The Project Gutenberg EBook of Der Todesgruss der Legionen. Erster Band.
by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow

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Title: Der Todesgruss der Legionen. Erster Band.

Author: Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow

Release Date: October 6, 2004 [EBook #13657]

Language: German

Character set encoding: ASCII

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUSS DER LEGIONEN. ***




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Der Todesgruss der Legionen.



Zeit-Roman

von

Gregor Samarow.



Erster Band.




Berlin, 1874.

Druck und Verlag von Otto Janke.




Erstes Capitel.


Am Ufer der Marne, in der Naehe der kreidereichen weissen Ebene der
Champagne, liegt die alte Stadt Saint-Dizier, ein kleiner Ort mit etwa
fuenftausend Einwohnern, deren Industrie zum grossen Theil darin besteht
die auf der Marne herabgefloessten Holzstaemme in Bretter zu
zerschneiden--ausserdem befinden sich dort beruehmte Manufacturen von
Eisenwaaren und durch diese Gewerbthaetigkeit hat der ganze Ort trotz
seiner geringen Ausdehnung, vielleicht gerade wegen derselben eine
bedeutende Wohlhabenheit erreicht.

Die alte Stadt zieht sich mit ihren winkligen und ziemlich
unregelmaessigen Strassen in einer verhaeltnissmaessig bedeutenden
Laengenausdehnung am Ufer der Marne hin. Auf dem hoechsten Punkt liegt
eine alte Kirche von hohen Baeumen umgeben, welche ebenso wie die Stadt
selbst und deren altersgraues Rathhaus voll von historischen
Erinnerungen ist, die innig mit grossen Momenten der Geschichte
Frankreichs zusammenhaengen.

Schon von Alters her waren die Einwohner von Saint-Dizier sehr
streitbare und kriegerische Maenner, man nannte sie im Mittelalter les
bragars--eine Zusammenziehung aus les braves gars--und die bragars von
Saint-Dizier waren die treuesten und muthigsten Kaempfer Franz I.; sie
hielten eine lange Belagerung Carl V. aus und leisteten dem Lande
dadurch wichtige Dienste, fuer welche der ritterliche Koenig sie mit
verschiedenen bedeutenden Privilegien auszeichnete.

Diese stolzen Erinnerungen leben noch heute in den Bewohnern von
Saint-Dizier fort und so klein und unscheinbar die Stadt ist, so stolz
blickt sie auf ihre Geschichte zurueck und jeder Buerger von Saint-Dizier
macht das Wort Franz I.: "tout est perdu fors l'honneur" zu seiner
Devise.

Die unmittelbare Umgebung der Stadt ist flach und eben; in einiger
Entfernung erheben sich kleine Anhoehen mit niedrigen Laubwaldungen und
Weinpflanzungen bedeckt. Dort befindet sich eine Wasserheilanstalt,
welche wegen ihrer gesunden Luft und ihrer frischen Quellenbaeder von
den Bewohnern der Umgegend haeufig besucht wird und waehrend des Sommers
die kleine Stadt mit dem bewegten Leben eines Badeortes erfuellt.

Es war an einem Februarabend des Jahres 1870.

Rauh und kalt wehte der Wind ueber die ebene Umgebung der Stadt; die
Wellen der Marne vom Sturm gepeitscht schlugen an die Ufer und die dort
aufgehaeuften Holzbloecke; durch die in zerrissenen Flocken ueber den
Himmel hinjagenden Wolken blickte von Zeit zu Zeit ein Strahl des
Mondlichtes und erhellte einen Augenblick die oede und kalt daliegende
Gegend.

Auf einem ebenen Wege am Flussufer, der an schoenen Tagen fuer die Bewohner
von Saint-Dizier eine beliebte Promenade bildete, gingen langsam zwei
Maenner auf und nieder.

Beide waren hoch und kraeftig gewachsen und wenn das Mondlicht
voruebergehend ihre Gesichtszuege beleuchtete, so konnte man in denselben
jenen eigenthuemlichen Typus der norddeutschen Race erkennen. Der Eine
von ihnen mochte etwa fuenfundzwanzig Jahre alt sein; seine Gestalt war
geschmeidig, seine Bewegungen elastisch und nicht ohne eine gewisse
natuerliche fast elegante Anmuth, welche nicht vollstaendig mit der
Kleidung uebereinstimmte, die er trug und die ungefaehr diejenige des
franzoesischen Arbeiterstandes war.

Sein Gesicht war scharf geschnitten und drueckte Intelligenz, Muth und
Willenskraft aus; ueber der leicht aufgeworfenen Oberlippe kraeuselte sich
ein kleiner dichter Schnurrbart, volle blonde Locken quollen unter dem
kleinen runden Hut hervor und in den grossen blauen Augen lag eine
gewisse schwaermerische Tiefe, verbunden mit scharfer Beobachtung, welche
zuweilen den Ausdruck listiger Schlauheit annehmen konnte. Neben ihm
schritt ein bedeutend aelterer Mann von etwa vierzig bis fuenfundvierzig
Jahren. Sein Gesicht sah bereits ein wenig verwittert aus und zeigte
weniger Intelligenz als das seines Begleiters, dagegen aber mehr von
jener beinahe eigensinnigen Zaehigkeit, welche dem norddeutschen,
insbesondere dem niedersaechsischen Bauernstamme eigen ist.

Beide Maenner gehoerten der hannoeverschen Emigration an, welche im Jahre
1867 ihr Heimathland verlassen und nachdem sie aus Holland und der
Schweiz ausgewiesen war, ein Asyl in Frankreich gefunden hatte. Der
Juengere der beiden Maenner war der fruehere hannoeversche Dragoner Cappei;
der Aeltere war der fruehere Unterofficier Ruehlberg, welcher das
Commando ueber die kleine Abtheilung Emigranten fuehrte, welche in
Saint-Dizier stationirt waren.

"Ich sage Euch noch einmal, Cappei," sprach der Unterofficier, "ueberlegt
wohl, was Ihr thun wollt, denn die Sache wird ernst--ich habe den Herrn
Lieutenant von Mengersen, als er das letzte Mal hier inspicirte, auf das
Gewissen gefragt, ob es wirklich wahr sei, dass der Koenig die Emigration
auseinander schicken und Jeden mit einer Summe von einigen hundert
Francs abfinden wolle und der Herr von Mengersen, der ein braver und
ehrlicher Mann ist, hat die Achseln gezuckt und mir keine rechte Antwort
gegeben--er weiss mehr als er sagen will und die Kameraden in Paris haben
mir geschrieben, dass dort etwas vorgeht; es sind Herren aus Hietzing
dagewesen, man hat dann lange Conferenzen gehalten und die Herren
Officiere sind alle sehr niedergeschlagen gewesen,--glaubt mir nur, ich
taeusche mich nicht, wir werden einfach fortgeschickt werden, nachdem wir
uns vier Jahre lang fuer den Koenig in der Welt herumgeschlagen haben und
dann muss Jeder von uns ernstlich daran denken, wie er sich sein Brot
erwerben und sich ehrlich durch's Leben bringen kann."

"Ich glaube das nicht, Herr Unterofficier," rief Cappei, indem er
stehen blieb und lebhaft mit dem Fusse auf den Boden trat; "es ist
unmoeglich, dass Seine Majestaet seine treuen Soldaten, die in der Noth und
Verbannung zu ihm gehalten haben, so einfach auseinander schickt, ohne
sich um ihr Schicksal zu kuemmern.--Ich werde das nicht eher glauben, als
bis es wirklich geschieht--wenn es aber je dazu kommen sollte, dann
steht mein Entschluss ganz fest--ich gehe nach Hannover in die Heimath
zurueck, mag daraus entstehen was da wolle.--Die Preussen koennen uns doch
nicht Alle todtschiessen; man wird uns bestrafen, aber dann sind wir doch
wenigstens in der Heimath und haben festen Grund fuer unsere Existenz.
Ich habe ein kleines Gehoeft von meinem Oheim zu erben, das wird man mir
nicht nehmen und wenn man mich wirklich ein oder zwei Jahre einsperrt,
so werde ich doch nachher ruhig in meinem Hause sitzen und mir eine
Familie gruenden koennen."

"Ihr sprecht so," erwiderte der Unterofficier, "weil Ihr verliebt seid
und weil Ihr nur daran denkt, je eher je lieber die kleine Franzoesin zu
heirathen, der Ihr den ganzen Tag den Hof macht; aber das ist nicht
recht von einem ordentlichen Soldaten--denkt doch daran, dass Ihr noch
militairpflichtig seid und dass man Euch jedenfalls, wenn Ihr
zurueckkehrt, zum Dienst einziehen wird. Wollt Ihr, ein alter
hannoeverscher Garde du Corps, der sich so lange der preussischen
Eroberung widersetzt hat, hinterher noch die preussische Uniform anziehen
und nach preussischem Commando exerciren?"

"Wenn der Koenig seine Getreuen wirklich verlaesst," rief Cappei, "was habe
ich, der einzelne Mensch fuer eine Veranlassung oder fuer ein Recht mich
der preussischen Herrschaft zu widersetzen? Ihr werft mir vor, dass ich
verliebt sei--das ist wahr; ich bin verliebt und ich habe keinen
groesseren Wunsch als meine kleine Luise zu heirathen, aber ich versichere
Euch--Gott ist mein Zeuge--dass der Koenig und seine Sache mir hoeher steht
als meine Liebe und wenn der Koenig mich heute riefe um fuer ihn in's Feld
zu ziehen, so wuerde ich mich nicht einen Augenblick besinnen und meine
Luise wuerde nicht von mir verlangen, dass ich meiner alten Fahne untreu
werden sollte--wenn aber der Koenig uns gehen laesst, so bin ich ein
einzelner freier Mensch und habe nur fuer mich zu sorgen und dann werde
ich der Narr nicht sein, mich in der Welt herumzuschlagen und die
Heimath aufzugeben.

"Hart wird es freilich fuer mich sein die fremde Uniform zu
tragen"--sprach er seufzend,--"aber was geht es im Grunde mich an?
Schickt der Koenig uns fort, dann sind wir Alle frei zu thun was wir
wollen und dann allerdings werde ich mich bei meinem Entschluss nur durch
meine Liebe bestimmen lassen."

"Nun," sagte der Unterofficier, "Gott gebe, dass es nicht dazu kommen
moege. Was mich betrifft, so gehe ich nicht nach Hannover zurueck; ich bin
zu alt geworden, um in den neuen Verhaeltnissen leben zu koennen. Man hat
uns ja eine schoene Ansiedelung in Algier versprochen--wenn es dahin
kommt, so lasse ich meine Frau kommen und gruende mir dort im fernen
Afrika eine neue Heimath, in der ich wenigstens nach alter Weise leben
und meine Gedanken frei aussprechen kann--Ihr werdet's Euch auch noch
ueberlegen, hoffe ich.--Es ist ein Unglueck, dass bei Euch jungen Leuten
immer die Liebe mitspricht--"

Ungeduldig erwiderte Cappei:

"Ich sage Ihnen nochmals," Herr Unterofficier, "dass es nicht die Liebe
ist, welche mich bestimmt--wenn der Koenig uns nach Algier schickte und
uns sagen liesse: wartet dort bis ich Euch brauchen kann, ich wuerde
hingehen, so wahr ich hier vor Euch stehe und wenn meine Braut nicht mit
mir gehen wollte, so wuerde mich das zwar traurig machen, aber keinen
Augenblick in meinem Entschluss irre werden lassen. Wenn aber der Koenig
uns aufgiebt, so bin ich frei--ich habe meine Soldatenpflicht erfuellt
und kann als ehrlicher Mann thun was ich will."

Sie waren am Ende des Weges angekommen und schritten langsam in die
Strasse der Stadt hinein, welche durch die flackernden Gaslaternen nur
spaerlich erleuchtet war.------

Um dieselbe Zeit sass in dem Wohnzimmer eines grossen, durch einen weiten
Vorhof von der Strasse getrennten Hauses in der Naehe der alten Kirche,
welches dem Holzhofbesitzer Challier gehoerte, ein junges Maedchen von
etwa siebzehn Jahren in einem tiefen Lehnstuhl vor dem flackernden
Kaminfeuer; sie trug ein einfaches Hauskleid von dunklem Wollenstoff,
das sich ihrer schlanken Gestalt anmuthig anschmiegte, ihr dunkles,
glaenzendes Haar war glatt gescheitelt und auf dem Hinterkopf in zwei
Flechten zusammengebunden, deren reiche Fuelle jeden kuenstlichen Chignon
unnoethig machte; ihr etwas blasses, feines Gesicht zeigte den
eigentuemlichen, scharf geistvollen, beinah etwas hoehnischen, dabei aber
doch wieder zugleich sentimental gefuehlsreichen Ausdruck, der den
franzoesischen Frauen eigenthuemlich ist. Ihre mandelfoermig geschnittenen
dunkeln und von scharf geschnittenen Brauen ueberwoelbten Augen blickten
sinnend in die Gluth des Kaminfeuers, waehrend ihr kleiner frischer Mund
sich ein wenig spoettisch verzog, indem sie den lebhaften Worten eines
Mannes von etwa dreissig Jahren zuhoerte, der vor ihr stand.

Dieser Mann war mittelgross und von hagerer Gestalt; sein etwas
gelbliches nicht schoenes aber intelligentes Gesicht zuckte in lebhafter
Aufregung, die Blicke seiner grossen tief liegenden dunkeln Augen
spruehten in nervoeser Unruhe hin und her, sein krausgelocktes, dichtes
Haar reichte tief in die Stirn hinab und sein kleiner schwarzer
Schnurrbart war in zwei geraden Spitzen aufwaerts gedreht.

"Es ist unrecht von Ihnen, Fraeulein Luise," rief er, seine Worte mit
lebhaften Gesticulationen begleitend, "es ist unrecht von Ihnen, dass Sie
fuer die Versicherungen meiner Liebe nur ein hoehnisches Laecheln haben.
Sie wissen, dass seit lange Ihnen mein ganzes Herz gehoert;--meine
Eisenfabrik wirft mir einen reichen Gewinn ab, mein Vater hat Nichts
gegen meine Bewerbung--warum weisen Sie fortwaehrend meine Bitte zurueck,
mir Ihre Hand zu reichen?--Ich kann Ihnen eine sichere und wahrlich
keine einschraenkte Existenz bieten und was meine Person betrifft, so
glaube ich sollten Sie mich genug kennen, um vertrauensvoll Ihr
Schicksal mit dem meinigen zu verbinden."

"Ich habe Ihnen schon oefter gesagt, Herr Vergier," erwiderte das junge
Maedchen, "dass ich durchaus keine Eile habe mich zu verheirathen. Ich
bin, Gott sei Dank, erst siebzehn Jahre und habe noch Zeit ein wenig
meine Freiheit zu geniessen; ich habe Sie oft gebeten mir diese Zeit zu
lassen--das ist doch in der That keine unbillige Bitte--oder fuerchten
Sie, dass ich Ihnen zu alt werde," fuegte sie laechelnd hinzu, indem sie
ihre Augen mit einem schalkhaften Blick emporschlug.

"Da antworten Sie mir wieder in diesem hoehnischen Ton, den ich nicht
ertragen kann," sagte Herr Vergier, indem er lebhaft mit der Hand durch
die Haare fuhr; "es waere wahrhaftig besser, wenn Sie mir auf einmal
offen und ehrlich sagten, dass Sie Nichts von mir wissen wollen, als dass
Sie mich auf diese Weise hinhalten und verspotten."

"Warum erfuellen Sie denn meine Bitte nicht," erwiderte Luise, "und
lassen mir ruhig Zeit zur Ueberlegung? Ich habe ja Nichts von Ihnen
verlangt, als dass Sie ein Jahr lang mit mir gar nicht ueber Ihre
Heirathsplaene sprechen und ich habe Ihnen versprochen, nach Ablauf
dieser Frist Ihnen ein bestimmtes 'Ja' oder 'Nein' zu sagen.--Warum
draengen Sie mich fortwaehrend?"

"Weil ich," rief Herr Vergier lebhaft, "taeglich deutlicher sehe, dass es
nicht die Liebe zu Ihrer Freiheit ist, welche Sie die entscheidende
Antwort verschieben laesst, sondern dass sich Ihr Herz mir mehr und mehr
entfremdet. Oh!" sagte er naeher zu ihr herantretend, indem er sie mit
unruhigen, halb bittenden, halb zornigen Blicken betrachtete, "frueher
war das anders; frueher als Sie fast noch ein Kind waren, sprachen Sie
gern mit mir, Sie hatten Vertrauen zu mir, Sie laechelten freundlich und
widersprachen mir nicht, wenn ich Sie meine kleine Braut, meine kuenftige
Frau nannte, das verstand sich Alles von selbst--und machte mich so
gluecklich; aber jetzt," fuhr er fort, die Zaehne zusammenbeissend und mit
Muehe einen heftigen Ausdruck zurueckhaltend--"jetzt ist das Alles
anders--seit--"

"Seit?" fragte das junge Maedchen den Kopf emporwerfend und mit einem
kalten, fast hochmuethigen Blick Herrn Vergier vom Kopf bis zu den Fuessen
musternd, "seit--?"

"Seit jener fremde Deutsche hierhergekommen ist," rief Herr Vergier mit
brennenden Blicken, indem seine Gesichtszuege sich durch einen haesslichen
Ausdruck von Zorn und Hass entstellten, "jener heimathlose Fluechtling,
von dem man nicht weiss woher er kommt--seit dieser Mensch, der nur ein
gemeiner Soldat war, sich in Ihr Herz eingeschlichen hat--seit jener
Zeit haben Sie die Erinnerungen Ihrer Kindheit vergessen--haben Sie
Ihren Vater und Frankreich vergessen, denn es ist auch ein Verbrechen an
Ihrem Vaterlande einen Fremden zu lieben, noch dazu einen Fremden,
welcher jener deutschen Nation angehoert, die stets die Feindin
Frankreichs war und deren Schaaren den heiligen Boden unsers Vaterlandes
mehr als einmal verwuesteten.--Ich hasse die Deutschen," fuhr er mit
grimmigem, dumpf gepresstem Tone fort, "ich habe sie gehasst so lange ich
die Geschichte meines Landes kenne und ich hasse sie jetzt--mehr als je,
seit mir Einer aus dieser Race die Hoffnung meiner Zukunft und das Glueck
meines Lebens geraubt hat."

Bei diesen Worten, welche Herr Vergier fortgerissen von seiner inneren
Erregung, in immer steigendem Affect gesprochen, hatte zuerst eine
fliegende helle Roethe Luisens Gesicht ueberzogen, dann oeffneten sich ihre
Augen gross und weit, das Blut verschwand aus ihren Lippen und ein
Ausdruck von Verachtung und feindlichem Hohn legte sich um ihren
festgeschlossenen Mund.

"Ich erinnere mich nicht," sagte sie mit zitternder Stimme, welche sie
muehsam zu ruhigem Ton zwang--"ich erinnere mich nicht, Herr Vergier,
Ihnen das Recht gegeben zu haben, Vermuthungen ueber meine Beziehungen zu
andern Personen auszusprechen und an diese Vermuthungen Belehrungen und
Beleidigungen zu knuepfen. Ich habe von Ihnen Frist verlangt, um ueber
Ihre Wuensche nachzudenken und Ihnen versprochen, Ihnen demnaechst zu
antworten.

"Wenn Sie sich herausnehmen in dem Ton mit mir zu sprechen, den ich so
eben gehoert, so wird die Folge davon sein, dass ich, ohne weiter einer
Frist zu beduerfen, Ihren Antrag sogleich mit einem bestimmten und
unwiderruflichen 'Nein' beantworte."

Herr Vergier beugte sich unter dieser entschiedenen Erklaerung des jungen
Maedchens zusammen, er schlug die Augen nieder und zwang sich zu einem
freundlichen Laecheln.

"Verzeihung, Fraeulein Luise!" sagte er mit leiser Stimme, indem er dem
jungen Maedchen naeher trat und ihr die Hand reichte, welche sie nur
leicht mit den Spitzen ihrer Finger beruehrte--"Verzeihung, ich habe
mich hinreissen lassen von meinem Gefuehl, aber gerade diese Bewegung
sollte Ihnen zeigen wie tief dasselbe ist."

Luise antwortete nicht, schlug die Arme uebereinander und blickte
unbeweglich in die Kaminglut.

Nach einigen Augenblicken tiefen Schweigens trat der Vater des jungen
Maedchens, der Holzhaendler Challier in den Salon.--

Herr Challier war ein Mann von sechszig Jahren, nicht hoch gewachsen,
aber trotz seines Alters noch von schlanker und elastischer Gestalt; das
kurze dichte Haar war durchweg grau und an den Schlaefen wie ueber der
Stirn zurueckgestrichen, so dass das scharfgeschnittene, ausdrucksvolle
Gesicht mit den lebhaft blickenden dunkeln Augen und den noch fast
schwarzen Augenbrauen an jene alten Koepfe aus der Zeit des Puders
erinnerte.

Der alte Herr begruesste Herrn Vergier und seine Tochter, ohne die
peinliche Gereiztheit zu bemerken, in welcher Beide sich befanden.

"Wir haben heute die Arbeit spaet geschlossen," sagte er, "es sind so
bedeutende Bestellungen von Seiten der Kriegsverwaltung gemacht, dass wir
alle Haende voll zu thun haben um denselben zu genuegen; nach diesen
Vorbereitungen sollte man fast glauben, dass grosse Ereignisse
bevorstehen, waehrend doch die Zeitungen Nichts dergleichen vermuthen
lassen und alle officiellen Kundgebungen nur die zuversichtlichsten
Friedensversicherungen enthalten."

"Ich glaube an diese Versicherungen wenig," sagte Herr Vergier, welcher
sehr zufrieden damit zu sein schien, dass die Unterhaltung ein Gebiet
beruehrte, das so weit von dem Gegenstande entfernt war, der so eben das
Gespraech zwischen ihm und Fraeulein Luise gebildet hatte--"wir haben es
schon oefter erlebt, dass unmittelbar vor den grossen Conflicten in allen
Tonarten der Weltfriede verkuendet wurde und mich machen so feierliche
und so bei jeder Gelegenheit wiederholte Friedensversicherungen ein
wenig misstrauisch.

"Ich weiss, dass auch auf dem Gebiet meines Geschaefts neuerdings wieder
grosse Bestellungen gemacht worden sind und die ganze industrielle Welt
hat das Gefuehl, dass in der schwuelen Luft dieser Zeit ein grosses
erschuetterndes Gewitter sich vorbereitet, und so sehr ich," fuhr er
lebhafter fort, "als Industrieller den Frieden wuensche, so muss ich doch
sagen, dass ich als Franzose mit tiefem Schmerz die passive Unthaetigkeit
empfinde, zu welcher die Regierung des Kaisers Frankreich verurtheilt
und durch welche die Stellung unseres Landes in Europa immer schwerer
erschuettert und immer tiefer untergraben wird."

Der alte Challier schuettelte langsam den Kopf.

"Mir fehlt es wahrlich nicht an franzoesischem Nationalgefuehl," sagte er,
"und gerade die Buerger von Saint-Dizier, zu denen meine Familie seit
Jahrhunderten gehoert, sind mit dem militairischen Ruhm Frankreichs eng
verwachsen, aber ich sehe wahrlich nicht, dass und wie die Achtung
gebietende Stellung unseres Landes bedroht waere und ich glaube dass der
Kaiser sehr wohl daran thut den kriegerischen Aufwallungen nicht
nachzugeben, welche sich seit laengerer Zeit so oft bemerkbar machen.

"Er hat Frankreich auf eine Hoehe des Wohlstandes gebracht wie dieselbe
kaum jemals frueher vorhanden war; sein neues Wegesystem hat jeder Arbeit
den sicheren und leichten Absatz verschafft und es waere ohne die
allergewichtigsten Ursachen geradezu ein Verbrechen unser so herrlich
aufbluehendes Land in die Gefahren eines grossen Krieges zu stuerzen. Die
Nachwehen dieser mexikanischen Expedition, welche uns so viel Geld und
Blut gekostet hat, sind kaum ueberwunden und ein neuer Krieg wuerde kaum
zu verantworten sein."

"Aber glauben Sie denn," rief Herr Vergier lebhaft, "dass der Kaiser sich
auf die Dauer wird halten koennen, wenn er nicht durch einen gluecklichen
und siegreichen Krieg seiner Regierung ein neues nationales Fundament
giebt? Man sagt ja, dass seine besten Freunde ihm zu solchem Kriege
rathen.--Ich liebe das kaiserliche Regiment nicht--ich habe nie ein Hehl
daraus gemacht, dass ich in der Republik die einzige Regierungsform sehe,
welche Frankreich dauernd zu Glueck und fester Groesse fuehren kann und ich
wuerde ohne Bedauern den Zusammenbruch dieser willkuerlichen Regierung
ansehen, der wir jetzt unterworfen sind--"

"Sie thun Unrecht," fiel Herr Challier ernst und entschieden ein--"die
Jugend liebt die Veraenderung und glauben Sie mir, es ist wesentlich die
Neigung zur Veraenderung, welche die Gegner des Kaiserreichs erfuellt; ich
bin kein unbedingter Bewunderer der Napoleonischen Herrschaft--die
Traditionen unserer Stadt und unserer Gegend weisen uns vielmehr auf die
alten legitimen Koenige von Frankreich zurueck, mit denen unsere Vorfahren
in der grossen Geschichte der Vorzeit so eng verbunden waren; aber ich
erkenne an, dass das legitime Koenigthum fuer Frankreich abgeschlossen ist
und dass in dem Kaiserreich die einzige Garantie fuer eine ordnungsmaessige
gesicherte Entwickelung der nationalen Wohlfahrt liegt. Dem Kaiser
Schwierigkeiten zu bereiten ist nach meiner aufrichtigsten Ueberzeugung
ein Unrecht gegen Frankreich selbst, um so mehr nachdem der Kaiser sich
jetzt mit liberalen Institutionen umgeben und Maenner in seinen Rath
berufen hat, welche das Vertrauen des Volkes besitzen."

"Das Vertrauen des Volkes?" rief Herr Vergier. "Besitzt dieser Herr
Ollivier, welcher dem Portefeuille seine Ueberzeugung, die er frueher so
laut und emphatisch aussprach, Stueck fuer Stueck geopfert hat--besitzt
dieser, taeglich die Farbe wechselnde Minister das Vertrauen des
Volkes?--Dieser Mann, der aeusserlich den anspruchslosen und einfachen
Buerger spielt und in seinem Herzen ein schlimmerer Hoefling ist als die
Satelliten der roemischen Kaiser."

"Nun," sagte Herr Challier das Gespraech abbrechend, "ich hoffe, dass die
kriegerischen Befuerchtungen auch diesmal unbegruendet sein werden und dass
man die steigende Wohlfahrt des Landes einem augenblicklichen
militairischen Ruhm vorziehen wird."

Er blickte auf seine Uhr.

"Ist unser Diner bereit?" fragte er seine Tochter, welche fortwaehrend
still in ihrem Stuhl gesessen hatte, ohne auf das Gespraech ihres Vaters
mit Herrn Vergier zu achten.

Luise erhob sich.

"Sogleich," sagte sie, "Herr Cappei muss jeden Augenblick kommen; er hat
versprochen heute bei uns zu essen," fuegte sie hinzu, indem ihr Blick
sich fast herausfordernd auf Herrn Vergier richtete, welcher die Lippen
zusammenbiss und sich abwendete.

Die Thuer oeffnete sich und der junge Hannoveraner trat ein.

Herr Challier begruesste ihn mit herzlicher Freundlichkeit; das junge
Maedchen trat ihm entgegen, reichte ihm mit anmuthiger Bewegung die Hand
und sprach, indem sie mit einem kalten, feindlichen Seitenblick Herrn
Vergier streifte:

"Wir fuerchteten schon, dass Sie nicht kommen wuerden und wuerden Ihre
Abwesenheit sehr bedauert haben."

Der junge Mann hielt Luisens Hand einige Augenblicke in der seinen, er
machte eine unwillkuerliche Bewegung, als wollte er diese Hand an seine
Lippen fuehren--dann trat er zurueck und begruesste mit einer hoeflichen
Verneigung Herrn Vergier.

Eine huebsche Dienerin in der zierlichen Tracht der franzoesischen
Landmaedchen oeffnete die Thuer des anstossenden Speisezimmers. Fraeulein
Luise, welche als die einzige Tochter ihres frueh verwittweten Vaters dem
Haushalte vorstand, trat hinein, warf einen letzten Blick ueber den
einfach aber sauber und geschmackvoll gedeckten Tisch, in dessen Mitte
eine kleine Schale mit frischen Blumen stand und kehrte dann zurueck, um
ihrem Vater zu sagen, dass Alles bereit sei.

Man setzte sich zu Tisch. Fraeulein Luise machte mit der den Franzoesinnen
aller Staende so eigenthuemlichen Anmuth die Honneurs, doch wollte sich
der heitere Unterhaltungston, welcher sonst in diesem kleinen Kreis
heimisch war, nicht recht finden. Es lag eine gedrueckte Stimmung auf der
Gesellschaft.

Der junge Cappei blickte sinnend und fast traurig vor sich nieder; Herr
Vergier beobachtete mit scharfen spaehenden Blicken den jungen Deutschen
und Fraeulein Luise schien mit besonderer Absichtlichkeit ihre ganze
Aufmerksamkeit Herrn Cappei zuzuwenden. Sie legte ihm die Speisen vor,
schenkte ihm Wein ein und begleitete alle diese kleinen Aufmerksamkeiten
mit noch freundlicheren Blicken und Worten, indem sie dabei zuweilen mit
dem Ausdruck von Trotz und hoehnischer Herausforderung zu Herrn Vergier
hinuebersah.

Das Diner verlief schweigsam.

Der junge Deutsche bewies seinen Dank fuer die Aufmerksamkeiten seiner
schoenen Nachbarin mehr durch glueckstrahlende Blicke als durch Worte.

Herr Vergier verbarg, so gut er konnte seine innere zornige Erregung und
hoerte mit gezwungenem Laecheln den scherzhaften Bemerkungen zu, durch
welche Herr Challier, der eine angenehme Unterhaltung bei Tisch liebte,
von Zeit zu Zeit die Conversation zu beleben suchte.

Man erhob sich endlich und kehrte in den kleinen durch eine einfache
Lampe erleuchteten Salon zurueck.

Herr Vergier empfahl sich bald unter dem Vorwande dringender Geschaefte,
die er noch zu erledigen habe und Herr Challier zog sich zurueck, um
seiner Gewohnheit gemaess einen Augenblick "nachzudenken", wie er sagte,
das heisst in dem Lehnstuhl seines Cabinets einen kleinen Schlaf zu
machen.

Als die jungen Leute allein geblieben waren, zog Cappei ein kleines
Tabouret neben den Lehnstuhl vor den Camin, auf welchem das junge
Maedchen sich wieder niedergelassen hatte, setzte sich an ihre Seite und
ergriff zaertlich ihre Hand, die sie ihm reichte.

"Meine suesse Luise," sagte er mit jenem fremden Accent, den die
franzoesische Sprache im Munde eines Deutschen immer annimmt, "ich
fuerchte, dass der Augenblick herannaht, in welchem wir uns auf eine
vielleicht lange Zeit trennen muessen und ich bedarf der festen
Zuversicht und des unerschuetterlichen Vertrauens, dass Deine Liebe mir
fuer alle Wechselfaelle des Schicksals gesichert bleibt."

"Kannst Du daran zweifeln?" erwiderte Luise, indem sie sanft mit der
Hand ueber sein Haar strich und ihn mit einem leuchtenden Blick ansah,
"ich habe Muth und Festigkeit--ich stamme," fuegte sie laechelnd hinzu,
"von jenen alten Bragards von Saint-Dizier und wie jene die Sache ihres
Koenigs und ihres Landes auf den Schlachtfeldern vertheidigten, so werde
ich wenigstens ohne Zagen und Schwanken fuer meine Liebe einzustehen
wissen. Der Kampf dafuer," fuhr sie, ihn immer mit entzueckten Blicken
betrachtend fort, "wird uebrigens nicht so schwer sein. Mein Vater ist
Dir persoenlich geneigt und hat eine tiefe Sympathie fuer die Sache Deines
so ritterlichen ungluecklichen Koenigs.--Er liebt mich und ich sehe nicht
ein, was er unserer Verbindung entgegenstellen sollte--"

"Dein Vater," sagte Cappei ernst, "ist aber ein Mann des sichern,
ruhigen Geschaeftslebens und er wird und muss fuer die Zukunft seiner
Tochter Garantieen verlangen, die ich in diesem Augenblick nicht zu
geben im Stande bin--ich bin ein heimathloser Fluechtling--"

"Du hast Deine Heimath an meinem Herzen gefunden," rief Luise lebhaft,
"genuegt Dir diese Heimath nicht?"--

Er kuesste zaertlich ihre Hand und sagte mit innigem Ton:

"Das ist fuer mein Herz die schoenste, die ich finden kann, die einzige,
die ich suche, aber wir beduerfen auch des festen Bodens im wirklichen
Leben und dieser fehlt mir in diesem Augenblick vielleicht mehr als
je--"

"Doch," unterbrach sie ihn, "warum sprachst Du davon, dass wir uns
trennen sollen? Glaubst Du," fuhr sie fort, "dass der Augenblick naht, in
welchem Du fuer Deinen Koenig zu Felde ziehen musst?--Glaube mir, die
Trennung wird mir tiefen Schmerz bereiten, aber ich werde Dich mit Stolz
hinziehen sehen und meine Gebete werden Dich im Kampfe begleiten und
Gott und die heilige Jungfrau, die ich stuendlich anrufen werde, werden
Dich mir erhalten--Deine Sache wird siegen und dann--dann wird unserm
Glueck Nichts mehr im Wege stehen."

Er blickte duester vor sich hin.

"Waere es so wie Du sagst," sprach er, "so wuerde ich mit froher
Begeisterung und Hoffnung der Zukunft entgegensehen, aber leider fuerchte
ich, dass die Zukunft sich anders gestaltet. Ich hoere, dass die Legion
aufgeloest werden soll und dann werde ich gezwungen sein nach meiner
Heimath zurueckzukehren, unter die fremde Herrschaft, um mein kleines
Erbe mir zu erhalten, die einzige Grundlage, auf welcher ich im Stande
bin Dir eine Zukunft zu schaffen."

"Das waere traurig," sagte Luise--"doch warum willst Du in solchem Fall
in Deine Heimath zurueckkehren? Warum willst Du nicht hier bleiben und in
unserm schoenen Frankreich Dir ein neues Vaterland gewinnen? Mein Vater,"
fuegte sie rasch hinzu, "ist wohlhabend genug, um uns eine Heimath zu
gruenden--"

"Nein!" rief er sich stolz aufrichtend, "ich kann ein heimathloser
Fluechtling sein, so lange ich einer grossen Sache diene--der Sache des
Koenigs, dem ich einst Treue geschworen habe; wenn diese Sache faellt, so
kann ich nicht bittend vor Deinen Vater hintreten und mir von ihm eine
Existenz schaffen lassen.

Ich muss dann den festen Fuss in meiner Heimath wiedergewinnen und wenn
ich sie verlasse, wenn ich hierher zurueckkehre, um dem Zuge meines
Herzens zu folgen, so muss es offen und frei geschehen und ich muss auch
ohne die Huelfe Deines Vaters im Stande sein, unserer Zukunft eine
sichere Grundlage zu geben, moege dieselbe so bescheiden sein, wie sie
wolle. Ich werde keine Muehe scheuen, um dies Ziel zu erreichen; das
Einzige was ich von Dir erbitte ist, dass Du mir vertraust und auch
waehrend meiner Abwesenheit mir Deine Liebe bewahrst."

Sie beugte sich zu ihm nieder, legte beide Arme um seine Schultern und
blickte ihm tief in die Augen.

"Kannst Du daran zweifeln?" sagte sie. "Was Du beschliessest, was Du thun
wirst, es wird das Rechte sein und keine Zeit, keine Abwesenheit wird
jemals Dein Bild aus meinem Herzen reissen koennen. Man sagt, die
deutschen Frauen seien fester und treuer in ihrer Liebe--ich will Dir
beweisen, dass die feurigern Gefuehle, welche das Herz der Franzoesinnen
bewegen, darum nicht minder treu und bestaendig sind."

Sie lehnte ihr Haupt an seine Schulter und er drueckte seine Lippen
zaertlich auf ihr duftiges, glaenzendes Haar!--

Rasche Tritte ertoenten auf dem Vorplatz. Luise fuhr empor und lehnte
sich in ihren Sessel zurueck.

Cappei rueckte das Tabouret einen Schritt seitwaerts.

Der Unterofficier Ruehlberg trat ein. Er begruesste mit einer etwas steifen
Verbeugung das junge Maedchen und sprach mit einer von innerer Erregung
bewegten Stimme.

"Was wir befuerchteten, geschieht. So eben als ich nach Hause kam fand
ich einen Brief des Lieutenants von Mengersen vor, der mir anzeigt, dass
in der naechsten Zeit eine Commission zur Aufloesung der Legion hier
eintreffen wird. Jedem Einzelnen sollen vierhundert Francs ausgezahlt
und ihm die Freiheit gelassen werden, zu gehen wohin er will.

"Nun," rief er mit bitterm Tone, "ich weiss, wohin ich gehen werde, um
auf meine alten Tage ruhig und frei zu leben; wir sind schon ueber
Zweihundert, die wir uns verbunden haben, nach Algier zu gehen und Ihr
thut Unrecht, Euch uns nicht anzuschliessen--aber das kommt--"

Er warf einen schnellen Seitenblick auf das junge Maedchen, biss sich auf
den Schnurrbart und schwieg.

"Die Entscheidung naht," sagte der junge Mann, ernst und traurig seine
Geliebte anblickend.

"Und die Liebe und Treue wird sich bewaehren," erwiderte diese leise.

"Ich bin gekommen, um Euch abzuholen," sagte der
Unterofficier--"verzeihen Sie, mein Fraeulein," schaltete er mit einer
gewissen muerrischen Hoeflichkeit ein--"unsere Abtheilung ist bei mir
beisammen und wir wollen ein wenig unter einander die Sache besprechen."

Cappei stand auf, reichte Luise die Hand, bat sie, ihn bei ihrem Vater
zu entschuldigen und verliess mit dem Unterofficier den Salon.

Das junge Maedchen blieb allein in tiefen Gedanken vor dem allmaelig
erloeschenden Kaminfeuer sitzen, sinnend blickte sie vor sich nieder;
doch war es kein trauriger und trueber Ausdruck, der auf ihrem Gesicht
lag, ihre Seele war muthig und stolz darauf, ihrem Geliebten auch unter
schweren Verhaeltnissen die Treue bewahren zu koennen. Der Kampf mit den
Verhaeltnissen des Lebens reizte sie und ihr hoffnungsvolles Herz hatte
keinen Zweifel, dass Alles endlich sich zu gluecklichem Ausgang fuegen
wuerde.




Zweites Capitel.


Eine truebe Februarsonne schien durch die halb geschlossenen
Fenstervorhaenge des Schlafzimmers des Kaisers Napoleon des Dritten in
den Tuilerien.

Der Kaiser lag auf einer in der Mitte des Zimmers stehenden
Chaiselongue, eingehuellt in einen weiten Schlafrock von leichter Seide,
sein Kopf war zurueckgelehnt auf ein rundes Kissen, seine Augen waren
geschlossen und die bleichen Zuege seines Gesichts trugen den Ausdruck
tiefen Leidens; sein fast ganz ergrautes Haar hing unfrisirt an den
Schlaefen herab, der sonst so wohl gepflegte Bart war ungeordnet und der
ganze Kopf, der sonst so ausdrucksvoll und lebendig erschien, erinnerte
in seiner unbeweglichen Starrheit an eine Todtenmaske; die Haende des
Kaisers waren ausgestreckt, die Fingerspitzen bewegten sich leicht in
convulsivischen Zuckungen.

Zu den Fuessen des Ruhebettes stand der Dr. Conneau, kaiserlicher
Leibarzt und langjaehriger Freund; sein von einem kurz geschnittenen
schmalen Backenbart umrahmtes bleiches Gesicht mit der hoch hinauf
kahlen Stirn und der stark vorspringenden Nase zeigte den Ausdruck
theilnehmender Besorgniss und die tief liegenden, scharfblickenden Augen
schauten mit gespannter Aufmerksamkeit auf seinen wie leblos da
liegenden Souverain.

An einem Seitentisch in einiger Entfernung war der Doctor Nelaton
beschaeftigt einige elegant gearbeitete chirurgische Instrumente von
Silber und Kautschuk in ein Etui von schwarzem Sammt einzupacken. Sein
geistvolles, etwas kraenkliches Gesicht war ernst und ruhig und wenn er
auch zuweilen forschend nach dem Kaiser hinueber blickte, so schien er
doch mehr mit der sorgfaeltigen Aufbewahrung seiner Instrumente als mit
dem Zustande seines Patienten beschaeftigt.

Dr. Conneau beugte sich ueber den Kaiser herab und ergriff dessen Hand,
aufmerksam dem Pulsschlag folgend.

"Der Puls geht ruhig und gleichmaessig," sagte er sich zu Nelaton wendend;
"es scheint nur eine Krise der Nerven zu sein; ich wuerde Sr. Majestaet
gern einige Tropfen Aethergeist einfloessen."

"Ich halte das nicht fuer noethig" erwiderte Dr. Nelaton. "Die Sondirung
hat durchaus keine bedenklichen Symptome ergeben, Seine Majestaet ist
ungeheuer empfindlich fuer den Schmerz und eine augenblickliche Ruhe wird
das Gleichgewicht der Kraefte sofort wieder herstellen. Ich ueberlasse den
Kaiser Ihrer Sorgfalt," fuegte er hinzu indem er sein Etui schloss, "und
hoffe, dass er einige Zeit von weiteren Operationen wird verschont
bleiben koennen, nur muss Seine Majestaet in der naechsten Zeit es
sorgfaeltig vermeiden zu Pferde zu steigen oder lange zu stehen."

Er verliess mit leisen Schritten das Zimmer.--Dr. Conneau blieb ruhig an
seinem Platz stehen, fortwaehrend das Gesicht des Kaisers beobachtend,
auf welchem allmaelig wieder eine etwas lebhaftere Farbe erschien.

Napoleon erhob die Haende langsam, faltete sie ueber der Brust zusammen,
seine Lippen oeffneten sich zu einem tiefen Athemzuge--dann schlug er die
Augen auf und blickte wie verwundert im Zimmer umher.

"Ist Nelaton fort?" fragte er.--"Was hat er gesagt? Werden diese
entsetzlichen Qualen sich oft wiederholen muessen?"

"Nelaton ist vollkommen zufrieden und beruhigt, Sire," erwiederte Dr.
Conneau, "und er hofft, dass Ew. Majestaet fuer lange Zeit Ruhe haben
werden; es sind durchaus keine bedenklichen Symptome vorhanden und ich
hoffe durch innere Mittel sehr wirksam eingreifen zu koennen."

"Oh, mein alter Freund," sagte der Kaiser mit traurigem Ton, "Sie
glauben nicht wie sehr ich leide. Meine Natur kann eine einmalige
gewaltsame Erschuetterung leicht ueberwinden, aber diese fortwaehrenden
kleinen Schmerzen zerruetten mein Nervensystem, untergraben meine
Willenskraft und machen mich zuweilen vollstaendig unfaehig zu denken und
zu handeln."

"Ich bitte Ew. Majestaet instaendigst," erwiderte Dr. Conneau, "sich in
diesen so erklaerlichen und natuerlichen Gefuehlen nicht gehen zu lassen.
Ew. Majestaet so reizbare Natur wird mehr als eine andre Organisation
durch die Wiederholung kleiner und peinlicher beiden angegriffen; aber
Ew. Majestaet," sprach er ernst mit volltoenender Stimme, "sind mehr als
andere Menschen. Ew. Majestaet grosser Geist muss die kleinen beiden
ueberwinden um die grossen Aufgaben Ihrer Stellung erfuellen zu koennen und
je mehr Ew. Majestaet die Kraft Ihres Willens anstrengen, um so mehr
werden jene kleinen Leiden sich vermindern, um so sicherer hoffe ich
auf Ihre endliche, vollstaendige Wiederherstellung."

Der Kaiser schuettelte langsam und traurig den Kopf. "Die grossen Aufgaben
meiner Stellung!" sprach er mit matter Stimme--"das ist es ja eben, was
mich so niederdrueckt und laehmt--dass die Maschine den Dienst versagt, um
das ausfuehren zu koennen was nothwendig geschehen muss; ja, dass sogar oft
die Klarheit des Erkennens dessen was nothwendig ist mir schwindet. Waere
ich einer jener legitimen Koenige, die ruhig auf ihrem Thron sitzen, die
denselben sicher und unangefochten ihrem Nachfolger ueberlassen
koennen--oh, dann wuerde ich ruhig alle diese Leiden und Schmerzen
ertragen. Ich fuerchte wahrlich den Tod nicht--fast moechte ich ihn
zuweilen wuenschen, denn die Genuesse und Freuden des Lebens sind fuer
mich--beendet; aber, mein Gott," rief er haenderingend, "ich darf ja
nicht nur an mich und mein Leben denken, ich muss sorgen fuer die Zeit die
nach mir kommt; ich muss meinem Sohn das Erbe sichern, fuer dessen
Erwerbung mein grosser Oheim seine Riesenkraft eingesetzt hat und fuer
welches ich in muehsamer Arbeit die Taetigkeit meines ganzen Lebens
angestrengt habe und nun gerade, da ich diese letzte Aufgabe meiner
irdischen Laufbahn erfuellen will und erfuellen muss, geht mir die Kraft
aus und wenn dieser elende Koerper zusammenbricht, so wird das stolze
Gebaeude in Truemmer fallen, welches ich aufgerichtet und dieses
Frankreich, das ich so sehr liebe, fuer das ich gestrebt und gearbeitet
habe so lange Jahre hindurch, es wird wieder zuruecksinken in unruhige
Zerruettung; Ohnmacht und Elend wird die Folge davon sein."

"Aber, mein Gott, Sire," sagte Dr. Conneau, "warum diese schwarzen
Gedanken? Die Macht des Kaiserreichs steht fest begruendet im Innern und
hoch geachtet nach Aussen da. Es giebt vielleicht unter den alten
legitimen Monarchieen so manche, welche nicht auf so sichern und
unerschuetterlichen Fundamenten ruht als der Thron Ew. Majestaet und wenn
der kaiserliche Prinz--was Gott noch lange verhueten moege, dereinst
berufen sein wird jenen Thron zu besteigen, so wird er ein nach allen
Richtungen hin vollendetes, grossartiges Werk vorfinden, dessen
natuerliche Weiterentwickelung er nur fortsetzen und leiten darf. Ew.
Majestaet Werk ist wahrlich groesser als das Ihres Oheims, denn die
Schoepfungen jenes Riesengeistes stuetzten sich doch immer nur auf die
Spitze seines Degens, waehrend Ew. Majestaet Bau breit und ruhig auf der
Wohlfahrt des ganzen Volkes ruht."

Der Kaiser schuettelte abermals den Kopf.

"Auch Sie, mein alter Freund," sagte er, "taeuscht der Schein--oder Sie
wollen mich beruhigen und mir das Vertrauen auf die Zukunft wiedergeben,
das ich immer mehr verliere.

"Ich selbst," sagte er nach einem tiefen Athemzuge, indem es wie leichte
Nachwehen nervoeser Schmerzen ueber sein Gesicht zuckte--"ich selbst kann
besser wie jeder Andere die Schwaechen dieses Kaiserreichs erkennen, das
ich selbst erbaut und so lange Zeit aufrecht erhalten habe.

"Fest begruendet im Innern, sagen Sie, stehe mein Reich da?--Und dennoch
wogt und gaehrt es in dieser so leicht beweglichen Pariser
Bevoelkerung--ich kenne sie genau die Vorzeichen der revolutionairen
Stuerme und ich sehe sie deutlich in der heutigen Bewegung des
oeffentlichen Lebens."

Dr. Conneau laechelte.

"Ew. Majestaet ueberschaetzen diese kleine Bewegung," sagte er. "Die stets
unruhige Bevoelkerung des Faubourg St. Antoine bedarf von Zeit zu Zeit
solcher leichter Emotionen, aber unter einer so starken Regierung wie
diejenige Ew. Majestaet ist hat das nichts zu bedeuten. Die grosse Masse
der Bevoelkerung Frankreichs, namentlich die laendlichen Grundbesitzer
haengen an Ew. Majestaet und empfinden dankbar die Segnungen, welche Ihre
Regierung ihnen gebracht hat. Dank der Ordnung, Ruhe und Sicherheit des
oeffentlichen Verkehrs, Dank dem neuen Wegesystem, das Ew. Majestaet
geschaffen und das jedem Grundbesitzer die Moeglichkeit der reichsten
Verwerthung seiner Producte sichert, steht Frankreich auf einer Hoehe des
Wohlstandes wie nie zuvor und einige unruhige Koepfe in Paris werden
niemals die Macht haben, die tiefe Anhaenglichkeit des ganzen Volkes an
Ew. Majestaet und Ihre Dynastie zu erschuettern."

"Sie kennen Frankreich nicht wie ich," sagte der Kaiser traurig--"ich
weiss wie Sie, dass das Volk im ganzen Lande mir dankbar ist und dass aus
dem Lande selbst niemals eine Bewegung gegen das Kaiserreich hervorgehen
wird; aber die Centralisation in diesem Lande hat eine unbesiegbare
Gewalt--eine unvernuenftige Gewalt, wenn Sie wollen, doch die Gewalt ist
da und ich sage Ihnen, bei irgend einem Unglueck, bei irgend einer
Schwaeche der Regierung--bei meinem Tode vielleicht," fuegte er seufzend
hinzu, "wird immer eine Hand voll Nichts bedeutender Menschen, denen es
gelingt Paris zu terrorisiren, die Macht haben eine Regierung zu
stuerzen, welche die Sympathieen des ganzen Landes besitzt und dieses so
ganze reiche, so arbeitsame, so geistvolle Frankreich wird den
Thorheiten folgen, zu denen man Paris zu verleiten im Stande sein
moechte.--

"Und nach Aussen," fuhr er fort, fast mehr noch zu sich selbst als zu
Conneau sprechend--"hat man in Europa noch Achtung, hat man noch Furcht
vor Frankreich? Wohin richten sich die Blicke der Cabinette? Ich fuehle
es heraus aus den Berichten aller meiner Gesandten, man sieht nach
Berlin und die Zeit ist vorbei, in der ich mit einem Worte Europa
bewegen konnte.

"Niel ist todt," sagte er mit dumpfem Ton--"Alle sind todt, die mich
einst auf der Hoehe der Macht und des Einflusses umgaben--Morny,
Walewsky--selbst Felix und mein treuer Nero--ich bin allein.

"Ich habe nur noch Sie," sagte er mit einem unendlich innigen Blick auf
den Dr. Conneau, indem er ihm mit einer matten Bewegung die Hand
reichte; "aber Sie, mein braver und treuer Freund, Sie koennen mir nicht
helfen; das Getriebe der Politik liegt Ihnen fern--Sie koennten mir nur
helfen, wenn Sie dieser alten gebrechlichen Maschine neues Leben
einzufloessen vermoechten.

"Oh," rief er, indem ein Blitz aus seinem Auge spruehte, "ich wollte
allein all diesen Schwierigkeiten entgegentreten, ueber sie alle Herr
werden, wenn ich nur auf wenige Jahre meinen Nerven und meinen Muskeln
die Kraft der Jugend wiedergeben koennte.--Le Boeuf," fuhr er nach einer
augenblicklichen Pause fort, "er ist der Schueler von Niel, er hat ihm
nahe gestanden, er ist das Werkzeug zur Ausfuehrung seiner Ideen
gewesen--aber er ist kein Niel und der Schueler kann den Meister nicht
fortsetzen.--

"Ich habe den Augenblick verloren und dem Augenblick gehoert das
Schicksal; ich fuerchte, ich fuerchte, mein treuer Conneau, der Augenblick
kommt nicht wieder und mein Stern, den ich einst so hell leuchtend ueber
meinem Haupt erblickte, er hat sich in truebe, truebe Wolken verhuellt.

"Vielleicht," fuhr er immer seinen Gedanken folgend fort--"habe ich
einen Fehler begangen dadurch, dass ich eine Dynastie gruenden wollte.
Vielleicht ist eine dynastische Monarchie Frankreichs in unserm
Jahrhundert nicht mehr moeglich; vielleicht staende ich groesser und
sicherer da, wenn ich mich haette entschliessen koennen nur der Caesar zu
sein, der an keinen Nachfolger denkt, der sich identificirt mit der
pulsirenden Bewegung des Volkslebens und dessen Geschichte mit seinem
Tode aufhoert.

"Das ist der Ursprung meiner Herrschaft--und man sagt, die Regierungen
fallen, die sich von den Principien ihres Ursprungs entfernen.

"Ist mein Oheim nicht gefallen, weil er aufhoerte Caesar zu sein und weil
er der Begruender einer neuen dynastischen Legitimitaet werden wollte?

"Aber, mein Gott," rief er die Haende ueber der Brust faltend, indem ein
unendlich weicher Ausdruck auf seinen Zuegen erschien--"mein Gott, ich
habe einen Sohn und ich liebe diesen Sohn--ich liebe ihn sehr, Conneau
und mag es ein Fehler sein oder nicht--meine ganzen Gedanken, meine
ganze Arbeit gehoeren der Zukunft, gehoeren meinem Sohn."

In tiefer Bewegung trat Dr. Conneau an das Lager des Kaisers, ergriff
dessen Hand und fuehrte sie an seine Lippen.

"Diese Arbeit wird ihre Frucht tragen, Sire," sagte er mit zitternder
Stimme--"ich wollte, es waere mir vergoennt mein Leben fuer Sie und fuer den
kaiserlichen Prinzen hinzugeben."--

"Geben Sie mir lieber," sagte Napoleon sanft laechelnd, "durch Ihre Kunst
die wahre Kraft des Lebens wieder, dann werden Sie Frankreich, mir und
meinem Sohn den hoechsten Dienst leisten."

Conneau trat zur Seite, ergriff ein kleines Flaeschchen von geschliffenem
Crystall, das auf einem Tisch am Fenster stand und mischte einige
Tropfen der hellen Fluessigkeit, welche dasselbe enthielt, mit einem
Glase Wasser.

"Ich bitte Ew. Majestaet dies zu trinken," sagte er dem Kaiser das Glas
reichend; "ich hoffe damit wenigstens einen Theil der Aufgabe zu
erfuellen, welche Sie mir bezeichnen; dieses Getraenk wird Ew. Majestaet
die Nervenkrise ueberwinden helfen, welche Nelatons Sondirung
hervorgerufen hatte."

Der Kaiser leerte langsam das Glas, dessen Inhalt eine gruene
opalisirende Farbe angenommen hatte. Die nervoese Spannung seiner
Gesichtszuege verschwand, seine mattgelbliche Haut nahm eine roethere
Faerbung an und um seine Lippen legte sich jener Zug wohlwollender
Freundlichkeit, welcher ihm in der Unterhaltung eigenthuemlich war und
der auf Jeden, der mit ihm, sprach seinen Zauber ausuebte.

Er stand langsam auf.

"Ich danke Ihnen, Conneau," sagte er, "das hat mir wohlgethan. Wollte
Gott, Sie koennten die Wirkung dieses Elixirs dauernd machen; leider wird
der Schmerz und die Schwaeche bald wieder meine Nerven zur alten
Unfaehigkeit herabstimmen."

"Nicht so leicht," erwiderte Dr. Conneau, "wenn die Willenskraft meinem
Elixir zu Huelfe kommt; der menschliche Willen ist ein maechtiger Factor
und selbst der kranke Koerper gehorcht seinem Befehl."

"Der Willen?" sagte der Kaiser schmerzlich laechelnd--"um zu wollen, dazu
gehoert Kraft und um die Kraft zu entwickeln gehoert Willen; wo ist der
Anfang dieses Kreises, in welchem sich der leidende Mensch traurig
herumbewegt?--Doch," fuhr er fort, "fuer den Augenblick habe ich den
Willen und ich will ihn benutzen zu klarem Einblick in die Verhaeltnisse,
denn das ist die erste Quelle aller guten Entschluesse."

Er reichte Conneau die Hand,--der Arzt fuehrte dieselbe an seine Lippen
und verliess das Schlafgemach seines Herrn.

Der Kaiser klingelte.

"Es ist nicht mehr mein treuer Felix," sprach er seufzend, "der alle
Wechselfaelle des Lebens mit mir getheilt hat und dessen Erscheinung mir
eine so liebe Gewohnheit geworden war."

Der Kammerdiener trat ein und Napoleon machte mit aller Sorgfalt seine
Toilette, nach deren Vollendung aus seinen Zuegen und seiner Haltung die
Spuren der Schmerzen und der Erschoepfung fast ganz verschwanden; nur
sein schwankender, unsicherer und in den Hueften wiegender Gang zeugte
von seiner gebrochenen Kraft.

"Ist Herr Duvernois da?" fragte er mit einem letzten Blick in den
Spiegel.

"Zu Befehl, Sire."

"Man soll ihn eintreten lassen," sagte Napoleon, indem er in sein
Cabinet trat, das sorgfaeltig gelueftet, von einem hellen Kaminfeuer
erwaermt und mit dem leichten Duft von eau de Lavande durchzogen war. Wer
den Kaiser hier sah, haette sich unmoeglich von dem leidenden, ganz
gebrochenen Manne ein Bild machen koennen, der noch kurz vorher unter den
Haenden der Aerzte seufzte und der gequaelt von den Leiden des Koerpers den
Glauben an die Zukunft und das Vertrauen auf sich selbst verloren hatte.

Napoleon trat heiter laechelnd, den Blick halb unter seinen Augenlidern
verborgen, dem Journalisten Clement Duvernois entgegen, dem soeben der
Huissier die Thuer des Cabinets geoeffnet hatte.

Herr Duvernois, der seine publicistische Laufbahn in Algier begonnen,
frueher lebhafte Opposition gemacht, und endlich damit geendet hatte, aus
wirklicher und aufrichtiger Ueberzeugung ein begeisterter Anhaenger des
Kaisers zu sein, war damals etwa fuenf und dreissig bis vierzig Jahr alt.
Seine nicht hohe und nicht schlanke Figur, hatte Etwas von jener leicht
gerundeten Corpulenz, welche die Koenigin von Daenemark fuer Hamlet in
seinem Kampf mit Laertes fuerchten laesst. Sein etwas grosser Kopf war mit
langem blonden Haar bedeckt, das die Stirne ziemlich weit hinauf kahl
liess,--die Zuege seines bleichen Gesichts waren scharf geschnitten und
entsprachen in ihrem lebhaft bewegten Ausdruck nicht ganz dem wesentlich
phlegmatischen Typus seiner Figur. Seine Augen, obgleich hell und beim
ersten Anblick nicht besonders tief erscheinend, erleuchteten sich
waehrend der Unterhaltung und ihre leicht blaugraue Farbe schien dann wie
von einer dunkeln Gluth durchschimmert.

Herr Duvernois ging ohne jene elegante Leichtigkeit des Hofmannes, doch
voellig ungezwungen auf den Kaiser zu, ergriff ehrerbietig die Hand,
welche dieser ihm entgegenstreckte und verneigte sich tief.

"Nun mein lieber Duvernois," sagte Napoleon mit freundlicher
Herzlichkeit, "--wie geht es Ihnen,--ich habe Sie bitten lassen zu mir
zu kommen, weil die Zeit wieder ernst zu werden beginnt,--es gaehrt und
bewegt sich in den Tiefen und ich werde von allen Seiten mit so vielem
Rath ueberschuettet,--dass es mir wirklich Beduerfniss ist, auch die Meinung
Derjenigen zu hoeren, welche meine wahren Freunde sind."

"Es sind leider nicht Alle Ihre Freunde, Sire, welche sagen es zu
sein," erwiderte Clement Duvernois mit einer Stimme ohne harmonischen
Wohllaut, aber mit scharf und klar accentuirtem Ton,--"fast moechte ich
sagen--ich bin der ergebene Diener Eurer Majestaet, obgleich ich es laut
ausspreche."

"Und gehoeren Sie auch zu Denen," fragte Napoleon, "welche meinen, dass
diese Bewegung in den Massen Nichts zu bedeuten habe, dass man nur ruhig
abwarten duerfe, bis sie sich voellig wieder verlaeuft?--Sie haben es
gelernt," fuhr er fort, "die oeffentliche Stimmung zu verstehn, Sie haben
den klaren Blick, den die Hoehe nicht blendet,--und der vor den Tiefen
des Abgrundes nicht zurueckschaudert,--was sehen Sie auf der Hoehe,--was
sehen Sie in den Tiefen,--sprechen Sie frei und offen--Sie wissen, dass
ich zu hoeren und zu lernen verstehe," fuegte er mit freundlichem Laecheln
und einer leichten artigen Neigung des Kopfes hinzu.

"Ich habe Eurer Majestaet," erwiderte Clement Duvernois, "meine
Ergebenheit stets dadurch bewiesen, dass ich vor Ihrem Angesicht den
Kaiser vergass und nur den grossen und geistvollen Mann sah, dem Niemand
einen groesseren Dienst leisten kann als durch das Aussprechen seiner
wahren und unverhuellten Ueberzeugung,--diese Ergebenheit werde ich
Eurer Majestaet auch heute beweisen, denn mehr als je thut heute die
Wahrheit Noth und je mehr Jeder aus seinem Gesichtskreise heraus die
Wahrheit spricht, um so leichter wird es dem freien Blick Eurer Majestaet
werden das wirklich Richtige zu erkennen."

"Sie halten also die Situation fuer ernst?" fragte der Kaiser, indem er
sich seufzend in einen Fauteuil niedersinken liess und Herrn Duvernois
einen Sessel neben sich bezeichnete.

Clement Duvernois stuetzte die Hand leicht auf die Lehne dieses Sessels,
blieb vor dem Kaiser stehen und sprach, ohne direct auf die an ihn
gerichtete Frage zu antworten:

"Eure Majestaet haben mir das schmeichelhafte und ehrenvolle Zeugniss
gegeben, dass mein Blick gewoehnt sei, in die Tiefen hinab wie zu den
Hoehen hinauf zu blicken,--nun wohl, Sire,--ich habe nach beiden
Richtungen scharf beobachtet--und werde Eurer Majestaet frei sagen, was
ich gesehen."

Der Kaiser lehnte den Kopf auf die eine Schulter herueber, stuetzte den
Arm auf sein Knie und hoerte so, mit der Spitze seines Schnurrbartes
spielend, aufmerksam zu.

"In den Tiefen, Sire," sagte Clement Duvernois, "sehe ich die finstern
Daemonen, welche die maechtige Hand Eurer Majestaet lange Zeit gefesselt
hielt, einen Kampf auf Leben und Tod vorbereiten,--da sie fuehlen, dass
der Griff der kaiserlichen Hand nicht mehr dieselbe Festigkeit hat wie
frueher."

Der Kaiser seufzte tief auf. Es schien, als wolle er sprechen,--doch
blieb er schweigend und forderte Duvernois, der einen Augenblick inne
gehalten, durch einen Wink auf fortzufahren.

"Die friedlichen Buerger, Sire," sprach der geistvolle Publicist weiter,
"wissen nicht, was an jedem Abend in Paris geschieht, diese friedlichen
Buerger schlafen ruhig im Vertrauen auf die Fuersorge und Kraft der
Regierung, waehrend der Boden, auf dem ihr Haus steht, unterhoehlt wird.
Auf der Oberflaeche scheint Alles ruhig,--die Repraesentanten der Nation
berathen ueber die wichtigsten Interessen des Landes, die Minister suchen
gut zu verwalten, die Geschaefte erholen sich und die ehrliche Arbeit
freut sich der Ruhe und Ordnung.

"Was aber, Sire," fuhr er mit erhoehter Stimme fort,--"was birgt die
Tiefe unter dieser Oberflaeche des Friedens und Gedeihens? Taeglich
versammeln sich vier bis fuenftausend Individuen--Feinde des Besitzes,
Feinde der Arbeit, Feinde jeder Gesellschaftsordnung, welche die
Thaetigkeit zur Bedingung des Lebensgenusses macht--diese Individuen
versammeln sich unter dem Vorsitze von Deputirten der aeussersten
Linken,--von Deputirten, die dem Kaiser und der Nation ihren Eid
geschworen; sie missbrauchen das Versammlungsrecht, das so liberal
gegeben worden und ueberlassen sich den masslosesten Ausschreitungen.
Diese Leute fuehren die verleumderischsten Schimpfreden, reizen sich
gegenseitig auf und verbrechen sich untereinander das Kaiserreich durch
Gewalt umzustuerzen, den Staat ueberhaupt und die Gesellschaft zu
zerstoeren.

"Eure Majestaet moegen mir erlauben, einige Worte aus den Reden zu
citiren, welche man dort haelt und welche Ihre Polizei sich vielleicht
scheuen moechte, Ihnen zu wiederholen. Flourens hat gestern auf der
Tribuene dieser wuesten Versammlung gerufen: 'wir wollen keine Banditen,
keine Moerder mehr, moegen sie aus Corsika oder anders woher kommen; wir
wollen keine Retter der Gesellschaft mehr, welche ein Stueck Speck am
Hute tragen.'"

Der Kaiser neigte den Kopf noch tiefer--sein Blick verhuellte sich voellig
unter den Augenlidern.

"Flourens," fuhr Herr Duvernois fort, "sprach dann von den Vorgaengen in
Creusot und rief: 'es wird so nicht lange weiter gehen, binnen kurzer
Zeit werden wir alle diese Elenden zum Teufel jagen, welche durch ihren
zusammengeschacherten Besitz die freien Arbeiter zu Sclaven machen
wollen.' Doch es geht noch weiter; beim Bankett von St. Mande, Sire, hat
man auf die Kugel getrunken, welche das Staatsoberhaupt treffen wuerde."

Der Kaiser hob den Kopf, blickte Duvernois gross und klar an und sprach
mit ruhigem Laecheln:

"Wenn diese Kugel gegossen ist, mein lieber Duvernois, so wird sie mich
treffen und wenn Alles in der tiefsten Ruhe waere. Hat das Schicksal sie
mir nicht bestimmt--so wird der Toast einiger Wahnwitzigen meinem Leben
keine Gefahr bringen."

"Ich weiss," erwiderte Duvernois, "dass Eure Majestaet keine Gefahr scheut
und es ist nicht um Eure Majestaet vor einem Attentat zu warnen, dass ich
erzaehle, was man dort gesprochen hat--Diejenigen, welche so laut reden,
sind keine Ravaillacs. Fuer heute und morgen, Sire, haben noch alle diese
Bewegungen keine gefaehrliche Bedeutung; das Alles sind nur Versuche, was
man wagen, wie weit man gehen kann. Wenn man aber fuehlt, dass man
ungestraft die Zerstoerung der Gesellschaft predigen darf, so wird man
weiter und weiter gehen und die grosse Masse der ruhigen Buerger wird, wie
das bei allen Revolutionen der Fall ist, dem Terrorismus weniger
Verbrecher verfallen, wenn nicht noch zur rechten Zeit die starke Hand
der Regierung schuetzend in diese gefaehrliche Bewegung eingreift."

"Und diesem finstern Bilde auf dem Grunde der Gesellschaft gegenueber,"
fragte der Kaiser, indem sein Blick forschend auf dem lebhaft bewegten
Gesicht Duvernois' ruhte--"was haben Sie auf den Hoehen gesehen?"

Clement Duvernois schwieg einen Augenblick.

Er sah nachdenkend zu Boden und schlug dann das grossgeoeffnete,
dunkelgluehende Auge zum Kaiser auf.

"Auf der Hoehe," sprach er dann mit tief eindringender Stimme, "sehe ich,
Sire, einen grossen Fuersten, der durch maechtige und edle Arbeit seiner
Nation Macht und Wohlstand geschaffen hat, der in grossherzigem Vertrauen
nicht daran zu glauben vermag, dass diese Nation fuer so viele Wohltaten
undankbar sein koennte, dessen Gedanken erfuellt sind von dem Streben auch
ueber seinen Tod hinaus, den er mit kaltbluetigem Heldenmuth in's Auge
fasst, seinem Volk das Glueck zu sichern, welches seine Regierung
geschaffen hat; einen Fuersten, der sich anschickt, dem von ihm
aufgerichteten Gebaeude die Krone der letzten Vollendung zu geben--der
aber--"

"Der aber?" fragte der Kaiser, den Kopf noch hoeher erhebend und mit
gespannter Erwartung aufblickend.

"Der aber," fuhr Duvernois ruhig und ernst fort, "mit der Kroenung des
Baues beschaeftigt, vergisst die Fundamente desselben gegen die finstern
Gewalten zu schuetzen, welche dieselben langsam und systematisch
untergraben."

"Ich vergesse das nicht," sagte Napoleon, "im Gegentheil arbeite ich
daran, diesen Fundamenten, welche bisher auf dem einzigen Pfeiler meines
persoenlichen Willens und meiner persoenlichen Kraft ruhten die breite und
sichere Grundlage von Institutionen zu geben, durch welche die besten
und edelsten Kraefte des Landes um den Thron meines Nachfolgers vereinigt
werden sollen. Diese Institutionen sollen staerker sein als die
persoenliche Macht des Souverains, so dass, wenn auch ein kaum der
Kindheit entwachsener Knabe der Erbe meiner Regierung wird, Frankreich
ruhig und unerschuettert wie in den vergangenen Tagen seiner alten Koenige
rufen kann: Der Kaiser ist todt--es lebe der Kaiser."

"Die edle Absicht Eurer Majestaet," erwiderte Clement Duvernois, "erkenne
ich klar; ich erkenne nicht minder die hohe Weisheit, welche Ihre
Entschluesse dictirt hat und die Institutionen, welche Sie geschaffen,
wuerden vollkommen geeignet sein das zu erreichen, was Eure Majestaet
bezwecken will, wenn--diese Institutionen und ihre Ausfuehrung in anderen
Haenden laegen."

Ein Zug von duesterm Unmuth erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er liess
den Kopf auf die Brust sinken und sprach mit dumpfem Ton:

"Und in wessen Haende sollte ich diese Institutionen legen? Wo sind die
treuen Freunde, denen ich unbedingtes Vertrauen schenken
kann?--Diejenigen, welche mit mir emporgestiegen waren, Diejenigen,
welche mit mir die Zeit des Ungluecks und Leidens getheilt hatten--sie
sind todt.--Eine neue Zeit steigt um mich herauf, wie schwer ist es,
eine Wahl zu treffen unter allen Denen, die ich nur als Hoeflinge des
Kaisers aber nicht als Gefaehrten des Verbannten kennen gelernt habe."

Er versank einen Augenblick in duesteres Schweigen.

"Doch," sprach er dann, sich lebhaft emporrichtend, "sprechen Sie offen,
Sie wissen, ich glaube an Ihre Aufrichtigkeit; haben Sie Grund den
Maennern zu misstrauen, welche ich gegenwaertig in meinen Rath berufen
habe, und welche, wie man mir allgemein sagt, das Vertrauen des Landes
besitzen?"

"Misstrauen?" sagte Clement Duvernois ein wenig zoegernd, "ist ein hartes
und schweres Wort; es enthaelt eine Anklage, die ich gegen Eurer
Majestaet Minister auszusprechen nicht unternehmen moechte. Erlauben mir
Eure Majestaet zunaechst von den Personen abzusehen und ganz allgemein zu
sprechen.

"Ich sehe vor mir--und ich sehe von unten herauf wo Eure Majestaet nur
von oben herab blicken--ich sehe vor mir die eigenthuemliche Thatsache,
dass die Macht der kaiserlichen Regierung sich in den Haenden des dem
Kaiserreich feindlichsten Princips befindet--in den Haenden des
Orleanismus--"

"Sie glauben," fuhr der Kaiser heftig auf, "dass Graf Daru, dass Buffet
mich verrathen koennten--dass sie mit den Orleans conspiriren?"

"Nein, Sire," antwortete Clement Duvernois, "das glaube ich nicht. Graf
Daru ist ein Ehrenmann und auch Herrn Buffet halte ich dafuer; aber,
Sire, diese Maenner, die gewiss, nachdem sie Eurer Majestaet Portefeuille
angenommen haben, das Wohl des Kaiserreichs ernstlich erstreben, leben
und denken in den Doctrinen des Orleanismus, dass heisst der
constitutionellen Theorie, welche das Schattenbild parlamentarischer
Repraesentation an die Stelle des wirklichen und eigentlichen Volkslebens
setzt und am letzten Ende der Kette, welche sich durch diese Doctrinen
Glied fuer Glied bis in das Cabinet Eurer Majestaet fortsetzt, befindet
sich die lenkende und leitende Hand der orleanistischen Conspiration.
Ohne es zu wollen, ohne klar darueber zu denken, werden Eurer Majestaet
Minister von dieser Kette geleitet; blicken Eure Majestaet um sich, die
Maenner der orleanistischen Doctrinen herrschen auf allen Gebieten des
franzoesischen Staatslebens und unter den Anhaengern der Doctrinen
befinden sich jedenfalls auch Anhaenger der Personen. Die Partei des
Umsturzes begreift vollkommen den Nutzen, den sie aus solchen Zustaenden
zieht.

"Eure Majestaet kennen die Verbindung Rocheforts mit der orleanistischen
Propaganda;--nicht dass diese Leute jemals das Koenigthum Louis Philippe's
wieder herstellen wollten, aber sie benutzen die Agenten jenes Princips
als ihre Vorkaempfer. Wenn es so weiter geht wie es bis jetzt gegangen
ist, Sire, so wird ein Moment kommen, in welchem die ganze Macht der
Regierung in den Haenden der Orleanisten ruht und wenn dann von unten her
ein maechtiger Stoss gegen die Staatsautoritaet gewagt wird, so kann es
kommen--nach meiner Ueberzeugung wird es kommen, dass die Maschine den
Dienst versagt und dass Eure Majestaet auf Ihrer Hoehe einsam und allein
dastehen werden.

"Ich habe diese Frage," fuhr er fort, "eingehend studirt; die Macht der
Orleans ist gross, weit verzweigt und geschickt geleitet; es giebt keinen
Ort in Frankreich, in welchem nicht ein Agent dieser Sache sich
befindet. Zum grossen Theil sind diese Agenten Besitzer von
Buchdruckereien oder Buchhaendler und sie versaeumen keine Gelegenheit,
das Vertrauen auf das Kaiserreich zu erschuettern."

Der Kaiser stand auf--in zorniger Erregung zitterte sein Gesicht.

"Was wollen sie," rief er, "diese Orleans, die fortwaehrend dahin
gestrebt haben die bestehenden Gewalten zu stuerzen, und die es nie
verstanden haben sich die Herrschaft zu erhalten?--Glauben sie mit ihren
schwaechlichen Intriguen dieses Frankreich regieren zu koennen, das einer
eisernen Hand unter einem Handschuh von Sammet bedarf?"

"Gewiss wuerden sie nicht faehig sein," erwiderte Duvernois, "die
Herrschaft fest zu halten, wenn sie je wieder in ihre Haende gelangen
sollte, aber gewiss auch sind sie nicht geeignet, die kaiserliche
Regierung gegen die Angriffe zu vertheidigen, welche von unten herauf
gegen dieselbe gerichtet werden und--verzeihen Eure Majestaet meine
Offenheit--in diesem Augenblick liegen fast alle Vertheidigungsmittel
des Kaiserreichs in den orleanistischen Haenden und schon erhebt sich an
den Grenzen Frankreichs die Candidatur Montpensiers--sollte dieselbe
reuessiren, so werden mit veraenderten Personen und unter veraenderten
Umstaenden die Zeiten der Beschwoerung von Cellamare sich wiederholen."

Der Kaiser setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl und blickte finster
vor sich nieder.

Dann schlug er die Augen gross auf und sah Clement Duvernois mit einem so
brennenden und forschenden Blick an, als wolle er in den Tiefen seiner
Seele lesen.

"Und was kann ich thun?" fragte er. "Was muesste nach Ihrer Ueberzeugung
geschehen, um einer solchen Beschwoerung vorzubeugen und um den
Schwerpunkt der Regierung wieder in meine Haende--in die Haende meiner
Freunde zu legen?"

"Nach meiner Meinung," erwiderte Duvernois, "ist der Weg dazu einfach.
Wie die Personen dem Princip des Orleanismus folgend in die Regierung
eingetreten sind, so wird dieselbe sich wieder vollstaendig nach dem
Willen Eurer Majestaet bilden, anstatt der geschiedenen Freunde werden
neue erstehen, sobald das Grundprincip des Kaiserreichs wieder zu
kraeftiger Geltung kommt und zum Schwerpunkt der Regierung wird.

"Ich meine damit," fuhr er fort, als der Kaiser ihn fragend ansah, "dass
in diesem Augenblick das System des constitutionellen Doctrinarismus in
Eurer Majestaet Regierung massgebend ist; die Minister halten mit den
Rednern der Kammer dialektische Uebungen; studiren Gesetzesparagraphen
und deren Amendements und vergessen darueber, dass es ausserhalb der
Cabinette und ausserhalb der Sitzungssaele der Kammern ein Volk
giebt,--ein Volk, welches lebt und athmet, welches nicht aus Marionetten
besteht und welches schliesslich eine sehr laute Stimme und sehr kraeftige
Arme hat, um, wenn es die Geduld verliert, alle diese Kammerredner zu
ueberschreien und eine Regierung, welche die Fuehlung mit ihm verloren
hat, zu zertruemmern. Wie unter der Regierung Louis Philippe's die ganze
Geschichte Frankreichs sich zusammenfasste in das constitutionelle
Schaukelspiel zwischen Thiers und Guizot, wie endlich diese kuenstliche
Maschinerie unter dem ersten Hauch einer ernsten Volksbewegung in Atome
zerfiel, so laeuft Eurer Majestaet Regierung jetzt Gefahr, sich von dem
Boden des realen Volkslebens loszuloesen.

"Das Kaiserreich steht," fuhr er immer ernster und lebhafter fort,
waehrend Napoleon mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhoerte--"das
Kaiserreich steht auf dem Boden des allgemeinen Volkswillens, das ist
Napoleonischer Boden; lassen sich Eure Majestaet nicht hinueberlocken auf
den Boden des Parlamentarismus, denn jener Boden gehoert der
orleanistischen Agitation.

"Wenn Eure Majestaet," sprach er nach einer kurzen Pause weiter, "sich
fest und entschlossen wieder auf das Princip der Entstehung Ihrer
Regierung und Ihrer Dynastie stellen, so werden mit den falschen
Grundsaetzen, die jetzt die Autoritaet zersetzen, zugleich auch die
Personen verschwinden, welche von diesen Grundsaetzen emporgetragen
wurden; gerade auf diesem Gebiet koennen Eure Majestaet die Probe machen,
ob Diejenigen, welche Sie in Ihren Rath berufen haben, wirklich feste
und unerschuetterlich treue Diener des Kaiserthums und der Napoleonischen
Dynastie sind."

"Ich verstehe vollkommen," sagte der Kaiser, "und finde in Ihren
Gedanken Vieles was mit meinen Ideen uebereinstimmt; doch moechte ich Sie
bitten mir auch Ihre Meinung zu sagen ueber die Art und Weise, wie Sie
glauben dass Ihre principiellen Anschauungen practisch ausgefuehrt werden
koennen.

"Sie haben so tief und eingehend ueber den Kern der Fragen nachgedacht,
welche die augenblickliche Situation bestimmen, dass ich ueberzeugt bin,
Sie werden auch bereits die Mittel erwogen haben, durch welche Sie jene
Fragen loesen zu koennen glauben."

"Gewiss," erwiderte Clement Duvernois, "habe ich auch darueber meine
Gedanken zu ordnen versucht und ich glaube, dass auf eine einfache Weise
Eure Majestaet alle Unklarheiten der augenblicklichen Situation
beseitigen koennen. Der Fehler dieser Situation," fuhr er fort, waehrend
der Kaiser sich vorbeugte und mit gespannter Aufmerksamkeit
zuhoerte--"der Fehler dieser Situation liegt darin, dass der Schwerpunkt
des ganzen politischen Lebens allmaelig ausschliesslich in die
parlamentarischen Koerperschaften und in die Debatten der Kammern verlegt
worden ist; nach meiner Ueberzeugung muessen Eure Majestaet diesen
Schwerpunkt wieder dahin zurueckverlegen, wo die wahre Macht sich
befindet und wo die kaiserliche Regierung und die kaiserliche Dynastie
ihre einzig wahre und dauernde Stuetze finden kann, in das Volk selbst.

"Es sind viele Aenderungen in der Verfassung und in der Gesetzgebung des
Kaiserreichs vorgenommen, Grund genug um das Volk zusammenzuberufen und
durch ein Plebiscit alle diese Aenderungen gut heissen zu lassen; ein
solches Plebiscit wird dann zugleich auch von Neuem beweisen, dass das
ganze Volk noch ebenso wie beim Beginn des Kaiserreichs hinter Eurer
Majestaet, Ihrer Regierung und Ihrer Dynastie steht. Vor einer solchen
maechtigen Kundgebung der ganzen Nation wird jenes Gaukelspiel
parlamentarischen Scheinlebens, in welchem die orleanistische Doctrin
ihre Ausfuehrung und die orleanistische Agitation ihren Halt findet,
verschwinden."

Der Kaiser hob den Kopf empor, seine Augen oeffneten sich gross und weit
und ein stolzes und freudiges Laecheln spielte um seine Lippen.

"Sie haben Recht, mein Freund," sagte er mit leuchtendem Blick--"Sie
haben Recht. Ihr Gedanke ist ebenso einfach als gross und wahr; ich habe
neue Stuetzen, sichere Garantien fuer die Zukunft meiner Dynastie und fuer
den Thron meines Sohnes gesucht, Sie zeigen mir den Weg, auf dem ich sie
allein finden kann; Sie zeigen mir die breite und ewig feste Grundlage
meines Reiches, diese Grundlage, welche mein grosser Oheim verlassen hat
und von welcher ich ebenfalls im Begriff war mich ablenken zu lassen.
Ich danke Ihnen," fuegte er mit unendlich liebenswuerdigem Ausdruck hinzu,
"Sie haben mir in dieser Stunde einen grossen Dienst geleistet, Sie haben
Klarheit in die Ideen gebracht, die in meinem Geiste hin und her wogten
und sobald die Klarheit der Erkenntniss da ist, laesst auch die
Entschiedenheit des Handelns nicht auf sich warten.

"Ich werde meine Entschluesse ueber die formelle Ausfuehrung des
Gedankens, den Sie mir so klar entwickelt haben, zur Reife bringen und
den Ministern durch Ollivier mittheilen lassen."

"Wenn Eure Majestaet diesen Schritt thun," sprach Clement Duvernois, "so
wird sich auch die wahre Stellung der Personen deutlich erkennen lassen;
diejenigen Ihrer Raethe, welche wirklich das volksthuemliche Kaiserreich
unterstuetzen, staerken und erhalten wollen, werden, wie ich ueberzeugt
bin, mit Freuden auf dem Wege vorgehen, den Eure Majestaet beschreiten
wollen, diejenigen aber, welche den Doctrinen Ihrer Feinde dienen,
werden verschwinden.

"Glauben Sie mir, Sire, die Probe wird zur Klarheit fuehren und wenn,"
fuegte er mit dem Anklang leisen Vorwurfs hinzu, "Eure Majestaet Ihre
alten Freunde verloren haben, so werden Sie sich ueberzeugen, dass auf der
richtigen und wahrhaft grossen Basis neue und ebenso treue Freunde Ihnen
erstehen werden."

Der Kaiser streckte Herrn Duvernois mit anmuthiger Bewegung die Hand hin
und sprach:

"Davon, mein lieber Freund, habe ich mich schon in diesem Augenblick
ueberzeugt. Sie haben mir den Beweis gegeben, dass ich noch ueber Hingebung
und Vertrauen gebieten kann, Sie haben mir ohne Furcht und Rueckhalt die
Wahrheit gesagt.

"Doch," fuhr er nach einer kurzen Pause fort, "ich moechte noch ueber
einen Punkt Ihre Meinung hoeren.

"Sie wissen," sprach er langsam seinen Schnurrbart drehend, "dass das
nationale Gefuehl in Frankreich durch die preussischen Siege, durch die
Herstellung des maechtigen preussischen Uebergewichts in Deutschland tief
verletzt ist; der militairische Ruhm und das militairische Uebergewicht
Frankreichs in Europa ist gewissermassen eine Lebensbedingung einer
Regierung, welche den Namen Napoleon fuehrt und auf die Traditionen des
grossen Kaisers gestuetzt ist. Man raeth mir von vielen Seiten und zwar von
Seiten, deren Interesse an meiner Regierung nicht bezweifelt werden
kann--die schwuele Luft, welche ueber Europa liegt, durch einen kraeftigen
Wetterstrahl zu klaeren und die militairische Stellung des napoleonischen
Frankreichs wieder herzustellen."

"Man raeth Eurer Majestaet," fiel Clement Duvernois ein, "ganz einfach den
Krieg gegen Preussen zu fuehren, diesen uebermaechtig gewordenen Staat in
seine Grenzen zurueckzuweisen und der Welt zu zeigen, dass ohne
Frankreichs Genehmigung keine Veraenderungen in dem Gleichgewicht
Europa's sich vollziehen koennen; man raeth," fuhr er mit erhoehter Stimme
fort, "um es mit einem Worte zu sagen, Eurer Majestaet Das jetzt zu thun,
was Sie--verzeihen Sie meine Kuehnheit, Sire--unmittelbar nach der
Schlacht bei Sadowa haetten thun sollen."

Der Kaiser liess die Augenlider herabsinken und sprach mit leiser Stimme:

"Und was meinen Sie zu diesem Rath?"

"Sire," erwiderte Duvernois, "ich bin Franzose und bin ein treuer
Anhaenger der napoleonischen Dynastie--Eure Majestaet koennen also darueber
nicht im Zweifel sein, dass meinem Gefuehl der Rath, den man Eurer
Majestaet ertheilt hat, in hohem Grade sympathisch ist, mein Herz wuerde
aufwallen, mein Blut sich erwaermen, mein patriotischer Stolz sich
freudig erheben, wenn ich die Armeen Frankreichs unter den kaiserlichen
Adlern zu neuen Siegen ausziehen sehen wuerde und ich verkenne nicht, dass
ein maechtiger Erfolg gegen diese an unsern Grenzen sich emporrichtende
preussische Macht den Thron Eurer Majestaet immer fester und dauernder in
den Sympathieen des ganzen Volkes begruenden wuerde--aber--"

"Aber?" fragte der Kaiser gespannt.

"Aber zuvor, Sire, moechte ich mir die Frage erlauben, sind Eure
Majestaet des Erfolges sicher, ist die Organisation und Schlagfertigkeit
der franzoesischen Armee wirklich auf der Hoehe, um einem so furchtbaren
Gegner wie Preussen mit der Gewissheit des Sieges entgegentreten zu
koennen? Sind Eure Majestaet ferner sicher, Preussen isoliren zu koennen und
die Gegner, welche ihm 1866 gegenueber standen, zu einem neuen Kampf
bestimmen zu koennen?

"Wenn Eure Majestaet ueber diese Punkte voellig klar und sicher sind, dann
ist der Krieg ein gutes Mittel, dann wuerde ein grosser Sieg vielleicht
besser als alle inneren Massregeln die Schwierigkeiten der Lage
beseitigen. Sind aber Eure Majestaet eines solchen Erfolges nicht
vollkommen sicher, muessen Sie befuerchten, dass es dem so kuehnen und so
geschickten preussischen Staatsmann gelingen koennte, das gesammte
Deutschland in einer nationalen Erhebung gegen Frankreich um sich zu
versammeln, dann Sire um Gotteswillen keinen Krieg, denn, ich spreche
abermals mit der vollkommenen Offenheit eines ergebenen Freundes,--ein
ungluecklicher Feldzug, eine Niederlage wuerde die Stellung Frankreichs in
Europa fuer lange hinaus untergraben und zugleich im Innern alle Feinde
des Kaiserreichs wie der staatlichen Ordnung ueberhaupt entfesseln."

"Da liegt es," sagte der Kaiser mit dumpfem Ton. "Waere ich mein Oheim,
vermoechte ich es selbst mit der Spitze meines Degens die Armeen
Frankreichs zu lenken--ich wuerde mich wahrlich keinen Augenblick
besinnen, auf diese einfachste Weise alle Schwierigkeiten zu loesen--aber
kann ich das Schicksal meines Hauses, das Schicksal Frankreichs in die
Haende meiner Generale legen, welche diesem Gegner noch niemals gegenueber
gestanden haben?--Niel ist todt," fuhr er fort, halb zu sich selbst
sprechend, "ihm haette ich mit vollem Vertrauen die Fuehrung meiner Armee
uebergeben koennen.--Habe ich einen Niel?--Lebt sein Geist noch in den
Schoepfungen, die er hervorgerufen? Man sagt mir, dass Alles bereit
ist--man sagt mir, dass die franzoesische Armee unueberwindlich sei, aber
ein banges Misstrauen erfuellt mich; und wenn es misslaenge--es waere das
Ende, ein va banque-Spiel um das Kaiserreich--um Frankreich--ein va
banque-Spiel, bei dem man wohl Alles gewinnen, aber auch Alles verlieren
kann.

"Der Oberst Stoffel," fuhr er fort, "schreibt mir vortreffliche Berichte
ueber die preussische Armee-Organisation--es ist nicht genug, dass die
franzoesische Armee wohl geruestet sei, sie muss auch in der Tactik und
Bewegung jener so wunderbaren Organisation ebenbuertig sein, welche Koenig
Wilhelm und die grossen und genialen Interpreten seines Willens
geschaffen haben, denn wir duerfen niemals vergessen, dass wir es in
diesem Kriege nicht mit den Gegnern von Magenta und von der Krim zu thun
haben wuerden, und diesem Grafen Bismarck gegenueber wuerde kein Villa
Franca moeglich sein."

"Mir genuegt," sagte Clement Duvernois, "was Eure Majestaet mir so eben
gesagt haben; wenn in Ihrer Seele," fuhr er fort, "nur der geringste
Zweifel lebt, dann Sire, beschwoere ich Eure Majestaet, das Wuerfelspiel
des Krieges nicht zu wagen. Ein Sieg koennte niemals so grossen Nutzen
bringen, als eine Niederlage Unheil und Verderben anrichten wuerde, und
fuer die Machtstellung des kaiserlichen Frankreichs in Europa wuerde der
gewaltige Eindruck eines Plebiscits fast dem Siege auf einem
Schlachtfeld gleich kommen; auf diesem Wege sind Sie des Erfolges
sicher, Sire--deswegen gehen Eure Majestaet diesen Weg und bereiten Sie
langsam und vorsichtig eine militairische Aktion fuer die Zukunft vor,
denn nicht immer wird ja diese preussische Militairmacht von dem Geiste
geleimt werden, der heute an ihrer Spitze steht und es wird frueher oder
spaeter die Zeit kommen, in welcher mit der Sicherheit des Erfolges auch
das Schwert wieder in die Wagschale geworfen werden kann."

Der Kaiser stand auf.

"Ich danke Ihnen, mein lieber Duvernois," sagte er, "Sie sind auch in
diesem Punkte meinen Ideen begegnet--Sie werden sich ueberzeugen, dass ich
diesen Ideen gemaess handeln werde und ich hoffe, dass Sie mich mit Ihrer
so gewandten und scharfen Feder unterstuetzen werden.

"Ich wuensche und hoffe," fuhr er mit freundlichem Laecheln fort, indem er
Duvernois auf die Schulter klopfte, "dass Sie mir dereinst noch naeher
treten und mir auf hoeherem und weiterem Gebiet zur Seite stehen werden."

Clement Duvernois verneigte sich tief und sprach mit dem Ausdruck
stolzer Befriedigung:

"Wohin immer Eure Majestaet mich zu stellen fuer gut befinden werden,
meine ganze Hingebung, meine ganze Aufopferung und vor Allem meine ganze
Aufrichtigkeit werden Ihnen immer gehoeren."

Er zog sich langsam zurueck, verneigte sich an der Thuer noch einmal tief
vor dem Kaiser, der ihm mit freundlichem Kopfnicken zulaechelte und
verliess das Cabinet.

"Er hat Recht," sagte Napoleon, in seinen Lehnstuhl zuruecksinkend--"er
hat Recht; ich habe nicht mehr zu erkaempfen, sondern zu erhalten; ich
darf das grosse Spiel nicht spielen, zu dem man mich draengen moechte und
zu dem ich," sagte er mit duesterer Traurigkeit, "nicht mehr die Kraft in
mir fuehle."

Der Huissier oeffnete die beiden Thuerfluegel und rief:

"Ihre Majestaet die Kaiserin!"

Napoleon seufzte tief auf, erhob sich und ging seiner Gemahlin entgegen.




Drittes Capitel.


Ihre Majestaet die Kaiserin Eugenie trat raschen elastischen Schrittes
in das Cabinet.

Das roethlich blonde Haar der Kaiserin war in reichen Flechten ueber ihrer
edlen hochgewoelbten Stirn wie ein natuerliches Diadem zusammengewunden.
Das antik klassisch geschnittene Gesicht der Kaiserin, mit dem wunderbar
zarten, perlmutterschimmernden Teint zitterte in zorniger Bewegung, ihre
grossen dunkelblauen Augen flammten in gluehendem Feuer.

Sie trug einen einfachen dunkelgrauen Morgenanzug ohne allen Schmuck und
reichte mit einer anmuthigen aber etwas hastigen und unruhigen Bewegung
ihrem Gemahl die Hand hin, welche dieser mit ritterlicher Galanterie an
seine Lippen fuehrte.

"Ich habe so eben," sagte der Kaiser, "recht schmerzlich die Macht der
Zeit und des Alters empfunden, aber wenn ich Sie, meine ewig junge und
schoene Gemahlin ansehe, moechte ich fast an dieser Macht zweifeln. Warum
koennen Sie," fuegte er mit einem leicht wehmuethigen Laecheln hinzu, "Ihr
Geheimniss, der Zeit zu trotzen, mir nicht mittheilen? Niemand hat
unvergaengliche Jugend noethiger als ein Regent auf dem Thron dieses
unruhigen Frankreichs."

"Ich hoffe," rief die Kaiserin mit leicht zitternder Stimme, indem sie
sich in einen Lehnstuhl warf, "dass Sie jene Jugend und Energie
wiederfinden werden, um aller dieser Feinde Herr zu werden, welche sich
gegen uns erheben. Es ist dahin gekommen," fuhr sie immer lebhafter
fort, "dass man in diesem so leicht beweglichen Paris nicht mehr von dem
Kaiser spricht, sondern dass Herr Rochefort, dieser elende Pamphletist,
den Mittelpunkt des Interesses bildet. Haben Sie bereits ausfuehrlichere
Nachrichten ueber die Unruhen empfangen, welche gestern Abend in der
Stadt stattgefunden?

"Die Verhaftung dieses Rochefort ist auf recht ungeschickte Weise
vorgenommen, sie hat diesen Nichts bedeutenden Menschen noch populaerer
gemacht und dazu beigetragen, von Neuem die Tiefen aufzuwuehlen und den
Hass gegen die Regierung zu schueren."

"Ich habe gehoert," erwiderte der Kaiser ruhig, "dass einige Unruhen
stattgefunden haben, indessen scheint mir das nicht von Bedeutung
gewesen zu sein; ausfuehrliche Berichte habe ich noch nicht erhalten."

"Schlimm genug," rief die Kaiserin, "dass man Ihnen das noch nicht
erzaehlt hat; es scheint, dass in Ihrer Umgebung eine gewisse Neigung
vorherrscht, Ihnen Alles im rosigsten Licht darzustellen.

"Statt Rochefort," fuhr sie fort, "in aller Stille abzufuehren, statt ihn
einfach verschwinden zu lassen, hat man ihn mitten aus einer aufgeregten
Menge herausgenommen und ihm Gelegenheit gegeben, eine Maertyrer-Rolle zu
spielen; in der ganzen Stadt herrscht, wie man mir erzaehlt, eine sehr
bedenkliche Aufregung."

Der Kaiser laechelte.

"Wenn Sie meiner Umgebung vorwerfen, Eugenie," sagte er, "dass man mir
die Lage und die Ereignisse des Tages zu guenstig darstellt, so scheint
bei Ihnen das Gegentheil stattzufinden. Ihnen gegenueber scheint man
kleine unbedeutende Dinge zu grossen Erschuetterungen anschwellen zu
lassen.

"Doch hoeren wir," sagte er mit artiger Verbeugung gegen seine Gemahlin,
"den genauen Bericht."

Er trat zu der Portiere, welche die Thuer zu dem Zimmer seines
Geheimsecretairs maskirte und nach kurzer Zeit trat auf seinen Ruf Herr
Pietri, ein noch junger schlanker Mann mit blassem intelligentem
Gesicht, mit einem kleinen Schnurrbart und Knebelbart und von der Stirn
zurueckgestrichenem Haar in das Cabinet.

Herr Pietri verneigte sich tief vor der Kaiserin, welche mit leichtem
Kopfnicken seinen Gruss erwiderte und blieb schweigend stehen, die Anrede
des Kaisers erwartend.

"Ist ein genauer Bericht ueber die Ereignisse des gestrigen Abends und
der Verhaftung Rocheforts eingegangen?" fragte Napoleon.

"Zu Befehl, Sire," erwiderte Herr Pietri "Die Ruhestoerungen sind nicht
ganz unbedeutend gewesen, doch scheint in diesem Augenblick Alles
beendet."

"Wie hat man Rochefort verhaftet?" fragte der Kaiser, indem er sich
neben seine Gemahlin in einen Fauteuil setzte.

"Man hat gestern Abend um acht Uhr, Sire," sprach Herr Pietri, "in der
Rue des Flandres Rochefort in dem Augenblicke arretirt, als er in das
dortige Versammlungslocal der radicalen Partei eintreten wollte; am
Eingange des Saales standen zahlreiche Personen, welche auf die
Aufforderung von Flourens Miene machten, sich den Polizeiagenten
gewaltsam zu widersetzen. Rochefort forderte sie jedoch auf sich ruhig
zu verhalten und stieg ohne Widerstand mit den Beamten in den Wagen, um
nach dem Gefaengniss von St. Pelagie gefuehrt zu werden. Die im Innern des
Saales tagende Versammlung wurde zugleich aufgeloest, wobei es zu
heftigen Scenen kam, man insultirte den Polizeibeamten, welcher das
Aufloesungsdecret verlas und vertheilte sich dann in heftiger Bewegung
und unter lautem Tumult nach verschiedenen Seiten. Es kam in der Rue
Aboukir, im Faubourg du Temple, namentlich aber in Belleville zu
Volksansammlungen und lebhaften Demonstrationen; um Mitternacht wurden
einige Detachements der Garde de Paris und Truppen nach Belleville
abgesandt; daselbst war eine Barrikade gebaut, welche mit den Waffen in
der Hand genommen wurde; es sind auf beiden Seiten schwere Verwundungen
vorgekommen, bereits um Mitternacht sind zweihundert Gefangene nach der
Praefectur gebracht--auch an einigen andern Orten wurden Versuche zum
Barrikadenbau gemacht, aber durch das Einschreiten der Truppen sofort
vereitelt. Gegen Mitternacht zogen grosse Haufen von Arbeitern nach der
Fabrik Lefaucheur in der Rue Lafayette, pluenderten dieselbe und nahmen
ungefaehr dreihundert Revolver und fuenfzig Gewehre mit sich fort. Die
Boulevards waren bis gegen Morgen sehr belebt, verschiedene Laternen
sind zerbrochen, verschiedene Kioske umgeworfen, doch ist jetzt Alles
beendet."

"Sie sehen," sagte die Kaiserin, "dass die Sache ernst ist; wenn man erst
den Anfang hat machen koennen, ungestraft die Gewehrfabriken zu pluendern,
wenn auf diese Weise die Aufruehrer in den Besitz von vortrefflichen
Waffen kommen, so laesst sich gar nicht berechnen, welche Dimensionen eine
solche Bewegung annehmen kann."

Der Kaiser schuettelte mit missmuthigem Ausdruck den Kopf.

"Es scheint allerdings, mein lieber Pietri, dass man bei der Verhaftung
Rocheforts recht ungeschickt verfahren ist. Warum hat man ihn nicht am
Ausgang des Corps legislativ arretirt oder in der Nacht aus seiner
Wohnung geholt? Der ungeeignetste Ort ihn zu fassen war jedenfalls eine
grosse Volksversammlung, von welcher aus sich naturgemaess die unruhige
Bewegung ueber ganz Paris verbreiten musste. Schreiben Sie sogleich an
Ollivier und verlangen Sie Auskunft darueber, warum man diesen nach
meiner Ansicht ungeeignetsten Weg eingeschlagen hat?"

Pietri verneigte sich.

"Ich bedaure sehr," sagte der Kaiser, sich zu seiner Gemahlin wendend,
"dass ich mich ueberhaupt habe bestimmen lassen, meine Genehmigung zu dem
Strafverfahren und zur Verhaftung Rocheforts zu geben; man hat dadurch
diesen an sich so unbedeutenden Menschen gross und einflussreich gemacht.
Schon das Verbot der 'Laterne' war ein Fehler; dieses an sich ziemlich
geist- und witzlose Machwerk waere von selbst untergegangen, wenn man
sich nicht darum gekuemmert haette."

"So haetten Sie lieber ruhig zusehen wollen," rief die Kaiserin mit
flammenden Augen, "dass elende Pamphletisten nicht nur die Autoritaet der
Regierung angreifen, sondern sogar die Personen nicht schonen dass sie es
wagen, sogar Sie selbst, mich Ihre Gemahlin und Ihren Sohn mit Schmutz
zu bewerfen? Wenn so etwas in Paris ungestraft geschehen darf, wie soll
man in dem uebrigen Frankreich, wie soll man im Auslande noch an die
Macht der kaiserlichen Regierung glauben?

"Und in der That," fuegte sie bitter hinzu, "man faengt bereits an, diesen
Glauben zu verlieren."

Der Kaiser neigte leicht das Haupt gegen Pietri:

"Haben Sie die Guete," sagte er, "den Brief an Ollivier sogleich abgehen
zu lassen."

Pietri entfernte sich mit tiefer Verbeugung.

"Sie muessen einen ernsten Entschluss fassen, Louis," sagte die Kaiserin.
"Die Zustaende koennen unmoeglich so weiter bestehen. Es ist eine
Zuegellosigkeit, eine Frechheit bei den Agitatoren und den von ihnen
geleiteten unteren Volksklassen entstanden, welche stets wachsen muessen
und uns endlich verderben werden, wenn nicht schleunigst Einhalt gethan
wird."

"Aber Sie sehen ja," sagte der Kaiser, "dass mit aller Energie
vorgegangen worden ist; hat man auch etwas ungeschickt gehandelt, so ist
doch die Autoritaet der Regierung mit leichter Muehe Sieger geblieben."

"Sie ist es heute geblieben," sagte die Kaiserin, "sie wird es morgen
noch bleiben, aber der Zeitpunkt kann vielleicht bald kommen, in welchem
man nicht mehr Herr ueber die Bewegung sein wird, denn wir befinden uns
dieser Bewegung gegenueber in der Defensive und das ist eine schlimme
Position; es muss mit einem grossen, gewaltigen und kuehnen Schlage mit dem
Allen ein Ende gemacht werden. Sie muessen die Verhaeltnisse mit fester
und entschlossener Hand da anfassen, wo der Schluessel zu all dieser
Unsicherheit und all diesen schwankenden Bewegungen liegt--"

--"Und dieser Schluessel liegt?" fragte Napoleon, mit der Hand ueber
seinen Knebelbart streichend.

"Er liegt in dem tiefen Gefuehl," rief die Kaiserin, "welches ganz
Frankreich durchzieht, und welches Ihre besten und treusten Freunde
erfuellt, dass die Macht und das Ansehen des Kaiserreichs, dass Ihr
persoenliches Prestige in Europa schwer erschuettert ist, ja taeglich von
Neuem verhoehnt wird durch diese taeglich anmassender auftretende
preussische Macht."

Ein Zug schmerzlicher Ermuedung erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er
zuckte fast unmerklich die Achsel und sagte:

"Aber glauben denn die Partisane des Krieges, welche"--fuegte er mit
einer ganz feinen Nueance leichter Ironie hinzu--"es so vortrefflich
verstehen, Ihnen ihre Ideen einzufloessen,--glauben sie denn, dass ich de
but en blanc an die Grenzen marschiren und Preussen den Krieg erklaeren
koennte? Dazu gehoeren doch vor Allem sehr ernste militairische
Vorkehrungen dazu gehoert denn doch auch ein Kriegsgrund, welcher
ebenfalls mit Geschicklichkeit vorbereitet werden muss."--

"Zu den militairischen Vorbereitungen," sagte die Kaiserin, "sollten
Sie, wie ich glaube, seit der Schlacht bei Sadowa Zeit genug gehabt
haben; es ist allerdings ein grosses Unglueck, dass der vortreffliche Niel
gestorben ist, aber bereits vor mehr als einem Jahr erklaerte er unsere
Armee fuer vollkommen schlagfertig--"

"Seit jener Zeit ist eben mehr als ein Jahr verflossen," fiel der Kaiser
ruhig ein, "und in diesem Zeitraum hat sich," sagte er seufzend, "die
Leitung der Armee leider nicht mehr in Niels Haenden befunden."--

"Und was den Kriegsgrund betrifft," sprach die Kaiserin lebhaft weiter,
ohne die Bemerkungen ihres Gemahls zu beachten, "so liegt Ihnen derselbe
ja voellig fertig zur Hand. Der Prager Frieden ist unter der Garantie
Frankreichs geschlossen worden und Preussen verletzt taeglich die
Bestimmungen jenes Friedensvertrages. Man giebt den armen Daenen ihr
Recht nicht, welche Frankreich vertraut haben und auf Frankreich hoffen
und in Sueddeutschland ist die Stimmung eine tief erbitterte; taeglich
werden dort Versuche gemacht, in die durch den Prager Frieden garantirte
Selbststaendigkeit der Staaten einzugreifen; auch dort erwartet man nur
eine kraeftige Action Frankreichs, um diese gewaltsamen Schoepfungen von
1866 wieder zu zertruemmern."

"Sind Sie so genau ueber die Stimmung in Sueddeutschland unterrichtet?"
fragte der Kaiser. "Ich habe nicht ein so absolutes Vertrauen auf den
Beistand, den wir dort finden koennen."

"Die ganze katholische Kirche in Bayern," sprach die Kaiserin weiter,
"ist von tiefem Hass gegen Preussen erfuellt und wenn Frankreich fuer die
genaue Erfuellung des Prager Friedens eintreten wuerde, so wuerden alle
jene Besiegten von 1866, bei denen noch die Traditionen aus der Zeit
Napoleons I. maechtig sind, Frankreich als seinen Retter begruessen."

Der Kaiser schuettelte bedenklich den Kopf und schwieg einige Augenblicke
in Gedanken versunken, waehrend die Kaiserin ihn forschend und ungeduldig
ansah.

"Ich verkenne nicht," sagte er dann, "dass eine geschickte Behandlung der
Verhaeltnisse, welche der Prager Frieden geschaffen, uns einen guten
Grund zum Kriege bieten kann, bei welchem es sich auch vermeiden laesst
das deutsche Nationalgefuehl auf die Seite unserer Gegner zu bringen.
Doch das Alles verlangt ruhige und ernste Erwaegung, da wir vor Allem
vermeiden muessen, vor den Augen des uebrigen Europa als die Stoerer des
Weltfriedens dazustehen und zu diesen Vorbereitungen scheint mir jetzt
nicht der geeignete Augenblick."

"So wollen Sie warten," rief die Kaiserin, "bis die Wogen der inneren
Unruhen immer uebermaechtiger heranschwellen?--bis endlich die ganze Welt
sagen wird, Sie machten den Krieg nur, um einen Ausweg zu suchen aus
den Verlegenheiten, in welche wir immer tiefer versinken?"--

"Um den Krieg vorzubereiten," sagte Napoleon, seinem inneren
Gedankengange folgend--"muss ich mit Maennern umgeben sein, welche den
Krieg wollen.--Glauben Sie," fragte er, die Augen gross aufschlagend und
seine Gemahlin fest anblickend--"glauben Sie, dass Daru der geeignete
Mann ist, um den Kriegsfall diplomatisch vorzubereiten? Halten Sie
Ollivier fuer geeignet, den Krieg im Lande selbst populaer zu
machen--diese Maenner der parlamentarischen Doctrin, deren
Lebensbedingung der Friede quand meme ist?"--

"Daru?" rief die Kaiserin. "Warum ist Daru Ihr auswaertiger Minister?
Warum haben Sie diesen mit den Orleans so eng verbundenen Mann neben
sich, der, obgleich er den Namen des grossen Kaisers traegt, doch keinen
von den Instincten in sich hat, welche einen Minister des napoleonischen
Frankreichs erfuellen muessen.

"Und Ollivier," sprach sie mit einem feinen Laecheln von
unbeschreiblichem Ausdruck--"nun, Ollivier wird Ihnen vortreffliche
Reden voll Eloquenz und Begeisterung fuer den Krieg halten, wenn Sie ihn
nur richtig zu nehmen wissen--oder wenn Sie ihn mir ueberlassen wollen,
und wenn dieser Mann des Friedens den Krieg predigt--so wird sich doch
ganz Frankreich ueberzeugen, dass der Krieg eine Nothwendigkeit ist."

"Und wenn Graf Daru abtraete?" sagte der Kaiser--"wen habe ich, um an
seine Stelle zu setzen, wo finde ich den Mann, der die Kuehnheit hat,
eine solche Verantwortung auf sich zu nehmen und zugleich das Ansehen,
um Frankreich mit sich fortzureissen?"

"Ich glaube," sagte die Kaiserin, "dass ein solcher Mann nicht zu schwer
zu finden sein wuerde; ich wuerde um die Wahl nicht in Verlegenheit sein
und Sie haben ja selbst schon frueher an Denjenigen gedacht, welcher mir
im Sinne liegt--"

Der Kaiser blickte fragend zu seiner Gemahlin hinueber.

"Grammont," sagte diese, "ist tief durchdrungen von der Ueberzeugung,
dass nur ein grosser nationaler Krieg den Fehler von 1866 wieder gut
machen und Frankreich wiederum auf seine alte Hoehe heben kann. Grammont
kennt auf das Genaueste die Verhaeltnisse in Oesterreich, der einzigen
Macht, auf welche wir direct oder indirect bei unserer Action rechnen
koennen; Grammont ist aufrichtig und ohne Rueckhalt dem Kaiserreich und
unserer Dynastie ergeben und sein Name hat einen guten Klang im Lande,
da er mit allen grossen ruhmreichen Epochen der Vorzeit verknuepft ist.
Grammont ist ein ritterlicher und fester Charakter--warum lassen Sie
Grammont in Wien? Setzen Sie Grammont an Daru's Stelle und Alles wird
sich von selbst machen."

"Sie koennten Recht haben," sagte Napoleon, indem er seinen Blick
vollstaendig unter den herabsinkenden Augenlidern verschleierte--"lassen
Sie mich darueber nachdenken--"

"Nur darf dieses Nachdenken," rief die Kaiserin aufstehend, "nicht zu
lange dauern. Ich bitte Sie Louis," rief sie, nahe an ihn herantretend,
indem sie den Arm auf seine Schulter legte und ihn mit fast zaertlichen
Blicken ansah--"ich bitte Sie, denken Sie, daran, dass es sich nicht nur
um unser Ansehen und unsere Macht handelt, sondern dass auch die Zukunft
unseres Sohnes, unseres einzigen Kindes in Frage steht.--Die Armee,
diese edle franzoesische Armee ist unsere einzige Stuetze wie sie einst
die seinige sein wird--und die Armee beginnt unzufrieden zu werden ueber
die lange Unthaetigkeit, ueber die untergeordnete Stellung, zu welcher das
militairische Frankreich in Europa herabgedrueckt wird. Unser Kind ist
der Armee noch fremd, aber er ist gross genug, um in einem nationalen
Feldzuge in der Mitte der Truppen hinauszuziehen.

"Denken Sie, dass die franzoesische Armee in grossen, siegreichen
Schlachten unser theures Kind in ihren Reihen sieht, dass sein Name sich
verknuepft mit ihrem Ruhm und ihren Lorbeeren, dann,"--rief sie, indem
ihr Auge begeistert aufleuchtete, "dann wird keine Bewegung im Innern,
kein Rochefort, kein Flourens im Stande sein, ihm das Erbe streitig zu
machen, das Sie fuer ihn durch die Arbeit eines halben Lebens geschaffen
haben."

Der Kaiser drueckte seine Lippen auf die marmorweisse Stirn seiner
Gemahlin und strich langsam mit der Hand ueber ihr weiches,
goldschimmerndes Haar.--

"Ich danke Ihnen, Eugenie," sagte er sanft und innig, "dass Sie in meine
alternde Seele das Feuer und die Kraft der Jugend giessen. Lassen Sie
mich alle Fragen der Situation ruhig pruefen und ueberlegen und glauben
Sie, dass der Funke, den Sie in diesem Augenblick in mir entzuendet, nicht
erloeschen wird."

Sie lehnte den schoenen Kopf an seine Schulter und blieb einige
Augenblicke schweigend neben ihm stehen.

"Ich will jetzt," sagte Napoleon dann, "ein wenig ausfahren und die
Boulevards besuchen; man soll nicht sagen, dass ich im Alter gelernt
habe, mich vor dem Aufruhr und der Gefahr zu fuerchten--ich will festen
Blickes diesem Volk von Paris in's Auge sehen; man soll erkennen, dass
ich noch Vertrauen auf meine Kraft und auf meinen Stern habe."

"Ich weiss es, Louis," sagte die Kaiserin, ihm die Hand drueckend, "dass
die Furcht in Ihrer Seele keinen Platz hat und ich bitte Gott, dass es
mir vergoennt sein moege, Sie noch einmal von siegreichen Schlachtfeldern
lorbeergekroent zurueckkehren zu sehen."

Der Kaiser geleitete sie bis zur Thuere und kuesste sie nochmals innig auf
die Stirn.

"Meine Gemahlin moechte ein wenig die Leitung in die Hand nehmen, wie es
scheint," sagte er, als die Kaiserin das Cabinet verlassen hatte,
langsam auf- und niederschreitend. "Sie hat bereits diesen Ollivier, der
eifrigst Alles thut, was sie will. Sie hat Recht, er wuerde auch den
Krieg predigen, wie er schliesslich Alles vertheidigen wuerde, was ihm
Gelegenheit giebt eine schoene Rede zu halten und seinem Ehrgeiz und
seiner Eitelkeit schmeicheln zu lassen. Nun will sie auch noch
Grammont.--Grammont ist kein Ollivier, er ist ein edler und
ritterlicher Charakter, aber sein Geist hastet an der Oberflaeche der
Dinge. Es ist ihm unmoeglich, sich in die Ursachen und Consequenzen der
Ereignisse zu vertiefen. Grammont und Ollivier wuerden den Krieg machen,
das ist wahr.--Sie wuerden auch in einem augenblicklichen Elan den
Nationalgeist mit sich fortreissen. Aber wohin wuerde dieser Krieg fuehren?
Wuerden jene Maenner im Stande sein, im Falle des Ungluecks den Widerstand
zu organisiren, die Nation um mich fest zu halten?--

"Nein, nein," sagte er mit fest entschlossener Stimme, "noch sehe ich
die augenblickliche Nothwendigkeit einer kriegerischen Action nicht
ein.--Sie wird freilich taeglich naeher an mich herantreten," sprach er
seufzend, "und entziehen werde ich mich ihr nicht koennen. Dann aber soll
wenigstens die Leitung der Angelegenheiten in festen und entschlossenen
Haenden liegen.--

"Ich will mit Drouyn de L'huys sprechen.--Er hat auch gewisse
Beziehungen zwischen den Orleans," sprach er leise in tiefen Gedanken,
"aber immerhin ist er ein ehrlicher, fester, entschiedener Mann, der es
versteht das durchzufuehren, was er beginnt--Eugenie liebt ihn nicht, ich
weiss es. Aber auf persoenliche Neigung oder Abneigung meiner Gemahlin
kann es in einer so ernsten Frage, bei welcher die ganze Existenz des
Landes auf dem Spiel steht, nicht ankommend."

Er bewegte die Glocke.

"Ich will ausfahren," sprach er zu dem eintretenden
Kammerdiener.--"Grosse Attelage, offene Kalesche! Ist der General Fave
da?"

"Der General wartet im Vorzimmer."

"Fuehren Sie ihn herein!"

Der Kammerdiener oeffnete die Thuer.

Der General Fave im schwarzen Morgenanzuge trat ein.

Der Kaiser liess sich seinen Hut und einen warm gefuetterten Morgenanzug
reichen, nahm ein spanisches Rohr und stieg, sich leicht auf den Arm des
Generals stuetzend, die Treppe hinab. Die offene Kalesche mit dem
schwarzen Viergespann fuhr unter das Zeltdach des Einganges.

Langsam und etwas schwerfaellig mit leichtem schmerzlichem Zucken in
seinem Gesicht stieg der Kaiser in den Wagen und setzte sich vorsichtig
nieder.

General Fave nahm zu seiner Seite Platz.--Die Piqueurs sprengten voran
und schnell fuhr die kaiserliche Equipage aus dem Ehrenhof der
Tuilerien.

Als der Kaiser an den Anfang der Boulevards bei der Madeleinekirche
gekommen war, befahl er langsam zu fahren.

Schnaubend und ungeduldig gingen die edlen Thiere des kaiserlichen
Gespanns im Schritt ueber die Mitte der grossen Boulevards hin, waehrend
die Piqueurs etwa dreissig Schritt vorausrittten. Die Voruebergehenden
blieben stehen. Es umgab eine dichte Menschenmasse den kaiserlichen
Wagen. Die Menge befand sich in der unmittelbaren Naehe des Kaisers. Die
sergeants de ville, die den Dienst auf den Boulevards thaten, wollten
die Herandraengenden zurueckweisen.

"Laissez approcher!" sagte Napoleon mit lauter Stimme, indem er zugleich
den Hut erhob und die Menge mit freundlichem Laecheln begruesste.

Erst einzelne Stimmen, dann ein tausendstimmiger Ruf antwortete mit
lautem: "Vive l'Empereur!" auf diesen Gruss.

Ein einfach gekleideter Mann aus dem Volke stieg auf den Tritt des
kaiserlichen Wagens, schwenkte den Hut in der Luft und rief mit laut
schallendem Ton:

"Es lebe der Kaiser, die Kaiserin, der kaiserliche Prinz. Nieder mit den
Meuterern!"

Diese Rufe wiederholten sich weit hin ueber die Boulevards.

Langsam fuhr der Kaiser die ganze Linie hinunter, immer begleitet von
einer stets anwachsenden und immer lauter rufenden Menge, immer mit der
Hand und freundlichem Kopfnicken gruessend.

"Sehen Sie," sagte er laechelnd, sich zum General Fave wendend, "alle
diese Unruhen haben Nichts zu bedeuten. Jeder Mann konnte mich hier mit
einem Dolch oder mit einer Kugel erreichen, und alle diese Leute gruessen
mich und rufen mir ihre Anhaenglichkeit und Treue entgegen. Man muss
diesem Geist der Revolution nur ruhig in's Auge sehen, dann verliert er
sofort seine grossen und gefaehrlichen Dimensionen."

Der Wagen war am Ende der Boulevards angekommen.

"Nach Belleville!" rief Napoleon.

Er gruesste noch einmal mit dem Hute, noch einmal brach die ganze
versammelte Menschenmenge in ein lautes, volltoenendes "Vive l'Empereur!"
aus und in raschem Trabe fuhr der Wagen nach jenen von der arbeitenden
Bevoelkerung der Residenz bewohnten Gegenden.

"Fuerchten Eure Majestaet nicht," sagte der General Fave, "dass in jenem
unruhigsten Viertel von Paris irgend etwas Feindliches zu besorgen waere?
Wir haben keine Bedeckung, nicht einmal Waffen bei uns," fuegte er mit
etwas aengstlicher Miene hinzu.

"Wer die Gefahr fuerchtet, wird ihr unterliegen," antwortete der Kaiser,
stolz den Kopf erhebend. "Lassen Sie uns ruhig diese Spazierfahrt
machen. Wir haben Nichts zu besorgen und Frankreich muss erkennen, dass
ich mich noch als seinen Herrn fuehle."

Man war in Belleville angekommen.

Abgebrochene Laternenstangen, zerschlagene Fenster, stellenweis
zerstoerte Trottoirs zeugten noch von der Unruhe der letzten Nacht.
Wenige Menschen gingen auf der Strasse, an den Thueren der Haeuser standen
meist Frauen und Kinder, welche neugierig der kaiserlichen Equipage
nachsahen; hinter denselben erblickte man finstere Gesichter mit
verworrenem Haar und struppigen Baerten, welche ihre duestern Blicke mit
dem Ausdruck finstern Hasses auf den kaiserlichen Wagen richteten. Alles
verhielt sich schweigend, kein gruessender Ruf ertoente, aber auch kein
Laut feindlicher Kundgebung liess sich hoeren.

Man kam an eine in der Nacht vorher errichtete und von den Truppen
genommene Barrikade. Einige Arbeiter in Blousen waren unter der Aufsicht
von sergeants de ville beschaeftigt, die Truemmer derselben hinweg zu
raeumen, welche aus dem Holz von umgeworfenen Kiosken, zerbrochenen
Fiakern und Asphaltstuecken des Trottoirs bestanden.

Der Kaiser liess halten.

An den Fenstern des naechsten Hauses erschienen in grosser Anzahl jene
duesteren, feindlich blickenden Gesichter, welche man in dem eleganten
glaenzenden Theil von Paris nur dann erblickt, wenn die aufgaehrenden
Wogen der Revolution aus den Tiefen heraufdringen. Der Kaiser befragte
den Fuehrer der sergeants de ville, welcher in dienstlicher Haltung an
den Wagenschlag herangetreten war, genau nach allen Details der
naechtlichen Vorgaenge, dann liess er den Blick ueber die Fenster
hinschweifen.

Kleine Gruppen von Menschen waren auf der Strasse stehen geblieben.
Napoleon gruesste artig mit der Hand hinueber, aber kein Ruf antwortete
ihm. Alle diese Maenner und Frauen blickten finster und unbeweglich vor
sich hin.

"Vorwaerts!" befahl Napoleon.

Die Pferde zogen an, und langsam bewegte sich der Wagen ueber die noch
nicht ganz fortgeraeumten Truemmer der Barrikaden.

Da ertoente aus einem der umliegenden Haeuser wie aus der Luft herklingend
eine tiefe, rauhe und heiser toenende Stimme.

"Fahre hin, blutiger Caesar! Das Volk, das Du gemordet, erwartet Dich
vor dem Richterstuhl der Geschichte!"

Der Kaiser zuckte zusammen.

"Halt!" rief er.

Sein Wagen stand unbeweglich. Keine Bewegung zeigte sich an den
Fenstern. Die verschiedenen Menschengruppen auf der Strasse standen starr
und still. Niemand schien die Worte gehoert zu haben, welche eben so
schauerlich durch die Luft klangen. Der Kaiser liess den brennenden Blick
seiner grossen duester aufleuchtenden Augen rings umher schweifen.

Die sergeants de ville wollten auf die Menschengruppen nach der Seite
hin, von welcher man jene Stimme vernommen hatte, zueilen.

"Man soll keine Nachforschungen anstellen," sagte Napoleon kalt und
ruhig.

Dann legte er sich in den Wagen zurueck, blickte einige Minuten auf die
Truemmer der Barrikaden, gruesste nochmals mit wuerdiger Handbewegung die an
der Seite der Strasse stehenden Gruppen und befahl endlich, weiter zu
fahren.

Schweigend und in Gedanken versunken fuhr der Kaiser ueber die aeussern
Boulevards durch den Parc de Monceau nach der rue Francois premier. An
der Ecke dieser Strasse hielt der Kutscher, welcher von dem General Fave
seine Instructionen erhalten hatte, vor einem grossen Hause die Pferde
an.

Das Thor des Hauses oeffnete sich, Lakaien eilten heraus und traten
dienstfertig an den Schlag des kaiserlichen Wagens.

"Ist Herr Drouyn de L'huys zu Hause?" fragte der Kaiser.

"Zu Befehl, Sire."

Napoleon stieg aus und trat, auf den Arm des Generals gestuetzt, durch
das grosse Eingangsthor in einen innern elegant gepflasterten Hof, an
dessen Langseite eine breite Steintreppe von vier bis fuenf Stufen in das
Innere des Hotels fuehrte.

In dem Vestibule des Hauses erschien schnell herbeieilend der fruehere
langjaehrige Minister der auswaertigen Angelegenheiten, jetziger Senator
und Mitglied des Geheimen Raths, Herr Drouyn de L'huys. Seine Gestalt
war etwas voller, seine Bewegungen etwas schwerfaelliger geworden; sein
kurzes Haar und sein Backenbart erschienen fast weiss, aber der Ausdruck
und die Farbe seines kraeftigen, etwas phlegmatischen Gesichts zeigten
noch immer eine fast jugendliche Frische, und die kleinen, klaren,
grauen Augen blickten lebhaft und geistvoll unter den starken
Augenbrauen hervor.

Herr Drouyn de L'huys verneigte sich mit wuerdevoller Ruhe vor dem Kaiser
und sprach mit seiner vollen und klaren aber etwas leisen Stimme:

"Ich bitte um Verzeihung, Sire, dass ich Eure Majestaet nicht schon am
Wagenschlag empfangen habe. Aber ich bin durch die Ehre Ihres Besuchs so
vollstaendig ueberrascht, dass ich kaum die Zeit hatte, Ihnen entgegen zu
eilen."

"Ich sehne mich Sie zu sehen, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte
der Kaiser, seinem fruehern Minister die Hand reichend, die dieser
ehrerbietig ergriff. "Da Sie sich selten in die Tuilerien machen, so muss
ich wohl zu Ihnen kommen."

Herr Drouyn de L'huys war dem Kaiser vorgeschritten.

Sie traten in den grossen Empfangssalon.

"Madame Drouyn de L'huys wird sogleich bereit sein, vor Eurer Majestaet
zu erscheinen, sie ist noch mit ihrer Toilette beschaeftigt."

"Ich bitte Sie," sagte der Kaiser, "Ihre Gemahlin nicht zu derangiren.
Lassen Sie uns in Ihr Cabinet gehen, ich moechte ein wenig mit Ihnen
plaudern. Der General wird die Guete haben mich hier zu erwarten."

Drouyn de L'huys verneigte sich und fuehrte den Kaiser durch ein kleines
Vorgemach in sein Arbeitszimmer, dessen Fenster durch Vorhaenge von
dunkelgruener Seide zur Haelfte verhuellt waren und dessen ganze
Ausstattung in einem grossen Tisch von Eichenholz, einigen grossen
Fauteuils und auf verschiedenen Consolen aufgestellten Antiken,
Kunstwerken von Marmor oder Bronce bestanden. In einem schoen
gearbeiteten Kamin brannte ein helles Feuer.

Napoleon legte seinen Ueberrock ab und liess sich, indem er froestelnd
zusammenschauerte, in einen tiefen Lehnstuhl vor dem Kamin nieder.

Drouyn de L'huys nahm auf seine Einladung neben ihm Platz und erwartete
schweigend die Anrede seines Souverains, der einige Augenblicke in
sinnendem Nachdenken auf die zuengelnde Flamme blickte.

"Die Lage ist ernst, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte Napoleon
endlich, indem er, wie einen raschen Entschluss fassend, sofort auf den
Gegenstand einging, der seine Gedanken beschaeftigte,--"die Lage ist
ernst, und ich muss darauf denken, sie zu verbessern. Denn," fuegte er
halb scherzend, halb wehmuethig hinzu, "die Zeit respectirt die Kronen
und den Purpur nicht. Ich werde alt und immer aelter und bevor ich aus
diesem irdischen Leben scheide, muss ich meine Angelegenheiten ordnen und
mein Haus bestellen. Mein Haus aber ist Frankreich. Sie sind so lange
der Hueter dieses Hauses gewesen, dass ich in dem ernsten Augenblick, in
dem wir uns jetzt befinden, bei Niemandem besser Rath finden kann als
bei Ihnen."

Drouyn de L'huys verneigte sich schweigend, keine Miene seines Gesichts
zeigte die geringste Bewegung; in seinen Zuegen lag nur die ehrerbietige
Aufmerksamkeit auf das, was der Kaiser ihm sagen wuerde, aber keine
Neugierde, keine Spannung es zu vernehmen.

"Sie haben," sagte der Kaiser zoegernd und eine leichte Verlegenheit
ueberwindend, "Sie haben im Jahre 1866 mit patriotischem Eifer und
begeisterter Ueberzeugung die Ansicht vertheidigt, dass ich den
Thatsachen gegenueber, welche sich in Deutschland durch die Schlacht von
Sadowa vollzogen haben, mein Veto einlegen solle, um die Constituirung
der neuen preussischen Macht zu verhindern oder fuer Frankreich diejenigen
Compensationen zu erreichen, welche uns in den Stand gesetzt haetten,
auch jener Macht gegenueber unsere Stellung zu behaupten."

Drouyn de L'huys neigte betaetigend das Haupt.

"Ich erinnere mich, Sire," sagte er, "dass jene Ansicht, welche auch
heute noch die meinige ist, damals unausfuehrbar war, weil Eurer Majestaet
Marschaelle erklaerten, dass eine militairische Action in jenem Augenblick
unmoeglich oder hoechst bedenklich sei. Ich bin auch heute noch der
Ansicht," fuhr er mit fester Stimme fort, "dass damals eine wirklich
militairische Action garnicht moeglich geworden waere, dass die
franzoesischen Fahnen am Rhein allein genuegt haetten, um unmittelbare
Annahme der Bedingungen zu erwirken, welche man spaeter, nachdem der
Frieden von Prag geschlossen war, so schnoede zurueckgewiesen hat."

"Sie sind damals," sprach der Kaiser mit sanfter trauriger Stimme, "von
den Geschaeften zurueckgetreten, weil ich Ihrer Ansicht nicht beipflichten
konnte. Sie zuernen mir, vielleicht haben Sie Recht--vielleicht habe ich
damals Unrecht gehabt."--

"Ich wage nicht, Eurer Majestaet Handlungen zu beurtheilen," erwiderte
Drouyn de L'huys, "und erlaube mir nicht Eurer Majestaet zu zuernen, weil
Sie nach Ihrem eigenen Ermessen Frankreich regieren, aber Eure Majestaet
wissen auch, dass ich nur dann Ihr Minister sein kann, wenn die Politik,
die Sie befehlen, meiner eigenen Ueberzeugung entspricht. Dass ich mich
damals zurueckgezogen habe, dass ich mich seither von dem politischen
Leben vollkommen fern halte, werden Eure Majestaet natuerlich finden und
mir deshalb Ihre Gnade und Ihr Vertrauen nicht entziehen."

"Wie wenig mein Vertrauen zu Ihnen erschuettert ist," sagte Napoleon,
"sehen Sie daraus, dass ich in diesem Augenblick zu Ihnen komme, um Ihren
Rath zu hoeren,--den Rath eines Freundes, eines bewaehrten Freundes, eines
der wenigen Freunde, die mir noch bleiben," sagte er tief
seufzend--"denn ich habe viel verloren."

"Mein Rath, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "wenn Eure Majestaet auf
denselben Werth legen, wird Ihnen in jedem Augenblick zu Gebote stehen,
und der Privatmann wird Ihnen mit derselben Ergebenheit und
Aufrichtigkeit die Wahrheit oder das, was er fuer die Wahrheit haelt,
sagen, als es Ihr Minister gethan hat."

"Irgend ein grosser Staatsmann," sagte der Kaiser, immerfort in die
Flammen des Kamins blickend, "ich glaube Metternich--sagt, einen Fehler
machen sei nicht so schlimm, als einen gemachten Fehler nicht
verbessern. Nun wohl," fuhr er fort, sich mit verbindlichem Laecheln zu
Drouyn de L'huys wendend, "wir haben einen Fehler gemacht, ich fange an
mich zu ueberzeugen, dass es weit besser gewesen waere, damals Ihrem Rath
zu folgen. Doch moechte ich nicht die zweite groessere Schuld auf mich
laden, jenen Fehler nicht zu verbessern, und es handelt sich darum, wie
dies geschehen koenne. Man hat mir zu liberalen Concessionen gerathen,"
fuhr er schneller und lebhafter sprechend fort, "um die Zukunft des
Kaiserreichs mit populairen Institutionen zu umgeben. Ich habe jene
Concessionen gemacht, die Unzufriedenheit hat sich vermehrt und die
Zukunft des Kaiserreichs beruht, wenn wir uns die Wahrheit nicht
verhehlen wollen, mehr als je auf meinen persoenlichen Einfluss. Von allen
Seiten sagt man mir, und ich fange an zu glauben, dass man Recht hat, dass
die Schwierigkeit der Situation weniger im Innern, als in dem
geschwaechten Einfluss Frankreichs nach Aussen hin liege. Alles draengt mich
den Fehler von 1866 zu verbessern, mit einem Wort: den Krieg zu machen
und dasjenige wieder zu zerstoeren, was man vielleicht besser damals
garnicht haette entstehen lassen sollen.--Um aber den Krieg zu machen,
bedarf ich ausser der Tuechtigkeit der Armee, welche vorhanden ist, wie
man mich versichert, auch Maenner von festem, klaren und entschlossenem
Geist, welche die militairische Action politisch vorbereiten und waehrend
der Ereignisse die Zuegel der Politik in starker Hand halten. Sollte es
zum Kampf kommen, so muss ich und werde ich persoenlich bei der Armee
sein, denn der Kaiser, der den Namen Napoleon fuehrt, muss da sein, wo die
Gefahr ist, wo die Adler Frankreichs dem Feinde entgegengetragen werden.
Ich wuerde die Kaiserin als Regentin in Paris zuruecklassen muessen, dann
aber waere es vor Allem nothwendig, dass neben ihr ein Mann staende von
erprobter Treue, von erprobter Geschaeftskenntniss, ein Mann, welchem die
europaeischen Cabinette ihre Achtung und ihr Vertrauen entgegentragen,
und zu welchem ebenso mit Vertrauen und mit Achtung das franzoesische
Volk aufblickt. Ich wuesste keinen bessern Mann dafuer als Sie, mein lieber
Herr Drouyn de L'huys, und ich bin deshalb gekommen, um ohne alle
Umschweife Sie zu fragen, ob Sie es fuer nothwendig und fuer klug finden,
jenen Fehler von 1866, den Sie einst so scharf getadelt und der Sie mir
entfremdet hat, heute zu verbessern, und ob Sie in einem solchen Fall
mir mit Ihrem Rath und Ihrer Kraft zur Seite stehen wollen?"

Drouyn de L'huys blickte lange ernst und schweigend vor sich nieder,
dann erhob er das kluge offene Auge zu dem Kaiser, der mit dem Ausdruck
lebhaftester Spannung seine Antwort erwartete. Er sprach ruhig und
langsam, jedes Wort scharf betonend:

"Eure Majestaet haben mir in wenig Worten eine Frage gestellt, welche
nicht leicht ist kurz zu beantworten.--Es ist wahr, Sire," fuhr er fort,
"dass ich den Fehler, den die franzoesische Politik im Jahre 1866 gemacht
hat, heute noch schmerzlich beklage. In jenem Fehler liegt die Wurzel,
der Anfang der ganzen Verlegenheit, in welcher wir uns gegenwaertig
befinden. Ob aber dieser Fehler wieder gut zu machen ist, ob er heute
oder in naher Zeit gut zu machen ist--daran, Sire, muss ich ernstlich
zweifeln. Frankreich befindet sich, wenn ich einen Vergleich brauchen
darf, in der Lage eines Mannes, der es verweigert hat ein Duell
anzunehmen in dem Augenblick, wo man ihn beleidigt hat, er empfindet
spaeter in der allgemeinen Missachtung die Folgen seiner Unschluessigkeit.
Aber gewiss kann er sie dadurch nicht gut machen, dass er irgend eine
Gelegenheit vom Zaune bricht, um sich zu schlagen. Fuer uns ist in diesem
Augenblick eine richtige, einer grossen Nation wuerdige Veranlassung zum
Kriege nicht vorhanden. Wir haben alle Veraenderungen, welche der Krieg
von 1866 in Deutschland hervorgerufen, acceptirt, wir haben den Prager
Frieden nicht nur geschehen lassen, sondern haben selbst bei dessen
Abschluss mitgewirkt. Alles, was jetzt in Deutschland geschieht, ist nur
die Consequenz jenes Friedensvertrages, und mag man hier und da ueber
den Wortlaut desselben hinausgehen, fuer Frankreich kann darin gewiss kein
Grund zu einem so furchtbaren und folgenschweren Krieg liegen, durch den
man heute mit dem Einsatz aller Kraefte und der ganzen Machtstellung des
Landes einen Fehler wieder gut machen wollte, der damals durch eine
einfache militairische Demonstration haette vermieden werden koennen.--

"Ich sage nicht, Sire," fuhr er fort, als der Kaiser ihn erstaunt und
verwundert anblickte, "ich sage nicht, dass der Conflict zwischen dem
sich immer fester constituirenden Deutschland und Frankreich nicht
frueher oder spaeter kommen muesse. Heute aber ist er noch in keiner Weise
reif, und vor allen Dingen kann es nicht die Initiative Frankreichs
sein, welche diesen Conflict hervorrufen darf. Die Fragen, um welche es
sich in diesem Augenblick handelt, sind nicht franzoesische. Frankreich
ist weder der vertragschliessende Theil, noch garantirende Macht bei dem
Prager Frieden. Geht Preussen ueber die Schranken hinweg, welche es sich
selbst im Jahre 1866 gezogen hat, so muss es zunaechst die Sache
Oesterreichs und der Sueddeutschen Staaten, das heisst, der in jenem Krieg
Besiegten sein, Einhalt zu thun und Protest zu erheben. Wenn die Frage
so gestellt wird, wenn die Sueddeutschen Staaten ihre Unabhaengigkeit
gegen Preussen vertheidigen, wenn Oesterreich zum Schutz dieser seiner
Verbuendeten die strenge Aufrechthaltung der Vertraege fordert, dann kann
Frankreich hinzutreten, jene Forderungen unterstuetzen und als
Verbuendeter der deutschen Staaten, als Verbuendeter Oesterreichs gegen
Preussen zu Felde ziehen. Dann werden wir sicher sein, dass das deutsche
Nationalgefuehl sich nicht als ein maechtiger Verbuendeter des Berliner
Cabinets uns gegenueberstellt.--Davon, Sire," fuhr er fort, "sind wir
noch sehr weit entfernt. Ich habe," sagte er laechelnd, "obgleich ich
mich ganz von der activen Politik fern gehalten, dennoch aus alter
Gewohnheit den Gang der Dinge scharf beobachtet, und ich habe kein
Zeichen bemerkt, dass die Sueddeutschen Staaten entschlossen oder auch nur
geneigt waeren, einen energischen Widerstand gegen Preussen zu machen."

"Doch werden dort," fiel der Kaiser ein, "namentlich in den katholischen
Kreisen vielfache Sympathien fuer Frankreich laut. Man erwartet von uns
Huelfe und Beistand."

"Um Huelfe und Beistand zu erwarten," erwiderte Drouyn de L'huys, "muss
man zunaechst selbst handeln. Und ich kann Eurer Majestaet nicht genug
wiederholen, dass die hoechste Gefahr in einem Krieg gegen Preussen darin
liegt, das deutsche Volk zu dem Irrthum zu veranlassen, es handele sich
um eine franzoesische Frage. Moegen die Herren in Muenchen und in Stuttgart
statt halbe Winke und Andeutungen hierher zu senden, moegen sie fest und
frei auftreten, moegen sie ihr Recht vertheidigen, sich mit einer starken
Bewegung ihres Volkes umgeben, dann, Sire, kann der Moment kommen, in
welchem Frankreich kluger und berechtigter Weise jenen durch diese
ganzen langen Jahre sich wie eine schleichende Krankheit hinziehenden
Conflict zu endlicher Loesung zu bringen, das heisst auch dann nur in dem
Fall, dass Oesterreich mit festem Willen und ernster Energie entschlossen
ist, auch seinerseits den Kampf um seine alte Stellung in Deutschland
wieder aufzunehmen."

"Ich habe keinen Grund," sagte der Kaiser, "daran zu zweifeln, dass
Oesterreich in dem gegebenen Augenblick einen solchen Entschluss fassen
und ausfuehren wird. Nach dem Bericht des Herzogs von Grammont ist der
Grundgedanke der oesterreichischen Regierung immer der, die deutsche
Basis, von welcher sie herabgeworfen ist, wieder zu gewinnen, und ich
betrachte die Mitwirkung Oesterreichs auch ohne dass darueber etwas
Bestimmtes stipulirt ist, fuer gesichert."

"Ich bin nicht in der Lage, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys ruhig und
kalt, "das Vertrauen Eurer Majestaet zu theilen. Selbst da, wo bestimmte
Vertraege vorlagen, hat Oesterreich uns oft im Stich gelassen.
Gegenwaertig aber scheint mir, so weit ich die Lage beurtheilen kann,
nicht einmal irgend eine fassbare Verhandlung zu existiren. Oder
verzeihen Eure Majestaet meine indiscrete Frage, die durch Ihre
vertrauensvolle Berufung an mein Urtheil gerechtfertigt sein mag, haben
irgend welche Verhandlungen mit bestimmten Resultaten zwischen
Oesterreich und Frankreich Statt gefunden?"

"Das nicht," erwiderte der Kaiser mit einer leichten Verlegenheit,
"indessen die Bestimmung, die ich selbst persoenlich bei dem Kaiser Franz
Joseph Gelegenheit hatte zu bemerken, und die Mittheilungen, welche
Grammont ueber die dortigen Verhaeltnisse macht, lassen mich an einer
activen Mitwirkung Oesterreichs nicht zweifeln. Nur," fuhr er fort,
"scheint man dort--ganz entgegengesetzt der Ansicht, die Sie soeben
aussprachen--dringend zu wuenschen, dass der Kriegsfall nicht aus einer
deutschen Frage genommen werde, da es fuer Oesterreich schwer sein wuerde,
in einer solchen eine diplomatische Handhabe fuer seine Aktion zu
finden, nachdem es in seine voellige Ausschliessung aus Deutschland
eingewilligt hat."

Ein leichtes hoehnisches, fast mitleidiges Laecheln glitt ueber Drouyn de
L'huys' ernste Zuege.

"Dies entspricht ganz der unsichern zweideutigen Haltung, welche mir in
der oesterreichischen Politik nichts Neues ist," sagte er. "Das ist der
vollstaendige cercle vitieux, das heisst mit andern Worten klar und ohne
Rueckhalt ausgesprochen. Wir sollen allein die Gefahr tragen, wir sollen
das siegreiche Preussen niederwerfen, und dann will Oesterreich die grosse
Gnade haben, mit uns die Fruechte des Sieges zu theilen.--Nein, Sire,"
rief er lebhaft, "auf einer solchen diplomatischen Basis kann Frankreich
in diesem Augenblick keinen Krieg fuehren! Wir muessen feste und starke
Alliirte haben! Wir muessen des energischen Vorgehens der Sueddeutschen
Staaten und vor Allem der festen Alliance und der genau normirten und
bis zum Ende sicher gestellten Mitwirkung Oesterreichs vollkommen gewiss
sein. Die jetzigen Beziehungen zwischen Frankreich und Oesterreich
kommen mir vor wie das Verhaeltniss eines Herrn zu einer Dame, der ihr die
Cour macht, ihr Bouquets ueberreicht, ihr die Taschentuecher aufhebt, aber
niemals von Heirathen spricht. Soll Frankreich eine so ernste
entscheidende Action beginnen, so muss vor allen Dingen mit Oesterreich
eine wirkliche, ganz feste Alliance geschlossen werden. Diese Alliance
allein kann verhindern, dass die ganze, so ungeheuer angewachsene
preussische Militaermacht sich in maechtig concentrirten Vorstoessen ueber den
Rhein her gegen uns heranbewegt. Diese Alliance allein ist im Stande,
auch Italien in Schach zu halten, das sonst gewiss jede Verwickelung
Frankreichs benutzen wird, um Rom zu nehmen und damit unseren Einfluss
auf der pyrenaeischen Halbinsel zu zerstoeren und Eurer Majestaet Regierung
die maechtige Stuetze zu rauben, welche Ihnen der katholische Clerus
bietet."

"Und wuerden Sie geneigt sein," fragte der Kaiser, welcher sehr ernst
zugehoert hatte und auf den die Worte seines frueheren Ministers einen
tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen, "die franzoesische Politik
nach den Grundsaetzen, welche Sie mir soeben entwickelt, wieder zu leiten
und die grosse Action nachdruecklich vorzubereiten, welche uns wieder auf
die alte Hoehe zurueckfuehren soll?"

"Ich werde, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "meine Dienste Eurer
Majestaet und meinem Vaterlande niemals verweigern, doch scheint mir in
diesem Augenblick noch nicht die Zeit gekommen zu sein, um an einen
Krieg zu denken. Ich wuerde Eurer Majestaet rathen, zuerst die
Verhaeltnisse im Innern zur vollstaendigen Abklaerung zu bringen. Denn ich
muss Ihnen mit aller Aufrichtigkeit sagen, Sire, dass so wie die Dinge
jetzt liegen, auch ein nur voruebergehender Misserfolg unserer Armee die
bedenklichste und gefaehrlichste Bewegung im Lande selbst hervorrufen
kann. Die alte Kraft der Regierung ist gebrochen,--die unzufriedenen
Elemente sind fest organisirt und jeden Augenblick entschlossen, das
Aeusserste zu wagen."

"Aber die Nation," sprach der Kaiser mit einem Anklang von Ungeduld in
der Stimme, "empfindet tief das Herabsinken Frankreichs von seiner
militairischen Hoehe. Man sagt mir allgemein, dass die Nation den Krieg
will, und dass ein grosser nationaler Krieg das beste Mittel sei, um der
Regierung die allgemeinen Sympathieen wieder zu gewinnen."

"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "dass Diejenigen, die dies Eurer
Majestaet sagen, sich taeuschen. Ich habe seit meinem Ruecktritt von den
Geschaeften meine Musse mit dem Studium der oeconomischen Verhaeltnisse
ausgefuellt. Man hat mir die Ehre erzeigt, mich zum Praesidenten der
grossen Gesellschaft der Landwirthe zu erwaehlen, welche sich ueber ganz
Frankreich verbreitet. Ich habe in dieser meiner Stellung viele Reisen
gemacht und die meisten Provinzen des Landes besucht als Praesident der
Gesellschaft, welche die grossen Grundbesitzer, wie die kleinen
laendlichen Eigentuemer und die Bauern umfasst. Ich hatte Gelegenheit wie
aus einer Loge die ganze Bewegung zu beobachten, welche sich auf der
Scene des wirthschaftlichen Lebens zeigt, und ich kann Eurer Majestaet
meine Ueberzeugung nur dahin aussprechen, dass das ganze Land, d.h. das
Land, welches schafft und arbeitet, den Frieden will, den Frieden auf
lange Zeit, um all die Quellen des Wohlstandes, welche so viele weise
Massregeln Eurer Majestaet eroeffnet haben, zu vollkommenem und ergiebigem
Fluss zu bringen. Wuerde eine grosse Verwickelung in Deutschland entstehen,
wuerde die unterdrueckte Bevoelkerung der Sueddeutschen Staaten, wuerde
Oesterreich die Huelfe Frankreichs gegen Verletzungen der oeffentlichen
Vertraege anrufen, so wuerde es allerdings die Nation als eine Ehrensache
betrachten, dann mit voller Kraft und mit allem Nachdruck in den Kampf
einzutreten. Wuerde aber Frankreich einseitig einen Conflict provociren,
ohne dringende Notwendigkeit sich in die Opfer und Wechselfaelle eines
Krieges stuerzen--dann, Sire--ich spreche meine innigste und festeste
Ueberzeugung aus, dann wuerde man vielleicht einiges chauvinistisches
Geschrei auf den Boulevards hoeren, aber die ganze grosse Bevoelkerung des
Landes wuerde mit tiefem Schmerz ihren durch Fleiss und Arbeit erworbenen
Wohlstand der unsicheren Entscheidung durch die Spitze des Schwertes
preisgegeben sehen."

Der Kaiser senkte das Haupt und drehte lange schweigend an seinem
Schnurrbart.

"Sie meinen also, dass die Consolidirung der innern Verhaeltnisse einer
Action nach Aussen vorhergehen muesse?" fragte er.

"Ebenso gewiss," erwiderte Drouyn de L'huys fest, "als man bei jedem
Vorgehen an den Rueckzug denken muss. Eure Majestaet muessen sicher sein,"
sagte er mit leiser durchdringender Stimme,--"verzeihen Sie meine kuehne
Aufrichtigkeit--dass Sie nach einer immerhin moeglichen Niederlage noch
Herrscher bleiben, den Thron von Frankreich noch erhalten koennen."

Der Kaiser oeffnete weit die Augen. Ein eigenthuemlich durchdringender
Blick fiel auf das ruhige Gesicht des Herrn Drouyn de L'huys. Dann
beugte er sich mit einer raschen Bewegung zu ihm hinueber, reichte ihm
die Hand und sagte mit sanfter weicher Stimme.

"Ich danke Ihnen fuer dieses Wort, ich habe mich nicht getaeuscht, als ich
im Vertrauen auf Ihre Freundschaft zu Ihnen kam. Ich habe die Wahrheit
gesucht und Sie gaben mir dieselbe, wie es einem wahren Freunde
geziemt,--doch," fuhr er fort, "wenn Sie der Meinung sind, dass die in's
Schwanken gekommenen inneren Verhaeltnisse wieder befestigt werden
muessten, so haben Sie auch gewiss Ihre bestimmte Ansicht darueber, in
welcher Weise dies geschehen koennte.--Sie haben mir selbst," fuhr er
nach einer kleinen Pause fort, "frueher den Rath gegeben, den
kaiserlichen Thron mit liberalen Institutionen, welche in der freien
Bewegung des Volkes beruhen, zu umgeben, damit wenn die Vorsehung es
will, dass mein Sohn im fruehen Juenglingsalter zur Herrschaft berufen
werde, diese Institutionen seinen Thron schuetzend umringen. Sie sehen,
dass ich Ihren Rath befolgt habe. Aber," sagte er seufzend, "statt
Befriedigung habe ich nur eine immer unzufriedener wachsende Unruhe
hervorgerufen."

"Weil," fiel Drouyn de L'huys ein, "Eure Majestaet hierbei einen Fehler
gemacht haben. Das heisst," schaltete er, sich verneigend ein, "nach
meiner unvorgreiflichen Ueberzeugung, welche Sie mir frei auszusprechen
befohlen haben--einen Fehler, welcher schon oft in aehnlichen
Verhaeltnissen begangen worden ist, und welcher jedesmal verderbliche
Folgen gehabt hat."

"Und welchen," fragte der Kaiser gespannt, den Arm auf das Knie stuetzend
und den Kopf zu Drouyn de L'huys hinueber neigend.

"Eure Majestaet haben liberale Institutionen durch liberale Personen
einfuehren lassen," erwiderte Drouyn de L'huys, "und zwar durch Personen,
welche durchdrungen sind von dem parlamentarischen Doctrinismus, der
niemals selbststaendig und fest handelt, sondern immer nach rechts und
links hin lauscht, was wohl der leicht beweglichen oeffentlichen Meinung
in jedem Augenblick am meisten zusagen moechte. Es ist aber," fuhr er
fort, "eine alte Regel der Staatskunst, dass man liberale Institutionen
immer durch sehr feste und energische Maenner einfuehren lassen muss, durch
Maenner, welche in ihren Grundgesinnungen wesentlich conservativ und vor
Allem der Regierung und der Dynastie sehr ergeben sind, damit man in der
freiern Bewegung die Zuegel nicht aus den Haenden verliert,--ebenso wie es
auf der andern Seite jedenfalls richtig und geboten ist, energische oder
gar reactionaire Massregeln stets durch Persoenlichkeiten ausfuehren zu
lassen, welche als liberal bekannt sind, und welche jenen Massregeln das
oeffentliche Vertrauen zu gewinnen im Stande sind. Ich liebe Herrn Rouher
nicht, wie Eurer Majestaet bekannt," sprach er weiter, "dennoch glaube
ich, dass er der richtige Mann gewesen waere, um die freiere Bewegung zu
inauguriren, welche Eure Majestaet dem Staatsleben haben geben
wollen.--Ebenso wie Herr Ollivier," fuegte er mit leichtem Laecheln hinzu,
"ganz der Mann sein wuerde, um etwa nothwendig werdende strenge Massregeln
durch ihn durchfuehren zu lassen."

Der Kaiser hatte mit aeusserster Aufmerksamkeit zugehoert.

"Sie haben Recht, Sie haben vollkommen Recht," sagte er. "Ich habe auch
darin wieder einen Fehler gemacht. So wie man Concessionen macht,
betritt man eine schiefe Ebene, und es gehoeren starke Kraefte dazu, um
dem zu schnellen Hingleiten nach der abschuessigen Bahn sich entgegen zu
stemmen.--Die Maenner aber, in deren Haenden gegenwaertig die Gewalt der
Regierung liegt, haben diese Kraefte nicht.

"Sie meinen also," fuhr er fort, "dass um die freieren Grundsaetze ohne
Schaden fuer die Nationalitaet in das oeffentliche Leben hineinwachsen zu
lassen--"

"Andere Maenner noethig sind," fiel Drouyn de L'huys ein, "und zwar
Maenner, welche die oeffentliche Bewegung beherrschen, nicht aber ihr
folgen."

"Was meinen Sie," sagte der Kaiser schnell, "zu dem Plebiscit, um den
neuen Institutionen des placet de suffrage universel zu geben und damit
auch dem Kaiserreich von Neuem die Basis eines wiederholten
Vertrauensvotums des ganzen Volkes zu schaffen? Man koennte dadurch mit
einem Schlage einen Schwerpunkt aus dem parlamentarischen Parteitreiben
herausnehmen, welches jetzt nur zu sehr der Mittelpunkt des oeffentlichen
Lebens geworden ist."

Drouyn de L'huys blickte ein wenig erstaunt in die lebhaft erregten Zuege
des Kaisers.

"Und Sire," fragte er, "wie wuerde sich Graf Daru, wie wuerde sich Herr
Buffet zu einer solchen Wiederholung des suffrage universel stellen?"

"Das weiss ich nicht," sagte der Kaiser. "Doch," fuhr er achselzuckend
fort, "liegt mir an dem Vertrauensvotum der franzoesischen Nation mehr
als an Daru und Buffet."

Drouyn de L'huys neigte mit dem Ausdruck des Verstaendnisses den Kopf.

"Und Ollivier?" fragte er dann.

"Ich werde ihm einen Brief schreiben," sagte der Kaiser, "ich werde die
ganze Sache in seine Haende legen. Seine frueheren parlamentarischen
Stuetzen sind sehr schwankend geworden, er wird mit Freuden die
Gelegenheit ergreifen, wie ich glaube, um sich auf den breitern und
festern Grund des allgemeinen Volkswillens zurueckzuziehen."

"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "aus den Andeutungen Eurer
Majestaet entnehmen zu duerfen, dass Ihre Ideen sich auf dem Wege befinden,
den ich unter den augenblicklichen Verhaeltnissen nur als den richtigen
anerkennen kann. Wenn Sie das allgemeine Volksvotum als das beste Mittel
erkennen, die neue und freie Verfassung des Kaiserreichs auf festen
Grundlagen zu etabliren und vor schwankenden Bewegungen zu schuetzen, so
ist es gewiss richtig, diese Massregeln durch Ollivier vorbereiten und
ausfuehren zu lassen. Nachdem dies geschehen ist, wird es meiner
Ueberzeugung nach an der Zeit sein, die Zuegel der Regierung in festere
und kraeftigere Haende zu legen, wobei indess Herr Ollivier, der so
unendlich leitungsfaehig ist, immer conservirt werden kann. Dann, Sire,
wird auch vielleicht der Augenblick gekommen sein, in welchem man an
eine wohl ueberlegte und verstaendige Vorbereitung einer grossen
militairischen Action wird denken koennen, welche die Consequenzen des
Jahres 1866 wieder zu redressiren im Stande sein moechte."

Der Kaiser erhob sich.

"Und dann," sagte er, "duerfte ich auch darauf rechnen, dass mir Ihre
Unterstuetzung nicht fehlen wird."

"Ich werde dann, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "jeden Augenblick
bereit sein, Eurer Majestaet meine Ideen, ueber welche ich reiflich
nachdenken will, auseinanderzusetzen, und diese Ideen, wenn Sie
dieselben acceptiren, auszufuehren."

"Ich danke Ihnen," sagte der Kaiser, ihm die Hand reichend. "Ich
verlasse Sie, wie immer, so oft ich mit Ihnen gesprochen, reicher an
guten Gedanken und Entschluessen.--Ich bitte Sie, Madame Drouyn de L'huys
meine angelegentlichsten Empfehlungen zu machen, ich will sie nicht
derangiren, denn ich moechte sogleich nach den Tuilerien zurueckkehren, um
meine Entschluesse reif werden zu lassen und sie ohne Verzug zur
Ausfuehrung zu bringen."

Drouyn de L'huys geleitete den Kaiser an seinen Wagen.--Napoleon stieg
mit dem General Fave ein und fuhr durch die Champs Elyses nach den
Tuilerien zurueck.




Viertes Capitel.


In einer eleganten Parterrewohnung eines Hauses der Thiergartenstrasse
sassen in einem behaglich eingerichteten Wohnzimmer zur vorgerueckten
Abendstunde eines dunklen und stuermischen Februartages zwei alte Herren
in bequemen Lehnstuehlen neben einem grossen Tisch, der durch eine hohe
Lampe mit einem flachen Schirm beleuchtet wurde.

Der Eine derselbe zeigte in seiner ganzen Haltung und dem Ausdruck
seines Gesichts, obgleich er im einfachen Civilanzug gekleidet war, alle
Eigenthuemlichkeiten eines alten Militairs. Das etwas empor stehende
graue Haar war kurz geschnitten, der graue Bart dienstmaessig zugestutzt,
und das bleiche kraenkliche Gesicht hatte jenen ruhigen, etwas
zurueckhaltenden und fast dienstlich gleichmaessigen Ausdruck, welcher den
preussischen Officieren eigenthuemlich ist. Die dunklen Augen blickten
scharf und klar unter den grauen Augenbrauen hervor. Er sass grade
aufgerichtet in seinem Stuhl, von Zeit zu Zeit eine volle Rauchwolke aus
der grossen dunklen Havannahcigarre ziehend, welche er in seiner Hand
hielt.

Dieser alte Herr war der Oberstlieutenant von Buechenfeld, welcher seit
einiger Zeit wegen rheumatischer Leiden den activen Dienst verlassen
hatte und in sehr einschraenkten Verhaeltnissen von seinem kleinen
Vermoegen und seiner Pension lebte.

Neben ihm sass der Baron von Rantow, sein Jugendfreund, ein grosser
Grundbesitzer aus der Provinz Schlesien, welcher als Mitglied des
Herrenhauses den Winter in Berlin lebte und, ohne selbst ein grosses Haus
zu machen, sich doch viel in der vornehmen Gesellschaft der Residenz
bewegte.

Der Baron von Rantow war in seiner ganzen Erscheinung das vollstaendige
Gegentheil seines Freundes. Sein ganzes Wesen zeigte jene bequeme
Eleganz, welche das Bewusstsein einer unabhaengigen Lebensstellung
verleiht. Sein volles Gesicht von gesunder Farbe war von einem dichten,
wohl gepflegtem, nur leicht ergrauten Backenbart umrahmt. Sein Kopf war
fast kahl, und der Blick seiner grossen blauen Augen war zwar nicht ohne
Geist und ohne Intelligenz, schien aber alle Gegenstaende, auf die er
sich richtete, nur leicht und oberflaechlich zu streifen, und liess
Diejenigen, mit denen der Baron sprach, oft daran zweifeln, ob er sich
wirklich mit den Gegenstaenden der Unterhaltungen beschaeftigte oder ob
seine Gedanken anderswo weilten.

Herr von Rantow sass bequem zurueckgelehnt in seinem Fauteuil und spielte
leicht mit den Fingern seiner vollen weissen Hand auf der Lehne
desselben.

"Die Kammern sind ja jetzt geschlossen," sagte der Oberstlieutenant mit
einer scharfen, bestimmt klingenden Stimme. "Ihr habt Euer Werk fuer dies
Jahr vollendet, und der Norddeutsche Reichstag tritt jetzt auf die
Scene. Du wirst wohl nicht mehr lange hier weilen," fuegte er seufzend
hinzu. "Das thut mir recht leid, ich werde dann wieder in meiner
Einsamkeit hier allein sein. Ich kann mich noch nicht so recht in mein
Leben als Pensionair finden. Die active Dienstthaetigkeit fehlt mir
ueberall, und mich dem geselligen Leben anzuschliessen, dazu bin ich mit
der Zeit zu steif und schwerfaellig geworden."

"Ich bleibe noch zwei Monate hier, mein alter Freund," erwiderte der
Baron von Rantow. "Du wirst also noch einige Zeit hier einen Ort haben,
wo Du gelegentlich einen langweiligen Abend unterbringen kannst. Dann
kommst Du mit mir auf mein Gut, frische Luft wird Dir wohl thun, die
Bewegung im Freien Deine Kraefte wieder staerken."

"Du bleibst noch hier?" fragte der Oberstlieutenant ein wenig erstaunt.
"Das ist mir unendlich erfreulich," fuegte er hinzu, "doch begreife ich
nicht, dass Du Dich so lange ohne dringende Nothwendigkeit Deiner
Wirthschaft entziehst."

"Ich habe einen sehr tuechtigen Verwalter," erwiderte der Baron von
Rantow,--"und dann," fuhr er fort, indem sein Blick wie zerstreut sich
in die Ferne zu richten schien, "Du weisst, mein Sohn ist in seinem
Staatsexamen begriffen, ich moechte das Resultat abwarten, um ihn dann
gleich mit mir zu nehmen. Der Landrath meines Kreises wird bald
zuruecktreten, und ich wuensche, dass mein Sohn sich um diese Stelle
bewerben moege;--wenn er dereinst meine Besitzungen uebernimmt, so ist es
sehr gut fuer ihn zugleich Landrath des Kreises zu sein und sich so eine
angenehme und nuetzliche Thaetigkeit, bedeutenden Einfluss und vielleicht
die Aussicht auf eine grosse Carriere zu schaffen."

"Du bist gluecklich, alter Freund," sagte der Oberstlieutenant mit etwas
wehmuethigem Ton, "dass Du Deinem Sohn eine solche Perspective eroeffnen
kannst. Ich kann leider," fuhr er fort, eine dichte Rauchwolke vor sich
hinblasend, "meinem armen Carl nur dieselbe Lebensbahn bieten, an deren
Ende ich jetzt angelangt bin, eine gleichfoermige und wenig froehliche
Bahn. Man zehrt seine Kraefte im Dienst auf und dann bringt man sein
Alter als ein unbrauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft hin.
Haette ich es mir recht ueberlegt oder waere meine Frau am Leben
geblieben,--vielleicht waere es anders geworden. Sie wollte immer, dass
unser einziger Sohn studiren sollte. Nun,"--sagte er, leicht mit der
Hand ueber die Augen fahrend, "sie ist lange dahingegangen, und der Junge
hatte immer so grosse Freude an den Knoepfen der Uniform und den
Epauletten und bat so dringend, dass er auch des Koenigs Rock tragen
duerfe, dass ich ihm nachgegeben habe. Jetzt ist es geschehen, und er muss
den Weg zu Ende gehen. Gott gebe, dass er mehr Glueck und Freude auf
demselben finden moege, als mir zu Theil geworden ist."

"Mein lieber Freund," sagte der Baron von Rantow, indem der Ausdruck
phlegmatischer Zerstreutheit und Gleichgueltigkeit auf seinem Gesicht
einen Augenblick von einem waermeren Gefuehl verdraengt wurde, "Du darfst
nicht vergessen, dass das Leben eines Soldaten in seinem ruhigen und
einfoermigen Gang dafuer aber auch von manchen Sorgen und Aufregungen
verschont bleibt, die uns treffen und dass es doch auch schoen ist," fuegte
er hinzu, dem Oberstlieutenant die Hand drueckend, "sich zuletzt sagen zu
koennen, dass man alle Zeit mit Ehren seine Pflicht erfuellt hat."

"Ja, ja," erwiderte der Oberstlieutenant mehrmals mit dem Kopf nickend,
"das ist Alles ganz schoen, aber man fragt sich denn doch auch, wozu das
Alles, wo ist der Nutzen, den dieses Leben von Arbeit, Pflichterfuellung
und Entbehrung gebracht hat?"

"Der Nutzen?" fragte Baron von Rantow lebhaft. "Du wirst den Nutzen
nicht im Kreise des Einzelnen, nicht in der beschraenkten Zeit eines
Menschenlebens suchen; Ihr Alle, die Ihr Eure Kraefte und Arbeit im
militairischen Dienst dem Staat widmet, schafft Glied fuer Glied, Kette
fuer Kette jene grosse gewaltige Macht, die Armee, die in den
entscheidendsten Augenblicken der Weltgeschichte heraustritt und fuer
alle die Ideen, welche die geistige Thaetigkeit erzeugt und entwickelt
hat, die Bahnen bricht und den Raum schafft. Wie Viele haben sich in den
fuenfzig letzten Friedensjahren gefragt, wofuer sie ihre Kraefte
anstrengten! Wie Viele sind gestorben, ohne eine Antwort auf diese
Frage zu erhalten! Das Jahr 1866 hat diese Antwort gegeben, und Du, mein
alter Freund, gehoerst zu den Gluecklichen, denn Du hast jenes Jahr noch
mit erlebt und mit durchgekaempft. Du wenigstens weisst, wofuer Du gestrebt
und gearbeitet hast."

"Nun, nun," sagte der Oberstlieutenant, indem er sich laechelnd den
Schnurrbart strich, "ich murre auch nicht weiter. Wird auch der einzige
Stein in einem grossen Bau nicht bemerkt, er gehoert doch auch mit zum
Ganzen und darf auch mit Stolz sich sagen, dass er seinen Platz ausfuellt.
Ich wuensche nur, dass mein Sohn keine fuenfzig Friedensjahre vor sich
haben moege."

"Dazu hat es kaum den Anschein," sagte der Baron von Rantow mit einem
leichten Anklang von Unzufriedenheit in seiner Stimme. "Man schwebt ja
in dieser Zeit eigentlich fortwaehrend zwischen Krieg und Frieden, und in
den letzten Tagen klingen wieder sehr kriegerische Stimmen von der
andern Seite des Rheins herueber. Frueher oder spaeter muessen alle
Conflicte, welche 1866 noch ungeloest geblieben, doch endlich wieder zum
Ausbruch kommen. Ich bedaure es wirklich recht sehr," fuegte er hinzu,
"ich bin in verschiedenen grossen Unternehmungen begriffen, welche einen
vortrefflichen Erfolg versprechen. Ich moechte einige neue Industrieen
auf meinen Besitzungen einfuehren, welche dazu vortreffliche Gelegenheit
bieten, und stehe im Begriff, hier ein Consortium zu bilden, das mir die
Capitalien dazu verschaffen soll. Um die Sache in Gang zu setzen,
brauche ich noch einige Jahre Frieden. So lange aber," fuegte er laechelnd
hinzu, "kann ja Dein Sohn auch wohl noch warten."

Der Oberstlieutenant schuettelte langsam den Kopf und blickte halb
verwundert, halb missbilligend zu seinem Freunde hinueber.

"Du willst Consortien gruenden?" fragte er. "Du willst Dich mit diesen
Banquiers und Capitalisten associiren, um industrielle Spekulationen auf
Deinen alten Besitzungen einzufuehren?--Nimm es mir nicht uebel, alter
Freund," fuhr er fort, "mir scheint das nicht recht mit der Stellung
eines alten Edelmanns zusammen zu passen. Dein Gut ist ja so schoen und
in vortrefflicher wirtschaftlicher Ordnung, es wirft Dir eine glaenzende
Revenue ab, Du bist wohlhabend und hast Alles, was Du bedarfst. Du hast
nur einen Sohn, warum willst Du denn noch mehr, als die Vorsehung Dir
gegeben und Deine Vorfahren Dir hinterlassen haben? Es vertraegt sich
nicht mit der Stellung des Adels nach meiner Auffassung, sich mit
dieser modernen Capitalswelt zu verbinden, um Geld auf Geld zu haeufen.
Und ausserdem scheint es mir nicht klug zu sein, denn auf diesem Gebiet
werden wir den Juden und Banquiers doch niemals gewachsen sein, sie
werden uns immer das beste Fett vorwegnehmen, und wir werden froh sein
koennen, wenn uns ueberhaupt noch Etwas bleibt--verzeihe meine
Aufrichtigkeit,--Du hast ja zu thun, was Dir beliebt,--aber meine
Meinung ist nun einmal so, wie ich gesagt habe."

"Ich glaube, Du hast vollkommen Unrecht," erwiderte der Baron von
Rantow, indem er sich ein wenig emporrichtete und zu seinem Freunde
hinueberneigte. "Das Geld ist die Macht, welche heut zu Tage die Welt
beherrscht, ebenso wie es frueher die koerperliche Ueberlegenheit in den
ritterlichen Uebungen war. Wenn der Adel seine Stellung behaupten will,
so muss er jene herrschende Gewalt unserer Zeit in seine Haende bringen.
Sieh die grosse Aristokratie von England an. Wodurch ist sie auf der Hoehe
geblieben? Nur dadurch, dass sie es immer verstanden hat, ihren Besitz
nicht nur zu erhalten, sondern den steigenden Anforderungen der Zeit
gemaess fortwaehrend zu vergroessern. Sieh, wie in Oesterreich der Adel an
seiner schlechten Naturalwirtschaft zu Grunde geht. Du wirst mir
zugeben, dass auf die Dauer keine Familie sich auf der Hoehe ihrer
Stellung ohne die Grundlage eines den Zeitbeduerfnissen entsprechenden
Besitzes zu erhalten im Stande ist."

Wieder schuettelte der Oberstlieutenant bedenklich den Kopf.

"Der Besitz ist eine schoene Sache," sagte er, "aber er macht doch nicht
allein die dauernde und feste Grundlage des Adels aus. Ich moechte fast
der Meinung sein, dass die Armuth noch eher die ritterlichen Gesinnungen
erhaelt, als der Reichthum,--wie denn auch die alten geistlichen Orden
zur Erhaltung des ritterlichen Sinnes das Geluebde der Armuth ablegen
mussten."

"Das sie aber zuletzt sehr wenig hielten," sagte der Baron von Rantow
laechelnd. Dann fuegte er hinzu. "Die geistlichen Herren hatten keine
Kinder, fuer die sie sorgen mussten.--Du hast mir vorhin gesagt, ich haette
nur einen Sohn und er haette fuer sein Leben genug an dem, was ich
besitze. Das ist ganz recht, aber mein Sohn kann mehrere Nachkommen
haben. Und ich moechte doch gern," fuhr er fort, mit einem gewissen Stolz
den Kopf emporrichtend, "dass auch spaeter Jeder, der den Namen Rantow
fuehrt, einen diesem Namen entsprechenden materiellen Besitz habe. Wenn
ich nun sehe, dass durch eine geschickte Capitalassociation mein Besitz
sich vier- bis fuenfmal vergroessern kann, sollte ich da unthaetig bleiben,
ruhig in alter Weise fortwirthschaften und damit meinen Nachkommen
entziehen, was ich ihnen zu schaffen mich fast fuer verpflichtet halten
muss?"

"Wir werden uns nicht darueber verstaendigen," sagte der Oberstlieutenant.
"Ich meinerseits," sprach er bestimmt und energisch, "wuerde mich niemals
mit dieser industriellen Welt in Verbindung setzen."

Das Gespraech der beiden alten Herren wurde durch den Eintritt der
Baronin von Rantow unterbrochen, einer Dame von hoher und trotz ihrer
starken Fuelle noch schlanken und elastischen Gestalt mit einem vornehm
geschnittenen Gesicht von freundlich heiterm Ausdruck, das die Spuren
frueherer grosser Schoenheit zeigte.

Die Dame begruesste den Oberstlieutenant, der ihr mit einer etwas
altmodischen Hoeflichkeit die Hand kuesste, herzlich und nahm auf einem
breiten Divan vor dem Tisch Platz, auf welchem ein Diener in eleganter
Hauslivree das Theegeschirr aufstellte.

"Die Wagen fangen bereits an vorzufahren," sagte Frau von Rantow, "es
wird eine sehr grosse Gesellschaft sich ueber uns bei dem Herrn
Commerzienrath Cohnheim versammeln. Es scheint," fuhr sie mit einem
leichten Laecheln fort, "dass man Alles aufgeboten hat, um ein recht
grossartiges Fest zu geben."

"Wir werden die Nacht recht gestoert werden," sagte der Baron, "von dem
Laerm ueber unsern Koepfen. Nun," fuegte er achselzuckend hinzu, "das ist
immer noch besser, als wenn wir haetten hingehen muessen. Ich bin einen
ganzen Tag," fuhr er zum Oberstlieutenant gewendet fort, "zu Hause
geblieben, um mein Unwohlsein recht natuerlich vorzustellen, damit ich
nicht genoethigt bin diese Gesellschaft zu besuchen, in der man sich
zwischen emporgekommenen Boersenspeculanten und einzelnen
heruntergekommenen Mitgliedern der guten Gesellschaft befindet."

"Und darum," fragte der Oberstlieutenant erstaunt, "legtest Du Dir einen
Tag Hausarrest auf? Warum lehntest Du denn nicht einfach die Einladung
der Leute ab? Du hast doch wahrhaftig keine Ruecksichten auf sie zu
nehmen."

"Doch, mein lieber Freund," erwiderte Herr von Rantow, "ich habe sogar
recht grosse Ruecksichten auf diesen Herrn Commerzienrath Cohnheim zu
nehmen. Er ist gerade Derjenige, der mir meine Consortien
zusammenbringen soll, und der mit grossem Eifer dabei ist, mir diese
Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Ich darf ihn also in keiner Weise
verletzen, ich nehme auch fortwaehrend die aeusserste Ruecksicht auf
ihn,--doch mich in diese Gesellschaft hineinzubegeben, das ist etwas zu
viel verlangt. In kleinen Kreisen bin ich schon bei ihm gewesen, ich
will ihn auch gern bei mir sehen, ja, ich habe sogar Nichts dagegen,"
fuhr er laechelnd fort, "dass mein Sohn dem Fraeulein Cohnheim den Hof
macht, was er ausserdem sehr gern thut, denn die Tochter des Herrn
Commerzienraths ist wirklich von einer wunderbaren Schoenheit, dabei sehr
gut erzogen und sehr fein gebildet."

"Um Gottes Willen," rief der Oberstlieutenant ganz erschrocken, "wenn
nun aber die jungen Leute bei diesem Spiel sich Etwas in den Kopf
setzen, wenn da eine ernste Neigung entstehen sollte."

"Nun," sagte Herr von Rantow leicht mit den Fingern auf der Lehne seines
Sessels trommelnd, "das waere eine Sache, die sich ueberlegen liesse. Herr
Cohnheim ist sehr reich, sein Vermoegen waechst taeglich und stuendlich. Er
wird nach kurzer Zeit sich auf die Hoehe der ersten Matadore der
Finanzwelt erhoben haben. Er hat nur diese einzige Tochter, wie ich den
einzigen Sohn. Es haben sich ja schon viele alte Familien durch
Heirathen zu grossem Glanz gebracht,--die Sache wuerde sich vielleicht
arrangiren lassen."

"Ich vermag der neuen Zeit nicht mehr zu folgen," sagte der
Oberstlieutenant. "Ich fuer meinen Theil, so arm ich bin, wuerde doch
wahrhaftig niemals meine Zustimmung geben, dass mein Sohn sich durch eine
Heirath in dieser Weise seine Lebensstellung machte. Ich halte viel auf
meinen Namen und viel auf alte Familien, aber dennoch waere mir jedes
Maedchen aus dem Volke recht, wenn sie mir mein Sohn als Tochter
zufuehrte. Aber mit diesen Kreisen der Finanzwelt, welche die
Gesellschaft durch ihre unnatuerlichen Speculation aussaugen, denen jedes
Mittel recht ist, um nur Geld und wieder Geld aufzuhaeufen, mit diesen
Kreisen meine Familie zu verbinden!----Nein," rief er lebhaft, "dazu
wuerde ich niemals meine Zustimmung geben."

"Nun, lieber Buechenfeld," sagte Frau von Rantow freundlich laechelnd,
indem sie dem Oberstlieutenant ein Glas Grog mischte, "beunruhigen Sie
sich nicht, mein Mann ist noch kein so schlimmer Spekulant geworden, als
er Sie glauben machen moechte. Hueten Sie sich aber," fuhr sie leicht mit
dem Finger drohend fort, "dass Ihr Sohn Sie mit Ihren Grundsaetzen nicht
in Verlegenheit bringt. Er besucht, wie er mir erzaehlt hat, seit er hier
zur Kriegsschule commandirt ist, die Gesellschaften der haute finance
sehr fleissig und amuesirt sich sehr gut dort. Er wird gewiss auch heute
hier beim Commerzienrath sein in gefaehrlicher Naehe der schoenen Augen des
Fraeulein Cohnheim."

"Ich freue mich," sagte der Oberstlieutenant, "wenn mein Sohn sich
amuesirt, doch bin ich vollkommen sicher, dass er an keine ernsthafte
Liaison denkt, und dass er die Grundsaetze, die ich vorhin ausgesprochen
habe, vollkommen mit mir theilt."

Er nahm einen kraeftigen Schluck aus seinem Glase und wandte sich dann zu
der Baronin von Rantow mit einer gleichgueltigen Frage, welche die
Absicht zu erkennen gab, das bisherige Gespraechsthema nicht weiter zu
behandeln.

Inzwischen hoerte man vor dem Hause einen Wagen nach dem andern
vorfahren. Bald war es das leichte Rollen eleganter Equipagen, bald der
schwerfaellig rasselnde Ton einer Droschke, und in der Bel-Etage ueber der
Wohnung des Barons liess sich das Geraeusch zahlreicher Schritte und das
dumpfe Gewirr verschiedener Stimmen hoeren.

Die weiten eleganten Raeume des obern Stockwerks, welche der
Commerzienrath Cohnheim bewohnte, und welche mit reicher, wenn auch
nicht geschmackloser, so doch etwas ueberladener Pracht ausgestattet
waren, strahlten im hellen Glanz einer intensiven Gasbeleuchtung. Die
Fenster waren ueberall durch schwere seidene Vorhaenge verdeckt, der
ziemlich grosse Tanzsaal reich mit frischen Blumen decorirt, in den
Nebensalons waren Spieltische arrangirt, die kostbaren Oelgemaelde an den
Waenden waren durch darueber angebrachte Schirmlampen in das moeglichst
beste Licht gesetzt. Kurz, es war Alles geschehen, um zu zeigen, dass der
Commerzienrath ein Mann war, welcher die Mittel besass, grosse
Gesellschaft bei sich zu empfangen, und welcher es auch verstand, durch
guten Geschmack es den Vornehmen gleich zu thun. Dass ueberall ein kleines
Zuviel oder Zuwenig in diesen Arrangements die scharfe Grenzlinie des
wirklich vornehmen Geschmacks ueberschritt oder hinter derselben
zurueckblieb, entging dem zufriedenen Blick des Commerzienraths, welcher
nach einem letzten Blick ueber die Vorbereitungen zu seinem Feste sich in
den ersten Salon begab, um die Gaeste zu empfangen, die erst langsam und
einzeln, dann immer schneller und zahlreicher zu erscheinen begannen.

Der Commerzienrath Cohnheim war eine kleine, volle und untersetzte
Gestalt, von raschen, kurzen, etwas unruhigen Bewegungen. Er mochte etwa
fuenfzig Jahre alt sein, sein kleiner runder Kopf erhob sich nur wenig
ueber die breiten, etwas hoch empor stehenden Schultern. Sein Haar
leicht in's Graue spielend, war kurz und kraus gelockt, seine scharfen
Zuege, die hervorspringende, leicht gebogene Nase, die etwas
aufgeworfenen Lippen, und die klugen, stets etwas unruhig umherspaehenden
Augen zeugten von Intelligenz und scharfer Beobachtung, waehrend um
seinen Mund ein fast stereotypes Laecheln spielte, welches halb aus
gutmuethigem Wohlwollen, halb aus befriedigtem Selbstgefuehl
zusammengesetzt war.

Der Commerzienrath trug einen tadellosen schwarzen Anzug, eine Cravatte
von blendender Weisse. Er zeigte in seiner ganzen Erscheinung eine
strenge, vielleicht etwas gesuchte Einfachheit, welche nur durch einige
grosse Hemdknoepfe von prachtvollen Diamanten unterbrochen wurde, die er
sich nicht hatte versagen koennen. Im Knopfloch seines Fracks befand sich
ein unendlich kleines Miniaturkreuz des Ordens eines kleinen deutschen
Miniaturstaats; in seiner Hand mit den kurzen beweglichen Fingern, deren
Spitzen den weissen Handschuh nicht vollstaendig ausfuellten, hielt er eine
goldene Dose, deren er sich weniger zum eigenen Gebrauch als zur
Entamirung einer Conversation zu bedienen pflegte.

Waehrend er strahlend von liebenswuerdiger Hoeflichkeit in dem ersten Salon
seiner Wohnung Stellung nahm, befand sich die Frau Commerzienraethin mit
ihrer Tochter in einem Zimmer, das an die entgegengesetzte Seite des
Tanzsaals stiess, um dort die Begruessung der Gaeste zu empfangen.

Frau Commerzienraethin Cohnheim war eine grosse hagere Gestalt mit
ziemlich eckigen Bewegungen und einem Gesicht, dessen entschieden
juedischer Schnitt in ihrem gegenwaertigen Alter wenig Einnehmendes hatte.
Sie trug ein dunkelrothes Sammetkleid, ein reiches Collier von kostbaren
Edelsteinen, Diamanten im Haar und Diamanten an den Armspangen. Der
Blick ihrer grossen dunklen und stechenden Augen war kalt und fast starr,
und ihre etwas duennen, gewoehnlich fest zusammengeschlossenen Lippen
oeffneten sich je nach dem Range und der Stellung ihrer Gaeste zu einem
mehr oder weniger hoeflichen und verbindlichen Laecheln.

In ihrer ganzen Erscheinung durchaus von ihrer Mutter verschieden stand
ihre Tochter, ein junges Maedchen von achtzehn Jahren, neben ihr.
Fraeulein Cohnheim trug eine unendlich einfache Balltoilette von
zartestem weissem Stoff, mit kleinen, fast unbemerkbaren Silbersternen
uebersaeet; ihr Haar war mit frischen Maiblumen und Rosenknospen
geschmueckt. Sie trug keine Edelsteine, keinen Schmuck; und in der That
waren auch die einfachen natuerlichen Blumen der schoenste und passendste
Schmuck fuer diese so zarte Erscheinung, welche von dem idealen Schimmer
jener eigentuemlichen orientalischen Schoenheit ueberhaucht war, welche man
gewoehnlich mehr in den Schoepfungen der Kuenstler, als in der Wirklichkeit
findet. Der durchsichtige Teint des jungen Maedchen zeigte jenen
eigentuemlichen Schmelz, welcher auf der zarten Schale der im Sonnenlicht
des Suedens gereiften Pfirsich liegt; ihr ebenholzschwarzes Haar war wie
von blaeulichem Phosphorschimmer uebergossen.--Ihre grossen dunklen Augen
blickten wie traeumerisch fragend in die Welt hinein, und um ihren zarten
feinen Mund spielte ein halb kindlich harmloses, halb melancholisches
Laecheln.

Die Saele fuellten sich immer mehr. Es kamen zahlreiche Matadore der hohen
Finanzwelt mit ihren Frauen und Toechtern--es kamen Geheimraethe trocken,
steif und wuerdevoll mit mehr oder weniger dicht behaengten Ordenskettchen
im Knopfloch.

Die Damen der Bureaukratie blickten musternd und pruefend auf die
Toiletten der Frauen und Toechter der Commerzien- und Commissionsraethe,
indem sie durch ihren wuerdevollen und zurueckhaltenden Ernst zu erkennen
gaben, dass sie sich wohl bewusst seien, wie die Wuerde des Ranges und der
Stellung sie trotz ihrer einfachen und zuweilen etwas duerftigen Anzuege
doch hoch ueber jene in Federn, Diamanten und schwerer Seide prangenden
Damen erhebe.

Dann kamen junge Officiere in den Uniformen fast aller Regimenter der
Garde, welche sich Alle bald unter die Gruppen der im Tanzsaal harrenden
jungen Damen mischten und ihre Feldzugsplaene fuer die Taenze des Abends
feststellten.

Der Commerzienrath war unerschoepflich in Liebenswuerdigkeit beim Empfang
seiner Gaeste. Doch wusste er dabei mit unendlicher Schaerfe und Feinheit
die Nuancirungen seiner Hoeflichkeit jedem Eintretenden gegenueber genau
abzumessen. Mit einer gewissen zuversichtlichen Vertraulichkeit begruesste
er die Geheimenraethe, und trat irgend ein magerer und steifer Herr mit
einem kleinen auslaendischen Stern auf dem Frack herein, so legte er wohl
seinen Arm in den seines Gastes und begleitete denselben mit einigen
Scherzworten bis zur Thuer des naechsten Zimmers, um sich dann zum Empfang
der Neueintretenden zurueckzuwenden.

Mit wuerdevoller Zurueckhaltung begruesste er die Mitglieder der Finanzwelt,
deren Stellung an der Boerse noch nicht fest begruendet war. In tiefer
Ehrerbietung verneigte er sich vor den grossen Matadoren der Geldwelt;
mit cordialer Herzlichkeit drueckte er irgend einem rasch
vorueberschreitenden Gardeofficier mit altem Grafen- oder Freiherrntitel
die Hand.

Mit fast fuerstlicher Herablassung neigte er den Kopf gegen junge
Kaufleute, welche, um den Tanzsaal zu fuellen, in feine Gesellschaften
zugelassen wurden. Und mit der Miene eines schuetzenden Maecens klopfte er
diesem oder jenem Kuenstler auf die Schulter, welcher seine Salons betrat
und vielleicht im Stillen die Hoffnung hegte, dass der reiche
Commerzienrath ihm eines Tages eins seiner Werke abnehmen werde.

Die Saele waren schon stark gefuellt, Lakaien in reich gallonirten Livreen
praesentirten den Thee und jenes dumpfe Gesumme fluesternder Stimmen,
welches sich stets beim ersten Beginn grosser Gesellschaften vernehmen
laesst erfuellte die Raeume.

Die Thueren des ersten Salons, welche seit einiger Zeit geschlossen
geblieben waren, oeffneten sich abermals, und der Commerzienrath ging
rasch den zwei jungen Leuten entgegen, welche neben einander eintraten.

Es war der junge Baron von Rantow und der Lieutenant von Buechenfeld, der
Sohn des Oberstlieutenants, welcher in der Parterrewohnung desselben
Hauses am Theetisch seines Freundes sass.

Der Referendar von Rantow hatte entschiedene Aehnlichkeit mit seinem
Vater. Sein Gesicht war huebsch, vornehm, aristokratisch geschnitten und
anziehend durch die frische jugendliche Gesundheit und durch das
wohlwollende, gutmuethige und freundliche Laecheln, welches auf demselben
lag. Doch hatten seine hellen klaren Augen denselben etwas
gleichgueltigen oberflaechlichen Blick wie diejenigen seines Vaters. In
seinem Laecheln lag ein Zug hochmuetigen Selbstbewusstseins, der ohne jene
Beimischung von Gutmuetigkeit und Herzlichkeit beinahe haette unangenehm
beruehren koennen. Die ganze Haltung des mit aeusserster Eleganz und
hoechster Einfachheit gekleideten jungen Mannes zeigte vornehme und
leichte Sicherheit. Er betrat die Gesellschaftsraeume des Commerzienraths
mit einer Miene, aus welcher ein wenig von dem Bewusstsein
hervorschimmerte, dass er durch sein Erscheinen in diesem Hause mehr Ehre
gebe, als empfange.

In der einfachen Uniform eines Linien-Infanterieregiments erschien,
durch das schnelle Vorschreiten des Herrn von Rantow einen Schritt
zurueckbleibend, der Lieutenant von Buechenfeld.

Der junge Mann war hoch und schlank gewachsen, seine Haltung war fest
und ritterlich, fast etwas starr, und die Zuege seines magern, scharf
geschnittenen bleichen Gesichts zeigten maennliche Kraft, Muth und
Entschlossenheit, doch dabei auch eine stolze, fast feindlich abwehrende
Verschlossenheit. Auf der Oberlippe seines schoen geformten, fest
zusammengepressten Mundes kraeuselte sich ein leichter blonder
Schnurrbart. Seine hellen grauen Augen blickten so ernst und liessen aus
ihrem eigentuemlichen Glanz eine solche Tiefe hervorleuchten, dass sie in
einzelnen Augenblicken von fast dunkler Farbe zu sein schienen.

Der Commerzienrath drueckte mit unendlich liebenswuerdigem Laecheln dem
jungen Baron von Rantow die Hand, waehrend er zugleich mit freundlicher
Hoeflichkeit den Kopf gegen den jungen Offizier wandte.

"Wie unendlich bedaure ich, mein lieber Herr von Rantow, dass Ihr Herr
Vater und die Frau Mama verhindert sind, mich heute zu besuchen. Es
verdirbt mir fast die Freude an meinem ganzen Fest," fuegte er hinzu,
indem er seine laechelnden Zuege fast mit Gewalt zu einem trueben Ausdruck
zwang, "Ihre Eltern heute nicht bei mir zu sehen."

"Es thut meinen Eltern ebenfalls sehr leid," sagte Herr von Rantow mit
leicht degagirten Ton, indem sein Blick ueber den Commerzienrath hinweg
nach dem andern Salon hinschweifte, "dass sie Ihrer Einladung nicht
haben Folge leisten koennen. Doch ist mein Vater stark erkaeltet und meine
Mutter, wie Sie begreifen koennen, wollte ihn nicht allein lassen."

"Nun," sagte der Commerzienrath, "ich freue mich wenigstens, dass Sie
gekommen und dass ich doch ein Glied Ihrer verehrten Familie bei mir
sehe. Eilen Sie, eilen Sie," fuegte er hinzu, indem er den jungen Mann
nach dem Tanzsaal hinfuehrte--"der Tanz wird sogleich beginnen und die
Damen werden schon sehr umlagert. Meine Tochter hat Ihnen gewiss noch
einen Tanz aufgehoben," fuegte er dem jungen Mann auf die Schulter
klopfend hinzu und verliess denselben auf der Schwelle des Saals, sich zu
der Eingangsthuer zurueckwendend, ohne den Lieutenant von Buechenfeld
weiter zu beachten, welcher hinter Herrn von Rantow ebenfalls in den
Tanzsaal eintrat.

Fraeulein Cohnheim hatte waehrend dieser Zeit neben ihrer Mutter
gestanden, meist nur mit hoeflicher schweigender Verbeugung die Damen
begruessend und einzelne Worte mit den jungen Herren wechselnd, welche zu
ihr herantraten, um sie um einen Tanz zu bitten.

Sie hatte einige Engagements angenommen, andere abgelehnt und blickte
von Zeit zu Zeit wie fragend und suchend ueber die Gruppen hin, welche
sich in dem Tanzsaal vor ihr bewegten. Als Herr von Rantow und Herr von
Buechenfeld in den Saal eintraten, flog eine augenblickliche leichte
Roethe ueber das Gesicht des jungen Maedchens. Ihr Blick leuchtete einen
Moment auf--dann schlug sie die Augen nieder und gab einer Dame, welche
sich soeben zu ihr wandte, eine Antwort, welche nicht ganz auf die
Anrede zu passen schien und einen etwas erstaunten Ausdruck auf dem
Gesicht der zu ihr Sprechenden hervorrief. Der Referendar von Rantow
schritt rasch und sicher durch den dicht mit Menschen gefuellten Saal,
indem er hier und dort einen Bekannten begruesste und trat in das Zimmer,
in welchem die Commerzienraethin mit ihrer Tochter sich befand.

Er machte der Dame des Hauses, welche ihn mit ausgezeichneter
Liebenswuerdigkeit empfing, seine Entschuldigungen in Betreff des
Ausbleibens seiner Eltern und wandte sich dann zu dem Fraeulein Cohnheim.

"Ich bin etwas spaet gekommen, mein gnaediges Fraeulein," sagte er.
"Unaufschiebliche Arbeiten hielten mich noch ab. Darf ich hoffen, dass
Sie noch einen Tanz fuer mich frei haben?"

"Ich bedauere sehr," erwiderte das junge Maedchen mit einem Blick auf die
Tanzordnung, waehrend ihre Mutter ziemlich kalt und oberflaechlich die
Begruessung des Lieutenants von Buechenfeld erwiderte; "Alle meine Taenze
sind besetzt."

"Das ist ja ein wahres Unglueck!" rief der junge Herr von Rantow, waehrend
er versuchte, den gleichgueltigen Ausdruck von seinem Gesicht
verschwinden zu lassen.--"ein Unglueck," fuegte er hinzu, "auf das ich
uebrigens haette gefasst sein muessen, wenn ich nicht die leise Hoffnung
gehabt haette, dass Sie vielleicht die Guete haben wuerden mir einen Tanz zu
reserviren."

Die Commerzienraethin wandte sich ein wenig erstaunt zu ihrer Tochter.

"Soviel ich bemerkt," sagte sie, "hast Du noch kein Engagement fuer den
Cotillon angenommen."

"Ah" rief Herr von Rantow freudig, "sollten Sie mir vielleicht diese
glueckliche Ueberraschung gemacht haben?"

"Ich bin fuer den Cotillon versagt," erwiderte Fraeulein Cohnheim ernst
und kalt, indem ihr Blick zu dem neben ihrer Mutter stehenden jungen
Officier hinueberflog.

Dieser trat rasch heran und sprach:

"Darf ich hoffen, dass Sie sich des Versprechens noch erinnern, das Sie
mir auf dem letzten Ball fuer den naechsten Cotillon gegeben?"

"Was ich versprochen halte ich stets," erwiderte die junge Dame mit
freundlichem Laecheln den Gruss des Officiers erwidernd. "Sie sehen," fuhr
sie fort, ihm ihre Tanzordnung hinreichend, "Ihr Name steht bereits beim
Cotillon notirt."

Ein strenger hochmuetiger Blick der Commerzienraethin traf den Lieutenant
von Buechenfeld. Wie missbilligend schuettelte sie leicht den Kopf und
wandte sich von ihrer Tochter ab, waehrend der Referendarius von Rantow
mit leichter Verbeugung zuruecktrat.

Die Musik im Tanzsaal begann den ersten Walzer zu spielen. Die Paare
traten an. Der Taenzer des Fraeulein Cohnheim erschien und fuehrte die
junge Dame in die Reihen.

Herr von Rantow und der Lieutenant von Buechenfeld blieben einen
Augenblick neben einander stehen.

"Du hast mir die Kleine weggekapert," sagte der Referendarius, indem
sein Blick ueber den Saal hinschweifte. "Das ist nicht huebsch von Dir,
nun habe ich heute gar keine Gelegenheit mich mit ihr zu unterhalten,
und ich moechte doch gern einmal laenger mit ihr sprechen, um zu sehen,
was denn eigentlich hinter diesem huebschen Gesicht steckt. Sie ist
sehr gut erzogen und hat auch gute Manieren, und wenn die
commerzienraethlichen Eltern nicht waeren, es waere am Ende keine ueble
Partie."

Er hob sein Lorgnon an's Auge und musterte einige in seiner Naehe
stehende Paare.

Der Lieutenant von Buechenfeld war bei den Worten des Herrn von Rantow
fluechtig erroethet, er sah ihn mit einem eigenthuemlich pruefenden Blick
seiner tiefen Augen an und folgte dann, ohne eine Antwort zu geben, den
anmuthigen Bewegungen der Tochter des Hauses, welche soeben im Tanze an
ihm vorbeischwebte.

Waehrend der Ball im grossen Mittelsaal seinen Fortgang nahm, waehrend die
aeltern Damen theils an den Waenden des Tanzsaals, theils in den
unmittelbar daran stossenden Zimmern ihre Plaetze einnahmen und sich in
mehr oder weniger liebevollen Kritiken ueber die tanzenden Paare
ergingen, bildeten sich in den entfernteren Raeumen Gruppen der aelteren
Herren.

Ein ziemlich starker Mann von etwa fuenfzig Jahren mit vollem rothen
Gesicht und rueckwaerts gekaemmtem Haar stand lebhaft sprechend und
gesticulirend in einem Kreise von fuenf bis sechs anderen Herren, welche
ihm aufmerksam zuhoerten.

"Ich sage Ihnen, meine Herren," rief er, "unser Norddeutscher Reichstag
mag eine ganz gute Institution sein und wird gewiss viel zur Einheit und
Verkehr im Handel und Wandel wie auch zur Gesetzgebung beitragen. Aber
es ist doch immer nur ein halbes Werk und die Hauptsache liegt in der
Vereinigung mit den Suedstaaten. Und von dieser Vereinigung sind wir
jetzt weiter entfernt als je vorher."

"Warum das, Herr Director," fragte ein langer, fast aengstlich magerer
Herr mit einem faltigen, leberkranken Gesicht, welcher eine Kette mit
verschiedenen kleinen Decorationen im Knopfloch trug und jene
eigenthuemliche, halb geheimnissvolle, halb ueberlegene Miene hatte, welche
ein besonderes Kennzeichen der hoehern preussischen Bureaukratie bildet.
"Die Vertraege, welche in militairischen Beziehungen mit den sueddeutschen
Staaten abgeschlossen sind, bilden ja ein festes Band, welches sich in
der Stunde der Gefahr gewiss bewaehren wuerde. Und gerade in Bayern, dem
maechtigsten der sueddeutschen Staaten, macht sich eine sehr entschiedene
deutsche Bewegung bemerkbar, welche von dem jungen Koenige ganz besonders
beguenstigt wird. Wir haben darueber," fuegte er mit einer etwas gedaempften
Stimme im Ton einer vertraulichen Mittheilung hinzu, "sehr befriedigende
Berichte."

"Ihre Berichte moegen befriedigend sein, mein lieber Herr Geheimrath,"
erwiderte der Bankdirector Huber, "die Wirklichkeit ist es nicht, denn
gerade in Bayern arbeitet in diesem Augenblick die ultramontane
katholische Partei mit aller Kraft daran, den Anschluss an den
Norddeutschen Bund zu verhindern und zu erschweren. Und man taeuscht sich
hier gewaltig, wenn man die Macht und Bedeutung dieser Partei gering
anschlaegt. Ich bin vor Kurzem in Muenchen gewesen und habe Gelegenheit
gehabt, das sehr genau zu beobachten, weil vermiedene Personen, mit
denen ich in Geschaeftsbeziehung stehe, gerade zu den uns feindlichen
Kreisen gehoeren. Der Koenig, es ist wahr, soll ja, wie man sagt, sehr
deutsch gesinnt sein, aber er hat auch sehr particularistische
bayerische Gefuehle, und die ultramontane Partei uebt einen grossen Einfluss
auf ihn aus, da sie ihn bei der religioesen Seite zu fassen versteht."

"Ich kann," sagte der Geheimrath Fintelmann, "kaum glauben, dass die
ultramontane Partei in Bayern im Stande sein sollte, den Zug zur
deutschen Einigkeit, welcher doch im Volke lebt, wirksam zu bekaempfen.
Ausserdem begreife ich eigentlich nicht, was sie dabei fuer ein Interesse
haben sollte, die Katholiken werden doch wahrlich in Preussen nicht
schlecht behandelt, im Gegentheil, sie stehen hier besser als in manchen
katholischen Laendern, und sie wuerden sich selbst schaden, wenn sie sich
im Gegensatz stellen wollten zu den nationalen Einigungsbestrebungen."

"Die Stellung der Katholiken," erwiderte der Bankdirector, "ist eine
vollkommen andere geworden, seitdem man in Rom an der Unfehlbarkeit des
Papstes arbeitet. Die verschiedenen Parteigaenger dieses Dogmas sprechen
es ganz offen aus, dass sie einen Kampf mit der preussischen Staatsgewalt
voraussehen und dass sie deshalb dieser protestantischen Macht gegenueber
in Bayern einen Mittelpunkt fuer den deutschen Katholicismus bilden
muessen."

"Mein Gott," sagte der Geheimrath achselzuckend, "ich glaube, dass man
dieser ganzen Unfehlbarkeitsangelegenheit zu viel Bedeutung beilegt. So
viel mir bekannt, hat ja der Papst in der katholischen Kirche immer fuer
unfehlbar gegolten, und schliesslich ist ja jede oberste Instanz in jeder
menschlichen Institution unfehlbar. Lasse man doch ruhig den Papst in
Glaubenssachen seine unfehlbaren Decrete sprechen, die staatliche
Nationalitaet wird darum ruhig ihren Weg weiter gehen und die Katholiken
auch nach dieser neuen Facon selig werden lassen."

"Sie legen der Sache umgekehrt zu _wenig_ Bedeutung bei," erwiderte der
Bankdirector. "Verzeihen Sie, das ist aber der gewoehnliche Fehler der
Herren am gruenen Tisch, dass sie die Folge der Dinge erst dann einsehen,
wenn sie wirklich eingetreten sind. Ich bin Rheinlaender," fuhr er fort,
"ich bin Katholik und die Unfehlbarkeit des Papstes als oberste
Autoritaet in Kirchenverwaltungen und Disciplinarsachen ist ja bei uns
nie bestritten, obwohl es mir nicht so recht in den Sinn kommen will,
dass eine fremde auslaendische Autoritaet ueber die Angelegenheiten unserer
deutschen Kirche zu bestimmen haben soll. Allein ganz etwas Anderes ist
es, wenn nunmehr die Unfehlbarkeit des Papstes dogmatisch festgestellt
wird, wenn Jeder verflucht und excommunicirt wird, der irgend einem
Decret nicht sofort Folge leistet. Damit erwaechst allerdings eine Macht,
mit der der Staat auf die Dauer nicht im Frieden leben kann. Eine solche
Unfehlbarkeit in Glaubenssachen koennten wir uns allenfalls gefallen
lassen, wenn der oberste Leiter der deutschen Kirche ein deutscher
Bischof waere. Aber der Papst ist nun einmal ein fremder, ein
italienischer Kirchenfuerst, der nicht nur Priester ist, sondern auch
seine Politik macht, und es koennten denn doch Verhaeltnisse eintreten, in
welchen seine unfehlbaren Decrete der weltlichen Macht und im Besonderen
Deutschland sehr wenig genehm sein moechten."

"Nun," sagte der Geheimrath mit einem selbstzufriedenem Laecheln, "ich
glaube, wir koennen es ruhig abwarten."

"Ich wollte," rief der Bankdirector lebhaft, "Sie warteten es nicht ab,
sondern traefen Vorkehrungen; wenn aus dieser Frage spaeter ein Conflict
entsteht, ohne dass man zur rechten Zeit Stellung genommen hat, so
duersten die Consequenzen sehr fatal werden."

"Ich glaube, der Bankdirector hat ganz Recht," sagte der Professor
Brandt, ein grosser Mann von steifer Haltung, dessen von dunklem, glatt
gescheiteltem Haar umgebenes Gesicht geistige Bewegung und scharfe
Intelligenz ausdrueckte, obwohl die Augen von einer grossen glaesernen
Brille bedeckt waren. "Ich glaube, der Bankdirektor hat ganz Recht und
ich wundere mich, dass man sich in massgebenden Kreisen so wenig mit
solchen Fragen zu beschaeftigen scheint, welche da am Horizont der
Zukunft heraussteigen. Denn gerade in diesem Augenblick muesste man
zugreifen, um die Unabhaengigkeit von Rom, um welche die deutschen
Bischoefe und die deutschen Kaiser so lange gestritten haben, endlich
durchzusetzen. Alle deutschen Bischoefe, der so geistvolle und energische
Kettler an der Spitze machten die groessten Anstrengungen gegen die
Proclamirung der Unfehlbarkeit. Der katholische Fuerst von Hohenlohe hat
die katholischen Maechte schon vor laengerer Zeit aufgefordert, gegen das
von Rom aus verbreitete Dogma Stellung zu nehmen. In diesem Augenblick
muesste man eingreifen. Wuerde die staatliche Autoritaet jetzt den Bischoefen
die Hand reichen, es liesse sich da vielleicht etwas Grosses erreichen,
und vielleicht liesse sich jetzt mit einem Male die durch das ganze
Mittelalter erstrebte Unabhaengigkeit der deutschen Kirche von Rom
herstellen. Man sollte," fuhr er in etwas docirendem Tone, aber mit dem
Ausdruck tiefer Ueberzeugung fort, "man sollte in dieser Angelegenheit
energisch handeln. Die Herstellung eines vollstaendig geeinigten
Deutschlands liegt ja doch im Zug der Zeit, und wie das alte deutsche
Reich und die Autoritaet der Kaiser keinen gefaehrlicheren Feind gehabt
hat als die roemische Hierarchie, so wird auch das neue deutsche Reich,
wenn ein solches, wie Gott geben mag, jemals ersteht, sogleich wieder
den alten Gegner sich gegenueberstellen sehen. Wenn man die Bischoefe
jetzt im Stich laesst, wenn ihnen die Staatsautoritaet nicht zu Huelfe
kommt, so werden sie sich unterwerfen und es wird spaeter sehr schwer
sein, sie wieder von Rom zu trennen."

"Mein lieber Professor," sagte der Geheimrath im Ton wohlwollender
Belehrung, "Alles, was Sie da sagen, ist in der Theorie sehr schoen. Wir
haben uns aber bei Regelung des Staatslebens an die Praxis zu halten
und viele Ruecksichten zu nehmen, welche man ausserhalb der eingeweihten
Kreise nicht immer vollstaendig zu wuerdigen versteht."

"Ruecksichten? Ruecksichten?" rief der Bankdirector. "Mit Ruecksichten ist
noch niemals etwas Grosses geschaffen worden. Ich bin ganz der Meinung
des Professors, in diesem Augenblick sollte man eingreifen, in diesem
Augenblick ist Uneinigkeit unter der Hierarchie, der Nationalinstinct
ist lebendig in dem deutschen Episkopat. Warten wir ab, bis sie wieder
Alle einig geworden sind, so wird es vielleicht zu spaet sein."

Freundlich laechelnd trat der Commerzienrath Cohnheim in den Kreis.

"Die Herren sprechen ja so ernsthaft," sagte er, "als waeren sie im
Reichstage. Ich bitte Sie, lassen Sie die Politik und die ernsten
Fragen. Wollen Sie eine Cigarre rauchen?" fuegte er hinzu, "dort im
letzten Zimmer habe ich ein kleines Rauchcabinet etablirt. Sie finden
ganz vortreffliche Regalia's von der letzten Ernte, ich habe sie vor
Kurzem aus Hamburg bekommen. Es ist entsetzlich," fuegte er hinzu,
"welche theuere Passion jetzt das Rauchen wird, man wird kaum noch eine
gute Cigarre erschwingen koennen."

"Wenn Sie das schon sagen, mein lieber Herr Commerzienrath," sprach der
Geheimrath mit einem sauer-suessen Laecheln, "was sollen wir dann sagen,
die wir mit den Herren von der Finanz gar nicht mehr Schritt halten
koennen."

"Dafuer aber," erwiderte der Commerzienrath, "haben Sie die Hand an der
Leitung der Ereignisse, die Ehre, den Einfluss!"

Der Geheimrath entfernte sich mit einer Miene, welche deutlich
ausdrueckte, dass Ehre und Einfluss ihm nicht vollwichtige Aequivalente fuer
die mangelnden materiellen Mittel erschienen. Er begab sich in das
Rauchcabinet, um eine von den gepriesenen Regalia's zu versuchen.

"Ich habe ein vortreffliches Project," sagte der Commerzienrath zu dem
Bankdirector, waehrend der Professor zu einem grossen Tisch trat und eins
der darauf ausgebreiteten Albums oeffnete, "ein Freund von mir, der Baron
von Rantow, Mitglied des Herrenhauses, hat auf seinen Besitzungen in
Schlesien ein Zinklager entdeckt, zu dessen Ausbeutung grosse
Capitalkraefte noethig sind, die dann allerdings aber auch eine grosse
Rentabilitaet verspricht. Ich beschaeftige mich diesen Augenblick damit,
ein Consortium zu bilden, um die Sache in die Hand zu nehmen.--Ich
glaube, dass es ein vortreffliches Geschaeft fuer Ihre Bank waere, sich
dabei zu betheiligen."

Er ergriff den Arm des Bankdirectors, fuehrte ihn zu einem in der Ecke
des Zimmers stehenden Divan und vertiefte sich mit ihm in ein laengeres
und eingehenderes Gespraech.

Der Ball nahm seinen Fortgang, die Herren an den Whisttischen spielten
feierlich und wuerdevoll einen Robber nach dem andern. Die junge Welt
tanzte unermuedlich, die Locken der Damen begannen sich zu loesen, die
Blumen begannen allmaelig zu welken und die aelteren Damen an den Waenden
des Saals verstummten mehr und mehr und blickten nur noch truebe und
theilnahmlos, oft mit Schlafanwandlungen kaempfend in das Treiben vor
ihnen.

Der Referendarius von Rantow hatte wenig getanzt, sich der Reihe nach
mit vielen aelteren Damen unterhalten und sich dann neben die
Commerzienraethin gesetzt, mit welcher er angelegentlich und eifrig
sprach, und welche mit der liebenswuerdigsten Aufmerksamkeit ihm zuhoerte.

Der Lieutenant von Buechenfeld war still und ruhig an der Thuer des
Tanzsaals stehen geblieben, sinnend, mit einem wehmuethigen, fast
traurigen Ausdruck blickte er ueber die bunte Gesellschaft hin, und nur
zuweilen leuchtete sein Auge hoeher auf, wenn er dem Blick der Tochter
des Hauses begegnete, welche in den Pausen des Tanzes stets von einem
Kreise junger Herren umgeben war und oft wie fragend zu ihm hinueber sah.

Endlich trat die allgemein ersehnte Pause des Soupers ein, alle Welt
nahm an kleinen Tischen Platz. Der Commerzienrath wurde nicht muede, hin-
und herzugehen und bald diesen, bald jenen seiner Gaeste auf irgend eine
Schuessel des vortrefflich bestellten Bueffets aufmerksam zu machen, oder
einen Lakaien herbeizurufen, um den von ihm Bevorzugten ein Glas
besonders empfohlenen Weins zu serviren.

Fraeulein Cohnheim war auch hier wieder von einem grossen Kreise junger
Damen und Herren umringt. Abermals warf sie einen fluechtigen fragenden
Blick auf den jungen Officier, aber dieser naeherte sich ihr nicht,
sondern blieb in der Naehe des Bueffets und nahm nur mit wenigen kurzen
Bemerkungen an der Unterhaltung einiger Kameraden Theil, welche keine
Plaetze mehr in dem Kreise der Damen gefunden.

Das Souper war beendet. Die Musik intonirte die Aufforderung zum
Cotillon; die junge Welt erhob sich, die Paare fanden sich zusammen und
begaben sich in den Tanzsalon.

Fraeulein Cohnheim war aufgestanden, hatte sich langsam der Thuere des
Speisezimmers genaehert und blickte erwartungsvoll umher. Rasch trat der
Lieutenant von Buechenfeld auf sie zu, reichte ihr mit stummer Verbeugung
die Hand und fuehrte sie zu zwei Stuehlen, welche ein wenig abseits unter
einer Decoration von gruenen Gewaechsen standen.

Die jungen Leute setzten sich nieder, der Cotillon begann.

"Sie sind so ernst, fast verstimmt heute Abend, Herr von Buechenfeld,"
sagte die junge Dame mit dem Ausdruck herzlicher Theilnahme. "Was fehlt
Ihnen? Ist Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren? Sie haben sich beim
Souper von unserm Kreise zurueckgezogen, oder haben Sie--" fuegte sie, die
Augen niederschlagend, mit leicht zitternder Stimme hinzu, "mir irgend
Etwas uebel genommen?"

"Wie koennte ich das," erwiderte Herr von Buechenfeld, indem sein Blick
tief und innig auf dem Antlitz des jungen Maedchens ruhte, welches die
leichte Verwirrung, in der sie sich befand, nur noch schoener erscheinen
liess. "Aber Sie haben Recht," fuhr er seufzend fort, "ich bin
verstimmt--und mehr als verstimmt--ich bin traurig, ernsthaft
traurig--und fast wuenschte ich, garnicht nach Berlin gekommen zu sein."

"Und warum das?" fragte Fraeulein Cohnheim, ihre grossen Augen treuherzig
zu ihm aufschlagend. "Haben Sie hier keine Freunde, welche gern bereit
sind, an Ihrem Kummer Theil zu nehmen und Sie zu troesten. Ich wuesste
uebrigens nichts," fuhr sie in scherzendem Ton fort, "was Sie traurig
machen koennte."

"Wenn Sie es nicht wissen," sagte Herr von Buechenfeld, indem er ihr fest
und grade in die Augen sah, "so muss mich das eigentlich noch trauriger
machen. Ich bin hierher gekommen," fuhr er fort, "mit leichtem
froehlichen Herzen, voll Muth und Vertrauen auf die Zukunft, und wenn ich
von hier wieder fortgehe, so werde ich um viele Traeume, um viele
Hoffnungen aermer sein, die vielleicht besser niemals in mein Herz
eingezogen waeren."

Das junge Maedchen neigte erroethend den Kopf und schwieg einige
Augenblicke. Dann richtete sie sich mit einer raschen Bewegung wieder
hoch empor, blickte den jungen Mann voll und klar an und sprach mit
einer festen, aber zugleich weichen und dabei zaertlichen Stimme.

"Warum sollten Traeume, warum sollten Hoffnungen ungluecklich machen?
Wenn ein lieber Traum zur Wirklichkeit wird, wenn eine schoene Hoffnung
sich erfuellt, das ist ja das beste Glueck, das uns auf Erden zu Theil
werden kann."

Ein flammender Blitz zuckte aus den Augen des jungen Mannes.

"Diese Worte aus Ihrem Munde, Fraeulein Anna," sagte er mit lebhafter
Bewegung, "sollten mich uebergluecklich machen und dennoch--dennoch--"
fuhr er mit tief traurigem Tone fort, "kann ich an die Erfuellung meiner
Hoffnungen, an die schoene Wirklichkeit meiner Traeume nicht glauben."

Sie sah ihn fragend und fast vorwurfsvoll an.

"Fraeulein Anna," sprach er, wie einem schnellen Entschluss folgend, "es
muss klar werden durch die trueben Nebel, welche mein Herz bedruecken, denn
die schmerzlichste Klarheit ist immer noch besser als die dumpfe
Daemmerung widersprechender Gefuehle. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen frei
und ohne Rueckhalt zu sagen, was mein Herz bedrueckt?"

Abermals schlug sie erroethend die Augen nieder Ein leichtes Zittern flog
durch ihre ganze Gestalt, dann machte sie eine Bewegung, als wolle sie
dem jungen Officier die Hand reichen. Sie hielt sie jedoch zurueck, ein
rascher Blick glitt ueber den Saal ueber die Tanzenden hin, und sie sagte
mit herzlichem Ton:

"Koennen Sie an meiner Theilnahme zweifeln?"

"Nun, Fraeulein Anna," sprach er, sich ein wenig zu ihr hinueberneigend,
"Sie muessen es bemerkt haben, dass, seit ich Sie kenne, meine ganze Seele
Ihnen entgegengeflogen ist, dass mein Fuehlen, mein Denken, mein ganzes
Leben sich nur um Sie als leuchtenden Mittelpunkt dreht. Sie muessen
bemerkt haben, dass ich Sie liebe, und dass diese Liebe immer maechtiger
mich durchdringt und erfuellt, je laenger ich mich in Ihrer Naehe bewegt
habe."

"Ich habe es bemerkt," fluesterte sie fast unhoerbar, indem ein feucht
schimmernder Blick ihrer grossen Augen deutlich die unausgesprochene
Frage ausdrueckte, "und ist das denn ein so grosses Unglueck?"

Herr von Buechenfeld hoerte die leise gefluesterten Worte. Er sah diesen
Blick und verstand die stumme Frage.

"Sie haben Recht," sprach er, "eine solche Liebe waere das hoechste Glueck,
wenn sie die Hoffnung haben koennte, Erwiderung zu finden--"

Sie richtete wiederum ihre Augen mit wunderbarem Ausdruck auf ihn.

Wiederum verstand er die stumme Sprache dieser Augen. Es zitterte einen
Augenblick wie ein Wonneschauer durch sein Gesicht, dann aber legte sich
wieder der tiefe traurige Ernst auf seine Zuege--er fuhr fort:

--"und wenn die Verhaeltnisse fuer diese Liebe eine glueckliche Zukunft
unmoeglich machten, Fraeulein Anna,"--sie sah ihn ganz erstaunt an, als
begriff sie seine Worte nicht--"ich bin ein armer Officier, meine
Zukunft beruht auf meiner Arbeit und Thaetigkeit, auf einer langjaehrigen
muehevollen und angestrengten Arbeit. Nach Jahren kann ich erst in der
Lage sein, an die Gruendung einer Haeuslichkeit zu denken, dem Wesen, das
ich liebe, eine sichere Existenz zu bieten. Kann ich," fuhr er mit einem
brennenden Blick fort, "von Ihnen, selbst wenn Sie einige Theilnahme fuer
mich empfinden, selbst wenn Ihr Herz sich freundlich zu mir neigt, kann
ich von Ihnen erwarten, dass Sie die Jahre der Jugend opfern, um den
unsichern Erfolg meiner Thaetigkeit, meines Ringens und Strebens zu
erwarten. Und wenn dieser Erfolg ausbleibt--ich allein koennte eine
zerstoerte Carriere, ein verfehltes Leben ertragen, aber ich wuerde
vernichtet zusammenbrechen, wenn ich auch die Hoffnungen eines andern
Lebens zerstoert sehen muesste, das so reich berechtigt ist zu Freude und
Glueck. Darum ist es besser," fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort,
waehrend sie ihn fortwaehrend mit ihren grossen Augen fest ansah, "darum
ist es besser, ich reisse mich jetzt kraftvoll von allen jenen Traeumen
los und verfolge meinen eigenen Weg.--Sie werden mich vergessen," sprach
er seufzend, "und mich wird die Erinnerung an Sie immer noch gluecklich
machen. Sie wird wie ein freundlicher Lichtschein, wie ein Stern, der
unerreichbar hoch ueber uns schwebt, mein Leben verklaeren."

Anna hatte ernst und unbeweglich zugehoert; als er schwieg, leuchtete ihr
Blick hoeher auf, ein Zug fester Energie und muthiger Entschlossenheit
legte sich um ihre sonst so weichen kindlichen Lippen, indem sie sich
ein wenig zu dem jungen Officier hinueberneigte, sprach sie mit leiser
Stimme, aber jedes Wort scharf und klar betonend.

"Sie irren sich, Herr von Buechenfeld, ich werde Sie nicht vergessen--ich
kann Sie nicht vergessen! Und von dem Augenblick an," fuhr sie, ihn fast
befehlend anblickend, fort, "von dem Augenblick an, wo ich Ihnen dies
gesagt habe, duerfen Sie sich nicht von mir wenden, Sie duerfen mich nicht
allein lassen. Und wenn Sie Ihren Weg einsam durch das Leben verfolgen,
so wird das Licht des Sternes, von dem Sie eben gesprochen haben, Ihnen
nicht mehr leuchten, denn dieser Stern selbst wird sein Licht und seinen
Glanz verloren haben."

"Fraeulein Anna," sagte er, muehsam seine Erregung unterdrueckend, "solche
Worte sollten mich auf die hoechste Hoehe der Glueckseligkeit erheben. Aber
mein Gott," sagte er, die Haende in einander faltend, "es ist ja nicht
moeglich."

"Nicht moeglich," sagte sie sanft, "warum nicht moeglich? Haben wir
noethig, auf die Vollendung Ihrer Carriere zu warten? Ich schwoere Ihnen,"
fuhr sie fort, "aller Reichthum und Glanz, mit welchem mein Leben
umgeben ist, ist mir immer gleichgueltig gewesen.--Aber in diesem
Augenblick danke ich Gott, dass mein Vater reich ist, denn dadurch sind
wir ueber die traurige Nothwendigkeit erhoben, das Glueck unserer Liebe
abhaengig von den Zufaelligkeiten dieses Lebens zu machen."

Herr von Buechenfeld richtete sich hoch empor. Er sah das junge Maedchen
mit einem Blick voll hohen, fast kalten Stolzes an.

"Und wuerden Sie," sprach er in heftiger Bewegung mit muehsam gedaempfter
Stimme, "wuerden Sie, Fraeulein Anna, einen Mann lieben koennen, wuerden Sie
einem Mann Ihr Leben anvertrauen koennen, der seine Existenz, seine
Stellung in der Welt auf das Vermoegen seiner Frau begruendet?--Ich," fuhr
er, die Lippen zusammenpressend fort,--"ich wuerde eine solche Stellung
nicht annehmen, nicht um den Preis des hoechsten Glueckes."

"Soll die Liebe," fragte sie leise, "welche die Herzen und die Seelen
_vereinigt_, jenen elenden Besitz der aeusseren Gueter des Lebens
_theilen_? Wenn liebende Herzen das Hoechste und Goettlichste im
Menschenleben gemeinsam umfassen, sollen sie fragen, ob die
untergeordneten Elemente des materiellen Lebens dem Einen oder dem
Andern gehoeren? Muss ich Sie bitten," fuegte sie mit einem wunderbar
weichen, fast demuethig zu ihm empor gerichteten Blick hinzu, "muss ich
Sie bitten, mir zu verzeihen, dass mein Vater reich ist?"

"Mein Gott, Fraeulein Anna," rief er, "welche Qual macht mir das sonnige
Glueck, das Sie mir zeigen, und nach welchem ich doch," fuegte er dumpf
hinzu,----"nach welchem ich doch die Hand nicht ausstrecken
darf.--Glauben Sie," fuhr er nach einem augenblicklichen Stillschweigen
fort, "dass, wenn mein Stolz sich Ihnen gegenueber beugen koennte, glauben
Sie, dass Ihr Vater jemals einen armen aussichtslosen Officier, den er,"
sagte er bitter, "wohl als Staffage fuer seine Gesellschaftssalons
benutzt--als Bewerber um seine Tochter annehmen wuerde?"

"Und glauben Sie," erwiderte sie schnell, indem ihr sonst so weicher
Blick hell aufleuchtete, "dass ich nicht die Kraft und den Muth haben
wuerde, auch fuer meinen Willen und mein Glueck zu kaempfen?"

Der Cotillon hatte seinen Fortgang genommen. Ein kleiner Tisch mit
reizenden frischen Bouquets stand in der Mitte des Saales. Die Herren
vertheilten dieselben an die Damen. Der Ball befand sich auf dem
Hoehepunkt seines Interesses fuer die junge Welt, waehrend die aelteren
Herren nur noch muehsam und gezwungen ihre Gespraeche fortsetzten, und die
Muetter an den Waenden des Tanzsaals nur noch in lethargischer
Unbeweglichkeit gleichgueltig und starr auf die Touren des Cotillons
hinblickten.

Der Referendarius von Rantow, welcher an dem Tanz nicht Theil genommen,
trat zu dem Blumenkorb, nahm ein kleines zierliches Bouquet von Veilchen
und Rosenknospen und brachte es der schoenen Tochter des Hauses.

Als Fraeulein Cohnheim nach der Tour zu ihrem Platz zurueckkehrte, sprach
der Lieutenant von Buechenfeld, welcher mit finstern Blicken die
tanzenden Paare verfolgt hatte:

"Sehen Sie, Fraeulein Anna, von allen Seiten werden sich die Bewerber um
Sie draengen, und zwar Bewerber, welche in den Augen Ihres Vaters so
unendlich weit ueber mir stehen muessen. Und auch Sie," fuhr er leise
fort, "werden endlich unter allen diesen glaenzenden jungen Leuten,
welche Sie umschwaermen, mich vergessen muessen, da ich ja mit jenen Allen
den Vergleich nicht aushalten kann."

Sie blickte ihn einen Augenblick gross und sinnend an, dann schuettelte
sie langsam den Kopf und mit einer raschen Bewegung reichte sie ihm das
kleine Bouquet, welches Herr von Rantow ihr soeben gebracht hatte.

"Wie schlecht kennen Sie mich," sagte sie, "wie ich Ihnen diese Blumen
gebe, so moechte ich Alles, was mir das Leben an Bluethen bietet, nur dazu
benutzen, um Ihnen Freude zu machen."

Er nahm die kleinen Blumen und drueckte sie wie begeistert an seine
Lippen. Ehe er antworten konnte, traten andere Herren heran, und in den
folgenden Touren des Cotillon wurde Fraeulein Cohnheim als die gefeierte
Tochter des Hauses so sehr in Anspruch genommen, dass ein ruhiges
Gespraech nicht mehr moeglich war.

Der Tanz war zu Ende. Langsam fuehrte Herr von Buechenfeld Fraeulein
Cohnheim zu ihrer Mutter zurueck. Als sie am Ende des Saales angekommen
waren, hielt das junge Maedchen ihn durch einen festen und energischen
Druck ihrer Hand zurueck.

Er blieb einen Augenblick stehen. Sie neigte sich zu ihm hinueber, und
indem sie auf ihrem Gesicht den harmlos laechelnden Ausdruck leichter
Conversation festhielt, sprach sie, indem ihre Augen sich tief in die
seinigen tauchten.

"Ich will nicht, dass unser Gespraech zu Ende sei, Herr von Buechenfeld.
Ich bitte Sie die Blumen zu bewahren, die ich Ihnen gegeben; ich bitte
Sie dieselben taeglich zu betrachten und sich dabei zu erinnern, dass Sie
nicht nur Pflichten gegen Ihren Stolz haben, sondern auch heilige
Pflichten gegen Ihre Liebe, nachdem Sie einmal das Wort Liebe
ausgesprochen haben,--nach Dem, was ich Ihnen gesagt, waere es nicht
ritterlich, mich zu verlassen, und etwas Unritterliches zu thun ist
Ihnen unmoeglich. Ich habe Ihnen das hoechste Vertrauen bewiesen, das man
einem Manne zeigen kann. Jetzt ist es an Ihnen, Vertrauen zu mir und der
Zukunft zu haben."

Rasch schritt sie weiter und verneigte sich, an der Seite ihrer Mutter
angelangt, stumm gegen ihren Taenzer, der sich, ohne eines Wortes maechtig
zu sein, zurueckzog, seinen Helm und Degen nahm und schweigend, in tiefe
Gedanken versunken, die Gesellschaftsraeume verliess.

Allmaelig empfahlen sich die Gaeste. Der junge Herr von Rantow unterhielt
sich noch laengere Zeit mit der Commerzienraethin und ihrer Tochter. Und
als er endlich Abschied nahm, fuehrte der Commerzienrath ihn vertraulich
bis zur aeusseren Thuer und fluesterte ihm zu:

"Sagen Sie Ihrem Herrn Vater, dass ich fuer unsere Unternehmung thaetig
gewesen bin, und dass ich bestimmte Hoffnung habe, in Kurzem die
Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Wir werden gute Geschaefte machen,"
fuegte er schmunzelnd hinzu, "und Ihr kuenftiges Erbe, mein lieber Baron,
wird sich um das Dreissig- und Vierzigfache vermehren."

Als die Raeume sich geleert hatten, trat der Commerzienrath zu seiner
Frau und zu seiner Tochter.

"Ein sehr gelungenes Fest," sagte er, sich vergnuegt die Haende reibend,
"sehr gute Gesellschaft, Alles war sehr animirt. Und ich habe," fuegte er
vergnuegt laechelnd hinzu, "ein gutes Geschaeft gemacht.--Der Baron von
Rantow wird ein sehr reicher Mann werden--ein feiner Mann, eine sehr
gute Familie, es freut mich sehr, dass wir mit ihnen in diesem Hause
zusammen wohnen--ich hoffe, wir werden immer naeher mit einander bekannt
werden," fuegte er mit einem Seitenblick auf seine Tochter hinzu.

"Ich begreife nicht, Anna," sagte die Commerzienraethin, indem sie die
schweren Falten ihrer seidenen Robe mit der Hand glaettete, "ich begreife
nicht, dass Du dem jungen Rantow den Cotillon hast abschlagen koennen, um
ihn mit diesem Officier zu tanzen, der nicht einmal von der Garde ist,
mit diesem Herrn--ich habe seinen Namen vergessen," sagte sie im
zerstreuten Ton.

"Herr von Buechenfeld," sagte ihre Tochter fest und bestimmt. "Ich hatte
ihm den Cotillon auf dem letzten Ball versprochen," fuegte sie in
demselben Ton hinzu.

"Du haettest eine kleine Ausrede machen koennen," sagte ihre Mutter. "Du
hast wirklich nicht noethig, mit so unbedeutenden kleinen Officieren zu
tanzen. Ich wuensche, dass Du kuenftig mehr Ruecksicht auf unsere Stellung
und unsere Beziehungen nimmst."

Anna's Augen flammten auf, ihre Lippen oeffneten sich, als wolle sie
Etwas erwidern, doch unterdrueckte sie ihre Antwort, sie wuenschte ihren
Eltern kurz gute Nacht und zog sich zurueck.

Der Commerzienrath setzte sich neben seine Frau, zuendete eine jener
Regaliacigarren an, die er seinen Gaesten vorhin so dringend empfohlen
hatte, und Beide unterhielten sich noch laengere Zeit ueber die
verschiedenen Beobachtungen in der Gesellschaft, waehrend die Lakaien in
den uebrigen Zimmern die Gasflammen ausloeschten.




Fuenftes Capitel.


Der Reichskanzler von Oesterreich-Ungarn, Graf Beust, schritt langsam
und nachdenklich in seinem Cabinet des Palais am Ballhausplatz zu Wien
auf und nieder. Sein sorgfaeltig frisirtes Haar war ein wenig duenner und
ein wenig grauer geworden; doch die Haltung seiner grossen schlanken
Gestalt zeigte noch immer jugendliche Elasticitaet und Frische. Sein
bleiches, geistdurchleuchtetes Gesicht, seine klaren, scharfen Augen
schienen von dem Fortschritt der Zeit nicht beruehrt worden zu sein; nur
das leicht ironische Laecheln seines seinen, etwas seitwaerts gezogenen
Mundes war nicht mehr so heiter und siegesgewiss als frueher.

Er hielt einen ziemlich umfangreichen Bericht in Quartformat in der Hand
und blickte von Zeit zu Zeit kopfschuettelnd auf die grosse und deutliche
Schrift welche das Papier bedeckte.

"Die Katastrophe," sagte er, an einem der grossen Fenster stehen
bleibend und sinnend in die truebe Nebelluft hinausblickend, in welcher
einzelne Schneeflocken umherwirbelten, "die Katastrophe, welche seit
fast vier Jahren wie eine Wetterwolke ueber Europa haengt, scheint sich
dem entscheidenden Ausbruch nahen zu wollen.--Merkwuerdig," fuhr er fort,
"alle meine Feinde in Deutschland und auch in Preussen, sie betrachten
mich fortwaehrend als den geheimen Ruhestoerer des europaeischen Friedens,
und doch ist in all dieser Zeit mein ganzes Bestreben darauf gerichtet,
ueberall wo sich die schwebenden Differenzen zu acuten Conflicten
zuspitzen, Alles wieder auszugleichen und um jeden Preis die Ruhe zu
erhalten. Von der Luxemburger Affaire bis zu dieser Stunde bin ich der
unermuedlichste und eifrigste Waechter des Friedens in Europa, denn ich
bedarf den Frieden fuer mein Werk, das ich in Oesterreich begonnen. Dies
arme, so schwer geschlagene Oesterreich kann noch lange keinen
kriegerischen Anstoss ertragen. Alles was im Innern angebaut ist, wuerde
zusammenbrechen. Mein Werk--meine Stellung"--fuegte er seufzend hinzu,
"wuerde in demselben Augenblick zu Ende sein, in welchem die innere
Entwickelung dessen, was ich begonnen, von aussen her gestoert wuerde, und
selbst im Fall des Sieges wuerde nicht ich es sein, der die Fruechte
desselben pflueckte. Jeder Krieg, der in Europa ausbraeche, wuerde die
Leitung der oesterreichischen Angelegenheiten vorzugsweise in die Haende
Ungarns legen, denn die militairische Kraft Oesterreichs liegt in
Ungarn, und um einer grossen politischen Action diese Kraft zu sichern,
wuerden die Forderungen dort sehr weit gehen.--Es bereitet sich Etwas in
Frankreich vor, Napoleon wird alt und schwach, er scheint die Zuegel aus
den Haenden zu verlieren und die verschiedenartigsten und unberechenbaren
Factoren treiben dort ihr Spiel--

--"da ist wieder," fuhr er, den Bericht, welchen er in der Hand hielt,
durchblaetternd fort, "dieser General Tuerr mit seiner Coalitionsidee im
Gange, und es scheint in der That, dass Napoleon oder Diejenigen, welche
seinen schwachen Willen in diesem Augenblick lenken, hinter der
unruhigen Thaetigkeit dieses Generals steht.--Diese unzuenftigen
Politiker," sagte er, tief aufseufzend, "welche es nicht unterlassen
koennen, von Zeit zu Zeit mit uebereifrigen Haenden in das seine Gewebe der
politischen Faeden einzugreifen, sind in der That ein Kreuz fuer die wahre
Staatskunst, welche nach vernuenftigen Plaenen ihre Ziele verfolgt. Sie
koennen es niemals abwarten, die Dinge reif werden zu lassen und wollen
vorzeitige Fruechte von den halb angewachsen Baeumen pfluecken."

Er ging langsam zu seinem Schreibtisch zurueck und setzte sich in den
einfachen Lehnstuhl, welcher vor demselben stand.

"Die Idee einer innigen Annaeherung zwischen Frankreich, Oesterreich und
Italien ist ja gut und vortrefflich, und ich habe stets die
Nothwendigkeit betont, in eine franzoesische Alliance, wenn sie wirksam
sein soll, Italien mit aufzunehmen.--Oesterreich koennte einer solchen
Combination, welche uns eine feste Stellung in Europa wieder geben
wuerde, Opfer bringen. Ich arbeite mit Eifer daran, die guten Beziehungen
mit Italien zu pflegen und Vergessenheit alles Geschehenen zur Grundlage
fuer die Verhaeltnisse der Zukunft zu machen. Aber man muss nur nicht
glauben, dass die Herstellung einer Alliance aus so heterogenen Mitteln,
mit so verschiedenartigen Elementen ein Werk des Augenblicks ist. Da
faellt dieser General Tuerr mit dem Saebel in die Diplomatie hinein und
will alle diese so schwierigen Fragen in drei oder vier Punkten eines
Vertrages zusammenfassen, und dann sofort mit vereinten Kraeften in's
Feld ruecken, um vielleicht von Neuem in einer uebereilten Action Alles
das auf's Spiel zu setzen, was uns aus den schweren Unfaellen von 1866
noch uebrig geblieben ist."

Er blickte abermals auf den Bericht.

"Wohlwollende Neutralitaet Italiens," sprach er, "militairische
Huelfeleistung fuer den Fall, dass Russland activ in die Ereignisse
eingreifen sollte.--Und dafuer die italienisch redenden Districte
Tyrols.--Das klingt sehr schoen. Das Opfer waere nicht zu schwer fuer die
Wiedererlangung der alten Machtstellung Oesterreichs, nachdem ja nun
einmal Italien gegenueber das nationale Princip anerkannt worden ist.
Aber das Alles bietet doch nur eine sehr unsichere und zweifelhafte
Basis fuer eine Politik, bei welcher die Existenz Oesterreichs eingesetzt
werden wuerde. Der Koenig Victor Emanuel billigt den Plan.--Aber was
bedeutet die Billigung des Koenigs bei den gegenwaertigen Zustaenden in
Italien. Wuerde ein solcher Vertrag in der Stille der Cabinette wirklich
unterzeichnet--wer buergt dafuer, dass im Augenblick des Handelns das
italienische Volk die Abmachung seines Koenigs gut heisst. Wer buergt
dafuer, dass nicht ein neues Ministerium dort Alles desavouirt, was seine
Vorgaenger abgemacht haben, dass im Augenblick einer besonders
gefaehrlichen Entscheidung das kaum zu neuer Kraft erstarkte Oesterreich
sich unter gewaltigen und maechtigen Feinden isolirt sieht--"

"Nein," rief er, "niemals werde ich die Wege einer so unsicheren und
gewagten Politik betreten. Ich will Oesterreich zur Groesse und zur Macht
zurueckfuehren, aber ich muss es erst innerlich gesund machen und darf es
in die Gefahren auswaertiger Verwickelungen erst dann stuerzen, wenn seine
innere eigene Kraft vollstaendig wieder hergestellt ist,--wenn ich des
Erfolges sicher bin, denn jeder unglueckliche Ausgang einer
militairischen Action wuerde das Ende des heutigen Oesterreichs--das Ende
meines Werkes sein."

Er warf den Bericht auf den Tisch.

"Ich habe den Ausgleich mit Ungarn hergestellt," fuhr er fort--"ich habe
es unternommen, die kaiserliche Autoritaet an die Zunge der Wage zu
stellen zwischen dem deutschen und dem magyarischen Theil des
Kaiserstaats. Jeder Kampf in Europa, bei welchem Deutschland betheiligt
waere, wuerde das Schwergewicht auf die Seite Ungarns bringen muessen, denn
niemals wird Oesterreich in einer feindlichen Action gegen Preussen oder
Deutschland sich auf seine deutschen Elemente stuetzen koennen. Wie man
aber in Ungarn ein solches Verhaeltniss benutzen und ausbeuten wuerde,
dafuer spricht am deutlichsten wieder dieser Brief Kossuth's an die
achtundvierziger Partei, welche ihm ihre Praesidentschaft angetragen."

Er ergriff ein anderes Papier, welches auf seinem Schreibtisch lag,
durchflog es schweigend und las dann mit halb lauter Stimme die
Schlussworte:

"Und doch spreche ich es aus, dass ich fuer den Fall, dass noch vor der
Zeit, wo die Logik der Geschichte die monarchische Institution in die
Rumpelkammer des ueberlebten Entwickelungsstadiums verweisen wird, wenn
in meinem Leben das Ereigniss eintreten sollte, dass ein europaeischer
Sturm vom Haupte des Kaiser-Koenigs Franz Joseph die oesterreichische
Krone herunterblasen sollte, ich im selben Augenblick nach Hause gehen
und gegenueber dem ploetzlich zum Koenig von Ungarn reducirten Franz Joseph
das Band der Unterthanentreue annehmen wuerde."

"Diese Zeilen Kossuth's," sagte Graf Beust, das Haupt in die Hand
stuetzend, "sind eine deutliche Mahnung fuer mich, ein deutliches Zeichen
fuer das, was in Ungarn geschehen wuerde, wenn Oesterreich vorzeitig und
unvorsichtig sich in eine europaeische Action verwickeln sollte. Fuer den
Koenig von Ungarn wuerden sie kaempfen, diese Magyaren, aber nicht fuer den
Kaiser von Oesterreich!----Fuer den Augenblick beherrscht die Partei des
Ausgleichs das oeffentliche Leben in Ungarn. Sie haben gern angenommen,
was ihnen geboten wurde. Aber diese Partei, welche dort mit Oesterreich
pactirt, wuerde in demselben Augenblick verschwinden, in welchem der
Kaiser auf die Kraft Ungarns sich stuetzen muesste. Die grosse Mehrzahl des
Volkes jenseits der Leitha denkt wie Ludwig Kossuth und wuerde in einem
solchen Augenblick sprechen, wie er heute spricht.--Und diese russische
Macht, die schweigend an unsern Grenzen steht, den Moment erwartend, in
welchem wir ihr Gelegenheit geben moechten, Rache zu nehmen fuer die
Vergangenheit--fuer eine Vergangenheit, an der ich und das heutige
Oesterreich unschuldig sind!--Darf ich den furchtbaren Ueberfall dieser
Macht heraufbeschwoeren ohne eine andere Deckung, als den so unsichern
Beistand Italiens?--Nein!" rief er mit entschlossenem Ton, "niemals
werde ich ein so unsicheres Hazardspiel mit diesem alten, ehrwuerdigen
oesterreichischen Staat spielen, dessen Schicksal man mir anvertraut hat.
Ich bedarf des Friedens, um das Werk zu erfuellen, und ich werde alle
meine Kraft aufbieten, um den Frieden zu erhalten.

"Wenn dann," fuhr er mit einem wie in weite Fernen gerichteten Blick
fort, "wenn dann Oesterreich innerlich einig, kraeftig und schlagfertig
ist, wenn die reichen Huelfsquellen seines oeconomischen Lebens sich
geoeffnet haben werden, wenn die Institutionen der neuen Verfassung feste
Wurzel im Leben des Volkes geschlagen haben, dann mag der Kaiser es
versuchen, wieder in die Arena der grossen Kaempfe der europaeischen Maechte
hinabzusteigen, und den alten Glanz, die alte Macht Habsburgs wieder zu
erringen, dann mag er das Spiel um sein Haus und sein Reich wagen. Aber
von mir soll man nicht sagen, dass ich das Land, welches mir, dem Fremden
so vertrauungsvoll die Leitung seiner Geschicke uebergeben hat, in die
unheilvollen Zufaelligkeiten einer unreifen Action gestuerzt haette."

Er blieb einige Augenblicke in tiefen Gedanken versunken sitzen.

Der Bureaudiener, welcher im Vorzimmer den Dienst hatte, meldete den
Sectionschef, Baron Hoffmann.

Herr von Beust neigte zustimmend den Kopf.

Wenige Augenblicke darauf trat die magere, etwas eckige Gestalt des
Herrn von Hoffmann in das Cabinet. Herr von Beust reichte ihm
verbindlichst die Hand und der vortragende Rath des auswaertigen
Ministeriums nahm in dem Lehnstuhl neben dem Schreibtisch des
Reichskanzlers Platz.

Graf Beust reichte ihm den Bericht, den er vorher auf seinen
Schreibtisch gelegt und sagte.

"Ich bitte Sie, sogleich an Metternich zu schreiben, dass er der
unruhigen und unklaren Thaetigkeit des Generals Tuerr gegenueber die
aeusserste Zurueckhaltung beobachten moege, ohne indessen irgend wie die
Idee einer immer enger zu knuepfenden Coalition zwischen Frankreich,
Oesterreich und Italien zurueckzuweisen. Es waere mir sogar lieb," fuhr er
fort, "wenn diese Negotiation--doch in moeglichst unbestimmter Form sich
lange hinzoege.--Sie gaebe uns immerhin eine zweckmaessige Handhabe fuer
unsere Diplomatie. Und wenn auch eine so bestimmt formulirte Allianz,
wie der General sie herstellen moechte, mir unerreichbar scheint, auch
fuer uns ihre sehr erheblichen und ernsthaften Bedenken hat, so koennte
doch diese ganze Verhandlung, wenn sie mit Geschick geleitet wuerde,
dahin fuehren, dass die freundschaftliche Annaeherung an Italien, welche
ich so sehr wuensche, und welche schon mehrmals ohne eigentlichen Erfolg
versucht wurde, jetzt wenigstens hergestellt wuerde.--Der Fuerst
Metternich soll sich besonders hueten, ueber die von dem General Tuerr
formulirten Punkte irgend wie eine bindende Aeusserung zu machen. Erst
muss die allgemeine Annaeherung und Verstaendigung kommen, spaeter wird es
dann vielleicht moeglich sein auf die Discussion bestimmt formulirter
Alliancevertraege einzugehen. Vor Allem aber wird es dann noethig sein,
zunaechst Fuehlung in Italien zu nehmen, und sich zu vergewissern, wie
weit unsere Alliancevertraege die Zustimmung der dort herrschenden
Parteien finden koennten. Denn wir duerfen nicht vergessen, dass Victor
Emanuel kein Selbstherrscher wie Napoleon ist und dass ein mit ihm
persoenlich geschlossener Vertrag leicht illusorisch bleiben koennte."

"Ich glaube kaum," sagte Baron Hoffmann, "dass eine wirklich aktive
Alliance mit Italien auf die Zustimmung der Majoritaet der dortigen
Parteien jemals zu rechnen habe. Man fuehlt in Italien ganz genau, dass
man das bisher Errungene nur durch die Alliance mit Preussen erreicht
hat, und man sagt sich vom dortigen Standpunkt mit vollem Recht, dass man
nur unter dem ferneren Beistand Preussens an das Endziel des betretenen
Weges gelangen, das heisst von Florenz nach Rom wuerde gehen koennen. Die
Stimme der oeffentlichen Meinung," fuhr er fort, "laesst darueber keinen
Zweifel, und ich glaube, dass trotz aller Vertraege, welche das
italienische Cabinet etwa schliessen koennte, im Augenblick einer
europaeischen Verwickelung das italienische Volk die Regierung zwingen
wird, die letzte Hand an die nationale Einigung Italiens zu legen, wie
ja bisher jeder Schritt auf diesem Wege immer unter dem Druck des
Volkswillens gegen die von der Regierung geschlossenen Vertraege
geschehen ist."

"Ich bedaure," sagte Herr von Beust nach einem augenblicklichen
Nachdenken, "dass die verschiedenen Projekte, um mit Italien zu einer
freundlichen Verstaendigung und einem naehern Verhaeltniss zu gelangen,
niemals zur Ausfuehrung gekommen sind. Wir beduerfen der Freundschaft
Italiens, wir beduerfen auch der diplomatischen Coalition mit Italien und
Frankreich, aber in diesem Augenblick auf die ungluecklichen Actionsplaene
des Generals Tuerr einzugehen, das waere unverzeihlich fuer einen
oesterreichischen Minister. In Paris mag man jene Ideen in diesem
Augenblick den stets heranwachsenden innern Verlegenheiten gegenueber
acceptiren; doch glaube ich nicht, dass Kaiser Napoleon ernstlich daran
denkt, gerade jetzt einen Conflict heraufzubeschwoeren, nachdem er viel
passendere Momente, Momente, in welchen ihm viel groessere Chancen des
Erfolges zur Seite standen, hat voruebergehen lassen. Ich bitte Sie also
noch einmal, Metternich in dieser Beziehung meinen Willen
mitzutheilen.--Doch muss die ganze Sache mit grosser Vorsicht und mit
unendlicher Schonung aller persoenlichen Empfindlichkeiten behandelt
werden. Man darf weder in Paris, noch in Florenz verletzt werden, und
auch der General Tuerr darf in keiner Weise unangenehm beruehrt werden. Er
ist uns in Ungarn sehr nuetzlich gewesen, und koennte uns jedenfalls unter
Umstaenden viel schaden."

Herr von Hoffmann verneigte sich.

"Ich werde sogleich die Depesche nach Eurer Excellenz Befehl abfassen."

Er zog ein Zeitungsblatt aus seiner Mappe und fuhr fort.

"Ich muss um Eure Excellenz auf einen Artikel aufmerksam machen, welcher
sich in verschiedenen Blaettern findet und ueber einen Vorfall in Muenchen
berichtet, welcher, wie ich glaube, nicht unbeachtet bleiben darf. Graf
Ingelheim," fuhr er fort, "hat gerade an dem Tage, an welchem der Koenig
Ludwig die Minister und ministeriellen Reichsraethe zur Hoftafel
befohlen, ein Diner gegeben, bei welchem er alle Mitglieder der
grossdeutschen und ultramontanen Opposition im Reichsrath, die fuer die
Misstrauensadresse gegen das Ministerium gestimmt hatten, bei sich
versammelte, und es sollen bei diesem Diner, wie die Zeitungen
berichten, eigentuemliche Unterhaltungen stattgefunden haben. Man soll
Fuerst Hohenlohe bereits als beseitigt betrachten, und die Herstellung
des Ministeriums unter Herrn von Bomhardt mit den Herren von Schrenk und
von Thuengen lebhaft besprochen haben."

"Unterhaltungen bei einem Diner koennen nun allerdings nicht gerade auf
die Goldwage gelegt werden. Indessen hat doch dieser ganze Vorfall etwas
Demonstratives.--Die Presse fasst ihn in diesem Sinne auf und setzt ihn
in Verbindung mit dem allgemeinen Verhalten des Grafen Ingelheim, der
mit den erbittertsten und entschiedensten Gegnern des Ministeriums
Hohenlohe die innigsten Beziehungen unterhaelt.--

"Ich glaube nicht, dass es im Sinne der von Eurer Excellenz befolgten, so
vorsichtig zurueckhaltenden Politik liegen kann, wenn der Gesandte
Oesterreichs in Baiern offen gegen das dortige Ministerium demonstrirt,
im Augenblick, in welchem der Koenig demselben einen Beweis seines
Vertrauens giebt."

Ueber das Gesicht des Herrn von Beust legte sich der Ausdruck finstern
Unmuths.

"Wie schwer," rief er, "wie unendlich schwer ist es doch, Oesterreich in
den neuen Bahnen einer wohl durchdachten Politik zu lenken. Ueberall
fehlt die Organisation der innern Verwaltung, in der Diplomatie stoesst
man fortwaehrend auf die unerwarteten Hindernisse, und wenn ich mit der
aeussersten Muehe die Wolken des Misstrauens vom politischen Horizont
verscheucht habe, so werden sie bald hier, bald dort immer wieder
hervorgerufen durch die Organe, welche meine Absichten und Plaene nicht
verstehen oder nicht verstehen wollen. Da wird nun durch eine rein
persoenliche Demonstration des Grafen Ingelheim wieder das muehsam
aufrecht erhaltene gute Verhaeltniss mit Preussen getruebt, und man wird in
Berlin nicht ganz Unrecht haben, denn fuer eine solche Handlung des
offiziellen Vertreters Oesterreichs hat man eine gewisse Berechtigung,
mich verantwortlich zu machen.--Ich habe lange Bedenken gehabt," fuhr er
fort, "Ingelheim wieder in Aktivitaet zu setzen. Er ist ein braver Mann,
aber das genuegt nicht, um ein guter Diplomat zu sein, und vor Allem ist
er vollstaendig in den Haenden der Ultramontanen.--Doch," fuhr er fort,
"die Sache ist mir nach Preussen hin noch weniger unangenehm, als fuer die
Beziehungen zu Baiern selbst. Der Koenig Ludwig wird auf's Tiefste
verletzt sein, und doch ist es fuer uns von groesster Wichtigkeit, gerade
in Muenchen festen Fuss zu behalten, und das Vertrauen des Koenigs nicht zu
verlieren;--bei seinem Charakter kann eine Demonstration wie die des
Grafen Ingelheim ihn gerade in ploetzlicher Aufwallung von uns voellig
entfremden, und wenn man diese Verhaeltnisse und Stimmungen von Berlin
aus richtig benutzt, ihn ganz und gar der norddeutschen Politik in die
Arme treiben.

"Die Sache ist um so unangenehmer," fuhr er fort, indem er einen kleinen
eng betriebenen Bericht von seinem Schreibtisch nahm und den Blick ueber
denselben gleiten liess, "als----ich habe da eine merkwuerdige Mittheilung
auf privatem Wege erhalten ueber Vorgaenge in der koeniglichen Familie.--

"Sie wissen," sagte er, dass die klerikale Partei ganz besondere
Hoffnungen auf den Prinzen Luitpold setzt und stets bemueht ist,
demselben einen moeglichst grossen Einfluss auf die Staatsgeschaefte zu
sichern. Es soll nun im Schooss der koeniglichen Familie ein
Project ernstlich ventilirt sein, den Koenig Ludwig durch einen
Regierungsbeschluss unfaehig erklaeren zu lassen. Prinz Otto, der ohne
politischen Ehrgeiz ist, soll gegen entsprechende persoenliche Vortheile
bereit gewesen sein, schon jetzt auf das Thronrecht ausdruecklich zu
verzichten. Im entscheidenden Augenblick habe aber dieser junge Prinz
von Gewissensbissen bewegt, der verwittweten Koenigin die ganze Sache
eingestanden, und es sei in Folge dessen zu sehr stuermischen Scenen
gekommen, welche zur oeffentlichen Kenntniss freilich nur durch eine
koenigliche Botschaft gelangt sind, die den Prinzen Luitpold mit seinen
Soehnen Ludwig und Leopold bis auf Weiteres vom Erscheinen bei Hofe
dispensirt.--

"Die ganze Sache ist etwas mysterioes und fabelhaft," sprach er weiter,
"auch die Quelle, aus welcher die Mittheilung an mich gelangt ist, ist
nicht absolut zuverlaessig. Dennoch aber ist so viel gewiss, dass die
Prinzen mit den Fuehrern der klerikalen particularistischen Opposition in
intimen Verbindungen stehen, und dass der Koenig ueber diese Opposition
sehr gereizt ist. Wenn gerade in einem solchen Augenblick der Vertreter
Oesterreichs in solcher Weise demonstrativ handelt, wie es der Graf
Ingelheim gethan hat, so ist das allerdings sehr bedenklich. Wir muessen
darauf denken," fuhr er fort, "die Sache unter jeder Bedingung wieder
gut zu machen--

"Zunaechst bitte ich Sie, Graf Ingelheim in vertraulicher Weise auf das
Bedenkliche seines Verfahrens aufmerksam zu machen. Ich werde weiter
darueber nachdenken.--Ich glaube, dass ein anderer Vertreter in Muenchen
nothwendig werden wird. Wir koennen doch wahrlich nicht am Muenchener Hof
klerikale Politik machen, waehrend wir hier in Oesterreich damit
beschaeftigt sind, den Einfluss der roemischen Hierarchie auf die
Entwickelung des Staatslebens zu brechen."

Der Bureaudiener trat ein und meldete den Herzog von Grammont.

Graf Beust erhob sich.

"Sie bleiben noch hier im Hause, nicht wahr, lieber Hoffmann?" sagte er.
"Vielleicht koennen Sie mir nachher die Depesche an Metternich vorlegen,
nachdem ich mit Grammont gesprochen habe."

Herr von Hoffmann verneigte sich. Unmittelbar, nachdem er das Cabinet
verlassen, trat der franzoesische Botschafter ein.

Der Herzog von Grammont war ruhig und laechelnd wie immer. Sein feines,
fast zierlich geschnittenes Gesicht mit den dunklen, vornehm
gleichgueltig blickenden Augen, dem kleinen Mund und dem auswaerts
gedrehten Schnurrbart trug den Ausdruck unzerstoerbarer Freundlichkeit
und Hoeflichkeit.--In etwas steif-militairischer Haltung, welche dessen
ungeachtet nicht ohne Anmuth war, naeherte er sich dem Reichskanzler, der
ihm mit offener Herzlichkeit die Hand reichte, und liess sich neben dem
Schreibtisch nieder.

"Erlauben Sie zunaechst, mein lieber Herzog," sagte Graf Beust, "dass ich
Ihnen mein aufrichtiges Bedauern ausspreche ueber die unruhigen
Bewegungen, welche in Paris stattgefunden haben, und welche jedenfalls
den Kaiser schmerzlich beruehrt haben muessen. Ich darf zugleich meiner
Freude darueber Ausdruck geben, dass jene Bewegungen,--wie ich allerdings
schon bei der ersten Nachricht nicht bezweifelte--schnell wieder
vollstaendig beendet sind. Fuerst Metternich hat mir berichtet, mit
welcher Sicherheit, Wuerde und Maessigung die Regierung verfahren ist, und
ganz Europa muss dem Kaiser Dank wissen, dass er mit so fester und
geschickter Hand die gaehrenden Elemente niederzuhalten versteht."

"Diese kleinen Bewegungen," erwiderte der Herzog von Grammont mit
leichter Neigung des Kopfes, "haben nicht viel zu sagen. Es sind Scenen,
die man arrangirt hat, um die Verhaftung Rocheforts zu einem Ereigniss
von Bedeutung zu stempeln. Der Kaiser," fuhr er fort, "ist vollkommen
Herr der Lage, und Frankreich ist stark und kraeftig genug, um ohne
Erschuetterung den Uebergang zu den neuen Institutionen zu ertragen,
welche der Kaiser in richtiger Erkenntniss der Zeitbeduerfnisse in's Leben
gerufen hat."

Herr von Beust schwieg einen Augenblick.

"Sie werden unterrichtet sein," sprach er dann, indem er den Herzog
grade anblickte,--"dass in diesem Augenblick in Paris Besprechungen--mehr
persoenlicher als eigentlich diplomatischer Natur stattgefunden haben, um
dem Gedanken an eine naehere Verbindung mit Italien eine bestimmte Form
zu geben. Vor einiger Zeit machte mir der General Tuerr darueber eine
Andeutung, ueber welche ich damals allerdings nur oberflaechlich mit ihm
gesprochen habe. Es scheint jedoch jetzt, dass jene Sache an Consistenz
gewonnen hat, und dass man namentlich von Florenz aus geneigter scheint
als frueher, in bestimmt formulierte Beziehungen mit uns zu treten. Sie
wissen," fuhr er fort, "wie sehr ich ein gutes Verhaeltniss mit Italien
wuensche und welchen Werth ich demselben fuer eine diplomatische
Kooperation von Frankreich und Oesterreich beilege. Allein das, was ich
gegenwaertig ueber die Unterhandlungen hoere, die in Paris ueber diesen
Gegenstand stattgefunden haben, scheint mir noch sehr vage und unklar zu
sein, und ich wuerde, um eingehender darueber nachdenken zu koennen,
dringend wuenschen von Ihnen zu hoeren, wie Ihre Regierung und der Kaiser
zu diesen Ideen stehen, ueber welche man mir Privatmittheilungen gemacht
hat."

Der Herzog von Grammont hielt unbeweglich, mit dem ruhigsten und
freundlichen Gesichtsausdruck den fortwaehrend forschenden auf ihn
gerichteten Blick des Grafen Beust aus.

"Ich habe," erwiderte er, "ebenfalls Privatmittheilungen aus Paris ueber
die Gedanken erhalten, welche durch den General Tuerr dort mehrfach
angeregt worden sind, und welche, wie ich kaum bezweifeln darf, die
Billigung des Koenigs Victor Emanuel gefunden haben. Sie beziehen sich,
soviel mir darueber mitgetheilt worden, auf den Fall, dass Italien in die
Lage kommen koennte, bei einer gemeinsamen militairischen Action
Oesterreichs und Frankreichs mitzuwirken, und nach Dem, was ich darueber
gehoert, scheint mir jener Gedanke wohl der Beachtung werth zu sein, da
in ihm, wenn der in's Auge gefasste Fall eintreten sollte, jedenfalls die
Grundlage zu bestimmten Vertraegen gefunden werden koennte, die sowohl im
Interesse Frankreichs, als in demjenigen Oesterreichs wuenschenswerth
erscheinen moechten."

Graf Beust blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder und
spielte leicht mit den Fingern seiner seinen und schlanken Hand auf der
Decke des Schreibtisches.

"Wie mir der Fuerst Metternich mittheilt," sagte er dann im ruhigen
Conversationston, "beobachtet Herr Nigra dieser ganzen Sache gegenueber
eine sehr vorsichtige, fast kalte Zurueckhaltung, und vom hiesigen
Vertreter Italiens ist mir noch nicht die leiseste Andeutung darueber
geworden."

"Bei den eigentuemlichen Verhaeltnissen," erwiderte der Herzog, "welche
zwischen Oesterreich und Italien bestehen und bei den peinlichen
Erinnerungen aus nicht zu langer vergangener Zeit scheint es mir, dass
eine Annaeherung zwischen beiden Maechten, namentlich eine Annaeherung mit
bestimmten Zielen, mit formulirten Alliancebedingungen schwer durch
direkten Verkehr hergestellt werden koenne.--Auch giebt es Propositionen,
die man auf direktem Wege nicht eher machen kann, als bis man sicher
ist, dass sie angenommen werden. Unter solchen Verhaeltnissen scheint mir
eine vorlaeufige, nicht officielle und zunaechst nur sondirende
Verhandlung durch die Natur der Dinge angezeigt zu sein, und fuer eine
solche Verhandlung koennte dann auch der neutrale Boden eines den beiden
Maechten befreundeten Hofes das richtige Terrain werden.--Jedenfalls
glaube ich annehmen zu duerfen, dass der General Tuerr in eine solche
Negotiation nicht eintreten wuerde, wenn er nicht der vollen persoenlichen
Zustimmung des Koenigs Victor Emanuel sicher waere."--

"Und wie denkt der Kaiser Napoleon ueber die ganze Sache," fragte Graf
Beust rasch und bestimmt.

"Sie koennen natuerlich nicht voraussetzen, mein lieber Graf," erwiderte
der Herzog mit vollkommener Ruhe, "dass ich Instructionen habe, mich ueber
die Absichten auszusprechen, welche Seine Majestaet in Betreff einer
Sache hegt, die das Gebiet officieller Unterhandlungen noch nicht
beruehrt hat.--Wenn ich also Ihre Frage beantworte, so kann ich
selbstverstaendlich nur eine ganz persoenliche Meinung aeussern, welche sich
auf die Kenntniss stuetzt, die ich von den Anschauungen meines Souverains
ueber die politischen Fragen gewonnen zu haben glaube."

Graf Beust verneigte sich leicht. Ein feines Laecheln spielte eine
Secunde um seine Lippen, dann richtete er den Blick mit erwartungsvoller
Aufmerksamkeit auf den Herzog.

"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte dieser, "dass die Verhaeltnisse in
Europa sich fortwaehrend in einer Spannung befinden, welche eine
energische Action von einem Augenblick zum andern moeglich erscheinen
laesst. Wir haben uns frueher bereits mehrfach ueber derartige
Eventualitaeten unterhalten, und seit der Zusammenkunft in Salzburg sind
wir stets darin uebereingekommen, dass die Interessen Frankreichs und
Oesterreichs allen schwebenden politischen Fragen gegenueber die gleichen
sind.--Wir sind ferner, wie Sie auch vorhin betonten, darin
uebereingekommen, dass Italien das notwendige Mittel- und Verbindungsglied
fuer das Zusammenwirken Frankreichs und Oesterreichs bildet.--Von diesen
Praemissen ausgehend," fuhr er fort, waehrend Herr von Beust schweigend
zuhoerte, "wuerde ich nun den Abschluss eines Vertrages, welcher fuer
moegliche Faelle die Cooperation Italiens sichert und regelt, als einen
grossen Gewinn betrachten muessen.--Der Koenig Victor Emanuel ist zu einer
solchen Cooperation durchaus geneigt, doch ist er nicht in der Lage,
dieselbe eintreten zu lassen, wenn er nicht zu gleicher Zeit dem
italienischen Volk einen nationalen Gewinn dafuer versprechen kann. Die
vollstaendige Arrondirung in den nationalen Grenzen nach dem Norden hin
wuerde ein solcher Gewinn sein--um dieses Gewinns willen wuerde das
italienische Volk sich bestimmen lassen, auf Rom zu verzichten,
wenigstens so lange zu verzichten, bis vielleicht unter einem kuenftigen
Pontificat ein Modus gefunden werden kann, welcher die heute sich noch
unversoehnlich gegenueber stehenden Interessen vereinigt. Mit einem Wort,
Italien hat noch zwei Forderungen zu stellen, die eine ist Rom, welche
man von uns verlangt, die andere das italienische Tyrol, welches
_Oesterreich_ zu gewaehren im Stande ist.--Wir koennen in diesem
Augenblick Rom nicht Preis geben.--Ihre Sache ist es, zu beurtheilen, ob
das Opfer eines nicht bedeutenden Gebiets, welches nur die weitere
ergaenzende Ausfuehrung eines einmal anerkannten Princips bildet, Ihnen
der Wichtigkeit einer festen italienischen Alliance entsprechend
erscheint.--Nach meiner persoenlichen Auffassung," fuhr er fort, "wuerde
dieses Opfer nicht gross sein und es wuerde sich im Falle einer
erfolgreichen Action, an deren gluecklichen Ausgang nicht zu zweifeln
sein moechte, durch weit groessere und weit bedeutendere Vortheile und
durch die Wiedergewinnung der ganzen alten oesterreichischen Macht nach
anderer Richtung hin ersetzen lassen.--Frankreich hat dasselbe Interesse
wie Oesterreich, dass die Coalition mit Italien zu Stande komme; wenn Sie
sich also zu jenem Opfer wuerden entschliessen koennen, so wuerden Sie, wie
ich glaube, nicht nur in Ihrem eigenen Interesse handeln, sondern auch
Frankreich einen sehr grossen und sehr wichtigen Dienst leisten, fuer den
eine richtige franzoesische Politik, eine Politik, wie sie den Ideen des
Kaisers so vollkommen entspricht, ihre Dankbarkeit zu bethaetigen nicht
unterlassen koennte."

"Eine Coalition auf der Basis," erwiderte Herr von Beust in einem
beinahe gleichgueltigen Ton, "wie sie in diesem Augenblick in Paris
discutirt wird mit so bestimmt formulirten Bedingungen, wuerde ihre
Bedeutung doch immer wesentlich nur im Augenblick einer wirklich
kriegerischen Action haben. Ganz abgesehen von der Frage," fuhr er fort,
"ob in einem solchen Augenblick das italienische Volk geneigt sein
wuerde, die Abmachungen des koeniglichen Cabinets gut zu heissen, muesste man
sich doch, bevor man auf die Discutirung der Details ernstlich einginge,
klar machen, ob denn eine militairische Action zweckmaessig und
nothwendig--und ob sie mit Aussicht auf Erfolg ausfuehrbar sei. Ich
meines Orts sehe die Nothwendigkeit nicht, denn es ist in diesem
Augenblick keine Veraenderung der seit Jahren bestehenden europaeischen
Verhaeltnisse eingetreten.--Ich vermag die Zweckmaessigkeit nicht
anzuerkennen, denn ich sehe keinen vorbereiteten--oder moeglicher Weise
zu schaffenden--vernuenftigen Kriegsfall, und endlich kann ich die
Aussicht auf einen siegreichen Erfolg mit meiner Anschauung der
Verhaeltnisse nicht vereinen. Die Macht des Norddeutschen Bundes ist
ungeheuer stark und scharf concentrirt und auf alle Eventualitaeten
taeglich und stuendlich vorbereite. Die sueddeutschen Staaten sind
schwankend und haltlos, dabei militairisch kaum geruestet und bei uns in
Oesterreich--Sie wissen, Herr Herzog, mit welchen innern Schwierigkeiten
wir zu kaempfen haben, und wie unendlich langsam aus financiellen Gruenden
schon die Reorganisation unserer Armee vorschreitet. Wir haben neben uns
Russland, dem wir nicht gewachsen sind--"

"Dem Sie aber doch," fiel der Herzog von Grammont ein, "zweifellos die
Spitze zu bieten im Stande waeren, wenn nicht nur Ihre italienischen
Grenzen vollkommen frei wuerden, sondern wenn wie der proponirte Tractat
bestimmt, Italien fuer den Fall der russischen Intervention seine active
militairische Huelfe verspricht."

"Wenn ich auch," sprach Herr von Beust in einem Ton, als discutire er
eine ihm der Zeit und dem Inhalt nach voellig fern liegende Frage, "wenn
ich auch annehme, dass jene Versprechen im entscheidenden Augenblick
wirklich gehalten wuerden, wofuer--ich muss es wiederholen--immer schwer
eine Garantie gefunden werden zu koennen scheint, so glaube ich doch
nicht, dass Oesterreich im Stande ist, selbst mit der Huelfe Italiens
einen Kampf mit Russland und die Aussicht auf eine spaetere unversoehnliche
Feindschaft Preussens und Deutschlands auf sich zu nehmen. Fuer den Fall,
dass diese neu erstandene gewaltige Militairmacht aus diesem Conflict
siegreich hervorgehen sollte--"

"Siegreich hervorgehen?" rief der Herzog von Grammont mit dem Ton
eines naiven Erstaunens, indem er seinen kleinen Schnurrbart
emporkraeuselte,--"siegreich hervorgehen aus einem Kampf mit
Frankreich!?--ich bin zu sehr Franzose," fuhr er fort, "um an eine
solche Moeglichkeit auch nur einen Augenblick zu glauben."

"Sie muessen mir verzeihen," sagte Graf Beust mit einer seinen Nuance
kaum bemerkbarer Ironie in seiner Stimme, "wenn ich mich in diesem
Augenblick mehr an den Geist des Staatsmanns und Diplomaten als an das
Nationalgefuehl des franzoesischen Edelmanns wende.--Eine kluge Politik
muss sich stets auch durch Erwaegung der moeglich unguenstigen Chancen
bestimmen lassen.--Doch," fuhr er abbrechend fort, "diese Discussion
fuehrt uns auf ein Gebiet, das ich, wie ich glaube, heute zu betreten
noch keinen Grund habe. Ich bitte Sie, mir zunaechst mit derselben
Aufrichtigkeit, mit welcher ich mich Ihnen gegenueber ausgesprochen habe,
eine Frage zu beantworten:--Glauben Sie, dass es aus irgend welchem
Grunde in den Absichten des Kaisers liegen koenne, wirklich in kurzer
Zeit zu einer ernsten Action ueberzugehen?"

Der Herzog zoegerte einen Augenblick mit der Antwort auf diese directe
und bestimmte Frage.

"Ich glaube," sagte er, "dass der Kaiser von dem eifrigsten Wunsch
erfuellt ist, den europaeischen Frieden zu erhalten.--Indessen hat er auch
die Verpflichtung, Frankreich nicht ohne Widerstand allmaelig zu einer
bedeutungslosen Passivitaet in Europa herabdruecken zu lassen. Der Kaiser
hat durch die freisinnigen Institutionen, welche er in die neue
franzoesische Verfassung eingefuehrt hat, die Gruendung seines Gebaeudes im
Innern vollendet. Und wenn diese neuen Institutionen, wie ich es wuensche
und wie ich es hoffe, durch ein neues Plebiscit die Sanction des freien
Volkswillens erhalten haben werden--"

Graf Beust zuckte ein wenig zusammen und blickte erstaunt den Herzog an,
dann nahmen seine einen Augenblick ernst und nachdenklich gewordenen
Zuege wieder den Ausdruck gleichgueltig ruhiger Hoeflichkeit an, mit
welchem er das ganze Gespraech bisher gefuehrt hatte.

"--dann wird es," fuhr der Herzog fort, "nach meiner Ueberzeugung die
Aufgabe des Kaisers sein, auch nach Aussen hin der Stimme Frankreichs
wieder den alten Nachdruck zu verschaffen und zu zeigen, dass es auf die
Dauer nicht moeglich ist, die Schicksale der europaeischen Voelker ohne
Frankreichs Genehmigung zu lenken."

"Aber," sprach Graf Beust, "dazu wuerde immer ein stichhaltiger und
voelkerrechtlich moeglicher Kriegsfall erforderlich sein, und ich sehe
nicht ein--"

"Mein Gott," rief der Herzog, "der Prager Frieden wird ja taeglich
verletzt und giebt Ihnen die verschiedensten und voelkerrechtlich
begruendetsten Handhaben, um in jedem Augenblick den begruendetsten
Kriegsfall zu finden--"

"So," fragte Herr von Beust, den Herzog gross anblickend, "so sollte also
Oesterreich nach Ihrer Ansicht den Conflict hervorrufen?"

"Sie werden nicht verkennen," sagte der Herzog,--"ich spreche hier
natuerlich nur meine ganz persoenlichen Ansichten aus,--dass der maechtigste
Verbuendete des Herrn von Bismarck in einem Krieg gegen Frankreich das
deutsche Nationalgefuehl sein wuerde, und dass es wesentlich darauf ankaeme,
uns in Deutschland selbst Verbuendete zu schaffen. Das scheint mir am
sichersten erreicht zu werden, wenn der eventuelle Kriegsfall aus
deutschen Angelegenheiten und aus dem Prager Frieden genommen wird,
welcher Oesterreich das Recht giebt, fuer die Unabhaengigkeit der
sueddeutschen Staaten einzutreten."

"Herr Herzog," sagte Graf Beust mit ernstem Nachdruck, indem er den
leichten Conversationston, in dem das Gespraech bisher gefuehrt war,
vollstaendig aufgab--"da die Unterhaltung, welche wir in diesem
Augenblick ueber theoretische Hypothesen fuehren und in welcher wir unsere
persoenlichen Meinungen austauschen, vielleicht in irgend einem frueheren
oder spaeteren Moment eine Bedeutung fuer concrete Verhaeltnisse gewinnen
koennte, so liegt mir daran, genau und klar die Anschauungen
auszusprechen, welche auch bei einer solchen Moeglichkeit fuer mich immer
massgebend sein und bleiben wuerden. Oesterreich," fuhr er fort, "bedarf
absolut der Ruhe, es bedarf der friedlichen Entwickelung von mindestens
zehn Jahren, um seine inneren Kraefte wieder zu staerken und seine inneren
Verfassungszustaende zu consolidiren. Oesterreich kann und wird niemals,
so lange ich seine Regierung zu leiten habe, die Initiative zu einer
Action uebernehmen, welche Europa in gefahrvolle Unruhe stuerzen und die
Zukunft des Kaiserstaats vor Allem gefaehrden wuerde. Wenn--wie Sie
vorauszusetzen scheinen, an Frankreich die Aufgabe herantreten sollte,
sein Prestige und seine Stellung unter den europaeischen Maechten
noethigenfalls mit den Waffen in der Hand wieder auf die alte Hoehe zu
erheben, so wird, davon koennen Sie ueberzeugt sein, keine Regierung mit
groesseren Sympathien auf ein solches Streben der franzoesischen Nation
blicken, als die oesterreichische, welche, wie ich frueher constatirt
habe, und wie ich heute wiederhole, in fast allen europaeischen Fragen
mit Frankreich gleiche Interessen hat. Die Phasen eines solchen
Conflicts und seiner Consequenzen lassen sich nicht vorher bestimmen. Es
laesst sich deshalb auch nicht mit Sicherheit sagen, ob nicht im Verlauf
solcher Ereignisse ein Augenblick kommen koennte, welcher Oesterreich
trotz seines Friedensbeduerfnisses die Pflicht auferlegt, activ in die
Verhaeltnisse einzugreifen.--Ich vermoechte mir heute keine Eventualitaet
zu denken, welche ein solches moegliches Eingreifen Oesterreichs im
_Gegensatz_ zu Frankreich rechtfertigen koennte.--In dieser Anschauung
liegt die Haltung bezeichnet, welche mir fuer Oesterreich vorgeschrieben
scheint. Weiter zu gehen, ohne die aeusserste Notwendigkeit aus der
gebotenen Reserve herauszutreten, waere fuer einen oesterreichischen
Staatsmann ein Verbrechen--und vor Allem wuerde ich wenigstens niemals
die Verantwortlichkeit auf mich nehmen, durch Oesterreich aus dem von
ihm abgeschlossenen Vertrage einen Kriegsfall zu provociren. Wuerde der
Kaiser eine Action fuer nothwendig halten, so muss der Grund dafuer aus
irgend welcher Frankreich interessirenden Frage genommen werden.
Niemals aber kann und wird Oesterreich seinerseits die Initiative
uebernehmen. Dies bestimmt und rueckhaltslos auszusprechen, halte ich fuer
meine Pflicht, damit bei Erwaegung einer so wichtigen Frage, welche
natuerlich in Paris ausschliesslich nur mit Ruecksicht auf das Interesse
Frankreichs entschieden werden kann, keinen Falls irgend ein Zweifel
ueber die Haltung bestehe, welche fuer Oesterreich unabaenderlich geboten
erscheint."

"Sie muessen natuerlich," sagte der Herzog mit einem Anklang von Kaelte in
dem hoeflichen Ton seiner Stimme, "Sie muessen dies natuerlich besser
beurtheilen koennen als ich. Jedenfalls sind Sie zu dem Urtheil, welche
Haltung Oesterreich zu beobachten habe, berufener als ich. Doch kann ich
die Bemerkung nicht unterdruecken, dass eine Zurueckhaltung, wie Sie
dieselbe so eben als die Aufgabe der oesterreichischen Politik
dargestellt haben, nach meiner Ueberzeugung leicht dahin fuehren koennte,
dass Oesterreich sich eines Tages isolirt saehe, und diese Isolirung
koennte unter Umstaenden gefaehrlich werden. Da, wie Sie selbst constatirt
haben, die Interessen Frankreichs und Oesterreichs sich in den
politischen Fragen fast ueberall decken, so moechte es mir nicht ganz
unbedenklich fuer Oesterreich erscheinen, sich gerade von der Macht zu
trennen, mit welcher Sie die gemeinsamen Interessen verbinden."

"Ich habe," erwiderte Herr von Beust, "nicht im Entferntesten an die
Moeglichkeit gedacht oder dieselbe aussprechen wollen, dass Frankreich
sich jemals von Oesterreich trennen koenne.--Eine solche Trennung," fuhr
er mit feiner und scharfer Betonung fort, "koennte jedenfalls nur dann
moeglich werden, wenn die franzoesische Politik jemals Wege betreten
sollte, in welchen die gegenwaertig zu meiner so innigen Genugthuung
bestehende Gemeinsamkeit der Anschauungen und Interessen alterirt
wuerde--ein solcher Fall scheint mir undenkbar und jedenfalls," fuegte er
im leichten Ton mit einem fluechtigen Laecheln hinzu, "tauschen wir ja in
diesem Augenblick auch nur unsere ganz persoenlichen Ansichten ueber Faelle
aus, deren Eintritt kaum zu erwarten sein duerfte."

Der Herzog erhob sich.

"Es scheint," sagte er, das bisherige Gespraech abbrechend, "dass der
Koenig von Hannover die Legion aufloesen will, die er bisher in Paris
gehalten hat. Graf Platen hat mir Etwas davon gesagt. Ich muss aufrichtig
bekennen, dass ich eigentlich recht damit zufrieden bin. Ich habe grosse
Sympathien fuer den ungluecklichen Koenig und hohe Verehrung vor seinen
persoenlichen Eigenschaften. Doch glaube ich nicht, dass er auf dem
bisher befolgten Wege etwas Anderes erreichen kann, als seine schon
ohnehin beschraenkten Mittel immer mehr zu vermindern und sich dadurch
die Moeglichkeit spaeter Etwas fuer seine Sache und sein Haus zu thun,
immer schwieriger zu machen."

"Man schien frueher in Paris der Ansicht zu sein," sagte Graf Beust, "dass
diese hannoeversche Emigration unter Umstaenden eine nuetzliche Handhabe
werden koenne, um einem moeglichen Conflict mit Preussen den nationalen
Charakter zu nehmen."

"Ich bin dieser Ansicht nicht," sagte der Herzog, "die wenigen
Emigranten in Frankreich wuerden weder der Sache des Koenigs, noch uns
nuetzen koennen; ob fuer den Fall des Zusammenbrechens der Schoepfung von
1866 Etwas fuer den Koenig geschehen koenne, das wird immer davon abhaengen,
wie sich das ganze Volk in Hannover und wie sich das uebrige Deutschland
zu seiner Sache verhalten wird.--Was Frankreich betrifft, so stehe ich
auf dem Standpunkt, dass wenn wir uns jemals zu einer ernsten Action
entschliessen, wir auf alle kleinen Huelfsmittel verzichten und uns ganz
ausschliesslich auf unsere eigene nationale Kraft und auf diejenigen
Alliirten verlassen muessen, welche wir, wie ich hoffe, in einem solchen
Fall unter den mit uns befreundeten europaeischen Maechten dennoch finden
werden," fuegte er mit einem laechelnden Blick auf den Grafen Beust hinzu,
indem er ihm die Hand zum Abschied drueckte.

Der Reichskanzler begleitete ihn bis zur Thuer und kehrte dann
nachdenklich zu seinem Schreibtisch zurueck.

"Es geht Etwas vor," sagte er. "Der Kaiser Napoleon ist fuer den Frieden,
schon weil er alle Unruhe und koerperliche Anstrengungen scheut.
Metternich schreibt mir dies ganz bestimmt, und Metternich taeuscht sich
darin nicht. Aber dieser alternde Imperator befindet sich mehr als je
unter der Herrschaft seiner Umgebung. Und die Kaiserin Eugenie moechte
fuer sich die Rolle der Maria von Medicis vorbereiten. Nun," rief er,
"wenn man dort Abenteuer in der Politik machen will, so mag man es auf
eigene Gefahr thun. Ich werde meine Schoepfungen in Oesterreich nicht den
Zufaelligkeiten einer unueberlegten und unvorbereiteten Action aussetzen."

Der Bureaudiener meldete den Staatsrath Klindworth.

Etwas erstaunt blickte Herr von Beust auf.

"Klindworth hier?" rief er, "sollte er sich hier wieder fuer moeglich
halten?--Lassen Sie den Staatsrath eintreten," sprach er nach kurzem
Besinnen.

Wenige Augenblicke darauf trat der Staatsrath Klindworth in das Cabinet.
Er war ein Mann von weit ueber sechzig Jahren; sein dichtes, beinahe
weisses Haar war kurz geschnitten,--sein eckiger Kopf, mit den grossen
abstehenden Ohren, den kleinen, scharfen, umherspaehenden Augen, der
grossen, breiten Nase und dem ausdruckvollen haesslichen Mund, steckte
zwischen den breiten Schultern, welche durch den hohen Kragen des weiten
dunklen Ueberrocks noch hoeher erschienen.

Graf Beust begruesste den viel gewandten, geheimen Agenten verschiedener
europaeischer Hoefe mit einer freundlichen Vertraulichkeit, in welche sich
doch ein wenig abwehrende Kaelte mischte.

"Was fuehrt Sie her, mein lieber Staatsrath," sagte er, indem er Herrn
Klindworth einen Stuhl neben seinem Schreibtisch bezeichnete. "Ich
glaubte, Sie wollten fuer einige Zeit in Paris bleiben und vielleicht,"
fuhr er mit einem scharfen Blick auf das unbewegliche Gesicht des
Staatsraths fort, "vielleicht waere das besser gewesen.--Sie wissen, dass
nach den Vorgaengen mit der Wiener Bank und dem Koenig von Hannover hier
Ruecksichten zu nehmen sind--"

"Ich bin," sagte der Staatsrath ruhig, "nur auf einen Augenblick
heruebergekommen und denke nicht, hier acte de presence zu machen. Doch
habe ich nicht unterlassen koennen, hier Mittheilungen von dem zu machen,
was ich gesehen und gehoert, und was so Viele nicht sehen und nicht hoeren
wollen."

"Ich weiss, wie scharf Sie sehen und wie scharf Sie hoeren," sagte Graf
Beust laechelnd--"und es wird mir, wie es das stets gewesen ist, von
besonderem Interesse sein zu hoeren, was Sie dort wahrgenommen haben."

"Ich habe wahrgenommen," sagte der Staatsrath Klindworth, indem er die
Haende ueber der Brust faltete, und seinen Kopf so tief zwischen dem
Kragen seines Rockes zurueckzog, dass das Kinn fast ganz in seiner weissen
Binde verschwand, "ich habe wahrgenommen, dass ein grosser Sturm im Anzuge
ist, welcher Europa noch tiefer erschuettern wird, als die Ereignisse von
1866. Und ich bin gekommen, um zu warnen, und um zu rathen, wenn man
meinen Rath hoeren, wenn man meine Warnung beachten will."

Graf Beust wurde ernst und blickte erwartungsvoll auf den Staatsrath.

"Der Herzog von Grammont geht soeben von Ihnen fort," sagte dieser, "was
hat er Ihnen gesagt?" fragte er,--mit seinen kleinen Augen scharf von
unten heraufblickend,--"ich hoffe, Sie werden ihn ein wenig ueber diese
eigenthuemliche neben der regulairen Diplomatie herlaufende Negotiation
des General Tuerr befragt haben, welcher da ploetzlich in Paris erschienen
ist, um europaeische Coalitionen zu bilden, wie man Bataillone aufstellt
und exerciren laesst.--Eine eigenthuemliche Zeit," sprach er, sich
unterbrechend, indem er mit den Fingern der rechten Hand auf der
Oberflaeche der linken trommelte, "eine eigenthuemliche Zeit, Alles wird
auf irregulairem Wege gemacht. Es ist keine Ordnung in der Politik mehr,
kein System! Kein Wunder, dass sich da die Faeden zu einem gordischen
Knoten verschlingen, und dass Demjenigen der Erfolg zur Seite steht, der
kuehn--oder plump genug ist," fuegte er achselzuckend hinzu, "das
unloesbare Gewirr mit dem Saebel zu zerhauen.--Was wuerde der grosse
Metternich sagen," sprach er seufzend, "wenn er diesen Wirrwarr in der
politischen Maschinerie Europa's sehen koennte, in welcher zu seiner Zeit
so vortrefflich jedes Rad in einander griff, und welche nach seinem
Willen so richtig und exact spielte!"

"Nun," sprach Herr von Beust laechelnd, "die Aufgabe eines Staatsmannes
ist es immer, mit der Zeit fertig zu werden, in welcher er lebt. Wir
muessen versuchen, auch in diesem Wirrwarr kaltes Blut und Ruhe zu
behaupten. Grammont," fuhr er dann fort, "hat mir allerdings nur--ganz
persoenlich--die Nothwendigkeit einer Alliance mit Italien sehr scharf
betont. Ich glaube allerdings, dass man in Paris etwas energisch
auftreten moechte, und dass man dazu Alliancen sucht.--Findet man sie
nicht, so wird man sich beruhigen, wie man sich schon oefter beruhigt
hat."

Ein fast mitleidiges Laecheln zuckte ueber den breiten Mund des
Staatsraths.

"Dass man Alliancen sucht, ist richtig," sagte er, "dass man sich
beruhigen wird, wenn man sie nicht findet, ist eine Ansicht, die ich
nicht theile."

"Aber der Kaiser ist krank, sein Gesundheitszustand floesst ernste
Bedenken ein; die Aerzte empfehlen ihm die hoechste Ruhe und Schonung,
wie sollte da eine ernste, gar eine kriegerische Action moeglich sein, da
doch trotz der neuen parlamentarischen Institution wenigstens fuer die
auswaertige Politik in Frankreich noch Alles von der Initiative des
Kaisers abhaengt."

"Der Kaiser ist krank," sagte Klindworth, "das ist richtig. Die
auswaertige Politik haengt von seiner Initiative ab, das ist auch richtig.
Aber von wem haengt wieder diese Initiative dieses kranken, zuweilen
fast willenlosen Mannes ab?--Von der Kaiserin," sagte er, "welche keinen
andern Gedanken hat, als ihrem lieben kleinen Louis ein wenig Lorbeer um
das jugendliche Haupt zu winden,--und waehrend dieser Lorbeer an den
Grenzen gepflueckt wird, beabsichtigt man, eine grosse Generalprobe fuer
die kuenftige Regentschaft abzuhalten. Die Toilettenangelegenheiten
fangen an, Ihre Majestaet zu langweilen," sprach er im hoehnischen Ton,
"die Unterhaltung mit ihrem erhabenen Gemahl ist auch gerade nicht
zerstreuend. Die erhabene Kaiserin der Franzosen ist in eminenter Weise
ehrgeizig geworden. Und glauben Sie mir," fuhr er fort, "im Geheimen
Rath Ihrer Majestaet ist der Krieg beschlossen, und taeglich werden dort
die Vorbereitungen dazu discutirt, waehrend dieser allmaelig absterbende
Kaiser unter den Haenden seiner Aerzte mit seinen Schmerzen und seiner
Schwaeche kaempft."

"Glauben Sie," fuhr Graf Beust, der sehr aufmerksam zugehoert hatte, mit
dichtem Kopfschuetteln fort, "glauben Sie, dass es der Kaiserin, wenn sie
wirklich die Absicht hegt, welche Sie bei ihr voraussetzen, gelingen
werde, den Kaiser, der schon in seinen frueheren Jahren so schwer zu den
aeussersten Entschluessen zu bringen war, jetzt zu einer so gefaehrlichen
Unternehmung zu bestimmen? Jetzt, da er doch kaum den Schein der
persoenlichen Leitung zu einer solchen Unternehmung wird erhalten koennen.
Und," fuhr er fort, "welche Organe wuerde die Kaiserin finden, um die
Verantwortlichkeit dafuer zu tragen. Glauben Sie, dass Graf Daru--"

"Graf Daru," sagte Klindworth achselzuckend mit wegwerfendem Ton, "ist
ein todter Mann, seine Existenz im Ministerium ist beendet. Das
Plebiscit, dem er sich widersetzt, wird ueber ihn dahinschreiten."

"Ein Plebiscit," rief Graf Beust, indem er sich rasch emporrichtete und
den Staatsrath Klindworth gross ansah, "ein Plebiscit und warum das?"--

"Um die neue Verfassung, welche der Senat und der gesetzgebende Koerper
angenommen, durch den Volkswillen sanctioniren zu lassen!" sagte der
Staatsrath mit leiser Stimme, indem er seinen Blick fest und stechend
auf den Reichskanzler richtete. "Ein Plebiscit, das ist das persoenliche
Regiment und das persoenliche Regiment soll ungebunden und frei ueber
allem constitutionellen Kram stehen, den man der oeffentlichen Meinung
als Spielwerk hinwirft."

"Sind Sie sicher," fragte Graf Beust, "dass das Plebiscit eine
beschlossene Sache ist?"

"Vollkommen," erwiderte der Staatsrath, und Eure Excellenz wissen, dass
ich nur dann mit Bestimmtheit Etwas ausspreche, wenn ich meiner Sache
vollkommen gewiss bin."

"Ein Plebiscit," sagte Graf Beust nachsinnend, "das ist allerdings
ernst, das deutet darauf hin, dass man Etwas wie einen Staatsstreich vor
hat, nicht nach _Innen_ kann er sich richten--"

"Le coup d'Etat europeen," fiel der Staatsrath ein, "das ist der Name,
den man in dem geheimen Comite, in welchem die Politik Ihrer Majestaet
der Kaiserin Eugenie vorbereitet wird, der Sache gegeben hat. Wie dem
Staatsstreich des 2. December das Plebiscit _folgte_, so wird es diesmal
dem grossen europaeischen Staatsstreich _vorhergehen_."

"Wer aber," sagte Graf Beust,--"ich muss meine Frage von vorhin
wiederholen,--wer wird ein so bedenkliches und gewagtes Unternehmen
ausfuehren wollen?"

"Ihre Majestaet," erwiderte der Staatsrath, "ist sehr geschickt darin,
Werkzeuge fuer ihre Plaene zu finden. Sie besitzt viel Menschenkenntniss
und versteht, die Leute bei ihrer schwachen Seite zu fassen. Da ist Herr
Ollivier--"

"Ollivier," rief Graf Beust, "der Freund der Gothaer--der Mann des
Frieden? Doch, allerdings," fuhr er fort, "bei dem ist jede Wandlung
moeglich."

"Dann," fuhr Klindworth fort, "ist da dieser Herzog von Grammont, der
soeben noch auf dem Platze sass, den ich jetzt einzunehmen die Ehre
habe."

Graf Beust neigte sinnend das Haupt.

"Grammont," fragte er. "Sie glauben wirklich, dass man Grammont einer
solchen Aufgabe gewachsen haelt?"

"Der Kaiser will ihn nicht," sagte der Staatsrath, "dennoch wird er zur
Ausfuehrung der Ideen der Kaiserin bestimmt werden. Und man hat die Wahl
richtig getroffen, denn er besitzt das vollkommen genuegende Mass jenes
altfranzoesischen Leichtsinns, welcher schon in frueheren Phasen der
Geschicke Frankreichs die unmoeglichsten Dinge unternommen, und," fuegte
er hinzu, "dieselben allerdings auch oft durchgefuehrt hat."

Graf Beust blieb einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken
versunken.

"Aber," fuhr er dann fort, "wenn ich annehme, dass sich Personen finden,
welche in einer mehr als gewagten Action das Schicksal des Kaiserreichs
auf's Spiel setzen, so gehoert doch dazu immer noch ein Kriegsfall.--In
Berlin scheint man nicht geneigt, die Veranlassung zu einem solchen zu
bieten. Woher sollte denn der casus belli kommen?"--

"Man wird ihn nehmen, wo man ihn eben findet," erwiderte der Staatsrath
kaltbluetig. "Uebrigens bereitet sich da schon eine kleine Intrigue vor,
deren Faeden ganz zufaellig in meine Haende gekommen sind, und welche man
demnaechst gehoerig aufgestutzt vielleicht verwerthen wird."

Graf Beust blickte ihn fragend, mit gespannter Aufmerksamkeit an.

"Eure Excellenz wissen," sagte der Staatsrath, "dass die spanischen
Angelegenheiten dem Kaiser sehr grosse Sorgen machen. Die Agitationen des
Herzogs von Montpensier erfuellen ihn mit ernsten Besorgnissen. Er hasst
und fuerchtet Nichts mehr, als die Orleans, und ein orleanistisches
Koenigthum an der andern Seite der Pyrenaeen wuerde ihn keinen Augenblick
ruhig schlafen lassen. Da hat man ihm nun eine ganz huebsche Idee
suppeditirt. Sie erinnern sich, dass Madame Cornu, des Kaisers geistvolle
Milchschwester, welche die Prinzen von Hohenzollern erzogen hat, bereits
den jetzigen Fuersten von Rumaenien auf seinen so wenig sichern und
erfreulichen Thron gebracht hat. Es scheint nun, dass diese Dame
gegenwaertig daran denkt, einen Erbprinzen von Hohenzollern zum
Nachfolger Philipp II. zu machen. Der Kaiser, der die Idee
zurueckgewiesen, scheint ihr jetzt weniger abgeneigt,--der Prinz ist ein
Verwandter seines Hauses, er ist ihm persoenlich sehr geneigt und wuerde
ihn am Ende noch lieber als einen Montpensier auf dem Thron von Spanien
sehen, der freilich ein wenig groesser und glaenzender, aber darum weder
sicherer, noch erfreulicher, als der kleine Fuerstenstuhl von Rumaenien
ist."

Graf Beust lachte.

"Ich habe frueher von diesem Gedanken gehoert," sagte er, "man hat darueber
gesprochen. Ich habe aber das Alles immer fuer eine von jenen Blasen
gehalten, welche von Zeit zu Zeit auf die Oberflaeche der
Conjecturalpolitik steigen, aber ebenso schnell wieder platzen und
verschwinden."

"Es ist moeglich," erwiderte der Staatsrath, "dass diese Blase auch
diesmal wieder platzen und verschwinden wird, fuer den Augenblick jedoch
ist sie sehr ernst gemeint, und zwar wird man, wenn die Sache von Seiten
des Fuersten Hohenzollern angenommen und in Berlin approbirt werden
sollte, sich daraus einen huebschen Kriegsfall zurecht machen."

"Einen Kriegsfall?" fragte Graf Beust ganz erstaunt.

"Ganz gewiss," sagte der Staatsrath, "Seine arme, kranke Majestaet
Napoleon III. wird die Idee haben, dass er, indem er diese kleine
Negociation gewaehren laesst, eine Gegenintrigue gegen die Orleans und den
Herzog von Montpensier spielt. Er wird glauben, dass er sich da einen
kleinen befreundeten Koenig von Spanien schafft, wenn er ueberhaupt an den
definitiven Erfolg der ganzen Sache glaubt.--Vielleicht wird er auch gar
nicht darueber nachdenken und wird die Sache gehen lassen, wie er so
Vieles gehen laesst. Dann aber wird man ihm eines schoenen Tages klar
machen, dass ein preussischer Prinz auf dem spanischen Thron--"

"Aber der Prinz von Hohenzollern ist ja gar kein preussischer Prinz,"
warf Graf Beust ein.

"Er traegt preussische Uniform, er heisst Hohenzollern, man wird ihn im
noethigen Augenblick fuer einen preussischen Prinzen halten und von ganz
Frankreich dafuer halten lassen.--Man wird also," fuhr er fort, "dem
Kaiser auseinandersetzen, dass ein preussischer Prinz auf dem spanischen
Thron die Anbahnung zur Wiederherstellung des Reichs Karl V. unter den
Hohenzollern sei. Man wird dasselbe die ganze franzoesische Nation
glauben machen, und ploetzlich, ganz ploetzlich, ehe Jemand sich dessen
versehen wird, wird man einen sehr huebschen und sehr nationalen
Kriegsfall haben."

Herr von Beust laechelte abermals.

"Mein lieber Staatsrath," sagte er, "Sie wissen, dass ich das groesste
Vertrauen zu Ihrem klaren Blick und zu den Quellen habe, aus welchen Sie
Ihre Nachrichten zu schoepfen pflegen. Sie muessen mir aber verzeihen, dass
ich das, was Sie mir da eben sagen, unmoeglich fuer Ernst nehmen kann. Die
Sache ist doch in der That zu abenteuerlich und zu unglaublich. Und wenn
ich den Politikern, welche jetzt zuweilen in Frankreich in die
Diplomatie hineingreifen, auch sehr kuehne und sehr wunderbare
Combinationen zutraue, so wuerde dies doch nach meiner Ueberzeugung die
Grenzen des Moeglichen ueberschreiten."

Der Staatsrath Klindworth drueckte fest seine Lippen auf einander,
richtete einen stechenden Blick auf den Reichskanzler und sprach mit
scharfer Betonung:

"Ich wuerde nicht hierher gekommen sein, um Eurer Excellenz das zu sagen,
was ich Ihnen soeben gesagt habe, wenn ich nicht die feste Ueberzeugung
von der Richtigkeit meiner Beobachtung und von der Wahrheit meiner
Mittheilung haette. Die Sache ist sogar schon ziemlich weit gediehen.
Der Marschall Prim ist in die Combinationen eingeweiht und geht im
besten Glauben, fuer das unglueckliche Spanien einen aller Welt
convenirenden Koenig gefunden zu haben, in die Falle, die man ihm
stellt."

Graf Beust dachte einige Augenblicke schweigend nach, er schien durch
die Worte des Staatsraths nicht ueberzeugt, doch bemerkte er Nichts
weiter ueber den Gegenstand und sprach nach einiger Zeit.

"Sie haben mir vorhin gesagt, dass Sie gekommen waeren, zu warnen und zu
rathen.--Ich habe Ihre Warnungen gehoert, darf ich Sie nun um Ihren Rath
bitten?"

"Darf ich," sagte Klindworth, "eine kleine Erinnerung aus vergangener
Zeit wachrufen? Eure Excellenz erinnern sich, dass ich kurz vor Ausbruch
des Krieges im Jahre 1866, als Sie noch saechsischer Minister waren, Sie
in Dresden besuchte. Sie erzeigten mir die Ehre, ueber die damalige Lage
mit mir zu sprechen, mir Ihre Meinung ueber die unausbleibliche
Nothwendigkeit des Conflicts mitzutheilen, und mir zugleich
auseinanderzusetzen, wie gut die saechsischen Ruestungen vorbereitet
seien. Ich erlaubte mir damals, nachdem ich Alles angehoert, als einzige
Gegenaeusserung nur die Frage, ob Eure Excellenz ein festes, fuer alle
Zeit bindendes, die Existenz Sachsens garantierendes Schutz- und
Trutzbuendniss mit Oesterreich geschlossen haetten. Sie verneinten das, ich
sprach mein grosses Bedauern darueber aus und ertheilte Ihnen den Rath,
das Versaeumte, wenn es irgend moeglich sei, noch nachzuholen.--Es war
nicht mehr moeglich, die Katastrophe brach herein, Sachsen gerieth unter
die kaempfenden Parteien, that nach allen Seiten seine Schuldigkeit,
wurde aber ebenso wie die uebrigen, gegen Preussen im Kampf stehenden
deutschen Staaten von Oesterreich abandonnirt und ohne Widerspruch der
Willkuer des Siegers Preis gegeben. Sie wissen selbst, wie unmittelbar
nahe die bereits beschlossene Annectirung ueber dem Haupte Ihres frueheren
Vaterlandes dahin gegangen ist. Sie wissen es am besten, wie und durch
wen die Existenz Sachsens gerettet wurde, denn Sie sind es, dessen
schnellem Entschluss, dessen Energie und Beredsamkeit jene Rettung zu
danken ist. Eine aehnliche, nur gewaltigere und welterschuetterndere
Katastrophe, wie diejenige von 1866 bereitet sich heute vor, und nach
der Beendigung des Kampfes, der nach meiner Ueberzeugung entbrennen
wird, werden die Verhaeltnisse Europa's tiefe Erschuetterungen und
Veraenderungen erfahren. Solchen Ereignnissen gegenueber muss Oesterreich
nach meiner Ueberzeugung den Fehler vermeiden, welchen unter kleinern
Verhaeltnissen damals Sachsen und die uebrigen deutschen Staaten begangen
haben--den Fehler naemlich, sich ohne festen Entschluss und feste Haltung
in die Ereignisse hineintreiben zu lassen."

"Sie meinen also?" fragte Graf Beust.--

"Ich meine," sagte der Staatsrath, "dass der Augenblick gekommen ist, um
einen entschiedenen Entschluss zu fassen, und sich entweder in fester
Allianz an Frankreich anzuschliessen oder rueckhaltlos und frei Preussen
und damit zugleich Russland die Hand zu reichen, wodurch dann--allerdings
unter veraenderten Verhaeltnissen--jene alte Tripelallianz wieder
hergestellt werden wuerde, welche so lange die Schicksale von Europa
beherrschte. Fuer die eine, wie fuer die andere Seite spricht Manches;
wenn Oesterreich mit Frankreich zusammengeht, wenn Italien hinzugezogen
wird, so wird im Fall des Sieges Alles wieder gewonnen werden, was 1866
verloren wurde, und bei so maechtig vereinten Kraeften wird eine
vernichtende Niederlage beinahe unmoeglich gemacht, so dass also auch im
unguenstigsten Falle Oesterreich nicht viel zu verlieren haben wuerde.
Eine feste und rueckhaltslose Allianz mit Preussen, damit auch zugleich
mit Russland wuerde auf der andern Seite Frankreich vollkommen isoliren.
Die norddeutschen Maechte wuerden Oesterreich mit offenen Armen aufnehmen;
vielleicht wuerden einer so maechtigen Coalition gegenueber selbst die
unternehmungslustigen Politiker der Coterie der Kaiserin
nachdenken--vielleicht wuerde der Krieg verhindert werden, wenn
Oesterreich im entscheidenden Moment erklaerte, dass es unter allen
Umstaenden auf der Seite Preussens stehen wuerde. Fuer die europaeische
Stellung Oesterreichs liesse sich dadurch viel gewinnen. Allerdings aber
wuerden auch die deutschen Traditionen dadurch vollstaendig und fuer immer
aufgegeben werden muessen."

Graf Beust hatte aufmerksam zugehoert. Ein ganz leiser, fast unmerklicher
Zug seiner Ironie erschien im Winkel seines Auges.

"Und zu welcher Seite dieser Alternative wuerden Sie rathen?" fragte er.

"Die Erinnerungen an die grosse Zeit," erwiderte der Staatsrath, "in
welche meine reichste Thaetigkeit faellt, die Erinnerungen an die Zeit des
grossen Fuersten Metternich machen mich geneigt, zur Wiederherstellung
jener alten Coalition der heiligen Allianz zu rathen, dieser weisesten
Schoepfung, welche jemals die Diplomatie in's Leben gerufen. Ausserdem
spricht in diesem Fall die groessere Sicherheit fuer den Anschluss an
Preussen; auf der andern Seite ist viel zu gewinnen, hier aber ist
_Alles zu erhalten_, was man schon besitzt. Ich habe wenig Vertrauen,"
fuhr er fort, "auf die franzoesische Macht. Ich verstehe Nichts von der
Kriegsverwaltung, aber nach Allem, was ich gehoert und gesehen, ist dort
seit dem Tode Niels unter dem kranken Kaiser Alles in Verfall gerathen.
Ausserdem giebt man sich zu grossen Illusionen ueber die Unbesiegbarkeit
der franzoesischen Armee hin, und ich fuerchte, dass dem so wohl geschulten
preussischen Heer gegenueber der franzoesische Elan wenig ausrichten wird.
Doch," fuhr er fort, "das sind Alles Erwaegungen, die ich Eurer Excellenz
reiflichem Nachdenken ueberlassen will. Mein dringender Rath geht nur
dahin, festen Entschluss zu fassen und bestimmt Partei zu nehmen. Ist
dieser Krieg einmal ausgebrochen und Oesterreich demselben unthaetig fern
geblieben, so wird doch nichts Anderes mehr moeglich sein, als sich
vollstaendig an Preussen und Russland anzuschliessen. Dann aber wird dieser
Entschluss keinen Werth mehr haben, waehrend heute noch fuer denselben ein
hoher Preis zu erlangen waere. Vor Allem aber," fuegte er hinzu, indem
sein stechender Blick scharf und durchdringend zu dem Grafen
hinueberblitzte, "vor Allem aber wird dann dieser Anschluss vielleicht
nicht mehr von Eurer Excellenz gemacht werden."

"Und von wem denn," fragte Graf Beust in etwas veraendertem Ton.

"Von Demjenigen," sagte der Staatsrath aufstehend, "der bereits hinter
Ihnen steht und jeden Augenblick bereit ist, Ihre Erbschaft anzutreten,
wenn die Vollendung des Werkes, das Sie begonnen, von aussen und von
innen her verhindert wuerde--wenn Oesterreich gezwungen werden sollte,
dem Rathe des Grafen Bismarck folgend seinen Schwerpunkt vollstaendig
nach Pesth zu verlegen--vom Grafen Andrassy, Ihrem ungarischen
Collegen."

Graf Beust war ernst geworden, doch zuckte er leichthin die Achsel und
sprach:

"Ich kann Ihnen nur wiederholen, mein lieber Staatsrath, dass ich Ihnen
fuer Ihre Mittheilungen, so wie fuer Ihren Rath herzlich dankbar bin. Ich
hoffe--Sie werden, wenn Sie wieder nach Paris zurueckgehen--?" fuegte er
mit einem fragenden Blick hinzu.

"Ich werde morgen Wien wieder verlassen," sagte der Staatsrath, "und
mich ueber Stuttgart nach Paris zurueckbegeben, ich moechte mir dort die
Politik des Herrn von Varnbueler an Ort und Stelle betrachten."

"Ich bitte Sie also," fuhr Graf Beust fort, "mich dann ueber Ihre
Beobachtungen weiter au courant zu halten."

Er verneigte sich leicht gegen den Staatsrath, welcher in seiner
eigenthuemlichen gebueckten, fast demuethigen Haltung das Cabinet verliess.

"Der alte Klindworth," sagte der Reichskanzler, sich bequem in seinen
Stuhl zuruecklehnend, "scheint mir diesmal dupirt worden zu sein. Die
Sache ist zu abenteuerlich, zu unmoeglich!--Er ist zwar sonst gut
unterrichtet und combinirt vortrefflich die kleinsten Thatsachen, die zu
seiner Kenntniss kommen.--Ich will immerhin noch auf anderem Wege darueber
nachforschen lassen.--Sollte man aber auch in Frankreich wahnsinnig
genug sein, um sich auf so unerhoerte Weise in einen unuebersehbaren Krieg
zu stuerzen, ich kann dennoch den Rath des alten viel gewandten
Beobachters diesmal ebenso wenig fuer richtig, als seine Mittheilungen
fuer zweifellos halten.--Ich habe es uebernommen," sprach er ernst, den
Blick gedankenvoll emporrichtend, "das kranke und gebrochene Oesterreich
zu heilen, und um das zu erfuellen, was ich versprochen und was ich mir
vorgestellt, bedarf ich des Friedens, des Friedens unter jeder Bedingung
noch auf Jahre hinaus. Keine Lockung, keine Hoffnung auf glueckliche
Zufaelle wird mich von dem Wege abweichen lassen, den ich fuer den einzig
richtigen erkannt habe. Und wenn wirklich der gewaltige Kampf, der im
Schooss der Zukunft liegt, ausbrechen sollte, bevor Oesterreich an
innerer Kraft den uebrigen Maechten Europa's wieder gleich steht, so werde
ich unbeirrt mein Ziel verfolgen und weder rechts, noch links blickend,
den Frieden erhalten, selbst um den Preis," fuegte er leise hinzu, "dass
diese Zurueckhaltung mir selbst verhaengnissvoll werden sollte. Lieber moege
mein Werk von andern Haenden vollendet werden, als dass ich es durch
unueberlegtes Handeln gefaehrde."

Er beugte sich ueber seinen Schreibtisch und begann die auf demselben
aufgehaeuften Depeschen zu durchlesen.




Sechstes Capitel.


In dem schottischen Cabinet der Villa Braunschweig in Hietzing sass der
Koenig Georg V. in seinem Lehnstuhl vor dem grossen, mit golddurchwirkter
rother Decke ueberhangenen Tisch.

Der Koenig trug den weiten Ueberrock seiner oesterreichischen Uniform und
rauchte aus einer langen hoelzernen Cigarrenspitze.

Er war soeben aus dem grossen Garten der Villa von seinem
Morgenspaziergang zurueckgekehrt, und seine aelteste Tochter, die
Prinzessin Friederike, welche ihn begleitet hatte, stand neben ihm.

Der Koenig war in den letzten Jahren seines Exils merklich aelter
geworden, und ein schmerzlich leidender Zug lag auf seinem Gesicht, wenn
auch in der Unterhaltung zuweilen noch seine alte Heiterkeit und sein
alter Humor hervortrat. Sein duennes Haar begann grau zu werden, die
scharfen classischen Formen seines schoenen Profils traten markirter als
sonst hervor und gaben seinem frueher so weichen und jugendlichen Gesicht
einen Zug von Haerte und Strenge, die ihm sonst fern gewesen war.

Die Prinzessin Friederike im dunklen Morgenanzug, einem kleinen mit
pelzbesetzten Mantel von schwarzem Sammet und einem Hut von gleichem
Stoff, vereinigte in ihrer Erscheinung den Eindruck fuerstlicher Wuerde
und Hoheit mit jugendlicher Anmuth und einer fast schuechternen
Bescheidenheit. Die Prinzessin war gross und schlank gewachsen, ihr
einfach frisirtes, natuerlich gelocktes goldblondes Haar liess die edle
Woelbung der reinen und weissen Stirn fast ganz frei. Ihre grossen blauen,
durch die Tiefe des Blickes dunkel leuchtenden Augen drueckten muthigen
Stolz und sanfte Bescheidenheit zu gleicher Zeit aus. Ihr leicht
aufgeworfener, schoen gezeichneter Mund vereinigte eine gewisse trotzige
Zurueckhaltung mit kindlicher Naivetaet.

Die Prinzessin blickte mit inniger Theilnahme auf ihren Vater herab,
welcher mit widersprechenden Gedanken und Gefuehlen zu kaempfen schien,
und mit heftiger Bewegung der Lippen grosse Wolken blaeulichen Dampfes vor
sich hinblies.

"Von allen schweren Schicksalsschlaegen," sagte der Koenig, "die mich in
diesen letzten Jahren betroffen haben, hat Nichts so schmerzlich mich
beruehrt, als die Erfahrungen, die ich in diesen Tagen machen muss--dass
Diejenigen, welche mir und meiner Sache bisher in allem Unglueck so treu
geblieben, jetzt sich gegen mich richten und von mir abfallen; und,"
fuhr er fort, "dass diese das Vertrauen an den Sieg meines Rechts
vollkommen verloren haben, dass sie es wagen, so gegen mich aufzutreten."

"Aber Papa," sagte die Prinzessin mit sanfter Stimme, "weisst Du denn
gewiss, ob auch Alles so richtig ist, wie es Dir aus der Ferne
erscheint--und wie vielleicht Manche," fuegte sie ein wenig zoegernd
hinzu, "ein Interesse haben, es Dir darzustellen. Ich kenne nur Wenige
von den Officieren in Paris, aber ich kenne Herrn von Duering, und von
ihm kann ich doch unmoeglich annehmen, dass er irgend Etwas gegen das
Interesse unserer Sache oder gegen Dich sollte thun wollen."

"Ich auch nicht," rief der Koenig lebhaft, mit zwei Fingern seiner
rechten Hand auf den Tisch schlagend. "Ich kann es auch nicht glauben,
ich stehe vor einem unloesbaren Raethsel. Doch liegen die Thatsachen vor
mir, meine Officiere und Duering an ihrer Spitze widersetzen sich der
Ausfuehrung meiner Befehle. Ich habe Duering das Commando ueber die
Emigranten abgenommen und ihn der Fuehrung der Geschaefte meines
General-Adjutanten enthoben. Ich habe beides an Herrn von Tschirschnitz
uebertragen. Die erste Nachricht, die ich von diesem sonst so treuen und
vortrefflichen Officier erhalte, ist die Erklaerung, dass er es mit seiner
Ehre und seinem Gewissen nicht vereinigen koenne, die Befehle
auszufuehren, die ich ihm in Betreff der Aufloesung der Emigration gegeben
habe. Ist das nicht offene Auflehnung, ist das nicht Subordination--das
hoechste Vergehen, dessen ein Officier sich schuldig machen kann?"

"Aber," sagte die Prinzessin, "Herr von Duering, wie auch Herr von
Tschirschnitz haben ja ebenso wie alle uebrigen Officiere freiwillig
unser Unglueck und unser Exil getheilt. Sie haben Alle die Carriere
aufgegeben, welche sich ihnen in Sachsen oeffnete, und welche sie auch,
wie so viele andere Officiere der hannoeverschen Armee, in Preussen haetten
finden koennen. Wenn solche Leute den Befehlen, die Du ja doch," fuegte
sie mit sanfter schmeichelnder Stimme hinzu, "selbst nur nach langem
Kampf gegeben hast--wenn sie diesen Befehlen widerstreben, wenn sie
nicht muede werden, ihre Vorstellungen dagegen zu erheben--sollte man
dann nicht annehmen, dass sie irgend einen ehrenwerthen und verstaendigen
Grund dazu haben, dass irgend ein Missverstaendniss vorliegt, welches man
aufklaeren muesste."

"Oh mein Gott, mein Gott ja!" rief der Koenig, schmerzlich aufseufzend,
indem er den Kopf in die Hand stuetzte. "Das habe ich mir auch schon oft
gesagt, es ist ja doch unmoeglich, dass eine Anzahl von Maennern, die
bisher so treu waren, mit einem Male darauf arbeiten sollten, mir und
meiner Sache zu schaden."

"Und der Regierungsrath Meding steht doch auch auf der Seite der
Officiere," sagte die Prinzessin, "auch er warnt vor der Aufloesung der
Legion in der Art und Weise, wie sie begonnen wurde. Es ist doch
unmoeglich anzunehmen, dass alle diese Herren nicht irgend einen Grund fuer
ihre uebereinstimmende Ueberzeugung haben sollten. Ich bitte Dich, Papa,"
fuhr sie mit dringendem Ton fort, "die Sache doch recht genau zu pruefen
und nicht nach einseitigen Berichten und Vortraegen zu entscheiden."

"Gott weiss es," rief der Koenig, "wie schwer es mir wird, ueberhaupt die
Legion aufzuloesen und alle diese treuen Soldaten, die meinem Schicksal
gefolgt sind, sich selbst zu ueberlassen. Aber es kann ja nicht anders
sein, je schwerer ich mich dazu entschlossen habe, um so schmerzlicher
beruehrt mich der Widerstand, dem ich begegne.--Ich werde," rief er nach
kurzem Nachdenken, "sie Alle noch einmal hoeren,--ich will die ganze
Frage nochmals reiflich ueberlegen, denn ich stehe vor einer fuer mich und
die Zukunft meines Hauses hoch wichtigen Entscheidung."

"Und wenn die Legion aufgeloest wird," sagte die Prinzessin, "wuerde es
dann nicht noethig sein, fuer die armen Emigrirten die freie und straflose
Rueckkehr in die Heimath vom Koenig von Preussen zu erwirken?--Windthorst
hat sich ja erboten, Verhandlungen zu diesem Zweck einzuleiten."

"Niemals," rief der Koenig lebhaft, "niemals werde ich meine Autorisation
zu solchen Verhandlungen geben! Das hiesse die Annection meines
Koenigreichs anerkennen, das hiesse zugestehen, dass der Koenig ein Recht
habe, meine treuen Soldaten wegen ihrer Anhaenglichkeit und Ergebenheit
zu bestrafen.--Und das werde ich nie zugestehen."

Nach einem kurzen Schlag an der Thuer trat des Koenigs Kammerdiener Thoms
in das Cabinet und meldete, der Staatsminister Graf Platen stehe zu
Seiner Majestaet Befehl.

"Er soll kommen," rief der Koenig lebhaft. "Auf Wiedersehen, mein
Toechterchen," sagte er, indem er aufstand und die Hand nach der
Prinzessin ausstreckte, welche dicht zu ihm herantrat und ihm ihre Stirn
reichte, auf die er zaertlich seine Lippen drueckte.

"Rufen Sie den Kronprinzen und den Geheimen Cabinetsrath," sagte er dann
zu dem Kammerdiener, welcher den Grafen Platen in das Cabinet gefuehrt
hatte und nun die beiden Fluegel der Thuer fuer die Prinzessin oeffnete.
Prinzessin Friederike verliess mit leichtem freundlichen Gruss gegen den
sich tief verneigenden Minister das Zimmer ihres Vaters.

Der Graf von Platen-Hallermund, Minister der auswaertigen Angelegenheiten
des frueheren Koenigreichs Hannover und jetziger alleiniger Rathgeber des
verbannten Koenigs, war damals sechsundfuenfzig Jahre alt. Die letzten
Jahre hatten seine frueher noch jugendliche und kraeftige Erscheinung
wesentlich aelter und gebrechlicher gemacht. Zwar zeigten seine
Bewegungen noch die fruehere Elasticitaet, auch trug sein volles, etwas
langes und gelocktes Haar noch eine gleichmaessig schwarze Farbe, doch war
sein Schnurrbart stark ergraut, seine Gesichtszuege waren welk und
abgespannt.

Der Graf, welcher einen Morgenanzug von einfacher Eleganz trug, kuesste
die Hand, welche der Koenig ihm reichte und setzte sich dann in einen der
grossen, mit schottischem Seidenstoff ueberzogenen Lehnstuhl neben seinem
Herrn.

"Ich bin erfreut, Eurer Majestaet mitzutheilen," sagte er, "dass die
Abwicklung der Liquidation der Wiener Bank sich noch guenstiger fuer
unsere Kasse stellen wird, als es anfaenglich den Anschein gehabt hat. Es
haben sich einige guenstige Verkaeufe realisiren lassen, so dass, wenn
Alles ferner gut geht, Eure Majestaet mit einem Verlust von nicht ganz
zwei Millionen Gulden davonkommen werden."

Der Koenig seufzte tief auf.

"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte er, "wie geringen Werth das Geld
an sich fuer mich hat. Es ist fuer mich immer nur Mittel zum Zweck. In
diesem Augenblick muss es mir dienen, um den heiligsten und hoechsten
Zweck zu verfolgen, den ich kenne--die Wiedererlangung meines Rechts und
die Zukunft meines Hauses. Und in dieser Beziehung beruehrt mich dieser
an sich nicht bedeutende Verlust sehr schmerzlich, denn meine Mittel
sind ja ohnehin schon beschraenkt genug."

"Dank der vortrefflichen Verwaltung des Commerzienraths Simon, in dessen
Haenden nunmehr wieder Eurer Majestaet Vermoegen gelegt ist," sagte Graf
Platen, "werden sich ja die Verluste verschmerzen lassen. Doch," fuhr
er fort, "wird es nunmehr auch dringend nothwendig, mit dieser
ungluecklichen Emigration in Frankreich ein Ende zu machen, welche
bereits so viel verschlungen hat und Eurer Majestaet in jedem Jahr
dreihundertfuenfzigtausend Thaler kostet. Wenn man diese Summe nicht so
schnell als moeglich aus Eurer Majestaet Ausgabenbudget verschwinden laesst,
so werden wir von Deficit zu Deficit fortschreiten, und eine successive
Capitalsverzehrung wird Eure Majestaet endlich in die Lage bringen,
Nichts mehr zu besitzen und sich aus materieller Noth Preussen auf Gnade
oder Ungnade zu ergeben."

"Traurig, traurig!" rief der Koenig, "dass es dahin gekommen ist! Mein
Gott," fuhr er fort, "wenn man die nach England geretteten Papiere
damals vor der Amortisation verkauft haette, was Herr von Malortie
verhinderte,--oder wenn die in Hannover befindlichen Bestaende vor der
letzten Beschlaglegung auf mein Vermoegen in Sicherheit gebracht waeren,
was wiederum Herr von Malortie nicht that, dann waere ich niemals in die
traurige Lage gekommen, so viele treue und ergebene Menschen einem
ungewissen Schicksal ueberlassen zu muessen."

Rasch oeffnete sich die Thuer. Der Kronprinz Ernst August trat in's
Zimmer, ihm folgte der Geheime Cabinetsrath Lex.

Der Prinz Ernst August war eine lang und hoch aufgeschossene Gestalt,
fast noch hoeher, als sein Vater, doch waehrend die Gestalt des Koenigs in
ihrer Proportion einen harmonischen Eindruck von Wuerde und Majestaet
machte, hatten die Glieder des jungen Prinzen noch keine rechte
Festigkeit und seinen Bewegungen fehlte die anmuthige Leichtigkeit und
Sicherheit. Das schoene glaenzende Haar des Prinzen war kurz geschnitten
und von der schmalen zuruecktretenden Stirn aufwaerts emporgekaemmt. Der
Blick seiner Augen, den er oft durch eine Lorgnette mit grossen Glaesern
verhuellte, war freundlich und gutmuethig. Seine platte, eingedrueckte Nase
und sein breiter etwas vorstehender Mund, mit schoenen frischen Zaehnen,
war von jeder Aehnlichkeit mit dem edlen Schnitt der Gesichtszuege seines
Vaters weit entfernt und das freundliche Laecheln, welches gewoehnlich
seinen Mund umspielte, beruehrte nicht so sympathisch als die
liebenswuerdige Heiterkeit, welche das Gesicht des Koenigs erhellte.

Der Geheime Cabinetsrath, welcher hinter dem Kronprinzen in das Zimmer
trat, mochte etwa zwei- bis dreiundsechzig Jahre alt sein. Seine
auffallend kleine, magere Gestalt war gebueckt und in sich
zusammengefallen, sein faltiges, bartloses Gesicht mit dem kurzen grauen
Haar zeigte einen stets muerrischen, kalt abwehrenden Ausdruck, und seine
kleinen, scharfen und geistvollen Augen blickten mit einem leisen Anflug
von kritischer Ironie durch die Glaeser seiner feinen Brille.

Der Kronprinz schritt schnell zu seinem Vater hin, beugte sich zu
demselben herab, und der Koenig kuesste ihn herzlich auf die Stirn. Dann
setzte sich der Prinz zu dem Koenig und dem Grafen Platen, waehrend der
Cabinetsrath auf der andern Seite des Tisches Platz nahm.

"Darf ich Sie bitten, mein lieber Graf," sagte Georg V., sich an den
Minister wendend, "mir nunmehr Ihre Meinungen ueber die Massregeln
auszusprechen, welche nothwendig werden, um die Aufloesung der
Emigration, welche ich leider unabaenderlich habe beschliessen muessen,
durchzufuehren."

"Majestaet," sagte der Graf Platen, indem er sich in sich
zusammenschmiegte, "ich muss zunaechst noch einmal darauf zurueckkommen,
genau zu constatiren, dass mit den Allerhoechst Ihnen zur Verfuegung
stehenden Mitteln der koenigliche Hofhalt und die zur Geltendmachung
Ihrer Rechte nothwendigen Ausgaben auf die Dauer nicht bestritten
werden koennen, wenn die zur Erhaltung der Emigration notwendige sehr
hohe Summe von nahezu vierhunderttausend Thalern jaehrlich nicht aus dem
Ausgabebudget verschwindet. Um diese Ersparniss zu machen, um zu gleicher
Zeit die Emigrirten, welche, um der koeniglichen Sache zu dienen, ihre
Heimath verlassen haben, nicht dem Elend Preis zu geben, habe ich mir
erlaubt, Eurer Majestaet vorzuschlagen, noch eine einmalige bedeutende
Ausgabe nicht zu scheuen und jedem Mitglied der Emigration die Summe von
vierhundert Francs auszuzahlen, damit derselbe sich, sei es durch
Auswanderung, sei es auf irgend eine andere Weise, eine neue Existenz
schaffen kann."

"Es wird eine grosse Summe werden," sagte der Kronprinz, indem er mit den
Zaehnen an den Naegeln seiner Finger biss.

"Diese einmalige Ausgabe," sagte Graf Platen, sich halb gegen den
Prinzen wendend, "ist nothwendig, um den Koenig vor dem Vorwurf zu
schuetzen, dass Seine Majestaet die ihm treu gebliebenen Soldaten einfach
verlaesst."

"Und ich hoffe," rief der Koenig lebhaft, "dass die Summe genuegend
bemessen ist."

"Vollkommen genuegend, Majestaet," sagte Graf Platen, "um so mehr, da fuer
Diejenigen, welche nach Amerika auswandern wollen, noch ausserdem das
freie Reisegeld gewaehrt wird. Nun aber," fuhr er fort, "hat sich
herausgestellt, dass die Officiere der Emigration aus Gruenden, die ich
nicht begreifen kann," fuegte er achselzuckend hinzu, "sich der Ausloesung
der Emigration in einer dem dienstlichen Gehorsam sehr wenig
entsprechenden Weise widersetzen."

Der Koenig biss schweigend auf seinen Schnurrbart.

"Eure Majestaet," fuhr Graf Platen fort, "haben das Commando an Herrn von
Tschirschnitz uebertragen, aber auch dieser scheint nicht geneigt zu
sein, die Massregeln Eurer Majestaet ruecksichtslos durchzufuehren. Ich
halte es deshalb fuer nothwendig, dass Eure Majestaet Allerhoechst Ihren
Ordonnanzofficier, den Major von Adelebsen, nach Paris entsenden und ihm
nicht nur die Geschaefte Ihres General-Adjutanten, sondern auch das
Commando der Legion uebertragen, damit die nothwendige und befohlene
Aufloesung der Legion schleunigst und ohne Weitlaeufigkeit vollzogen
werde. Es scheint," sprach er weiter, "dass die Officiere die Absicht
haben, einen Verband unter den Emigrirten zu gegenseitiger Unterstuetzung
herzustellen und auf diese Weise vielleicht noch eine Colonisation in
Algerien auszufuehren, fuer welche sie sehr grosse Neigung hatten."

"Die Idee waere durchaus nicht uebel," sagte der Koenig. "Nach den
Versprechungen der franzoesischen Regierung haette den armen Emigrirten
dort ein gutes Loos bereitet werden koennen, und ich habe den Gedanken
nur aufgegeben, weil er im ganzen Land Hannover einen so lebhaften
Widerspruch fand, und weil Deputationen auf Deputationen zu mir gekommen
sind, um mich zu bitten, die algerische Colonisation nicht zu erlauben.
Die Leute haben dort in Hannover gar keinen Begriff gehabt, um was es
sich handelt. Sie glaubten, die Emigranten sollten in die Fremdenlegion
verkauft werden, wie sie sich ausdrueckten. Sie haben zuweilen sehr
unklare Ideen, diese Hannoveraner, und bleiben dann sehr hartnaeckig in
ihrem Ideenkreis stecken. Aber ich musste ja auf eine so allgemein im
Lande verbreitete Ansicht Ruecksicht nehmen."

"Es moechte ja vielleicht," fiel der Kronprinz ein, "eine Colonisation in
Algerien ganz angenehm und vortheilhaft fuer die Leute gewesen sein
koennen. Aber--so lange sie zusammen bleiben, werden wir sie nie ganz von
der Tasche los werden koennen, wenn es der Colonie irgend einmal schlecht
gegangen waere, so haette man immer auf uns recurrirt, und die ganze
Geschichte waere eine ewige Veranlassung zu neuen Ausgaben gewesen. Die
Hauptsache ist, dass die Leute Alle auseinander gebracht werden, und je
weiter fort, um so besser, denn um so schwerer wird es ihnen werden, uns
wieder zur Last zu fallen."

"Das ist nicht mein Gesichtspunkt," rief der Koenig, das Haupt erhebend.
"Mir kommt es nur darauf an, so gut ich es unter meinen jetzigen
Verhaeltnissen kann, fuer das Wohl meiner Leute zu sorgen, und ausserdem
habe ich die politische Ruecksicht zu nehmen, Ansichten und Wuensche der
Bevoelkerung meines Koenigreichs so viel als moeglich zu schonen."

"Jedenfalls," sagte Graf Platen, "werden Eure Majestaet nach reiflicher
Erwaegung beschliessen, die Legion definitiv aufzuloesen und eine
Auswanderung der Leute nach Algerien moeglichst zu inhibiren. Es ist aber
noethig, diesen Beschluss schleunigst auszufuehren, damit vor dem 1. April
Alles beendet sei und mit dem neuen Rechnungsjahr die Belastung unserer
Kasse fortfalle. Wenn also Eure Majestaet befehlen, den Major von
Adelebsen dorthin zu senden, so--"

Der Koenig hatte das Haupt in die Hand gestuetzt und dachte laengere Zeit
schweigend nach.

"Waere es nicht," sagte Georg V. endlich, indem er den Kopf
emporrichtete, und das Gesicht nach der Seite des Grafen Platen und dem
Kronprinzen hinwandte, "waere es nicht am besten, um die Sache am
einfachsten in Ordnung zu bringen und alle weiteren Schwierigkeiten zu
vermeiden, wenn ich nach Paris telegraphirte und den Regierungsrath
Meding, den Major von Duering und vielleicht noch einige der Officiere
hierherkommen liess, um ihnen persoenlich meine Befehle zu ertheilen und
die Missverstaendnisse aufzuklaeren, welche doch wohl in der ganzen Sache
bestehen muessen, da ich mir anders den eigenthuemlichen Widerstand nicht
erklaeren kann, den man mir entgegensetzt."

Graf Platen bog den Oberkoerper zusammen, warf einen schnellen
Seitenblick auf den Kronprinzen und sagte:

"Ich fuerchte, Majestaet, dass eine solche Massregel, wie
Allerhoechstdieselben sie hier andeuten, nur eine erneute Discussion ueber
die ganze Frage hervorrufen und die schleunige Ausfuehrung der von Eurer
Majestaet gefassten Beschluesse noch weiter hinausschieben wuerde. Eure
Majestaet haben bereits den Befehl an die Officiere gesandt, dass
dieselben sich jeder Theilnahme an Verbindungen der Soldaten zu
gegenseitiger Unterstuetzung fern halten sollen. Damit ist also
ausgeschlossen, dass irgend Etwas geschehen koenne, was die dortige
Sachlage aendert; wenn Eure Majestaet nunmehr den Major von Adelebsen mit
bestimmten Vollmachten nach Paris entsenden, so wird die ganze
Angelegenheit sehr bald erledigt sein. Es ist uebrigens," fuhr er mit
einem abermaligen schnellen Seitenblick nach dem Kronprinzen hinueber,
"der Feldwebel Stuermann von der Emigration hierher gekommen, um sich im
Auftrage seiner Kameraden persoenlich zu erkundigen, was denn eigentlich
der Wille und Befehl Eurer Majestaet sei."

"Sie haben den Feldwebel gesprochen?" fragte der Koenig schnell.

"Nur fluechtig, einen Augenblick," erwiderte der Graf Platen mit einem
leichten Anflug von Verlegenheit. "Ich wollte Eurer Majestaet nicht
vorgreifen. Vielleicht waere es zweckmaessig, wenn Hoechstdieselben ihn
selbst anhoerten."

"Einen Feldwebel anhoeren, ohne dass ich meine Officiere gehoert habe,"
rief der Koenig lebhaft, "das geht nicht. Ich glaube," sagte er nach
einem augenblicklichen Nachsinnen, "dass es am besten sein wird, vor
Allen Meding und Duering hierher kommen zu lassen, um zu hoeren, wie die
Sache dort liegt und was sie denn eigentlich fuer Gruende gegen die von
mir beschlossene Art der Aufloesung der Emigration haben."

Graf Platen rieb sich die Haende und neigte den Kopf hin und her, ohne
indess etwas zu sagen.

"Aber Papa," sagte der Kronprinz, mit einer gewissen Schwierigkeit die
Worte hervorbringend, "Du wirst doch nicht von dem einmal gefassten
Beschluss wieder abgehen? Es scheint mir doch--"

Ein Schlag an der Thuer ertoente.

"Wer ist da?" fragte der Koenig mit seiner lauten hellen Stimme.

Der Kammerdiener trat ein und sprach:

"Der Ordonnanzofficier Major von Adelebsen bittet um die Erlaubniss,
Eurer Majestaet eine Meldung machen zu duerfen."

"Er soll kommen," rief der Koenig etwas verwundert.

Major von Adelebsen trat ein. Er war ein Mann von einundvierzig Jahren,
etwas ueber Mittelgroesse, von magerer Gestalt und eckigen, wenig eleganten
Bewegungen. Sein Gesicht war bleich, von einer etwas gelblichen Farbe
und unregelmaessigen Zuegen, welche wenig sympathisch beruehrten, obgleich
in ihnen mehr zurueckhaltende Abgeschlossenheit lag, als jene
eigenthuemlich-charakteristische Haesslichkeit, welche auf die Dauer zu
gewinnen oder wenigstens zu imponiren vermag. Seine Blicke waren unstaet
und unruhig bewegt und richteten sich bei seinem Eintritt forschend auf
den Kronprinzen, der ihm erwartungsvoll entgegensah.

Der Major von Adelebsen, welcher die kleine Uniform des fruehern
hannoeverschen Garderegiments trug, naeherte sich dem Koenig und sprach im
Ton dienstlicher Meldung:

"Majestaet, der Lieutenant von Mengersen und der Lieutenant Heyse sind
von Paris hier angekommen und bitten Eure Majestaet im Auftrage ihrer
saemmtlichen Kameraden in dringenden Angelegenheiten um Audienz."

Der Koenig richtete den Kopf mit fragendem Ausdruck empor. Ein leichter
freudiger Schimmer flog ueber seine Zuege.

"Und was haben sie mir zu melden?" fragte er.

"Sie haben ein Schriftstueck mitgebracht, welches sie mir mitgetheilt und
welches ihren Auftrag enthaelt. Der Inhalt dieses Schriftstuecks jedoch
hat mich in so hohem Grade befremdet, dass ich fast Anstand nehmen muss,
denselben Eurer Majestaet mitzutheilen."

"Sprechen Sie," sagte der Koenig im ernsten Ton, waehrend der Kronprinz
und Graf Platen einen raschen Blick miteinander wechselten.

"Eure Majestaet," fuhr der Major von Adelebsen fort, "haben durch Ihren
letzten Befehl den Officieren in Paris verboten, sich irgendwie bei
Verbindungen der Emigration zu gegenseitiger Unterstuetzung zu
betheiligen und sich ueberhaupt jedes Einflusses auf die Entschliessungen
der Soldaten ueber ihr kuenftiges Leben zu enthalten."

"Ganz Recht," sagte der Koenig.

"Die Officiere erklaeren nun," sagte Herr von Adelebsen, "dass sie es fuer
ein Gebot ihrer Ehre hielten, die Emigranten, welche sie so lange Zeit
unter ihrem Befehl gehabt und welche sich ihnen voll Vertrauen
angeschlossen haetten, ja, welche sie in dem kritischen Augenblick des
Jahres 1867 zum Theil selbst zur Emigration veranlasst haetten, nicht
schutz- und rathlos im fremden Lande zu verlassen. Sie hielten sich fuer
verpflichtet, denselben in jeder Weise auch ferner ihren Rath und
Beistand zu Theil werden zu lassen. Vor Allem aber koennten sie nicht
glauben," fuhr er mit lebhafterem Ton fort, "dass der Befehl, welcher
ihnen allerdings mit Eurer Majestaet Unterschrift vorgelegt worden sei,
von Allerhoechstdenselben wirklich in voller Kenntniss des Inhalts
unterschrieben sei, da eine Bestaetigung der Allerhoechsten Unterschrift
auf dem Papier sich nicht vorfindet. Sie haetten desshalb die Lieutenants
von Mengersen und Heyse abgesandt, um Eure Majestaet ihre Bedenken
vorzutragen und Allerhoechstdieselben zu bitten, wenn Sie wirklich jenen
Befehl gegeben, denselben in Gegenwart der genannten Officiere
Allerhoechsteigenhaendig zu unterzeichnen."

Der Koenig sprang empor, eine flammende Roethe flog ueber sein Gesicht, er
biss die Zaehne aufeinander und stiess mit einem zischenden Laut mehrmals
den Athem aus seinen Lippen.

Der Kronprinz laechelte still vor sich hin, Graf Platen liess den Kopf auf
die Brust sinken und schlug die Augen zu Boden nieder.

"Dahin ist es also gekommen," rief der Koenig mir lauter Stimme, "dass die
Officiere meiner Armee es wagen, an einem Befehl zu zweifeln, der meine
koenigliche Unterschrift traegt, dass sie von mir, ihrem obersten
Kriegsherrn, die Erfuellung jener constitutionellen Form verlangen,
welche fuer die Civilverwaltung des Koenigreichs gesetzlich vorgeschrieben
war. Welcher Geist," sprach er in dumpfem Ton, "muss in jenen Kreisen
herrschen, wenn so Etwas moeglich ist. Welcher Daemon muss seine Gewalt
ueber diese Officiere ueben, dass sie es wagen, mir so gegenueber zu
treten."

"Es ist allerdings," sagte der Major von Adelebsen, "ein hoechst
unmilitairisches und vermessenes Vorgehen. Ich habe den Herren
Vorstellungen gemacht, ich habe versucht, sie von ihrem Vorhaben
abzubringen. Aber," fuegte er achselzuckend hinzu, "es ist vergeblich
gewesen. Sie bestehen mit Entschiedenheit darauf, den Befehl in ihrer
Gegenwart von Eurer Majestaet vollzogen zu sehen, da sie denselben anders
nicht fuer gueltig erkennen koennen."

"Sagen Sie den Herren," rief der Koenig mit zitternder Stimme, "dass ich
sie nicht empfangen wolle, dass ich ihnen befehlen lasse, augenblicklich
nach Paris zurueckzureisen. Ich werde ihnen," fuegte er mit muehsam
unterdrueckter Erregung hinzu, "meinen Willen in einer Form kundgeben, an
welcher sie keinen Zweifel werden hegen koennen."

Herr von Adelebsen verneigte sich, indem ein leichtes Laecheln der
Befriedigung um seine Lippen spielte und verliess das Zimmer.

"Graf Platen," rief der Koenig, indem er sich wieder in seinen Lehnstuhl
niedersetzte, "Sie werden mir eine zweite Ausfertigung des Befehls
vorlegen, ich werde meine Unterschrift unter demselben beglaubigen
lassen. Zugleich lassen Sie Vollmachten fuer den Major von Adelebsen
ausfertigen, damit er alle Functionen des Majors von Duering sofort
uebernehmen koenne. Er soll auf der Stelle nach Paris reisen, um die
Aufloesung der Legion durchzufuehren."

"Waere es nicht zweckmaessig, Majestaet," sagte Graf Platen, "bei dem Geist
des Widerspruchs, der unter den Officieren in Paris zu herrschen
scheint, die hauptsaechlichsten Fuehrer derselben von dort zu entfernen.
Ich meine insbesondere den Major von Duering und den Premierlieutenant
von Tschirschnitz, durch welche sich doch die Uebrigen mehr oder weniger
bestimmen lassen."

"Gewiss," sagte der Koenig, "lassen Sie sogleich die Befehle ausfertigen.
Duering soll nach Bern, Tschirschnitz nach Basel sich begeben und dort
meine weiteren Bestimmungen abwarten."

Er lehnte sich wie erschoepft in seinen Stuhl zurueck und bedeckte das
Gesicht mit den Haenden.

"Wuerde es aber nicht zweckmaessig sein," sagte der Geheime Cabinetsrath
mit seiner feinen und hohen Stimme, "da nun die Aufloesung der Legion in
Frankreich durchgefuehrt werden soll und werden wird, dafuer Sorge zu
tragen, dass diese Massregel, welche man ohne Zweifel viel besprechen
wird, in den Augen der Welt und namentlich in den Augen der
franzoesischen Regierung nicht so ausgelegt werde, als ob Eure Majestaet
auf Ihr Recht verzichten und jede Thaetigkeit fuer die Wiedererlangung
desselben fuer immer aufgeben?"

"Ich glaube kaum," sagte Graf Platen, "dass man die Sache so ansehen
koennte. Jedermann weiss, dass die Mittel Eurer Majestaet beschraenkt sind,
und Jedermann wird begreifen, dass Allerhoechstdieselben auf die Dauer
solche Ausgaben nicht durchzusetzen vermoegen."

"Doch, doch," rief Georg V., "der Cabinetsrath hat vollkommen Recht.
Lassen Sie durch Lume de Luine ein Schreiben an den Kaiser Napoleon
aufsetzen, worin ich ihm die Gruende meiner Massregeln auseinandersetze,
ihm fuer den Schutz, den er bisher den hannoeverschen Emigranten gewaehrt
hat, danke und zugleich erklaere, dass die Aufloesung der Legion lediglich
durch finanzielle Ruecksichten geboten sei und dass ich trotzdem niemals
aufhoeren wuerde, jede Gelegenheit zu ergreifen, um fuer mein verletztes
Recht zu kaempfen."

Der Kronprinz wollte Etwas bemerken, rasch aber stand der Koenig auf und
sagte:

"Ich danke Ihnen, meine Herren, ich will allein sein."

Fluechtig beruehrte er mit den Lippen die Stirn des Kronprinzen, welcher
sich ihm naeherte und dann das Cabinet verliess. Graf Platen und der
Geheime Cabinetsrath folgten und der Koenig blieb allein.

Er liess den Kopf auf die Brust niedersinken. Laengere Zeit hoerte man in
dem stillen Zimmer Nichts als die tiefen, unruhigen Athemzuege, welche
seine Brust bewegten.

"Welch ein hartes, schweres Schicksal," rief er dann.--"Ich habe meinen
Thron und mein Koenigreich verloren! Ich bin von meinem Volk getrennt,
dessen Glueck die ganze Kraft und Arbeit meines Lebens gewidmet war, und
nun muss ich es erleben, dass auch Diejenigen, welche mein Unglueck
theilten, und welche in der Verbannung mir treu geblieben, sich von mir
wenden. So hat," rief er schmerzlich aus, "diese Zeit alle Begriffe
verwirrt, alle sonst so heiligen Bande gelockert, dass sogar die
Officiere meiner Armee, dieser Armee, welche so heldenmuethig und
opferfreudig sich fuer mich geschlagen, mir nicht mehr vertrauen und sich
gegen mich auflehnen!"

Er stand auf und blieb vor seinem Stuhle stehen. Schmerzlich zuckte sein
edles Gesicht und die blicklosen Augen wandten sich umher, als wollten
sie mit gewaltiger Willensanstrengung das Dunkel durchbrechen, welches
ihn umgab.

"Wer zeigt mir," rief er, "wo die Wahrheit liegt, wo der rechte Weg ist,
den ich zu gehen habe! Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen meine
Beschluesse gefasst, ich habe gethan, was ich fuer meine Pflicht
hielt,--und nun finde ich mich einsam und verlassen, verlassen von
Denen, welche ich fuer die Treuesten hielt! Fast moechte ich irre werden
an dem, was ich fuer recht erkannt, denn Diejenigen, welche jetzt meinem
Willen widerstreben, habe ich stets als fest und muthig erkannt. Und die
mich hier mit Rath umgeben--"

Er seufzte tief auf.

"Ich weiss, wie viel dem Grafen Platen zu den Eigenschaften fehlt, welche
den grossen Staatsmann machen, ich weiss, wie leicht er zu beeinflussen
ist.--Und doch, doch kann ich nicht anders handeln, ich habe die Mittel
nicht mehr, den Kampf in der Weise fortzusetzen wie bisher. Und jene
Emigranten, die ich ferner nicht unterstuetzen kann, werden ja, wenn sie
von derselben Begeisterung fuer ihre Sache erfuellt sind, welche einst
ihre Vaeter auf allen Schlachtfeldern Europa's fuer ihren Koenig kaempfen
liess, Mittel finden, sich mir dennoch zu erhalten und vielleicht--

"Oh, wer giebt mir Licht in diesem Dunkel--oh, dass ich nur einmal die
Blicke und Mienen Derjenigen sehen koennte, die zu mir sprechen. Ich
wuerde leichter erkennen koennen, wo die Wahrheit liegt."

Er sank wieder auf seinen Stuhl nieder, stuetzte den Kopf in die Haende
und blieb lange in tiefem Sinnen versunken.

Dann ploetzlich schien ein Gedanke in ihm aufzusteigen, rasch bewegte er
die goldene Glocke, welche auf einem schoen ciselirten Teller vor ihm
stand. Der Kammerdiener trat ein.

"Ist Graf Platen noch im Hause," fragte der Koenig rasch.

"Zu Befehl, Majestaet, der Graf ist bei Seiner koeniglichen Hoheit dem
Kronprinzen."

"Rufen Sie ihn und den Kronprinzen."

Wenige Augenblicke darauf erschienen der Prinz Ernst August und der Graf
Platen abermals in dem Cabinet des Koenigs.

"Sie sprachen mir vorhin," sagte Georg V., "von dem Feldwebel Stuermann.
Ist er hier? Ich will ihn sprechen."

Graf Platen wechselte einen Blick mit dem Kronprinzen und erwiderte
dann:

"Der Feldwebel ist hier, Majestaet, er hat soeben noch Seiner Koeniglichen
Hoheit Bericht ueber die Verhaeltnisse und Stimmungen unter den Emigranten
erstattet."

"Bringen Sie ihn her," sagte der Koenig kurz.

Graf Platen ging hinaus und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Mann von
etwa vier- bis fuenfundfuenfzig Jahren, dem man trotz seiner buergerlichen
Tracht in seiner ganzen Haltung den alten Soldaten ansah, zurueck.

Der Feldwebel Stuermann war eine hagere duerre Gestalt von Mittelgroesse,
sein kurzes graues Haar war militairisch geschnitten; sein langes
Gesicht von graugelber Farbe drueckte Verschlossenheit und eigensinnige
Beschraenktheit aus. In seinen kleinen, etwas starr blickenden Augen lag
jene listige Verschlagenheit, welche man haeufig in dem niedersaechsischen
Stamme findet. Er trug die Medaille von Langensalza in dem Knopfloch
seines einfachen grauen Rockes, trat einige Schritte vor und blieb dann
in militairisch dienstlicher Haltung stehen.

"Ich freue mich, Sie hier zu wissen, mein lieber Feldwebel," sagte der
Koenig in kurzem, fast strengem Ton. "Ihre Kameraden haben Sie hierher
gesendet, sagen Sie mir, was dieselben denken und was in Paris unter
denselben vorgeht."

Der Feldwebel warf einen Blick auf den Grafen Platen, welcher leicht mit
dem Kopf nickte und sprach mit einer etwas schwerfaelligen Stimme, indem
er mit einer gewissen Muehe langsam die Worte hervorbrachte.

"Ich bin hierher gekommen, Koenigliche Majestaet, um genau zu erfahren,
was denn eigentlich Eurer Majestaet Willen und Befehl ist, da weder ich,
noch meine Kameraden uns vollkommen klar darueber sind."

"Und warum nicht," fragte der Koenig kurz.

"Die Herren Officiere," sagte der Feldwebel, "welche mit uns nach
Holland gegangen sind, welche uns in der Schweiz und in Frankreich
commandirt haben, und zu welchen wir Alle das groesste Vertrauen hatten,
haben uns vor einiger Zeit gesagt, dass es der Wille Eurer Majestaet sei,
fuer uns eine Colonie in Algerien zu gruenden, damit wir dort uns eine
neue Heimath schaffen und abwarten koennen, bis der Moment gekommen waere,
fuer das Recht Eurer Majestaet in den Kampf zu gehen.

"Weiter," sprach der Koenig.

"Wir haben uns Alle bereit erklaert," fuhr der Feldwebel fort, "dorthin
zu gehen, obgleich uns viel Schlimmes von dem Lande erzaehlt wurde. Aber
fuer Eure Majestaet und fuer unsere heilige Sache," fuhr er fort, indem er
die Hand auf die Brust legte, "wuerden wir ja bis an's Ende der Welt
gehen.

"Nun aber," sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, indem er
abermals zum Grafen Platen hinueberblickte, "hat uns vor vier Wochen der
Herr Major von Adelebsen und der Herr von Muenchhausen, welche die
Standquartiere der Emigranten bereisten, mitgetheilt, dass Eure Majestaet
die Colonie in Algerien nicht wollten, dass Sie vielmehr die Legionaire
entlassen wuerden und Jeden auffordern liessen, zu erklaeren, wohin er zu
gehen beabsichtigte. Die Herren Officiere," sagte er dann, "haben uns
nun zwar bestaetigt, dass von Eurer Majestaet eine Colonie in Algerien
nicht mehr gegruendet werden wuerde. Dennoch aber haben sie uns
aufgefordert, zusammen zu bleiben und einen Verband zu bilden und uns
gegenseitig zu unterstuetzen, wollen auch versuchen, ob es nicht moeglich
sei, ohne Betheiligung Eurer Majestaet von der franzoesischen Regierung
die Herstellung einer Colonie zu erreichen, auf welcher wir eine
gemeinschaftliche Existenz uns beschaffen koennten. Es ist darueber viel
hin- und hergesprochen, einzelne von den jungen Leuten wollen gern ihr
Glueck in Algerien versuchen. Wir aber, die aelteren und namentlich die
Unterofficiere wuerden uns einem solchen Unternehmen nur anschliessen
wollen, wenn wir bestimmt wuessten, dass wir darin dem Willen Eurer
Majestaet gemaess handelten. Und desswegen bin ich hierher gekommen, um
womoeglich Eure Majestaet zu fragen, was wir thun sollen."

"Der Unterofficier Stuermann, Majestaet," fiel Graf Platen ein, "und
seine Kameraden moechten es besonders Allerhoechstdenselben zur
Beherzigung empfehlen, dass sie durch langjaehrige Dienstzeit eine
Pensionsberechtigung erworben haben, welche sie durch ihre Auswanderung
aus Hannover der preussischen Regierung gegenueber verwirkten, sie glauben
desshalb, dass Eure Majestaet Gerechtigkeit anerkennen werden, wie sie in
andern Verhaeltnissen sich befinden, als die juengern in der Emigration
befindlichen Soldaten."

"Ich glaube," sagte der Kronprinz, "dass Du das gewiss anerkennen wirst,
Papa, und dass die Unterofficiere jedenfalls anders gestellt werden
muessen, als die grosse Masse der Emigranten."

"Gewiss," rief der Koenig lebhaft, "diejenigen gedienten Soldaten, welche
eine Pensionsberechtigung erworben haben, sollen keinen Schaden leiden.
Meine Kasse," sagte er mit etwas leiser Stimme, das Gesicht mit
fragendem Ausdruck auf den Grafen Platen hinwendend, "wird diese
Verpflichtung erfuellen koennen?"

"Ganz gewiss, Majestaet," erwiderte der Minister.

"Dann," sagte der Feldwebel Stuermann, "kann ich Eurer Majestaet
versichern, dass alle meine alten Kameraden hoechst zufrieden und Eurer
Majestaet besonders dankbar sein werden. Ich werde sehr gluecklich sein,
ihnen das gnaedige Versprechen Eurer Majestaet mittheilen zu koennen, und
wir werden unser Moeglichstes thun, um die juengern Soldaten von
abenteuerlichen Unternehmungen abzuhalten."

"Am besten waere es," sagte der Kronprinz ein wenig zoegernd, "wenn sie
nach Amerika auswanderten. Dort koennen sie ja doch noch am ersten ein
Unterkommen finden."

"Zu Befehl, Koenigliche Hoheit," sagte der Feldwebel.

"Dann waeren sie aber fuer mich fuer immer verloren," sprach der Koenig halb
leise zu sich. "Nein, nein," rief er dann laut, "man soll keinen Einfluss
in dieser Beziehung auf ihre Entschliessungen ueben. Doch," fuhr er
abbrechend fort, indem er sich an den Feldwebel wandte, "haben denn die
Leute eine so grosse Neigung gehabt, nach Algerien zu gehen, dass meine
Officiere so sehr auf diesen Plan bestehen? Sie wissen vielleicht, dass
im Lande Hannover die ganze Bevoelkerung eine grosse Abneigung gegen
dieses Project hat und befuerchtet, die Leute koennten dort zu Grunde
gehen?"

Der Feldwebel blickte fragend auf den Kronprinzen und Graf Platen; dann
sprach er:

"Die Leute sind durch die Officiere fortwaehrend in dem Gedanken bestaerkt
worden, dass eine Colonie in Algerien fuer sie das Beste sei,--ich habe,"
fuhr er fort, "immer meine Bedenken dagegen gehabt. Und ich habe wohl so
Manches gehoert--dass die franzoesische Regierung eine solche Colonie sehr
wuensche, um die unbebauten Gegenden in Algerien fruchtbar zu machen. Man
hat sich so Manches erzaehlt."

Er schwieg abbrechend.

"Was hat man sich erzaehlt?" fragte der Koenig.

"Nun," sagte der Feldwebel, "man spricht so Allerlei, was ich Eurer
Majestaet aber gar nicht erst wiedererzaehlen moechte."

"Ich will Alles wissen," sagte der Koenig. "Was spricht man?"

"Majestaet," sagte der Feldwebel, "das Algerien soll ein schoenes und
fruchtbares Land sein, es hat aber ungesundes Klima und es ist Niemand
da, um es zu bebauen.--Die Franzosen sind sehr schlechte Landarbeiter,
da waere es denn der franzoesischen Regierung wohl sehr angenehm, wenn
kraeftige deutsche Einwanderer ihnen helfen wuerden, das Land zu
cultiviren. Man hat schon verschiedene solche Colonien gemacht, wie man
mir in Paris erzaehlt hat. Es sind Unternehmer zusammengetreten, um Leute
anzuwerben und dort hinzufuehren. Den Colonisten soll es schlecht
gegangen sein, sie sind von Krankheiten dahingerafft, nachdem sie die
ersten Arbeiten gethan und das Land fruchtbar gemacht hatten. Aber die
Unternehmer haben grosse Besitzungen von der Regierung erhalten, sehr
eintraegliche Herrschaften, und sie sind grosse, reiche Herren geworden.
Nun, das koennte wohl Manchen ja schon locken, um etwas Aehnliches zu
unternehmen. Ich kann mir so Etwas von unseren Officieren nicht denken;
aber man wird doch etwas stutzig, wenn man Dergleichen so von
verschiedenen Seiten hoert."

Der Koenig zuckte zusammen, in schmerzlicher Erregung zitterte sein
Gesicht, er streckte den Arm aus und legte die Hand auf die Schulter des
Kronprinzen.

"Ernst," rief er, "Ernst, jetzt sehe ich klar.--Darum also dieser Plan,
darum dieser Widerstand gegen meinen Willen."

Ein fast unwillkuerliches Laecheln glitt ueber die Lippen des Kronprinzen.
Graf Platen neigte leicht den Kopf gegen den Feldwebel und sprach dann
zum Koenig gewendet:

"Es ist doch gut, dass Eure Majestaet die Gnade gehabt haben, den
Feldwebel Stuermann anzuhoeren. In unklaren Verhaeltnissen fuehrt es immer
zur richtigen Erkenntniss, wenn man die Sache von allen Seiten hin
beleuchten laesst.--Und es wird gewiss von grossem Nutzen sein, wenn der
Feldwebel seine Kameraden ueber den wahren Willen Eurer Majestaet
aufklaert."

"Ich danke Ihnen, mein lieber Feldwebel," sagte der Koenig, "ich gebe
Ihnen noch einmal das Versprechen, dass die Pensionsberechtigung der
Unterofficiere ihre Anerkennung finden soll."

Der Feldwebel wandte sich kurz und militairisch um und ging hinaus.

"Ich erwarte also," sagte Georg V. mit matter Stimme, "dass Sie sogleich
die Vollmachten fuer den Major von Adelebsen ausfertigen. Er soll so
schnell als moeglich abreisen. Senden Sie sogleich an Meding den Befehl,
dass er die Unterstuetzungen der franzoesischen Behoerden in den
Stationsorten der Emigration fuer die Aufloesung der Legion
bewirke.--Ernst," fuhr er fort, "Du sollst mich begleiten, ich will
einen Spaziergang machen. Ich bedarf der freien weiten Luft, der enge
Raum dieses Zimmers erdrueckt mich mit all den traurigen Gedanken, mit
denen diese bittern Erfahrungen mich erfuellen."

Er klingelte, der Kammerdiener brachte ihm auf seinen Befehl die kleine
oesterreichische Muetze und die Handschuhe, und, auf den Arm des Prinzen
gestuetzt, schritt er in den Park hinaus.




Siebentes Capitel.


Die unruhige Bewegung auf den Strassen von Paris hatte ein wenig
nachgelassen, dennoch sah man in den Abendstunden eine groessere Menge als
sonst auf den hell erleuchteten Boulevards hin und herziehen. Man sah
noch einzelne von jenen Gestalten, welche man sonst nicht zu bemerken
pflegte und welche einzeln oder zu Zweien oder Dreien ruhig
einhergingen, finstern Blickes die Spaziergaenger betrachtend und
zahlreich genug, um im gegebenen Moment und auf ein gegebenes Signal
eine Zusammenrottung zu bilden.

Die sergeants de ville standen in verstaerkter Zahl an den Strassenecken,
und so wie irgend eine Stockung des Verkehrs eintreten zu wollen schien,
ersuchten sie das Publikum hoeflich, aber bestimmt, weiter zu gehen.

Die Gruppen vor den Kaffeehaeusern, welche dort bei ihrem Glas Bier von
Dreher, bei ihrem Grog americain oder bei ihrem Glase Cognac trotz der
noch kalten frischen Luft im Freien sassen, sprachen lebhaft, doch ohne
dass man eine besonders bedenkliche Aufregung haette bemerken koennen.

Der allgemeine Eindruck war, dass die Bewegung, welche durch die
Verhaftung Rocheforts hervorgerufen worden, vorueber sei, und dass
dieselbe weiter keine Consequenzen haben werde. Man war allgemein
zufrieden mit dem Verfahren des Kaisers, welcher nur im Falle des
aeussersten Widerstandes das Militair hatte einschreiten lassen, und die
Popularitaet Napoleon III. war durch seine persoenliche Fahrt ueber die
Boulevards und durch die unruhigsten Stadttheile sehr bedeutend
gestiegen. Man hatte von Neuem gesehen, dass der Kaiser sich nicht
fuerchte, und nur der Souverain kann Frankreich beherrschen, ueber welchen
die Furcht keine Macht hat.

Vor einem der Cafes auf dem Boulevard des Italiens sassen an einem
kleinen Tische mehrere Officiere der hannoeverschen Legion und suchten
den unangenehmen Einfluss des nebelhaften feuchten Wetters durch einige
Glaeser norddeutschen Punsches zu bekaempfen, den sie sich nach ihrer
Anweisung von dem Garcon hatten bereiten lassen, der ein gewisses
Erstaunen ueber die sehr unbedeutende Rolle nicht unterdruecken konnte,
die dem heissen Wasser gegenueber dem Arac in diesem Getraenk zugewiesen
war.

An der Mitte des Tisches sass ein wenig zusammengebueckt auf einem
hoelzernen Stuhl der Major von Duering, eine kleine schmaechtige, aber
nervoese und muskelkraeftige Gestalt. Das schmale, scharf markirte und
bleiche Gesicht mit dem starken, spitz gedrehten, blonden Schnurbart und
den lebhaften, graublauen Augen drueckte muthige Entschlossenheit und
feine Intelligenz aus. Der hohe schwarze Hut war ein wenig in den Nacken
gedrueckt und liess die stark gewoelbte Stirn zur Haelfte frei.

Er huellte sich ein wenig froestelnd in seinen Ueberrock und trank in
kleinen Zuegen das heisse dampfende Getraenk, welches vor ihm stand.

"Ich sage," sprach Herr von Duering, nachdem er laengere Zeit schweigend
in das Treiben der Voruebergehenden geblickt und, indem er sich zu dem
neben ihm sitzenden Premierlieutenant von Tschirschnitz wandte, einem
grossen, schlanken, jungen Manne, dessen Gesicht mit starkem vollem Bart
freimuethige Offenheit ausdrueckte, "ich sage Euch, die Sache wird sehr
schlimm werden und unsere Aussicht auf die Zukunft ist wahrlich nicht
rosig."

"Das bemerkte schon jener Unterofficier," erwiderte Herr von
Tschirschnitz mit einem gewissen trockenen Humor, "welcher bei einer
Zusammenkunft unserer Leute die kurze und schlagende Rede hielt: Nummer
Eins,--Zweitens--ad Drei--um kurz von der Sache zu sein--wir sehen einer
schaudervollen Zukunft entgegen."

Alle lachten.

"Ich begreife nicht," sagte Herr von Duering, schnell wieder ernst
werdend, "wie Ihr noch Lust zu scherzen haben koennt! Die Lage ist doch
wahrhaftig ernst genug.--Ich will von uns gar nicht sprechen, aber alle
diese armen Leute, fuer die wir doch mit verantwortlich sind, sie koennen
noch weniger wie wir sich eine andere Existenz und eine andere
Lebensstellung schaffen, wenn man sie einfach mit einer kleinen Summe in
der Tasche in die Welt hinaus schickt."

"Warum sollte ich den Humor verlieren," erwiderte Herr von Tschirschnitz
mit heiterm Ton, durch welchen jedoch eine gewisse tiefe Bitterkeit
hindurchklang, "ich bin ja jetzt Generaladjutant geworden und habe die
Legion zu commandiren--ich habe den panache.--Es ist wahrhaftig ganz wie
in der 'Grossherzogin von Gerolstein'; ich glaube nicht, dass meine
Herrschaft lange dauern wird und dann kann ich mit Euch zusammen
Schulmeister werden. Jetzt aber"--er schlug die Arme untereinander,
blickte Herrn von Duering mit komischem Blinzeln der Augen an und sagte,
die Worte des Fritz aus der grande-duchesse citirend--

"Mauvais general."

"Wenn der panache an mich kommt," sagte der Lieutenant Goetz von
Ohlenhusen, ein noch ganz junger Mann mit huebschem, etwas phlegmatischem
Gesicht, indem er einen langen Zug aus seinem Glase that, "wenn der
panache an mich kommt, ich werde ihn nicht annehmen."

"Seid ruhig," erwiderte Herr von Tschirschnitz, "bis er an Euch kommt,
wird er schon so zerpflueckt sein, dass keine Feder mehr daran ist, doch
nun," fuhr er ernst fort, "ganz aufrichtig gesprochen, ich glaube
wirklich nicht, dass die Sache so schlimm ist. Es ist ja ganz richtig,
dass alle moeglichen Intriguen den Koenig umlagern, aber Er ist doch ein
Herr von edelster Gesinnung und hohen ritterlichen Gefuehlen; wenn er
unsere Vorstellungen hoert, so wird er jedenfalls noch einmal ueber die
Sache nachdenken.--Wir wollen ja durchaus dasselbe, wie er, wir wollen
ja, dass seine schon so belastete Kasse von dieser grossen Ausgabe fuer die
Legion befreit werde, nur wollen wir das in einer Weise machen, dass die
armen Leute nicht rath- und hilflos ihrem Schicksal preisgegeben
werden, sondern dass sie im Zusammenhang untereinander der Sache des
Koenigs erhalten bleiben. Will der Koenig die Vertheidigung seines Rechtes
fortsetzen, so muss er sich doch Diejenigen, welche sich ihm dazu zur
Verfuegung gestellt haben, auf irgend eine Weise erhalten, und dass kann
nur hier auf neutralem Boden geschehen, wo sie Schutz finden. Will er
aber sein Recht aufgeben--nun das ist ja seine Sache. Und vielleicht,"
fuegte er seufzend hinzu, "waere es bei der Art und Weise, wie sie
gehandhabt wird, das Beste. Dann soll man wenigstens fuer die Emigranten
straffreie Rueckkehr nach ihrer Heimath erwirken. Das Alles muss doch dem
Koenig einleuchten, er muss sich ja doch ueberzeugen, dass wir, die wir ihm
unsere Treue durch die That bewiesen haben, wahrlich nicht ohne Grund
gegen seine Befehle demonstriren."

"Glaubt Ihr denn," fragte Herr von Goetz, "dass dem Koenige unsere
Vorstellungen zur Kenntniss kommen?--Glaubt Ihr denn, dass er Mengersen
und Heyse empfangen und hoeren wird?"

"Das glaube ich gewiss!" rief Herr von Tschirschnitz mit festem Ton. "Ich
glaube nicht, dass Jemand es wagen wuerde, dem Koenige Etwas zu
verheimlichen oder etwas Unrichtiges vorzutragen. Das waere doch in der
That eine zu grosse Nichtswuerdigkeit."

Herr von Duering schuettelte langsam den Kopf.

"Mir sind in der letzten Zeit," sagte er, "in dieser Beziehung sehr
erhebliche Zweifel aufgestiegen. Schon seit laengerer Zeit erhalte ich
auf verschiedene Berichte, die ich ueber die Verhaeltnisse der Legion nach
Hietzing gesandt, Antworten, die durchaus nicht auf das passen, was ich
geschrieben habe und welche nur dann einen Sinn haben, wenn meine
Berichte vollstaendig missverstanden waeren, was doch bei der klaren
Fassung derselben und bei dem seinen Verstaendniss des Koenigs kaum moeglich
ist."

"So haltet Ihr es fuer moeglich," rief der Lieutenant von Harling, ein
junger, dunkel bruenetter Mann mit feurigen, schwarzen Augen, "so haltet
Ihr es fuer moeglich, dass dem Koenige Etwas falsch vorgelesen oder Etwas
verschwiegen wuerde?"

"Ich will keine bestimmte Meinung aussprechen," sagte Herr von Duering,
"ich constatire nur die Thatsache, dass die Antworten, welche ich aus
Hietzing erhalte, absolut auf meine Berichte nicht passen, dass sogar in
einigen dieser Antworten mir ausdruecklich Aeusserungen untergelegt
werden, die ich niemals gemacht habe."

"Es waere doch vielleicht besser gewesen," sagte Herr von Harling, gegen
den Major von Duering gewendet, "wenn Sie oder Herr von Tschirschnitz
nach Hietzing gegangen waeren. Ich weiss nicht, ob Mengersen und Heyse
unsere Sache richtig fuehren werden. Mengersen spricht etwas viel und
Heyse ist etwas bescheiden und zurueckhaltend."

"Ich sollte nach Hietzing gehen," rief Herr von Duering lebhaft, "nach
der Behandlung, die man mir hat widerfahren lassen, nachdem man mich
ungehoert auf die schnoedeste und ruecksichtsloseste Weise meiner
Funktionen enthoben hat, deren Fuehrung doch wahrlich unter diesen
Verhaeltnissen ein Act besonderer Hingebung gegen den Koenig war,
niemals!" rief er. "Ich will nur noch meine Geschaefte ordnungsmaessig
uebergeben, will so viel ich kann fuer das kuenftige Schicksal der Leute
sorgen, und dann wende ich unserer verlorenen Sache, welche ein so
trauriges Ende nimmt, fuer immer den Ruecken. Ich werde keine Muehe und
Arbeit scheuen, um mir eine Stellung zu erwerben, und ich hoffe auch,
dass mir das gelingen wird. In der Tuerkei braucht man Officiere, der
Vicekoenig von Aegypten sucht Instructeure fuer seine Armee. Ich kenne die
orientalischen Verhaeltnisse einigermassen durch meine Dienstzeit in
Algier, und ich hoffe, dort meinen Platz zu finden."

"Oh, warum habe ich meine Compagnie in Sachsen im Stich gelassen," rief
Herr von Tschirschnitz seufzend, "die man mir ganz fertig anbot, gerade
in dem Augenblick, als die Emigration nach Holland in's Werk gesetzt
wurde. Ich lebte dann heute ruhig und friedlich, haette die Aussicht auf
eine vortreffliche Carriere und haette nicht noethig, diese traurige
Erfahrung ueber die Undankbarkeit der Fuersten zu machen."

Ein rasch vorueberschreitender kleiner Mann von etwa vierzig Jahren in
einem dunklen Paletot und einen etwas in die Stirn gedrueckten Hut auf
dem Kopf, blieb ploetzlich stehen und naeherte sich den Officieren. Sein
Gesicht von Intelligenz und Schlauheit und von beweglichem Mienenspiel
hatte jene helle, weiss und rothe Faerbung der nordlaendischen Race. Ein
Guertel von dichten Sommersprossen, welche in dieser Jahreszeit weniger
scharf hervortraten, lief ueber seine spitze, etwas hervorspringende Nase
hin, seine kleinen, hellblauen, scharfen Augen blickten scharf und
beobachtend umher.

Freundlich erwiderten die Officiere seinen Gruss, als er an ihren Tisch
trat.

"Ich begreife nicht, meine Herren," sagte er, "wie Sie es aushalten
koennen, in dieser Kaelte hier auf der Strasse zu sitzen, dazu muss man ein
geborner Pariser sein, welcher gar kein Mass und keine Empfindung fuer
die Grade der Kaelte hat. Ich fuer meine Person friere hier mehr, als ich
es je in meinem nordischen Vaterlande gethan habe und kann mich nicht
dazu verstehen, mich im Winter in's Freie zu setzen."

"Sie sehen so vergnuegt aus," sagte Herr von Tschirschnitz zu dem
bekannten daenischen Journalisten und Agitator fuer die Sache Daenemarks,
Herrn Hansen, "haben Sie Aussicht, dass der Artikel V. des Prager
Friedens endlich ausgefuehrt wird?"

Herr Hansen wehrte mit der Hand ab.

"Sprechen Sie mir nicht davon," sagte er halb laechelnd, halb missmuthig,
"dieser Artikel V. ist eine Schraube ohne Ende, an welcher man
fortwaehrend dreht, welche aber niemals weiter kommt. Was habe ich mir
fuer Muehe gegeben, dass dieser Artikel in den Prager Frieden aufgenommen
werden moechte. Nun ist es geschehen, und meine Landsleute sind so weit
wie sie waren. Man hat ja hier nicht einmal die Courage, ein lautes Wort
fuer unser Recht zu sprechen, geschweige denn wird man jemals Etwas dafuer
thun."

"Glauben Sie denn, dass die Schwachheit und Unthaetigkeit," fragte Herr
von Duering, "mit welcher die Regierung hier gegenwaertig zu verfahren
scheint, ewig dauern wird? Ich sehe," fuhr er fort, "dass in
militaerischen Kreisen eine grosse Thaetigkeit herrscht, und man thut dort
ueberall so, als ob eine maechtige Action unmittelbar vor der Thuere
steht."

"Bah," sagte Herr Hansen, "das weiss ich nicht, danach muessen Sie Nelaton
fragen."

"Nelaton?" fragte Herr von Tschirschnitz etwas erstaunt, "macht der
Doctor Nelaton jetzt die Politik?"

"Er kann wenigstens allein wissen," erwiderte Herr Hansen, "ob und wann
der Kaiser im Stande sein wird, ueberhaupt wieder Politik zu machen. Wenn
man jetzt wissen will, was geschehen wird, so muss man nicht die
Minister, sondern die Leibaerzte fragen. Sehen Sie doch die Zeitungen
an," sprach er weiter, "die wichtigsten Mittheilungen darin sind die
Nachrichten ueber das Befinden des Kaisers. Das ist das Zeichen der Zeit.
Die oeffentliche Meinung fuehlt sehr gut, wo der Schwerpunkt des
politischen Lebens liegt, und wo jede thaetige Action den Stein des
Anstosses findet."

"Doch," fuhr abbrechend fort, "sagen Sie mir, ist es wahr, dass der Koenig
von Hannover seine Legion auseinander schicken und seine Sache aufgeben
wird?"

Die Officiere blickten mit einer gewissen Verlegenheit zu Boden.

"Die Unterhaltung der Legion wird auf die Dauer zu kostspielig," sagte
Herr von Duering, "in der bisherigen Weise wird sie kaum weiter gehalten
werden koennen. Sie wissen ja, dass man das Vermoegen des Koenigs confiscirt
hat, und dass ihm nur wenig uebrig bleibt."

Herr Hansen schuettelte den Kopf.

"Die einfache Ausloesung der Legion," sagte er, "nachdem sie so lange
gehalten ist und so viel Geld gekostet hat, waere ein grosser Fehler.
Frueher oder spaeter wird ja doch die grosse europaeische Katastrophe zum
Ausbruch kommen. Wenn der Koenig ueberhaupt noch handeln will, so muss er
die Mittel dazu in Haenden behalten."

"Nun," sagte er, "wir sehen uns ja wohl heute Abend noch bei Herrn
Meding, ich will jetzt einen Augenblick den Salon von Herrn Thiers
besuchen, dessen Empfangstag heute ist. Au revoir, meine Herren."

Rasch schritt der kleine, lebhafte Mann weiter, durchschnitt mit grosser
Geschicklichkeit die dichte Menschenmasse auf den Boulevards, wandte
sich dann in die Rue du Faubourg Montmartre und erreichte nach kurzer
Zeit den Platz St. George mit der kleinen Fontaine in der Mitte. An der
einen Eckseite desselben, durch ein hohes, eisernes Gitter von der
Strasse getrennt, lag das von Baeumen umgebene kleine Hotel des Herrn
Thiers. Im Garten desselben dehnte sich der sprichwoertlich gewordene,
wunderbar schoene und sorgfaeltig gepflegte Rasen aus, auf dessen gruener
Flaeche das Auge des beruehmten Geschichtsschreibers der Revolution und
des Kaiserreichs waehrend seiner Arbeiten mit besonderem Wohlgefallen zu
ruhen pflegte.

Einige Coupes hielten vor dem Eingangsthor. Herr Hansen schritt durch
den etwas auswaerts fuehrenden breiten Weg zu der innern Hausthuer hin,
trat in einen kleinen, matt erleuchteten Vorplatz, wo ein Kammerdiener
im schwarzen Anzug ihm den Ueberrock abnahm und dann die Thuer des Salons
oeffnete, indem er mit lauter Stimme den Namen des Eintretenden
hineinrief.

Die beiden, nicht grossen Salons des frueheren Ministers Louis Philipp's
waren mit einer anspruchslosen Einfachheit moeblirt. Der einzige Schmuck
derselben bestand in aeusserst werthvollen antiken Kunstwerken, welche auf
kleinen Consolen und Tischen in den Ecken standen und in wenigen
Oelgemaelden vorzueglicher Meister.

Es waren nur erst wenige Personen in diesen Salons. In dem ersten Zimmer
standen einige Herren in eifrigem, aber etwas leise gefuehrtem Gespraech
beisammen. In dem zweiten, etwas matter erleuchtetem Salon sass auf
einem Canapee vor einem kleinen Tisch Madame Thiers, eine schlanke,
magere und etwas steife Gestalt mit einem fein geschnittenen blassen
Gesicht von kaltem, beinahe strengem Ausdruck, der jedoch in der
Unterhaltung durch eine angenehme, herzliche und gewinnende
Freundlichkeit gemildert wurde. Sie war das Bild einer einfachen
buergerlichen Hausfrau, nicht nur in ihrer Haltung und ihren Bewegungen,
sondern auch in ihrer Gespraechsweise, obgleich sie es zuweilen verstand,
mit grosser Feinheit und scharfem, geistvollem Urtheil an der
Unterhaltung ueber die ernstesten Gegenstaende der Politik oder der
Wissenschaft Theil zu nehmen.

Neben ihr sass Fraeulein Dosne, ihre Schwester, nicht viel juenger als sie
und ihr unverkennbar aehnlich, obwohl ihre ganze Erscheinung weniger
bedeutend, weniger sicher und noch mehr kalt und zurueckhaltend war.

Beide Damen trugen einfache Toiletten von schwarzer Seide und kleine
hellblaue Bandschleifen und waren mit einer Tapisseriearbeit
beschaeftigt.

In einiger Entfernung von dem Tisch, vor welchem sie sassen und auf dem
eine grosse Moderateurlampe mit dunkelblauem, flachem Glasschirm brannte,
sass in einem grossen Lehnstuhl fast verschwindend, der beruehmte
Staatsmann, welcher lange Zeit das parlamentarische Leben Frankreichs
beherrscht hatte und dessen constitutionelles Wechselspiel mit Herrn
Guizot einst den Mittelpunkt des Interesses Europa's bildete.

Seine kleine, fast zwerghafte Gestalt war grade aufgerichtet gegen die
hohe Ruecklehne seines Sessels gestuetzt; die beiden Arme lagen auf den
Seitenlehnen, der Kopf war ein wenig herabgesunken, und das Kinn begrub
sich fast in den Falten seiner hohen, blendend weissen Halsbinde. Das
runde, sonst so bewegliche Gesicht mit der unter den abwaerts gekaemmten,
weissen Haaren scharf hervortretenden, hoch gewoelbten Stirn, der feinen
Nase und dem breiten, fast immer halb gutmuethig, halb sarkastisch
laechelnden Munde,--dies Gesicht, welches sonst den reichen Redestrom des
gelehrten Doctrinaers mit so ausdrucksvollem, bewegtem Mienenspiel
begleitete,--war unbeweglich und still. Die Augen, welche sonst so
scharf und fein und so wohlwollend freundlich zugleich blickten, waren
geschlossen.--Herr Thiers schlief, wie er stets nach Tische zu thun
pflegte, und es war ein still schweigendes Uebereinkommen unter allen
Besuchern dieses einst so glaenzenden, in der Kaiserzeit mehr und mehr
vereinsamten Salons, den Schlaf des alten Herrn nicht zu stoeren.

Herr Hansen trat mit leisem Schritt in den zweiten Salon, gruesste Madame
Thiers und Fraeulein Dosne mit schweigender Verbeugung, welche die Damen
ebenfalls schweigend mit liebenswuerdiger Artigkeit, aber mit einem
leichten Seitenblick nach dem Lehnstuhl des Herrn Thiers erwiderten und
zog sich dann wieder in das erste Zimmer zurueck.

Er naeherte sich einer Gruppe von Herren, welche sich in der Naehe des
Fensters mit einander unterhielten.

In der Mitte derselben befand sich Herr Weiss, der fruehere Redacteur des
Journals de Paris, jetzt Staatsrath und Generalsecretair in dem neu
errichteten Ministerium der schoenen Kuenste, welches Herr Ollivier fuer
seinen Freund Maurice Richard geschaffen hatte, und fuer welches man sich
bemuehte, aus verschiedenen Ressorts einen Geschaeftskreis herzustellen.

Herr Weiss, ein mittelgrosser, schmaechtiger Mann mit blassem, geistig
belebtem Gesicht von mehr feinen, als maennlich kraeftigen Zuegen, in
seiner ganzen Haltung ein wenig an einen deutschen Professor erinnernd,
sprach mit dem Herzog Audiffret-Pasquier und dem Historiker Mignet ueber
die neue Entwicklung des Kaiserreichs.

"Ich fuerchte," sagte Herr Mignet, "dass die Ueberfuehrung der so
ausschliesslich persoenlichen Regierung, welche wir bis jetzt gehabt
haben, in die constitutionelle Form nicht ohne ernste Erschuetterung
voruebergehen kann,--nicht nur, dass der ganze Constitutionalismus den
Traditionen und den Grundprincipien des Napoleonischen Kaiserreichs
wesentlich widerspricht--es ist auch eine Erfahrung, welche unsere
Geschichte deutlich zeigt, dass die franzoesische Nation nicht besonders
geeignet ist fuer allmaelige und vermittelnde Uebergaenge. Das System,
welches man jetzt inaugurirt, beruht in der Vertretung des oeffentlichen
Willens durch Repraesentanten, welche nach bestimmten, gesetzlich
geregelten Grundsaetzen aus den verschiedenen Klassen des Volkes
hervorgehen, und unter denen natuerlich die Vertreter der Intelligenz und
des Besitzes den bedeutendsten Einfluss fuer sich in Anspruch nehmen.
Dadurch bildet sich das Leben der Parteien aus. Die Aufgabe der
Regierung ist es, durch die Herstellung des Gleichgewichts zwischen den
Parteien die oeffentlichen Angelegenheiten zu fuehren. Das Kaiserreich
aber basirt wesentlich auf dem Volkswillen ohne eine gesichtete
Vertretung, auf der noch unklaren, aus wechselnden Gefuehlen und
Stimmungen sich bildenden Majoritaet der Massen. Hier stehen sich nur die
Autoritaet und die Masse gegenueber, welche entweder vereint herrschen
oder sich mit Gewalt gegen Gewalt bekaempfen muessen. Es ist eine schwere
Arbeit, welche das jetzige Ministerium uebernommen hat, diese beiden, so
weit aus einander liegenden, ja sich fast scharf gegenueber stehenden
Prinzipien mit einander zu versoehnen, und auf dem Boden des Caesarismus
ein constitutionelles Staatsleben erwachsen zu lassen."

"Eine Aufgabe," rief der Herzog Audiffret, "bei welcher das Ministerium
sicher auf den Beistand jedes guten Franzosen, jedes freisinnigen und
klar denkenden Mannes rechnen kann--"

"Und eine Aufgabe," fiel Herr Weiss mit seiner leisen und etwas monotonen
Stimme ein, "an deren Erfuellung ich glaube und zu der jedenfalls die
Regierung und Alle, die ihr angehoeren, den besten und redlichsten Willen
mitbringen. Auch glaube ich nicht," fuhr er fort, "dass die Schwierigkeit
derselben so gross ist, als sie Herrn Mignet erscheint. Ich glaube, dass
gerade das constitutionelle System das einzige ist, nach welchem
Frankreich auf die Dauer regiert werden kann. Der Kampf der Parteien in
der Arena der Kammern giebt allen Ansichten Raum, um sich geltend zu
machen, und dadurch wird am sichersten ein gefaehrlicher Ausbruch der
einen oder der andern extremen Richtung vermieden. Ausserdem soll das
constitutionelle System das Land vor unueberlegten und gefaehrlichen
Actionen nach Aussen bewahren, zu dem Caesarismus und der Demokratie am
Meisten neigen, denn sowohl die Massen des Volkes, als ein allmaechtiger
Selbstherrscher sind von persoenlichen und augenblicklichen Eindruecken in
besonders hohem Grade abhaengig. Beide neigen zur Tyrannei, bei Beiden
liegt die Gefahr eines gefaehrlichen Spieles mit der nationalen Kraft und
dem Nationalwohlstand.--Ich glaube nicht, dass unter einer
constitutionellen Regierung, wie wir sie jetzt anbahnen, eine
mexikanische Expedition moeglich sein wuerde. Was uebrigens die Verbindung
der Napoleonischen Tradition mit dem constitutionellen System betrifft,
so macht sich dieselbe nach meiner Ueberzeugung sehr leicht, so bald nur
eben von Seiten des Kaisers, wie das jetzt der Fall ist, offen und frei
die Verstaendigung mit den verfassungsmaessigen Repraesentanten der Nation
erstrebt und gesucht wird."

"General Changarnier und der Herzog von Broglie," rief der Kammerdiener
in den Salon und neben einander traten der Repraesentant des alten
franzoesischen Adelsgeschlechts in seiner vornehmen, eleganten Haltung
und der greise General des Julikoenigthums herein.

General Changarnier war trotz seiner vom Alter gebrochenen Haltung eine
etwas noch militairisch kraeftige Erscheinung. Der Ausdruck seines
ernsten wuerdevollen Gesichts mit dem weissen Bart und Haar war einfache
natuerliche Offenheit,--seine klaren, etwas tief liegenden Augen blickten
ruhig und nachdenklich, seine Bewegungen waren von schlichtester und
ungesuchtester Natuerlichkeit.

Die beiden Eintretenden wandten sich nach dem zweiten Salon.

Herr Thiers hatte bei der Nennung ihrer Namen leicht mit den Augen
geblinzelt, dann dieselben ganz geoeffnet und sich von seinem Stuhl
erhoben. Sein Gesicht nahm sofort die demselben eigentuemliche
ausdrucksvolle Beweglichkeit an,--mit schnellen Schritten naeherte er
sich der Eingangsthuer und begruesste mit vertraulicher Herzlichkeit den
Herzog und den General, welche darauf den Damen des Hauses ihre
Complimente machten.

Der Herzog von Broglie setzte sich neben Madame Thiers, waehrend deren
Gemahl seine Hand leicht auf den Arm des Generals Changarnier legte, und
indem er von unten zu demselben hinaussah, mit seiner ausdrucksvollen,
etwas scharfen Stimme sprach:

"Ich habe Sie lange nicht gesehen, mein alter Freund, Sie machen sich
selten, das ist nicht gut. Man wird alt, wenn man sich von der
Gesellschaft zurueckzieht."

"Ich habe nicht noethig, alt zu werden," sagte der General einfach, "ich
bin es schon und habe kaum eine Gemeinschaft mit der heutigen Welt mehr.
Mein Leben liegt in der Erinnerung an die Vergangenheit."

"Sie haben Unrecht, mein Freund," erwiderte Herr Thiers, "man gehoert
immer dem Leben und der Gegenwart an, so lange man athmet. Die
Erinnerungen sind nur dazu da, um uns die Gegenwart besser verstehen zu
lassen. Darin liegt das Uebergewicht, welches ein alter Kopf ueber die
gegenwaertige Generation hat, wenn er eben nur durch die Jugendfrische
des Herzens und der Empfindungen unterstuetzt ist."

"Dazu gehoeren aber auch," sagte der General seufzend, "gesunde Nerven
und ein gesunder Magen. Beides habe ich nicht in dem Masse wie Sie."--

"Weil Sie daran denken," rief Herr Thiers, "wenn man nie an die
Krankheit denkt, so raeumt man ihr keine Macht ueber uns ein. Unser
schlimmster Feind ist die Unthaetigkeit.--Ich habe mich immer durch die
Thaetigkeit jung und frisch erhalten; nachdem ich aufgehoert habe
Staatsmann zu sein, bin ich wieder Schriftsteller geworden. Und dadurch
halte ich mich im Stande," fuegte er laechelnd hinzu, "wenn es einmal
noethig sein sollte, wieder Staatsmann zu werden."

"Ein Militair," sagte der General achselzuckend, "kann sich seine
Thaetigkeit nicht willkuerlich suchen. Wir stehen auf einem exclusiv
abgeschlossenen Gebiet, und wenn uns dies Gebiet verschlossen wird, so
bleibt uns nichts uebrig als die Reflexion und die Erinnerung."

"Ein Gebiet, das eine Zeit lang verschlossen war, kann sich aber wieder
oeffnen. Es scheint ja, dass Frankreich jetzt zu besseren Zustaenden
uebergeht und dass eine Reihe seiner besten Soehne nicht mehr von aller
patriotischen Thaetigkeit ausgeschlossen werden sollen. Es kann ja
auch--und ich hoffe es--die Zeit wieder kommen, in welcher Ihr Degen
noch einmal dem Vaterlande grosse Dienste zu leisten berufen sein wird."

Der General laechelte bitter.

"Unter der Herrschaft dieses Kaisers Napoleon III.? sagte er--Sie
scherzen."

"Warum?" fragte Herr Thiers, "man muss in der Politik niemals die Person
in Betracht ziehen, sondern immer nur die Dinge und die Verhaeltnisse;
und dem Vaterlande zu dienen ist immer edel und gut, welche Person
dasselbe auch an seine Spitze gestellt haben mag. Wenn der Kaiser
Napoleon nach gesunden und richtigen Prinzipien zu regieren sich
entschliessen kann, so wuerde ich keinen Augenblick Bedenken tragen, seine
Regierung zu unterstuetzen, obwohl ich doch wahrlich auch--nicht dafuer
bezahlt bin, ihn zu lieben--," sagte er laechelnd.

"Kann dieser Kaiser ueberhaupt nach gesunden Prinzipien regieren?" fragte
Changarnier, indem ein bitterer Ausdruck auf seinem sonst so freundlich
wohlwollenden Gesicht erschien. "Kann man das Vertrauen zu ihm haben,
dass er die Principien, welche er ausspricht, auch wirklich zur
Richtschnur seiner Handlungen macht?

"Nun," sagte Herr Thiers, "er hat uns Beide schlecht genug behandelt,
aber ich muss gestehen, dass ich auf dem Wege, den er jetzt eingeschlagen
hat, gern bereit bin ihn zu unterstuetzen."

"Er hat," sprach der General, "Ihr Vertrauen nicht in dem Masse getaeuscht
wie das meinige. Ich werde es nie vergessen und ihm nie verzeihen, wie
er vor dem Staatsstreich meine Arglosigkeit benutzt hat, um jeden
Widerstand gegen jenes Attentat unmoeglich zu machen.--

"Er liess mich," fuhr er fort, waehrend Herr Thiers ihn fragend und
erwartungsvoll anblickte, "wenige Tage vor dem 2. December in sein
Cabinet in dem Palais Elysee rufen und unterhielt sich eingehend und
anscheinend mit grosser Offenheit mit mir ueber die damalige Lage
Frankreichs. Er betonte die Notwendigkeit, in die unmittelbare Naehe von
Paris diejenigen Truppen zu bringen, welche der Republik am sichersten
und ergebenden seien, da moeglicher Weise Unruhen entstehen koennten,
welche im Stande sein moechten, die Freiheit der Verhandlungen der
Nationalversammlung zu beeintraechtigen.--Auf einem Tische in der Mitte
seines Zimmers lag eine grosse Karte von Frankreich ausgebreitet, auf
welcher mit langen Nadeln, welche die Bezeichnungen der verschiedenen
Regimenter auf kleinen Tafeln trugen, die Standquartiere der einzelnen
Truppentheile angegeben waren. Der Praesident ersuchte mich, durch diese
Nadeln die Truppendislocationen anzugeben, welche ich fuer erforderlich
und zweckmaessig hielt. Ich that dies und stellte die Zeichen aller
derjenigen Regimenter, deren Fuehrer und deren Soldaten ich als der
Verfassung und der Republik am meisten ergeben kannte, in die Garnisonen
in der unmittelbaren Umgebung von Paris.--Der Praesident, welcher
aufmerksam zugesehen hatte, sagte mir, dass er die erforderlichen Befehle
zu diesen Dislocationen sofort ertheilen lassen wolle, und wir trennten
uns in der freundlichen Weise. Er hatte auf diese Weise," fuhr der
General fort, "nur die der Republik ergebenen Regimenter erkennen
wollen, denn unmittelbar, nachdem ich ihn verlassen, liess er diejenigen
Truppentheile, deren Zeichen ich um Paris gesteckt hatte, durch
heimliche und schnelle Befehle nach den entferntesten Grenzen von
Frankreich abmarschiren und umgab Paris mit lauter Generalen und
Truppen, die ihm blind ergeben waren.--Wenige Tage darauf wurde ich dann
in meinem Bett verhaftet und der Staatsstreich ohne Widerstand
durchgefuehrt."

Herr Thiers laechelte.

"Ich muss gestehen," sagte er, "dass dies nicht eins der ungeschicktesten
Manoever dieses Herrn Napoleon war.--Man hat sich ueberhaupt in ihm
getaeuscht.--Nun mag dem sein, wie ihm wolle, will er sich bekehren, will
er in Frankreich gut regieren--und ich werde mich nicht nach den Worten,
sondern nach den Thaten richten--so muss man ihn doch unterstuetzen. Fuer
Sie wuerde das uebrigens viel leichter sein," fuhr er fort, "ein General
kann bei den Diensten, die er seinem Vaterlande leistet, viel mehr von
der Person des zeitweiligen Herrschers absehen, als ein Minister. Auf
dem Schlachtfelde handelt es sich doch immer mehr um die Ehre und um den
Ruhm Frankreichs, als um dieses oder jenes politische System."

"Auf dem Schlachtfelde," sagte der General achselzuckend, "davon wird
wohl lange nicht bei uns die Rede sein. Wir haben unsere Kraefte in
wahnsinnigen und fruchtlosen Expeditionen vergeudet, und da, wo unsere
Interessen und unsere Ehre uns wirklich geboten zu schlagen, haben wir
in muthloser und schwankender Unthaetigkeit zugesehen, wie man ohne uns
das europaeische Gleichgewicht veraenderte."

"Das ist richtig," sagte Herr Thiers ernst, "aber der Fehler, den die
Regierung begangen hat, wird sich raechen, und zwar raechen durch einen
Krieg, der um so gewaltiger und erschuetternder sein wird, je mehr man
ihn zur Zeit, da er vernuenftiger Weise geboten war, unterlassen hat. Die
Regierung des Kaisers," fuhr er fort, indem er die Arme unter einander
schlug und ein wenig in dem Ton eines politischen Vortrages weiter
sprach, "die Regierung des Kaisers hat uns in einen sehr bedenklichen
Zustand versetzt. Es war eine Regierung ohne Regel und ohne Ordnung. Der
Brief des Kaisers an den Herzog von Augustenburg hat Daenemark, unsern
Alliirten, getoedtet und Europa zu gleicher Zeit der Willkuer der Gewalt
Preis gegeben. Von jener Epoche an datirt all unser Unglueck. Der Krieg
ist unvermeidlich. Zwei grosse Kraefte wie Frankreich und Preussen koennen
nicht immer, bis an die Zaehne bewaffnet, mit unter einander
geschlagenen Armen einer der andern gegenueber stehen, das muss einmal zum
Ausbruch kommen.--Wann aber?--Ich weiss es nicht und Niemand weiss
es.--Preussen wird nichts nachgeben, gar nichts, es wird keine
Concessionen machen, glauben Sie es ja, und dann wird endlich der
Augenblick kommen, in welchem die franzoesische Regierung, sie moege
heissen, wie sie wolle, durch Aufwallen des Nationalzorns zum Handeln
gedraengt werden wird.--Die einzige Macht, welche durch eine kraeftige
Vermittlung den Conflict zu verhindern im Stande sein koennte, ist
England; doch glaube ich nicht an solch eine Vermittlung. Lord Clarendon
wird einzelne Versuche machen, aber er wird nichts Ernstes thun und
namentlich seinen Worten keinen thaetigen Nachdruck geben. Er ist sehr
vorsichtig und sehr wenig geneigt zu energischen Massregeln.

"Freilich," sprach er weiter, "wird es in einem solchen Augenblicke
nicht allein auf tuechtige Generale, sondern auch auf Staatsmaenner
ankommen, welche Kraft und Energie besitzen und zugleich durch ihren
Charakter der Nation Vertrauen einfloessen.

"Unser guter Freund Daru, den ich sehr hoch schaetze, wuerde vielleicht
kaum einer so grossartigen Action gewachsen sein, wie die Zukunft sie
uns auferlegen muss. Ich sehe ueberhaupt nach dem Tode von Walewsky,
welcher ein ehrlicher Mann war, unter Denen, welche dem Kaiser naeher
stehen, nur Drouyn de L'huys, der einer solchen Aufgabe gewachsen sein
koennte.--Ich glaube auch, dass er noch in sehr nahen Beziehungen zum
Kaiser steht, aber er muss sehr unzufrieden sein mit dem Gang der
auswaertigen Politik, welche nach seinen Ideen im Jahre 1866 eine ganz
andere Richtung haette nehmen muessen."

Herr Thiers hatte die letzten Worte mehr zu sich selber, als zum General
Changarnier gesprochen. Seine Stimme war immer leiser geworden, er
blickte, wie seinen Gedanken folgend, einige Augenblicke schweigend zu
Boden.

Die uebrige Gesellschaft hatte sich allmaelig ebenfalls mehr und mehr nach
dem zweiten Salon hingezogen, nachdem Herr Thiers seinen Schlummer
beendet und wieder an der Unterhaltung Theil zu nehmen begonnen.

Herr Mignet trat heran und begruesste den Hausherrn mit ehrerbietiger
Herzlichkeit.

"Man erzaehlt mir," sagte er, "dass Sie sich mit einem grossen Werk ueber
die Philosophie der Geschichte beschaeftigen--der Inhalt wird fuer jeden
Historiker von grossem Interesse sein. Wird die literarische Welt bald
Etwas davon zu sehen bekommen?"

"Das wird davon abhaengen," sagte Herr Thiers laechelnd, "wie bald ich
mein Leben und damit meine Thaetigkeit beenden werde, denn ich bin
entschlossen, die Kritik dieses Werkes, das bald beendet ist, nicht
lebend ueber mich ergehen zu lassen, und dasselbe erst dann dem Publikum
zu uebergeben, wenn ich selbst der Beurtheilung der irdischen Welt
entzogen sein werde. Denn," fuhr er fort, "ich will in diesem Werk ueber
sehr viele Dinge ganz ohne alle Ruecksicht die Wahrheit sagen, und das
koennte mir vielleicht viele Feinde machen, mit denen ich mich in der
friedlichen Musse meines Lebensabends nicht mehr zu streiten Neigung
habe. Ich glaube," fuhr er fort, "dass die gegenwaertige Welt einen
gewissen Mangel an gesundem Menschenverstand besitzt. Da ich nun sehr
lange gelebt und sehr Vieles gesehen und gelernt habe, so will ich ueber
Alles das meine Meinung sagen, gerade so, als ob ich einen Sohn haette,
dem ich in einem Testament meine letzten Rathschlaege ertheile, um die
reichen Erfahrungen meines Lebens fuer ihn nuetzlich zu machen. Der Himmel
hat mir Kinder versagt," sagte er mit einem wehmuethig freundlichen
Laecheln,--"so will ich denn ganz Frankreich und die ganze gebildete
Welt als meinen Sohn betrachten. Vielleicht kann ich dadurch noch nach
meinem Tode ein wenig nuetzlich sein. Gedulden Sie also Ihre Neugier noch
kurze Zeit, denn ich werde ja wahrscheinlich nur noch kurze Zeit zu
leben haben."

"Herr Graf Daru!" rief der Kammerdiener.

Herr Thiers ging seinem alten Bekannten, welcher jetzt das Ministerium
der auswaertigen Angelegenheiten inne hatte, mit kurzen, raschen
Schritten bis an die Schwelle des ersten Salons entgegen, indem er ihm
freundlich die Hand hinstreckte.

Der Graf Napoleon Daru, der Sohn des bekannten Grosswuerdentraegers des
ersten Kaisers, welcher spaeter mit der Julimonarchie innig liirt gewesen
und lange Zeit von jeder politischen Thaetigkeit fern geblieben war,
mochte damals fast sechzig Jahre alt sein. Er war eine kalte, vornehme
Erscheinung von wuerdevoller, etwas steifer Haltung, sein ernstes Gesicht
mit dem grauen Haar trug den Ausdruck hoeflicher Zurueckhaltung, in seinen
Zuegen verband sich eine gewisse militairische Steifheit mit der
selbststaendigen Abgeschlossenheit des Gelehrten, der durch strenge
theoretische Studien sich ueber alle ihm vorkommenden Dinge ein
philosophisches Urtheil zu bilden gewohnt ist.

Nachdem Graf Daru mit den Damen eine kurze Unterhaltung gefuehrt hatte,
bei welcher eine gewisse Preoccupation auf seinem Gesichte bemerkbar
war, wandte er sich wieder zu Herrn Thiers, der ihn laechelnd fragte.

"Darf man, ohne indiscret zu sein, sich erkundigen, wie die auswaertigen
Angelegenheiten unseres Kaiserreichs sich befinden?"

"Die auswaertigen Angelegenheiten befinden sich vortrefflich," erwiderte
der Minister mit seiner klaren, etwas scharfen Stimme. "Ich wollte,"
fuegte er hinzu, "dass ich dasselbe von den innern Angelegenheiten sagen
koennte."

Ein wenig erstaunt blickte Herr Thiers auf.

"Nun," sagte er, "wir haben soeben noch ueber die innern Angelegenheiten
gesprochen, und ich bin zu dem Resultat gekommen, dass, obwohl ich keine
persoenliche Sympathie fuer dieses zweite Kaiserreich haben kann, ich
dennoch anerkennen muss, wie die neue Aera der innern Politik allen
Anforderungen entspricht, die man vernuenftiger Weise machen kann, und
der beste Beweis scheint mir darin zu liegen, dass Sie, mein verehrter
Freund, gegenwaertig Mitglied des Ministeriums des Kaisers sind. Ist der
Weg, auf dem man sich befindet, ein richtiger, so wird man ja ueber
einzelne kleine Schwierigkeiten leicht hinwegkommen."

"Vorausgesetzt, dass man diesen Weg verfolgt", erwiderte der Graf, "und
dass man nicht ebenso viele Schritte zurueckthut, als man voran gegangen
ist."

"Wie so?" fragte Herr Thiers, der aufmerksam zu werden begann.

"Es wird ja doch morgen bekannt werden," sagte der Graf Daru,--"also
begehe ich kaum eine Indiscretion, wenn ich Ihnen mittheile, dass der
Kaiser soeben einen Brief an Ollivier geschrieben hat, in welchem er ihm
sagt, dass er ein Plebiscit fuer noethig halte, um die von dem Senat und
Gesetzgebenden Koerper genehmigte Veraenderung der Verfassung des
Kaiserreichs nunmehr zu sanctioniren. Die fruehere Verfassung sei durch
den allgemeinen Volkswillen festgestellt und es muesse derselbe daher
auch den gegenwaertigen Abaenderungen derselben seine definitive
Zustimmung geben."

"Und was sagt Ollivier?" fragte Herr Thiers sehr ernst, waehrend die
uebrige Gesellschaft naeher herantrat und mit Spannung dem Gespraech
folgte.

"Ollivier," erwiderte Graf Daru, "hat sich vollkommen die Ideen des
Kaisers angeeignet und findet die Berufung auf das Plebiscit vollkommen
natuerlich. Ich meinerseits," fuhr er mit einer gewissen Bitterkeit
fort, "sehe darin nur die Rueckkehr zu dem Grundsatz, dass das persoenliche
Regiment, auf den Willen der Masse gestuetzt, sich von Neuem ueber die
Verfassung und ueber das Votum der legalen Repraesentanten der Nation zu
stellen beabsichtigt. Wo ist ueberhaupt noch eine Sicherheit fuer die
oeffentlichen Zustaende, wenn Alles, was geschieht, jedesmal von einem
solchen Plebiscit abhaengig gemacht werden soll, das ja im Grunde doch
nur eine Komoedie ist und gegenueber einer starken Regierung immer nach
deren Ansichten ausfallen wird, da ja Diejenigen, welche nicht zustimmen
moegen, sich nicht den bedenklichen Folgen eines negativen Votums
auszusetzen Lust haben werden."

"Das ist ein eigenthuemlicher Schachzug," sagte Herr Thiers nachdenklich.
"Aber ich moechte Sie doch noch einmal fragen, mein lieber Freund, wie
steht es mit der auswaertigen Politik, denn dieses Plebiscit scheint mir
mehr im Zusammenhang damit zu stehen, als mit den innern Verhaeltnissen.
Wie stehen Sie mit Preussen?"

"Kalt und misstrauisch," erwiderte Graf Daru, "aber es liegt auch
durchaus keine Veranlassung zu irgend einer Differenz vor, da von beiden
Seiten die Eroerterung aller Punkte, welche dahin fuehren koennten,
sorgfaeltig vermieden wird. Man hat von englischer Seite versucht, auf
eine gegenseitige Verminderung der militairischen Ruestungen hin zu
wirken, doch natuerlich vergeblich--in Berlin hat man selbst die blosse
Eroerterung dieses Punktes ziemlich kurz zurueckgewiesen."

"Und Sie," fragte Herr Thiers, indem er mit einem listigen Blick zu Graf
Daru hinaussah, "werden doch wahrscheinlich auch nicht geneigt sein, die
Militairmacht Frankreichs ernstlich zu vermindern?"

"Wir koennen es nicht," erwiderte Graf Daru, "so lange von anderer Seite
nicht der Anfang gemacht wird."

"Das alte Wechselspiel," sagte Herr Thiers, "Jeder will, dass der Andere
zuerst abruesten soll. Ich muss Ihnen sagen," fuhr er fort, "dass mir das
Alles sehr bedenklich erscheint. Sehen Sie die Geschichte an, namentlich
die neuere und neueste Geschichte, so werden Sie immer finden, dass,
sobald die Frage der militairischen Abruestung zwischen zwei Maechten
ernsthaft discutirt wird, jedesmal bald darauf ein Krieg folgt. Halte
ich dies mit dem in Aussicht genommenen Plebiscit zusammen, so muss ich
darauf zurueckkommen, was ich vorhin sagte--"

Er wandte sich zu dem General Changarnier--"Dass naemlich unser tapfrer
Freund hier doch noch Gelegenheit finden koennte, seinen Degen im
Dienste Frankreichs zu ziehen. Glauben Sie mir," fuhr er fort, "ich habe
fuer so Etwas einen gewissen Scharfblick,--dies Plebiscit ist der
Vorlaeufer einer auswaertigen Action. Der naechste Schritt," sprach er
weiter, "den England thun muss, wenn seine Vermittlung wegen der
Abruestung keinen Erfolg hat--den Schritt, dem sich schliesslich ganz
Europa wird anschliessen muessen, muss der sein, dem Kaiser zu sagen: 'Sie
haben nicht das Recht, die Welt in ewiger Unruhe zu erhalten, Sie haben
den Krieg fortwaehrend wie eine unausgesetzte Drohung in der Hand
gehalten, und doch keine Gelegenheit benutzt, die sich darbot, um eine
energische Klaerung der Situation herbeizufuehren. Das Alles muss endigen,
entscheiden Sie sich Krieg zu fuehren, oder erklaeren Sie offen, dass Sie
rueckhaltslos den Frieden wollen, und handeln Sie danach; die
gegenwaertige Situation ist fuer ganz Europa unertraeglich--'"

Er hielt inne und fragte abbrechend:

"Und welche Haltung wollen Sie diesem Plebiscit gegenueber einnehmen,
welches Ollivier bereits acceptirt hat?"

"Ich habe erst fluechtig darueber mit den mir gleich gesinnten Collegen
sprechen koennen," erwiderte Graf Daru, "es ist eine schwierige
Situation, die man uns da geschaffen. Das Plebiscit hat eine grosse
Popularitaet bei den Massen, und sich demselben widersetzen, wuerde uns
fast als die Vertreter reactionairer Grundsaetze vor den Augen der
oeffentlichen Meinung hinstellen! Doch muessen wir nach meiner
Ueberzeugung auf der andern Seite auch einer fortwaehrenden Appellation
von den gewaehlten Repraesentanten an das Volk selbst ernstlich
entgegentreten."

"So machen Sie doch," sagte Herr Thiers, "die Bedingung, dass das
Plebiscit nur von der Regierung in Gemeinschaft mit dem Senat und dem
Gesetzgeben-Koerper ausgeschrieben werden duerfe. Dann hat die Sache doch
wenigstens einen gewissen Sinn und stellt die Kammern nicht als Nullen
zwischen den Kaiser und die Volksmasse."

"Das ist eine vortreffliche Idee!" rief Graf Daru, und, indem er den Arm
des Herrn Thiers nahm, zog er sich mit diesem in eine Ecke des Salons
zurueck und vertiefte sich mit ihm in ein langes und eifriges Gespraech.

Die Unterhaltungen der uebrigen Gruppen waren ebenfalls eifriger und
lebhafter geworden. Man besprach die Idee des Plebiscits von allen
Seiten, und im Ganzen fand dasselbe bei allen hier Anwesenden nur
Missbilligung.--Sie Alle waren Vertreter der constitutionellen Doctrin
und fuehlten sehr wohl, dass derselben vollstaendig die Spitze abgebrochen
wuerde, wenn die Regierung der Kammermajoritaet gegenueber fortwaehrend die
Waffe der Appellation an das allgemeine Volksstimmrecht in der Hand
behielt.

Nach einiger Zeit hatte Herr Thiers sein Gespraech mit dem Grafen Daru
beendigt,--er naeherte sich seiner Gemahlin,--diese gab Fraeulein Dosne
einen Wink.

Beide Damen standen auf und legten ihre Arbeit zusammen. Dies war das
Zeichen fuer die Gesellschaft, dass der Empfang beendet und dass fuer Herrn
Thiers, welcher seine Gesundheit und Ruestigkeit durch eine ungemein
strenge Zeiteinteilung so vortrefflich zu conserviren verstanden,
nunmehr die Stunde gekommen sei, zu welcher er gewohnt war, sich
zurueckzuziehen, um nach einem kurzen Ueberblick ueber die Arbeit und die
Ereignisse des Tages den Schlaf zu suchen, welcher ihm bis in sein hohes
Alter hinein ein treuer Freund geblieben war.

Die Gesellschaft empfahl sich und bald erloeschten die Lichter in dem
kleinen Hotel an der Place de St. George.




Ende des ersten Bandes.









End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgruss der Legionen. Erster
Band., by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUSS DER LEGIONEN. ***

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