The Project Gutenberg eBook, Der Goldene Topf, by E. T. A. Hoffmann,
Illustrated by Edmund Schaefer


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Title: Der Goldene Topf


Author: E. T. A. Hoffmann



Release Date: December 20, 2005  [eBook #17362]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE TOPF***


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DER GOLDENE TOPF

von

E.T.A. HOFFMANN:

Mit 11 Federzeichnungen von Edmund Schaefer







[Illustration: Titelbild. Die Frauenkirche in Dresden]



Erstes bis fnftes Tausend
Verlag von Gustav Kiepenheuer Weimar 1913




ERSTE VIGILIE.


Die Unglcksflle des Studenten Anselmus. Des Konrektors Paulmann
Sanittsknaster und die goldgrnen Schlangen.


Am Himmelfahrtstage, Nachmittags um drei Uhr rannte ein junger Mensch in
Dresden durchs schwarze Tor und geradezu in einen Korb mit pfeln und
Kuchen hinein, die ein altes hliches Weib feilbot, so da Alles, was der
Quetschung glcklich entgangen, hinausgeschleudert wurde, und die
Straenjungen sich lustig in die Beute teilten, die ihnen der hastige Herr
zugeworfen. Auf das Zetergeschrei, das die Alte erhob, verlieen die
Gevatterinnen ihre Kuchen- und Branntweintische, umringten den jungen
Menschen und schimpften mit pbelhaftem Ungestm auf ihn hinein, so da er,
vor rger und Scham verstummend, nur seinen kleinen nicht eben besonders
gefllten Geldbeutel hinhielt, den die Alte begierig ergriff und schnell
einsteckte. Nun ffnete sich der festgeschlossene Kreis, aber indem der
junge Mensch hinausscho, rief ihm die Alte nach: Ja, renne -- renne nur
zu, Satanskind -- ins Kristall bald Dein Fall -- ins Kristall! -- Die
gellende, krchzende Stimme des Weibes hatte etwas Entsetzliches, so da
die Spaziergnger verwundert still standen, und das Lachen, das sich erst
verbreitet, mit einem Mal verstummte. -- Der Student Anselmus (niemand
anders war der junge Mensch) fhlte sich, unerachtet er des Weibes
sonderbare Worte durchaus nicht verstand, von einem unwillkrlichen Grausen
ergriffen, und er beflgelte noch mehr seine Schritte, um sich den auf ihn
gerichteten Blicken der neugierigen Menge zu entziehen. Wie er sich nun
durch das Gewhl geputzter Menschen durcharbeitete, hrte er berall
murmeln: Der arme junge Mann -- ei! ber das verdammte Weib! -- Auf ganz
sonderbare Weise hatten die geheimnisvollen Worte der Alten dem
lcherlichen Abenteuer eine gewisse tragische Wendung gegeben, so da man
dem vorhin ganz Unbemerkten jetzt teilnehmend nachsah. Die Frauenzimmer
verziehen dem wohlgebildeten Gesichte, dessen Ausdruck die Glut des innern
Grimms noch erhhte, so wie dem krftigen Wuchse des Jnglings alles
Ungeschick, so wie den ganz auer dem Gebiete aller Mode liegenden Anzug.
Sein hechtgrauer Frack war nmlich so zugeschnitten, als habe der
Schneider, der ihn gearbeitet, die moderne Form nur vom Hrensagen gekannt,
und das schwarzatlasne wohlgeschonte Unterkleid gab dem Ganzen einen
gewissen magistermigen Stil, dem sich nun wieder Gang und Stellung
durchaus nicht fgen wollte. -- Als der Student schon beinahe das Ende der
Allee erreicht, die nach dem Linkschen Bade fhrt, wollte ihm beinahe der
Atem ausgehen. Er war gentigt langsamer zu wandeln; aber kaum wagte er den
Blick in die Hhe zu richten, denn noch immer sah er die pfel und Kuchen
um sich tanzen, und jeder freundliche Blick dieses oder jenes Mdchens war
ihm nur der Reflex des schadenfrohen Gelchters am schwarzen Tor. So war er
bis an den Eingang des Linkschen Bades gekommen; eine Reihe festlich
gekleideter Menschen nach der andern zog herein. Musik von Blasinstrumenten
ertnte von innen, und immer lauter und lauter wurde das Gewhl der
lustigen Gste. Die Trnen wren dem armen Studenten Anselmus beinahe in
die Augen getreten; denn auch er hatte, da der Himmelfahrtstag immer ein
besonderes Familienfest fr ihn gewesen, an der Glckseligkeit des
Linkschen Paradieses teilnehmen, ja er hatte es bis zu einer halben Portion
Kaffee mit Rum und einer Bouteille Doppelbier treiben wollen, und um so
recht schlampampen zu knnen, mehr Geld eingesteckt, als eigentlich erlaubt
und tunlich war. Und nun hatte ihn der fatale Tritt in den pfelkorb um
alles gebracht, was er bei sich getragen. An Kaffee, an Doppelbier, an
Musik, an den Anblick der geputzten Mdchen -- kurz -- an alle getrumten
Gensse war nicht zu denken; er schlich langsam vorbei und schlug endlich
den Weg an der Elbe ein, der gerade ganz einsam war. Unter einem
Holunderbaume, der aus der Mauer hervorgesprossen, fand er ein
freundliches Rasenpltzchen; da setzte er sich hin und stopfte eine Pfeife
von dem Sanittsknaster, den ihm sein Freund, der Konrektor Paulmann,
geschenkt. -- Dicht vor ihm pltscherten und rauschten die goldgelben
Wellen des schnen Elbstroms; hinter demselben streckte das herrliche
Dresden khn und stolz seine lichten Trme empor in den duftigen
Himmelsgrund, der sich hinabsenkte auf die blumigen Wiesen und frisch
grnenden Wlder, und aus tiefer Dmmerung gaben die zackichten Gebirge
Kunde vom fernen Bhmerland. Aber finster vor sich hinblickend blies der
Student Anselmus die Dampfwolken in die Luft, und sein Unmut wurde endlich
laut, indem er sprach: Wahr ist es doch, ich bin zu allem mglichen Kreuz
und Elend geboren! -- Da ich niemals Bohnenknig geworden, da ich im Paar
oder Unpaar immer falsch geraten, da mein Butterbrot immer auf die fette
Seite gefallen, von allem diesen Jammer will ich gar nicht reden: aber ist
es nicht ein schreckliches Verhngnis, da ich, als ich denn doch nun dem
Satan zum Trotz Student geworden war, ein Kmmeltrke sein und bleiben
mute? -- Ziehe ich wohl je einen neuen Rock an, ohne gleich das erstemal
einen Talgfleck hineinzubringen, oder mir an einem beleingeschlagenen
Nagel ein verwnschtes Loch hineinzureien? Gre ich wohl je einen Herrn
Hofrat oder eine Dame, ohne den Hut weit von mir zu schleudern, oder gar
auf dem glatten Boden auszugleiten und schndlich umzustlpen? Hatte ich
nicht schon in Halle jeden Markttag eine bestimmte Ausgabe von drei bis
vier Groschen fr zertretene Tpfe, weil mir der Teufel in den Kopf setzt,
meinen Gang geradeaus zu nehmen, wie die Laminge? Bin ich denn ein einziges
Mal ins Kollegium, oder wo man mich sonst hinbeschieden, zu rechter Zeit
gekommen? Was half es, da ich eine halbe Stunde vorher ausging und mich
vor die Tr hinstellte, den Drcker in der Hand? denn so wie ich mit dem
Glockenschlage aufdrcken wollte, go mir der Satan ein Waschbecken ber
den Kopf, oder lie mich mit einem Heraustretenden zusammenrennen, da ich
in tausend Hndel verwickelt wurde und darber Alles versumte. -- Ach!
ach! wo seid ihr hin, ihr seligen Trume knftigen Glcks, wie ich stolz
whnte, ich knne es wohl hier noch bis zum geheimen Sekretr bringen! Aber
hat mir mein Unstern nicht die besten Gnner verfeindet? -- Ich wei, da
der geheime Rat, an den ich empfohlen bin, verschnittenes Haar nicht leiden
mag; mit Mhe befestigt der Friseur einen kleinen Zopf an meinem
Hinterhaupt, aber bei der ersten Verbeugung springt die unglckselige
Schnur, und ein munterer Mops, der mich umschnffelt, apportiert im Jubel
das Zpfchen dem geheimen Rate. Ich springe erschrocken nach und strze
ber den Tisch, an dem er frhstckend gearbeitet hat, so da Tassen,
Teller, Tintenfa, Sandbchse klirrend herabstrzen, und der Strom von
Schokolade und Tinte sich ber die eben geschriebene Relation ergiet.
Herr, sind Sie des Teufels? brllt der erzrnte geheime Rat und schiebt
mich zur Tr hinaus. -- Was hilft es, da mir der Konrektor Paulmann
Hoffnung zu einem Schreiberdienste gemacht hat? Wird es denn mein Unstern
zulassen, der mich berall verfolgt? -- Nur noch heute! -- Ich wollte den
lieben Himmelfahrtstag recht in der Gemtlichkeit feiern, ich wollte
ordentlich was daraufgehen lassen. Ich htte eben so gut wie jeder andre
Gast in Linkes Bade stolz rufen knnen: Marqueur -- eine Flasche Doppelbier
-- aber vom besten bitte ich! -- Ich htte bis spt Abends sitzen knnen,
und noch dazu ganz nahe bei dieser oder jener Gesellschaft herrlich
geputzter schner Mdchen. Ich wei es schon, der Mut wre mir gekommen,
ich wre ein ganz anderer Mensch geworden; ja, ich htte es so weit
gebracht, da wenn diese oder jene gefragt: wie spt mag es wohl jetzt
sein? oder: was ist denn das, was sie spielen? da wre ich mit leichtem
Anstande aufgesprungen, ohne mein Glas umzuwerfen, oder ber die Bank zu
stolpern; mich in gebeugter Stellung anderthalb Schritte vorwrts bewegend,
htte ich gesagt: Erlauben Sie, Mademoiselle, Ihnen zu dienen, es ist die
Ouvertre aus dem Donauweibchen, oder: es wird gleich sechs Uhr schlagen.
-- Htte mir das ein Mensch in der Welt bel deuten knnen? -- Nein! sage
ich, die Mdchen htten sich so schalkhaft lchelnd angesehen, wie es wohl
zu geschehen pflegt, wenn ich mich ermutige zu zeigen, da ich mich auch
wohl auf den leichten Weltton verstehe und mit Damen umzugehen wei. Aber
da fhrt mich der Satan in den verwnschten pfelkorb, und nun mu ich in
der Einsamkeit meinen Sanittsknaster --  Hier wurde der Student Anselmus
in seinem Selbstgesprche durch ein sonderbares Rieseln und Rascheln
unterbrochen, das sich dicht neben ihm im Grase erhob, bald aber in die
Zweige und Bltter des Holunderbaumes hinaufglitt, der sich ber seinem
Haupte wlbte. Bald war es, als schttle der Abendwind die Bltter, bald
als kosten Vglein in den Zweigen, die kleinen Fittiche im mutwilligen
Hin- und Herflattern rhrend. Da fing es an zu flstern und zu lispeln, und
es war als ertnten die Blten wie aufgehangene Kristallglckchen. Anselmus
horchte und horchte. Da wurde, er wute selbst nicht wie, das Gelispel und
Geflster und Geklingel zu leisen halbverwehten Worten:

    Zwischen durch -- zwischen ein -- zwischen Zweigen, zwischen
    schwellenden Blten, schwingen, schlngeln, schlingen wir uns --
    Schwesterlein -- Schwesterlein, schwinge dich im Schimmer -- schnell,
    schnell herauf -- herab -- Abendsonne schiet Strahlen, zischelt
    der Abendwind -- raschelt der Abendwind -- raschelt der Tau --
    Blten singen -- rhren wie Znglein, singen wir mit Blten und
    Zweigen -- Sterne bald glnzen -- mssen herab -- zwischen durch,
    zwischen ein schlngeln, schlingen, schwingen wir uns
    Schwesterlein. --

So ging es fort im Sinne verwirrender Rede. Der Student Anselmus dachte:
das ist denn doch nur der Abendwind, der heute mit ordentlich
verstndlichen Worten flstert. -- Aber in dem Augenblick ertnte es ber
seinem Haupte wie ein Dreiklang heller Kristallglocken; er schaute hinauf
und erblickte drei in grnem Gold erglnzende Schlnglein, die sich um die
Zweige gewickelt hatten und die Kpfchen der Abendsonne entgegenstreckten.
Da flsterte und lispelte es von neuem in jenen Worten, und die Schlnglein
schlpften und kosten auf und nieder durch die Bltter und Zweige; und wie
sie sich so schnell rhrten, da war es als streue der Holunderbusch tausend
funkelnde Smaragde durch seine dunklen Bltter. Das ist die Abendsonne, die
so in dem Holunderbusch spielt, dachte der Student Anselmus: aber da
ertnten die Glocken wieder und Anselmus sah, wie eine Schlange ihr
Kpfchen nach ihm herabstreckte. Durch alle Glieder fuhr es ihm wie ein
elektrischer Schlag, er erbebte im Innersten -- er starrte hinauf, und ein
Paar herrliche dunkelblaue Augen blickten ihn an mit unaussprechlicher
Sehnsucht, so da ein nie gekanntes Gefhl der hchsten Seligkeit und des
tiefsten Schmerzes seine Brust zersprengen wollte. Und wie er voll heien
Verlangens immer in die holdseligen Augen schaute, da ertnten strker in
lieblichen Akkorden die Kristallglocken, und die funkelnden Smaragde fielen
auf ihn herab und umspannen ihn, in tausend Flmmchen um ihn herflackernd
und spielend mit schimmernden Goldfaden. Der Holunderbusch rhrte sich und
sprach: Du lagst in meinem Schatten, mein Duft umflo Dich, aber Du
verstandest mich nicht: der Duft ist meine Sprache, wenn ihn die Liebe
entzndet. Der Abendwind strich vorber und sprach: Ich umspielte Deine
Schlfe, aber Du verstandest mich nicht: der Hauch ist meine Sprache, wenn
ihn die Liebe entzndet. Die Sonnenstrahlen brachen durch das Gewlk und
der Schein brannte wie in Worten: Ich umgo Dich mit glhendem Gold, aber
Du verstandest mich nicht: Glut ist meine Sprache, wenn sie die Liebe
entzndet.

Und immer inniger und inniger versunken in den Blick des herrlichen
Augenpaars, wurde heier die Sehnsucht, glhender das Verlangen. Da regte
und bewegte sich alles, wie zum frohen Leben erwacht. Blumen und Blten
dufteten um ihn her, und ihr Duft war wie herrlicher Gesang von tausend
Fltenstimmen; und was sie gesungen, trugen im Widerhall die goldenen
vorberfliehenden Abendwolken in ferne Lande. Aber als der letzte Strahl
der Sonne schnell hinter den Bergen verschwand und nun die Dmmerung ihren
Flor ber die Gegend warf, da rief, wie aus weiter Ferne, eine rauhe tiefe
Stimme:

Hei, hei! was ist das fr ein Gemunkel und Geflster da drben? -- Hei,
hei! wer sucht mir doch den Strahl hinter den Bergen! genug gesonnt, genug
gesungen. -- Hei, hei! durch Busch und Gras -- durch Gras und Strom! --
Hei, -- hei -- Her u -- u -- u nter -- Her u -- u -- u nter!

So verschwand die Stimme wie im Murmeln eines fernen Donners, aber die
Kristallglocken zerbrachen im schneidenden Miton. Alles war verstummt, und
Anselmus sah, wie die drei Schlangen schimmernd und blinkend durch das Gras
nach dem Strome schlpften; rischelnd und raschelnd strzten sie sich in
die Elbe, und ber den Wogen, wo sie verschwunden, knisterte ein grnes
Feuer empor, das in schiefer Richtung nach der Stadt zu leuchtend
verdampfte.




ZWEITE VIGILIE.


Wie der Student Anselmus fr betrunken und wahnwitzig gehalten wurde. --
Die Fahrt ber die Elbe. -- Die Bravourarie des Kapellmeisters Graun.
Conradis Magen-Likr und das bronzierte pfelweib.


Der Herr ist wohl nicht recht bei Troste, sagte eine ehrbare Brgersfrau,
die vom Spaziergange mit der Familie heimkehrend, still stand und mit
bereinandergeschlagenen Armen dem tollen Treiben des Studenten Anselmus
zusah. _Der_ hatte nmlich den Stamm des Holunderbaumes umfat und
rief unaufhrlich in die Zweige und Bltter hinein: O nur noch einmal
blinket und leuchtet, ihr lieblichen goldnen Schlnglein, nur noch einmal
lat eure Glockenstimmchen hren! Nur noch einmal blicket mich an, ihr
holdseligen blauen Augen, nur noch einmal, ich mu ja sonst vergehen in
Schmerz und heier Sehnsucht! Und dabei seufzte und chzte er aus der
tiefsten Brust recht klglich, und schttelte vor Verlangen und Ungeduld
den Holunderbaum, der aber statt aller Antwort nur ganz dumpf und
unvernehmlich mit den Blttern rauschte, und so den Schmerz des Studenten
Anselmus ordentlich zu verhhnen schien. -- Der Herr ist wohl nicht recht
bei Troste, sagte die Brgersfrau, und dem Anselmus war es so, als wrde
er aus einem tiefen Traum gerttelt oder gar mit eiskaltem Wasser begossen,
um ja recht jhling zu erwachen. Nun sah er erst wieder deutlich, wo er
war, und besann sich, wie ein sonderbarer Spuk ihn geneckt und gar dazu
getrieben habe, ganz allein fr sich selbst in laute Worte auszubrechen.
Bestrzt blickte er die Brgersfrau an und griff endlich nach dem Hute, der
zur Erde gefallen, um davon zu eilen. Der Familienvater war unterdessen
auch herangekommen und hatte, nachdem er das Kleine, das er auf dem Arm
getragen, ins Gras gesetzt, auf seinen Stock sich sttzend mit Verwunderung
dem Studenten zugehrt und zugeschaut. Er hob jetzt Pfeife und Tabaksbeutel
auf, die der Student fallen lassen, und sprach, beides ihm hinreichend:
Lamentier' der Herr nicht so schrecklich in der Finsternis, und vexier' Er
nicht die Leute, wenn ihm sonst nichts fehlt, als da Er zu viel ins
Glschen geguckt -- geh' Er fein ordentlich zu Hause und leg' Er sich aufs
Ohr! Der Student Anselmus schmte sich sehr, er stie ein weinerliches
Ach! aus. -- Nun, nun, fuhr der Brgersmann fort, la es der Herr nur
gut sein, so was geschieht dem Besten, und am lieben Himmelfahrtstage kann
man wohl in der Freude seines Herzens ein Schlckchen ber den Durst tun.

[Illustration: Der Student]

Das passiert auch wohl einem Manne Gottes -- der Herr ist ja doch wohl
ein Kandidat. -- Aber wenn es der Herr erlaubt, stopf' ich mir ein
Pfeifchen von seinem Tabak, meiner ist mir da droben ausgegangen. Dies
sagte der Brger, als der Student Anselmus schon Pfeife und Beutel
einstecken wollte, und nun reinigte der Brger langsam und bedchtig seine
Pfeife, und fing eben so langsam an zu stopfen. Mehrere Brgermdchen waren
dazugetreten, die sprachen heimlich mit der Frau und kicherten mit
einander, indem sie den Anselmus ansahen. Dem war es, als stnde er auf
lauter spitzigen Dornen und glhenden Nadeln. So wie er nur Pfeife und
Tabaksbeutel erhalten, rannte er spornstreichs davon. Alles was er
Wunderbares gesehen, war ihm rein aus dem Gedchtnis geschwunden, und er
besann sich nur, da er unter dem Holunderbaum allerlei tolles Zeug ganz
laut geschwatzt, was ihm denn um so entsetzlicher war, als er von jeher
einen innerlichen Abscheu gegen alle Selbstredner gehegt. Der Satan
schwatzt aus ihnen, sagte sein Rektor, und daran glaubte er auch in der
Tat. Fr einen am Himmelfahrtstage betrunkenen Candidatus theologiae
gehalten zu werden, der Gedanke war ihm unertrglich. Schon wollte er in
die Pappelallee bei dem Koselschen Garten einbiegen, als eine Stimme hinter
ihm her rief: Herr Anselmus! Herr Anselmus! wo rennen Sie denn um tausend
Himmelswillen hin in solcher Hast? Der Student blieb wie in den Boden
gewurzelt stehen, denn er war berzeugt, da nun gleich ein neues Unglck
auf ihn einbrechen werde. Die Stimme lie sich wieder hren: Herr Anselmus,
so kommen Sie doch zurck, wir warten hier am Wasser! -- Nun vernahm der
Student erst, da es sein Freund, der Konrektor Paulmann war, der ihn rief;
er ging zurck an die Elbe und fand den Konrektor mit seinen beiden
Tchtern, sowie den Registrator Heerbrand, wie sie eben im Begriff waren in
eine Gondel zu steigen. Der Konrektor Paulmann lud den Studenten ein, mit
ihm ber die Elbe zu fahren und dann in seiner, auf der Pirnaer Vorstadt
gelegenen Wohnung Abends ber bei ihm zu bleiben. Student Anselmus nahm das
recht gern an, weil er denn doch so dem bsen Verhngnis, das heute ber
ihn walte, zu entrinnen glaubte. Als sie nun ber den Strom fuhren, begab
es sich, da auf dem jenseitigen Ufer bei dem Antonschen Garten ein
Feuerwerk abgebrannt wurde. Prasselnd und zischend fuhren die Raketen in
die Hhe und die leuchtenden Sterne zersprangen in den Lften, tausend
knisternde Strahlen und Flammen um sich sprhend. Der Student Anselmus sa
in sich gekehrt bei dem rudernden Schiffer; als er nun aber im Wasser den
Widerschein der in der Luft herumsprhenden und knisternden Funken und
Flammen erblickte, da war es ihm als zgen die goldnen Schlnglein durch
die Flut. Alles, was er unter dem Holunderbaum Seltsames geschaut, trat
wieder lebendig in Sinn und Gedanken, und aufs neue ergriff ihn die
unaussprechliche Sehnsucht, das glhende Verlangen, welches dort seine
Brust in krampfhaft schmerzvollem Entzcken erschttert. Ach, seid ihr es
denn wieder, ihr goldenen Schlnglein, singt nur, singt! In eurem Gesange
erscheinen ja wieder die holden lieblichen dunkelblauen Augen -- ach, seid
ihr denn unter den Fluten! -- So rief der Student Anselmus und machte
dabei eine heftige Bewegung, als wolle er sich gleich aus der Gondel in die
Flut strzen. Ist der Herr des Teufels? rief der Schiffer, und erwischte
ihn beim Rockscho. Die Mdchen, welche bei ihm gesessen, schrieen im
Schreck auf und flchteten auf die andere Seite der Gondel! der Registrator
Heerbrand sagte dem Konrektor Paulmann etwas ins Ohr, worauf dieser
mehreres antwortete, wovon der Student Anselmus aber nur die Worte
verstand: Dergleichen Anflle -- noch nicht bemerkt? -- Gleich nachher
stand auch der Konrektor Paulmann auf und setzte sich mit einer gewissen
ernsten gravittischen Amtsmiene zu dem Studenten Anselmus, seine Hand
nehmend und sprechend: Wie ist Ihnen, Herr Anselmus? Dem Studenten Anselmus
vergingen beinahe die Sinne, denn in seinem Innern erhob sich ein toller
Zwiespalt, den er vergebens beschwichtigen wollte. Er sah nun wohl
deutlich, da das, was er fr das Leuchten der goldenen Schlnglein
gehalten, nur der Widerschein des Feuerwerks bei Antons Garten war; aber
ein nie gekanntes Gefhl, er wute selbst nicht, ob Wonne, ob Schmerz, zog
krampfhaft seine Brust zusammen, und wenn der Schiffer nun so mit dem Ruder
ins Wasser hineinschlug, da es wie im Zorn sich emporkruselnd pltscherte
und rauschte, da vernahm er in dem Getse ein heimliches Lispeln und
Flstern: Anselmus! Anselmus! siehst Du nicht, wie wir stets vor Dir
herziehen? -- Schwesterlein blickt Dich wohl wieder an -- glaube -- glaube
-- glaube an uns! -- Und es war ihm, als sh er im Widerschein drei
grnglhende Streifen. Aber als er dann recht wehmtig ins Wasser
hineinblickte, ob nun nicht die holdseligen Augen aus der Flut
herausschauen wrden, da gewahrte er wohl, da der Schein nur von den
erleuchteten Fenstern der nahen Huser herrhrte. Schweigend sa er da und
im Innern mit sich kmpfend; aber der Konrektor Paulmann sprach noch
heftiger: Wie ist Ihnen, Herr Anselmus? Ganz kleinmtig antwortete der
Student: Ach, lieber Herr Konrektor, wenn Sie wten, was ich eben unter
dem Holunderbaum bei der Linkeschen Gartenmauer ganz wachend mit offnen
Augen fr ganz besondere Dinge getrumt habe, ach, Sie wrden mir es gar
nicht verdenken, da ich so gleichsam abwesend -- Ei, ei, Herr Anselmus,
fiel der Konrektor Paulmann ein, ich habe Sie immer fr einen soliden
jungen Mann gehalten, -- aber trumen -- mit hellen offenen Augen trumen,
und dann mit einem Mal ins Wasser springen wollen, das -- verzeihen Sie
mir, knnen nur Wahnwitzige oder Narren! -- Der Student Anselmus wurde ganz
betrbt ber seines Freundes harte Rede; da sagte Paulmanns lteste Tochter
Veronika, ein recht hbsches blhendes Mdchen von sechzehn Jahren: Aber,
lieber Vater, es mu dem Herrn Anselmus doch was Besonderes begegnet sein,
und er glaubt vielleicht nur, da er gewacht habe, unerachtet er unter dem
Holunderbaum wirklich geschlafen und ihm allerlei nrrisches Zeug
vorgekommen, was ihm noch in Gedanken liegt. -- Und, teuerste Mademoiselle,
werter Konrektor, nahm der Registrator Heerbrand das Wort, sollte man denn
nicht auch wachend in einen gewissen trumerischen Zustand versinken
knnen? So ist mir in der Tat selbst einmal Nachmittags beim Kaffee in
einem solchen Hinbrten, dem eigentlichen Moment krperlicher und geistiger
Verdauung, die Lage eines verlornen Aktenstcks wie durch Inspiration
eingefallen, und nur noch gestern tanzte auf gleiche Weise eine herrliche
groe lateinische Frakturschrift vor meinen hellen offenen Augen umher.
Ach, geehrtester Registrator, erwiderte der Konrektor Paulmann, Sie haben
immer solch einen Hang zu den Poeticis gehabt, und da verfllt man leicht
in das Phantastische und Romanhafte. Aber dem Studenten Anselmus tat es
wohl, da man sich seiner in der hchst betrbten Lage, fr betrunken oder
wahnwitzig gehalten zu werden, annahm; und unerachtet es ziemlich finster
geworden, glaubte er doch zum erstenmale zu bemerken, wie Veronika recht
schne dunkelblaue Augen habe, ohne da ihm jedoch jenes wunderbare
Augenpaar, das er in dem Holunderbaum geschaut, in die Gedanken kam.
berhaupt war dem Studenten Anselmus mit einem Mal nun wieder das Abenteuer
unter dem Holunderbaum ganz verschwunden; er fhlte sich so leicht und
froh, ja er trieb es wie im lustigen bermute so weit, da er bei dem
Heraussteigen aus der Gondel seiner Schutzrednerin Veronika die hlfreiche
Hand bot, und ohne weiteres, als sie ihren Arm in den seinigen hing, sie
mit so vieler Geschicklichkeit und so vielem Glck zu Hause fhrte, da er
nur ein einziges Mal ausglitt und, da es gerade der einzige schmutzige
Fleck auf dem ganzen Wege war, Veronikas weies Kleid nur ganz wenig
bespritzte. Dem Konrektor Paulmann entging die glckliche nderung des
Studenten Anselmus nicht, er gewann ihn wieder lieb und bat ihn der harten
Worte wegen, die er vorhin gegen ihn fallen lassen, um Verzeihung. Ja,
fgte er hinzu, man hat wohl Beispiele, da oft gewisse Phantasmata dem
Menschen vorkommen und ihn ordentlich ngstigen und qulen knnen; das ist
aber krperliche Krankheit, und es helfen Blutigel, die man, salva venia,
dem Hintern appliziert, wie ein berhmter bereits verstorbener Gelehrter
bewiesen. Der Student Anselmus wute nun in der Tat selbst nicht, ob er
betrunken, wahnwitzig oder krank gewesen; auf jeden Fall schienen ihm aber
die Blutigel ganz unntz, da die etwaigen Phantasmata gnzlich verschwunden
und er sich immer heiterer fhlte, je mehr es ihm gelang sich in allerlei
Artigkeiten um die hbsche Veronika zu bemhen. Es wurde wie gewhnlich
nach der frugalen Mahlzeit Musik gemacht; der Student Anselmus mute sich
ans Klavier setzen und Veronika lie ihre helle klare Stimme hren. --
Werte Mademoiselle, sagte der Registrator Heerbrand, Sie haben eine Stimme
wie eine Kristallglocke! -- Das nun wohl nicht! fuhr es dem Studenten
heraus, er wute selbst nicht wie, und alle sahen ihn verwundert und
betroffen an. -- Kristallglocken tnen in Holunderbumen wunderbar!
wunderbar! fuhr der Student Anselmus halbleise murmelnd fort. Da legte
Veronika ihre Hand auf seine Schulter und sagte: Was sprechen Sie denn da,
Herr Anselmus? Gleich wurde der Student wieder ganz munter und fing an zu
spielen. Der Konrektor Paulmann sah ihn finster an, aber der Registrator
Heerbrand legte ein Notenblatt auf das Pult und sang zum Entzcken eine
Bravourarie vom Kapellmeister Graun. Der Student Anselmus akkompagnierte
noch manches, und ein fugiertes Duett, das er mit Veronika vortrug und das
der Konrektor Paulmann selbst komponiert, setzte alles in die frhlichste
Stimmung. Es war ziemlich spt worden und der Registrator Heerbrand griff
nach Hut und Stock, da trat der Konrektor Paulmann geheimnisvoll zu ihm hin
und sprach: Ei, wollten Sie nicht, geehrter Registrator, dem guten Herrn
Anselmus selbst -- nun! wovon wir vorhin sprachen -- Mit tausend Freuden,
erwiderte der Registrator Heerbrand, und begann, nachdem sie sich im Kreise
gesetzt, ohne weiteres in folgender Art: Es ist hier im Orte ein alter
wunderlicher merkwrdiger Mann, man sagt, er treibe allerlei geheime
Wissenschaften; da es nun eigentlich dergleichen gar nicht gibt, so halte
ich ihn eher fr einen forschenden Antiquar, auch wohl nebenher fr einen
experimentierenden Chemiker. Ich meine niemand andern als unsern geheimen
Archivarius Lindhorst. Er lebt, wie Sie wissen, einsam in seinem entlegenen
alten Hause, und wenn ihn der Dienst nicht beschftigt, findet man ihn in
seiner Bibliothek oder in seinem chemischen Laboratorio, wo er aber
niemanden hineinlt. Er besitzt auer vielen seltenen Bchern eine Anzahl
zum Teil arabischer, koptischer, und gar in sonderbaren Zeichen, die keiner
bekannten Sprache angehren, geschriebene Manuskripte. Diese will er auf
geschickte Weise kopieren lassen, und es bedarf dazu eines Mannes, der sich
darauf versteht mit der Feder zu zeichnen, um mit der grten Genauigkeit
und Treue alle Zeichen auf Pergament und zwar mit Tusche bertragen zu
knnen. Er lt in einem besondern Zimmer seines Hauses unter seiner
Aufsicht arbeiten, bezahlt auer dem freien Tisch whrend der Arbeit jeden
Tag einen Speziestaler, und verspricht noch ein ansehnliches Geschenk, wenn
die Abschriften glcklich beendet. Die Zeit der Arbeit ist tglich von
zwlf bis sechs Uhr. Von drei bis vier Uhr wird geruht und gegessen. Da er
schon mit ein paar jungen Leuten vergeblich den Versuch gemacht hat, jene
Manuskripte kopieren zu lassen, so hat er sich endlich an mich gewendet,
ihm einen geschickten Zeichner zuzuweisen; da habe ich an Sie gedacht,
lieber Herr Anselmus, denn ich wei, da Sie sowohl sehr sauber schreiben,
als auch mit der Feder sehr zierlich und rein zeichnen. Wollen Sie daher in
dieser schlechten Zeit und bis zu Ihrer etwanigen [etwaigen] Anstellung den
Speziestaler tglich verdienen und das Geschenk obendrein, so bemhen Sie
sich morgen Punkt zwlf Uhr zu dem Herrn Archivarius, dessen Wohnung Ihnen
bekannt sein wird. Aber hten Sie sich ja vor jedem Tintenflecken; fllt er
auf die Abschrift, so mssen Sie ohne Gnade von vorn anfangen, fllt er auf
das Original, so ist der Herr Archivarius imstande Sie zum Fenster
hinauszuwerfen, denn es ist ein zorniger Mann. -- Der Student Anselmus war
voll inniger Freude ber den Antrag des Registrators Heerbrand: denn nicht
allein, da er sauber schrieb und mit der Feder zeichnete, so war es auch
seine wahre Passion, mit mhsamem kalligraphischem Aufwande abzuschreiben;
er dankte daher seinen Gnnern in den verbindlichsten Ausdrcken und
versprach die morgende Mittagsstunde nicht zu versumen. In der Nacht sah
der Student Anselmus nichts als blanke Speziestaler und hrte ihren
lieblichen Klang. -- Wer mag das dem Armen verargen, der um so manche
Hoffnung durch ein launisches Migeschick betrogen, jeden Heller zu Rate
halten und manchem Genu, den jugendliche Lebenslust forderte, entsagen
mute. Schon am frhen Morgen suchte er seine Bleistifte, seine
Rabenfedern, seine chinesische Tusche zusammen; denn besser, dachte er,
kann der Herr Archivarius keine Materialien erfinden. Vor allen Dingen
musterte und ordnete er seine kalligraphischen Meisterstcke und seine
Zeichnungen, um sie dem Archivarius, zum Beweis seiner Fhigkeit das
Verlangte zu erfllen, aufzuweisen. Alles ging glcklich von statten, ein
besonderer Glcksstern schien ber ihn zu walten, die Halsbinde sa gleich
beim ersten Umknpfen wie sie sollte, keine Naht platzte, keine Masche
zerri in den schwarzseidenen Strmpfen, der Hut fiel nicht noch einmal in
den Staub, als er schon sauber abgebrstet. -- Kurz! -- Punkt halb zwlf
Uhr stand der Student Anselmus in seinem hechtgrauen Frack und seinen
schwarzatlasnen Unterkleidern, eine Rolle Schnschriften und
Federzeichnungen in der Tasche, schon auf der Schlogasse in Conradis Laden
und trank -- eins -- zwei Glschen des besten Magenlikrs; denn hier,
dachte er, indem er auf die annoch leere Tasche schlug, werden bald
Speziestaler erklingen. Unerachtet des weiten Weges bis in die einsame
Strae, in der sich das uralte Haus des Archivarius Lindhorst befand, war
der Student Anselmus doch vor zwlf Uhr an der Haustr. Da stand er und
schaute den groen bronzenen Trklopfer an; aber als er nun auf den letzten
die Luft mit mchtigem Klange durchbebenden Schlag der Turmuhr an der
Kreuzkirche den Trklopfer ergreifen wollte, da verzog sich das metallene
Gesicht im ekelhaften Spiel blauglhender Lichtblicke zum grinsenden
Lcheln. Ach! es war ja das pfelweib vom schwarzen Tor. Die spitzigen
Zhne klappten in dem schlaffen Maule zusammen, und in dem Klappern
schnarrte es: Du Narre -- Narre -- Narre -- warte, warte! warum warst
hinausgerannt! Narr! -- Entsetzt taumelte der Student Anselmus zurck, er
wollte den Trpfosten ergreifen, aber seine Hand erfate die Klingelschnur
und zog sie an, da lutete es strker und strker in gellenden Mitnen,
und durch das ganze de Haus rief und spottete der Widerhall: Bald Dein
Fall ins Kristall! -- Den Studenten Anselmus ergriff ein Grausen, das im
krampfhaften Fieberfrost durch alle Glieder bebte. Die Klingelschnur senkte
sich hinab und wurde zur weien durchsichtigen Riesenschlange, die umwand
und drckte ihn, fester und fester ihr Gewinde schnrend, zusammen, da die
mrben zermalmten Glieder knackend zerbrckelten und sein Blut aus den
Adern spritzte, eindringend in den durchsichtigen Leib der Schlange und ihn
rot frbend. -- Tte mich, tte mich! wollte er schreien in der
entsetzlichen Angst, aber sein Geschrei war nur ein dumpfes Rcheln. -- Die
Schlange erhob ihr Haupt und legte die lange spitzige Zunge von glhendem
Erz auf die Brust des Anselmus, da zerri ein schneidender Schmerz jhlings
die Pulsader des Lebens und es vergingen ihm die Gedanken. -- Als er wieder
zu sich selbst kam, lag er auf seinem drftigen Bettlein, vor ihm stand
aber der Konrektor Paulmann und sprach: Was treiben Sie denn um des Himmels
Willen fr tolles Zeug, lieber Herr Anselmus!

[Illustration: Anselmus und die Schlange]




DRITTE VIGILIE.


Nachrichten von der Familie des Archivarius Lindhorst. Veronikas blaue
Augen. Der Registrator Heerbrand.


Der Geist schaute auf das Wasser, da bewegte es sich und brauste in
schumenden Wogen und strzte sich donnernd in die Abgrnde, die ihre
schwarzen Rachen aufsperrten, es gierig zu verschlingen. Wie triumphierende
Sieger hoben die Granitfelsen ihre zackicht gekrnten Hupter empor, das
Tal schtzend, bis es die Sonne in ihren mtterlichen Scho nahm und es
umfassend mit ihren Strahlen wie mit glhenden Armen pflegte und wrmte. Da
erwachten tausend Keime, die unter dem den Sande geschlummert, aus dem
tiefen Schlafe und streckten ihre grnen Blttlein und Halme zum Angesicht
der Mutter hinauf, und wie lchelnde Kinder in grner Wiege, ruhten in den
Blten und Knospen Blmlein, bis auch sie von der Mutter geweckt erwachten
und sich schmckten mit den Lichtern, die die Mutter ihnen zur Freude auf
tausendfache Weise bunt gefrbt. Aber in der Mitte des Tals war ein
schwarzer Hgel, der hob sich auf und nieder wie die Brust des Menschen,
wenn glhende Sehnsucht sie schwellt. -- Aus den Abgrnden rollten die
Dnste empor, und sich zusammenballend in gewaltige Massen, strebten sie
das Angesicht der Mutter feindlich zu verhllen; die rief aber den Sturm
herbei, der fuhr zerstubend unter sie; und als der reine Strahl wieder den
schwarzen Hgel berhrte, da brach im berma des Entzckens eine herrliche
Feuerlilie hervor, die schnen Bltter wie holdselige Lippen ffnend, der
Mutter se Ksse zu empfangen. -- Nun schritt ein glnzendes Leuchten in
das Tal! es war der Jngling Phosphorus, den sah die Feuerlilie und flehte
von heier, sehnschtiger Liebe befangen: sei doch mein ewiglich, Du
schner Jngling! denn ich liebe Dich und mu vergehen, wenn Du mich
verlassest. Da sprach der Jngling Phosphorus: ich will Dein sein, Du
schne Blume, aber dann wirst Du, wie ein entartet Kind, Vater und Mutter
verlassen, Du wirst Deine Gespielen nicht mehr kennen, Du wirst grer und
mchtiger sein wollen als alles, was sich jetzt als Deinesgleichen mit Dir
freut. Die Sehnsucht, die jetzt Dein ganzes Wesen wohlttig erwrmt, wird
in hundert Strahlen zerspaltet Dich qulen und martern; denn der Sinn wird
die Sinne gebren, und die hchste Wonne, die der Funke entzndet, den ich
in Dich hineinwerfe, ist der hoffnungslose Schmerz, in dem Du untergehst,
um aufs neue fremdartig emporzukeimen. -- Dieser Funke ist der Gedanke!
-- Ach! klagte die Lilie, kann ich denn nicht in der Glut, wie sie jetzt in
mir brennt, Dein sein? Kann ich Dich denn mehr lieben als jetzt, und kann
ich Dich denn schauen wie jetzt, wenn Du mich vernichtest? Da kte sie der
Jngling Phosphorus, und wie vom Lichte durchstrahlt loderte sie auf in
Flammen, aus denen ein fremdes Wesen hervorbrach, das schnell dem Tale
entfliehend im unendlichen Raume herumschwrmte, sich nicht kmmernd um die
Gespielen der Jugend und um den geliebten Jngling. Der klagte um die
verlorne Geliebte, denn auch ihn brachte ja nur die unendliche Liebe zu der
schnen Lilie in das einsame Tal, und die Granitfelsen neigten ihre Hupter
teilnehmend vor dem Jammer des Jnglings. Aber einer ffnete seinen Scho
und es kam ein schwarzer geflgelter Drache rauschend herausgeflattert und
sprach: meine Brder, die Metalle schlafen da drinnen, aber ich bin stets
munter und wach und will dir helfen. Sich auf- und niederschwingend
erhaschte endlich der Drache das Wesen, das der Lilie entsprossen, trug es
auf den Hgel und umschlo es mit seinem Fittich; da war es wieder die
Lilie, aber der bleibende Gedanke zerri ihr Innerstes und die Liebe zu dem
Jngling Phosphorus war ein schneidender Jammer, vor dem, von giftigen
Dnsten angehaucht, die Blmlein, die sonst sich ihres Blickes gefreut,
verwelkten und starben. Der Jngling Phosphorus legte eine glnzende
Rstung an, die in tausendfarbigen Strahlen spielte, und kmpfte mit dem
Drachen, der mit seinem schwarzen Fittich an den Panzer schlug, da er hell
erklang; und von dem mchtigen Klange lebten die Blmlein wieder auf und
umflatterten wie bunte Vgel den Drachen, dessen Krfte schwanden und der
besiegt sich in der Tiefe der Erde verbarg. Die Lilie war befreit, der
Jngling Phosphorus umschlang sie voll glhenden Verlangens himmlischer
Liebe, und im hochjubelnden Hymnus huldigten ihr die Blumen, die Vgel, ja
selbst die hohen Granitfelsen als Knigin des Tals. -- Erlauben Sie, das
ist orientalischer Schwulst, werter Herr Archivarius! sagte der Registrator
Heerbrand, und wir baten denn doch, Sie sollten, wie Sie sonst wohl zu tun
pflegen, uns etwas aus Ihrem hchst merkwrdigen Leben, etwa von Ihren
Reiseabenteuern und zwar etwas Wahrhaftiges erzhlen. -- Nun was denn?
erwiderte der Archivarius Lindhorst, das was ich soeben erzhlt, ist das
Wahrhaftigste, was ich Euch auftischen kann, Ihr Leute, und gehrt in
gewisser Art auch zu meinem Leben. Denn ich stamme eben aus jenem Tale her,
und die Feuerlilie, die zuletzt als Knigin herrschte, ist meine
Ur-ur-ur-ur-Gromutter, weshalb ich denn auch eigentlich ein Prinz bin.
-- Alle brachen in ein schallendes Gelchter aus. -- Ja lacht nur recht
herzlich, fuhr der Archivarius Lindhorst fort, Euch mag wohl das, was ich
freilich nur in ganz drftigen Zgen erzhlt habe, unsinnig und toll
vorkommen, aber es ist dessen unerachtet nichts weniger als ungereimt oder
auch nur allegorisch gemeint, sondern buchstblich wahr. Htte ich aber
gewut, da Euch die herrliche Liebesgeschichte, der auch ich meine
Entstehung zu verdanken habe, so wenig gefallen wrde, so htte ich lieber
manches Neue mitgeteilt, das mir mein Bruder beim gestrigen Besuch
mitbrachte. -- Ei, wie das? Haben Sie denn einen Bruder, Herr Archivarius?
-- Wo ist er denn -- wo lebt er denn? Auch in kniglichen Diensten, oder
vielleicht ein privatisierender Gelehrter? So fragte man von allen Seiten.
-- Nein! erwiderte der Archivarius, ganz kalt und gelassen eine Prise
nehmend, er hat sich auf die schlechte Seite gelegt und ist unter die
Drachen gegangen. -- Wie beliebten Sie doch zu sagen, wertester
Archivarius, nahm der Registrator Heerbrand das Wort, unter die Drachen?
-- Unter die Drachen? hallte es von allen Seiten wie ein Echo nach.
-- Ja, unter die Drachen, fuhr der Archivarius Lindhorst fort, eigentlich
war es Desperation. Sie wissen, meine Heren [Herren], da mein Vater vor
ganz kurzer Zeit starb, es sind nur hchstens dreihundertfnfundachtzig
Jahre her, weshalb ich auch noch Trauer trage; der hatte mir, dem Liebling,
einen prchtigen Onyx vermacht, den durchaus mein Bruder haben wollte. Wir
zankten uns bei der Leiche des Vaters darber auf eine ungebhrliche
Weise, bis der Selige, der die Geduld verlor, aufsprang und den bsen
Bruder die Treppe hinunterwarf. Das wurmte meinen Bruder, und er ging
stehenden Fues unter die Drachen. Jetzt hlt er sich in einem
Cypressenwalde dicht bei Tunis auf, dort hat er einen berhmten mystischen
Karfunkel zu bewachen, dem ein Teufelskerl von Nekromant, der ein
Sommerlogis in Lappland bezogen, nachstellt, weshalb er denn nur auf ein
Viertelstndchen, wenn gerade der Nekromant im Garten seine Salamanderbeete
besorgt, abkommen kann, um mir in der Geschwindigkeit zu erzhlen, was es
gutes Neues an den Quellen des Nils gibt. -- Zum zweiten Male brachen die
Anwesenden in ein schallendes Gelchter aus, aber dem Studenten Anselmus
wurde ganz unheimlich zu Mute, und er konnte den Archivarius Lindhorst kaum
in die starren, ernsten Augen sehen, ohne innerlich auf eine ihm selbst
unbegreifliche Weise zu erbeben. Zumal hatte die rauhe, aber sonderbar
metallartig tnende Stimme des Archivarius Lindhorst fr ihn etwas
geheimnisvoll Eindringendes, da er Mark und Bein erzittern fhlte. Der
eigentliche Zweck, weshalb ihn der Registrator Heerbrand mit in das
Kaffeehaus genommen hatte, schien heute nicht erreichbar zu sein. Nach
jenem Vorfalle vor dem Hause des Archivarius Lindhorst war nmlich der
Student Anselmus nicht dahin zu vermgen gewesen, den Besuch zum zweiten
Male zu wagen; denn nach seiner innigsten berzeugung hatte nur der Zufall
ihn, wo nicht vom Tode, doch von der Gefahr, wahnsinnig zu werden befreit.
Der Konrektor Paulmann war eben durch die Strae gegangen, als er ganz von
Sinnen vor der Haustr lag, und ein altes Weib, die ihren Kuchen- und
pfelkorb bei Seite gesetzt, um ihn beschftigt war. Der Konrektor Paulmann
hatte sogleich eine Portechaise herbeigerufen und ihn so nach Hause
transportiert. Man mag von mir denken, was man will, sagte der Student
Anselmus, man mag mich fr einen Narren halten oder nicht -- genug! -- an
dem Trklopfer grinste mir das vermaledeite Gesicht der Hexe vom schwarzen
Tore entgegen; was nachher geschah, davon will ich lieber gar nicht reden;
aber wre ich aus meiner Ohnmacht erwacht und htte das verwnschte
pfelweib vor mir gesehen (denn niemand anders war doch das alte um mich
beschftigte Weib), mich htte augenblicklich der Schlag gerhrt, oder ich
wre wahnsinnig geworden. Alles Zureden, alle vernnftigen Vorstellungen
des Konrektors Paulmann und des Registrators Heerbrand fruchteten gar
nichts, und selbst die blauugige Veronika vermochte nicht, ihn aus einem
gewissen tiefsinnigen Zustande zu reien, in den er versunken. Man hielt
ihn nun in der Tat fr seelenkrank und sann auf Mittel, ihn zu zerstreuen,
worauf der Registrator Heerbrand meinte, da nichts dazu dienlicher sein
knne als die Beschftigung bei dem Archivarius Lindhorst, nmlich das
Nachmalen der Manuskripte. Es kam nur darauf an, den Studenten Anselmus auf
gute Art dem Archivarius Lindhorst bekannt zu machen, und da der
Registrator Heerbrand wute, da dieser beinahe jeden Abend ein gewisses
bekanntes Kaffeehaus besuchte, so lud er den Studenten Anselmus ein, jeden
Abend so lange auf seine, des Registrators Kosten in jenem Kaffeehause ein
Glas Bier zu trinken und eine Pfeife zu rauchen, bis er auf diese oder jene
Art dem Archivarius bekannt und mit ihm ber das Geschft des Abschreibens
der Manuskripte einig geworden, welches der Student Anselmus dankbarlichst
annahm. Sie verdienen Gottes Lohn, werter Registrator, wenn Sie den jungen
Menschen zur Raison bringen, sagte der Konrektor Paulmann. -- Gottes
Lohn! wiederholte Veronika, indem sie die Augen fromm zum Himmel erhob und
lebhaft daran dachte, wie der Student Anselmus schon jetzt ein recht
artiger junger Mann sei, auch ohne Raison! -- Als der Archivarius Lindhorst
eben mit Hut und Stock zur Tr hinausschreiten wollte, da ergriff der
Registrator Heerbrand den Studenten Anselmus rasch bei der Hand, und mit
ihm dem Archivarius den Weg vertretend, sprach er: Geschtztester Herr
geheimer Archivarius, hier ist der Student Anselmus, der, ungemein
geschickt im Schnschreiben und Zeichnen, Ihre seltenen Manuskripte
kopieren will. -- Das ist mir ganz ungemein lieb, erwiderte der
Archivarius Lindhorst rasch, warf den dreieckigen soldatischen Hut auf den
Kopf und eilte, den Registrator Heerbrand und den Studenten Anselmus bei
Seite schiebend, mit vielem Gerusch die Treppe hinab, so da beide ganz
verblfft dastanden und die Stubentr anguckten, die er dicht vor ihnen
zugeschlagen, da die Angeln klirrten. Das ist ja ein ganz wunderlicher
alter Mann, sagte der Registrator Heerbrand, -- Wunderlicher alter Mann,
stotterte der Student Anselmus nach, fhlend, wie ein Eisstrom ihm durch
alle Adern frstelte, da er beinahe zur starren Bildsule geworden. Aber
alle Gste lachten und sagten: Der Archivarius war heute einmal wieder in
seiner besonderen Laune, morgen ist er gewi sanftmtig und spricht kein
Wort, sondern sieht in die Dampfwirbel seiner Pfeife oder liest Zeitungen;
man mu sich daran gar nicht kehren. -- Das ist auch wahr dachte der
Student Anselmus, wer wird sich an so etwas kehren! Hat der Herr
Archivarius nicht gesagt, es sei ihm ganz ungemein lieb, da ich seine
Manuskripte kopieren wolle? -- Und warum vertrat ihm auch der Registrator
Heerbrand den Weg, als er gerade nach Hause gehen wollte? -- Nein, nein, es
ist ein lieber Mann, im Grunde genommen, der Herr geheime Archivarius
Lindhorst, und liberal erstaunlich -- nur kurios in absonderlichen
Redensarten. -- Allein was schadet das mir? -- Morgen gehe ich hin Punkt
zwlf Uhr, und setzten sich hundert bronzierte pfelweiber dagegen.




VIERTE VIGILIE


Melancholie des Studenten Anselmus. -- Der smaragdene Spiegel. -- Wie
Archivarius Lindhorst als Stogeier davonflog und der Student Anselmus
niemandem begegnete.


Wohl darf ich geradezu Dich selbst, gnstiger Leser, fragen, ob Du in
Deinem Leben nicht Stunden, ja Tage und Wochen hattest, in denen Dir all'
Dein gewhnliches Tun und Treiben ein recht qulendes Mibehagen erregte,
und in denen Dir, alles was Dir sonst recht wichtig und wert in Sinn und
Gedanken zu tragen vorkam, nun lppisch und nichtswrdig erschien. Du
wutest dann selbst nicht, was Du tun und wohin Du Dich wenden solltest.
Ein dunkles Gefhl, es msse irgendwo und zu irgend einer Zeit ein hoher,
den Kreis alles irdischen Genusses berschreitender Wunsch erfllt werden,
den der Geist, wie ein strenggehaltenes furchtsames Kind gar nicht
auszusprechen wage, erhob Deine Brust, und in dieser Sehnsucht nach dem
unbekannten Etwas, das Dich berall, wo Du gingst und standest, wie ein
duftiger Traum mit durchsichtigen, vor dem schrferen Blick zerflieenden
Gestalten umschwebte, verstummtest Du fr alles was Dich hier umgab. Du
schlichst mit trbem Blick umher wie ein hoffnungslos Liebender, und alles,
was Du die Menschen auf allerlei Weise im bunten Gewhl durcheinander
treiben sahst, erregte Dir keinen Schmerz und keine Freude, als gehrtest
Du nicht mehr dieser Welt an. Ist Dir, gnstiger Leser, jemals so zu Mute
gewesen, so kennst Du selbst aus eigener Erfahrung den Zustand, in dem sich
der Student Anselmus befand. berhaupt wnschte ich, es wre mir schon
jetzt gelungen, Dir, geneigter Leser, den Studenten Anselmus recht lebhaft
vor Augen zu bringen. Denn in der Tat, ich habe in den Nachtwachen, die ich
dazu verwende, seine hchst sonderbare Geschichte aufzuschreiben, noch so
viel Wunderliches, das wie eine spukhafte Erscheinung das alltgliche Leben
ganz gewhnlicher Menschen ins Blaue hinausrckte, zu erzhlen, da mir
bange ist, Du werdest am Ende weder an den Studenten Anselmus noch an den
Archivarius Lindhorst glauben, ja wohl gar einige ungerechte Zweifel gegen
den Konrektor Paulmann und den Registrator Heerbrand hegen, unerachtet
wenigstens die letztgenannten achtbaren Mnner noch jetzt in Dresden
umherwandeln. Versuche es, geneigter Leser, in dem feenhaften Reiche voll
herrlicher Wunder, die die hchste Wonne, sowie das tiefste Entsetzen in
gewaltigen Schlgen hervorrufen, ja, wo die ernste Gttin ihren Schleier
lftet, da wir ihr Antlitz zu schauen whnen -- aber ein Lcheln
schimmert oft aus dem ernsten Blick, und das ist der neckhafte Scherz, der
in allerlei verwirrendem Zauber mit uns spielt, so wie die Mutter oft mit
ihren liebsten Kindern tndelt -- ja, in diesem Reiche, das uns der Geist
so oft, wenigstens im Traume aufschliet, versuche es, geneigter Leser, die
bekannten Gestalten, wie sie tglich, wie man zu sagen pflegt, im gemeinen
Leben, um Dich herwandeln, wiederzuerkennen. Du wirst dann glauben, da Dir
jenes herrliche Reich viel nher liege, als Du sonst wohl meintest, welches
ich nun eben recht herzlich wnsche, und Dir in der seltsamen Geschichte
des Studenten Anselmus anzudeuten strebe. -- Also, wie gesagt, der Student
Anselmus geriet seit jenem Abende, als er den Archivarius Lindhorst
gesehen, in ein trumerisches Hinbrten, da [das] ihn fr jede uere
Berhrung des gewhnlichen Lebens unempfindlich machte. Er fhlte, wie ein
unbekanntes Etwas in seinem Innersten sich regte und ihm jenen wonnevollen
Schmerz verursachte, der eben die Sehnsucht ist, welche dem Menschen ein
anderes, hheres Sein verheit. Am liebsten war es ihm, wenn er allein
durch Wiesen und Wlder schweifen und wie losgelst von allem, was ihn an
sein drftiges Leben fesselte, nur im Anschauen der mannigfachen Bilder,
die aus seinem Innern stiegen, sich gleichsam selbst wiederfinden konnte.
So kam es denn, da er einst, von einem weiten Spaziergange heimkehrend,
bei jenem merkwrdigen Holunderbusch vorberschritt, unter dem er damals
wie von Feerei befangen, so viel Seltsames sah; er fhlte sich
wunderbarlich von dem grnen heimatlichen Rasenfleck angezogen, aber kaum
hatte er sich daselbst niedergelassen, als alles, was er damals wie in
einer himmlischen Verzckung geschaut, und das wie von einer fremden Gewalt
aus seiner Seele verdrngt worden, ihm wieder in den lebhaftesten Farben
vorschwebte, als she er es zum zweiten Mal. Ja, noch deutlicher als damals
war es ihm, da die holdseligen blauen Augen der goldgrnen Schlange
angehren, die in der Mitte des Holunderbaumes sich emporwand, und da in
den Windungen des schlanken Leibes all' die herrlichen Krystall-Glockentne
hervorblitzen muten, die ihn mit Wonne und Entzcken erfllten. So wie
damals am Himmelfahrtstage, umfate er den Holunderbaum und rief in die
Zweige und Bltter hinein: Ach nur noch einmal schlngle und schlinge und
winde Dich, Du holdes grnes Schlnglein, in den Zweigen, da ich Dich
schauen mag! Nur noch einmal blicke mich an mit Deinen holdseligen Augen!
Ach ich liebe Dich ja und mu in Trauer und Schmerz vergehen, wenn Du nicht
wiederkehrst! Alles blieb jedoch stumm und still, und wie damals rauschte
der Holunderbaum nur ganz unvernehmlich mit seinen Zweigen und Blttern.
Aber dem Studenten Anselmus war es als wisse er nun, was sich in seinem
Innern so rege und bewege, ja was seine Brust so im Schmerz einer
unendlichen Sehnsucht zerreie. Ist es denn etwas anderes, sprach er,
als da ich Dich so ganz mit voller Seele bis zum Tode liebe, Du
herrliches goldenes Schlngelein, ja da ich ohne Dich nicht zu leben
vermag und vergehen mu in hoffnungsloser Not, wenn ich Dich nicht
wiedersehe, Dich nicht habe wie die Geliebte meines Herzens -- aber ich
wei es, Du wirst mein und dann alles, was herrliche Trume aus einer
andern hhern Welt mir verheien, erfllt sein. -- Nun ging der Student
Anselmus jeden Abend, wenn die Sonne nur noch in die Spitzen der Bume ihr
funkelndes Gold streute, unter den Holunderbaum und rief aus tiefer Brust
mit ganz klglichen Tnen in die Bltter und Zweige hinein nach der holden
Geliebten, dem goldgrnen Schlnglein. Als er dieses wieder einmal nach
gewhnlicher Weise trieb, stand pltzlich ein langer hagerer Mann in einem
weiten lichtgrauen berrock gehllt und rief, indem er ihn mit seinen
groen feurigen Augen anblitzte: Hei, hei, was klagt und winselt denn da?
-- Hei, hei, das ist ja Herr Anselmus, der meine Manuskripte kopieren
will. Der Student Anselmus erschrak nicht wenig vor der gewaltigen Stimme;
denn es war ja dieselbe, die damals am Himmelfahrtstage gerufen: Hei, hei!
was ist das fr ein Gemunkel und Geflster usw. Er konnte vor Staunen und
Schreck kein Wort herausbringen. -- Nun, was ist Ihnen denn, Herr
Anselmus? fuhr der Archivarius Lindhorst fort (niemand anders war der Mann
im weigrauen berrock), was wollen Sie von dem Holunderbaum und warum
sind Sie denn nicht zu mir gekommen, um Ihre Arbeit anzufangen? --
Wirklich hatte der Student Anselmus es noch nicht ber sich vermocht, den
Archivarius Lindhorst wieder in seinem Hause aufzusuchen, unerachtet er
sich jenen Abend ganz dazu ermutigt; in diesem Augenblick aber, als er
seine schnen Trume und noch dazu durch dieselbe feindselige Stimme, die
schon damals ihm die Geliebte geraubt, zerrissen sah, erfate ihn eine Art
Verzweiflung und er brach ungestm los: Sie mgen mich nun fr wahnsinnig
halten oder nicht, Herr Archivarius, das gilt mir ganz gleich, aber hier
auf diesem Baume erblickte ich am Himmelfahrtstage die goldgrne Schlange
-- ach! die ewig Geliebte meiner Seele und sie sprach zu mir in herrlichen
Kristalltnen, aber Sie -- Sie, Herr Archivarius, schrieen und riefen so
schrecklich bers Wasser her. -- Wie das, mein Gnner? unterbrach ihn
der Archivarius Lindhorst, indem er ganz sonderbar lchelnd eine Prise
nahm. -- Der Student Anselmus fhlte, wie seine Brust sich erleichterte,
als es ihm nur gelungen, von jenem wunderbaren Abenteuer anzufangen und es
war ihm als sei es schon ganz recht, da er den Archivarius geradezu
beschuldigt: er sei es gewesen, der so aus der Ferne gedonnert. Er nahm
sich zusammen, sprechend: Nun, so will ich denn alles erzhlen, was mir an
dem Himmelfahrtsabende Verhngnisvolles begegnet und dann mgen Sie reden
und tun und berhaupt denken ber mich was Sie wollen. -- Er erzhlte nun
wirklich die ganze wunderliche Begebenheit von dem unglcklichen Tritt in
den pfelkorb an, bis zum Entfliehen der drei goldgrnen Schlangen bers
Wasser und wie ihn nun die Menschen fr betrunken oder wahnsinnig gehalten.
Das alles, schlo der Student Anselmus, habe ich wirklich gesehen und
tief in der Brust ertnen noch im hellen Nachklange die lieblichen Stimmen,
die zu mir sprachen; es war keineswegs ein Traum und soll ich nicht vor
Liebe und Sehnsucht sterben, so mu ich an die goldgrnen Schlangen
glauben, unerachtet ich an Ihrem Lcheln, werter Herr Archivarius,
wahrnehme, da Sie eben diese Schlangen nur fr ein Erzeugnis meiner
erhitzten, berspannten Einbildungskraft halten. -- Mit nichten,
erwiderte der Archivarius in der grten Ruhe und Gelassenheit, die
goldgrnen Schlangen, die Sie, Herr Anselmus, in dem Holunderbusch gesehen,
waren nun eben meine drei Tchter, und da Sie sich in die blauen Augen der
jngsten, Serpentina genannt, gar sehr verliebt, das ist nun wohl klar. Ich
wute es brigens schon am Himmelfahrtstage und da mir zu Hause, am
Arbeitstisch sitzend, des Gemunkels und Geklingels zuviel wurde, rief ich
den losen Dirnen zu, da es Zeit sei nach Hause zu eilen; denn die Sonne
ging schon unter und sie hatten sich genug mit Singen und Strahlentrinken
erlustigt! -- Dem Studenten Anselmus war es als wrde ihm nur etwas mit
deutlichen Worten gesagt, was er lngst geahnt; und ob er gleich zu
bemerken glaubte, da sich Holunderbusch, Mauer, Rasenboden und alle
Gegenstnde rings umher leise zu drehen anfingen, so raffte er sich doch
zusammen und wollte etwas reden; aber der Archivarius lie ihn nicht zu
Worte kommen, sondern zog schnell den Handschuh von der linken Hand, und
indem er den in wunderbaren Funken und Flammen blitzenden Stein eines
Ringes dem Studenten vor die Augen hielt, sprach er: Schauen Sie her,
werter Herr Anselmus, Sie knnen darber, was Sie erblicken, eine Freude
haben. Der Student Anselmus schaute hin, und, o Wunder! Der Stein warf wie
aus einem brennenden Fokus Strahlen rings herum, und die Strahlen
verspannen sich zum hellen, leuchtenden Kristallspiegel, in dem in
mancherlei Windungen, bald einander fliehend, bald sich in einander
schlingend, die drei goldgrnen Schlnglein tanzten und hpften. Und wenn
die schlanken in tausend Funken blitzenden Leiber sich berhrten, da
erklangen herrliche Akkorde wie Kristallglocken und die mittelste streckte
wie voll Sehnsucht und Verlangen das Kpfchen zum Spiegel heraus und die
dunkelblauen Augen sprachen: Kennst Du mich denn -- glaubst Du denn an
mich, Anselmus? -- nur in dem Glauben ist Liebe -- kannst Du denn lieben?
-- O Serpentina, Serpentina! schrie der Student Anselmus in wahnsinnigem
Entzcken; aber der Archivarius Lindhorst hauchte schnell auf den Spiegel,
da fuhren in elektrischem Geknister die Strahlen in den Fokus zurck, und
an der Hand blitzte nur wieder ein kleiner Smaragd, ber den der
Archivarius den Handschuh zog. Haben Sie die goldnen Schlnglein gesehen,
Herr Anselmus? fragte der Archivarius Lindhorst. Ach Gott, ja! erwiderte
der Student, und die holde liebliche Serpentina. Still! fuhr der
Archivarius Lindhorst fort, genug fr heute! brigens knnen Sie ja, wenn
Sie sich entschlieen wollen bei mir zu arbeiten, meine Tchter oft genug
sehen, oder vielmehr, ich will Ihnen das wahrhaftige Vergngen verschaffen,
wenn Sie sich bei der Arbeit recht brav halten, das heit: mit der grten
Genauigkeit und Reinheit jedes Zeichen kopieren. Aber Sie kommen ja gar
nicht zu mir, unerachtet mir der Registrator Heerbrand versicherte, Sie
wrden sich nchstens einfinden und ich deshalb mehrere Tage vergebens
gewartet. -- Sowie der Archivarius Lindhorst den Namen Heerbrand nannte,
war es dem Studenten Anselmus erst wieder, als stehe er wirklich mit
beiden Fen auf der Erde und er wre wirklich der Student Anselmus, und
der vor ihm stehende Mann der Archivarius Lindhorst. Der gleichgltige Ton,
in dem dieser sprach, hatte im grellen Kontrast mit den wunderbaren
Erscheinungen, die er wie ein wahrhafter Nekromant hervorrief, etwas
Grauenhaftes, das durch den stechenden Blick der funkelnden Augen, die aus
den knchernen Hhlen des magern, runzligen Gesichts wie aus einem Gehuse
hervorstrahlten, noch erhht wurde, und den Studenten ergriff mit Macht
dasselbe unheimliche Gefhl, welches sich seiner schon auf dem Kaffeehause
bemeisterte, als der Archivarius so viel Abenteuerliches erzhlte. Nur mit
Mhe fate er sich, und als der Archivarius nochmals fragte: nun, warum
sind Sie denn nicht zu mir gekommen? da erhielt er es ber sich, alles zu
erzhlen, was ihm an der Haustr begegnet. Lieber Herr Anselmus, sagte der
Archivarius, als der Student seine Erzhlung geendet, lieber Herr Anselmus,
ich kenne wohl das pfelweib, von dem Sie zu sprechen belieben; es ist eine
fatale Kreatur, die mir allerhand Possen spielt, und da sie sich hat
bronzieren lassen, um als Trklopfer die mir angenehmen Besuche zu
verscheuchen, das ist in der Tat sehr arg und nicht zu leiden. Wollten Sie
doch, werter Herr Anselmus, wenn Sie morgen um zwlf Uhr zu mir kommen und
wieder etwas von dem Angrinsen und Anschnarren vermerken, ihr geflligst
etwas Weniges von diesem Likr auf die Nase trpfeln; dann wird sich
sogleich alles geben.

[Illustration: Wie ein groer Vogel]

Und nun Adieu! lieber Herr Anselmus, ich gehe etwas rasch, deshalb will
ich Ihnen nicht zumuten, mit mir nach der Stadt zurckzukehren. Adieu! auf
Wiedersehen, morgen um zwlf Uhr. -- Der Archivarius hatte dem Studenten
Anselmus ein kleines Flschchen mit einem goldgelben Likr gegeben und nun
schritt er rasch von dannen, so da er in der tiefen Dmmerung, die
unterdessen eingebrochen, mehr in das Tal hinabzuschweben als zu gehen
schien. Schon war er in der Nhe des Koselschen Gartens, da setzte sich der
Wind in den weiten berrock und trieb die Sche auseinander, da sie wie
ein Paar groe Flgel in den Lften flatterten und es dem Studenten
Anselmus, der verwunderungsvoll dem Archivarius nachsah, vorkam, als breite
ein groer Vogel die Fittiche aus zum raschen Fluge. -- Wie der Student nun
so in die Dmmerung hineinstarrte, da erhob sich mit krchzendem Geschrei
ein weigrauer Geier hoch in die Lfte und er merkte nun wohl, da das
weie Geflatter, das er noch immer fr den davonschreitenden Archivarius
gehalten, schon eben der Geier gewesen sein msse, unerachtet er nicht
begreifen konnte, wo denn der Archivarius mit einem Male hingeschwunden.
Er kann aber auch selbst in Person davongeflogen sein, der Herr
Archivarius Lindhorst, sprach der Student Anselmus zu sich selbst; denn
ich sehe und fhle nun wohl, da alle die fremden Gestalten aus einer
fernen wundervollen Welt, die ich sonst nur in ganz besondern merkwrdigen
Trumen schaute, jetzt in mein waches reges Leben geschritten sind und ihr
Spiel mit mir treiben. -- Dem sei aber wie ihm wolle! Du lebst und glhst
in meiner Brust, holde, liebliche Serpentina, nur Du kannst die unendliche
Sehnsucht stillen, die mein Innerstes zerreit. Ach, wann werde ich in Dein
holdseliges Auge blicken, liebe, liebe Serpentina! -- -- So rief der
Student Anselmus ganz laut. -- Das ist ein schnder unchristlicher Name,
murmelte eine Bastimme neben ihm, die einem heimkehrenden Spaziergnger
gehrte. Der Student Anselmus, zu rechter Zeit erinnert wo er war, eilte
raschen Schrittes von dannen, indem er bei sich selbst dachte: wre es
nicht ein rechtes Unglck, wenn mir jetzt der Konrektor Paulmann oder der
Registrator Heerbrand begegnete! -- Aber er begegnete keinem von beiden.




FNFTE VIGILIE


Die Frau Hofrtin Anselmus. -- Cicero de officiis. -- Meerkatzen und
anderes Gesindel. -- Die alte Lise. -- Das Aequinoctium.


Mit dem Anselmus ist nun einmal in der Welt nichts anzufangen, sagte der
Konrektor Paulmann, alle meine guten Lehren, alle meine Ermahnungen sind
fruchtlos, er will sich ja zu gar nichts applizieren, unerachtet er die
besten Schulstudia besitzt, die denn doch die Grundlage von allem sind.
Aber der Registrator Heerbrand erwiderte schlau und geheimnisvoll lchelnd:
Lassen Sie dem Anselmus doch nur Raum und Zeit, wertester Konrektor, das
ist ein kurioses Subjekt, aber es steckt viel in ihm und wenn ich sage:
viel, so heit das: ein geheimer Sekretr, oder wohl gar ein Hofrat. -- Hof
-- fing der Konrektor im grten Erstaunen an, das Wort blieb ihm stecken.
-- Still, still, fuhr der Registrator Heerbrand fort, ich wei, was ich
wei! Schon seit zwei Tagen sitzt er bei dem Archivarius Lindhorst und
kopiert, und der Archivarius sagte gestern Abend auf dem Kaffeehause zu
mir: Sie haben mir einen wackern Mann empfohlen, Verehrter; aus dem wird
was; -- und nun bedenken Sie des Archivarii Konnexionen -- still -- still
-- sprechen wir uns bers Jahr! -- Mit diesen Worten ging der Registrator
in fortwhrendem schlauem Lcheln zur Tr hinaus und lie den vor Erstaunen
und Neugier verstummten Konrektor im Stuhle festgebannt sitzen. Aber auf
Veronika hatte das Gesprch einen ganz eignen Eindruck gemacht. Habe ich's
denn nicht schon immer gewut, dachte sie, da der Herr Anselmus ein recht
gescheiter, liebenswrdiger junger Mann ist, aus dem noch was Groes wird?
Wenn ich nur wte, ob er mir wirklich gut ist! -- Aber hat er mir nicht
jenen Abend, als wir ber die Elbe fuhren, zweimal die Hand gedrckt? Hat
er mich nicht im Duett angesehen mit solchen ganz sonderbaren Blicken, die
bis ins Herz drangen? Ja, ja, er ist mir wirklich gut -- und ich --
Veronika berlie sich ganz, wie junge Mdchen wohl pflegen, den sen
Trumen von einer heitern Zukunft. Sie war Frau Hofrtin, bewohnte ein
schnes Logis in der Schlogasse oder auf dem Neumarkt, oder auf der
Moritzstrae -- der moderne Hut, der neue trkische Schal stand ihr
vortrefflich -- sie frhstckte im eleganten Negligee im Erker, der Kchin
die ntigen Befehle fr den Tag erteilend. Aber da Sie mir die Schssel
nicht verdirbt, es ist des Herrn Hofrats Leibessen! -- Vorbergehende
Elegants schielen herauf, sie hrt deutlich: Es ist doch eine gttliche
Frau, die Hofrtin, wie ihr das Spitzenhubchen so allerliebst steht! --
Die geheime Rtin Ypsilon schickt den Bedienten und lt fragen, ob es der
Frau Hofrtin gefllig wre, heute ins Linkesche Bad zu fahren? -- Viel
Empfehlungen, es tte mir unendlich leid, ich sei schon engagiert zum Tee
bei der Prsidentin Tz. -- Da kommt der Hofrat Anselmus, der schon frh in
Geschften ausgegangen, zurck; er ist nach der letzten Mode gekleidet;
wahrhaftig schon zehn, ruft er, indem er die goldne Uhr repetieren lt
und der jungen Frau einen Ku gibt: wie geht's, liebes Weibchen, weit Du
auch, was ich fr Dich habe? fhrt er schkernd fort und zieht ein Paar
herrliche, nach der neuesten Art gefate Ohrringe aus der Westentasche, die
er ihr statt der sonst getragenen gewhnlichen einhngt. Ach, die schnen
niedlichen Ohrringe! ruft Veronika ganz laut und springt, die Arbeit
wegwerfend, vom Stuhl auf, um in dem Spiegel die Ohrringe wirklich zu
beschauen. Nun, was soll denn das sein? sagte der Konrektor Paulmann,
der, eben in Cicero de officiis vertieft, beinahe das Buch fallen gelassen,
man hat ja Anflle wie der Anselmus. Aber da trat der Student Anselmus,
der wider seine Gewohnheit sich mehrere Tage nicht hatte sehen lassen ins
Zimmer, zu Veronikas Schreck und Erstaunen, denn in der Tat war er in
seinem ganzen Wesen verndert. Mit einer gewissen Bestimmtheit, die ihm
sonst gar nicht eigen, sprach er von ganz andern Tendenzen seines Lebens,
die ihm klar geworden, von den herrlichen Aussichten, die sich ihm
geffnet, die mancher aber gar nicht zu schauen vermchte. Der Konrektor
Paulmann wurde, der geheimnisvollen Rede des Registrators Heerbrand
gedenkend, noch mehr betroffen und konnte kaum eine Silbe hervorbringen,
als der Student Anselmus, nachdem er einige Worte von dringender Arbeit bei
dem Archivarius Lindhorst fallen gelassen und der Veronika mit eleganter
Gewandtheit die Hand gekt, schon die Treppe hinunter, auf und von dannen
war. Das war ja schon der Hofrat, murmelte Veronika in sich hinein, und
er hat mir die Hand gekt, ohne dabei auszugleiten oder mir auf den Fu zu
treten, wie sonst! -- er hat mir einen recht zrtlichen Blick zugeworfen
-- er ist mir wohl in der Tat gut. -- Veronika berlie sich aufs neue
jener Trumerei, indessen war es als trte immer eine feindselige Gestalt
unter die lieblichen Erscheinungen, wie sie aus dem knftigen huslichen
Leben als Frau Hofrtin hervorgingen, und die Gestalt lachte recht hhnisch
und sprach: das ist ja alles recht dummes ordinres Zeug und noch dazu
erlogen, denn der Anselmus wird nimmermehr Hofrat und Dein Mann; er liebt
Dich ja nicht, unerachtet Du blaue Augen hast und einen schlanken Wuchs und
eine feine Hand. -- Da go sich ein Eisstrom durch Veronikas Inneres und
ein tiefes Entsetzen vernichtete die Behaglichkeit, mit der sie sich nur
noch erst im Spitzenhubchen und den eleganten Ohrringen gesehen. Die
Trnen wren ihr beinahe aus den Augen gestrzt und sie sprach laut: Ach,
es ist ja wahr, er liebt mich nicht und ich werde nimmermehr Frau
Hofrtin! Romanstreiche, Romanstreiche! schrie der Konrektor Paulmann,
nahm Hut und Stock und eilte zornig von dannen. -- Das fehlte noch,
seufzte Veronika und rgerte sich recht ber die zwlfjhrige Schwester,
welche, teilnahmslos an ihrem Rahmen sitzend, fortgestickt hatte.
Unterdessen war es beinahe drei Uhr geworden und nun gerade Zeit das Zimmer
aufzurumen und den Kaffeetisch zu ordnen; denn die Mesdemoiselles Oster
hatten sich bei der Freundin ansagen lassen. Aber hinter jedem Schrnkchen,
das Veronika wegrckte, hinter den Notenbchern, die sie vom Klavier,
hinter jeder Tasse, hinter der Kaffeekanne, die sie aus dem Schrank nahm,
sprang jene Gestalt wie ein Alrunchen hervor und lachte hhnisch und
schlug mit den kleinen Spinnenfingern Schnippchen und schrie: er wird doch
nicht Dein Mann, er wird doch nicht Dein Mann! Und dann, wenn sie alles
stehen und liegen lie und in die Mitte des Zimmers flchtete, sah es mit
langer Nase riesengro hinter dem Ofen hervor und knurrte und schnurrte: er
wird doch nicht Dein Mann! Hrst Du denn nichts, siehst Du denn nichts,
Schwester? rief Veronika, die vor Furcht und Zittern gar nichts mehr
anrhren mochte. Frnzchen stand ganz ernsthaft und ruhig von ihrem
Stickrahmen auf und sagte: Was ist Dir denn heute, Schwester? Du wirfst ja
alles durcheinander, da es klippert und klappert, ich mu Dir nur helfen.
Aber da traten schon die muntern Mdchen in vollem Lachen herein und in dem
Augenblick wurde nun auch Veronika gewahr, da sie den Ofenaufsatz fr eine
Gestalt und das Knarren der bel verschlossenen Ofentr fr die
feindseligen Worte gehalten hatte. Von einem innern Entsetzen gewaltsam
ergriffen, konnte sie sich aber nicht so schnell erholen, da die
Freundinnen nicht ihre ungewhnliche Spannung, die selbst ihre Blsse, ihr
verstrtes Gesicht verriet, htten bemerken sollen. Als sie schnell
abbrechend von all dem Lustigen, das sie eben erzhlen wollten, in die
Freundin drangen, was ihr denn um des Himmels willen widerfahren, mute
Veronika eingestehen, wie sie sich ganz besondern Gedanken hingegeben und
pltzlich am hellen Tage von einer sonderbaren Gespensterfurcht, die ihr
sonst gar nicht eigen, bermannt worden. Nun erzhlte sie so lebhaft, wie
aus allen Winkeln des Zimmers ein kleines graues Mnnchen sie geneckt und
gehhnt habe, da die Mesdemoiselles Oster sich schchtern nach allen
Seiten umsahen und ihnen bald gar unheimlich und grausig zu Mute wurde. Da
trat Frnzchen mit dem dampfenden Kaffee herein, und alle drei sich
besinnend, lachten ber ihre eigene Albernheit. Angelika, so hie die
lteste Oster, war mit einem Offizier versprochen, der bei der Armee stand
und von dem die Nachrichten solange ausgeblieben, da man an seinem Tode,
oder wenigstens an seiner schweren Verwundung kaum zweifeln konnte. Dies
hatte Angelika in die tiefste Betrbnis gestrzt, aber heute war sie
frhlich bis zur Ausgelassenheit, worber Veronika sich nicht wenig
wunderte und es ihr unverhohlen uerte. Liebes Mdchen, sagte Angelika,
glaubst Du denn nicht, da ich meinen Viktor immerdar im Herzen, in Sinn
und Gedanken trage? aber eben deshalb bin ich so heiter! -- ach Gott! -- so
glcklich, so selig in meinem ganzen Gemte! denn mein Viktor ist wohl, und
ich sehe ihn in weniger Zeit als Rittmeister, geschmckt mit den
Ehrenzeichen, die ihm seine unbegrenzte Tapferkeit erwarben, wieder. Eine
starke, aber durchaus nicht gefhrliche Verwundung des rechten Arms, und
zwar durch den Sbelhieb eines feindlichen Husaren, verhindert ihn zu
schreiben, und der schnelle Wechsel seines Aufenthaltes, da er durchaus
sein Regiment nicht verlassen will, macht es auch noch immer unmglich mir
Nachricht zu geben; aber heute Abend erhlt er die bestimmte Weisung, sich
erst ganz heilen zu lassen. Er reiset morgen ab, um herzukommen, und indem
er in den Wagen steigen will, erfhrt er seine Ernennung zum Rittmeister,
-- Aber liebe Angelika, fiel Veronika ein, das weit Du jetzt schon
alles? -- Lache mich nicht aus, liebe Freundin, fuhr Angelika fort,
aber Du wirst es nicht, denn knnte nicht Dir zur Strafe gleich das kleine
graue Mnnchen dort hinter dem Spiegel hervorgucken? -- Genug, ich kann
mich von dem Glauben an gewisse geheimnisvolle Dinge nicht losmachen, weil
sie oft genug ganz sichtbarlich und handgreiflich, mcht' ich sagen, in
mein Leben getreten. Vorzglich kommt es mir nun garnicht einmal so
wunderbar und unglaublich vor, als manchem andern, da es Leute geben kann,
denen eine gewisse Sehergabe eigen, die sie durch ihnen bekannte
untrgliche Mittel in Bewegung zu setzen wissen. Es ist hier am Orte eine
alte Frau, die diese Gabe besonders besitzt. Nicht sowie andere ihres
Gelichters, prophezeit sie aus Karten, gegossenem Blei oder aus dem
Kaffeesatze, sondern nach gewissen Vorbereitungen, an denen die fragende
Person teilnimmt, erscheint in einem hellpolierten Metallspiegel ein
wunderliches Gemisch von allerlei Figuren und Gestalten, welche die Alte
deutet und aus ihnen die Antwort auf die Frage schpft. Ich war gestern
Abend bei ihr und erhielt jene Nachrichten von meinem Viktor, an deren
Wahrheit ich nicht einen Augenblick zweifle. -- Angelika's Erzhlung warf
einen Funken in Veronika's Gemt, der schnell den Gedanken entzndete, die
Alte ber den Anselmus und ber ihre Hoffnungen zu befragen. Sie erfuhr,
da die alte [Alte] Frau Rauerin hiee, in einer entlegenen Strae vor dem
Seetor wohne, durchaus nur Dienstags, Mittwochs und Freitags von sieben Uhr
abends, dann aber die ganze Nacht hindurch bis zum Sonnen-Aufgang zu
treffen sei und es gern sehe, wenn man allein komme. -- Es war eben
Mittwoch, und Veronika beschlo, unter dem Vorwande die Osters nach Hause
zu begleiten, die Alte aufzusuchen, welches sie denn auch in der Tat
ausfhrte. Kaum hatte sie nmlich von den Freundinnen, die in der Neustadt
wohnten, vor der Elbbrcke Abschied genommen, als sie geflgelten Schrittes
vor das Seetor eilte und sich bald in der beschriebenen abgelegenen engen
Strae befand, an deren Ende sie das kleine rote Huschen erblickte, in
welchem die Frau Rauerin wohnen sollte. Sie konnte sich eines gewissen
unheimlichen Gefhls, ja eines innern Erbebens nicht erwehren, als sie vor
der Haustr stand. Endlich raffte sie sich, des innern Widerstrebens
unerachtet, zusammen, und zog an der Klingel, worauf sich die Tr ffnete
und sie durch den finstern Gang nach der Treppe tappte, die zum obern Stock
fhrte, wie es Angelika beschrieben. Wohnt hier nicht die Frau Rauerin?
rief sie in den den Hausflur hinein, als sich niemand zeigte; da erscholl
statt der Antwort ein langes klares Miau, und ein groer schwarzer Kater
schritt mit hochgekrmmtem Rcken, den Schweif in Wellenringeln hin- und
herdrehend, gravittisch vor ihr her bis an die Stubentr, die auf ein
zweites Miau geffnet wurde. Ach sieh da, Tchterchen, bist Du schon hier?
komm herein -- herein! So rief die heraustretende Gestalt, deren Anblick
Veronika an den Boden festbannte. Ein langes, hagres, in schwarze Lumpen
gehlltes Weib! indem sie sprach, wackelte das hervorragende spitze Kinn,
verzog sich das zahnlose Maul, von der knchernen Habichtsnase beschattet,
zum grinsenden Lcheln, und leuchtende Katzenaugen flackerten Funken
werfend durch die groe Brille. Aus dem bunten um den Kopf gewickelten
Tuche starrten schwarze borstige Haare hervor, aber zum Grlichen erhoben
das ekle Antlitz zwei groe Brandflecke, die sich von der linken Backe ber
die Nase wegzogen. -- Veronika's Atem stockte, und der Schrei, der der
gepreten Brust Luft machen sollte, wurde zum tiefen Seufzer, als der Hexe
Knochenhand sie ergriff und in das Zimmer hineinzog. Drinnen regte und
bewegte sich alles, es war ein Sinne verwirrendes Quieken und Miauen und
Gekrchze und Gepiepe durcheinander. Die Alte schlug mit der Faust auf den
Tisch und schrie: Still da, ihr Gesindel! Und die Meerkatzen kletterten
winselnd auf das hohe Himmelbett, und die Meerschweinchen liefen unter den
Ofen und der Rabe flatterte auf den runden Spiegel; nur der schwarze Kater,
als gingen ihn die Scheltworte nichts an, blieb ruhig auf dem groen
Polsterstuhl sitzen, auf den er gleich nach dem Eintritt gesprungen. --

[Illustration: "Frau Rauerin"]

Sowie es still wurde, ermutigte sich Veronika; es war ihr nicht so
unheimlich als drauen auf dem Flur, ja selbst das Weib schien ihr nicht
mehr so scheulich. Jetzt erst blickte sie im Zimmer umher. -- Allerhand
hliche ausgestopfte Tiere hingen von der Decke herab, unbekanntes
seltsames Gerte lag durcheinander auf dem Boden, und in dem Kamin brannte
ein blaues sparsames Feuer, das nur dann und wann in gelben Funken
emporknisterte; aber dann rauschte es von oben herab, und ekelhafte
Fledermuse wie mit verzerrten lachenden Menschengesichtern schwangen sich
hin und her, und zuweilen leckte die Flamme herauf an der ruigen Mauer,
und dann erklangen schneidende, heulende Jammertne, da Veronika von Angst
und Grausen ergriffen wurde. Mit Verlaub, Mamsellchen, sagte die Alte
schmunzelnd, erfate einen groen Wedel und besprengte, nachdem sie ihn in
einen kupfernen Kessel getaucht, den Kamin. Da erlosch das Feuer, und wie
von dickem Rauch erfllt, wurde es stockfinster in der Stube, aber bald
trat die Alte, die in ein Kmmerchen gegangen, mit einem angezndeten Licht
wieder herein, und Veronika erblickte nichts mehr von den Tieren, von den
Gertschaften, es war eine gewhnliche rmlich ausstaffierte Stube. Die
Alte trat ihr nher und sagte mit schnarrender Stimme: Ich wei wohl, was
Du bei mir willst, mein Tchterchen: was gilt es, Du mchtest erfahren, ob
Du den Anselmus heiraten wirst, wenn er Hofrat worden! -- Veronika
erstarrte vor Staunen und Schreck, aber die Alte fuhr fort: Du hast mir ja
alles gesagt zu Hause beim Papa, als die Kaffeekanne vor Dir stand, ich war
ja die Kaffeekanne, hast Du mich denn nicht gekannt? Tchterchen, hre! La
ab, la ab, von dem Anselmus, das ist ein garstiger Mensch, der hat meinen
Shnlein ins Gesicht getreten, meinen lieben Shnlein, den pfelchen mit
den roten Backen, die, wenn sie die Leute gekauft haben, ihnen wieder aus
den Taschen in meinen Korb zurckrollen. Er hlt's mit dem Alten; er hat
mir vorgestern den verdammten Auripigment ins Gesicht gegossen, da ich
beinahe darber erblindet, Du kannst noch die Brandflecken sehen,
Tchterchen! La ab von ihm, la ab! -- Er liebt Dich nicht: denn er liebt
die goldgrne Schlange, er wird niemals Hofrat werden, weil er sich bei den
Salamandern hat anstellen lassen, und er will die grne Schlange heiraten,
la ab von ihm, la ab! -- Veronika, die eigentlich ein festes standhaftes
Gemt hatte und mdchenhaften Schreck bald zu berwinden wute, trat einen
Schritt zurck und sprach mit ernsthaftem gefatem Ton: Alte! ich habe
von Eurer Gabe in die Zukunft zu blicken gehrt und wollte darum,
vielleicht zu neugierig und voreilig, von Euch wissen, ob wohl Anselmus,
den ich liebe und hoch schtze, jemals mein werden wrde. Wollt Ihr mich
daher, statt meinen Wunsch zu erfllen, mit Eurem tollen unsinnigen
Geschwtze necken, so tut Ihr Unrecht; denn ich habe nur gewollt, was Ihr
Andern, wie ich wei, gewhrtet. Da Ihr, wie es scheint, meine innigsten
Gedanken wisset, so wre es Euch vielleicht ein Leichtes gewesen, mir
manches zu enthllen, was mich jetzt qult und ngstigt, aber nach Euern
albernen Verleumdungen des guten Anselmus mag ich von Euch weiter nichts
erfahren. Gute Nacht! -- Veronika wollte davoneilen, da fiel die Alte
weinend und jammernd auf die Knie nieder und rief das Mdchen am Kleide
festhaltend: Veronikchen, kennst Du denn die alte Lise nicht mehr, die
Dich so oft auf den Armen getragen und gepflegt und gehtschelt? Veronika
traute kaum ihren Augen; denn sie erkannte ihre, freilich nur durch hohes
Alter und vorzglich durch die Brandflecke entstellte ehemalige Wrterin,
die vor mehreren Jahren aus des Konrektor Paulmann's Hause verschwand. Die
Alte sah auch nun ganz anders aus, sie hatte statt des hlichen
buntgefleckten Tuches, eine ehrbare Haube, und statt der schwarzen Lumpen
eine groblumige Jacke an, wie sie sonst wohl gekleidet gegangen. Sie
stand vom Boden auf und fuhr, Veronika in ihre Arme nehmend, fort: es mag
Dir alles, was ich Dir gesagt, wohl recht toll vorkommen, aber es ist dem
leider so. Der Anselmus hat mir viel zu Leide getan, doch wider seinen
Willen; er ist dem Archivarius Lindhorst in die Hnde gefallen, und der
will ihn mit seiner Tochter verheiraten. Der Archivarius ist mein grter
Feind, und ich knnte Dir allerlei Dinge von ihm sagen, die wrdest Du aber
nicht verstehen, oder Dich doch sehr entsetzen. Er ist der weise Mann, aber
ich bin die weise Frau -- es mag darum sein! -- Ich merke nun wohl, da Du
den Anselmus recht lieb hast, und ich will Dir mit allen Krften beistehen,
da Du recht glcklich werden und fein ins Ehebett kommen sollst, wie Du es
wnschest. -- Aber sage Sie mir um des Himmels willen, Lise! fiel
Veronika ein -- Still, Kind -- still! unterbrach sie die Alte, ich wei was
Du sagen willst, ich bin das worden, was ich bin, weil ich es werden mute,
ich konnte nicht anders. Nun also! -- ich kenne das Mittel, das den
Anselmus von der trichten Liebe zur grnen Schlange heilt und ihn als den
liebenswrdigsten Hofrat in Deine Arme fhrt; aber Du mut helfen! -- Sage
es nur gerade heraus, Lise! ich will ja alles tun; denn ich liebe den
Anselmus sehr! lispelte Veronika kaum hrbar. -- Ich kenne Dich, fuhr die
Alte fort, als ein beherztes Kind, vergebens habe ich Dich mit dem Wauwau
zum Schlaf treiben wollen: denn gerade alsdann ffnetest Du die Augen, um
den Wauwau zu sehen; Du gingst ohne Licht in die hinterste Stube und
erschrecktest oft in des Vaters Pudermantel des Nachbars Kinder. Nun also!
-- ist's Dir Ernst, durch meine Kunst den Archivarius Lindhorst und die
grne Schlange zu berwinden, ist's Dir Ernst, den Anselmus als Hofrat
Deinen Mann zu nennen, so schleiche Dich in der knftigen Tag- und
Nachtgleiche nachts um elf Uhr aus des Vaters Hause und komme zu mir; ich
werde dann mit Dir auf den Kreuzweg gehen, der unfern das Feld
durchschneidet, wir bereiten das ntige, und alles wunderliche was Du
vielleicht erblicken wirst, soll Dich nicht anfechten. Und nun,
Tchterchen, gute, Nacht, der Papa wartet schon mit der Suppe. -- Veronika
eilte von dannen, fest stand bei ihr der Entschlu, die Nacht des
quinoktiums nicht zu versumen, denn, dachte sie, die Lise hat Recht, der
Anselmus ist verstrickt in wunderliche Bande, aber ich erlse ihn daraus
und nenne ihn mein immerdar und ewiglich, mein ist und bleibt er, der
Hofrat Anselmus.




SECHSTE VIGILIE


Der Garten des Archivarius Lindhorst nebst einigen Spottvgeln. -- Der
goldene Topf. -- Die englische Kursivschrift. -- Schnde Hahnenfe. -- Der
Geisterfrst.


Es kann aber auch sein, sprach der Student Anselmus zu sich selbst, da der
superfeine starke Magenlikr, den ich bei dem Monsieur Conradi etwas
begierig genossen, alle die tollen Phantasmata geschaffen, die mich vor der
Haustr des Archivarius Lindhorst ngsteten. Deshalb bleibe ich heute ganz
nchtern und will nun wohl allem weitern Ungemach, das mir begegnen knnte,
Trotz bieten. -- Sowie damals, als er sich zum ersten Besuch bei dem
Archivarius Lindhorst rstete, steckte er seine Federzeichnungen und
kalligraphischen Kunstwerke, seine Tuschstangen, seine wohlgespitzten
Rabenfedern ein, und schon wollte er zur Tr hinausschreiten, als ihm das
Flschchen mit dem gelben Likr in die Augen fiel, das er von dem
Archivarius Lindhorst erhalten. Da gingen ihm wieder all' die seltsamen
Abenteuer, welche er erlebt, mit glhenden Farben durch den Sinn, und ein
namenloses Gefhl von Wonne und Schmerz durchschnitt seine Brust.
Unwillkrlich rief er mit recht klglicher Stimme aus: Ach, gehe ich denn
nicht zum Archivarius, nur um Dich zu sehen, Du holde liebliche
Serpentina? -- Es war ihm in dem Augenblick so, als knne Serpentina's
Liebe der Preis einer mhevollen gefhrlichen Arbeit sein, die er
unternehmen mte, und diese Arbeit sei keine andere, als das Kopieren der
Lindhorstischen Manuskripte. -- Da ihm schon beim Eintritt ins Haus, oder
vielmehr noch vor demselben allerlei wunderliches begegnen knne, wie
neulich, davon war er berzeugt. Er dachte nicht mehr an Conradi's
Magenwasser, sondern steckte schnell den Likr in die Westentasche, um ganz
nach des Archivarius Vorschrift zu verfahren, wenn das bronzierte pfelweib
sich unterstehen sollte ihn anzugrinsen. -- Erhob sich denn nicht auch
wirklich gleich die spitze Nase; funkelten nicht die Katzenaugen aus dem
Trdrcker, als er ihn auf den Schlag zwlf Uhr ergreifen wollte? -- Da
spritzte er, ohne sich weiter zu bedenken, den Likr in das fatale Gesicht
hinein, und es glttete und plttete sich augenblicklich aus zum glnzenden
kugelrunden Trklopfer. Die Tr ging auf, die Glocken luteten gar lieblich
durch das ganze Haus: klingling -- Jngling -- flink -- flink -- spring
-- spring -- klingling. -- Er stieg getrost die schne breite Treppe hinauf
und weidete sich an dem Duft des seltenen Rucherwerks, der durch das Haus
flo. Ungewi blieb er auf dem Flur stehen, denn er wute nicht, an welche
der vielen schnen Tren er wohl pochen sollte; da trat der Archivarius
Lindhorst in einem weiten damastenen Schlafrock heraus und rief: Nun es
freut mich, Herr Anselmus, da Sie endlich Wort halten, kommen Sie mir nur
nach, denn ich mu Sie ja doch wohl gleich ins Laboratorium fhren. Damit
schritt er schnell den langen Flur hinauf und ffnete eine kleine
Seitentr, die in einen Korridor fhrte. Anselmus schritt getrost hinter
dem Archivarius her; sie kamen aus dem Korridor in einen Saal oder vielmehr
in ein herrliches Gewchshaus, denn von beiden Seiten bis an die Decke
hinauf standen allerlei seltene wunderbare Blumen, ja groe Bume mit
sonderbar gestalteten Blttern und Blten. Ein magisches blendendes Licht
verbreitete sich berall, ohne da man bemerken konnte, wo es herkam, da
durchaus kein Fenster zu sehen war. So wie der Student Anselmus in die
Bsche und Bume hineinblickte, schienen lange Gnge sich in weiter Ferne
auszudehnen. -- Im tiefen Dunkel dicker Zypressenstauden schimmerten
Marmorbecken, aus denen sich wunderliche Figuren erhoben, Kristallstrahlen
hervorspritzend, die pltschernd niederfielen in leuchtende Lilienkelche;
seltsame Stimmen rauschten und suselten durch den Wald der wunderbaren
Gewchse, und herrliche Dfte strmten auf und nieder. Der Archivarius war
verschwunden und Anselmus erblickte nur einen riesenhaften Busch glhender
Feuerlilien vor sich. Von dem Anblick, von den sen Dften des Feengartens
berauscht, blieb Anselmus festgezaubert stehen. Da fing es berall an zu
kichern und zu lachen und feine Stimmchen neckten und hhnten: Herr
Studiosus, Herr Studiosus! wo kommen sie denn her? warum haben Sie sich
denn so schn geputzt, Herr Anselmus? -- Wollen Sie eins mit uns plappern,
wie die Gromutter das Ei mit dem Stei zerdrckte und der Junker einen
Klecks auf die Sonntagsweste bekam? Knnen Sie die neue Arie schon
auswendig, die Sie vom Papa Starmatz gelernt, Herr Anselmus? -- Sie sehen
recht possierlich aus in der glsernen Percke und dem [den] postpapiernen
Stlpstiefeln! -- So rief und kicherte und neckte es aus allen Winkeln
hervor, ja dicht neben dem Studenten, der nun erst wahrnahm, wie allerlei
bunte Vgel ihn umflatterten und ihn so in vollem Gelchter aushhnten.
-- In dem Augenblick schritt der Feuerlilienbusch auf ihn zu, -- und er
sah, da es der Archivarius Lindhorst war, dessen blumigter in gelb und rot
glnzender Schlafrock ihn nur getuscht hatte. Verzeihen Sie, werter Herr
Anselmus, sagte der Archivarius, da ich Sie stehn lie, aber
vorbergehend sah ich nur nach meinem schnen Kaktus, der diese Nacht seine
Blten aufschlieen wird -- aber wie gefllt Ihnen denn mein kleiner
Hausgarten? -- Ach Gott, ber alle Maen schn ist es hier,
geschtztester Herr Archivarius, erwiderte der Student, aber die bunten
Vgel moquieren sich ber meine Wenigkeit gar zu sehr! -- Was ist denn
das fr ein Gewsche? rief der Archivarius zornig in die Bsche hinein. Da
flatterte ein groer grauer Papagei hervor, und sich neben dem Archivarius
auf einen Myrtenast setzend und ihn ungemein ernsthaft und gravittisch
durch eine Brille, die auf dem krummen Schnabel sa, anblickend, schnarrte
er: Nehmen Sie es nicht bel, Herr Archivarius, meine mutwilligen Buben
sind einmal wieder recht ausgelassen, aber der Herr Studiosus sind selbst
daran schuld, denn -- Still da! still da! unterbrach der Archivarius den
Alten, ich kenne die Schelme, aber Er sollte sie besser in Zucht halten,
mein Freund! -- gehen wir weiter, Herr Anselmus! -- Noch durch manches
fremdartig aufgeputzte Gemach schritt der Archivarius, so da der Student
ihm kaum folgen und einen Blick auf all' die glnzenden sonderbar geformten
Mobilien und andere unbekannte Sachen werfen konnte, womit alles berfllt
war. Endlich traten sie in ein groes Gemach, in dem der Archivarius, den
Blick in die Hhe gerichtet, stehen blieb, und Anselmus Zeit gewann, sich
an dem herrlichen Anblick, den der einfache Schmuck dieses Saals gewhrte,
zu weiden.

[Illustration: Der Archivarius, Anselmus und Serpentina unter dem goldenen
Topf]

Aus den azurblauen Wnden traten die goldbronzenen Stmme hoher Palmbume
hervor, welche ihre kolossalen, wie funkelnde Smaragde glnzenden Bltter
oben zur Decke wlbten; in der Mitte des Zimmers ruhte auf drei aus dunkler
Bronze gegossenen gyptischen Lwen eine Porphyrplatte, auf welcher ein
einfacher goldener Topf stand, von dem, als er ihn erblickte, Anselmus nun
gar nicht mehr die Augen wegwenden konnte. Es war als spielten in tausend
schimmernden Reflexen allerlei Gestalten auf dem strahlend polierten Golde
-- manchmal sah er sich selbst mit sehnschtig ausgebreiteten Armen -- ach!
neben dem Holunderbusch -- Serpentina schlngelte sich auf und nieder, ihn
anblickend mit den holdseligen Augen. Anselmus war auer sich vor
wahnsinnigem Entzcken. Serpentina! -- Serpentina! schrie er laut auf, da
wandte sich der Archivarius Lindhorst schnell um und sprach: Was meinen
Sie, werter Herr Anselmus? -- Ich glaube, Sie belieben meine Tochter zu
rufen, die ist aber ganz auf der andern Seite meines Hauses in ihrem Zimmer
und hat soeben Klavierstunde; kommen Sie nur weiter! Anselmus folgte
beinahe besinnungslos dem davonschreitenden Archivarius, er sah und hrte
nichts mehr, bis ihn der Archivarius heftig bei der Hand ergriff und
sprach: Nun sind wir an Ort und Stelle! Anselmus erwachte wie aus einem
Traum und bemerkte nun, da er sich in einem hohen, rings mit
Bcherschrnken umstellten Zimmer befand, welches sich in keiner Art von
gewhnlichen Bibliothek- und Studierzimmern unterschied. In der Mitte stand
ein groer Arbeitstisch und ein gepolsterter Lehnstuhl vor demselben.
Dieses, sagte der Archivarius Lindhorst, ist vor der Hand Ihr
Arbeitszimmer; ob Sie knftig auch in dem andern blauen Bibliotheksaal, in
dem Sie so pltzlich meiner Tochter Namen riefen, arbeiten werden, wei ich
noch nicht; -- aber nun wnschte ich mich erst von Ihrer Fhigkeit, die
Ihnen zugedachte Arbeit wirklich meinem Wunsch und Bedrfnis gem
auszufhren, zu berzeugen. Der Student Anselmus ermutigte sich nun ganz
und gar, und zog nicht ohne innere Selbstzufriedenheit und in der
berzeugung, den Archivarius durch sein ungewhnliches Talent hchlich zu
erfreuen, seine Zeichnungen und Schreibereien aus der Tasche. Der
Archivarius hatte kaum das erste Blatt, eine Handschrift in der
elegantesten englischen Schreibmanier, erblickt, als er recht sonderbar
lchelte und mit dem Kopfe schttelte. Das wiederholte er bei jedem
folgenden Blatte, so da dem Studenten Anselmus das Blut in den Kopf stieg
und er, als das Lcheln zuletzt recht hhnisch und verchtlich wurde, in
vollem Unmute losbrach: Der Herr Archivarius scheinen mit meinen geringen
Talenten nicht ganz zufrieden? -- Lieber Herr Anselmus, sagte der
Archivarius Lindhorst, Sie haben fr die Kunst des Schnschreibens
wirklich treffliche Anlagen, aber vor der Hand, sehe ich wohl, mu ich mehr
auf Ihren Flei, auf Ihren guten Willen rechnen, als auf Ihre Fertigkeit.
Es mag auch wohl an den schlechten Materialien liegen, die Sie verwandt.
-- Der Student Anselmus sprach viel von seiner sonst anerkannten
Kunstfertigkeit, von chinesischer Tusche und ganz auserlesenen Rabenfedern.
Da reichte ihm der Archivarius Lindhorst das englische Blatt hin und
sprach: Urteilen Sie selbst! -- Anselmus wurde wie vom Blitz getroffen,
als ihm seine Handschrift so hchst miserabel vorkam. Da war keine Rnde in
den Zgen, kein Druck richtig, kein Verhltnis der groen und kleinen
Buchstaben; ja, schlermige schnde Hahnenfe verdarben oft die sonst
ziemlich geratene Zeile. Und dann, fuhr der Archivarius Lindhorst fort,
ist Ihre Tusche auch nicht haltbar. Er tunkte den Finger in ein mit
Wasser geflltes Glas, und indem er nur leicht auf die Buchstaben tupfte,
war alles spurlos verschwunden. Dem Studenten Anselmus war es, als schnre
ein Ungetm ihm die Kehle zusammen, er konnte kein Wort herausbringen. So
stand er da, das unglckliche Blatt in der Hand, aber der Archivarius
Lindhorst lachte laut auf und sagte: Lassen Sie sich das nicht anfechten,
wertester Herr Anselmus; was Sie bisher nicht vollbringen konnten, wird
hier bei mir vielleicht besser sich fgen; ohnedies finden Sie ein besseres
Material, als Ihnen sonst wohl zu Gebote stand. Fangen Sie nur getrost
an! -- Der Archivarius Lindhorst holte erst eine flssige schwarze Masse,
die einen ganz eigentmlichen Geruch verbreitete, sonderbar gefrbte,
scharf zugespitzte Federn und ein Blatt von besonderer Weie und Gltte,
dann aber ein arabisches Manuskript aus einem verschlossenen Schranke
herbei, und so wie Anselmus sich zur Arbeit gesetzt, verlie er das Zimmer.
Der Student Anselmus hatte schon fters arabische Schrift kopiert, die
erste Aufgabe schien ihm daher nicht so schwer zu lsen. Wie die
Hahnenfe in meine schne englische Kursivschrift gekommen, mag Gott und
der Archivarius Lindhorst wissen, sprach er, aber da sie nicht von
_meiner_ Hand sind, darauf will ich sterben. -- Mit jedem Worte, das
nun wohlgelungen auf dem Pergamente stand, wuchs sein Mut und mit ihm seine
Geschicklichkeit. In der Tat schrieb es sich mit den Federn ganz herrlich,
und die geheimnisvolle Tinte flo rabenschwarz und gefgig auf das blendend
weie Pergament. Als er nun so emsig und mit angestrengter Aufmerksamkeit
arbeitete, wurde es ihm immer heimlicher in dem einsamen Zimmer, und er
hatte sich schon ganz in das Geschft, welches er glcklich zu vollenden
hoffte, geschickt, als auf den Schlag drei Uhr ihn der Archivarius in das
Nebenzimmer zu dem wohlbereiteten Mittagsmahl rief. Bei Tische war der
Archivarius Lindhorst bei ganz besonderer heiterer Laune; er erkundigte
sich nach des Studenten Anselmus Freunden, dem Konrektor Paulmann und dem
Registrator Heerbrand und wute vorzglich von dem letztern recht viel
Ergtzliches zu erzhlen. Der gute alte Rheinwein schmeckte dem Anselmus
gar sehr und machte ihn gesprchiger, als er wohl sonst zu sein pflegte.
Auf den Schlag vier Uhr stand er auf, um an seine Arbeit zu gehen, und
diese Pnktlichkeit schien dem Archivarius Lindhorst wohl zu gefallen. War
ihm schon vor dem Essen das Kopieren der arabischen Zeichen geglckt, so
ging die Arbeit jetzt noch viel besser vonstatten, ja er konnte selbst die
Schnelle und Leichtigkeit nicht begreifen, womit er die krausen Zge der
fremden Schrift nachzumalen vermochte. -- Aber es war als flsterte aus dem
innersten Gemte eine Stimme in vernehmlichen Worten: ach! knntest du denn
das vollbringen, wenn du _sie_ nicht in Sinn und Gedanken trgest,
wenn du nicht an _sie_, an _ihre_ Liebe glaubtest? -- Da wehte es
wie in leisen, leisen, lispelnden Kristallklngen durch das Zimmer: Ich bin
Dir nahe -- nahe -- nahe! -- ich helfe Dir -- sei mutig -- sei standhaft,
lieber Anselmus! -- ich mhe mich mit Dir, damit Du mein werdest! Und so
wie er voll inneren Entzckens die Tne vernahm, wurden ihm immer
verstndlicher die unbekannten Zeichen -- er durfte kaum mehr hineinblicken
in das Original -- ja es war, als stnden schon wie in blasser Schrift die
Zeichen auf dem Pergament, und er drfe sie nur mit gebter Hand schwarz
berziehen. So arbeitete er fort von lieblichen trstenden Klngen, wie von
sem zartem Hauch umflossen, bis die Glocke sechs Uhr schlug und der
Archivarius Lindhorst in das Zimmer trat. Er ging sonderbar lchelnd an den
Tisch, Anselmus stand schweigend auf, der Archivarius sah ihn noch immer so
wie in hhnendem Spott lcheld [lchelnd] an; kaum hatte er aber in die
Abschrift geblickt, als das Lcheln in dem tiefen feierlichen Ernst
unterging, zu dem sich alle Muskeln des Gesichts verzogen. -- Bald schien
er nicht mehr derselbe. Die Augen, welche sonst funkelndes Feuer strahlten,
blickten jetzt mit unbeschreiblicher Milde den Anselmus an, eine sanfte
Rte frbte die bleichen Wangen, und statt der Ironie, die sonst den Mund
zusammenprete, schienen die weichgeformten anmutigen Lippen sich zu ffnen
zur weisheitvollen ins Gemt dringenden Rede. Die ganze Gestalt war hher,
wrdevoller; der weite Schlafrock legte sich wie ein Knigsmantel in
breiten Falten um Brust und Schultern, und durch die weien Lckchen,
welche an der hohen offenen Stirn lagen, schlang sich ein schmaler goldner
Reif. Junger Mensch, fing der Archivarius an im feierlichen Ton, junger
Mensch, ich habe noch ehe Du es ahntest, all' die geheimen Beziehungen
erkannt, die Dich an mein Liebstes, Heiligstes fesseln! -- Serpentina liebt
Dich, und ein seltsames Geschick, dessen verhngnisvollen Faden feindliche
Mchte spannen, ist erfllt, wenn sie Dein wird, und wenn Du als notwendige
Mitgift den goldnen Topf erhltst, der ihr Eigentum ist. Aber nur dem
Kampfe entspriet Dein Glck im hheren Leben. Feindliche Prinzipe fallen
Dich an, und nur die innere Kraft, mit der Du den Anfechtungen widerstehst,
kann Dich retten von Schmach und Verderben. Indem Du hier arbeitest,
berstehst Du Deine Lehrzeit; Glauben und Erkenntnis fhren Dich zum nahen
Ziele, wenn Du festhltst an dem, was Du beginnen mutest. Trage sie recht
getreulich im Gemte, _sie_, die Dich liebt, und Du wirst die
herrlichen Wunder des goldnen Topfs schauen und glcklich sein immerdar.
-- Gehab Dich wohl! Der Archivarius Lindhorst erwartet Dich morgen um zwlf
Uhr in Deinem Kabinet! -- Gehab Dich wohl! -- Der Archivarius schob den
Studenten Anselmus sanft zur Tr hinaus, die er dann verschlo, und er
befand sich in dem Zimmer, in welchem er gespeist, dessen einzige Tr auf
den Flur fhrte. Ganz betubt von den wunderbaren Erscheinungen blieb er
vor der Haustr stehen, da wurde ber ihm ein Fenster geffnet, er schaute
hinauf, es war der Archivarius Lindhorst; ganz der Alte im weigrauen
Rocke, wie er ihn sonst gesehen. -- Er rief ihm zu: Ei, werter Herr
Anselmus, worber sinnen Sie denn so, was gilt's, das Arabische geht Ihnen
nicht aus dem Kopf? Gren Sie doch den Herrn Konrektor Paulmann, wenn Sie
etwa zu ihm gehen, und kommen Sie morgen Punkt zwlf Uhr wieder. Das
Honorar fr heute steckt bereits in Ihrer rechten Westentasche. -- Der
Student Anselmus fand wirklich den blanken Speziestaler in der bezeichneten
Tasche, aber er freute sich gar nicht darber. -- Was aus dem allen werden
wird, wei ich nicht, sprach er zu sich selbst; umfngt mich aber auch
nur ein toller Wahn und Spuk, so lebt und webt doch in meinem Innern die
liebliche Serpentina, und ich will, ehe ich von ihr lasse, lieber
untergehen ganz und gar, denn ich wei doch, da der Gedanke in mir ewig
ist, und kein feindliches Prinzip kann ihn vernichten; aber ist der Gedanke
denn was anderes als Serpentina's Liebe?




SIEBENTE VIGILIE


Wie der Konrektor Paulmann die Pfeife ausklopfte und zu Bett ging.
-- Rembrandt und Hllen-Breughel. -- Der Zauberspiegel und des Doktors
Eckstein Rezept gegen eine unbekannte Krankheit.


Endlich klopfte der Konrektor Paulmann die Pfeife aus, sprechend: Nun ist
es doch wohl Zeit, sich zur Ruhe zu begeben. -- Ja wohl, erwiderte die
durch des Vaters lngeres Aufbleiben bengstete Veronika, denn es schlug
lngst zehn Uhr. Kaum war nun der Konrektor in sein Studier- und
Schlafzimmer gegangen, kaum hatten Frnzchens schwerere Atemzge kundgetan,
da sie wirklich fest eingeschlafen, als Veronika, die sich zum Schein auch
ins Bett gelegt, leise, leise wieder aufstand, sich anzog, den Mantel
umwarf und zum Hause hinausschlpfte. -- Seit dem Augenblick, als Veronika
die alte Lise verlassen, stand ihr unaufhrlich der Anselmus vor Augen, und
sie wute selbst nicht, welch eine fremde Stimme im Innern ihr immer und
ewig wiederholte, da sein Widerstreben von einer ihr feindlichen Person
herrhre, die ihn in Banden halte, welche Veronika durch geheimnisvolle
Mittel der magischen Kunst zerreien knne. Ihr Vertrauen zu der alten Lise
wuchs mit jedem Tage, und selbst der Eindruck des Unheimlichen, Grausigen
stumpfte sich ab, so da alles Wunderliche, Seltsame ihres Verhltnisses
mit der Alten ihr nur im Schimmer des Ungewhnlichen, Romanhaften erschien,
wovon sie eben recht angezogen wurde. Deshalb stand auch der Vorsatz bei
ihr fest, selbst mit Gefahr, vermit zu werden und in tausend
Unannehmlichkeiten zu geraten, das Abenteuer der Tag- und Nachtgleiche zu
bestehen. -- Endlich war nun die verhngnisvolle Nacht des quinoktiums, in
der ihr die alte Lise Hlfe und Trost verheien, eingetreten, und Veronika,
mit dem Gedanken der nchtlichen Wanderung lngst vertraut geworden, fhlte
sich ganz ermutigt. Pfeilschnell flog sie durch die einsamen Straen, des
Sturmes nicht achtend, der durch die Lfte brauste und ihr die dicken
Regentropfen ins Gesicht warf. Mit dumpf drhnendem Klange schlug die
Glocke des Kreuzturmes elf Uhr, als Veronika ganz durchnt vor dem Hause
der Alten stand. Ei, Liebchen, Liebchen, schon da! -- nun warte, warte!
-- rief es von oben herab -- und gleich darauf stand auch die Alte, mit
einem Korbe beladen und von ihrem Kater begleitet, vor der Tr. So wollen
wir denn gehen und tun und treiben, was ziemlich ist und gedeiht in der
Nacht, die dem Werke gnstig. Dies sprechend ergriff die Alte mit kalter
Hand die zitternde Veronika, welcher sie den schweren Korb zu tragen gab,
whrend sie selbst einen Kessel, Dreifu und Spaten auspackte. Als sie ins
Freie kamen, regnete es nicht mehr, aber der Sturm war strker geworden;
tausendstimmig heulte es in den Lften. Ein entsetzlicher
herzzerschneidender Jammer tnte herab aus den schwarzen Wolken, die sich
in schneller Flucht zusammenballten und alles einhllten in dicke
Finsternis. Aber die Alte schritt rasch fort, mit gellender Stimme rufend:
leuchte -- leuchte, mein Junge! Da schlngelten und kreuzten sich blaue
Blitze vor ihnen her, und Veronika wurde inne, da der Kater knisternde
Funken sprhend und leuchtend vor ihnen herumsprang, und dessen ngstliches
grausiges Zetergeschrei sie vernahm, wenn der Sturm nur einen Augenblick
schwieg. -- Ihr wollte der Atem vergehen, es war als griffen eiskalte
Krallen in ihr Inneres, aber gewaltsam raffte sie sich zusammen, und sich
fester an die Alte klammernd sprach sie: Nun mu alles vollbracht werden,
und es mag geschehen was da will! -- Recht so, mein Tchterchen!
erwiderte die Alte, bleibe fein standhaft, und ich schenke Dir was Schnes
und dem Anselmus obendrein! Endlich stand die Alte still und sprach: Nun
sind wir an Ort und Stelle! Sie grub ein Loch in die Erde, schttete
Kohlen hinein und stellte den Dreifu darber, auf den sie den Kessel
setzte. Alles dieses begleitete sie mit seltsamen Gebrden, whrend der
Kater sie umkreiste. Aus seinem Schweif sprhten Funken, die einen
Feuerreif bildeten. Bald fingen die Kohlen an zu glhen, und endlich
schlugen blaue Flammen unter dem Dreifu hervor. Veronika mute Mantel und
Schleier ablegen und sich bei der Alten niederkauern, die ihre Hnde
ergriff und fest drckte, mit den funkelnden Augen das Mdchen anstarrend.
Nun fingen die sonderbaren Massen -- waren es Blumen -- Metalle -- Kruter
-- Tiere, man konnte es nicht unterscheiden -- die die Alte aus dem Korbe
genommen und in den Kessel geworfen, an zu sieden und zu brausen. Die Alte
lie Veronika los, sie ergriff einen eisernen Lffel, mit dem sie in die
glhende Masse hineinfuhr und darin rhrte, whrend Veronika auf ihr Gehei
festen Blickes in den Kessel hineinschauen und ihre Gedanken auf den
Anselmus richten mute. Nun warf die Alte aufs neue blinkende Metalle und
auch eine Haarlocke, die sich Veronika vom Kopfwirbel geschnitten, sowie
einen kleinen Ring, den sie lange getragen, in den Kessel, indem sie
unverstndliche, durch die Nacht grausig gellende Tne ausstie, und der
Kater im unaufhrlichen Rennen winselte und chzte. -- -- Ich wollte, da
Du, gnstiger Leser, am dreiundzwanzigsten September auf der Reise nach
Dresden begriffen gewesen wrest; vergebens suchte man, als der spte
Abend hereinbrach, Dich auf der letzten Station aufzuhalten; der
freundliche Wirt stellte Dir vor, es strme und regne doch gar zu sehr und
berhaupt sei es auch nicht geheuer in der quinoktialnacht so ins Dunkle
hineinzufahren; aber Du achtetest dessen nicht, indem Du ganz richtig
annahmst: ich zahle dem Postillon einen ganzen Taler Trinkgeld und bin
sptestens um ein Uhr in Dresden, wo mich im goldenen Engel oder im Helm
oder in der Stadt Naumburg ein gut zugerichtetes Abendessen und ein weiches
Bett erwartet. Wie Du nun so in der Finsternis daherfhrst, siehst Du
pltzlich in der Ferne ein ganz seltsames flackerndes Leuchten. Nher
gekommen erblickst Du einen Feuerreif, in dessen Mitte bei einem Kessel,
aus dem dicker Qualm und blitzende rote Strahlen und Funken emporschieen,
zwei Gestalten sitzen. Gerade durch das Feuer geht der Weg, aber die Pferde
prusten und stampfen und bumen sich -- der Postillon flucht und betet
-- und peitscht auf die Pferde hinein -- sie gehen nicht von der Stelle.
-- Unwillkrlich springst Du aus dem Wagen und rennst einige Schritte
vorwrts. Nun siehst Du deutlich das schlanke holde Mdchen, die im weien
dnnen Nachtgewande bei dem Kessel kniet. Der Sturm hat die Flechten
aufgelst und das lange kastanienbraune Haar flattert frei in den Lften.
Ganz im blendenden Feuer der unter dem Dreifu emporflackernden Flammen
steht das engelschne Gesicht, aber in dem Entsetzen, das seinen Eisstrom
darber go, ist es erstarrt zur Totenbleiche, und in dem stieren Blick, in
den hinaufgezogenen Augenbrauen, in dem Munde, der sich vergebens dem
Schrei der Todesangst ffnet, welcher sich nicht der von namenloser Folter
gepreten Brust entwinden kann, siehst Du ihr Grausen, ihr Entsetzen; die
kleinen Hndchen hlt sie krampfhaft zusammengefaltet in die Hhe, als
riefe sie betend die Schutzengel herbei, sie zu schirmen vor den Ungetmen
der Hlle, die, dem mchtigen Zauber gehorchend, nun gleich erscheinen
werden. -- So kniet sie da, unbeweglich wie ein Marmorbild. Ihr gegenber
sitzt auf dem Boden niedergekauert ein langes, hageres, kupfergelbes Weib
mit spitzer Habichtsnase und funkelnden Katzenaugen; aus dem schwarzen
Mantel, den sie umgeworfen, starren die nackten knchernen Arme hervor, und
rhrend in dem Hllensud lacht und ruft sie mit krchzender Stimme durch
den brausenden tosenden Sturm. -- Ich glaube wohl, da Dir, gnstiger
Leser, kenntest du auch sonst keine Furcht und Scheu, sich doch bei dem
Anblick dieses Rembrandtschen oder Hllen-Breughelschen Gemldes, das nun
ins Leben getreten, vor Grausen die Haare auf dem Kopfe gestrubt htten.

[Illustration: Veronika und Frau Rauerin brauen den Liebestrank]

Aber Dein Blick konnte nicht loskommen von dem im hllischen Treiben
befangenen Mdchen, und der elektrische Schlag, der durch alle Deine
Fibern und Nerven zitterte, entzndete mit der Schnelligkeit des Blitzes in
Dir den mutigen Gedanken, Trotz zu bieten den geheimnisvollen Mchten des
Feuerkreises; in ihm ging Dein Grausen unter, ja der Gedanke selbst keimte
auf in diesem Grausen und Entsetzen als dessen Erzeugnis. Es war Dir, als
seist Du selbst der Schutzengel einer, zu denen das zum Tode gengstigte
Mdchen flehte, ja als mtest Du nur gleich Dein Taschenpistol
hervorziehen und die Alte ohne weiteres totschieen! Aber, indem Du das
lebhaft dachtest, schriest Du laut auf: Heda! oder: was gibt es dorten?
oder: was treibt ihr da? -- Der Postillon stie schmetternd in sein Horn,
die Alte kugelte um in ihren Sud hinein, und alles war mit einem Mal
verschwunden in dickem Qualm. -- Ob Du das Mdchen, das Du nun mit recht
innigem Verlangen in der Finsternis suchtest, gefunden httest, mag ich
nicht behaupten, aber den Spuk des alten Weibes hattest Du zerstrt, und
den Bann des magischen Kreises, in den sich Veronika leichtsinnig begeben,
gelst. -- Weder Du, gnstiger Leser, noch sonst jemand, fuhr oder ging
aber am dreiundzwanzigsten September in der strmischen den Hexenknsten
gnstigen Nacht des Weges, und Veronika mute ausharren am Kessel in
tdlicher Angst, bis das Werk der Vollendung nahe. -- Sie vernahm wohl, wie
es um sie her heulte und brauste, wie allerlei widrige Stimmen
durcheinander blkten und schnatterten, aber sie schlug die Augen nicht
auf, denn sie fhlte, wie der Anblick des Grlichen, des Ensetzlichen
[Entsetzlichen], von dem sie umgeben, sie in unheilbaren zerstrenden
Wahnsinn strzen knne. Die Alte hatte aufgehrt im Kessel zu rhren, immer
schwcher und schwcher wurde der Qualm und zuletzt brannte nur eine
leichte Spiritusflamme im Boden des Kessels. Da rief die Alte: Veronika,
mein Kind! mein Liebchen! schau hinein in den Grund! was siehst Du denn
-- was siehst Du denn? -- Aber Veronika vermochte nicht zu antworten,
unerachtet es ihr schien, als drehten sich allerlei verworrene Figuren im
Kessel durcheinander; immer deutlicher und deutlicher gingen Gestalten
hervor, und mit einem Mal trat, sie freundlich anblickend und die Hand ihr
reichend, der Student Anselmus aus der Tiefe des Kessels. Da rief sie laut:
Ach, der Anselmus! -- der Anselmus! -- Rasch ffnete die Alte den am Kessel
befindlichen Hahn, und glhendes Metall strmte zischend und prasselnd in
eine kleine Form, die sie daneben gestellt. Nun sprang das Weib auf und
kreischte, mit wilder grlicher Gebrde sich herumschwingend: Vollendet
ist das Werk -- Dank Dir, mein Junge! -- hast Wache gehalten -- Hui -- Hui
-- er kommt! -- bei ihn tot, bei ihn tot! Aber da brauste es mchtig
durch die Lfte, es war als rausche ein ungeheurer Adler herab, mit den
Fittichen um sich schlagend, und es rief mit entsetzlicher Stimme: Hei,
hei! -- ihr Gesindel! nun ist's aus -- nun ist's aus -- fort zu Haus! Die
Alte strzte heulend nieder, aber der Veronika vergingen Sinn und Gedanken.
-- Als sie wieder zu sich selbst kam, war es heller Tag geworden, sie lag
in ihrem Bette und Frnzchen stand mit einer Tasse dampfenden Tees vor ihr,
sprechend: Aber sage mir nur, Schwester, was Dir ist! da stehe ich nun
schon eine Stunde oder lnger vor Dir, und Du liegst wie in der Fieberhitze
besinnungslos da und sthnest und chzest, da uns angst und bange wird.
Der Vater ist Deinetwegen heute nicht in die Klasse gegangen und wird
gleich mit dem Herrn Doktor hereinkommen. -- Veronika nahm schweigend den
Tee; indem sie ihn hinunterschlrfte, traten ihr die grlichen Bilder der
Nacht lebhaft vor Augen. So war denn wohl alles nur ein ngstlicher Traum,
der mich geqult hat? -- Aber ich bin doch gestern Abend wirklich zur Alten
gegangen, es war ja der dreiundzwanzigste September? -- Doch bin ich wohl
schon gestern recht krank geworden und habe mir das alles nur eingebildet,
und nichts hat mich krank gemacht, als das ewige Denken an den Anselmus und
an die wunderliche alte Frau, die sich fr die Lise ausgab und mich wohl
nur damit geneckt hat. -- Frnzchen, die hinausgegangen, trat wieder
herein mit Veronika's ganz durchntem Mantel in der Hand. Sieh nur,
Schwester! sagte sie, wie es Deinem Mantel ergangen ist; da hat der Sturm
in der Nacht das Fenster aufgerissen und den Stuhl, auf dem der Mantel lag,
umgeworfen, da hat es nun wohl hineingeregnet, denn der Mantel ist ganz
na. -- Das fiel der Veronika schwer aufs Herz, denn sie merkte nun wohl,
da nicht ein Traum sie geqult, sondern da sie wirklich bei der Alten
gewesen. Da ergriff sie Angst und Grausen und ein Fieberfrost zitterte
durch alle Glieder. Im krampfhaften Erbeben zog sie die Bettdecke fest ber
sich; aber da fhlte sie, da etwas Hartes ihre Brust drckte, und als sie
mit der Hand danach fate, schien es ein Medaillon zu sein; sie zog es
hervor, als Frnzchen mit dem Mantel fortgegangen, und es war ein kleiner
runder hellpolierter Metallspiegel. Das ist ein Geschenk der Alten[,]
rief sie lebhaft, und es war als schssen feurige Strahlen aus dem Spiegel,
die in ihr Innerstes drangen und es wohltuend erwrmten; der Fieberfrost
war vorber und es durchstrmte sie ein unbeschreibliches Gefhl von
Behaglichkeit und Wohlsein. An den Anselmus mute sie denken, und als sie
immer fester und fester den Gedanken auf ihn richtete, da lchelte er ihr
freundlich aus dem Spiegel entgegen wie ein lebhaftes Miniaturportrt. Aber
bald war es ihr, als she sie nicht mehr das Bild -- nein! -- sondern den
Studenten Anselmus selbst leibhaftig. Er sa in einem hohen seltsam
ausstaffierten Zimmer und schrieb emsig. Veronika wollte zu ihm hintreten,
ihn auf die Schulter klopfen und sprechen: Herr Anselmus, schauen Sie doch
um sich, ich bin ja da! Aber das ging durchaus nicht an, denn es war als
umgebe ihn ein leuchtender Feuerstrom, und wenn Veronika recht genau
hinsah, waren es doch nur groe Bcher mit vergoldetem Schnitt. Aber
endlich gelang es der Veronika, den Anselmus ins Auge zu fassen, da war es
als msse er im Anschauen sich erst auf sie besinnen, doch endlich lchelte
er und sprach: Ach! -- sind Sie es, liebe Mademoiselle Paulmann? Aber warum
belieben Sie sich denn zuweilen als Schlnglein zu gebrden? Veronika mute
ber diese seltsamen Worte laut auflachen; darber erwachte sie wie aus
einem tiefen Traume, und sie verbarg schnell den kleinen Spiegel, als die
Tr aufging und der Konrektor Paulmann mit dem Doktor Eckstein ins Zimmer
kam. Der Doktor Eckstein ging sogleich ans Bett, fate lange in tiefem
Nachdenken versunken Veronika's Puls und sagte dann: Ei! Ei! Hierauf
schrieb er ein Rezept, fate noch einmal den Puls, sagte wiederum: Ei! Ei!
und verlie die Patientin. Aus diesen uerungen des Doktors Eckstein
konnte aber der Konrektor Paulmann nicht recht deutlich entnehmen, was der
Veronika denn wohl eigentlich fehlen mge.




ACHTE VIGILIE


Die Bibliothek der Palmbume. -- Schicksale eines unglcklichen
Salamanders. -- Wie die schwarze Feder eine Runkelrbe liebkoste und der
Registrator Heerbrand sich sehr betrank.


Der Student Anselmus hatte nun schon mehrere Tage bei dem Archivarius
Lindhorst gearbeitet; diese Arbeitsstunden waren fr ihn die glcklichsten
seines Lebens, denn immer von lieblichen Klngen von Serpentina's
trstenden Worten umflossen, ja oft von einem vorbergleitenden Hauche
leise berhrt, durchstrmte ihn eine nie gefhlte Behaglichkeit, die oft
bis zur hchsten Wonne stieg. Jede Not, jede kleinliche Sorge seiner
drftigen Existenz war ihm aus Sinn und Gedanken entschwunden, und in dem
neuen Leben, das ihm wie im hellen Sonnenglanze aufgegangen, begriff er
alle Wunder einer hheren Welt, die ihn sonst mit Staunen, ja mit Grausen
erfllt hatten. Mit dem Abschreiben ging es sehr schnell, indem es ihm
immer mehr dnkte, er schreibe nur lngst gekannte Zge auf das Pergament
hin und drfe kaum nach dem Original sehen, um alles mit der grten
Genauigkeit nachzumalen. -- Auer der Tischzeit lie sich der Archivarius
Lindhorst nur dann und wann sehen, aber jedesmal erschien er genau in dem
Augenblick, wenn Anselmus eben die letzten Zeichen einer Handschrift
vollendet hatte, und gab ihm dann eine andere, verlie ihn aber gleich
wieder schweigend, nachdem er nur mit einem schwarzen Stbchen die Tinte
umgerhrt und die gebrauchten Federn mit neuen, schrfer gespitzten
vertauscht hatte. Eines Tages, als Anselmus mit dem Glockenschlag zwlf
bereits die Treppe hinaufgestiegen, fand er die Tr, durch die er
gewhnlich hineingegangen, verschlossen, und der Archivarius Lindhorst
erschien in seinem wunderlichen wie mit glnzenden Blumen bestreuten
Schlafrock von der andern Seite. Er rief laut: Heute kommen Sie nur hier
herein, werter Anselmus, denn wir mssen in das Zimmer, wo Bhogovotgita's
Meister unsrer warten. Er schritt durch den Korridor und fhrte Anselmus
durch dieselben Gemcher und Sle, wie das erste Mal. Der Student Anselmus
erstaunte auf's neue ber die wunderbare Herrlichkeit des Gartens, aber er
sah nun deutlich, da manche seltsame Blten, die an den dunklen Bschen
hingen, eigentlich in glnzenden Farben prunkende Insekten waren, die mit
den Flglein auf und nieder schlugen und durcheinander tanzend und wirbelnd
sich mit ihren Saugrsseln zu liebkosen schienen. Dagegen waren wieder die
rosenfarbenen und himmelblauen Vgel duftende Blumen, und der Geruch, den
sie verbreiteten, stieg aus ihren Kelchen empor in leisen lieblichen Tnen,
die sich mit dem Gepltscher der fernen Brunnen, mit dem Suseln der hohen
Stauden und Bume zu geheimnisvollen Akkorden einer tiefklagenden Sehnsucht
vermischten. Die Spottvgel, die ihn das erste Mal so geneckt und gehhnt,
flatterten ihm wieder um den Kopf und schrieen mit ihren feinen Stimmchen
unaufhrlich: Herr Studiosus, Herr Studiosus, eilen Sie nicht so -- gucken
Sie nicht so in die Wolken -- Sie knnten auf die Nase fallen. -- He, he!
Herr Studiosus -- nehmen Sie den Pudermantel um -- Gevatter Schuhu soll
Ihnen den Toupet frisieren. So ging es fort in allerlei dummem Geschwtz,
bis Anselmus den Garten verlassen. Der Archivarius Lindhorst trat endlich
in das azurblaue Zimmer; der Porphyr mit dem goldnen Topf war verschwunden,
statt dessen stand ein mit violettem Samt behangener Tisch, auf dem die dem
Anselmus bekannten Schreibmaterialien befindlich, in der Mitte des Zimmers
und ein ebenso beschlagener Lehnstuhl stand vor demselben. Lieber Herr
Anselmus, sagte der Archivarius Lindhorst, Sie haben nun schon manches
Manuskript schnell und richtig zu meiner Zufriedenheit kopiert, Sie haben
sich mein Zutrauen erworben; das Wichtigste bleibt aber noch zu tun brig,
und das ist das Abschreiben oder vielmehr Nachmalen gewisser in besonderen
Zeichen geschriebener Werke, die ich hier in diesem Zimmer aufbewahre und
die nur an Ort und Stelle kopiert werden knnen. Sie werden daher knftig
hier arbeiten, aber ich mu Ihnen die grte Vorsicht und Aufmerksamkeit
empfehlen; ein falscher Strich, oder was der Himmel verhten mge, ein
Tintenfleck auf das Original gespritzt, strzt Sie ins Unglck. --
Anselmus bemerkte, da aus den goldnen Stmmen der Palmbume kleine
smaragdgrne Bltter herausragten; eins dieser Bltter erfate der
Archivarius, und Anselmus wurde gewahr, da das Blatt eigentlich in einer
Pergamentrolle bestand, die der Archivarius aufwickelte und vor ihm auf den
Tisch breitete. Anselmus wunderte sich nicht wenig ber die seltsam
verschlungenen Zeichen, und bei dem Anblick der vielen Pnktchen, Striche
und Zge und Schnrkel, die bald Pflanzen, bald Moose, bald Tiergestalten
darzustellen schienen, wollte ihm beinahe der Mut sinken, alles so genau
nachmalen zu knnen. Er geriet darber in tiefe Gedanken. Mut gefat,
junger Mensch! rief der Archivarius, hast Du bewhrten Glauben und wahre
Liebe, so hilft Dir Serpentina! Seine Stimme tnte wie klingendes Metall,
und als Anselmus in jhem Schreck aufblickte, stand der Archivarius
Lindhorst in der kniglichen Gestalt vor ihm, wie er ihm bei dem ersten
Besuch im Bibliothekzimmer erschienen. Es war dem Anselmus, als msse er
von Ehrfurcht durchdrungen auf die Knie sinken, aber da stieg der
Archivarius Lindhorst an dem Stamm eines Palmbaums in die Hhe und
verschwand in den smaragdnen Blttern. -- Der Student Anselmus begriff, da
der Geisterfrst mit ihm gesprochen und nun in sein Studierzimmer
hinaufgestiegen, um vielleicht mit den Strahlen, die einige Planeten als
Gesandte zu ihm geschickt, Rcksprache zu halten, was nun mit ihm und der
holden Serpentina geschehen solle. -- Auch kann es sein, dachte er ferner,
da ihn Neues von den Quellen des Nils erwartet, oder da ein Magus aus
Lappland ihn besucht -- mir geziemt es nun, emsig an die Arbeit zu gehen.
-- Und damit fing er an die fremden Zeichen der Pergamentrolle zu
studieren. -- Die wunderbare Musik des Gartens tnte zu ihm herber und
umgab ihn mit sen lieblichen Dften, auch hrte er wohl die Spottvgel
kickern, doch verstand er ihre Worte nicht, was ihm auch recht lieb war.
Zuweilen war es auch als rauschten die smaragdenen Bltter der Palmbume
und als strahlten dann die holden Kristallklnge, welche Anselmus an jenem
verhngnisvollen Himmelfahrtstage unter dem Holunderbusch hrte, durch das
Zimmer. Der Student Anselmus, wunderbar gestrkt durch dies Tnen und
Leuchten, richtete immer fester und fester Sinn und Gedanken auf die
berschrift der Pergamentrolle, und bald fhlte er wie aus dem Innersten
heraus, da die Zeichen nichts anders bedeuten knnten, als die Worte: Von
der Vermhlung des Salamanders mit der grnen Schlange. -- Da ertnte ein
starker Dreiklang heller Kristallglocken. -- Anselmus, lieber Anselmus,
wehte es ihm zu aus den Blttern, und o Wunder! an dem Stamm des Palmbaums
schlngelte sich die grne Schlange herab. -- Serpentina! holde
Serpentina! rief Anselmus wie im Wahnsinn des hchsten Entzckens, denn so
wie er schrfer hinblickte, da war es ja ein liebliches herrliches Mdchen,
die mit den dunkelblauen Augen, wie sie in seinem Innern lebten, voll
unaussprechlicher Sehnsucht ihn anschauend, ihm entgegenschwebte. Die
Bltter schienen sich herabzulassen und auszudehnen, berall sproten
Stacheln aus den Stmmen, aber Serpentina wand und schlngelte sich
geschickt durch, indem sie ihr flatterndes, wie in schillernden Farben
glnzendes Gewand nach sich zog, so da es sich dem schlanken Krper
anschmiegend nirgends hngen blieb an den hervorragenden Spitzen und
Stacheln der Palmbume. Sie setzte sich neben dem Anselmus auf denselben
Stuhl, ihn mit dem Arm umschlingend und an sich drckend, so da er den
Hauch, der von ihren Lippen strmte, die elektrische Wrme ihres Krpers
fhlte. Lieber Anselmus! fing Serpentina an, nun bist Du bald ganz mein,
durch Deinen Glauben, durch Deine Liebe erringst Du mich, und ich bringe
Dir den goldnen Topf, der uns beide beglckt immerdar. -- O Du holde,
liebe Serpentina, sagte Anselmus, wenn ich nur Dich habe, was kmmert
mich sonst alles brige? Wenn Du nur mein bist, so will ich gern untergehen
in all' dem Wunderbaren und Seltsamen, was mich befngt seit dem
Augenblick, als ich Dich sah. -- Ich wei wohl, fuhr Serpentina fort,
da das Unbekannte und Wunderbare, womit mein Vater oft nur zum Spiel
seiner Laune Dich umfangen, Grausen und Entsetzen in Dir erregt hat, aber
jetzt soll es, wie ich hoffe, nicht wieder geschehen, denn ich bin in
diesem Augenblick nur da, um Dir, mein lieber Anselmus, alles und jedes aus
tiefem Gemte, aus tiefer Seele haarklein zu erzhlen, was Dir zu wissen
ntig, um meinen Vater ganz zu kennen und berhaupt recht deutlich
einzusehen, was es mit ihm und mit mir fr eine Bewandtnis hat. Dem
Anselmus war es, als sei er von der holden lieblichen Gestalt so ganz und
gar umschlungen und umwunden, da er sich nur mit ihr regen und bewegen
knne, und als sei es nur der Schlag ihres Pulses, der durch seine Fibern
und Nerven zitterte; er horchte auf jedes ihrer Worte, das bis in sein
Innerstes erklang und wie ein leuchtender Strahl die Wonne des Himmels in
ihm entzndete. Er hatte den Arm um ihren schlanker als schlanken Leib
gelegt, aber der schillernde glnzende Stoff ihres Gewandes war so glatt,
so schlpfrig, da es ihm schien, als knne sie, sich ihm schnell
entwindend, unaufhaltsam entschlpfen, und er erbebte bei dem Gedanken.
Ach, verla mich nicht, holde Serpentina! rief er unwillkrlich aus, nur
Du bist mein Leben! -- Nicht eher heute, sagte Serpentina, als bis ich
alles erzhlt habe, was Du in Deiner Liebe zu mir begreifen kannst. --
Wisse also, Geliebter, da mein Vater aus dem wunderbaren Geschlecht der
Salamander abstammt, und da ich mein Dasein seiner Liebe zur grnen
Schlange verdanke. In uralter Zeit herrschte in dem Wunderlande Atlantis
der mchtige Geisterfrst Phosphorus, dem die Elementargeister dienten.
Einst ging der Salamander, den er vor allen liebte (es war mein Vater), in
dem prchtigen Garten, den des Phosphorus Mutter mit ihren schnsten Gaben
auf das herrlichste geschmckt hatte, umher und hrte, wie eine hohe Lilie
in leisen Tnen sang: Drcke fest die uglein zu, bis mein Geliebter, der
Morgenwind, Dich weckt. Er trat hinzu; von seinem glhenden Hauch berhrt,
erschlo die Lilie ihre Bltter und er erblickte der Lilie Tochter, die
grne Schlange, welche in dem Kelch schlummerte. Da wurde der Salamander
von heier Liebe zu der schnen Schlange ergriffen, und er raubte sie der
Lilie, deren Dfte in namenloser Klage vergebens im ganzen Garten nach der
geliebten Tochter riefen. Denn der Salamander hatte sie in das Schlo des
Phosphorus getragen und bat ihn: vermhle mich mit der Geliebten, denn sie
soll mein eigen sein immerdar. Trichter, was verlangst du! sprach der
Geisterfrst, wisse, da einst die Lilie meine Geliebte war und mit mir
herrschte; aber der Funke, den ich in sie warf, drohte sie zu vernichten
und nur der Sieg ber den schwarzen Drachen, den jetzt die Erdgeister in
Ketten gebunden halten, erhielt die Lilie, da ihre Bltter stark genug
blieben, den Funken in sich zu schlieen und zu bewahren. Aber, wenn Du die
grne Schlange umarmst, wird Deine Glut den Krper verzehren und ein neues
Wesen schnell emporkeimend sich Dir entschwingen. Der Salamander achtete
der Warnung des Geisterfrsten nicht; voll glhenden Verlangens schlo er
die grne Schlange in seine Arme, sie zerfiel in Asche und ein geflgeltes
Wesen aus der Asche geboren rauschte fort durch die Lfte. Da ergriff den
Salamander der Wahnsinn der Verzweiflung und er rannte Feuer und Flammen
sprhend durch den Garten und verheerte ihn in wilder Wut, da die
schnsten Blumen und Blten verbrannt niedersanken und ihr Jammer die Luft
erfllte. Der hocherzrnte Geisterfrst erfate im Grimm den Salamander und
sprach: Ausgeraset hat Dein Feuer -- erloschen sind Deine Flammen,
erblindet Deine Strahlen -- sinke hinab zu den Erdgeistern, die mgen Dich
necken und hhnen und gefangen halten, bis der Feuerstoff sich wieder
entzndet und mit Dir als einem neuen Wesen aus der Erde emporstrahlt.

[Illustration: Die Lilie]

Der arme Salamander sank erloschen hinab, aber da trat der alte mrrische
Erdgeist, der des Phosphorus Grtner war, hinzu und sprach: Herr! wer
sollte mehr ber den Salamander klagen als ich? Habe ich nicht all die
schnen Blumen, die er verbrannt, mit meinen schnsten Metallen geputzt?
habe ich nicht ihre Keime wacker gehegt und gepflegt und an ihnen manche
schne Farbe verschwendet? -- und doch nehme ich mich des armen Salamanders
an, den nur die Liebe, von der Du selbst schon oft, o Herr, befangen, zur
Verzweiflung getrieben, in der er den Garten verwstet. Erlasse ihm die zu
harte Strafe! -- Sein Feuer ist fr jetzt erloschen, sprach der
Geisterfrst; in der unglcklichen Zeit, wenn die Sprache der Natur dem
entarteten Geschlecht der Menschen nicht mehr verstndlich sein, wenn die
Elementargeister in ihre Regionen gebannt, nur aus weiter Ferne in dumpfen
Anklngen zu den Menschen sprechen werden, wenn dem harmonischen Kreise
entrckt, nur ein unendliches Sehnen ihm die dunkle Kunde von dem
wundervollen Reiche geben wird, das er sonst bewohnen durfte, als noch
Glaube und Liebe in seinem Gemte wohnten, -- in dieser unglcklichen Zeit
entzndet sich der Feuerstoff des Salamanders auf's neue, doch nur zum
Menschen keimt er empor und mu, ganz eingehend in das drftige Leben,
dessen Bedrngnisse ertragen. Aber nicht allein die Erinnerung an seinen
Urzustand soll ihm bleiben, sondern er lebt auch wieder auf in der heiligen
Harmonie mit der ganzen Natur, er versteht ihre Wunder und die Macht der
verbrderten Geister steht ihm zu Gebote. In einem Lilienbusch findet er
dann die grne Schlange wieder, und die Frucht seiner Vermhlung mit ihr
sind drei Tchter, die den Menschen in der Gestalt der Mutter erscheinen.
Zur Frhlingszeit sollen sie sich in den dunklen Holunderbusch hngen und
ihre lieblichen Kristallstimmen ertnen lassen. Findet sich dann in der
drftigen armseligen Zeit der innern Verstocktheit ein Jngling, der ihren
Gesang vernimmt, ja, blickt ihn eine der Schlnglein mit ihren holdseligen
Augen an, entzndet der Blick in ihm die Ahnung des fernen wundervollen
Landes, zu dem er sich mutig emporschwingen kann, weil er die Brde des
Gemeinen abgeworfen, keimt mit der Liebe zur Schlange in ihm der Glaube an
die Wunder der Natur, ja an seine eigene Existenz in diesen Wundern
glutvoll und lebendig auf, so wird die Schlange sein. Aber nicht eher, bis
drei Jnglinge dieser Art erfunden und mit den drei Tchtern vermhlt
werden, darf der Salamander seine lstige Brde abwerfen und zu seinen
Brdern gehen. Erlaube, Herr, sagte der Erdgeist, da ich diesen drei
Tchtern ein Geschenk mache, das ihr Leben mit dem gefundenen Gemahl
verherrlicht. Jede erhlt von mir einen Topf vom schnsten Metall, das ich
besitze; den poliere ich mit Strahlen, die ich dem Diamant entnommen; in
seinem Glanze soll sich unser wundervolles Reich, wie es jetzt im Einklang
mit der ganzen Natur besteht, in blendendem herrlichem Widerschein
abspiegeln, aus seinem Innern aber in dem Augenblick der Vermhlung eine
Feuerlilie entsprieen, deren ewige Blte den bewhrt befundenen Jngling
s duftend umfngt. Bald wird er dann ihre Sprache, die Wunder unseres
Reichs verstehen und selbst mit der Geliebten in Atlantis wohnen. -- Du
weit nun wohl, lieber Anselmus, da mein Vater eben der Salamander ist,
von dem ich Dir erzhlt. Er mute seiner hheren Natur unerachtet sich den
kleinlichsten Bedrngnissen des gemeinen Lebens unterwerfen, und daher
kommt wohl oft die schadenfrohe Laune, mit der er manche neckt. Er hat mir
oft gesagt, da fr die innere Geistesbeschaffenheit, wie sie der
Geistesfrst Phosphorus damals als Bedingnis der Vermhlung mit mir und
meinen Schwestern aufgestellt, man jetzt einen Ausdruck habe, der aber nur
zu oft unschicklicher Weise gemibraucht werde; man nenne das nmlich ein
kindliches poetisches Gemt. -- Oft finde man dieses Gemt bei Jnglingen,
die der hohen Einfachheit ihrer Sitten wegen und weil es ihnen ganz an der
sogenannten Weltbildung fehle, von dem Pbel verspottet wrden. Ach,
lieber Anselmus, Du verstandest ja unter dem Holunderbusch meinen Gesang
-- meinen Blick -- Du liebst die grne Schlange, Du glaubst an mich und
willst mein sein immerdar! Die schne Lilie wird emporblhen aus dem
goldnen Topf und wir werden vereint glcklich und selig in Atlantis wohnen!
-- Aber nicht verhehlen kann ich Dir, da im grlichen Kampf mit den
Salamandern und Erdgeistern sich der schwarze Drache loswand und durch die
Lfte davonbrauste. Phosphorus hlt ihn zwar wieder in Banden, aber aus den
schwarzen Federn, die im Kampfe auf die Erde stubten, keimten feindliche
Geister empor, die berall den Salamandern und Erdgeistern widerstreben.
Jenes Weib, das Dir so feindlich ist, lieber Anselmus, und das, wie mein
Vater recht gut wei, nach dem Besitz des goldnen Topfes strebt, hat ihr
Dasein der Liebe einer solchen, aus dem Fittich des Drachen herabgestubten
Feder zu einer Runkelrbe zu verdanken. Sie erkennt ihren Ursprung und ihre
Gewalt, denn in dem Sthnen, in den Zuckungen des gefangenen Drachen werden
ihr die Geheimnisse mancher wundervollen Konstellation offenbar, und sie
bietet alle Mittel auf, von auen hinein ins Innere zu wirken, wogegen sie
mein Vater mit den Blitzen, die aus dem Innern des Salamanders
hervorschieen, bekmpft. Alle die feindlichen Prinzipe, die in schdlichen
Krutern und giftigen Tieren wohnen, sammelt sie und erregt, sie mischend,
in gnstiger Konstellation, manchen bsen Spuk, der des Menschen Sinne mit
Grauen und Entsetzen befngt und ihn der Macht jener Dmonen, die der
Drache im Kampfe unterliegend erzeugte, unterwirft. Nimm Dich vor der Alten
in acht, lieber Anselmus, sie ist Dir feind, weil Dein kindlich frommes
Gemt schon manchen ihrer bsen Zauber vernichtet. -- Halte treu -- treu
-- an mir, bald bist Du am Ziel! -- O meine -- meine Serpentina! rief
der Student Anselmus, wie sollte ich denn nur von Dir lassen knnen, wie
sollte ich Dich nicht lieben ewiglich! -- Ein Ku brannte auf seinem
Munde, er erwachte wie aus einem tiefen Traume; Serpentina war
verschwunden, es schlug sechs Uhr, da fiel es ihm schwer aufs Herz, da er
nicht das mindeste kopiert habe; er blickte voll Besorgnis, was der
Archivarius wohl sagen werde, auf das Blatt, und o Wunder! die Kopie des
geheimnisvollen Manuskripts war glcklich beendigt, und er glaubte,
schrfer die Zge betrachtend, Serpentina's Erzhlung von ihrem Vater, dem
Liebling des Geisterfrsten Phosphorus im Wunderlande Atlantis,
abgeschrieben zu haben. Jetzt trat der Archivarius Lindhorst in seinem
weigrauen berrock, den Hut auf dem Kopfe, den Stock in der Hand, herein;
er sah in das von dem Anselmus beschriebene Pergament, nahm eine groe
Priese und sagte lchelnd; das dacht ich wohl! Nun! hier ist der
Speziestaler, Herr Anselmus, jetzt wollen wir noch nach dem Linkeschen Bade
gehen -- nur mir nach! -- Der Archivarius schritt rasch durch den Garten,
in dem ein solcher Lrm von Singen, Pfeifen, Sprechen durcheinander war,
da der Student Anselmus ganz betubt wurde und dem Himmel dankte, als er
sich auf der Strae befand. Kaum waren sie einige Schritte gegangen, als
sie dem Registrator Heerbrand begegneten, der freundlich sich anschlo. Vor
dem Tore stopften sie die mitgenommenen Pfeifen; der Registrator Heerbrand
beklagte kein Feuerzeug bei sich zu tragen, da rief der Archivarius
Lindhorst ganz unwillig: was Feuerzeug! -- hier ist Feuer, so viel Sie
wollen! Und damit schnippte er mit den Fingern, aus denen groe Funken
strmten, die die Pfeifen schnell anzndeten. Sehen Sie das chemische
Kunststckchen, sagte der Registrator Heerbrand, aber der Student Anselmus
dachte nicht ohne inneres Erbeben an den Salamander. -- Im Linkeschen Bade
trank der Registrator Heerbrand so viel starkes Doppelbier, da er, sonst
ein gutmtiger stiller Mann, anfing in einem qukenden Tenor Burschenlieder
zu singen, und jeden hitzig fragte: ob er sein Freund sei oder nicht, und
endlich von dem Studenten Anselmus zu Hause gebracht werden mute, als der
Archivarius Lindhorst schon lngst auf und davon war.




NEUNTE VIGILIE


Wie der Student Anselmus zu einiger Vernunft gelangte. -- Die
Punschgesellschaft. -- Wie der Student Anselmus den Konrektor Paulmann fr
einen Schuhu hielt und dieser darob sehr erzrnte. -- Der Tintenklecks und
seine Folgen.


Alles das Seltsame und Wundervolle, welches dem Studenten Anselmus tglich
begegnet war, hatte ihn ganz dem gewhnlichen Leben entrckt. Er sah keinen
seiner Freunde mehr und harrte jeden Morgen mit Ungeduld auf die zwlfte
Stunde, die ihm sein Paradies aufschlo. Und doch, indem sein ganzes Gemt
der holden Serpentina und den Wundern des Feenreiches bei dem Archivarius
Lindhorst zugewandt war, mute er zuweilen unwillkrlich an Veronika
denken, ja manchmal schien es ihm als trte sie zu ihm hin und gestehe
errtend, wie herzlich sie ihn liebe und wie sie danach trachte, ihn den
Phantomen, von denen er nur geneckt und verhhnt werde, zu entreien.
Zuweilen war es, als risse eine fremde, pltzlich auf ihn einbrechende
Macht ihn unwiderstehlich hin zur vergessenen Veronika, und er msse ihr
folgen wohin sie nur wolle, als sei er festgekettet an das Mdchen. Gerade
in der Nacht darauf, als er Serpentina zum erstenmal in der Gestalt einer
wunderbar holdseligen Jungfrau geschaut, als ihm das wunderbare Geheimnis
der Vermhlung des Salamanders mit der grnen Schlange offenbar worden,
trat ihm Veronika lebhafter vor die Augen als jemals. -- Ja! -- erst als er
erwachte, wurde er deutlich gewahr, da er nur getrumt habe, da er
berzeugt gewesen, Veronika sei wirklich bei ihm und klage mit dem Ausdruck
eines tiefen Schmerzes, der sein Innerstes durchdrang, da es ihre innige
Liebe den phantastischen Erscheinungen, die nur seine innere Zerrttung
hervorrufe, aufopfern und noch darber in Unglck und Verderben geraten
werde. Veronika war liebenswrdiger, als er sie je gesehen; er konnte sie
kaum aus den Gedanken bringen, und dieser Zustand verursachte ihm eine
Qual, der er bei einem Morgenspaziergang zu entrinnen hoffte. Eine geheime
magische Gewalt zog ihn vor das Pirnaer Tor und eben wollte er in eine
Nebenstrae einbiegen, als der Konrektor Paulmann hinter ihm her kommend
laut rief: Ei, ei! -- wertester Herr Anselmus! -- Amice! -- Amice! wo um
des Himmels willen stecken Sie denn? Sie lassen sich ja gar nicht mehr
sehen -- wissen Sie wohl, da sich Veronika recht sehnt wieder einmal eins
mit Ihnen zu singen? -- Nun kommen Sie nur, Sie wollten ja doch zu mir!
Der Student Anselmus ging notgedrungen mit dem Konrektor. Als sie in das
Haus traten, kam ihnen Veronika sehr sauber und sorgfltig gekleidet
entgegen, so da der Konrektor Paulmann voll Erstaunen fragte: Nun, warum
so geputzt, hat man denn Besuch erwartet? -- aber hier bringe ich den Herrn
Anselmus! -- Als der Student Anselmus sittig und artig der Veronika die
Hand kte, fhlte er einen leisen Druck, der wie ein Glutstrom durch alle
Fibern und Nerven zuckte. Veronika war die Heiterkeit, die Anmut selbst,
und als Paulmann nach seinem Studierzimmer gegangen, wute sie durch
allerhand Neckerei und Schalkheit den Anselmus so hinauf zu schrauben, da
er alle Bldigkeit verga und sich zuletzt mit dem ausgelassenen Mdchen im
Zimmer herumjagte. Da kam ihm aber wieder einmal der Dmon des Ungeschicks
ber den Hals, er stie an den Tisch und Veronikas niedliches Nhkstchen
fiel herab. Anselmus hob es auf, der Deckel war aufgesprungen und es
blinkte ihm ein kleiner runder Metallspiegel entgegen, in den er mit ganz
eigner Lust hineinschaute. Veronika schlich sich leise hinter ihn, legte
die Hand auf seinen Arm und schaute, sich fest an ihn schmiegend, ihm ber
die Schulter auch in den Spiegel. Da war es dem Anselmus, als beginne ein
Kampf in seinem Innern: -- Gedanken -- Bilder -- blitzten hervor und
vergingen wieder -- der Archivarius Lindhorst -- Serpentina -- die grne
Schlange -- endlich wurde es ruhiger und alles Verworrene fgte und
gestaltete sich zum deutlichen Bewutsein. Ihm wurde es nun klar, da er
nur bestndig an Veronika gedacht, ja da die Gestalt, welche ihm gestern
in dem blauen Zimmer erschienen, auch eben Veronika gewesen, und da die
phantastische Sage von der Vermhlung des Salamanders mit der grnen
Schlange ja nur von ihm geschrieben, keineswegs aber erzhlt worden sei. Er
wunderte sich selbst ber seine Trumereien und schrieb sie lediglich
seinem durch die Liebe zu Veronika exaltierten Seelenzustande, sowie der
Arbeit bei dem Archivarius Lindhorst zu, in dessen Zimmern es noch berdem
so sonderbar betubend dufte. Er mute herzlich ber die tolle Einbildung
lachen, in eine kleine Schlange verliebt zu sein und einen wohlbestallten
geheimen Archivarius fr einen Salamander zu halten. Ja, ja! -- es ist
Veronika! rief er laut; aber indem er den Kopf umwandte, schaute er gerade
in Veronikas blaue Augen hinein, in denen Liebe und Sehnsucht strahlten.
Ein dumpfes Ach! entfloh ihren Lippen, die in dem Augenblick auf den
seinigen brannten. O ich Glcklicher! seufzte der entzckte Student, was
ich gestern nur trumte, wird mir heute wirklich und in der Tat zuteil. --
Und willst Du mich denn wirklich heiraten, wenn Du Hofrat geworden?
fragte Veronika. Allerdings! antwortete der Student Anselmus; indem
knarrte die Tr und der Konrektor Paulmann trat mit den Worten herein:
Nun, wertester Herr Anselmus, lasse ich Sie heute nicht fort, Sie nehmen
vorlieb mit einer Suppe, und nachher bereitet uns Veronika einen kstlichen
Kaffee, den wir mit dem Registrator Heerbrand, welcher herzukommen
versprochen, genieen. -- Ach, bester Herr Konrektor, erwiderte der
Student Anselmus, wissen Sie denn nicht, da ich zum Archivarius Lindhorst
mu, des Abschreibens wegen? -- Schauen Sie Amice! sagte der Konrektor
Paulmann, indem er ihm die Taschenuhr hinhielt, welche auf halb eins wies.
Der Student Anselmus sah nun wohl ein, da es viel zu spt sei zu dem
Archivarius Lindhorst zu wandern und fgte sich den Wnschen des Konrektors
um so lieber, als er nun die Veronika den ganzen Tag ber schauen und wohl
manchen verstohlenen Blick, manchen zrtlichen Hndedruck zu erhalten, ja
wohl gar einen Ku zu erobern hoffte. So hoch verstiegen sich jetzt die
Wnsche des Studenten Anselmus, und es wurde ihm immer behaglicher zu Mute,
je mehr er sich berzeugte, da er bald von all den phantastischen
Einbildungen befreit sein werde, die ihn wirklich ganz und gar zum
wahnwitzigen Narren htten machen knnen. -- Der Registrator Heerbrand fand
sich wirklich nach Tische ein und als der Kaffee genossen und die Dmmerung
bereits eingebrochen, gab er schmunzelnd und frhlich die Hnde reibend zu
verstehen: er trage etwas mit sich, was durch Veronikas schne Hnde
gemischt und in gehrige Form gebracht, gleichsam foliiert und rubriziert,
ihnen allen an dem khlen Oktoberabende erfreulich sein werde. So rcken
Sie denn nur heraus mit dem geheimnisvollen Wesen, das Sie bei sich tragen,
geschtztester Registrator, rief der Konrektor Paulmann; aber der
Registrator Heerbrand griff in die tiefe Tasche seines Matins und brachte
in drei Reprisen eine Flasche Arrak, Zitronen und Zucker zum Vorschein.
Kaum war eine halbe Stunde vergangen, so dampfte ein kstlicher Punsch auf
Paulmanns Tische. Veronika kredenzte das Getrnk, und es gab allerlei
gemtliche muntere Gesprche unter den Freunden. Aber so wie dem Studenten
Anselmus der Geist des Getrnkes zu Kopfe stieg, kamen auch alle Bilder des
Wunderbaren, Seltsamen, was er in kurzer Zeit erlebt, wieder zurck. Er sah
den Archivarius Lindhorst in seinem damastnen Schlafrock, der wie Phosphor
erglnzte; er sah das azurblaue Zimmer, die goldnen Palmbume, ja es wurde
ihm wieder so zu Mute, als msse er doch an die Serpentina glauben; es
brauste, es grte in seinem Innern. Veronika reichte ihm ein Glas Punsch,
und indem er es fate, berhrte er leise ihre Hand. Serpentina! Veronika!
seufzte er in sich hinein. Er versank in tiefe Trume, aber der Registrator
Heerbrand rief ganz laut: Ein wunderlicher alter Mann, aus dem niemand
klug wird, bleibt er doch, der Archivarius Lindhorst. -- Nun, er soll
leben! stoen Sie an, Herr Anselmus! -- Da fuhr der Student Anselmus auf
aus seinen Trumen und sagte, indem er mit dem Registrator Heerbrand
anstie: Das kommt daher, verehrungswrdiger Herr Registrator, weil der
Herr Archivarius Lindhorst eigentlich ein Salamander ist, der den Garten
des Geisterfrsten Phosphorus im Zorn verwstete, weil ihm die grne
Schlange davongeflogen. -- Wie -- was? fragte der Konrektor Paulmann.
-- Ja, fuhr der Student Anselmus fort, deshalb mu er nun kniglicher
Archivarius sein und hier in Dresden mit seinen drei Tchtern wirtschaften,
die aber weiter nichts sind als kleine goldgrne Schlnglein, die sich in
Holunderbschen sonnen, verfhrerisch singen und die jungen Leute verlocken
wie die Sirenen. -- Herr Anselmus, Herr Anselmus! rief der Konrektor
Paulmann, rappelt's Ihnen im Kopfe? was um des Himmels willen schwatzen
Sie fr ungewaschenes Zeug? -- Er hat Recht, fiel der Registrator
Heerbrand ein, der Kerl, der Archivarius, ist ein verfluchter Salamander,
der mit den Fingern feurige Schnippchen schlgt, die einem Lcher in den
berrock brennen wie glhender Schwamm. -- Ja, ja, Du hast Recht,
Brderchen Anselmus, und wer es nicht glaubt, ist mein Feind! Und damit
schlug der Registrator Heerbrand mit der Faust auf den Tisch, da die
Glser klirrten. Registrator! sind Sie rasend? schrie der erboste
Konrektor. -- Herr Studiosus! Herr Studiosus! was richten Sie denn nun
wieder an? -- Ach! sagte der Student, Sie sind auch weiter nichts als
ein Vogel -- ein Schuhu, der die Toupets frisiert, Herr Konrektor! --
Was? -- ich ein Vogel -- ein Schuhu -- ein Friseur? -- schrie der
Konrektor voller Zorn -- Herr, Sie sind toll -- toll! -- Aber die Alte
kommt ihm ber den Hals, rief der Registrator Heerbrand. -- Ja, die Alte
ist mchtig, fiel der Student Anselmus ein, unerachtet sie nur von
niederer Herkunft; denn ihr Papa ist nichts als ein lumpiger Flederwisch
und ihre Mama eine schnde Runkelrbe, aber ihre meiste Kraft verdankt sie
allerlei feindlichen Kreaturen, giftigen Kanaillen, von denen sie umgeben.
-- Das ist eine abscheuliche Verleumdung, rief Veronika mit zornglhenden
Augen, die alte Lise ist eine weise Frau und der schwarze Kater keine
feindliche Kreatur, sondern ein gebildeter junger Mann von feinen Sitten
und ihr Cousin germain. -- Kann der Salamander fressen, ohne sich den
Bart zu versengen und elendiglich draufzugehn? sagte der Registrator
Heerbrand. Nein, nein! schrie der Student Anselmus, nun und nimmermehr
wird er das knnen: und die grne Schlange liebt mich; denn ich bin ein
kindliches Gemt und habe Serpentinas Augen geschaut. -- Die wird der
Kater auskratzen, rief Veronika. -- Salamander -- Salamander bezwingt sie
alle -- alle, brllte der Konrektor Paulmann in hchster Wut; aber bin
ich in einem Tollhause? bin ich selbst toll? -- was schwatze ich denn fr
wahnwitziges Zeug? -- Ja ich bin auch toll -- auch toll! -- Damit sprang
der Konrektor Paulmann auf, ri sich die Percke vom Kopfe und schleuderte
sie gegen die Stubendecke, da die gequetschten Locken chzten und im
gnzlichen Verderben aufgelst den Puder weit umherstubten. Da ergriffen
der Student Anselmus und der Registrator Heerbrand die Punschterrine, die
Glser, und warfen sie jubelnd und jauchzend an die Stubendecke, da die
Scherben klirrend und klingend umhersprangen. Vivat Salamander! -- pereat
-- pereat die Alte! zerbrecht den Metallspiegel, hackt dem Kater die Augen
aus! -- Vglein -- Vglein aus den Lften -- Eheu -- Eheu -- Evoe
-- Salamander! -- So schrien und brllten die Drei wie Besessene
durcheinander. Laut weinend sprang Frnzchen davon; aber Veronika lag
winselnd vor Jammer und Schmerz auf dem Sopha. Da ging die Tr auf, alles
war pltzlich still und es trat ein kleiner Mann in einem grauen Mntelchen
herein. Sein Gesicht hatte etwas seltsam Gravittisches, und vorzglich
zeichnete sich die krummgebogene Nase, auf der eine groe Brille sa, vor
allen jemals gesehenen aus. Auch trug er solch eine besondere Percke, da
sie eher eine Federmtze zu sein schien. Ei, schnen guten Abend!
schnarrte das possierliche Mnnlein, hier finde ich ja wohl den Studiosus
Herrn Anselmus? Gehorsamste Empfehlung vom Herrn Archivarius Lindhorst und
er habe heute vergebens auf den Herrn Anselmus gewartet; aber morgen lasse
er schnstens bitten, ja nicht die gewohnte Stunde zu versumen. Damit
schritt er wieder zur Tr hinaus und alle sahen nun wohl, da das
gravittische Mnnlein eigentlich ein grauer Papagei war. Der Konrektor
Paulmann und der Registrator Heerbrand schlugen eine Lache auf, die durch
das Zimmer drhnte und dazwischen winselte und chzte Veronika wie von
namenlosem Jammer zerrissen; aber den Studenten Anselmus durchzuckte der
Wahnsinn des innern Entsetzens und er rannte bewutlos zur Tr hinaus durch
die Straen. Mechanisch fand er seine Wohnung, sein Stbchen. Bald darauf
trat Veronika friedlich und freundlich zu ihm und fragte: warum er sie denn
im Rausch so gengstigt habe und er mge sich nur vor neuen Einbildungen
hten, wenn er bei dem Archivarius Lindhorst arbeite. Gute Nacht, gute
Nacht, mein lieber Freund, lispelte leise Veronika und hauchte einen Ku
auf seine Lippen. Er wollte sie mit seinen Armen umfangen, aber die
Traumgestalt war verschwunden und er erwachte heiter und gestrkt. Nun
mute er selbst recht herzlich ber die Wirkungen des Punsches lachen; aber
indem er an Veronika dachte, fhlte er sich recht von einem behaglichen
Gefhl durchdrungen.

[Illustration: Der Graue Papagei berbringt Anselmus eine Botschaft des
Achivarius Lindhorst]

Ihr allein, sprach er zu sich selbst, habe ich es zu verdanken, da ich
von meinen albernen Grillen zurckgekommen bin. Wahrhaftig, mir ging es
nicht besser als jenem, welcher glaubte, er sei von Glas, oder dem, der die
Stube nicht verlie, aus Furcht von den Hhnern gefressen zu werden, weil
er sich einbildete, ein Gerstenkorn zu sein. Aber, sowie ich Hofrat
geworden, heirate ich ohne weiteres die Mademoiselle Paulmann und bin
glcklich. -- Als er nun mittags durch den Garten des Archivarius Lindhorst
ging, konnte er sich nicht genug wundern, wie ihm das alles sonst so
seltsam und wundervoll habe vorkommen knnen. Er sah nichts als gewhnliche
Scherbenpflanzen, allerlei Geranien, Myrtenstcke und dergleichen. Statt
der glnzenden bunten Vgel, die ihn sonst geneckt, flatterten nur einige
Sperlinge hin und her, die ein unverstndliches unangenehmes Geschrei
erhoben, als sie den Anselmus gewahr wurden. Das blaue Zimmer kam ihm auch
ganz anders vor und er begriff nicht, wie ihm das grelle Blau und die
natrlichen goldnen Stmme der Palmbume mit den unfrmlichen blinkenden
Blttern nur einen Augenblick hatten gefallen knnen. -- Der Archivarius
sah ihn mit einem ganz eignen ironischen Lcheln an und fragte: Nun, wie
hat Ihnen gestern der Punsch geschmeckt, werter Anselmus? -- Ach gewi
hat Ihnen der Papagei, -- erwiderte der Student Anselmus ganz beschmt;
aber er stockte: denn er dachte nun wieder daran, da auch die Erscheinung
des Papageis wohl nur Blendwerk der befangenen Sinne gewesen. Ei, ich war
ja selbst in der Gesellschaft, fiel der Archivarius Lindhorst ein, haben
Sie mich denn nicht gesehen? Aber bei dem tollen Unwesen, das Ihr triebt,
wre ich beinahe hart beschdigt worden; denn ich sa eben in dem
Augenblicke noch in der Terrine, als der Registrator Heerbrand danach
griff, um sie gegen die Decke zu schleudern und mute mich schnell in des
Konrektors Pfeifenkopf retirieren. Nun Adieu, Herr Anselmus! -- seien Sie
fleiig, auch fr den gestrigen versumten Tag zahle ich den Speziestaler,
da Sie bisher so wacker gearbeitet. -- Wie kann der Archivarius nur solch
tolles Zeug faseln! sagte der Student Anselmus zu sich selbst und setzte
sich an den Tisch, um die Kopie des Manuskripts zu beginnen, das der
Archivarius wie gewhnlich vor ihm ausgebreitet. Aber er sah auf der
Pergamentrolle so viele sonderbare krause Zge und Schnrkel durcheinander,
die, ohne dem Auge einen einzigen Ruhepunkt zu geben, den Blick verwirrten,
da es ihm beinahe unmglich schien das alles genau nachzumalen. Ja bei dem
berblick des Ganzen schien das Pergament nur ein bunt geaderter Marmor
oder ein mit Moosen durchsprenkelter Stein. -- Er wollte dessen unerachtet
das Mgliche versuchen und tunkte getrost die Feder ein; aber die Tinte
wollte durchaus nicht flieen, er spritzte die Feder ungeduldig aus und --
o Himmel! ein groer Klecks fiel auf das ausgebreitete Original. Zischend
und brausend fuhr ein blauer Blitz aus dem Fleck und schlngelte sich
krachend durch das Zimmer bis zur Decke hinauf. Da quoll ein dicker Dampf
aus den Wnden, die Bltter fingen an zu rauschen wie vom Sturme
geschttelt und aus ihnen schossen blinkende Basilisken im flackernden
Feuer herab, den Dampf entzndend, da die Flammenmassen prasselnd sich um
den Anselmus wlzten. Die goldnen Stmme der Palmbume wurden zu
Riesenschlangen, die ihre grlichen Hupter in schneidendem Metallklange
zusammenstieen und mit den geschuppten Leibern den Anselmus umwanden.
Wahnsinniger! erleide nun die Strafe dafr, was Du im frechen Frevel
tatest! -- So rief die frchterliche Stimme des gekrnten Salamanders, der
ber den Schlangen wie ein blendender Strahl in den Flammen erschien, und
nun sprhten ihre aufgesperrten Rachen Feuerkatarakte auf den Anselmus und
es war als verdichteten sich die Feuerstrme um seinen Krper und wrden
zur festen eiskalten Masse. Aber indem des Anselmus Glieder enger und enger
sich zusammenziehend erstarrten, vergingen ihm die Gedanken. Als er wieder
zu sich selbst kam, konnte er sich nicht regen und bewegen, er war wie von
einem glnzenden Schein umgeben, an dem er sich, wollte er nur die Hand
erheben oder sonst sich rhren, stie. -- Ach! er sa in einer
wohlverstopften Kristallflasche auf einem Repositorium im Bibliothekzimmer
des Archivarius Lindhorst.

[Illustration: Anselmus sa in einer wohlverstopften Kristallflasche]




ZEHNTE VIGILIE


Die Leiden des Studenten Anselmus in der glsernen Flasche. -- Glckliches
Leben der Kreuzschler und Praktikanten. -- Die Schlacht im
Bibliothekzimmer des Archivarius Lindhorst. -- Sieg des Salamanders und
Befreiung des Studenten Anselmus.


Mit Recht darf ich zweifeln, da Du, gnstiger Leser, jemals in einer
glsernen Flasche verschlossen gewesen sein solltest, es sei denn, da ein
lebendiger neckhafter Traum Dich einmal mit solchem feeischen Unwesen
befangen. War das der Fall, so wirst Du das Elend des armen Studenten
Anselmus recht lebhaft fhlen. Hast Du aber auch dergleichen nie getrumt,
so schliet Dich Deine rege Phantasie mir und dem Anselmus zu Gefallen wohl
auf einige Augenblicke in das Kristall ein. -- Du bist von blendendem
Glanze dicht umflossen, alle Gegenstnde ringsumher erscheinen Dir von
strahlenden Regenbogenfarben erleuchtet und umgeben -- alles zittert und
wankt und drhnt im Schimmer -- Du schwimmst regungs- und bewegungslos wie
in einem festgefrornen ther, der Dich einpret, soda der Geist vergebens
dem toten Krper gebietet. Immer gewichtiger und gewichtiger drckt die
zentnerschwere Last Deine Brust -- immer mehr und mehr zehrt jeder Atemzug
die Lftchen weg, die im engen Raum noch auf- und niederwallten -- Deine
Pulsadern schwellen auf und von grlicher Angst durchschnitten zuckt jeder
Nerv im Todeskampfe blutend. -- Habe Mitleid, gnstiger Leser, mit dem
Studenten Anselmus, den diese namenlose Marter in seinem glsernen
Gefngnisse ergriff; aber er fhlte wohl, da der Tod ihn nicht erlsen
knne: denn erwachte er nicht aus der tiefen Ohnmacht, in die er im berma
seiner Qual versunken, als die Morgensonne in das Zimmer hell und
freundlich hineinschien und fing seine Marter nicht von neuem an? Er konnte
kein Glied regen; aber seine Gedanken schlugen an das Glas, ihn im
mitnenden Klange betubend und er vernahm statt der Worte, die der Geist
sonst aus dem Innern gesprochen, nur das dumpfe Brausen des Wahnsinns. --
Da schrie er auf in Verzweiflung: O Serpentina -- Serpentina, rette mich
von dieser Hllenqual! Und es war als umwehten ihn leise Seufzer, die
legten sich um die Flasche wie grne durchsichtige Holunderbltter; das
Tnen hrte auf, der blendende verwirrende Schein war verschwunden und er
atmete freier. Bin ich denn nicht an meinem Elende lediglich selbst
Schuld? ach! habe ich nicht gegen Dich selbst, holde, geliebte Serpentina
gefrevelt? habe ich nicht schnde Zweifel gegen Dich gehegt? habe ich nicht
den Glauben verloren und mit ihm alles, alles was mich hoch beglcken
sollte? Ach Du wirst nun wohl nimmer mein werden, fr mich ist der goldne
Topf verloren, ich darf seine Wunder nimmermehr schauen! Ach, nur ein
einziges Mal mcht' ich Dich sehen, Deine holde se Stimme hren,
liebliche Serpentina! -- So klagte der Student Anselmus von tiefem
schneidendem Schmerz ergriffen; da sagte jemand dicht neben ihm: Ich wei
garnicht was Sie wollen, Herr Studiosus, warum lamentieren Sie so ber alle
Maen? -- Der Student Anselmus wurde gewahr, da neben ihm auf demselben
Repositorium noch fnf Flaschen standen, in welchen er drei Kreuzschler
und zwei Praktikanten erblickte. -- Ach, meine Herren und Gefhrten im
Unglck, rief er aus, wie ist es Ihnen denn mglich, so gelassen, ja so
vergngt zu sein, wie ich es an Ihren heitern Mienen bemerke? Sie sitzen ja
doch eben so gut eingesperrt in glsernen Flaschen als ich und knnen sich
nicht regen und bewegen, ja nicht einmal was Vernnftiges denken, ohne da
ein Mordlrmen entsteht mit Klingen und Schallen und ohne da es Ihnen im
Kopfe ganz schrecklich saust und braust. Aber Sie glauben gewi nicht an
den Salamander und an die grne Schlange! -- Sie faseln wohl, mein Herr
Studiosus, erwiderte ein Kreuzschler, nie haben wir uns besser befunden
als jetzt: denn die Speziestaler, welche wir von dem tollen Archivarius
erhalten fr allerlei konfuse Abschriften, tun uns wohl; wir drfen jetzt
keine italienischen Chre mehr auswendig lernen, wir gehen jetzt alle Tage
zu Josephs oder sonst in andere Kneipen, lassen uns das Doppelbier wohl
schmecken, sehen auch wohl einem hbschen Mdchen in die Augen, singen wie
wirkliche Studenten: gaudeamus igitur und sind seelenvergngt. -- Die
Herren haben ganz recht, fiel ein Praktikant ein, auch ich bin mit
Speziestalern reichlich versehen, wie hier mein teurer Kollege nebenan und
spaziere fleiig auf den Weinberg, statt bei der leidigen Aktenschreiberei
zwischen vier Wnden zu sitzen. -- Aber meine besten wertesten Herren,
sagte der Student Anselmus, spren Sie es denn nicht, da Sie alle samt
und sonders in glsernen Flaschen sitzen und sich nicht regen und bewegen,
viel weniger umherspazieren knnen? -- Da schlugen die Kreuzschler und
die Praktikanten eine helle Lache auf und schrien: Der Studiosus ist toll,
er bildet sich ein in einer glsernen Flasche zu sitzen und steht auf der
Elbbrcke und sieht gerade hinein ins Wasser. Gehen wir nur weiter!
-- Ach, seufzte der Student, die schauten niemals die holde Serpentina,
sie wissen nicht was Freiheit und Leben in Glauben und Liebe ist! deshalb
spren sie nicht den Druck des Gefngnisses, in das sie der Salamander
bannte, ihrer Torheit, ihres gemeinen Sinnes wegen; aber ich Unglcklicher
werde vergehen in Schmach und Elend, wenn sie, die ich so unaussprechlich
liebe, mich nicht rettet. -- Da wehte und suselte Serpentina's Stimme
durch das Zimmer: Anselmus! glaube, liebe, hoffe! -- Und jeder Laut
strahlte in das Gefngnis des Anselmus hinein und das Kristall mute seiner
Gewalt weichen und sich ausdehnen, da die Brust des Gefangenen sich regen
und bewegen konnte. Immer mehr verringerte sich die Qual seines Zustandes
und er merkte wohl, da ihn Serpentina noch liebe und da nur _sie_ es
sei, die ihm den Aufenthalt in dem Kristall ertrglich mache. Er bekmmerte
sich nicht mehr um seine leichtsinnigen Unglcksgefhrten, sondern richtete
Sinn und Gedanken nur auf die holde Serpentina. -- Aber pltzlich entstand
von der andern Seite her ein dumpfes widriges Gemurmel. Er konnte bald
deutlich bemerken, da dies Gemurmel von einer alten Kaffeekanne mit
halbzerbrochenem Deckel herrhrte, die ihm gegenber auf einem kleinen
Schrank hingestellt war. Sowie er schrfer hinschaute, entwickelten sich
immer mehr die garstigen Zge eines alten verschrumpften Weibergesichts und
bald stand das pfelweib vom schwarzen Tor vor dem Repositorium. Die
grinste und lachte ihn an und rief mit gellender Stimme: Ei, ei,
Kindchen! -- mut Du nun ausharren? -- Ins Kristall nun Dein Fall! hab' ich
Dir's nicht lngst vorausgesagt? -- Hhne und spotte nur, Du verdammtes
Hexenweib, sagte der Student Anselmus, Du bist Schuld an allem, aber der
Salamander wird Dich treffen, Du schnde Runkelrbe! -- Ho, ho!
erwiderte die Alte, nur nicht so stolz! Du hast meinen Shnlein ins
Gesicht getreten, Du hast mir die Nase verbrannt, aber doch bin ich Dir
gut, Du Schelm, weil Du sonst ein artiger Mensch warst und mein Tchterchen
ist Dir auch gut. Aus dem Kristall kommst Du aber nun einmal nicht, wenn
ich Dir nicht helfe; hinauflangen zu Dir kann ich nicht; aber meine Frau
Gevatterin, die Ratte, welche gleich ber Dir auf dem Boden wohnt, die soll
das Brett entzweinagen, auf dem Du stehst, dann purzelst Du hinunter und
ich fange Dich auf in der Schrze, damit Du Dir die Nase nicht zerschlgst,
sondern fein Dein glattes Gesichtlein erhltst und ich trage Dich flugs zu
Mamsell Veronika, die mut Du heiraten, wenn Du Hofrat geworden. -- La
ab von mir, Satansgeburt, schrie der Student Anselmus voller Grimm, nur
Deine hllischen Knste haben mich zu dem Frevel gereizt, den ich nun
abben mu. -- Aber geduldig ertrage ich alles: denn nur hier kann ich
sein, wo die holde Serpentina mich mit Liebe und Trost umfngt! -- Hr' es
Alte und verzweifle! Trotz biete ich Deiner Macht, ich liebe ewiglich nur
Serpentina -- ich will nie Hofrat werden -- nie die Veronika schauen, die
mich durch Dich zum Bsen verlockt! -- Kann die grne Schlange nicht mein
werden, so will ich untergehen in Sehnsucht und Schmerz! -- Hebe Dich weg
-- hebe Dich weg -- Du schnder Wechselbalg! -- Da lachte die Alte auf,
da es im Zimmer gellte und rief: So sitze denn und verderbe, aber nun
ist's Zeit ans Werk zu gehen: denn mein Geschft hier ist noch von anderer
Art. -- Sie warf den schwarzen Mantel ab und stand da in ekelhafter
Nacktheit, dann fuhr sie in Kreisen umher und groe Folianten strzten
herab, aus denen ri sie Pergamentbltter, und diese im knstlichen Gefge
schnell zusammenheftend und auf den Leib ziehend, war sie bald wie in einen
seltsamen bunten Schuppenharnisch gekleidet. Feuersprhend sprang der
schwarze Kater aus dem Tintenfasse, das auf dem Schreibtische stand und
heulte der Alten entgegen, die laut aufjubelte und mit ihm durch die Tr
verschwand. Anselmus merkte, da sie nach dem blauen Zimmer gegangen und
bald hrte er es in der Ferne zischen und brausen, die Vgel im Garten
schrien, der Papagei schnarrte: Rette -- rette! Raub -- Raub! -- In dem
Augenblick kam die Alte ins Zimmer zurckgesprungen, den goldenen Topf auf
dem Arm tragend und mit grlicher Geberde wild durch die Lfte schreiend:
Glck auf! -- Glck auf! -- Shnlein -- tte die grne Schlange! auf,
Shnlein, auf! -- Es war dem Anselmus als hre er ein tiefes Sthnen, als
hre er Serpentina's Stimme. Da ergriff ihn Entsetzen und Verzweiflung.
-- Er raffte alle seine Krfte zusammen; er stie mit Gewalt, als sollten
Nerven und Adern zerspringen, gegen das Kristall -- ein schneidender Klang
fuhr durch das Zimmer und der Archivarius stand in der Tr in seinem
glnzenden damastnen Schlafrock; Hei, hei! Gesindel, toller Spuk
-- Hexenwerk -- hierher -- heisa! So schrie er. Da richteten sich die
schwarzen Haare der Alten wie Borsten empor, ihre glutroten Augen
erglnzten von hllischem Feuer und die spitzigen Zhne des weiten Rachens
zusammenbeiend, zischte sie: frisch -- frisch 'raus -- zisch aus, zisch
aus! und lachte und meckerte hhnend und spottend und drckte den goldnen
Topf fest an sich und warf daraus Fuste voll glnzender Erde auf den
Archivarius, aber so wie die Erde den Schlafrock berhrte, wurden Blumen
daraus, die herabfielen. Da flackerten und flammten die Lilien des
Schlafrocks empor und der Archivarius schleuderte die in knisterndem Feuer
brennenden Lilien auf die Hexe, die vor Schmerz heulte; aber indem sie in
die Hhe sprang und den pergamentnen Harnisch schttelte, verlschten die
Lilien und zerfielen in Asche. Frisch darauf, mein Junge! kreischte die
Alte, da fuhr der Kater auf in die Luft und brauste fort nach der Tr ber
den Archivarius; aber der graue Papagei flatterte ihm entgegen und fate
ihn mit dem krummen Schnabel im Genick, da rotes feuriges Blut ihm aus dem
Halse strzte und Serpentina's Stimme rief: Gerettet! -- gerettet! -- Die
Alte sprang voll Wut und Verzweiflung auf den Archivarius los, sie warf den
Topf hinter sich und wollte, die langen Finger der drren Fuste
emporspreizend, den Archivarius umkrallen; aber dieser ri schnell den
Schlafrock herunter und schleuderte ihn der Alten entgegen. Da zischten und
sprhten und brausten blaue knisternde Flammen aus den Pergamentblttern
und die Alte wlzte sich im heulenden Jammer und trachtete immer mehr Erde
aus dem Topfe zu greifen, immer mehr Pergamentbltter aus den Bchern zu
erhaschen, um die lodernden Flammen zu ersticken; und wenn ihr es gelang
Erde oder Pergamentbltter auf sich zu strzen, verlschte das Feuer. Aber
nun fuhren wie aus dem Innern des Archivarius flackernde zischende Strahlen
auf die Alte. Hei, hei! drauf und dran -- Sieg dem Salamander! drhnte
die Stimme des Archivarius durch das Zimmer, und hundert Blitze
schlngelten sich in feurigen Kreisen um die kreischende Alte. Sausend und
brausend fuhren in wtendem Kampfe Kater und Papagei umher; aber endlich
schlug der Papagei mit den starken Fittichen den Kater zu Boden und mit den
Krallen ihn durchspieend und festhaltend, da er in der Todesnot grlich
heulte und chzte, hackte er ihm mit dem scharfen Schnabel die glhenden
Augen aus, da der brennende Gischt herausspritzte. -- Dicker Qualm strmte
da empor, wo die Alte zur Erde niedergestrzt unter dem Schlafrock gelegen;
ihr Geheul, ihr entsetzliches schneidendes Jammergeschrei verhallte in
weiter Ferne. Der Rauch, der sich mit durchdringendem Gestank verbreitet,
verdampfte, der Archivarius hob den Schlafrock auf und unter demselben lag
eine garstige Runkelrbe. Verehrter Herr Archivarius, hier bringe ich den
berwundenen Feind, sprach der Papagei, indem er den [dem] Archivarius
Lindhorst ein schwarzes Haar im Schnabel darreichte. Sehr gut, mein
Lieber, antwortete der Archivarius, hier liegt auch meine berwundene
Feindin, besorgen Sie gtigst nunmehr das brige; noch heute erhalten Sie
als ein kleines Douceur sechs Kokosnsse und eine neue Brille, da, wie ich
sehe, der Kater Ihnen die Glser schndlich zerbrochen. -- Lebenslang der
Ihrige, verehrungswrdiger Freund und Gnner! versetzte der Papagei sehr
vergngt, nahm die Runkelrbe in den Schnabel und flatterte damit zum
Fenster hinaus, das ihm der Archivarius Lindhorst geffnet.

[Illustration: Der Rauch verdampfte]

Dieser ergriff den goldenen Topf und rief stark: Serpentina,
Serpentina! -- Aber wie nun der Student Anselmus hoch erfreut ber den
Untergang des schnden Weibes, das ihn ins Verderben gestrzt, den
Archivarius anblickte, da war es wieder die hohe majesttische Gestalt des
Geisterfrsten, die mit unbeschreiblicher Anmut und Wrde zu ihm
hinaufschaute. -- Anselmus, sprach der Geisterfrst, nicht Du, sondern
nur ein feindliches Prinzip, das zerstrend in Dein Inneres zu dringen und
Dich mit Dir selbst zu entzweien trachtete, war Schuld an Deinem Unglauben.
Du hast Deine Treue bewhrt, sei frei und glcklich. Ein Blitz zuckte
durch das Innere des Anselmus, der herrliche Dreiklang der Kristallglocken
ertnte strker und mchtiger, als er ihn je vernommen -- seine Fibern und
Nerven erbebten -- aber immer mehr anschwellend drhnte der Akkord durch
das Zimmer, das Glas, welches den Anselmus umschlossen, zersprang und er
strzte in die Arme der holden lieblichen Serpentina.




ELFTE VIGILIE


Des Konrektors Paulmann Unwille ber die in seiner Familie ausgebrochene
Tollheit. -- Wie der Registrator Heerbrand Hofrat worden und im strksten
Froste in Schuhen und seidenen Strmpfen einherging. -- Veronika's
Gestndnisse. -- Verlobung bei der dampfenden Suppenschssel.


Aber sagen Sie mir nur, wertester Registrator, wie uns gestern der
vermaledeite Punsch so in den Kopf steigen und zu allerlei Allotriis
treiben konnte? -- Dies sprach der Konrektor Paulmann, indem er am andern
Morgen in das Zimmer trat, das noch voll zerbrochener Scherben lag und in
dessen Mitte die unglckliche Percke in ihre ursprnglichen Bestandteile
aufgelst im Punsche umherschwamm. Als der Student Anselmus zur Tr
hinausgerannt war, kreuzten und wackelten der Konrektor Paulmann und der
Registrator Heerbrand durch das Zimmer, schreiend wie Besessene und mit den
Kpfen aneinander rennend, bis Frnzchen den schwindligen Papa mit vieler
Mhe ins Bett brachte und der Registrator in hchster Ermattung aufs Sofa
sank, welches Veronika, ins Schlafzimmer flchtend, verlassen. Der
Registrator Heerbrand hatte sein blaues Schnupftuch um den Kopf gewickelt,
sah ganz bla und melancholisch aus und sthnte: Ach, werter Konrektor,
nicht der Punsch, den Mamsell Veronika kstlich bereitet, nein! -- sondern
lediglich der verdammte Student ist an all' dem Unwesen schuld. Merken Sie
denn nicht, da er schon lngst mente captus ist? Aber wissen Sie denn
nicht auch, da der Wahnsinn ansteckt? -- Ein Narr macht viele; verzeihen
Sie, dies ist ein altes Sprichwort; vorzglich, wenn man ein Glschen
getrunken, da gert man leicht in die Tollheit und manvriert unwillkrlich
nach und bricht aus in die Exercitia, die der verrckte Flgelmann
vormacht. Glauben Sie denn, Konrektor, da mir noch ganz schwindlig ist,
wenn ich an den grauen Papagei denke? -- Ach was, fiel der Konrektor
ein, Possen! -- es war ja der alte kleine Famulus des Archivarii, der
einen grauen Mantel umgenommen und den Studenten Anselmus suchte. -- Es
kann sein, versetzte der Registrator Heerbrand, aber ich mu gestehen,
da mir ganz miserabel zu Mute ist; die ganze Nacht ber hat es so
wunderlich georgelt und gepfiffen. -- Das war ich, erwiderte der
Konrektor, denn ich schnarche stark. -- Nun, mag das sein, fuhr der
Registrator fort, aber Konrektor, Konrektor! -- nicht ohne Ursache hatte
ich gestern dafr gesorgt, uns einige Frhlichkeit zu bereiten -- aber der
Anselmus hat mir alles verdorben. -- Sie wissen nicht -- o Konrektor,
Konrektor! -- Der Registrator Heerbrand sprang auf, ri das Tuch vom
Kopfe, umarmte den Konrektor, drckte ihm feurig die Hand, rief noch einmal
ganz herzbrechend: O Konrektor, Konrektor! und rannte Hut und Stock
ergreifend schnell von dannen. Der Anselmus soll mir nicht mehr ber die
Schwelle, sprach der Konrektor Paulmann zu sich selbst, denn ich sehe nun
wohl, da er mit seinem verstockten innern Wahnsinn die besten Leute um ihr
bichen Vernunft bringt; der Registrator ist nun auch geliefert -- ich habe
mich bisher noch gehalten, aber der Teufel, der gestern im Rausch stark
anklopfte, knnte doch wohl am Ende einbrechen und sein Spiel treiben.
-- Also apage Satanas! -- fort mit dem Anselmus! -- Veronika war ganz
tiefsinnig geworden, sie sprach kein Wort, lchelte nur zuweilen ganz
seltsam und war am liebsten allein. Die hat Anselmus auch auf der Seele,
sagte der Konrektor voller Bosheit, aber es ist gut, da er sich garnicht
sehen lt, ich wei, da er sich vor mir frchtet -- der Anselmus, deshalb
kommt er garnicht her. Das Letzte sprach der Konrektor Paulmann ganz laut,
da strzten der Veronika, die eben gegenwrtig, die Trnen aus den Augen
und sie seufzte: Ach, kann denn der Anselmus herkommen? Der ist ja schon
lngst in die glserne Flasche eingesperrt. -- Wie? was? rief der
Konrektor Paulmann. Ach Gott -- ach Gott, auch sie faselt schon wie der
Registrator, es wird bald zum Ausbruch kommen. -- Ach du verdammter
abscheulicher Anselmus! -- Er rannte gleich fort zum Doktor Eckstein, der
lchelte und sagte wieder: Ei, ei! -- Er verschrieb aber nichts, sondern
setzte dem wenigen, was er geuert, noch weggehend hinzu: Nervenzuflle!
-- wird sich geben von selbst -- in die Luft fhren -- spazieren fahren
-- sich zerstreuen -- Theater -- Sonntagskind -- Schwestern von Prag --
wird sich geben! -- So beredt war der Doktor selten, dachte der
Konrektor Paulmann, ordentlich geschwtzig. -- Mehrere Tage und Wochen
und Monate waren vergangen, der Anselmus war verschwunden, aber auch der
Registrator Heerbrand lie sich nicht sehen, bis am vierten Februar, da
trat er in einem neuen modernen Kleide vom besten Tuch, in Schuhen und
seidenen Strmpfen, des starken Frostes unerachtet, einen groen Strau
lebendiger Blumen in der Hand, mittags Punkt zwlf Uhr in das Zimmer des
Konrektors Paulmann, der nicht wenig ber seinen geputzten Freund
erstaunte. Feierlich schritt der Registrator Heerbrand auf den Konrektor
los, umarmte ihn mit feinem Anstande und sprach dann: Heute an dem
Namenstage Ihrer lieben verehrten Mamsell Tochter Veronika will ich denn
nun alles gerade heraussagen, was mir lngst auf dem Herzen gelegen!
Damals, an dem unglcklichen Abend, als ich die Ingredienzien zu dem
verderblichen Punsch in der Tasche meines Matins herbeitrug, hatte ich es
im Sinn, eine freudige Nachricht Ihnen mitzuteilen und den glckseligen Tag
in Frhlichkeit zu feiern; schon damals hatte ich es erfahren, da ich
Hofrat geworden, ber welche Standeserhhung ich jetzt das Patent cum
nomine et sigillo principis erhalten und in der Tasche trage. -- Ach,
ach! Herr Registr -- Herr Hofrat Heerbrand, wollte ich sagen, stammelte
der Konrektor. -- Aber Sie, verehrter Konrektor, fuhr der nunmehrige
Hofrat Heerbrand fort: Sie knnen erst mein Glck vollenden. Schon lngst
habe ich die Mamsell Veronika im Stillen geliebt und kann mich manches
freundlichen Blickes rhmen, den sie mir zugeworfen und der mir deutlich
gezeigt, da sie mir wohl nicht abhold sein drfte. Kurz, verehrter
Konrektor! -- ich, der Hofrat Heerbrand, bitte um die Hand Ihrer
liebenswrdigen Demoiselle Tochter Veronika, die ich, haben Sie nichts
dagegen, in kurzer Zeit heimzufhren gedenke. -- Der Konrektor Paulmann
schlug voll Verwunderung die Hnde zusammen und rief: Ei -- Ei -- Ei --
Herr Registr -- Herr Hofrat wollte ich sagen, wer htte das gedacht! --
Nun, wenn Veronika Sie in der Tat liebt, ich meines Teils habe nichts
dagegen; vielleicht ist auch ihre jetzige Schwermut nur eine versteckte
Verliebtheit in Sie, verehrter Hofrat; man kennt ja die Possen. -- In dem
Augenblick trat Veronika herein, bla und verstrt, wie sie jetzt
gewhnlich war. Da schritt der Hofrat Heerbrand auf sie zu, erwhnte in
wohlgesetzter Rede ihres Namenstages und berreichte ihr den duftenden
Blumenstrau nebst einem kleinen Pckchen, aus dem ihr, als sie es ffnete,
ein paar glnzende Ohrgehnge entgegenstrahlten. Eine schnelle fliegende
Rte frbte ihre Wangen, die Augen blitzten lebhafter und sie rief: Ei,
mein Gott! Das sind ja dieselben Ohrgehnge, die ich schon vor mehreren
Wochen trug und mich daran ergtzte! -- Wie ist denn das mglich? fiel
der Hofrat Heerbrand etwas bestrzt und empfindlich ein, da ich dieses
Geschmeide erst seit einer Stunde in der Schlogasse fr schmhliches Geld
erkauft? -- Aber die Veronika hrte nicht darauf, sondern stand schon vor
dem Spiegel, um die Wirkung des Geschmeides, das sie bereits in die kleinen
hrchen gehngt, zu erforschen. Der Konrektor Paulmann erffnete ihr mit
gravittischer Miene und mit ernstem Ton die Standeserhhung Freund
Heerbrands und seinen Antrag. Veronika schaute den Hofrat mit
durchdringendem Blick an und sprach: Das wute ich lngst, da Sie mich
heiraten wollten. -- Nun es sei! -- ich verspreche Ihnen Herz und Hand,
aber ich mu Ihnen nur gleich -- Ihnen Beiden nmlich, dem Vater und dem
Brutigam, manches entdecken, was mir recht schwer in Sinn und Gedanken
liegt -- jetzt gleich, und sollte darber die Suppe kalt werden, die, wie
ich sehe, Frnzchen soeben auf den Tisch setzt. Ohne des Konrektors und
des Hofrats Antwort abzuwarten, unerachtet ihnen sichtlich die Worte auf
den Lippen schwebten, fuhr Veronika fort: Sie knnen es mir glauben,
bester Vater, da ich den Anselmus recht von Herzen liebte und als der
Registrator Heerbrand, der nunmehr selbst Hofrat geworden, versicherte, der
Anselmus knne es wohl zu so etwas bringen, beschlo ich, er und kein
anderer solle mein Mann werden. Da schien es aber, als wenn fremde
feindliche Wesen ihn mir entreien wollten und ich nahm meine Zuflucht zu
der alten Lise, die ehemals meine Wrterin war und jetzt eine weise Frau,
eine groe Zauberin ist. _Die_ versprach mir zu helfen und den Anselmus mir
ganz in die Hnde zu liefern. Wir gingen Mitternachts in der Tag- und
Nachtgleiche auf den Kreuzweg, sie beschwor die hllischen Geister und mit
Hilfe des schwarzen Katers brachten wir einen kleinen Metallspiegel zu
Stande, in den ich, meine Gedanken auf den Anselmus richtend, nur blicken
durfte, um ihn ganz in Sinn und Gedanken zu beherrschen. -- Aber ich bereue
jetzt herzlich das alles getan zu haben, ich schwre allen Satansknsten
ab. Der Salamander hat ber die Alte gesiegt, ich hrte ihr Jammergeschrei,
aber es war keine Hilfe mglich, sowie sie als Runkelrbe vom Papagei
verzehrt worden, zerbrach mit schneidendem Klange mein Metallspiegel.
Veronika holte die beiden Stcke des zerbrochenen Spiegels und eine Locke
aus dem Nhkstchen und beides dem Hofrat Heerbrand hinreichend, fuhr sie
fort: Hier nehmen Sie, geliebter Hofrat, die Stcke des Spiegels, werfen
Sie sie heute Nacht um zwlf Uhr von der Elbbrcke, und zwar von da wo das
Kreuz steht, hinab in den Strom, der dort nicht zugefroren, die Locke aber
bewahren Sie auf treuer Brust. Ich schwre nochmals allen Satansknsten ab
und gnne dem Anselmus herzlich sein Glck, da er nunmehr mit der grnen
Schlange verbunden, die viel schner und reicher ist als ich. Ich will Sie,
geliebter Hofrat, als eine rechtschaffene Frau lieben und verehren! --
Ach Gott! -- ach Gott! rief der Konrektor Paulmann voller Schmerz, sie
ist wahnsinnig, sie ist wahnsinnig -- sie kann nimmermehr Frau Hofrtin
werden -- sie ist wahnsinnig! -- Mit nichten, fiel der Hofrat Heerbrand
ein, ich wei wohl, da Mamsell Veronika eine Neigung fr den vertrackten
Anselmus gehegt, und es mag sein, da sie vielleicht in einer gewissen
berspannung sich an die weise Frau gewendet, die, wie ich merke, wohl
niemand anders sein kann als die Kartenlegerin und Kaffeegieerin vor dem
Seetore, kurz, die alte Rauerin. Nun ist auch nicht zu leugnen, da es
wirklich wohl geheime Knste gibt, die auf den Menschen nur gar zu sehr
ihren feindlichen Einflu uern, man liest schon davon in den Alten; was
aber Mamsell Veronika von dem Sieg des Salamanders und von der Verbindung
des Anselmus mit der grnen Schlange gesprochen, ist wohl nur eine
poetische Allegorie -- gleichsam ein Gedicht, worin sie den gnzlichen
Abschied von dem Studenten besungen. -- Halten Sie das wofr Sie wollen,
bester Hofrat! fiel Veronika ein, vielleicht fr einen recht albernen
Traum. -- Keineswegs tue ich das, versetzte der Hofrat Heerbrand, denn
ich wei ja wohl, da der Anselmus auch von geheimen Mchten befangen, die
ihn zu allen mglichen tollen Streichen necken und treiben. Lnger konnte
der Konrektor Paulmann nicht an sich halten, er brach los: Halt, um Gottes
willen, halt! Haben wir uns denn etwa wieder bernommen im verdammten
Punsch, oder wirkt des Anselmi Wahnsinn auf uns? Herr Hofrat, was sprechen
Sie denn auch wieder fr Zeug? -- Ich will indessen glauben, da es die
Liebe ist, die Euch in dem Gehirn spukt; das gibt sich aber bald in der
Ehe, sonst wre mir bange, da auch _Sie_ in einigen Wahnsinn
verfallen, verehrungswrdiger Hofrat und wrde dann Sorge tragen wegen der
Deszendenz, die das malum der Eltern vererben knnte. -- Nun, ich gebe
meinen vterlichen Segen zu der frhlichen Verbindung und erlaube, da Ihr
Euch als Braut und Brutigam ksset. Dies geschah sofort und es war, noch
ehe die aufgetragene Suppe kalt geworden, die frmliche Verlobung
geschlossen. Wenige Wochen nachher sa die Frau Hofrtin Heerbrand
wirklich, wie sie sich schon frher im Geiste erblickt, in dem Erker eines
schnen Hauses auf dem Neumarkt und schaute lchelnd auf die Elegants
hinab, die vorbergehend und hinauflorgnettierend sprachen: Es ist doch
eine gttliche Frau, die Hofrtin Heerbrand! -- --




ZWLFTE VIGILIE


Nachricht von dem Rittergut, das der Anselmus als des Archivarius Lindhorst
Schwiegersohn bezogen, und wie er dort mit Serpentina lebt. -- Beschlu.


Wie fhlte ich recht in der Tiefe des Gemts die hohe Seligkeit des
Studenten Anselmus, der mit der holden Serpentina innigst verbunden, nun
nach dem geheimnisvollen wunderbaren Reiche gezogen war, das er fr die
Heimat erkannte, nach der sich seine von seltsamen Ahnungen erfllte Brust
schon so lange gesehnt! Aber vergebens blieb alles Streben, Dir, gnstiger
Leser, all' die Herrlichkeiten, von denen der Anselmus umgeben, auch nur
einigermaen in Worten anzudeuten. Mit Widerwillen gewahrte ich die
Mattigkeit jedes Ausdrucks. Ich fhlte mich befangen in den Armseligkeiten
des kleinlichen Alltagslebens, ich erkrankte in qulendem Mibehagen, ich
schlich umher wie ein Trumender, kurz, ich geriet in jenen Zustand des
Studenten Anselmus, den ich Dir, gnstiger Leser, in der vierten Vigilie
beschrieben. Ich hrmte mich recht ab, wenn ich die elf Vigilien, die ich
glcklich zu stande gebracht, durchlief, und nun dachte, da es mir wohl
niemals vergnnt sein werde, die zwlfte als Schlustein hinzuzufgen: denn
so oft ich mich zur Nachtzeit hinsetzte, um das Werk zu vollenden, war es
als hielten mir recht tckische Geister (es mochten wohl Verwandte
-- vielleicht cousins germains der getteten Hexe sein) ein glnzend
poliertes Metall vor, in dem ich mein Ich erblickte, bla, bernchtig und
melancholisch, wie der Registrator Heerbrand nach dem Punschrausch. -- Da
warf ich denn die Feder hin und eilte ins Bett, um wenigstens von dem
glcklichen Anselmus und der holden Serpentina zu trumen. So hatte das
schon mehrere Tage und Nchte gedauert, als ich endlich ganz unerwartet von
dem Archivarius Lindhorst ein Billet erhielt, worin er mir folgendes
schrieb:

Ew. Wohlgeboren haben, wie mir bekannt geworden, die seltsamen Schicksale
meines guten Schwiegersohnes, des vormaligen Studenten, jetzigen Dichters
Anselmus, in elf Vigilien beschrieben und qulen sich jetzt sehr ab, in der
zwlften und letzten Vigilie einiges von seinem glcklichen Leben in
Atlantis zu sagen, wohin er mit meiner Tochter auf das hbsche Rittergut,
welches ich dort besitze, gezogen. Unerachtet ich nun nicht eben gern sehe,
da Sie mein eigentliches Wesen der Lesewelt kundgetan, da es mich
vielleicht in meinem Dienst als geheimer Archivarius tausend
Unannehmlichkeiten aussetzen, ja wohl gar im Collegio die zu ventilierende
Frage veranlassen wird: inwiefern wohl ein Salamander sich rechtlich und
mit verbindenden Folgen als Staatsdiener eidlich verpflichten knne, und
inwiefern ihm berhaupt solide Geschfte anzuvertrauen, da nach Gabalis und
Swedenborg den Elementargeistern durchaus nicht zu trauen -- unerachtet nun
meine besten Freunde meine Umarmung scheuen werden, aus Furcht, ich knnte
in pltzlichem bermut was weniges blitzen und ihnen Frisur und
Sonntagsrock verderben -- unerachtet alles dessen sage ich, will ich Ew.
Wohlgeboren doch in der Vollendung des Werks behilflich sein, da darin viel
Gutes von mir und von meiner lieben verheirateten Tochter (ich wollte, ich
wre die beiden brigen auch schon los) enthalten. Wollen Sie daher die
zwlfte Vigilie schreiben, so steigen Sie Ihre verdammten fnf Treppen
hinunter, verlassen Sie Ihr Stbchen und kommen Sie zu mir. Im blauen
Palmbaumzimmer, das Ihnen schon bekannt, finden Sie die gehrigen
Schreibmaterialien und Sie knnen dann mit wenigen Worten den Lesern kund
tun, was Sie geschaut: das wird ihnen besser sein, als eine weitlufige
Beschreibung eines Lebens, das Sie ja doch nur vom Hrensagen kennen. Mit
Achtung

    Ew. Wohlgeboren ergebenster

    der Salamander Lindhorst
    p. t. knigl. geh. Archivarius.

Dies freilich etwas rauhe, aber doch freundschaftliche Billet des
Archivarius Lindhorst war mir hchst angenehm. Zwar schien es gewi, da
der wunderliche Alte von der seltsamen Art, wie mir die Schicksale seines
Schwiegersohnes bekannt geworden, die ich, zum Geheimnis verpflichtet, Dir
selbst, gnstiger Leser, verschweigen mute, wohl unterrichtet sei, aber er
hatte das nicht so bel vermerkt, als ich wohl befrchten konnte. Er bot ja
selbst hilfreiche Hand, mein Werk zu vollenden, und daraus konnte ich mit
Recht schlieen, wie er im Grunde genommen damit einverstanden sei, da
seine wunderliche Existenz in der Geisterwelt durch den Druck bekannt
werde. Es kann sein, dachte ich, da er selbst die Hoffnung daraus schpft,
desto eher seine beiden noch brigen Tchter an den Mann zu bringen, denn
vielleicht fllt doch ein Funke in dieses oder jenes Jnglings Brust, der
die Sehnsucht nach der grnen Schlange entzndet, welche er dann in dem
Holunderbusch am Himmelfahrtstage sucht und findet. Aus dem Unglck, das
den Anselmus betroffen, als er in die glserne Flasche gebannt wurde, wird
er die Warnung entnehmen, sich vor jedem Zweifel, vor jedem Unglauben recht
ernstlich zu hten. Punkt elf Uhr lschte ich meine Studierlampe aus und
schlich zum Archivarius Lindhorst, der mich schon auf dem Flur erwartete.
Sind Sie da -- Hochverehrter! -- nun das ist mir lieb, da Sie meine
guten Absichten nicht verkennen -- kommen Sie nur! -- Und damit fhrte er
mich durch den von blendendem Glanze erfllten Garten in das azurblaue
Zimmer, in welchem ich den violetten Schreibtisch erblickte, an welchem der
Anselmus gearbeitet. -- Der Archivarius Lindhorst verschwand, erschien aber
gleich wieder mit einem schnen goldenen Pokal in der Hand, aus dem eine
blaue Flamme hoch emporknisterte. Hier, sprach er, bringe ich Ihnen das
Lieblingsgetrnk Ihres Freundes, des Kapellmeisters Johannes Kreisler. --
Es ist angezndeter Arrak, in den ich einigen Zucker geworfen. Nippen Sie
was weniges davon, ich will gleich meinen Schlafrock abwerfen und zu meiner
Lust, und um, whrend Sie sitzen und schauen und schreiben, Ihrer werten
Gesellschaft zu genieen, in dem Pokal auf- und niedersteigen. -- Wie es
Ihnen gefllig ist, verehrter Herr Archivarius, versetzte ich; aber wenn
ich nun von dem Getrnk genieen will, werden Sie nicht -- Tragen Sie
keine Sorge, mein Bester! rief der Archivarius, warf den Schlafrock
schnell ab, stieg zu meinem nicht geringen Erstaunen in den Pokal und
verschwand in den Flammen. -- Ohne Scheu kostete ich, die Flamme leise
weghauchend, von dem Getrnk, es war kstlich!

       *       *       *       *       *

Rhren sich nicht in sanftem Suseln und Rauschen die smaragdenen Bltter
der Palmbume, wie vom Hauch des Morgenwindes geliebkost? -- Erwacht aus
dem Schlafe heben und regen sie sich und flstern geheimnisvoll von den
Wundern, die wie aus weiter Ferne holdselige Harfentne verknden! -- Das
Azur lst sich von den Wnden und wallt wie duftiger Nebel auf und nieder,
aber blendende Strahlen schieen durch den Duft, der sich wie in
jauchzender kindischer Lust wirbelt und dreht und aufsteigt bis zur
unermelichen Hhe, die sich ber den Palmbumen wlbt. -- Aber immer
blendender huft sich Strahl auf Strahl, bis in hellem Sonnenglanze sich
der unabsehbare Hain aufschliet, in dem ich den Anselmus erblicke.
-- Glhende Hyazinthen und Tulpianen und Rosen erheben ihre schnen Hupter
und ihre Dfte rufen in gar lieblichen Lauten dem Glcklichen zu: wandle,
wandle unter uns, Geliebter, der Du uns verstehst -- unser Duft ist die
Sehnsucht der Liebe -- wir lieben Dich und sind Dein immerdar! -- Die
goldnen Strahlen brennen in glhenden Tnen: wir sind Feuer von der Liebe
entzndet. Der Duft ist die Sehnsucht, aber Feuer das Verlangen, und wohnen
wir nicht in Deiner Brust? Wir sind ja Dein eigen! -- Es rischeln und
rauschen die dunklen Bsche -- die hohen Bume: Komme zu uns!
-- Glcklicher! -- Geliebter! Feuer ist das Verlangen, aber Hoffnung unser
khler Schatten. Wir umsuseln liebend Dein Haupt, denn Du verstehst uns,
weil die Liebe in Deiner Brust wohnet. -- Die Quellen und Bche pltschern
und sprudeln: Geliebter, wandle nicht so schnell vorber, schaue in unser
Kristall -- Dein Bild wohnt in uns, das wir liebend bewahren, denn Du hast
uns verstanden! -- Im Jubelchor zwitschern und singen bunte Vglein: Hre
uns, hre uns, wir sind die Freude, die Wonne, das Entzcken der Liebe!
-- Aber sehnsuchtsvoll schaut Anselmus nach dem herrlichen Tempel, der sich
in weiter Ferne erhebt. Die knstlichen Sulen scheinen Bume und die
Kapitle und Gesimse Akanthusbltter, die in wundervollen Gewinden und
Figuren herrliche Verzierungen bilden. Anselmus schreitet dem Tempel zu, er
betrachtet mit inniger Wonne den bunten Marmor, die wunderbar bemoosten
Stufen. Ach nein, ruft er wie im berma des Entzckens, sie ist nicht
mehr fern! Da tritt in hoher Schnheit und Anmut Serpentina aus dem Innern
des Tempels, sie trgt den goldenen Topf, aus dem eine herrliche Lilie
entsprossen. Die namenlose Wonne der unendlichen Sehnsucht glht in den
holdseligen Augen, so blickt sie den Anselmus an, sprechend: Ach,
Geliebter! die Lilie hat ihren Kelch erschlossen -- das Hchste ist
erfllt: Gibt es denn eine Seligkeit, die der unsrigen gleicht? Anselmus
umschlingt sie mit der Inbrunst des glhendsten Verlangens -- die Lilie
brennt in flammenden Strahlen ber seinem Haupte. Und lauter regen sich
die Bume und die Bsche, und heller und freudiger jauchzen die Quellen
-- die Vgel -- allerlei bunte Insekten tanzen in den Luftwirbeln -- ein
frohes, freudiges, jubelndes Getmmel in der Luft -- in den Wssern -- auf
der Erde feiert das Fest der Liebe! -- Da zucken Blitze berall leuchtend
durch die Bsche -- Diamanten blicken wie funkelnde Augen aus der Erde
-- hohe Springbche strahlen aus den Quellen -- seltsame Dfte wehen mit
rauschendem Flgelschlag daher, -- es sind die Elementargeister, die der
Lilie huldigen und des Anselmus Glck verknden. -- Da erhebt Anselmus das
Haupt wie vom Strahlenglanz der Verklrung umflossen. -- Sind es Blicke?
-- sind es Worte? -- ist es Gesang? -- Vernehmlich klingt es: Serpentina!
-- der Glaube an Dich, die Liebe hat mir das Innerste der Natur
erschlossen! -- Du brachtest mir die Lilie, die aus dem Golde, aus der
Urkraft der Erde, noch ehe Phosphorus den Gedanken entzndete, entspro --
sie ist die Erkenntnis des heiligen Einklangs aller Wesen und in dieser
Erkenntnis lebe ich in hchster Seligkeit immerdar. -- Ja, ich
Hochbeglckter habe das Hchste erkannt -- ich mu Dich lieben ewiglich, o
Serpentina! -- nimmer verbleichen die goldenen Strahlen der Lilie, denn wie
Glaube und Liebe, ist ewig die Erkenntnis.

       *       *       *       *       *

Die Vision, in der ich nun den Anselmus leibhaftig auf seinem Rittergute
in Atlantis gesehen, verdanke ich wohl den Knsten des Salamanders und
herrlich war es, da ich sie, als alles wie im Nebel verloschen, auf dem
Papier, das auf dem violetten Tisch lag, recht sauber und augenscheinlich
von mir selbst aufgeschrieben fand. -- Aber nun fhlte ich mich von jhem
Schmerz durchbohrt und zerrissen. Ach glcklicher Anselmus, der Du die
Brde des alltglichen Lebens abgeworfen, der Du in der Liebe zu der holden
Serpentina die Schwingen rstig rhrtest und nun lebst in Wonne und Freude
auf Deinem Rittergut in Atlantis! -- Aber ich Armer! -- bald -- ja in
wenigen Minuten bin ich selbst aus diesem schnen Saal, der noch lange kein
Rittergut in Atlantis ist, versetzt in mein Dachstbchen und die
Armseligkeiten des bedrftigen Lebens befangen meinen Sinn und mein Blick
ist von tausend Unheil wie von dickem Nebel umhllt, da ich wohl niemals
die Lilie schauen werde. -- Da klopfte mir der Archivarius Lindhorst leise
auf die Achsel und sprach: Still, still, Verehrter! klagen Sie nicht so!
-- Waren Sie nicht eben selbst in Atlantis und haben Sie denn nicht auch
dort wenigstens einen artigen Meierhof als poetisches Besitztum Ihres
innern Sinns? -- Ist denn berhaupt des Anselmus Seligkeit etwa anderes als
das Leben in der Poesie, der sich der heilige Einklang aller Wesen als
tiefstes Geheimnis der Natur offenbaret?

       *       *       *       *       *

    Ende des Mrchens.



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