gehen
knnen. Ich nehme Ihnen dabei das feierliche Versprechen ab, da Sie die
Beziehungen zu ihm nicht erneuern werden. Ich will Sie nicht an die
Pflicht der Dankbarkeit erinnern, die Sie mir gegenber, der Sie und Ihr
Kind vor ffentlicher Schande rettete, empfinden mten. Ich will Ihnen
nur hiermit erklren, da ich, von dem Augenblick an, wo ich den Erben
anerkannte, die Ehre des Namens, den ich ihm gab, zu schtzen wei.

Gestern wurde Rohan freigesprochen. Das Volk brachte ihm strmische
Ovationen dar, die bis in die innersten Gemcher von Versailles
geklungen haben mssen. Die Knigin schlo sich allein in ihr Zimmer.
Sie mag empfunden haben, da dieser Freispruch zugleich ihre
Verurteilung war.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Versailles, den 10. Juni 1786._

Mein armer Liebling, was hat er aus Dir gemacht! Mute ich meine tapfere
Delphine so ngstlich, so kleinmtig wiederfinden?! Selbst der
Scharfblick meiner Liebe htte Dich nicht zu durchschauen vermocht, als
Du gestern in der Akademie vor mir standest, bla und schchtern wie
ein kleines Mdchen. Erst Deine flchtigen, hastig hingeworfenen Zeilen
klrten mich auf. Du gabst dem Marquis das Versprechen, das er forderte;
ich erkaufe mir mit dieser Snde den letzten Rest von Freiheit,
schreibst Du und in rhrenden Worten bittest Du mich, -- mich, von dem
alles Leid Dir kam! -- Dir das Unrecht zu verzeihen; als ob Deine
Snden, Geliebteste, jemals Snden sein knnen! Nur Deine Schwche, die
es zugab, da der Marquis unser Kind fr das seine erklren durfte, war
ein Unrecht gegen Dich selbst, gegen uns, und rcht sich frchterlich.
Aber unsere Liebe wird stark genug sein, auch das zu berwinden.

Wir drfen einander nicht schreiben, sagst Du, wenn sich der Marquis
auch nie dazu verstehen wrde, die Dienerschaft zu Spionen zu machen, so
sieht und fhlt er alles, seitdem kein Cagliostro mehr seine Blicke
ablenkt. Sollten wir nicht doch noch klger sein knnen als er?!

Gaillard, dessen Verehrung fr Dich sogar strker ist, als seine
republikanische Gesinnung, habe ich die Besorgung dieses Briefes ruhig
anvertraut. Ich bin seiner vollkommen sicher. Wir werden uns zunchst in
Gesellschaften sehen und je grer sie sind, desto leichter knnen wir
in ihrer Mitte allein sein. Wir mssen beraten, was zu tun ist und --
ich mu Dich wieder kssen drfen, Du Se, damit Deine Lippen sich
rten und das Blut in Deine Wangen zurckkehrt. Ich habe Dich ja so
lieb, so lieb und meine Sehnsucht ist so riesengro, da es mir scheint,
als knnte ich sogar all die hlichen Heimlichkeiten verborgener Liebe
ertragen!

Werde ich Dich morgen bei Herrn von Puysgur sehen, der, wie er mir
sagte, eine neue Somnambule entdeckt hat, die erstaunlich sein soll,
und bermorgen bei Frau von Stal, die in einem neuen Gesellschaftsspiel
ihren Geist leuchten lassen will?

Nie sahst Du so entzckend aus, Holdselige, als gestern: die se kleine
Marquise mit den zarten Hnden und Fen und der feinen Taille, aus der
der Busen wie eine Rose aus dem Kelch schimmernd emporsteigt, neben der
neuen Gesandtin Schwedens mit den starken Knochen, dem breiten Gesicht,
den forschenden Augen, in einem Gewand, das halb eine Mnchskutte, halb
ein griechisches Peplon schien. Selbst Guibert, der die ehrgeizige
Tochter Neckers als die Aspasia Frankreichs feierte, und seine
Bewunderung fr die ganze Familie sogar in seine Eintrittsrede unter die
Akademiker einflocht, um die Erinnerung an seine frhere Stellungnahme
ganz zu verwischen, war einen Augenblick lang wie benommen, als er Dich
sah.

Sie sind ein Sammler von Zeitdokumenten, Herr Graf, sagte ihm beim
Ausgang Herr von Champcenetz, Mademoiselle de Lespinasse, Madame la
marquise de Montjoie, Madame de Stal -- Aber schon ging der Angeredete
stirnrunzelnd und wortlos an ihm vorber, whrend ich nicht bel Lust
hatte, dem Spamacher gehrig heimzuzahlen. Aber mit welchem Recht darf
ich fr Dich eintreten, Geliebteste?


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 23. Juni 1786._

Schnste Frau Marquise, Ihre Marmorkhle scheint keiner Huldigung
weichen zu wollen. Sie zrnen mir anscheinend mit Recht, weil ich mich
zurckzog, in Wahrheit: zurckgestoen fhlte. Ein Soldat erinnert sich
nur ungern seiner Niederlagen und geht darum den Festungen aus dem Wege,
die ihm Trotz boten.

Aber wenn ich auch Ihr Herz nicht erobern konnte, mchte ich doch
wenigstens Ihre gute Meinung nicht verlieren.

Madame de Stals Geist hat mich gerade in einem Augenblick fasziniert,
wo das verletzte Gefhl sich in sich selbst zurckzog. Es gibt eine
Ermdung der Sinne, die der geeignetste Zustand ist, um den Kopf in
seine unbeschrnkten Herrenrechte einzusetzen. Damals lernte ich Herrn
Necker mit den Augen seiner Tochter sehen und fand in ihm schlielich
einen Lehrer, ja einen Freund. Wenn Sie fter mit ihm zusammen kmen, --
und ich hoffe, Frau von Stal wird Sie allmhlich zu fesseln verstehen,
trotz Ihres Spottes ber die geistigen Seiltnzereien der von ihr
beliebten Gesellschaftsspiele --, wrden Sie ihr beipflichten, da die
einzige Rettung fr Frankreich die konstitutionelle Monarchie nach
englischem Muster ist. Aber whrend die Anglomanie der Galanterie der
Franzosen, ihrem gesellschaftlichen Geist, ihrem knstlerischem
Geschmack in gefhrlicher Weise Eintrag tut, und kostbares franzsisches
Gold fr englische Pferde, Wagen und Kleider eingetauscht wird, knnen
wir uns nicht entschlieen, das Beste, was unser Erbfeind geschaffen
hat, seine Staatsform, von ihm zu bernehmen.

Sie sehen, teuerste Marquise, wie Ihre Nhe mir notwendig ist. Wren Sie
erst etwas lnger hier, ich wrde mit Ihnen nicht mehr zu politisieren
vermgen!

Ich schicke Ihnen hiermit das versprochene Programm des Lyceums; mchte
es Sie ebenso anziehen, wie es die Damen der Gesellschaft bisher
angezogen hat; ich drfte dann hoffen, Ihnen auch dort zu begegnen. Herr
von Condorcet hat seine mathematischen Kurse, denen die schnen
Zuhrerinnen mit besonderem Eifer folgen, sehr gut eingeleitet, indem er
sagte: Alle Prtensionen entspringen gleicherweise der Ignoranz der
Menschen und der noch greren Ignoranz derer, vor denen sie geltend
gemacht werden. Wir glauben daher, da das beste Mittel, um die Zahl
der Prtentisen zu vermindern, das ist, die Zahl der von ihnen
Dpierten herabzusetzen. Kenntnisse, welcher Art sie auch sein mgen,
sind nur dann ntzlich, wenn sie Gemeingut sind. Es gibt kein Wissen,
das nicht schdlich wre, wenn nur eine kleine Anzahl Bevorrechteter es
besitzt.

Er htte nichts Treffenderes fr die Schpfung allgemein zugnglicher
Lyceen sagen knnen, zugleich nichts Schrferes, um die Geistlichkeit
gegen sie aufzureizen. Jung und alt -- Frauen vor allem -- strmen in
die Vorlesungen.

Wrden Sie gestatten, da ich Sie fr eine der nchsten abholen darf?
Wte ich Ihr Interesse gefesselt, wrde ich mir die Zeit nehmen, stets
in Ihrer Gesellschaft dort zu sein. Man trifft sich heute vor dem
Katheder, wie frher im Salon.

Durch die groen Reformen der Armee, mit denen ich angestrengt zu tun
habe, -- der tote Friedrich von Preuen wird fr uns jetzt erst lebendig
und des armen Baron von Pirch Mitteilungen erwachen aus dem Staub der
Archive, -- bin ich natrlich sehr in Anspruch genommen. Aber mein Herz,
schnste Marquise, ist frei!


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 4. Juli 1786._

Verehrte Frau Marquise. Das Lyceum ist eine Freistatt, lt also auch
Bucklige zu. Nachdem neulich der angeblich von Ihnen bestellte
Blumentopf vom Diener des Herrn Marquis zurckgewiesen wurde, wobei der
darin versteckte Brief unbeschadet an mich zurckgelangte, whle ich
diesen bequemeren Weg. Wenn Sie nicht anders befehlen, behalte ich ihn
bei.

Da Sie so gtig sind, nach meinen Ergehen zu fragen, -- was sonst
niemandem jemals einfiel, -- gestatte ich mir dem beiliegenden Schreiben
des Prinzen das meine hinzuzufgen.

Es geht mir gut. Die Frau, die mich in ihrer schwchsten Stunde zur Welt
brachte, ist gestorben. Mit dem schmutzigen Geld, das sie
zusammenscharrte, erhalte ich meine Kinder, -- lauter Garantien fr die
knftige Glckseligkeit Frankreichs! Ein paar Burschen, die aus dem
Kloster entkamen, sind ihre Anfhrer. Ich selbst schreibe Artikel,
Libellen, Chansons; -- da es an Stoff nie fehlt, so fehlt es auch nicht
an Leuten, die dafr zahlen.

Die Laufbahn offen dem Talent!. -- Beaumarchais' Worte fangen an
Wahrheit zu werden. Ich wrde dem, der sie aussprach, weiter verbunden
gewesen sein, -- er lie sich seine Mmoires und Streitschriften gern
von mir entwerfen, -- wenn sie ihm nicht als ein letztes Ziel erschienen
wre. Seitdem die Knigin ihre Worte von ihm sich diktieren, ihre
Bewegungen von ihm dirigieren lie, kmpfte seine Eitelkeit mit seinem
Witz einen siegreichen Kampf. Er baute sich ein Palais gegenber der
Bastille, an der Straenecke, wo tglich Scharen armer Arbeiter aus den
Vorstdten vorberstrmen! Sie fangen an zu verstehen, was Steine
sprechen: das Schlo des Worthelden und die Hochburg der Tyrannei!

Als er gegen den Grafen Mirabeau die Compagnie des Eaux de Paris
verteidigte, wurde ich zum erstenmal stutzig. Ich wute, da er von ihr
Aktien besa, die auf das Dreifache ihres ursprnglichen Wertes
gestiegen waren; da das notwendigste Volksbedrfnis zum Gegenstand
skrupellosester Spekulation gemacht wurde. Mirabeaus Antwort war ein
Gewittersturm fr den drren Baum seines Ruhms. Selbst der Erfolg seiner
Oper rettete ihn nicht mehr. Die Worte unserer groen Denker hrte man
wohl, aber ihr Geist fehlte. Ich kndigte ihm den Dienst; die
christliche Tugend, die Schwachen zu untersttzen, habe ich damals
zuerst als Verbrechen erkannt. Man soll nur mit den Siegern gehen.

Da ich diese Sieger kommender Schlachten fand, mit ihnen Schritt halte,
die Erfllung unserer Hoffnung in der eigenen Hand habe, weil ich handle
-- das lt mich des Lebens froh werden. Meine letzte Brochre Nieder
mit der Bastille!, die ich anonym erscheinen lie, -- man liefert sich
nicht leichtsinnig ans Messer der anderen, wenn man das eigene wetzen
mu, -- wurde konfisziert. Aber Hunderte hatten sie schon gelesen;
Tausende wissen heute, da die Bastille kein bloes Bauwerk ist, von
veralteten Kanonen und halben Invaliden bewacht, sondern der Staat
selbst.

Verzeihen Sie mir, Frau Marquise! Meine Feder ist so sehr an Freiheit
gewhnt, wie ich. Ich wollte Sie nicht erschrecken, die Sie auf einem
anderen Sterne leben. Wenn ich es knnte, wrde ich nur fr Sie diesen
Stern erhalten wollen. Aber er ist ja auch Ihnen kein Glcksstern.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Paris, den 4. Juli 1786._

Teuerste Delphine! Trotzdem ich in der Dmmerung des Zimmers Deine Hand
in der meinen halten, Deine weiche Wange leise mit meinen Lippen
streifen konnte, bitte ich Dich, die Besuche bei Herrn von Puysgur
aufzugeben. Du bist nicht stark genug, um den Reden der Somnambulen mit
der Ruhe gefestigten Geistes zu begegnen. Und ich selbst gestehe zu, der
Eindruck, den das arme Bauernmdchen der Vogesen hervorruft, wenn sie
aus dem Schlafe spricht, ist erschtternd. Ich habe sie heute nur im
Beisein von Herrn von Puysgur geprft; sie erzhlte Szenen aus dem
amerikanischen Feldzug, die nur ich so deutlich htte schildern knnen,
und als wir sie nach der Zukunft fragen, befiel sie wieder jene qulende
Angst. Sie stammelte: Blut -- Blut, sie schlug entsetzt die Hnde
vors Gesicht, als ob sie mit geschlossenen Augen Grliches she; sie
ging auf Fuspitzen mit hochgehobenem Rock durch das Zimmer, das Blut
steigt -- steigt sthnte sie.

Ich wrde ihren Aussagen nicht mehr Bedeutung beilegen, als den
Wahnsinnsausbrchen einer Kranken, nicht, weil ich nur glaube, was sich
beweisen lt, -- wir haben nachgerade eingesehen, da Holbachs System
de la nature mehr das Produkt menschlicher berhebung, als menschlicher
Weisheit ist! --, wenn nicht berall Phnomene auftauchten, wie dieses.
Mein alter Reitknecht hat in einem Wirtshaus der Vorstadt St. Antoine
hnliches erlebt; eine kleine Tnzerin von Wauxhall hat neulich mitten
in der Probe, von Schlaf berfallen, grliche Visionen gehabt. Es gibt
viele Leute in allen Kreisen der Bevlkerung, die von der groen
Furcht wie von einer Krankheit befallen sind.

Vielleicht wren wir beide, meine einzige Geliebte, weniger leicht der
Ansteckung ausgesetzt, wenn unsere verfolgte Liebe nicht selbst voll
Furcht wre. Wie soll es enden?!

Da der Marquis Sonntag nach Saint-Cloud fahren will, werden wir endlich
Gelegenheit haben, uns allein zu sehen. Sei um Mitternacht im Garten
Deines Hotels unter der groen Linde. Ich wei einen Eingang, der mich
vor allen Blicken schtzen drfte. Wir mssen uns sprechen, obwohl ich
zum erstenmal empfinde, da ich einen Mann betrge, der mir vertraut.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Saint-Cloud, den 25. Juli 1786._

Allerschnste Frau Marquise. Erst jetzt erfahren wir von Ihrem
Aufenthalt in Paris. Haben Sie am Ende -- es soll das sehr in Mode sein!
-- Ihr Herzchen an irgend einen Mirabeau verloren, da Sie so herzlos
sein konnten, unserer zu vergessen? Die Prinzessin Lamballe schreibt
Ihnen zu gleicher Zeit, um Sie nach Saint-Cloud einzuladen, und ich
putze den Rost von meinem Witz, damit er mit dem Geist der Pariser
konkurrieren kann. Sind Sie doch, wie ich zu meiner lebhaften Betrbnis
vernehme, auch eine Schlerin des Lyceums. Kennen Sie nicht den
reizenden Chanson darber? Sie bekommen ihn, wenn Sie hier sind. Heute
-- als Lockmittel! -- nur den Schlu.

    Craignons, qu'une jalouse fe
    Bornant les sages du Lyce
      Dans leurs projets,
    Hors du giron de la science
    Ne les change par sa puissance
      En perroquets.

Glauben Sie wirklich, da Mnner und Frauen stundenlang in einem Raum
zusammen aushalten, ohne da alle trockene Weisheit vom lebendigen
Gefhl besiegt wird? Oder sollte vor all den Theorien und Prinzipien,
die mir vorkommen wie Schulbuben mit dem Schmetterlingsnetz, die
ausziehen, reizende Falter zu fangen, um sie schlielich aufzuspieen,
die arme Liebe die Flucht ergreifen? Anzeichen genug gibt es dafr.

Allein die Kleidung, -- fr die Frauen halb Sack halb Hemd, fr die
Mnner der dunkle Frack und das Gilet, -- scheint auszudrcken, da sie
ihre Aufgabe, zu schmcken, die Reize der Trgerin hervorzuheben, nicht
mehr erfllen will. Aber wo der Wunsch zu gefallen aufhrt, da werden
die Sitten roh, der Ton der Konversation wird schwerfllig, die
Phantasie weicht der Nchternheit, die Knste verarmen. Der Geist der
Gesellschaft bildet sich nur in Kreisen, wo Mnner in der Nhe der
Frauen durch den Wunsch, liebenswrdig zu sein, alle Gaben ihres Geistes
leuchten, zur hchsten Vollkommenheit sich steigern lassen, wo Frauen
sich im stillen Ringen um den Wrdigsten stets erinnern, da sie der
Natur schnstes Kunstwerk sind.

Aber die Philosophie unserer Tage, die uns, den nicht
Unsterblichkeitsglubigen, lehrte, da kein Besitz so kostbar, kein
Verlust so unersetzlich ist, als der der Zeit, hat diese Reize der
Geselligkeit grausam zerstrt. Man will genieen, statt sich die Mhe zu
machen, zu gefallen. Ohne die sichere Aussicht auf ihren raschen Besitz
schenkt man der Frau kaum noch Beachtung. Jedes weibliche Wesen wird
als Kurtisane gewertet, und wenn sie Erfolg haben will, mu sie mit der
Kurtisane konkurrieren.

Wir, schnste Frau, ein kleines Huflein Verehrer der Vergangenheit,
sind vor Paris und seinen Reformen bis nach Saint-Cloud geflohen, um
jetzt schaudernd zu bemerken, da die Reformen in Gestalt des Herrn von
Calonne uns folgen. Der Kauf von Saint-Cloud, den die Knigin ihm
schlielich abtrotzte, hat ihn um den letzten Rest seiner Ruhe gebracht.
Selbst fr die Polignac, die seinen allzeit offnen Geldbeutel dem
Herzoginnentitel vorgezogen htte, ist er der Mann der zugeknpften
Taschen.

Kommen Sie, teuerste Delphine, um uns durch den Reichtum Ihrer Schnheit
und Ihres Geistes den schauderhaften Anblick ghnend leerer
Schatzgewlbe vergessen zu machen. Bringen Sie der Knigin frische Luft
aus den Vogesen. Sie leidet sehr, und der kleine Dauphin ist wie die
Verkrperung ihrer Sorgen. Ein frohes Ereignis gengt jedoch, um sie
aufzuheitern.

Als sich die reizende Komtesse Turpin mit dem Marquis Lemierre verlobte,
wurde die Gelegenheit gleich zu einem Fest benutzt; wir erschienen alle
im Hofkostm der Regentschaft und trumten uns in jene schne Zeiten
zurck. Ein Bonmot des geistvollen Vaters der Braut machte die Runde.
Lemierre, der seiner Schulden wegen, -- die brigens die Knigin
bezahlte, -- bei Turpin nicht im besten Ansehen stand, suchte sich auf
alle Weise bei ihm einzuschmeicheln. So sagte er einmal: Man braucht
Sie nur zu sehen, um zu glauben, da Sie Toinettens Vater sind. Mit der
ernstesten Miene von der Welt entgegnete der Graf: Sie vergessen, mein
Herr, da wir so glcklich sind in einer Zeit zu leben, wo man nichts
mehr glaubt.

Aus diesem langen Brief mgen Sie die Lnge der Konversationen ermessen,
die Ihrer warten. Madame Campan will freilich gehrt haben, da das
Neueste in Paris die Verachtung der Konversation ist. Irgend ein Held
der Feder hat im Mercure de France auseinandergesetzt, sie sei eine
verchtliche Kunst schmarotzenden Hofgeschmeies --, das ist der
liebenswrdige Ton, mit dem man uns auf Grund des Schimpflexikons, das
das Pariser Parlament einfhrte und eifrigst zu bereichern trachtet, zu
behandeln pflegt! --, und er fgt hinzu, man mge endlich aufhren, die
Jugend in ihr zu unterrichten, um so mehr, als sie die brotloseste aller
Knste sei.

Wahrhaftig: Idealisten vom Schlage Lafayettes knnen nicht soviel Unheil
anrichten als die revolutionren Philister, die den Zweck als ihren Gott
anbeten. Sie werden noch unsere Schlsser in Kasernen umwandeln und in
unseren Rosengrten Rben pflanzen.

Sie wissen, das Feld meiner Schlachten war stets das Parkett. Erst
neuerdings habe ich mir den Degen schleifen lassen und trage Pistolen in
der Manteltasche. Denn ich bin gesonnen, mich dem Pbel von Paris erst
zu ergeben, wenn ich nicht mehr ich, sondern nur ein Bndel blutiger
Lumpen bin.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Paris, den 2. August 1786._

Du fragst mich, ob Du der Einladung nach Saint-Cloud folgen sollst? Da
Du fragen kannst, Geliebteste, trgt die Antwort schon in sich. Wir
wollen einander nicht aus Schonung belgen; das wre der Anfang
geistiger Trennung. Freudlosigkeit ruht schwer auf unserer Liebe, auf
unseren heimlichen Zusammenknften lastet die Schuld. Reise ruhig, armer
Liebling, vielleicht da die Luft fern von mir Dich leichter atmen lt.

Ich fand heute frh an den Mauern von Paris ein Gedicht angeschlagen,
worin die Lmmer glcklich gepriesen werden, deren Hirte einen Zaun um
sie zieht, damit Fchse und Wlfe sie nicht schrecken knnen. Zum Schlu
heit es:

    Mais si ces mmes loups avaient form l'enceinte
    Pour vous mieux dvorer sans pril et sans crainte
    Du berger vigilant, de la garde des chiens,
    Que seriez-vous, hlas?... De pauvres Parisiens.

Mir scheint, als ob auch wir zu diesen gehrten.


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 26. August 1786._

Teuerste Marquise. Erst jetzt erfuhr ich, da Sie Paris mit Saint-Cloud
vertauschten. Ein bses Omen, wrde ich sagen, wenn es sich um jemanden
anders handeln wrde, als um Sie. Denn wer heute den Hof sucht, ohne zu
mssen, gehrt zu seiner Partei.

Sie werden vermutlich von der Reise des Knigs in die Normandie jetzt
ein anderes Bild bekommen, als ich es Ihnen malte: weigekleidete
Mdchen, vor Rhrung weinende Bauern, vivat-schreiende Massen, Mnner
und Frauen, die glcklich waren, wenn sie den Rock des Monarchen kssen
konnten! So sieht jeder Frst seine Untertanen, auch wenn sie alle schon
heimlich den Dolch im Mantel trgen, um ihn in seine Brust zu stoen.
Die Krone und die Kirche haben, wenn sie all ihren Glanz entfalten, die
gleiche faszinierende Gewalt. Der mystische Zauber, der sie umgibt,
wirkt selbst auf die Unglubigen.

Auch von den Regimentern, die der Knig inspizierte, sah er nur die
neuen schnen Uniformen. Da Glieder desselben Volkes darin stecken, das
ihn in allen Wirtshusern mit Spottliedern verfolgt und ber alles
rsonniert, was von der Regierung ausgeht; da die Unzufriedenheit mit
ihrer persnlichen Lage und mit der Frankreichs die Offiziere, wie die
Gemeinen ergriffen hat, und die Armee, die vor kurzem noch befrchten
lie, sie knne vor dem Feind nicht schlagfertig sein, weil ihre Fhrer
sich zu viel amsierten, jetzt in Gefahr steht, sich ihrem Kriegsherren
zu widersetzen, weil ihre Fhrer zu viel denken, -- das alles sieht kein
Knig.

In Brest will man, wie ich las, Ludwig XVI. ein Denkmal errichten, --
selbst unter dem groen Knig hat man dergleichen der Nachwelt
berlassen; sollte man es jetzt damit so eilig haben, weil man
befrchtet, sie knnte es vergessen?! Herr von Calonne wird es ihm als
ein Zeichen der Treue seiner Untertanen darstellen, was nur ein Zeichen
fr die Servilitt einiger titellsterner Brger ist.

Ich wrde von Ihrer Klugheit und Ihrer Knigstreue hoffen, da Sie bei
Marie Antoinette den Einflu der Polignacs untergraben, wenn ich nicht
berzeugt wre, da ihre Popularitt seit dem Proze Rohan und dem Kauf
von Saint-Cloud, -- eine Million fr ein neues Schlo, whrend das Volk
von Paris bei der allgemeinen Teuerung kein Fleisch essen kann! --,
endgltig verloren ist.

An der Kirche von St. Gnevive ist krzlich ein neues Portal geweiht
worden, das die Knigin gestiftet hat; es ist so prchtig, da man den
lieben Gott, wollte man ihm den besten Platz seines Hauses anweisen, vor
die Tre setzen mte. Das Volk stand umher und machte die bsesten
Witze: Die sterreicherin schenkt uns ein Portal, wir werden sie zum
Danke dafr hflichst hinausgeleiten.

Frau von Stal, die der Szene zufllig beiwohnte und sich beeilte, sie
in ihrem Notizbuch festzuhalten, bedauerte sehr, Ihre Gesellschaft,
teuerste Marquise, so rasch schon entbehren zu mssen. In ihrem Salon
herrscht eine neue Passion; jeder berbietet einander in der Erfindung
von Geschichten ber das gleiche Thema: den Liebeswahnsinn. Sie selbst
hat mit ihrer Erzhlung Die Wahnsinnige des Waldes von Snart alle
bertroffen.

Da ich demnchst dem Knig ber den Fortschritt der Heeresreform Vortrag
zu halten habe, hoffe ich Sie in Saint-Cloud noch zu sehen. Es gibt fr
mich dort keinerlei andere persnliche Anziehungskraft. Selbst mein
Ehrgeiz wei nicht, wie lange es unter diesem Regiment noch eine Ehre
ist, ihn zu befriedigen.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Paris, den 27. August 1786._

Geliebteste. Die berraschende Nachricht von der Berufung der Notabeln,
die Du mir gibst, ntigt mich zur Abreise in die Provinz. Da von ihrem
Zusammentreten ungeheuer viel abhngt, mu ich alles daran setzen, die
Stimmung in meinen Kreisen zu beeinflussen. Ich habe natrlich von
Deiner Mitteilung keinen Gebrauch gemacht, glaube aber, da sie trotzdem
eher, als es Calonne lieb ist, in die ffentlichkeit dringen wird. Fr
ihn ist die Notabelnversammlung der Strohhalm des Ertrinkenden, denn die
Steuerreformen, die er vorschlgt, und von denen Du in Deinem leicht
entflammten Enthusiasmus das Heil der Welt erwartest, sind nichts
anderes, als die se Oblate, in der dem groen Kinde Frankreich die
bittere Medizin des Defizits gereicht werden soll. Ich begre trotzdem
diese Entwicklung der Dinge, sie wird Klarheit bringen und das ist, --
auch wenn sie schrecklich sein sollte, -- besser als der ewige
Dmmerzustand.

Da der Marquis sich ihr mit aller Kraft widersetzte und selbst die
Ungnade des Knigs nicht gefrchtet hat, ist vollkommen begreiflich. Fr
ihn ist der Appell an irgendeine Krperschaft und wre es auch nur die
seines Standes, eine Konzession an die ffentliche Meinung; fr ihn sind
die Reformen, vor allem der Vorschlag der Aufhebung der
Grundsteuerfreiheit des Adels ein Waffenstrecken vor dem dritten Stand.
Ich glaube aber auch, da er einer der ersten ist, der die
Verffentlichung des Defizits zu frchten hat, denn er ist zu sehr mit
den groen Banken liiert, als da eine allgemeine finanzielle Deroute
ihn nicht treffen mte.

Vielleicht, -- und diese Hoffnung strkt meine Kraft fr den kommenden
Kampf --, lt er Dich frei, wenn er einen Erben nicht mehr braucht!

Unsere Korrespondenz wird erschwerter sein denn je. Meine offene
Gegnerschaft zu der politischen Stellung des Marquis wird ber dem
schmalen Landstrich, der Montbliard von Montjoie trennt, ihre Wirkung
haben, seinen Zorn gegen mich also noch steigern. Kannst Du mir
nachempfinden, Geliebteste, da mich diese Gegnerschaft innerlich
befreit? Mag kommen, was da will, wir bleiben vereint, auch wenn wir
einander unerreichbar erscheinen. Verstummen zu knnen, ohne sich zu
verlieren, ist ein Prfstein der Liebe.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Saint-Cloud, den 3. September 1786._

Da auch Sie uns verlassen konnten, schnste Delphine! Denn diesmal ist
es ein Verlassen! Die Knigin, die sich bei der letzten Audienz wahrhaft
kniglich benahm, -- sie lchelte Ihnen zu, als Sie kamen, sie legte
Ihnen mit eigenen Hnden die Kette mit ihrem Bildnis an, die Ihnen
beweisen sollte, da die Haltung des Marquis nicht als die Ihre
empfunden wurde, sie flsterte beim Abschied Auf Wiedersehen! --, und
warf sich aufschluchzend in die Arme der Lamballe, als die Tre hinter
Ihnen zufiel.

Sie waren zu den kniglichen Kindern gegangen. Bald darnach kam der
Dauphin langsam, in Nachdenken verloren zu seiner erhabenen Mutter;
seine dunklen Augen blickten fragend aus dem schmalen Gesichtchen, er
hob die kleine blasse Hand zu ihr empor, -- ich glaube, sagte er
kopfschttelnd, die Frau Marquise Montjoie hat geweint.

Sind so viele Trnen ntig gewesen, holde Freundin? War der Moment nicht
der geeignete, um -- zu bleiben, whrend der Marquis ging?! Als uns vor
einem Jahr die Nachricht von der Geburt Ihres Kindes erreichte, als dann
der Marquis voll vterlichem Stolz von seinem Sohn und Erben sprach, war
es mir gleich vollkommen klar, da Sie nichts getan hatten, als Ihre
Pflicht. Aber nun sind Sie ihrer entbunden, -- kommen Sie zurck,
schnste Marquise, ehe der Abgrund zwischen uns unberbrckbar wird.

Meine Devise bleibt: Ma vie au roi, mon coeur aux dames; seien Sie
barmherzig und werden Sie nicht die Ursache, da der zweite Satz mit dem
ersten in Zweikampf gert!


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 9. September 1786._

Verehrte Frau Marquise. Mit einer fluchthnlichen Hast hat die Familie
Montjoie Paris verlassen. Und doch wre es von solchem Interesse
gewesen, uns ber die bedeutungsvollen Ereignisse der letzten Zeit mit
Ihnen zu unterhalten.

Herr von Calonne ist von der Not zu einem Schritt gentigt worden, der
unter Umstnden der Anfang konstitutioneller Entwicklung sein kann, --
freilich nicht mit ihm, sondern gegen ihn. Im Kreise Neckers herrscht
nur die eine schwere Besorgnis, da er, der nur von Augenblickssorgen
getrieben und von Augenblickserfolgen geblendet wird, tricht genug sein
knnte, die finanziellen Verhltnisse in einer Weise zu enthllen, die
nur geeignet wre, die Autoritt der Regierung zu untergraben. Necker,
der mir, -- das mchte ich gerade Ihnen anvertrauen, der gegenber ich
mich seinerzeit so rckhaltlos gegen den damaligen Minister aussprach,
-- unter vier Augen mitteilte, da er mit vollem Bewutsein dessen, was
er tat, im Compte rendu von 1781 die Wahrheit verschleierte, hegt nach
dieser Richtung die ernstesten Befrchtungen.

Wissen Sie etwa Nheres?

Es wre vielleicht noch mglich, wenn man beizeiten die ntige Kenntnis
davon bese, folgenschwere Entschlsse rckgngig zu machen. Schreiben
Sie mir, bitte, auch von Ihren nchsten Plnen. Bleiben Sie bis zur
Notabelnversammlung in Froberg? Mein Dienst fhrt mich vielleicht nach
dem Elsa und ich mchte nicht verfehlen, der schnsten Frau Frankreichs
die Hand zu kssen.


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 11. Oktober 1786._

Verehrte Frau Marquise. Mit Freuden erflle ich Ihren Wunsch, von dem
ich nur bedaure, da er sich so leicht erfllen lt. Sie werden stets
im Besitz meiner Adresse sein, auch wenn sie noch so hufig wechselt.
Meine Feder von der kein Geringerer, als der Polizeileutnant Lenoir
behauptete, da sie mit Gift statt mit Tinte schreibt, wird mich whrend
der Notabelnversammlung zwingen, im Dunkeln zu bleiben. Selbst von
meinen Gesinnungsgenossen verstehen nur wenige mein Entzcken ber die
Aussicht auf das Ereignis des nchsten Jahres.

Die Notabeln, die das naive Volk immer noch durch den Glanz ihres
Auftretens und die gewandte Form ihres Benehmens zu blenden verstehen,
werden jetzt vor aller Welt gezwungen sein, auch den Blindesten Einblick
in ihr Innerstes zu gewhren. Man wird ihre Selbstsucht erkennen, die
auch ihre guten Handlungen regiert.

Ihre Wohltaten sind Opium fr das Volk; ihre Knigstreue ist das Mittel,
ihnen die reichsten Pfrnden zu sichern, ihr Stolz die Maske fr ihre
innere Leere!

Nur unter den Frauen gibt es Ausnahmen. Durch die schnste und bitterste
Erfahrung meines Lebens wei ich es: eine gibt es, die alle Tugenden und
alle Vorzge des Adels in sich vereinigt, ebenso wie ich eine andere
kannte, deren Seele die offene Gosse war, die die Schmutzfluten aller
Laster des dritten Standes in sich aufnahm. Die eine war meine Mutter.
Werden Sie verstehen, Frau Marquise, da meines Daseins glhendste
Sehnsucht ist, mich so weit als mglich von ihr zu entfernen? Da Sie
darum der Stern sind, zu dem ich den krummen Krper emporrecke?

Die Kinder der Zukunft drfen keine Mtter mehr haben wie die meine. Das
ist das hchste Ziel der Revolution.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Montbliard, den 20. Oktober 1786._

Geliebteste. Endlich ein zrtlicher Gru auf sicherem Wege. Wie danke
ich Dir, du Se, fr all die liebevollen, sehnschtigen Zettelchen, die
Du mir schicktest. Ich trage sie auf dem Herzen; sie knnten mich vor
feindlichen Hieben schtzen, wie Deine Liebe mich fr alles persnliche
Leid unempfindlich macht.

Was Du von unserem Sohne schreibst, beglckt mich aufs tiefste; da er
krftig ist, wird ihn fhig machen, den Strmen der Zukunft zu trotzen.
Wie das Kind Dich ber die Qual der Gegenwart hinweghebt, -- wenn ich
es sehe, sehe ich dich, sagst du, -- so hilft mir die Arbeit.

Unter dem kleinen Landadel sprt man den Hauch eines neuen Geistes.
Grade der Umstand, da er verarmte, macht ihn fhig zur Aufnahme
moderner Ideen. Um so leichter wird er die Steuerprivilegien fallen
lassen, wenn er auf der anderen Seite sieht, da die Finanziers, die an
Papieren Reichen zu neuen Steuern herangezogen werden. Mit den groen
Grundbesitzern allerdings steht es anders. Der Marquis Montjoie hat
unter ihnen die strkste Anhngerschaft, und wenn der schlanke Greis mit
dem Adlerprofil und den ruhigen Bewegungen seiner langen, blaugederten
Hand vor die Versammlung tritt, um das ganze ehrwrdige Rstzeug der
Tradition gegen unsere neuen, unerprobten, blanken Waffen ins Feld zu
fhren, so hat er von vornherein gewonnenes Spiel. Jede
Interessengemeinschaft mit dem dritten Stand lehnt er ab, am
energischsten die mit den Parvenus, -- weil sie unsere Herrensitze
usurpierten, glauben sie uns gleich zu stehen. Reich kann man werden,
aber vornehm mu man sein. Selbst im Kampf gegen mich verlt ihn nicht
seine uere Ruhe; nur ich hre den schrferen Ton seiner Stimme, und
sehe das Aufblitzen unvershnlichen Hasses in seinen Augen. Aber wir
sind ja erst beim Vorpostengefecht; der Feldzug beginnt in Paris.

Einen einzigen Miton, geliebte Frau, hat Dein letzter Brief in den
reinen Akkord Deiner Liebesworte gebracht. Du willst whrend der
Notabelnversammlung des Kindes wegen, dem die Pariser Luft nicht gut
bekommt, in Froberg bleiben, Du freust dich sogar, mit ihm allein zu
sein, der tglichen, stndlichen Pein enthoben, die die Zrtlichkeiten
des Marquis fr den Kleinen dir verursachen. Und ich?! Und die
Mglichkeit, da wir den rechten Augenblick versumen knnten, einander
ganz zu gehren?!

berlege mit dem Herzen, Geliebte, das in Wahrheit der Kopf der Frauen
ist.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Paris, 16. Februar 1787._

Geliebteste. Dich nicht hier zu wissen, ist qualvoll genug, aber zu
denken, da Du allein in Froberg trben Gedanken nachhngst, verwundet
mein Herz noch mehr. Mir ist, als htte auf dem Papier Deiner Briefe
Deine Hand gelegen, hei von der Stirn, auf die sie kurz vorher gepret
war, als schwebe um jedes Wort ein langer Seufzer. Und doch sollte ein
einziger Gedanke gengen, Dich aufzurichten: da unser Schicksal von
Deinem Willen allein abhngt. Willst Du Dich trennen von dem Manne, der
Gte, Rcksicht, Vornehmheit benutzt, um Dich unter diesem Deckmantel
nur um so mehr qulen zu knnen, so kannst Du es auch. Wahrhaftig, Du
hast ihm seine grausamen Wohltaten genug gedankt. Nimm unser Kind auf
den Arm und komm zu mir; wer Dich um dieser Tat willen chtet, dessen
Urteil trifft uns nicht.

Trbe Ahnungen, sagst Du, schienen den Schlaf des Marquis zu stren;
stundenlang hrtest Du ihn in der Nacht auf und nieder gehen, und wenn
er, wie es neuerdings seine Gewohnheit ist, zuweilen vom neuen Schlo zu
der alten, verlassenen Burg hinberging, dann sahst Du ein Licht unruhig
hinter ihren Fenstern auftauchen und verschwinden. In einer solchen
Nacht hat Dein mitleidiges Herz Dich zu ihm getrieben und Du hast ihm
stumm die Hand gereicht!

Wie knnte ich Dir darum zrnen, Du Einzige Du?! Vergi nur nicht, da
ein anderer Mann noch bemitleidenswerter ist!

Die Mitglieder der Notabelnversammlung drften schon vollzhlig
eingetroffen sein. Die Pariser, fr die das Schauspiel doch nur hinter
verschlossenen Tren vor sich geht, benehmen sich wie Kinder vor den
Vorhngen des Kasperltheaters. Alles scheint Zeit zu haben, denn alles
ist auf der Strae. Man scherzt und lacht, aber die Frhlichkeit, die
wie ein leichter Luftzug die Oberflche des Wassers zierlich kruselt,
lt nicht vergessen, da ein Sturm seine dunkle Flut bis in ihre
schlammigen Tiefen aufwhlen kann.

Als Herr von Calonnes Erkrankung bekannt wurde, und man verbreitete, er
speie Blut, frugen die Witzbolde der Journale: seins oder das der
Nation? Als er zum ersten Male das Haus verlassen durfte, fand er an
seiner eigenen Tr folgenden Anschlag: Die Schauspieler des
Finanzministers werden zur Auffhrung bringen: 'berflssige Vorsicht'
und 'Trgerische Hoffnungen'. Die Rolle des Souffleurs bernimmt er
selbst. Im Theater zu Versailles wurde in Anwesenheit der Knigin die
Oper Theodor von Pasiello aufgefhrt. Als der Titelheld, ein
verlassener Knig, seine Schmerzen klagte, rief eine Stimme im Parterre:
Berufen Sie doch die Notabeln! Schallendes Gelchter und endloses
Bravorufen unterbrach die Auffhrung. Man versuchte, die Unruhstifter zu
verhaften, die Knigin erhob Einspruch; das Publikum jedoch empfand ihre
Gte nur als Schwche, als ein Buhlen um seine Gunst, und laute Pfiffe
folgten ihrem davoneilenden Wagen.

Wer es in den Journalen oder gar in den erregten Diskussionen versucht,
die Reformen zu verteidigen, von deren Inhalt manches bekannt wurde,
begegnet meist dem strksten Unwillen. Wir wollen keine Almosen, wir
wollen Rechte, rief Gaillard vor ein paar Tagen solch einem geheimen
Emissr der Regierung zu. Der Mensch ist frei geboren und berall liegt
er in Ketten. Die Reformen sind nichts als neue Mittel, ihn den
Machtmachern unterwrfig zu machen. Wir verwerfen sie. Wir verlangen
die Anerkennung der Souvernitt des Volkes, nicht die Stillung unseres
Hungers durch Brosamen, die von des Reichen Tische fallen.

Die Notabeln sind uerlich ruhiger, umso erregter im Innern. Es ist ein
andrer Adel als der von Versailles, der sich den erstaunten Blicken der
Pariser preisgibt: viele Mnner mit groem Namen in geflicktem Rock,
viele Priester mit arbeitsharten Hnden.

Ehe Du diesen Brief erhltst, werden wir zusammengetreten sein. Eine
eben erschienene Broschre steigert noch die Erregung. Sie trgt den
Titel: Letzte Gedanken des Knigs von Preuen, und enthlt unter
anderem folgende Stze, die heute frh in groen Lettern an den
Straenecken prangten:

Nationen, die mit geborgtem Geld Kriege fhren, werden niemals Frieden
haben; nach dem Krieg mit dem Nachbarn beginnt der Krieg mit den
Geldgebern; das Volk kommt nie zur Ruhe. Bleibt schlielich nur der
Ausweg des Bankrotts, und er ist unvermeidlich.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 3. Mrz 1787._

Meine Liebe. Die auerordentlich anstrengende Ttigkeit im dritten
Bureau der Notabelnversammlung macht es mir erst heute mglich, Ihnen
fr die gewnschten regelmigen Berichte zu danken. Es freut mich zu
hren, da Sie und Godefroy sich wohlbefinden.

Obwohl die Geheimhaltung der Verhandlungen mir verbietet, Ihnen ihren
Verlauf im einzelnen zu schildern, so halte ich mich doch fr
verpflichtet, Ihnen, im Vertrauen auf Ihre unverbrchliche
Verschwiegenheit, -- jede Verffentlichung der Tatsachen wrde
unabsehbares Unglck heraufbeschwren --, den Ernst der Lage nicht
vorzuenthalten.

Stutzig gemacht durch die Andeutungen des Finanzministers ber die Hhe
der Schulden, und emprt ber die uns zugemutete neue Grundsteuer, --
der Adel Frankreichs hat sich bisher die Steuer des Bluts und des Lebens
fr den Knig selbst auferlegt und braucht sich darum nicht wie ein
jeder Krmer des dritten Standes behandeln zu lassen, dem man die Opfer
fr das Vaterland erst abzwingen mu, -- haben wir einen
Rechenschaftsbericht verlangt, um ihn mit dem Compte rendu Neckers
vergleichen zu knnen. Er ist uns gestern in unzureichendster Weise
gegeben worden. Darnach scheint die Schuldenlast seit 81, wo ein
berschu von 10 Millionen konstatiert wurde, auf nicht weniger als 112
Millionen angewachsen zu sein. Das bedeutet, wenn die Aufstellung
richtig und wenn eine Deckung nicht zu beschaffen ist, den
Staatsbankrott, und wenn die ffentlichkeit unterrichtet wird, eine
ungeheure finanzielle Deroute. Diese beiden Mglichkeiten bitte ich Sie,
ins Auge zu fassen und sich darauf vorzubereiten, da auch ich den
grten Teil, wenn nicht den ganzen Rest meines Vermgen bei dem stark
engagierten Bankhaus Saint-James verlieren knnte.

Es ist selbstverstndlich, da wir Alles tun, um ein Unglck zu
verhindern. Es ist aber auch ebenso selbstverstndlich, da wir uns
nicht, wie die Regierung zu erwarten schien, zu ihrem willenlosen
Sprachrohr machen. Alle sieben Bureaux haben trotz des leidenschaftlichen
Widerstandes des Herrn von Lafayette und seiner Anhnger, die um den
Beifall der Straenpolitiker zu geizen scheinen, die Grundsteuer
abgelehnt, ehe uns nicht die detailliertesten Nachweise ber die
finanzielle Lage gegeben werden. Verschwendungen ungeheurer Art oder
schmhliche Veruntreuungen innerhalb der Regierung sollen wir gezwungen
sein, auf unsere Schultern zu nehmen? Der Knig, der sein Ohr schlechten
Ratgebern lieh, hat es verstanden, den Adel, auf den er sich sonst
allein sttzen konnte, im Lager seiner Gegner zu sehen.

Sollte Auerordentliches geschehen, so werde ich Ihnen durch besonderen
Kurier Nachricht geben.


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 22. Mrz 1787._

Verehrte Frau Marquise. Ihre Antwort auf meinen Brief war so
diplomatisch, da ich wieder einmal von der Begabung der Frauen fr die
Politik berzeugt worden bin.

Inzwischen haben die Ereignisse mir rechtgegeben. Calonne wird ber
ihnen strzen, jetzt besonders, wo sein kopfloser Appell an die
ffentlichkeit sich als ein Schlag ins Wasser erwiesen hat. Das Volk
steht auf Seite der Notabeln, nur weil sie die Frondeure der Regierung
sind. Die Zahlen, die allmhlich, trotz des strengsten Schweigegebots
durchsickern, steigern die Aufregung und rauben uns allen Kredit und
alles Ansehen. Man hrt von geheimen Rstungen in England, von
preuischen Truppen, die sich an der hollndischen Grenze
zusammenziehen. Der Tod Vergennes', eines tchtigen Mannes, der
verstand, unsere auswrtige Politik durch die bedrohlichsten Strme zu
steuern, die Unfhigkeit des Lakaien Montmorin, seines Nachfolgers --,
das alles sind Vorboten trber Tage.

Aber nicht, um Sie mit ihnen zu schrecken, schreibe ich heute, sondern
um Sie um die Gnade zu bitten, Sie bei meiner Inspektionsreise im Elsa
aufsuchen zu drfen. Sollten Sie im Mai nicht in Froberg sein, so darf
ich noch eine Nachricht erwarten. Oder drfte ich, trotz Ihrer
offenbaren Ungnade, darauf hoffen, auf alle Flle eine Zeile von Ihnen
zu erhalten? Meine unerschtterte Verehrung fr Sie sollte wenigstens
auf die Gewhrung eines Handkusses rechnen knnen!


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Paris, am 9. April 1787._

Geliebteste Delphine. Ich beeile mich, Dir durch besonderen Kurier
mitzuteilen, was Dich und uns auf das Nchste berhren mu. Calonne
wurde heute seines Amtes enthoben. ber die schwindelnde Hhe des
Defizits herrscht in der Pariser Bevlkerung kein Zweifel mehr. Die
Bankhuser Saint-James und Boutin sind seit gestern geschlossen. In der
heutigen Sitzung erschien der Marquis als ein Gespenst seiner selbst,
aber in grader, tadelloser Haltung. Er bat, wie ich erfuhr, um Urlaub.
Wie weit er an dem Ruin des Herrn von Saint-James beteiligt ist, wei
niemand.

Ich hoffe mit Bestimmtheit, da diese Zeilen Dich vor seiner Ankunft
erreichen, und Dein gtiges Herz nicht unvorbereitet seinem Unglck
gegenbersteht.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 9. April 1787._

Meine Liebe. Das Gefrchtete ist eingetroffen, ohne mich noch
berraschen zu knnen. Ich habe mein Vermgen verloren. Das Wenige, was
ich im Laufe der letzten Tage sicherzustellen vermochte, wird grade nur
ausreichen, uns vor Entbehrungen zu schtzen. Ich bedaure die Sachlage
um Ihretwillen, die Sie an ein luxurises Leben gewohnt sind. Fr meinen
Erben mchte ich sie dagegen beinahe als ein Glck bezeichnen. Der
Reichtum hat den Adel Frankreichs in Bahnen gelenkt, die ihn seiner
besten Krfte berauben; die Armut wird ihn unweigerlich vor die Wahl
stellen, untergehen zu mssen oder sie zurckzugewinnen. Die Zukunft
bedarf eines Geschlechtes von Eisen.

Ich werde meiner Gemahlin keine anderen Kleinodien, und meinem Erben
nichts mehr zu hinterlassen haben als die Ehre meines Namens. Ich
erwarte, -- das einzige, was mir das Leben noch zu erwarten brig lie
--, da sie sich dieses Schatzes wrdig erweisen.

Ich folge diesem Brief auf dem Fu, da ich zunchst in Straburg alles
Geschftliche zu erledigen habe. Froberg bleibt uns. Wir werden uns
jedoch auf die Burg beschrnken mssen.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Saint-Cloud, den 4. Mai 1787._

Teuerste Delphine! Das Unglck, das Sie traf, hat mich mit betroffen,
wenn ich auch zu sehr zur alten Schule gehre, als da ich ffentlich
Trnen darber vergieen knnte. Sie wissen doch: sogar die Notabeln
weinten, als Calonne, der arme Prgelknabe, gegangen war und der Knig
ihnen die Vorlage aller Rechnungen versprach; sie haben ihre
Trnendrsen offenbar fr Schmerzen und Freuden ordentlich eingeteilt.

Die Knigin erstarrte frmlich, als sie von Ihrem Schicksal erfuhr; sie
kam gerade vom Krankenbett des Dauphin, wo sie ihren Vorrat an Trnen
gelassen haben mochte. Heute sagte sie mir, ich mge Ihnen mitteilen,
da sie noch so glcklich ist, Ihnen beistehen zu knnen.

Da die kleine Marquise ihre Perlen verkaufen mute, erregt mich
nicht, sagte sie, vielleicht hing auch an diesem wundervollen
Geschmeide ein bser Fluch! Aber da sie verurteilt wurde, in der
dunklen Burg zu wohnen -- ein sonnengewhnter Paradiesvogel im Kfig! --
das macht mich schaudern. Sie bietet Ihnen an, in ihren Hofstaat
einzutreten, und wrde Ihnen im geheimen aus ihrer Schatulle die Mittel
dafr bewilligen.

Knnten wir nicht doch noch inmitten des schwarzen Weltmeeres eine Insel
der Seligen mit den Flchtigen vom anderen Ufer bevlkern?!

Eine Ahnung von ihrer Mglichkeit hatten wir krzlich.

Die Guimard tanzte auf der kleinen Bhne des Schlosses, mit ihr die kaum
zwlfjhrige Laure, die wunderbare, jngste Schlerin von Vestries.
Vergangenheit und Zukunft war der Titel der Pantomime, die sie
auffhrten: die Guimard als Marquise Pompadour in der ppigsten
Courrobe, berset mit funkelnden Juwelen, die kleine Laure in
flatterndem Hemdchen, als einzigen Schmuck ein rotes Tuch turbanartig um
das Kpfchen gewickelt. Sie hob und senkte sich, sie schwebte und
wirbelte um die feierlichen Menuettpas der Marquise, da diese Zukunft
Jeden erobern mute.

Die Knigin befahl die Tnzerinnen zum Souper. Noch einmal hatte die
Gttin der Freude der hohen Frau ihr Szepter in die Hand gedrckt. Immer
wieder sprangen die Korke der Champagnerflaschen gegen die Decke und
trafen wie Pfeile Amors die bloen Brste gemalter Najaden; immer kecker
wurden die Chansons, vom perlenden Lachen der Knigin unterbrochen.

Es war wie einst!

Gegen Mitternacht ffnete sich die Tre zu den Gemchern des Knigs. Er
trat ein, fahl im Gesicht; der Gesang verstummte, die Tnzerinnen
standen still, angstvoll flchtete sich die zitternde Zukunft in die
Arme der blassen Vergangenheit; der Knig flsterte mit seiner Gemahlin;
das Licht in ihren Augen erlosch.

Es war der Tag, an dem Lomenie de Brienne Finanzminister geworden,
Calonne nach England entflohen, und das bse Wort vom Staatsbankrott in
der Notabelnversammlung zum ersten Mal gefallen war!

Von der Insel der Seligen waren wir allzu rasch an das Gestade der
Wirklichkeit zurckgekehrt. Aber wenn Sie bei uns sind, Holdseligste,
werden wir uns nicht mehr von ihr vertreiben lassen.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Paris, den 27. Mai 1787._

Geliebteste, ich hre nichts von Dir und bin in grter Angst. Da ich
nicht wei, was geschehen ist und was geschehen kann, habe ich der Post
oder einem gewhnlichen Kurier diese Zeilen nicht anzuvertrauen gewagt.
Gaillard hat es bernommen, sie sicher in Deine Hnde gelangen zu
lassen.

Ich flehe Dich an, stelle den Marquis endlich vor die Entscheidung. Er
wird, er mu Dich frei geben, nachdem er weder auf seine Stellung am
Hofe, noch auf eine Rolle in der Oeffentlichkeit mehr Rcksicht nehmen
zu mssen glaubt. Tut er es nicht, so entschliee Dich, liebste
Delphine, und komm unter dem Schutze Gaillards zu mir. Nicht nach
Etupes, nicht nach Montbliard, wo man Dich suchen wrde, sondern nach
dem stillen Nest, das wir nicht weit von Paris gefunden haben.

Meine Liebe ist nur noch Sehnsucht.

Selbst der Tumult der letzten Tage, die Auflsung der
Notabelnversammlung, die strmische Forderung nach der Einberufung der
Generalstnde, -- das heit nichts anderes als unsere Kriegserklrung an
den Knig, -- haben keinen Augenblick den lauten Ruf meines Herzens nach
Dir, Du Se, zu ersticken vermocht.

Zu Zeiten der Gefahr gehren Liebende zueinander. Und jetzt, wo alles
zusammenstrzt, wo die Gtter, vor denen wir einstmals knieten, deren
Unersttlichkeit wir in frommem Glauben Opfer um Opfer brachten, sich
als tnerne Gtzen erwiesen haben, wo die harte Faust einer
eisengepanzerten Epoche alle Heiligtmer -- die Ehe, die Familie, die
Freundschaft, die Knigstreue -- der juwelenbesetzten Gewnder
entkleideten, mit der die Jahrhunderte sie behngten, und armselige
Gerste uns nur noch entgegenstarren, -- jetzt, meine Delphine, knnen
befreite Menschen ber die Trmmer hinweg sich ruhig die Hnde reichen.
Sie sind nicht nur die Baumeister neuen Menschenglcks, sie sind auch
bestimmt, die Tempel der neuen Gottheit aufzurichten.

Doch warum spreche ich so zu Dir? Bedarf es der berredung, wo nichts
entscheiden soll, als das Gesetz in Dir?


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Paris, den 19. Juni 1787._

Meine Delphine -- mein, trotz allem! Ich habe den ersten Sturm in meinem
Innern erst austoben lassen; -- nun ist von ihm nur die Verwstung
brig geblieben!

Wenn der Marquis Dich im tiefsten Kerker gefangen hielte, wenn Du
eiserne Fesseln an Hnden und Fen trgst --, ich wrde Dich erobert
haben! Aber da Du selbst -- Du selbst! -- Dich in Ketten schlgst, wer
vermchte Dich zu befreien!

Weit Du denn, was Du mir geschrieben hast, kennst Du die Dolchspitzen,
die auch Deine sesten Worte mir ins Herz bohrten?!

... Mit eiserner Kraft hielt der Marquis sich noch in Straburg
aufrecht. Als der Marstall sich leerte, als die bepackten Mbelwagen
sich unter Peitschenknallen und Rderknarren schwankend von Montjoie
fort bewegten und der alte Grtner mit zitternden Hnden die Lden des
leeren Schlosses ber die schwarzen Fensterhhlen legte, als die
Dienerschaft Abschied nahm --, einer nach dem anderen in endlos
scheinender Reihe, da stand er immer noch gerade aufgerichtet und hatte
ein Lcheln fr jeden wie bei einem groen Empfang...

Rhmst Du nicht mit jedem Wort den hartherzigen, alten Mann, der fr
scheidende Untergebene ein Lcheln, fr sein Weib nur die Folter hat?!

Am Abend aber fand ihn der einzige, alte Diener, den wir behalten
haben, bewutlos am Boden neben seinem Schreibtisch. Erst nach Tagen
der Sorge -- (Sorge um einen Menschen, der Dich kaufte?!) -- kam er zu
sich. Seitdem wird das Sprechen, das Gehen ihm schwer. Unermdlich lt
er sich im Rollstuhl durch die dsteren Rume fahren. Nur die Arme kann
er bewegen, wie immer. --

Um Dich zu halten, Dich und unser Kind! --

Und gerade jetzt, in dieser grlichen Not sollte ich von ihm gehen,
sollte in dem Mann, der alles verlor, den Glauben erwecken, da ich wohl
seinen Reichtum genieen, nicht aber seine Armut teilen kann? Die Frage,
die zu stellen Du von mir verlangst, die Flucht, die mir brig bleibt,
wenn ein hartes Nein seine Antwort ist, wrden den Geschwchten tten.
Kannst Du verlangen, da ich seine Mrderin werden soll?

Aber da er in uns Alles ttet, was Glck und Hoffnung ist, -- also mehr
als das bloe armselige Leben eines vom Tode schon Gezeichneten --, das
gibst Du zu?!

Ich kann nicht anders: ich balle die Fuste gegen Dich, Delphine!

Gaillards Bericht hat das Bild vollendet, das Du mir maltest. Ich sah
den starken, fast rohen Mann nie so bewegt.

Sie ist ganz bla, ganz schmal, sagte er; sie irrt durch die hohen,
dunklen Rume, vor denen sie sich graute, seit sie sie zum erstenmale
betrat. Und unter den weien Tchern, in die sie sich hllt, zittern
ihre Schultern mitten im Sommer. Sie trgt den Kleinen jedem
Sonnenstrahl nach, der hier oder dort durch die tiefen Fenster fllt.
Seitdem die Bauern, von der Haltung des Marquis in der Notabelnversammlung
unterrichtet, die Rumung des Lustschlosses im Park mit Vivatrufen
begleiteten, und ein kleiner, schmutziger Dreiksehoch nach ihrem Sohn
mit einem Feldstein warf, als sie drauen mit ihm spielte, verlt sie
den engen Burghof nicht mehr.

Bist Du wahnsinnig, Delphine, da Du Dein eigen Kind dem Greise opfern
willst?! Oder ist es etwas anderes als ein Opfer, wenn Du ihn in dieser
Atmosphre des Grauens atmen lt?!

Schreib mir nicht mehr, bittest Du, Deine Sehnsucht facht meine Liebe
an, da sie alles verbrennen knnte, was an Pflichtgefhl, an Lebensmut
in mir ist... Aller Entfernung, allen Gefahren zum Trotz wrden,
httest Du Deinen Wunsch nur mit diesem Satz begrndet, meine Kuriere
tglich zu Dir fliegen, denn alles, alles soll verbrennen, damit Deine
Liebe, ein Fanal des Sieges, hell auflodere. Aber Du fgst einen anderen
Satz hinzu: jedes Deiner Worte ist Gift in der groen, offenen Wunde
meines Herzens, ich vergehe daran, und ich mu doch leben, um des
Einzigen willen, den das kurze Liebesglck mir lie: um unser Kind...

Ich verstumme, Delphine. Vielleicht, da vollkommene Ruhe Dir hilft,
Dich wiederzufinden. Alle Zweifel an Deiner Liebe, Deiner Treue, die in
mir aufsteigen, will ich zu ersticken, alle Sehnsucht durch das berma
der Arbeit, die vor uns liegt, zu unterdrcken suchen.

Lebewohl!


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 25. Juni 1787._

Verehrte Frau Marquise! Meinem Versprechen getreu sende ich heute einen
ersten Bericht. Ich wrde, auch ohne Ihre bestimmte Aufforderung, stets
rckhaltlos wahr sein.

Der Prinz war ganz gebrochen. Er weinte nach innen, wie alle Starken.
Tagelang schlo er sich ein. Erst die Nachricht, die der Marquis
Lafayette ihm berbrachte, da die beiden Minister des Kriegs und der
Marine angesichts der drohenden Haltung der preuischen Truppen an der
Grenze Hollands und der leeren Kassen Frankreichs ihren Abschied
eingereicht haben, ri ihn aus der Versunkenkeit.

Er ist ein Mann der Tat, darum wird er nicht untergehen, Frau Marquise!

Das Gercht, da wir zu der Ehrlosigkeit gezwungen sein knnten, unsere
hollndischen Verbndeten im Stich zu lassen, emprt die Pariser. An der
Place de la Dauphin verbrannte man die Bilder des Finanzministers, die
vorher gewaltsam aus den Buchhandlungen entfernt worden waren. Vor dem
Schlo von Versailles versuchte man eine laute Demonstration; es wre zu
einem Zusammensto mit den Schweizer Garden gekommen, wenn nicht die
Nachricht sich verbreitet htte, da die neugeborene Prinzessin soeben
verschieden sei. Das Volk ging ruhig auseinander. Es ist jetzt noch ein
lenkbares Kind. --

Meine Adresse ist im Augenblick die Ihnen bekannte. Ich unterschreibe
nicht. Eine Verbindung mit mir knnte Ihnen einmal gefhrlich werden.


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 19. August 1787._

Verehrte Frau Marquise! Der Prinz hat Paris verlassen. Nur auf kurze
Zeit, wie er sagte, und um die Stimmung in der Provinz kennen zu lernen.
Auch Lafayette und Mirabeau sind fort. Ich glaube, da sie, seitdem das
Parlament durch knigliche Haftbriefe nach Troyes verwiesen ist,
hnlichem Schicksal aus dem Wege gehen wollen.

Wir leben in dauernder Erregung. Wir erzwangen uns den Eintritt ins
Parlament whrend der strmischen Verhandlungen. Ich wahrte mir, so sehr
ich konnte, die Khle meines Kopfes und sehe in der Verweigerung der
Grund- und Stempelsteuern weniger ein Zeichen des allgemeinen
demokratischen Geistes, der sich keinem Machtwort eines absoluten
Monarchen mehr fgen will, als einen Beweis fr den Egoismus der Stnde.
Wren sie Vaterlandsfreunde, wie sie zu sein behaupten, so wrden sie im
Augenblick hchster Gefahr, wo die Regierung an ihren Opfermut
appelliert, nicht krampfhaft die Hand auf den Beutel halten.

Mir und meinen Gesinnungsgenossen kann diese Enthllung der Motive ihres
Handelns nur recht sein. Mit um so grerer Wucht werden wir im
geeigneten Augenblick neben die von ihnen erhobene Forderung
brgerlicher Freiheit die der sozialen Gleichheit stellen.

In den politischen Klubs tnt sie laut genug. Und die Polizei hat sie
lngst gehrt. Vor kurzem rief ein Leidenschaftlicher im Palais-Royal
ber die Kpfe der Flaneure hinweg: Mit den Gedrmen des letzten
Priesters erdrosseln wir den letzten Knig. Man wollte ihn verhaften,
lie ihn aber laufen, als sich zur Beschmung des Polizeibeamten
herausstellte, da der Satz von Diderot stammt, dem am gleichen Tage in
der Akademie eine tnende Gedchtnisrede gehalten worden war.

Die gewaltsame Registrierung der Steuern, -- der Knig will seine
Selbstherrlichkeit in einem Augenblick beweisen, wo sie nichts als eine
Chimre ist, -- ruft noch stndig erregte Szenen hervor. Der Graf von
Artois wurde gestern auf dem Wege zur Chambre des Comptes ausgepfiffen.
Kein Steuererheber -- davon bin ich berzeugt -- wird gegen die Haltung
des Parlaments den Mut haben, die Order des Knigs auszufhren.

Verzeihen Sie, wenn die Leidenschaft mich weit ber meinen Auftrag
hinausgehen lie!


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, am 26. September 1787._

Ich danke Ihnen, verehrte Frau Marquise, fr Ihren Brief, und freue mich
innig, Ihnen ein wenig helfen zu knnen, indem ich Ihr Interesse an den
politischen Vorgngen wach erhalte.

Der Prinz ist zurck. Die Provinzialversammlungen, die jetzt berall
tagen, sind, nach seinem Bericht, vom gleichen Geist erfllt. Ich
habe, sagte er, einmal um den Tod Rousseaus, Voltaires, Diderots
geklagt. Jetzt wei ich, da wir Tote nicht zu betrauern haben, deren
Geist unsterblich ist!

Der Knig glaubte die Parlamente bergehen zu knnen, er behandelte sie
wie ungezogene Kinder; er lernte inzwischen, da er Mnner vor sich hat,
und die Zurckziehung der bereits registrierten Steueredikte war ein
Eingestndnis seiner Verlegenheit und seiner Schwche, ber die keine
tnende Rede der Monarchisten mehr hinweghilft. Der Einzug Wilhelms von
Oranien im Haag mit Hilfe preuischer Truppen, ber den das ehrliebende
Frankreich heute in helle Wut gert, hat den Rest von Respekt vor dem
Kriegsherrn und seinen Ratgebern zerstrt. In Kriegshfen, Schiffe und
Armeereformen haben wir Millionen gesteckt, und besitzen nicht einmal so
viel politische Macht, um uns vor dem Hohngelchter der Nachbarn zu
schtzen. Die preuischen und englischen Diplomaten, die hier
zusammentreffen, haben leichtes Spiel.

Da der Herr Marquis der Provinzialversammlung in Straburg beiwohnen
will, ist sehr erstaunlich. Darf ich vielleicht dem Prinzen mitteilen,
da Sie um jene Zeit allein sein werden?


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, den 22. November 1787._

Schnste Marquise. Bisher zgerte ich, Ihnen zu antworten, denn was
blieb mir zu sagen brig? Sollte ich klagen, weil Sie nicht kommen
mgen? Sollte ich Hoffnungen aussprechen, die nichts als leere Worte
gewesen wren? Oder sollte ich Ihnen zur Erheiterung im Tone der Pariser
Parlamentsrte das ppige Hofleben schildern, den Taumel des
Vergngens, in dem wir leben; den Goldregen, der sich ber uns
ausgiet, whrend das Volk im Elend verkommt?!

Hier statt dessen ein Bild der Wirklichkeit: Nur von wenigen ihrer
Getreuesten begleitet, durchstreifte die Knigin die herbstden Grten
von Trianon. Den Tod der neugeborenen Prinzessin hat sie um so weniger
berwunden, als irgend ein altes Weib in ihrer Umgebung ihn als bses
Omen deutete. Sie trug, wie wir alle, Trauerkleider; der kleine Dauphin
klammerte sich, wie immer, an ihre Hand, sein schwarzes Rckchen lie
seine Blsse doppelt durchsichtig erscheinen. Unser Ziel war der
Pachthof.

Ich will mir einmal einen frhlichen Tag bereiten, hatte die Knigin
mit wehmtigem Lcheln gesagt und die Brse gefllt fr ihre Schtzlinge
in den kleinen Husern.

Als wir uns nherten, kamen uns die Lakaien, die den Besuch der Knigin
gemeldet hatten, mit verlegener Miene entgegen. Die Leute seien bei der
Arbeit, hie es. Die Knigin grub die Zhne in die Unterlippe. Wir
werden warten, sagte sie dann und lie sich auf der Steinbank nieder.
Ein paar Gesichter tauchten hie und da hinter den kleinen Fenstern auf
und verschwanden wieder. Schlielich lief eine frhliche Schar kleiner
Kinder von der nahen Wiese uns entgegen. Die Knigin rief sie, nahm den
Kleinsten auf den Scho, kte ihn und drckte einem jeden ein Geldstck
in das Fustchen; die Eltern sahen hinter den Bschen und Hecken
heimlich zu.

Vor einem Jahre haben sie noch alle vor mir im Staube gelegen, sagte
die Knigin bitter. Wir gingen schweigsam zurck. Nur sie schritt stolz
und hochaufgerichtet vor uns, einen hochmtig-verchtlichen Zug um die
Lippen.

Wir empfanden seitdem eine merkbare Umstimmung nicht nur bei ihr,
sondern auch beim Knig, der die geheimen Unterhaltungen mit seiner
Gemahlin mehr als sonst zu suchen scheint und nie versumt, sie zum
Ministerrat zuzuziehen. Das Ma seiner Gte scheint endlich erschpft.

Die Neuerer wollen ein Frankreich, das englisch ist, meinte er
krzlich erbittert, und bei Gelegenheit einer der letzten offiziellen
Empfnge in Versailles erklrte er laut: Die Idee, dauernde
Generalstnde zu schaffen, ist umstrzlerisch gegen die Monarchie. Wird
sie verwirklicht, so existiert zwischen dem Knig und dem Volk als
intermedire Macht nur noch die Armee. Jeder erstaunte; es war das
erste Mal, da der Knig an die Gewalt erinnert hat.

Vor wenigen Tagen fand eine knigliche Parlamentssitzung statt, in der
sein Stimmungswechsel zu klarem Ausdruck kam. Sie wissen, da ich der
Politik bisher weiter aus dem Wege gegangen bin als den hlichen
Frauen. Wenn ich dieser Sitzung beiwohnte, so nur weil Schauspiele der
Art, seitdem die Theater immer langweiliger, die Tnzerinnen immer lter
werden, und selbst die Somnambulen, die uns so angenehm gruseln lehrten,
anfangen, sich mit politischer Hellseherei abzugeben, die de des Lebens
allein noch unterbrechen. Es war der Mhe wert.

Im Namen des Knigs hielt der Grosiegelbewahrer, aufgeplustert wie ein
Truthahn und feuerrot wie er, eine donnernde Philippika, zwischen jedem
Satz eine Pause machend, um ihre Wirkung zu beobachten.

Der Knig allein hat die souverne Gewalt im Reich --, ein paar Rte
zuckten merklich die Achseln. Gott selbst hat ihn eingesetzt; nur Gott
ist er verantwortlich --, auf allen Gesichtern stand ein spttisches
Lcheln. Die gesetzgebende Gewalt ruht allein beim Knig --, ein
lebhaftes Oho! machte sich hrbar.

Dann wurde das Anleiheedikt -- es handelt sich um die hbsche Summe von
vierhundert Millionen! -- verlesen, und die Schleusen der Beredsamkeit
waren geffnet.

Welche Wasserflle sahen wir! Ein Herr Duval d'Esprmenil zeichnete sich
besonders aus; den ganzen Katechismus der Enzyklopdisten betete er
herunter: Menschenrechte -- Volkssouvernitt, -- Gemeinwohl, --
Gesamtwille, -- noch im Traum drhnte mir das alles im Ohr. Von der
Anleihe wollte keiner etwas wissen, ungefhr wie ein dressierter Hund,
dem zwar nach dem fetten Bissen das Wasser im Munde zusammenluft, der
aber schielend den Kopf davon abwendet, wenn man ihm sagt: Pfui -- das
kommt vom Knig!

Trotz des Widerspruchs wurde die Registrierung des Edikts befohlen. Ein
unwilliges Gemurmel erhob sich; den Augenblick benutzte der Herzog von
Chartres, -- es wird mir schwer, ihn mit dem Titel seines vornehmen
verstorbenen Vaters Orleans zu bezeichnen, -- und erklrte das Vorgehen
des Knigs fr ungesetzlich.

Eine kurze Pause allgemeiner Verblffung, die aber leider niemand
benutzte, um dem neuen Volkshelden die Krone anzubieten, obwohl Madame
de Genlis die Rolle der Pompadour schon ohne Souffleur zu spielen
imstande ist.

Weil ich es will, ist es gesetzlich, tnte des Knigs Stimme scharf
und hell durch den Saal. Und der Hof zog sich mit seinem Gefolge zurck.

Heute ist der verbannte Herzog der Mrtyrer der Volksfreiheit! Ich kenne
eine erkleckliche Zahl Glieder des dritten Standes, die bitterlich um
ihn weinen: die kleinen Mdchen aus den Singspielhallen, die
Venuspriesterinnen vom Palais-Royal.

Possen, wie diese, erinnern mich an Sankt Nikolas, mit dem man uns als
Kinder schreckte; wenn die groe Revolution, mit der man die
Erwachsenen zu schrecken sucht, nichts anderes aufzufhren wei, als da
sie mit der Rute droht, mit faulen pfeln wirft und bunte Pfefferkuchen
verteilt --!

Ach, wenn die Tage von Chantilly noch einmal wieder kmen! Wir sind doch
noch so jung, schnste Delphine!


Marquis Montjoie an Delphine.

_Straburg, den 12. Dezember 1787._

Meine Liebe. Die Verhandlungen der Provinzialversammlung werden sich
noch bis Ende des Monats hinziehen. Ich fhle mich krftig genug, sie
auszuhalten, obwohl ich keinen leichten Stand habe. Die Mehrheit der
Mitglieder neigt zur Annahme der Grundsteuern. Da Rohan durch den
Weihbischof seinen Protest mit dem meinen vereinigte, hat unserer Sache
natrlich mehr geschadet als genutzt. Baron Flachslanden frug mich
erstaunt, wieso gerade ich auf meinem Eigensinn beharre, da ich doch die
Besteuerung nicht mehr zu frchten brauche! Ein Zeichen der Zeit: man
begreift nicht, da ein Mensch uneigenntzig nach Grundstzen handeln
kann!

In allen anderen Fragen herrscht erfreuliche Einmtigkeit. Der Wunsch,
die Machtvollkommenheit der Regierung auf alle Weise einzuschrnken, die
bergriffe der durch unsere bisherige Nachgiebigkeit reich gewordenen
Intendanten unmglich zu machen, beherrscht die Verhandlungen.

Da die unaufhrlichen Regengsse sich in der Feuchtigkeit des Schlosses
so unangenehm bemerkbar machen, bedaure ich sehr. Beschrnken Sie sich
mglichst auf einen Raum, dessen Kamin dauernd geheizt bleibt, damit das
Kind nicht Schaden leidet.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Montbliard, den 15. Dezember 1787._

Meine Sehnsucht siegt ber meinen Stolz und meine Vernunft. Du bist
allein. Ich bitte Dich, bergib meinem Reitknecht Deine Antwort auf
meine Frage: Kann ich Dich sehen?


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Montbliard, den 18. Dezember 1787._

Ich ertrge es nicht, sagst Du, die Augen gehen mir ber, wenn ich
einmal aus der Burg ins helle Licht des Tages komme. Das Herz wrde mir
brechen, wenn ich Dich sehe --

Wte ich nicht so sicher, da niemand bei Dir ist -- bei Gott,
Delphine, ich knnte nicht anders, als an einen Nebenbuhler glauben!

Die Gespenster der Vergangenheit steigen vor mir auf. Gut, da es ein
Feld atemlos heier Kmpfe gibt, in die ich mich strzen kann.


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 11. Mai 1788._

Verehrte Frau Marquise. Was ich versprach, vergesse ich nicht. Wenn ich
nicht schrieb, so darum, weil ich den Prinzen monatelang aus dem
Gesicht verloren hatte und frchten mute, zudringlich zu erscheinen,
wenn ich eine Nachricht von ihm nicht geben konnte.

Gestern erst sah ich ihn mitten im Tumult des Palais-Royal. Er
schttelte mir die Hand. Es wird ernst, sagte er mit einem Blick auf
die gestikulierende, durcheinander schreiende Menschenmenge. Der
Todeskampf der absoluten Monarchie beginnt, antwortete ich, und er
nickte. Dann verlor er sich wieder im Gedrnge.

Seit dem achten Mai, wo der Knig die Parlamente ihrer Macht
entkleidete, wchst die Erregung. Parlamentsrte, Aristokraten und
Priester fraternisieren auf der Strae mit Krmern, Arbeitern und
Journalisten. Und dem verblendeten Volke erscheinen sie pltzlich wie
lauter Freiheitshelden.

Die Sturmflut von Paris berschwemmt bereits die Provinz und wetteifert
mit den Unwettern, die der Himmel sendet. Die berufenen Wchter des
Thrones -- der Priester und der Edelmann -- erheben die zu seinem
Schutze bestimmten Waffen gegen ihn, und zerstren damit im Volke den
letzten Rest des Kindertraums von der unantastbaren Heiligkeit des
Knigs.

In der altersgrauen Burg des Absolutismus sucht er sich zu verschanzen,
zu blind, um zu sehen, da sie schon eine Ruine ist.


Graf Guibert an Delphine.

_Grenoble, den 20. Juni 1788._

Teuerste Marquise. Meine Reise in den Elsa wurde im vergangenen Jahre
durch die Kriegsunruhen vereitelt; in diesem Jahre wre sie durch den
Krieg im Innern beinahe wieder verhindert worden. Ich habe Tage erlebt,
die sich nicht leicht vergessen lassen und den Soldaten mit dem Brger
in mir in schwere Gewissenskonflikte gerissen haben.

Wir hatten in Paris erfahren, da die Registrierung der neuen Edikte in
der Dauphin selbst mit Hilfe der Bajonette auf bewaffneten Widerstand
der Bevlkerung stie. Der Kommandant, der Herzog von Tonnerre, bat um
Hilfe. Ich wurde zur Rekognoszierung nach Grenoble gesandt. Kaum war ich
angelangt, als erschreckte Landleute die Straen fllten.

Das ganze Gebirge ist in Aufruhr, erzhlten sie; Mnner, wie Wilde,
in Lederjacken und geschnrten Schuhen, mit Sensen und Dreschflegeln,
Mistgabeln und Stcken bewaffnet, steigen in hellen Haufen von den
Bergen -- Ich alarmierte die Besatzung, aber es war zu spt; schon
drangen Scharen abenteuerlicher Gestalten, Leute wie Riesen mit langen
wirren Brten in die Stadt. Der Herzog von Tonnerre, den sie in seinem
Palais berfielen, wurde schwer verwundet; der General Joucourt, der
zur Hilfe gerufen worden war, meldete sich krank, und der erste
Offizier, dessen Truppe den Angreifern gegenberstand, warf den Degen
fort, breitete die Arme aus und rief: Wir schieen nicht auf unsere
Vter und Brder!

Es war eine verzweifelte Situation, der wir erst nach einigen blutigen
Zusammensten Herr geworden sind. Aber wir fhlen uns wie in
Feindesland; der kleinste Bursche zeigt seine Vaterlandsliebe, indem er
vor jedem Uniformierten die Zunge ausstreckt.

Sie kennen meine Ansichten und werden begreifen, da ich dem Befehle,
nunmehr im Elsa den Manvern beizuwohnen, mit Freuden folge, nur um
hier nicht weiter den Schergen des Absolutismus spielen zu mssen.

Ich bin nchsten Monat in Straburg und werde mir von da aus gestatten,
Ihnen in Froberg meinen Besuch zu machen.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, den 10. August 1788._

Allerschnste. Eine Zeichnung Guiberts macht die Runde in Versailles:
unter dem dsteren Torbogen einer Burg steht die zarte Elfengestalt
eines reizenden Weibes; weich fliet das weie Kleid um ihre schlanken
Glieder, aus dem schmalen sen Gesichtchen glnzen bergroe
erschrockene Kinderaugen. Delphine steht darunter -- mitten in einem
flammenden Herzen!

Delphine --, welch ein Zauber umfngt mich wieder! Wie beneide ich den
Glcklichen, der Sie sehen durfte; wie preise ich das Unglck, das Sie
nur noch schner werden lie!

Seit der Dauphin von uns gegangen ist --, es war wirklich ein leises
Davongehen, kein Sterben, -- hat die Knigin nicht mehr gelchelt. Ihr
Bild zauberte endlich wieder einen hellen Schein auf das Gesicht der
Unglcklichen.

Ich ksse sie zrtlich in Gedanken, die liebe, kleine Marquise, sagte
sie.

Und noch eine andere, eine ganz andere, hat das Bildchen angelchelt:
die Guimard.

Zum letzten Tanz hatte sie ihre alten Freunde geladen. Ihr Hotel
strahlte von hundert Kerzen, ihre Tafel bog sich unter dem Silbergert;
ein Netzwerk kstlicher Rosen hing unter dem Plafond.

Sie tanzte noch einmal alle Tnze, die ihre Triumphe gewesen waren, nur
langsam, gleichsam zgernder, als einst, -- wie im Traum. Und
whrenddessen regnete es Rosenbltter.

Die Rosen welken, meinte die Tnzerin wehmtig. Es liegt in Ihrer
Hand, sie wieder blhen zu machen -- Wie knnen Sie von uns gehn! --
Was ist die Oper ohne Sie?! rief alles durcheinander. Aber ihr
Entschlu, der Bhne zu entsagen, war unwiderruflich.

Perrckenmacher und Lakaien sind die Richter der Talente geworden; ich
aber habe meine Erfolge nur dem Urteil der besten Kreise verdankt; soll
ich mich dazu hergeben, mich von der crapule kritisieren zu lassen,
erklrte sie, und wir widersprachen nicht mehr.

Ein paar Tage spter sandte sie mir eine Karikatur: unter
federngeschmckter Perrcke eine Frau mit geschminktem Totenkopf, unter
dem rosa Gazerckchen ein Knochenbein in die Luft werfend --, das
Skelett der Grazien stand daneben, der Dank der Pariser auf der
anderen Seite in der Schrift der Guimard.

Es ist heimlicher in Ihrer alten Gespensterburg, se Delphine, als
mitten in Paris.


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 23. August 1788._

Meine teuerste Marquise. Noch fhle ich Ihre Atmosphre um mich und bin
doch schon ber zwei Wochen in Paris. Ich glaube, sie kann sich nie mehr
verflchtigen, denn sie ist, -- das haben Sie mir ja rasch und deutlich
genug zu verstehen gegeben --, nicht jene von flchtigen Liebesspielen
parfmierte Salonluft, die dem bloen offnen Fenster weicht, sondern die
herbe Luft der Vogesen selbst.

Ich kenne Frauen -- sehr wenige nur! -- die in ihrer Ehe die Erfllung
ihrer Glckstrume fanden. Um sie ist es ebenso ruhig; kein
leichtsinniges Verlangen vermag neben ihnen wach zu werden. Wie kommt es
nur, da ich bei Ihnen wie bei jenen mich fhlte, obwohl das Leid, die
Entbehrung Ihre Zge zeichnen?!

Auf der ganzen Reise trumte ich noch, so da ihre Bilder fast spurlos
an mir vorber zogen. Der bse Sommer, die berschwemmungen des
Frhjahrs machten die Landschaft traurig, wie die Menschen. Seltsam ist
es, wie das Gesicht jedes Bauern sich erhellt, wenn die Generalstnde
erwhnt werden. Das Volk erwartet von seinen Vertretern, wie frher vom
lieben Gott, die Erlsung von allem bel.

Seit Neckers Zurckberufung, die mir, wie ich Ihnen sagte, schon lange
als einziger Ausweg erschien, fange auch ich an, daran zu glauben. Er
ist entschlossen, die Generalstnde so rasch als mglich zu berufen und
den Parlamenten alle ihre Machtbefugnisse zurckzugeben. Es wird das im
Augenblick wie eine Niederlage des Knigs erscheinen, ist aber die
einzige Mglichkeit, ein starkes konstitutionelles Knigtum
aufzurichten.

Gegenwrtig steht Paris unter einem Platzregen von Broschren. Linguet,
der nichts weniger vertrgt, als vergessen zu werden, schlgt allen
Ernstes vor, zur Beruhigung der Gemter -- als Symbol der Freiheit! --
die Bastille abzutragen; ein anonymer Brief eines Brgers ergeht sich
in berschwenglichen Lobpreisungen des dritten Standes: er allein
schafft den Reichtum der Nation, aus ihm allein erwachsen die fhrenden
Geister der Kunst und Wissenschaft; eine andere Schrift spricht von den
reinen Sitten des tugendhaften Volkes, das, aufgeklrt ber seine
Macht, die Tyrannei des Adels brechen wird, wie es die des Knigtums
gebrochen hat. Ein hnlicher Ton findet sich berall; wenn der kleine
Mann diese ewigen Verbeugungen sieht, die bereifrige Volkstribunen vor
ihm machen, wird er sich bald fr den einzig berufenen Beherrscher
Frankreichs halten mssen.

Als ich Necker gegenber hnliches aussprach, war er emprt; er
bertreibt den Respekt vor der ffentlichen Meinung, die, wie er selbst
versicherte, die einzige Richtschnur seiner Handlungen ist.

Man spricht brigens von einer neuen Notabelnversammlung, die ber die
Zahl der Deputierten, die Gre der Stndevertretung und dergl. mehr
beraten soll. Wrde ich dann vielleicht das Glck genieen drfen, Sie
wieder in Paris zu sehen?


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 8. Oktober 1788._

Verehrte Frau Marquise. Zum ersten Mal hat der Prinz mich gestern nach
Ihnen gefragt, und ob ich Nachricht von Ihnen htte. Ich verneinte,
meinem Versprechen gem. Er war auerordentlich erregt -- etwas, was
man heute nur dann bemerkt, wenn es den Grad der Erregung Aller noch
wesentlich bertrifft.

Das Schicksal scheint sich gegen die Regierung verschworen zu haben. Was
sie auch tun mag, um ihre Position zu strken, schwcht sie nur.

Der Knig genehmigt die Generalstnde. Das htte entweder alles mit ihm
vershnen, oder wenigstens die drei Stnde zu gemeinsamer Friedensarbeit
vereinigen knnen. Er will aber noch mehr tun, will sein diktatorisches
Auftreten vom achten Mai vergessen lassen, und fragt seine guten Brger
nach ihrer Ansicht ber die Zahl der Deputierten fr jeden Stand. Mit
dieser Tat hat er den Zankapfel in ihre Mitte geworfen. Die
Privilegierten, die eben noch die Vorkmpfer der Freiheit waren, sind
die Gegner der Gleichheit. Der dritte Stand sieht sich seinen Feinden
gegenber!

Auf diesen Moment habe ich seit Jahren gewartet, Frau Marquise. Aber nie
htte ich geglaubt, ihn der Initiative des Knigs verdanken zu mssen.

Jetzt kommt es zur Abrechnung! Jetzt rollen wir die Rechnung der
Jahrhunderte auf! Das Defizit des Staates ist nichts gegen sie.

Die Knechtschaft, der Frohndienst, die Peitsche, der Hunger, das Blut
der Mnner, die Ehre der Tchter des Volkes --, das Alles steht darauf
und fordert Bezahlung.

In einer Gesellschaft vornehmer Leute hat, so sagte man mir, ein Mann
namens Cazotte ein Gesicht gehabt: er sah ihre Hupter unter dem
Richtschwert des Henkers. Sie lachten ber den Verrckten und wrfelten
seitdem in ihren Klubs unter zynischen Witzen um ihre eignen Kpfe. Die
Wahnsinnigen, -- sie wollen nicht wissen, da der Wrfel schon gefallen
ist.

Erschrecken Sie nicht, verehrte Frau Marquise. Sie wissen, ich litt
immer an blutigen Trumen. Aber nie, solange ich atme, soll Ihnen, soll
dem kleinen Godefroy auch nur ein Haar gekrmmt werden. Wie knnte ich
je vergessen, da er mir mit seinen kleinen Hndchen streichelnd ber
die Wange fuhr, als sehe er gar nicht meinen Buckel. Oft bin ich so ganz
verwirrt, da ich nicht zu entscheiden vermag, was ich sehnlicher
wnsche: Frankreich von der Tyrannei zu befreien, oder Sie beide aus der
dunklen Burg!


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Paris, den 8. November 1788._

Ich sah ein Bild von Dir mit einem brennenden Herzen darunter und Deinem
Namen darin. Ich sprach den Grafen Guibert, der wochenlang bei Dir war
und in Verzckung gert, wenn er Dich nur nennen hrt. Ich sah in der
Notabelnversammlung den Marquis --, weder gelhmt, noch krank, nur ein
wenig schmaler, ein wenig greisenhafter.

Ich fordere von Dir die Wahrheit -- rckhaltslos. Und was ich bisher in
blinder Liebe nur leise zu bitten wagte, das verlange ich jetzt:
Trennung oder Vereinigung. Kein wehleidiges Klagen kann mich mehr
erschttern.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 22. November 1788._

Meine Liebe. Sie fordern die Freiheit noch einmal, nachdem ich
zuversichtlich glaubte, der romantische Traum sei ausgetrumt, wie alle
Trume in unserer nchternen Zeit. Ich erfahre nunmehr, da Sie sich mir
opferten aus Mitleid mit dem Kranken, mit dem Verarmten.
Trnenselige Schwchlinge mgen diese Handlungsweise sehr rhrend
finden. Ich nicht. Denn Sie taten, was Ihre Pflicht war -- nichts
anderes.

In einem Punkt gebe ich Ihnen recht: Ein alter, armer Mann ist keine
Gesellschaft fr eine junge, schne Frau. Ich ziehe die Konsequenz aus
dieser Erkenntnis und gebe Sie frei. Sie allein -- selbstverstndlich.
Denn das Kind ist vor der Welt mein Sohn und bleibt der Erbe meines
Namens.

Die Scheidung wird in diesen aufgeregten Zeiten keinen unbersteiglichen
Hindernissen begegnen. Ich werde die ntigen einleitenden Schritte tun,
so bald Sie ber die grundlegende Frage entschieden haben: das Kind
oder die Freiheit?

Ich wrde zurckkehren, um mit Ihnen persnlich zu verhandeln, -- in
aller Ruhe selbstverstndlich, nicht im Straenjargon von Paris --, aber
im Augenblick ist jeder Einzelne unentbehrlich, da die Regierung den
dritten Stand inbezug auf die Zahl seiner Vertreter uns gleich stellen
will.

Ihre Antwort erwarte ich durch denselben Kurier.

Die Trennung von Godefroy mte natrlich eine unwiderrufliche und
vollstndige sein.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Paris, den 3. Dezember 1788._

Geliebte, einzige Frau, verzeih mir, Du Se, verzeih! Deine Briefe, --
das Schreiben des Herrn Marquis, -- die Mitteilungen Gaillards --,
zwischen Seligkeit und Emprung, zwischen Freude und Schrecken rissen
sie mich hin und her! Armes Herz, wie leidest Du, und bist so grenzenlos
allein! Du hoffst, den Marquis zu erweichen, nachdem der erste Schritt
schon getan ist; ich aber frchte, die Niederlage seiner Partei hat ihn
vollends steinhart gemacht. Die Ehre des Standes, die Ehre des Namens
ist sein einziges Idol; lt er uns das Kind, so wre das ein
Eingestndnis seiner Schmach, -- er wird es niemals zugeben. Es bleibt
uns nur eins: die Flucht. Da ich Deiner Liebe sicher bin, mute ich sie
Dir zu. Bist Du bereit, so ist alles brige ein Kinderspiel.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 10. Dezember 1788._

Sie haben mein letztes Wort. Ich bin nicht gesonnen, einen Schritt
zurckzuweichen. Nur insofern will ich Ihren Wnschen entgegenkommen,
als ich nicht zur sofortigen Entscheidung drnge. Ich gebe Ihnen ein
Jahr Bedenkzeit. Sie werden in dieser Zeit jede direkte Verbindung mit
dem Prinzen vermeiden. Sie mgen whrend seiner Dauer ermchtigt sein,
die eventuell geeignete Pflegerin fr das Kind selbst zu whlen.

Ich hre, da die Klte im Elsa noch strker ist als hier; da es uns an
Holz fehlen drfte, habe ich den Auftrag gegeben, die Parkbume fllen
zu lassen.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Paris, den 23. Dezember 1788._

Meine geliebte Delphine. Unten jubelt das Volk. Trotz der eisigen Nacht
ziehen singende Scharen durch die Straen, -- ich mchte mir die Ohren
verstopfen, um nichts zu hren, was nach Freude klingt.

Du kannst nicht fliehen, Du kannst das Kind nicht ins Elend strzen und
in die Schande, das Kind, das Dich dann einmal fragen knnte: Wer ist
mein Vater, der, dessen Namen ich trage oder der, dessen Mtresse Du
bist? Ich allein, schreibst Du, wrde alles lchelnd auf mich
nehmen, um Deinetwillen; um des Kindes willen aber darf ich es nicht.

O, Ihr Frauen, so frei und stark, und doch so schwach und gebunden!

Aber warten willst Du und des alten Mannes versteinertes Herz zu rhren
suchen! Ich will mich an Deiner Hoffnung strken, Geliebte; mte er
nicht einen Stein in der Brust tragen, wenn Deine Bitten ihn nicht zu
erweichen vermchten?!

Ich bleibe zunchst noch hier. Neckers Bericht ber die Generalstnde,
wonach die Regierung den Vertretern der Nation das Steuerbewilligungs-
und Budgetrecht zuerkennt und die Zahl der Deputierten des dritten
Standes denen der beiden ersten gleichstellt, ist klger, als ich von
ihm erwartet hatte, und sicherlich der einzige Weg zur Beruhigung der
erhitzten Gemter. Wir drfen anfangen, auf eine ruhige,
konstitutionelle Entwicklung zu hoffen.

Lebewohl, mein heigeliebtes Kind. Ksse unseren Sohn, den ich zrtlich
liebe, obwohl ein grliches Schicksal den zwischen uns schiebt, der uns
am innigsten vereinen sollte.


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 5. Januar 1789_

Verehrte Frau Marquise. Ihr Schicksal traf mich hrter, als mich jemals
das meine hat treffen knnen. Aber so wahr ich der bucklige Sohn einer
Dirne und eines Edelmanns bin, und an nichts glaube als an meine Kraft,
so wahr wird sich eine Lsung finden, wie das Schicksal Frankreichs eine
Lsung finden wird. Ich, Lucien Gaillard werde das Werk Ihrer Befreiung,
das Johann von Altenau begonnen hat, zu vollenden wissen!

Ich wollte, ich wre imstande, Ihnen die Hoffnung einzuflen, die eine
Sicherheit ist, und von der wir alle erfllt sind. Das Bewutsein der
Strke hat sie mglich gemacht --, jener Strke, die jeden Satz der
herrlichen Schrift: Was ist der dritte Stand? zu einer Waffe in
unseren Hnden schmiedet. Gestern erschien sie, abends bereits war sie
in allen Hnden; heute drhnen ihre Worte allen Privilegierten ins Ohr:
Was hlt die Gesellschaft zusammen? Die gewerbliche und die geistige
Arbeit. Wer verrichtet sie? Der dritte Stand. Wer ist in der Armee, in
der Kirche, in der Rechtspflege, in der Verwaltung mit allem belastet,
was Mhe und Anstrengung kostet und weder Ehre noch Reichtum einbringt?
Der dritte Stand. Das prgt sich unauslschlich den dumpfsten Gehirnen
ein. Wer aber besetzt die besten Stellen, die eintrglichsten mter,
wer regiert nicht nur das Reich, sondern auch den Knig; wer umgibt ihn
wie eine Mauer, da er sein eigenes Volk nicht sehen kann? Die
Aristokratie -- das weckt den Ha in der leidenschaftlosesten Seele,
den Ha, der zum Beil und zum Feuerbrand greift, wenn er ein Schwert
nicht zu fhren gewohnt ist.

Geduld, Frau Marquise. Der dritte Stand, der sich selbst befreit, wird
alle Unterdrckten und Entrechteten befreien -- auch Sie!


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 26. Februar 1789._

Teuerste Frau Marquise. Ihr Schweigen lt mich frchten, da ich Sie
unbewut verletzt haben knnte? Das wrde ich aufrichtig bedauern, denn
gerade jetzt, wo man sich gewhnt hat, seinen besten Freunden
mitrauisch gegenberzustehen, -- bis in die Intimitt hinein reicht der
Parteihader --, sollte kein Band zerrissen werden, das noch so leise mit
einem Anderen verknpft.

Die Wahlkmpfe in den Provinzen haben die Luft frmlich mit Sprengstoff
gesttigt; selbst Necker ist besorgt und versucht, die Malosigkeit des
dritten Standes einzudmmen. Aber die Presse kennt keinerlei Rcksicht
mehr; schon jetzt ist in ihren Augen die konstitutionelle Monarchie, die
von den Generalstnden erst geschaffen werden soll, ein berwundener
Standpunkt.

Der strenge Winter, der der schlechten Ernte des vorigen Jahres folgte,
treibt die Vagabunden von ganz Frankreich nach Paris, wo sie auf allen
ffentlichen Pltzen rckhaltlos das groe Wort fhren. Sie wrden die
Stadt nicht wiedererkennen. Ein Edelmann, der Insulten aus dem Wege
gehen will, ist gentigt, brgerliche Kleidung zu tragen.

Von der Agitation des Grafen Mirabeau in der Provence werden Sie gehrt
haben. Mit Freiheits- und Gleichheitsdeklamationen sucht er sich von
seiner Vergangenheit rein zu waschen, und das Volk jubelt ihm zu, wo er
sich zeigt. Wir drfen uns der Einsicht nicht verschlieen, da es die
Hetzreden der Ehrgeizigen und der Fanatiker sind, die wilde Gelste in
den Massen aufpeitschen, von denen ihre Bescheidenheit bisher keine
Ahnung hatte. Ich las nicht ohne tiefe Besorgnis, da auch die ruhigere
Bevlkerung des Elsa nicht unberhrt geblieben ist, und hoffe dringend,
von Ihnen zu hren, da Ihr stilles Schlo so fern wie von der Welt, so
fern allen inneren Kmpfen blieb.


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 12. Juli 1789._

Verehrte Frau Marquise. Die atemlose Hast alles Geschehens lie mich
verstummen, aber nicht vergessen machen, was ich gelobte. Sie wissen
durch die Journale, was sich begab: Die Niederlage des Knigs, die
wundervolle Erhebung des dritten Standes, der Beginn der
Nationalversammlung. Vor ihren Tren wartet das Volk, kampfbereit, um,
wenn es sein mu, Worte zu Taten zu machen.


_Den 16. Juli._

Ungeheures ist geschehen; die Kunde von der Entlassung Neckers und der
Berufung eines volksfeindlichen Ministeriums unterbrach meinen
begonnenen Brief. Ich strzte zum Palais-Royal.

Sie beraten in Versailles die Bartholomusnacht der Patrioten, schrie
man mir entgegen.

Mit zornbebender Stimme rief Demoulins die Brger zu den Waffen. Wie von
einer fremden Gewalt getrieben, marschierten Tausende in geschlossenen
Reihen in derselben Richtung. Aus allen Nebenstraen ergossen
Menschenmassen sich in unseren Strom. Ganz Paris war von einem Gefhl
durchdrungen.

Entsetzt von den ungezhlten Scharen, die den Truppen auf dem Platz
Louis XV. gegenberstanden, gab der Marschall Besanval den Befehl zum
Rckzug. Der frchterliche Plan der Herrschenden war vereitelt.

Am nchsten Tage glich Paris einem Kriegslager, und als der Morgen des
14. Juli graute, bedurfte es nicht mehr des lauten Rufes: Zur
Bastille!. Jeder von uns wute, als htte das Schicksal selbst ihm
seine Befehle diktiert, wohin der Weg ging. Ich will Ihr weiches Herz
nicht mit Schilderungen qulen, die mir in der Erinnerung das eigene
Blut gerinnen machen. Ich will nur sagen, was geschah: die Zwingburg
fiel! Die erste von hunderten, die rings im Lande ihre Kanonen drohend
gegen uns richten, in ihren Kellern die Schtze bergen, um die ihre
Herren uns betrogen haben, in ihren Verlieen arme Menschen gefangen
halten, die die Not zu Dieben und Mrdern oder zu Vorkmpfern der
Freiheit machte.

Ich habe eine dringende Bitte, Frau Marquise, im Interesse Ihrer eigenen
Sicherheit.

Suchen Sie unter irgend einem Vorwand in der nchsten Zeit nach dem
Palais im Park berzusiedeln. Ich habe Verbindungen mit den Elssser
Bauern; drckt der lang niedergehaltene Ha auch ihnen die Brandfackel
in die Hand, so wird nur die bewohnte Burg, nicht das verlassene
Schlchen ihr Ziel sein.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Besanon, am 23. Juli 1789._

Geliebteste! Auf dem Wege zu Dir, -- die Angst lt mich jede Rcksicht
vergessen --, habe ich hier flchtig Station machen mssen. Mein Kurier
ist beauftragt, Dir diese Zeilen zu berbringen und mich zu erwarten.
Die ganze Provinz ist in Aufruhr. Die brennenden Schlsser erhellen,
ungeheueren Fackeln gleich, die gewitterschwangeren Nchte. Ich entging
mit knapper Not der Raserei der Bauern, die Ambly, wo ich bernachtete,
anzndeten. Sie banden mich, soda ich hilflos daneben stehen mute, als
sie dem Chevalier das Herz durchbohrten und seiner unglckseligen Frau
die Kleider vom Leibe rissen. Verga man mich im Taumel der Plnderung?
Half mir ein unbekannter Freund? Ich wei es nicht. Irgend jemand
zerschnitt meine Fesseln; ich fand mein Pferd und jagte hierher, wo ich
mich verbinden lie. Ich hatte der Wunde am Arm bisher nicht geachtet.

In vierundzwanzig Stunden hoffe ich bei Dir zu sein. Rhre Dich nicht
aus der Burg. La vom Wartturm die Fahne wehen zum Zeichen, da Du da
bist.


Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Montbliard, den 6. August 1789._

Es ist vorber. Ich habe abgeschlossen. Nur eins bleibt mir brig: der
Abschied von Dir! Du hast gegen mich entschieden, Delphine. Jede Stunde
des Tages und der Nacht sehe ich den Augenblick noch vor mir, der ber
unser Leben das letzte Urteil fllte.

Wie alles gekommen ist, wird mir ewig dunkel bleiben, denn Gaillards
Mund verstummte auf immer. Ich habe seine Leiche auf meinem Pferde
hierher gefhrt und hier begraben. Der Marquis htte sie von den Wlfen
im Wald zerfleischen lassen.

Die Burg brannte schon, als ich kam. Gaillard rief mir mit dem Ausdruck
strahlender Zuversicht nur zwei Worte zu: Im Palais! Ich strzte in
den Park, ich rttelte wie ein Wahnsinniger an den verschlossenen Lden;
das morsche Holz gab nach; ich lief, Deinen Namen rufend, durch die
moderduftenden Rume --, Du warst nicht da. In groen Sprngen jagte ich
zurck.

Dicht vor den niederprasselnden Balken stand der Marquis, das Gesicht
blutberstrmt, auf dem einen Arm den weinenden Knaben, in der anderen
Hand die rauchende Pistole, Gaillard, ein Sterbender, ihm zu Fen, Du,
wie leblos an sein Knie Dich klammernd.

Ich ri Dich empor. Du starrtest mich an, wie geistesabwesend.

Der Marquis lachte schneidend auf: Brandstifter! Schon wollte ich mich
auf ihn werfen, aber als Schutzwehr hielt er mir das Kind -- mein Kind!
-- entgegen!

Delphine! schrie ich.

Die Freiheit oder das Kind, drhnte seine Stimme durch den Lrm
zusammenstrzender Mauern.

Und da -- wandtest Du Dich ab von mir! Ich klage Dich nicht an. Du
konntest nicht anders. Ich nehme Abschied auf immer.




AUSKLANG




Prinz Friedrich-Eugen Montbliard an Delphine.

_Etupes, am 21. Juni 1827._

Teure Frau Marquise. Seit gestern bin ich mit dem Leben vershnt.

Nach Jahrzehnten eines abenteuerreichen Daseins suchte ich die Sttte
auf, wo jeder Baum und jede Blume mir heilig sind, an einem Tage, da
ich, fast noch ein Knabe, meines Herzens einziges Glck zum erstenmal in
die Arme geschlossen hatte.

Ich ging die Allee hinunter, am ausgetrockneten Teich, an verwilderten
Hecken vorbei, dem kleinen weien Schlchen zu, das mir vertrumt
entgegensah.

Da bemerkte ich, dicht davor auf den verwitterten Stufen sitzend, eine
schwarze Gestalt, den verschleierten Kopf in den Hnden vergraben.

Und als ich hastig nhertrat, blickten mich pltzlich zwei Augen an, --
zwei Augen, die mir berall bis zu den Eisfeldern Rulands wie
wunderttige Sterne geleuchtet hatten --, Deine Augen, Delphine!

Wir haben beide geweint --, es waren, glaube ich, Freudentrnen!

Morgen will ich nach Italien zurck. Seit der Kaiser starb, ist
Frankreich die Fremde fr mich.

Ich breche das Versprechen, das ich Dir gab: ich komme nicht mehr nach
Laval.

Ich will mir durch keine trbselige Greisenfreundschaft die Erinnerung
an Deine Treue, Deine Liebe zerstren.




      *      *      *      *      *      *




Anmerkungen zur Transkription:

Im folgenden werden alle genderten Textstellen angefhrt, wobei jeweils
zuerst die Stelle wie im Original, danach die genderte Stelle steht.


S. 3:

die graziseste der Tnzerinnnen,

die graziseste der Tnzerinnen,

S. 10:

Ihre Gouvernannte,

Ihre Gouvernante,


S. 27:

Als ich ihn bei Mademosielle

Als ich ihn bei Mademoiselle

S. 34:

Ein junges Mdchen, -- das ist mit nicht unbekannt

Ein junges Mdchen, -- das ist mir nicht unbekannt

S. 41:

Sie, war ungemein liebenswrdig

Sie war ungemein liebenswrdig

S. 66:

nur die Wange Seiner Erlaucht ein wenig zerschlizt

nur die Wange Seiner Erlaucht ein wenig zerschlitzt

S. 78:

erreichten die Priester die Entferung

erreichten die Priester die Entfernung

S. 88:

noch immer die Egeria des Herzogs von Orlans ist

noch immer die Egeria des Herzogs von Orlans ist.

S. 112:

Sie waren verschwenderich in Ihren Gnaden

Sie waren verschwenderisch in Ihren Gnaden

S. 115:

Oder wird nur der Mann im Tte-a-Tte empfangen

Oder wird nur der Mann im Tte--Tte empfangen

S. 123:

Herr von Pirch hat durch den Herzog bereits den ersten klingenden Lohn
empfangen,

Herr von Pirch hat durch den Herzog bereits den ersten klingenden Lohn
empfangen.

S. 176:

Marie-Antionette

Marie-Antoinette

S. 179:

ergeben fr die Klugkeit,

ergeben fr die Klugheit,

S. 202:

alle Anstalten zu unserem Straburger Aufenhalt

alle Anstalten zu unserem Straburger Aufenthalt

S. 226:

brigens hat Jean-Jaques

brigens hat Jean-Jacques

S. 230:

ber das Parket von Versailles

ber das Parkett von Versailles

S. 350:

wie gebannt, zwischen Emprung und Beifall, Zhneknirchen

wie gebannt, zwischen Emprung und Beifall, Zhneknirschen

S. 360:

Warum ich Jhnen schreibe?

Warum ich Ihnen schreibe?

S. 417:

und man verbreitetete,

und man verbreitete,


rief eine Simme im Parterre: Berufen Sie doch die Notabeln!

rief eine Stimme im Parterre: Berufen Sie doch die Notabeln!



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     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
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     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
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     License.  You must require such a user to return or
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     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

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     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
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     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
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1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
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your written explanation.  The person or entity that provided you with
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providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
