The Project Gutenberg EBook of Die Abenteuer Tom Sawyers, by Mark Twain

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Title: Die Abenteuer Tom Sawyers

Author: Mark Twain

Translator: H. Hellwag

Release Date: October 3, 2009 [EBook #30165]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ABENTEUER TOM SAWYERS ***




Produced by Jens Sadowski




Transcriber's Note: This book was transcribed from the edition by
Verlag von Otto Hendel, Halle a. d. Saale, 1900.
Text that was s p a c e d - o u t in the original has been changed to use _italics_.
Double low quotation marks have been encoded as ",," and single low
quotation marks as ",", respectively.





Die Abenteuer Tom Sawyers

von

Mark Twain


_Deutsch von H. Hellwag_




Vorwort des Autors.

Die meisten der hier erzhlten Abenteuer haben sich tatschlich zugetragen.
Das eine oder das andere habe ich selbst erlebt, die anderen meine
Schulkameraden. Huck Finn ist nach dem Leben gezeichnet, nicht weniger Tom
Sawyer, doch entspricht dieser nicht einer bestimmten Persnlichkeit,
sondern wurde mit charakteristischen Zgen mehrerer meiner Altersgenossen
ausgestattet und darf daher jenem gegenber als einigermaen kompliziertes
psychologisches Problem gelten.

Ich mu hier bemerken, da zur Zeit meiner Erzhlung -- vor dreiig bis
vierzig Jahren -- unter den Unmndigen und Unwissenden des Westens noch die
seltsamsten, unwahrscheinlichsten Vorurteile und Aberglauben herrschten.

Obwohl dies Buch vor allem zur Unterhaltung der kleinen Welt geschrieben
wurde, so darf ich doch wohl hoffen, da es auch von Erwachsenen nicht ganz
unbeachtet gelassen werde, habe ich doch darin versucht, ihnen auf
angenehme Weise zu zeigen, was sie einst selbst waren, wie sie fhlten,
dachten, sprachen, und welcher Art ihr Ehrgeiz und ihre Unternehmungen
waren.

Erstes Kapitel.

,,Tom!"

Keine Antwort.

,,Tom!"

Alles still.

,,Soll mich doch wundern, wo der Bengel wieder steckt! Tom!"

Die alte Dame schob ihre Brille hinunter und schaute darber hinweg; dann
schob sie sie auf die Stirn und schaute darunter weg. Selten oder nie
schaute sie nach einem so kleinen Ding, wie ein Knabe ist, _durch_ die
Glser dieser ihrer Staatsbrille, die der Stolz ihres Herzens war und mehr
stilvoll als brauchbar; sie wrde durch ein paar Herdringe ebensoviel
gesehen haben. Unruhig hielt sie einen Augenblick Umschau und sagte, nicht
gerade erzrnt, aber doch immer laut genug, um im ganzen Zimmer gehrt zu
werden: ,,Ich werde strenges Gericht halten mssen, wenn ich dich erwische,
ich werde --"

Hier brach sie ab, denn sie hatte sich inzwischen niedergebeugt und
stocherte mit dem Besen unter dem Bett herum, und dann mute sie wieder
Atem holen, um ihrem rger Ausdruck zu verleihen. Sie hatte nichts als die
Katze aufgestbert.

,,So ein Junge ist mir noch gar nicht vorgekommen!"

Sie ging zur offenen Tr, blieb stehen und sphte zwischen den Weinranken
und dem blhenden Unkraut, welche zusammen den ,,Garten" ausmachten,
hindurch. Kein Tom. So erhob sie denn ihre Stimme und rief in alle Ecken
hinein: ,,Tom, Tom!" Hinter ihr wurde ein schwaches Gerusch hrbar und sie
wandte sich noch eben rechtzeitig um, um einen kleinen Burschen zu
erwischen und an der Flucht zu hindern. ,,Also, da steckst du? An die
Speisekammer habe ich freilich nicht gedacht! Was hast du denn da wieder
gemacht, he?"

,,Nichts."

,,Nichts! Schau deine Hnde an und deinen Mund. Was ist das?"

,,Bei Gott, ich wei es nicht, Tante!"

,,Aber _ich_ wei es, 's ist Marmelade. Wie oft habe ich dir gesagt, wenn
du ber die Marmelade gingest, wrde ich dich bluen. Gib mir den Stock
her!"

Der Stock zitterte in ihren Hnden. Die Gefahr war dringend.

,,Holla, Tante, sieh dich mal schnell um!"

Die alte Dame fuhr herum und brachte ihre Rcke in Sicherheit, whrend der
Bursche, den Augenblick wahrnehmend, auf den hohen Bretterzaun kletterte
und jenseits verschwand. Tante Polly stand sprachlos, dann begann sie
gutmtig zu lcheln. ,,Der Kuckuck hole den Jungen! Werde ich denn das
niemals lernen? Hat er mir denn nicht schon Streiche genug gespielt, da
ich immer wieder auf den Leim krieche? Aber alte Torheit ist die grte
Torheit, und ein alter Hund lernt keine neuen Kunststcke mehr. Aber, du
lieber Gott, er macht jeden Tag neue, und wie kann jemand bei ihm wissen,
was kommt! Es scheint, er wei ganz genau, wie lange er mich qulen kann,
bis ich dahinter komme, und ist gar zu gerissen, wenn es gilt, etwas
ausfindig zu machen, um mich fr einen Augenblick zu verblffen oder mich
wider Willen lachen zu machen, es ist immer dieselbe Geschichte, und ich
bringe es nicht fertig, ihn zu prgeln. Ich tue meine Pflicht nicht an dem
Knaben, wie ich sollte, Gott wei es. ,Spare die Rute, und du verdirbst
dein Kind', heit es. Ich begehe vielleicht unrecht und kann es vor mir und
ihm nicht verantworten, frcht' ich. Er steckt voller Narrenspossen und
allerhand Unsinn -- aber einerlei! Er ist meiner toten Schwester Kind, ein
armes Kind, und ich habe nicht das Herz, ihn irgendwie am Gngelband zu
fhren. Wenn ich ihn sich selbst berlasse, drckt mich mein Gewissen, und
so oft ich ihn schlagen mu, mchte mit das alte Herz brechen. Nun, mag's
drum sein, der weibgeborene Mensch bleibt halt sein ganzes Leben durch in
Zweifel und Irrtum, wie die heilige Schrift sagt, und ich denke, es ist so.
Er wird wieder den ganzen Abend Blindekuh spielen, und ich sollte ihn von
Rechts wegen, um ihn zu strafen, morgen arbeiten lassen. Es ist wohl hart
fr ihn, am Samstag stillzusitzen, wenn alle anderen Knaben Feiertag haben,
aber er hat Arbeit mehr als irgend sonst was, und ich will meine Pflicht
an ihm tun, oder ich wrde das Kind zu Grunde richten."

Tom spielte Blindekuh und fhlte sich sehr wohl dabei. Zur rechten Zeit
kehrte er ganz frech nach Hause zurck, um Jim, dem kleinen, farbigen
Bengel, zu helfen, noch vor Tisch das Holz fr den nchsten Tag zu sgen
und zu spalten -- und schlielich hatte er Jim die Abenteuer des Tages
erzhlt, whrend Jim drei Viertel der Arbeit getan hatte. Toms jngerer
Bruder (oder vielmehr Halbbruder) Sid war bereits fertig mit seinem Anteil
an der Arbeit, dem Zusammenlesen des Holzes, denn er war ein phlegmatischer
Junge und hatte keinerlei Abenteuer und khne Unternehmungen. Whrend Tom
nun seine Suppe a und nach Mglichkeit Zuckerstckchen stahl, stellte
Tante Polly allerhand Fragen an ihn, arglistige und verfngliche Fragen,
denn sie brannte darauf, ihn in eine Falle zu locken. Wie so viele
gutherzige Geschpfe, bildete sie sich auf ihr Talent in der hheren
Diplomatie nicht wenig ein und betrachtete ihre sehr durchsichtigen
Anschlge als wahre Wunder inquisitorischer Verschlagenheit.

,,Tom," sagte sie, ,,es war wohl ziemlich hei in der Schule?"

,,M -- ja"

,,_Sehr_ hei, he?"

,,M -- ja."

,,Hattest du nicht Lust, zum Schwimmen zu gehen?"

Tom stutzte -- ein ungemtlicher Verdacht stieg in ihm auf. Er schaute
forschend in Tante Pollys Gesicht, aber es war nichts darin zu lesen. So
sagte er: ,,Nein -- das heit -- nicht so sehr."

Die alte Dame streckte ihre Hand nach ihm aus, befhlte seinen Kragen und
sagte: ,,Jetzt, scheint mir, kann dir jedenfalls nicht mehr zu warm sein,
nicht?" Auf diese Art, dachte sie, habe sie sich von der vollkommenen
Trockenheit seines Kragens berzeugt, ohne ihre wahre Absicht von fern
merken zu lassen. Aber Tom hatte trotzdem begriffen, woher der Wind wehte.
So beeilte er sich wohlweislich, allen etwaigen Fragen zuvorzukommen.

,,Einige von uns haben sich den Kopf unter die Pumpe gehalten -- meiner ist
noch feucht -- fhl nur." Tante Polly rgerte sich, eine so wichtige
Indizie bersehen zu haben; so hatte sie von vornherein ihre Waffen aus der
Hand gegeben. Dann kam ihr aber ein neuer Gedanke.

,,Tom, du hast doch wohl nicht den Kragen, den ich dir an die Jacke genht
hatte, beim Unter-die-Pumpe-halten des Kopfes abgenommen? Mach doch mal die
Jacke auf!"

Toms Mienen hellten sich auf. Er ffnete seine Jacke. Sein Kragen sa ganz
fest.

,,Wirklich. Na 's ist gut, du kannst gehen. Ich htte darauf geschworen,
da du im Wasser gewesen seiest. Nun, dir geht es diesmal wie der
gebrannten Katze, ich habe dich zu Unrecht in Verdacht gehabt -- _diesmal_,
Tom."

Sie war halb verdrielich, so aus dem Felde geschlagen zu sein, und doch
freute sie sich, da Tom doch wirklich mal gehorsam gewesen war. Pltzlich
sagte Sidney: ,,Ich hab' aber doch gesehen, da du seinen Kragen mit weiem
Zwirn genht hast -- und jetzt ist er auf einmal schwarz!"

,,Freilich hab' ich weien genommen -- Tom!"

Aber Tom hatte sich schon aus dem Staube gemacht. ,,Na, warte, Sidney, das
sollst du mir ben," damit war er aus der Tr.

An einem sicheren Pltzchen beschaute Tom dann zwei lange Nadeln, welche
unter dem Kragen seines Rockes steckten, die eine mit schwarzem, die andere
mit weiem Zwirn.

,,Sie allein htte es nie gemerkt," dachte er, ,,ohne diesen Sid. Einmal
schwarzen, das andere Mal weien -- zum Teufel, ich wollte, sie entschiede
sich fr einen, damit ich wte, woran ich wre. Und Sid -- na, seine
Prgel sind ihm sicher; wenn ich's nicht tue, soll man mir die Ohren
abschneiden."

Tom war kein Musterknabe, aber er kannte einen und hate ihn von Herzen.

Ein Augenblick -- und Tom hatte alle seine Kmmernisse vergessen. Nicht,
da sie auf einmal geringer geworden wren oder weniger auf dem Herzen des
kleinen Mannes gelastet htten, -- aber Tom hatte eine neue, wundervolle
Beschftigung, und die richtete ihn auf und half ihm ber alles hinweg --
fr den Augenblick; wie eben ein Mann alles Migeschick beim Gedanken an
neue Taten verschmerzt. Diese neue Beschftigung war eine ganz neue Art, zu
pfeifen, die ihm irgend ein Negerbengel vor kurzem beigebracht hatte, und
die jetzt ungestrt gebt werden mute. Die wichtige Erfindung beruhte auf
einem vogelartigen, schmetternden Triller, mit gleichzeitigem, durch
Zungenschlag hervorgebrachten Geschwindmarsch von Tnen. Der Leser wei,
wie man diese delikate Musik ausbt -- oder er ist niemals jung gewesen.
Tom hatte mit Flei und Aufmerksamkeit bald den Trick heraus und
schlenderte, den Mund voll Harmonie und Stolz im Herzen, die Dorfstrae
hinunter. Er fhlte sich wie ein Sterngucker, der ein neues Gestirn
entdeckt hat. Nur da keines Sternguckers Freude und Genugtuung so tief und
ungetrbt hatte sein knnen wie die Toms.

Der Sommerabend war lang und noch hell. Pltzlich hrte Tom auf zu pfeifen.
Ein Fremder stand vor ihm, ein Bursche, kaum grer als er selbst. Eine
neue Bekanntschaft, einerlei, welchen Alters und Geschlechts, war in dem
armseligen, kleinen St. Petersburg schon ein Ereignis. Dieser Bursche war
gut gekleidet -- zu gut fr einen Werktag. Sonderbar. Seine Mtze war
zierlich, seine enganliegende blaue Jacke neu und sauber, ebenso seine
Hose. Er hatte Schuhe an, und es war erst Freitag! Er hatte sogar ein
Halstuch um, ein wahres Monstrum von einem Tuch. berhaupt hatte er etwas
an sich, was den Naturmenschen in Tom herausforderte. Je mehr Tom das neue
Weltwunder anstarrte, um so mehr rmpfte er die Nase ber solche
Geziertheit, und sein eigenes uere erschien ihm immer schbiger. Beide
schwiegen. Wollte einer ausweichen, so wollte auch der andere ausweichen,
natrlich nach derselben Seite. So schauten sie lange einander
herausfordernd in die Augen. Endlich sagte Tom: ,,Soll ich dich prgeln?"

,,Das mchte ich doch erst einmal sehen!"

,,Das wirst du _allerdings_ sehen!"

,,Du kannst es ja gar nicht!"

,,_Wohl_ kann ich's!"

,,Pah!"

,,_Wohl_ kann ich's!"

,,Nicht wahr!"

,,_Doch_ wahr!"

Eine ungemtliche Pause. Darauf wieder Tom: ,,Wie heit du denn?"

,,Das geht dich nichts an, Straenjunge!"

,,Ich will dir schon zeigen, da mich's was angeht!"

,,Na, warum _tust_ du's denn nicht?"

,,Wenn du noch viel sagst, _tu_ ich's!"

,,Viel -- viel -- viel, -- so, nun tu's!"

,,Ach, du hltst dich wohl fr mehr als mich? Wenn ich nur wollte, knnte
ich dich mit einer Hand unterkriegen!"

,,Na, warum _tust_ du's denn nicht? Du _sagst_ nur immer, da du's kannst!"

,,Wenn du frech wirst, tu ich's!"

,,Pah -- das kann jeder sagen!"

,,Du bist wohl was Rechts, du Windhund!"

,,Was du fr einen dummen Hut aufhast!"

,,Wenn er dir nicht gefllt, kannst du ihn ja herunterschlagen! Schlag ihn
doch runter, wenn du ein paar Ohrfeigen haben willst!"

,,Lgner!"

,,Selbst Lgner!"

,,Prahlhans, du bist ja zu feig!"

,,Ach, mach, da du weiter kommst!"

,,Du, wenn du noch lange Bldsinn schwatzt, schmei ich dir 'nen Stein an
den Kopf!"

,,Na, so wag's doch!"

,,Ich tu's auch!"

,,Warum tust du's denn nicht? Du _sagst_ es ja immer nur. Tu's doch mal! Du
bist ja zu bange!"

,,Ich bin nicht bange!"

,,_Natrlich_ bist du bange!"

,,Nicht wahr!"

,,Doch wahr!"

Wieder eine Pause. Beide starren sich an, gehen umeinander herum und
beschnffeln sich wie junge Hunde. Pltzlich liegen sie in schnster
Kampfstellung Schulter an Schulter. Tom schrie: ,,Scher dich fort!"

,,Fllt mir gar nicht ein!"

,,Fllt mir auch nicht ein!"

So standen sie, jeder einen Fu als Sttze zurckgestellt, aus aller Kraft
aneinander herumschiebend und sich wtend anstarrend. Aber keiner konnte
dem Gegner einen Vorteil abgewinnen. Von diesem stillen Kampf hei und
atemlos, hielten beide gleichzeitig inne, und Tom sagte: ,,Du bist _doch_
ein Feigling und ein Aff obendrein! Ich werd's meinem groen Bruder sagen,
der kann dich mit dem kleinen Finger verhauen, und ich werd's ihm sagen,
da er's tut!"

,,Was schert mich dein Bruder! Ich hab' einen Bruder, der noch viel strker
ist als deiner. Der wirft deinen Bruder ber den Zaun da!"

Beide Brder waren natrlich durchaus imaginr.

,,Das lgst du!"

,,Das weit _du_!"

Tom zog mit dem Fu einen Strich durch den Sand und sagte: ,,Komm herber
und ich hau dich, da du liegen bleibst!"

Sofort sprang der andere hinber und sagte herausfordernd: ,,So, nun tu's!"

,,Mach mich nicht wtend, rat ich dir!"

,,Beim Deuker, fr zwei Penny wrd' ich's wirklich tun!"

Im nchsten Augenblick hatte der feine Junge ein Zweipennystck aus der
Tasche geholt und hielt es Tom herausfordernd vor die Nase. Tom schlug es
ihm aus der Hand. Im nchsten Augenblick rollten beide Jungen im Schmutz,
ineinander verbissen wie zwei Katzen, und whrend ein paar Minuten rissen
und zerrten sie sich an den Haaren und Kleidern, schlugen und zerkratzten
sich die Nasen und bedeckten sich mit Staub und Ruhm. Pltzlich klrte sich
die Situation, und aus dem Kampfgewhl tauchte Tom empor, auf dem andern
reitend und ihn mit den Fusten traktierend.

,,Sag: Genug!"

Der Bengel setzte seine krampfhaften Bemhungen, sich zu befreien, fort,
vor Wut schreiend.

,,Sag: Genug!" Und Tom prgelte lustig weiter.

Schlielich stie der andere ein halb ersticktes ,,Genug" hervor. Tom lie
ihn aufstehen und sagte: ,,So, nun weit du's! Das nchste Mal sieh dich
besser vor, mit wem du anbindest!"

Der Fremde trollte sich, sich den Staub von den Kleidern schlagend,
schluchzend, sich die Nase reibend, von Zeit zu Zeit sich umsehend, um Tom
zu drohen, da _er ihn_ das nchste Mal verhauen werde, worauf Tom hhnisch
lachte und seelenvergngt nach Hause schlenderte. Und sobald er den Rcken
gewandt hatte, hob der andere einen Stein auf, zielte, traf Tom zwischen
die Schultern und rannte davon mit der Geschwindigkeit einer Antilope. Tom
verfolgte den Verrter bis zu dessen Wohnung und fand so heraus, wo er
wohne. Als tapferer Held blieb er dann herausfordernd eine Zeitlang an
einem Zaun stehen, um zu warten, ob der Feind es wagen werde, wieder
herauszukommen; aber der Feind begngte sich, ihm durch die Fenster
Gesichter zu schneiden und htete sich, den neutralen Boden zu verlassen.
Schlielich erschien des Feindes Mutter und nannte Tom ein schlechtes,
lasterhaftes, gemeines Kind und jagte ihn davon. So ging Tom also fort,
aber er sagte, ,,er hoffe, den Feind doch noch einmal zu erwischen."

Er kam ein bichen spt nach Haus, und indem er behutsam in das Fenster
kletterte, entdeckte er einen Hinterhalt in Gestalt seiner Tante; und als
_sie_ den Zustand seiner Kleider sah, war ihr Entschlu unumstlich
gefat, ihn am Samstag in strenge Haft zu nehmen und ordentlich schwitzen
zu lassen.

Zweites Kapitel.

Samstag morgen war gekommen, und es war ein heller, frischer Sommermorgen
und sprhend von Leben. Jedes Herz war voll Gesang, und wessen Herz jung
war, der hatte ein Lied auf den Lippen. Freude glnzte auf allen
Gesichtern, und die Lust, zu springen, zuckte in aller Fen. Die Akazien
blhten, und ihr ser Duft erfllte die Luft.

Cardiff Hill, in der Nhe des Hauses und dasselbe berragend, war von Grn
bedeckt und war gerade entfernt genug, um wie das gelobte Land,
trumerisch, ruhevoll und unberhrt zu erscheinen.

Tom erschien auf der Bildflche mit einem Eimer voll Farbe und einem groen
Pinsel. Er berblickte die Umzunung -- und aller Glanz schwand aus der
Natur, und tiefe Schwermut bemchtigte sich seines Geistes. Dreiig Yards
lang und neun Fu hoch war der unglckliche Zaun! Das Leben erschien ihm
traurig. Er empfand sein kleines Dasein als Last. Seufzend tauchte er den
Pinsel in den Topf und strich einmal ber die oberste Planke, wiederholte
die Operation, und nochmals, und verglich das kleine gestrichene Stckchen
mit der unendlichen noch zu erledigenden Strecke -- und hockte sich
entmutigt auf einen Baumstumpf. Jim kam mit einem Zinneimer aus der Tr,
,,Buffalo Gals" singend. Wasser von der Pumpe zu holen, war Tom bisher
immer als eine der unwrdigsten Verrichtungen erschienen, jetzt schien es
ihm anders. Er sagte sich, da er dort Gesellschaft finden werde; Weie,
Mulatten und Neger, Knaben und Mdchen traf man immer dort, die, bis an sie
die Reihe, zu pumpen kam, herumlungerten, irgend ein Spiel trieben, sich
zankten, prgelten und Wetten anstellten. Und dann berlegte er, da die
Pumpe zwar nur einhundertundfnfzig Yards entfernt sei, Jim trotzdem aber
nie unter einer Stunde brauchte, um einen Eimer Wasser zu holen, und dann
auch noch gewhnlich geholt werden mute. Er sagte also: ,,Du, Jim, ich
will Wasser holen, wenn du inzwischen anstreichen willst."

Jim schttelte den Kopf und antwortete: ,,Es geht nicht, Master Tom. Alte
Dame sagen mir zu gehen und holen Wasser und nix aufhalten mit irgendwem.
Sie sagen, sie wissen, da Master Tom werden versuchen zu gewinnen mich zu
streichen, und so sie sagen, Jim zu gehen nach sein eigenes Geschft und
nix zu streichen."

,,Ach was, Jim, la sie nur reden! So macht sie's immer. Gib mir nur den
Eimer -- du sollst sehen, ich bin gleich wieder da! Sie braucht's ja nicht
zu wissen."

,,Nein, Master Tom, ich nix tun! Alte Dame wollen ihm Kopf abreien, wenn
er tut so. Sicher, Master Tom!"

,,Sie? Sie kann ja gar nicht schlagen -- sie fhrt einem mit dem Fingerhut
ber den Kopf, und wer macht sich _daraus_ was? Ihre Worte sind gefhrlich,
hm, -- ja, aber _sagen_, ist doch nicht _tun_, wenn sie nur nicht so viel
dabei weinen wollte. -- Du, Jim, ich geb dir auch 'ne Murmel! Oder 'ne
Glaskugel!"

Jim begann zu schwanken.

,,Eine weie Glaskugel, Jim -- und horch mal, was fr 'nen schnen Klang
hat sie!"

,,Ach, sein das schne, wunderschne Glaskugel! Aber Master Tom, ich haben
so furchtbar Angst vor alte Dame!"

Aber Jim war auch nur ein Mensch -- diese Verfhrungsknste waren zu stark
fr ihn. Er setzte seinen Eimer hin und griff nach der Kugel. Im nchsten
Augenblick sauste er die Strae hinunter mit seinem Eimer und einem
Schreckensschrei, -- Tom arbeitete mit Vehemenz, und Tante Polly, einen
Pantoffel in der Hand und Triumph im Auge, kehrte vom Felde zurck.

Aber Toms Energie hielt nicht lange an. Er begann, an all die Streiche zu
denken, die er fr heute geplant hatte, und sein Kummer wurde immer grer.
Bald wrden seine Spielgefhrten, frei und sorglos, vorbeikommen, um auf
alle mglichen Expeditionen auszugehen und die wrden ihre Witze reien
ber ihn, der dastand und arbeiten mute -- der bloe Gedanke daran brannte
wie Feuer. Er kramte seine weltlichen Schtze aus und hielt Heerschau:
allerhand selbsterfundenes Spielzeug, Murmel und Plunder -- genug, um sich
einen Arbeitstausch zu erkaufen, aber _nicht_ genug, um dadurch auch nur
fr eine halbe Stunde die Freiheit zu bekommen. So steckte er seine
armselige Habe wieder in die Tasche und gab den Gedanken auf, einen
Bestechungsversuch bei den Jungen zu machen. Mitten in diese trben und
hoffnungslosen Betrachtungen kam pltzlich ein Einfall ber ihn. Durchaus
kein groer, glnzender Einfall. Er nahm seinen Pinsel wieder auf und
setzte ruhig die Arbeit fort. Ben Rogers erschien in Sicht, der Junge aller
Jungen, der sich ber alle lustig machen durfte. Bens Gang war springend,
tanzend, hpfend -- Beweis genug, da sein Herz leicht und seine Gedanken
und Plne groartig waren. Er knupperte an einem Apfel und lie ein langes,
melodises ho! ho! hren, gefolgt von einem gegrunzten: ding, dong, ding!
ding, dong, dong! -- denn er war in diesem Augenblick ein Dampfboot. Als er
nher kam, migte er seine GeschwindigKeit, nahm die Mitte der Strae, bog
nach Steuerbord ber und legte elegant und mit vielem Geschrei und Umstand
bei, denn er vertrat hier die Stelle des ,,Big Missouri" und hatte neun Fu
Tiefgang. Er war Dampfboot, Kapitn, Bemannung zugleich und sah sich selbst
auf der Kommandobrcke stehend, Befehle gebend und ihre Ausfhrung
berwachend.

,,Stopp!! Ling -- a, ling, ling!!" Die Hauptroute war zu Ende, und er
wandte sich langsam einem Nebenarme des Flusses zu. ,,Stopp! Zurck!! Ling
-- a, ling, ling!" Seine Arme sanken ermdet herunter. ,,Steuerbord wenden!
Ling -- a, ling, ling! Tschschschuh! Tschuh! Tschuuuhhh!!!" Sein Arm
beschrieb jetzt groe Kreise, denn er stellte ein Rad von 40 Fu
Durchmesser dar. ,,Backbord zurck! Ling -- a, ling, ling! Tschschuh!
Tschuh! Tschuuuhhh!!" Wieder beschrieb der Arm -- diesmal der linke --
gewaltige Kreise. ,,Steuerbord stopp!! Ling -- a, ling, ling! Backbord
stopp! Halt! Langsam berholen! Ling -- a, ling, ling! Tschschuh! Tschuh!
Tschuuuhhh!! Heraus mit dem Tau dort! Lustig, hoho! Heraus damit! He --
wird's bald?! Ein Tau dort um den Pfeiler -- so, nun los, Jungens -- los!!
Maschine stopp!! Ling -- a, ling, ling!!"

,,Tschschuh! Schscht! Schscht!!" (Lt den Dampf ausstrmen.)

Tom war ganz vertieft in seine Anstreicherei, er merkte nichts von der
Ankunft des Dampfbootes! Ben blieb einen Moment stehen, dann sagte er:
,,Ho, ho, Strafarbeit, Tom, he?"

Keine Antwort. Tom berschaute seine Arbeit mit dem Auge eines Knstlers.
Dann machte er mit dem Pinsel noch einen eleganten Strich und bte wieder
Kritik. Ben rannte zu ihm hin, Tom wsserte der Mund nach dem Apfel, aber
er stellte sich ganz vertieft in seine Arbeit. Ben sagte: ,,Hallo, alter
Bursche, Strafarbeit, was?"

,,Ach, bist du's, Ben. Ich hatte dich nicht bemerkt."

,,Weit, ich geh' grad zum Schwimmen. Wrdest du gern mitgehen knnen?
Aber, natrlich, bleibst du lieber bei deiner Arbeit, nicht?"

Tom schaute den Burschen erstaunt an und sagte: ,,Was nennst du _Arbeit_?"

,,Na, ist das denn _keine_ Arbeit?"

Tom betrachtete seine Malerei und sagte nachlssig: ,,Na, vielleicht _ist_
das Arbeit, oder es ist _keine_ Arbeit, jedenfalls macht es Tom Sawyer
Spa."

,,Na, na, du willst doch nicht wirklich sagen, da dir das da Spa macht!?"

Der Pinsel strich und strich.

,,Spa? Warum soll's denn _kein_ Spa sein? Kannst _du_ vielleicht jeden
Tag einen Zaun anstreichen?"

Ben erschien die Sache pltzlich in anderem Lichte. Er hrte auf, an seinem
Apfel zu knuppern. Tom fuhr mit seinem Pinsel bedchtig hin und her, hin
und her, hielt an, um sich von der Wirkung zu berzeugen, half hier und da
ein bichen nach, prfte wieder, whrend Ben immer aufmerksamer wurde,
immer interessierter. Pltzlich sagte er: ,,Du, Tom, la mich ein bichen
streichen!"

Tom berlegte, war nahe daran, einzuwilligen, aber er besann sich: ,,Ne,
ne. Ich wrde es herzlich gern tun, Ben. Aber -- Tante Polly gibt so viel
gerade auf diesen Zaun, gerade an der Strae -- weit du. Aber wenn es der
_schwarze_ Zaun wre, wr's _mir_ recht und _ihr_ wr's auch recht. Ja, sie
gibt schrecklich viel auf diesen Zaun, deshalb mu ich das da _sehr_
sorgfltig machen! Ich glaube von tausend, was -- zweitausend Jungen ist
vielleicht nicht einer, der's ihr recht machen kann, wie sie's haben will."

,,Na -- wirklich? -- Du -- gib her, nur mal versuchen, nur ein klein --
bichen versuchen. Ich wrde dich lassen, wenn's _meine_ Arbeit wre, Tom."

,,Ben, ich wrd's wahr -- haf -- tig gern tun; aber Tante Polly -- weit
du, Jim wollt's auch schon tun, aber sie lie ihn nicht. Sid wollte es tun,
aber sie lie es ihn auch nicht tun! Na, siehst du wohl, da es nicht geht?
Wenn du den Zaun anstrichest und es _passierte_ was, Ben --"

,,O, Unsinn! Ich will's so vorsichtig machen! Nur mal versuchen! Wenn ich
dir den Rest von meinem Apfel geb'?"

,,Na, dann -- ne, Ben, tu's nicht, ich hab' _solche_ Angst --!"

,,Ich geb' dir den ganzen Apfel!"

Tom gab mit betrbter Miene den Pinsel ab -- innerlich frohlockend. Und
whrend der Dampfer ,,Big Missouri" in der Sonnenhitze arbeitete und
schwitzte, sa der Knstler, ausruhend, auf einem Baumstumpf im Schatten
des Zaunes, schlug die Beine bereinander, verzehrte seinen Apfel und
grbelte, wie er noch mehr Unschuldige zu seinem Ersatz anlocken knne.
Opfer genug waren vorhanden. Jeden Augenblick schlenderten Knaben vorbei.
Sie kamen, um ihn zu verhhnen und blieben, um zu streichen. Nach einiger
Zeit war Ben mde geworden, Tom hatte als Nchsten Billy Fisher ins Auge
gefat, der ihm eine tote Ratte und eine Schnur, um die Ratte daran durch
die Luft fliegen zu lassen, anbot; und von Johnny Miller bekam er eine gut
erhaltene Sackpfeife, und so immer weiter -- stundenlang. Und als der
Nachmittag halb vergangen war, war aus dem armen, verlassenen Tom vom
Morgen ein buchstblich in Reichtum schwimmender Tom geworden. Er besa
auer den angefhrten Sachen zwlf Murmel, ein Stck eines Brummeisens, ein
Stck blau gefrbtes Glas zum Durchschauen, eine Spielkanone, ein Messer,
das gewi nie jemand Schaden getan hatte oder jemals tun konnte, ein
bichen Kreide, einen Glasstpsel, einen Zinnsoldaten, den Kopf eines
Frosches, sechs Feuerschwrmer, ein Kaninchen mit einem Auge, einen
messingnen Trgriff, ein Hundehalsband (aber keinen Hund), den Griff eines
Messers, vier Orangeschalen und einen kaputten Fensterrahmen. Er hatte
einen sorglosen, bequemen, lustigen Tag gehabt, eine Menge Gesellschafter
-- und der Zaun hatte eine dreifache Lage Farbe bekommen! Wre nicht der
Zaun jetzt fertig gewesen -- Tom htte noch alle Jungens des Dorfes
bankerott gemacht.

Tom dachte bei sich, die Welt wre schlielich doch wohl nicht so buckelig.
Er war, ohne es selbst recht zu wissen, hinter ein wichtiges Gesetz
menschlicher Ttigkeit gekommen, _das_ nmlich, da, um jemand, gro oder
klein, nach etwas lstern zu machen, es nur ntig ist, dieses Etwas schwer
erreichbar zu machen. Wre er ein groer und weiser Philosoph gewesen,
gleich dem Verfasser dieses Buches, er wrde jetzt begriffen haben, da,
was jemand tun _mu_, Arbeit, was man _freiwillig_ tut, dagegen Vergngen
heit. Er wrde ferner verstanden haben, da knstliche Blumen machen oder
in der Tretmhle ziehen, ,,Arbeit" ist, Kegelschieben aber oder den Mont
Blanc besteigen, ,,Vergngen".

Es gibt reiche Englnder, die einen Viererzug zwanzig bis dreiig Meilen in
einem Tage laufen lassen, weil dieser Spa sie einen Haufen Geld kostet;
wrden sie aber dafr bezahlt werden, so wrden sie es als ,,Arbeit"
ansehen und darauf verzichten.

Drittes Kapitel.

Tom prsentierte sich Tante Polly, welche in einem gemtlichen, zugleich
als Schlaf-, Frhstcks- und Speisezimmer dienenden Raum am offenen Fenster
sa und fleiig mit Handarbeit beschftigt gewesen war. Die balsamische
Sommerluft, die vollkommene Ruhe, Blumenduft und Summen der Bienen, alles
hatte seine Wirkung gebt -- sie war ber ihrer Beschftigung eingenickt.
Sie hatte nur die Katze zur Gesellschaft gehabt, und _die_ schlief in ihrem
Korbe. Die Brille hatte sie (Tante Polly) zur Vorsicht auf ihren grauen
Kopf weiter hinaufgeschoben. Sie mochte geglaubt haben, Tom sei lngst
wieder flchtig geworden und wunderte sich nun, ihn ungeniert neben sich
sitzen zu sehen.

,,Darf ich jetzt spielen gehen, Tante?" fragte Tom unschuldig.

,,Was, schon wieder? Was hast du denn heut getan?"

,,Alles fertig, Tante!"

,,Tom, lg' nicht! Ich glaub's nicht!"

,,Ich lge aber nicht, Tante. Es ist alles fertig."

Tante Polly setzte kein besonderes Vertrauen in seine Beteuerungen. Sie
ging hinaus, um selbst zu sehen, und sie wre zufrieden gewesen, htte sie
zwanzig Prozent von Toms Worten wahr gefunden; als sie sah, da wirklich
der ganze Zaun gestrichen und nicht nur leicht gestrichen, sondern
grndlich und mehrfach mit Farbe bedeckt, und noch ein Stck Boden
obendrein eine Farbschicht abbekommen hatte, war ihr Erstaunen
unaussprechlich. Sie sagte: ,,Na, das htt' ich nicht fr mglich gehalten!
Ich sehe, Tom, du _kannst_ arbeiten, wenn du willst." Und dann dmpfte sie
das Kompliment, indem sie hinzufgte: ,,Aber es ist mchtig selten, _da_
du willst -- leider. 's ist gut, geh' jetzt und spiel. Schau aber, da du
in einer Woche sptestens wieder hier bist, oder ich hau' dich -- --"

Sie war so berrascht durch den Glanz seiner Heldentat, da sie ihn in die
Speisekammer zog und einen auserwhlten Apfel hervorsuchte und ihn ihm gab
-- mit dem salbungsvollen Hinweis darauf, wie getane Arbeit jeden Genu
erhhe und veredele -- wenn sie fleiig, ehrlich und ohne Kniffe und
Betrgerei getan werde. Und whrend sie mit einer passenden Bibelstelle
schlo, hatte er ein Stck Kuchen stibitzt. Dann hpfte er davon und sah
Sid gerade die Auentreppe hinaufklettern, die auf einen Hinterraum im
zweiten Boden fhrte. Erdklumpen waren genug vorhanden, und im nchsten
Moment sausten eine ganze Menge durch die Luft. Sie fielen wie ein
Hagelwetter um Sid herum nieder. Und bevor Tante Polly ihre berraschten
Lebensgeister sammeln konnte und zu Hilfe eilen, hatten sechs oder sieben
Geschosse ihr Ziel erreicht, und Tom war ber den Zaun und davon. Es war
zwar eine Tr in demselben, aber wie man sich denken kann, hatte Tom es
viel zu eilig, um da durchzugehen. Er fhlte sich erleichtert, nun er sich
mit Sid wegen dessen Verrates auseinandergesetzt und ihm eine tchtige
Lektion gegeben hatte.

Tom umging einen Huserblock und gelangte in eine schlammige Allee, die zu
Tante Pollys Kuhstall fhrte. Tom machte sich schleunigst aus dem Gebiet,
wo Gefangenschaft und Strafe drohten und strebte dem ffentlichen
Spielplatz des Dorfes zu, wo sich zwei feindliche Truppen von Knaben
Rendezvous geben sollten -- nach vorhergegangener Verabredung. Tom war der
Anfhrer der einen, sein Busenfreund Joe Harper kommandierte die andere.
Diese beiden groen Generale lieen sich nicht herab, selbst zu kmpfen --
das schickt sich fr den groen Haufen -- sondern saen zusammen auf einem
Hgel und leiteten die Operationen durch Befehle an die Unterfhrer. Toms
Armee gewann einen groen Sieg -- nach einer langen, hartnckigen Schlacht.
Dann wurden die Toten beerdigt, die Gefangenen ausgetauscht, die
Bestimmungen fr das nchste Zusammentreffen getroffen und der Tag dafr
festgesetzt, worauf sich die Armeen in Kolonnen formierten und
zurckmarschierten -- Tom marschierte allein nach Haus.

Als er an dem Hause des Jeff Thatcher vorbeikam, sah er im Garten ein
unbekanntes Mdchen, ein liebliches, kleines, blauugiges Geschpf mit
hellem, in zwei Zpfen gebundenem Haar, weiem Sommerkleid und gestickten
Hschen. Der ruhmreiche Held fiel, ohne einen Schu getan zu haben. Eine
gewisse Amy Lawrence war mit einem Schlage aus seinem Herzen verstoen und
lie nicht einmal eine Erinnerung darin zurck. Er hatte sie bis zum
Wahnsinn zu lieben geglaubt; seine Liebe war ihm als Anbetung erschienen;
und nun zeigte es sich, da es nur eine schwache, unbestndige Neigung
gewesen sei. Er hatte durch Monate um sie geseufzt, sie hatte seine Liebe
vor kaum einer Woche erst mit ihrer Gegenliebe belohnt; er war vor kurzen
sieben Tagen noch der glcklichste und stolzeste Bursche der Welt gewesen,
und jetzt, in einem Augenblick war sie gleich irgend einer beliebigen
Fremden, der man flchtig begegnet ist, aus seinem Herzen verschwunden.

Er betrachtete diesen neuen Engel mit glnzenden Augen, bis er merkte, da
sie ihn entdeckt habe. Dann stellte er sich, als wisse er gar nichts von
ihrer Anwesenheit, und begann dann, nach rechter Jungensmanier, sich zu
spreizen, um ihre Bewunderung zu erregen. Diese Torheiten trieb er eine
Weile, schielte dann hinber und sah, da das kleine Mdchen sich dem Hause
zugewandt hatte. Tom kletterte auf den Zaun und balancierte oben herum,
machte ein trbseliges Gesicht und hoffte, sie werde sich dadurch zu
lngerem Verweilen bewegen lassen. Sie blieb auch einen Augenblick stehen,
dann ging sie weiter der Tr zu. Tom stie einen tiefen Seufzer aus, als
sie die Trschwelle betrat, aber seine Mienen hellten sich auf, leuchteten
vor Vergngen, denn sie hatte in dem Moment, ehe sie verschwand, ein
Stiefmtterchcn ber den Zaun geworfen. Tom rannte herzu und blieb dicht
vor der Blume stehen, beschattete seine Augen und schaute die Strae
hinunter, als htte er dort etwas von grtem Interesse entdeckt. Dann nahm
er einen Strohhalm auf und begann ihn auf der Nase zu balancieren, indem er
den Kopf zurckwarf. So sich rechts und links drehend, kam er der Blume
immer nher. Schlielich ruhte sein bloer Fu darauf, seine Zehen nahmen
sie auf, und er hpfte mit seinem Schatz davon und verschwand um die
nchste Ecke. Aber nur fr eine Minute -- bis er die Blume unter seiner
Jacke versteckt hatte, auf seinem Herzen oder auch auf dem Bauche, denn er
war in der Anatomie nicht sehr bewandert und durchaus nicht kritisch. Dann
kehrte er zurck, lungerte auf seinem Zaun herum und lie seine Augen nach
ihr herumspazieren, bis die Nacht anbrach; aber die Kleine lie sich nicht
wieder sehen. Tom trstete sich mit dem Gedanken, da sie hinter irgend
einem Fenster gestanden und von seinen Aufmerksamkeiten Notiz genommen
habe. Endlich ging er nach Hause, den Kopf voll angenehmer Vorstellungen.

Whrend des ganzen Abendessens war er so geistesabwesend, da sich seine
Tante wunderte, was in ihn gefahren sein knne. Er bekam wegen seiner
Beschieung Sids Schelte und schien sich weiter gar nichts daraus zu
machen.

Er versuchte, seiner Tante vor der Nase Zucker zu stehlen und bekam was auf
die Finger. Er sagte: ,,Tante, du schlgst Sid nie, wenn er so was macht!"

,,Na, Sid treibt's auch nicht so arg wie du. _Du_ wrdest den ganzen Tag im
Zucker sein, wenn ich nicht aufpate."

Gleich darauf ging sie in die Kche, und Sid, auf seine Unverletzlichkeit
pochend, griff nach der Zuckerdose, mit einer Selbstberhebung gegen Tom,
die diesem unertrglich dnkte. Aber Sids Finger glitten aus, und die
Zuckerdose fiel auf den Boden und zerbrach. Tom war auer sich vor
Vergngen, _so_ auer sich, da er sogar seine Zunge im Zaume hielt und
verstummte. Er nahm sich vor, kein Wort zu sagen, auch nicht, wenn seine
Tante wieder hereinkomme -- solange, bis sie frage, wer dieses Verbrechen
begangen habe. Dann wollte er es sagen, und niemand auf der Welt wrde so
glcklich sein wie _er_, wenn dieser Musterknabe auch einmal was auf die
Pfoten bekam. Er war so voll Erwartung, da er sich kaum zurckhalten
konnte, als die alte Dame dann kam und vor den Scherben stand und
Zornesblitze ber den Rand ihrer Brille schleuderte. Er sagte zu sich:
Jetzt kommt's! Und im nchsten Augenblick zappelte er auf dem Fuboden!
Eine drohende Hand schwebte ber ihm, um ihn nochmals zu treffen; Tom
brllte: ,,Halt, halt, warum prgelst du _mich_? Sid hat sie zerbrochen!"

Tante Polly hielt erschrocken inne, und Tom sah sofort, da sich das
Mitleid bei ihr zu regen begann. Aber sie sagte nur: ,,Auf! Ich denke, bei
dir schadet kein Schlag. Du hast manches auf dem Kerbholz, wofr du keine
Prgel bekommen hast."

Dann aber empfand sie doch Reue und htte gerne etwas Liebevolles,
Vershnendes gesagt. Aber sie dachte, das knne als Zugestndnis ihres
Unrechts gelten, und dadurch wrde die Disziplin leiden. So schwieg sie und
ging betrbten Herzens ihren Geschften nach. Tom verkroch sich in einen
Winkel und whlte in seinen Leiden. Er wute, da seine Tante innerlich vor
ihm auf den Knien lag, und er fhlte wilde Genugtuung bei diesem Gedanken.
Er wrde sich nichts merken lassen und ,,nicht dergleichen tun." Er wute,
da liebevolle Blicke auf ihm ruhten, aber er spielte den Gleichgltigen.
Er stellte sich vor, wie er krank oder tot daliege und seine Tante
hnderingend ber ihm, um ein verzeihendes Wort bettelnd; aber er wrde
sich abwenden und sterben, ohne das Wort zu sagen. Was wrde sie dann wohl
empfinden? Dann wieder sah er sich, vom Flu nach Hause getragen, tot, mit
triefenden Haaren, steifen Gliedern und fr immer erstarrtem Herzen. O, wie
wrde sie sich ber ihn werfen, wie wrden ihre Trnen flieen und wie
wrde sie zu Gott flehen, ihn ihr wiederzugeben, und sie wrde ihn nie, nie
wieder mihandeln! Aber er wrde kalt und bla daliegen und sich nicht
regen, ein kleiner Mrtyrer, dessen Leiden fr immer zu Ende sind. So
schraubte er seine Gefhle durch eingebildetes Elend knstlich in die Hhe,
da er fast daran erstickt wre -- er war so leicht gerhrt! Seine Augen
schwammen in einem trben Nebel, welcher zu Trnen wurde, sobald er
blinzelte, und herabrann und von der Spitze seiner Nase troff. Und solche
Wollust bereitete ihm sein Kummer, da er sich nicht um die Welt von irgend
jemand htte trsten oder aufheitern lassen; er war viel zu zart fr eine
solche Berhrung mit der Auenwelt. Und als seine Cousine Mary nach einem
eine ganze Woche langen Besuch auf dem Lande lustig und guter Dinge
hereinhpfte, sprang er auf und schlich in Einsamkeit und Klte zu _einer_
Tr hinaus, whrend _sie_ Gesang und Sonnenschein zur _anderen_
hereinbrachte. Er vermied die Orte, an denen sich seine Freunde
herumzutreiben pflegten und suchte vielmehr trostlos-verlassene Gegenden,
die mit seiner Stimmung mehr im Einklang wren.

Ein Holzflo auf dem Flusse lud ihn ein; er setzte sich ans uerste Ende
und versenkte sich in die traurige Eintnigkeit um ihn her und wnschte
nichts anderes, als tot und ertrunken zu sein -- aber ohne vorher einen
hlichen Todeskampf durchmachen zu mssen. Danach zog er seine Blume
hervor. Sie war zerknittert und verwelkt und erhhte noch das se Gefhl
der Selbstbemitleidung.

Ob _sie_ Mitleid mit ihm haben wrde, wenn sie wte? Wrde sie weinen und
sich danach sehnen, die Arme um ihn zu schlingen und ihn wieder zu
erwrmen? Oder wrde sie sich gleich der brigen Welt kalt abwenden? Dieses
Bild schien ihm so rhrend, da er es sich immer und immer wieder ausmalte
und ausschmckte, bis er es greifbar vor sich sah. Schlielich stand er
seufzend auf und schlich in die Finsternis hinaus. Um halb zehn oder zehn
Uhr gelangte er in die Strae, in welcher die angebetete Unbekannte wohnte.
Er blieb einen Augenblick stehen; kein Ton traf sein lauschendes Ohr; aus
einem Fenster des zweiten Stockes fiel ein schwacher Lichtschimmer. War
_dieser_ Raum durch ihre Anwesenheit geheiligt? Er erkletterte den Zaun und
bahnte sich seinen eigenen Weg durch das Buschwerk, bis er unter dem
Fenster stand. Lange und aufmerksam sphte er hinauf. Dann legte er sich
auf die Erde nieder, die Hnde ber der Brust gefaltet und in den Hnden
seine arme, verwelkte Blume. Und so wollte er sterben -- drauen, in der
kalten Welt, kein Dach ber sich, ohne eine freundliche Hand, die ihm den
Todesschwei von der Stirn wischen wrde, ohne ein mitleidiges Gesicht, das
sich, wenn der Todeskampf kam, ber ihn beugen wrde -- und wrde _sie_
wohl eine Trne weinen ber seinen armen toten Leib, wrde es ihr weh tun,
ein blhendes, junges Leben so grausam geknickt, so nutzlos vernichtet zu
sehen?

Das Fenster ging auf; eines Dienstmdchens mitnende Stimme entweihte die
stille Ruhe und ein Strom Wasser berschttete die berreste des Mrtyrers.
Halb erstickt sprang unser Held auf, prustend und sich schttelnd. Ein
Wurfgescho durchsauste die Luft, ein unterdrckter Fluch, das Klirren
einer zerbrochenen Fensterscheibe -- und eine kleine unbestimmte Gestalt
kroch ber den Zaun und verschwand in der Dunkelheit.

Nicht lange danach, als Tom bereits zum Schlafengehen entkleidet, seine
durchnten Sachen beim Scheine eines Talglichtes besichtigte, erwachte
Sid. Er wollte seine Glossen dazu machen, hielt es aber doch fr besser, zu
schweigen, denn aus Toms Augen schossen Blitze. Tom kroch ins Bett, ohne
sich lange mit Beten aufzuhalten, und Sid merkte sich das gehrig, um
gelegentlich Gebrauch davon zu machen.

Viertes Kapitel.

Die Sonne ging ber einer ruhigen Welt auf und schien ber das Dorf wie ein
Segensspruch. Nach dem Frhstck hielt Tante Polly Hausandacht. Sie begann
mit einem aus den krftigsten Bibelstellen bestehenden, mit ein bichen
eigenen Gedanken verbrmten Gebet. Und von dieser Hhe aus gab sie ein
grimmiges Kapitel des mosaischen Gesetzes zum besten -- wie vom Sinai
herab. Danach grtete Tom, um diesen Ausdruck zu gebrauchen, seine Lenden
und machte sich ans Werk, sich seine Bibelverse einzutrichtern. Sid hatte
die natrlich schon am Tage vorher gelernt. Tom brachte es mit Aufbietung
aller Energie auf fnf Verse -- die er aus der Bergpredigt gewhlt hatte,
da er keine krzeren finden konnte.

Nach einer halben Stunde hatte Tom eine unbestimmte, allgemeine Idee von
seiner Lektion. Weiter kam er nicht, denn seine Gedanken spazierten durch
das ganze Gebiet menschlichen Denkens, und seine Finger hatten allerhand
zerstreuende Nebenbeschftigungen. Schlielich nahm Mary sein Buch, um ihn
zu berhren, und er machte krampfhafte Anstrengungen, um seinen Weg durch
den Nebel zu finden.

,,Selig sind die --  --  --  --"

,,Die da arm sind --"

,,Ja -- arm sind; selig sind, die da arm sind --  --  --  --"

,,Im Geiste --"

,,Im Geiste; selig sind, die da arm sind im Geiste, denn sie -- sie --"

,,Ihrer --"

,,Denn ihrer; selig sind, die da arm sind im Geiste, denn ihrer -- ist das
Himmelsreich!"

,,Selig sind, die da Leid tragen, denn sie -- sie --  --  --"

,,So -- --"

,,Denn sie s -- o --"

,,S -- o -- l -- l --?"

,,Denn sie soll --. Ach was, ich wei nichts weiter!"

,,Sollen --"

,,Ach so: sollen! Denn sie sollen -- denn sie sollen --  -- -- sollen
Leid tragen --, denn sie sollen --  -- sollen -- was? Warum sagst du mir's
nicht. Mary! Sei doch nicht so eklig!"

,,Ach, Tom, du armer, dickkpfiger Kerl, ich qul' dich ja nicht. Das fllt
mir gar nicht ein. Du mut dich halt nochmal dahinter setzen. Nur nicht
mutlos. Tom, du wirst es schon zwingen -- und wenn du's kannst, Tom, geb
ich dir ganz, ganz was Schnes! Na also, sei ein braver Junge!"

,,Meinetwegen. -- Du, Mary, was ist es denn?" ,,Jetzt noch nicht, Tom. Wenn
ich sage, 's ist was Schnes, dann ist's was Schnes!"

,,Da hast du recht, Mary. Na also, ich werd's noch mal tun!"

Und er machte sich nochmal darber. Und unter dem doppelten Ansporn der
Neugier und der Erwartung des Gewinnes machte er sich mit solcher Vehemenz
darber, da er einen schnen Erfolg hatte.

Mary gab ihm ein nagelneues Taschenmesser, zwlf und einen halben Pence
mindestens im Wert; ein Schauer des Entzckens fuhr ihm durch die Glieder.
Es ist wahr, zum Schneiden war das Messer nicht gerade zu brauchen, aber es
war ein echtes ,,Barlow" und von unaussprechlicher Pracht; und wenn unter
den Burschen des ,,Wild-West" die Behauptung aufgestellt worden ist, dieses
Messer trage seine Bezeichnung als ,,Waffe" durchaus zu Unrecht, so ist das
eine kolossale Lge; so ist's, mgen sie sagen, was sie wollen. Tom
versuchte die Tischkante damit anzuschneiden, und war eben in voller
Ttigkeit, als man ihn abrief, um zur Sonntagsschule Staat zu machen.

Mary gab ihm einen Zinneimer und Seife, und er ging zur Tr hinaus und
setzte den Eimer auf eine kleine Bank; dann tauchte er die Seife ins Wasser
und legte sie daneben; krempelte sich die rmel auf, lie das Wasser
auslaufen, ging in die Kche zurck und begann hinter der Tr sich das
Gesicht mit dem Tuch eifrig abzutrocknen.

Aber Mary entri ihm das Tuch und sagte: ,,Schmst du dich nicht, Tom? Du
sollst nicht immer so schlecht sein. Ein bichen Wasser schadet dir
wahrhaftig nicht."

Tom war einen Augenblick in Verwirrung. Der Eimer wurde wieder gefllt, und
diesmal blieb er eine Weile darber gebeugt stehen, Mut sammelnd. Ein
tiefer Seufzer -- und los! Als er dann wieder in die Kche zurckkam, beide
Augen geschlossen, und nach dem Tuch griff, tropften Schmutz und Wasser von
seinem Gesicht herunter -- ein ehrenvolles Zeichen seines Mutes. Aber als
er hinter dem Tuche wieder auftauchte, sah er durchaus noch nicht
einwandfrei aus; das reine Gebiet hrte an Mund und Ohren auf. Jenseits
dieser Linie breitete sich eine undurchdringlich schwarze Flche bis in den
Nacken aus. Mary nahm ihn jetzt in die Mache und als sie mit ihm fertig
war, sah er wie ein tadelloser Gentleman aus, fleckenlos und mit hbschen
Sonntagslocken in gleichmiger Verteilung. (Er selbst hate diese Locken
von Herzen und versuchte, sie auf den Kopf niederzubrsten; denn er hielt
Locken fr weibisch, und sie erfllten sein Leben mit Bitterkeit.) Dann kam
Mary mit einem Anzuge, den er whrend zweier Jahre nur an Sonntagen
getragen hatte und der allgemein nur als die ,,anderen Kleider" bezeichnet
wurde -- woraus man auf den Stand seiner Garderobe schlieen kann. Das
Mdchen schubste ihn noch ein bichen zurecht, nachdem er sich selbstndig
angezogen hatte. Sie verlieh ihm einen gewissen (ganz ungewohnten) Schein
von Zierlichkeit, zog den Hemdkragen herunter, brstete ihn ab und krnte
ihn mit seinem farbigen Strohhut. So sah er auerordentlich sanftmtig und
behaglich aus. Und er fhlte sich auch so. Sein Widerwillen gegen ganze und
saubere Kleider war unverwstlich. Er hoffte, Mary werde wenigstens die
Stiefel vergessen, aber diese Hoffnung wurde zunichte. Sie bestrich sie,
wie es sich gehrt, mit Talg und brachte sie ihm. Jetzt verlor er die
Geduld und sagte, er solle immer tun, was er nicht mchte. Aber Mary sagte
berredend: ,,Na, komm, Tom, sei ein braver Bursche!" So fuhr er brummend
in seine Stiefel. Mary war bald fertig, und die drei Kinder gingen zur
Sonntagsschule, ein Ort, der Tom grndlich verhat war. Aber Sid und Mary
gingen sehr gern hin.

Die Zeit der Sonntagsschule war von neun bis halb zehn Uhr; dann kam der
Gottesdienst. Zwei der Kinder blieben stets mit Vergngen zur Predigt da,
das dritte blieb auch -- ja, aber aus anderen Grnden. Die hochlehnigen,
schmucken Kirchensthle konnten ber dreihundert Personen fassen; das
Gebude selbst war klein, vollgestopft -- mit einer Art fichtenem Kasten
als Turm darauf.

An der Tr blieb Tom ein bichen zurck und hielt einen sonntglich
gekleideten Kameraden an: ,,Sag, Bill, hast du ein gelbes Billett?"

,,M -- ja!"

,,Was willst du dafr haben?"

,,Was willst du geben?"

,,Ein Stck Zuckerstange und einen Angelhaken."

,,Zeig her."

Tom zeigte seine Tauschobjekte. Sie waren befriedigend, und das Geschft
wurde gemacht. Dann erhandelte Tom einige blaue und rote Zettel gegen
hnliche Kleinigkeiten. Er stellte die anderen Jungen, wie sie ihm in den
Weg kamen, und verkaufte, indem er Zettel der verschiedenen Farben dagegen
kaufte. Dann ging er in die Kirche, inmitten eines Schwarmes geputzter,
lrmender Knaben und Mdchen, schlngelte sich auf seinen Platz und fing
mit dem ersten besten Streit an. Der Lehrer, ein wrdiger, bejahrter Mann,
trat dazwischen. Dann wandte er sich einen Augenblick um, und Tom ri einen
Knaben in der vorderen Bank an den Haaren und war vertieft in sein Buch,
als der Knabe herumfuhr. Darauf stach er einen anderen mit einer Nadel,
dieser schrie auf, und Tom erhielt abermals einen Verweis. Toms ganze
Klasse war eine Musterklasse -- nach _seinem_ Muster -- unruhig, vorlaut
und lrmend. Als es ans Aufsagen der Lektion ging, wute nicht ein einziger
seine Verse grndlich, alles stmperte und war unsicher. Indessen -- sie
kamen durch, und jeder erhielt seine Besttigung in Form eines blauen
Zettels, jeder mit einem Bibelspruch darauf; jeder solcher Zettel galt fr
zwei aufgesagte Verse. Zehn blaue Zettel waren gleich einem roten und
konnten gegen einen solchen umgetauscht werden; zehn rote machten einen
gelben aus, und fr diesen gab der Superintendent eine sehr einfach
gebundene Bibel (heutzutage gewi vierzig Cents wert).

Wie viele meiner Leser wrden Flei und Aufmerksamkeit genug haben, um
zweitausend Verse auswendig zu lernen, und handelte es sich um eine
Doresche Bibel? Und doch hatte Mary auf diese Weise zwei Bibeln erworben;
es war das Werk zweier Jahre; ein Knabe deutscher Abkunft hatte es gar auf
vier oder fnf gebracht. Einmal hatte er dreitausend Verse hergesagt, ohne
zu stocken. Aber die geistige Anstrengung war zu gro gewesen, und er war
von dem Tage an nicht viel besser als ein Idiot -- ein bses Migeschick
fr die Schule, denn vor diesem Ereignis hatte der Superintendent bei
besonderen Gelegenheiten den Knaben vortreten und ,,sich blhen" lassen
(wie Tom das nannte). Nur die gesetzteren Schler gaben sich die Mhe, ihre
Zettel aufzubewahren, und ihr langweiliges Werk solange fortzusetzen, bis
sie Anspruch auf eine Bibel hatten. So war die Erlangung eines solchen
Preises ein seltenes und bemerkenswertes Ereignis; der Sieger war an seinem
Ehrentage eine so groe, hervorragende Person, da heiliger Ehrgeiz die
Brust eines jeden Schlers erfllte und oft mehrere Wochen anhielt. Es ist
mglich, da Toms Streben niemals auf einen solchen Preis gerichtet war,
zweifellos aber sehnte sich sein ganzes Sein nach dem Ruhm und Aufsehen,
die ein solches Ereignis mit sich brachten.

Der Geistliche stand jetzt vor der Versammlung, einen geschlossenen Psalter
in der Hand und den vierten Finger zwischen die Bltter geschoben. Er
befahl Ruhe. Wenn nmlich ein Sonntagsschullehrer seine gewohnte kleine
Rede vom Stapel lassen will, ist ein Psalterbuch in seiner Hand so
notwendig, wie die Notenbltter in der Hand eines Sngers, der im Konzert
vom Podium aus ein Solo vortragen soll -- wer wei, warum? Denn niemals
werden Psalterbuch oder Notenbltter beim Vortrag geffnet.

Der Superintendent war ein schmchtiger Mann von fnfunddreiig Jahren, mit
sandgelbem Ziegenbart und kurzgeschorenem sandgelbem Haar. Er trug einen
steifen Stehkragen, dessen oberer Rand seine Ohren streifte und dessen
scharfe Ecken bis zu den Mundwinkeln vorsprangen -- eine Planke, die ihn
zwang, den Kopf stets vorzustrecken und den ganzen Krper zu drehen, wenn
er zur Seite blicken wollte. Sein Kinn war in eine riesige Krawatte
gezwngt, die so breit und lang war, wie eine Banknote und spitze Enden
hatte. Mr. Walter war uerst ernsthaft von Aussehen und sehr gutmtig und
ehrenhaft von Charakter. Und er hielt geistige Dinge und Angelegenheiten so
sehr in Ehren und wute sie so streng von allem Weltlichen zu trennen, da
seine Sonntagsschulstimme ihm selbst unbewut einen gewissen Klang
angenommen hatte, von dem sie an Wochentagen vollkommen frei war.

Er begann also: ,,Nun, Kinder, sitzt einmal so ruhig und gesittet, als es
euch nur immer mglich ist, und pat einmal ein paar Minuten tchtig auf,
denn _darauf_ kommt es vor allem an! _Das_ sollten alle braven Knaben und
Mdchen stets tun! Ich sehe ein kleines Mdchen, das zum Fenster
hinausschaut -- ich frchte, sie bildet sich ein, ich wre irgendwo
drauen, vielleicht in einem Baum und hielte den Vgeln meine Rede?!
(Unterdrcktes Kichern.) Ich mchte euch sagen, da es mich glcklich
macht, so viele frische, helle Kindergesichter an diesem Ort versammelt zu
sehen, um zu lernen, recht tun und gut sein."

In diesem Stil ging's immer weiter. Es ist nicht ntig, den Rest der Rede
hierherzusetzen. Sie war ganz nach bekanntem Muster -- wir alle haben sie
mal gehrt.

Das letzte Drittel der Rede wurde durch die Wiederaufnahme des Kampfes
zwischen gewissen bsen Buben gestrt und durch Unruhe und Geschwtz hier
und dort, deren Wellen sogar an den Grundlagen solcher Felsen der
Folgsamkeit und Bravheit, wie Sid und Mary, nagten. Aber mit dem
Schwcherwerden von Mr. Walters Stimme wurde auch das allgemeine Summen
schwcher, und der Schlu der Rede wurde mit stiller Heiterkeit begrt.

Zum guten Teil war die Unaufmerksamkeit hervorgerufen worden durch ein
ziemlich seltenes Vorkommnis: das Erscheinen von Besuchern: Richter
Thatcher, begleitet von einem sehr schwachen, alten Mann, einem vornehmen,
mittelalterlichen Gentleman mit eisengrauem Haar, und einer wrdevollen
Dame, zweifellos der Frau des letzteren. Die Dame fhrte ein Kind an der
Hand. Tom war bis dahin unruhig und schuldbewut gewesen -- er konnte den
Blick aus Amy Lawrences Augen nicht ertragen -- es sprach _zu viel_ Liebe
aus diesem Blick! Aber als er diesen kleinen Ankmmling sah, war seine
Beklommenheit auf einmal vorbei. Im nchsten Augenblick lie er wieder
seine Knste spielen -- er knuffte andere Knaben, ri sie an den Haaren,
schnitt Fratzen, mit einem Wort, tat alles, was nur irgend eines Mdchens
Aufmerksamkeit erregen und ihren Beifall gewinnen kann. Aber seine
Exaltation wurde rasch gedmpft, er erinnerte sich seiner Erlebnisse im
Garten dieses Engels; aber diese Erinnerung wurde rasch durch das
Glcksgefhl, von dem sein Herz pltzlich erfllt war, fortgeschwemmt.

Den Besuchern wurden die hchsten Ehrenbezeugungen erwiesen, und nach
Beendigung von Mr. Walters Anrede fhrte er sie in der Schule herum. Der
mittelalterliche Mann schien ein bedeutender Mann zu sein. Er war der
oberste Richter des Kreises -- gewi die erhabenste Persnlichkeit, die
diese Kinder bis jetzt gesehen hatten; und sie grbelten darber, aus
welchem Stoff der wohl gemacht sein knne; und dann waren sie begierig auf
seine Stimme und dann zitterten sie wieder davor, sie zu hren. Er war aus
Konstantinopel -- zwlf Meilen entfernt, -- er war also durch die ganze
Welt gekommen und hatte _alles_ gesehen; diese Augen hatten das Staatshaus
gesehen, von dem man sagte, es habe ein wirkliches Zinndach! Die scheue
Ehrfurcht, welche diese Vorstellungen hervorriefen, war aus dem absoluten
Schweigen und den starr auf ihn gerichteten Augen deutlich zu lesen.

Das also war der groe Richter Thatcher, der Bruder ihres Brgermeisters.

Von Jeff Thatcher hie es sogleich, er sei mit dem groen Mann verwandt,
und _den_ beherbergte die Schule! Es wrde Musik fr Jeffs Ohren gewesen
sein, htte er gehrt, was man von ihm flsterte.

,,Sieh nur, Jim, er ist wahrhaftig vorgegangen! Donnerwetter, er will ihm
die Hand geben. Er hat ihm die Hand gegeben. Bei Jingo, mchtet wohl auch
Jeff sein, he?"

Mr. Walter suchte sich jetzt in Geltung zu bringen durch mglichste
Geschftigkeit, erteilte Befehle, fllte Urteile, gab Winke hier und dort
und berall, und zeigte, da er am rechten Platz sei. Darauf ,,zeigte" sich
der Bcherverwalter, rannte mit Sten von Bchern herum, klapperte mit den
Bcherbrettern und vollfhrte einen Spektakel, da es fr jeden
Vorgesetzten eine wahre Lust sein mute. Die jungen Lehrerinnen ,,zeigten"
sich auch, taten schn mit Kindern, die sie eben geprgelt hatten, hoben
warnend ihre niedlichen Finger gegen bse Buben und streichelten brave,
kleine Mdchen. Die jungen Lehrer ,,zeigten" sich mit kleinen Ermahnungen
und anderen Beweisen ihrer Autoritt und ihrer Sorgfalt. Und alle Lehrenden
beiderlei Geschlechts machten sich mit Vorliebe am Klassenpult zu tun, und
es schienen Geschfte zu sein, die fortwhrend wiederholt werden muten
(und wie sie dabei rgerlich waren!). Die kleinen Mdchen ,,zeigten" sich
auf verschiedene Weise, und die Knaben ,,zeigten" sich mit solchem
Nachdruck, da die Luft mit Papierkugeln und halb unterdrcktem Geznk
angefllt war. Und bei alledem sa der groe Mann da, hatte ein erhabenes
Richterlcheln fr die ganze Schule und wrmte sich im Glanze seiner
eigenen Gre, denn er ,,zeigte" sich erst recht. Aber eins fehlte, was Mr.
Walters Glck vollgemacht htte, das war die Gelegenheit, einen Bibelpreis
auszuteilen und eins seiner Wunderkinder zu zeigen. Mehrere Schler hatten
eine Menge kleinerer Zettel, aber niemand hatte genug. Er htte die Welt
darum gegeben, seinen kleinen Deutschen fr eine einzige Stunde
wiederzuhaben.

Da -- trat Tom Sawyer vor, neun gelbe Zettel, neun rote und zehn blaue, und
verlangte eine Bibel! Das wirkte wie ein Blitz aus heiterm Himmel! So etwas
htte Walter nicht erwartet -- in den nchsten zehn Jahren sicher nicht.
Aber es war nichts auszusetzen -- da lagen die ntigen Zettel beisammen und
nahmen sich hbsch genug aus. Tom erhielt also seinen Platz beim Richter
und den anderen Auserwhlten, und die unerhrte Neuigkeit wurde nach allen
Himmelsgegenden ausposaunt.

Es war zweifellos die staunenswerteste Tatsache des Jahrzehnts; und so tief
war die Erregung, da sie den neuen Helden auf die Hhe des Kreisrichters
hob und die Schule zwei Weltwunder aus einmal zu bestaunen hatte. Die
Jungen waren durch die Bank von Neid erfllt. Aber die am tiefsten
Beleidigten waren diejenigen, welche zu spt einsahen, da sie selbst zu
diesem unerhrten Glanz beigetragen hatten, indem sie Tom Billetts
verkauften fr die Schtze, welche er durch bertragung der
Anstreich-Gerechtsame erworben hatte. Sie verachteten sich selbst, da sie
sich durch einen listigen Betrger hatten anfhren lassen.

Der Preis wurde Tom berreicht, mit so viel Salbung, als der Superintendent
unter solchen Umstnden auftreiben konnte. Aber es war doch nicht der
rechte Schwung darin, denn sein Instinkt sagte ihm, hierbei msse ein
Geheimnis walten, das wohl nicht ganz gut das Licht der Sonne vertragen
wrde. Es war ganz einfach unglaublich, da _dieser_ Knabe zweitausend
Bibelverse in seinem Kopfe aufgespeichert haben sollte -- ein Dutzend schon
htte zweifellos seine Krfte berstiegen. Amy Lawrence war ganz rot vor
Stolz und versuchte, es Tom zu zeigen, aber er _wollte_ nicht sehen. Sie
wunderte sich; dann grmte sie sich ein bichen; schlielich stieg ein
leiser Verdacht in ihr auf und verflog und kam wieder. Sie pate auf. _Ein_
heimlicher Blick verriet ihr Welten, und dann brach ihr Herz, und sie wurde
eiferschtig und wtend, und die Trnen kamen, und sie hate alle, alle,
Tom natrlich am meisten.

Tom wurde vor den Richter gefhrt. Aber seine Zunge klebte am Gaumen, der
Schwei trat ihm auf die Stirn, sein Herz klopfte -- teils infolge der
Gre des Mannes, aber mehr noch, weil er _ihr_ Vater war. Er htte, wre
es dunkel gewesen, vor ihm niederfallen und ihn anbeten mgen. Der Richter
legte die Hand auf Toms Kopf und nannte ihn einen tchtigen, kleinen Mann
und fragte ihn nach seinem Namen. Der Junge stammelte, hustete und stie
endlich mhsam heraus: ,,Tom!"

,,O nein -- nicht _Tom_, sondern --"

,,Thomas."

,,Richtig. Ich dachte mir doch, da noch etwas fehlte. Gut. Aber ich
glaube, du hast noch einen Namen, und du wirst ihn mir nennen, nicht?"

,,Nenne dem Herrn deinen anderen Namen, Thomas, und sage: Herr! Nicht
vergessen, was sich schickt!"

,,Thomas Sawyer -- Herr!"

,,So -- so ist's recht! Ein guter Junge. Ein braver Junge. Ein braver,
kleiner Junge. Zweitausend Verse sind viel -- sehr, sehr viel! Und Sie
brauchen die Mhe, die es Ihnen bereitet hat, es ihm beizubringen, sicher
nicht zu bereuen; denn Kenntnisse sind gewi mehr wert, als irgend etwas
anderes in der Welt. Sie machen groe Mnner und groe Menschen. -- Du
wirst eines Tages ein groer Mann sein und ein groer Mensch, Thomas, und
dann wirst du zurckblicken und sagen: Das alles verdanke ich der
herrlichen Sonntagsschule meines Heimatsdorfes; alles meinen lieben
Lehrern, die mich angehalten haben, zu lernen; alles dem guten
Superintendenten, der mich anfeuerte und ber mir wachte und mir eine
wundervolle Bibel schenkte, eine herrliche, prchtige Bibel, damit ich sie
immer, immer bei mir haben mge; alles meiner Erziehung! _Das_ wirst du
sagen, Thomas! Und du wrdest dir mit _keinem_ Geld deinen Schatz von
zweitausend Versen bezahlen lassen -- nein, wahrhaftig nicht! -- Und jetzt
kannst du mir und dieser Dame eine groe Freude machen und uns einige
deiner Verse aufsagen -- du wirst es _gern_ tun, denn wir freuen uns ja _so
sehr_ ber einen fleiigen Knaben. Ohne Zweifel kennst du die Namen aller
zwlf Jnger. Willst du uns also die Namen der beiden zuerst erwhlten
Jnger nennen?"

Tom zupfte an einem Knopf und sah mglichst einfltig aus. Er wurde rot und
senkte die Augen. Mr. Walters Herz sank mit. Er sagte sich, es sei gar
nicht mglich, von diesem Jungen Antwort auf die einfachste Frage zu
bekommen -- und _den_ gerade mute der Richter fragen! Doch fhlte er sich
veranlat, zu Hilfe zu kommen und sagte: ,,Antworte dem Herrn, Thomas, --
frchte dich nicht!"

Tom wurde immer rter.

,,Nun, ich wei, _mir_ wirst du es sagen," mischte sich hier die Dame ein.
,,Die Namen der zwei ersten Jnger waren --"

,,David und Goliath!"

Decken wir den Schleier der Nchstenliebe ber das, was nun folgte!

Fnftes Kapitel.

Ungefhr um halb zehn Uhr begann die kleine Glocke der Kirche zu luten,
und sogleich begann das Volk zur Morgenpredigt herbeizustrmen. Die
Sonntagsschulkinder zerstreuten sich durchs ganze Haus und nahmen Pltze
bei ihren Eltern ein, um unter Aufsicht zu sein. Tante Polly kam, und Tom,
Sid und Mary saen bei ihr. Tom wurde zunchst der Kanzel plaziert, um so
weit wie mglich vom offenen Fenster und dem Sommer drauen entfernt zu
sein.

Das Volk fllte die Kirche. Der alte, gichtbrchige Postmeister, der
bessere Tage gesehen hatte, der Mayor und seine Frau -- denn es gab einen
Mayor, neben vielen anderen unntzen Dingen, -- der Ortsrichter, die Witwe
Douglas, zart, klein und lebhaft, eine edle, gutherzige Seele und immer
obenauf (ihr Haus war das einzige steinerne im Dorf, und das gastfreieste
und bei Festlichkeiten verschwenderischste, das St. Petersburg aufweisen
konnte); Lawyer Riverson; dann die Schnheit des Dorfes, gefolgt von einem
Haufen elegant gekleideter, mit allerhand Firlefanz behangener junger
Herzensbrecher; dann all die jungen Ladendiener des Dorfes, alle
gleichzeitig, denn sie hatten im Vestibl gestanden, Sholz raspelnd --
eine ltriefende, einfltige Schutztruppe -- bis das letzte Mdchen
Spieruten gelaufen war. Und zuletzt von allen kam der Musterknabe, Willie
Mufferson, seine Mutter so sorgsam an der Hand fhrend, als wre sie aus
Glas. Er brachte seine Mutter stets zur Kirche und war der Liebling aller
alten Damen. Das junge Volk hate ihn -- er war _zu_ gut; und dann war er
ihnen gar zu oft als Muster vorgehalten worden. Sein weies Taschentuch
hing ihm aus der Tasche -- so war es damals am Sonntag Mode. Tom hatte kein
Taschentuch und verachtete jeden Jungen, der eins hatte. Da die Versammlung
jetzt so ziemlich vollzhlig war, lutete die Glocke nochmals, zur Mahnung
fr Nachzgler und Mige, und dann senkte sich eine groe Stille auf die
Kirche, nur unterbrochen durch das Kichern und Wispern auf dem Chor. Der
Chor kicherte und wisperte immer und berall whrend des ganzen
Gottesdienstes. Es hat einmal einen Kirchenchor gegeben, der _nicht_
schlecht erzogen war, aber ich wei nicht mehr wo. Es ist schon eine ganze
Reihe von Jahren her, und ich kann mich wahrhaftig nicht mehr an die
Einzelheiten erinnern -- aber ich glaube, es war in einem fremden Lande.

Der Geistliche gab das Lied an und las es nach einer ganz besonderen, in
dieser Gegend sehr beliebten Manier in singendem Ton herunter. Seine Stimme
begann mit schwachem Flstern, wuchs bestndig an, bis sie einen Punkt
erreichte, wo sie unter Herausstoung des letzten Wortes pltzlich abbrach
und wie ein Springbrunnen herunterplumpste.

Er galt als wundervoller Vorleser. Bei allen kirchlichen Versammlungen
wurde er aufgefordert, Verse vorzutragen, und wenn er damit fertig war,
hoben die Ladies ihre Hnde und lieen sie wieder in den Scho fallen und
verdrehten die Augen und schttelten die Kpfe, als wollten sie sagen:
Worte knnen hier nichts sagen, es ist _zu_ wundervoll, zu wundervoll fr
diese Erde!

Nach dem Liede begann der Reverend Mr. Sprague eine Art Tagesbericht, indem
er sich ber Nachrichten von Meetings und Versammlungen und tausenderlei
Dinge verbreitete, bis alle Weltlust aus dem heiligen Hause gewichen zu
sein schien -- eine seltsame Mode, die berall in Amerika zu finden ist,
sogar in den groen Stdten und bis in unser Zeitalter des
Zeitungs-berflusses hinein.

Und jetzt kam die Predigt. Es war eine gute, leutselige Predigt und ging
bis ins einzelne. Sie beschftigte sich mit der Kirche und mit den Kindern
der Kirche; mit den anderen Kirchen des Dorfes; mit dem Dorfe selbst; mit
dem Lande; mit dem Staat; mit den Behrden der einzelnen Staaten; mit den
Vereinigten Staaten; mit dem Kongre; mit dem Prsidenten; mit den
Staatsdienern; mit den armen, sturmumtosten Seefahrern; mit den unter dem
Joch ihrer Monarchen seufzenden Millionen Europas und des Orients; mit den
Glcklichen und Reichen, die nicht Augen haben, zu sehen und Ohren, zu
hren; mit den armen Seelen auf fernen Inseln; und schlo mit der Bitte,
da seine Worte auf guten Boden fallen und dereinst hundertfltige Frucht
tragen mchten. Amen.

Darauf folgte Kleiderrascheln, und die Versammlung setzte sich. Der Knabe,
dessen Geschichte dieses Buch enthlt, hatte keine Freude an dieser
Predigt, er hrte sie einfach an -- und vielleicht auch das nicht. Doch
merkte er sich einzelne Details daraus, ganz unbewut, denn, wie gesagt, er
achtete kaum darauf, aber er kannte den Sermon des Geistlichen schon lngst
und bemerkte es sofort, wenn mal irgend ein neuer Passus eingeschoben war,
und das empfand er dann unangenehm; er hielt Beistze und Abweichungen von
dem Althergebrachten fr unnobel und unrecht.

Whrend der Predigt setzt sich eine Fliege auf den Sitz des Kirchenstuhls
vor ihm und marterte ihn durch das fortwhrende Aneinanderreiben ihrer
Beine. Dann umarmte sie ihren eigenen Kopf und drckte ihn so stark, da
die Glieder am Kopfe angewachsen zu sein schienen, fesselte ihre Flgel mit
den Hinterbeinen und prete sie an den Krper, wie einen berrock und
verrichtete ihre ganze Toilette mit einer Ruhe, als fhle sie sich
vollkommen sicher. Und so war es auch. Denn als sich Toms Hand ihr nherte,
um sie zu erwischen, blieb sie ruhig sitzen. -- Tom dachte, wenn sich ihm
diese Beschftigung bei Beginn der Predigt geboten htte, wrde es ein
angenehmer Zeitvertreib fr seinen Geist gewesen sein. -- Aber beim
Schlusatz begann seine Hand sich zu krmmen und sich vorwrts zu bewegen;
und im Augenblick, da das ,,Amen" gesprochen wurde, war die Fliege eine
Kriegsgefangene. Seine Tante sah es und veranlate ihre Befreiung.

Der Geistliche gab seinen Text an und behandelte den ersten Teil mit so
grndlicher Langweile, da manch ein Kopf zu nicken begann; ein anderer
Teil wieder war so voll Feuer und Schwefel und setzte der Versammlung so
zu, da sie ganz geknickt und so klein und nichtig erschien, da es kaum
der Erwhnung wert ist.

Tom zhlte die Seiten der Predigt, und nach dem Gottesdienst wute er stets
ganz genau, wie viel es gewesen waren, aber ber die Predigt selbst wute
er selten etwas anzugeben. Diesmal indessen gab er doch fr eine kleine
Weile Obacht. Der Geistliche gab eine lange und rhrende Schilderung vom
Wiedersehen irdischer Schafe im Paradiese, wenn Lwe und Lamm beieinander
liegen wrden und ein kleines Kind sie am Gngelbande fhren knnte. Aber
Pathos, Eifer, Moral -- alles war verloren an dem kleinen Burschen; er
dachte blo an die Herrlichkeit dieses Heldendarstellers unter den
unsichtbaren Wesen; und er stellte sich vor, wie schn es sein msse,
dieses Kind darzustellen -- wenn der Lwe ein zahmer Lwe sein wrde.

Bei der Schlubetrachtung geriet er dann wieder in tiefe Leiden. Er
erinnerte sich pltzlich eines Schatzes, den er besa und zog ihn hervor.
Es war ein groes, schwarzes Ungeheuer, mit schrecklichen Kinnbacken --
Kneifzangen, sagte Tom. Es befand sich in einer Zndholzschachtel. Das
erste, was das Tier tat, war, ihn in den Finger zu beien. Ein tchtiger
Nasenstber folgte, und das Tier flog in einen Kirchenstuhl, wo es liegen
blieb -- der verwundete Finger wanderte in Toms Mund. Das Tier lag auf dem
Rcken, hilflos mit den Beinen strampelnd, unfhig, aufzustehen. Tom sah es
und griff danach, aber es befand sich auerhalb seines Bereiches. Irgend
jemand wollte sich auf den Stuhl niederlassen, sah das Tier ebenfalls und
warf es kurzerhand herunter.

Pltzlich kam ein herrenloser Pudel des Weges, trbselig, faul infolge der
Sommerhitze, gelangweilt durch die Gefangenschaft, und sich nach einem
Abenteuer umsehend. Er entdeckte das Tier. Sein Schwanz richtete sich empor
und begann zu wedeln. Er betrachtete seinen Fund, ging um ihn herum,
beschnffelte ihn aus sicherer Entfernung, ging wieder im Kreis herum, kam
nher und beschnffelte ihn dreister, hob dann die Lefzen, schnappte nach
ihm, ohne ihn zu fassen, wiederholte diese Prozedur mehrmals, begann zu
spielen, legte sich, das Tier zwischen den Pfoten, und setzte seine
Untersuchungen fort, wurde bald mde, gleichgltig und verga schlielich
sein Spielzeug. Sein Kopf sank herab, und sein Kinn drckte immer mehr auf
den Feind, welcher ihn pltzlich gepackt hielt. Es ertnte ein scharfes
Geheul, des Pudels Kopf schnellte in die Hhe, und das Tier flog ein paar
Meter weit fort und lag nun wieder hilflos auf dem Rcken. Die
nchstsitzenden Zuschauer stieen sich mit geheimem Vergngen an, einzelne
Gesichter verschwanden hinter Fchern und Taschentchern, und Tom war ganz
glcklich. Der Hund machte ein bses Gesicht und war wohl auch so gestimmt.
Er war im Herzen gekrnkt und brtete Rache. So ging er wieder zu dem Tier
und machte einen neuen, heftigen Angriff, indem er von verschiedenen
Punkten eines Kreises aus, dessen Mittelpunkt sein Opfer bildete, auf
dieses zusprang, mit den Vorderpfoten dicht vor seinen Augen fuchtelte, mit
den Zhnen nach ihm schnappte und den Kopf dicht vor ihm schttelte, da
die Ohren flogen. Nach einer Weile wurde es ihm wieder langweilig. Er
begann ein Spiel mit einer Fliege, aber das bot keinen rechten Ersatz.
Darauf lief er ein paarmal im Kreis herum, die Schnauze dicht an der Erde
und bekam auch das satt. Er ghnte, seufzte, verga das Tier vllig und
setzte sich gerade darauf. Wieder ein durchdringender Schrei, und der Pudel
sprang hilfesuchend auf einen Stuhl. Das Geschrei dauerte fort, und der
Pudel tanzte dicht vor dem Altar herum, lief einen Gang hinunter, sprang an
der Tr in die Hhe und flehte um menschliche Hilfe. Seine Angst nahm
fortwhrend zu, bis er pltzlich wie ein behaarter Komet in _seinem_
Weltenraum herumfuhr. Schlielich verlie der zum Wahnsinn getriebene
Dulder seine Bahn und sprang auf den Scho seines Herrn. Dieser warf ihn
aus dem Fenster, und die Stimme des unglcklichen Geschpfes entfernte sich
und erstarb in der Ferne.

Inzwischen sa die ganze Versammlung, rot vor unterdrcktem Lachen, und die
Predigt hatte vllig aufgehrt. Jetzt wurde sie wieder aufgenommen, aber
sie ging stockend und abgerissen vor sich, und mit der Aufmerksamkeit war
es nichts mehr. Denn selbst die heiligste Andacht war beeinflut durch
schlecht unterdrckte hchst unheilige Heiterkeit, als wenn der arme
Geistliche irgend einen schlechten Witz gemacht htte. Es bedeutete eine
wahre Erleichterung fr die Versammlung, als der Gottesdienst zu Ende und
der Segen gesprochen war.

Tom schlenderte hchst gemtlich heim und dachte bei sich, so ein
Gottesdienst wre doch ganz nett, wenn ein bichen Abwechselung dabei sei.
Nur _ein_ Gedanke qulte ihn; er hatte allerdings die Absicht gehabt, den
Hund mit seiner ,,Beizange" spielen zu lassen, aber er htte sie nicht
fortschleppen sollen.

Sechstes Kapitel.

Der Montagmorgen fand Tom hchst bler Laune. Jeder Montagmorgen fand ihn
so, denn er erffnete eine neue Woche voll von Schul-Leiden und -Sorgen.

Stets wurde dieser Tag mit Seufzen begonnen; er htte in diesem Augenblick
gewnscht, da es gar keine die Woche unterbrechenden Feiertage geben mge;
denn doppelt schwer war es danach, sich in neue Sklaverei und Fronarbeit zu
begeben.

Tom lag und dachte nach. Pltzlich kam ihm dann der Wunsch, krank zu sein,
um zu Hause bleiben zu knnen. Das war ein Gedanke. Er berlegte sich die
Sache. Aber er konnte keine Krankheit finden und grbelte und grbelte.
Einmal glaubte er Anzeichen von Kolik zu entdecken und fing bereits an,
sich trgerischen Hoffnungen hinzugeben. Aber bald wurden diese Symptome
wieder schwcher, um endlich ganz zu verschwinden. Also mute er weiter
denken. Pltzlich entdeckte er etwas. Einer seiner Oberzhne war locker.
Das war ein Glcksfall. Er war im Begriff, anzufangen zu sthnen
(,,Starter" pflegte er eine solche Improvisation zu nennen), als ihm noch
rechtzeitig einfiel, da seine Tante, wenn er damit zutage trat, den Zahn
ganz einfach ausziehen wrde, und das wrde weh tun. So nahm er sich vor,
die Sache mit dem Zahn in Reserve zu halten und nach etwas anderem zu
suchen. Whrend einiger Zeit wollte ihm nichts einfallen, dann aber entsann
er sich, den Doktor von einem gewissen ,,Etwas" reden gehrt zu haben, das
zwei oder drei Wochen auf einem Patienten gelastet und ihn beinahe einen
Finger gekostet habe. So zog er seine wunde Zehe unter der Bettdecke hervor
und unterzog sie einer genauen Untersuchung. Jetzt aber wute er nicht,
welches die ntigen Symptome seien. Immerhin schien sich hier eine Aussicht
zu bieten, er fing also voll Geistesgegenwart an, zu sthnen.

Aber Sid schlief felsenfest.

Tom sthnte lauter und bildete sich ein, in seiner Zehe wirklich Schmerz zu
empfinden.

Keine Wirkung auf Sid.

Tom fing an, vor Anstrengung Herzklopfen zu bekommen. Er machte einen
letzten Versuch, sog sich voll Luft und stie eine Reihe wundervoller
Seufzer heraus.

Sid schnarchte weiter.

Tom wurde schlimm. ,,Sid, Sid," sagte er und stie ihn an. Der Sto wirkte,
und Tom konnte wieder anfangen, zu sthnen. Sid ghnte, streckte sich,
richtete sich auf einem Ellbogen auf und begann Tom anzustarren. Tom
sthnte aus Leibeskrften.

Sid sagte: ,,Tom, du, Tom!"

Keine Antwort.

,,So hr doch, Tom, Tom! Was hast du, Tom?"

Und er stie ihn an und schaute ihm ngstlich ins Gesicht.

Tom mit klglicher Stimme: ,,Tu's nicht, Sid. Sto mich nicht!"

,,Warum -- was gibt's, Tom? Ich will Tante rufen."

,,Nein, nein! Es wird schon allmhlich vorbergehen. Ruf niemand."

,,Aber, ich _mu_ es tun! Sthn' nicht so, Tom, es ist grlich! Wie lange
dauert das schon?"

,,Stundenlang! Au, au!! Str' mich nicht, Sid, du wirst mich tten!"

,,Tom, warum hast du mich nicht frher geweckt? Nicht, Tom, tu's nicht! Es
geht mir durch und durch, das zu hren! -- Sag, Tom!?"

,,Ich vergebe dir alles, Sid. (Sthnen.) Alles, was du mir mal getan hast.
Wenn ich tot bin --"

,,Tom, du bist verrckt, glaub' ich! Du _sollst_ nicht sterben -- nicht,
Tom?"

,,Ich vergebe _allen_, Sid. (Sthnen.) Sag's ihnen, Sid. -- Und Sid, meine
gelbe Trklinke und meine Katze -- die mit dem einen Auge -- sollst du dem
neuen Mdchen geben, das gestern gekommen ist, und sag' ihr --"

Aber Sid war in seine Kleider gefahren und war fortgelaufen. Tom sthnte
jetzt wirklich, so lebhaft hatte er sich alles eingebildet; so hatte sein
Sthnen einen ganz natrlichen Ton bekommen.

Sid flog hinunter und schrie: ,,O, Tante Polly, komm, Tom stirbt!"

,,Stirbt?!"

,,Ja doch! Komm doch nur schnell!"

,,Ach Unsinn! Ich glaub's nicht."

Trotzdem rannte sie die Treppe hinauf, Sid und Mary hinter ihr drein. Ihr
Gesicht war ganz wei, und die Lippen bebten. Am Bett angekommen, stie sie
aus:

,,Tom, Tom! Was ist das mit dir?"

,,Ach, Tante, ich --"

,,Was ist mit dir? Was ist mit dir, Kind?"

,,Ach, Tante, meine wehe Zehe tut so schrecklich weh!"

Die alte Dame fiel in einen Stuhl, lachte ein wenig, weinte ein wenig, dann
beides gleichzeitig. Das erleichterte sie, und sie sagte: ,,Tom, wie hast
du mich erschreckt! Aber nun fertig mit dem Unsinn, aufstehen!"

Das Sthnen hrte auf, und der Schmerz wich aus der Zehe. Tom kam sich ein
bichen tricht vor und sagte kleinlaut: ,,Tante Polly, es schien
schrecklich und tat so weh, da ich sogar meinen Zahn darber vergessen
hatte."

,,So, deinen Zahn! Was ist denn mit deinem Zahn?"

,,Einer ist lose und tut ganz schrecklich weh!"

,,Na, schon gut, schon gut! Fang nur nicht wieder an zu sthnen! Mund auf!
Ja, der Zahn ist lose, aber du wirst nicht dran sterben. Mary, gib mir ein
Stck Faden und eine glhende Kohle aus dem Ofen!"

,,Ach, bitte, bitte, Tante," bettelte Tom, ,,nicht ausziehen, 's tut _gar_
nicht mehr weh! Ich will nicht mehr aufstehen knnen, wenn's noch weh tut!
Bitte, tu's nicht, Tante! Ich will ja gar nicht mehr aus der Schule
bleiben!"

,,Wirklich nicht? Also all der Lrm, weil du aus der Schule bleiben
wolltest und fischen gehen, wahrscheinlich? Tom, Tom, ich habe dich so
lieb, und du scheinst keinen anderen Wunsch zu haben, als mein altes Herz
zu brechen mit deinen Torheiten!"

Inzwischen waren die zahnrztlichen Marterwerkzeuge gekommen. Die alte Dame
legte das eine Ende der Schnur um Toms Zahn, das andere um den Bettpfosten.
Dann nahm sie die Kohle und hielt sie pltzlich dicht vor Toms Gesicht. Im
nchsten Augenblick hing der Zahn am Bettpfosten.

Aber jedes Unglck hat sein Gutes. Als Tom nach dem Frhstck zur Schule
bummelte, war er der Gegenstand des Neides bei allen Jungen, denn die Lcke
in seiner Zahnreihe befhigte ihn, auf ganz neue und wunderbare Weise
auszuspucken. Bald hatte er ein ganzes Gefolge, das seinen Vorfhrungen mit
hchstem Interesse beiwohnte. Und einer mit einem geschnittenen Finger, der
bisher der Mittelpunkt der Verehrung und Bewunderung gewesen war, sah sich
auf einmal ohne Anhnger und seines Glanzes beraubt. Das Herz wurde ihm
schwer und eine Verachtung heuchelnd, die er nicht fhlte, meinte er, es
wre wohl was Rechtes, ausspucken zu knnen wie Tom Sawyer. Aber die
anderen riefen ihm zu: ,,Saure Trauben!" und er ging davon -- ein
gestrzter Held.

Kurz darauf begegnete Tom dem jugendlichen Paria des Dorfes, Huckleberry
Finn, dem Sohn des Dorf-Trunkenboldes. Huckleberry war riesig verhat und
gefrchtet bei allen Mttern des Ortes, denn er war unerzogen, ruchlos,
gemein und schlecht -- und deswegen von allen Kindern so bewundert und
seine Gesellschaft so gesucht und ihr Wunsch so hei, zu sein wie er. Tom
war, wie alle wohlerzogenen Knaben, neidisch auf Huckleberrys freies,
ungehindertes Leben und hatte strengen Befehl, nicht mit ihm zu spielen.
Natrlich spielte er darum erst recht mit ihm, wo sich's tun lie.

Huckleberry war stets in abgelegte Kleider Erwachsener gekleidet, und diese
Kleider muten jahrelang aushalten und flogen in Fetzen um ihn herum.

Sein Hut war eine trostlose Ruine, mit groen Lcken in dem
herunterhngenden Rande. Sein Rock -- wenn er einen hatte -- baumelte ihm
fast bis auf die Hacken und hatte die hinteren Knpfe in der Hhe des
Knies. Ein Tragband hielt seine Hosen. Der Hosenboden hing sackartig
hinunter -- ein luftleerer Raum, sozusagen. Huckleberry kam und ging, wie
er mochte. Er schlief auf Trschwellen bei schnem Wetter und in
Regentonnen bei schlechtem; er brauchte weder zur Schule zu gehen, noch zur
Kirche, keinen Herrn anzuerkennen und niemand zu gehorchen. Er konnte
fischen und schwimmen, wann und wo er nur wollte, und sich dabei solange
aufhalten, wie es ihm beliebte. Im Frhling war er stets der erste, der
barfu lief und der letzte, der im Herbst sich wieder in das dumme Leder
bequemte. Er brauchte sich weder zu waschen, noch reine Kleider anzuziehen.
Fluchen konnte er herrlich. Mit einem Worte -- was das Leben kostbar machte
-- er hatte es. So dachten alle die wohlerzogenen, sittsamen, respektablen
Buben in St. Petersburg.

Tom rief den romantischen Helden sofort an: ,,Holla, Huckleberry!"

,,Holla, du, wie geht's dir?"

,,Was hast du da?"

,,Ne tote Katze."

,,La sehen, Huck. Donnerwetter, wie steif sie ist! Woher hast du die?"

,,Von 'nem Jungen gekauft."

,,Was hast du dafr gegeben?"

,,Einen blauen Zettel und eine Schweinsblase aus dem Schlachthaus."

,,Und woher hattest du den blauen Zettel?"

,,Vor zwei Wochen von Ben Rogers fr einen Stock gekauft."

,,Sag -- was machst du mit der toten Katze?"

,,Was? Warzen heilen."

,,So. Wirklich? Ich wei was Besseres."

,,Wird was sein! Was _ist's_ denn?"

,,Na -- faules Wasser!"

,,Faules Wasser! Geb dir keinen Heller fr dein faules Wasser!"

,,So, nicht? Hast du's vielleicht probiert?"

,,Ich nicht, Bob Tanner."

,,Wer hat dir das gesagt?"

,,Na, _er_ hat's Jeff Thatcher gesagt, und Jeff hat's Johnny Baker gesagt,
und Johnny dem Jim Hollis, und Jim Hollis dem Ben Rogers, und Ben sagte's
'nem Neger, und _der_ hat's mir gesagt. So, nun weit du's!"

,,Na, weit du, die haben alle gelogen. Alle, bis auf den Neger, _den_ kenn
ich nicht. Aber ich hab' nie einen Neger gesehen, der _nicht_ gelogen
htte. Aber sag' doch, wie macht's Bob Tanner denn, Huck?"

,,Na, er nimmt seine Hand und taucht sie in einen verfaulten Baumstumpf,
worin faules Wasser ist."

,,Am Tage?"

,,Natrlich!"

,,Mit dem Gesicht nach dem Baum?"

,,Ja -- das heit, ich glaube."

,,_Sagte_ er was?"

,,Ich glaube nicht -- aber ich wei nicht."

,,Na -- der will darber sprechen, wie man Warzen heilt -- so ein alter
Schafskopf! Da htt' er auch sonst was tun knnen! Also, du mut mitten in
den Wald gehen, wo du weit, da ein Baumstamm mit faulem Wasser ist, und
gerade um Mitternacht mut du das Gesicht gegen den Baum wenden und die
Hand hineinstecken, und dann sagst du:

      ,Ist das Wasser faul und dumpf --
      Frit's die Warz' mit Stiel und Stumpf!'


und dann trittst du langsam zurck, elf Schritt, mit geschlossenen Augen,
und dann drehst du dich dreimal herum und gehst nach Hause, ohne mit jemand
zu sprechen. Denn sonst hilft's nichts."

,,Ja, das kann sein; aber Bob Tanner hat's anders gesagt."

,,Na, weit du, dann versteht er's halt nicht. Darum hat er auch am meisten
Warzen von allen im Dorf, und er htte nicht _eine_, wenn er das mit dem
faulen Wasser wte, wie's ist. Ich hab' auf diese Weise tausend Warzen
fortgekriegt, Huck. Ich bekomme so viel Frsche in die Hand, da ich immer
eine Masse Warzen habe. -- Zuweilen mach' ich sie mit 'ner Bohne ab."

,,Ja, Bohne ist gut, damit hab' ich's auch schon gemacht."

,,So? Wie machst du's denn?"

,,Na, man nimmt die Bohne und schneidet sie durch, und dann schneidet man
die Warze, bis Blut herauskommt, und dann lt man das auf die eine Hlfte
der Bohne tropfen, und dann nimmt man die und grbt bei Vollmond am
Kreuzweg ein Grab, und da tut man sie dann hinein. Dann, weit du, zieht
die eine Hlfte der Bohne, wo das Blut darauf ist, die andere Hlfte an,
und so hilft das Blut, um die Warze fortzuziehen, so lang, bis sie fort
ist."

,,Ja, Huck, das ist ganz richtig. Nur, wenn du sie begrbst und dazu sagst:
,Bohne fort -- komm nicht mehr an diesen Ort,' ist's noch besser. So
macht's John Harper, und der ist schon mal bis Coonville und berall
gewesen. Aber sag' -- wie heilst du sie denn mit 'ner toten Katze?"

,,Weit du, du nimmst die Katze und gehst auf den Kirchhof gegen
Mitternacht, dahin, wo ein Gottloser begraben ist. Wenn's dann Mitternacht
ist, kommt ein Teufel -- oder auch zwei oder drei -- du kannst ihn aber
nicht sehen, sondern hrst nur so was wie den Wind, oder hrst ihn
sprechen. Und wenn sie dann den Kerl fortschleppen, wirfst du die Katze
hinterher und rufst:

      ,Teufel hinterm Leichnam her,
      Katze hinterm Teufel her,
      Warze hinter der Katze her --
      Seh' euch alle drei nicht mehr!'


Das heilt _jede_ Warze."

,,Das lt sich hren. Hast du's schon mal versucht, Huck?"

,,Nein, aber die alte Hopkins hat's mir erzhlt."

,,Ja, ich glaub', 's ist so, denn die sieht aus wie 'ne Hexe."

,,Das glaub' ich! Weit du, Tom, sie ist eine Hexe! Sie hat meinen Alten
behext. Er hat's selbst gesagt. Er begegnete ihr mal ganz allein und sah,
da sie ihn behexen wollte, da hob er einen Stein auf, und wenn sie sich
nicht gebckt htte, htt' er sie geworfen. Na, in der Nacht darauf fiel er
von einem Schuppen, auf dem er besoffen gelegen hatte, und brach den Arm."

,,Das ist ja schrecklich! Woher _wute_ er, da sie ihn behext hatte?"

,,Gott, das _wei_ mein Alter halt. Er sagt, wenn die dich recht steif
anschaut, behext sie dich, besonders wenn sie dabei murmelt. Dann spricht
sie nmlich das Vaterunser rckwrts."

,,Sag, Huck, wann willst du das mit der Katze probieren?"

,,Diese Nacht. Ich denke, sie werden diese Nacht den alten Hoss Williams
holen."

,,Aber der ist doch am Samstag schon beerdigt, Huck. Haben sie ihn nicht
schon Samstag nacht geholt?"

,,Ach, Unsinn! Wie konnten sie's denn _vor_ Mitternacht? Und _dann_ war's
Sonntag. Am Sonntag kommen doch die Teufel nicht herauf!"

,,Daran hab' ich nicht gedacht. Dann ist's richtig. Darf ich mitgehen?"

,,Meinetwegen -- wenn du dich nicht frchtest?"

,,Frchten? Das ist das wenigste. Willst du miauen?"

,,Ja, und du mut auch miauen, wenn du kommen kannst. Letztes Mal hast du
mich so lange warten lassen, bis der alte Hays einen Stein nach mit warf
und schrie: ,Der Teufel hol' die Katz!' Da hab' ich ihm einen Stein ins
Fenster geschmissen -- aber sag's nicht weiter!"

,,Bewahre! Damals konnte ich nicht miauen, weil mir meine Tante aufpate;
aber diesmal werde ich bestimmt miauen. -- Du, Huck, was ist das?"

,,Das? Ach, nur 'ne Baumwanze."

,,Woher hast du die?"

,,Aus dem Wald mitgebracht"

,,Was willst du dafr haben?"

,,Ich -- ich wei nicht. Ich will sie gar nicht verkaufen."

,,Na ja, 's ist ja auch nur 'ne lump'ge Wanze."

,,Oho, nach so 'ner Wanze kannst du lange laufen. Mir gefllt sie schon."

,,'s gibt 'ne Menge solcher Wanzen. Wenn ich wollte, knnt ich tausend
solche haben."

,,So, warum _willst_ du denn nicht? Weil du ganz gut weit, da du's
_nicht_ kannst! Dies ist eine ganz besondere Wanze. Es ist die erste, die
ich dies Jahr gesehen hab'."

,,Du, Huck, ich geb' dir meinen Zahn dafr."

,,La sehen."

Tom holte ein Papier hervor und rollte es sorgfltig auf. Huckleberry
untersuchte es genau. Dann sagte er:

,,Ist er auch echt?"

Tom machte den Mund auf und zeigte seine Zahnlcke.

,,Gut." sagte Huckleberry, ,,er ist echt."

Tom verschlo die Wanze in der Schachtel, die vorher das Gefngnis der
,,Kneifzange" gewesen war, und die beiden trennten sich, jeder hchlichst
zufrieden mit seinem Tausch.

Als Tom das kleine, einsam gelegene Schulhaus erreicht hatte, ging er ganz
lustig, wie einer, der sich mglichst beeilt hat, hinein. Er hngte seine
Mtze auf und setzte sich mit geschftiger Eile auf seinen Platz. Der
Lehrer, auf einem groen Lehnstuhl thronend, hatte ein bichen geschlafen
und fuhr bei Toms Anstalten in die Hhe.

,,Thomas Sawyer!"

Tom wute, da, wenn sein Name ganz gesprochen wurde, die Situation
kritisch war.

,,Herr!"

,,Komm vor! Wo bist du denn wieder mal so lange gewesen?"

Tom wollte seine Zuflucht zu einer Lge nehmen, als er zwei lange, helle
Zpfe einen Rcken herabhngen sah und sie infolge geheimer Sympathie
erkannte. Und daneben, auf der Mdchen-Seite, war der _einzigste_
Freiplatz! Sofort entgegnete er: ,,Ich mute mit Huckleberry Finn etwas
besprechen."

Des Lehrers Pulse stockten, er starrte hilflos um sich. Alles Gerusch der
Arbeitenden verstummte. Die Schler glaubten, dieser khne Bursche habe den
Verstand verloren.

Der Lehrer fragte nochmals: ,,Du -- du mutest _was_?"

,,Mit Huckleberry Finn sprechen."

Ein Irrtum war nicht mehr denkbar.

,,Thomas Sawyer, das ist die staunenerregendste Antwort, die ich je
erhalten habe. _Darauf_ kann nur die Rute antworten. Zieh die Jacke aus!"

Des Lehrers Arm arbeitete, bis er vllig ermattet und die Rute kaput war.
Dann hie es: ,,So, nun geh, und setz dich zu den _Mdchen_! Und la dir
das zur Warnung dienen!"

Das Kichern, welches jetzt durch das Schulzimmer ging, schien Tom in
Verlegenheit zu bringen, in Wahrheit aber war es vielmehr die wundervolle
Nhe seines unbekannten Idols und die mit Ehrfurcht gemischte Freude dieses
Glcksfalls. Er lie sich auf dem Ende der Bank nieder, und das Mdchen
wandte sich ab, indem es ostentativ den Kopf drehte. Kichern, Flstern und
Tuscheln erfllten das Zimmer, aber Tom sa muschenstill, die Arme auf das
lange Pult vor sich gelegt, und schien eifrig zu lernen. Nach und nach
legte sich die allgemeine Beschftigung mit ihm, und das gewhnliche
Schulsummen fllte wieder die Luft. Sofort begann Tom verstohlen glnzende
Blicke auf das Mdchen zu werfen. Dieses merkte es, schnitt ihm 'ne
Grimasse und drehte fr die Zeit einer Minute den Kopf von ihm ab. Als sie
vorsichtig wieder herumsah, lag ein Pfirsich vor ihr. Sie stie ihn weg.
Tom schob ihn ihr liebenswrdig wieder zu; sie schob ihn nochmals fort,
aber weniger heftig. Tom legte ihn geduldig zum dritten Mal auf ihren
Platz. ,,Bitte -- nimm, ich hab' noch mehr!" Das Mdchen lchelte bei
dieser Anrede, machte aber sonst kein Zeichen des Einverstndnisses. Nun
begann der Bursche etwas auf seine Tafel zu zeichnen, wobei er sein Werk
sorgfltig mit der Hand bedeckte. Eine Zeitlang tat das Mdel gleichgltig;
aber ihre Neugier begann sich doch bald bemerkbar zu machen durch
begehrliche Blicke. Tom arbeitete weiter, ohne eine Ahnung davon. Das Mdel
bewerkstelligte eine Art Verrenkung, um einen Blick auf Toms Werk werfen zu
knnen, der aber merkte noch immer nichts.

Schlielich gab sie nach und flsterte zgernd: ,,La mich sehen!"

Tom enthllte sofort eine klgliche Karikatur eines Hauses mit zwei
schiefen Giebeln und korkzieherfrmigem Rauch ber dem Schornstein. Das
Interesse der Kleinen an dem Werk wurde immer lebhafter, sie verga alles
darber. Als es beendet war, betrachtete sie es einen Moment und flsterte
dann: ,,Zu niedlich! Mach einen Mann!"

Der Knstler errichtete im Vordergrund einen Mann, einen wahren Mastbaum.
Er htte mit Leichtigkeit ber das Haus wegsteigen knnen; aber die Kleine
war nicht kritisch. Sie war zufrieden mit dem Monstrum.

,,Ein wundervoller Mann -- jetzt mach mich, wie ich daher komme!"

Tom malte so etwas wie ein Zifferblatt, darber einen Vollmond auf einem
Strohhalm von Hals, und Arme, in deren ausgespreizten Fingern ein mchtiger
Fcher steckte. Das Mdchen sagte: ,,Reizend, Tom. Ich wollte, ich knnte
auch zeichnen."

,,'s ist ganz leicht," flsterte Tom, ,,ich will's dich lehren."

,,Ja, willst du? Wann?"

,,Am Mittag. Gehst du zum Essen nach Haus?"

,,Wenn _du_ bleibst, bleib ich auch."

,,Na, gut also. -- Wie heit du denn?"

,,Becky Thatcher. -- Und du? Ach, ich wei: Thomas Sawyer."

,,So hei ich, wenn ich was getan hab'. Wenn ich brav bin, nennt man mich
Tom. Du wirst mich Tom nennen, nicht wahr?"

,,Ja."

Nun begann Tom etwas auf die Tafel zu kritzeln, was das Mdchen wieder
nicht sehen sollte. Aber sie lie sich nicht mehr abweisen. Sie verlangte,
es zu sehen.

,,Es ist nichts," sagte Tom gleichgltig.

,,Es ist _doch_ was."

,,Nein, es ist nichts. Du brauchst's nicht zu sehen."

,,Doch, ich will's sehen. Ich _will_. -- La mich sehen, bitte!"

,,Ich will's dir _sagen_."

,,Nein, ich will nicht -- ich will, ich will, ich will es _sehen_!"

,,Aber du sagst es doch niemand? So lang du lebst?"

,,Nein, ich sag's niemand. Jetzt la mich sehen!" Und sie legte ihre kleine
Hand auf seine, und ein kleines Handgemenge folgte. Tom tat, als wehre er
sich im Ernst, lie aber doch seine Hand langsam abgleiten, bis die Worte
sichtbar wurden:

,,Ich liebe dich!"

,,Garstiger Junge!" Dabei gab sie ihm einen kleinen Klaps, schien aber doch
nicht allzu bse zu sein.

Gerade in diesem schnen Moment fhlte Tom einen schweren Griff am Ohr und
eine unwiderstehlich emporziehende Gewalt. So wurde er durch das
Schulzimmer eskortiert und auf seinen eigenen Platz befrdert, unter einem
Kreuzfeuer von Spott und Gelchter der ganzen Schule. Dann blieb der Lehrer
whrend eines schrecklichen Augenblickes neben ihm stehen und kehrte dann
endlich auf seinen Thron zurck, ohne ein Wort gesprochen zu haben. Aber
obwohl Toms Ohr schmerzte, war sein Herz doch voll Jubel.

Als die Schule wieder beruhigt war, machte Tom einen sehr ehrenwerten
Versuch, zu arbeiten, aber der Sturm in ihm war zu heftig. Dann sollte er
lesen und brachte ein klgliches Gestmper zu Tage, in der Geographiestunde
machte er Seen zu Bergen, Berge zu Flssen, Flsse zu Erdteilen, bis das
Chaos wieder hereinbrach. Schlielich beim Buchstabieren whlte er sich
durch eine Menge einzelner Worte und Silben, bis er sich vllig festgerannt
hatte und die Zinn-Medaille, die er vor Monaten als besondere Auszeichnung
gewonnen hatte, wieder abgeben mute.

Siebentes Kapitel.

Je gewissenhafter Tom sich bemhte, seine Gedanken an das Buch zu fesseln,
um so mehr schweiften sie in die Ferne. So gab er es schlielich mit einem
Seufzer auf und ghnte. Es wollte ihm scheinen, als werde es heute niemals
Mittagszeit. Die Luft stand bewegungslos; kein Hauch. Es war der
schlfrigste aller schlfrigen Tage. Das halb erstickte Murmeln der
fnfundzwanzig Kinder, die da so eifrig studierten, lullte Toms Seele ein,
gleich dem Gesumse der Bienen. Drauen im prallen Sonnenschein reckte
Cardiff Hill sein im saftigsten Grn prangendes Haupt durch den
schimmernden Schleier der Luft, die aus der Ferne gesehen, die Farbe des
Purpurs angenommen hatte -- infolge der groen Hitze. Ein paar Vgel
wiegten sich auf migen Schwingen hoch im Zenith. Sonst war kein Lebewesen
sichtbar, auer ein paar Khen, und die schliefen auch. Toms Herz lechzte
nach Freiheit oder wenigstens irgend welcher Beschftigung, um damit diese
traurigen Stunden totzuschlagen. Seine Hand wanderte in die Tasche, und
ber sein Gesicht huschte ein Schimmer freudiger Dankbarkeit, ihm selbst
unbewut. Dann wurde die Zndholzschachtel ans Tageslicht befrdert. Er
befreite die Wanze und setzte sie vor sich auf die Bank. Das unvernnftige
Tier wurde wahrhaftig von demselben Ausdruck des Dankes verschnt, aber es
hatte zu frh frohlockt, denn als es Miene machte, sich dankerfllt
davonzubegeben, schubste Tom es mit dem Griffel zurck und zwang es, eine
andere Richtung einzuschlagen. Toms Busenfreund sa neben ihm, seufzend,
wie es Tom noch eben getan hatte; jetzt war er sofort von tiefstem und
dankbarstem Interesse erfllt fr diesen reizenden Zeitvertreib. Dieser
Busenfreund war Joe Harper. Die beiden Burschen waren die Woche hindurch
unzertrennliche Freunde -- Samstags waren sie erbitterte Feinde. Joe zog
einen Griffel aus seinem Kasten und begann sich an den Exerzitien des
Gefangenen zu beteiligen. Der neue Sport gewann von Minute zu Minute an
Interesse. Aber bald bemerkte Tom, da sie einander ins Gehege kamen und
eigentlich keiner recht was von der Wanze habe. So legte er Joes Tafel auf
den Tisch und zog daran entlang einen senkrechten Strich mit dem Griffel.
,,So," sagte er, ,,so lange sie auf deiner Seite ist, kannst du mit ihr
herumschubsen, und ich lasse sie in Ruhe, sobald du sie aber auf _meine_
Seite entkommen lt, mut du sie in Ruhe lassen, und ich darf sie
behalten, so lange ich sie auf meiner Seite halten kann."

,,Na, also -- los!"

Die Wanze entschlpfte sofort von Toms Gebiet und berschritt den quator.
Joe drangsalierte sie eine Weile, und dann kroch sie wieder zu Tom. So ging
es mehrmals hin und her. Whrend sich einer der beiden voll Eifer mit der
Wanze herumschlug, schaute der andere begierig zu; beider Kpfe waren,
dicht aneinander gedrngt, ber den Tisch gebeugt, und beider Geist war von
gleichem Interesse erfllt. Schlielich schien sich das Glck fr Joe zu
entscheiden. Die Wanze versuchte dies und das, schlug immer neue Wege ein
und wurde so hitzig und aufgeregt wie die Jungen selbst, aber jedesmal,
wenn sie Joe berlistet und den Sieg davongetragen zu haben schien, und es
Tom bereits in den Fingern zuckte, zu beginnen, trieb Joes Griffel die
Wanze noch im letzten Augenblick zurck und hielt sie wiederum gefangen.
Schlielich konnte Tom es nicht lnger aushalten. Die Versuchung war zu
gro. So holte er aus und half mit seinem Griffel ein bichen nach. Das
rgerte Joe mchtig. ,,Tom, la das!"

,,Ich will sie jetzt auch mal wieder ein bichen zum Spielen haben, Joe."

,,Halt, das gibt's nicht; la sie los!"

,,Sag, was du willst -- ich _mu_ sie jetzt mal haben!"

,,Ich sag dir -- la sie!"

,,Fllt mit grad ein!"

,,Du sollst aber -- sie ist auf meiner Seite!"

,,Du hr', Joe -- wem gehrt die Wanze?"

,,Ist mit ganz egal, wem sie gehrt -- sie ist auf meiner Seite, und du
sollst sie nicht anfassen!"

,,Sooo -- ich _will_ aber -- nu grade! Zum Teufel, mir gehrt die Wanze!
Ich werd' doch mit ihr tun drfen, was ich will!"

Tom fhlte einen schrecklichen Schlag auf der Schulter, im nchsten
Augenblick fhlte Joe ihn, und whrend der nchsten Minuten flog der Staub
in dichten Wolken von ihren Jacken, und die ganze Schule jubilierte. Die
beiden waren viel zu sehr in ihren Streit vertieft gewesen, um die
pltzliche Stille zu bemerken, die sich ber die Klasse gelagert hatte,
whrend der Lehrer auf den Zehen von seinem Pult heruntergeschlichen kam.
Er hatte einen guten Teil der Auseinandersetzung mit angehrt, bis er ttig
eingriff.

Als die Schule mittags aus war, schlich Tom zu Becky und flsterte ihr ins
Ohr:

,,Setz deinen Hut auf und tu so, als wenn du nach Hause gingest. Wenn du um
die Ecke bist, la die anderen laufen und komm durch die Seitengasse
zurck. Ich will 'nen anderen Weg gehen und komme dann auch zurck."

So ging eins mit einem Trupp Schler fort, das andere mit 'nem andern. Eine
kurze Weile danach trafen sie sich am Ende des Gchens wieder, und als sie
wieder bei der Schule anlangten, waren sie da ganz ungestrt.

Dann saen sie zusammen, vor sich eine Tafel, und Tom gab Becky seinen
Griffel, fhrte ihr die Hand, und sie zeichneten zusammen ein wundervolles
Haus. Sobald das Interesse an der Kunst zu schwinden begann, fingen sie an,
sich was zu erzhlen. Tom schwamm in Seligkeit.

,,Hast du Ratten gern?" fragte er Becky.

,,Pfui, ich hasse sie!"

,,Ja, ich auch -- das heit lebendige. Aber ich meinte tote, die man an
'nem Strick sich um den Kopf herumschwingen lassen kann."

,,Nein, ich mag berhaupt gar keine Ratten. Ich mchte Gummi zum Kauen."

,,Das mein ich! Ich wollt', ich htt' welchen!"

,,Mchtest du? Ich hab' welchen. Du kannst ihn 'ne Weile kriegen, aber dann
mut du ihn mir wiedergeben!"

Und dann kauten sie Gummi und stemmten die Knie gegen die Bank und waren
seelenvergngt.

,,Warst du schon mal im Zirkus?" fragte Tom.

,,M -- ja, mein Papa hat mich schon 'n paarmal mitgenommen, wenn ich artig
war."

,,Ich bin schon drei- oder viermal dort gewesen -- vielmal! -- Die Kirche
ist grlich langweilig neben dem Zirkus. Ich mchte immer in den Zirkus
gehen. Wenn ich gro bin, will ich Clown im Zirkus werden."

,,Ach, willst du wirklich? Das ist aber nett. Die sind alle so hbsch
geputzt."

,,M -- ja. Und dann verdienen sie eine Unmenge Geld -- Ben Rogers sagt,
mehr als einen Dollar tglich. -- Sag, Becky, warst du schon mal verlobt?"

,,Was ist das?"

,,Nun -- wenn man sich heiraten will."

,,Nein."

,,Mcht's du's mal sein?"

,,Ich wei nicht. Ich denke ja. Ist denn das nett?"

,,Nett? _Ich_ wei nicht, was netter ist. Du brauchst nur zu einem Knaben
zu sagen, du mchtest keinen anderen jemals als ihn, niemals, niemals,
_niemals_, und dann kt ihr euch -- und dann ist's fertig. Jeder kann
das."

,,Kssen? Warum denn kssen?"

,,Weil das halt _zu_ schn ist, weit du! Die Leute tun das immerfort."

,,Immer?"

,,Natrlich, jeder, der 'nen andern lieb hat, tut's. Weit du nicht mehr,
was ich auf die Tafel geschrieben habe?"

,,J -- ja"

,,Was denn?"

,,Ich -- ich kann's nicht sagen."

,,Soll ich's _dir_ sagen?"

,,J -- ja -- aber ein andermal."

,,Nein, _jetzt_."

,,Nein, nicht jetzt -- morgen."

,,Nein -- jetzt, Becky. Bitte! Ich will's auch ganz leise sagen; ins Ohr
will ich's dir sagen."

Als Becky zgerte, nahm Tom ihr Stillschweigen fr Zustimmung, schlang
seinen Arm um ihre Schulter, legte seinen Mund an ihr Ohr und flsterte ihr
die alte Zauberformel zu. Und dann sagte er: ,,Nun, mut du's _mir_ sagen
-- grad so!"

Sie wehrte sich eine Weile und bat dann: ,,Aber, du mut das Gesicht
fortwenden, da du's nicht sehen kannst -- dann tu ich's. Aber du darfst es
niemand sagen, willst du, Tom? Na, sag, _willst_ du?"

,,Selbstverstndlich, Becky! Also jetzt!"

Er drehte den Kopf zur Seite. Sie beugte sich hinber, bis ihr Atem ihn
berhrte, und flsterte dann ganz leise: ,,Ich -- liebe -- dich!"

Und dann sprang sie auf und lief um Tische und Bnke herum, Tom hinterher,
und flchtete schlielich in einen Winkel, ihre weie Schrze vor dem
Gesicht. Tom fate sie um und sprach leise auf sie ein.

,,Na, Becky -- 's ist ja schon gut -- alles, bis auf den Ku! Frchte dich
nur nicht davor, ich tu dir gewi nichts. Sei gut, Becky!"

Damit zupfte er an der Schrze und an den Hnden. Allmhlich gab sie nach
und lie die Hnde sinken. Ihr Gesichtchen, glhend vor Scham, erschien
wieder. Tom kte sie auf die roten Lippen und sagte: ,,So, nun ist's ganz
vorbei, Becky! Und jetzt weit du wohl, darfst du nie wieder 'nen anderen
gern haben, auer mir, und darfst auch keinen heiraten, auer mir, nie, nie
nie! Willst du?"

,,Nein, ich will nie 'nen anderen lieb haben als dich, Tom, und ich will
nie 'nen anderen heiraten als dich, und du darfst auch nie eine andere
heiraten als mich, niemals."

,,Na, gewi! Versteht sich doch! Und, wenn wir jetzt wieder in die Schule
gehen, oder wenn wir _von_ der Schule nach Haus kommen, mut du immer mit
mir gehen, wenn's die anderen nicht sehen -- und du whlst mich und ich
dich beim Spazierengehen -- so ist's unter Verlobten!"

,,Nett ist das. Ich hatte davon noch nie gehrt."

,,O, es ist so lustig! Als ich und Amy Lawrence --"

Die erstaunten Augen belehrten Tom ber seine Dummheit, und er hielt
verwirrt inne.

,,Ach, Tom, also bin ich nicht die erste, mit der du verlobt warst?"

Das Mdchen begann zu heulen.

Tom bat: ,,Nicht weinen, Becky. Ich mag sie ja gar nicht mehr leiden."

,,Doch, du magst sie noch, Tom, du weit ganz gut, da du sie noch magst!"

Tom versuchte, seinen Arm um ihren Hals zu legen, aber sie stie ihn fort,
drehte das Gesicht nach der Wand und fing wieder an zu heulen. Tom machte
mit seinen sesten Schmeicheleien einen neuen Versuch und wurde abermals
abgeschlagen. Da erwachte sein Stolz, er wandte sich ab und ging hinaus.
Drauen blieb er ein wenig stehen, schwankend und unentschlossen, schielte
nach der Tr und hoffte, sie wrde bereuen und ihm nachkommen. Aber sie kam
nicht. Schlielich wurde er weich; er fhlte, da das Unrecht auf seiner
Seite wre. Es war wohl sehr sauer, ihr nochmals entgegenzukommen, aber er
machte sich selbst Mut und ging hinein. Sie stand immer noch in ihrem
Winkel, das Gesicht zur Wand gekehrt. Toms Herz wollte brechen. Er ging zu
ihr, stand einen Augenblick zgernd und wute nicht, was tun. Dann sagte er
ganz schchtern: ,,Becky -- ich -- ich kmmere mich um keine andere als
dich."

Keine Antwort. Schluchzen.

,,Becky," in bittendem Ton. ,,Becky, willst du nicht wenigstens was sagen?"

Immer lauteres Schluchzen. Tom zog seinen kostbarsten Schatz hervor, den
abgebrochenen Knopf irgend eines alten Hausgertes, hielt ihn ihr dicht vor
die Augen und schmeichelte: ,,Na, Becky, willst du den haben?"

Sie schlug ihn ihm aus der Hand, da er bis zur Tr flog. Da marschierte
Tom denn aus der Tr, ber Berg und Tal, um an dem Tage nicht mehr zur
Schule zurckzukehren. Sofort drehte sich Becky um. Sie lief zur Tr. Er
war nicht mehr zu sehen. Sie rannte hinaus auf den Spielplatz. Er war nicht
dort. Nun begann sie aus Leibeskrften zu schreien: ,,Tom, komm zurck --
Tom!!"

Sie horchte angestrengt, aber keine Antwort kam. Sie war also allein in der
Stille und Verlassenheit ringsum. So fing sie wieder an zu schreien, um
sich selbst zu ermutigen, bis die Schler wieder zur Schule zu kommen
begannen und sie ihren Kummer hinunterschlucken und ihr gebrochenes Herz
einstweilen beruhigen mute. So nahm sie ihr Kreuz eines ganzen
langweiligen Nachmittags auf sich, ohne unter all diesen Fremden eine
einzige mitfhlende Seele zu finden, die ihren Schmerz mit ihr geteilt
htte.

Achtes Kapitel.

Tom schlenderte immer weiter durch die Gassen, bis er zu weit von der
Schule entfernt war, um noch zum Nachmittagsunterricht gehen zu knnen,
dann setzte er sich in Trab. Ein paarmal passierte er kleine ,,Fluarme",
da ihm ein weitverbreiteter, jugendlicher Aberglaube sagte, da er sich
dadurch vor Verfolgung sichern knne. Nach einer halben Stunde war er
hinter Douglas Mansion auf dem Gipfel von Cardiff Hill verschwunden, das
Schulhaus lag weit unten im Nebel, kaum noch sichtbar. Er ,,nahm" einen
dichten Wald, schlug einen Weg in das Innere ein, der keiner war, und
setzte sich auf eine Moosbank unter das weite Bltterdach einer Eiche. Kein
Lftchen regte sich. Die schwere Nachmittagsluft lie sogar die Vgel
verstummen. Die ganze Natur lag in starrer Dumpfheit, nur zuweilen
unterbrochen durch entferntes Pochen eines Spechtes, wodurch das Schweigen
und das Gefhl des Alleinseins nur um so fhlbarer wurde. Der kleine
Bursche versank in melancholische Trume. Seine Empfindungen standen
vollkommen in Einklang mit seiner Umgebung. Lange sa er, die Ellbogen auf
die Knie gestemmt, das Kinn in der Hand, und dachte nach. Es wollte ihm
scheinen, da das ganze Leben im besten Fall eitel Kummer und Sorge sei,
und er beneidete mehr als je Jimmy Hodges. Es mu sehr friedvoll sein,
dachte er, fr immer zu liegen und zu schlummern und zu trumen, wenn der
Wind in den Blttern flstert und Gras und Blumen auf dem Grab fchelt --
und von nichts mehr gedrckt und belstigt zu werden -- nie mehr. Htte er
nur ein gutes Sonntagsschulzeugnis gehabt -- wie leicht htte er fr immer
dem Leben Valet gesagt. Und dann dieses Mdchen. Was hatte er ihr
eigentlich getan? Nichts! Er hatte die beste Absicht von der Welt gehabt
und war artig gewesen wie ein Hund -- wie ein wohlerzogener Hund. Sie wrde
ein paar Tage traurig sein -- vielleicht! Ach, wenn er doch fr einige Zeit
wenigstens htte sterben knnen.

Aber der leichte Sinn der Jugend lt sich nicht lange niederdrcken. Tom
begann sehr bald wieder in sein altes Lebenselement zurckzutreiben. Wie,
wenn er jetzt fortging und auf geheimnisvolle Weise verschwnde? Wenn er
weit, weit in unbekannte Lnder, jenseits des groen Wassers, gelangte und
nie wieder zurckkme. Was wrde sie dann wohl fhlen? Der Gedanke, ein
Clown zu werden, kam ihm wieder, wurde aber mit Abscheu abgewiesen. Fr
dumme Witze und Possen und gemalte Kleider war sein Geist, der sich eben
noch in den khnsten Trumen verloren hatte im Reich der Romantik, wenig
disponiert. Nein, er wollte Soldat werden und nach langen Jahren als
kriegserfahrener, berhmter Mann zurckkehren. Oder noch besser, er wollte
zu den Indianern gehen, mit ihnen Bffel jagen, in den wilden Bergen und
den verlassenen Prrien den Kriegspfad beschreiten, um dann einmal als
groer Huptling, geschmckt mit Federn, mit allen nur denkbaren Farben
scheulich bemalt, zurckzukommen, eines schnen Morgens mit blutdrstigem
Kriegsgeheul in die Sonntagsschule einbrechen und alle seine Gefhrten in
unertrglichem Neid vergehen zu sehen!

Aber ihm fiel etwas noch Groartigeres ein! Ein Pirat wollte er werden! Das
war's! Jetzt erst lag seine Zukunft klar vor ihm, strahlend in
unaussprechlichem Glanz. Wie wrde sein Name die Welt erfllen und die
Menschen schaudern machen. Wie stolz wrde er die schumende See
durchfurchen auf seinem groen, kohlschwarzen Dreimaster, dem
,,Sturmgeist", mit der grlichen Flagge am Mast! Und dann, auf dem
Hhepunkt seines Ruhmes angelangt, wrde er pltzlich in dem alten Dorfe
erscheinen, und, ein braungebrannter, wetterfester Held in schwarzer Jacke,
langschaftigen Seemannsstiefeln, hochroter Schrpe, den Hut mit wallenden
Federn geschmckt, die schwarze Fahne mit den Totenschdeln und den
gekreuzten Gebeinen darauf entfaltet, mit lhmendem Entsetzen die guten
Leute in der Kirche erfllen! ,,Es ist Tom Sawyer, der Pirat! Der schwarze
Rcher des spanischen Meeres!!"

Ja -- es war beschlossen, sein Schicksal besiegelt. Er wollte von zu Hause
fortlaufen und drauf los! Gleich am nchsten Morgen mute er anfangen.
Deshalb hie es jetzt mit den Vorbereitungen beginnen. Er wollte zunchst
seine Schtze zusammenscharren. Er ging zu einem hohlen Baum in der Nhe
und begann am Fue desselben mit seinem Messer den Boden aufzukratzen. Bald
traf er auf hohlklingendes Holz. Er legte seine Hand drauf und deklamierte
mit feierlicher Stimme: ,,Was nicht hier ist, komme, was schon hier ist,
bleibe!"

Dann entfernte er die Erde und frderte einen von Schindeln gebildeten
Behlter zu Tage. Er hob ihn auf und ffnete eine kleine Schatzkammer,
deren Boden und Seiten gleichfalls durch Schindeln gebildet wurden. Darin
lag _eine_ Glaskugel. Toms Erstaunen war grenzenlos! Er schttelte den
Kopf, machte ein verdutztes Gesicht und sagte: ,,Nun, _das_ ist stark!"

Dann schleuderte er die Glaskugel wtend von sich und versank in
Nachdenken. Die Wahrheit war, da hier ein alter Aberglaube zunichte
geworden war, den er und alle seine Kameraden stets fr unfehlbar gehalten
hatten. Wenn man nmlich _eine_ Glaskugel mit gewissen vorgeschriebenen
Worten vergrub und nach einer Zeitlang die Grube mit den gleichen Worten
wieder ffnete, so fand man alle Kugeln, die man nur jemals besessen und
verloren hatte, beisammen, und wren sie auch noch so weit zerstreut
gewesen. Und nun war das auf so schmerzliche Weise und so augenscheinlich
fehlgeschlagen. Toms ganzer Glaube war in seinen Grundfesten erschttert.
Er hatte wohl sehr oft von derartigen geglckten Unternehmungen, niemals
aber von fehlgeschlagenen gehrt. Es fiel ihm nicht ein, da er es schon
mehrmals versucht und nachher den Platz des Begrbnisses nicht hatte
wiederfinden knnen. Er grbelte eine Zeitlang darber nach und entschied
schlielich, da irgend eine Hexe den Zauber gestrt haben msse. Er dachte
sich von diesem Punkt zu berzeugen, so suchte er, bis er eine Sandstelle
mit einer trichterartigen Vertiefung darin fand. Gleich legte er sich
nieder, prete den Mund fest darauf und rief:

      ,,Wanze, komm herauf vom Grund,
      Tu mir, was ich mchte, kund!"


Der Sand begann sich zu heben und eine kleine, schwarze Wanze erschien fr
einen Augenblick, verschwand aber schleunigst wieder.

,,Sie wagt's nicht! Es _war_ also eine Hexe! Ich wute es ja!"

Er sah sofort die Nutzlosigkeit eines Kampfes gegen Hexen ein und gab es
mutlos auf. Aber wenigstens htte er die eben fortgeworfene Glaskugel gern
wieder gehabt und begann sofort umherzusuchen, konnte sie aber nicht
finden. Nun ging er zu seiner Schatzkammer zurck und stellte sich genau
so, wie er vorher gestanden, als er die Kugel fortwarf. Dann zog er eine
andere aus der Tasche, warf sie ebenso fort und deklamierte dabei:
,,Bruder, such den Bruder!" Er pate genau auf, wo sie niederfiel, ging
dorthin und suchte umher. Aber sie mute entweder nher oder weiter
geflogen sein -- er wiederholte also den Versuch noch zweimal. Der letzte
Versuch hatte Erfolg. Die beiden Kugeln lagen kaum einen Fu voneinander.

In diesem Augenblick drang der Ton einer Zinntrompete durch den Wald
herber. Tom entledigte sich blitzartig seiner Jacke und Hose, machte sich
aus einem Hosentrger einen Grtel, rumte einen Haufen Gestrpp hinter dem
hohlen Baum fort, holte einen rohgeschnitzten Bogen und Pfeil hervor, ein
hlzernes Schwert, eine Zinntrompete, raffte alles zusammen und raste
davon, barbeinig, in flatterndem Hemd. Bald hielt er unter einer groen
Ulme, stie antwortend in die Trompete und schlich auf den Zehen vorwrts,
um vorsichtig nach allen Richtungen auszulugen. Zu einer eingebildeten
Heldenschar gewandt, flsterte er:

,,Halt, tapfere Gefhrten! Haltet hier, bis ich blase!"

In diesem Augenblick erschien Joe Harper, ebenso gekleidet und bewaffnet
wie Tom. Tom rief: ,,Halt! Wer kommt ohne meine Erlaubnis in den
Sherwood-Wald?!"

,,Guy von Guisborne wagt's! Wer bist du, da -- da --"

,,Da du es wagen darfst, so zu sprechen," ergnzte Tom prompt, denn sie
spielten ,,nach dem Buch" und deklamierten aus dem Gedchtnis.

,,Da du es wagen darfst, so zu sprechen?"

,,Wer ich bin? Robin Hood, wie dein schuftiger Leichnam bald fhlen soll!"

,,Du wrest in der Tat jener berhmte Gechtete? Mit Vergngen will ich mit
dir um die Herrschaft dieses herrlichen Waldes streiten! Pa auf!"

Sie zogen ihre hlzernen Schwerter, warfen alle anderen Waffen auf die
Erde, nahmen eine Fechterstellung an, Fu bei Fu, und begannen einen
heien, khnen Kampf ,,zwei oben und zwei unten." Pltzlich sagte Tom:

,,Du, wenn's dir recht ist -- strker!"

So gingen sie denn noch strker los, schnaufend und schwitzend.

Zuweilen stie Tom hervor: ,,Fall', fall', warum fllst du nicht?!"

,,Fllt mir nicht ein! Warum fllst du nicht selbst? _Du_ bekommst die
meisten Schlge!"

,,Ach, das ist ja gleich! Ich _kann_ doch nicht fallen! Das steht doch
nicht im Buch! Im Buch steht doch: Und mit einem schrecklichen Hieb fllte
er den armen Guy von Guisborne! Du mut dich umdrehen, und ich geb dir eins
hinten drauf!"

Gegen solche Autoritt lie sich nicht streiten, Joe drehte sich um,
erhielt seinen Hieb und fiel. ,,So," sagte er, sich wieder aufrappelnd,
,,nun la du mich dich tten. Das ist recht und billig!"

,,Gibt's nicht, steht nicht im Buch!"

,,So? Na, meinetwegen. 's ist aber eine rechte Gemeinheit von dem Buch! --
So, jetzt kannst du Friar Tuck sein, Tom, oder Much, des Mllers Sohn, und
mich mit einem Zaunpfahl lahm prgeln; oder ich bin der Sheriff von
Nottingham, und du bist jetzt mal Robin Hood und ttest mich."

Tom war's zufrieden, und auch diese Abenteuer wurden durchgefochten. Dann
war wieder Joe Robin Hood und bekam von der verrterischen Nonne die
Erlaubnis, all seine furchtbare Kraft mit dem Blut seiner Wunden
davonflieen zu sehen. Zuletzt schleifte ihn Joe, der jetzt eine ganze
Bande weinender Gechteter reprsentierte, vorsichtig davon, gab ihm seinen
Bogen in die schwache Rechte, und Tom flsterte mit ersterbender Stimme:

,,Wo dieser Pfeil niederfllt, da begrabt den armen Robin Hood unter grnen
Bumen." Dann scho er einen Pfeil ab, fiel zurck und wrde tot gewesen
sein -- aber er hatte sich in Nesseln geworfen und sprang in die Hhe --
etwas zu schnell fr einen Toten.

Sie zogen sich wieder an, verbargen ihre Kriegsgerte und gingen fort,
bedauernd, da es keine Gechteten mehr gab, und sich fragend, was die
moderne Zivilisation getan habe, um diesen Verlust verschmerzen zu lassen.
Sie waren sich beide vollkommen klar, da sie lieber ein Jahr hindurch
Gechtete im Sherwood-Walde gewesen wren als fr Lebenszeit Prsident der
Vereinigten Staaten.

Neuntes Kapitel.

Um halb neun wurden Tom und Sid, wie gewhnlich, zu Bett geschickt. Sie
sprachen ihre Gebete, und Sid war bald eingeschlafen. Tom lag wach und
wartete in peinvoller Ungeduld. Als es ihm schien, da es bald wieder Tag
werden msse, hrte er es zehn Uhr schlagen. Das war zum Verzweifeln. Er
htte um sich schlagen mgen, wie es seine Nerven verlangten, aber er
frchtete, Sid aufzuwecken. So lag er still und starrte in die Dunkelheit.
Es war so schrecklich still! Allmhlich begannen aus der Stille heraus
kleine, geheimnisvolle, kaum hrbare Stimmen sich bemerkbar zu machen.

Zuerst vernahm er nur das Ticken der Uhr. Dann begannen morsche Balken
geheimnisvoll zu brechen. Auch im Fuboden regte es sich. Es war kein
Zweifel, da Geister ihr Wesen trieben. Ein dumpfer, sich regelmig
wiederholender Ton drang aus Tante Pollys Schlafzimmer herauf. Und jetzt
begann das eintnige Zirpen einer Grille, das keine menschliche Macht zum
Schweigen zu bringen vermag. Dann wieder lie das unheimliche Klopfen des
Totenkfers in einem Balken ber seinem Kopf Tom erschauern -- gewi waren
irgend jemandes Tage gezhlt. Jetzt erfllte das langgezogene Heulen eines
Hundes die nchtliche Stille und wurde sofort durch ein noch entfernteres
Heulen beantwortet. Tom lag halb betubt. Er glaubte, alle Zeit habe
aufgehrt und die Ewigkeit beginne. Trotz aller Anstrengung schlief er ein.
Die Uhr schlug elf, aber er hrte nichts mehr. Und dann mischte sich in
seine halbbewuten Trume ein hchst melancholisches Katzengeheul. Das
Aufreien eines benachbarten Fensters schreckte ihn in die Hhe. Der
wtende Ruf: ,,Hol der Teufel die verfluchte Katze!" und der Anprall einer
leeren Flasche gegen die Rckwand von Tante Pollys Holzschuppen ermunterten
ihn vollends; eine Minute spter war er vllig angekleidet, stieg aus dem
Fenster und noch auf allen Vieren am Dach eines kleinen Anbaues entlang.
Whrend dieses Spazierganges miaute er ein- oder zweimal halblaut, dann
kletterte er auf das Dach des Holzschuppens und sprang von dort zur Erde.
Huckleberry Finn war da mit seiner toten Katze. Die Jungen machten sich
davon und verschwanden in der Dunkelheit. Eine halbe Stunde spter wateten
sie durch das nasse Gras des Kirchhofes.

Es war ein Kirchhof in der althergebrachten Art des Westens. Er lag auf
einem Hgel, ber ein und eine halbe Meile vom Dorfe entfernt. Umgeben war
er von einem halb morschen alten Zaun, der sich bald nach innen, bald nach
auen lehnte und doch sich immer noch aufrecht erhielt. Gras und Unkraut
berwucherten den ganzen Gottesacker. Die meisten der lteren Grber waren
lngst eingesunken. Nicht ein einziger Grabstein war zu sehen. Roh
geschnitzte, wurmstichige Holzkreuze steckten auf den Hgeln, einen Anhalt
suchend und keinen findend. ,,Zum ewigen Gedchtnis", das und hnliches war
auf einige gemalt, aber man konnte es meistens nicht mehr lesen -- auch
nicht bei hellem Tageslicht. Ein leichter Wind suselte in den Bumen, und
Tom argwhnte, da es Stimmen von Toten sein knnten, die sich ber die
Strung ihrer Ruhe beklagten.

Nur leise, mit verhaltenem Atem, wagten die beiden zu sprechen, Zeit und
Stunde und die trostlose Schwermut und Verlassenheit ihrer Umgebung
bedrckten ihren Geist. Sie fanden das neugeschaufelte Grab, das sie
suchten, und stellten sich in den Schutz und Schatten dreier mchtiger
Ulmen, welche, ein paar Schritte vom Grabe entfernt, sich dicht aneinander
drngten.

Dann warteten sie lange schweigend auf das, was da kommen sollte. Das
Husten einer entfernten Eule war der einzige Ton, der die tiefe Stille
zuweilen unterbrach. Toms Beklemmung wuchs. Er mute durchaus sprechen. So
sagte er mit flsternder Stimme: ,,Hucky, glaubst du, da die Toten es
leiden werden, da wir hier sind?"

Huckleberry gab flsternd zurck: ,,Ich wollte, ich wte es. 's ist
schrecklich traurig hier, nicht?"

,,Ich glaub' wohl!"

Whrend der nchsten Minuten schwiegen beide, die Frage innerlich weiter
verarbeitend. Dann wisperte Tom wieder: ,,Sag, Hucky -- meinst du, da Hoss
Williams uns sprechen hrt?"

,,O, sicher, wenigstens sein Geist."

Nach einer Pause Tom wieder: ,,Htt' ich doch nur _Herr_ Williams gesagt!
Aber ich hab's ja nie anders gehrt. Alle nennen ihn einfach Hoss."

,,Ja. Tom, man kann gar nicht vorsichtig genug sein in dem, was man ber
die Leute da unten sagt."

Dies war ungemtlich, und die Unterhaltung erstarb wieder. Pltzlich packte
Tom seinen Kameraden am Arm und raunte: ,,Pscht!"

,,Was denn, Tom?" Und die beiden drngten sich klopfenden Herzens
aneinander.

,,Pscht! Da ist's wieder! Hast du denn nichts gehrt?"

,,Ich --"

,,Da! Nun hrst du's doch!"

,,Herr Gott, Tom, sie kommen! Sie kommen ganz bestimmt! Was tust du?"

,,Ich? Nichts! Meinst du, da sie uns sehen werden?"

,,O, Tom, die sehen in der Dunkelheit wie die Katzen. -- Ich wollte nur,
ich wr' nicht hergekommen!"

,,Ach was, frchte dich nicht! Ich glaub' nicht, da sie uns was tun! Wir
haben ja nichts Schlechtes getan. Wenn wir ganz still sind, werden sie uns
vielleicht gar nicht bemerken!"

,,Ich will's versuchen, Tom, aber, Herr Gott, ich bin halb tot vor Angst!"

,,Still!"

Sie steckten die Kpfe zusammen und wagten kaum zu atmen. Dumpfes
Stimmengewirr wurde vom anderen Ende des Kirchhofes hrbar.

,,Sieh, sieh doch!" flsterte Tom. ,,Was ist das?"

,,'s ist Teufelsspuk! Ach, Tom, wie schrecklich!"

Ein paar unbestimmte Figuren tauchten aus der Dunkelheit auf, eine
altertmliche Blendlaterne mit sich fhrend, welche die Umgebung mit
zahllosen Lichtstreifen erhellte. Schaudernd flsterte Huckleberry: ,,Ganz
gewi, es sind Teufel! Drei auf einmal! Gott, Gott, Tom, wir sind verloren!
Weit du kein Gebet?"

,,Ich will's versuchen, aber sei doch nicht so bange! Sie werden uns ja
nicht erwischen. Mde bin ich, geh zur Ruh --"

,,Pscht!"

,,Was gibt's Huck?"

,,Das sind ja _Menschen_! Einer wenigstens! Die eine Stimme gehrt dem
alten Muff Potter!"

,,Ist das gewi?"

,,Wenn ich dir's doch sage! Nur ganz still! Er wird uns schwerlich
bemerken! Besoffen, wie gewhnlich -- erbrmlicher, alter Trunkenbold!"

,,'s ist schon gut, ich bin ja ganz still! -- Jetzt bleiben sie stehen --
sie knnen's nicht finden -- jetzt kommen sie wieder nher -- hei -- kalt
-- wieder hei -- riesig hei! Da -- da sind sie jetzt ganz in der Nhe! --
Du, Huck, ich kenne die zweite Stimme -- 's ist die von Indianer-Joe."

,,'s ist richtig! Diese mrderische Bestie! Ich wollt' fast lieber, es
wren Teufel! Was sie wohl vorhaben?"

Mit dem Tuscheln war's jetzt aus; die drei waren beim Grab angelangt und
standen kaum ein paar Fu vom Versteck der beiden Abenteurer.

,,Hier ist es," sagte die dritte Stimme, worauf einer der anderen die
Laterne in die Hhe hielt -- sie beleuchtete des jungen Dr. Robinson
Gesicht. Potter und Indianer-Joe hatten einen Schubkarren mit einem Strick
und ein paar Schaufeln mitgebracht. Sie setzten ihre Last nieder und
begannen, das Grab zu ffnen. Der Doktor setzte die Laterne auf das
Kopfende des Grabes und setzte sich mit dem Rcken gegen eine der Ulmen
nieder. Er war so nahe, da die beiden Burschen ihn htten berhren knnen.

,,Hurtig, Leute," sagte er leise. ,,Der Mond wird gleich herauskommen!"

Sie grunzten was als Antwort und gruben weiter. Einige Zeit war nichts zu
hren als der dumpfe Ton der Schaufeln, die ihre Ladung von Erde und
Steinen abluden. Es klang sehr eintnig. Endlich stie eine Schaufel
krachend auf den Sargdeckel -- zwei Minuten spter hatten die Mnner den
Sarg herausgeschoben und niedergesetzt.

Darauf brachen sie mit ihren Schaufeln den Deckel auf, zogen die Leiche
heraus und warfen sie brutal auf die Erde. Der Mond trat in diesem
Augenblick hinter den Wolken hervor und beleuchtete grell die scheuliche
Szene. Der Schubkarren wurde herbeigeholt, der Krper daraufgelegt, mit
einer Decke eingehllt und mit Stricken festgebunden. Potter zog ein groes
Messer hervor, schnitt das berhngende Stck des Strickes ab und sagte:
,,So, _das_ wr getan, Beinsger, jetzt noch 'nen Fnfer 'raus, oder das da
bleibt stehen."

,,'s ist ganz richtig," stimmte der Indianer-Joe bei.

,,Seht mal! Was soll das heien?" fragte der Doktor. ,,Ihr habt euer Geld
im voraus verlangt, und ich hab's euch gegeben."

,,Ja -- und 's ist das letzte Mal gewesen," schrie der Indianer-Joe, sich
dem Doktor nhernd, der rasch aufgestanden war. ,,Vor fnf Jahren hast du
mich vom Hause deines Vaters bei Nacht und Nebel vertrieben, als ich um was
zu essen bat, und hast gesagt, ich htt' wohl was anderes vorgehabt; und
als ich schwor, wir wrden noch mit 'nander abrechnen, und wr's erst in
hundert Jahren, hat mich dein Vater als Landstreicher eingesperrt. Dachtest
du, ich htt's vergessen? Ich hab' nicht umsonst Indianerblut! Und jetzt
will ich's dir geben, und du wirst zum stillen Mann gemacht!"

Bis jetzt hatte er dem Doktor mit der Faust unter der Nase herumgefuchtelt.
Pltzlich holte dieser aus und streckte den Raufbold zu Boden. Potter warf
sein Messer zu Boden, und mit den Worten: ,,Halt einmal, du sollst meinen
Freund nicht hauen!" strzte er sich auf den Doktor, und im nchsten
Augenblick lagen beide wtend ringend, und Gras und Erde mit den Fen
zerstampfend, auf dem Grab. Der Indianer-Joe war gleich wieder auf den
Beinen, seine Augen glhten unheimlich, er ergriff Potters Messer und
umkreiste katzengleich die Kmpfenden, auf eine Gelegenheit lauernd. Aber
auf einmal gelang es dem Doktor, sich freizumachen, er ergriff den schweren
Sargdeckel und schlug Potter damit zu Boden -- ebenso rasch hatte Joe
seinen Vorteil wahrgenommen und stie das Messer bis ans Heft in des jungen
Mannes Brust. Der Doktor stie einen Schrei aus und fiel auf Potter, ihn
mit seinem Blute frbend; und im selben Moment verhllten die Wolken das
schreckliche Schauspiel, whrend die beiden zu Tode erschrockenen Burschen
Hals ber Kopf in der Dunkelheit verschwanden.

Sobald der Mond wieder hervorkam, stand Joe ber den beiden regungslos
Liegenden und betrachtete sie. Der Doktor murmelte etwas Unverstndliches,
tat einen langen Seufzer -- und war still.

,,Beim Satan -- der Stich sitzt," brummte Joe und begann die Leiche zu
berauben, worauf er das verrterische Messer in Potters offene Hand steckte
und sich auf den geffneten Sarg setzte. Drei -- vier -- fnf Minuten
verflossen, und dann begann Potter sich zu bewegen und zu sthnen. Seine
Hand schlo sich um das Messer, er hob es auf, blickte darauf und lie es
schaudernd fallen. Dann richtete er sich auf, schob die Leiche von sich und
starrte verwirrt um sich. Joe anzusehen, vermied er.

,,Herr Gott, Joe, wie war das?" sagte er mit zitternder Stimme.

,,'s ist 'ne faule Geschichte," entgegnete Joe grob. ,,Wozu tatst du's?"

,,Ich! _Ich_ hab's nicht getan!"

,,Sieh mal! Na -- mit solchem Geschwtz kommst du nicht los!"

Potter zitterte und wurde aschfahl.

,,Ich hatte mir doch vorgenommen, nchtern zu bleiben! Warum mute ich auch
nachts trinken. -- Hab's ja noch im Kopf -- mehr, als wie wir kamen. --
Immer betrunken -- vllig -- auf gar nichts kann ich mich besinnen! Sag,
Joe, _ehrlich_, alter Bursche -- hab ich's getan?! Ich wollt's nicht tun --
auf Ehr und Seligkeit, Joe, ich wollt's nicht tun! O, 's ist schrecklich --
und er war so jung und hoffnungsvoll --"

,,Na, ihr habt halt gerauft, und er gab dir eins rber mit dem Sargdeckel,
und du fielst hin. -- Und dann kamst du wieder auf, wanktest und konntest
dich kaum auf den Fen halten, hobst das Messer auf -- na, und stieest es
ihm in den Leib, grad, wie er dir noch 'nen tchtigen Schlag geben wollte,
und dann hast du hier wie 'n toter Klotz gelegen bis jetzt."

,,O -- ich wute ja nicht mehr, was ich tat. 's kam wohl alles vom
Branntwein und von der Wut -- schtz' ich. Ich hab' nie vorher in meinem
Leben so was getan, Joe! 's knnen's mir alle bezeugen. Geprgelt -- ja,
aber gestochen niemals, Joe. Joe, sag's niemand! Sag mir, Joe, da du's
niemand sagen willst! Sei 'n guter Bursche! Joe! Ich hab' dich immer gern
gehabt, Joe, und hab' deine Partei genommen. Weit du nicht, Joe? Joe, du
sagst es _nicht_, Joe, nicht?!" Und der arme Kerl fiel auf die Knie vor den
kaltherzigen Mrder und hob beschwrend die Hnde.

,,Na, du bist immer treu und brav zu mir gewesen, Muff Potter, und ich
werd' dich nicht verraten. -- Das ist doch wie 'n Kerl gesprochen, he?"

,,O, Joe, ja, du bist ein Engel, Joe. Ich will dich segnen, so lang ich
leb'!" Und Potter begann zu weinen.

,,Na, komm, 's ist jetzt genug _davon_. 's ist 'ne verdammt schlechte Zeit
zum Heulen. Mach, da du in _der_ Richtung fortkommst, und ich will hierhin
gehen. Vorwrts, mach fort -- und la nichts liegen, zum Teufel!"

Potter setzte sich in Trab, woraus bald regelrechter Galopp wurde. Joe
schaute ihm nach, brummend: ,,Wenn er so betubt von dem Prgeln und voll
von Schnaps ist, wie er aussieht, so wird er an das Messer erst denken,
wenn er so weit fort ist, da er's nicht wagt, an so 'nen Ort
zurckzukommen -- Hasenfu!"

Zwei oder drei Minuten spter sah nur noch der Mond den Ermordeten, den
eingebundenen Krper des Toten, den aufgebrochenen Sarg und das leere Grab.
Tiefe Stille herrschte wieder wie vorher.

Zehntes Kapitel.

Die beiden Burschen liefen dem Dorfe zu, sprachlos vor Schreck. Von Zeit zu
Zeit blickten sie ngstlich ber die Schulter zurck, als frchteten sie
sich vor Verfolgern. Jeder Baumstumpf, der an ihrem Wege aus der Dunkelheit
auftauchte, schien ihnen ein Mann und ein Feind, und lie sie bis ins Mark
erzittern. Und als sie bei einigen auerhalb des Dorfes gelegenen
Niederlassungen vorbeikamen, schien ihnen das Bellen der erwachten Hunde
Flgel zu verleihen.

,,Wenn wir -- nur bis zu der alten Gerberei -- kommen -- bevor wir --
zusammenbrechen --" stie Tom abgerissen zwischen mhsamem Atemholen
hervor.

,,Ich -- ich kann -- nicht mehr -- lnger!"

Huckleberrys pochendes Herz war seine ganze Antwort; beide hefteten ihre
Augen fest auf das Ziel ihrer Hoffnung und machten die uersten
Anstrengungen, es zu erreichen. Sie kamen ihm immer nher, und schlielich
Brust an Brust, fielen sie frmlich durch die offene Tr -- dankbar und
atemlos, in den schtzenden Schatten. Allmhlich beruhigten sich ihre
Pulse, und Tom flsterte:

,,Du, Huckleberry, was meinst du, wird von all dem kommen?"

,,Na, ich denke, wenn Dr. Robinson stirbt, wird Gehenktwerden davon
kommen."

,,Meinst du?"

,,Nicht meine, ich _wei_, Tom!"

Tom dachte 'ne Weile nach, dann sagte er: ,,Wer wird's denn verraten? Wir?"

,,Was fllt dir ein? Angenommen, 's km' was dazwischen und Indianer-Joe
mt _nicht_ hngen, wird er uns frher oder spter so gewi tten, da wir
grad so gut schon jetzt hier liegen knnten!"

,,Huck, das hab' ich mir auch gedacht."

,,Wenn's jemand sagen soll, mag's doch Muff Potter tun, wenn er dumm genug
ist. Der ist ohnehin immer betrunken genug!"

Tom sagte nichts -- er brtete ber etwas. Pltzlich wisperte er: ,,Huck,
Muff Potter _wei_ es nicht. Wie kann er's _sagen_?"

,,Warum sollt er's nicht wissen?"

,,Weil er grad den ekligen Klaps bekommen hatte, als es Joe tat. Meinst du,
da htt' er's sehen knnen? Meinst du wirklich, er knnt's wissen?"

,,Beim Henker, 's ist so, Tom!"

,,Und dann -- weit du -- sollt' ihm nicht der Hieb den Rest gegeben
haben?"

,,Kaum glaublich, Tom! Er hatte Schnaps in sich. Ich konnt's sehen;
brigens hat er das immer. Wenn mein Alter voll ist, kannst du ihn nehmen
und ihn mit 'nem Kirchturm berhauen -- er sprt's nicht. Er sagt's auch
selbst. Grad so ist's heut mit Muff Potter. Aber wenn einer klar im Kopf
ist, schtz' ich, da so 'n Klaps genug fr ihn sein mchte."

Nach abermaligem nachdenklichem Schweigen fuhr Tom abermals fort:

,,Huck, bist du sicher, da du den Mund halten kannst?"

,,Tom, wir _mssen_ den Mund halten! Du weit doch! Dieser Indianer-Teufel
wrde nicht mehr Umstnde machen, uns abzuschneiden, wie mit 'nen paar
Katzen, wenn wir so dumm wren, zu plappern, und sie henkten ihn _nicht_.
Nun, Tom, komm mal her, la uns einander schwren -- das mssen wir, Tom!
-- schwren, den Mund zu halten!"

,,Mir recht, Huck. 's wird wohl das beste sein. Wollen wir also die Hand
hochhalten und schwren, da wir --"

,,Halt mal, so geht's nicht! Das ist gut genug fr kleine, alltgliche
Dinge, zum Beispiel bei Mdchen, wenn die einem berall nachlaufen, und
wenn sie -- hm -- wenn man sich verrannt hat, mein' ich -- aber so was geht
bei so 'ner hlichen Geschichte nicht -- da mu was Schriftliches sein --
und Blut!"

Tom stimmte von ganzem Herzen zu. Die Idee war tief -- und dunkel -- und
schrecklich; die Stunde, die Umstnde, die Umgebung -- alles wirkte
zusammen. Er nahm eine glnzend geschliffene Schindel auf, die im Mondlicht
lag, zog ein Stckchen Rotstift aus der Tasche, lie das Mondlicht sein
Werk bescheinen, und kritzelte mhsam, jeden schwerflligen Grundstrich
hervorhebend, indem er die Zunge zwischen die Zhne klemmte und sie bei den
Haarstrichen wieder freilie, folgende Zeilen: ,,Huck Finn und Tom Sawyer
schwhren, Sie wolen ber dies den Mund Halten und sie wnschen, dahs Sie
Tot niederfallen auff ihren Wech, wenn sie jemalls plautern oter
schreiben."

Huckleberry war ganz erfllt von Toms Fhigkeit im Schreiben und seinem
glanzvollen Stil. Er war im Begriff, mit einem Nagel sich das Fleisch zu
ritzen, als Tom einfiel: ,,Halt, nicht so. Nagel ist Eisen. Der knnte
Grnspan haben."

,,Grnspan -- was ist das?"

,,'s ist Gift, _das_ ist es! Du wrdest sofort davon aufgeschwellt werden
-- sollst du sehen!" Darauf nahm Tom eine Nadel, und beide ritzten sich den
Ballen des Daumens und drckten einen Blutstropfen heraus. Schlielich,
nach vielem Quetschen machte sich Tom daran, seine Anfangsbuchstaben zu
malen, indem er den kleinen Finger als Feder benutzte. Dann zeigte er
Huckleberry, wie er ein H und ein F zu machen habe -- und dann war der Eid
bekrftigt.

Sie vergruben die Schindel, huften unter allerhand Zeremonien und
Zauberformeln einen Hgel darber, und die ihre Zungen bindenden Fesseln
waren geschmiedet und der Schlssel dazu lag in der Erde.

Eine menschliche Figur schlpfte vorsichtig durch eine Lcke am anderen
Ende des verfallenen Gebudes, aber sie merkten es nicht.

,,Tom," wisperte Huckleberry, ,,sichert uns das davor, zu schwatzen -- fr
immer?"

,,Aber, natrlich tut's das! Mag jetzt geschehen, was will -- wir mssen
schweigen. Wir wollen tot niederfallen -- weit du's denn nicht?"

,,Ja, ich rechne, 's ist an dem."

Sie tuschelten noch 'ne Weile fort. Pltzlich schlug ein Hund mit langem,
klglichem Ton an, gerade jenseits der Stelle der Mauer, wo sie saen --
keine zehn Schritt davon. Die Burschen packten einander unwillkrlich in
versteinerndem Schreck.

,,Wen von uns mag er meinen?" flsterte Huckleberry.

,,Ich wei nicht -- schau durch die Ritze -- schnell!"

,,Nein, tu du's, Tom!"

,,Ich kann's -- kann's nicht!"

,,Bitte, Tom! -- Da ist's wieder!"

,,Ach, Gott sei Dank," wisperte Tom, ,,ich kenne seine Stimme, 's ist Bull
Harbison."

,,Ach, das ist mal gut! Ich sag dir, Tom, ich war wirklich zu Tod
erschrocken! Meinte wahrhaftig, 's wr 'n fremder Hund."

Der Hund heulte wieder. Die Herzen der Burschen sanken wieder in die Hosen.

,,Ach, verflucht, das ist nicht Bull Harbison!" flsterte Huckleberry
weinerlich.

Tom, zitternd vor Furcht, rappelte sich auf und legte das Auge an die
Lcke.

Der Ton seiner Stimme war erbarmungswrdig, als er jetzt flsterte: ,,O,
Huck, 's _ist ein fremder Hund_ --!"

,,Schnell, Tom, schnell, _wen_ von uns meint er?"

,,Huck, er mu uns beide meinen! -- Wir stehen dicht beieinander."

,,O, Tom, ich frchte -- wir sind futsch! Ich rechne, wohin _ich_ komme,
darber kann kein Zweifel sein. Ich bin so schlecht, Tom!"

,,Der Teufel hol's! Das kommt davon, wenn man Blindekuh spielt und alles
tut, wovon der Lehrer sagt, da man's nicht tun soll! Ich wollt', ich wr
so artig gewesen wie Sid -- wenn ich's gekonnt htte. Aber nein, ich
mocht's nicht sein! Aber wenn ich hier fortkomm', ich sag' dir, ich werd'
_immer_ in die Sonntagsschule gehen." Und Tom begann ein bichen zu heulen.

,,Du _schlecht_?" Und Huckleberry heulte zur Gesellschaft mit. ,,Ich sag's
dir, Tom, du bist einfach Gold gegen mich! O, Gott, Gott, Gott -- ich
wollte, ich wre nur halb so gut wie du!"

Tom fuhr zusammen und flsterte: ,,Schau, Hucky, schau nur! Er wendet uns
ja den _Rcken_ zu!"

Hucky schaute hinaus, und Freude erfllte sein Herz.

,,Teufel, 's _ist_ so! Tat er's vorher auch schon?"

,,Ja, er tat's, aber ich Dummkopf dachte nicht daran. Na, das ist mal
famos. Aber -- wen kann er nur meinen?"

Das Heulen hrte auf. Tom spitzte die Ohren. ,,Pscht --was ist das?"

,,'s klingt wie -- wie Schweinegrunzen. Oder, Tom -- doch nicht, 's
schnarcht jemand."

,,Ist's das? Wo aber, Hucky?"

,,Ich glaub' dort, am anderen Ende. 's klingt wenigstens so. Pop pflegt
zuweilen da zu schlafen -- mit den Schweinen, aber, Gott segne dich, er
macht alles zittern, wenn er schnarcht. Und dann, ich rechne, _hierher_
kommt er nicht zurck!"

Die Abenteuerlust begann sich in den Seelen der beiden Burschen zu regen.

,,Hucky, gehst du mir nach, wenn ich vorangehe?"

,,_Sehr_ gern nicht, Tom! Denk, 's knnt Joe sein!"

Tom zauderte. Aber sofort regte sich wieder die Versuchung, und sie
beschlossen, den Versuch zu wagen, unter dem Vorbehalt, da sie fliehen
drften, sobald das Schnarchen aufhren wrde. So gingen sie auf den
Fuspitzen weiter, einer hinter dem anderen. Als sie nur noch fnf Schritt
von dem Schnarchenden entfernt waren, trat Tom auf einen Zweig, der mit
lautem Knacken brach. Der Mann grunzte, wlzte sich ein bichen herum, das
Mondlicht fiel, auf sein Gesicht -- es war Muff Potter. Die Herzen der
Burschen hatten still gestanden -- wie ihre Leiber, als sich der Mann
rhrte, aber jetzt war ihre Furcht vergangen. Sie schlichen zurck,
schlpften durch die geborstene Mauer und blieben in einiger Entfernung
stehen, um sich zu verabschieden, Das lange unheimliche Geheul erhob sich
wieder und klang durch die Nachtluft. Sie wandten sich um und sahen den
fremden Hund wenige Schritt von der Stelle entfernt, wo Muff Potter lag,
mit dem Kopf diesem zugewandt, die Schnauze zum Himmel gerichtet.

,,Herrje, _den_ meint er!" riefen beide in einem Atem.

,,Sag, Tom, sie sagen, ein scheulicher Kter soll um Johnny Millers Haus
herumgeheult haben -- vor mehr als zwei Wochen. Und dann hat sich auch 'ne
Eule auf das Dach gesetzt und da geheult, am selben Abend. Und da ist doch
bis heute noch keiner gestorben!"

,,Ja, ich wei. Und ich mein', das beweist nichts. Fiel nicht am nchsten
Samstag Gracie Miller auf den Kchenherd und verbrannte sich schrecklich?"

,,Ja -- aber sie ist doch nicht gestorben. Noch mehr, sie ist bald wieder
ganz gesund."

,,Schon recht, wart' nur und red' _dann_! Sie ist futsch, so gewi als Muff
Potter dort futsch ist! Die Neger sagen's, und die wissen so was ganz
genau, Hucky."

Damit gingen sie nachdenklich auseinander.

Als Tom in sein Schlafzimmerfenster schlpfte, war die Nacht schon vorbei.

Er entkleidete sich mit uerster Vorsicht und schlief ein, sich
beglckwnschend, da niemand etwas von seinem Streifzug gemerkt habe. Er
hatte nicht gesehen, da der brave, schnarchende Sid wach war -- seit einer
Stunde.

Als Tom aufwachte, war Sid bereits angezogen und fort. Das Licht drauen
erschien Tom so spt wie auch die Luft. Er stutzte. Warum hat man ihn nicht
gerufen -- da er doch um diese Zeit stets schon auf war? Der Gedanke fiel
ihm schwer aufs Herz.

In fnf Minuten war er angekleidet und die Treppe hinunter, bel gelaunt
und schlfrig. Die Familie sa noch um den Tisch, hatte aber bereits
gefrhstckt.

Kein Tadel, aber abgewandte Gesichter. Tiefes Stillschweigen und ein Hauch
von Trauer; schwer lasteten sie auf des Snders Haupt. Er setzte sich und
tat ganz lustig, aber es war sehr schwer. Er bekam kein Lcheln, keine
Antwort und versank in Stillschweigen, und sein Herz versank in die tiefste
Tiefe.

Nach dem Frhstck nahm ihn seine Tante auf die Seite, und Tom atmete
ordentlich auf, in der Hoffnung, da er jetzt werde geprgelt werden; aber
es sollte anders kommen. Seine Tante vergo Trnen ber ihn und fragte ihn,
wie er hingehen und ihr armes Herz brechen knne. Und schlielich sagte
sie, er solle nur sich selbst ruinieren und ihre grauen Haare mit Kummer in
die Grube fahren lassen, denn sie habe den Mut in bezug auf ihn nun
verloren.

Dies war schlimmer als tausend Prgel, und Toms Herz wurde noch schwerer,
als es heute morgen gewesen. Er heulte, er bat um Verzeihung, versprach
Besserung wieder und immer wieder, und er erhielt schlielich seine
Entlassung mit dem Gefhl, nur halbe Verzeihung und schwaches Vertrauen
gefunden zu haben.

Er empfand die Gegenwart gar zu trbselig, um ein Rachegefhl gegen Sid
aufkommen zu lassen. So war des letzteren eiliger Rckzug durch die
Hintertr berflssig. Er schlich in dsterster Gemtsverfassung zur Schule
und empfing dort seine Prgel wegen des Schwnzens mit Joe Harper am
vorigen Tage mit der Miene eines, dessen Herz von schweren Kmmernissen
belastet und ganz unempfindlich fr Kleinigkeiten ist. Dann verzog er sich
auf seinen Platz, sttzte die Ellbogen auf den Tisch und das Kinn auf die
Hnde und starrte auf die Wand mit dem starren Gesichtsausdruck des
Leidens, das den hchsten Punkt erreicht hat und nun nicht mehr gesteigert
werden kann. Sein Ellbogen drckte auf einen harten Gegenstand. Nach langer
Zeit nderte er schlfrig und gleichgltig seine Stellung und nahm den
Gegenstand in Augenschein. Er war in Papier gewickelt. Er rollte das Papier
auf. Ein langer, starrer, verschleierter Blick -- und sein Herz brach! Es
war der wundervolle abgebrochene Knopf von gestern! Dieser letzte Tropfen
machte das Gef berlaufen.

Elftes Kapitel.

Kurz nach neun Uhr wurde das ganze Dorf durch die schreckliche Neuigkeit
alarmiert. Obwohl sich damals noch niemand etwas von einem Telegraphen
trumen lie, flog die Nachricht doch von Mund zu Mund, von Haus zu Haus,
mit fast telegraphischer Eile. Natrlich gab der Schullehrer fr
nachmittags frei. Man htt's ihm sehr bel genommen, htte er's nicht
getan. Ein blutiges Messer war bei der Leiche gefunden und durch ein paar
Leute als das des Muff Potter rekognosziert worden -- so hie es. Und man
sagte ferner, ein verspteter Brger habe Muff Potter in der Gegend des
Verbrechens um ein oder zwei Uhr getroffen, wie er sich in einem
Wassergraben wusch, und Muff Potter sei pltzlich ausgerissen -- alles
verdchtige Umstnde, besonders das Waschen, was sonst gar nicht zu Potters
Gewohnheiten gehrte. Man sagte auch, der Ort sei nach dem ,,Mrder"
durchsucht (das Volk ist nicht trge, belastende Momente zu suchen und zu
einem Urteilsspruch zu gelangen), da er aber nicht gefunden worden sei.
Reiter waren nach allen Himmelsrichtungen ausgesandt, und der Sheriff hatte
die beste Hoffnung, man werde ihn (nicht den Sheriff!) noch vor der Nacht
erwischt haben.

Der ganze Ort war unterwegs nach dem Kirchhof. Toms Herzeleid schwand, und
er schlo sich der Prozession an, nicht weil er nicht tausendmal lieber
anderswohin gegangen wre, als vielmehr unter dem Zwang eines
schrecklichen, unerklrlichen Antriebs. An dem grlichen Schauplatz
angelangt, zwngte er seinen kleinen Krper durch die Menge und geno den
ganzen traurigen Anblick. Es schien ihm eine Ewigkeit, seit er hier
gewesen. Jemand packte seinen Arm. Er fuhr herum, und sein Blick traf auf
Huckleberry. Dann sahen beide wie auf Verabredung seitwrts und frchteten,
es mge ihnen jemand das Einverstndnis vom Gesicht lesen knnen. Aber
alles schwatzte durcheinander und achtete nur auf den schrecklichen Anblick
vor sich.

,,Armer Bursche!" ,,Armer, junger Bursche!" ,,Eine Lehre fr
Leichenruber!" ,,Muff Potter mu hngen fr das da, wenn man ihn
erwischt!" Das waren so die Bemerkungen, die fielen, und der Geistliche
sagte: ,,Es war ein Gericht. _Seine_ Hand ist hier sichtbar!" In diesem
Augenblick erschauerte Tom von Kopf bis zu Fu, denn seine Augen fielen auf
des Indianer-Joes gleichgltiges Gesicht.

Die Menge begann zu flstern und zu tuscheln. ,,Er ist's, er ist's! Er
kommt!"

,,Wo, wo?" fragten zwanzig Stimmen. ,,Muff Potter! Hallo, er steht still!
Seht mal, er kommt _hierher_ zurck! Lat ihn nicht entwischen!"

Leute, die in den Zweigen der Bume ber Tom saen, sagten, er habe nicht
den geringsten Versuch gemacht, zu entschlpfen, er stand nur und schaute
zweifelnd und wie erstarrt um sich.

,,Teuflische Frechheit!" sagte einer der Umstehenden. ,,Wagt's,
zurckzukommen und sein Werk ganz ruhig zu betrachten! Hat wohl nicht
gedacht, schon Gesellschaft hier zu finden!"

Die Menge teilte sich jetzt, und der Sheriff kam ostentativ
hindurchgeschritten, Potter am Arm fhrend. Des armen Burschen Gesicht sah
bla aus, und aus seinen Augen sprach die Furcht, die ihn beherrschte. Als
er vor dem Ermordeten stand, zuckte er wie unter einem Hieb zusammen,
verbarg das Gesicht in den Hnden und brach in Trnen aus.

,,Ich hab's nicht getan, Freunde." schluchzte er. ,,Auf Ehr' und Seligkeit,
ich tat's nicht!"

,,Wer hat dich denn angeklagt?" schrie eine Stimme. Dieser Hieb sa. Potter
nahm die Hnde vom Gesicht und schaute in sichtbarster Hilflosigkeit um
sich. Er sah Joe und rief aus: ,,O, Joe, du versprachst mir, niemals --"

,,Ist das Euer Messer?" Und es wurde vom Sheriff vorgehalten.

Potter wre umgefallen, wenn man ihn nicht aufgefangen und ihn auf die Erde
niedergelassen htte. Dann sagte er: ,,Dacht' ich mir's doch, wenn ich
nicht zurckkme und --", er schauderte. Dann erhob er seine kraftlose Hand
mit mder Gebrde und flsterte: ,,Sag's ihnen, Joe, sag's ihnen -- 's ist
nichts mehr zu machen."

Dann standen Huckleberry und Tom stumm und starr und hrten den
kaltherzigen Lgner ganz gemtlich Bericht erstatten; sie erwarteten jeden
Augenblick, Gottes Blitzstrahl werde ihn treffen, und wunderten sich, ihn
solange unberhrt stehen zu sehen. Und nachdem er geendet hatte und gesund
und heil blieb, dachten sie nicht mehr daran, ihren Eid zu brechen und des
armen Gefangenen Leben zu retten, denn es war zweifellos, da Joe sich dem
Satan verschrieben hatte, und es wre wohl gefhrlich gewesen, sich mit
einer solchen Macht einzulassen.

,,Warum liefst du nicht davon? Warum, zum Teufel, kamst du hierher zurck?"

,,Konnt' nicht anders -- ich _konnt'_ nicht anders," sthnte Potter. ,,Ich
_wollt'_ wohl fortlaufen, aber ich konnt' nirgends hinkommen als
_hierher_!"

Und er fing wieder an zu schluchzen.

Joe wiederholte seinen Bericht, ebenso ruhig, ein paar Minuten spter und
beschwor ihn auf Verlangen, und die Burschen, die den Lichtstrahl immer
noch nicht hervorbrechen sahen, wurden dadurch in ihrem Glauben, da er
einen Pakt mit dem Teufel geschlossen habe, noch mehr bestrkt. Er war mit
einem Schlage fr sie der Gegenstand des unheimlichsten Interesses
geworden, wie nichts anderes, und sie konnten die bezauberten Blicke nicht
von ihm wenden. Sie beschlossen innerlich, ihn nachts, wenn sich einmal die
Gelegenheit bte, zu belauern, in der Hoffnung, seines schrecklichen Herrn
und Meisters ansichtig zu werden.

Joe half den Krper des Ermordeten aufheben und auf einen Karren laden, um
ihn fortzuschaffen. Und es ging ein Flstern durch das schaudernde Volk,
da die Wunde ein wenig zu bluten anfinge! Die Knaben hofften, dieser
glckliche Umstand werde den Verdacht in die wahre Richtung lenken. Aber
sie waren enttuscht, als mehrere der Leute sagten: ,,Er war nur drei
Schritt von Muff Potter entfernt, als es geschah."

Toms schreckliches Geheimnis, seine furchtbare Mitwisserschaft strte
seinen Schlaf whrend mehr als einer Woche; und eines Morgens beim
Frhstck sagte Sid:

,,Tom, du wirfst dich im Schlaf herum und sprichst so viel, da du mich die
halbe Nacht wach erhltst."

Tom erbleichte und senkte die Augen.

,,'s ist ein bses Zeichen," sagte Tante Polly mit Nachdruck. ,,Was hast du
auf dem Herzen, Tom?"

,,Nichts -- nichts -- ich wei nicht." Aber seine Hand zitterte so, da er
seinen Kaffee verschttete.

,,Und du schwatzt solchen Unsinn," fuhr Sid fort. ,,In der letzten Nacht
sagtest du: ,'s ist Blut, 's ist Blut, nichts als Blut.' Du sagtest das
immer wieder. Und dann sagtest du: ,ngstigt mich nicht -- ich will alles
sagen.' Sagen -- was? _Was_ willst du sagen?"

Tom schwamm alles vor den Augen. Es ist nicht zu sagen, was geschehen sein
wrde, wenn nicht pltzlich die Spannung aus Tante Pollys Gesicht gewichen
wre und sie Tom, ohne es zu wissen, zu Hilfe gekommen wre. Sie sagte:
,,Kann mir's denken! Der schreckliche Mord ist's. Ich selbst trume jede
Nacht davon. Manchmal trum' ich, ich selbst htt's getan."

Mary sagte, sie wre gerade so angegriffen davon. Sid schien befriedigt.
Tom ging aus der Affre so beruhigt hervor, als es nur immer mglich war,
simulierte whrend einer Woche Zahnschmerzen und band sich jede Nacht die
Backen fest zu. Er wute nicht, da Sid wachte und des fteren die Bandage
lockerte und dann, auf den Ellbogen gesttzt, eine gute Weile lauerte, dann
wieder alles in Ordnung brachte und sich hinlegte. Toms Gemtsverstimmung
wich nach und nach, und die Zahnschmerzen begannen ihm lstig zu werden und
wurden ganz abgeschafft. Wenn es Sid gelungen war, etwas von Toms
unbewutem Murmeln aufzufangen, so behielt er es jedenfalls fr sich. Tom
schien es, als knnten seine Schulkameraden nicht oft genug Totenschau ber
Katzen halten und dadurch seine Erinnerung immer wieder auffrischen. Sid
fiel auf, da Tom niemals den Beschauer spielen wollte, obwohl er sonst
doch gewhnt war, bei allem den Fhrer abzugeben; er merkte auch, da Tom
sich nie unter den Zeugen befand -- und das war auffallend. Schlielich
entging Sid durchaus nicht die entschiedene Abneigung Toms gegen diese
ganze Spielerei, und seine Bemhungen, ihr aus dem Wege zu gehen. Sid
grbelte darber, sagte aber nichts. Indessen, schlielich schwand alle
Unruhe und hrte auf, Toms Geist zu qulen.

Jeden Tag oder doch jeden zweiten in dieser traurigen Zeit passte Tom auf
eine Gelegenheit, um zu dem kleinen Gitterfenster zu laufen und allerhand
kleine Annehmlichkeiten fr den ,,Mrder" hineinzuschmuggeln. Das Gefngnis
war ein trbseliges, kleines, halbverfallenes Loch und stand in einem
Sumpfe auerhalb des Dorfes. Wrter waren nicht aufgestellt, denn es hatte
selten Gste zu beherbergen. Diese Geschenke halfen sehr dazu, Toms Gemt
aufzuheitern. Die Drfler hatten nicht bel Lust, Joe beim Kragen zu nehmen
und ihm wegen der Leichenberaubung den Proze zu machen, aber so furchtbar
war sein Ruf, da niemand sich fand, der Lust gehabt htte, die Sache zu
bernehmen. So wurde sie denn unterlassen. Vorsichtigerweise hatte Joe bei
seinen Gestndnissen jedesmal gleich mit der Rauferei begonnen, ohne ber
die vorhergegangene Leichenberaubung ein Wort zu verlieren. Daher schien es
das weiseste, wenigstens vorlufig die Angelegenheit nicht vor Gericht zu
ziehen.

Zwlftes Kapitel.

Einer der Grnde, die Toms Geist von seiner geheimen Erregung abgezogen
hatten, war, da er einen neuen und wichtigen Gegenstand des Interesses
fand. Becky Thatcher hatte aufgehrt, zur Schule zu kommen. Tom hatte
mehrere Tage mit seinem Stolze gekmpft und versucht, sie ,,unter den Wind
zu bekommen," aber vergeblich. Er ertappte sich dabei, wie er um ihres
Vaters Haus herumstrich, nachts, und sich dabei sehr unglcklich fhlte.
Sie war krank. Wie, wenn sie sterben mute! In dem Gedanken war
Verzweiflung. Er hatte kein Vergngen mehr am Kriegspielen, nicht einmal
mehr an seinem Piraten-Beruf. Der Glanz des Lebens war dahin, nichts als
Finsternis war geblieben. Er lie seinen Reifen liegen und seinen Bogen; er
hatte keinen Spa mehr daran. Seine Tante war beunruhigt. Sie fing an,
allerhand Medizinen an ihm zu probieren. Sie gehrte zu den Leuten, die auf
jede Medizin schwren und alle neu erfundenen Heilmethoden. Sie war
unermdlich in ihren Experimenten. Sobald sie von etwas Neuem in der
Branche hrte, brannte sie darauf, es zu probieren; nicht an sich selbst,
denn sie war nie leidend; aber am ersten besten, der ihr in die Hnde fiel.
Sie war Abonnentin smtlicher ,,Heil"-Zeitschriften und jedes gedruckten,
wissenschaftlichen Betruges; den grten Unsinn, mit dem ntigen
feierlichen Ernst vorgetragen, nahm sie wie ein Evangelium auf in ihrer
Unwissenheit. Alle Abhandlungen ber Ventilation, das Zubettgehen und
Aufstehen, Essen und Trinken, ber das Ma der ntigen Bewegung, die
Gemtsverfassung, die Art der Kleidung, erschienen ihr einfach einwandfrei,
und sie merkte gar nicht, da die Gesundheits-Journale des laufenden Monats
gewhnlich all das widerriefen, was sie im Monat vorher empfohlen hatten.
Sie war einfachen Herzens und so ehrenhaft, wie der Tag lang ist, und so
war sie ein leichtes Opfer. Sie sammelte ihre prahlerischen Zeitschriften
mit den Quacksalber-Medizinen, und so gewaffnet, ritt sie, den Tod hinter
sich, auf ihrem fahlen Pferd, ,,die Hlle hinter sich," um eine Metapher zu
brauchen. Aber sie argwhnte niemals, da sie nicht ein Engel der Genesung
und der Balsam des Herrn in Person fr die leidende Nachbarschaft sei.

Die Wasserbehandlung war neu und Toms bles Befinden kam ihr wie gerufen.
Jeden Morgen in aller Frhe wurde er herausgeholt, in einen Holzschuppen
geschleppt und mit einer Sintflut kalten Wassers berschttet. Dann rieb
sie ihn trocken mit einem Handtuche, gleich einer Feile, und er wurde
zurcktransportiert. Darauf wurde er in ein nasses Tuch gerollt und wieder
unter seine Bettdecke gestopft, bis er schwitzte, wie eine Seele im
Fegfeuer, und ,,ihre Schmutzflecken drangen durch alle Poren heraus," wie
Tom sagte. Indessen, alledem zum Trotz, wurde der Junge immer
melancholischer, niedergeschlagener und gleichgltiger. Sie fgte heie
Bder, Sitzbder, Giebder und Sturzbder hinzu. Der Junge blieb leblos
wie eine Leiche. Sie begann das Wasser mit Blasen ziehenden
Haferschleimpflastern zu versetzen. Sie berlegte seine Aufnahmefhigkeit
und fllte ihn wie einen Krug tglich mit allen mglichen quacksalberischen
Mittelchen an.

Tom war allmhlich gegen all diese Verfolgungen gleichgltig geworden.
Dieser Zustand erfllte der alten Dame Herz mit Entsetzen. Diese
Gleichgltigkeit mute um jeden Preis gebrochen werden. Zu dieser Zeit
gerade vernahm sie vom ,,Schmerzentter". Sie ordnete sofort tglich ein
Lot an. Sie versuchte es selbst und war sehr befriedigt davon. Es war wie
Feuer in flssiger Form. Sie lie die Wasserkur und alle anderen Methoden
und beschrnkte sich auf den Schmerzentter. Sie gab Tom einen Teelffel
und wartete ngstlich auf die Wirkung. Ihre Unruhe war mit einem Schlage zu
Ende, ihr Geist hatte wieder Frieden. Denn die ,,Gleichgltigkeit" war
gebrochen. Der Bursche htte kein wilderes, mehr von Herzen kommendes
,,Interesse" zeigen knnen, wenn sie ein Feuer unter ihm angezndet htte.

Tom fhlte, da es Zeit war, aufzuwachen. Diese Lebensweise htte ja ganz
romantisch sein knnen, war aber nachgerade zu anstrengend und zu eintnig.
So grbelte er ber verschiedenen Plnen seiner Befreiung und verfiel
schlielich darauf, sich als Freund des Schmerzentters zu bekennen. Er
verlangte so oft danach, da er lstig wurde, und seine Tante ihm
schlielich befahl, sich selbst zu helfen und sie in Ruhe zu lassen. Wre
es Sid gewesen, kein Schatten wrde ihre Freude getrbt haben; da es aber
Tom war, beobachtete sie die Flasche mit Aufmerksamkeit. Sie fand, da die
Medizin bestndig weniger wurde, es fiel ihr aber nicht ein, da der Junge
eine Bodenritze im Speisezimmer damit anfllte.

Eines Tages war Tom wieder bei dieser Arbeit, als Tante Pollys gelbe Katze
des Weges kam, schnurrend, den Teelffel begehrlich betrachtete und um ein
bichen bettelte. Tom sagte zu ihr: ,,Bitt nicht drum, wenn du's nicht
brauchst, Peter!"

Aber Peter gab zu verstehen, er _habe_ es ntig.

,,berleg's noch mal."

Peter blieb dabei.

,,Na, du hast drum gebeten, und ich will's dir geben; aber wenn's dir nicht
gefllt, darfst du niemand Vorwrfe machen als dir selbst."

Peter war einverstanden; so ffnete Tom seine Schnauze und go den
Schmerzenztter hinein. Peter machte einen Riesensatz in die Luft, stie
ein Kriegsgeheul aus und fuhr immer rund im Kreise herum durchs Zimmer,
gegen Mbel stoend, Blumentpfe umwerfend, kurz, lauter Verwirrung
anrichtend. Dann erhob er sich auf die Hinterbeine und tanzte sinnlos vor
Vergngen herum, den Kopf ber die Schultern zurckgeworfen, mit einer
Stimme, aus der grenzenloses Behagen klang. Tante Polly kam gerade noch
rechtzeitig herein, um sie mit einem letzten Hurra durchs Fenster fliegen
zu sehen, mit ihr die Reste der Blumentpfe. Die alte Dame stand starr vor
Erstaunen, ber ihre Brillenglser hinwegschauend. Tom lag auf der Erde und
krmmte sich vor Lachen.

,,Tom, was um des Himmels willen fehlt der Katze?"

,,Ich wei nicht," sthnte der Junge.

,,So was hab' ich doch noch nicht gesehen! Was _kann_ sie haben?"

,,In der Tat, ich wei nicht, Tante. Katzen tun immer so, wenn sie vergngt
sind."

,,Tun sie -- wirklich?" Es war etwas in dem Ton, was Tom stutzen machte.

,,Hm -- ja. Das heit -- ich meine, sie tun's."

,,Du _meinst_?"

,,Hm -- ja --"

Die alte Dame bckte sich, Tom wartete mit ngstlichem Interesse. Zu spt
entdeckte er ihre List. Der Griff des Teelffels war unter der Tischdecke
sichtbar. Tante Polly zog ihn heraus und hielt ihn in die Hhe. Tom fuhr
zusammen und senkte die Augen. Tante Polly hob ihn an dem gewhnlichen
Henkel -- seinem Ohr -- in die Hhe und klopfte ihm mit ihrem Fingerhut
tchtig auf den Kopf.

,,Nun, sag' mal, _wozu_ mut du das arme Tier so qulen?"

,,Ich hab's ja aus Mitleid getan -- weil sie keine Tante hat."

,,Hat keine Tante! Hansnarr! Was hat das hier zu tun?"

,,'ne Menge. Denn htt' sie eine gehabt, so wrd' sie selbst 's ihm gegeben
haben! Sie htt' ihr die Gedrme rausgerstet, ohne mehr zu fhlen, als
wenn's ein Mensch gewesen wre!"

Tante Polly fhlte pltzlich Gewissensbisse. Das setzte die Sache in ein
neues Licht. Was grausam war gegen eine Katze, mute auch gegen einen
kleinen Burschen grausam sein. Sie begann, zu seufzen, sie fhlte sich
traurig. Ihre Augen wurden ein bichen feucht, sie legte die Hand auf Toms
Kopf und sagte freundlich:

,,Ich hab's gut gemeint, Tom. Und Tom, es _hat_ dir gentzt!"

Tom schaute zu ihr auf mit ein bichen Schelmerei in seinem Ernst und
sagte:

,,Ich wei wohl, Tante, da du's gut meintest, und ich meinte es gut mit
Peter. Es tat _ihm_ auch gut! Ich hab' ihn nie so lustig rumlaufen gesehen
--"

,,Na, mach, da du weiter kommst, Tom, ehe du mich wieder rgerst. Und
versuch doch mal 'n braver Junge zu sein, und du brauchst auch keine
Medizin mehr zu nehmen."

Tom kam sehr frhzeitig zur Schule. Es war bekannt geworden, da dieses
sehr seltene Ereignis in letzter Zeit jeden Tag sich zugetragen hatte. Und
dann, wie seit kurzem stets, lungerte er am Tor des Schulhofes, statt mit
seinen Kameraden zu spielen. Er sagte, er wre krank, und er sah auch so
aus. Er stellte sich, als she er berall hin, wohin seine Blicke
tatschlich bestndig gerichtet waren -- die Strae hinunter. Pltzlich kam
Jeff Thatcher in Sicht und Toms Miene hellte sich aus. Er sphte einen
Augenblick angestrengt und wandte sich dann betrbt ab. Als Jeff ankam,
hielt ihn Tom an und suchte ihn geschickt ber Becky auszuholen, aber der
herzlose Jeff tat, als she er den Kder gar nicht. Tom wartete und
wartete, hoffend, sobald ein wehender Rock in Sicht kam und die Inhaberin
desselben verwnschend, sobald er sah, da es nicht die Rechte war.
Schlielich erschienen keine Rcke mehr, und er verfiel in hoffnungslosen
Trbsinn. Dann auf einmal kam doch noch ein Rock durchs Tor herein, und
Toms Herz tat einen mchtigen Sprung. Im nchsten Moment war er drauen und
scho drauf los wie ein Indianer, springend, lachend, Buben stoend, mit
Risiko von Leib und Leben ber den Zaun setzend, Purzelbume machend, auf
dem Kopf stehend -- kurz, lauter heroische Dinge verrichtend und
fortwhrend hinber schielend, ob Becky Thatcher ihn beobachtete. Aber sie
schien von alledem gar nichts wahrzunehmen; sie schaute nicht hin. War es
mglich, da sie seine Anwesenheit wirklich nicht bemerkt hatte? Er betrieb
seine Kunststcke in ihrer unmittelbaren Nhe; fuhr, ein Kriegsgeheul
ausstoend, um sie herum, schlug einem Jungen die Mtze herunter,
schleuderte sie auf den Schulhof, brach durch eine Gruppe, sie nach allen
Richtungen auseinandersprengend und fiel dabei selbst gerade Becky vor die
Nase hin, sie fast umstoend -- sie wandte sich ab, das Nschen rmpfend,
und er hrte sie sagen:

,,Pa! Einige Burschen kommen sich schon sehr wichtig vor -- immer mssen
sie sich breit machen!"

Tom wurde blutrot. Er rappelte sich auf und trollte davon, zermalmt und
mutlos.

Dreizehntes Kapitel.

Tom zgerte nun nicht lnger. Ihn erfllte ein finsterer, verzweifelter
Gedanke. Er wre ein verlassener, freundloser Junge dachte er. Niemand
liebte ihn. Wenn sie merken wrden, wozu sie ihn getrieben, wrden sie
vielleicht betrbt sein. Er hatte versucht, das Rechte zu tun und brav zu
werden, aber man lie ihn nicht. Da man sich durchaus von ihm befreien
wollte, mochte es so sein. Und man wrde ihn fr die Folgen verantwortlich
machen -- warum auch nicht? Welches Recht haben Freundlose, sich zu
beklagen? Ja, sie hatten ihn zum uersten getrieben, er wrde ein Leben
voll Verbrechen fhren; 's gab keine Wahl. -- Inzwischen war er weit
hinunter zu ,,Meadow-Land" gekommen, und die Schulglocke tnte lockend an
sein Ohr -- sie wollte ihn wohl zurckhalten. Er seufzte bei dem Gedanken,
nie, nie wieder den alt-vertrauten Ton hren zu sollen -- es war sehr hart,
aber _mute_ sein; da er in die kalte Welt hinausgetrieben war, mute er
sich unterwerfen -- aber er vergab ihnen! Dann kamen Trnen -- schwer und
bitter.

Gerade in diesem Augenblick begegnete ihm sein Herzensfreund Joe Harper --
mit trben Augen und zweifellos einen groen, schrecklichen Entschlu im
Herzen. Offenbar waren hier ,,zwei Seelen und ein Gedanke." Tom seine Augen
mit dem rmel trocknend, begann etwas herauszustottern von einem Entschlu,
aus grausamer und liebloser Behandlung zu fliehen, in die weite Welt zu
gehen und _nie_ wiederzukommen und schlo damit, da er hoffe, Joe werde
ihn nicht vergessen.

Aber es zeigte sich, da Joe im Begriff gewesen, an Tom das gleiche
Verlangen zu stellen und ihn zu diesem Zweck gesucht hatte. Seine Mutter
hatte ihn gezchtigt, weil er Rahm getrunken haben sollte, den er nie
gesehen, von dem er berhaupt gar nichts wute; es war klar, sie mochte ihn
nicht mehr und wollte nichts von ihm wissen, sie wollte ihn einfach los
sein. Da sie es so wollte, war fr ihn nichts zu tun, als nachzugeben. Er
_hoffte_, sie wrde glcklich sein und nie bereuen, da sie ihren armen
Jungen in die fhllose Welt hinausgetrieben hatte, zu leiden und zu
sterben.

Indem die beiden Burschen trbselig weiterschlichen, machten sie einen
neuen Bund, einander beizustehen, Brder zu sein und sich nie zu trennen,
bis sie der Tod einst von ihren Kmmernissen erlsen werde. Dann begannen
sie Plne zu schmieden. Joe war dafr, Eremit zu werden, in einer elenden
Htte aus Stroh zu liegen und einmal vor Klte, Mangel und Kummer zu
sterben. Aber, nachdem er Tom angehrt hatte, sah er ein, da ein
Verbrecherleben voll von aufregenden Abenteuern vorzuziehen sei und stimmte
zu, Pirat zu werden.

Drei Meilen unterhalb St. Petersburgs, an einem Flu, wo der Mississippi
die Kleinigkeit von einer Meile Breite hatte, war eine lange, schmale,
bewaldete Insel, mit einer Sandbank an der Spitze, die whlten sie als
Rendezvouzplatz aus. Sie war unbewohnt, lag fern der heimatlichen Kste,
gegenber einem dichten und vllig unbewohnten dickichtartigen Walde. So
wurde die Jackson-Insel gewhlt. Wer der Gegenstand ihrer Seeruberei sein
sollte, war eine Frage, die sie weiter nicht bekmmerte. Dann suchten sie
Huckleberry Finn auf, und er verband sich ihnen sofort, denn ihm war jede
Karriere recht; er war einverstanden. Sie trennten sich einstweilen, um
sich an einer einsamen Stelle auf der Sandbank, zwei Meilen oberhalb des
Dorfes um ihre Lieblingsstunde, das heit, um Mitternacht, wieder zu
treffen. Es befand sich dort ein kleines Holzflo, das sie zu kapern
beschlossen. Jeder sollte Haken und Stricke mitbringen und solchen
Proviant, den er auf mglichst unauffllige und geheime Weise wrde stehlen
knnen -- wie es sich fr Ausgestoene schickt. Und bevor noch der
Nachmittag um war, hatten sie sich den Genu verschafft, das Gercht
auszustreuen, das Dorf werde sehr bald ,,was hren". Alle, denen diese
geheimnisvolle Mitteilung wurde, hatte man gebeten, ,,den Mund zu halten
und zu warten."

Gegen Mitternacht kam Tom mit einem gekochten Schinken und ein paar
Kleinigkeiten an und blieb in dichtem Gestrpp auf einem kleinen
Ufervorsprung stehen, den Platz der Zusammenkunft berschauend. Es war
sternklar und totenstill, der gewaltige Strom lag ruhig -- gleich einem
Ozean. Tom lauschte einen Augenblick, aber kein Ton strte die Stille. Dann
lie er ein langgezogenes, besonderes Pfeifen hren. Es wurde von unten
beantwortet. Tom pfiff nochmals; auch dieses Signal wurde ebenso erwidert.
Dann sagte eine vorsichtige Stimme:

,,Wer ist da?"

,,Tom Sawyer, der ,schwarze Rcher des spanischen Meeres'. Nennt eure
Namen!"

,,Huck Finn, ,der Bluthndige' und Joe Harper, ,der Schrecken der Meere'."
Tom hatte diese Namen aus seinen Lieblingsbchern gewhlt.

,,'s ist gut. Gebt die Losung!"

Zwei heisere Stimmen stieen dasselbe schreckliche Wort gleichzeitig in die
betrbende Nacht hinaus: ,,Blut!" Darauf rollte Tom seinen Schinken ber
den Abhang und lie sich selbst ebenso hinunter, bei dem Experiment Kleider
und Haut in Mitleidenschaft ziehend. Es gab zwar einen bequemen, leichten
Weg die Kste entlang bis unterhalb des Ufervorsprungs, aber er ermangelte
der Anregung durch Schwierigkeit und Gefahr, die doch so wertvoll sind fr
einen Seeruber.

Der ,Schrecken der Meere' hatte eine Speckseite mitgebracht und hatte sich
mit dem Hierherschleppen fast ausgerenkt. Finn, ,der Bluthndige', hatte
einen kleinen Kessel gestohlen und eine Quantitt halb trockene
Tabakbltter, auch ein paar Maiskolben, um Pfeifen daraus zu machen. Aber
keiner der Piraten rauchte oder kaute -- auer er selbst. Der ,schwarze
Rcher des spanischen Meeres' sagte, man knne ohne Feuer nichts anfangen.
Das war ein weiser Gedanke; Zndhlzer waren zu der Zeit noch vllig
unbekannt. Sie sahen ein Feuer flackern auf einem groen Flo, hundert
Meter oberhalb, schlichen heimlich hin und setzten sich in den Besitz einer
Fackel. Sie machten eine bedeutende Unternehmung daraus, alle Augenblicke
,,Pst!" sagend und dann und wann pltzlich innehaltend und den Finger an
die Lippen legend; markierten Dolchste und gaben Befehle in dsterstem
Tone, da, wenn der Feind angriffe, er eins haben solle, denn ,,ein toter
Mann verrt nichts." Sie wuten allerdings ganz gut, da die Schiffer alle
im Dorfe unten seien, um zu schlafen oder zu trinken, das war aber kein
Grund fr sie, diese Sache in nicht seerubermiger Weise zu betreiben.

Sie fuhren sogleich ab, Tom kommandierend, Huck am Hinterteil, Joe vorn
sitzend. Tom stand in der Mitte, lichtbeschienen und mit verschrnkten
Armen und gab mit lauter, strenger Stimme seine Befehle.

,,Laviert und bringt's Schiff vor den Wind!"

,,Ganz recht, Herr!"

,,Tchtig, tch--tig!!"

,,Wohl, wohl, Herr."

,,'nen Strich abfallen lassen!"

,,Abgefallen ist, Herr!"

Wie sie so bestndig und eintnig in der Mitte des Stromes dahintrieben,
war es selbstverstndlich, da diese Befehle nur der Form wegen gegeben
wurden und in Wirklichkeit an niemand gerichtet waren.

,,Was fr Segel fhrt's Schiff?"

,,Hauptsegel, Toppsegel und Klversegel, Herr."

,,Bramsegel rauh! Bringt's vor den Wind, sechs von euch an die
Vortopmarssegel! Vorwrts, Leute, lustig!!"

,,Ho, ho, Herr!"

,,Marssegel runter! Schoten und Brassen! Vor -- wrts, Jungens!"

,,Ho, ho, Herr!"

Das Flo trieb in der Mitte des Stromes. Die Jungen legten sich zurecht und
lagen dann still auf dem Ohr. Der Flu ging nicht so hoch, so machten sie
nicht mehr als zwei bis drei Meilen. Whrend der nchsten dreiviertel
Stunden wurde kein Wort gesprochen. Jetzt kam das Flo dem Dorf gegenber
vorbei. Zwei oder drei Lichtpunkte zeigten, wo es lag, friedlich schlafend,
dicht an der breiten Flche des lichtbeschienenen Flusses, ohne Ahnung von
dem Unerhrten, das sich hier zutrug. Der ,schwarze Rcher' stand
unbeweglich, die Arme gekreuzt, den letzten Blick auf den Schauplatz seiner
glcklichen Jugend und seiner letzten Leiden werfend und in dem Wunsche,
,,sie" knnte ihn hier sehen, drauen auf der wilden See, Gefahr und Tod
mit furchtlosem Herzen ins Angesicht sehend, mit einem grimmigen Lcheln
auf den Lippen seinem Schicksal entgegengehend. Es war nur eine Kleinigkeit
fr seine Einbildungskraft, Jacksons Insel aus dem Gesichtskreise des
Dorfes fortzudenken, und so konnte er den letzten Blick mit gebrochenem,
aber befriedigtem Herzen hinbersenden. Die anderen Piraten nahmen
gleichfalls Abschied. Und sie alle schauten solange, da sie nahe daran
waren von der Strmung aus dem Bereich der Insel getrieben zu werden. Aber
sie entdeckten die Gefahr noch rechtzeitig und trafen Vorkehrungen, sie
abzuwenden. Um zwei Uhr morgens landete das Flo auf der Sandbank,
zweihundert Meter oberhalb der Spitze der Insel, und sie wanderten hin und
her, bis sie ihre Ladung geborgen hatten. Zu dem kleinen Floe gehrte auch
ein altes Segel, das spannten sie in den Bschen an einer abgelegenen
Stelle auf, um ihre Vorrte darunter zu bergen. Sie selbst aber wollten bei
gutem Wetter in freier Luft schlafen, wie es Ausgestoenen ziemt.

Sie machten ein Feuer an zwanzig bis dreiig Fu im tiefsten Schatten des
Waldes und kochten dann ein paar Kleinigkeiten als Abendessen in ihrer
Bratpfanne und verzehrten die Hlfte des mitgebrachten Schinkens.

Es schien ihnen herrlich, in dieser wild-ungebundenen Weise im
jungfrulichen Wald eines unentdeckten und unbewohnten Eilandes zu
schmausen, fern von den Htten der Menschen, und sie nahmen sich vor, nie
wieder in die Zivilisation zurckzukehren. Das flackernde Feuer erhellte
ihre Gesichter und warf seinen roten Schein auf die Baumsulen ihres
Waldtempels und auf das Laubwerk und das Gewirr der Schlinggewchse. Als
die letzte Schinkenkruste den Weg alles Ebaren gegangen war, streckten
sich die Burschen auf dem Grase aus, erfllt von Behagen. Sie htten einen
khleren Platz finden knnen, aber sie wollten sich nicht eines so
romantischen Vergngens berauben, wie es das prasselnde Lagerfeuer ihnen
bot.

,,Ist's nicht nett!" fragte Joe.

,,_Herrlich_ ist's!" besttigte Tom.

,,Was wrden die Jungs sagen, wenn sie uns sehen knnten?"

,,Sagen? Na, die wrden doch gleich sterben, um hier sein zu knnen --
nicht, Hucky?"

,,Denk wohl," brummte Hucky. ,,Mir pat's schon. Mchte nirgends sein als
hier. Hab' niemals genug zu essen gehabt -- und _hier_ kann niemand kommen
und einen fr 'nen Landstreicher nehmen und anfahren."

,,'s ist gerad ein Leben fr mich," bekrftigte Tom. ,,Man braucht morgens
nicht aufstehen, braucht nicht zur Schule zu gehen, sich nicht zu waschen
und hnliche Dummheiten."

,,Du siehst, Joe, ein Pirat braucht _nichts_ zu tun, wenn er zu Hause ist,
aber ein Einsiedler, _der_ mu immerfort beten, und dann darf er keinen
Scherz treiben, und immer so allein!"

,,O, 's ist so," sagte Joe, ,,aber ich hatt' nicht dran gedacht -- weit
du. Ich bin ein gut Teil lieber Pirat, als da ich's damit versucht htte."

,,Du mut wissen," fuhr Tom fort, ,,Einsiedler werden die Menschen nicht
mehr so viel wie frher, aber vor 'nem Piraten haben sie immer Respekt. Und
ein Einsiedler mu auf der hrtesten Stelle, die er finden kann, schlafen
und sich den Kopf mit Sackleinwand und Asche bedecken und drauen im Regen
stehen und --"

,,Warum mu er Sackleinwand und Asche auf den Kopf tun?" fragte Huck.

,,Wei selbst nicht. Aber 's ist bestimmt so. Einsiedler tun's immer. Du
mtest's auch tun, wenn du 'n Einsiedler wrst."

,,Heit, wenn ich's mcht'."

,,Na, was wolltest du denn tun?"

,,Das wei ich nicht. Aber ich tt's nicht!"

,,Na, Hucky, du mut's! Wie wolltest du dich drum drcken?"

,,Weil ich's halt einfach nicht tte. Ich lief fort -- glaub' ich."

,,Lief fort! Na, du wrdest ein schner Kerl von 'nem Einsiedler sein! 'ne
Schande!"

Der ,Bluthndige' gab keine Antwort, er hatte Besseres zu tun. Eben hatte
er einen Maiskolben fertig ausgehhlt, tat jetzt Tabakbltter hinein,
drckte eine glhende Kohle drauf, machte aus einem Binsenrohr einen Stiel
und stie dicke Rauchwolken hervor; er befand sich im Zustand
ausschweifendsten Behagens.

Pltzlich sagte Huck: ,,Was haben Piraten zu tun?"

,,O, die haben zuweilen lustige Zeiten," belehrte Tom, ,,nehmen Schiffe weg
und verbrennen sie, vergraben alles Gold daraus an einer unheimlichen
Stelle ihrer Insel, wo Geister und solche Dinger sie bewachen, und tten
alle auf dem Schiff -- lassen sie ber 'ne Planke springen."

,,Und sie schleppen die Frauen auf ihre Insel," sagte Joe, ,,die _Frauen_
tten sie nicht."

,,Nein," stimmte Tom zu, ,,sie tten keine Frauen -- dazu sind sie zu edel,
Und dann sind die Frauen auch immer wunderschn, immer!"

,,Und tragen die aller-allerschnsten Kleider. Lauter Gold und Diamanten,"
sagte Joe wieder mit Begeisterung.

,,Wer?" fragte Huck.

,,Na -- die Piraten."

Huck beschaute kritisch seine eigenen Kleider. ,,Ich schtze, ich wre fr
'nen Piraten zu schlecht gekleidet," sagte er mit traurigem Pathos, ,,aber
ich hab' keine anderen als diese."

Aber die anderen beiden trsteten ihn damit, da die schnen Kleider frh
genug kommen wrden, wenn sie nur erst mal ihr Abenteuerleben begonnen
haben wrden; sie machten ihm begreiflich, da seine Lumpen es fr den
Anfang schon tten, obwohl es fr bessere Piraten sich schickte, in
anstndigerer Garderobe zu erscheinen.

Allmhlich wurde die Unterhaltung einsilbig und Mdigkeit begann sich auf
die Augenlider der kleinen Landstreicher zu senken. Die Pfeife entfiel den
Fingern des ,Bluthndigen', und er schlief den Schlaf des Gerechten und des
Mden.

Der ,Schrecken des Meeres' und der ,schwarze Rcher des spanischen Meeres'
kamen nicht so leicht zum Schlafen. Sie sagten ihr Abendgebet innerlich und
legten sich nieder, da niemand hier war, dessen Autoritt sie htte zwingen
knnen, niederzuknien und es laut zu sprechen. In Wahrheit hatten sie Lust,
es berhaupt nicht zu sprechen, aber sie hatten doch Furcht, soweit vom
Wege abzuirren, um nicht ein pltzliches, speziell fr sie bestimmtes
Donnerwetter vom Himmel herabzubeschwren. Dann endlich befanden sie sich
ganz dicht am Rande des Schlafes -- als noch einmal ein Strenfried
auftrat, der sich nicht abweisen lassen wollte. Es war das Gewissen. Sie
begannen die unbestimmte Empfindung zu haben, da sie doch wohl unrecht
getan htten, fortzulaufen. Danach dachten sie an die gestohlenen
Lebensmittel und damit begann erst die rechte Selbstqulerei fr sie. Sie
versuchten sie von sich abzuwenden, indem sie sich des gestohlenen
Zuckerwerks und der pfel erinnerten, die sie auf dem Kerbholz hatten. Aber
das Gewissen lie sich durch solche mageren Einwnde nicht beruhigen. Es
schien ihnen schlielich doch unmglich, um die unumstliche Tatsache
herumzukommen, da pfelstehlen lediglich ,,stibitzen" sei, whrend das
Forttragen von Schinken, Speckseiten und solchen Wertgegenstnden nur als
vollgltiger, klarer Diebstahl bezeichnet werden knne -- und dagegen gab
es ein Verbot in der Bibel! Worauf sie innerlich beschlossen, da, solange
sie auch bei dem Geschft bleiben wrden, ihre Seerubereien nicht wieder
durch das Verbrechen des Diebstahls gebrandmarkt werden sollten. Ihr
Gewissen schlo auf dieser Grundlage denn auch Waffenstillstand, und diese
merkwrdig inkonsequenten Piraten fielen in tiefen Schlummer.

Vierzehntes Kapitel.

Als Tom morgens erwachte, war er sehr erstaunt ber seine Umgebung. Er
setzte sich auf, rieb sich die Augen und schaute um sich; dann begriff er.
Es herrschte khle, graue Dmmerung und ein wundervoller Hauch von Ruhe und
Frieden in der tiefen, alles durchdringenden Stille und Lautlosigkeit des
Waldes. Nicht ein Blatt rhrte sich, nicht ein Laut strte das groe
Nachdenken der Natur. Tautropfen lagen auf Blttern und Grsern. Eine weie
Schicht Asche bedeckte die Feuerstelle, und ein dnner, blauer Streifen
Rauch hob sich in die Luft empor. Joe und Huck schliefen noch. Jetzt
pltzlich begann ein Vogel im Innern des Waldes zu singen; andere
antworteten; dann machte sich das Hmmern eines Spechtes hrbar. Allmhlich
erhellte sich der khl-trbe Grauton des Morgens, und ebenso allmhlich
vermehrten sich die Stimmen, und das Leben nahm zu. Alle Wunder der den
Schlaf abschttelnden und an die Arbeit gehenden Natur entfalteten sich vor
dem staunenden Knaben. Ein kleines, grnes Kriechtier kam ber ein von Tau
bedecktes Blatt daher, zwei Drittel des Krpers von Zeit zu Zeit in die
Luft erhebend, herumschnffelnd, dann wieder weiterkriechend,
,,manehmend", wie Tom bei sich sagte. Und als die Raupe sich ihm selbst
nherte, sa er muschenstill und hoffte, je nachdem sie sich auf ihn zu
bewegte oder eine andere Richtung einschlug; und als sie schlielich,
nachdem sie einen Augenblick peinvoller Erwartung fr Tom ihren gekrmmten
Leib aufgerichtet gehalten hatte, entschieden auf Tom losmarschierte und
eine Entdeckungsreise auf ihm antrat, war sein ganzes Herz voll Vergngen,
denn er hoffte daraufhin ganz zweifellos, einen neuen Anzug zu bekommen --
eine herrliche Piratenuniform. Nun erschien eine Prozession Ameisen, Gott
wei, woher, um sich an ihre Arbeit zu machen; eine schleppte ganz mutig
eine tote Spinne, die fnfmal so gro war wie sie selbst, und zerrte sie
auf einen Baumstrunk. Ein braun geflecktes Kferchen kraxelte einen
Grashalm in die Hhe, und Tom beugte sich zu ihm herab und sang:

      ,,Kferchen, Kferchen, flieg nach Haus,
      Kinder allein in dem brennenden Haus!"


worauf es die Flgel ausbreitete, um heimwrts zu fliegen und nach den
allein gelassenen Kinderchen zu sehen, was Tom nicht weiter berraschte,
denn er kannte lngst die Leichtglubigkeit und die Furcht dieses Tieres
vor Feuer und hatte sie mehr als einmal ruchlos ausgenutzt.

Die ganze Natur war jetzt wach und in Bewegung, lange Nadeln von
Sonnenlicht brachen durch das dichte Laub fern und nah, und kleine
Schmetterlinge flatterten hin und her.

Tom weckte die anderen Piraten, und alle strmten heulend davon, waren in
zwei oder drei Minuten entkleidet und jagten sich und stieen sich herum in
dem seichten, klaren Wasser der Sandbank. Sie empfanden nicht das geringste
Verlangen nach dem kleinen Dorfe, das in der Ferne an der majesttischen
Wasserwste noch fest schlief. Eine zufllige Strmung oder eine schwache
Welle hatte das Flo fortgetrieben. Indessen freuten sie sich eher darber,
denn durch sein Verschwinden war die Brcke zwischen ihnen und der
Zivilisation gleichsam abgebrochen.

Sie kehrten wunderbar erfrischt zu ihrem Lagerplatz zurck, vergngt und
heihungrig; bald hatten sie das Lagerfeuer wieder angezndet. Huck fand
eine Quelle goldklaren Wassers in der Nhe, sie machten Becher aus
Eichenrinde oder Blttern und konstatierten, da Wasser, von solcher
Wild-Wald-Romantik verst, ein sehr guter Ersatz fr Kaffee sei.

Whrend Joe sich daran machte, Speck zum Frhstck zu rsten, baten Tom und
Huck ihn, einen Augenblick zu warten; sie rannten nach einer
vielversprechenden Stelle der Sandbank und warfen dort ihre Angeln aus;
fast sofort hatten sie Erfolg. Joe hatte gar nicht Zeit gehabt, ungeduldig
zu werden, als sie schon zurck waren mit ein paar Handvoll Forellen, einem
riesigen Barsch und anderen Fischen, -- Vorrat genug fr eine ganze
Familie. Sie brieten die Fische mit Speck und waren berrascht; denn kein
Fisch war ihnen bisher so delikat erschienen. Sie wuten nicht, da ein
Fisch um so besser ist, je eher er bers Feuer kommt; auch berlegten sie
sich kaum, welche Wrze Schlaf und Bewegung im Freien, ein Bad und die
Zutat eines tchtigen Hungers ausmachten.

Nach dem Frhstck lagen sie im Schatten herum, whrend Huck ein Pfeifchen
schmauchte, und dann machten sie sich zu einer Entdeckungsreise durch den
Wald auf die Fe. Sie trollten lustig dahin ber vermoderte Baumstmme,
durch wirres Gestrpp, zwischen schweigenden Knigen des Waldes hindurch,
die von oben bis unten mit allerhand Schlingpflanzen behangen waren. Ab und
zu trafen sie auf verborgene, mit Gras bewachsene und mit Blumen
geschmckte kleine Lichtungen.

Sie fanden eine Menge Dinge, die ihnen gefielen, aber nichts, was sie in
Entzcken gesetzt htte. Sie stellten fest, da die Insel ber drei Meilen
lang und eine Viertelmeile breit und da die Kste, wo sie ihr am nchsten
war, nur durch einen schmalen Kanal, kaum zweihundert Meter breit, von ihr
getrennt sei. Alle paar Stunden nahmen sie ein Bad, so war es hoher
Nachmittag, als sie zum Lager zurckkehrten. Sie waren zu hungrig, um
wieder Fische zu fangen, fielen daher tchtig ber ihren Schinken her,
warfen sich dann im Schatten nieder und plauderten. Aber das Gesprch
geriet bald ins Stocken und erstarb dann ganz. Die Stille und Einsamkeit,
die ber dem Walde lagen, und die Empfindung der Verlassenheit begannen auf
die Gemter zu wirken. Sie versanken in Nachdenken. Eine Art unbestimmter
Sehnsucht ergriff sie und lastete immer schwerer auf ihnen -- es war das
Heimweh. Selbst Finn, der Bluthndige, trumte von seinen Treppenstufen und
leeren Regentonnen. Aber sie schmten sich ihrer Schwche, und niemand war
tapfer genug, davon zu sprechen.

Jetzt pltzlich wurden die Jungen durch einen ganz besonderen Schall in der
Ferne aufgeschreckt, wie es wohl durch das Ticken einer Wanduhr geschieht,
das man schon lange gehrt hat, ohne es zu bemerken. Indessen wurde der
geheimnisvolle Ton bestimmter und drngte sich geradezu der Wahrnehmung
auf. Die Jungen fuhren in die Hhe, schauten einander an, und dann
verharrte jeder in lauschender Stellung. Es folgte langes Stillschweigen,
tief und ungestrt; dann kam ein tiefer, dumpfer Ton aus weiter Ferne
herber.

,,Was ist das," schrie Joe atemlos.

,,Mcht's auch wissen," entgegnete Tom flsternd.

,,'s ist _nicht_ Donner," schlo sich Huck in erschrecktem Ton an, ,,denn
Donner --"

,,Still!" befahl Tom, ,,horcht -- _dann_ sprecht."

Sie warteten eine Zeitlang, die ihnen eine Ewigkeit dnkte, und dann
unterbrach derselbe dumpfe Ton die tiefe Stille.

,,Wollen wir hingehen und nachsehen?"

Sie sprangen auf und rannten nach der dem Dorfe zugewandten Kste. Sie
teilten die Bsche auf der Sandbank und sphten hindurch ber die
Wasserflche. Das kleine, eiserne Dampfboot befand sich ber eine Meile
unterhalb des Dorfes, mit dem Strome treibend. Das Verdeck schien mit
Menschen bedeckt. Eine Menge Boote trieben sich um den Dampfer herum oder
lieen sich von der Strmung treiben, aber die Jungen konnten nicht
herausbringen, was die Leute vorhatten. Pltzlich scho eine groe weie
Dampfwolke vom Dampfboot aus ber den Flu, und als sie sich ausbreitete
und in kleinen Wlkchen in die Hhe stieg, tnte derselbe dumpfe Ton den
Lauschenden in die gespitzten Ohren.

,,_Jetzt_ wei ich!" schrie Tom, ,,'s ist jemand ertrunken!"

,,'s ist an dem," besttigte Huck. ,,Sie machten es letzten Sommer so, als
Bill Turner unterging. Sie schossen 'ne Kanone ber dem Wasser ab und davon
kam er wieder raus. Ja -- und sie nahmen Laibe Brot, taten Quecksilber
'rein und lieen sie dann schwimmen, und wo einer dann ertrunken ist, dahin
schwimmen sie ganz richtig und bleiben da stehen."

,,Ja," sagte Joe, ,,das hab' ich auch gehrt. Mchte aber wissen, was das
Brot damit zu tun hat."

,,O, ich denke, 's Brot ist's wenigste," meinte Tom. ,,Ich meine, 's ist
mehr, was sie drber sprechen, ehe sie's aussetzen."

,,Aber sie sprechen ja gar nichts drber," warf Huck ein. ,,Ich hab's
gesehen, und sie taten's _nicht_!"

,,Na, das ist sonderbar," kopfschttelte Tom. ,,Aber sie sagen gewi was zu
sich selbst. Natrlich tun sie's. Jeder wei das."

Die anderen gaben zu, da das, was Tom da sage, was fr sich habe, denn ein
lumpiges Stck Brot, nicht durch eine Besprechung mit besonderer Kraft
ausgestattet, konnte sich nicht so klug und geschickt benehmen, wenn man es
auf eine Unternehmung von solcher Wichtigkeit ausschickte.

,,Teufel," sagte Joe, ,,ich wollt' ich wr' drben!"

,,Ich auch," besttigte Huck. ,,Ich gb 'nen Haufen, um zu wissen, was das
ist."

Die Jungen horchten und warteten. Pltzlich durchfuhr ein erleuchteter
Gedanke Toms Hirn, und er rief aus:

,,Jungs, ich wei, _wen_ sie suchen dort drben! _Uns_ suchen sie!"

Sie fhlten sich sofort als Helden. Hier war ein glnzender Triumph. Sie
wurden vermit. Sie wurden beweint. Herzen brachen ihretwegen. Trnen
wurden vergossen. Anklagende Erinnerung an unfreundliche Handlungen gegen
diese armen Verlorenen stiegen auf, und nutzloses Bedauern und
Gewissensbisse qulten die Herzen. Und das beste -- die Vermiten wurden
zum ffentlichen Gesprchsthema des ganzen Dorfes, und dann der Neid aller
Buben, soweit diese glnzende Botschaft drang! Es war herrlich! Es gab dem
Piratenspielen erst den rechten Wert.

Als die Dmmerung hereinbrach, kehrte das Dampfboot zu seinen gewhnlichen
Geschften zurck, und die Boote verschwanden. Die Piraten kehrten in ihr
Lager zurck. Sie waren noch ganz betubt durch den berschwang ihrer neuen
Gre und das wunderbare Aufsehen, das sie erregten.

Sie fingen Fische, bereiteten ihr Abendessen, verzehrten es und legten sich
dann nieder, um Vermutungen anzustellen, was das Dorf ber sie denken und
sprechen mchte. Und die Bilder, die sie sich von der allgemeinen
Bestrzung, deren Ursache _sie_ waren, machten, entzckten sie ber alle
Maen. Aber als die Schatten der Nacht sie zu umhllen begannen, hrten sie
auf zu plaudern und saen da, schauten ins Feuer, whrend ihr Geist
augenscheinlich ganz wo anders weilte. Der Rausch war geschwunden, und Tom
und Joe konnten an niemand zu Hause zurckdenken, der sich ber ihre
Heldentat so freuen mochte, wie _sie_ es taten. Trbe Ahnungen stellten
sich ein. Sie fhlten sich unbehaglich und unglcklich. Ein oder zwei
Seufzer entschlpften ihnen. Endlich wagte Joe einen Fhler auszustrecken,
um zu sehen, wie die anderen ber die Rckkehr zur Zivilisation denken
mochten, -- nicht jetzt natrlich -- aber --

Tom wies ihn mit Verachtung zurck! Huck, bis jetzt noch ganz gleichmtig,
stimmte Tom bei, und der Wankelmtige gab eine demtige ,,Erklrung" ab und
war froh, sich mit einem so geringen Odium schwachherzigen Heimwehs, als es
sich nur immer machen lie, aus der Affre zu ziehen. Fr den Augenblick
war die Emprung also offenbar niedergeschlagen.

Als die Nacht dunkelte, begann Huck zu nicken und sogleich zu schnarchen.
Joe war der nchste. Tom lag eine Zeitlang unbeweglich auf den Ellbogen,
die beiden aufmerksam beobachtend. Schlielich erhob er sich vorsichtig auf
die Knie und kroch durch das Gras und den flackernden Widerschein des
Lagerfeuers. Er sammelte und untersuchte verschiedene groe Stcke weier
Sykomorenrinde und whlte schlielich zwei, die ihm die besten schienen,
aus. Dann kroch er wieder zum Feuer und kritzelte etwas mit Rotstift auf
jedes von ihnen. Eins rollte er zusammen und schob es in seine Tasche, das
andere tat er in Joes Hut und legte diesen in einiger Entfernung von seinem
Eigentmer hin. In den Hut tat er dann noch gewisse
Schulbuben-Kostbarkeiten von fast unschtzbarem Wert, darunter ein Stck
Kreide, einen Klumpen Federharz, drei Angelhaken und eine jener Art
Marbeln, die als ,,so gut wie Kristall" bekannt sind. Dann schlich er auf
den Zehen vorsichtig zwischen den Bumen hindurch, bis er auer Hrweite zu
sein glaubte, und dann setzte er sich in scharfen Trab in der Richtung nach
der Sandbank zu.

Fnfzehntes Kapitel.

Wenige Minuten spter befand sich Tom im seichten Wasser der Sandbank, der
Illinois-Kste zuwatend. Bevor ihm die Flut bis zur Hlfte des Krpers
reichte, war er schon halb drben. Die Strmung erlaubte jetzt kein Waten
mehr; so machte er sich zuversichtlich daran, die letzten hundert Meter
schwimmend zurckzulegen. Er schwamm querber, aber bald wurde er strker
stromabwrts getrieben, als er gedacht hatte. Indessen, er erreichte die
Kste schlielich, trieb an ihr entlang und fand eine niedrige Stelle, wo
er hinauskletterte. Er legte die Hand auf die Tasche, fand, da seine
Baumrinde darin wohlgeborgen sei und schlug sich dann mit triefenden
Kleidern durch den Wald, der Kste folgend. Kurz vor 10 Uhr kam er auf
einen freien Platz dem Dorfe gegenber und erblickte das Dampfboot im
Schatten der Bume und des hohen Ufers liegend. Alles war totenstill unter
den funkelnden Sternen.

Er kroch unter einen Ufervorsprung, tauchte ins Wasser, tat schwimmend drei
oder vier Ste und kletterte in das Boot, welches, wie es sich gehrte, am
Stern des Dampfbootes befestigt war. Er legte sich unter die Bank und
wartete mit Herzklopfen. Pltzlich schlug die blecherne Glocke an, und eine
Stimme gab Befehl, abzustoen. Ein paar Minuten spter wurde die Spitze des
Bootes vom Dampfer stark angezogen, und die Reise hatte begonnen. Tom
fhlte sich erhoben durch seinen Erfolg -- er wute, da es die letzte
Fahrt sei, die das Boot an diesem Abend machte.

Nach langen zwlf bis fnfzehn Minuten stoppte das Fahrzeug, und Tom glitt
ber Bord und schwamm im Dunkeln dem Ufer zu; er landete fnfzig Meter
unterhalb -- zur Sicherheit vor etwaigen herumstreichenden Bekannten. Er
lief durch wenig belebte Straen und befand sich bald am hinteren Zaun
seiner Tante. Er kletterte hinber, nherte sich behutsam dem Haus und
sphte durch das Wohnzimmerfenster, da er dort Licht sah.

Da saen Tante Polly, Sid, Mary und Joe Harpers Mutter, dicht
zusammengedrngt, eifrig schwatzend. Sie saen am Bett, und dieses stand
zwischen ihnen und der Tr. Tom schlich vorsichtig zur Tr und begann
vorsichtig den Drcker zu drcken. Dann drckte er krftiger, und die Tr
knarrte. Er setzte seine Ttigkeit fort und hielt jedesmal inne, sobald es
knarrte, bis er glaubte, auf den Knien durchkriechen zu knnen. Und so
steckte er den Kopf hinein, und versuchte es vorsichtig.

,,Warum flackert das Licht so?" sagte Tante Polly. Tom beeilte sich.

,,Ich glaub gar, die Tr ist offen! Wahrhaftig, sie ist offen! Hren denn
die Gespenstergeschichten heut gar nicht auf! Geh' hin und mach sie zu,
Sid!"

Im selben Moment verschwand Tom unterm Bett. Er lag und verschnaufte 'ne
Zeitlang, und dann kroch er so weit vor, da er Tante Pollys Fe fast
berhren konnte.

,,Aber, wie ich sagte," fing Tante Polly wieder an, ,,er war nicht
_schlecht_, nur -- wie soll ich sagen -- gerissen! Nur ein bichen
unbesonnen, wissen Sie, und gedankenlos-flchtig. Er dachte nie mehr nach
als ein Fllen. Bs meint' er's _nie_, er war der gutherzigste Junge, der
jemals dagewesen ist," und sie begann zu weinen.

,,Grad' so war's mit meinem Joe -- immer voll von Dummheiten und zu jedem
Unfug aufgelegt; und so selbstlos und gutmtig, wie nur einer sein kann --
und es schmerzt mich schrecklich, zu denken, da ich hingehen konnte und
ihm eine runterhauen, weil er die Milch genommen haben sollte, und nicht
daran dachte, da ich sie als sauer selbst fortgegossen hatte -- und ich
soll ihn nie wiedersehen in dieser Welt, nie, nie, nie -- armer verlassener
Junge!" Mrs. Harper schluchzte, als solle ihr das Herz brechen.

,,Ich hoffe, Tom ist besser dran, _wo_ er ist," sagte Sid, ,,aber wenn er
in manchen Dingen _hier_ besser gewesen wre --"

,,Sid!" Tom fhlte ordentlich den strengen Blick aus den Augen der alten
Dame, obwohl er sie nicht sehen konnte. ,,Nicht ein Wort gegen meinen Tom,
nun er fort ist! Gott wird sich _seiner_ annehmen, sorg _du_ nur fr dich
selbst, mein Lieber. O, Mrs. Harper, ich wei nicht, wie ich's ohne ihn
aushalten soll -- ich wei nicht, wie ich's ohne ihn aushalten soll! Er war
so anhnglich an mich -- obwohl er mein altes Herz zuweilen fast gebrochen
htte!"

,,Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei
gelobt! Aber 's ist so hart -- o, 's ist _so_ hart! Noch letzten Samstag
lie Joe einen Schwrmer mir unter der Nase platzen, und ich schlug ihn
nieder. Damals wut' ich freilich nicht, wie bald -- o, wenn ich's noch mal
erleben knnte, ich wrd' ihn dafr umarmen und segnen."

,,Ja, ja, ich kann's mir denken, was Sie fhlen, Mrs. Harper, ganz genau
wei ich, was Sie fhlen! 's ist noch nicht lnger als gestern abend, da
nahm Tom die Katze und fllte sie voll ,Schmerzenstter', und ich dachte,
das Tier wrd' das Haus einreien! Und -- Gott verzeih' mir -- ich gab ihm
eins mit dem Fingerhut auf den Kopf -- armer Junge, armer toter Junge! Aber
er ist jetzt raus aus allen Schmerzen. Und die letzten Worte, die ich von
ihm gehrt habe, waren --"

Aber diese Erinnerung war zu viel fr die alte Dame, und sie brach vllig
zusammen. Tom schluchzte jetzt selbst -- mehr aus Mitleid mit sich selbst
als mit sonst jemand. Er konnte auch Mary weinen und von Zeit zu Zeit ein
freundliches Wort ber sich sprechen hren. Er fing an, eine bessere
Meinung als bisher von sich selbst zu haben. Schlielich war er durch
seiner Tante Kummer so tief ergriffen, da er drauf und dran war, unter dem
Bett hervorzukommen und sie mit seiner Wiederkunft freudig zu berraschen,
und der Theatereffekt war ganz nach seinem Geschmack, aber er widerstand
doch und verhielt sich still.

Er fuhr fort zu lauschen und setzte sich aus allerhand Andeutungen
zusammen, da man erst angenommen habe, die Burschen seien beim Schwimmen
umgekommen; dann wurde das kleine Flo vermit; dann verkndeten ein paar
Jungen, die Ausreier htten versprochen, das Dorf solle bald ,,von ihnen
hren". Die weisen Hupter hatten dies und das zusammengereimt und erklrt,
die Strolche seien auf diesem Flo davongefahren und wrden bald in der
nchsten Stadt unterwrts anlangen. Aber gegen Mittag war das Flo gefunden
worden, ungefhr fnf oder sechs Meilen unterhalb des Dorfes an der
Missourikste, und da hatte man die Hoffnung aufgegeben; sie muten
ertrunken sein, denn sonst htte der Hunger sie bei Einbruch der Nacht nach
Haus getrieben -- wenn nicht schon frher. Man glaubte, die Suche nach den
Leichen sei darum erfolglos geblieben, weil sich das Unglck in der Mitte
des Stromes zugetragen habe, denn die Jungen als gute Schwimmer wrden sich
sonst ans Ufer gerettet haben. Das war Mittwoch abend. Wenn sie bis Samstag
noch nicht gefunden sein wrden, mte man alle Hoffnung aufgeben, und der
Trauergottesdienst sollte dann am Sonntag morgen stattfinden. Tom
schauderte.

Mrs. Harper wnschte mit weinerlicher Stimme ,,Gute Nacht" und rstete sich
zum Abmarsch. Dann, mit pltzlichem Impuls, umarmten sich die beiden
verwaisten Frauen, weinten sich nach Herzenslust aus und trennten sich.
Tante Polly war doppelt zrtlich, indem sie Sid und Mary ,,Gute Nacht"
sagte. Sid schluchzte ein bichen, Mary aber weinte aus Herzensgrund.

Tante Polly kniete nieder und betete fr Tom so eindringlich, so
leidenschaftlich und mit so grenzenloser Liebe in ihren Worten und ihrer
alten, zitternden Stimme, da er wieder, lange bevor sie zu Ende war, in
Trnen zerflo.

Er mute noch lange, nachdem sie zu Bett gegangen war, warten, denn von
Zeit zu Zeit stie sie immer noch mal einen herzbrechenden Seufzer aus,
warf sich unruhig hin und her und konnte nicht zur Ruhe gelangen. Aber
schlielich war sie doch still und seufzte nur noch bisweilen im Schlaf.

Nun kroch der Junge hervor, richtete sich am Bett in die Hhe, beschattete
das Licht mit der Hand und stand lange, sie betrachtend. Sein Herz war voll
Mitleid mit ihr. Er zog seine Sykomorenrinde hervor und legte sie neben den
Leuchter. Aber es fiel ihm etwas ein, und er berlegte. Auf seinem Gesicht
lag der glckliche Widerschein seiner Gedanken. Schnell steckte er die
Rinde wieder in die Tasche, dann beugte er sich herunter, kte die welken
Lippen und machte sich verstohlen davon, die Tr hinter sich schlieend.

Er nahm seinen Weg wieder zum Dampfboot, fand niemand dort vor und begab
sich khn an Bord des Schiffes, welches, wie er wute, verlassen war -- bis
auf einen Wchter, der sich darin einzuschlieen und zu schlafen pflegte
wie ein steinernes Bild. Er zog das kleine Boot heran, sprang hinein und
schwamm bald wieder drauen auf dem Strom. Als er eine Meile vom Dorfe
entfernt war, steuerte er querber und legte sich tchtig ins Zeug. Er
erreichte genau die Landungsstelle an der anderen Seite -- eine Kleinigkeit
fr ihn. Groe Lust hatte er, das Boot zu kapern, denn er meinte, man msse
es doch als ,,Schiff" betrachten und es sei somit legitime Beute fr einen
Seeruber. Aber dann sagte er sich, da genaue Nachforschungen danach
angestellt werden wrden, und das htte mit einer Entdeckung enden knnen.
So sprang er ans Ufer und drang in den Wald ein. Er setzte sich nieder und
hielt lange Rast, sich qulend mit Anstrengungen, wach zu bleiben, und dann
strebte er wieder seiner ,,Heimat" zu. Die Nacht war fast zu Ende. Es war
heller Morgen, bis er sich der Insel gegenber befand. Er ruhte wieder, bis
die Sonne ganz herauf war und den Flu mit ihrem Glanz bergo, und dann
sprang er ins Wasser. Kurz darauf stand er triefend am Eingang des Lagers
und hrte Joe sagen: ,,Nein, Tom ist treu, Huck, und er wird wiederkommen.
Er wird _nicht_ durchbrennen. Er wei, da es 'ne Schande fr 'nen
Seeruber wr, und Tom ist zu stolz fr so was. Er ist auf irgend was aus.
Mcht' aber wohl wissen, was?"

,,Na -- die Sachen da gehren doch jetzt uns, nicht?"

,,Beinahe, aber nicht ganz, Huck. Das Geschreibsel sagt, sie sind unser
Eigentum, wenn er nicht bis zum Frhstck wieder da ist."

,,Was er _ist_," rief Tom in theatralischer Pose, groartig ins Lager
tretend.

Ein prchtiges Frhstck, aus Schinken und Fisch bestehend, war bald zur
Stelle, und whrend sich die Jungen darber hermachten, berichtete Tom (mit
vielen Ausschmckungen) seine Abenteuer. Sie waren eine edle, prahlerische
Gesellschaft von Helden, als seine Erzhlung beendet war. Dann machte Tom
sich davon an einen schattigen Ort, um bis Mittag zu schlafen, die anderen
Piraten brachen auf zu Fischzug und Entdeckungsreisen.

Sechzehntes Kapitel.

Nach dem Mittagessen machte sich die ganze Bande auf nach der Sandbank, um
dort Schildkrteneier zu suchen. Sie stieen Lcher in den Sand, und wenn
sie eine hohle Stelle fanden, warfen sie sich auf die Knie und gruben mit
den Hnden. Manchmal erwischten sie fnfzig bis sechzig Eier auf einem
Haufen. Es waren vollkommen runde, weiche Dinger, ein bichen kleiner wie
'ne englische Walnu. So hatten sie ein kstliches Eigericht fr den Abend,
und ebenso am Freitag morgen. Nach dem Frhstck liefen sie mit Hurra und
Purzelbumen zum Strand, jagten sich einander herum, warfen die Kleider ab
und waren ganz nackt; und dann setzten sie ihr lustiges Treiben im seichten
Wasser fort, gegen die Strmung anlaufend, welche ihnen um die Beine splte
und den Spa noch mehr erhhte. Zuweilen standen sie zusammen und spritzten
sich mit der flachen Hand gegenseitig Wasser ins Gesicht, indem sie sich,
einander den Rcken zukehrend, heranschlichen, um den Spritzern zu
entgehen, und sich dann pltzlich packten und so lange kmpften, bis der
Strkste seinen Gegner geduckt hatte -- und dann verwandelten sie sich alle
drei in ein Gewirr von weien Armen und Beinen, und tauchten zugleich
wieder auf, schnaufend, lachend, spuckend und atemlos.

Nachdem sie sich so ordentlich ausgetobt hatten, stiegen sie heraus, warfen
sich in den trockenen, heien Sand, lagen da und bedeckten sich ordentlich
damit, und dann liefen sie wieder zum Wasser, und das Spiel begann von
neuem. Schlielich fiel ihnen ein, da ihr nackter Zustand mit
fleischfarbigen Trikots groe hnlichkeit habe. So zogen sie einen Kreis in
den Sand und hatten einen Zirkus -- mit drei Clowns darin, denn niemand
wollte diesen stolzesten Posten einem anderen berlassen. Darauf suchten
sie ihre Murmeln hervor und spielten, bis auch dies Vergngen langweilig
wurde.

Huck und Joe schwammen hierauf abermals; Tom wollte nicht mitmachen, denn
er fand, da er beim Anziehen seine Klapperschlangenschnur von den Kncheln
verloren hatte, und er wunderte sich, wie er ohne den Schutz dieses
geheimnisvollen Schutzmittels so lange vor einem Krampf bewahrt worden sei.
Er wagte sich nicht wieder ins Wasser, bis er sie wiedergefunden hatte, und
inzwischen waren die anderen mde und im Begriff, sich auszuruhen.
Herumschlendernd, trennten sie sich allmhlich, verfielen in Trbsinn und
fingen an, ber die breite Wasserflche hinberzuschauen, wo das Dorf
schlfrig in der Sonne lag. Tom ertappte sich dabei, wie er mit der Zehe
,,Becky" in den Sand schrieb; er wischte es aus, rgerlich ber seine
Schwche. Aber er schrieb es nochmals -- trotzdem; er konnte nichts dafr.
Er wischte es nochmals aus und zog sich aus aller Versuchung, indem er die
anderen Jungen zusammentrieb und sie gegeneinander schubste.

Aber Joes Geist war allmhlich gnzlich niedergedrckt. Er hatte solches
Heimweh, da er sein Elend kaum noch tragen konnte. Die Trnen waren bei
ihm dem berlaufen nahe. Sogar Huck war melancholisch. Toms Herz war
schwer, doch er gab sich Mhe, es nicht zu zeigen. Er hatte ein Geheimnis,
das er noch nicht preisgeben wollte, wenn aber diese Depression nicht bald
gehoben werden konnte, mute er es verraten. Er sagte mit mglichst
sichtbarer Heiterkeit: ,,Ich glaube, 's sind schon vor uns Piraten auf der
Insel gewesen. Wollen wir doch mal nachsehen! Vielleicht haben sie hier
Schtze vergraben. Wrd's euch nicht gefallen, irgendwo auf 'ne alte
verrostete Kiste voll Gold oder Silber zu stoen, he?"

Es erhob sich aber nur ein schwacher Begeisterungssturm, der bald verflogen
war. Tom versuchte noch eine oder zwei Kriegslisten; aber auch diese
schlugen fehl. Es war recht entmutigend. Joe sa da, mit einem Stock im
Sande stochernd und schaute sehr trbselig drein.

Schlielich sagte er: ,,Ach, Jungens, lat's uns aufgeben. Ich mcht' heim.
's ist so einsam hier."

,,Ach was, Joe, das wird schon nach und nach besser werden," entgegnete
Tom. ,,Allein schon die famose Gelegenheit zum Fischen."

,,Mag nichts wissen vom Fischen. Ich will heim!"

,,Aber, Joe, nirgends kann man so gut schwimmen wie hier."

,,Schwimmen ist nichts. Ich hab' gar keine Lust zum Schwimmen, wenn nicht
wer da ist, der mir sagt, ich soll's _nicht_ tun. Ich _will_ nach Haus!"

,,Ach, Feigling! Wickelkind! Du mchtst blo zu deiner Alten -- schtz'
ich."

,,Ja -- ich _will_ zu meiner Mutter! Und du wolltst auch, wenn du eine
httst. Ich bin nicht mehr Wickelkind als du!" Und Joe schluchzte ein
wenig.

,,Na, 's ist gut, wollen wir das heulende Muttershnchen nach Haus lassen,
nicht, Huck? Armes Ding -- wenn's halt Sehnsucht hat, seine Mutter
wiederzusehen? Soll's halt. Du bleibst hier, nicht, Huck? Wir wollen
bleiben?"

,,J -- a," sagte Huck, ohne viel berzeugung.

,,So lang' ich lebe, sprech ich nicht mehr mit dir," sagte Joe aufsehend.
,,Das hast du davon." Trbselig stand er auf und begann sich anzukleiden.

,,Mach mir auch was draus," warf Tom hin. ,,'s braucht dich niemand. Mach,
dass du heimkommst und la dich auslachen. Bist 'n schner Pirat! Huck und
ich, wir sind keine Schreibabies. Wir wollen bleiben, nicht, Huck? La ihn
gehen, wenn er durchaus will. Denke doch, zur Not werden wir fertig ohne
ihn."

Aber trotzdem war Tom nicht recht wohl zumute, es beunruhigte ihn doch, zu
sehen, wie Joe trotzig fortfuhr, sich anzuziehen. Und dann war's
unangenehm, wie Huck mit den Augen den Vorbereitungen Joes folgte, so
aufmerksam und mit so unheimlichem Schweigen. Pltzlich begann Joe, ohne
ein Wort des Abschieds, auf das Illinoisufer zu waten. Tom begann das Herz
zu sinken. Er schielte nach Huck. Huck konnte den Blick nicht ertragen und
senkte die Augen. Dann sagte er: ,,Du -- Tom -- ich will auch gehen. 's war
schon bis jetzt so einsam, jetzt wird's noch schlimmer werden. Gehen wir
auch, Tom?"

,,Ich geh' nicht! Du kannst ja gehen, wenn du willst. Ich bleib'!"

,,Tom -- ich will lieber gehen."

,,Na, 's ist gut, so geh' doch! Wer hindert dich denn?"

Huck fing an, seine zerstreuten Kleider aufzusammeln.

,,Tom," sagte er, ,,wollt', du gingst mit. Denk mal drber nach. Wir wollen
drben am Ufer auf dich warten."

,,Da, da knnt ihr 'ne hbsch' lange Zeit warten, sag' ich dir."

Huck schlich kummervoll davon, und Tom schaute ihm nach, whrend ein
heftiges Verlangen, seinem Stolz zum Trotz hinterher zu laufen, an seinem
Herzen ri. Er hoffte, sie wrden stehen bleiben, aber sie wateten langsam
weiter.

Pltzlich berkam Tom das Bewutsein, wie einsam und still es dann sein
wrde. Er kmpfte einen letzten Kampf mit seinem Stolz und dann rannte er
seinen Kameraden nach, brllend: ,,Wartet, wartet doch! Will euch was
sagen!"

Sie blieben sofort stehen und drehten sich um. Als er bei ihnen angelangt
war, begann er, sein Geheimnis auszukramen, und sie hrten mrrisch zu, bis
sie zuletzt begriffen, was die Pointe bei der Sache sei, und in ein wahres
Kriegsgeheul von Beifall ausbrachen und sagten, 's wre groartig, und wenn
er ihnen das frher gesagt htte, wrden sie nicht fortgegangen sein. Tom
brachte eine plausible Entschuldigung vor; in Wahrheit aber hatte er
gefrchtet, da nicht einmal sein Geheimnis sie veranlassen wrde, noch
lnger bei ihm zu bleiben, und darum hatte er es als letztes
Auskunftsmittel zurckgehalten.

Die Ausreier kehrten vergngt zurck und nahmen mit Feuereifer ihre Spiele
wieder auf, fortwhrend mit staunender Bewunderung ber Toms fabelhaften
Plan und seine Genialitt sich unterhaltend.

Nach einem opulenten Eier- und Fischschmaus erklrte Tom, er wolle rauchen
lernen. Joe gefiel die Idee, und er sagte, er wolle es auch lernen. So
machte Huck Pfeifen und fllte sie. Die beiden Neulinge hatten bisher noch
nie etwas anderes geraucht als Schokoladezigarren, und die haben niemals
als mnnlich gegolten.

Nun streckten sie sich aus, sttzten sich auf die Ellbogen und begannen
zgernd zu paffen und mit wenig Vertrauen. Der Rauch hatte einen
unangenehmen Geschmack, und sie rusperten sich ein wenig, aber Tom sagte:

,,Pah! 's ist ja so leicht! Htt' ich gewut, da das alles sei, htt ich's
schon lngst gelernt!"

,,Ich auch," meinte Joe. ,,'s ist ja gar nichts."

,,Gott, wie oft hab' ich 'nen Mann rauchen gesehen, und gedacht: wollt',
ich knnt's auch. Aber ich hab' nie gedacht, ich _knnt's_. So geht's mir
immer, nicht, Huck? Du hast's mich oft sagen hren, nicht, Huck? Huck wei,
da ich's gesagt hab'."

,,Ja, oft genug," sagte Huck.

,,Na, ich _hab's_ auch," fing Tom nochmals an. ,,Hundertmal. Mal da unten
beim Schlachthaus. Erinnerst du dich nicht, Huck? Bob Tanner war da und
Johnny Miller und Jeff Thatcher, damals, als ich's sagte. Erinnerst du dich
nicht, Huck, da ich's gesagt hab'?"

,,Ja, 's ist an dem," entgegnete Huck. ,,'s war den Tag, als ich 'ne weie
Murmel verloren hatte -- nee, 's war den Tag vorher."

,,Da sagt' ich's dir," besttigte Tom. ,,Huck erinnert's."

,,Glaub', ich knnt' die Pfeife rauchen -- alle Tage," sagte Joe. ,,Fhl'
mich gar nicht schlecht."

,,Na, ich auch nicht. Ich knnt' alle Tage rauchen, aber ich wette, Jeff
Thatcher knnt's nicht."

,,Jeff Thatcher! Lieber Gott -- keine zwei Zge knnt' _der_ vertragen! La
's ihn nur einmal versuchen -- er soll schon sehen."

,,Ich wollt', er tt's, und Johnny Miller -- wollt', ich knnt' Johnny
Miller 's versuchen sehen."

,,Meinst du, ich nicht? Na, der Johnny Miller wrd's grad so wenig knnen
wie sonst was! Blo 'n bissel Rauch wrd' _den_ schon umschmeien!"

,,Natrlich wrd's das, Joe! Du, ich wollt', die Jungens knnten uns jetzt
mal sehen."

,,Na, das mein' ich auch!"

,,Wit ihr was! Sagt nichts davon, und wenn sie dann mal dabei sind, geh'
ich auf dich zu und sag': ,Joe, hast du 'ne Pfeife? Mcht' mal rauchen!'
Und du sagst, so ganz beilufig, als wenn's nichts wr', du sagst: ,Ja, ich
hab' meine alte Pfeife, und dann noch eine, aber mein Tabak ist nicht
_sehr_ gut.' Und ich sag': ,O, 's ist schon recht, wenn er uns stark genug
ist.' Und dann du raus mit den Pfeifen und wir ordentlich drauf los, und
dann _die_ Augen, die die machen werden!"

,,Verdammt, das ist famos, Tom! Wollt, 's wr' _jetzt_!"

So plauderten sie noch 'ne Weile; aber pltzlich begann das Gesprch zu
stocken, und dann hrte es ganz auf. Das Stillschweigen wurde drckend; das
Ausspucken nahm wunderbar zu. Jede Pore im Innern des Mundes schien bei den
beiden sich in einen spuckenden Springbrunnen zu verwandeln. Kaum konnten
sie die Behlter unter der Zunge oft genug entleeren, um eine
berschwemmung zu vermeiden; trotz aller Anstrengungen aber gelangten
kleine Ergsse den Hals hinunter -- und jedesmal folgte pltzliches
Aufschlucken darauf. Beide sahen bla und elend aus. Joes Pfeife fiel aus
seinen kraftlosen Hnden. Toms folgte. Beider Springbrunnen waren in voller
Ttigkeit, und beider Pumpen arbeiteten fieberhaft.

Joe sagte mit schwacher Stimme: ,,Hab' mein Messer verloren. Denke, 's wird
gut sein, hinzugehen und zu suchen."

Tom, mit zitternden Lippen und ebenso schwacher Stimme sagte: ,,Ich helf
dir. Du gehst nach der Seite, und ich will nach der andern gehen -- zur
Quelle. -- Nein -- du brauchst -- nicht zu -- kommen -- -- Huck, -- wir --
wir finden's -- schon --"

So setzte sich Huck nieder und wartete 'ne Stunde. Dann fand er, es sei
sehr einsam und ging, seine Kameraden zu suchen. Sie waren weit weg im
Walde, beide sehr bla, beide schliefen fest. Aber etwas belehrte ihn, da,
hatten sie irgend welche Beschwerden gehabt, sie sich davon befreit hatten.

Beim Nachtessen waren sie eben nicht redselig; sie hatten einen hohlen
Blick. Und als Huck nach der Mahlzeit seine Pfeife wieder stopfte und ihnen
die ihrigen geben wollte, sagten sie: nein, sie fhlten sich nicht recht
wohl -- irgend etwas beim Mittagessen sei ihnen nicht gut bekommen.

Siebzehntes Kapitel.

Ungefhr um Mitternacht erwachte Joe und rief die Jungen an. Drckende
Schwle lag in der Luft, das hatte etwas zu bedeuten. Die Jungen drckten
sich aneinander und suchten die freundliche Gesellschaft des Feuers, obwohl
die matte, tote Hitze der reglosen Atmosphre erstickend war. Sie saen
still, horchend und wartend. Jenseits des Lichtschimmers ging alles in der
Schwrze der Finsternis auf. Pltzlich fuhr ein zitternder Blitzstrahl
herunter, der auf einen Augenblick die Umgebung erleuchtete und dann wieder
schwand. Nach kurzer Zeit kam wieder einer, etwas schwcher. Dann noch
einer. Darauf ging ein leises Zittern durch die Bume des Waldes, und die
Knaben empfanden eine kurze Khlung im Gesicht und zitterten bei dem
Gedanken, da der Geist der Nacht an ihnen vorbergegangen sei. Dann eine
Pause. Und dann verwandelte ein zauberhafter Blitzstrahl die Nacht in den
Tag und zeigte jeden einzelnen Grashalm, der um ihre Fe herum wuchs. Und
auerdem zeigte er drei weie entsetzte Gesichter. Ein schwerer
Donnerschlag kam rollend und polternd vom Himmel herunter und verlor sich
in der Ferne in dumpfem Grollen. Ein khler Lufthauch machte sich fhlbar,
in den Blttern raschelnd und die aufgehufte Asche ber den Feuerherd
wirbelnd. Ein neuer blendender Schein erhellte den Wald, und ein Krach
folgte, der die Baumwipfel ber den Huptern der Kinder zu zerreien
schien. Sie fuhren erschreckt zusammen bei der vollkommenen Finsternis, die
darauf folgte. Ein paar schwere Regentropfen fielen klatschend auf die
Bltter.

,,Schnell, Jungens, zum Zelt," schrie Tom.

Sie rannten davon, ber Wurzeln stolpernd und sich in Schlinggewchse
verwickelnd -- nicht zwei von ihnen in gleicher Richtung. Ein furchtbarer
Windsto fuhr durch die Wipfel, jeden Laut verschlingend. Ein blendender
Blitz folgte dem anderen, ein krachender Donnerschlag dem anderen. Und
jetzt prasselte durchnssender Regen nieder, und der tobende Orkan fegte
ihn in Bndeln ber die Erde hin.

Die Jungen schrien einander zu, aber der heulende Wind und die drhnenden
Donnerschlge verschlangen ihre Stimmen vllig. Indessen drangen sie doch
nacheinander durch und suchten Schutz unter dem Zelt, kalt, zitternd und
triefend von Wasser. Gesellschaft im Unglck zu haben, schien ihnen alles
ertrglicher zu machen.

Sie konnten nicht sprechen, das alte Segel schlug zu wahnsinnig, selbst
wenn die anderen Stimmen es ihnen erlaubt htten. Der Sturm stieg hher und
hher, und pltzlich flog das Segel, aus seinen Klammern losgerissen, auf
den Flgeln des Windes davon. Die Knaben faten sich an den Hnden und
flohen, stolpernd und sich wund stoend, in den Schutz einer groen Eiche,
die am Fluufer stand. Jetzt war der Kampf auf seinem Hhepunkt angelangt.
Bei dem unaufhrlichen Leuchten, das den Himmel in Flammen setzte, trat
alles rund umher in grelles, schattenloses Licht; die sich beugenden Bume,
der wogende, von Schaum weigefrbte Strom, das treibende Fluwasser. Die
steilen Felsenufer auf der anderen Seite schauten zuweilen durch die
Regenwolken. Alle Augenblicke erlag ein Baumriese der Gewalt und brach
krachend durch das Unterholz. Und die furchtbaren Donnerschlge folgten
sich in ohrenzerreiendem, explosionshnlichem Schmettern, scharf und
krachend und unbeschreiblich ngstigend. Der Sturm erhhte sich zu
beispielloser Wut, die die ganze Insel in Stcke reien, sie zu verbrennen,
bis zu den Baumwipfeln versenken und jedes Lebewesen auf ihr vernichten zu
wollen schien, alles gleichzeitig und in _einem_ Augenblick. Es war eine
schreckliche Nacht fr heimatlose junge Herzen.

Aber endlich hatte der Kampf ausgetobt, die Naturkrfte ruhten, schwcher
und schwcher tnend und brummend -- Friede herrschte. Die Jungen schlichen
zum Lager zurck -- nicht wenig eingeschchtert. Und doch fanden sie dort,
da sie alle Ursache hatten, dankbar zu sein, denn die groe Sykomore, die
Beschtzerin ihres Lagers, war jetzt eine Ruine, vom Blitz zerschmettert --
und sie waren whrend der Katastrophe nicht darunter gewesen.

Alles im Lager war durchnt, das Feuer erloschen; denn sie waren
leichtsinnige Herumtreiber, wie alle ihresgleichen, und hatten keine
Vorsichtsmaregeln gegen den Regen getroffen. Das war sehr rgerlich, denn
sie waren durchweicht und verfroren. Sie fingen an, ber ihr Migeschick zu
jammern; aber pltzlich entdeckten sie, da das Feuer sich an dem Baum,
unter dem es gebrannt hatte, so weit hinauf fortgepflanzt hatte, da eine
Handbreit oder so erhalten geblieben war und noch schwach glimmte. Sie
belebten es geduldig mit Zweigen und Rinde des umgestrzten Baumes, bis sie
es wieder ordentlich entfacht hatten. Sie trockneten ihren gekochten
Schinken und hielten eine Mahlzeit ab, und dann saen sie am Feuer und
verbreiteten sich ber ihre nchtlichen Abenteuer und schmckten sie aus
bis zum Morgen, denn es gab kein trockenes Pltzchen in der ganzen
Umgebung, wo sie htten ruhen knnen.

Als die Sonne auf die Knaben zu scheinen begann, berwltigte sie die
Mdigkeit, und sie gingen zur Sandbank und legten sich zum Schlaf nieder.
Allmhlich wurden sie von der Sonne gerstet und machten sich daher in
trber Stimmung ans Frhstck. Sie fhlten sich bellaunig und steif in
allen Gliedern und hatten Heimweh, mehr als je. Tom erkannte die Anzeichen
davon und versuchte, die Piraten, so gut er es vermochte, aufzuheitern.
Aber sie kmmerten sich den Teufel um Murmeln, Zirkus, Schwimmen oder sonst
was. Er erinnerte sie an das groartige Geheimnis und erzielte einen
Schimmer von Frohsinn. So lange der anhielt, suchte er sie fr ein neues
Spiel zu interessieren. Es war, fr eine Weile das Piratenspielen
aufzugeben und zur Abwechselung mal Indianer zu sein. Sie waren von der
Idee begeistert; und so dauerte es nicht lange, da waren sie ttowiert,
ttowiert von Kopf bis zu Fu mit schwarzem Schmutz, gleich den Zebras,
alle natrlich Huptlinge, und dann rannten sie heulend durch die Wlder,
um englische Niederlassungen anzugreifen.

Dann trennten sie sich in drei feindliche Stmme und strzten aus
Hinterhalten mit schrecklichem Kriegsgeschrei aufeinander los und tteten
einander tausendweise. Es war ein blutiger Tag. Darum war es ein
befriedigender.

Zur Mittagszeit versammelten sie sich wieder im Lager, hungrig und
glcklich. Aber jetzt zeigte sich ein Hindernis -- feindliche Indianer
konnten das Friedensbrot nicht miteinander brechen, ohne erst Frieden zu
machen, und _das_ war einfach unmglich, ohne eine Friedenspfeife zu
rauchen. Es gab keinen anderen Weg, von dem sie je gehrt htten. Zwei von
den Wilden wnschten jetzt, immer Piraten geblieben zu sein. Indessen -- es
war nichts zu machen, so forderten sie denn mit so viel Unbefangenheit, als
sie auftreiben konnten, die Pfeifen, und taten, wie es sich gehrt, einen
Zug daraus.

Und _wie_ glcklich waren sie dann, da sie Wilde geworden waren; denn sie
hatten dadurch etwas gewonnen. Sie merkten, da sie jetzt ein bichen
rauchen konnten, ohne fortgehen und ein verlorenes Messer suchen zu mssen.
Es wurde ihnen nicht mehr so schlecht, da es ihnen Unannehmlichkeiten
bereitet htte. Sie hatten aber keine Lust, diese stolze Errungenschaft aus
Mangel an bung wieder zu verlieren: o nein, sie bten sie nach dem Essen
mit recht schnem Erfolg, und so verbrachten sie einen herrlichen Abend.

Sie waren mit ihrer neuen Kunst stolzer und glcklicher, als wenn sie sechs
Indianerstmme skalpiert und hingeschlachtet htten. Lassen wir sie
schmauchen, plaudern und prahlen -- denn wir haben im Augenblick nichts
mehr mit ihnen zu schaffen.

Achtzehntes Kapitel.

Im Dorfe herrschte indessen an jenem friedlichen Samstag nachmittag
durchaus nicht besondere Heiterkeit. Harpers und Tante Pollys Familie waren
in Trauer und Kummer und vielen Trnen.

Ungewhnliche Ruhe lag ber dem Ort, obwohl es auch sonst still genug
herzugehen pflegte. Mit zerstreuter Miene gingen die Einwohner ihren
Geschften nach und sprachen wenig; aber sie seufzten oft. Der freie
Samstag erschien eine Last fr die Kinder. Sie hatten kein Herz fr ihre
Spiele und gaben sie schlielich ganz auf.

Nachmittags begab sich Becky Thatcher in trber Stimmung auf den
verlassenen Schulhof und fhlte sich sehr einsam. Aber sie fand dort
nichts, was sie htte aufheitern knnen.

,,O, wenn ich doch seinen alten Messingknopf wiederfinden knnte," seufzte
sie halblaut. ,,Jetzt hab' ich gar nichts zur Erinnerung an ihn!" Und sie
schluckte ein paar Trnen hinunter.

Pltzlich blieb sie stehen und flsterte: ,,Grad' _hier_ war's. Ach Gott,
wenn ich's nochmal tun sollte, ich wrd's nicht sagen -- ich wrd's nicht
sagen fr die ganze Welt! Aber er ist jetzt fortgegangen -- und ich werd'
ihn nie -- nie wiedersehen --"

Dieser Gedanke lie sie zusammenbrechen, sie schlich fort, whrend die
Trnen ihr ber die Backen niederflossen.

Dann kam ein Haufe Buben und Mdel -- Spielkameraden von Tom und Joe, --
schauten ber den Zaun und besprachen in halbem Ton, wie Tom dies und das
tat in der letzten Zeit, wo sie ihn gesehen hatten, und wie Joe diesen und
jenen nebenschlichen Ausspruch getan hatte (mit unheimlichem Voraussehen
der Ereignisse, wie sie jetzt wuten!) -- und jeder Sprecher bezeichnete
ganz genau die Stelle, wo die vermiten Flchtlinge damals gestanden
hatten, und dann fgten sie hinzu: ,,und ich stand gerad so, gerad wie ich
jetzt steh', und als wenn _du er_ wrest, und ich hab' genau auf alles
geachtet, und er lchelte -- genau _so_ -- und dann berlief es mich
ordentlich, ganz -- schreck -- lich, ihr wit ja auch, und ich konnt' mir
gar nicht denken, _was_ es sein knne, aber _jetzt_ wei ich's."

Darauf erhob sich ein Streit, wer die toten Jungen zuletzt gesehen habe,
viele erhoben diesen traurigen Anspruch und boten Beweise, mehr oder
weniger durch Zeugen erhrtet, an; und als endgltig festgestellt war, wer
sie in der Tat zuletzt gesehen und die letzten Worte mit ihnen gewechselt
hatte, bekamen die Betreffenden dadurch eine Art geheiligter Bedeutung und
wurden von allen angestaunt und beneidet. Ein armer, kleiner Bursche, der
niemals besonders beachtet worden war, sagte, mit ordentlich stolzem
Ausdruck: ,,Na, _mich_ hat Tom Sawyer mal geprgelt!"

Aber dieser Ruhm war sehr vergnglich. Die meisten der Jungen konnten das
sagen, und das verringerte die Auszeichnung doch sehr. Die Gesellschaft
trollte sich, mit halber Stimme noch weiter Erinnerungen an die verlorenen
Helden austauschend.

Als am nchsten Tage die Sonntagsschule zu Ende war, begann die Glocke zu
luten, statt, wie sonst, zu klingeln. Es war ein sehr stiller Sonntag, und
der traurige Ton schien sich mit der sinnenden Ruhe, die auf der Natur lag,
zu vermischen. Die Dorfbewohner trafen nach und nach ein, in der Vorhalle
einen Augenblick stehen bleibend und wispernd sich ber das traurige
Ereignis unterhaltend.

Aber im Gotteshause wurde nicht geflstert. Nur das feierliche Rascheln der
Kleider, indem sie sich auf ihre Pltze begaben, strte hier die Stille.
Niemand wute sich zu erinnern, da die Kirche je so voll gewesen wre.

Es war eine erwartungsvolle, dumpfe Stille, und dann trat Tante Polly,
gefolgt von Sid und Mary und durch die Harpersche Familie, alle in tiefer
Trauer, und die ganze Gemeinde sowie der Geistliche erhoben sich
ehrfurchtsvoll und blieben stehen, bis die Leidtragenden auf der ersten
Bank sich niedergelassen hatten.

Wieder trat allgemeines Schweigen ein, nur zuweilen durch unterdrcktes
Schluchzen unterbrochen, und dann erhob der Geistliche die Hnde und
betete. Ein ergreifendes Lied wurde gesungen, worauf der Text folgte: Ich
bin der Trost und das Leben.

Im Verlauf seiner Predigt gab der Geistliche solche Bilder von der
Sanftmut, dem ehrenhaften Lebenswandel und den vielversprechenden Talenten
der verlorenen Durchgnger, da jedermann, sich einbildend, diese Portrts
zu erkennen, Schmerz empfand bei dem Gedanken, da er gegen all das bisher
blind gewesen sei und an den armen Jungen bestndig nichts als Fehler und
Flecken gesehen hatte. Der Geistliche erzhlte manch rhrendes Ereignis aus
dem Leben der Verschwundenen, das ihre sanften, edelmtigen Naturen zeigte,
und das Volk konnte jetzt leicht sehen, _wie_ edel und schn diese
Vorkommnisse waren und sich mit Kummer daran erinnern, da sie ihnen
damals, als sie sich zutrugen, als arge Spitzbubenstreiche erschienen
waren, die den Ochsenziemer verdienten. Die Gemeinde wurde mehr und mehr
gerhrt, je weiter die ergreifende Predigt fortschritt, bis schlielich
alles geknickt war und seine trnenreichen Klagen zu einem Chorus
selbstanklagenden Schluchzens vereinigte; sogar der Geistliche berlie
sich seinen Gefhlen und weinte auf offener Kanzel.

Auf dem Chor entstand ein Rascheln, auf das aber niemand achtete; einen
Augenblick spter knarrte die Tr der Kirche. Der Geistliche hob die
strmenden Augen vom Taschentuch und stand wie angedonnert. Eins um das
andere Augenpaar folgte dem seinigen, und dann, wie von _einem_ Impuls
getrieben, erhob sich die Gemeinde und sah, wie die drei toten Jungen ganz
gemtlich den Gang heraufgeschlendert kamen, Tom voran, dann Joe, zuletzt
Huck, eine Ruine wandelnder Lumpen, mit schafsmig-verdutztem Gesicht. Sie
waren in dem unbenutzten Chor versteckt gewesen und hatten ihrer eigenen
Leichenrede zugehrt.

Tante Polly, Mary und die Harpers warfen sich auf die Wiederauferstandenen,
sie mit Kssen berschttend und Danksagungen ausstoend, whrend der arme
Huck verwirrt und unbehaglich dabei stand, ohne im geringsten zu wissen,
was er mit sich anfangen und wohin er sich vor all den Augen, von denen ihn
keines bewillkommnete, wenden sollte.

Er stand einen Augenblick zgernd und machte einen schchternen Versuch,
sich wegzustehlen, aber Tom ergriff ihn und sagte:

,,Tante Polly, 's ist nicht recht. 's mu sich jemand freuen, Huck
wiederzusehen!"

,,Und 's soll auch! Ich _freue_ mich, ihn zu sehen, armes, verlassenes
Kind!"

Und Tante Polly wandte ihre liebenswrdige Aufmerksamkeit jetzt ihm zu --
was ihn nur noch unbehaglicher machte als vorher.

Pltzlich schrie der Geistliche aus vollem Halse: ,,Lobet den Herren, den
mchtigen Knig der Ehren! -- Singt -- und legt euer Herz rein!"

Und sie taten's. Da alte Lob- und Danklied drang mit triumphierender
Inbrunst empor, und whrend es alles erzittern machte, schaute Tom Sawyer,
der Seeruber, um sich auf die neidische Jugend ringsum und bekannte in
seinem Herzen, da dies der stolzeste Moment in seinem Leben sei!

Als die Gemeinde hinausstrmte, meinten alle, sie mchten sich wohl nochmal
lcherlich machen um dies Danklied nochmal so singen zu hren.

Tom erhielt an diesem Tage mehr Pffe und Ksse -- je nach Tante Pollys
Stimmung, als vorher in einem Jahre; und er wute jetzt ganz genau, was am
meisten Dank gegen Gott und Liebe zu ihm ausdrckte.

Neunzehntes Kapitel.

Das war Toms groes Geheimnis -- der Gedanke, nach Hause zurckzukehren und
mit seinen Piratenbrdern ihre eigene Grabrede anzuhren. Sie waren in der
Nacht auf den Sonntag auf einem Baumstamm ans Missouriufer
hinbergeschwommen, wo sie fnf oder sechs Meilen unterhalb des Dorfes
landeten; hatten darauf dicht beim Orte im Walde geschlafen bis beinahe zum
hellen Tage, waren durch mehrere abgelegene Gchen zur Kirche geschlichen
und hatten ihren Schlaf auf dem Chor zwischen einem Chaos von zerbrochenen
Bnken beendet.

Beim Frhstck am Montag morgen waren Tante Polly und Mary sehr zrtlich
mit Tom und sehr aufmerksam auf seine Wnsche.

Die Unterhaltung war ungewhnlich lebhaft. Im Verlaufe derselben sagte
Tante Polly: ,,Na, Tom, ich will nicht grad' sagen, da es 'ne besonders
_nette_ Sache war, alle Leute in Trbsal zu halten, fast 'ne Woche lang,
whrend ihr Jungen euch 'ne gute Zeit machtet; aber traurig ist's, Tom, da
du so verstockt sein konntest, _mich_ leiden zu lassen! Wenn du auf 'nem
Baumstamme zu deiner Leichenrede rberkommen konntest, httst du wohl auch
kommen knnen, um mir 'n Zeichen zu geben, da du _nicht_ tot seiest,
sondern einfach davongelaufen."

,,Ja, Tom," sagte Mary, ,,das httst du tun knnen. Und ich glaube, du
_htt'st_ es getan, wenn du dran gedacht httest."

,,Httst du, Tom?" fragte Tante Polly, whrend ihr Gesicht sich
erwartungsvoll aufhellte. ,,Na -- sag', httst du's getan, wenn du dran
gedacht httest?"

,,Ich -- na -- ich wei doch nicht! 's htt' ja alles verraten!"

,,Tom, ich htt' doch gedacht, du httst mich zu lieb fr so was," seufzte
Tante Polly traurig, in einem Ton, bei dem Tom sehr ungemtlich wurde. ,,'s
wr' doch _etwas_ gewesen, wenn du dir die Mhe genommen httst, dran zu
denken -- wenn du's schon nicht _tatst_."

,,Na, Tantchen, grm, dich nur nicht darber," beruhigte Mary. ,,'s ist mal
so Toms flchtige Art -- er ist ja immer so zerstreut, da er nie an was
denkt."

,,Um so schlimmer. Sid htt' dran gedacht. Und Sid wrd' auch gekommen und
's _getan_ haben. Tom, du wirst eines Tages noch mal zurckdenken, wenn's
zu spt ist, und wnschen, da du dich 'n bichen mehr um mich gekmmert
httst, wo's dir doch so leicht gewesen wr'."

,,Na, Tantchen, du weit doch, ich hab' dich lieb," schmeichelte Tom.

,,Ich wrd's besser wissen, wenn du's mehr zeigtest."

,,Wollt', ich htt' dran gedacht," sagte Tom in reuevollem Ton. ,,aber --
ich hab' wenigstens _getrumt_ von dir. 's ist doch _was_, nicht?"

,,'s ist nicht viel -- 's ist fr 'ne Katze viel -- aber 's ist mehr als
nichts. Was hast du denn getrumt?"

,,Na, in der Mittwochnacht trumte mir, ihr set zusammen, dicht beim
Bett, Sid sa auf der Holzkiste und Mary dicht bei ihm."

,,So war's -- so war's ganz genau! Bin doch froh, da du wenigstens von uns
zu trumen dich bequemt hast."

,,Und ich trumte, Joe Harpers Mutter wr' hier."

,,Na -- sie _war_ hier! Trumtest du noch mehr?"

,,O -- 'nen Haufen! Aber 's ist jetzt alles verschwommen."

,,Na, versuch's nur -- besinn' dich -- geht's nicht?"

,,'s scheint mir so was, als wenn der Wind -- der Wind ausgeblasen htt' --
--"

,,Denk' besser nach, Tom! Der Wind hat nichts ausgeblasen -- na!"

Tom prete whrend eines Augenblicks gespannten Nachdenkens die Finger
gegen die Stirn und sagte dann: ,,Na -- jetzt wei ich's! Jetzt hab' ich's
wieder! Er lie das Licht flackern --"

,,Gott erbarm' dich! Weiter. Tom, weiter!"

,,Und mir kam's vor, als httst du gesagt: ,Na -- ich glaub' gar, die Tr
--'"

,,Weiter, Tom!"

,,La mich 'nen Augenblick nachdenken! Nur 'nen Augenblick. -- Richtig, ja,
-- du sagtest, du meintest, die Tr wr' offen."

,,So wahr ich hier sitz' -- ich sagte so! Sagt' ich's nicht, Mary? Weiter!"

,,Und dann -- und dann -- -- ja, ich wei nicht _ganz_ gewi, aber 's ist
mir doch, als httst du Sid hingehen lassen und -- und -- --"

,,Na, na? _Wohin_ lie ich ihn gehen? Was lie ich ihn tun, Tom?"

,,Du lieest ihn -- du, -- ach, du lieest, ihn die Tr zumachen!"

,,Beim Himmel, 's ist so! So was hab' ich doch mein' Tag' noch nicht
gehrt! Sag' mir keiner mehr, Trume bedeuten nichts! Die berkluge Harper
soll davon zu wissen bekommen, eh ich 'ne Stunde lter bin. Mcht' doch
sehen, wie sie mit ihrem Geschwtz von Aberglauben um das 'rum kommt!
Weiter, Tom!"

,,O, jetzt ist mir alles so klar wie der Tag! Dann sagtest du, ich wr'
nicht schlecht, nur leichtsinnig und gedankenlos, und dchte nie an irgend
was -- wie -- wie -- glaub', 's war 'n Fllen -- oder so."

,,Na, so _war's_, ja! Na -- Gottes Wunder! Weiter, Tom!"

,,Und dann fingst du an zu weinen."

,,Ja, ich tat's ich tat's! Und wahrhaftig nicht zum erstenmal. -- Und dann
--"

,,Dann begann Mrs. Harper zu weinen und sagte, Joe wr' grad' so einer, und
sie wollte, sie htt' ihn nicht gehaun deswegen, da er den Rahm genommen
haben sollte, den sie doch selbst weggeschttet gehabt htt' --"

,,Tom! Der Geist war ber dir! Du hattst Sehergabe -- ja, gewi, das hattst
du! Herrgott! Weiter, Tom!"

,,Dann sagte Sid -- -- er sagte --"

,,Glaub', ich sagte gar nichts," warf Sid schnell ein.

,,Doch, du tatst es Sid," entgegnete Mary.

,,Lat das Zanken und lat Tom sprechen. _Was_ sagte er, Tom?"

,,Er sagte -- ich denk', er sagte, er hoffe, ich wr besser dran, wo ich
setzt sei, aber wenn ich manchmal besser gewesen wr' --"

,,Da -- hrt ihr's? 's waren seine eigenen Worte!"

,,Und du leuchtetest ihm ordentlich heim."

,,Ich denke wohl, _da_ ich's tat! 's mu ein Engel hier gewesen sein! Ein
Engel war hier, 's ist zweifellos!"

,,Und Mrs. Harper erzhlte von Joe, wie er ihr durch 'nen Schwrmer 'nen
Schrecken eingejagt htte, und _du_ erzhltest von Peter und dem
,Schmerzenstter' --"

,,So wahr ich leb'!"

,,Und dann schwatztet ihr alle durcheinander, da der Flu nach uns
durchsucht worden sei und da am Sonntag unsere Leichenfeier sein sollt',
und dann fielst du und die alte Mrs. Harper euch in die Arme und weintet,
und dann ging sie fort."

,,'s war ganz genau so! 's war genau so, so gewi, wie ich hier aus dem
Stuhl sitz'. Tom, httst es nicht besser erzhlen knnen, wenn du hier
gewesen wrst! Und was dann? Weiter, Tom!"

,,Dann trumte ich, da du fr mich betetest -- und ich konnt dich sehen
und jedes Wort hren, das du sagtest. Und dann gingst du zu Bett, und ich
war so traurig, da ich auf 'n Stck Sykomorenrinde schrieb: ,Wir sind
nicht tot -- wir sind nur fort, um Piraten zu werden,' und legte das auf
den Tisch neben den Leuchter. Und dann sahst du so lieb aus, wie du dalagst
und schliefst, da ich trumte, ich beugte mich ber dich und kte dich."

,,Tatst du's, Tom? Tatst du's? _Dafr_ vergeb' ich dir wahrhaftig alles!"

Und sie schlo den Jungen mit solcher Inbrunst in ihre Arme, da er sich
wie der schwrzeste der Verrter erschien.

,,'s war sehr nett -- 's war aber doch nur ein -- Traum," brummte Sid fr
sich halblaut, aber hrbar.

,,Halt den Mund, Sid! Jedermann tut im Traum ganz genau dasselbe, was er
tun wrde, wenn er wach wr'! Hier, Tom, ist ein schner Apfel, den ich fr
dich aufgehoben hab', wenn du mal wiedergefunden wrdst -- nun fort zur
Schule! Ich dank dem lieben Gott und Vater fr uns alle, da ich dich
wiederbekommen hab', er ist langmtig und barmherzig gegen die, so an ihn
glauben und sein Wort halten; obwohl ich wei, da ich seine Gte nicht
verdiene; aber wenn nur die Guten seinen Segen htten und seine Hand, ihnen
auf den rauhen Pfaden des Lebens beizustehen, wrd' hier wenig Frhlichkeit
sein, und wenige wrden, wenn die lange Nacht kommt, zu seiner Herrlichkeit
eingehen drfen. -- Na, macht fort, Sid, Mary, Tom -- macht fort, packt
euch, habt mich lange genug aufgehalten."

Die Kinder gingen zur Schule und die alte Dame zu Mrs. Harper, um ihren
Unglauben durch Toms wundervollen Traum zu vernichten. Sid htete sich
wohl, den Gedanken auszusprechen, der ihn beherrschte, als er das Haus
verlie: ,,Ein bichen durchsichtig -- 's ist doch zu lang fr 'nen Traum,
-- und nicht _ein_ Irrtum."

Welch ein Held war Tom geworden! Er sprang und tollte nicht mehr herum,
sondern bewegte sich mit wrdevollem Ernst, wie es sich fr einen Piraten
geziemt, der fhlt, da er der Mittelpunkt der ffentlichen Aufmerksamkeit
ist. Und er war es in der Tat; er suchte sich so zu stellen, als sehe er
die Blicke nicht und hre nicht die Bemerkungen, wie er so
dahinschlenderte, aber sie waren wahrer Balsam fr ihn. Kleinere Jungen als
er hefteten sich an seine Fersen, stolz, mit ihm gesehen zu werden und von
ihm geduldet, als wre er der Trommler an der Spitze einer Prozession
gewesen oder der Elefant, der eine Menagerie in die Stadt fhrt.
Gleichalterige Jungen wollten gar nicht wissen, da er berhaupt
fortgewesen sei, aber sie verzehrten sich nichtsdestoweniger vor Neid. Sie
htten alles dafr gegeben, seine dunkle, sonnenverbrannte Haut zu besitzen
und seinen glnzenden Ruf; und Tom htte beides nicht einmal fr einen
Zirkus fortgegeben.

In der Schule machten die Kinder so viel aus ihm und Joe, und zeigten ihnen
so wortreiche Bewunderung, da es gar nicht lange dauerte, bis die beiden
Helden ganz unleidlich aufgeblasen wurden. Sie fingen an, ihre Abenteuer
ihren hungrigen Zuhrern zu erzhlen -- aber sie fingen immer nur an; die
Geschichten konnten auch kein Ende haben bei einer an ausschmckenden
Abschweifungen so fruchtbaren Phantasie als die ihrige war. Und
schlielich, als sie ihre Pfeifen herauszogen und nachlssig anfingen, zu
rauchen, war der hchste Gipfel des Ruhmes erreicht.

Tom nahm sich vor, in Zukunft sich nicht mehr um Becky Thatcher zu kmmern.
Ruhm war ihm genug. Er wollte nur fr den Ruhm leben. Nun er eine
hervorragende Persnlichkeit war, wrde sie wohl versuchen, wieder
,,anzubinden". Na, mochte sie -- sie sollte sehen, da er ebenso
unempfnglich sein konnte wie andere Leute. Grade kam sie daher. Tom
stellte sich, als sehe er sie nicht. Er ging fort und gesellte sich zu
einer anderen Gruppe Buben und Mdchen und begann zu erzhlen. Bald merkte
er, da sie aufgeregt, mit glhenden Backen und glnzenden Augen,
umhertrippelte und sich stellte, als denke sie an gar nicht anderes, als
sich mit anderen Schulmdchen herumzuschubsen und ein lautes Gelchter
auszustoen, wenn sie eine erwischt hatte; aber er merkte auch, da sie
ihre Gefangenen immer in seiner Nhe machte, und da sie dann stets
verstohlen zu ihm hinberschielte. Das schmeichelte der lasterhaften
Eitelkeit in ihm, und statt da es ihn getrieben htte, wieder einzulenken,
machte es ihn nur noch arroganter und lie ihn noch geflissentlicher eine
Miene aufsetzen, als wisse er gar nichts von ihrer Anwesenheit. Pltzlich
gab sie ihr Umhertollen auf, strich unentschlossen herum, seufzte ein
paarmal und suchte Tom verstohlen und sehnsuchtsvoll mit den Augen. Dann
entdeckte sie, wie angelegentlich Tom mit Amy Lawrence plauderte. Sie
empfand einen stechenden Schmerz und wurde auf einmal zerstreut und
unsicher. Sie nahm sich vor, davonzugehen, aber ihre Fe trugen sie, ihrem
Vorsatz zum Trotz, wieder zu der Gruppe hin. Sie sagte zu einem Mdchen,
unmittelbar neben Tom -- mit erzwungener Ausgelassenheit: ,,Du, Mary
Austin! Du bses Mdel, warum kamst du gestern nicht zur Sonntagsschule?"

,,Ich war doch da -- hast du mich denn nicht gesehen?"

,,Aber, nein! Warst du da? Wo saest du denn?"

,,In Mi Peters ihrer Klasse, wo ich immer sitze. Ich hab' _dich_ gesehen."

,,So, wirklich? Na, 's ist doch nrrisch, da _ich dich_ nicht gesehen
hab'. Ich wollt' dir doch von dem Picknick sagen."

,,O, das ist famos! Wer will eins geben?"

,,Meine Mama lt _mich_ eins geben."

,,Ach, wie reizend! Hoff doch, da ich auch kommen darf?"

,,Na, natrlich, 's ist doch _mein_ Picknick. 's kann jeder kommen, den ich
will -- und _dich_ will ich."

,,Das ist mal nett. Wann ist's denn?"

,,Na -- bald. So um die Ferien 'rum."

,,Das wird mal 'n Spa! Hast du alle Knaben und Mdchen eingeladen?"

,,Ja, alle, die meine Freunde sind -- oder sein wollen," und sie schielte
wieder so verstohlen nach Tom; aber er erzhlte grade Amy Lawrence von dem
schrecklichen Sturm auf der Insel und wie der Blitz die groe Sykomore
traf, ,,_ganz_ dicht bei mir, keine drei Schritt davon."

,,Du, darf ich auch kommen?" fragte Gracie Miller.

,,Und ich?" Sally Rogers.

,,Und ich auch?" Susy Harper. ,,Und Joe?"

,,Ja."

Und so immer weiter mit freudigem Hndeklatschen, bis alle in der Gruppe
sich ihre Einladung geholt hatten bis auf Tom und Amy. Dann wandte sich Tom
kalt ab, immer noch erzhlend, und zog Amy mit sich fort. Beckys Lippen
zitterten, und die Trnen traten ihr in die Augen. Sie unterdrckte diese
verrterischen Zeichen mit forzierter Heiterkeit und fing an zu plappern,
aber das Vergngen am Picknick war zu Ende, und auch aus allem anderen
machte sie sich nun nichts mehr. Sobald es ging, lief sie davon, versteckte
sich und befreite sich nach der Art ihres Geschlechts durch Trnen von
ihrem Kummer. Dann sa sie verdrielich, mit beleidigter Miene da, bis die
Glocke erklang. Mit rachschtigem Ausdruck in den Augen sprang sie auf, gab
ihren dicken Zpfen einen tchtigen Schubs und dachte, sie wisse jetzt
schon, was sie zu tun habe.

In der Ecke setzte Tom seine Schkerei mit Amy mit jubelnder
Selbstzufriedenheit fort. Und er brannte darauf, Becky zu finden und sie
mit seiner berlegenheit zu foltern. Schlielich entdeckte er sie, aber das
Herz fiel ihm pltzlich in die Hosen. Sie sa auf einem Bnkchen hinterm
Schulhaus ganz gemtlich, mit Alfred Temple, in ein Bilderbuch schauend.
Und so vertieft waren beide, und ihre Kpfe steckten ber dem Buch so dicht
zusammen, da sie gar nichts um sich her wahrzunehmen schienen. Eifersucht
rann glhend hei durch Toms Adern. Er begann, sich selbst zu hassen, weil
er die Gelegenheit zur Vershnung, die ihm Becky geboten, nicht bentzt
hatte. Er nannte sich selbst einen Narren und gab sich alle Ehrentitel, die
ihm gerade einfallen wollten. Er htte schreien mgen vor Wut. Amy
schwatzte ganz vergngt weiter, indem sie auf und ab gingen, denn ihr Herz
war voll Seligkeit, aber Toms Zunge schien gelhmt zu sein. Er hrte gar
nicht, was Amy sagte, und so oft sie eine Pause machte, um seine Antwort
abzuwarten, konnte er nur irgend eine tlpelhafte Bemerkung hervorstammeln,
die mglichst oft ganz falsch angebracht war. Immer wieder suchte er nach
der Hinterseite des Schulhauses zu gelangen, um sich an dem verhaten
Anblick zu weiden. Er konnte nicht anders. Und es folterte ihn, zu sehen,
wie Becky Thatcher gar nicht zu wissen schien, da er auch noch im Lande
oder berhaupt unter den Lebenden weile. Indessen sah sie ihn sehr wohl;
und sie war sich ihres Sieges sehr wohl bewut und sah ihn mit Wollust
ebenso leiden, wie sie vorher gelitten hatte.

Amys Glck fing an, unertrglich zu werden. Tom schtzte allerlei
Angelegenheiten, die er zu erledigen hatte, vor. Er _mute_ fort, und die
Zeit verrann. Aber vergeblich -- das Mdel lie nicht locker. Tom dachte:
O, hol sie der Teufel -- soll ich sie nie los werden? Schlielich mute er
aber _wirklich_ seine Angelegenheiten besorgen; sie gab ihm arglos das
Versprechen, nach der Schule ihm ,,auflauern" zu wollen. Und er rannte
davon, sie dafr verwnschend.

,,Jeder andere Junge!" dachte Tom, mit den Zhnen knirschend, ,,jeder
andere im ganzen Dorf, nur nicht dieser Heilige, der denkt, weil er sich
fein anzieht, ist er 'n Vornehmer. Na, wart' nur! Hab' ich dich am ersten
Tag, wo du hier warst, geprgelt, mein Kerlchen, werd' ich's jetzt ja wohl
auch noch knnen! Wart' nur, bis ich dich mal tchtig beim Kragen nehm'!
Mcht's gleich tun am liebsten, und --"

Und mit wahrer Wonne prgelte er 'nen imaginren Jungen durch -- in der
Luft herumfuchtelnd, stoend und puffend.

,,Na, wird's -- wird's? Wirst du bald ,genug' sagen? So, nu merk's dir fr
'n andermal!"

So war der Kampf bald zu seiner Zufriedenheit beendigt.

Tom rannte mittags heim. Sein Gewissen ertrug's nicht, nochmals Amys
dankbare Glckseligkeit anzusehen, und seine Eifersucht erlaubte keine
andere Zerstreuung. Becky setzte ihr Bilder-Besehen mit Alfred fort, aber
als sich Minute an Minute reihte und kein Tom kam, um sich qulen zu
lassen, begann ihr Triumphgefhl sich abzukhlen, und sie verlor das
Interesse; Unaufmerksamkeit und Geistesabwesenheit folgten, und dann
Melancholie. Ein paarmal fing sie mit dem Gehr Futritte auf, aber es war
jedesmal vergebliches Hoffen; kein Tom kam. Schlielich wurde ihr ganz
elend zumute, und sie wnschte, sie htte die Sache nicht so weit
getrieben. Als der arme Alfred bemerkte, da sie ihm entschlpfte, nicht
wute, wie, und fortwhrend krampfhaft schrie: ,,O, hier ist 'n famoses!
Schau dies mal an!" verlor sie schlielich die Geduld und sagte: ,,Ach was,
qul' mich nicht! Hab' keine Lust mehr dazu!" brach in Trnen aus, sprang
auf und rannte davon.

Alfred trottete nebenher und wollte sie trsten und beruhigen, aber sie
sagte:

,,Mach, da du dich fortscherst und la mich allein, willst du? Ich mag
dich gar nicht!"

So blieb der Junge denn zurck, sich wundernd, was er verbrochen haben
knne -- denn sie hatte ihm doch versprochen, den ganzen Nachmittag Bilder
zu besehen -- und sie rannte heulend davon. Dann kehrte Alfred betrbt ins
Schulhaus zurck. Er fhlte sich gedemtigt und beleidigt. Er fand aber
sehr leicht die Wahrheit heraus -- das Mdel hatte ganz einfach ihr Spiel
mit ihm getrieben, nur um ihren Zorn an Tom Sawyer auszulassen. Er hate
Tom durchaus nicht weniger, als dieser Gedanke in ihm aufstieg. Nichts
wnschte er mehr, als auf irgend eine Weise diesem Jungen was einzubrocken,
ohne selbst was zu riskieren. Toms Rechtschreibebuch fiel ihm in die Augen.
Die Gelegenheit war gnstig. Dankbar ffnete er es bei der Lektion fr den
Nachmittag und go Tinte ber die Seite. Becky, einen Augenblick hinter ihm
durchs Fenster schauend, sah es und drckte sich davon, ohne sich zu
verraten.

Sie lief nach Haus, in der Absicht, Tom zu suchen und ihm alles zu sagen.
Tom wrde ihr dankbar sein und aller Zank wre damit zu Ende. Bevor sie
aber den halben Weg zurckgelegt hatte, war sie anderen Sinnes geworden.
Der Gedanke daran, wie sie Tom behandelt hatte, als sie von ihrem Picknick
sprach, kam wieder brennend ber sie und erfllte sie mit Scham.

Sie beschlo, ihn in der Sache mit dem beschmutzten Buch ruhig in der
Patsche stecken zu lassen und ihn obendrein fr immer und ewig zu hassen.

Zwanzigstes Kapitel.

Tom langte in verdrielichster Laune zu Hause an, und das erste Wort, das
Tante Polly an ihn richtete, zeigte ihm, da er seinen Kummer an einen sehr
wenig versprechenden Ort getragen habe.

,,Tom, ich mchte dir doch gleich die Haut ber die Ohren ziehn!"

,,Tantchen, was hab' ich denn getan?"

,,Na, du hast genug getan. Da geh' ich altes, einfltiges Weib zur Harper
hinber und denk', ich will sie an all den Unsinn vom Trumen glauben
machen, und siehe da -- sie hat von Joe herausbekommen, da du 'rber
gekommen bist und hast alles gehrt, was wir in der Nacht gesprochen haben.
Tom, ich wei nicht, was aus 'nem Jungen werden soll, der sich so benimmt.
's macht mich so traurig, zu denken, da du mich ruhig zur Harper gehen
liet und so 'ne Nrrin aus mir machen konntest -- ohne 'n Wort zu sagen."

Das war nun 'ne neue Ansicht von der Sache. Seine Gerissenheit von heut
morgen war Tom als famoser Witz und uerst genial erschienen. Jetzt
erschien sie ihm hchst mittelmig und schbig. Er lie den Kopf hngen
und wute in diesem Augenblick nicht, was sagen. Dann sagte er schchtern:

,,Tantchen, ich wollt', ich htt's nicht getan -- aber ich dachte nicht
dran."

,,Ach, Kind, du denkst eben nie. Du denkst an nichts als dein eigenes
Plsier. Daran hast du gedacht, den weiten Weg von Jacksons Insel herber
bei Nacht und Nebel zu machen, um ber unsern Kummer zu lachen, und hast
dran gedacht, mich mit 'ner Lge von dem Traum zu betrgen, aber _daran_
hast du nicht gedacht, Mitleid zu haben und uns vor Sorge zu bewahren."

,,Tantchen, ich wei jetzt, 's war gemein, aber 's war ja nicht meine
Absicht, gemein zu sein; auf Ehre, das war's nicht! Und dann -- ich bin
_nicht_ rber gekommen, um ber euch zu lachen!"

,,Warum also bist du gekommen?"

,,'s war, um dir zu sagen, da du dir keine Sorge zu machen brauchst, weil
wir davongelaufen waren."

,,Tom, Tom, ich wre die dankbarste alte Frau auf der Welt, wenn ich dran
glauben knnte, da du daran gedacht hast, aber du weit, du tatst es
_nicht_, und ich wei es _auch_, Tom."

,,Aber, gewi -- ganz gewi, 's war so, Tantchen -- ich will mich nicht
mehr rhren knnen, wenn's nicht so ist!"

,,Ach, Tom, lg' nicht -- tu's nicht! Das macht die Sache nur hundertmal
schlimmer."

,,Ich hab' aber nicht gelogen, Tante. 's ist die Wahrheit! Ich wollt' dir
den Kummer ersparen -- das allein war's, was mich nach Hause trieb."

,,Die ganze Welt wrd' ich drum geben, knnt' ich's glauben! 'nen ganzen
Haufen Dummheiten wrd' ich dir dafr vergessen, Tom. 's war schlimm genug,
da du fortliefst und so schlecht handeltest. Aber, 's ist begreiflich.
Aber warum _sagtest_ du mir's nicht, Tom?"

,,Warum? Na -- sieh, Tante, als ihr anfingt, vom Trauergottesdienst zu
sprechen, kam mir auf einmal die Idee, 'rber zu kommen und mich in der
Kirche zu verstecken und da bracht' ich's nicht fertig, mir das selbst zu
verderben. So steckt' ich die Rinde wieder in die Tasche und hielt den
Mund."

,,Was fr 'ne Rinde?"

,,Die Rinde, worauf ich geschrieben hatte, da wir Piraten geworden seien.
Jetzt wollt' ich nur, du wrst aufgewacht, als ich dich kte -- auf Ehre,
ich wollt's!"

Das strenge Gesicht Tante Pollys hellte sich auf und Zrtlichkeit zitterte
in ihrer Stimme: ,,_Hast_ du mich geksst, Tom?"

,,Freilich hab' ich's getan."

,,Weit du's gewi, da du's tatst?"

,,Aber ja, ich tat's, Tantchen -- ganz gewi!"

,,Warum ktest du mich, Tom?"

,,Weil ich dich lieb hab', und du im Schlafen seufztest und ich so traurig
war."

Die Worte klangen wahr. Die alte Dame konnte das Zittern in ihrer Stimme
nicht verbergen, als sie sagte: ,,K mich noch mal, Tom! -- Und jetzt fort
mit dir zur Schule, und rgere mich nicht wieder."

Sobald er fort war, rannte sie zum Wandschrank und ri die Ruine der Jacke
heraus, in der Tom unter die Piraten gegangen war. Dann hielt sie wieder
inne und sagte zu sich: ,,Nein, ich tu's nicht. Armer Junge -- ich denke,
du hast's gelogen -- aber 's ist 'ne gesegnete, gesegnete Lge, 's ist was
Treuherziges drin. Ich hoffe, der Herr -- ich _wei_, der Herr wird ihm
vergeben, denn 's war doch gutherzig von ihm, das zu sagen. Aber, ich will
gar nicht wissen, _da_ es 'ne Lge ist. Ich _will_ nicht nachsehn."

Sie tat die Jacke wieder fort und stand eine Minute unentschlossen. Zum
zweitenmal streckte sie die Hand aus nach dem Kleidungsstck, und zum
zweitenmal zog sie sie zurck. Und nochmals griff sie danach, und diesmal
ermutigte sie sich selbst mit dem Gedanken: ,,'s ist 'ne gute Lge -- 's
ist 'ne gute Lge -- ich will mich nicht dadurch krnken lassen." So griff
sie in die Tasche der Jacke. Einen Moment spter las sie unter Trnen Toms
Schriftstck und schluchzte: ,,Jetzt knnt' ich dem Jungen vergeben, und
wenn er 'ne Million dummer Streiche gemacht htte."

Einundzwanzigstes Kapitel.

Es war etwas in Tante Pollys Art, als sie Tom kte, das seinen betrbten
Geist wieder aufrichtete und ihn wieder leichtherzig und glcklich machte.
Er rannte zur Schule und hatte das Glck, auf Becky Thatcher zu stoen.
Seine Stimmung wechselte bestndig. Ohne einen Augenblick der berlegung
rannte er auf sie zu und sagte: ,,Hab' mich heut morgen ganz gemein
benommen, Becky, und jetzt bin ich so traurig drber. Ich will nie, nie
wieder so was tun, so lang' ich leb' -- willst du jetzt wieder gut sein?"

Das Mdchen blieb stehen und schaute ihn verchtlich an: ,,Ich wrd' dir
dankbar sein, wenn du dich um dich selbst kmmern wrdst, _Herr_ Thomas
Sawyer! Ich werd' _nie_ wieder mit dir sprechen."

Sie hob stolz den Kopf und spazierte davon. Tom war so verblfft, da er
nicht mal Geistesgegenwart genug hatte, zu sagen: ,,Wie's beliebt, Jungfer
Naseweis," bis der rechte Augenblick vorber war. So sagte er gar nichts.

Aber er war nichtsdestoweniger in heller Wut. Er rannte auf den Schulhof,
wnschend, sie wr 'n Junge, und sich vorstellend, wie er sie durchprgeln
wollte, _wenn_ sie einer wr. Er suchte ihr zu begegnen, und als sie
vorbeikam, schleuderte er ihr eine bissige Bemerkung zu. Sie gab sie ihm
zurck, und der traurige Bruch war vollstndig. Becky glaubte, in ihrem Ha
kaum abwarten zu knnen, bis die Schule begnne, so ungeduldig war sie, Tom
seine Prgel fr das besudelte Buch bekommen zu sehen. Wenn sie noch ein
bichen gezweifelt hatte, ob sie Alfred Temple anzeigen solle, hatte Toms
beleidigendes Benehmen diese Zweifel endgltig beseitigt.

Armes Mdchen, sie wute nicht, wie nahe sie selbst solchem Unglck sei.
Der Lehrer, Mr. Dobbins, hegte trotz seiner mittleren Jahre noch
unbefriedigten Ehrgeiz. Sein Lieblingswunsch war gewesen, Doktor zu werden,
aber Armut hatte entschieden, da er nichts weiter werden solle als ein
Dorfschulmeister. Tglich zog er ein geheimnisvolles Buch aus seinem Pult
und vertiefte sich darin, wenn gerade keine der Klassen aufsagte. Er hielt
das Buch unter sicherem Verschlu. Nicht ein Bengel war in der Schule, der
nicht darauf gebrannt htte, einen Blick hineinzuwerfen, aber es bot sich
niemals eine Gelegenheit. Alle Buben und Mdel hatten ihre eigene Ansicht
ber den Inhalt des Buches; aber nicht zwei Ansichten stimmten berein, und
es gab kein Mittel, diese Streitfrage zu entscheiden. Jetzt, als Becky am
Pult vorbeikam, das nahe der Tr stand, sah sie, da der Schlssel steckte.
's war ein wundervoller Moment. Sie schaute um sich, sah sich allein und im
nchsten Augenblick hielt sie das Buch in der Hand. Das Titelblatt --
,,Anatomie von Professor Irgendwer" -- brachte ihr keine Aufklrung. So
begann sie die Bltter umzuwenden. Pltzlich stie sie auf eine hbsche
gestochene und bermalte Abbildung -- eine menschliche Figur. In dem
Augenblick fiel ein Schatten aufs Papier, und Tom kam ins Zimmer gerannt
und gewahrte ein Eckchen der Abbildung. Becky hielt das Buch rasch
beiseite, wollte es zumachen und hatte das Unglck, das Bild bis fast zur
Mitte durchzureien. Sie warf das Buch ins Pult, drehte den Schlssel um
und rannte davon, vor Wut und Schrecken schreiend: ,,Tom Sawyer, du bist
doch so gemein wie nur mglich, jemand so zu erschrecken und zu sehen, was
man da grad hat!"

,,Aber, wie konnt' ich denn wissen, _da_ du da was besehen hast?"

,,Du solltest dich vor dir selbst schmen, Tom Sawyer! Du weit wohl, da
du mir aufgepat hast! Ach Gott, was soll ich tun, was soll ich tun! Ich
werd' geprgelt, und ich bin noch _nie -- mals_ geprgelt worden in der
Schule --" Dann stampfte sie mit ihrem kleinen Fu und heulte: ,,Sei so
gemein, wenn du willst! Ich wei auch was, was _du_ kriegst! Wart nur,
wirst's schon sehn! Scheulich!" Und sie rannte aus der Tr, unter einer
neuen Flut von Trnen.

Tom stand still, ganz erstaunt ber diesen Ausbruch. Dann sagte er zu sich:
,,Was fr 'n sonderbares Stck von 'ner Nrrin so 'n Mdel ist. Niemals
geprgelt in der Schule! Gott, was sind Prgel! Das ist recht so 'n Mdel
-- alle sind sie dnnhutig und schwachherzig. Na, ich werd' nicht hingehn
und diese Nrrin beim alten Dobbins verklatschen, aber 's kommt auf irgend
'ne andere Art ja doch raus; na, was geht's mich an? Der alte Dobbins wird
fragen, wer das Buch zerrissen hat. 's wird's niemand sagen. Dann fragt er
der Reihe nach, wie er's immer tut -- fragt die erste und dann so weiter,
und dann, wenn er ans rechte Mdel kommt, wei er's, ohne da sie's sagt.
Die Mdel verraten sich ja immer! Sie haben auch gar keinen Schneid. Sie
verrt sich gleich. Na, 's ist 'ne nette Patsche fr Becky Thatcher, 's
gibt kein Mittel, da raus zu kommen." Tom dachte noch einen Augenblick
darber nach und fgte dann hinzu: ,,Na, meinetwegen; 's wird ihr Spa
machen, mich in so 'ner Patsche stecken zu sehn -- mag sie's auch mal
ausbaden!"

Tom begab sich wieder zu der Gesellschaft spektakelnder Jungen drauen.
Bald kam der Lehrer und die Schule begann. Tom fhlte kein besonderes
Interesse frs Studium. Fortwhrend schielte er auf die Mdchenseite,
Beckys Gesicht strte ihn. Alles in allem, fhlte er kein Mitleid mit ihr
und dann konnte er ihr ja auch nicht helfen. Aber er konnte auch keine
rechte Schadenfreude, die diesen Namen wirklich verdient htte, auftreiben.

Pltzlich wurden die Tintenkleckse in seinem Buche entdeckt, und jetzt war
sein Geist mit seinen eigenen Angelegenheiten beschftigt. Becky fuhr aus
ihrer Zerstreutheit auf und verfolgte mit groem Interesse die weitere
Entwickelung. Sie glaubte nicht, da sich Tom herausreden knne, und sie
hatte recht. Das Leugnen schien die Sache fr Tom nur schlimmer zu machen.
Becky bemhte sich nach Krften, sich drber zu freuen, und versuchte auch,
zu glauben, _da_ sie sich drber freue, aber sie fand, da es doch nicht
so ganz gewi sei. Als die Situation ganz kritisch wurde, fhlte sie die
Versuchung, aufzuspringen und Alfred Temple anzuzeigen, aber sie machte
eine Anstrengung und bezwang sich, zu schweigen, denn, sagte sie zu sich:
,,Er wird mich mit dem Bild anzeigen, ganz gewi. Ich wrd' kein Wort
sagen, und knnt' ich sein Leben retten."

Tom nahm seine Prgel in Empfang und ging auf seinen Platz zurck, nicht so
ganz mit gebrochenem Herzen, denn er sagte sich, es wre mglich, da er
selbst die Tinte ber das Buch gegossen habe, ohne es zu wissen -- in
Gedanken; geleugnet hatte er nur der Form wegen und weil's mal so Sitte
war, und beim Leugnen geblieben war er aus Prinzip.

Eine ganze Stunde schlich herum; der Lehrer sa nickend auf seinem Thron,
die Luft wurde nur von dem Gemurmel der Lernenden bewegt. Allmhlich
richtete sich Mr. Dobbins auf, ghnte, schaute in seinem Reiche umher und
griff nach seinem Buch, schien aber unentschlossen, ob er es herausnehmen
oder liegen lassen solle. Die meisten Augen leuchteten schwach auf, aber
zwei waren unter den Kindern, welche alle seine Bewegungen mit Interesse
verfolgten. Mr. Dobbins fingerte ein paar Augenblicke in Gedanken am Buche
herum, dann nahm er's heraus und setzte sich im Stuhl zurecht, um zu lesen.

Tom schielte auf Becky. Er fing einen suchenden, hilflosen, furchtsamen
Blick auf, der wie eine Kugel sein Herz durchbohrte. Sofort verga er
seinen Streit mit ihr. Ruhig -- etwas mute geschehen! und zwar sofort
geschehen! Aber seine Tatkraft wurde durch die Unmittelbarkeit der Gefahr
gelhmt. Gott -- er hatte eine Idee! Er wollte hinstrzen, das Buch
ergreifen, aus der Tr rennen und fort! Aber er zauderte einen einzigen
Moment, und die Gelegenheit war vorbei -- der Lehrer ffnete das Buch.
Htte Tom doch die Gelegenheit nochmals zurckrufen knnen! Zu spt -- er
wute, fr Becky gab's keine Rettung mehr! Im nchsten Augenblick hatte der
Lehrer das Verbrechen entdeckt. Jedes Auge senkte sich unter seinem starren
Blick. Es lag etwas darin, was auch den Unschuldigsten mit Furcht erfllte.
Stillschweigen herrschte, da man htte bis wenigstens zehn zhlen knnen.
Der Lehrer wurde bestndig zorniger. Nun fragte er: ,,Wer zerri dieses
Buch?"

Kein Ton. Man htte eine Stecknadel fallen hren. Das Stillschweigen
dauerte fort. Der Lehrer prfte ein Gesicht nach dem anderen auf etwaiges
Schuldbewutsein hin.

,,Benjamin Rogers, zerrissest du dieses Buch?"

Kopfschtteln. Neue Pause.

,,Josef Harper, tatest du es?"

Wiederum Kopfschtteln. Toms Unruhe wurde grer und grer unter der
langsamen Tortur dieses Vorgehens. Der Lehrer betrachtete prfend die Bnke
der Knaben eine Weile, dann wandte er sich zu den Mdchen:

,,Amy Lawrence?"

Kopfschtteln.

,,Gracie Miller?"

Dasselbe Zeichen.

,,Susan Harper, tatest du dies?"

Wiederum Verneinung. Das nchste Mdchen war Becky Thatcher. Tom zitterte
von Kopf bis zu Fu vor Aufregung und dem Gefhl der Machtlosigkeit.

,,Rebekka Thatcher" -- (Tom schielte auf ihr Gesicht, es war wei vor
Schreck) -- ,,zerrissest du -- nein, sieh mir ins Gesicht" -- (ihre Hnde
erhoben sich bittend) ,,zerrissest du dieses Buch?"

Ein Gedanke scho gleich einer Erleuchtung durch Toms Hirn. Er sprang auf
die Fe und rief: ,,_Ich_ tat's! --"

Die ganze Schule war starr vor Staunen ber solche Khnheit. Tom stand
einen Moment unbeweglich, um seine Lebensgeister zu sammeln; und als er
vorschritt, seine Prgel in Empfang zu nehmen, schienen ihm berraschung,
Dankbarkeit, Anbetung, die aus den Augen der armen Becky zu ihm sprachen,
Lohn genug fr hundert Trachten Prgel. Begeistert durch den Glanz seiner
eigenen Tat, nahm er ohne einen einzigen Schrei die saftigsten Prgel
entgegen, die Mr. Dobbins jemals ausgeteilt hatte; ebenso gleichgltig
empfing er die grausame Verschrfung der Strafe durch Zuerteilung von zwei
Stunden Arrest -- denn er wute, wer drauen auf ihn warten wrde, bis
seine Gefangenschaft vorber sei.

Tom ging an diesem Abend zu Bett voll Rachegedanken gegen Alfred Temple;
denn voll Scham und Reue hatte Becky ihm alles gesagt, ihre eigene
Verrterei nicht vergessend. Aber selbst das Verlangen nach Rache mute
bald weicheren Gefhlen weichen, und er schlief ein, Beckys letzte Worte
als se Musik in seinen Ohren:

,,Tom, wie _konntest_ du so edel sein!"

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Die Ferien nahten heran. Der Lehrer, immer streng, wurde jetzt noch
strenger und genauer, denn er wollte sich am Examenstage mit seiner Schule
von der besten Seite zeigen. Rute und Lineal kamen jetzt selten zur Ruhe --
besonders bei den kleinen Burschen. Nur die grten Jungen und die jungen
Damen von achtzehn bis zwanzig kamen ohne Prgel davon.

Und Mr. Dobbins' Prgel waren noch dazu ganz ausgesucht. Denn obwohl er
unter seiner Percke einen vollkommen kahlen und glnzenden Schdel barg,
stand er doch erst in mittleren Jahren und fhlte durchaus noch keine
Schwche in seinen Muskeln. Als der groe Tag herannahte, trat alle
Tyrannei, die in ihm war, zutage; er schien ein grausames Vergngen daran
zu finden, das kleinste Verbrechen zu bestrafen. Die Folge davon war, da
auch die kleinsten Burschen ihre Tage in Schrecken und Angst verbrachten,
ihre Nchte in finsterem Rachebrten. Sie lieen sich keine Gelegenheit
entgehen, dem Lehrer einen Streich zu spielen. Aber er blieb stets Sieger.
Die Vergeltung, welche jeder Rachetat folgte, war so ausgiebig und
groartig, da die Jungen stets schmhlich geschlagen den Kampfplatz
verlieen. Schlielich zettelten sie eine gemeinsame Verschwrung an und
heckten einen Plan aus, der einen blendenden Erfolg versprach. Sie
entdeckten sich dem Anstreicherlehrling, setzten ihm ihre Idee auseinander
und forderten seine Beihilfe. Der hatte seine eigenen Grnde, davon
entzckt zu sein, denn der Lehrer wohnte in seines Vaters Familie und hatte
ihm hinreichend Anla gegeben, ihn zu hassen. Des Lehrers Frau wollte in
wenigen Tagen zu einem Besuch aufs Land gehen, und so stand der Ausfhrung
des Planes nichts entgegen. Der Lehrer pflegte sich fr groe Gelegenheiten
dadurch vorzubereiten, da er sich einen hbschen kleinen Rausch zulegte,
und der Anstreicherlehrling sagte, da, wenn am Examenstage des Lehrers
Zustand die rechte Hhe erreicht haben wrde, er die Sache schon machen
wolle, whrend jener seinen Nicker mache; er wolle ihn dann noch eben zur
rechten Zeit wecken und zur Schule expedieren.

Als die Zeit erfllet war, trat dann das interessante Ereignis ein. Um acht
Uhr des Abends war das Schulhaus festlich erleuchtet und mit Girlanden und
Festons von Papier und Blumen geschmckt. Der Lehrer thronte in seinem
groen Sessel auf einem erhhten Podium, die schwarze Tafel hinter sich. Er
sah leidlich angeheitert aus. Zwei Reihen Bnke auf jeder Seite und sechs
ihm gegenber wurden durch die Wrdentrger des Ortes und die Eltern der
kleinen Gesellschaft eingenommen. Zu seiner Linken, hinter den Reihen der
Erwachsenen, war fr diese Gelegenheit eine gerumige Plattform
aufgestellt, auf der die Schler saen, die an den bungen des Abends
teilnehmen sollten. Reihen von kleinen Stpseln zu einem hchst
unleidlichen Zustand des Mibehagens zurecht gewaschen und angezogen;
Reihen von tlpelhaften greren Jungen; wei-strahlende Bnke von Mdchen
und jungen Damen, in Leinen und Musselin gekleidet und augenscheinlich
stolz auf ihre nackten Arme, ihren von der Gromama geerbten Schmuck, ihr
Spitzwerk von rotem und blauem Band, und die Blumen in ihrem Haar. Der Rest
des Saales war von unbeteiligten Schlern und Schlerinnen angefllt.

Die Prfung begann. Ein sehr kleiner Bengel stand auf und deklamierte mit
schafsmigem Gesicht:

      Kaum glaubt ihr, da so'n kleiner Mann
      Hier vor euch stehn und sprechen kann -- usw.


sich selbst mit den peinlich abgemessenen, krampfhaften Bewegungen
begleitend, wie sie eine Maschine gemacht haben wrde -- noch dazu eine
etwas aus der Ordnung geratene Maschine. Aber er schlpfte leidlich, wenn
auch zu Tode gengstigt, durch und erhielt 'ne hbsche Menge Applaus, als
er seine gezwungene Verbeugung produzierte und sich zurckzog.

Ein kleines, verschmtes Mdchen lispelte darauf: ,,Mary hat ein kleines
Lamm" usw., machte einen mitleiderregenden Knicks, erhielt ebenfalls ihren
Anteil am Beifall und setzte sich, hochrot und glcklich.

Jetzt trat Tom mit gemachter Zuversicht vor und begann mit donnerndem
Pathos das unverwstliche ,,Gib mir Freiheit oder Tod --" unter wilden,
wahnwitzigen Gebrden zu deklamieren -- und blieb in der Mitte stecken.
Lhmende Angst packte ihn, die Knie zitterten unter ihm, er war nahe daran,
zu ersticken. Es ist wahr, er hatte des Hauses Sympathie fr sich, aber
auch des Hauses Schweigen, was ebenso schwer wog wie jene. Der Lehrer
runzelte die Stirn, und das vervollstndigte seine Verwirrung.

Tom kmpfte noch 'ne Weile und dann marschierte er ab, vllig geschlagen.
Ein schwacher Versuch des Beifalls erstarb bald wieder.

Es folgte: ,,Der Knabe stand auf brennendem Deck", ,,Hernieder kam einst
Assurs Macht" und andere deklamatorische Perlen. Dann wurden Lesebungen
sowie ein Buchstabier-Gefecht vorgefhrt. Die kleine Lateinklasse bestand
mit Ehren. Der Hauptschlager des Abends kam jedoch jetzt erst, die
,,Originalaufstze" der jungen Damen. Der Reihe nach trippelten sie vor bis
zum Rand der Plattform, rusperten sich, hoben ihr Manuskript (von einem
zierlichen Band zusammengehalten) und begannen mit lobenswerter Beachtung
des Ausdrucks und der Satzzeichen zu lesen. Die Themata waren dieselben,
die bei hnlichen Gelegenheiten vor ihnen von ihren Mamas, Gromamas und
zweifellos all ihren weiblichen Vorfahren bis zurck zu den Kreuzzgen,
gewhlt worden waren. ,,Freundschaft" hie eins, ,,Erinnerungen frher
Tage" ein anderes; dann ,,Die Religion in der Geschichte", ,,Das Land der
Trume", ,,Die Vorteile der Kultur", ,,Vergleiche der politischen
Staatsformen", ,,Melancholie", ,,Letzte Liebe", ,,Wnsche des Herzens" usw.

Ein vorwiegender Zug in all diesen Aufstzen war eine erzwungene,
aufdringliche Schwermut; ein anderer verschwenderischer Gebrauch
hochtrabender, geschwollener Redensarten; ferner die Manier, Worte und
Bilder zu Tode zu hetzen; was sie aber ganz besonders unertrglich machte,
waren die unleidlichen, salbungsvollen Moralpauken, womit jeder, aber auch
jeder abschlo.

Was auch der Gegenstand sein mochte, jedesmal gab's schlielich die
krampfhaftesten Anstrengungen, ihn in solche Betrachtungen auslaufen zu
lassen, damit Tugend und Frmmigkeit der Verfasserin nur ja gehrig ins
rechte Licht gerckt wrden. Die offenbare Verlogenheit dieser Machwerke
war aber doch nicht imstande, Widerwillen gegen derartige Verwirrungen des
Schulunterrichts zu erzeugen, und ist es berhaupt heutzutage nicht;
wahrscheinlich war es berhaupt immer so, solange die Welt steht. Es gibt
einfach keine Schule unseres Landes, wo sich die jungen Mdchen nicht
verpflichtet fhlen, ihre Aufstze mit solch einem Sermon zu schlieen. Und
man wird finden, da die Sermone der verlogensten und am wenigsten wirklich
religisen Mdchen immer und ausnahmslos die lngsten und frmmsten sind.
Aber genug davon. Ein Prophet gilt ja nichts in seinem Vaterlande. Kehren
wir zum Examen zurck. Der erste der vorgelesenen Aufstze betitelte sich:
,,Ist dies das Leben?" Vielleicht kann der Leser einen Auszug daraus
vertragen.

   ,,Mit welch berschwenglichen Gefhlen pflegt der
   jugendliche Geist vorwrts auf all die zu erwartenden
   Freudenfeste des Lebens zu schauen! Die Einbildungskraft
   ist geschftig, rosig gefrbte Bilder der Freude zu
   malen. Im Geiste sieht sie sich als Gnstling des
   Glckes, sieht sie sich inmitten strahlender Festlichkeiten,
   ,,die Siegerin aller Siegerinnen". Ihre reizende Figur,
   in entzckende Kleider gehllt, wirbelt durch alle Irrwege
   berauschender Tnze. Ihr Auge ist das glnzendste,
   ihr Fu der leichteste in der ganzen jugendschnen Gesellschaft.
   In solch entzckenden Trumen rinnt die Zeit
   rasch und angenehm dahin, und die ersehnte Stunde
   ihres Eintrittes in die ersehnte Welt, von der sie so
   vielversprechend geschwrmt hat, schlgt. Wie mrchenhaft
   erscheint alles ihren entzckten Blicken! Jedes neue
   Erlebnis scheint ihr schner als das letzte. Aber bald
   findet sie, da unter dieser verlockenden Hlle alles leer
   und schal ist. Schmeichelei, die einst ihren Stolz kitzelte,
   wirkt jetzt verletzend auf ihr Ohr. Der Ballsaal hat
   seinen Reiz eingebt; und mit verwsteter Gesundheit
   und gebrochenem Herzen wendet sie sich ab, in dem
   Bewutsein, da irdische Freuden die Bedrfnisse der
   Seele nicht befriedigen knnen!"


Und so weiter, und so weiter. Von Zeit zu Zeit, whrend der Vorlesung, gab
es kurzes Beifallsklatschen, von leise geflsterten Ausrufen, wie: ,,Wie
s!" ,,uerst gewandt!" ,,So wahr!" usw. begleitet, und nachdem die Sache
mit einer besonders niederschmetternden moralischen Nutzanwendung beendet
war, war der Applaus geradezu enthusiastisch.

Worauf ein schmchtiges, melancholisches Mdchen, dessen Gesicht die
interessante Blsse besa, die von Pillen und schlechter Verdauung
herrhrt, vortrat und ein sogenanntes Gedicht vorlas. Zwei Verse davon
werden gengen.

      Abschied eines Missouri-Mdchens von Alabama


      ,,Leb wohl, Alabama! Wie liebe ich dich!
      Doch jetzt fr 'ne Weile mu meiden ich dich!
      Die Trauer um dich erfat mich mit Macht,
      Sie hat mich um alle Freude gebracht!
      Deine blhenden Wlder, wie oft sah ich sie,
      Die Strme und Seen -- ich vergesse sie nie!
      Ich lauschte so gerne dem Rauschen der Flut
      Und frischte mich auf in Auroras Glut.
      Warum verbergen mein bervoll Herz?
      Warum nicht zeigen den brennenden Schmerz!
      Ich scheide ja nicht aus fremdem Land,
      Ich reich' ja nur Freunden die scheidende Hand!
      hier war ich zu Hause, hier liebte man mich,
      Du Tal meiner Heimat, nun meide ich dich!
      Und wenn sie dich schmhen, die nie dich gekannt,
      So mu ich verstummen -- mein teures Land!!"


Eine dunkelhutige, schwarzugige und schwarzhaarige junge Dame war die
nchste, machte eine ausdrucksvolle Pause, nahm eine tragische Pose ein und
begann in gehaltenem Ton zu lesen.

   Eine Vision


   ,,Dunkel und strmisch war die Nacht. Am ganzen
   Himmelszelt glnzte nicht ein einziger Stern, aber der
   dumpfe, tiefe Ton des rollenden Donners zitterte bestndig
   im Ohr, whrend schreckliche Blitze in unheimlichen
   Windungen durch die dunklen Himmelsrume fuhren;
   und sie schienen die Gewalt zu verspotten, die sich der
   berhmte Franklin ber sie angemat hat! Auch die
   ungestmen Winde fuhren unaufhrlich aus ihrer geheimnisvollen
   Heimat daher und fuhren herum, als
   wren sie gerufen worden, um die schreckliche Szene
   noch schrecklicher zu machen. In solchem Augenblick, so
   dunkel, so traurig, sehnte sich mein Geist, ach, so sehr nach
   menschlicher Sympathie; und


      ,,Da pltzlich, ein Wunder, sie neben mir stand,
      Die Freundin im Kummer, mit trstender Hand!"


   Sie schwebte gleich einer jener Lichtgestalten, die in
   ihrem Sonnenflug die romantische Phantasie der
   Jugend malt, daher, eine Knigin der Schnheit, nur
   mit ihrer eigenen berirdischen Lieblichkeit bekleidet. So
   leicht war ihr Tritt, er schien kein Gerusch hervorzubringen,
   und ich empfand ihre Gegenwart nur durch
   den magischen Schauer, der mich bei ihrer Berhrung
   durchrieselte -- sonst wre sie gleich anderen krperlichen
   Schnheiten unbemerkt, ungesehen entschwebt. Strenge
   Trauer lag auf ihren Zgen, gleich eisigen Trnen auf
   dem Gewande des Dezember, als sie auf die kmpfenden
   Elemente drauen wies und mich aufforderte, die
   zwei Wesen zu betrachten."


Zehn Seiten Manuskript waren mit diesem nchtlichen Geisterspuk bedeckt,
und sie schlossen mit einem so sehr alle Hoffnungen fr jeden
Nichtkirchlichgesinnten vernichtenden Sermon, da die Arbeit den ersten
Preis erhielt.

Der Aufsatz wurde fr die ausgezeichnetste Arbeit des Abends erklrt. Der
Brgermeister hielt, indem er der Siegerin den Preis berreichte, eine
warme Ansprache, worin er sagte, es wre weitaus ,,das beredsamste Ding,
das er je gehrt habe, und Daniel Webster selbst knnte sehr wohl darauf
stolz sein."

Beilufig mge bemerkt werden, da die Zahl der Arbeiten, in denen das Wort
,,wundervoll" berwog, und menschliche Erfahrung ,,eine Seite des Lebens"
genannt wurde, die bliche Hhe erreichte.

Nunmehr schob der Lehrer, allmhlich bis an die Grenze der Mglichkeit
angeheitert, seinen Stuhl beiseite, zeigte dem Publikum seinen Rcken und
machte sich dran, eine Karte von Amerika an die Wandtafel zu malen, um die
Geographieklasse vorzunehmen. Es wollte ihm aber bei seiner unsicheren Hand
nicht gelingen, und ein unterdrcktes Kichern lief durch den Saal. Er
wute, was die Uhr geschlagen hatte, und nahm sich tchtig zusammen. Er
wischte die Linien aus und zog sie nochmals. Aber er machte es diesmal noch
schlechter als vorher, und das Kichern wurde lauter. Er nahm sich jetzt
innerlich an den Ohren, wandte seine ganze Aufmerksamkeit auf die Arbeit,
als gelte es, sich nicht von der allgemeinen Heiterkeit unterkriegen zu
lassen. Er fhlte, da aller Augen an ihm hingen. Er bildete sich ein, da
es ihm diesmal gelnge, und jetzt nahm das Kichern noch mehr, es nahm ganz
zweifellos zu. Und es war kein Wunder.

Es gab da eine Dachstube, die gerade ber seinem Kopf durch eine Falltr
verschlossen war. Durch diese Falltr erschien eine Katze, an einem um
ihren Leib gelegten Strick gehalten. Ein Tuch war ihr ber den Kopf
gebunden, damit sie nicht schreien sollte. Indem sie langsam
heruntergelassen wurde, wand sie sich aufwrts und griff nach dem Seil,
wand sie sich nach unten und griff in die leere Luft. Das Kichern wurde
strker und strker, die Katze war keine sechs Zoll mehr vom Kopf des
geistesabwesenden Lehrers entfernt; tiefer, tiefer, noch ein bichen, und
sie schlug ihre Krallen in verzweifelter Wut in die Percke, und wurde im
nchsten Moment mit ihrer Trophe in die Dachstube zurckgezogen. Und
welcher Glanz von des Lehrers kahlem Schdel ausging, den der
Anstreicherlehrling goldig gefrbt hatte!

Das hob die Versammlung auf. Die Jungen waren gercht -- die Ferien da!

(_Anmerkung_. Die oben angefhrten anspruchsvollen ,,Aufstze" sind ohne
jede nderung einem Buche entnommen, betitelt ,,Prosa und Poesie, von einer
Dame des Westens", sind aber genau nach der Schulmdelmanier gemacht und
daher viel glcklichere Beispiele, als irgendwelche Nachbildungen htten
sein knnen.)

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Tom schlo sich dem neuen Orden der ,,Kadetten der Enthaltsamkeit" an,
angezogen durch die glnzende Pracht ihrer ,,Uniform". Er versprach, sich
des Rauchens, Tabakkauens und Fluchens, so lange er Mitglied des Vereins
sein wrde, zu enthalten. Dabei machte er eine Entdeckung, nmlich, da das
Versprechen, etwas nicht zu tun, das sicherste Mittel von der Welt sei,
einen in Versuchung zu bringen, hinzugehen und es gerade zu tun. Tom
empfand sehr bald das glhende Verlangen, zu trinken und zu fluchen; der
Wunsch wurde bald so stark, da nichts als die Aussicht, mit seiner roten
Schrpe prunken zu knnen, imstande gewesen wre, ihn von dem
Wiederaustritt aus dem Orden abzuhalten. Der vierte Juli [Anmerkung: Der 4.
Juli 1776 ist der Tag der Unabhngigkeitserklrung der Vereinigten
Staaten.] stand nahe bevor. Bald aber gab er es auf -- gab es auf, ehe er
seine Fesseln volle 48 Stunden getragen hatte, um seine Aufmerksamkeit dem
alten Richter Frazer, dem Friedensrichter, zuzuwenden, der augenscheinlich
auf dem Totenbett lag und gewi ein groartiges ffentliches Begrbnis
bekommen wrde, da er doch ein so hoher Beamter war. Whrend dreier Tage
war Tom ganz von des Richters Befinden eingenommen und hungrig nach
Neuigkeiten darber. Manchmal stieg seine Hoffnung so hoch, da er drauf
und dran war, seine Uniform hervorzuholen und vor dem Spiegel darin Probe
zu halten. Aber der Richter hatte eine abscheuliche Art, sich zu besinnen.
Schlielich wurde er besser und schlielich Rekonvaleszent. Tom war sehr
verstimmt und fhlte sich obendrein beleidigt. Schlielich ,,resignierte"
er und in der nchsten Nacht bekam der Richter einen Rckfall und starb.
Tom nahm sich vor, in solchen Dingen keinem Menschen mehr zu trauen. Das
Begrbnis war groartig. Die Kadetten paradierten auf eine Art, die
geeignet war, das bisherige Mitglied vor Neid umkommen zu lassen.

Indessen war Tom wieder ein freier Bursch. Das war das Gute dran. Er konnte
trinken und fluchen, fand aber zu seiner berraschung, da er gar keine
Lust dazu hatte. Die bloe Tatsache, da er's _durfte_, nahm ihm den Wunsch
dazu und machte die Sache reizlos.

Tom machte pltzlich die berraschende Bemerkung, da die ersehnten Ferien
anfingen, ihn zu langweilen. Er begann ein Tagebuch, aber da sich innerhalb
dreier Tage nichts ereignete, so gab er's wieder auf.

Dann kam die erste schwarze Sngergesellschaft ins Dorf und erregte
Aufsehen. Tom und Joe Harper traten in Verbindung mit der Bande und waren
fr zwei Tage glcklich.

Selbst der berhmte Vierte war in gewissem Sinne eine Enttuschung, denn es
regnete stark; infolgedessen fand kein Umzug statt, und der grte Mann der
Welt (wie Tom glaubte), Mr. Benton, ein Senator der Vereinigten Staaten,
bereitete ihm eine niederschmetternde Enttuschung, denn er war nicht 25
Fu hoch, auch nicht einmal annhernd.

Ein Zirkus kam. Die Jungen spielten drei Tage Zirkus in Zelten, die aus
zerlumpten Teppichen bestanden, -- Entree: drei Penny fr Jungen, zwei fr
Mdchen -- und dann wurde das Zirkusspielen langweilig.

Ein Phrenologe und ein Taschenspieler kamen -- und gingen wieder und lieen
das Dorf langweiliger und der zurck, als es vorher gewesen war.

Becky Thatcher war nach ihrem Konstantinopeler Hause gereist, um whrend
der Ferien bei ihren Eltern dort zu bleiben -- so hatte denn das Leben
keine einzige Lichtseite mehr.

Das schreckliche Geheimnis des Mordes geno immer noch trauriges Interesse.
Es war ein Gegenstand bestndiger Aufregung.

Dann kamen die Masern.

Whrend zweier langen Wochen lag Tom als Gefangener, tot fr die Welt und
ihr Treiben. Er war sehr krank, gleichgltig gegen alles. Als er wieder auf
den Fen war und noch ganz schwach durch das Dorf wankte, war eine
traurige Vernderung mit allen Dingen und Lebewesen vorgegangen. Es hatte
eine ,,Wiedergeburt" stattgefunden, und alles war ,,fromm geworden", nicht
nur die Erwachsenen, sondern auch die Buben und Mdel. Tom strich herum, in
der Hoffnung, auf ein Gesicht, das in seiner Sndhaftigkeit sich wohl
fhle, zu stoen. Er fand Joe Harper in der Bibel lesend und floh traurig
vor solchem niederdrckenden Schauspiel. Er suchte Ben Rogers und traf ihn,
wie er die Armen mit einem Korb voll Trakttchen heimsuchte. Darauf
fahndete er auf Jim Hollis, der ihm zeigte, wie seine wunderbare Errettung
von den Masern eine Warnung sei. Jeder einzelne Junge, mit dem er
zusammenkam, trug das Seinige dazu bei, ihn vollends niedergeschlagen zu
machen; und als er in voller Verzweiflung davonrannte, um am Busen Huck
Finns Zuflucht zu suchen -- und mit einem Bibelspruch empfangen wurde,
brach sein Herz, er kroch nach Hause und zu Bett, in der berzeugung, da
er allein von dem ganzen Dorfe verloren, fr immer und ewig verloren sei.

Und in der Nacht setzte es einen schrecklichen Sturm, der den Regen vor
sich hertrieb, mit furchtbaren Donnerschlgen und blendenden Blitzen. Er
steckte den Kopf unter die Bettdecke und erwartete in ngstlicher
Ungewiheit sein Schicksal; denn ihm kam nicht ein Schatten von Zweifel,
da dieses ganze Donnerwetter ihm gelte. Er glaubte, die Geduld der
himmlischen Mchte allzuhoch taxiert zu haben -- und dies war die Folge
davon. Es wrde ihm als lcherliche Kraftverschwendung erschienen sein,
eine Wanze mit Kanonen tten zu wollen, aber das schien ihm doch noch
nichts, wenn er bedachte, da ein so schreckliches Gewitter ntig sein
sollte, um ein Insekt gleich ihm zu vernichten.

Allmhlich tobte sich der Sturm aus und legte sich ganz, ohne seinen Zweck
erfllt zu haben. Der erste Antrieb Toms war, dankbar zu sein und sich zu
bessern. Sein zweiter war, zu warten -- denn vielleicht wrde sobald kein
Unwetter wieder losbrechen.

Am anderen Tage war der Doktor wieder da. Tom hatte einen Rckfall. Die
drei Wochen, die er so still liegen mute, schienen ihm ein ganzes
Menschenalter. Als er schlielich doch wieder aufstand, war er kaum
dankbar, da er geschont worden war, da er sich sagen mute, wie einsam er
sei, wie freundlos und verlassen. Zwecklos strich er durch die Gassen und
fand Jim Hollis in einem jugendlichen Gerichtshof, der eine Katze als
Mrderin verurteilen sollte, den Richter machend. Das Opfer, ein Vogel, lag
dabei. Joe Harper und Huck Finn traf er spazieren gehend und eine
gestohlene Melone verzehrend. Arme Jungen -- sie hatten, wie Tom, einen
Rckfall zu erdulden.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Schlielich wurde die brtende Langeweile ein bichen aufgestrt und
erfrischt. Der Mordproze kam vor Gericht. Er wurde sofort der alleinige
Gegenstand des Gesprchs. Tom konnte es kaum aushalten. Jede Erwhnung des
Mrders jagte ihm einen Schauer durch die Glieder, denn sein bedrcktes
Gewissen und seine Furcht machten ihm weis, da alle diese Bemerkungen
,,Fhler" sein sollten und auf ihn berechnet. Zwar wute er durchaus nicht,
wie ein Verdacht, etwas ber den Mord zu wissen, sollte auf ihn fallen
knnen, trotzdem aber konnte er sich inmitten all des Geklatsches nicht
behaglich fhlen. Kalte Schauer schttelten ihn bestndig.

Er schleppte Huck an ein einsames Pltzchen, um sich mit ihm mal darber
auszusprechen. Es wrde fr 'ne Weile doch eine Erleichterung sein, seiner
Zunge mal freien Lauf gelassen zu haben, die Last seines Kummers mit einem
Leidensgefhrten zu teilen. Vor allem aber wollte er sich versichern, da
Huck reinen Mund gehalten habe.

,,Huck, hast du jemals darber gesprochen?"

,,Worber?"

,,Na -- du weit schon!"

,,Ach so -- na, gewi nicht!"

,,Kein Wort?"

,,Zum Teufel, auch nicht 's kleinste Wort! Warum fragst du?"

,,Na, ich hatt' halt Angst!"

,,Weit du, Tom Sawyer, wir wrden keine zwei Tage mehr haben, wenn das
raus km'! Du weit doch?"

Tom wurde behaglicher zumute. Nach einer Pause sagte er: ,,Du, Huck, 's
wird dich niemand zwingen knnen, was zu verraten, he?"

,,Mich zwingen? Na, wenn ich wollt', da der Halbindianer-Teufel mir den
Hals umdrehte, _dann_ knnten sie mich zwingen, zu schwatzen."

,,Na, 's ist schon gut. Denk auch, da wir sicher sind, so lang' wir reinen
Mund halten. Aber la uns nochmal schwren. 's ist sicherer!"

,,Meinetwegen."

So schwuren sie nochmals die schrecklichsten Eide.

,,Was wird denn eigentlich geschwatzt, Huck? _Ich_ hab' so viel
durch'nander gehrt!"

,,Schwatzen? Na, 's ist immer Muff Potter, Muff Potter, Muff Potter.
Jedesmal gerat' ich ordentlich in Schwei, da ich gleich davonlaufen
mcht'!"

,,'s ist grad so wie bei mir. Ich denk' wohl, da er 'n Gauner ist. Hast du
zuweilen Mitleid mit ihm?"

,,Fast immer -- fast immer. Er taugt ja nicht viel; aber er hat doch nie
was getan, um jemand zu verletzen. Er stiehlt wohl zuweilen Fische, um Geld
fr Branntwein zu kriegen -- und treibt sich bestndig herum; aber, Herr
Gott, das tun wir doch alle -- oder wenigstens die meisten -- auch die
Prediger und solche Leute. Aber er ist doch 'n guter Kerl -- er gab mir mal
'n halben Fisch, wo's doch nicht genug war fr zwei, und oft genug war er
freundlich gegen mich und half mir, wenn ich in 'ner Patsche sa."

,,Ja, und mir hat er Drachen gemacht, Huck, und Angelhaken. -- Wollt, wir
knnten ihm raushelfen --"

,,Lieber Gott, Tom, wir knnen ihm nicht 'raushelfen. Und dann -- 's wr'
auch gar nicht gut; sie kriegten ihn doch wieder."

,,Ja -- das tten sie. Aber ich kann's nicht hren, da sie auf ihn
schimpfen wie auf 'nen Teufel, wo er's doch gar nicht getan hat."

,,Ich auch, Tom! Gott, ich hrt', wie einer sagte, er ist der blutgierigste
Lump im ganzen Land, und sie wunderten sich nur, da er noch nicht
aufgeknpft ist."

,,Ja, das sagen sie immer. Ich hab' gehrt, sie wollten ihn lynchen, wenn
er freikm'."

,,Und das tten sie auch."

Die Jungen schwatzten noch lange, aber es brachte ihnen wenig Befreiung.
Als das Zwielicht anbrach, fanden sie sich auf einmal in der Nachbarschaft
des kleinen, einsamen Gebudes, vielleicht in der unbestimmten Hoffnung, es
knne irgend was geschehen, wodurch ihre Kmmernisse gehoben wrden. Aber
nichts geschah, weder Engel noch gute Geister schienen sich mit diesem
unglcklichen Gefangenen beschftigen zu wollen.

Die Jungens taten, was sie schon oft vorher getan hatten -- gingen zu dem
Gitterfenster und steckten Potter ein bichen Tabak und Zndhlzer zu. Er
lag auf dem Fuboden -- Wchter waren nicht da.

Seine Dankbarkeit fr ihre kleinen Gaben hatte bisher immer ihr Gewissen
entlastet -- jetzt wurde es nur noch schwerer. Sie fhlten sich im hchsten
Grade gemein und treulos, als Potter sagte: ,,Ihr seid doch immer gut gegen
mich gewesen, Jungs, besser als sonst jemand im Dorf. Und ich werd's nicht
vergessen, werd's nicht! Oft denk' ich, hab' allen Jungen Drachen gemacht
und alles, und ihnen gute Fischpltze gezeigt, und ihnen geholfen, wo ich
konnt', und nu' vergessen sie alle den alten Muff, wo er so in der Patsche
sitzt, nur der Tom tut's nicht, und der Huck tut's nicht, _die_ vergessen
ihn nicht, sagt' ich, und ich werd' _sie_ nicht vergessen! Na, Jungs, ich
hab' was Schreckliches getan -- betrunken und verrckt mu ich gewesen
sein; 's ist die einzige Art, wie ich's mir denken kann, und jetzt soll ich
dafr baumeln, und 's ist recht so. Recht und 's _beste_ auch, glaub' ich,
hoff' wenigstens. Na, wollen nicht davon sprechen. Mcht' euch 's Herz
nicht schwer machen. Aber wollt euch doch sagen: Trinkt nicht, wenn ihr
gro seid, dann kommt ihr nie hierher. Kommt mal nher ran -- so, 's ist
doch schon was, so 'n paar gute Gesichter zu sehen -- gute, freundliche
Gesichter. Steigt mal einer auf den anderen und gebt mal eure Patschen her.
Kommt leichter durch die Stangen, _meine_ Faust ist zu gro. Kleine Hnde
-- und zart -- aber haben Muff Potter 'ne Menge geholfen und wrden noch
mehr tun, wenn sie knnten."

Tom schlich niedergeschlagen nach Hause, und seine Trume waren
schrecklich. Am nchsten und bernchsten Tage lungerte er um das
Gerichtsgebude herum, von unwiderstehlichem Verlangen angetrieben,
hineinzugehen, und doch sich selbst zwingend, es nicht zu tun. Huck hatte
dieselben Versuchungen. Sie gingen sich geflissentlich aus dem Wege. Jeder
ging von Zeit zu Zeit mal fort, aber derselbe verzweifelte Zauber trieb ihn
immer sehr bald wieder hin. Tom hielt die Ohren offen, wenn irgend ein
Miggnger herauskam, hrte aber immer nur betrbende Neuigkeiten. Die
Schlinge zog sich immer und immer fester zusammen um den armen Potter. Am
Abend des zweiten Tages war das Dorfgesprch, da des Indianer-Joe
Erscheinen feststehe, und da ber den zu erwartenden Spruch der
Geschworenen nicht der geringste Zweifel entstehe.

Tom war diesen Abend lange aus und gelangte durchs Fenster ins Bett. Er
befand sich in schrecklich aufgeregtem Zustande. Es dauerte Stunden, bis er
einschlafen konnte.

Am nchsten Morgen strmte das ganze Dorf zum Gerichtsgebude, denn es
wrde ein groer Tag sein. Beide Geschlechter waren zu dem aufregenden
Verhr erschienen. Nach langer Zeit traten die Geschworenen ein und begaben
sich auf ihre Pltze. Kurz danach wurde Muff Potter, bla und hohlugig,
verschchtert und hoffnungslos, mit Ketten beladen, hereingebracht und
setzte sich so, da all die neugierigen Augen ihn treffen muten; nicht
weniger wurde der Indianer-Joe beobachtet, der gleichgltig, wie immer,
dasa. Noch eine Pause, und dann kam der Richter, und der Sheriff
verkndete den Beginn der Sitzung. Es folgte das gewhnliche Geflster
zwischen den Gerichtspersonen und Papierknistern. Diese Einzelheiten und
Umstndlichkeiten bewirkten eine erwartungsvolle Stimmung, die ebenso
aufregend wie lhmend war.

Jetzt wurde jener Brger aufgerufen, welcher beschwor, da er Muff Potter
in sehr frher Stunde am Morgen des Mordes getroffen hatte, wie er sich in
einem Graben wusch, und da er sofort davongelaufen sei. Nach einigen
weiteren Fragen sagte der Staatsanwalt: ,,Der Herr Verteidiger hat das
Wort." Der Gefangene erhob fr einen Augenblick die Augen, schlug sie aber
sofort nieder, als sein Verteidiger sagte: ,,Ich verzichte."

Der nchste Zeuge erzhlte die Auffindung des Messers am Tatorte. Der
Staatsanwalt sagte abermals: ,,Der Herr Verteidiger hat das Wort."

,,Ich verzichte," entgegnete auch diesmal der Verteidiger.

Ein dritter Zeuge beschwor, da er das Messer oftmals in Muff Potters
Besitz gesehen habe.

,,Der Herr Verteidiger hat das Wort."

Potters Verteidiger dankte wiederum.

Die Gesichter der Zuhrer begannen Unwillen zu zeigen. Wollte dieser
Verteidiger das Leben seines Klienten ohne jeden Versuch zu seiner Rettung
preisgeben?

Mehrere Zeugen berichteten ber Potters verdchtiges Benehmen, als er an
den Mordplatz gefhrt wurde. Sie konnten ebenfalls ohne Gegenverhr den
Platz verlassen.

Alle Einzelheiten der gravierenden Vorkommnisse an jenem Morgen, dessen
sich alle Anwesenden so gut erinnerten, waren von glaubwrdigen Zeugen
besttigt, und nicht einer war durch Potters Verteidiger einem Gegenverhr
unterworfen worden. Die Verblffung und Unzufriedenheit des Hauses machte
sich in Murren bemerklich, was eine Zurechtweisung seitens des Vorsitzenden
zur Folge hatte.

Jetzt begann der Staatsanwalt: ,,Durch den Eid von Brgern, deren einfaches
Wort schon ber jeden Zweifel erhaben ist, sehen wir das schreckliche
Verbrechen dem unglcklichen Gefangenen dort zur Last gelegt. Die Sachlage
ist ber jeden Zweifel erhaben."

Ein Sthnen entrang sich dem armen Potter, er bedeckte das Gesicht mit den
Hnden, whrend sein Krper gleichsam zusammenschrumpfte. Ein peinliches
Stillschweigen hatte sich ber den Saal gelegt. Alle waren bewegt, und
manche Frau verriet ihre Bewegung durch Trnen.

Der Verteidiger erhob sich und sagte: ,,Euer Ehren! Zu Beginn der
gegenwrtigen Verhandlung gaben wir unsere Absicht kund, zu zeigen, da
unser Klient diese schreckliche Tat beging, whrend er unter dem Einflusse
eines blinden, geistesverwirrenden Rausches infolge bermigen Trunkes
stand. Wir haben unsere Ansicht gendert. Wir knnen auf diesen Einwand
verzichten!" (Dann zum Gerichtsdiener): ,,Tom Sawyer!"

In allen Gesichtern malte sich unverhohlenes Erstaunen, Potter nicht
ausgenommen. Jedes Auge heftete sich mit verwundertem Interesse auf Tom,
als er aufstand und sich auf seinen Platz in der Zeugenloge setzte. Der
Junge sah verstrt genug aus, er war auch mchtig verschchtert. Die
Eidesformel war gesprochen.

,,Thomas Sawyer, wo wart Ihr am 7. Juni um Mitternacht?"

Tom schielte auf des Indianer-Joe eisernes Gesicht, und die Zunge versagte
ihm den Dienst. Alle Zuhrer warteten atemlos, aber die Worte kamen nicht
heraus. Nach ein paar Augenblicken indessen sammelte der Junge ein bichen
Mut und versuchte genug davon in seine Stimmung zu legen, um sich einem
Teil des Saales hrbar zu machen.

,,Auf dem Kirchhof."

,,Bitte, etwas lauter. Frchtet Euch nicht. Ihr wart --"

,,Auf dem Kirchhof."

Ein verchtliches Lcheln flog ber des Indianer-Joe Gesicht.

,,Wart Ihr vielleicht in der Nhe von William Horses Grab?"

,,Ja, Herr!"

,,Noch ein bichen lauter. Wie nahe wart Ihr?"

,,So nahe, wie jetzt zu Ihnen."

,,Wart Ihr versteckt oder nicht?"

,,Ich war versteckt."

,,Wo?"

,,Unter den Ulmen, die am Kopfende des Grabes stehen."

Der Indianer-Joe fuhr unmerklich zusammen.

,,Wart Ihr in Begleitung?"

,,Ja, Herr. Ich war da mit --"

,,Halt -- einen Augenblick. Nennt den Namen Eures Gefhrten noch nicht. Wir
wollen ihn zur rechten Zeit aufrufen. Hattet Ihr irgend etwas mit?"

Tom zgerte und schaute verwirrt um sich.

,,Na, sprich -- mein Junge! Nicht zaghaft! Die Wahrheit ist immer
achtungswert. _Was_ hattest du mit?"

,,Nur -- nur -- 'ne tote Katze!"

Ein schwaches Kichern entstand, wurde aber sofort vom Gerichtshof
unterdrckt.

,,Wir werden das Skelett der Katze vorlegen. Jetzt, mein Junge, sag' uns,
was sich zutrug -- sag's ganz auf deine Weise -- vergi nichts und frchte
dich nicht."

Tom begann -- zuerst stammelnd, aber als er warm wurde, flossen seine Worte
leichter und immer leichter; in kurzem verstummte jeder Laut auer seiner
Stimme; jedes Auge heftete sich auf ihn; mit geffneten Lippen und
angehaltenem Atem hingen die Zuhrer an seinen Worten, vollkommen von der
Spannung der Erzhlung beherrscht. Die Erregung erreichte den hchsten
Grad, als er sagte: ,,Und wie der Doktor mit dem Brett haute und Potter
fiel, da sprang der Indianer-Joe mit dem Messer --"

Krach! -- Schnell wie der Blitz sprang der Indianer-Joe zum Fenster durch
alle Zuschauer hindurch und war im Nu verschwunden!

Fnfundzwanzigstes Kapitel.

Tom war schon wieder ein strahlender Held -- der Liebling der Alten, der
Neid der Jugend. Sein Name gelangte sogar zu den Ehren der Druckerschwrze,
denn das Blttchen des Dorfes verherrlichte ihn. Es gab sogar Leute, die in
ihm den zuknftigen Prsidenten sahen, ausgenommen, wenn er vorher gehenkt
werde.

Wie gewhnlich, drckte die gedankenlose Welt jetzt Muff Potter an ihre
Brust und berschttete ihn mit Zrtlichkeiten, wie sie ihn bisher
verlstert hatte. Aber diese Sinnesnderung spricht fr die Welt; deswegen
ist's besser, keine Glossen drber zu machen.

Toms Tage waren Tage des Glanzes und des Frohlockens, aber seine Nchte
waren Zeiten des Schreckens. Der Indianer-Joe spukte in all seinen Trumen
und immer mit haerfllten Augen. Schwerlich htte irgend etwas den Jungen
veranlassen knnen, nach Anbruch der Nacht noch hinauszugehen. Der arme
Huck befand sich gleichfalls im Zustand der Verzweiflung und Angst, denn
Tom hatte in der Nacht vor der Gerichtsverhandlung dem Verteidiger alles
gesagt, und Huck hatte grliche Angst, da seine Beteiligung bei der Sache
bekannt werden mchte, obwohl ihn des Indianers Flucht von der Qual befreit
hatte, vor Gericht Zeugnis ablegen zu mssen. Der arme Bursche hatte vom
Verteidiger das Versprechen des Schweigens erhalten, aber was war das? Seit
Tom, durch sein beladenes Gewissen getrieben, in jener Nacht ins Haus des
Verteidigers gegangen war und die schreckliche Geschichte, die doch mit den
bindendsten, furchtbarsten Eiden in ihm verschlossen sein sollte,
gebeichtet hatte, war Hucks Glauben an die menschliche Rasse nahezu
vernichtet. Jeden Tag lieen Muff Potters Dankesbezeugungen Tom sich
freuen, da er gesprochen hatte, aber nachts wnschte er, das Geheimnis
bewahrt zu haben. Manchmal frchtete er, der Indianer-Joe mchte niemals
gefunden werden, dann wieder zitterte er, _da_ er gefunden werden knnte.
Er fhlte nur zu sicher, da er nicht mehr ruhig atmen knne, bis dieser
Mensch tot sei und er seine Leiche gesehen habe.

Belohnungen waren ausgesetzt, das Land durchsucht, aber kein Joe gefunden.
Eins jener geheimnisvollen, ehrfurchtgebietenden Wunder, ein Detektiv, kam
von St. Louis herauf, schnffelte herum, schttelte den Kopf, tat sehr
weise und hatte den berraschenden Erfolg, den Angehrige dieser
Berufsklasse stets haben, das heit, ,,er fand den Schlssel". Aber man
kann einen Schlssel nicht als Mrder hngen und so, nachdem der Detektiv
heimwrts gegangen war, fhlte sich Tom genau so unsicher wie vorher.
Trbselig schlichen die Tage, aber jeder nahm ein klein wenig von seiner
Besorgnis mit sich.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

In jedes normal veranlagten Jungen Leben kommt eine Zeit, wo er den
rasenden Wunsch empfindet, irgendwo nach vergrabenen Schtzen zu suchen.

Dieser Wunsch berfiel Tom eines Tages ganz pltzlich. Er machte sich auf
den Weg, um Joe Harper zu suchen, hatte aber keinen Erfolg. Dann suchte er
Ben Rogers; der war zum Fischen gegangen. Pltzlich stie er auf Huck Finn,
den ,Bluthndigen'. Tom schleppte ihn an einen versteckten Ort und
vertraute sich ihm an. Huck war sofort bereit. Huck war immer bereit, sich
an einem Unternehmen zu beteiligen, das Zerstreuung versprach und kein
Kapital verlangte, denn er hatte schrecklichen berflu von der Art Zeit,
die _nicht_ Geld ist.

,,Wo wollen wir graben?" fragte Huck.

,,O -- halt berall."

,,Was, ist berall welches vergraben?"

,,Ach was, das nicht! 's ist an ganz besonderen Pltzen vergraben, Huck --
manchmal auf Inseln, manchmal in alten verfaulten Kisten, unter den Wurzeln
eines abgestorbenen Baumes, grad' da, wohin der Schatten bei Mondschein
fllt; besonders aber unter dem Fuboden in 'nem verfallenen Haus."

,,_Wer_ vergrbt's denn?"

,,Na, Ruber selbstverstndlich -- was dachtst du denn?
Sonntagsschul-Lehrer?"

,,Wei nicht. Wenn's mir gehrte, ich wrd's nicht vergraben. Ich wrd's
ausgeben und mir 'ne lustige Zeit machen."

,,Tt' ich auch. Aber Ruber tun's nicht, die vergraben's immer und
lassen's liegen."

,,Kommen sie gar nicht mehr hin?"

,,Nein, -- sie denken wohl, sie _wollen_ wieder hinkommen, aber dann haben
sie die Zeichen vergessen oder sind auch inzwischen gestorben. Manchmal
liegt's 'ne lange, lange Zeit da und wird rostig. Und schlielich find'
dann mal jemand so 'n altes vergilbtes Papier, da mu er ber 'ne Woche
drber brten, denn 's sind schwere Zeichen und Hieroglyphen drauf
geschrieben."

,,Hiero -- was?"

,,Hieroglyphen -- Bilder und Zeug, weit du, das gar nichts vorzustellen
scheint."

,,Hast du schon mal so 'n Papier gehabt, Tom?"

,,Nee."

,,Na, wie willst du denn die Zeichen rauskriegen?"

,,Ach was, brauch' keine Zeichen. Sie vergraben's ja immer unter 'nem
verfallnen Haus oder auf 'ner Insel oder unter 'nem abgestorbenen Baum, der
'ne Wurzel von sich streckt. Na, wir haben's ja schon mal mit der
Jackson-Insel versucht und knnen ja leicht noch mal hingehn; und dann ist
da das alte verfallne Haus auf dem Stillhaus-Hgel, und dann gibt's 'ne
Menge Wurzeln von toten Bumen -- massenhaft!"

,,Ist unter allen was?"

,,Was schwatzt du! Nee!"

,,Woher kannst du denn wissen, wohin wir gehen mssen?"

,,Na -- zu allen!"

,,Verflucht, Tom -- 's wird den ganzen Sommer dauern."

,,Na, was schad's? Denk', du findst 'nen Messingtopf, ganz rostig oder 'ne
verfaulte Kiste voll Diamanten -- he?"

Hucks Augen glnzten.

,,Wr' grad' was fr mich, Tom, wr' ganz extra was fr mich! Ader die
Diamanten nehm' ich nicht fr hundert Dollars!"

,,Na, schon gut. Aber _ich_ wrd' die Diamanten nicht verschmhn! Einige
von ihnen sind zwanzig Dollar wert. Alle nicht -- aber auch die andern sind
sechs Cent bis 'nen Dollar wert."

,,Nee -- ist das so?"

,,Sicher -- alle sagen's. Hast du nie einen gesehn, Huck?"

,,Nicht, da ich wte."

,,O, Knige haben Haufen davon."

,,Na, ich kenn' aber keinen Knig, Tom!"

,,Denk' wohl, da du keinen kennst. Aber, wenn du nach Europa gingst,
wrdst du 'ne Menge rumhpfen sehn."

,,Hpfen die?"

,,Hpfen, du Schafskopf? Nee!"

,,Na -- warum _sagtest_ du denn, da sie's tten?"

,,Nachtmtze! Meint' doch nur, du wrdst sie _sehn_, -- nicht hpfend
natrlich -- warum sollten sie denn hpfen? Meint' nur, du wrdst sie sehn
-- berall, verstehst du -- berall! Zum Beispiel beim alten buckligen
Richard."

,,Richard? Wie ist sein anderer Name?"

,,Er _hat_ keinen anderen Namen -- Knige haben nur 'nen Vornamen."

,,Nicht?"

,,Aber nein -- sag' ich dir!"

,,Na, wenn's so ist, Tom, meinetwegen. Aber ich mcht' nicht Knig sein und
nur 'nen Vornamen haben wie 'n Nigger. Aber, sag mal -- wo willst du zuerst
graben?"

,,Wei noch nicht. Denk' wir nehmen den abgestorbenen Baum auf dem Hgel
hinter Stillhaus?"

,,Mir recht."

So trieben sie denn eine ausrangierte Hacke und eine Schaufel auf und
machten sich auf den Weg von drei Meilen. Sie kamen hei und erschpft an
und warfen sich im Schatten einer benachbarten Ulme nieder, um auszuruhen
und ein bichen zu rauchen.

,,So gefllts mir," meinte Tom.

,,Mein' ich auch."

,,Sag', Huck -- wenn wir hier 'nen Schatz finden, was machst du mit deiner
Hlfte?"

,,Na, dann mu ich jeden Tag 'ne Pastete und 'n Glas Sodawasser haben, und
dann geh' ich in jeden Zirkus, der herkommt. Soll 'ne famose Zeit werden!"

,,Na, und du willst gar nichts sparen?"

,,Sparen? Wozu?"

,,Nu, damit du spter mal was zu leben hast!"

,,Ach, das ist ja Unsinn! Pap wird eines schnen Tags in dies liebliche
Nest zurckkommen und seine Klauen drber legen, wenn ich's noch nicht
verbraucht htt', und ich sag' dir, _er_ htt's bald genug durchgebracht.
Was willst du tun, Tom?"

,,Ich werd' mir 'ne neue Trommel kaufen und 'n richtiges Schwert und 'n
rotes Halstuch, und 'ne junge Bulldogge -- und dann wrd' ich heiraten."

,,Heiraten!!?"

,,Na ja!"

,,Tom, du -- na, wenn du nicht recht bei Verstand bist!"

,,Wart' nur -- wirst's ja sehn."

,,Na, das ist doch 's Dmmste, was du tun knntest. Sieh doch nur meinen
Pap und seine Alte. Teufel -- was die sich prgeln! Wei noch ganz gut!"

,,Das ist 'n anderes Ding. Das Mdchen, das ich heiraten will, prgelt sich
nicht!"

,,Tom -- denk' doch, sie sind alle gleich! Wollen einen alle striegeln.
Wirst nach 'ner Weile wohl vernnftiger drber denken. Wie heit denn 's
Mdel?"

,,'s ist berhaupt kein _Mdel_ -- 's ist 'n _Mdchen_!"

,,Denk' doch, 's ist alles eins; die einen sagen Mdel, die anderen Mdchen
-- 's ist ganz gleich. Aber wie heit sie denn, Tom?"

,,'n andermal, sag' ich's dir, Huck -- jetzt nicht."

,,Na -- 's auch recht. Aber wenn du heiratest, werd' ich noch einsamer
sein."

,,Unsinn, Huck, du kommst zu mir und wohnst hier. -- Na, genug davon,
wollen wir anfangen, zu graben?"

Sie arbeiteten und schwitzten eine halbe Stunde hindurch. Kein Resultat.
Sie mhten sich noch eine halbe Stunde. Noch kein Erfolg.

Huck meinte: ,,Graben sie immer so tief?"

,,Manchmal -- nicht immer. Denk, wir haben nicht die rechte Stelle
erwischt." Sie whlten eine andere Stelle und begannen nochmals. Die Arbeit
stockte diesmal ein bichen, aber sie kamen doch vorwrts. Wieder gruben
sie stillschweigend eine Zeitlang. Schlielich lehnte sich Huck auf seine
Schaufel, wischte den Schwei von seiner Stirn und sagte: ,,Wo woll'n wir
graben, wenn wir hier fertig sind?"

,,Denk', wir woll'n den alten Baum ber Cardiff Hill -- hinter dem Haus der
Witwe nehmen."

,,Glaub's auch, da dort was ist. Aber, wenn's die Witwe uns fortnimmt,
Tom? 's ist _ihr_ Land."

,,Sie wegnehmen! Soll sie's doch nur versuchen! Wenn einer so 'nen
vergrabenen Schatz findet, gehrt er ihm. Ich mach' keinen Unterschied, wem
das Land grad' gehrt."

Das war beruhigend. Die Arbeit wurde fortgesetzt. Dann sagte Huck wieder:

,,Verdammt -- wir mssen wieder an 'nem falschen Platz sein. Was meinst
du?"

,,'s ist wirklich sonderbar, Huck. Versteh's nicht. Manchmal stren's die
Hexen. Denk' 's wird _das_ sein, was uns hier strt."

,,Unsinn, Hexen haben tags keine Macht!"

,,Na ja, 's ist wahr! Dachte nicht dran. Halt -- jetzt wei ich, wie's ist!
Was fr verdammt groe Schafskpfe wir sind! Man mu ja doch erst wissen,
wohin der Schatten bei Mondschein fllt, und _da_ mu man dann graben!"

,,Na ja, dann glaub' ich's, da wir all die Arbeit umsonst gemacht haben.
Jetzt hol's der Teufel alles, mssen halt zur Nachtzeit wiederkommen. 's
ist 'n verteufelt weiter Weg. Kannst du fortkommen?"

,,Werd's schon machen. Diese Nacht woll'n wir's also machen, denn wenn
jemand diese Gruben da sieht, wei er doch gleich, was da los ist und
grbt's selbst aus."

,,'s ist gut, ich werd' nachts kommen und miauen."

,,Recht -- aber jetzt wollen wir noch das Werkzeug in den Bschen
verstecken."

Nachts, zur verabredeten Stunde waren die Jungen wieder da. Wartend saen
sie im Schatten. Es war ein einsamer Platz und eine durch lange Tradition
unheimlich gewordene Stunde. Geister wisperten im raschelnden Laub. Geister
spukten in allen Ecken, das klagende Heulen eines Hundes tnte aus einiger
Entfernung herber, eine Eule antwortete mit Grabesstimme. Die Jungen
fhlten sich von ihrer unheimlichen Umgebung bedrckt und sprachen nur mit
leiser Stimme. Schlielich nahmen sie an, es mchte zwlf Uhr sein; sie
bezeichneten die Stelle, wohin der Schatten fiel und begannen zu graben.
Ihre Hoffnung wuchs; das Interesse wurde lebhafter, und ihr Flei hielt
gleichen Schritt. Das Loch wurde tiefer und tiefer, aber so oft ihre Herzen
zu klopfen begannen, wenn ein scharfer Ton von unten hervordrang, erfuhren
sie eine neue Enttuschung. Jedesmal war's nur ein Stein oder Holzstrunk.
Schlielich sagte Tom: ,,'s ist nicht richtig. Huck, wir haben's wieder
verfehlt!"

,,Unsinn, wir _knnen_ 's nicht verfehlt haben. Wir haben doch den Schatten
zu genau getroffen."

,,Ja, ich wei, aber vielleicht ist sonst was schuld."

,,Was denn?"

,,Wir haben die Zeit blo abgeschtzt. Leicht genug war's spter oder
frher."

Huck lie die Schaufel sinken. ,,Das ist's." sagte er. ,,Das ist's, was uns
gestrt hat. Wir mssen's aufgeben. Wir knnen doch nicht immer die rechte
Zeit abpassen, und dann, das Ding hier ist zu unheimlich, hier diese
Nachtzeit mit Geistern und Gespenstern, die um einen rumfliegen. Ich bild'
mir immer ein, 's ist wer hinter mir, und hab' doch Angst, mich umzusehn,
denn 's knnten auch welche vor mir sein und nur auf 'ne Gelegenheit
warten. So lang' ich hier bin, luft's mir kalt ber."

,,Na, mir ist's nicht viel besser gegangen, Huck. Meistens haben sie 'nen
toten Mann begraben, wo sie ihre Schtze hintun, der mu drauf achthaben."

,,Herr Gott!"

,,Ja, 's ist so. Hab' immer so sagen gehrt."

,,Tom, mcht mir doch nicht viel zu schaffen machen, wo 'n Toter liegt. So
'n toter Schdel knnt' einem doch hllisch Angst machen."

,,Mcht' keinen aufstbern, Huck. Zu denken, da hier pltzlich einer den
Kopf rausstreckt und anfngt, zu sprechen."

,,Still, Tom -- 's ist schrecklich!"

,,Na, das ist's gewi, Huck. Wrd' mich auch nicht gemtlich dabei fhlen!"

,,Du, Tom, komm, wollen's hier sein lassen, und 's wo anders versuchen."

,,Ja, ich denk' auch, 's wird besser sein."

,,Wo denn?"

Tom dachte eine Weile nach und sagte: ,,Das Beinhaus -- das ist's."

,,Teufel! Beinhuser lieb' ich gar nicht, Tom! Da sind Gespenster, und die
sind noch schlimmer als Tote. Tote knnen vielleicht mal 'n bichen
schwatzen, aber sie fahren nicht herum und kommen nicht 'rangeschlichen,
wenn man nicht dran denkt und gucken einem nicht pltzlich ber die
Schulter und knirschen nicht mit den Zhnen, wie Gespenster tun. Ich
knnt's nicht ertragen, Tom -- niemand knnt's."

,,Ja; aber, Huck, Geister drfen nur nachts herumhuschen -- bei Tage knnen
sie uns nicht hindern, da zu graben."

,,Ja, das ist wohl so. -- Aber du weit wohl, da berhaupt niemand gern in
die Nhe vom Beinhaus geht -- weder bei Tag noch bei Nacht."

,,Na, 's ist aber doch nur, weil sie nicht hingehen mgen, wo mal einer
gemordet worden ist. Aber 's hat doch nie jemand was Verdchtiges im
Beinhaus gesehn -- nur 'n bichen blaues Licht im Fenster -- keine
Geister."

,,Na, ich sag' dir, Tom, wo du so 'n blaues Licht siehst, kannst du sicher
sein, da da 'n Geist dahinter steckt. 's ist doch mal so bekannt. So 'n
Licht, weit du, braucht niemand als Gespenster."

,,'s ist wahr, Huck. Aber bei Tag' kommen sie doch nicht 'raus; da brauchen
wir uns doch nicht zu frchten?"

,,Na, meinetwegen, wenn du meinst, woll'n wir 's Beinhaus vornehmen -- aber
-- aber ich denk doch, 's ist gewagt."

Inzwischen waren sie den Hgel hinuntergekommen. Dort, mitten im Mondlicht,
im Tal stand das Beinhaus vor ihnen, gnzlich einsam, die Umzunung lngst
zerbrochen, die Tr umgeben von allerhand Schlinggewchsen, das Dach halb
zerfallen, leere Fensterhhlen und der Schornstein eingesunken. Die Jungen
standen eine Weile still, halb in der Erwartung, ein blaues Licht in den
Fenstern zu sehen; sie sprachen, wie Zeit und Umstnde es verlangten, mit
halber Stimme. Dann machten sie, da sie fortkamen, umkreisten das
unheimliche Gebude in weitem Bogen und schlichen durch den Wald von
Cardiff Hill nach Hause.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Gegen Mittag des nchsten Tages kamen die Jungen bei dem abgestorbenen Baum
an; sie wollten ihr Werkzeug holen. Tom hatte es sehr eilig, zum Beinhaus
zu kommen. Huck, etwas weniger hitzig, sagte pltzlich:

,,Wart mal, Tom, weit du auch, was heut fr 'n Tag ist?"

Tom lie die Tage der Woche Revue passieren und machte erschreckte Augen:

,,Donnerwetter, Huck, hab' noch gar nicht dran dacht!"

,,Na, ich hab's bisher auch nicht getan, aber pltzlich fiel's mir eben
ein, heut ist Freitag!"

,,Verdammt! Man kann doch nicht vorsichtig _genug_ sein, Huck. Htten in
'ne schne Patsche geraten knnen, wenn wir so was an 'nem Freitag begonnen
htten!"

,,Will ich meinen! Sag' lieber: _wren_ gekommen! 's gibt Glckstage, aber
der Freitag ist gewi keiner von ihnen!"

,,Das wei jeder Dummkopf. Denk doch, du bist nicht der erste, der das
rauskriegt."

,,Na, das hab' ich ja doch auch nicht gesagt, oder? Und der Freitag ist
noch nicht alles. Hab' 'nen verflucht bsen Traum gehabt, letzte Nacht --
hab' von Ratten getrumt."

,,Na, ist 'n schnes Zeichen, da was passiert! Kmpften sie?"

,,Nee."

,,Na, dann ist's gut, Huck. Wenn sie nicht kmpfen, ist's nur ein Zeichen,
da was in der Luft liegt, weit du. Wir brauchen also blo gut aufzupassen
und uns in acht zu nehmen. Wollen wir also das fr heute lassen und
spielen. -- Kennst du Robin Hood, Huck?"

,,Nee, wer ist Robin Hood?"

,,Na, das war einer von den grten Menschen, die je in England gelebt
haben -- und einer der besten. 's war ein Ruber."

,,Wetter, wnscht', ich wr' _auch_ einer. _Wen_ beraubte er denn?"

,,Nur Sheriffs und Bischfe und reiche Leute und Knige und solches Volk.
Arme beraubte er nie. Er liebte sie. Er teilte alles mit ihnen bis auf den
letzten Penny."

,,Mu ein verflucht guter Bursche gewesen sein."

,,Will ich meinen, Huck. O, er war der edelste Mensch, der je gelebt hat.
Solche Leute gibt's jetzt gar nicht mehr, sag' ich dir. Er konnte alle
Menschen in England besiegen, auch wenn seine eine Hand gebunden war. Und
dann konnte er mit seinem Eibenbogen und seinem Pfeil ein Zehn-Centstck
jederzeit treffen -- anderthalb Meilen davon."

,,Was ist 'n Eibenbogen?"

,,Wei nicht; 's ist halt irgend ein Bogen. Und wenn er das Stck nur am
Rande traf, setzte er sich hin und weinte -- wahrhaftig. Aber la uns Robin
Hood spielen -- 's ist 'n famoser Spa. Werd's dir beibringen."

,,Mir recht."

So spielten sie Robin Hood den ganzen Nachmittag, zuweilen sehnschtige
Blicke auf das Beinhaus werfend und eine Bemerkung ber die Aussichten und
mglichen Ereignisse des nchsten Tages fallen lassend. Als die Sonne im
Westen zu sinken begann, schlenderten sie heimwrts durch die langen
Schatten der Bume und waren bald im Walde von Cardiff Hill verschwunden.

Am Samstag, kurz nach Mittag, waren die Jungen abermals am Fue des
bewuten Baumes. Sie rauchten ein bichen und hielten ein Schwtzchen im
Schatten der Bume, und stocherten dann ein wenig in ihrer Grube, nicht mit
groen Hoffnungen, sondern mehr, weil Tom sagte, es wre schon oft
vorgekommen, da Leute einen Schatz schon aufgegeben, nachdem sie ihm bis
auf sechs Zoll nahe gekommen seien, und dann sei irgend ein anderer
gekommen und habe ihn mit einem einzigen Spatenstich ausgehoben. Diesmal
war's indessen nichts, so nahmen die Jungen ihr Werkzeug auf die Schultern
und marschierten ab, im Gefhl, da sie beim Graben zwar kein Glck gehabt,
aber alles getan htten, was beim Schatzsuchen vonnten sei.

Als sie das Beinhaus erreichten, lag etwas so Geheimnisvolles, Unheimliches
in dem toten Schweigen, das hier unter der brtenden Sonne herrschte, und
etwas so Niederdrckendes in der Verlassenheit und Trostlosigkeit des
Ortes, da sie fr einen Augenblick nicht den Mut hatten, einzutreten. Dann
schlichen sie zur Tr und sphten vorsichtig hinein. Sie erblickten einen
von Unkraut berwucherten, ungepflasterten Raum, einen alten Feuerherd,
leere Fensterhhlen, eine halb zerfallene Treppe, und hier und da und dort
hingen zerrissene, verlassene Spinnengewebe. Sie traten sogleich vorsichtig
ein, mit klopfenden Pulsen, sich im Flsterton besprechend, die Ohren fr
das geringste Gerusch gespitzt, die Muskeln angespannt, um unverzglich
davonlaufen zu knnen.

Aber in kurzem wurden sie heimisch, verloren ihre Furcht und unterzogen die
Szenerie einer kritischen, aufmerksamen Inspektion, dabei immer mehr ihre
eigene Khnheit bewundernd. Danach richteten sich ihre Blicke auf die
Treppe. Es hie, sich den Rckzug abschneiden, aber sie ermutigten sich
gegenseitig, und so konnte es nicht fehlen -- sie warfen ihre Gerte in
eine Ecke und kletterten hinauf. Oben zeigten sich dieselben Spuren des
Verfalls. In einem Winkel fanden sie einen vielversprechenden Wandschrank,
aber die Hoffnung war trgerisch -- es war nichts drin. Jetzt waren sie
wieder ganz im Besitz ihres Mutes und ihrer Unternehmungslust. Gerade
wollten sie wieder hinunter und ihr Werk beginnen, da --

,,Pst," flsterte Tom.

,,Was gibt's?" Huck ebenso, schneewei vor Schreck.

,,Pscht -- du -- hrst du nichts?"

,,Ja -- o Himmel -- la uns fortlaufen!"

,,Halt's Maul! Rhr' dich nicht! Sie kommen richtig auf die Tr zu!"

Die Jungen kauerten sich auf den Fuboden nieder, sphten durch Ritzen auf
dem Fuboden und warteten in Furcht und Elend.

,,Sie halten -- -- nein -- sie kommen -- da sind sie! Kein Wort mehr, Huck!
Mein Gott -- ich wollt', ich wr' hier raus!"

Zwei Mnner traten ein. Beide Jungen sagten zu sich selbst: ,,'s ist der
alte taubstumme Spanier, der ein paarmal letzthin im Dorfe war -- den
anderen hab' ich nie gesehn."

Der ,,andere" war ein zerlumpter, ungekmmter Strolch mit wenig einladenden
Gesichtszgen. Der Spanier war in eine ,,Serape" gehllt, er hatte einen
struppigen weien Bart, langes, weies Haar flatterte unter dem Ruberhut
hervor, er trug grne Augenglser. Indem sie hereinkamen, sprach der
,,andere" mit leiser Stimme; sie setzten sich auf die Erde, das Gesicht zur
Tr, den Rcken gegen die Wand, und der Sprecher fuhr fort. Sein Benehmen
wurde ungenierter und seine Sprache entschiedener.

,,Nein," sagte er, ,,hab' drber nachgedacht -- 's geht nicht; 's ist _zu_
gefhrlich."

,,Gefhrlich," hhnte der taubstumme Spanier zur hchsten berraschung der
Jungen. ,,Waschlappen!"

Diese Stimme lie die Jungen erzittern wie Espenlaub. Es war der
Indianer-Joe! Einen Augenblick herrschte Schweigen. Dann fuhr Joe fort:
,,Was ist wohl gefhrlicher als der letzte Streich -- und doch ist nichts
passiert."

,,Das ist 'n Unterschied. Weit drauen am Flu und _kein_ Haus in der Nhe!
Wer sollt' denn wissen, da wir was versucht haben, wo wir doch nichts
erreicht haben!"

,,Na, wie kann was gefhrlicher sein, als bei Tage hierher kommen? Wer uns
sh', mt' doch Verdacht haben."

,,Wei wohl. 's gab aber keinen besseren Platz nach dem miglckten
Streich. Mu fort von hier. Wollt's auch gestern schon, 's war aber nicht
mglich, von hier auszuziehen, solange diese Teufelsjungen da oben ganz in
der Nhe spielten."

,,Diese Teufelsjungen" zuckten unter dieser Bemerkung zusammen und dachten,
wie gut es doch sei, da sie sich noch zur rechten Zeit an den Freitag
erinnert und beschlossen hatten, bis Samstag zu warten. Sie wnschten nur,
ein Jahr gewartet zu haben.

Die beiden Mnner holten ein paar Lebensmittel hervor und hielten eine
Mahlzeit. Nach langem, gedankenvollen Schweigen sagte Joe: ,,Pa auf, Kerl,
mache, da du wieder stromaufwrts kommst, wo du hingehrst. Warte dort,
bis du von mir hrst. Werd' mir mal die Gelegenheit ansehen im Dorf. Wenn
ich 'n bichen rumgeschnffelt hab' und alles sich gut anlt, wolln wir
das ,gefhrliche Stckchen' ausfhren. Dann nach Texas! Wollen's zusammen
machen!"

Das war befriedigend. Beide fingen an zu ghnen, und Joe sagte:

,,Bin todmde! Die Reihe ist an dir, zu wachen."

Er warf sich nieder und begann bald zu schnarchen. Der andere stie ihn ein
paarmal an, und er wurde ruhig. Pltzlich begann der Wchter zu nicken;
sein Kopf sank tiefer und tiefer; dann schliefen beide.

Die Jungen taten einen langen, erleichterten Atemzug. Tom flsterte:

,,Jetzt gilt's -- komm!"

Huck aber meinte: ,,Kann nicht -- wr' tot, wenn sie aufwachten!"

Tom drngte, Huck hielt zurck. Schlielich erhob sich Tom leise und
furchtsam und schlich allein davon. Aber der erste Schritt, den er tat,
erzeugte auf dem Holzboden ein solches Krachen, da er halbtot vor Angst
wieder niederkauerte. Er machte keinen zweiten Versuch. Die Jungen lagen
da, die schrecklichen Augenblicke zhlend, bis es ihnen schien, die Zeit
habe aufgehrt und die Ewigkeit beginne. Und dann erleichterte sie der
Gedanke, da schlielich die Sonne untergehen msse. Jetzt rhrte sich der
eine Schlfer. Joe richtete sich auf, starrte um sich, lchelte verchtlich
auf seinen Spiegesellen nieder, dessen Kopf auf seine Knie gesunken war,
stie ihn mit dem Fue an und rief: ,,Auf! Bist mir 'n schner Wchter,
Kerl!"

,,Na ja, was denn -- 's ist ja nichts passiert."

,,Na -- hast du denn jetzt ausgeschlafen?"

,,'s geht halb und halb."

,,Jetzt heit's aber aufbrechen. Was machen wir nur mit dem bichen Geld,
was wir noch haben?"

,,Wei nicht -- lassen's hier, wie sonst, denk' ich. Wer sollt's
fortnehmen, wenn wir weg sind? Sechshundertundfnfzig in Silber ist auch zu
viel zum Mitschleppen."

,,Na ja -- ist recht -- wenn wir doch noch mal herkommen mssen."

,,Dann ist's aber doch besser, in der Nacht herzukommen, wie sonst."

,,Ja -- aber denk' mal, 's knnt' doch 'ne ziemliche Zeit dauern, bis ich
zu dem Streich kommen kann, 's knnt sich was zutragen und 's liegt hier
grad' an keinem guten Platz. Wollen's doch lieber richtig vergraben -- und
tief vergraben."

,,'s ist 'n guter Gedanke," sagte der andere, ging durch den Raum, kniete
nieder, ri einen der Herdsteine auf und holte einen Sack heraus, der
vielversprechend klang. Er nahm zwanzig bis dreiig Dollar fr sich und
ebensoviel fr Joe heraus und gab den Sack letzterem, der in der Ecke
kniete, mit seinem Messer die Erde aufwhlend.

Die Jungen vergaen alle Angst, all ihre Verlegenheit bei diesem Anblick.
Mit glnzenden Augen verfolgten sie jede Bewegung. Der Glanz da unten
bertraf all ihre Vorstellungen! Sechshundert Dollar war Geld genug, ein
halbes Dutzend kleiner Jungen reich zu machen! Hier lie sich unter den
glcklichsten Aussichten nach Gold graben, da gab's kein Kopfzerbrechen, wo
man graben msse. Jeden Augenblick stieen sie einander an -- ein leichtes
Verstndigungsmittel, denn ihr einziger Gedanke war: Freust dich, da wie
hier sind.

Joes Messer stie auf etwas.

,,Holla," sagte er.

,,Was gibt's?" fragte der andere Strolch.

,,'n halb verfaulter Balken -- nee, glaub', 's ist 'n Kasten. Hier, hilf
mal, wollen sehn, was es gibt. Ho, da hab' ich 'n Loch hineingebrochen."

Er griff mit der Hand hinunter und zog sie wieder heraus.

,,Mensch -- 's ist Geld!"

Die beiden untersuchten die Handvoll Mnzen. Es war wirklich Gold. Die
Jungen oben waren ebenso erregt und entzckt wie sie.

Joes Spiegeselle sagte: ,,Wollen gleich ganze Arbeit damit machen. Dort
liegt 'ne alte verrostete Hacke in der Ecke, dort auf der anderen Seite vom
Herd -- sah sie vorhin."

Er lief hin und brachte Hacke und Schaufel der Jungen. Joe nahm die Hacke,
betrachtete sie mit kritischer Miene, schttelte den Kopf, murmelte etwas
vor sich hin und begann damit zu hantieren.

Die Kiste war bald ausgegraben. Sie war nicht sehr gro; sie hatte
Eisenbnder und war sehr stark gewesen, bevor der Zahn der Zeit sie
angefressen hatte. Der Kerl betrachtete den Schatz eine Weile aufmerksam,
schweigend, aber vergngt.

,,Kerl, 's sind gewi tausend Dollar," sagte er.

,,'s hat ja immer schon geheien, da Murrels Bande vorigen Sommer hier
gehaust hat," bemerkte der Fremde.

,,Wei wohl," entgegnete Joe, ,,und mir scheint, 's sieht ganz danach aus."

,,Jetzt brauchst du deinen Streich nicht mehr auszufhren, sollt' ich
denken."

Der Indianer runzelte die Stirn und sagte: ,,Du kennst mich nicht.
Wenigstens weit du nichts von dieser Sache. _Hier_ will ich nicht rauben
-- 's ist Rache!" Und mit flammenden Augen sprang er auf. ,,Brauch' deine
Hilfe dazu nicht! Wenn's geschehen ist -- nach Texas. Geh' du nur heim zu
deiner Hure und der Brut -- und sei bereit, wenn du von mir hrst!"

,,'s ist gut, wenn du's sagst. Was woll'n wir hiermit machen -- wieder
vergraben?"

,,Ja. (Freude und Entzcken oben.) Nein, beim groen Geist, nein! (Tiefe
Niedergeschlagenheit.) 's knnt' leicht vergessen werden. -- Die Hacke da
hat frische Erdspuren! (Die Jungen wurden fast ohnmchtig vor pltzlichem
Schreck.) Was haben 'ne Hacke und 'ne Schaufel _hier_ zu tun? Wie kommt
frische Erde dran? Wer hat sie hier gebraucht -- und wo sind die Burschen
hin? Hast du was gehrt -- was gesehn? Zum Teufel -- wieder vergraben und
sie kommen lassen und die Erde frisch aufgewhlt sehen? Wr' so was!
Glaub's. Wir nehmen das mit."

,,Na, meinetwegen. Aber berleg' erst, wohin. Meinst du Nummer eins?"

,,Nein -- Nummer zwei -- unter dem Kreuz. Der andere Platz ist schlecht --
zu gewhnlich."

,,Recht. 's ist bald dunkel genug, aufzubrechen."

Joe richtete sich auf und ging von Fenster zu Fenster, vorsichtig
hinaussphend. Pltzlich sagte er: ,,Wer knnt' doch nur das Handwerkszeug
da hergebracht haben? Glaubst du, sie knnten oben sein?"

Den Jungen stand der Atem still. Joe legte die Hand ans Messer, zgerte
einen Moment unentschlossen, dann begann er die Treppe zu ersteigen. Die
Jungen dachten an den Schrank, aber die Krfte versagten ihnen. Die
Schritte nherten sich knarrend -- die verzweifelte Lage stachelte die
gesunkenen Lebensgeister wieder auf -- sie waren im Begriff, zum Schrank zu
laufen, als pltzlich das Krachen brechenden Holzes ertnte und Joe wieder
unten ankam, mit den Trmmern der Treppe.

Fluchend rappelte er sich empor und der andere Strolch sagte: ,,Na, wozu
das alles! Wenn jemand da ist und er steckt oben -- la ihn stecken -- was
kmmert's uns? Wenn einer runter kommen will und sich hier Ungelegenheiten
zuzieht -- meinetwegen! In fnfzehn Minuten wird's dunkel -- dann soll uns
folgen, wer will. Meine Meinung ist: die Kerls, die die Sachen hierher
geschleppt haben, haben uns gesehen und uns fr Gespenster und Geister
gehalten. Will wetten, sie laufen noch!"

Joe brummte noch 'ne Weile, dann stimmte er dem anderen bei, das letzte
Tageslicht zur Ausfhrung der ntigen Vorbereitungen zu bentzen. Kurz
danach schlpften sie aus dem Haus ins Zwielicht und wandten sich mit ihrer
kostbaren Last dem Flusse zu.

Tom und Huck erhoben sich, warteten, bis alles still war und starrten dann
durch Ritzen im Geblk ihnen nach. Folgen! Kein Gedanke -- sie waren
zufrieden, den Boden zu erreichen, ohne sich den Hals gebrochen zu haben,
und machten sich ber den Hgel auf den Heimweg. Sie sprachen nicht viel,
sie waren zu rgerlich auf sich selbst -- rgerlich ber die Dummheit,
Hacke und Spaten mit hierher zu nehmen. Denn ohne das wrde Joe niemals
Verdacht geschpft haben. Er htte Silber und Gold vergraben, um erst seine
,,Rache" auszufhren -- und dann wrde er das Unglck gehabt haben, nichts
mehr vorzufinden! Bitteres, bitteres Verhngnis, da sie ihr Werkzeug
mitschleppen muten! Sie nahmen sich vor, auf den Spanier zu achten, wenn
er ins Dorf kommen sollte, um das Terrain fr seinen Racheplan zu
sondieren, und ihm dann nach ,,Nummer zwei" zu folgen, mochte es sein, wo
es wollte. Da kam Tom ein schrecklicher Gedanke:

,,Rache? Wenn er _uns_ meinte. Huck?"

,,Er wird doch nicht?" stotterte Huck, fast umfallend.

Sie sprachen eifrig darber und einigten sich in der Annahme, da er jemand
anders gemeint haben msse -- im schlimmsten Fall knne er nur Tom meinen,
da nur dieser Zeugnis abgelegt habe.

Was ein sehr, sehr schwacher Trost fr Tom war, allein in Gefahr zu sein!
Ein Leidensgefhrte wrde hier ein besserer Trost sein -- dachte er.

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Das Abenteuer des Tages qulte Tom nachts im Traum. Manchmal hielt er den
Schatz in Hnden, manchmal zerrann er ihm zwischen den Fingern in nichts,
bis ihn der Schlaf verlie und das Erwachen ihn von der schrecklichen
Wirklichkeit seiner Lage berzeugte. Als er am frhen Morgen, die
Einzelheiten seines Abenteuers berdenkend, dalag, erschienen sie ihm immer
undeutlicher und unklarer, als wenn sie sich in irgend einer anderen Welt
ereignet htten oder in lngst vergangener Zeit. Dann schien ihm das groe
Ereignis wie ein Traum! Es sprach sehr viel dafr, namentlich, da die
Menge Geld, die er gesehen hatte, gar zu gro schien, um wirklich
existieren zu knnen. Er hatte nie mehr als fnfzig Dollar in einem Haufen
gesehen und wie alle Jungen seines Alters und seiner Lebenslage, glaubte
er, da alle ,,Hunderte" und ,,Tausende" nichts anderes seien als glnzende
Redensarten, und da eine solche Summe in Wirklichkeit gar nicht denkbar
sei. Nicht einen Augenblick hatte er gedacht, da sich in irgend jemandes
Besitz eine solche Summe, wie hundert Dollar war, finden knne. Wenn er
sich seine vergrabenen Schtze vorstellte, rechnete er hchstens mit 'ner
Handvoll Schillinge.

Aber die Einzelheiten seines Abenteuers traten ihm, je mehr er daran
dachte, um so schrfer und klarer vor die Seele und pltzlich ertappte er
sich ber dem Gedanken, da mglicherweise doch nicht _alles_ ein Traum
gewesen sei. Diese Ungewiheit mute abgeschttelt werden. Schnell wollte
er sein Frhstck hinunterschlingen und dann Huck aufsuchen.

Huck sa auf dem Rande eines Bootes, seine Fe ins Wasser baumeln lassend
und mit sehr melancholischem Gesichtsausdruck. Tom beschlo, Huck selbst
auf den Gegenstand kommen zu lassen. Tat er's nicht, dann war alles ein
Traum gewesen.

,,Holla, Huck!"

,,Morgen, Tom!"

Minutenlanges Stillschweigen.

,,Tom, htten wir den verdammten Spaten oben beim Baum gelassen, htten
wir's Geld bekommen. Ach, 's ist zum Verrcktwerden!"

,,'s war also kein Traum, 's war kein Traum! Mcht' fast, 's wr einer
gewesen."

,,Was ist kein Traum?"

,,O, die Geschichte von gestern. Dachte halb, 's wr einer gewesen."

,,Traum! Wr' die Treppe nicht gebrochen, httest du was von 'nem Traum
erleben knnen! Hab' die ganze Nacht von dem verdammten grnugigen Spanier
getrumt, wie er auf mich losging. Der Henker hol' ihn!"

,,Nicht hol' ihn! Find ihn! Find's Geld!"

,,Tom -- wollen ihn lieber nicht wiederfinden! Mich wrd's schtteln, wenn
ich ihn blo wieder zu sehen kriegte."

,,Gut, so tu ich's. Mcht' ihn schon sehen und ihm nachschleichen -- nach
Nummer zwei."

,,Nummer zwei; ja, das ist's. Denk' immerfort drber nach. Aber ich kann's
nicht rauskriegen. Was denkst du?"

,,Wei nicht. Ist zu tief. Sag', Huck -- knnt's nicht die Nummer von 'nem
Haus sein'?"

,,Goddam! -- Nein, Tom, das ist's nicht. Wenn's ist, ist's doch nicht hier
im Dorf. Hier gibt's keine Nummern."

,,Ja, das ist wohl so. La mich 'ne Minute denken. He -- 's ist die Nummer
von 'nem Zimmer -- in 'nem Wirtshaus -- weit du!"

,,Das ist's! Das ist 'n Kniff! 's gibt aber nur zwei Wirtshuser. Wir
knnen's leicht finden."

,,Wart' hier, Huck, bis ich wiederkomm'."

Im Nu war Tom verschwunden. Er wollte sich auf offener Strae nicht mit
Huck sehen lassen. Eine halbe Stunde war er fort. Er fand, da im besseren
Wirtshaus Nummer zwei seit langer Zeit von einem jungen Advokaten bewohnt
war und noch wurde.

Im andern Wirtshaus war Nummer zwei in geheimnisvolles Dunkel gehllt. Der
Sohn des Wirtes sagte, da sie stets geschlossen gehalten werde und da er
nie jemand habe hineingehen oder herauskommen sehen -- ausgenommen zur
Nachtzeit; Nheres wute er nicht, er selbst schon habe den Gedanken
gehabt, es spuke in dem Zimmer und schlielich wute er nichts von einem
Licht darin in der letzten Nacht.

,,Das hab' ich alles rausgekriegt, Huck. Ich denke, 's ist die Nummer zwei,
die wir brauchen."

,,Denk' auch, Tom. Und was willst du jetzt tun?"

,,La mich nachdenken."

Tom dachte lange nach, dann sagte er: ,,Will's dir sagen. Die Hintertr von
Nummer zwei geht auf den Gang zwischen Wirtshaus und der alten Mauer. Nun
sollst du alle Schlssel, die du nur auftreiben kannst, zusammentragen und
ich will alle von meiner Tante nehmen und in der ersten dunklen Nacht
wollen wir hingehen und sie versuchen. Und dann sollst du auf Joe
aufpassen, weil er doch gesagt hat, da er hier 'ne Gelegenheit fr seine
Rache aushorchen will. Wenn du ihn siehst, folgst du ihm; und wenn er dann
nicht nach Nummer zwei geht, dann ist's nicht der rechte Ort."

,,Herr Gott, ich wag's nicht, ihm zu folgen!"

,,Unsinn, bei Nacht ist's sicher. Er braucht dich ja nicht zu sehen -- und
wenn er's tut, denkt er sich nichts dabei."

,,Na, 's ist gut: wenn's dunkel ist, denk' ich, ich folg' ihm. Werd's
versuchen."

,,Aber sicher, Huck -- wenn du nicht gut aufpat, wird's nichts!"

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Nachts waren Tom und Huck bereit fr ihr Abenteuer. Bis nach neun Uhr
trieben sie sich in der Nachbarschaft des Gasthofes herum, einer stets den
bewuten Gang aus einiger Entfernung bewachend, der andere die vordere Tr.
Niemand passierte den Gang; niemand, der dem Spanier hnlich gesehen htte,
passierte die Tr. Die Nacht versprach klar zu werden; so ging Tom nach
Hause, mit der Verabredung, da, sollte sich der Himmel noch bewlken, Huck
kommen und miauen solle, worauf er wieder herauskommen und die Schlssel
probieren wrde. Aber die Nacht blieb klar, Huck beschlo seine Wacht und
zog sich gegen 12 Uhr zum Schlafen in eine leere Zuckertonne zurck.

Am Dienstag hatten die Jungen ebensowenig Erfolg; auch am Mittwoch. Aber
die Donnerstagnacht lie sich besser an. Tom schlpfte zu guter Zeit mit
der alten Blechlaterne seiner Tante und einem groen Tuch zum Zudecken aus
dem Haus. Er versteckte die Laterne in Hucks Zuckertonne und die Wache
begann. Eine Stunde vor Mitternacht wurde das Gasthaus geschlossen und
seine Lichter (berhaupt die einzigen) erloschen.

Kein Spanier hatte sich gezeigt. Niemand war im Gange gesehen worden. Alles
versprach gnstigen Erfolg. Absolute Finsternis herrschte, und die tiefe
Stille wurde nur zuweilen von fernem Donner unterbrochen.

Tom holte seine Laterne, hllte sie fest in das Tuch, und die beiden
Abenteurer tasteten sich in der Finsternis dem Wirtshaus zu, Huck blieb als
Schildwache zurck, Tom begab sich weiter den Gang hinauf. Dann folgte eine
Zeit ngstlicher Erwartung, die gleich einer schweren Last auf Hucks Geist
lastete. Er begann zu hoffen, es mge sich wenigstens ein schwacher
Schimmer von der Laterne zeigen -- es htte ihm Furcht eingejagt, aber
wenigstens htte es ihm gezeigt, da Tom noch am Leben sei.

Stunden schienen vergangen, seit Tom verschwunden war. Sicher war er
verunglckt. Vielleicht war er gar tot; vielleicht war sein Herz vor
Schreck und Aufregung gebrochen. In seiner Unruhe lie sich Huck immer mehr
den Gang hinauflocken, alles mgliche Unheil witternd und jeden Augenblick
in Erwartung eines schrecklichen Unglcks, das ihn das Leben kosten werde.

Es gehrte vielleicht nicht mehr viel dazu, denn er schien nur mehr fhig,
Fingerhut-Portionen Luft einzuatmen und sein Herz mute bald springen, so
heftig schlug es. Pltzlich blitzte vor ihm Licht auf und Tom kam
herangerast, ihm zurufend: ,,Fort -- fort -- wenn dir dein Leben lieb ist!"

Er brauchte nicht zu wiederholen; einmal war genug. Huck rannte mit dreiig
bis vierzig Meilen Schnelligkeit, ehe Tom noch ausgesprochen hatte.

Die Jungen standen nicht eher, als bis sie den Schatten des Schlachthauses
am entferntesten Ende des Dorfes erreicht hatten. Im Moment ihrer Ankunft
an diesem geschtzten Ort begann der Sturm einzusetzen und Regen strzte
nieder. Sobald Tom wieder atmen konnte, sagte er: ,,Huck, 's war
schrecklich! Ich versuchte zwei Schlssel, so leise ich konnte, aber die
schienen solch 'nen mchtigen Spektakel zu machen, da ich ganz atemlos vor
Schreck war. Na, ohne zu wissen, was ich tat, drckte ich auf den Griff und
die Tr sprang auf! Sie war gar nicht zu! Ich trat ein und hob das Tuch
auf, und beim Geist des groen Csar --"

,,Was -- was sahst du, Tom?"

,,Huck -- ich wr beinahe auf die Hand des Indianer-Joe getreten!"

,,Nein!"

,,Ja. Er lag da auf dem Boden fest schlafend, das alte Pflaster ber dem
Auge, die Arme weit ausgebreitet."

,,Herrgott, was tatst du? Wachte er auf?"

,,Kein Gedanke. Denk', er war besoffen. Ich raffte schnell das Tuch auf und
rannte davon!"

,,Htt' gewi nicht an das Tuch gedacht, glaub' ich!"

,,Na, ich sollt' wohl! Meine Tante htt' mich schon drangekriegt, wenn
ich's verloren htt'."

,,Sag', Tom, hast du die Kiste gesehen?"

,,Huck -- hab' mir keine Zeit genommen, mich lang' umzusehen. Weder die
Kiste hab' ich gesehen noch 's Kreuz. Nur 'ne Flasche und 'n Zinnbecher auf
der Erde beim Indianer-Joe hab' ich gesehen; und dann zwei Fsser und 'ne
Menge Flaschen. Weit du jetzt, warum die Bude ,verhext' ist?"

,,Na?"

,,Na -- mit Schnaps ist sie verhext! Ob all die Temperenzler-Gasthuser so
'ne verhexte Bude haben, he, Huck?"

,,Na -- ich denk wohl! Wer htt' aber so was gedacht! Aber sag', Tom, ist
jetzt nicht 'ne verwnscht gute Gelegenheit, die Kiste zu erwischen? Wenn
Joe doch betrunken ist!"

,,Teufel auch -- versuch's!"

Huck schauderte.

,,Na -- ich denk' doch nicht."

,,Na -- ich auch, Huck. Blo _eine_ leere Flasche bei Joe ist nicht genug.
Wren's drei gewesen, wr' er wohl besoffen genug, und ich tt's."

Langes, nachdenkliches Schweigen, dann sagte Tom:

,,Will dir was sagen, Huck, wollen die Sache nicht wieder probieren, wenn
wir nicht wissen, da Joe nicht drin ist. 's ist zu grlich! Wenn wir jede
Nacht Wache halten, ist's todsicher, da wir ihn mal 'rausgehen sehen, dann
ist's 'ne Kleinigkeit, die Kiste 'rauszuholen!"

,,Na, ist mir recht. Werd' die ganze Nacht warten und so _jede_ Nacht, wenn
du dann das andere machen willst."

,,Schon gut, werd's schon machen. Alles, was du tun sollst, ist, da du
kommst und wirfst 'ne Handvoll Erde ans Fenster, dann werd' ich schon
aufwachen. -- Jetzt, Huck, scheint mir, 's Wetter ist vorber, werd' nach
Hause gehen. In 'ner halben Stunde wird's Tag. Geh zurck und wach' noch so
lange -- willst du?"

,,Sagte, ich wrd's, und so werd' ich, Tom! 'n ganzes Jahr werd' ich jede
Nacht wachen! Ich schlaf den ganzen Tag, und nachts halt' ich Wache."

,,'s ist gut. Aber wo willst du jetzt schlafen?"

,,Auf Ben Rogers Heuboden. Er lt mich, und auch seines Alten Nigger,
Onkel Jack. Onkel Jack hab' ich Wasser geholt, wenn er's verlangt hat, und
manchmal, wenn ich ihn bitte, gibt er mir zu essen -- wenn er was ber hat.
's ist 'n verdammt feiner Nigger, Tom. Er liebt mich, weil ich nie tu', als
stnd' ich ber ihm. Manchmal hab' ich mich richtig hingesetzt und mit ihm
gegessen. Aber sag's niemand! Wenn man schrecklich hungrig ist, tut man
wohl was, kmmert man sich den Henker um was."

,,Na, Huck, werd' dich tags nicht stren, kannst ruhig schlafen. Und wenn
du was siehst nachts, komm nur gleich und miaue!"

Dreiigstes Kapitel.

Das erste, was Tom am Freitagmorgen vernahm, war eine freudige Nachricht --
Familie Thatcher war in der Nacht vorher zurckgekommen! Beides, Joe und
der Schatz, sanken fr den Augenblick zu sekundrer Bedeutung herunter, und
Becky nahm Toms ganzes Interesse in Anspruch. Er sah sie und sie verlebten
wundervolle Stunden mit einigen Schulkameraden, ,,Blindekuh" und ,,Fangen"
spielend. Der Tag war tadellos und wurde in ganz besonders befriedigender
Weise beschlossen.

Becky erbettelte von ihrer Mutter die Erlaubnis, den nchsten Tag fr das
lang' versprochene und lang' ersehnte Picknick festzusetzen, und diese
willigte ein. Das Entzcken der Kinder war grenzenlos, Toms nicht am
wenigsten. Noch vor Sonnenuntergang wurden die Einladungen versandt und das
gesamte junge Volk im Dorfe geriet in ein wahres Fieber von Vorfreude und
angenehmer Erwartung.

Tom wurde durch seine Aufregung bis zu spter Stunde wachgehalten und
hoffte bestndig Huck miauen zu hren und am nchsten Tage Becky und alle
Teilnehmer am Picknick mit seinem Schatz in Erstaunen setzen zu knnen.
Aber er wurde enttuscht. Kein Zeichen lie sich hren.

Endlich brach der Morgen an, und um zehn oder elf Uhr versammelte sich eine
ausgelassene, freudestrahlende Gesellschaft bei Thatchers, alles war zum
Aufbruch bereit.

Es war nicht die Gewohnheit der Erwachsenen, Picknicks mit ihrer Gegenwart
zu stren. Man glaubte die Kinder unter den Fittichen von ein paar jungen
Damen von achtzehn und ein paar jungen Herren von dreiundzwanzig oder so
sicher genug. Das alte Dampfboot war fr die Gelegenheit gemietet worden.
Bald war der ganze Weg von der lustigen, mit Vorratsbeuteln bepackten Bande
erfllt. Sid war krank und hatte zu Hause bleiben mssen; Mary blieb
gleichfalls, um ihm Gesellschaft zu leisten.

Das letzte, was Mrs. Thatcher zu Becky sagte, war: ,,Komm' nur nicht zu
spt zurck. Vielleicht wird's besser sein, Kind, du bleibst zur Nacht bei
einem von den Mdchen, das nher bei der berfahrt wohnt."

,,Dann bleib' ich bei Susy Harper, Mama!"

,,Schon gut. Und benimm dich ordentlich und treib' keinen Unsinn!"

Sobald sie fort waren, sagte Tom zu Becky: ,,Du -- ich will dir sagen, was
wir tun! Statt zu Joe Harper zu gehn, klettern wir auf den Hgel rauf und
gehn zur Witwe Douglas. Die hat sicher Eiscreme! Sie hat fast immer was --
'nen ganzen Haufen. Und sie wird sich schrecklich freuen, uns zu haben!"

,,Ach, das wird schn werden!" Dann dachte Becky einen Augenblick nach und
sagte: ,,Aber was wird Mama sagen?"

,,Woher soll sie's denn erfahren?"

Das Mdchen berlegte sich die Sache und sagte zgernd: ,,Ich denk' doch,
's ist unrecht -- aber --"

,,Aber -- Unsinn! Deine Mama erfhrt's nicht, was schad's also? Sie will
doch nur, da du irgendwo gut aufgehoben bist, und glaub' nur, sie wrd'
selbst gesagt haben, du solltst dahin gehen, wenn sie nur dran gedacht
htt'. Ich wei, sie htt's!"

Die glnzende Gastfreundschaft der Witwe Douglas war ein verlockender
Kder. Das und Toms Beredsamkeit behielten die Oberhand. So wurde
beschlossen, niemand was von dem Programm fr die Nacht zu sagen.

Pltzlich fiel Tom ein, Huck knne gerade in dieser Nacht kommen und das
Zeichen geben. Der Gedanke machte ihn ein wenig nachdenklich. Schlielich
konnte er's aber doch nicht bers Herz bringen, das Projekt mit der Witwe
Douglas aufzugeben. Und warum sollte er es aufgeben -- war das Zeichen in
der letzten Nacht nicht gekommen, warum sollte es denn wohl gerade in
dieser Nacht kommen? Die Aussicht auf das sichere Vergngen des Abends
schlug die unbestimmte auf den Schatz aus dem Felde. Und -- wie Kinder sind
-- er beschlo ganz der strkeren Anziehungskraft zu folgen und sich
whrend des ganzen Tages keinen Gedanken an das Geld zu gestatten.

Drei Meilen unterhalb des Dorfes legte das Dampfboot an einem bewaldeten
Hgel an. Die Gesellschaft schwrmte hinaus und bald hallten die
entlegensten Teile des Waldes und die unzugnglichsten Hhen von Geschrei
und Lachen wider. Alle Mittel, hei und mde zu werden, wurden gewissenhaft
angewandt, und allmhlich strmten alle Ausflgler zurck zum Lager, mit
tchtigem Hunger ausgestattet und dann begann die Vernichtung der guten
Sachen. Nach dem Frhstck wurde eine erfrischende Ruhepause im Schatten
breitstiger Eichen gemacht. Dann rief auf einmal jemand: ,,Wer will mit
zur Hhle?"

Alles wollte. Bndel von Kerzen wurden zusammengerafft und geradenwegs
hinauf auf den Hgel. Die Mndung der Hhle war hoch oben, ein offenes Tor
in der Form des Buchstabens A. Die massive eichene Tr stand offen.
Dahinter tat sich ein kleiner Raum auf, kalt wie ein Eiskeller und von der
Natur durch solide Kalkmauern eingefat, die von kalter Feuchtigkeit
bedeckt waren.

Es war romantisch und geheimnisvoll, hier in tiefer Dunkelheit zu stehen
und auf die grnen, in der Sonne glnzenden Laubmassen hinauszuschauen.
Aber der berwltigende Eindruck nahm schlielich doch bedeutend ab und das
Umhertollen begann wieder. Jeden Augenblick wurde eine Kerze angezndet,
dann strzte sich alles auf den, der sie trug, ein Kampf und mutige
Verteidigung folgten, aber die Kerze war bald zu Boden geschlagen oder
ausgeblasen, und dann gab's allgemeines Gelchter und eine neue Jagd. Aber
alles hat ein Ende. Allmhlich begab sich der Zug tiefer in die Hhle
hinab, immer tiefer, wobei der flackernde Schein der Lichter die mchtigen
Felswnde fast bis zu ihrer vollen Hhe von sechzig Fu ungewi
beleuchtete.

Der Weg war hier nicht mehr als acht oder zehn Fu breit. Alle paar Schritt
taten sich noch engere, hohe Gnge nach beiden Seiten auf, denn die
Douglashhle war nichts als ein wildes Labyrinth von verzweigten Gngen,
die berall auseinander liefen, um sich doch immer wieder zu treffen. Man
sagte, es knne jemand viele Tage und Nchte durch dies unglaubliche Gewirr
von Gngen und Spalten irren, ohne jemals das Ende der Hhle zu finden; und
da er tiefer und immer tiefer, bis in den Mittelpunkt der Erde dringen
knne, und es wre doch immer dasselbe -- Labyrinth unter Labyrinth, und
nirgends ein Ende. Niemand ,,kannte" die Hhle; das war unmglich. Die
meisten der jungen Leute kannten einen Teil davon und so leicht wagte sich
niemand ber diesen bekannten Teil hinaus. Tom Sawyer kannte so viel von
der Hhle wie alle anderen.

Ungefhr dreiviertel Meilen marschierte man in geschlossenem Zug durch den
Hauptgang, dann begannen sich einzelne Haufen und Paare seitwrts in die
Nebengnge zu zerstreuen, durch die unheimlichen Gnge laufend, um sich
schlielich zu gegenseitiger berraschung an irgend einem Punkt wieder zu
treffen. Man konnte wohl eine halbe Stunde auch hier im bekannten Teil
herumstreifen, ohne einander zu begegnen.

Schlielich kam Paar auf Paar zur Hhle zurckgeschlendert, mit Talg
bespritzt, kalkbeschmiert und ganz berauscht von den Herrlichkeiten des
Tages. Dann waren alle ganz berrascht, da sie so wenig auf die Zeit
geachtet hatten und es schon fast Nacht war. Schon seit einer halben Stunde
hatte die Schiffsglocke zum Aufbruch gemahnt. Indessen, auch diese Art, die
Abenteuer des Tages zu beschlieen, war romantisch und deshalb
befriedigend. Als das Dampfboot mit seiner ausgelassenen Fracht vom Ufer
abstie, kmmerte sich niemand 'nen Deut um die versumte Zeit -- auer dem
Kapitn.

Huck befand sich bereits auf seinem Wachposten, als die Lichter des
Dampfbootes an der Landungsstelle vorbeiglitten. Er hrte keinen Ton an
Bord, denn das Volk war so zahm geworden, wie man zu sein pflegt, wenn man
sich halbtot gehetzt hat.

Er grbelte darber, was fr ein Boot das sein mge und warum es nicht am
gewhnlichen Ort anlege -- und dann verga er es und richtete seine ganze
Aufmerksamkeit auf seine eigene Angelegenheit. Die Nacht war bewlkt und
dunkel. Zehn Uhr schlug's, das Wagengerassel schwieg, die Lichter begannen
zu verlschen, der Lrm der Fugnger verstummte nach und nach -- das Dorf
ging zur Ruhe und berlie den kleinen Wchter dem Schweigen und den
Gespenstern. Elf Uhr schlug's, und das Licht im Wirtshaus erlosch; jetzt
herrschte berall Finsternis. Huck wartete, schien ihm, sehr lange Zeit,
aber nichts geschah. Unruhe berkam ihn. Wenn alles umsonst war? Wenn er
genarrt wurde? Warum nicht die Sache aufgeben und sich davon machen?

Da hrte er eine Stimme. Sofort war er ganz Aufmerksamkeit. Vorsichtig
wurde die Gangtr geschlossen. Schnell drckte er sich in eine Ecke an der
Mauer. Im nchsten Augenblick huschten zwei Mnner vorbei, und einer schien
etwas unter dem Arm zu haben. Das mute die Kiste sein! So wollten sie also
heute den Schatz vergraben. Ob er Tom weckte? Es wre Wahnsinn gewesen --
die Leute wren mit der Kiste entwischt und niemand htte sie jemals
gefunden. Nein, er wollte ihnen folgen; er wollte sich unter dem Schutze
der Finsternis ihnen an die Fersen heften. So mit sich selbst sprechend,
kam Huck hervor und glitt hinter den Mnnern her, leise wie eine Katze,
barfu, gerade so weit von ihnen entfernt, um nicht gesehen zu werden.

Eine Zeitlang gingen sie die Flustrae aufwrts und wandten sich dann
durch eine kleine Gasse seitwrts. Immer steil hinauf kamen sie schlielich
an den Weg, der nach Cardiff Hill hinauffhrte; diesen schlugen sie ein.
Sie kamen am Haus des alten Wallisers vorbei, in halber Hhe des Hgels,
und stiegen, ohne sich aufzuhalten, immer noch hher. Gut, dachte Huck, sie
werden's im alten Steinbruch vergraben. Aber auch da hielten sie nicht an.
Sie gingen vorbei, ganz auf den Hgel. Dann schwenkten sie in den Weg durch
den groen Sumachwald ein und waren auf einmal in der Finsternis
verschwunden. Huck beeilte sich die Entfernung zu verringern, denn er war
sonst nicht mehr imstande, sie im Auge zu behalten. Eine Weile rannte er
vorwrts; dann hielt er inne, aus Furcht, zu weit geraten zu sein; rannte
wieder ein Stck vorwrts, und hielt wieder; horchte; nichts zu hren; nur,
da er das Klopfen des eigenen Herzens hrte. Der Schrei einer Eule ertnte
-- unheilverkndend; aber keine Futritte. Himmel, hatte er sie verloren?
Er war im Begriff, Hals ber Kopf vorwrts zu strzen, als jemand nicht
vier Fu vor ihm sich rusperte. Das Herz fuhr Huck in die Kehle, aber er
bezwang sich. Und dann stand er da, zitternd, als htten ihn tausend Fieber
auf einmal gepackt, und so schwach, da er gleich umfallen zu mssen
meinte. Er wute, wo er war. Er wute, er war nicht fnf Schritt von dem
Zaun entfernt, der um den Grund und Boden der Witwe Douglas fhrte.
,,Famos," dachte er, ,,mgen sie's hier vergraben, 's wird nicht schwer
sein, es hier wieder zu finden."

Jetzt hrte er eine leise Stimme -- eine sehr leise Stimme -- die des
Indianer-Joe:

,,Hol sie der Teufel -- mu sie grad' heut Gesellschaft haben -- 's ist
Licht, so spt's auch ist!"

,,Kann nicht sehn!"

Dies war des Fremden Stimme -- des Fremden aus dem Beinhaus. Tdlicher
Schreck durchfuhr Hucks Herz -- dies also war die ,,Rache!" Sein erster
Gedanke war auszureien. Dann erinnerte er sich, wie die Witwe Douglas mehr
als einmal freundlich gegen ihn gewesen sei -- und wer wei, ob diese da
nicht die Absicht hatten, sie zu ermorden! Er sehnte sich nach einer
Gelegenheit, sie zu warnen. Aber er wute, er knnte 's nicht wagen; sie
wrden ihn kriegen und umbringen. All dies und noch anderes ging ihm in
einem Augenblick durch den Kopf zwischen den Worten des Fremden und den
nchsten Joes.

,,Weil der Busch dir im Wege ist. So -- hierher -- kannst du _jetzt_ sehn?"

,,Ja. Denk auch, 's ist Gesellschaft da. Besser, wir geben's auf."

,,Aufgeben, wo ich dies Land fr immer verlassen soll! Aufgeben und _nie
wieder_ 'ne Gelegenheit haben! Sag' dir nochmal, was ich dir schon mal
gesagt hab' -- brauch' ihre Pfennige nicht -- kannst du haben. Aber ihr
Mann war gemein gegen mich -- oft genug -- und _er_ war der Richter, der
mich zu 'nem Landstreicher gemacht hat. Und 's ist nicht alles! 's ist noch
nicht der millionste Teil davon! Gepeitscht hat er mich -- gepeitscht vorm
Gefngnis -- wie 'nen Nigger! Das ganze Dorf konnt's sehen! Gepeitscht!!
Verstehst du? _Er_ ist mir zuvorgekommen -- er ist tot. Aber _sie_ soll
dran!"

,,Bitt' dich -- tt' sie nicht! Tu's nicht!"

,,Tten? Wer spricht von tten? Ihn wrd' ich abschneiden, wenn er hier
wr' -- sie nicht. Wenn man sich an 'ner _Frau_ rchen will -- die mu man
an der _Fratze_ packen! Schneid't ihr die Nase auf und stutzt ihr die Ohren
-- wie 'nem Schwein!"

,,Teufel --"

,,Behalt deine verdammte Meinung fr dich! Wird's beste fr dich sein!
Werd' sie ans Bett festbinden. Wenn sie sich zu Tode blutet -- was kann ich
dafr? Werd' nicht drum heulen, wenn sie's tut. Du, mein Freund -- wirst
mir dabei helfen -- auf meine Rechnung -- hab' dich nur dazu mitgenommen --
mcht' fr mich allein zu viel sein. Wenn du davonlufst, hau' ich dich
zusammen -- verstehst du? Und wenn ich _dich_ tte, bring' ich _sie_ auch
um -- und dann, denk' ich, kann keiner 'rauskriegen, wer das Geschft
besorgt hat."

,,Na, wenn's geschehen mu, rasch dran! Je eher, desto besser -- mir lufts
ohnehin schon ber."

,,Jetzt tun? Wo Gesellschaft da ist? Sollt' dir wahrhaftig nicht trauen,
scheint mir! -- Nichts da -- wollen warten, bis die Lichter aus sind -- 's
hat keine Eile."

Huck fhlte, da jetzt Stillschweigen eintreten werde -- schrecklicher als
das mrderischste Geschrei; so hielt er den Atem an und zog sich vorsichtig
zurck, wobei er die Fe vorsichtig und fest aussetzte, immer auf einem
Bein balanzierend, tastend und sich auf eine Seite legend, bald auf diese;
dann auf die andere; und dann knackte ein Zweig unter seinen Fen! Er
hielt den Atem an und horchte. Nichts zu hren -- vollkommene Stille. Seine
Dankbarkeit war grenzenlos. Nun wandte er sich um, so vorsichtig, als wre
er ein Schiff gewesen, und trabte dann rasch, aber vorsichtig davon. Beim
Steinbruch angekommen, hielt er sich fr sicher; so nahm er die Beine unter
die Arme und rannte in gestrecktem Galopp davon. Hinunter, immer weiter
hinunter, bis er das Haus des Wallisers erreicht hatte. Er klopfte an die
Tr und sofort erschienen die Kpfe des alten Mannes und seiner zwei
handfesten Shne am Fenster.

,,Wer spektakelt da? Was fr'n Lrm drauen? Was gibt's?"

,,Lat mich ein -- schnell! Werd' euch alles sagen!"

,,So -- wer ist's denn?"

,,Huckleberry Finn -- schnell, la mich rein!"

,,Huckleberry Finn -- so! 's ist ein Name, denk ich, dem sich nicht viel
Tren ffnen! Aber lat ihn 'rein, Burschen, woll'n sehen, was er hat."

,,In des Himmels Namen -- sagt's niemand, da ich euch was erzhlt hab',"
waren Hucks erste Worte, als er hineingelassen war. ,,Tut's nicht -- wrd'
sicher gettet -- aber die Witwe ist oft genug freundlich gegen mich
gewesen und ich werd's sagen -- werd's sagen, wenn ihr versprecht, nicht zu
sagen, da ich's gesagt hab'."

,,Bei St. Georg -- er hat was zu sagen -- oder er tt' nicht so," rief der
Alte. ,,Heraus damit, und da ihr's niemand sagt, Burschen!"

Drei Minuten spter waren der Alte und seine Shne wohlbewaffnet oben auf
dem Hgel und drangen auf den Zehen in den Sumachwald ein, die Bchse in
der Hand.

Huck begleitete sie nicht weiter. Er verbarg sich hinter einem Felsblock
und lauschte.

Langes, angstvolles Schweigen -- und dann pltzlich ein Schu und ein
Schrei!

Huck wartete nichts weiter ab. Er sprang auf und rannte den Hgel hinunter,
so schnell ihn seine Beine tragen wollten.

Einunddreiigstes Kapitel.

Beim ersten Tagesgrauen am nchsten Tage, einem Sonntagsmorgen, kam Huck
den Hgel hinaufgeschlichen und klopfte leise an des Wallisers Tr.

Die Inwohner schliefen, aber es war infolge der aufregenden Ereignisse der
Nacht ein sehr leichter Schlaf. Eine Stimme fragte durchs Fenster: ,,Wer
da?"

Hucks schchterne Stimme antwortete in leisem Ton: ,,Bitte, la mich 'rein
-- 's ist nur Huck Finn."

,,'s ist ein Name, dem sich die Tr bei Tag und Nacht ffnen kann, Bursche
-- und willkommen!"

Dies waren ungewohnte Worte fr die Ohren des kleinen Herumstreichers und
die angenehmsten, die er je gehrt hatte. Er konnte sich nicht erinnern,
die Schluworte jemals vorher gehrt zu haben.

Die Tr wurde sofort geffnet und er schlpfte hinein. Huck bekam einen
Stuhl, und der Alte und seine Enaksshne kleideten sich rasch an.

,,Nun, mein Junge, hoff', 's geht dir gut und du hast Hunger, denn 's
Frhstck wird mit der Sonne fertig sein und 's wird zudem tchtig hei
sein -- brauchst keine Sorgen zu haben. Ich und die Jungen hofften, wrd'st
letzte Nacht nochmal wieder hierher kommen."

,,Hatt' zu groe Angst," sagte Huck, ,,und machte, da ich fortkam. Lief
davon, als die Schsse losgingen, und hielt erst nach drei Meilen an. Jetzt
bin ich gekommen, weil ich wissen mchte von -- Ihr wit schon! und komm'
vor Tageslicht, weil ich den Teufeln nicht begegnen mcht, selbst wenn sie
tot wren."

,,Glaub's, armer Kerl, siehst aus, als httst du 'ne bse Nacht hinter dir
-- na, hier ist 'n Bett fr dich, wenn du gefrhstckt hast. Nun -- tot
sind sie nicht, leider -- tut uns wahrhaftig leid genug. Du weit, wir
wuten nach deiner Beschreibung wohl, wo wir sie am Kragen kriegen wrden,
so schlichen wir auf den Zehen bis fnfzehn Schritt von ihnen entfernt --
's war dunkel wie in 'nem Loch -- und gerade da fhlt' ich, da ich niesen
msse. 's war wohl grad' der rechte Augenblick! Ich versucht', es
zurckzuhalten, aber keine Mglichkeit, 's wollte kommen und 's kam! Ich
war voran, die Pistole schufertig, und wie nun mein Niesen die Schufte
aufschreckte, hrt ich 'n Rascheln vor mir, so rief ich: ,,Feuer, Jungens!"
und gab 'nen Schu, wo die Kerle waren. Ebenso meine Jungen. Aber wie 'n
Wind waren sie fort, diese Halunken; wir hinterher, runter durch den Wald.
Denk, wir haben sie nicht getroffen. Im Laufen gaben sie noch jeder 'nen
Schu ab, aber die Kugeln fuhren vorbei und taten uns nichts. Sobald wir
sie nicht mehr hrten, gingen wir heim und weckten die Konstabler. Sie
wollten 'ne Treibjagd machen und gingen runter, die Fluufer abzusuchen,
und wenn's hell ist, woll'n sie und der Sheriff die Wlder vornehmen. Meine
Jungen werden auch dabei sein. Wollt' nur, wir htten so was wie 'ne
Beschreibung von diesen Galgenvgeln -- 's wrd 'n gut Teil helfen. Du
konntest wohl im Dunkeln nicht sehen, was es fr Kerle waren, denk' ich?"

,,Doch -- sah sie schon im Dorf und folgte ihnen."

,,Famos! -- Beschreib' sie -- beschreib' sie, mein Junge!"

,,Der eine ist der taubstumme Spanier, der hier 'n paarmal 'rumgeschlichen
ist, der andere ein verdchtig aussehender, zerlumpter --"

,,'s ist genug, Junge, kenne die Kerle schon! Traf sie mal in den Wldern
hinter dem Garten der Witwe, und sie machten sich auch gleich davon. Fort
mit euch, Burschen, sagt's dem Sheriff -- knnt euer Frhstck morgen
essen!"

Sofort verschwanden die Shne des Alten. Als sie das Zimmer verlassen
hatten, sprang Huck auf und rief: ,,O, bitte, sagt's niemand, da ich's
war, der sie aufgesprt hat -- bitte!"

,,Ist schon gut, Huck, wenn du's wnschst, aber du sollst doch den Lohn fr
das haben, was du da getan hast!"

,,Ach, nein, nein! _Bitte_, sagt's nicht!"

,,Sie werden's nicht sagen," beruhigte der Alte, ,,und _ich_ auch nicht.
Aber _warum_ soll's keiner wissen?"

Huck wollte nichts weiter sagen, als da er schon zu viel ber einen der
Strolche wisse und nicht wnschte, da der von seiner Mitwisserschaft Wind
bekomme, nicht um die Welt, denn 's wr sicher, da er dafr gettet werden
wrde.

Der alte Mann versprach nochmals Schweigen und sagte: ,,Aber, Bursche, wie
kamst du denn drauf, diesen Gaunern zu folgen? Kamen sie dir verdchtig
vor?"

Huck schwieg einen Moment, whrend er ber einer mglichst unverfnglichen
Antwort brtete. Dann sagte er: ,,Na, seht Ihr, ich bin halt mal 'n
ungehobelter Bursche -- jeder sagt's, und ich wei nicht, was dagegen
einzuwenden wre -- und manchmal kann ich nicht schlafen vor dem Gedanken
daran, und nehm' mir vor, zu versuchen, mich zu ndern. 's war wieder so
letzte Nacht. Ich konnt' nicht schlafen und so kam ich um Mitternacht etwa,
drber nachdenkend, auf die Strae, und wie ich an die alte Mauer beim
Temperenzler-Wirtshaus komme, lehn' ich mich so, ohne mir was zu denken,
dran. Na, gerade in dem Augenblick kamen die beiden Strolche angeschlichen,
dicht an mir vorbei, was unterm Arm tragend; es ist gewi gestohlen, denk
ich. Der eine rauchte, der andere wollt' auch Feuer haben; blieben also
gerade vor mir stehn, und beim Anznden der Zigarren wurden ihre Gesichter
erleuchtet, und ich sah, da der grere der taubstumme Spanier war -- an
den weien Haaren und dem Pflaster aus dem Auge, -- und der andere war ein
roher, zerlumpter Teufel."

,,Konntst auch die Lumpen beim Leuchten der Zigarren sehen?"

Dies verwirrte Huck fr 'nen Augenblick. Dann sagte er: ,,Ja, ich wei
nicht -- aber 's _schien_ mir wenigsten so."

,,Dann gingen sie weiter, und du --?"

,,Folgte ihnen -- ja, 's war so. Wollt' doch sehen, was sie vorhtten --
sie schlichen so verdchtig davon. Ich folgte ihnen bis zum Garten der
Witwe und stand dort im Dunkeln und hrte den Zerlumpten fr die Witwe
bitten, und der Spanier schwor, er wollt' der Witwe die Nasenlcher
aufschneiden; gerade so wie ich's Euch sagte und Euren --"

,,Was, all das sagte der taubstumme Mann!"

Huck hatte wieder einen schrecklichen Migriff begangen. Er hatte sich die
grtmglichste Mhe gegeben, den Alten nicht erraten zu lassen, wer der
Spanier sei, und doch schien ihn seine Zunge trotz aller Vorsicht in
Ungelegenheiten bringen zu wollen. Er machte krampfhafte Anstrengungen, aus
seiner Verwirrung herauszukommen, aber das Auge des alten Mannes haftete
auf ihm, schrfer und immer schrfer. Pltzlich sagte der Walliser: ,,Mein
guter Junge, brauchst dich nicht vor mir zu frchten, mcht' um alles in
der Welt nicht ein Haar auf deinem Haupte krmmen. Nein -- ich wrd' dich
beschtzen -- verla dich drauf. Dieser Spanier ist nicht taubstumm. Da
hast du dir was entschlpfen lassen. Du weit was ber diesen Kerl, das du
nicht verraten mchtest. Na, vertrau' dich mir an -- sag' mir, was es ist,
vertrau' mir -- werd' dich nicht verraten!"

Huck blickte in des alten Mannes ehrliche Augen, dann beugte er sich
hinber und flsterte ihm ins Ohr: ,,'s ist kein Spanier -- 's ist der
Indianer-Joe!"

Der Walliser fuhr fast von seinem Stuhl auf. Nach kurzer Pause sagte er
dann:

,,'s ist jetzt klar genug. Als du von Nasenaufschlitzen und Ohrenstutzen
sprachst, dacht' ich, 's wr deine eigene Erfindung, denn kein Weier bt
so 'ne Rache. Aber ein Indianer! Das ist freilich 'n groer Unterschied."

Whrend des Frhstcks ging die Unterhaltung weiter, in deren Verlauf der
Alte erwhnte, das letzte, was sie getan hatten, bevor sie zu Bett gegangen
seien, sei gewesen, mit einer Laterne die Kampfstelle nach Blutspuren zu
untersuchen. Die htten sie nicht gefunden, wohl aber ein dickes Bndel mit
--

,,Mit was?"

Wren die Worte Blitze gewesen, sie htten nicht schneller aus Hucks
bleichen Lippen kommen knnen. Seine Augen waren weit aufgerissen, sein
Atem stockte -- indem er auf Antwort wartete. Der Walliser stutzte --
zgerte mit der Antwort -- drei Sekunden -- fnf Sekunden -- zehn -- dann
endlich entgegnete er: ,,Mit Einbrecherwerkzeug. -- Nanu, was ist's mit
dir?"

Huck sank nieder, sein Herz klopfte strmisch, aber er war dankerfllt,
unsagbar dankerfllt. Der Walliser sah ihn wieder scharf an, erstaunt, und
sagte:

,,Ja -- Einbrecherwerkzeug. Schien dich mchtig zu freun. Aber was geht das
_dich_ an? Was dachtest du denn, was wir gefunden htten?"

Huck sa schon wieder in der Klemme. Forschende Augen richteten sich
wiederum auf ihn -- alles htte er fr eine glaubliche Antwort gegeben.
Nichts fiel ihm ein; die forschenden Augen drangen tiefer und tiefer --
eine unsinnige Antwort drngte sich ihm auf -- Zeit zur berlegung gab's
nicht, so stie er auf gut Glck mit schwacher Stimme heraus:

,,Sonntagsschulbcher, vielleicht --"

Der arme Huck war zu verwirrt, um lcheln zu knnen, aber der alte Mann
lachte laut und vergngt, wurde von Kopf bis zu Fu vom Lachen geschttelt
und sagte schlielich, so ein Lachen wre gerade so gut wie bar Geld in der
Tasche, denn es mache jede Doktorrechnung berflssig. Dann fgte er hinzu:
,,Kleiner Dummkopf, bist ja ganz bla und zitterst; bist nicht wohl. 's ist
kein Wunder, da du ein wenig aus der Balanze bist. Aber sollst schon
wieder 'reinkommen. Ruhe und Schlaf wird dich wohl zurechtbringen -- hoff'
ich."

Huck rgerte sich, da er ein solcher Esel gewesen und solche Aufregung
gezeigt hatte, hatte er doch seit dem Gesprch am Gartenzaun der Witwe
ohnehin schon den Verdacht gehabt, da jenes Bndel, das er vom Wirtshaus
hatte forttragen sehen, gar nicht sein Schatz gewesen sei. Indessen hatte
er das doch nur _vermutet, gewut_ hatte er es nicht; und so war die
Erwhnung von der Auffindung des Bndels zuviel gewesen fr seine
Selbstbeherrschung. Da er nun aber volle Gewiheit hatte, beruhigte er sich
bald und wurde ganz vergngt. Der Schatz mute noch in Nummer zwei sein,
die Kerle wrden wohl noch am gleichen Tage erwischt werden, so konnten er
und Tom ohne alle Angst oder Furcht vor berraschung nachts das Geld
abholen.

Gerade war das Frhstck beendet, da klopfte es an die Tr. Huck sprang
schnell in ein Versteck, denn er hatte gar keine Lust, mit den letzten
Ereignissen in Verbindung gebracht zu werden. Der Walliser lie einige
Damen und Herren ein, unter ihnen die Witwe Douglas, und sah dabei noch
verschiedene Gruppen von Brgern den Hgel heraufklettern, um sich den
Schauplatz anzusehen. So war also die Sache schon allgemein bekannt. Er
mute den Besuchern die Geschichte der Nacht erzhlen, worauf sich die
Witwe Douglas bei ihm bedankte.

,,Kein Wort davon, Madam. 's ist noch 'n anderer da, dem Sie mehr zu danken
haben als mir und meinen Jungen, denk' ich; aber er hat's mir nicht
erlaubt, seinen Namen zu sagen. Ohne ihn wren wir berhaupt gar nicht dazu
gekommen."

Dies rief solche Neugier hervor, da schlielich die Hauptsache darber
vergessen wurde; aber der Walliser lie seine Besucher sich ruhig die Kpfe
zerbrechen und behielt sein Geheimnis fr sich, auch als das ganze Dorf von
der Sache erfuhr. Nachdem alle Einzelheiten errtert waren, sagte die
Witwe: ,,Ich las noch vorm Einschlafen im Bett, dann schlief ich so fest,
da ich von all dem Lrm nichts hrte. Warum haben Sie mich nicht geweckt?"

,,Hielten's nicht fr ntig. Die Schufte wrden doch nicht wiederkommen,
wrden sich wohl gehtet haben; wozu also Sie wecken und zu Tode
erschrecken? brigens haben meine drei Nigger die ganze Nacht vor Ihrem
Haus Wache gehalten. Da kommen sie gerade zurck."

Noch mehr Besucher kamen, und die Geschichte mute whrend mehrerer Stunden
wieder und immer wieder erzhlt werden.

Whrend der Schulferien fiel auch die Sonntagsschule aus, trotzdem war heut
alles frhzeitig in der Kirche. Das aufregende Ereignis wurde lebhaft
errtert. Es wurde erzhlt, da noch keine Spur von den Landstreichern
gefunden worden sei. Als die Predigt zu Ende war, ging die Frau des
Richters Thatcher auf Frau Harper zu, die mit der groen Menge den Gang
hinunterschritt, und sagte: ,,Will meine Becky denn den ganzen Tag
schlafen? Habs mir aber wohl gedacht, da sie todmde sein wrde."

,,Ihre Becky?"

,,Freilich." (Mit erschrockenem Blick): ,,Blieb sie denn abends nicht bei
Ihnen?"

,,Bewahre."

Mrs. Thatcher wurde leichenbla und sank auf eine Bank in dem Augenblick,
als Tante Polly, mit einer Bekannten sich unterhaltend, vorbeikam. ,,Guten
Morgen, Mrs. Thatcher," sagte sie, ,,guten Morgen, Mrs. Harper. Hab' wieder
mal 'nen verlorenen Jungen. Denk' wohl, Tom ist die Nacht im Haus von einer
von Ihnen geblieben. Nun hat er Angst, in die Kirche zu kommen. Werd'
wieder mal Abrechnung halten mssen mit ihm."

Frau Thatcher schttelte schwach den Kopf und wurde noch blasser.

,,Bei uns ist er nicht gewesen," sagte unsicher Frau Harper.

In Tante Pollys Gesicht zeigte sich merkliche Unruhe. ,,Joe Harper, hast du
meinen Tom diesen Morgen schon gesehen?"

,,Nein, Ma'm."

,,_Wann_ hast du ihn zuletzt gesehen?"

Joe versuchte sich zu erinnern, konnt's aber nicht bestimmt sagen. Die
Leute blieben allmhlich, neugierig geworden, stehen. Geflster entstand,
lebhafte Erregung verbreitete sich unter ihnen, Kinder wurden ngstlich
ausgehorcht, auch die jungen Wchter. Alle sagten sie, sie htten nicht
acht gegeben, ob Tom und Becky bei der Heimfahrt an Bord gewesen seien; es
war dunkel gewesen und niemand hatte daran gedacht, sich zu vergewissern,
ob auch jemand fehle. Schlielich platzte ein junger Mann damit heraus, sie
mchten noch in der Hhle stecken! Frau Thatcher fiel in Ohnmacht, Tante
Polly begann zu weinen und die Hnde zu ringen.

Die schrecklichen Worte gingen von Mund zu Mund, von Gruppe zu Gruppe, von
Strae zu Strae, und in nicht ganz fnf Minuten hallten die Glocken wild,
und die ganze Ortschaft war in Aufregung. Die Geschichte von Cardiff Hill
wurde zur gleichgltigen Episode, die Einbrecher waren vergessen, Pferde
wurden gesattelt, Boote bemannt, das Dampfboot instandgesetzt, und ehe der
allgemeine Schreck eine halbe Stunde alt geworden, waren zweihundert Mann
unterwegs, ber den Flu und auf dem Wege zur Hhle.

Den ganzen langen Nachmittag schien das Dorf tot und verlassen. Eine Menge
Frauen besuchten Tante Polly und Frau Thatcher, und versuchten, sie zu
trsten. Oder sie weinten mit ihnen -- und das war noch besser als alle
Worte.

Whrend der ganzen schrecklichen Nacht warteten die Frauen auf Nachricht;
aber als schlielich der Morgen graute, bekam man nichts zu hren als:
,,Schickt mehr Kerzen und Lebensmittel" Frau Thatcher war vllig
verzweifelt, Tante Polly nicht weniger. Richter Thatcher schickte
hoffnungsvolle Botschaften aus der Hhle, aber sie brachten keine rechte
Erleichterung.

Gegen Morgen kam der alte Walliser, mit Lehm und Wachs beschmiert, nach
Hause, zu Tode erschpft. Er fand Huck noch im Bett, das fr ihn
hergerichtet worden war, und im Fieber irreredend. Die rzte waren alle in
der Hhle, so kam die Witwe Douglas, um sich nach dem Patienten umzusehen.
Sie sagte, sie wolle ihr Bestes fr ihn tun, denn, ob er nun gut, schlecht
oder keins von beiden sei, er sei Gottes Geschpf, und nichts, was von Gott
sei, drfe man miachten. Der Walliser meinte, Huck habe wohl gute Seiten,
worauf die Witwe entgegnete: ,,Sie knnen sich darauf verlassen. Er trgt
des Herren Mal an sich. _Er_ wird ihn nie verlassen. Er tut's nie. Er
vergit keine Kreatur, die von ihm stammt."

Frh am Vormittag kamen einzelne Trupps von Mnnern ins Dorf zurck, die
meisten aber suchten noch immer weiter. Alles, was zu berichten war, war,
da man so weit wie noch nie jemand in die Hhle vorgedrungen sei; da
jeder Winkel, jede Spalte aufs sorgfltigste abgesucht worden sei. Wo man
auch gehe in den Irrgngen, berall knne man Lichter nah und fern hin und
her huschen sehen; Rufe und Pistolenschsse htten ihren Schall bis in die
tiefsten Gnge hinuntergesandt. An einer Stelle, fern von dem gewhnlich
besuchten Teil, hatte man die Namen ,,Becky" und ,,Tom" mit Ru an einem
Felsen geschrieben gefunden, und nahe dabei ein beschmutztes Band. Frau
Thatcher erkannte das Band und brach in Trnen aus. Sie klagte, es sei das
letzte Andenken, das sie von ihrem Kinde haben solle, und da keine andere
Erinnerung jemals so kostbar sein knne; denn dieses Band war das letzte,
was sie von dem kleinen Krper bekam, bevor ihn der schreckliche Tod
zerstrte. Einige behaupteten, man knne in der Hhle zuweilen fernen
Lichtschein sehen, und dann machte sich jedesmal ein ganzer Trupp unter
lauten Freudenrufen dorthin auf -- und dann folgte jedesmal die traurigste
Enttuschung. Es ging nicht von den Kindern aus, es war nur das Licht eines
Suchenden.

Drei schreckliche Tage und Nchte schleppten ihre unendlichen Stunden
dahin, und das Dorf versank in stumme Hoffnungslosigkeit. Fr nichts
anderes hatten die Leute Sinn. Die eben gemachte berraschende Entdeckung,
da der Besitzer des Temperenzler-Wirtshauses Spirituosen im Besitz habe,
erregte kaum schwaches Aufsehen, so unerhrt sie auch war.

In einem lichten Moment begann Huck mit schwacher Stimme von Wirtshusern
im allgemeinen zu sprechen und fragte schlielich, von vornherein das
Schlimmste frchtend, ob, seit er krank sei, etwas in dem
Temperenzler-Wirtshaus entdeckt worden sei.

Die Witwe bejahte. Huck fuhr im Bett in die Hhe, die Augen rollend: ,,Was
-- was ist's?"

,,Spirituosen! Und 's ist daraufhin zugesperrt worden. Lieg' still, Kind --
wie hast du mich erschreckt!"

,,Nur noch das sagen Sie mir -- nur _das_ noch -- bitte: -- War's Tom
Sawyer, der's entdeckt hat?"

Die Witwe brach in Trnen aus: ,,Still, still, Kind! habs dir doch gesagt,
du _sollst_ nicht sprechen. Du bist sehr, sehr krank!"

Also war nichts als Schnaps gefunden; wr's das Geld gewesen, htt's doch
sicher mchtiges Aufsehen erregt. So war also der Schatz fr immer verloren
-- fr immer! -- Aber warum weinte sie denn? Sonderbar, da die Frau da
weinte.

Solche trben Gedanken gingen Huck durch den Kopf, und infolge der dadurch
erzeugten Erschpfung schlief er ein. Die Witwe dachte bei sich: ,,So da --
jetzt schlft er wieder -- armer Kerl! Tom Sawyer es finden! Erbarm' dich
-- wenn doch jemand den Tom Sawyer finden wollte! Viele gibt's sicher
nicht, die noch Hoffnung oder auch nur Kraft genug haben, auf die Suche zu
gehen!"

Zweiunddreiigstes Kapitel.

Kehren wir jetzt wieder zu Toms und Beckys Anteil am Picknick zurck. Mit
der brigen Gesellschaft trieben sie sich durch die finsteren Gnge, die
bekannten Wunder der Hhle betrachtend -- mit hochtrabenden Bezeichnungen
wie ,,Gesellschaftszimmer", ,,Kathedrale", ,,Aladins Palast" usw.
ausgestattete Wunder. Als dann das lustige Fangen und Verstecken begann,
beteiligten sich Tom und Becky eifrig daran, bis auch das allmhlich
langweilig wurde. Darauf spazierten sie eine gewundene Felsgasse hinunter,
indem sie mit hochgehaltenen Kerzen die halb von Spinnweben verdeckten
Namen, Daten, Postorte und Mottos lasen, mit denen die Wnde verziert
waren.

Als sie so allein und plaudernd weitertrieben, merkten sie schlielich, da
sie sich bereits in einem Teil der Hhle befanden, der keine solchen
Inschriften aufwies. Sie kritzelten ihre eigenen Namen mit Kerzenrauch
unter einen Felsvorsprung und gingen weiter. Pltzlich kamen sie an eine
Stelle, wo eine Quelle, ber Gerll herunterrieselnd und Kalkstckchen mit
sich treibend, durch endlose Jahrhunderte einen kleinen Niagara ber in
ewige Finsternis gehllte unvernderbare Felsen bildete. Tom zwngte seinen
kleinen Krper darunter, um den Wasserfall zu illuminieren. Er fand, da er
eine Art natrliche steinerne Treppe in die Tiefe verbarg, welche zwischen
schmalen Wnden eingeklemmt war. Die Begierde, den Entdecker zu spielen,
ergriff ihn sofort. Becky stimmte ihm bei, und sie machten zur Sicherheit
wieder ein Rauchzeichen und machten sich auf die Suche. Sie verfolgten
diesen Weg, brachten tief in den tiefsten Abgrnden der Hhle noch mehrere
solche Zeichen an und trieben sich dann kreuz und quer herum, um Dinge zu
entdecken, mit denen sie die Oberwelt verblffen knnten. Irgendwo fanden
sie eine groe Hhle, von deren Wlbung eine groe Menge schimmernder
Tropfsteine, von der Lnge und dem Umfange eines Mannes herunterhingen.
Staunend und sich verwundernd gingen sie hindurch und pltzlich mndete die
Hhle in einen engen Gang, und dieser brachte sie zu einem bezaubernd
schnen Springbrunnen, dessen Becken mit einer Eisschicht glnzenden
Kristalls bedeckt war. Er befand sich in der Mitte eines hallenartigen
Raumes, dessen Wnde getragen wurden von einer Reihe phantastisch
geformter, aus Tropfstein gebildeter Sulen, das Resultat durch
Jahrtausende ruhelos fallender Wassertropfen. Unter der Wlbung hatten sich
riesige Ballen von Fledermusen gebildet, viele tausend aneinander hngend;
die Lichter schreckten die Tiere auf, und sie kamen hundertweise herunter,
quiekend und wahnsinnig auf die Flammen der Kerzen losstrzend. Tom kannte
ihre Art und die Gefahr, die hier entstand. Er griff Becky bei der Hand und
zog sie in den ersten sich auftuenden Gang; und nicht zu frh, denn eine
Fledermaus lschte mit ihrem Flgel Beckys Licht aus, whrend sie aus der
Hhle rannten. Die Tiere verfolgten die Kinder noch eine gute Strecke, aber
die Flchtlinge strzten sich in jeden neuen Gang und entgingen so
schlielich der gefhrlichen Situation. Tom entdeckte einen unterirdischen
See, dessen dsteres Wasser weit entfernt sich im Schatten des Unbekannten
verlor. Tom wollte seine Ufer umwandern, meinte aber, es mchte besser
sein, sich vorher zu setzen und eine Weile zu ruhen. Jetzt, zum erstenmal
legte sich die tiefe Stille der Umgebung gleich einer feuchten Hand auf die
Gemter der Kinder.

Becky sagte: ,,Weit du, drauf geachtet hab' ich ja nicht, aber es scheint
mir so lange her, seit ich die andern gehrt hab'."

,,Na, Becky, denk' doch nur, wir sind doch tief unter ihnen, und ich wei
nicht, _wie_ weit nrdlich oder sdlich oder westlich oder was sonst.
Knnen sie hier unmglich hren."

Becky wurde ngstlich. ,,Mcht' doch wissen, wie lang' wir schon hier unten
sind, Tom. La uns lieber umkehren."

,,Ja, denk auch, 's ist besser. _Vielleicht_ ist's besser."

,,Kannst du den Weg finden, Tom? Fr mich ist's ein reiner Irrgarten."

,,Denk wohl, ich knnt 'n finden. Aber dann die Fledermuse, wenn die uns
die Kerzen ausmachen, ist's 'ne schreckliche Sache. La uns 'nen anderen
Weg versuchen, wo wir nicht durch mssen."

,,Ja, aber ich hoff', wir werden uns nicht verlaufen. 's wr doch zu
grlich."

Und das Kind schttelte sich schaudernd beim bloen Gedanken an die
furchtbare Mglichkeit.

Sie verfolgten einen Gang lange Zeit schweigend, nach jeder neuen ffnung
schauend, ob sich dort nicht eins ihrer Merkmale sehen lasse; aber nichts
war zu sehen. So oft Tom seine Untersuchung anstellte, durchforschte Becky
sein Gesicht nach einem ermutigenden Zeichen, und er sagte zuversichtlich:
,,O, 's ist schon recht! Der da ist's noch nicht, aber wir werden schon zum
rechten kommen!" Aber bei jedem milungenen Nachforschen fhlte er weniger
und weniger Zuversicht, und schlielich begann er auf gut Glck in jeden
sich ffnenden Gang einzulenken, in der verzweifelten Hoffnung, zu finden,
was so bitter not tat. Er sagte immer noch: ,,'s wre recht," aber auf
seinem Herzen lastete solch lhmende Angst, da die Worte ihren Klang
verloren hatten und klangen, als habe er gesagt: ,,Alles ist verloren."
Becky, halbtot vor Furcht, schmiegte sich an ihn und versuchte, krampfhaft
die Trnen zurckzuhalten, aber sie kamen doch. Schlielich sagte sie: ,,O,
Tom, was tun die Fledermuse. La uns denselben Weg zurckgehen! Wir kommen
ja weiter und immer weiter ab."

Tom blieb stehen ,,Horch," sagte er.

Tiefe Stille; so tiefe Stille, da sogar ihr Atem hrbar wurde. Tom schrie.
Der Schall drhnte durch die hohlen Gnge und erzeugte hundertfaches Echo,
um in der Ferne in einem schwachen Ton zu ersterben, der wie hhnisches
Lachen klang.

,,O, tu's nicht wieder, Tom! 's ist zu grlich," flehte Becky.

,,'s ist grlich, aber 's mu sein, Becky. Sie _knnten_ uns doch hren,
weit du."

Und er schrie abermals. Dieses ,,knnte" war ebenso schrecklich wie das
hhnische Lachen, es sprach so vllige Hoffnungslosigkeit daraus. Die
Kinder verharrten in Schweigen und lauschten. Aber nichts war zu hren.
Pltzlich wandte Tom sich auf demselben Weg zurck und beeilte seine
Schritte. Es dauerte gar nicht lange, da enthllte eine gewisse
Unsicherheit in seinen Bewegungen Becky eine neue schreckliche Tatsache: er
konnte den Weg nicht wiederfinden!

,,Ach, Tom, du hast keine Zeichen mehr gemacht!"

,,Becky, was war ich fr 'n Esel! Was fr 'n Esel! Dachte gar nicht dran,
da wir wieder zurck mten. Und jetzt kann ich den Weg nicht mehr finden;
's geht ja so durch'nander!"

,,Tom, Tom, wir sind verloren! wir sind verloren! Nie, nie wieder kommen
wir aus dieser grlichen Hhle heraus! Ach, warum sind wir nicht bei den
anderen geblieben!"

Sie sank nieder und brach in so herzzerreiendes Weinen aus, da Tom von
dem Gedanken gepackt wurde, sie mchte sterben oder den Verstand verlieren.
Er setzte sich zu ihr und legte seinen Arm um sie, sie verbarg ihr Gesicht
an seiner Brust, sie weinte sich aus, klagte sich an, zerflo in nutzloser
Reue; und das ferne Echo gab alles als hhnisches Gelchter zurck. Tom bat
sie, wieder Mut zu fassen, und sie sagte, sie knne es nicht. Er begann,
sich selbst bitter anzuklagen, da er sie in diese frchterliche Lage
gebracht habe. Dies wirkte. Sie sagte, sie wolle wieder Hoffnung zu fassen
versuchen, sie wolle sich aufraffen und ihm folgen, wohin er sie auch
fhren wrde, wenn er nur so etwas nicht wieder reden wolle; denn er sei
nicht schlimmer als sie selbst.

So setzten sie sich also wieder in Bewegung -- ziellos, lediglich dem
Zufall sich berlassend. Alles, was sie tun konnten, war ja, vorwrts zu
gehen. Whrend kurzer Zeit belebte sie schwache Hoffnung, nicht auf Grund
irgendwelcher berlegung, sondern lediglich, weil es in der Natur liegt,
zuversichtlich zu sein, so lange Alter und die Gewohnheit des Milingens
ihr noch nicht die Schwingen gebrochen haben. Pltzlich nahm Tom Beckys
Kerze und blies sie aus. Diese Sparsamkeit sprach schrecklich deutlich.
Worte waren nicht ntig. Becky verstand, und ihre Hoffnung starb wieder.
Sie wute, Tom hatte eine ganze Kerze und drei oder vier Stckchen in der
Tasche -- und doch mute er sparen!

Dann begann sich Mdigkeit geltend zu machen. Die Kinder versuchten, ihr
nicht nachzugeben, denn der Gedanke, sich zu setzen und dadurch eine Menge
kostbarer Zeit zu verlieren, stachelte sie wieder auf; sich bald in dieser,
bald in jener Richtung fortzubewegen, war doch immerhin Fortschritt und
konnte irgend welchen Erfolg haben; aber sich setzen, hie den Tod
herbeirufen und beschleunigen.

Schlielich versagten Beckys zarte Glieder den Dienst, sie setzte sich. Tom
blieb bei ihr, und sie sprachen von zu Hause, ihren Freunden, ihren
bequemen Betten, und vor allem -- dem Tageslicht! Becky weinte, und Tom
zermarterte sich das Hirn, um etwas zu ihrer Aufheiterung zu finden, aber
all seine ermunternden Worte waren lngst verbrauchte Argumente und klangen
wie Hohn. Schlielich drckte die Erschpfung so schwer auf Becky, da sie
in Schlaf verfiel. Tom war glcklich. Er sa da, starrte in ihr bekmmertes
Gesichtchen und sah es sich immer mehr aufhellen unter dem Einflu
angenehmer Trume; schlielich breitete sich ein Lcheln darber aus. Auch
auf ihn schien aus diesen friedvollen Gesichtszgen etwas wie Frieden und
Vergessenheit berzugehen, seine Gedanken verloren sich in vergangenen
Tagen und zauberten schne Erinnerungen hervor. Whrend er tief darin
versunken war, wachte Becky mit einem reizenden, kleinen Lachen auf -- aber
es erstarb ihr auf den Lippen, und ein Sthnen folgte ihm.

,,O, wie _konnte_ ich schlafen! Ich wollt', ich wr' nie, nie wieder
aufgewacht! Nein, nein, Tom, 's ist ja nicht wahr, Tom! Schau nicht so! Ich
will's ja nicht wiedersagen!"

,,Becky, ich war so froh, da du schliefst; jetzt bist du wieder stark, und
wir werden den Weg heraus schon finden!"

,,Wollen's versuchen, Tom! Aber ich hab' im Traum so 'n schnes Land
gesehen. Ich glaub' dahin gehen wir beide jetzt."

,,Nein, nein! Sei lieb, Becky, und la uns gehen und 's versuchen."

Sie standen auf und gingen weiter, Hand in Hand und hoffnungslos. Sie
versuchten, sich vorzustellen, wie lange sie schon in der Hhle seien, aber
alles, was sie wuten, war, da es Tage und Wochen schienen, und doch war's
nicht mglich, da ihre Kerzen ja immer noch brannten.

Eine lange Zeit war vergangen -- sie htten nicht sagen knnen, eine wie
lange -- als Tom vorschlug, leise zu gehen und zu horchen, ob sie nicht
irgendwo Wasser tropfen hrten, sie mten eine Quelle finden. Bald fanden
sie wirklich eine, und Tom meinte, es sei wieder an der Zeit, auszuruhen.
Beide waren schrecklich mde, doch Becky erklrte, noch weiter gehen zu
knnen. Sie wunderte sich, da Tom widersprach. Sie verstand das nicht. Sie
setzten sich und Tom befestigte seine Kerze an der Wand vor ihnen. Wieder
wurde ihnen schwer zumute. Lange herrschte tiefes Schweigen. Da wimmerte
Becky: ,,Tom, ich bin so hungrig!"

Tom zog etwas aus der Tasche. ,,Kennst du das?" fragte er.

Becky lchelte beinahe. ,,'s ist unser Hochzeitskuchen, Tom!"

,,Ja -- wollt', 's wr' so gro wie 'n Balken, denn 's ist alles, was wir
haben."

,,Ich hab's vom Picknick aufbewahrt, Tom, um davon zu trumen, wie 's die
erwachsenen Leute mit dem Hochzeitskuchen _machen_ -- aber nun wird's unser
--"

Sie lie den Satz unvollendet. Tom teilte den Kuchen und Becky a mit
Appetit, whrend er nur daran herumknapperte. Es gab eine Menge kaltes
Wasser -- zum Beschlu der Mahlzeit. Bald schlug Becky vor, weiter zu
gehen. Tom schwieg einen Augenblick, dann sagte er:

,,Becky, kannst du's ertragen, wenn ich dir was sage --?"

Becky wurde totenbla, aber sie sagte, sie dchte.

,,Na also, Becky, wir mssen hier bleiben, wo's Trinkwasser gibt. Dies
kleine Stckchen da ist unser letztes Licht!"

Nun brach Becky doch in Trnen aus und wimmerte leise. Tom tat, was er
konnte, sie zu beruhigen, aber mit schwachem Erfolg. Schlielich hauchte
Becky: ,,Tom!"

,,Na, Becky?"

,,Sie mssen uns doch vermissen und nach uns suchen!"

,,Gewi, mssen sie! Selbstverstndlich mssen sie!"

,,Suchen sie uns wohl jetzt schon, Tom?"

,,Na, ich denk' doch, sie tun's! -- Hoff' wenigstens, sie tun's."

,,Wann mgen Sie uns vermit haben, Tom?"

,,Denk' doch -- wie sie zum Dampfboot zurckgingen."

,,Tom, 's mute doch dunkel sein -- konnten sie's merken, da wir nicht
kamen?"

,,Glaub' kaum. Aber dann mute deine Mutter es merken, wie die andern nach
Haus kamen."

Ein erschreckter Blick aus Beckys Augen brachte Tom zur Besinnung, und ihm
fiel ein, da er sich da einem traurigen Irrtum hingegeben hatte. Becky
sollte zur Nacht ja gar nicht heimkommen! Die Kinder wurden still und
nachdenklich. Dann belehrte ein neuer Anfall von Verzweiflung bei Becky
Tom, da sie denselben Gedanken hatte wie er -- da der Sonntagmorgen zur
Hlfte vergehen konnte, bevor Frau Thatcher erfuhr, da Becky nicht bei
Harpers gewesen sei. Die Kinder hefteten die Augen auf das Kerzenrestchen
und beobachteten, wie es erbarmungslos kleiner und immer kleiner wurde;
sahen, wie schlielich nur noch ein halber Zoll Docht brig war; sahen die
Flamme flackern, auf und nieder, eine kleine Rauchsule von dem Docht
aufsteigen, und dann -- dann herrschte der Schrecken vollkommener
Finsternis.

Wie lange danach Becky allmhlich zu dem Bewutsein gelangte, da sie
weinend in Toms Armen lag, wuten beide nicht. Alles, was sie wuten, war,
da nach anscheinend _sehr_ langer Zeit beide aus totenhnlichem Schlaf
erwachten und sich ihres Elends wieder bewut wurden. Tom meinte, es knne
Sonntag sein, vielleicht auch Montag. Er versuchte, Becky zum Sprechen zu
bringen, aber ihr Kummer war zu niederdrckend, sie hatte alle Hoffnung
verloren. Tom trstete sie mit der Bemerkung, sie mten schon lange
vermit sein, und es sei kein Zweifel, da die Suche schon begonnen habe.
Er wollte schreien, vielleicht wrde doch jemand kommen. Er versuchte es --
aber in der Dunkelheit tnte das ferne Echo so grlich, da er's nicht zum
zweitenmal tun mochte.

Die Stunden flossen dahin, wieder stellte sich qulender Hunger ein. Ein
Stck von Toms Kuchenhlfte war noch da; sie teilten und aen sie. Aber sie
schienen nur hungriger zu werden. Die armseligen Krmel erweckten nur das
Verlangen nach mehr.

Pltzlich sagte Tom: ,,Pscht! Hrst du nichts?"

Beide hielten den Atem an und horchten. Es wurde etwas wie ein ganz
entfernter Ruf hrbar. Sofort antwortete Tom, und, Becky an der Hand
fhrend, lief er in der entsprechenden Richtung den Gang entlang. Dann
horchte er wieder; wieder war der Ton hrbar, und, wie es schien, noch
nher.

,,Sie sind's!" jubelte Tom. ,,Sie kommen! Komm mit! Becky -- jetzt ist
alles gut!"

Die Freude der Gefangenen war nahezu berwltigend. Das Vorwrtskommen war
indessen schwer, weil es hier zahlreiche Spalten gab, man mute daher
uerst vorsichtig sein. Bald kamen sie an eine und muten halten. Sie
konnte drei Fu tief sein, aber auch hundert -- es war kein Hinberkommen.
Tom legte sich platt nieder und reichte so tief es ihm mglich war. Kein
Boden. Sie muten bleiben und warten, bis die Retter kommen wrden. Sie
horchten; augenscheinlich klangen die Rufe immer entfernter. Ein bis zwei
Minuten, dann waren sie ganz verklungen! Herzbrechende Verzweiflung! Tom
brllte, bis er heiser war, aber vergebens. Er sprach Becky hoffnungsvoll
zu, aber eine Ewigkeit angstvollen Wartens verging, kein Ruf ertnte.

Die Kinder tasteten zur Quelle zurck. Endlos schleppte sich die Zeit hin.
Sie schliefen wieder und erwachten hungrig und trostlos. Tom glaubte, es
msse jetzt schon Dienstag sein.

Jetzt kam ihm ein neuer Gedanke. Es gab dicht dabei ein paar Seitengnge.
Es wrde besser sein, einige von ihnen zu untersuchen, als die Last der
Verzweiflung in Unttigkeit zu tragen. Er nahm eine Drachenleine aus der
Tasche, befestigte sie an einer Felskante und er und Becky gingen, Tom
voran, indem sich die Leine allmhlich abwickelte, vorwrts. Nach zwanzig
Schritt endete der Gang in einen abfallenden Platz. Tom warf sich auf die
Knie, tastete herum und suchte mit der Hand um die Ecke des Felsens
herumzukommen; er machte eine heftige Anstrengung, mglichst weit zu
reichen, und sah, nicht zwanzig Meter entfernt, eine menschliche Hand, ein
Licht haltend, um eine Ecke erscheinen! Tom stie ein Triumphgeschrei aus,
und pltzlich folgte der Hand der dazu gehrige Krper -- der des
Indianer-Joe! Tom erstarrte; er konnte kein Glied rhren. Dabei war er
hchst berrascht, den ,,Spanier" sich Hals ber Kopf davonmachen zu sehen.
Er wunderte sich, da Joe seine Stimme nicht erkannt und ihm nicht fr
seine Aussage vor Gericht den Hals abgeschnitten habe. Das Echo mute also
wohl seine Stimme unkenntlich gemacht haben. Zweifellos war es so, dachte
er. Der Schreck hatte jeden Muskel in ihm erschlafft. Er beschlo, wenn er
noch Kraft genug habe, zur Quelle zurckzukehren, dort bleiben zu wollen,
und _nichts_ solle ihn wieder veranlassen knnen, sich der Gefahr eines
Zusammentreffens mit dem Indianer-Joe auszusetzen. Er war besorgt, Becky
von dem, was er gesehen habe, nichts merken zu lassen. Er sagte, er habe
nur auf gut Glck nochmals gerufen.

Aber Hunger und Trostlosigkeit wurden immer schlimmer. Nochmals eine Zeit
tdlichen Einerleis an der Quelle und nochmals ein langer Schlaf brachten
ihn zu einem anderen Entschlu. Sie erwachten, von rasendem Hunger geqult.
Tom glaubte, es msse Mittwoch oder Donnerstag, vielleicht gar Freitag oder
Samstag sein, und da die Suche lngst aufgegeben sei. Er schlug vor, einen
anderen Gang zu untersuchen. Er war jetzt bereit, es mit Joe und allen
Schrecken aufzunehmen. Aber Becky war sehr schwach. Sie war in tiefe
Empfindungslosigkeit versunken und wollte nicht gestrt sein. Sie erklrte,
wo sie jetzt sei, warten zu wollen -- und zu sterben; es werde ja nicht
mehr lange dauern. Tom solle nur mit der Drachenleine weiter suchen; aber
sie beschwor ihn, zuweilen wiederzukommen und mit ihr zu sprechen; und wenn
die schreckliche Stunde gekommen sei, solle er bei ihr sein und ihre Hand
halten -- bis alles vorber sein wrde. Tom kte sie mit erstickendem
Gefhl in der Kehle und zeigte dabei nach Krften Zuversicht, die Suchenden
zu finden oder aber einen Ausweg aus der Hhle. Dann nahm er die
Drachenleine und machte sich, auf Hnden und Fen kriechend, davon, von
Hunger geqult und elend vor trben Ahnungen des Kommenden.

Dreiunddreiigstes Kapitel.

Dienstag-Nachmittag kam und wurde von der Dmmerung abgelst. Das Dorf St.
Petersburg lag wie im Totenschlaf. Die verlorenen Kinder waren nicht
gefunden worden. ffentliche Gebete waren fr sie abgehalten worden;
wieviel ungehrte Gebete mochten auerdem zum Himmel gestiegen sein! Aber
noch immer kam keine hoffnungsvollere Nachricht aus der Hhle. Die meisten
Suchenden hatten ihre Bemhungen aufgegeben und waren zu ihren tglichen
Beschftigungen zurckgekehrt, da nach ihrer Meinung die Kinder endgltig
aufgegeben werden mten. Frau Thatcher war sehr krank und lag meistens im
Delirium. Man sagte, es sei herzbrechend, ihr Rufen nach ihrem Kinde zu
hren, sie den Kopf heben und minutenlang horchen und sie dann unter
Sthnen sich mutlos wieder in die Kissen werfen zu sehen. Tante Polly war
in vollkommene Schwermut versunken, ihr graues Haar war fast wei geworden.
Traurig und mutlos beschlo das Dorf den Dienstag-Abend.

Ungefhr um Mitternacht ertnte wildes Glockengelut, im Augenblick waren
die Straen erfllt von halbbekleideten, verschlafenen Menschen, die
schrien: ,,Heraus, heraus -- sie sind gefunden! Sie sind gefunden!"
Blechpfannen und Hrner vermehrten noch den Spektakel, das Volk bildete
groe Trupps, die dem Flu zuliefen, um die Kinder in Empfang zu nehmen,
welche in offenem Wagen, umgeben von schreienden Brgern, herangezogen
kamen; Hurra ber Hurra brllend, wlzte sich der Zug durch die Straen.

Das Dorf wurde illuminiert, niemand ging wieder zu Bett, es war die grte
Nacht, die das kleine Nest je erlebt hatte. Whrend der ersten halben
Stunde zog eine wahre Prozession von Brgern nach Richter Thatchers Haus,
ri die Geretteten an sich, um sie zu kssen, drckte Frau Thatchers Hand,
suchte vergebens nach Worten, und strmte wieder hinaus, alles mit Trnen
berschwemmend.

Tante Pollys Seligkeit war vollkommen und Frau Thatchers beinahe.
Vollkommen konnte sie erst sein, wenn ein Bote mit der Glcksnachricht bei
ihrem noch immer in der Hhle herumirrenden Mann angelangt sein wrde.

Tom lag auf dem Sofa, von begierigen Zuhrern umgeben und erzhlte die
Geschichte seiner groartigen Abenteuer, hie und da kleine Ausschmckungen
anbringend; er schlo mit der Beschreibung, wie er Becky verlie, um einen
neuen Streifzug zu machen; wie er zwei Gnge, so weit seine Leine reichte,
verfolgte; wie er auch eine dritte untersuchte und eben im Begriff war,
umzukehren, als er in weiter Ferne einen schwachen Lichtschimmer entdeckte,
der wie Tageslicht erschien; wie er die Leine fortwarf und darauf zukroch,
Kopf und Schultern durch eine enge ffnung prete und die Ufer des
Mississippi vor sich sah. Und wre es zufllig Nacht gewesen, htte er den
Lichtschimmer nicht gesehen und wre umgekehrt, ohne den Gang weiter zu
untersuchen! Er erzhlte, wie er zu Becky zurckkehrte, ihr die Nachricht
brachte, und sie ihn bat, sie nicht durch solchen Unsinn aufzuregen, denn
sie sei mde, im Begriff zu sterben und _wolle_ sterben; welche Mhe er
sich gab, sie zu berzeugen, und wie es ihm endlich gelang, und wie sie
dann fast starb vor Freude, als sie hingekrochen und den Tagesschein selbst
gesehen habe; wie er zuerst durch das Loch gekrochen sei und dann auch ihr
hindurchgeholfen habe; wie sie dasaen und vor Entzcken weinten; wie ein
paar Leute in einem Boot vorbeikamen, er sie anrief und ihnen ihre Lage und
ihren verhungerten Zustand schilderte; wie die Leute die ganze Erzhlung
erst nicht glaubten, ,,denn," sagten sie, ,,ihr seid fnf Meilen
stromabwrts vom Eingang der Hhle," sie dann zu sich nahmen, sie in ihr
Haus brachten, sie essen und dann bis zwei oder drei Stunden nach
Dunkelwerden ruhen lieen und sie dann schlielich hierher geleiteten.

Drei Tage und Nchte Aufregung und Hunger in der Hhle lieen sich nicht
auf einmal abschtteln, wie Tom und Becky bald bemerkten. Mittwoch und
Donnerstag muten sie das Bett hten und schienen dabei immer schwcher und
schwcher zu werden. Donnerstag konnte Tom ein bichen herumkriechen; am
Freitag war er wieder auf den Beinen und am Samstag fast wie sonst. Becky
aber konnte ihr Zimmer erst am Sonntag verlassen, und dann sah sie noch
aus, als habe sie eben eine schwere Krankheit durchgemacht.

Tom hrte von Hucks Krankheit und ging am Freitag hin, um ihn zu sehen,
wurde aber nicht zugelassen; ebensowenig Samstags und Sonntags. Danach
durfte er tglich den Kranken besuchen, doch war ihm verboten, von seinen
Abenteuern zu erzhlen, um keine Aufregung bei dem Freund hervorzurufen.
Die Witwe Douglas sa dabei und pate auf, da er gehorchte. Zu Hause
erfuhr Tom das Cardiff Hill-Abenteuer; auch da der Krper des einen
Strolches, des ,,Fremden", im Flu nahe der Landungsstelle des Dampfbootes
gefunden worden sei. Wahrscheinlich war er auf der Flucht angeschossen
worden.

Ungefhr vierzehn Tage nach seiner Wiederherstellung ging Tom zu Huck, der
inzwischen wieder so weit bei Krften war, um aufregende Neuigkeiten
vertragen zu knnen; und Tom wute einige, die, dachte er, ihn wohl
interessieren knnten. Richter Thatchers Haus lag an Toms Weg, und er ging
hinein, nach Becky zu sehen. Der Richter und ein paar Freunde zogen Tom ins
Gesprch, und jemand fragte ihn ironisch, ob er wohl Lust habe, nochmals in
die Hhle zu gehen. Tom sagte, ja, er glaube wohl, da er mchte.

Der Richter lachte: ,,'s gibt wohl noch mehrere auer dir, Tom, daran
zweifle ich nicht im geringsten. Aber dafr ist gesorgt. Niemand soll
nochmals in der Hhle verloren gehen."

,,Wieso?"

,,Weil ich schon vor zwei Wochen die Eichentr mit eisernen Bndern und
'nem dreifachen Schlo habe versichern lassen; und die Schlssel habe ich
selbst in Verwahrung."

Tom wurde wei wie die Wand.

,,Was ist's mit dem Jungen? Ho -- lauf mal jemand nach 'nem Glas Wasser!"

Das Wasser wurde gebracht und Tom ins Gesicht gespritzt.

,,Aha -- 's hilft schon! Na, was war denn Tom?"

,,Gott, Herr Richter -- in der Hhle drinnen war der Indianer-Joe!"

Vierunddreiigstes Kapitel.

Wenige Minuten gengten, um die Neuigkeit bekannt zu machen, und ein
Dutzend Bootsladungen Mnner war unterwegs nach der Douglas-Hhle, denen
bald das vollgestopfte Dampfboot folgte. Tom Sawyer befand sich im gleichen
Boot mit dem Richter Thatcher. Als die Tr zur Hhle geffnet wurde, bot
sich in der ungewissen Dmmerung des Ortes ein trauriger Anblick. Der
Indianer-Joe lag auf der Erde ausgestreckt, tot, das Gesicht fest an eine
Lcke in der Tr gepresst, als wenn seine Augen bis zum letzten Augenblick
an den Anblick der hellen, freien Welt dort drauen geheftet gewesen wren.
Tom fhlte sich gerhrt, denn aus eigener Erfahrung wute er, was der
Schuft gelitten haben mute. Sein Mitleid war erregt, aber trotzdem empfand
er ein berwltigendes Gefhl der Freiheit und Sicherheit, das ihm deutlich
zeigte, was er bisher nur dunkel in sich getragen hatte; wie gro seine
Furcht vor einem gewaltsamen Tode bei ihm gewesen sei, seit er vor Gericht
gegen den Blutmenschen Zeugnis abgelegt hatte.

Joes Messer lag dicht bei ihm, die Klinge war abgebrochen; mit grenzenloser
Ausdauer hatte er den eichenen, starken Grundbalken der Tr durchschnitten.
Freilich war es vergebliche Ausdauer gewesen, denn der Felsen bildete eine
natrliche Schwelle, und an der Hrte _dieses_ Hindernisses mute sein
Messer machtlos abgleiten; eine Wirkung zeigte sich auch nur an diesem
selbst. Aber auch ohne diesen Steinwall wrde alle Mhe umsonst gewesen
sein, denn htte der Indianer auch den Balken ganz entfernen knnen, so
konnte er sich doch unmglich durch diesen engen Spalt durchzwngen -- und
er wute das. So hatte er denn die Arbeit nur verrichtet um etwas zu tun,
um die frchterliche Zeit totzuschlagen, um seinen Geist abzulenken.
Gewhnlich konnte man ein halbes Dutzend Kerzenreste in den Nischen des
Eingangs finden, die von Besuchern dort zurckgelassen waren. Jetzt war
nicht eine einzige da. Der Gefangene hatte sie zusammengesucht und sie
gegessen. Auch hatte er ein paar Fledermuse gefangen und sie verzehrt,
nichts als die Flgel brig lassend. Der arme, unglckliche Mensch war
Hungers gestorben. In der Nhe hatte sich durch undenkliche Zeiten ein
Tropfsteingebilde vom Boden herausgebildet -- infolge bestndigen
Wassertropfens von der Decke. Er hatte die Spitze dieser Sule abgebrochen
und einen etwas ausgehhlten Stein darauf gelegt, worin er die von zwanzig
zu zwanzig Minuten regelmig wie durch ein Uhrwerk herunterfallenden
Tropfen auffing -- einen Teelffel voll in vierundzwanzig Stunden! Dieser
Tropfen fiel schon, als die Pyramiden neu waren, als Troja sank, als Rom
gegrndet wurde, bei der Kreuzigung Christi, als der Eroberer nach England
kam, als Columbus aussegelte, als das Blutbad von Lexington ,,neu" war. Er
fllt noch; er wird noch fallen, wenn all die jetzigen Dinge durch
Vergangenheit Geschichte geworden, durch die Dmmerung der Sage in die
Nacht der Vergessenheit versunken sein werden. Hat alles einen Zweck und
eine Bestimmung? Mute dieser Tropfen durch fnftausend Jahre fallen, weil
er einmal fr dieses menschliche Insekt ntig werden sollte, und hat er
vielleicht in zehntausend Jahren noch einmal einen Zweck zu erfllen? Aber
genug. Es sind viele, viele Jahre vergangen, seitdem dieser hilflose
Indianer den Stein aushhlte, um ein paar unschtzbare Wassertropfen
aufzufangen; aber bis zum heutigen Tage betrachtet jeder Reisende, der die
Wunder der Douglas-Hhle kennen zu lernen kommt, am lngsten von allem
diesen merkwrdigen Stein und den langsam fallenden Tropfen. ,,Der Becher
des Indianer-Joe" steht unter den Sehenswrdigkeiten der Hhle an erster
Stelle; selbst ,,Aladins Palast" kann nicht mit ihm verglichen werden.

Der Indianer wurde nahe der Mndung der Hhle begraben. Das Volk strmte
dahin aus dem Dorfe und aus allen Farmen und Niederlassungen sieben Meilen
in der Runde zusammen; man schleppte die Kinder und eine Menge Lebensmittel
heran und war schlielich von dem Begrbnis so befriedigt, als wre Joe
gehngt worden.

Die Beerdigung machte einer uerst wichtigen Sache ein Ende -- der
Petition an den Gouverneur fr des Indianer-Joes Begnadigung. Sie trug eine
endlose Menge Namen; mehrere gerhrte, redselige Versammlungen hatten
getagt, ein Komitee weiser Frauen lag dem Gouverneur mit Murren und Klagen
in den Ohren und bestrmte ihn, eine mchtige Eselei zu begehen und seine
Pflicht mit Fen zu treten. Der Indianer galt als Mrder von fnf Brgern
des Dorfes -- aber was tat das? Wre er der Teufel selbst gewesen, es htte
sich doch eine Anzahl Schwchlinge gefunden, die ihre Namen unter ein
Begnadigungsgesuch gekritzelt und eine Trne aus ihren bestndig bervollen
Wasserwerken darauf fallen gelassen htten.

Am Morgen nach dem Begrbnis zog Tom Huck zu einer wichtigen Unterredung an
einen geheimen Ort. Huck hatte bereits durch den Walliser und die Witwe
Douglas von Toms Abenteuern gehrt, aber Tom meinte, es gbe wohl noch
etwas, wovon jene ihm nichts gesagt haben drften; darber eben wollten sie
jetzt sprechen. Hucks Gesicht verfinsterte sich.

,,Wei schon, was es ist," sagte er. ,,Warst in Nummer Zwei und fandst
nichts als Schnaps. 's hat mir zwar niemand gesagt, da du's warst, aber
ich wute wohl, da du's sein mutest, sobald ich von dieser
Schnaps-Geschichte hrte; und wute, du httst das Geld nicht erwischt,
weil du sonst auf irgend 'ne Weise zu mir gekommen wrst und mir's gesagt
httest, auch wenn du sonst gegen alle stumm gewesen wrst. Tom, ich glaub'
fast, wir kriegen nie was von dem Schatz zu sehen."

,,Was, Huck, kein Wort red' ich von dem Schnapswirt. Du weit doch, den
Sonntag, als ich zum Picknick ging, war in seiner Schenke noch alles in
Ordnung. Erinnerst du dich nicht, da du in der Nacht wachen solltest?"

,,O, sicher. Zwar, 's kommt mir vor, als wr's ein Jahr her. 's war
dieselbe Nacht, wo ich dem Joe zur Witwe nachschlich."

,,Du schlichst ihm nach?"

,,Freilich -- aber reinen Mund halten! Denk' doch, der Joe hat Freunde
hinterlassen. Mcht' sie doch nicht auf mich hetzen! Wr' ich nicht
gewesen, s' er jetzt in Sicherheit unten in Texas!"

Dann erzhlte Huck Tom sein ganzes Abenteuer im Vertrauen, der bisher nur
von des Wallisers Anteil an der Sache wute.

,,Aber," unterbrach er sich pltzlich, auf die Hauptfrage zurckkommend,
,,wer den Schnaps in Nummer Zwei entdeckt hat, hat auch's Geld in die
Finger bekommen, denk' ich -- auf jeden Fall ist's fr uns verloren, Tom."

,,Huck -- das Geld war gar nicht in Nummer Zwei."

,,Was!?" Huck starrte seinen Kameraden verdutzt an. ,,Tom, hast du wieder
'ne Spur von dem Geld?"

,,Huck -- 's ist in der Hhle!"

Hucks Augen leuchteten. ,,Sag's noch mal, Tom!"

,,Das Geld ist in der Hhle!"

,,Tom -- Allmchtiger -- jetzt -- ist das Ernst oder Scherz?"

,,Ernst, Huck, so ernst wie alles bei mir. Willst du mitgehn und 's
rausholen?"

,,Denk' doch, da ich will! -- Wenn's wo liegt, wo wir's leicht finden
knnen -- ohne den Weg zu verlieren --"

,,Huck, wir knnen's ohne die geringste Gefahr von der Welt."

,,Ist mal was! Aber, warum denkst du, da das Geld --"

,,Huck, du mut warten, bis wir drin sind. Wenn wir's _nicht_ finden, geb'
ich dir meine Trommel -- und alles, was ich sonst noch hab'; verla dich
drauf!"

,,'s ist gut -- ist 'n Wort. Wann wolln wir?"

,,Meinetwegen gleich, wenn du magst. Bist du stark genug?"

,,Ist's weit in der Hhle? Bin zwar schon drei bis vier Tage wieder auf den
Beinen, aber mehr als 'ne Meile -- Tom, ich glaub', mehr kann ich nicht."

,,'s sind ungefhr fnf Meilen auf dem gewhnlichen Weg, aber den wolln wir
nicht gehn, Huck, sondern 'nen ganz kurzen, den niemand kennt auer mir.
Huck, ich werd' dich in 'nem Boot hinfahren. Werd' das Boot da anlegen und
's wieder zurckrudern, alles ganz allein. Brauchst dich gar nicht drum zu
kmmern."

,,Na, Tom, la uns schnell hin!"

,,Schon recht, aber wir brauchen Brot und Fleisch und unsere Pfeifen, und
'nen kleinen Sack und zwei oder drei Drachenschnre, und dann noch 'n paar
von den neuartigen Dingern, die sie Zndhlzer nennen. Sag' dir, ich htt'
welche davon brauchen knnen, wie ich neulich drin war."

Kurz nach Mittag liehen sich die Jungen ein kleines Boot von einem Brger,
der gerade abwesend war und machten sich auf den Weg. Als sie ein paar
Meilen unterhalb der Hhlenbucht waren, sagte Tom: ,,Sieh mal hier, dies
schroffe Ufer da sieht genau so aus, wie sonst an 'ner beliebigen Stelle --
kein Haus, kein Garten, nichts als Gestrpp. Aber siehst du die weie
Stelle, wo ein Erdrutsch mal gewesen sein mag? Na, das ist eins von meinen
Kennzeichen. Wollen landen."

Sie landeten. ,,Jetzt, Huck -- wo wir jetzt stehn, kannst du das Loch
berhren, aus dem ich neulich herausgekrochen bin. Schau mal, ob du's
finden kannst."

Huck suchte berall herum, fand aber nichts. Tom ging stolz auf ein dickes
Gewirr von Sumachbschen zu und sagte: ,,_Hier_ ist's! Schau her, Huck. 's
ist die verborgenste Hhle in diesem gesegneten Lande. Da du aber den Mund
hltst! Hab' ja schon immer Ruber sein wollen, aber ich wut', da ich
erst so 'n Ding haben mt', wie das da, wohin man sich mal verstecken
kann. Jetzt haben wir's und mssen's geheim halten; hchstens darf's der
Joe Harper und Ben Rogers wissen, weil's doch 'ne rechte Bande sein mu,
oder 's hat gar keinen Schick. ,Tom Sawyers Ruberbande', 's klingt mchtig
groartig, Huck, was?"

,,Na, das will ich wohl meinen, Tom! Und _wen_ wollen wir berauben?"

,,Na, so ziemlich _alle_ Leute. Auf der Strae auflauern -- das ist so die
rechte Manier."

,,Und tten die Kerls."

,,Nein -- nicht immer. Sperren sie in die Hhle, bis sie sich auslsen."

,,Aus -- was ist ,auslsen'?"

,,Na -- Geld zahlen. Man zwingt sie, da ihre Freunde fr sie alles, was
sie auftreiben knnen, zusammenscharren; und wenn man sie 'n Jahr
festgehalten hat, und das Geld ist noch nicht da -- dann ttet man sie. 's
ist allgemeine Sitte so. Blo die Frauen ttet man nie. Man sperrt sie ein,
aber man ttet sie nicht. Sie sind immer ganz verdammt schn und reich und
schrecklich furchtsam. Man nimmt ihnen die Uhren weg und alles, was sie
sonst haben, aber man nimmt bei ihnen immer den Hut ab und ist furchtbar
hflich. Niemand ist so hflich wie Ruber -- du kannst das in allen
Bchern lesen. Und dann -- dann verlieben sich die Weiber in uns, und wenn
sie ein oder zwei Wochen in der Hhle gewesen sind, hren sie auf, zu
heulen, und noch spter kannst du sie gar nicht wieder los werden. Schmeit
man sie 'raus, kehren sie sofort um und kommen zurck. 's ist in allen
Bchern so."

,,Na, das ist aber unangenehm, Tom. Glaub' doch, Pirat sein ist noch
besser."

,,Ja, 's ist besser in manchen Dingen, aber Ruber sind nher bei zu Hause,
und dann haben sie 'n Zirkus und all das andere."

Inzwischen waren sie herangekommen und krochen in die Hhle, Tom voran.

Sie gingen bis ans andere Ende des Ganges, befestigten ihre Drachenschnre
und setzten den Weg fort. Wenige Schritte brachten sie an die Quelle, und
Tom fhlte einen kalten Schauder. Er zeigte Huck den noch an der Wand
klebenden Rest des Kerzendochtes und beschrieb, wie er und Becky das letzte
Aufflackern und Erlschen der Flamme beobachtet hatten.

Die Jungen verfielen jetzt unwillkrlich in Flsterton, denn die Stille und
Finsternis des Ortes lasteten schwer auf ihrem Geist. Sie gingen weiter und
bogen dann pltzlich in Toms anderen Gang ein, den sie bis zu dem
,,Abgrund" verfolgten, an dem Tom hatte Halt machen mssen. Die Lichter
zeigten ihnen jetzt, da es ein solcher eigentlich nicht sei, sondern nur
ein steiler Lehmabhang, zwanzig oder dreiig Fu tief.

Tom flsterte: ,,Jetzt will ich dir was zeigen, Huck!" Er hielt die Kerze
in die Hhe und sagte: ,,Schau' so weit um den Felsvorsprung herum, wie du
kannst. Siehst du? Da -- auf dem groen Felsblock ber dir --"

,,Tom, 's ist ein Kreuz!"

,,Na, und wo ist deine ,Nummer Zwei'? ,Unter dem Kreuz', he? Gerade dort,
wo ich den Indianer-Joe sein Licht hinhalten sah, Huck!"

Huck starrte eine Weile auf das geheimnisvolle Zeichen und sagte dann mit
zitternder Stimme: ,,Tom, la uns machen, da wir von hier fortkommen!"

,,Wa -- a -- as? Und den Schatz hier lassen?!"

,,Ja -- hier lassen! 's ist sicher, Joes Geist spukt hier herum!"

,,Denkt nicht dran, Huck, denkt nicht dran! 's ist ja nicht der Platz, wo
er gestorben ist -- der ist weit von hier an der Mndung der Hhle -- fnf
Meilen von hier."

,,Nein, Tom, 's ist nicht so. Er geht um, wo 's Geld liegt. Ich wei, wie's
bei den Geistern ist, _so_ machen sie's."

Tom begann zu befrchten, Huck knne recht haben. Mibehagen beschlich ihn.
Aber pltzlich kam ihm eine Idee.

,,Schau doch, Huck, was fr Schafskpfe wir wieder mal sind! Indianer-Joes
Geist kann nirgends umgehn, wo 'n Kreuz ist!"

Diese Beweisfhrung schlug durch. Es lie sich nichts dagegen sagen.

Tom machte sich als erster daran, rohe Stufen in die Lehmwand zu hauen.
Huck folgte. Vier Gnge ffneten sich von der kleinen Hhlung aus, in der
sich der bewute groe Felsen befand. Die Jungen untersuchten drei ohne
Erfolg. In dem der Basis des Felsens am nchsten befindlichen fanden sie
eine kleine Nische, in der sich eine Anzahl Wolldecken, ein alter Grtel,
ein paar Schinkenschwarten und die sauber abgenagten Knochen von zwei bis
drei Hhnern vorfanden. Aber keine Geldkiste.

Die Jungen durchsuchten alles wieder und immer wieder -- aber vergebens.

Dann meinte Tom: ,,Er sagte, _unter_ dem Kreuz! Na, dies ist _beinahe_
unter dem Kreuz. Unterm Felsen selbst kann's nicht sein, denn der sitzt zu
fest."

Sie suchten immer wieder und wieder und setzten sich schlielich mutlos
nieder. Huck wollte nichts einfallen. Aber Tom sagte pltzlich: ,,Schau mal
her, Huck! Auf der einen Seite des Felsens sind 'n paar Fuspuren und
Kerzen-Spritzer, auf der anderen Seite sind _keine_! Was meinst du _nun_?
Bitt' dich, das Geld ist _unter_ dem Felsen! Werd' mal gleich im Lehm
nachgraben."

,,Kein bler Gedanke, Tom," entgegnete Huck mit Bewunderung.

Toms ,,echtes Barlow-Messer" war im Nu heraus, und er hatte noch nicht fnf
Striche getan, als er auf Holz stie.

,,Hoho, Huck, hrst du das?" Huck begann ebenfalls zu graben und zu whlen.
Ein paar Bretter waren bald ausgegraben und beiseite geworfen. Sie hatten
eine natrliche Spalte verborgen, die unter den Felsen fhrte. Tom kroch
hinein und leuchtete, so tief er konnte, vermochte das Ende der Spalte aber
nicht zu sehen. Er schlug vor, noch weiter zu forschen, kroch hinein und
geradeswegs hinunter. Er folgte allen Windungen des Spalts, erst nach
rechts, dann nach links, Huck immer hinterdrein. Pltzlich machte Tom eine
kurze Wendung und schrie:

,,Bei Gott, Huck, schau her!"

Es war die Geldkiste in einem kleinen Loch, daneben ein Pulverbehlter,
eine Menge Flinten in verschiedenen Hllen, zwei Paar alte Mocassins, ein
alter Grtel und ein paar Kleinigkeiten, alles grndlich durchnt durch
das heruntertropfende Wasser.

,,Gott im Himmel!" schrie Huck, mit den Hnden im Gold whlend, ,,sind wir
jetzt aber reich, Tom!"

,,Huck, ich hab' ja immer drauf gerechnet. 's ist aber fast _zu_ schn, um
dran zu glauben, aber wir haben's mal sicher -- endlich! Wollen's nicht
hier liegen lassen, sondern mitnehmen; la mal sehen, ob ich die Kiste
aufheben kann!"

Die wog aber ber 50 Pfund, Tom konnte sie mit groer Anstrengung ein
bichen heben, an Fortschaffen aber war gar nicht zu denken.

,,Dacht's mir," meinte er. ,,Damals im Gespensterhaus trugen sie, schien's,
schwer genug daran -- merkt's wohl. Denk', 's wird gut sein, die kleinen
Beutel herzunehmen."

Bald war das Geld verpackt, und sie schleppten's heraus.

,,Nun la uns noch Gewehre und sonst so 'n Zeug mitnehmen." schlug Huck
vor.

,,Nein, Huck, da lassen! Sind gerad' Sachen, die wir brauchen, wenn wir
erst Ruber sind. Nehmen's seiner Zeit zu unsern Orgien; 's ist ein
verdammt feiner Platz fr Orgien."

,,Was sind Orgien?"

,,Wei nicht. Aber Ruber halten immer Orgien. also mssen wir doch auch
welche halten. Nun komm' aber, Huck, wir sind hier lang genug gewesen. 's
ist schon spt, denk' ich. Bin auerdem mchtig hungrig. Im Boot wolln wir
essen und rauchen."

Sie schlpften also hinaus ins Sumachgebsch, lugten vorsichtig herum,
fanden die Luft rein und waren bald im Boot in vollem Schmausen und
Rauchen. Als die Sonne sank, stieen sie vom Ufer und machten sich auf den
Weg. Tom huschte im Zwielicht an die Kste heran, und kurz darauf landeten
sie in voller Dunkelheit.

,,Jetzt, Huck," sagte Tom, ,,wollen wir 's Geld auf dem Boden des
Holzschuppens der Witwe verstecken, morgen komm' ich dann, wir knnen's
zhlen und teilen, und dann suchen wir im Wald 'nen Platz, wo wir's sicher
vergraben knnen. Jetzt halt dich mal ganz still und bewach das Zeug, bis
ich hinlauf' und Benny Taylors kleinen Schubkarren leih'. Bin in 'ner
Minute wieder da."

Er verschwand, kehrte sogleich mit dem Karren zurck, legte die zwei
kleinen Scke drauf, befestigte zwei Drachenleinen dran und zog an, seinen
Schatz hinter sich. Als die Jungen das Haus des Wallisers erreichten,
standen sie still, um auszuruhen. Gerade, als sie sich wieder auf den Weg
machen wollten, kam der Walliser heraus und rief:

,,Hallo, wer da?"

,,Huck und Tom Sawyer."

,,'s ist gut! Kommt nur mit, Jungens, werdet schon berall gesucht. Na --
vorwrts, sputet euch mal! Will den Karren fr euch ziehen. Alte
Ziegelsteine drin oder altes Metall?"

,,Altes Metall," stotterte Tom.

,,Dacht' mir's; alle Jungen machen sich mehr Mhe und brauchen mehr Zeit,
um fr sechs Pence altes Eisen zusammenzuscharren, als sie brauchten, um
doppelt so viel Geld durch ordentliche Arbeit zu verdienen. Aber ist mal
die menschliche Natur so!"

Die Jungen htten gern gewut, wozu die groe Eile sei.

,,Wei nicht; werdet's sehn, wenn wir zur Witwe Douglas kommen."

Huck sagte ein wenig beunruhigt -- denn er war lngst daran gewhnt,
unschuldig angeklagt zu werden: ,,Mr. Jones, wir haben's gewi nicht
getan!"

Der Alte lachte. ,,Na, wei doch nicht, Huck, mein Junge. Wei doch nicht,
seid ihr mit der Witwe gut Freund?"

,,J -- a! Wenigstens ist sie immer freundlich mit mir gewesen."

,,Na also! Warum dann Angst haben?"

Die Frage war noch nicht ganz von Huck beantwortet, als er sich mit Tom in
der Witwe Besuchszimmer gestoen fhlte. Mr. Jones lie die Karre drauen
und folgte.

Das Zimmer war glnzend erleuchtet und alles, was irgend dazu gehrte,
erschienen. Thatchers waren da, Harpers, Rogerses, Tante Polly, Sid, Mary,
der Pfarrer, der Redakteur und viele andere, und alle mit feierlichen
Gewndern angetan. Alle zeigten feierliche Mienen. Tante Polly wurde vor
Verlegenheit blutrot und schttelte den Kopf zornig gegen Tom. Niemand
konnte indessen leiden wie die beiden Buben. Mr. Jones erklrte: ,,Tom war
leider nicht zu Haus, so gab ich ihn auf, stie aber gerade bei meiner Tr
auf ihn und Huck -- so bracht' ich sie denn Hals ber Kopf mit hierher."

,,Und 's war recht von Ihnen," entgegnete die Witwe. ,,Kommt mit, Jungen."
Sie zog sie in ein Schlafzimmer und sagte: ,,Jetzt wascht euch und zieht
euch ordentlich an. Hier sind zwei neue Anzge -- Hemden, Strmpfe -- alles
da. Sie sind fr dich, Huck, -- nein, keinen Dank, Huck! -- einer von Mr.
Jones, der andere von mir. Denk', sie werden euch beiden passen. Zieht sie
an. Wir wollen warten -- kommt runter, wenn ihr schn genug seid."

Damit ging sie.

Fnfunddreiigstes Kapitel.

,,Tom, wenn wir 'n Seil finden, knnen wir famos durchbrennen," sagte Huck,
,,die Fenster sind nicht hoch!"

,,Unsinn -- wozu denn durchbrennen?"

,,Na, so 'ne Menge Menschen kann ich nicht aushalten. Kann ich nicht! Ich
will raus, Tom!"

,,Ach was 's ist ja gar nichts! Frcht' mich nicht 'n bichen. Will schon
fr dich mit aufpassen."

Sid erschien. ,,Tom," sagte er, ,,Tante hat den ganzen Nachmittag auf dich
gewartet. Mary hatte deine Sonntagskleider zurecht gelegt, alles wartete
nur auf _dich_. -- Sag' mal, ist das da nicht Lehm und Talg auf deinen
Kleidern?"

,,Na, Mr. Siddy, mcht' dir raten, nach deinen eigenen Sachen zu sehen! --
Wozu ist die ganze Geschichte da unten?"

,,'s ist einfach so 'ne Gesellschaft, wie die Witwe Douglas sie ja immer
mal gibt. Diesmal ist's fr den Walliser und seine Shne, von wegen heut
nacht. Und dann -- kann auch noch was sagen, wenn ihr's wissen wollt --"

,,Na, was denn?"

,,Der alte Jones wollt' der Gesellschaft heut abend 'ne groe Sache
erzhlen, aber ich hrt 's ihn heut morgen Tante Polly als groes Geheimnis
anvertraun, denk' aber, 's ist kein groes Geheimnis mehr. Jedermann wei
es -- auch die Witwe, obwohl sie alles tut, um 's nicht merken zu lassen.
Oho, Mr. Jones wollte dafr sorgen, da Huck hier wre -- konnt' mit seinem
groen Geheimnis nicht ohne den Huck fertig werden, wit ihr!"

,,Geheimnis -- wovon?"

,,Na, da Huck die Ruber angezeigt hat. Denk', Mr. Jones wird 'ne groe
Sache aus seinem Geheimnis machen, aber, knnt' euch denken, 's wird ins
Wasser fallen."

,,Sid, _wer_ hat's verraten?"

,,Na -- wer wei? Irgend jemand hat's gesagt, das ist doch genug."

,,Sid, 's gibt im ganzen Dorf nur _einen_, der gemein genug ist, so was zu
tun, das bist _du_! Wrst du an Hucks Stelle gewesen, du httest dich
schleunigst davongemacht und niemand von den Rubern gesagt. Du kannst
nichts tun, was nicht gemein ist, und kannst's nicht vertragen, wenn andere
fr was Gutes gelobt werden. Da -- keinen Dank -- wie die Witwe sagt!" Und
Tom packte Sid an den Ohren und half ihm unter Pffen aus der Tr. ,,Jetzt
geh, sag's Tante Polly und morgen rechnen wir dann ab!"

Wenige Minuten danach saen die Gste an einer langen Speisetafel; nach
guter, alter Sitte waren die Kinder -- ein Dutzend -- an einem kleinen
Seitentischchen zusammengesteckt. Zur rechten Zeit hielt Mr. Jones seine
Ansprache, worin er der Witwe fr ihre Dankbarkeit dankte, und sagte dann,
es gbe einen anderen, dessen Bescheidenheit --

Und so weiter und so weiter. Da alles die Geschichte kannte, so war die
berraschung etwas mig, nur die Witwe selbst machte verzweifelte
Anstrengungen, zu tun, als wisse sie noch von nichts. Sie bewies Huck ihre
Dankbarkeit auf so strmische und zrtliche Manier, da ihm sein jetziger
Zustand noch weit entsetzlicher erschien als der Zwang der neuen Kleider
und des gesitteten Benehmens.

Die Witwe erklrte, Huck unter ihrem Dach aufnehmen und ihm eine
sorgfltige Erziehung geben zu wollen; und wenn sie so viel Geld
zurcklegen knne, wolle sie ihm spter ein anstndiges Geschft bergeben.

Toms Zeit war gekommen. ,,Huck braucht's gar nicht -- Huck ist reich,"
sagte er.

Nur die gute Lebensart der Gesellschaft konnte bei diesem vermeintlichen
Witz ein allgemeines Gelchter hintanhalten. Aber das Schweigen war doch
ein wenig drckend.

Tom brach es. ,,Huck _hat_ Geld! Wenn Sie's nicht glauben -- Huck kann's
beweisen. O, Sie brauchen nicht zu lcheln, denk', ich kann's beweisen.
Warten Sie nur 'ne Minute."

Tom rannte hinaus. Die Gesellschaft schaute sich berrascht an und drang in
Huck, der stumm zu sein schien.

,,Sid, was ist's mit Tom?" fragte Tante Polly. ,,Er -- na, werd' ein
anderer klug aus dem Jungen. Ich kann's nicht --"

Tom erschien, sich mit den Scken abschleppend, und Tante Polly lie ihren
Satz unbeendet. Tom schttete das Geld auf den Tisch und meinte trocken:
,,Da -- was hab' ich gesagt? Halb Huck seins -- halb meins!"

Dieser Anblick machte alle atemlos. Alles schaute nur, niemand konnte
sprechen. Dann folgten unartikulierte Laute des Entzckens. Tom sagte, er
knne es erklren, und tat's. Die Erzhlung war lang, aber mchtig
spannend. Niemand unterbrach ihn, auer durch Ausrufe, wie sie hier
angebracht waren. Als er geendet hatte, meinte Mr. Jones: ,,Dachte 'ne
kleine, besondere berraschung fr diese Gelegenheit in Hinterhalt zu
haben, aber jetzt denk' ich, 's war nichts. Dies da lt meins furchtbar
lumpig erscheinen -- kann's nicht leugnen."

Das Geld wurde gezhlt. Die Summe belief sich auf etwas ber zwlftausend
Dollar. Das war mehr, als irgend einer der Anwesenden jemals beisammen
gesehen hatte, obwohl verschiedene unter ihnen waren, die ber viel mehr
als das in Grundbesitz verfgten.

Sechsunddreiigstes Kapitel.

Der Leser kann sich vorstellen, was fr ein kolossales Aufsehen Tom und
Huck in dem armen, kleinen Drfchen St. Petersburg gemacht hatten. Eine
solche Summe, auf einem Fleck, schien nahezu unglaublich. Es wurde darber
geschwatzt, disputiert, phantasiert, bis der Verstand mancher Brger unter
dem Einflu dieser ungesunden Erregung zu wanken begann. Jedes ,,verhexte"
Haus in St. Petersburg und der Nachbarschaft wurde durchstbert, Balken fr
Balken, die Grundmauern blogelegt und auf verborgene Schtze hin
untersucht, -- und nicht durch Kinder -- nein, durch Mnner, verflucht
ernste, ganz unromantische Mnner meistens. Wo Tom und Huck erschienen,
wurden sie gefeiert, bewundert, angestarrt. Sie konnten sich nicht
erinnern, da ihren Bemerkungen bisher Wert beigelegt worden war; jetzt
aber waren sie gesucht und geschtzt; alles, was sie taten, erschien
bemerkenswert; augenscheinlich hatten sie die Fhigkeit verloren, etwas
Gewhnliches zu tun oder zu sagen; noch mehr -- ihre Vergangenheit wurde
unter die Lupe genommen, und man erklrte, es sprchen ganz wunderbare
Begabungen aus allem, was sie bisher getan hatten. Sogar das Kseblttchen
brachte biographische Skizzen ber die beiden Buben.

Die Witwe Douglas legte Hucks Geld zu sechs Prozent an, der Richter
Thatcher tat auf Pollys Wunsch dasselbe mit Toms Anteil. Jeder von ihnen
hatte jetzt ein Einkommen, das einfach mrchenhaft erschien -- einen Dollar
fr jeden Wochentag des Jahres und die Hlfte der Sonntage. Es war so viel
wie der Geistliche erhielt, -- nein, es war das, was er htte erhalten
_sollen_, denn er bekam nicht alles. Fr gewhnlich gengten in diesen
einfachen Zeiten ein und ein viertel Dollar wchentlich, um einen Jungen zu
ernhren, zu kleiden, zu waschen, ihm Wohnung zu schaffen und den
Schulbesuch zu ermglichen. Richter Thatcher hatte eine hohe Meinung von
Tom gefat. Er sagte, kein gewhnlicher Junge wrde seine Tochter jemals
aus der Hhle herausgebracht haben. Als Becky ihrem Vater im strengsten
Vertrauen erzhlte, wie sie Tom in der Schule vor Prgel bewahrt habe, war
er sichtlich bewegt; und als sie gar die heldenhafte Lge, durch die Tom
ihre Schuld auf die eigenen Schultern geladen hatte, berichtete, sagte er
im Tone der berzeugung, es wre eine edle, gromtige, glnzende Lge --
eine Lge, die wert sei, von Geschlecht zu Geschlecht in Ehren gehalten zu
werden, unmittelbar nach George Washingtons berhmter Wahrheitsliebe.

Becky dachte, ihr Vater habe niemals so stolz und groartig ausgesehen, als
whrend er auf und nieder lief, mit dem Fu aufstampfte und dies sagte. Sie
ging sofort davon und erzhlte Tom davon. Der Richter hoffte, Tom einmal
als groen Gesetzgeber oder groen Soldaten oder so zu sehen. Er
versicherte, dafr sorgen zu wollen, da Tom auf die Nationale
Militrschule und nachher auf die beste Gesetzesschule des Landes komme,
damit er sich dort fr eine dieser Karrieren ausbilden solle -- oder auch
fr beide.

Huck Finn wurde durch seinen Reichtum und durch den Umstand, da er sich
unter dem Schutze der Witwe Douglas befand, in die Gesellschaft eingefhrt
-- nein, hineingestoen, hineingezerrt -- und seine Leiden wurden bald so
schlimm, da er sie nicht mehr tragen konnte. Die Dienerschaft der Witwe
striegelte ihn rein und sauber, brstete ihn und packte ihn nachts in ein
grliches Bett, in dem sich nicht ein einziger Fleck fand, den er htte
ans Herz pressen und Freund nennen knnen. Er sollte mit Messer und Gabel
essen. Schsseln, Becher und Teller sollte er bentzen; aus Bchern lernen;
in die Kirche gehen; sich so manierlich ausdrcken, da ihm die eigene
Sprache fremd erschien. So da es ihm schlielich vorkam, als werde er
durch diese ,,Kultivierung" an Hnden und Fen gebunden.

Drei Wochen trug er sein Migeschick tapfer, dann schttelte er es eines
Tages gewaltsam ab. Achtundvierzig Stunden hindurch suchte die Witwe in
hchster Bestrzung nach ihm. Das ganze Dorf war tief ergriffen; man suchte
berall herum und lie den Flu ab nach seiner Leiche. Frh am dritten Tage
schlenderte Tom zu ein paar alten, leeren Fssern, die hinter dem jetzt
unbenutzten Schlachthause vergessen ihr Dasein fristeten; in einem
derselben fand er den Flchtling. Huck hatte da geschlafen; eben hatte er
mit einigen gestohlenen Kleinigkeiten sein Frhstck gehalten und lag jetzt
gemtlich da, die Pfeife im Munde. Er war ungekmmt, ungewaschen und in
dieselben Ruinen von Kleidern gehllt, die ihm in den goldenen Tagen der
Freiheit und vollen Glckseligkeit ein so pittoreskes Aussehen gegeben
hatten. Tom schalt ihn, erzhlte ihm von der durch ihn verursachten,
Bestrzung und drngte ihn, nach Haus zurckzukommen. Hucks Gesicht verlor
seinen ruhig-zufriedenen Ausdruck und wurde immer melancholischer.

,,Sag' nichts davon, Tom," bat er. ,,Hab's versucht, aber 's geht nicht,
Tom! 's ist nichts fr mich, pass' nicht dafr! Die Witwe ist gut und
freundlich gegen mich; aber ich kann's nicht aushalten. Jeden Tag weckt sie
mich zur selben Zeit, lt mich waschen -- sie schrubben mich noch zu Tode!
lt mich im Bett schlafen; dann soll ich diese verdammten Kleider tragen,
die mich ersticken, Tom; sie scheinen gar keine Luft durchzulassen und sind
so verteufelt fein, da ich nicht drin sitzen, liegen, mich nirgends
hinwerfen kann. Auf 'ner Kellertreppe bin ich nicht mehr hinuntergerutscht
seit -- na, 's ist wohl schon Jahre her! In die Kirche gehn soll ich und
schwitzen und schwitzen -- wie ich diese langweiligen Predigten hasse!
Nicht mal 'ne Fliege fangen darf man, nicht rauchen; dafr soll man alle
Sonntage Schuhe tragen! Wenn die Witwe it, lutet's, wenn sie zu Bett
geht, lutet's, wenn sie aufsteht, lutet's -- 's ist alles so grlich
regelmig -- das halt der Teufel aus!"

,,Na, Huck, das mu aber doch jeder."

,,Tom, ich will 'ne Ausnahme machen; ich bin nicht jeder, ich _kann's_
nicht aushalten! 's ist schrecklich, so gezogen zu werden. Und 's Essen
wird einem so bequem gemacht -- so macht's mir gar keinen Spa. Soll
fragen, wenn ich fischen will, fragen, wenn ich baden will -- Herrgott, um
jedes und jedes fragen! Na, und dann nicht sprechen drfen, wie man's
gewohnt ist. Knnt' ich nicht jeden Tag auf den Heuboden und dort 'n
bichen schwatzen in _meiner_ Manier, ich mt' krepieren, Tom! Die Alte
lt mich auch nicht rauchen und nicht 'n _bichen_ brllen, nicht ghnen
-- nicht mal kratzen, wenn jemand dabei ist!" Dann mit einem Ausbruch ganz
besonderen Ingrimms: ,,Und das wei der Henker -- beten tut sie den ganzen
Tag! Nie hab' ich so 'n Weib gesehen! Mute fort, Tom, _mute_! -- Tom, in
all das Elend wr' ich nicht gekommen, wr' nicht das Geld gewesen! Jetzt
sei so gut, Tom, nimm du's und gib mir zuweilen zehn Cent -- nicht zu oft,
denn ich geb' nichts um 'ne Sache, wenn sie nicht schwer zu kriegen ist;
und dann -- geh' hin, bitt' mich von der Witwe frei!"

,,Ach, Huck, du weit doch, da ich das nicht tun kann! 's wr'
unanstndig; und dann, wenn du's noch 'ne Weile versuchst, wirst du dich
schon dran gewhnen!"

,,Dran gewhnen! Knnt' mich auch wohl an 'nen heien Ofen gewhnen, wenn
ich lang' genug drauf sitzen mte! Nein, Tom, ich _mag_ nicht reich sein,
und ich will nicht in dem verdammten schlfrigen Hause wohnen. Hab' den
Wald zu lieb und den Flu und die Berge -- und zu denen will ich zurck!
Verdammt! Jetzt, wo wir Geld haben und 'ne Hhle und alles, was wir als
Ruber brauchen, wirft einem so 'ne verrckte Tollheit alles bern Haufen!"

Tom ersah seinen Vorteil. ,,Na, weit du, Huck, das Reichsein hat mich gar
nicht davon abgebracht, Ruber zu werden."

,,Nicht! All ihr guten Geister, sprichst du in wirklichem, todsicherem
Ernst, Tom?"

,,So todsicher, wie ich hier sitze! Aber, Huck, weit du, wir knnen dich
nicht unter uns aufnehmen, wenn du nicht gut erzogen bist."

Hucks Freude war schon wieder zu Ende. ,,Knnt's nicht, Tom? Wrd's nicht
als Pirat gehn?"

,,Ja, aber das ist 'n Unterschied. Ein Ruber ist viel was Nobleres, als
was so 'n Pirat ist -- fr gewhnlich. In den meisten Lndern sind sie
furchtbar nobel! 's sind Herzge dabei und so was!"

,,Ach, Tom, du bist doch sonst immer so'n guter Kamerad gewesen! Du wirst
mich doch nicht ausschlieen, Tom, nicht wahr? Du wirst doch _das_ nicht
tun, Tom --?"

,,Huck, ich mcht's ja nicht tun -- und ich _tt's_ auch nicht, aber was
wrden die Leute sagen? Pah! wrden sie sagen -- Tom Sawyers Bande! Schn'
lump'ge Kerle darunter! Sie wrden dabei _dich_ meinen, Huck! _Das_ mchtst
du doch nicht, Huck, oder --?"

Huck schwieg eine Weile, in tiefes Nachdenken versunken. Schlielich sagte
er:

,,Na, dann will ich zur Witwe zurck -- auf 'nen Monat oder so, und sehn,
ob ich durchkomm' -- wenn ich dann eintreten kann, Tom."

,,'s ist recht, Huck, ist recht! Komm' mit, alter Dummkopf, und ich will
sehen, ob ich die Witwe bereden kann, dir 'n bichen nachzulassen, Huck."

,,Willst du, Tom? Nein, _willst_ du?! 's ist wundervoll! Wenn sie mir nur
die schlimmsten Sachen nachlt, will ich heimlich rauchen und fluchen und
sehen, da ich durchkomm' -- oder krepieren. -- Wann willst du denn dran
gehen und 'ne Bande grnden?"

,,O, recht bald, Huck. Meinetwegen knnen wir noch diese Woche die Jungen
zusammentrommeln und die Einschwrung vornehmen."

,,Vornehmen -- was?"

,,Die Einschwrung."

,,Was ist das?"

,,Na, halt schwren, zusammenhalten, nie 'n Geheimnis zu verraten, wenn man
auch drum gevierteilt werden sollte -- und jeden zu tten, und seine ganze
Familie, der was schwatzt."

,,Groartig, Tom -- sag' dir's, einfach groartig!"

,,Na, ich glaub', 's ist's! Und das mu natrlich um Mitternacht sein, am
einsamsten, schrecklichsten Ort, den man finden kann. Ein Gespensterhaus
ist das beste, aber so was gibt's ja kaum noch."

,,Mitternacht ist gut, Tom!"

,,Ja -- 's ist gut. Und aufs Schwert schwren mut du und mit Blut
unterzeichnen."

,,Na, das la ich mir gefallen! 's ist ja tausendmal besser, als Pirat
sein. Na, Tom, will mich jetzt an die Witwe halten und alles tun, bis ich
verfaul'! Und wenn ich dann mal so 'n richtiger Ruber bin und alle Welt
von mir spricht, denk' ich, wird sie noch stolz sein, da sie mich aus dem
Schmutz gezogen hat."

Schlu.

So endet diese Geschichte. Da es nur die Geschichte eines Jungen sein soll,
mu sie hier enden; sie knnte nicht weiter gehen, ohne die eines Mannes zu
werden. Wenn jemand eine Erzhlung ber erwachsene Leute schreibt, wei er
genau, wo er aufzuhren hat -- bei der Heirat; schreibt er aber ber ein
unreifes Kind, so mu er aufhren, wo er's fr passend hlt.

Die meisten der in diesem Buch vorkommenden Personen leben noch, sind
glcklich und mehren sich.

Vielleicht erscheint es eines Tages als angebracht, die Geschichte der
Jugend wieder aufzunehmen und zu sehen, was fr Mnner und Frauen aus ihnen
geworden sind; darum wird's am besten sein, von ihrem jetzigen Leben hier
nichts mehr zu verraten.





End of the Project Gutenberg EBook of Die Abenteuer Tom Sawyers, by Mark Twain

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ABENTEUER TOM SAWYERS ***

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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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